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John Jagos Geist



Fünftes Kapitel - Neuigkeiten aus Narrabee

Als ich an dem Garten angelangt war, fiel mir der Gedanke schwer aufs Herz. Ambrosius heitere unbefangene Unterhaltung zeigte deutlich, daß er noch nichts von dem Streit wußte, welcher unter meinem Fenster stattgefunden hatte. Silas aber würde ihm jetzt wahrscheinlich mitteilen, auf welche Weise ich zu seinem Knüttel gekommen, und wen er damit bedroht hatte. Es war nicht nur nutzlos, sondern auch keineswegs wünschenswert, daß Ambrosius von der ganzen Sache erführe. Ich kehrte wieder nach dem Hofthor um, fand aber Niemand dort, und auch auf meinen Ruf erhielt ich keine Antwort. Beide Brüder waren an ihr Tagewerk gegangen.

Als ich nach dem Garten zurückkehrte, hörte ich eine angenehme Stimme mir guten Morgen wünschen. Ich sah umher und erblickte Naomi an einem der unteren Fenster des Farmhauses. Sie hatte eine Arbeitsschürze vorgebunden und putzte eifrig die Messer für den Frühstückstisch.

Eine glänzend schwarze Katze saß ihr auf der Schulter und beobachtete das Blitzen der auf dem lederbezogenen Brett schnell hin- und hergleitenden Messer.

»Kommen Sie her,« rief sie mir zu. »Ich muß Ihnen etwas sagen.«

Als ich näher trat, bemerkte ich, daß ihr reizendes Gesicht bekümmert und sorgenvoll aussah. Sie warf die Katze ärgerlich von, ihrer Schulter und bewillkommnete mich nur mit einem Abglanz ihres gestrigen strahlenden Lächelns..

»Ich habe.John Jago gesprochen,« sagte sie. »Er deutete etwas an, was heute Morgen unter Ihrem Fenster vorgefallen sein soll. Als ich ihn bat, sich näher zu erklären, antwortete er nur: fragen Sie Mr. Lefrank; ich muß nach Narrabee! Was bedeutet nun das? Erzählen Sie es mir ohne Rückhalt, Sir, ich bin ganz ruhelos und kann nicht länger warten.«

Ich erzählte ihr der Wahrheit gemäß, was sich zugetragen hatte, nur daß ich es eher milderte als übertrieb. Sie ließ das Messer, welches sie eben reinigte, sinken und faltete die Hände gedankenvoll.

»Ich wollte« ich hätte John Jago die Unterredung nicht gewährt,« sagte sie. »Wenn ein Mann von einer Frau etwas verlangt, so hat es diese meistens zu bereuen, wenn sie ja sagt.«

Sie begleitete diese wunderliche Reflexion mit einer sorgenvollen Stirn. Das Rendezvous im Mondschein hatte offenbar keine angenehme, Erinnerung in ihrem Gemüt zurückgelassen.

Das sah ich so deutlich, als ich Naomi selbst vor mir sah.

»Was hat John Jago Ihnen gesagt?« Ich stellte die Frage mit aller Delikatesse, die sie erforderte und bat im Voraus um Entschuldigung.

»Ach« ich sagte es Ihnen sehr gern,« begann sie, auf das Wort »Ihnen« einen besonderen Ton legend. Dann aber stockte sie, ward blass und dann plötzlich feuerrot und fuhr eifriger als je das Messer zu putzen fort.

»Ich darf es Ihnen aber nicht sagen,« fing sie wieder an, den Kopf über ihre Arbeit gebeugt. »Ich habe das Versprechen gegeben, Niemand etwas davon zu verraten. Das ist die Geschichte. Denken Sie also gar nicht mehr daran, Sir. Still! Da ist der Spion, der uns gestern im Garten gesehen und es Silas hinterbracht hat.«

Die trübselige Miß Meadowcroft öffnete die Küchentür und blickte mit einem prunkend großen Gebetbuche in der Hand Naomi an, wie nur eine eifersüchtige Jungfer ein jüngeres und hübscheres weibliches Wesen, als sie selbst, anzusehen vermag.

»Zum Gebet, Miß Colebrook,« sagte sie in ihrer herbsten Manier und wiederholte, als sie mich draußen am Fenster stehend bemerkte, mit einem salbungsvoll andächtigen Blick, der für mich allein bestimmt war: »Zum Gebet, Mr. Lefrank.«

»Wir folgen Ihnen sogleich, Miß Meadowcroft,« sagte Naomi.

»Ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse drängen, Miß Colebrook,« war die beißende Antwort, mit welcher sich unsere Priesterin mit ihrem Gebetbuche wieder entfernte. In Gesellschaft Naomis, die mir lebhaft entgegen kam, begab ich mich durch den Garten nach dem Frühstückszimmer.

»Ich bin über etwas nicht ganz ruhig,« sagte sie. »Erzählten Sie mir nicht, daß Sie Ambrosius und Silas zusammen verlassen haben?«

»Ja.«

»Wenn nun Silas die Geschichte von heute Morgen Ambrosius erzählte?«

Derselbe Gedanke hatte auch mich, wie gesagt, stutzig gemacht, allein ich tat mein Bestes, um sie zu beruhigen.

»Mr. Jago ist ihnen ja aus dem Wege gegangen,« erwiderte ich; »und wir Beide können in seiner Abwesenheit die Sache leicht in Ordnung bringen.«

Sie nahm meinen Arm.

»Lassen Sie uns zum Gebet hineingehen,« sagte sie. »Ambrosius kommt auch und ich werde eine Gelegenheit finden, mit ihm zusprechen.«

Aber weder Ambrosius noch Silas waren in dem Speisezimmer, als wir hineintraten. Nachdem man zehn Minuten vergeblich gewartet hatte, hieß Meadowcroft seine Tochter die Gebete vorlesen. Diese las hierauf im Ton einer gekränkten schönen Seele., die den Himmel zum Zeugen für das Unrecht anruft, welches ihr auf Erden geschieht. Dann folgte das Frühstück, und noch immer waren die Brüder abwesend. Miß Meadowcroft sah ihren Vater an und sagte: »Es wird mit jedem Tage ärger. Habe ich es nicht voraus gesagt?« Naomi legte sich sofort ins Mittel.

»Die Vettern werden ohne Zweifel durch ihre Arbeit zurückgehalten, Onkel.« Und sich an mich wendend, setzte sie hinzu: »Sie wollen die Farm besehen, Mr. Lefrank. So kommen Sie und helfen Sie mir, die Beiden suchen.«

Länger als eine Stunde strichen wir auf der Farm umher, ohne auf die Vermissten zu, stoßen. Endlich fanden wir sie am Rande eines kleinen Gehölzes auf dem Stamme eines gefüllten Baumes sitzend und miteinander sprechend.

Als sie uns bemerkten, stand Silas auf und schlenderte ohne Gruß oder Entschuldigung in den Wald hinein, nachdem sein Bruder ihm etwas ins Ohr geflüstert und er »Schon recht« geantwortet hatte.

»Ambrosius, das sieht ja aus, als ob Du Geheimnisse vor uns hättest?« fragte Naomi, indem sie mit freundlichem Lächeln auf ihren Geliebten zuging. »Hat Silas Befehl bekommen, reinen Mund zu halten.«

Ambrosius schleuderte verdrossen einen losen Stein fort, der in seiner Nähe lag. Ich bemerkte zu meiner Ueberraschung, daß er seinen Lieblingsstock weder in der Hand noch neben sich liegen hatte.

»Geschäfte!« gab er in nicht sehr liebenswürdigem Ton Naomi zur Antwort. »Ja, ich habe mit Silas Geschäfte, wenn Du es durch.aus wissen willst.«

Naomi fuhr nach Frauenart zu fragen fort, ohne sich um die Aufnahme zu kümmern, welche ihre Fragen bei dem gereizten Manne fanden.

»Warum wart Ihr Beide nicht beim Gebet und Frühstück anwesend?« fragte sie zunächst.

»Wir hatten zu viel zu tun,« erwiderte Ambrosius mit unterdrücktem Ärger. »Auch waren wir zu weit vom Hause entfernt.«

»Sehr dumm,« sagte Naomi. »Das ist noch nie vorgekommen, seit ich auf der Farm bin.«

»Nun, dann ist es jetzt vorgekommen. Du wirst noch manches mehr erleben.«

Der Ton« in welchem er sprach, hätte jedem Manne angedeutet, daß es Zeit sei, ihn in Ruhe zu lassen. Aber Andeutungen dieser Art sind an Frauen verloren. Die Frau, welche noch etwas auf dem Herzen hat, spricht es unbekümmert aus, und so tat Naomi.

»Hast Du heut Morgen nichts von John Jago gesehen?« fragte sie.

Das schwelende Feuer von Ambrosius übler Laune schlug plötzlich — warum ist unmöglich zu sagen — in helle Flammen auf.

»Wie viel Fragen werde ich noch beantworten müssen?« brauste er heftig auf. »Bist Du der Pfarrer, der mir meinen Katechismus abfragt? Ich habe nichts von John Jago gesehen; ich habe meine Arbeit zu verrichten und sonst kümmere ich mich um nichts.. Bist Du nun zufrieden?«

Mit einem Fluch wandte er sich um und folgte seinem Bruder in den Wald. Naomis glänzende Augen schossen unwillige Blitze zu mir auf.

»Wie kommt er dazu, so mit mir zusprechen, Mr. Lefrank? der rüde Geselle! Wie kann er es wagen!« Sie schwieg eine Weile und ihre Stimme, ihr Gesichtsausdruck und ihr ganzes Wesen waren völlig verändert, als sie fortfuhr: »Bisher ist so etwas niemals vorgekommen, Sir. Hat sich etwas besonderes ereignet? Ich erkenne Ambrosius nicht wieder — er ist ganz und gar verändert. Sagen Sie, ist es Ihnen nicht auch aufgefallen?«

Ich tat wieder mein Bestes, um sie die Szene in einem mildern Lichte sehen zu lassen.

»Es hat ihn etwas in eine gereizte Stimmung versetzt,« sagte ich. »Ein Mann, Miß Colebrook, ist manchmal durch die kleinste Kleinigkeit zu reizen. Ich bin ein Mann und weiß das. Lassen Sie ihm nur Zeit, er wird sich schon besinnen und um Entschuldigung bitten, und dann ist Alles wieder gut.«

Meine Darstellung der Sache verfehlte aber durchaus die beabsichtigte Wirkung auf meine reizende Gefährtin. Ich vermochte sie nicht zu beruhigen. Wir gingen nach dem Hause zurück. Zum Mittagessen erschienen beide Brüder. Ihr Vater empfing sie mit einem wie mich dünkte unnötig strengen Verweise über ihre Abwesenheit bei dem Morgengebet, und sie ihrerseits nahmen seine Worte mit ebenso unnötiger Empfindlichkeit auf und verließen das Zimmer. Um Miß Meadowcrofts dünne Lippen schlängelte sich ein heimtückisches Lächeln der Befriedigung. Sie sah erst ihren Vater an und dann traurig zur Decke empor und sagte: »Wir können nur für sie beten.!«

Naomi verschwand nach dem Essen. Als ich sie wieder sah, hatte sie mir etwas Neues mitzuteilen.«

»Ich bin mit Ambrosius zusammen gewesen,« sagte sie, »und er hat mich um Verzeihung gebeten. Wir haben uns wieder versöhnt. Mr. Lefrank. Dennoch — dennoch —«

»Dennoch, was, Miß Naomi?«

»Er ist wie umgewandelt, Sir. Er leugnet es, aber ich bin überzeugt, daß er etwas vor mir verbirgt.«

Der Tag verging« es wurde Abend und ich kehrte zu meinem französischen Roman zurück. Aber selbst Dumas vermochte meine Aufmerksamkeit nicht zu fesseln. Ich weiß selbst nicht, was meine Gedanken beschäftigte und mich in solche Ruhelosigkeit versetzte. Ich sehnte mich nach England zurück und fühlte einen blinden unvernünftigen Hass gegen ganz Morwick Farm.

Es schlug neun, und wir Alle versammelten uns wieder zum Abendbrot mit Ausnahme John Jagos. Man hatte ihn zum Essen zurückerwartet und Mr. Meadowcroft selbst gab Befehl, noch eine Viertelstunde damit zu warten. Aber John Jago erschien nicht.

Die Nacht rückte heran und der Abwesende kehrte noch immer nicht heim. Miß Meadowcroft erbot sich aufzubleiben und ihn zu erwarten, worauf Naomi sie mit einem Blick ansah, von dem ich selbst gestehen muß, daß er etwas boshaft war. Man trennte sich für die Nacht. Ich vermochte wiederum nicht zu schlafen, und als die Sonne aufging, erhob ich mich, um die erquickende Morgenluft zu atmen.

Auf der Treppe begegnete ich Miß Meadowcroft, die nach ihrem Zimmer herauf kam. Nicht eine Locke ihres steifen, granulierten Haares war aus ihrer Lage gekommen; nichts in dem zugeknöpften Äußeren dieses Weibes verriet daß sie die Nacht durchwacht hatte.

»Ist Mr. Jago nicht zurückgekehrt?«f ragte ich.

Miß Meadowcroft schüttelte langsam den Kopf und sah mich mit finster zusammen gezogenen Brauen an.

»Wir stehen in Gottes Hand,« sagte sie dann salbungsvoll. »Mr. Jago muß die Nacht über in Narrabee zurückgehalten worden sein.«

Die tägliche Folge der Mahlzeiten nahm wieder ihren unveränderlichen Lauf. Das Frühstück kam, das Mittagessen kam, und noch immer stellte sich kein John Jago ein. Mr. Meadowcroft und seine Tochter hielten zusammen Rat und beschlossen nach der Stadt zu senden, um Erkundigungen einzuziehen. Einer von den intelligenteren Arbeitern ward dem Vermissten nach Narrabee nachgeschickt.

Der Mann kam erst spät am Abend wieder und brachte Nachrichten heim, die uns alle im höchsten Grade bestürzt machten. Er hatte alle Wirtshäuser, alle Geschäftsorte in Narrabee durchforscht — er hatte in allen Richtungen endlose Erkundigungen angestellt — aber ohne Erfolg. Niemand hatte John Jago zu Gesicht bekommen. Alle behaupteten, John Jago wäre gar nicht in der Stadt gewesen.

Wir sahen uns alle an, nur die beiden Brüder saßen in einem dunkeln Winkel der Stube, anscheinend teilnahmslos nebeneinander. Es war nach alledem fast unmöglich, sich der Schlussfolgerung zu enthalten, daß John Jago ein verlorener Mann sei.


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