Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Detektivgeschichten - Fräulein Morris und der Fremde - III
 

Fräulein Morris und der Fremde



III

Der Wohnort meines jetzigen Herrn lag im nördlichen England. Da ich London zu passieren hatte, richtete ich es so ein, dass ich mich mehrere Tage in der Stadt aufhalten konnte, um mir einige notwendige Ersatzstücke für meine Garderobe zu beschaffen. Eine alte Dienerin des Pfarrers, die in der Vorstadt ein Logierhaus innehatte, nahm mich freundlich auf und leitete in der wichtigen Eigenschaft einer Damenschneiderin meine Auswahl. Am zweiten Morgen nach meiner Ankunft wurde mir durch die Post ein Brief überbracht, der aus dem Pfarrhause an mich abgesandt worden war. Man kann sich mein Erstaunen vorstellen, wenn ich sage, dass Herr Gervasius von Damian selbst den Brief geschrieben hatte.

Der Brief war in seinem Londoner Hause geschrieben worden, und ich wurde in ihm kurzer Hand gebeten, zum Besuche bei ihm aus einem Grunde vorzusprechen, den ich aus seinem eignen Munde hören solle. Er vermutete natürlich, dass ich noch in Sandwich verweile, und ersuchte mich in einer Nachschrift, meine Reise als auf seine Kosten ausgeführt zu betrachten.

Ich begab mich noch an demselben Tage zu seiner Wohnung. Als ich im Hausflur meinen Namen angab, trat ein Herr heraus und redete mich ohne weitere Umstände an.

»Herr von Damian glaubt« sagte er, »dass er sterben werde. Bestärken Sie ihn nicht in diesem Gedanken. Er kann noch ein und das andere Jahr leben, wenn seine Freunde ihn nur bereden wollen, dass er die Hoffnung nicht sinken lässt.«

Mit diesen Worten verließ er mich, und der Diener teilte mir mit, dass es der Arzt gewesen sei.

Die Veränderung in dem Zustande meines Wohltäters, seitdem ich ihn zuletzt gesehen hatte, erschreckte und betrübte mich außerordentlich Er lag zurückgelehnt in einem großen Sessel und trug einen abscheulichen schwarzen Schlafrock. Er war jämmerlich abgezehrt und sah bedrückt und erschöpft aus. Ich glaube nicht, dass ich ihn wiedererkannt hätte, wenn wir uns zufällig begegnet wären.

Er winkte mir, auf einem kleinen Stuhle an seiner Seite Platz zu nehmen.

»Ich wünschte Sie zu sehen« sagte er ruhig, »ehe ich sterbe. Sie müssen mich mit vollem Recht für nachlässig und unfreundlich gehalten haben. Mein liebes Kind, Sie sind nicht vergessen worden. Wenn Jahre vergangen sind, ohne dass wir uns gesehen haben, so ist dies nicht meine Schuld allein gewesen —«

Er hielt inne. Ein schmerzlicher Zug ging über sein armes, abgezehrtes Gesicht; er dachte augenscheinlich an die junge Frau, die er verloren hatte.

Ich wiederholte warm und aufrichtig, was ich ihm schon schriftlich gesagt hatte: »Ich verdanke alles, gnädiger Herr, Ihrer väterlichen Güte.« Als ich dies sagte, wagte ich mich ein wenig näher, ergriff seine welke, weiße Hand, die über die Lehne seines Stuhles hing, und brachte sie ehrerbietig an meine Lippen. Er entzog mir sanft seine Hand und stieß dabei einen Seufzer aus. Vielleicht hatte sie diese Hand zuweilen geküsst.

»Nun erzählen Sie mir etwas von Ihnen selbst« sagte er. Ich erzählte ihm von meiner neuen Stellung und in welcher Weise ich sie erlangt hatte. Er hörte mir mit sichtbarem Interesse zu.

»Ich täuschte mich nicht« sagte er, »als ich damals im Laden für Sie eingenommen wurde. Ich bewundere Ihr selbständiges Auftreten; es ist der rechte Mut bei einem Mädchen, wie Sie es sind. Aber Sie müssen mich etwas mehr für Sie tun lassen — eine kleine Gefälligkeit, durch welche Sie sich meiner erinnern, wenn ich nicht mehr sein werde. Was soll es sein?«

»Machen Sie, dass es wieder besser mit Ihnen wird, gnädiger Herr, und erlauben Sie mir, dass ich zuweilen an Sie schreibe« antwortete ich; »mehr wünsche ich wirklich nichts.«

»Sie werden aber doch wenigstens ein kleines Geschenk von mir annehmen?« Mit diesen Worten nahm er aus der Brusttasche seines Schlafrockes ein emailliertes Kreuz, das an einer goldenen Kette hing. »Denken Sie zuweilen an mich« sagte er, als er die Kette mir um den Hals legte. Er zog mich sanft an sich und küsste mir die Stirn. Es war zu viel für mich. »Weinen Sie nicht, mein teures Kind« sagte er, »erinnern Sie mich nicht an ein anderes trauriges junges Gesicht –«

Er hielt noch einmal inne, und noch einmal dachte er an die tote Frau. Ich zog meinen Schleier nieder und eilte aus dem Zimmer.


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte