Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Dritter Theil - Sechzehntes Kapitel - Der Müllhaufen
 

Gesetz und Frau



Sechzehntes Kapitel.

Der Müllhaufen.

Der Kopf schwindelte mir. Ich mußte eine ganze Weile warten, bis ich weiter lesen konnte. Zunächst fiel mein Blick auf einen Satz, nahe dem Ende, der mich überraschte.

An dem Eingange unserer Straße befahl ich dem Kutscher, wieder umzukehren und mich nach dem Bois de Bonlogne zu fahren.

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Brief genau durchzulesen, damit ich wüßte, wie ich mich nachher meinem Gatten und meiner Schwiegermutter gegenüber zu benehmen hätte.

Das Schreiben begann mit dem Bericht unseres Agenten aus Amerika. Diesem war es gelungen, die Tochter des Verwalters nebst ihrem Gatten in einer kleinen Stadt im Westen aufzufinden.

Seine ersten Fragen lieferten keine ermuthigenden Resultate. Die Frau war etwas confus und schien auch ihrer Erinnerung nicht mehr recht zu trauen. Glücklicher Weise war aber ihr Mann klug und intelligent. Er zog den Agenten bei Seite und sagte: »Ich verstehe meine Frau, Sie aber nicht. Sagen Sie mir, was Sie zu wissen wünschen, und ich werde dann versuchen, es aus ihr herauszubringen.«

Es verstrichen ein Tag und eine Nacht. Am nächsten Morgen sagte der Mann zum Agenten: »Sprechen Sie jetzt mit meiner Frau, sie wird Ihnen antworten Sie müssen nur nicht lachen, wenn sie zu lange bei Kleinigkeiten verweilt. Lassen Sie sie erzählen und hören Sie ruhig zu.«

In Folgendem ist der Bericht der Frau zusammengefaßt.

Sie entsann sich sehr gut, nachdem die Herrschaft Gleninch verlassen, mit dem Reinigen und Lüften der Zimmer betraut worden zu sein. Ihre Mutter war damals krank und konnte ihr nicht helfen. Das Mädchen fühlte sich nicht wohl in dem großen Hause, nach dem, was in demselben vorgefallen. Auf ihrem Wege zur Arbeit sah sie zwei Kinder aus der Nachbarschaft im Park spielen. Die beiden Kinder folgten ihr nach dem Hause. Das Mädchen nahm sie gern mit, als willkommene Gesellschaft in den öden Räumen.

Sie begann ihre Arbeit im Corridor der Gäste, indem sie sich das Sterbezimmer auf dem andern Corridor bis zuletzt aufhob.

In den ersten beiden Zimmern war wenig zu thun.

Das Körbchen für den Auskehricht wurde nicht bis zur Hälfte gefüllt. Das dritte Zimmer, welches von Mr. Dexter bewohnt gewesen, befand sich im schlechteren Zustande als die beiden anderen. Da hier mehr zu thun war, gab sie weniger auf die Kinder Acht. Das Müll wurde von den Dielen gefegt, Asche und Kohlen aus dem Kamin genommen und beides in den Korb geschüttet, als das Mädchen eines der Kinder schreien hörte.

Als sie aufblickte sah sie die Kleinen unter, einem Tisch sitzen. Das Jüngste war in einen leeren Papierkorb gerathen. Das älteste hatte eine alte Flasche mit flüssigem Leim und einen Pinsel darin gefunden und beschmierte mit demselben das Gesicht des Kleinsten. Dieses, sich dagegen wehrend, war schließlich mit dem Papierkorbe umgefallen und hatte geschrieen.

Das Mädchen nahm dem ältesten Kinde die Flasche fort und zwickte ihm das Ohr. Dann setzte sie das Kleine wieder zurecht und gebot Beiden, sich ruhig zu verhalten. Dann fegte sie einige Papier-Fragmente, die aus dem Korb gefallen waren, zusammen und warf sie mit sammt der Gummiflasche in den Müllkasten. Dies gethan, machte sie sich an das Reinigen des vierten Zimmers.

Als sie mit den Kindern das Haus wieder verließ, leerte sie ihren Kasten auf den bereits vorhandenen Müllhaufen.

Das war der Bericht, welchen die Verwalterstochter abstattete.

Der Schluß, den Mr. Playmore aus demselben gezogen, war ein entschieden günstiger; denn er gab sich der Hoffnung hin, den zerrissenen Brief auf dem Schutt herauszufinden.

Es war nicht zu vermuthen, daß der Müllhaufen bereits durchstöbert worden war, seit die Herrschaft Gleninch verlassen.

Gleich, nachdem Benjamin den Brief erhalten, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, das Experiment mit dem Zusammensetzen der Papierstücke an dem wirklichen Briefe zu machen.

»Ich glaube beinahe, Sie haben mich mit Ihren Forschungen angesteckt,« schrieb er. »Zu meinem Unglück habe ich nichts zu thun, und mehr Geld als ich gebrauche. Das Resultat davon ist, daß ich mich, mit Mr. Playmore’s Erlaubniß, hier in Gleninch befinde, um den Müllhaufen zu durchsuchen.«

Mr. Benjamin und Mr. Playmore hatten sofort lebhafte Sympathie für einander gefühlt; denn beide waren im höchsten Grade penibel und ökonomisch.

Nachdem Alles auf das Genaueste berechnet war, wurden nach Ablauf einer Woche zwei Leute mit Spaten engagirt, um den Schutt allmälich abzutragen. Außerdem war derselbe, zum Schutz gegen die Einflüsse der Witterung, mit einem Zelt überspannt worden. Schließlich hatten sie auch einen jungen Mann in Sold genommen, welcher längere Zeit bei einem Professor der Chemie gearbeitet hatte und sich vorzüglich darauf verstand, verblichene Schrift wieder herzustellen. Mit diesen Vorbereitungen versehen, machte man sich ans Werk. Benjamin und der junge Mann wohnten in Gleninch, um die Arbeiten jeden Augenblick überwachen zu können.

Drei Tage des Handthierens mit Spaten und Sieb lieferten durchaus kein Resultat. Dadurch ließ man sich aber nicht abhalten, weiter zu forschen.

Am vierten Tage wurden die ersten Papierstückchen gefunden. Nach genauer Prüfung erwiesen sie sich als die Fragmente alter Prospekte von Kaufleuten. Gegen Abend erschienen noch mehrere Stückchen Papier. Im Gegensatz zu den anderen waren diese geschrieben. Mr. Playmore, welcher jeden Abend hinauskam, wurde gefragt, ob er die Handschrift kenne.

Nach genauer Prüfung erklärte er, daß die Zeilen ohne allen Zweifel von Eustace Macallans erster Frau geschrieben waren.

Diese Entdeckung erhöhte den Enthusiasmus der Sucher.

Spaten und Sieb wurden von diesem Augenblicke an außer Thätigkeit gestellt, und nur der sorgfältigeren Hand wurde die Fortsetzung der Arbeit gestattet.

Das Hauptaugenwerk war darauf gerichtet, die Papierstücke, wie sie gefunden waren, in eigens dazu gefertigte flache Kästchen zu legen.

Beim Eintreten der Dunkelheit wurden die Arbeiter entlassen. Benjamin und seine beiden Collegen setzten ihre Forschungen bei Lampenlicht fort. Die Papierstückchen wurden jetzt nach Dutzenden geordnet. Die Arbeit ging gut von Statten. Dann hörten aber die Papierstückchen auf. Sollten sie bereits Alles gefunden haben? Nach fortgesetztem Bemühen kam eine große Entdeckung. Es erschien nämlich die Gummiflasche, von welcher des Verwalters Tochter gesprochen. Dann folgten noch wichtige Resultate, nämlich mehrere Papierstückchen welche durch Gefälligkeit der Gummiflasche aneinandergeklebt waren.

Jetzt wurde die Scene in das Innere des Hauses verlegt, und zwar an den großen Tisch in der Bibliothek.

Benjamins Geschicklichkeit im Zusammensetzen der Papierstücke erwies sich jetzt von großem Nutzen.

Zunächst lag aber dem Chemiker die Aufgabe ob, die Papierstücke derartig von einander loszulösen daß keines derselben verletzt wurde. Es boten sich aber noch andere Schwierigkeiten dar. Das Papier war nämlich, wie es oft bei Briefen geschieht, auf beiden Seiten beschrieben, und es mußte zum vollständigen Verstehen des Inhalts und demzufolge zum Zusammensetzen der einzelnen Theile, jedes Stückchen in der Mitte auseinander gerissen werden, so daß zwei weiße Seiten entstanden welche dann, nach Ueberstreichung mit seinem Cement, zur ursprünglichen Form des Schreibens zu vereinigen waren.

Dieses Kunststück hätten Mr. Benjamin und Mr. Playmore niemals zu Wege gebracht, wenn das Papier nicht vom stärksten Notenpapier gewesen wäre, und wenn die geschickten Hände des Chemikers die Aufgabe nicht in kurzer Zeit und vollständig zweckdienlich gelöst hätten.

Nachdem also der erste Brief auf diese Weise zusammengesetzt und von Mr. Benjamin und Mr. Playmore geprüft worden war, ergab sich ein vollständiger Sinn. Der erste glücklich ausgefallene Versuch berechtigte zu den schönsten Erwartungen für die Zukunft. Obgleich keine Ueberschrift vorhanden, ging doch aus dem ganzen Ton hervor, daß der Brief nur an eine Person gerichtet sein konnte.

Diese eine Person war mein Gatte.

Außerdem sprachen alle Anzeichen dafür, daß dieser Brief derselbe war, welchen Miserrimus Dexter nach Beendigung des Prozesses unterschlagen und nachher zerrissen hatte.

Das waren die Entdeckungen bis zu der Zeit, als Benjamin an mich geschrieben. Er war im Begriff gewesen, seinen Brief zur Post zu geben, als Mr. Playmore ihn daran verhindert hatte, unter dem Vorgeben daß er einige Tage später mir noch mehr mitzutheilen haben werde. »Wir sind ihr die Mittheilung unserer Resultate schuldig,« hatte der Anwalt gesagt, denn ohne ihre Vorarbeiten bei Miserrimus Dexter 2c. würden wir nie zur Untersuchung des Müllhaufens gekommen sein. Ihr Verdienst also in Ehren. Dennoch lassen Sie uns noch einige Tage mit Abschickung des Briefes warten, weil ich ihr gern ein umfassendes Resultat mittheilen möchte.

Nach Ablauf jener drei Tage wurde der Brief in Ausdrücken abgefaßt, welche mich in Aufregung versetzten: »Der Chemiker schreitet rasch mit seinen Arbeiten vor,« schrieb Benjamin, »und mir selber ist es geglückt, einen Theil des zerrissenen Briefes so zusammenzusetzen, daß es zum Verständniß führt. Dasselbe leitet zu überraschenden Schlüssen. Wenn Mr. Playmore und ich nicht gänzlich im Dunkeln tappen, liegt die ernstlichste Nothwendigkeit für Sie ob, den mit vieler Mühe wiederhergestellten Brief für Jedermann geheim zu halten. Die Enthüllungen welche durch das Entdeckte zu Tage getreten sind so entsetzlicher Natur, daß sich meine Feder sträubt, sie zu copiren bis es mir durch die absolute Nothwendigkeit geboten sein wird. Entschuldigen Sie, daß ich durch diese Nachrichten Ihren Frieden störe. Früher oder später müssen wir doch mit Ihnen über diese Angelegenheiten reden, und dann ist es besser, wenn Sie bereits vorbereitet sind: Diesem Briefe war noch ein Postscriptum von Mr. Playmore’s Hand beigefügt:

»Bitte, lassen Sie ja die Vorsicht walten,
»welche Mr. Benjamin Ihnen anempfiehlt und
»nehmen Sie dies noch als eine Warnung
»von mir. Wenn es uns gelingt, den ganzen
»Brief zusammenzusetzen, so ist diejenige Per-
»son, die ihn unter keinen Umständen sehen
»darf — Ihr Gatte.«


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