Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Der Wahnsinnige
 

Der Wahnsinnige

I

In der Grafschaft Durham liegt die Abtei Wincot, welche früher ein Kloster, seit der Reformation aber, und bis vor ungefähr dreißig Jahren, im Besitze der Familie Monkton war. Diese Familie stand, so lange ich denken kann, in der ganzen Umgegend im Rufe der Ungeselligkeit. Sie machte keine Besuche und empfing keine, ausgenommen von meinem Vater und einer mit ihrer Tochter in der Nähe wohnenden verwitweten Dame.

Diese Zurückgezogenheit entsprang nicht sowohl aus Stolz, als vielmehr aus Furcht. Seit mehreren Generationen nämlich wurde die Familie von dem schweren Leiden erblichen Irrsinns heimgesucht. Alle Mitglieder derselben vermieden es deshalb so viel als möglich, sich in die Öffentlichkeit zu mischen, um nicht der Beobachtung ausgesetzt zu sein. Man erzählt sich eine Grausen erregende Geschichte von schweren Verbrechen, welche zwei Monktons, nahe Anverwandte, in früher Vorzeit verübt haben sollen, und seit denen das erste Erscheinen des Irrsinns sich datiert. Ohne diese hier zu wiederholen,- sei nur bemerkt, dass sich von Zeit zu Zeit fast jede Art von Geistesstörung, besonders aber sogenannte Monomanie, d. h. die Krankheit fixer -Ideen, in der Familie zeigte. Die Kenntnis dieser Verhältnisse verdanke ich meinem Vater.

Zur Zeit meiner Jugend bestand die in der Abtei wohnende Familie Monkton noch aus drei Gliedern, nämlich aus Mr. Monkton, seiner Frau und einem einzigen Sohne und Erben. Außer ihnen lebte nur noch ein Individuum, das diesen Namen trug — ein jüngerer Bruder Mr. Monktons, Stephan genannt. Er war unverheiratet und besaß ein schönes Gut in Schottland, aber weilte fast immer auf dem Kontinente, und stand im Rufe eines schamlosen Wüstlings. Die in Wincot residierende Familie stand mit ihm in keinem größerem Verkehr als mit ihren Nachbarn, das heißt, in gar keinem.

Wie bereits erwähnt, waren mein Vater und eine Dame mit ihrer Tochter, die einzigen Bevorzugten, welche in der Abtei Zutritt fanden. Meines Vaters Bekanntschaft mit Mr. Monkton rührte aus ihrem gemeinschaftlichen Schul- und Universitätsbesuche her, und auch im späteren Leben hatte der Zufall sie in so nahe Berührungen gebracht, dass ihr vertrautes Verhältnis sich daraus leicht erklären ließ. Woher sich die Freundschaft mit Mrs. Elmsly, der eben erwähnten Dame, datierte, ist mir nicht genau bekannt. Ihr verstorbener Gatte war, wenn ich nicht irre, ein entfernter Verwandter der Mrs. Monkton, und mein Vater der Vormund ihrer minderjährigen Tochter. Außer diesen Umständen müssen jedoch noch andere, mir nicht bekannte mitwirkend gewesen sein; denn aus ihnen allein ließe sich das sehr intime Verhältnis nicht erklären, in welchem Mr. Elmsly zu der Familie stand. Eine Folge dieses vertrauten Umganges war, dass Alfred Monkton und Ada Elmsly Neigung zu einander gewannen.

Ich hatte nicht oft Gelegenheit, die junge Dame zu sehen, und erinnere mich nur, dass sie damals ein zartes, sanftes, liebenswürdiges Mädchen war, dessen Äußeres und Charakter in direktem Gegensatze zu dem Alfred Monktons zu stehen schienen. Vielleicht war es gerade diese Verschiedenheit, was gegenseitige Liebe in ihnen erweckte. Diese Neigung wurde von den beiderseitigen Eltern bald entdeckt und nicht missbilligt. In allen wesentlichen Beziehungen, mit alleiniger Ausnahme des Vermögens, stand die Familie Elmsly den Monktons gleich; und der Mangel des Vermögens bei der Braut konnte bei Alfred, dem Erben von Wincot, der nach dem Ableben seines Vaters ein Einkommen von jährlich dreißigtausend Pfund überkam, von keinem Gewichte sein. Obgleich daher die jungen Leute noch nicht das erforderliche Alter erreicht hatten, um eine ehrliche Verbindung schließen zu können, legten die Eltern doch ihrer Verlobung kein Hindernis in den Weg, und willigten ein, dass die Vermählung vollzogen werde, sobald Alfred die Volljährigkeit erreicht habe. Allein außer ihnen war auch die Einwilligung meines Vaters, als Vormundes von Ada Elmsly, erforderlich. Er wusste, dass das in der Familie erbliche Übel sich vor längeren Jahren bei Mrs. Monkton, welche ihrem Gatten nahe verwandt war, gezeigt hatte. Durch geschickte ärztliche Behandlung war es zwar nicht zum völligen Ausbruche gekommen, und man versicherte allgemein, dass die Krankheit — wie es bezeichnender Weise genannt wurde — völlig geheilt worden sei; allein mein Vater ließ sich dadurch nicht täuschen, denn er kannte den heimlichen Sitz des Übels zu wohl. Mit Schrecken dachte er an die Möglichkeit, dass es früher oder später bei den Kindern der einzigen Tochter seines verstorbenen Freundes wieder ausbrechen könne, und versagte deshalb seine Einwilligung zu der ehelichen Verbindung.

Die Folge davon war, dass der bisher zwischen ihm und den beiden Familien Monkton und Elmsly bestandene freundliche Verkehr aufhörte. Diese Spannung hatte erst kurze Zeit gedauert, als Mrs. Monkton starb. Ihr Gatte, der sie innig liebte und ihren Verlust sehr schmerzlich empfand, zog sich eine sehr heftige Erkältung während des Leichenbegängnisses zu, vernachlässigte diese, und folgte nach wenigen Monaten der Vorangegangenen in das Grab, wodurch Alfred alleiniger Herr der Abtei Wincot und ihrer ausgedehnten Ländereien wurde.

Nach diesem letzten Trauerfall war Mrs. Elmsly, Adas Mutter, so undelikat, einen wiederholten Versuch zu machen, die Einwilligung meines Vaters zu der gewünschten Verbindung zu erlangen. Er verweigerte sie jedoch noch bestimmter als vorher. Mehr als ein Jahr verstrich hierauf, und der Zeitpunkt näherte sich, da Alfred seine Volljährigkeit erlangte. Ich kam damals von der Universität nach Hause, um die Ferien in der Familie zu verleben, und machte einige Versuche, meine frühere Bekanntschaft mit dem jungen Monkton wieder anzuknüpfen; allein er wich ihnen aus, und wenn gleich mit großer Höflichkeit, doch in solcher Weise, dass von einer Wiederholung keine Rede sein konnte. Das Gefühl der Kränkung, das ich unter anderen Umständen in Folge dieser Zurückweisung empfunden haben würde, konnte nicht aufkommen, weil meine Familie von einem schweren Unglücksfalle heimgesucht wurde. Schon seit mehreren Monaten war mein Vater leidend gewesen, und gerade in dieser Zeit, kurz nach meiner Heimkehr von der Universität, traf mich und meine Geschwister der harte Schlag seines Todes.

Dieses Ereignis machte Ada, in Gemäßheit des väterlichen Testamentes, für die Zukunft nur vom Willen ihrer Mutter abhängig, und das Verhältnis zwischen Alfred und Ada wurde daher sogleich wieder angeknüpft. Nach erfolgter Bekanntmachung der Verlobung kamen Mrs. Elmslys nähere Freunde und gratulierten, aber wagten auch, da ihnen die Gerüchte über das in der Familie Monkton herrschende erbliche Leiden bekannt waren, ihren Glückwünschen einige Andeutungen und Fragen, den Gemütszustand des Sohnes betreffend, beizufügen. Mrs. Elmsly gab jedoch auf diese höflichen Winke stets nur eine sehr entschiedene Antwort. Sie räumte die Existenz jener Gerüchte ein, aber erklärte sie für schändliche Verleumdungen. Das erbliche Leiden, worauf ihre Freunde anspielten, versicherte sie, sei bereits seit mehreren Generationen aus der Familie ganz verschwunden; Alfred sei das beste, gütigste und geistig gesündeste aller menschlichen Wesen; er liebe die Zurückgezogenheit und die Wissenschaften, und Ada sympathisiere mit seinem Geschmacke und habe, durch keinen fremden Einfluss bestimmt, ihre Wahl frei und unabhängig getroffen. Sollten mehr dergleichen Andeutungen getan werden, fügte sie hinzu, so müsse sie dieselben als Beleidigungen für sich selbst ansehen, deren Mutterliebe in Zweifel zu ziehen grausam und kränkend sei.

Solche Erwiderungen brachten die Leute zwar zum Schweigen, aber überzeugten sie nicht. Man begann nicht mit Unrecht zu vermuten, dass Mrs. Elmsly ein weltlich gesinntes, habsüchtiges Weib sei, das ihre Tochter nur vorteilhaft verheiraten und als die reichste Besitzerin in der Grafschaft sehen wolle, ohne sich um die Folgen zu kümmern.

Es schien jedoch, als wenn irgendein böses Verhängnis tätig wäre, um die Erreichung dieses großen, von Mrs. Elmsly erstrebten Zieles zu vereiteln. Kaum war das erste der unglücklichen Verbindung entgegenstehende Hindernis durch den Tod meines Vaters beseitigt worden, so zeigte sich ein neues in den Befürchtungen, welche durch Adas leidenden Gesundheitszustand veranlasst wurden. Die besten Ärzte wurden zu Rat gezogen, und ihre Meinungen vereinigten sich dahin, dass die Heirat verschoben werden, und Miss Elmsly England verlassen und längere Zeit in einem milderen Klima — wenn ich nicht irre, im südlichen Frankreich — wohnen müsse. So kam es, dass Ada und ihre Mutter wenige Wochen vor dem Tage, an welchem Alfred seine Volljährigkeit erreichte, England verließen, und die Verbindung, wie es allgemein hieß, auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.

Die Nachbarn waren neugierig, was Alfred unter diesen Umständen tun werde — ob er seiner Braut folgen, oder die Türen der Abtei öffnen, und ihre Abwesenheit und die Verschiebung seiner Heirat in rauschenden Vergnügungen zu vergessen suchen werde. Er tat jedoch keins von beidem, sondern blieb ruhig in der Abtei, und setzte das sonderbare, einsame Leben fort, wie es sein Vater geführt hatte. Sein einziger Gesellschafter war der alte katholische Priester, der Alfreds Lehrer von dessen frühester Jugend an gewesen war. Als der Tag seiner Volljährigkeit kam, fand auch nicht die geringste Festlichkeit statt. Mehrere nachbarliche Familien hatten zwar beschlossen, die ihnen von seinem Vater durch dessen Zurückgezogenheit bewiesene Vernachlässigung zu vergessen, und luden ihn zu sich ein; allein diese Einladungen wurden von Alfred auf die höflichste Weise abgelehnt. Andere gingen noch weiter und kamen, um ihm in der Abtei selbst Besuche abzustatten; aber sie wurden an der Tür von den Dienstboten unter den artigsten Verbeugungen abgewiesen. Ein so abstoßendes Benehmen musste verletzen, und die Leute begannen endlich, sobald der Name Alfred Monkton genannt wurde, den Kopf geheimnisvoll zu schütteln, auf das erbliche Familienleiden anzuspielen und ihre Verwunderung darüber auszudrücken, womit der junge Mann sich Monate lang in dem einsamen alten Hause die Zeit vertreiben könne.

Die richtige Antwort auf diese Frage zu finden war nicht leicht. Von dem alten Priester ließ sich keine Auskunft erlangen, da er ein äußerst vorsichtiger Mann war, und seine höflichen und weitschweifigen Erwiderungen stets so einzurichten wusste, dass sich daraus nichts entnehmen ließ. Die Haushälterin war ein zu finsteres, abstoßendes altes Weib, als dass man sich ihr überhaupt hätte nähern können, und die wenigen übrigen Dienstboten hatten zu lange in der Familie gelebt, um nicht schweigen gelernt zu haben. Die einzigen Personen also, von denen sich einige Auskunft erlangen ließ, waren die auf dem Hofe beschäftigten Arbeiter; allein ihre Mitteilungen lauteten sehr unbestimmt. Manche von ihnen wollten den »jungen Herrn« im Bibliothekzimmer, mit Haufen staubiger Papiere in den Händen, haben auf- und abgehen sehen. Andere hatten sonderbare Töne in den unbewohnten Teilen der Abtei gehört, und ihn beim Aufblicken wahrgenommen, wie er bemüht gewesen, die Fenster zu öffnen, als wolle er Licht und Luft in die seit Jahren unbewohnten Räume einlassen; oder sie hatten ihn auf der gefährlichen Spitze irgendeines alten, verfallenen Turmes stehen sehen, der seit Menschengedenken von niemand bestiegen worden, und nach allgemeinem Volksglauben von den Geistern der Mönche bewohnt war, die früher dort gehaust hatten. Derartige Beobachtungen und Gerüchte dienten natürlich dazu, die schon herrschende Meinung zu befestigen, dass der junge Monkton denselben Weg gehe, den seine Voreltern gegangen, das heißt, irrsinnig geworden sei.

Das bisher Erzählte habe ich meistens nur aus den Mitteilungen anderer entnommen, der jetzt folgende Teil beruht auf meinen eigenen Wahrnehmungen.

II

Ungefähr fünf Monate später, nachdem Alfred Monkton die Volljährigkeit erreicht hatte, verließ ich die Universität und beschloss, sowohl zu meiner Belehrung als Erholung einige Zeit fremde Länder zu besuchen.

Als ich England verließ, lebte der junge Monkton noch in seiner abgeschlossenen Zurückgezogenheit auf der Abtei und erlag, der allgemeinen Meinung zufolge, immer mehr und mehr dem erblichen Leiden der Familie. In Betreff Miss Elmslys sagte das Gerücht, dass sie sich durch den Aufenthalt im Auslande bedeutend erholt und bereits mit ihrer Mutter den Heimweg nach England angetreten habe, um ihr früheres Verhältnis zu dem Erben von Wincot wieder anzuknüpfen. Noch ehe sie jedoch anlangten, hatte ich meine Reise schon begonnen. Ich durchwanderte halb Europa ohne Plan, bis mich endlich der Zufall auch-nach Neapel führte. Dort traf ich einen alten Schulfreund, welcher Attaché bei der englischen Gesandtschaft war, und dort nahmen die merkwürdigen, Alfred Monkton so nahe berührenden Begebenheiten ihren Anfang, welche ich in den nachfolgenden Zeilen schildern will.

An einem schönen Morgen, als ich mit meinem Freunde, dem Attaché, in den Gärten der Villa Reale umher schlenderte, begegneten wir einem jungen, einsam gehenden Manne, welcher meinen Begleiter grüßte. Ich glaubte diese dunklen, glühenden Augen, die fahlen Wangen und den ängstlich suchenden Blick schon gesehen zu haben, und Alfred Monkton in ihm zu erkennen, und war im Begriffe, meinen Freund darüber zu befragen, als er mir unaufgefordert die gewünschte Auskunft gab.

»Es ist Alfred Monkton«, sagte er, »er ist in demselben Teile von England zu Hause wie Sie. Kennen Sie ihn nicht?«

»Nur entfernt«, erwiderte ich. »Er war mit Miss Elmsly verlobt, als ich ihn zum letzten Male in der Nähe von Wincot sah. Ist er schon mit ihr vermählt?«

»Nein; es sollte auch nie-geschehen, denn er ist, wie alle seine Vorfahren — wahnsinnig.«

»Wahnsinnig?« rief ich. »Doch ich kann mich nach den Gerüchten, die ich schon in England über ihn gehört habe, eigentlich nicht wundern.«

»Ich urteile nicht nach den Gerüchten, sondern nach dem, was er in meiner Gegenwart und im Angesichte von Hunderten gesagt und getan hat. Sie müssen davon gehört haben.«

»Nie.·Seit Monaten habe ich von England durchaus keine Nachrichten erhalten, und ebenso wenig hier, in Neapel, Neuigkeiten erfahren.«

»So muss ich Ihnen eine sonderbare Geschichte erzählen. Es wird Ihnen bekannt sein, dass Alfred Monkton einen Oheim und Bruder seines Vaters namens Stephan Monkton hatte. Dieser Oheim duellierte sich vor einiger Zeit in den päpstlichen Staaten mit einem Franzosen und wurde erschossen. Die Sekundanten und der Franzose, welcher unverletzt geblieben war, entflohen, wie man vermutet, in verschiedenen Richtungen. Die näheren Umstände des Duells hörten wir hier erst einen Monat später, als nämlich ein französisches Journal einen Bericht darüber brachte, welcher den hinterlassenen Papieren eines der dabei beteiligten und bald darauf in Paris verstorbenen Sekundanten entnommen war. Es ergab sich daraus die Art und Weise, in der das Duell vor sich gegangen und beendet worden, aber weiter nichts. Der andere Sekundant und der Gegner, der Franzose, waren spurlos verschwunden, und alle bisher an gestellten Nachforschungen blieben fruchtlos. Man weiß daher nichts weiter, als dass Stephan Monkton im Duelle erschossen wurde — ein Ereignis, das niemand sehr beklagen wird, da ein größerer Schuft als er nie auf Erden gelebt hat. Allein, wie dies geschehen, und wohin sein Leichnam gebracht worden ist, sind Fragen, über denen ein bis jetzt noch unaufgeklärtes Dunkel schwebt.«

»Aber was hat alles dies mit Alfred Monkton zu tun?«

»Nur Geduld, Sie werden es gleich hören. Was glauben Sie, das Alfred tat, sobald die Nachricht vom Tode seines Oheims nach England gelangte? Er verschob seine bereits nahe bevorstehende Vermählung mit Miss Elmsly und kam hierher, um die Grabstätte seines schuftigen Oheims aufzusuchen. Er hat erklärt, nicht eher nach England und zu seiner Braut zurückkehren zu wollen, als bis er den Leichnam gefunden habe und mit sich nach England führen könne, um ihn in der Monktonschen Gruft beizusetzen. Er hat hier sein Geld verschwendet, die Polizei nutzlos gequält, sich seit drei Monaten dem Gelächter aller preisgegeben, und ist der Erreichung seines Zweckes jetzt noch ebenso fern als je. Keinem Menschen will er einen Beweggrund für diese seltsame Handlungsweise angeben. Man mag über ihn lachen, oder ihm vernünftige Vorstellungen machen, Alles ist vergeblich. Jetzt eben, als wir ihm begegneten, war er wieder auf dem Wege zum Polizeiminister, um neue Agenten durch den ganzen Kirchenstaat zu senden, die den Ort entdecken sollen, an dem sein Oheim den Tod gefunden hat. Das Sonderbarste bei der ganzen Sache ist aber, dass er dessenungeachtet versichert, die unbegrenzteste Liebe für Miss Elmsly zu empfinden, und sich wegen der Trennung von ihr unaussprechlich unglücklich zu fühlen — eine Trennung, die er sich freiwillig auferlegt hat, um die Überreste eines Elenden aufzusuchen, der ein Schandfleck für die Familie war, und den er kaum ein paarmal in seinem Leben gesehen hat. Denken Sie nur! Von allen »verrückten Monktons«, wie sie in England genannt werden, ist Alfred der Verrückteste, und macht hier den Hauptgegenstand unserer Unterhaltung aus. Wenn ich aber an das arme, verlassene Mädchen in England denke, so fühle ich mich mehr geneigt ihn zu verachten, als über ihn zu lachen.«

»Sie kennen also die Elmslysche Familie?«

»Genau. Erst vor wenigen Tagen erhielt ich von meiner Mutter aus England einen Brief in Betreff Adas, welche sie besucht hatte. Alle Freunde der Familie sind empört über diesen Narrenstreich, und dringen in sie, das Verhältnis abzubrechen. Selbst ihre Mutter, so schmutzig und hochmütig sie ist, hat es des öffentlichen Anstandes halber für notwendig erachtet, auf die Seite der übrigen Verwandten zu treten, und sich ihren Wünschen anzuschließen; allein das brave Mädchen will ihn nicht aufgeben. Sie nimmt seine Tollheit in Schutz, versichert, dass er ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit einen guten Grund für sein abenteuerliches Unternehmen angegeben habe, und dass sie zuversichtlich hoffe, noch recht glücklich mit ihm zu werden. Mit einem Worte, sie liebt ihn von ganzem Herzen und schenkt ihm volles Vertrauen. Durch nichts lässt sie sich wankend machen und ist fest entschlossen, ihm ihr Leben zu opfern.«

»Weshalb gerade — opfern? So seltsam sein Benehmen auch erscheint, kann er doch einen Grund dazu haben, den wir nicht zu entdecken vermögen. Ist denn eine Störung in seinem Geiste erkennbar, wenn er von gewöhnlichen Gegenständen spricht?«

»Nicht im Geringsten; wenn man ihn überhaupt zum Reden bringen kann, was nicht leicht ist und nicht häufig geschieht, so spricht er wie ein vernünftiger, gebildeter Mann. Berühren Sie nicht den Gegenstand, welcher ihn hierher geführt hat, und er wird Ihnen als der sanfteste, ruhigste Mensch erscheinen. Sobald man aber auch nur im Entferntesten jenes Vagabunden, seines Oheims, erwähnt, so zeigt sich die Familienkrankheit augenblicklich. Vor einigen Tagen fragte ihn eine Dame scherzweise, ob er jemals den Geist seines Oheims gesehen habe. Als Erwiderung sah er sie mit wahrhaft teuflischen Blicken an und sagte, dass er und sein Oheim ihre Frage gemeinschaftlich beantworten würden, wenn sie auch aus der Hölle kommen müssten, um es zu tun. Wir lachten über seine-Antwort, allein die Dame war von seinen Blicken so erschreckt worden, dass sie in Ohnmacht sank. Jeder andere Mann würde wegen eines solchen Betragens aus der Gesellschaft verwiesen worden sein, allein der »verrückte Monkton«, wie wir ihn getauft haben, genießt in den Kreisen von Neapel das Privilegium des Wahnsinns, weil er ein Engländer, ein hübscher Mann ist, und jährlich dreißigtausend Pfund zu verzehren hat. Überall, wohin er geht, hofft er jemanden zu finden, der ihm das Geheimnis des Ortes enthüllen kann, an dem das Duell stattgefunden hat. Sobald Sie ihm vorgestellt werden, wird er Sie augenblicklich fragen, ob Ihnen nichts davon bekannt sei. Aber hüten Sie sich wohl, auf den Gegenstand näher einzugehen, wenn es nicht in Ihrer Absicht liegt, sich davon zu überzeugen, dass er wirklich wahnsinnig ist. In diesem Falle dürfen Sie nur von seinem Oheim zu reden anfangen, und der Erfolg wird Sie vollständig befriedigen.«

Wenige Tage nach dieser Unterredung mit dem Attaché traf ich Monkton in einer Abendgesellschaft. Als er meinen Namen nennen hörte, überzog hohe Röte sein Gesicht. Er ergriff meinen Arm, führte mich in eine Ecke des Zimmers, und bat mich wegen der Kälte, mit der er früher meine Annäherung zurückgewiesen hatte, um Verzeihung, nannte seine Handlungsweise eine nicht zu entschuldigende Undankbarkeit, und sprach mit einer Glut und inneren Bewegung, die mich in Erstaunen setzten. Sein nächstes Wort enthielt, wie mein Freund mir vorher gesagt hatte, die Frage nach dem Orte des geheimnisvollen Duells.

Während er davon sprach, ging eine merkwürdige Veränderung mit ihm vor. Statt mir in das Gesicht zu blicken, wie er bisher getan hatte, schweiften seine Augen umher und richteten sich dann mit fast wildem Ausdrucke auf die leere Wand vor uns. Ich war zur See von Spanien nach Neapel gekommen, und sagte ihm kurz, dass ich aus diesem Grunde unvermögend sei, die geringste Auskunft zu geben. Er verfolgte den Gegenstand auch nicht weiter, und meines Freundes Warnung gedenkend, lenkte ich das Gespräch auf andere Dinge. Sogleich fielen seine Blicke wieder auf mich und blieben in dieser Richtung, so lange wir in der Ecke des Zimmers miteinander sprachen.

Er war zwar immer mehr geneigt zu hören, als selbst zu sprechen, allein wenn er sprach, ließ seine Rede auch nicht die leisesten Spuren von Irrsinn erkennen. Er hatte viel und gründlich gelesen, und besaß die glückliche Gabe, das auf diese Weise erlangte Wissen bei jedem Gegenstande der Unterhaltung zur Anwendung zu bringen, ohne dass er dadurch prahlerisch erschien. Sein ganzes Wesen und Benehmen stand im direktesten Widerspruch mit dem Spottnamen »verrückter Monkton«. Er war ruhig, zurückhaltend, und in seinem ganzen Tun und Treiben so sanft, dass ich ihn zuweilen fast hätte weibisch nennen mögen. Wir hatten am ersten Abende unseres Zusammentreffens eine lange Unterhaltung, sahen uns später öfter, und ließen keine Gelegenheit vorübergehen, das angeknüpfte Band des Vertrauens zu befestigen. Ich sah, dass er sich zu mir hingezogen fühlte, und ungeachtet alles dessen, was ich über sein Betragen gegen Miss Elmsly gehört hatte, und des Verdachtes, zu dem die Geschichte seiner Familie sowohl wie sein eigenes Benehmen Veranlassung gab, begann ich die mir geschenkte Zuneigung in demselben Grade zu erwidern. Wir machten manchen Spazierritt in der Umgegend, und ruderten oft zusammen längs der schönen Ufer der Bai von Neapel. Wenn sich nicht zwei auffallende, mir unerklärliche Erscheinungen in seinem Wesen gezeigt hätten, so würde ich mich im Umgange mit ihm so wohl gefühlt haben, als wenn er mein Bruder gewesen wäre.

Die eine dieser Erscheinungen bestand darin, dass sich zuweilen jener sonderbare Ausdruck in seinen Augen zeigte, den ich am ersten Abende bemerkt hatte, als er mich über das Duell befragte. Er pflegte dann, gleichviel wovon wir sprachen, oder wo wir uns befanden, seine Augen plötzlich von mir abzuwenden, und bald auf diese, bald auf jene Seite zu richten, aber immer dahin, wo nichts zu sehen war, und stets mit demselben stieren, fast wilden Blicke. Das sah dem Wahnsinn so ähnlich, dass ich mich scheute, ihn darüber zu befragen, und mich stellte, als wenn ich es nicht bemerkte.

Die andere Sonderbarkeit in seinem Wesen war die, dass er nie von den über den Zweck seiner Reise in Neapel umgehenden Gerüchten, nie von Miss Elmsly und seinem Leben in der Abtei mit mir sprach. Dies setzte nicht bloß mich, sondern auch diejenigen in Erstaunen, welche unseren vertrauten Umgang beobachteten und deshalb nicht anders glaubten, als dass ich Mitwisser aller seiner Geheimnisse sei. Allein die Zeit war nahe, da er selbst alle Schleier lüften und mir Dinge mitteilen sollte, von denen ich bis dahin noch keine Ahnung hatte.

Eines Abends traf ich ihn auf einem großen Balle, den ein russischer Edelmann gab. Ich hatte das Empfangszimmer, den Ballsaal und auch das Spielzimmer verlassen, und mich in ein kleines, an dem einen Ende des Palastes gelegenes Gemach zurückgezogen, welches eine Art Gewächshaus bildete, und mit chinesischen Lampen sehr hübsch erleuchtet war. Niemand befand sich darin, als ich eintrat. Die Aussicht auf das Meer, welches im bezaubernden italienischen Mondlichte vor mir lag, war so reizend, dass ich lange am Fenster stehen blieb, das schöne Bild betrachtend und der aus dem Ballsaale herüberklingenden Musik lauschend, bis ich unwillkürlich einem anderen Gedankenzuge folgte. Ich weilte im Geiste bei meinen Blutsverwandten in England, als ich plötzlich dicht hinter mir meinen Namen von einer leisen, sanften Stimme rufen hörte.

Mich umblickend, sah ich Monkton vor mir stehen. Todesblässe bedeckte sein Gesicht, und seine Augen waren wieder mit jenem sonderbaren Ausdrucke von mir ab und auf die Seite gerichtet.

»Ist es Ihnen nicht unangenehm, wenn wir den Ball heute früh verlassen?« fragte er, ohne mich anzusehen.

»Keineswegs«, erwiderte ich. »Kann ich etwas für Sie tun? Sind Sie unwohl?«

»Nein, wenigstens ist es nicht der Rede wert. Aber wollen Sie heute Abend noch in meine Wohnung kommen?«

»Sogleich, wenn Sie es wünschen.«

»Nein, nicht sogleich. Ich muss zwar augenblicklich nach Hause gehen, aber kommen Sie erst in einer halben Stunde. Sie waren noch nie dort, doch werden Sie meine Wohnung leicht finden, denn sie ist ganz nahe. Nehmen Sie diese Karte mit meiner Adresse. Ich muss Sie heute Abend noch sprechen; mein Leben hängt davon ab. Bitte, kommen Sie — kommen Sie ja nach einer halben Stunde!«

Ich versprach pünktlich zu sein, worauf er sogleich fortging. Jedermann kann sich leicht denken, in welcher Unruhe und Spannung ich die zu erwartende Zeit nach einer solchen Äußerung zubrachte. Ehe noch die halbe Stunde ganz abgelaufen war, suchte ich bereits den Ausweg.

Auf der Treppe begegnete mir mein Freund, der Attaché.

»Wie? Sie gehen schon fort?« fragte er.

»Ja, und zu einem sonderbaren Zwecke. Ich begebe mich in Monktons Wohnung, in Folge seiner ausdrücklichen Einladung.«

»Wie, was? Bei meiner Ehre, Sie sind ein verwegener Mensch! Sie wagen es, mit dem »verrückten Monkton« in seiner Wohnung allein zu sein, wenn der Vollmond am Himmel steht?«

»Er ist krank, der Arme. Ich halte ihn nicht für so verrückt, wie Sie es tun.«

»Wir wollen darüber nicht streiten, aber merken Sie sich, was ich sage. Er hat Sie dahin, wo noch niemand Zutritt gefunden hat, gewiss nicht ohne besondere Absicht eingeladen. Ich sage Ihnen vorher, Sie werden heute Abend etwas sehen oder hören, was Sie vielleicht in Ihrem ganzen übrigen Leben nicht wieder vergessen.«

Wir trennten uns. Als ich an das Portal von Monktons Hause klopfte, fielen mir die letzten Worte meines Freundes wieder ein; und obgleich ich darüber lachte, als er sie sprach, so regte sich doch die Ahnung in mir, dass sie in Erfüllung gehen sollten.

Der öffnenden Portier führte mich bis zu dem Stockwerke, in welchem sich Monktons Zimmer befanden. Er musste mich gehört haben, denn er rief mir zu, noch ehe ich klopfen konnte.

Ich trat ein und sah ihn am Tische sitzen, mit mehreren Briefen in der Hand, die er zusammenzubinden bemüht war. Sein Gesichtsausdruck erschien mir ruhiger als vorher, obgleich die Leichenblässe noch nicht ganz verschwunden war. Er dankte mir dafür, dass ich kam, lud mich zum Sitzen ein, wiederholte, dass er mir etwas sehr Wichtiges mitzuteilen habe, und brach dann plötzlich ab, augenscheinlich in Verlegenheit, wie er fortfahren solle. Ich suchte ihn durch die Versicherung zu beruhigen, dass er, wenn ihm mein Rat oder Beistand irgendwie von Nutzen sein sollte, über mich und meine Zeit völlig zu verfügen habe.

Während dieser Worte bemerkte ich, dass sich seine Augen wieder von meinem Gesichte abwandten — langsam, gleichsam Zoll für Zoll, bis sie auf einem gewissen Punkte haften blieben, und zwar mit demselben stieren Blicke, der mich schon früher oft erschreckt hatte. Dieses Mal aber veränderte sich der ganze Ausdruck seines Gesichtes so, wie ich es noch nie zuvor gesehen. Er saß vor mir wie ein Mensch im Starrkrampfe.

»Sie sind sehr gütig«, sagte er langsam und leise, nicht an mich gerichtet, sondern dahin, wo seine starren Blicke gefesselt waren. »Ich weiß, Sie können mir helfen, aber —«

Er hielt inne; sein Gesicht wurde noch bleicher als vorher, und kalter Schweiß brach daraus hervor. Vergeblich versuchte er fortzufahren, sagte einige Worte, und stockte wieder. Ernstlich beunruhigt stand ich auf, um ihm etwas Wasser von einer auf dem Seitentische stehenden Flasche zu holen. Sobald ich dies jedoch tat, sprang er gleichfalls auf. Alles, was ich bisher über seine Geisteskrankheit gehört hatte, kam mir plötzlich in das Gedächtnis, und unwillkürlich trat ich einige Schritte zurück.

»Halt!« rief er, sich schnell wieder setzend; »sorgen Sie nicht für mich! Bleiben Sie sitzen. Ich wollte nur — wenn es Ihnen recht ist — eine kleine Veränderung machen, ehe wir weiter reden. Ist es Ihnen nicht unangenehm, in einem helleren Lichte zu sitzen?«

»Nicht im Geringsten.«

Ich hatte mich bisher im Schatten seiner Studierlampe, der einzigen Beleuchtung des Zimmers, befunden. Nach meiner Antwort stand er wieder auf, ging in das anstoßende Gemach und brachte eine große Lampe herbei, nahm dann zwei Lichter von dem Seitentische, sowie zwei andere vom Kaminsimse, und stellte sie zu meiner Verwunderung sämtlich so, dass sie gerade zwischen uns standen. Dann versuchte er sie anzuzünden. Seine Hand zitterte jedoch so sehr, dass er mir das Geschäft überlassen musste. Auf sein Verlangen nahm ich auch den Schirm von der Studierlampe ab, nachdem ich die größere Lampe und die vier Lichter angezündet hatte.

Als wir unter dieser vermehrten Lichtmasse wieder einander gegenüber saßen, schien eine ruhigere und bessere Stimmung bei ihm zurückzukehren, und er sprach von nun an ohne fernere Unterbrechung oder Stockung.

»Es ist unnütz, zu fragen«, begann er, »ob Sie die hier über mich herrschenden Gerüchte gehört haben, denn ich weiß im voraus, dass sie zu Ihrer Kenntnis gelangt sind. Ich habe nur die Absicht, Ihnen eine vernünftige Erklärung meines Betragens zu geben, welches diese Gerüchte veranlasst hat. Bisher ist das Geheimnis außer mir nur einer Person bekannt gewesen; jetzt will ich es auch Ihnen anvertrauen, und zwar zu einem besonderen Zwecke, den Sie sogleich erfahren werden. Erst muss ich Ihnen jedoch umständlich erzählen, worin die große Schwierigkeit besteht, die mich nach immer von England entfernt hält. Ich bedarf Ihres Rates und Beistandes und, um nichts zu verhehlen, auch der Versicherung Ihrer Nachsicht und freundlichen Teilnahme, ehe ich wagen darf, Sie zum Mitwisser meines traurigen Geheimnisses zu machen. Werden Sie mir diesen scheinbaren Mangel an Vertrauen zu Ihrem geraden, offenen Charakter — diese scheinbare Undankbarkeit für Ihr freundliches Entgegenkommen verzeihen?«

Ich bat ihn, nicht von diesen Dingen zu reden, und in seinen Mitteilungen fortzufahren.

»Sie wissen«, sagte er darauf, »dass ich hier bin, um den Leichnam meines Oheims Stephan aufzufinden und ihn mit mir nach England zu führen; und es wird Ihnen auch bekannt sein, dass mir dies bis jetzt noch nicht gelungen ist. Lassen Sie für jetzt unbeachtet, was Ihnen in einem solchen Vorhaben sonderbar und unerklärlich erscheinen mag, und lesen Sie diesen mit roter Tinte angestrichenen Zeitungsartikel. Es ist die einzige Auskunft, die ich bis jetzt über das unglückliche Duell, in welchem mein Oheim gefallen ist, habe erlangen können, und ich möchte gern hören, welchen Weg Sie, nach Durchlesung dieses Artikels, als den zweckmäßigsten vorschlagen würden.«

Er reichte mir eine alte französische Zeitung. Der Inhalt dessen, was ich darin las, ist jetzt, nach langen Jahren, meinem Gedächtnisse noch so gegenwärtig, dass ich alle darin enthaltenen Tatsachen und Umstände, insoweit sie für den Leser von Interesse find, getreu wiedergeben kann.

Der Artikel begann mit einer Schilderung des großen Aufsehens, welchen der zwischen dem Grafen St. Lo und einem Engländer, Stephan Monkton, stattgehabte Zweikampf allgemein erregt hatte. Dann ließ sich der Schreiber über das geheimnisvolle Dunkel aus, welches über dem ganzen Hergange schwebte, und äußerte die Hoffnung, dass die Veröffentlichung eines gewissen Mannskriptes, auf das sich seine einleitenden Bemerkungen bezogen, dazu dienen möchte, mehr Licht über das eigentliche Sachverhältnis zu verbreiten. Das erwähnte Manuskript hatte sich unter den nachgelassenen Papieren eines gewissen Foulon vorgefunden, welcher Monktons Sekundant beim Duelle gewesen, und kurze Zeit nachher in Paris, seiner Heimat, plötzlich gestorben war. Die Schrift war unbeendigt und brach gerade da ab, wo der Leser am meisten eine Fortsetzung gewünscht hätte. Kein Grund ließ sich hierfür auffinden, und ebenso wenig war, trotz aller Nachforschungen, eine andere Schrift über denselben Gegenstand unter den Papieren des Verstorbenen zu entdecken.

Hierauf folgte das Dokument selbst. Es war eine zwischen Foulon, dem Sekundanten Mr. Stephan Monktons, und Dalville, dem des Grafen St. Lo, getroffene Übereinkunft, und enthielt eine Spezifikation aller zur Ausführung des Duells gemachten Vorbereitungen. Datiert war es von »Neapel, den 22. Februar« und in sieben Paragraphen eingeteilt.

Der erste beschrieb die Veranlassung zum Streite — eine für beide Teile schmachvolle, deren Erwähnung hier unnötig ist. Der zweite Paragraph sagte, der Geforderte habe Pistolen als die im Kampfe zu gebrauchende Waffe erwählt, und der Forderer seinerseits eine so kurze Schussweite verlangt, dass schon durch die ersten beiden Schüsse eine Entscheidung erfolgen müsse; weshalb die Sekundanten, den tödlichen Ausgang vorhersehend, für nötig erachtet hätten, das Duell gegen jedermann geheim zu halten, und den Ort des Kampfes selbst nicht den Duellanten vorher mitzuteilen. Es wurde hierbei bemerkt, dass diese scheinbar übertriebene Vorsicht deshalb notwendig sei, weil der Papst erst kurze Zeit vorher an die übrigen italienischen Mächte dringende Aufforderungen erlassen habe, gegen den neuerdings zunehmenden Unfug des Zweikampfes die strengsten gesetzlichen Strafen zur Anwendung zu bringen.

Der dritte Paragraph enthielt die Regeln; nach denen das Duell stattfinden sollte. Nachdem die Pistolen auf dem Platze geladen worden waren, sollten die Kämpfer in der Entfernung von zwanzig Schritten gegen einander aufgestellt werden und wegen des ersten Schusses losen. Derjenige, welcher ihn erhielt, durfte dann zehn Schritte vorgehen und seine Pistole abschießen. Fehlte er, oder machte er den Gegner nicht kampfunfähig, so konnte Letzterer seinerseits die noch übrigen zehn Schritte vorgehen und seine Waffe dicht vor der Brust des Feindes entladen. Diese Bedingungen mussten eine Entscheidung nach den ersten beiden Schüssen zur Folge haben, und die Kämpfer sowohl wie die Sekundanten verpflichteten sich, nicht davon abzugehen.

Der vierte Paragraph erwähnte, dass die Sekundanten übereingekommen seien, den Kampfplatz außerhalb des neapolitanischen Staates zu suchen, und sich in der Wahl ganz von den Umständen leiten zu lassen. Die übrigen Abteilungen waren den zu beobachtenden Vorsichtsmaßregeln gewidmet, um Entdeckung zu verhüten. Die Kämpfer und Sekundanten sollten getrennt Neapel verlassen, mehrmals die Wagen wechseln, und in einem an der Landstraße von Neapel nach Rom gelegenen Posthause zusammentreffen. Sie sollten ferner Zeichenbücher, Farbenkasten und Feldstühle mit sich führen, als wenn sie Künstler wären, die Skizzen sammeln wollten und sich endlich nach dem Kampfplatze zu Fuß begeben. Das waren die allgemeinen Sicherheitsmaßregeln. Noch andere folgten, welche sich auf die Erleichterung des Fliehens der Überlebenden bezogen, und den Schluss dieses seltsamen Dokumentes bildeten. Unterzeichnet war es nur mit den Anfangsbuchstaben der Namen beider Sekundanten.

Dicht unter denselben befand sich der Anfang einer Schilderung, welche, wie es schien, eine genaue Beschreibung des Duells geben sollte. Sie war von Paris datiert und in der Handschrift des verstorbenen Foulon.

Er drückte in der Einleitung die Vermutung uns, dass Umstände eintreten könnten, unter denen ein genauer, von einem Augenzeugen herrührender Bericht über den zwischen St. Lo und Monkton stattgehabten Zweikampf von großer Wichtigkeit sein würde. Als einer der Sekundanten wolle er hiermit die Erklärung niederlegen, dass das Duell unter strenger Beobachtung der vorher festgesetzten Bedingungen ausgeführt worden sei, und beide Kämpfer sich als Männer von Mut und Ehre benommen hätten. Nach dieser Vorrede erzählte Foulon, dass der Zweikampf drei Tage nach Abfassung der oben erwähnten schriftlichen Übereinkunft an einem durch den Zufall bestimmten Orte stattgefunden habe; allein weder der Name desselben, noch die Gegend, in der er gelegen, wurde erwähnt. Nachdem beide Kämpfer, den Bestimmungen gemäß, ihre Plätze eingenommen hatten, und dem Grafen St. Lo der erste Schuss durch das Los zugefallen war, ging derselbe zehn Schritte vor und schoss seinem Gegner durch den Leib. Mr. Monkton wankte noch sieben oder acht Schritte vorwärts und schoss seine Pistole ab, ohne jedoch zu treffen, worauf er tot zu Boden sank. Foulon, der Berichterstatter, riss hierauf ein Blatt Papier aus seinem Taschenbuche, vermerkte darauf mit kurzen Worten die Art und Weise, in der Monkton um das Leben gekommen war, und heftete den Zettel an die Kleider des Toten- Diese Prozedur, heißt es in der Erzählung, sei mit Rücksicht auf den Plan nötig gewesen, der Behufs sicherer Unterbringung des Leichnams von den Parteien vorher beraten und gefasst worden war. Worin jedoch dieser Plan bestand, und was mit dem Leichnam geschah, ergab sich aus der Erzählung nicht, denn gerade an dieser Stelle brach sie plötzlich ab.

Dies war alles, was das Zeitungsblatt enthielt. Als ich es an Alfred zurückgab, war er zu aufgeregt, um sprechen zu können; allein er machte mir ein Zeichen, das er mit Spannung erwarte, was ich ihm sagen werde. Die Folgen waren nicht vorauszusehen, die eine unvorsichtige Äußerung von meiner Seite haben konnte. Ich hielt es deshalb für geraten, ihn erst sorgfältig über verschiedene Punkte zu befragen, ehe ich mit meiner Meinung hervorzutreten wagte.

»Wollen Sie mir erlauben, Ihnen einige Fragen vorzulegen, bevor ich meinen Rat erteile?« sagte ich.

Er nickte ungeduldig.

»Sind Sie zu irgendeiner Zeit häufig in der Gesellschaft Ihres Oheims gewesen?«

»Ich habe ihn kaum zweimal in meinem Leben gesehen, und nur in meiner Kindheit.«

»Dann können Sie also keine persönliche Anhänglichkeit für ihn gehabt haben?«

»Anhänglichkeit für ihn? Ich würde mich deren geschämt haben, denn er machte unserer Familie überall nur Schande.«

»Darf ich Sie fragen, ob Sie besondere, auf die Verhältnisse Ihrer Familie sich beziehende Gründe haben, aus denen Sie so eifrig bemüht sind, seine Überreste aufzufinden?«

»Es sind allerdings solche vorhanden — aber wozu die Frage?«

»Weil ich gehört habe, dass Sie die Dienste der hiesigen Polizei in Anspruch nehmen, und ich deshalb wissen möchte, ob Sie den Behörden Ihre dringenden persönlichen Gründe für den ungewöhnlichen Zweck Ihres Hierseins angegeben haben, um sie vielleicht dadurch zu größerem Eifer anzuspornen.«

»Ich gebe keine Gründe; ich bezahle die mir geleisteten Dienste, und werde zur Anerkennung meiner Freigebigkeit überall mit der schändlichsten Nachlässigkeit behandelt. Als ein Fremder in diesem Lande und nur unvollkommen mit der Sprache bekannt, kann ich mir nicht selbst helfen. Die Behörden, hier sowohl wie in Rom, geben sich den Schein, als wollten sie mir Beistand leisten und die gewünschten Nachforschungen veranlassen; aber sie tun nichts. Man beleidigt mich und lacht mir fast gerade ins Gesicht.«

»Halten Sie es nicht für möglich —- beachten Sie wohl, ich bin weit entfernt, das Verfahren der Polizei zu billigen — halten Sie es nicht für möglich, dass die Behörden darüber Zweifel hegen, ob es Ihnen mit diesen Nachforschungen wirklich Ernst sei?«

»Ob es mir Ernst sei?« rief er aufspringend und sich mit wilden Blicken mir gegenüber stellend. »Nicht Ernst? Sie glauben auch, es sei mir nicht Ernst damit — ich sehe es, obgleich Sie es nicht sagen! — Halt! ehe Sie ein Wort weiter reden, sollen Ihre Augen Sie überzeugen. Kommen Sie herein —- nur eine Minute!«

Ich folgte ihm in sein anstoßendes Schlafgemach. An der einen Seite desselben stand eine mindestens sieben Fuß lange Kiste von rohem Holze.

»Öffnen Sie den Deckel und blicken Sie hinein«, sagte er, »während ich das Licht halte.«

Ich folgte seiner Anweisung und gewahrte, zu meinem nicht geringen Erstaunen einen bleiernen Sarg darin stehen, welcher mit dem Monktonschen Wappen prächtig verziert war, und eine Inschrift in gotischen Buchstaben mit dem Namen »Stephan Monkton«, der Angabe seines Alters und Art seines Todes trug.

»Ich halte diesen Sarg in Bereitschaft für ihn«, flüsterte mir Alfred ins Ohr. »Sieht das so aus, als wenn es mir nicht Ernst wäre?«

Es kam mir wie völliger Wahnsinn vor, so dass ich mich scheute, ihm gleich zu antworten.

»Ja, ja, ich sehe, Sie sind überzeugt«, fuhr er fort. »Wir können jetzt in das Zimmer zurückkehren und ohne Rückhalt miteinander beraten.«

Als wir unsere Sitze wieder einnahmen, rückte ich, ohne es zu beachten, meinen Stuhl etwas vom Tische ab. Meine Verwirrung war so groß und ich fühlte mich so ratlos rücksichtlich dessen, was ich zunächst sagen oder tun sollte, dass ich vergaß, welchen Platz er mir angewiesen hatte, als die Lichter angezündet wurden. Er aber bemerkte und rügte es augenblicklich.

»Bitte, rücken Sie nicht vom Tische ab«, sagte er mit ängstlichem Tone, »bleiben Sie im Lichte sitzen. Ich will Ihnen sogleich sagen, weshalb ich es so sehr wünsche; aber erst geben Sie mir Ihren Rat und Beistand in meiner schwierigen, bedrängten Lage. Sie wissen, ich habe Ihr Versprechen.«

Ich machte eine gewaltsame Anstrengung, meine Gedanken zu sammeln, und es gelang mir. In seiner Gegenwart die Sache anders als mit vollem Ernste zu behandeln, wäre nicht bloß nutzlos, sondern auch grausam gegen ihn gewesen.

»Sie wissen«, sagte ich deshalb, »dass der Zweikampf drei Tage nach Abfassung jener schriftlichen Übereinkunft außerhalb des neapolitanischen Staates stattgefunden hat. Dieser Umstand hat Sie wahrscheinlich zu dem Schlusse geführt, dass die Nachforschungen wegen des Kampfplatzes nur im römischen Gebiete veranlasst werden müssten, nicht wahr?«

»Allerdings. Soweit sie überhaupt geschehen, sind sie nur auf dieses Gebiet beschränkt worden. Wenn ich der Polizei glauben darf, so haben die ausgesendeten Agenten ihre Nachforschungen, unter Zusicherung einer bedeutenden Belohnung für denjenigen, der den Kampfplatz entdecken würde, längs der ganzen Straße von Neapel nach Rom angestellt. Außerdem haben sie — so ist mir wenigstens gesagt worden — überall Personalbeschreibungen der Duellanten und Sekundanten verbreitet, einen besonderen Agenten zur Verfolgung der Nachforschungen von dem in der Übereinkunft als Sammelplatz bezeichneten Posthause aus bestellt, und endlich durch Korrespondenz mit ausländischen Behörden den Aufenthalt des Grafen St. Lo und des Sekundanten Dalville zu ermitteln versucht; allein alle diese Bemühungen, wenn sie überhaupt wirklich gemacht worden sind, haben sich als fruchtlos erwiesen.«

»Meine Ansicht ist«, erwiderte ich nach kurzer Überlegung, »dass alle Nachforschungen auf der Landstraße und in der Nähe von Rom vergeblich sein müssen. Das Auffinden der Überreste Ihres Oheims ist jedenfalls gleichbedeutend mit der Entdeckung des Kampfplatzes; denn die beim Duelle Beteiligten werden sich schwerlich einer Entdeckung ausgesetzt und den Leichnam weit mit sich genommen haben. Alles, was wir zu suchen haben, ist also der Platz. Lassen Sie uns überlegen. Die Gesellschaft wechselte mehrere Male die Wagen, reiste getrennt zu zweien, machte ohne Zweifel große Umwege, hielt sich des Scheines halber in jenem Posthause auf, und ging vielleicht eine bedeutende Strecke zu Fuß. Alle diese Vorsichtsmaßregeln kosteten jedenfalls viel Zeit, und ließen ihnen deshalb wenig Zeit, um in drei Tagen eine wirklich große Entfernung zurücklegen zu können. Ich glaube daher, dass das Duell an irgendeinem Orte in der Nähe der neapolitanischen Grenze stattfand; und wenn ich der beauftragte Polizeibeamte gewesen wäre, so würde ich meine Nachforschungen nur längs derselben, in der Richtung von Osten nach Westen, bis zu den einsamen Bergen der Abruzzen verfolgt haben. Das ist meine Meinung von der Sache. Was sagen Sie dazu?«

Sein Gesicht wurde purpurrot.

»Das ist eine himmlische Eingebung!« rief er. »Keinen Tag dürfen wir verlieren; augenblicklich muss dieser Plan ausgeführt werden· Aber der Polizei dürfen wir ihn nicht anvertrauen. Morgen früh will ich selbst ausbrechen, und Sie —«

Er hielt plötzlich inne, sein Gesicht wurde bleich, ein tiefer Seufzer hob seine Brust, die Augen nahmen wieder den starren, leeren Blick an, und alle seine Züge jenen leichenhaften Ausdruck.

»Ich muss Ihnen mein Geheimnis mitteilen, ehe ich weiter von morgen spreche«, fuhr er mit schwacher Stimme fort. »Wollte ich länger zögern, Ihnen alles zu entdecken, so würde ich mich Ihrer mir bisher bewiesenen Güte und Ihres ferneren Beistandes unwürdig zeigen, auf den ich meine letzte Hoffnung baue.«

Ich bat ihn, zu warten, bis er ruhiger geworden sei, und das Sprechen ihm nicht so schwer werde; allein er beachtete meine Worte nicht. Langsam und mit innerem Kampfe wandte er sich von mir ab, neigte den Kopf über den Tisch und stützte ihn in die Hand. Das Paket Briefe, mit dem ich ihn bei meinem Eintreten beschäftigt gesehen hatte, lag gerade unter seinen Augen. Starr darauf hinabblickend, begann er seine Mitteilungen.

III

»Wenn ich nicht irre«, sagte er, »sind Sie in unserer Grafschaft geboren, und kennen daher vielleicht auch eine alte Prophezeiung in Betreff unserer Familie?«

»Ich habe allerdings eine solche gehört«, erwiderte ich, »allein die Worte, in denen sie ausgedrückt ist, sind mir unbekannt. Bezog sie sich nicht auf das Erlöschen Ihrer Familie, oder etwas Ähnliches?«

»Keine Nachforschungen«, fuhr er fort, »haben sie bis zur Zeit ihres Ursprungs verfolgen können. Unsere Familiennachrichten enthalten nichts darüber. Alle Dienstboten und Insassen haben sie von ihren Vätern und Großvätern gehört. Auch die Mönche , denen wir im Besitze der Abtei zur Zeit Heinrich des Achten folgten, müssen auf irgendeine Weise Kenntnis davon erlangt haben; denn ich selbst fand die aus alter Zeit herrührenden Verse, in denen sie ausgedrückt sind, auf dem leeren Blatte eines Klostermannskriptes geschrieben. Sie lauten folgendermaßen:

»Wenn ein Platz in Wincots Gruft

Leer steht und in freier Luft,

Grablos unterm weiten Himmel,

Wie im wilden Kriegsgetümmel

Das erschlagne Opfer liegt;

Wenn dem Herrn so vieler Seelen

Wen’ge Schaufeln Erde fehlen —-

Dann wird’s sein ein sich‘res Zeichen,

Dass vom Tageslicht muss weichen

Monktons altes, reiches Haus.

Welken bis zum letzten Erben

Wird es sinken, fallen, sterben

Und für immer löschen aus.«

»Die Prophezeiung ist, wie die alten Orakel, unbestimmt genug«, versetzte ich, als ich sah, dass er auf eine Erwiderung von mir wartete.

»Bestimmt oder unbestimmt, sie wird sich erfüllen«, antwortete er. »Ich bin jetzt der letzte Erbe — der Letzte in der älteren Linie unserer Familie, auf den sich die Prophezeiung bezieht; und der Platz für Stephan Monktons Leichnam in der Gruft von Wincot ist noch leer. Widersprechen Sie mir nicht, ich habe noch mehr zu sagen. Lange vorher, ehe wir zum Besitze der Abtei gelangten, als meine Vorfahren noch in dem ehemals nahe gelegenen Schlosse wohnten, dessen Ruinen jetzt sogar verschwunden sind, war unsere Familiengruft bereits unter der Kirche der Abtei.· Ob in jener frühen Zeit die Prophezeiung schon bekannt war und gefürchtet wurde, weiß ich zwar nicht, allein gewiss ist, dass alle Monktons, gleichviel, ob sie auf dem Schlosse, in der Abtei, oder auf der kleineren Besitzung in Schottland wohnten, ohne Rücksicht auf Gefahren und Kosten in der Gruft der Abtei beerdigt wurden. In jenen alten, kriegerischen Zeiten wurden selbst die Leichname meiner im Auslande gefallenen Vorfahren um jeden Preis, und oft nur gegen schweres Lösegeld und nach blutigen Kämpfen, wiedererlangt, um in Wincot beigesetzt zu werden. Dieser Aberglaube, wenn Sie die Sage so nennen wollen, ist bis auf den heutigen Tag nicht erloschen. Seit Jahrhunderten ist die Reihenfolge der Toten in unserer Gruft nie unterbrochen worden. Meines Oheims Platz ist der erste, welcher leer steht, und seine Geisterstimme ist es, die nach Ruhe schreit und mich verfolgt. So genau, als wenn ich es selbst gesehen hätte, weiß ich, dass sein Leichnam unbeerdigt auf der Stelle liegen geblieben ist, auf der er fiel.«

Ehe ich ein Wort entgegnen konnte, stand er langsam auf und deutete mit dem Finger nach der leeren Stelle, auf die seine Augen gerichtet waren.

»Ich weiß, was Sie sagen wollen«, rief er mit lautem, scharfem Tone. »Sie wollen mich fragen, wie ich so wahnsinnig sein könne, an eine alberne Prophezeiung zu glauben, die in einem unwissenden Zeitalter erdacht worden ist, um abergläubische Menschen zu erschrecken. Ich erwidere aber darauf« — und bei diesen Worten fiel seine Stimme bis zum Flüstern herab — »dass ich daran glaube, weil Stephan Monkton in diesem Augenblicke dort vor mir steht.«

Was es war — ob der Schrecken, den sein Gesicht ausdrückte und der sich mir mitteilte, oder die sich mir plötzlich aufdrängende Überzeugung von seinem Wahnsinn, woran ich bisher immer noch gezweifelt hatte — ich weiß es nicht, allein ich fühlte mich von einem kalten Schauer überlaufen und hatte nicht den Mut, nach der Stelle hinzublicken, auf die er noch immer deutete.

»Ich sehe dort«, fuhr er flüsternd wie vorher, fort, »die Gestalt eines finsteren, sonnverbrannten Mannes mit unbedecktem Kopfe. Die eine Hand hält eine Pistole und hängt an der Seite herab, während er mit der anderen ein blutiges Taschentuch vor den Mund hält. Der Todeskampf verzerrt seine Züge, allein ich erkenne sie dennoch als die des Mannes, der mich, als ich noch ein Kind war, zweimal dadurch erschreckte, dass er mich in seine Arme nahm. Ich fragte damals meine Wärterin, wer der schwarzbraune Mann sei, und erfuhr von ihr, dass es mein Oheim, Stephan Monkton, war. So deutlich, als wenn er noch lebte, sehe ich ihn an Ihrer Seite stehen, mit dem gebrochenen Blicke seiner großen, dunklen Augen; und so habe ich ihn seit dem Augenblicke seines Todes unaufhörlich gesehen. In der Heimat sowohl wie im Auslande, wachend oder schlafend, Nacht und Tag, steht er ortwährend vor mir!«

Seine flüsternde Stimme war fast unhörbar geworden, als er die letzten Worte sprach. Nach der Richtung und dem Ausdrucke seiner Augen zu schließen, musste ich vermuten, dass er mit der Erscheinung rede. Ich glaube, wenn ich sie selbst gesehen hätte, so würde ihr Anblick mir weniger schrecklich gewesen sein als der seinige. Meine Nerven waren heftig erschüttert, und ein geheimes Grauen vor ihm in seinem jetzigen Gemütszustande, beschlich mich, so dass ich unwillkürlich mehrere Schritte zurückwich.

Er bemerkte es augenblicklich.

»O gehen Sie nicht fort — bitte, gehen Sie nicht fort!« rief er. »Habe ich Sie erschreckt? Glauben Sie mir noch nicht? Oder blenden Sie vielleicht die Lichter? Ich bat Sie, im hellen Glanze derselben zu sitzen, nur deshalb, weil ich es nicht ertragen konnte, den düsteren Schein auf Sie fallen zu sehen, der im Halbdunkel stets das Phantom umgibt. Bitte — verlassen Sie mich nicht!«

Es lag bei diesen Worten eine so außerordentliche Rat- und Hilflosigkeit in seinen Zügen, dass ich mich von Mitleid ergriffen fühlte, und dadurch meine Fassung wieder gewann. Meinen vorigen Platz wieder einnehmend, erklärte ich, so lange bei ihm bleiben zu wollen, als er es wünsche.

»Dank, tausend Dank! Sie sind die Geduld und Güte selbst«, sagte er mit dem ihm gewöhnlich eigenen sanften Wesen, und kehrte auf seinen Sitz zurück. »Nachdem ich jetzt das erste Bekenntnis des mich nach allen Orten hin verfolgenden Elends überstanden habe, werde ich Ihnen alles Übrige, was ich noch zu sagen habe, ruhiger mitteilen können. Wie erwähnt, kam mein Oheim Stephan« — beim Aussprechen dieses Namens wandte er schnell den Kopf und blickte vor sich auf den Tisch — »zweimal nach der Abtei Wincot, und erschreckte mich bei beiden Gelegenheiten. Er nahm mich zwar nur auf seinen Arm und sprach mit mir — für ihn, ohne Zweifel, sehr freundlich — aber dessenungeachtet erschreckte er mich entsetzlich. Vielleicht war es nur seine große Gestalt, das dunkelbraune Gesicht und der dicke, schwarze Bart, was mich in Furcht setzte; vielleicht aber war es auch —- und das glaube ich eher — ein anderer sonderbarer Einfluss auf mich, den ich weder damals verstand, noch jetzt erklären kann. Wie dem auch sei, ich träumte noch lange von ihm, nachdem er schon fort war, und glaubte ihn immer, wenn ich mich allein im Dunkeln befand, hinter mir her schleichen zu hören. Die Dienstboten merkten dies bald und pflegten mich mit dem Oheim Stephan in Furcht zu jagen, wenn ich eigensinnig oder ungezogen war. Diese Furcht, dieser Abscheu blieb unverändert, auch als ich heran wuchs. Wenn meine Eltern seinen Namen erwähnten, horchte ich jedesmal, ohne zu wissen weshalb, mit der größten Spannung, und konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass ihm etwas Schreckliches zugestoßen sei, oder mir begegnen werde. Dieses Gefühl verfolgte mich unaufhörlich und wurde erst dann verdrängt, als ich mich nach dem Tode meiner Eltern in der Abtei allein befand. Dann trat an seine Stelle eine nicht zu bezähmende Neugierde, den Ursprung jener alten Prophezeiung über das Erlöschen unseres Geschlechtes zu ermitteln. Hören Sie, was ich sage?«

»Ich folge jedem Worte mit gespannter Aufmerksamkeit.«

»Sie müssen wissen, dass ich einige Bruchstücke jener Verse, welche die Prophezeiung enthalten, zuerst in einem alten Buche der Bibliothek fand. Auf der gegenüber stehenden Seite war ein roher alter Holzschnitt aufgeklebt, einen dunkelhaarigen Mann vorstellend, der, soweit meine Erinnerung reichte, die auffallendste Ähnlichkeit mit meinem Oheim Stephan hatte. Als ich meinen Vater, der damals schon seinem Tode nicht mehr fern war, darüber befragte, wusste er entweder nichts, oder wollte nichts wissen; und als ich später die Prophezeiung noch einmal gegen ihn zur Sprache brachte, wurde er verdrießlich und ging schnell auf einen andern Gegenstand über. Nicht besser erging es mir mit dem alten Kaplan Wenn ich ihn darum befragte, so sagte er, jener Holzschnitt sei mehrere Jahrhunderte vor der Geburt meines Oheims gemacht worden, und nannte die Prophezeiung Unsinn. In dem letzten Punkte pflegte ich ihm zu widersprechen, und fragte, weshalb wir Katholiken, welche glauben, dass die Macht, Wunder zu verrichten, auch jetzt noch bei gewissen besonders begünstigten Personen gefunden werde, nicht ebenso wohl an die Gabe der Prophezeiung glauben wollten. Er ließ sich jedoch nie auf einen Streit mit mir ein, sondern sagte mir, ich solle meine Zeit nicht mit solchen Torheiten verlieren, und meine Phantasie, die ohnedies zu lebhaft sei, lieber unterdrücken als noch mehr erregen. Ein solcher Rat diente natürlich nur dazu, meine Neugierde noch mehr anzuspornen. Ich beschloss, den ältesten und unbewohnten Teil der Abtei zu durchforschen und zu versuchen, ob ich nicht vielleicht in alten Chroniken oder Familiennachrichten einigen Aufschluss über jenen Holzschnitt und den Ursprung der Prophezeiung erlangen könne. Haben Sie jemals einen Tag in den seit langer Zeit unbewohnten Gemächern eines alten Hauses zugebracht?«

»Nie; denn eine solche Einsamkeit wäre durchaus nicht nach meinem Geschmacke.«

»Ach, welches Leben das war, als ich meine Nachforschungen begann! Ich möchte es noch einmal durchleben! Welche sonderbaren Entdeckungen ich machte! In welcher Richtung ich auch suchte, überall fand ich etwas, das mich weiter lockte. Schreckliche Bekenntnisse geheimer Verbrechen, haarsträubende Beweise von Schandtaten, die kein Auge je entdeckt als die meinigen, kamen jetzt an das Licht. Endlich fand ich das Buch, welches den Mönchen gehört hatte, mit der ganzen Prophezeiung. Dieser Erfolg spornte mich an, noch weiter in den Familiennachrichten zu forschen. Bisher hatte ich noch nichts entdeckt, was auf die Identität jenes geheimnisvollen Holzschnittes Bezug hatte; allein die sich mir unwillkürlich aufdrängende Überzeugung von der Ähnlichkeit desselben mit meinem Oheime Stephan sagte mir auch, dass letzterer in näherer Beziehung zu der Prophezeiung stehen und mehr darüber wissen müsse, als irgendein anderer. Ich konnte jedoch nicht in Korrespondenz mit ihm treten, weil mir sein Aufenthaltsort unbekannt war, und mich deshalb auch nicht davon überzeugen, inwieweit meine Idee richtig oder unrichtig sei, bis endlich der Tag kam, an dem meine Zweifel durch den schrecklichen, sichtbaren Beweis, der auch in diesem Augenblicke und in diesem Zimmer vor meinen Augen steht, für immer beseitigt wurden.«

Er schwieg einen Augenblick, und sah mich scharf und misstrauisch an, fragte, ob ich alles, was er bisher gesagt habe, glaube, und fuhr dann fort, nachdem ich, um ihn zu beruhigen, eine bejahende Versicherung gegeben hatte:

»An einem schönen Februarabend stand ich in einem der öden Zimmer des westlichen Turmes am Fenster und betrachtete den Untergang der Sonne. Ehe das Gestirn ganz verschwand, kam eine kaum zu beschreibende Empfindung über mich. Ich sah und hörte nichts mehr. Diese Bewusstlosigkeit trat ganz plötzlich ein, und doch war es keine Ohnmacht; denn ich sank nicht zu Boden, sondern blieb regungslos auf meinem Platze stehen. Ich möchte diesen Zustand fast, wenn es überhaupt möglich wäre, eine zeitweilige Trennung der Seele vom Körper nennen; allein, wie gesagt, er lässt sich nicht schildern. Nennen Sie ihn deshalb wie Sie wollen —- vielleicht Starrkrampf — genug, ich blieb in völliger Bewusstlosigkeit, geistig und körperlich tot, am Fenster stehen, bis die Sonne verschwunden war. Dann kam ich wieder zur Besinnung, und als ich meine Augen aufschlug, stand die Erscheinung Stephan Monktons mir gerade so gegenüber, wie sie in diesem Momente neben Ihnen vor mir steht.«

»Geschah dies, ehe Sie die Nachricht von dem in Italien stattgehabten Duell erhielten?«

»Vierzehn Tage vorher. Selbst als ich die Nachricht erhielt, wusste ich immer noch nicht, an welchem Tage das Duell stattgefunden hatte. Dies erfuhr ich erst durch das in jener französischen Zeitung veröffentlichte Dokument. Sie werden sich erinnern, dass es vom 22. Februar datiert, und dass in dem Nachtrage gesagt war, der Zweikampf habe drei Tage später stattgehabt. Als ich an jenem Abende das Phantom zum ersten Male sah, schrieb ich Tag und Monat nieder. Es war der 25. Februar.

Er schwieg wieder, erwartend, dass ich etwas sagen werde. Allein was konnte ich zu einer solchen Mitteilung sagen? Was sollte ich davon denken?

»Selbst während des ersten Schreckens beim Anblicke der Erscheinung«, fuhr er fort, »dachte ich an die Prophezeiung, und kam zu der Überzeugung, dass das Phantom mir meinen eigenen Tod verkünde. Dennoch beschloss ich, sobald ich mich etwas erholt hatte, die Wirklichkeit dessen, was ich zu sehen glaubte, genauer zu prüfen, und mir Gewissheit darüber zu verschaffen, ob ich von meiner erhitzten Phantasie getäuscht worden sei oder nicht. Ich verließ den Turm, aber das Phantom folgte mir; ich ließ den Empfangsaal glänzend erleuchten, allein auch dort stand die Erscheinung vor mir. Ich ging in den Park; sie war auch im hellen Lichte der Sterne sichtbar. Endlich verließ ich die Abtei und reiste mehrere Meilen weit an das Seeufer — aber der finstere Mann, mit dem vom Todeskampfe verzerrten Gesichte, war mein steter Begleiter. Nunmehr kämpfte ich gegen dieses Verhängnis nicht länger an, sondern kehrte nach der Abtei mit dem Entschlusse zurück, mich meinem Schicksale zu fügen. Aber auch das sollte nicht sein. Ich hegte eine Hoffnung, die mir teurer war als das Leben, und besaß einen Schatz, mehr wert als alles andere in der Welt. Der Gedanke an die Möglichkeit, ihn zu verlieren, erfüllte mich mit Schrecken. Aber das Phantom stand als ein warnendes Hindernis zwischen mir und ihm, und meine süßeste Hoffnung wurde eine Quelle des bittersten, unerträglichsten Elends für mich. Vielleicht haben Sie gehört, dass ich mit einer jungen Dame verlobt war?«

»O ja, häufig; auch bin ich selbst mit Miss Elmsly entfernt verwandt.«

»Sie können sich keine Vorstellung davon machen, welche Opfer sie mir gebracht hat — was ich seit Jahren für sie empfunden habe.«

Seine Stimme bebte, und Tränen traten ihm in die Augen. Nach einer Pause fuhr er fort:

»Ich getraue mir nicht davon zu sprechen; der Gedanke an die verflossenen schönen Stunden in der Abtei bricht mir fast das Herz. Lassen Sie mich zum Hauptgegenstande unseres Gespräches zurückkehren. Ich beobachtete gegen jedermann strenge Verschwiegenheit über die entsetzliche Erscheinung, welche mich fortwährend und überall verfolgte, denn ich kannte das in der Umgegend verbreitete lächerliche Gerücht, dass in meiner Familie ein erblicher Wahnsinn herrsche und auch auf mich übergegangen sei, und fürchtete deshalb, ihm durch Eröffnungen von meiner Seite noch mehr Nahrung zu geben. Obgleich das Phantom mir fortwährend gegenüber stand, und stets entweder an der Seite desjenigen, mit dem ich sprach, oder zwischen mir und ihm erschien, so wusste ich doch anderen den Gegenstand zu verbergen, auf den sich meine Blicke gezwungen richteten. Nur gegen Ada konnte ich meine Verschwiegenheit nicht bewahren. Der für unsere Verbindung festgesetzte Tag nahte heran.«

Er schwieg und begann von neuem zu beben. Ich wartete ruhig, bis er sich wieder gesammelt hatte und seine Rede fortsetzen konnte.

»Denken Sie sich«, sagte er, »was ich dabei gelitten haben muss, diese scheußliche Erscheinung immer vor mir zu sehen, selbst wenn ich mit meiner Braut sprach—ihr sanftes, engelgleiches Gesicht neben den verzerrten Zügen des Phantoms. Zuletzt konnte ich es nicht mehr ertragen, und entdeckte ihr das Geheimnis. Sie bat, flehte — ja, sie bestand darauf, alles zu wissen, und ich verschwieg daher nichts und überließ es ihr, das Verhältnis mit mir abzubrechen. Ich sprach die Abschiedsworte und dachte an den Tod — von meiner eigenen Hand. Sie mochte es ahnen und verließ seit jenem Augenblicke nicht mehr meine Seite, bis ihr sanfter Einfluss den finsteren Gedanken verdrängt hatte. Ohne sie lebte ich jetzt nicht mehr; ohne sie würde ich nie den Plan gefasst haben, der mich hierher geführt hat.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Sie auf Miss Elmslys Veranlassung nach Neapel gekommen sind?« fragte ich erstaunt.

»Ihre Vorstellungen leiteten mich allerdings zu diesem Plan«, erwiderte er. »Solange ich glaubte, dass das Phantom mir nur als Verkünder des nahen Erlöschens meiner Familie und meines eigenen Todes erschienen sei, gewährte mir ihre Versicherung, dass keine Macht sie von mir trennen solle, und dass sie nur mir leben und alle Prüfungen mit mir ertragen wolle, keinen Trost, sondern erhöhte nur das Gefühl meines Elendes. Allein anders wurde es, als wir mehr über die Erscheinung sprachen — als sie mir zeigte, dass deren Sendung eher einen guten als bösen Zweck habe, und dass die Warnung mir zum Nutzen gereichen könne. Diese Vorstellung erweckte jene Idee in mir, aus der ich neue Lebenshoffnung schöpfte; der Gedanke drängte sich mir auf, dass höhere Mächte mir die Weisung zu diesem Unternehmen erteilten. In diesem Glauben lebe ich; ohne ihn würde ich sterben. Sie lachte nie darüber, sie nannte ihn nie Wahnsinn. Verstehen Sie mich recht! Die Erscheinung, die mich seitdem nie verlassen hat und in diesem Augenblicke an Ihrer Seite steht, warnt mich, dem Unglück, das meiner Familie droht, dadurch vorzubeugen, dass ich den unbeerdigten Leichnam aufsuche und in ein Grab lege. Irdische Liebe und irdische Rücksichten müssen vor einer solchen Weisung verstummen. Das Phantom wird mich nicht eher verlassen, als bis ich den Leichnam bestattet habe, der nach seiner Gruft schreit! Ehe dies nicht vollbracht ist, wage ich nicht zurückzukehren; ehe der leere Platz in der Gruft der Abtei nicht ausgefüllt ist, wage ich kein eheliches Band zu schließen.«

Seine Augen funkelten bei diesen Worten, die Stimme wurde klangvoller, und eine fast fanatische Begeisterung leuchtete aus seinen Zügen. So peinlich der Anblick dieses Zustandes für mich war, wagte ich doch nicht Gegenvorstellungen zu machen. Es wäre nutzlos gewesen, wenn ich mich der gewöhnlichen Redensarten von optischer Täuschung, erhitzter Phantasie und dergleichen hätte bedienen, oder ihm die in der Tat sonderbar zusammentreffenden Begebenheiten auf natürliche Weise erklären wollen. So kurz und vorübergehend er auch Miss Elmslys erwähnte, so hatte er doch genug gesagt, um mich erkennen zu lassen, dass die einzige Hoffnung des armen Mädchens, das ihn so treu und innig liebte, darin bestand, dass sie seinen Einbildungen nachgab. Wie beharrlich sie an dem Glauben festhielt, ihn heilen zu können! Mit welcher Entschlossenheit sie sich seinen krankhaften Hirngespinsten in der Hoffnung auf eine glückliche Zukunft opferte, die nimmer kommen sollte! So entfernt auch meine Bekanntschaft mit ihr war, so empfand ich doch tiefes Weh bei dem Gedanken an sie und ihre Lage.

»Man nennt mich ‚den verrückten Monkton‘!« rief er, plötzlich das Schweigen unterbrechend. »Hier sowohl wie in England, glaubt jeder, dass ich den Verstand verloren habe, ausgenommen Ada und Sie. Meine Braut hat mich bereits vom Tode errettet, und Sie werden das Werk vollenden. Ein dunkles Gefühl sagte mir dies, als ich Ihnen zum ersten Male in der Villa Reale hier begegnete. Lange kämpfte ich gegen den inneren Drang, Ihnen mein Geheimnis mitzuteilen; aber heut, als ich Sie auf dem Balle sah, konnte ich nicht länger widerstehen — das Phantom schien mich zu Ihnen hinzuziehen. Reden Sie jetzt ausführlicher über Ihren Plan, den Kampfplatz ausfindig zu machen. Wenn ich morgen abreise, um ihn selbst zu suchen — wohin soll ich mich zunächst wenden?«

Er hielt inne. Die Kräfte verließen ihn, und seine Gedanken schienen sich zu verwirren.

»Was muss ich tun? —- Ich kann mich nicht mehr besinnen. Sie wissen ja alles — wollen Sie mir nicht beistehen? Mein Elend hat mich unfähig gemacht, mir selbst zu helfen.«

Er schwieg von neuem, murmelte etwas von fehlgeschlagenen Plänen, wenn er allein an die Grenze gehe, und sprach unzusammenhängend von möglichen Hindernissen. Dann versuchte er den Namen »Ada« auszusprechen; aber noch ehe der erste Laut seine Lippen verlassen hatte, begann seine Stimme zu beben, und in Tränen ausbrechend wandte er sich geschwind um.

Das Gefühl des Mitleids verdrängte bei mir die Warnungen der Klugheit; ohne an die Verantwortlichkeit zu denken, welche ich übernahm, versprach ich ihm, alles zu tun, was er verlangte. Die wilde Freude in seinen Zügen, mit der er aufsprang und meine Hand ergriff, zeigte mir, dass ich weiser gehandelt hätte, wenn ich zurückhaltender gewesen wäre; allein jetzt war es zu spät, ich konnte mein Versprechen nicht widerrufen. Es blieb mir also nichts übrig als den Versuch zu machen, ihn einigermaßen zu beruhigen, um dann fortzugehen und die Sache reiflich bei mir überlegen zu können.

»Ja, ja », erwiderte er auf die wenigen Worte, welche ich zu diesem Zwecke sagte, »seien Sie nicht um mich besorgt. Nachdem Sie mir dieses Versprechen gegeben haben, können Sie sich darauf verlassen, dass ich unter allen Umständen ruhig und gefasst sein werde. Ich bin an die Erscheinung schon so lange gewöhnt, dass ich ihre Gegenwart kaum noch bemerke, ausgenommen bei gewissen Gelegenheiten. Überdies bewahre ich hier in diesem kleinen Pakete eine Medizin, welche jede Herzenskrankheit heilt. Es sind Adas Briefe. Ich lese sie, sobald das Gefühl meines Unglücks mir unerträglich wird. Jene halbe Stunde, ehe Sie kamen, benützte ich auch zu diesem Zwecke, um mich dadurch zu der Besprechung mit Ihnen zu stärken; und wenn Sie fort sind, werde ich dasselbe noch einmal tun. Also fürchten Sie nichts für mich. Ich weiß, dass mein Zweck mit Ihrer Hülfe erreicht werden wird, und wenn wir nach England zurückkehren, soll Ada Ihnen danken, wie Sie es verdienen. Lassen Sie die Narren in Neapel reden und sagen, ich sei verrückt, und kümmern Sie sich nicht darum. Das Geschwätz ist so abgeschmackt, dass es endlich von selbst aufhören wird.«

Ich verließ ihn mit der Zusage, am nächsten Tage zeitig wiederzukommen.

Als ich meinen Gasthof erreichte, fühlte ich, dass nach dem, was ich gesehen und gehört hatte, von Schlaf für diese Nacht keine Rede war. Ich zündete deshalb meine Pfeife an, und setzte mich an das offene Fenster, um unter dem Einflusse des sanften Mondlichtes ruhiger zu werden und zu überlegen, was zu tun sei. Das Erste, was mir klar wurde, war, dass von einer Zuziehung der Ärzte oder Verwandten Alfreds in England keine Rede sein konnte. Sein Verstand befand sich auf keinen Fall in einer solchen Störung, dass ich unter den obwaltenden Umständen berechtigt gewesen wäre, sein mir anvertrautes Geheimnis zu veröffentlichen. Ebenso unzweifelhaft war, dass, nach der ihm gemachten Zusage, alle Versuche von meiner Seite, ihn zur Aufgabe der beabsichtigten Nachforschungen zu bestimmen, vergeblich sein würden. Über diese beiden Punkte im Reinen, hatte ich keine andere Bedenklichkeit mehr als die Frage, ob ich überhaupt recht handelte, wenn ich meinen Beistand zur Ausführung des besprochenen Planes lieh.

Angenommen, er entdeckte wirklich mit meiner Hülfe Stephan Monktons Leichnam, und brachte ihn nach England zurück — war es wohlgetan von mir, die eheliche Verbindung, welche aller Wahrscheinlichkeit nach gleich darauf folgen würde, zu befördern — eine Verbindung, deren möglichste Verhinderung eigentlich die Pflicht eines jeden hätte sein müssen? Diese Betrachtung führte mich auf den Grad seines Wahnsinns, oder, um einen milderen Ausdruck zu gebrauchen, seiner Geistesstörung Es konnte kein Zweifel darüber herrschen, dass er in der Unterhaltung über gewöhnliche Gegenstände jeder Art einen völlig gesunden Verstand zeigte; sogar die ganze Erzählung dieses Abends hatte er in klarer, logischer Verbindung vorgetragen. Was die behauptete Erscheinung betraf, so lässt sich nur sagen, dass es zu allen Zeiten auch viele andere Leute gegeben hat, die geistig ebenso gesund wie ihre Mitmenschen waren, und sich doch von einem Phantome verfolgt glaubten, und sogar lange philosophische Abhandlungen darüber schrieben. Es schien mir klar zu sein, dass der Grund zu dieser eingebildeten Erscheinung in Alfreds Überzeugung von der Wahrheit jener alten Prophezeiung und in dem Glauben liege, dass er einen warnenden Fingerzeig von oben erhalten habe. Sein einsames Leben in der Abtei, in Verbindung mit reizbaren Nerven und einer in der Familie vielleicht erblichen Anlage zu geistigen Krankheiten, machte eine solche Selbsttäuschung sehr erklärlich.

War ein solcher Zustand heilbar? Miss Elmslys Handlungsweise, die ihn viel besser kannte als ich, ließ darauf schließen, dass sie an die Möglichkeit glaubte. War ich berechtigt, sie ohne weiteres eines Irrtums zu bezichtigen? Angenommen, ich weigerte mich, mit ihm an die Grenze zu gehen — war nicht mit Gewissheit anzunehmen, dass er sich allein dahin begeben und vielleicht großen Unfällen aussetzen werde, während ich, ein müßiger Mensch, in Neapel blieb und ihn seinem Schicksale überließ, nachdem ich selbst den Plan zu der Unternehmung entworfen und ihn ermuntert hatte, Vertrauen in mich zu setzen?

Gewisse Vorbereitungen zu unserer Abreise, die ich nach einer zweiten Zusammenkunft mit Alfred für nötig erachtete, verrieten den Plan den meisten unserer Bekannten in Neapel. Ihr Erstaunen war unbeschreiblich, und der Verdacht, dass ich fast ebenso wahnsinnig sei wie Monkton, sprach sich allgemein gegen mich aus. Manche versuchten sogar meinen Entschluss wankend zu machen, indem sie mir erzählten, was für ein verächtlicher Wüstling Stephan Monkton gewesen sei; allein alle Spöttereien machten eben so wenig Eindruck auf mich, als Gründe irgend einer Art. Mein Entschluss war gefasst, und ich beharrte dabei.

In zwei Tagen war alles in Bereitschaft. Ich bestellte den Wagen absichtlich einige Stunden früher als ursprünglich verabredet worden, um, mit Rücksicht auf meinen Freund, den uns bei der Abreise angedrohten Spöttereien zu entgehen; denn Letzterer befand sich in Folge der Vorbereitungen in einer Aufregung, die mir durchaus nicht lieb war. Kurz nach Sonnenaufgang also, als noch keine Seele auf den Straßen sichtbar war, verließen wir in aller Stille Neapel.

Jedermann wird mir glauben, wenn ich sage, dass meine Lage nicht zu beneiden war. Mit Furcht und Scheu blickte ich jedem kommenden Tage entgegen, als ich jetzt in der Gesellschaft des »armen, wahnsinnigen Monkton« die Reise antrat, um längs der römischen Grenze den Leichnam eines im Zweikampfe Gefallenen aufzusuchen.

IV

Ich war nach reiflicher Überlegung zu der Ansicht gekommen, dass es am zweckmäßigsten sei, die dicht an der Grenze gelegene Stadt Fondi zu unserem Hauptquartier zu machen und von dort aus die Nachforschungen zu beginnen, und hatte deshalb die Anordnung getroffen, dass der bleierne Sarg in seiner hölzernen Hülle bis dahin nachgesendet werde. Außer unseren Pässen hatten wir von der Gesandtschaft Empfehlungsbriefe an die Behörden der bedeutenderen Grenzstädte erhalten, und besaßen Geld genug, um alle nötigen Dienste in Anspruch nehmen zu können. Diese verschiedenen Hilfsquellen mussten unsere Bewegungen und die Erreichung des Zweckes — sofern er überhaupt zu erreichen war — bedeutend erleichtern; allein in dem sehr wahrscheinlichen Falle des Fehlschlagens waren die weiteren Aussichten für mich sehr trüber Art. Ich gestehe, ich empfand keine geringe Unruhe und hegte nicht die leiseste Hoffnung, als wir unter der brennenden italienischen Sonne unseren Weg nach Fondi verfolgten.

Mit Rücksicht auf Monktons Zustand drang ich darauf, kurze Tagreisen zu machen. Am ersten Tage war seine Aufregung von der Art, dass sie mich fast ganz außer Fassung brachte. Er ließ so viele verschiedene Zeichen von Geistesstörung erkennen, wie ich noch nie zuvor an ihm bemerkt hatte. Am zweiten Tage wurde er jedoch ruhiger, und schien sich an den ihn so heftig aufregenden Gedanken, dass die Nachforschungen von ihm selbst jetzt wirklich begonnen seien, mehr gewöhnt zu haben. So lange ich einen gewissen Punkt nicht berührte, war er sogar heiter und völlig gelassen; wenn aber das Gespräch auf seinen verstorbenen Oheim fiel, wiederholte er stets mit der größten Leidenschaftlichkeit die Behauptung — natürlich nur auf Grund der alten Prophezeiung und unter dem Einflusse der Erscheinung, welche er zu sehen wähnte, dass der Leichnam, wo er sich auch befinde, bis jetzt noch unbeerdigt sei. In jedem anderen Punkte folgte er mir mit der größten Nachgiebigkeit; in diesem aber beharrte er bei seiner Meinung mit einer Hartnäckigkeit, gegen die alle Vorstellungen vergeblich waren.

Am dritten Tage erreichten wir Fondi und machten daselbst Halt. Die Kiste mit dem Sarge kam an und wurde an einem sicheren Orte untergebracht. Dann mieteten wir mehrere Maultiere und nahmen einen Führer, welcher die Gegend genau kannte. Um den eigentlichen Zweck unserer Reise nicht bekannt werden zu lassen, teilten wir ihn nur solchen Personen mit, in die wir volles Vertrauen setzen konnten, und folgten übrigens dem Beispiele der Duellanten, indem wir früh am Morgen des vierten Tages, mit Skizzenbüchern und Farbenkasten versehen, aufbrachen, als wollten wir einen Ausflug machen, um die malerischen Punkte der Umgegend zu besuchen.

Nachdem wir unseren Weg mehrere Stunden in nördlicher Richtung fortgesetzt hatten, hielten wir, um uns selbst und unseren Tieren einige Ruhe zu gönnen, in einem wild gelegenen Dörfchen an, wohin noch wenige Touristen gekommen sein mochten.

Die einzige gebildete Person im Orte war der Priester. Zu ihm begab ich mich allein, Monkton beim Führer zurücklassend, um die ersten Erkundigungen einzuziehen. Ich war der italienischen Sprache hinreichend mächtig, und beobachtete bei Eröffnung meines Geschäftes die größte Höflichkeit und Vorsicht; aber aller Bemühungen unerachtet hatten meine Worte keine andere Wirkung, als dass sie den armen Priester in den größten Schrecken versetzten. Der Gedanke an einen Zweikampf und einen Erschlagenen machte ihn beben. Er verbeugte sich, krümmte sich, blickte gen Himmel, zuckte die Achseln, und versicherte mit echt italienischer Zungenfertigkeit und Breite, dass er kein Wort von allem verstehe, was ich sage. Das war unsere erste Täuschung, und ich gestehe, dass sie mich nicht wenig entmutigte.

Nachdem die Hitze des Tages vorüber war, setzten wir unsere Reise fort. Ungefähr drei Meilen vom Dorfe teilte sich die Straße in zwei Richtungen. Der Weg zur Rechten führte, wie wir hörten, in die Berge und zu einem etwa sechs Meilen entfernten Kloster, während der andere durch die Ebene weiter in das römische Gebiet hinein lief und uns zu einer kleinen Stadt brachte, wo wir übernachten konnten. Er eröffnete uns das größere und zugleich schwierigere Feld für unsere Forschungen. Blieben diese fruchtlos, so konnten wir nach unserer Rückkehr von Fondi aus leicht den kürzeren, zum Kloster führenden Weg durchsuchen. Diese Rücksicht bestimmte uns, zuerst die linke Richtung einzuschlagen. Die Expedition dauerte volle acht Tage und lieferte nicht das geringste Resultat, so dass wir getäuscht und entmutigt nach Fondi zurückkehren mussten.

Die Wirkung, welche dieses Fehlschlagen unserer Hoffnungen auf Monktou hatte, beunruhigte mich jedoch viel mehr, als das Fehlschlagen selbst. Sobald wir genötigt waren, den Rückweg anzutreten, schien sein Mut völlig zusammen zu brechen. Er wurde erst reizbar und eigensinnig, dann schweigsam und verzagt, und sank endlich in eine Lethargie, die mich nicht wenig ängstigte. Am Morgen nach unserem Wiedereintreffen in Fondi verriet er eine besondere Neigung fortwährend zu schlafen, was mich eine Gehirnkrankheit befürchten ließ. Den ganzen Tag sprach er kaum ein Wort mit mir, und schien nie völlig wach zu sein. Als ich am nächsten Tage in sein Zimmer trat, fand ich ihn in demselben Zustande. Sein Bedienter, welcher uns begleitete, sagte mir jedoch, dass Alfred schon bei Lebzeiten seines Vaters, in Wincot, mehrmals in einen ähnlichen Zustand verfallen sei. Die Mitteilung beruhigte mich etwas, und ließ mich wieder an den Zweck denken, der uns nach Fondi geführt.

Ich beschloss, die Zeit, bis mein Reisegefährte sich wieder wohler fühlte, zu benutzen und die Bemühungen inzwischen allein fortzusetzen. Der Weg zur Rechten, nach dem Kloster führend, war noch nicht erforscht worden. Ich brauchte zu diesem Zwecke nur eine Nacht abwesend zu sein, und konnte Monkton bei meiner Rückkehr mindestens darüber Gewissheit geben, ob auch in dieser Richtung nichts zu finden sei. Schnell entschlossen, ließ ich für meinen Freund schriftlich ein paar Worte zurück, im Falle er nach mir fragen sollte, und machte mich wieder auf den Weg nach dem Dorfe, wo wir angehalten und die Expedition in das römische Gebiet begonnen hatten. Da es meine Absicht war, nach dem Kloster zu Fuß zu gehen, so befahl ich dem Führer, mit den Maultieren im Dorfe zu bleiben und meine Rückkehr abzuwarten.

Während der ersten vier Meilen lief der Pfad durch eine offene, freie Gegend sanft aufwärts, wurde dann aber plötzlich steiler, und führte in dichte, weite Waldungen. Als meine Uhr mir sagte, dass ich die angegebene Entfernung von sechs Meilen zurückgelegt haben müsse, war die Aussicht noch auf allen Seiten beengt, und selbst der Himmel über mir war wegen des dichten Landes kaum sichtbar. Wenige Minuten später jedoch öffnete sich die Waldung, ich trat auf einen freien und ebenen Platz, und vor mir lag das alte Kloster.

Es war ein niedriges, finsteres Gebäude, in dessen Nähe sich nirgends eine Spur von Leben zeigte. Grüne Moderflecken bedeckten die Wände der Kapelle, dickes Moos wucherte an den Mauern der anderen Gebäude, und langes Unkraut hing vom Dache herab, und wehte vor den vergitterten Fenstern hin und her. Das der Pforte gegenüber stehende Kreuz, mit seiner verstümmelten menschlichen Figur, war am Fuße dergestalt mit kriechendem Gewürm bedeckt und sah überhaupt so grün, widrig und verfault aus, dass ich mich mit Ekel davon abwandte.

An der Pforte selbst hing eine Glockenschnur mit einem zerbrochenen Griffe. Ich näherte mich ihr — zögerte, ohne selbst zu wissen weshalb —- blickte an dem Kloster hinauf, und schritt dann langsam der hinteren Seite des Gebäudes zu, teils um zu überlegen, was jetzt am zweckmäßigsten zu tun sei, teils aus eitler mir selbst unerklärlichen Neugierde, die ganze Außenseite zu sehen, ehe ich um Einlass bat.

An der Hinterseite des Klosters fand ich einen angebauten Schuppen, dessen Dach größtenteils eingesunken war, und in dessen einer Seitenwand sich ein regelmäßiges Loch befand, das früher vielleicht ein Fenster gewesen war. Hinter diesem Schuppen wuchsen die Bäume so dicht, dass ich kaum erkennen konnte, ob der Boden sich dort hob oder senkte, und ob er mit Gras, Erde oder Steinen bedeckt sei.

Kein Laut unterbrach die drückende Stille; kein Vogel ließ sich im Walde hören, keine Stimme sprach im Klostergarten, keine Uhr im Kirchturme schlug, und selbst kein Hund bellte. Die Totenstille machte die Einsamkeit noch einsamer. Ich fühlte mich gedrückt, umso mehr, als ich nie den Aufenthalt in dichten Wäldern geliebt hatte. Die freie, offene Weite, wo das Auge in den blauen Himmel schauen und ungehindert schweifen kann, war mir stets lieber als das düstere, stille Waldesdunkel. Während ich an jenem Schuppen stand, fühlte ich die größte Neigung umzukehren und das Gehölz so schnell als möglich wieder zu verlassen, und würde dies unzweifelhaft getan haben, wenn mich nicht der Gedanke an meinen armen Freund davon abgehalten hätte. Es war sehr zweifelhaft, ob ich überhaupt Einlass in das Kloster fand, wenn ich auch die Glocke zog, und noch zweifelhafter, ob die Bewohner mir die geringste Auskunft über den Gegenstand meiner Nachforschungen eben konnten. Allein die Pflicht lag mir ob, kein Mittel unversucht zu lassen, und so entschloss ich mich, nach der Pforte zurückzukehren und die Glocke zu ziehen, was auch der Erfolg sein mochte.

Zufällig schaute ich in diesem Augenblicke an der Seitenwand des Schuppens in die Höhe, wobei es mir auffiel, dass das vorher erwähnte Loch ungewöhnlich hoch angebracht war; und während ich still stand, um es näher in Augenschein zu nehmen, wurde mir plötzlich die Schwüle der Luft noch lästiger, als sie bisher gewesen war. Ich wartete einige Augenblicke und nahm die Halsbinde ab, allein es half nichts, und ich glaubte zu entdecken, dass es noch etwas anderes als Schwüle sei, was mir so lästig war. Die Luft schien meiner Nase unangenehmer zu sein als den Lungen, und war mit einem mir bis dahin ganz unbekannten Geruche geschwängert, der desto stärker wurde, je näher ich dem Schuppen trat.

Diese Bemerkung führte mich leicht zu dem Orte seines Ursprungs und erregte meine Neugierde. Ich sammelte von den in großer Menge umher liegenden Mauer- und Ziegelsteinen eine genügende Anzahl, häufte sie unter der erwähnten Öffnung an der Wand übereinander, trat darauf und schaute — nicht ohne ein leises Gefühl von Scham — in das Innere des Schuppens.

Der entsetzliche Anblick, welcher sich meinen Augen darbot, ist mir heute noch so gegenwärtig, als wenn es gestern gewesen wäre, und selbst jetzt, nach so langer Zeit, kann ich nicht daran denken, ohne von einem Schauder überrieselt zu werden.

Das Erste, was ich zu erkennen vermochte, war ein liegender, lang ausgestreckter Gegenstand, auf einer Art von Schragen ruhend, der mit bläulicher Farbe bedeckt war, und die dunkeln Umrisse einer menschlichen Gestalt zu haben schien. Ich blickte wieder hin, und fand meine Vermutung bestätigt. Die Erhöhungen der Stirn, der Nase, des Kinnes waren wie durch einen Schleier gesehen erkennbar, ebenso die Wölbung der Brust, die Knie und die steif aufgerichteten Fußspitzen. Allmälig gewöhnte sich mein Auge an die im Schuppen herrschende Dämmerung — denn das Licht drang durch das eingesunkene Dach nur sehr dürftig ein — und ich überzeugte mich, dass der Gegenstand, den ich sah, nach der großen Länge zu schließen, der mit einem Leichentuche bedeckte Leichnam eines Mannes war. Das Tuch schien jedoch so lange auf dem Körper gelegen zu haben, dass es allmälig die bläuliche Farbe der Verwesung angenommen hatte.

Wie lange meine Augen auf diesen schrecklichen Anblick, diese widerlichen, die Luft verpestenden menschlichen Überreste gerichtet blieben, weiß ich nicht, nur entsinne ich mich, dass ein fernes Sausen unter den Bäumen an mein Ohr schlug, wie wenn der Wind sich erhöbe, und dass ein welkes Blatt langsam und lautlos durch das offene Dach auf den vor mir liegenden Körper fiel, was mich endlich wieder zur Besinnung brachte. Ich stieg von meinem erhöhten Standpunkte herab, setzte mich auf den Steinhaufen, und trocknete den dicken, meine Stirn bedeckenden Schweiß ab, dessen ich erst jetzt gewahr wurde. Meine Nerven waren furchtbar angegriffen und, wie ich deutlich empfand, nicht bloß in Folge jenes widerlichen Anblicks. Monktons Versicherung, dass wir, wenn es uns gelingen sollte, seines Oheims Leichnam zu entdecken, ihn unbeerdigt finden würden, fiel mir augenblicklich ein, sobald ich den Schragen mit seiner grauenhaften Last gewahrte. Ich dachte an die alte Prophezeiung, und eine dunkle Ahnung kommenden Übels stieg in mir auf, eine unerklärliche Bangigkeit bemächtigte sich meiner, und tiefes Mitleid erfüllte mich für den armen jungen Mann, der in der Stadt auf meine Rückkehr wartete. Die abergläubische Furcht hatte auch mich angesteckt und raubte mir fast meine klare Besinnung und Überlegung.

Endlich ermannte ich mich, eilte zur Klosterpforte, zog heftig die Glocke — wartete eine Weile, schellte von neuem, und hörte endlich Fußtritte näher kommen.

In der Mitte der Pforte, gerade meinem Gesichte gegenüber, war ein Schieber angebracht, der jetzt von innen geöffnet wurde. Hinter dem Drahtgitter zeigten sich dann ein Paar graue Augen, die mich neugierig anstarrten, und eine schwache heisere Stimme fragte:

»Worin besteht Ihr Verlangen?«

»Ich bin ein Reisender —«, begann ich.

»Wir leben in einem sehr armen Kloster«, unterbrach er mich, »und haben den Reisenden durchaus keine Merkwürdigkeiten zu zeigen.«

»Ich komme nicht in dieser Absicht, sondern nur um eine Frage von der größten Wichtigkeit zu tun, die, wie ich vermute, irgendjemand im Kloster zu beantworten im Stande sein wird. Wenn Sie mich nicht einlassen wollen, so kommen Sie mindestens heraus, um mit mir zu sprechen.«

»Sind Sie allein?«

»Ganz allein.«

»Befinden sich keine Frauenzimmer bei Ihnen?«

»Nein.«

Die Pforte wurde geöffnet, und ein alter, schwacher, mich argwöhnisch betrachtender und sehr schmutziger Kapuziner stand vor mir. Viel zu aufgeregt und ungeduldig, um lange Zeit mit einer Vorrede zu verlieren, sagte ich ihm kurz, dass ich durch die Öffnung in den Schuppen geblickt und daselbst einen Leichnam wahrgenommen hätte, und fragte ihn, wer der Mann sei, und weshalb er noch nicht beerdigt worden.

Der alte Kapuziner hörte mich misstrauisch an, blinzelte mit seinen triefenden Augen, während er in einer zinnernen Schnupftabaksdose vergeblich nach einigen darin zurückgebliebenen Körnern zu suchen schien, schüttelte dann den Kopf und äußerte , es sei allerdings der abscheulichste Anblick, auf den ein menschliches Auge fallen könne.

»Ich spreche nicht von dem Anblick«, war meine Antwort; »ich wünsche zu wissen, wer der Mann war, wie er starb, und weshalb er noch nicht beerdigt worden ist. Können Sie es mir sagen?«

Die Finger des Mönchs hatten jetzt drei oder vier Körner Tabak erhascht; er sog sie langsam ein, hielt die offene Dose unter die Nase, um jede Verschwendung zu verhüten, schnüffelte ein paarmal behaglich, und sah mich dann mit seinen triefenden Augen noch misstrauischer an als vorher.

»Ja, es ist ein hässlicher Anblick — der dort, im Schuppen«, sagte er, »ein sehr hässlicher Anblick.«

Ich hatte die größte Mühe, meine Gelassenheit zu bewahren. Mit Gewalt unterdrückte ich eine mir auf den Lippen schwebende sehr unehrerbietige Äußerung über Mönche im Allgemeinen, und machte noch einen Versuch, die mich ärgernde Verschlossenheit des alten Mannes zu besiegen. Glücklicherweise war ich selbst ein Schnupfer, und hatte eine mit dem besten Tabak gefüllte Dose in der Tasche. Diese zog ich jetzt als Bestechungsmittel hervor, sie war meine letzte Hülfsquelle.

»Ich glaube, Ihre Dose ist leer«, sagte ich; »wollen Sie nicht von meinem Tobak versuchen?«

Das Anerbieten wurde von ihm mit großer Bereitwilligkeit angenommen. Er holte die größte Prise, die ich jemals zwischen den Fingern eines Mannes gesehen, aus meiner Dose, sog sie langsam ein, ohne ein Körnchen zu verschütten, schloss halb die Augen, und klopfte mir dann mit väterlicher Miene auf die Schulter.

»Ah, mein Sohn«, sagte er, »welcher vortreffliche Tabak? Liebenswürdiger Reisender, geben Sie Ihrem geistlichen Vater noch eine Prise.«

»Erlauben Sie mir Ihre Dose zu füllen, ich habe immer noch genug für mich.«

Diese Worte waren noch nicht ausgesprochen, als sich schon seine Dose in meinen Händen befand. Mir abermals beifällig auf die Schulter klopfend, ergoss sich seine heisere Stimme in Lobsprüchen und Danksagungen. Ich hatte die schwache Seite des Kapuziners entdeckt und machte augenblicklich Gebrauch davon.

»Verzeihen Sie, wenn ich Sie noch einmal mit Fragen über jenen Gegenstand belästige«, begann ich; »allein ich habe besondern Grund zu wünschen, dass Sie mir alles mitteilen, was zur Aufklärung über jenen entsetzlichen Anblick im Schuppen dienen kann.«'

»Treten Sie ein«, antwortete der Mönch.

Er zog mich in die Pforte, schritt über einen mit Unkraut bewachsenen Hof voran, und führte mich in ein langes, niedriges Gemach, worin sich keine anderen Mobilien befanden, als ein ziemlich schmutziger Esstisch, einige rohe Holzstühle und ein paar von Staub und Rauch geschwärzte Gemälde. Es war die Sakristei.

»Hier ist es hübsch kühl und wir sind allein«, sagte der alte Kapuziner.

Es war in der Tat so kalt und feucht darin, dass mich ein Schauder überlief.

»Möchten Sie vielleicht die Kirche sehen?« fuhr er fort, »ein wahres Juwel von einer Kirche; wenn wir sie nur in baulichem Stand erhalten könnten — aber wir können es nicht. Wir sind zu arm!«

Er schüttelte den Kopf und begann an einem großen Schlüsselbunde zu suchen.

»Bemühen Sie sich nicht!« rief ich. »Sagen Sie nur, ob Sie mir die erbetene Auskunft geben können oder nicht.«

»Alles, alles will ich Ihnen sagen — von Anfang bis zu Ende. Ich war es ja, der die Pforte öffnete, als geschellt wurde, denn es ist mein Geschäft«, versetzte der Mönch.

»Um des Himmels willen! Was hat denn das Schellen mit dem unbeerdigten Leichnam im Schuppen zu tun?«

»Hören Sie, mein Sohn, und Sie werden es erfahren. Vor einiger Zeit — es mögen mehrere Monate sein — ach! Ich bin alt und habe kein Gedächtnis mehr! — ich weiß nicht mehr, wie viele Monate es sind — ich bin ein armer, alter Mönch!«

Nach diesen abgerissenen Worten griff er wieder zu seinem einzigen Troste, der Dose.

»Es kommt auf die Zeit nicht an«, bemerkte ich, »fahren Sie nur fort.«

»Gut — also wir wollen sagen vor einigen Monaten. Die ganze Brüderschaft befand sich beim Frühstück — dem erbärmlichen Frühstück, mein Sohn, wie wir es hier im Kloster genießen — als wir plötzlich ‚piff! paff!‘ hören. ‚Schüsse,‘ sagte ich. ‚Was bedeuten diese Schüsse?‘ fragte Bruder Jeremias. ‚Es werden Jäger sein,‘ bemerkte Bruder Vincent. ‚Wenn ich es noch öfter höre, so werde ich hinaus schicken, um zu sehen, was die Schüsse bedeuten,‘ sagte der Pater Superior. Allein wir hörten nichts mehr, und fuhren mit unserem elenden Frühstück fort.«

»Aus welcher Gegend kamen die Schüsse?« fragte ich.

»Von dort, jenseits der dichten Bäume her, die an der Hinterseite unseres Klosters stehen, wo ein hübscher, ebener Rasenplatz ist, wenn sich nur nicht so viele Pfützen darauf befänden! Ach, mein Sohn, es ist hier bei uns sehr feucht und ungesund!«

»Nun, was geschah denn nach den Schüssen?«

»Sie werden es hören. Wir saßen noch alle beim Frühstück — ganz still; denn wovon sollen wir sprechen? Wir haben nur unsere Andachtsübungen zu verrichten, den elenden Küchengarten zu bebauen und unsere Mahlzeiten zu verzehren. Also wir saßen alle still und schweigend, als plötzlich die Glocke an der Pforte auf eine so fürchterliche Weise gezogen wurde, dass wir sämtlich erschraken, und uns die elenden Bissen im Halse stecken blieben. ‚Geh, mein Bruder‘, sagte der Pater Superior zu mir — ‚geh‘ und tue Deine Pflicht!‘ Ich bin mutig wie ein Löwe und gehorchte. Erst schlich ich mich auf den Zehen an die Pforte und wartete — horchte —- zog den Schieber zurück, und wartete und horchte wieder, und blickte endlich hinaus; aber nichts, gar nichts war zu sehen. Mutig und furchtlos öffnete ich die Pforte. Ach, himmlische Mutter! was sah ich auf der Schwelle vor mir liegen? — Einen toten, großen Mann, viel größer als Sie und ich und irgendjemand hier im Kloster, mit schwarzen Augen, die stier und gebrochen gen Himmel blickten, und mit Blut bedeckt, das auf der Brust hervorzuquellen schien. Was tat ich? Ich schrie laut, ein — zweimal — und lief zum Pater Superior zurück.«

Alle besonderen Umstände des unglücklichen Duells, wie ich sie in Monktons Zimmer zu Neapel in der französischen Zeitung gelesen hatte, fielen mir bei dieser Erzählung ein, und meine Vermutungen in Bezug auf den im Schuppen entdeckten Leichnam wurden zur Gewissheit.

»Alles das verstehe ich«, war meine Antwort. »Der im Schuppen liegende Körper ist der Leichnam des Mannes, den Sie an der Pforte fanden. Aber sagen Sie mir, weshalb dem Unglücklichen bis jetzt ein ehrliches Begräbnis versagt worden ist.«

»Warten Sie, warten Sie« fuhr er fort. »Der Pater Superior hörte mich schreien und kam heraus. — Wir gingen zur Pforte zurück, hoben den großen, schweren Mann auf, und betrachteten ihn genauer. Tot, natürlich tot war er, wie ein Stück Holz. Wir untersuchten seine Kleidung, und fanden ein Blättchen Papier-, das mittelst einer Nadel an den Rockkragen befestigt war. Ah, mein Sohn, Sie erschrecken? Ja, ja, ich dachte mir-es wohl, dass Sie erschrecken würden.«

Ich stutzte allerdings. Das Papier war ohne Zweifel jenes in der unbeendigten Schilderung des Sekundanten erwähnte Blatt, welches er aus seinem Taschenbuche gerissen und, mit einer kurzen Angabe über die Todesart des Verstorbenen, an dessen Kleidung befestigt hatte. Wenn es noch eines Beweises über die Identität des Leichnams bedurfte, so lieferte ihn dieser Umstand.

»Was glauben Sie, dass auf dem Papier geschrieben stand?« fuhr der Kapuziner fort. »Wir lasen und schauderten. Der Tote hatte sein Leben in einem Duell verloren. Der Elende war bei der Begehung einer Todsünde umgekommen, und diejenigen, welche ihn umgebracht hatten, oder dabei gegenwärtig gewesen waren, verlangten von uns frommen Männern, den Dienern des Himmels und Kindern des heiligen Vaters — verlangten von uns, ihn zu beerdigen! Wir waren empört, als wir dies lasen. Wir stöhnten, rangen die Hände, rauften uns den Bart aus — und«

»Halt, halt!« unterbrach ich ihn, als ich sah, dass der alte Mann sich bei seiner Erzählung unnötig erhitzte und vom Gegenstande abkam — »warten Sie einen Augenblick. Haben Sie jenes Blättchen Papier aufbewahrt, und kann ich es sehen?«

Der Kapuziner war im Begriffe mir zu antworten, als er plötzlich stutzte. Ich sah ihn seine Blicke nach einer andern Richtung wenden, und hörte zugleich, dass hinter mir eine Tür leise geöffnet und wieder geschlossen wurde.

Mich umblickend, gewahrte ich einen andern Mönch in der Sakristei — einen mageren großen Mann mit schwarzem Bart, in dessen Gegenwart mein alter Freund mit der Schnupftabaksdose plötzlich eine sehr demütige Haltung annahm. Ich vermutete, dass es der Pater Superior sei, und fand dies durch seine ersten Worte bestätigt.

»Ich bin der Superior dieses Klosters«, sagte er mit ruhiger, klarer Stimme, während er mir, kalt und scharf beobachtend, gerade in das Gesicht blickte. »Ich habe den letzten Teil Ihrer Unterredung gehört, und wünsche zu wissen, weshalb Sie so dringend verlangen, das am Körper des Toten gefundene Papier zu sehen.«

Die Kaltblütigkeit, mit der er gestand gehorcht zu haben, und der ruhige, befehlende -Ton, mit dem er seine Frage aussprach, setzten mich etwas in Verlegenheit. Ich wusste nicht recht, wie ich ihm antworten sollte. Er sah mein Zögern, aber schrieb es einem unrichtigen Grunde zu, und gab dem alten Kapuziner ein Zeichen sich zu entfernen. Demütig seinen langen und grauen Bart streichend, bewegte sich mein ehrwürdiger Freund langsam der Türe zu, und verließ das Gemach mit einer tiefen Verbeugung.

»Jetzt, mein Herr«, sagte der Superior ebenso kalt, wie vorher-, ,,bitte ich um Ihre Antwort.«

»Sie sollen sie so kurz als möglich haben«, versetzte ich in demselben Tone. »Zu meinem Schrecken und größten Ekel habe ich die Entdeckung gemacht, dass sich in einem zu Ihrem Kloster gehörigen Schuppen ein unbeerdigter menschlicher Leichnam befindet. Ich vermute, dass es der Körper eines Engländers ist, der im Duell das Leben verloren hat, und dessen Überreste schon seit langer Zeit gesucht werden. Zu diesem Zwecke bin ich mit seinem Neffen, dem einzigen noch lebenden Anverwandten des Erschlagenen, in diese Gegend gekommen, und wünsche das am Körper gefundene Papier zu sehen, weil ich annehmen darf, dass der Inhalt uns Gewissheit über die Identität des Leichnams geben wird. Genügt Ihnen diese Antwort, und sind Sie geneigt, mich das Papier sehen zu lassen?«

»Ihre Antwort genügt mir, und ich sehe keinen Grund, weshalb ich diesen Wunsch versagen sollte«, erwiderte der Superior; »allein ich habe noch eine Bemerkung zu machen. Sie bedienten sich in Ihrer Rede der Worte ‚Schrecken und Ekel‘ mit Rücksicht auf den in der Nähe unseres Klosters entdeckten Gegenstand, und diese Freiheit des Ausdrucks beweist mir, dass Sie nicht der katholischen Kirche angehören. Es steht Ihnen daher kein Recht zu, Aufklärungen von mir zu erwarten, aber ich will sie Ihnen dennoch aus Gefälligkeit geben. Der Erschlagene starb ohne Absolution bei Begehung einer Todsünde. Dies ergibt sich aus dem Inhalte des auf seinem Körper gefundenen Papiers, und durch die Wahrnehmung unserer eigenen Augen und Ohren wissen wir, dass er auf dem Gebiete des Kirchenstaates seinen Tod gefunden hat, und zwar bei einer Handlung, welche die vom heiligen Vater erlassenen und neuerdings allen Gläubigen besonders eingeschärften Gesetze gröblich verletzte. Der innerhalb dieses Klosters belegene Grund und Boden ist geweiht, und wir, als katholische Geistliche, können nicht Ketzer, Feinde des Papstes und Verächter unserer heiligen Gesetze, darin beerdigen. Außerhalb der Ringmauern unseres Klosters haben wir weder Macht noch Rechte; und hätten wir beides, so dürften wir doch nicht vergessen, dass wir Mönche nicht Totengräber sind, und dass die einzige Handlung, welche von uns erwartet werden kann, in Gebeten für den Abgeschiedenen besteht. Dies ist alles, was ich mich veranlasst fühlen kann, Ihnen über diesen Gegenstand zu sagen. Warten Sie hier einen Augenblick, Sie sollen sogleich das Papier sehen.«

Nach diesen Worten verließ er das Gemach ebenso geräuschlos, wie er gekommen war.

Ich hatte kaum Zeit, über diese kurzen, gemessenen, mich durch Ton und Sprache verletzenden Erklärungen nachzudenken, als der Superior mit dem Papier zurückkehrte. Er legte es vor mich auf den Tisch, und ich las die mit Bleistift darauf geschriebenen also lautenden Zeilen:

»Dieses Papier befindet sich auf dem Körper des verstorbenen Mr. Stephan Monkton, eines Engländers von Rang. Er wurde in einem von beiden Teilen ehrenhaft ausgeführten Duell erschossen. Der Leichnam ist vor die Tür des Klosters gelegt worden, damit er von den Bewohnern beerdigt werde, da der überlebende Kämpfer und die Sekundanten genötigt sind, ihrer Sicherheit halber die schleunigste Flucht zu ergreifen· Der Schreiber dieses und Sekundant des Gefallenen versichert auf sein Ehrenwort, dass die Kugel, welche Letzteren tötete, ganz den Gesetzen der Ehre und den vor dem Duell verabredeten Bestimmungen gemäß abgeschossen worden ist. F.«

Ich erkannte an dem unterzeichneten Buchstaben sogleich den Namen Foulons, des Sekundanten Mr. Monktons, welcher in Paris gestorben war.

Die Entdeckung und der Beweis der Identität des Körpers waren jetzt vollständig, und es blieb nichts mehr zu tun, als Alfred davon in Kenntnis zu setzen und den Leichnam fortzuschaffen. Ich traute meinen Sinnen kaum, als ich sah, dass der anscheinend unerreichbare Zweck durch den reinsten Zufall vollständig erreicht worden war.

»Der Beweis, den dieses Papier liefert, lässt keinen Zweifel übrig«, sagte ich, es zurückgebend. »Der Gegenstand unserer bisherigen Nachforschungen ist gefunden. Darf ich fragen, ob Hindernisse irgendeiner Art im Wege stehen würden, wenn der Neffe des Verstorbenen wünschen sollte, den Leichnam seines Oheims mit sich nach der Familiengruft in England zu führen?«

»Wo befindet sich der Neffe?« fragte der Superior.

»Er erwartet jetzt meine Rückkehr in der Stadt Fondi.«

»Kann er sein verwandtschaftliches Verhältnis nachweisen?«

»Gewiss. Seine Papiere werden darüber keinen Zweifel lassen.«

»Er mag die Erlaubnis der Zivilbehörde dazu einholen, und darf dann versichert sein, dass von uns kein Hindernis in den Weg gelegt werden wird.«

Ich hatte keine Lust, mit dem finsteren alten Mann länger zu sprechen, als durchaus nötig war. Überdies neigte sich der Tag, und da ich wünschte, Fondi noch an demselben Abende zu erreichen, so musste ich eilen. Mit der Versicherung meines Dankes und dem Bemerken, dass ich im Laufe der nächsten Tage zurückkehren würde, nahm ich deshalb Abschied von dem Superior und verließ die Sakristei.

An der Klosterpforte stand mein alter Freund mit der Dose, meiner wartend, um mich hinauszulassen.

»Gott segne Sie, mein Sohn«, sagte er, mir zum Abschiede auf die Schulter klopfend. »Kehren Sie bald zu Ihrem geistlichen Vater zurück, der Sie lieb hat, und vergessen Sie nicht, ihm eine kleine Quantität von dem köstlichen Tobak mitzubringen.«

V

Ich eilte nach dem Dorfe zurück, wo die Maultiere meiner warteten, ließ sie satteln, und erreichte Fondi noch vor Sonnenuntergang.

Als ich die Treppe unseres Gasthofe hinaufstieg, befand ich mich in nicht geringer Verlegenheit, auf welche Weise die gemachte Entdeckung meinem Freunde am zweckmäßigsten mitzuteilen sei. Wenn es mir nicht gelang, ihn gehörig vorzubereiten, so konnte die Wirkung bei seiner Gemütsverfassung höchst nachteilig sein. Ich öffnete die Tür seines Zimmers, ohne zu wissen, was ich tun sollte; und als ich ihm endlich gegenüber stand, überraschte mich die Art seines Empfanges dergestalt, dass ich die Fassung ganz verlor.

Jede Spur von Anspannung war aus seinen Zügen ganz verschwunden. Die Augen leuchteten, und auf den Wangen brannte hohe Röte. Er sprang auf und stieß meine dargebotene Hand zurück.

»Sie haben mich nicht wie einen Freund behandelt«, sagte er mit Heftigkeit. »Sie hatten kein Recht, die Nachforschung ohne meine Begleitung fortzusetzen — kein Recht, mich hier allein zurückzulassen. Ich tat Unrecht, Ihnen zu vertrauen; Sie sind nicht besser als die anderen.«

Inzwischen hatte ich mich von meinem Erstaunen etwas erholt, und war im Stande ihm zu antworten, ehe er weiter reden konnte. Aus Gründen mit ihm zu streiten, oder mich überhaupt zu verteidigen, wäre in seinem jetzigen Zustande ganz nutzlos gewesen, und ich beschloss deshalb alles zu wagen, und ihm die Neuigkeit ohne weiteres mitzuteilen.

»Sie werden gerechter gegen mich sein«, sagte ich, »wenn Sie hören, welche Dienste ich Ihnen während meiner Abwesenheit geleistet habe. Wenn mich nicht alles trügt, so ist der Gegenstand, zu dessen Auffindung wir Neapel verlassen haben, uns näher, als —«

Während ich sprach, verließ die Röte seine Wangen. Irgendetwas in meinem Gesicht oder im Tone meiner Stimme hatte seinem durch die Reizbarkeit der Nerven erhöhten Scharfblicke mehr verraten, als ich wünschte. Die Augen starr auf mich richtend und meinen Arm ergreifend, flüsterte er mir mit ängstlicher Spannung zu:

»Sagen Sie mir die reine Wahrheit. Haben Sie ihn gefunden?«

Es war zu spät, um jetzt noch zu zögern, und ich antwortete deshalb bejahend.

»Beerdigt oder unbeerdigt?« rief er mit erhöhter Stimme, meinen Arm noch fester drückend.

»Unbeerdigt.«

Kaum war das Wort über meine Lippen, als das Blut wieder in sein Gesicht stieg, seine Augen zu funkeln begannen, und er in ein lautes, triumphierendes Gelächter ausbrach, das mich unbeschreiblich erschreckte.

»Was habe ich Ihnen gesagt? Was denken Sie jetzt von der alten Prophezeiung?« rief er, meinen Arm loslassend und heftig bewegt im Zimmer auf und abgehend. »Gestehen Sie, dass Sie Unrecht hatten! Gestehen Sie es nur, so wie ganz Neapel es gestehen soll, sobald ich ihn erst sicher im Sarge habe!«

Sein Lachen wurde immer wilder. Vergebens suchte ich ihn zu beruhigen Endlich brach er in Tränen aus. Dieser Bewegung überließ ich ihn und eilte aus dem Zimmer.

Als ich nach einiger Zeit zurückkehrte, saß er ruhig in seinem Lehnstuhle und las einen der vor ihm auf dem Schoße liegenden Briefe. Mit einer fast weiblichen Sanftmut in Blick und Bewegungen stand er auf, ging mir entgegen und reichte mir mit um Vergebung bittender Miene die Hand.

Jetzt war er ruhig genug, um alles hören zu können. Ich verschwieg ihm daher nichts, mit alleiniger Ausnahme des Zustandes, in welchem ich den Leichnam gefunden hatte. Über seine Teilnahme an den ferner zu tuenden Schritten erlaubte ich mir keine Bestimmung, und bat ihn nur, mir die Fortschaffung des Leichnams allein zu überlassen und sich mit der Einsicht der Foulonschen Schrift zu begnügen, nachdem er vorher die Versicherung von mir erhalten hatte, dass die in den Sarg gelegten menschlichen Überreste wirklich diejenigen seien, zu deren Auffinden wir ausgegangen waren.

»Ihre Nerven sind nicht so stark wie die meinigen«, sagte ich zur Entschuldigung dieses Verlangens; »deshalb muss ich Sie bitten, mir die Leitung alles dessen, was noch zu tun ist, so lange zu überlassen, bis der Sarg mit seinem Inhalte sich in Ihrer eigenen Verwahrung befindet. Sobald dies der Fall ist, werde ich mich allen Ihren ferneren Anordnungen unterwerfen.«

»Mir fehlen die Worte, um Ihnen für Ihre Güte zu danken«, erwiderte er; »kein Bruder hätte so viel Geduld mit mir gehabt und mir so großen Beistand geleistet. Wir werden voneinander scheiden«, sagte er leise und langsam, »wenn der leere Platz in Wincots Gruft ausgefüllt sein wird. Dann werde ich mit Ada vor den Altar in der Kapelle treten, und wenn meine Augen den ihrigen begegnen, werden sie das verzerrte Gesicht nicht mehr sehen.«

Nach diesen Worten legte er den Kopf in die Hand, seufzte, und begann mit tonloser Stimme die Strophen der alten Prophezeiung zu wiederholen. Ich versuchte ihn von diesem Gegenstande abzubringen, allein er beachtete nicht, was ich sagte, und fuhr fort zu sprechen.

»Monktons Geschlecht wird erlöschen!« wiederholte er, »aber nicht mit mir. Das Verhängnis droht nicht mehr meinem Haupte. Ich werde dem unbeerdigten Toten sein Grab geben, und den leeren Platz in Wincots Gruft ausfüllen — und dann, dann beginnt ein nettes Leben mit Ada!«

Dieser Name schien ihn zur Besinnung zurückzuführen. Er schob sein Schreibpult näher an sich, legte die Briefe hinein, und nahm einen Bogen Papier heraus.

»Ich will an Ada schreiben«, sagte er, an mich gewendet, »und ihr die frohe Nachricht mitteilen. Ihre Freude darüber wird fast noch größer sein als die meinige.«

Nur diejenigen, welche selbst mit den italienischen Behörden zu tun gehabt haben, können sich eine Vorstellung davon machen, wie sehr unsere Geduld von jedem Beamten, mit dem wir in Berührung kamen, auf die Probe gestellt wurde. Man schickte uns von einem Bureau in das andere, starrte uns an, fragte uns aus, und machte sehr bedenkliche Mienen — nicht etwa deshalb, weil wirkliche Schwierigkeiten vorhanden waren, sondern lediglich, weil jeder Beamte, mit dem wir zu tun hatten, es für notwendig erachtete, seine eigene Wichtigkeit dadurch zu dokumentieren, dass er die Erreichung unseres Zweckes so viel als möglich erschwerte.

Nach reiflicher Überlegung hielt ich es für das Beste, mich nach Rom zu wenden, wo, wie mir bekannt war, die Leichname hoher kirchlicher Würdenträger einbalsamiert zu werden pflegten, und wo deshalb solche chemische Hülfe zu erlangen sein musste, wie wir in unserer Lage nötig hatten. Ich schrieb an einen Freund in Rom, schilderte ihm den Zustand des Körpers, die unbedingte Notwendigkeit, dass er fortgeschafft werde, und gab die Versicherung, dass unsererseits keine Kosten gespart werden sollten, sofern wir nur die gewünschte Hülfe erlangen könnten. Auch hier zeigten sich viele absichtlich in den Weg gelegte Schwierigkeiten, die jedoch durch Geduld und Geld besiegt wurden, so dass endlich zwei Männer von Rom anlangten, um das Geschäft zu unternehmen.

»Es ist unnötig, hier eine umständliche Beschreibung desselben zu geben; genug, die Verwesung wurde durch Anwendung chemischer Mittel soweit aufgehalten, dass der Leichnam in den Sarg gelegt und mit erster Gelegenheit nach England geführt werden konnte. Nachdem zehn Tage diesem Zwecke geopfert worden waren, hatte ich endlich die Freude den Schuppen leer zu sehen, beschenkte den alten Kapuziner zum Abschiede reichlich mit Schnupftabak, und konnte nunmehr mit meinem Freunde den Rückweg nach Neapel antreten. Kaum ein Monat war seit unserer Abreise verflossen, und jetzt kehrten wir dahin zurück, nachdem ein Unternehmen glücklich ausgeführt worden war, das alle unsere Bekannten als wahnsinnig und unmöglich verlacht hatten.

Das Nächste, was jetzt geschehen musste, war, ein Schiff zu finden, das den Sarg nach England transportieren konnte. Leider war jedoch in diesem Augenblicke durchaus kein Fahrzeug zu ermitteln, das nach einem britischen Hafen segelte, und es blieb also, um die schnelle Beförderung dahin zu erreichen, nichts übrig, als ein besonderes Schiff zu diesem Zwecke zu mieten. Mit Ungeduld der Abreise entgegensehend und fest entschlossen, den Sarg nicht eher aus den Augen zu lassen, als bis er mit seinem Inhalte an dem in der Gruft zu Wincot für ihn offenen Platze deponiert worden sei, zauderte Monkton keine Minute, zu diesem Mittel zu greifen. Nach langem Suchen fanden wir eine sizilianische Brigg, die in wenigen Tagen zur Reise ausgerüstet werden konnte, und mein Freund mietete sie augenblicklich. Keine Kosten wurden gespart, um sie schnell in Stand zu sehen, und der geschickteste Kapitän und die beste Mannschaft, die sich schnell in Neapel finden ließen, wurden gegen hohen Lohn gedungen.

Es war ein schöner Nachmittag, an dem wir absegelten. Zum ersten Male seit meiner Bekanntschaft mit Monkton sah ich ihn heiter. Er sprach und scherzte über allerhand Gegenstände, und lachte mich aus wegen meiner angeblichen Furcht vor der Seekrankheit. In Wahrheit empfand ich keine solche Furcht, sondern gab mir nur den Schein, um meinem Freunde die mir unerklärliche Unruhe und Beängstigung zu verbergen, die mich bereits in Fondi gequält hatte und die jetzt wiederkehrte. Alles schien unsere Fahrt zu begünstigen, und ein jeder auf dem Schiffe war in der heitersten Laune. Besonders jubelten die Matrosen, meistens Sizilianer und Malteser, über eine so kurze und einträgliche Reise auf einem so gut ausgerüsteten Schiffe. Nur ich fühlte mich von einer Niedergeschlagenheit bedrückt, gegen die ich vergebens ankämpfte, und für die ich keinen vernünftigen Grund auffinden konnte.

Spät am Abend des ersten Tages machte ich eine Entdeckung, welche keineswegs geeignet war, mir die fehlende Gemütsruhe wiederzugeben. Monkton befand sich in der Kajüte, wo die Kiste mit dem Sarge stand, und ich auf dem Verdecke. Es herrschte fast völlige Windstille, und träumerisch betrachtete ich die schlaff herabhängenden Segel, die, von Zeit zu Zeit durch ein Lüftchen bewegt, gegen die Masten schlugen, als der Kapiteln sich mir näherte, mich bei Seite zog, und mir zuflüsterte:

»Es geht unter der Mannschaft etwas vor. Haben Sie nicht bemerkt, dass die Leute kurz vor Sonnenuntergang plötzlich still und schweigsam wurden?«

Ich erwiderte bejahend, denn es war mir nicht entgangen.

»Unter ihnen befindet sich ein maltesischer Schiffsjunge«, fuhr der Kapitän fort, »ein gewandter aber verschmitzter Bursche, der, wie ich in Erfahrung gebracht, den Leuten gesagt hat, dass in der Kiste Ihres Freundes, unten in der Kajüte, ein Leichnam liege.«

Bei diesen Worten sank mir aller Mut. Ich kannte den unvernünftigen Aberglauben der Seeleute, besonders der italienischen Matrosen, und hatte deshalb aus Vorsicht das Gerücht verbreitet, dass die Kiste eine sehr kostbare Marmorstatue enthalte, auf die Mr. Monkton großen Wert lege, und dass er sie aus diesem Grunde so sorgsam hüte.

»Der Schlingel will nicht sagen, auf welche Weise er die Nachricht erlangt hat«, bemerkte der Kapitän weiter. »Meine Sache ist es nicht, in Geheimnisse dringen zu wollen; allein ich möchte Ihnen raten, die Leute zusammentreten zu lassen, und den Burschen in ihrer Gegenwart Lügen zu strafen, gleichviel, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Diese Menschen sind abergläubische Narren, die sich vor Geistern, Leichnamen und dergleichen Dingen fürchten. Manche sagen, dass sie, wäre ihnen das Vorhandensein eines Toten an Bord bekannt gewesen, keinen Fuß auf das Schiff gesetzt haben würden, andere murren nur; aber wenn Sie oder Ihr Freund nicht den Buben der Unwahrheit zeihen, so fürchte ich, dass wir mit den Leuten viele Umstände haben werden, sobald schlechtes Wetter eintreten sollte. Sie haben sich bereit erklärt, ihn selbst mit dem Tauende zu peitschen, wenn Sie oder Ihr Freund auf Ehrenwort versichern, dass er gelogen habe; im anderen Falle aber wollten sie ihm glauben.«

Der Kapitän schwieg und schien eine Antwort von mir zu erwarten; allein ich konnte ihm keine geben. Dem Kapitän für seine Aufmerksamkeit dankend, sagte ich nur, dass ich mir die Sache überlegen wollte, und bat ihn, meinem Freunde von der Entdeckung nichts mitzuteilen. Mürrisch gelobte er Schweigen, und verließ mich.

Wir hatten erwartet, dass sich mit dem anbrechenden Morgen der Wind erheben würde, aber es geschah nicht. Gegen Mittag wurde die Luft unerträglich schwül und das Meer spiegelglatt. Ich sah den Kapitän oft und ängstlich den Horizont betrachten, und entdeckte in weiter Ferne ein einzelnes schwarzes Wölkchen. Auf meine Frage an ihn, ob uns dieses Wölkchen Wind bringen werde, erwiderte er nur ganz kurz: »Mehr als wir brauchen!« und befahl dann zu meinem Erstaunen den Matrosen, die Segel einzuziehen. Die Art und Weise, in der dieses Manöver ausgeführt wurde, zeigte recht deutlich die Stimmung der Leute. Langsam, mürrisch und brummend verrichteten sie die Arbeit, während der Eifer des Kapitäns, seine Flüche und Drohungen, mit denen er sie antrieb, mir keinen Zweifel ließen, dass uns Gefahr bevorstehe. Ich blickte wieder nach dem Horizont, und bemerkte jetzt, dass sich das kleine, schwarze Wölkchen in eine große, dunkle Nebelmasse verwandelt, und dass sich auch die Farbe der See verändert hatte.

»Der Sturm wird über uns hereinbrechen, ehe wir wissen, wo wir sind«, sagte der Kapitän zu mir. ,,Gehen Sie hinunter in die Kajüte, hier sind Sie nur im Wege.«

Ich stieg hinunter zu Monkton und bereitete ihn auf das Kommende vor. Noch sprachen wir darüber, als der Sturm losbrach. Das kleine Fahrzeug erdröhnte einen Augenblick, als wollte es auseinanderbrechen, drehte sich mit uns wie im Kreise herum, und lag dann wieder still. Gleich darauf kam aber ein neuer Windstoß, der uns von den Sitzen schleuderte; ein betäubendes Krachen ertönte, und eine Flut von Wasser drang in die Kajüte ein. Durchnässt stiegen wir auf das Verdeck. Das Schiff lag auf der Seite.

Ehe ich in der dort herrschenden Verwirrung unsere Lage deutlich übersehen konnte, ließ sich aus dem Vorderteil des Schiffes eine Stimme vernehmen, die alles Geschrei der übrigen Matrosen augenblicklich zum Schweigen brachte. Ich verstand nur zu wohl den unheilvollen Sinn der Worte, obgleich sie in italienischer Sprache gerufen wurden. Das Schiff hatte einen Leck bekommen, und das Wasser drang ein wie ein Mühlstrom. Auch unter diesen gefährlichen Umständen verlor der Kapitän seine Geistesgegenwart nicht. Er ergriff eine Axt, um den Vordermast abzuhauen, und befahl einigen Matrosen, ihm dabei zu helfen, während er den übrigen gebot, die Pumpen in Bewegung zu setzen.

Kaum waren diese Worte über seine Lippen, als der offene Aufruhr ausbrach. Mit einem wilden Blicke auf mich erklärte der Rädelsführer, dass die Passagiere tun könnten, was ihnen beliebte, aber dass er und seine Kameraden entschlossen seien, in die Boote zu gehen und das Schiff zu verlassen, das mit seinem Leichnam auf den Grund fahren möchte. Während er sprach, erhob sich ein Gebrüll unter den Matrosen, von denen einige höhnisch auf einen Gegenstand hinter mir deuteten. Ich wandte mich um und gewahrte Monkton, der bisher an meiner Seite gestanden hatte, nach der Kajüte zurückkehren. Augenblicklich folgte ich ihm; allein das Wasser und die Verwirrung, sowie die auf der schiefen Lage des Schiffes entspringende Unmöglichkeit, ohne Hülfe der Hände zu gehen, verhinderte mich ihn einzuholen. Als ich endlich unten anlangte, lag er über die Kiste gestreckt, ohne das einströmende Wasser und die drohenden Bewegungen des Fahrzeuges zu beachten. Mich ihm nähernd, erkannte ich in seinem Auge wieder jenes warnende Funkeln, und auf seiner Wange die verräterische Röte.

»Es bleibt nichts übrig, Alfred«, sagte ich, »als uns dem Schicksale zu unterwerfen und alles zu tun, um mindestens unser Leben zu retten.«

»Retten Sie das Ihrige«, rief er, mich mit der Hand abwehrend, »denn Sie haben noch eine Zukunft vor sich. Die meinige ist dahin, wenn dieser Sarg auf dem Grunde des Meeres liegt. Sinkt das Schiff, so weiß ich wenigstens, dass das Verhängnis sich erfüllt hat, und will mit ihm zu Grunde gehen!«

Ich sah, dass in seinem jetzigen Gemütszustande keine ruhige Vorstellung Eindruck auf ihn machen würde, und kroch deshalb auf das Verdeck zurück. Hier waren die Matrosen beschäftigt, alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, und das Boot in das Wasser hinabzulassen, während der Kapitän, nachdem er noch einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, seine Autorität wieder herzustellen, schweigend zusah. Die Heftigkeit des Sturmes schien inzwischen nachgelassen zu haben. Ich fragte ihn deshalb, ob keine Rettung möglich sei, wenn wir auf dem Schiffe blieben. Er erwiderte mir, dass Rettung wohl möglich gewesen wäre, wenn die Leute seinen Befehlen Folge geleistet hätten, aber dass jetzt alles verloren sei. In den kürzesten Worten schilderte ich ihm hierauf den Zustand meines unglücklichen Freundes, und fragte, ob ich auf seinen Beistand rechnen dürfe. Er nickte bejahend, und wir stiegen in die Kajüte hinab.

Noch jetzt ist mir die Erinnerung an jene Maßregeln peinlich, zu deren Anwendung wir durch Alfreds Hartnäckigkeit und Körperkraft genötigt wurden. Wir mussten seine Hände binden und ihn mit Gewalt auf das Verdeck ziehen. Hier waren die Matrosen gerade im Begriffe, das Boot in die See hinabzulassen, und weigerten sich, uns darin aufzunehmen.

»Ihr elenden Feiglinge«, rief der Kapitän, »haben wir denn jetzt den Leichnam bei uns? Geht er nicht mit der Brigg auf den Grund? Vor wem fürchtet ihr euch denn, wenn wir in das Boot steigen?«

Diese Ansprache hatte die gewünschte Wirkung. Die Leute begannen sich zu schämen und ließen von ihrer Weigerung ab. Im Augenblicke, als wir von dem sinkenden Schiffe abstießen, machte Alfred noch einen Versuch, sich von mir loszureißen, allein ich verhinderte es, und er wiederholte es nicht. Von nun an saß er an meiner Seite still und schweigend, mit gesenktem Kopfe, während die Matrosen kräftig ruderten und wir aus einiger Entfernung das allmälige Versinken des Fahrzeuges beobachteten.

Es war verschwunden mit seiner toten Last, und der Leichnam, den wir auf so wunderbare Weise entdeckt hatten, und an den sich die Hoffnungen zweier liebenden Wesen knüpften, war uns für immer entzogen. Als die letzten Trümmer unter den Wellen versanken, sah ich Alfred an meiner Seite heftig erbeben und hörte ihn mehrmals den Namen »Ada« leise murmeln.

Meine Versuche, seine Gedanken auf andere Gegenstände zu leiten, blieben fruchtlos. Er deutete auf die Gegend des Meeres, wo noch kurz vorher die Brigg sichtbar gewesen war, und wo das Auge jetzt nur rollende Wogen zu erkennen vermochte.

»Der leere Platz in Wincots Gruft wird nun immer leer bleiben!« flüsterte er mir zu, blickte mich eine Sekunde lang ernst und traurig an, und wandte sich dann ab und sprach nicht mehr.

Noch vor Abend wurden wir von einem Kauffahrer bemerkt, an Bord genommen und in Carthagena an das Land gesetzt. So lange wir uns auf dem Meere befanden, hatte Alfred unaufgefordert kein Wort mit mir gesprochen; aber nicht ohne Unruhe machte ich die Bemerkung, dass er desto häufiger mit sich selbst sprach — fast fortwährend die Worte jener alten Prophezeiung für sich murmelte, oder auf den leeren Platz in der Gruft anspielte, oder, was mir am meisten zu Herzen ging, den Namen jenes unglücklichen Mädchens flüsternd wiederholte, das sehnsüchtig seiner Ankunft in England wartete. Leider waren dies nicht die einzigen Erscheinungen an ihm, welche mich mit Besorgnis erfüllten. Gegen das Ende unserer Seereise stellten sich bei ihm abwechselnd fieberhafte Anfälle von Kälte und Hitze ein, die ich irrigerweise für ein Wechselfieber hielt. Ich wurde jedoch bald über meinen Irrtum aufgeklärt. Kaum befanden wir uns einen Tag am Lande, als sein Zustand so bedenklich wurde, dass ich die besten Ärzte von Carthagena zu Rate zog, welche sein Leiden für Gehirnentzündung und sein Leben in großer Gefahr erklärten.

Tief bekümmert, wusste ich anfangs wirklich nicht, was ich in dieser neuen Verlegenheit tun sollte. Nach längerem Bedenken entschloss ich mich endlich, an den alten Priester zu schreiben, welcher Alfreds Lehrer gewesen war und noch in der Abtei Wincot wohnte. Ich teilte ihm alles mit, was sich zugetragen hatte, bat ihn, die Nachricht der armen Miss Elmsly so schonend als möglich zu hinterbringen, und fügte die Versicherung hinzu, dass ich Monkton keinen Augenblick verlassen würde.

Nachdem ich meinen Brief abgeschickt, und auch noch die besten Ärzte von Gibraltar hatte kommen lassen, war ich mir bewusst, alles getan zu haben, was in meinen Kräften stand, und konnte von nun an ruhiger hoffen und warten.

Manche trübe Stunde brachte ich am Bett meines armen Freundes zu, während deren oft der Gedanke in mir aufstieg, dass ich unrecht gehandelt habe, ihn in seinen Illusionen zu bestärken. Nach reiflicherer Überlegung gelangte ich jedoch zu der Überzeugung, dass die Gründe, welche mich damals, nach meiner ersten Zusammenkunft mit Alfred, bestimmt hatten dies zu tun, triftig gewesen waren. Der Weg, den ich betreten hatte, war der einzige, der seine Rückkehr nach England und zu Miss Elmsly beschleunigen konnte. Dass ein unglückliches Ereignis alle unsere Pläne vernichtete, war nicht meine Schuld; aber jetzt, nachdem das Unglück einmal geschehen und nicht wieder gut zu machen war, entstand die Frage, welche Mittel im Falle seiner körperlichen Wiederherstellung gegen sein geistiges Leiden anzuwenden seien?

Je mehr ich an die Aufgabe dachte, welche mir für den Fall seiner körperlichen Wiederherstellung bevorstand, desto mehr sank mir der Mut. Wenn der englische, aus Gibraltar gerufene Arzt, der ihn behandeln, zu mir sagte: »Er kann das Fieber verlieren, aber hat eine fixe Idee, die ihn weder Tag noch Nacht verlässt, und der er erliegen wird, wenn nicht ein Freund sie zu beseitigen vermag« — wenn ich dies hörte, und je öfter ich es hörte, desto mehr fühlte ich meine Machtlosigkeit, und desto ängstlicher dachte ich an die Zukunft.

Ich hatte erwartet, von Wincot nur eine briefliche Antwort zu erhalten, und war deshalb um so froher überrascht, als mir eines Tages gemeldet wurde, dass zwei fremde Herren mich zu sprechen wünschten, von denen der eine, wie sich ergab, der alte Priester-, und der andere ein naher Anverwandter der Miss Elmsly war.

Kurz vor ihrer Ankunft hatte sich das Fieber gelegt, und Alfred war nach der Aussprache der Ärzte außer Gefahr. Beide wünschten zu wissen, wann der Kranke soweit hergestellt sein werde, dass sie mit ihm die Rückreise antreten könnten; sie waren lediglich zu diesem Zwecke nach Carthagena gekommen, und hegten die Hoffnung, die ich leider nicht teilen konnte, dass die heimatliche Luft seine Genesung befördern werde. Nachdem alle auf diesen Punkt bezüglichen Fragen erörtert worden waren, wagte ich mich nach Miss Elmslys Befinden zu erkundigen, und erfuhr aus dem Munde ihres Anverwandten, dass sie in Folge der übermäßigen Angst und Besorgnis um Alfred seit längerer Zeit leidend sei. Man hatte sie über die Gefahr seiner Krankheit täuschen müssen, um zu verhindern, dass sie beide auf der Reise nach Spanien begleitete.

Langsam und erst nach mehreren Wochen gewann Alfred einen Teil seiner früheren Kräfte wieder; aber keine Besserung war in seinem geistigen Leiden zu erkennen. Dagegen zeigte sich vom ersten Augenblicke der Genesung eine seltsame Wirkung der überstandenen Krankheit auf sein Gedächtnisvermögen. Jede Erinnerung an Begebenheiten der jüngsten Vergangenheit war bei ihm völlig erloschen. Alles, was sich auf Neapel, auf mich und seine Reise nach Italien bezog, war spurlos aus seinem Gedächtnisse verschwunden. Er erkannte zwar den alten Priester und seinen bisherigen Bedienten, aber nicht mich. Wenn ich an sein Bett trat, so betrachtete er mich mit misstrauischen Blicken, was mir ungemein schmerzlich war. Alle seine Fragen bezogen sich auf Miss Elmsly und die Abtei Wincot und wenn er von der Vergangenheit sprach, so war es nur die Zeit, als sein Vater noch lebte.

Die Ärzte zogen aus diesem Vergessen der neueren Begebenheiten einen günstigen Schluss und meinten, dass es nur vorübergehend sein werde, und die Genesung insofern begünstige, als der Geist des Kranken dadurch in Ruhe erhalten werde. Ich bemühte mich ihnen zu glauben, und gab mir sogar bei der Abreise den Schein, als hegte ich eben so frohe Hoffnungen wie seine Freunde, die ihn heimwärts geleiteten. Allein die Anstrengung war für mich zu groß. Ein Vorgefühl sagte mir, dass ich ihn nicht wieder sehen würde, und unwillkürlich drangen mir die Tränen in die Augen, als ich die abgezehrte Gestalt meines armen Freundes mit Hülfe seiner Gefährten in den Wagen steigen und langsam die Reise nach der Heimat antreten sah.

Ich nahm meinen Weg über Paris, weil ich den alten Priester ersucht hatte, mir die erste briefliche Nachricht von Wincot aus an meinen dortigen Bankier zu schicken. Sobald ich in Paris ankam, war mein erster Weg zu Letzterem.

Ein Brief lag schon für mich in Bereitschaft, und sein schwarzer Rand verriet mir sogleich, dass mein trübes Vorgefühl mich nicht getäuscht hatte. Alfred war tot. Ein Trost lag darin, dass er ruhig, fast glücklich gestorben war, ohne sich der traurigen Begebenheiten wieder zu erinnern, die zur Erfüllung der alten Prophezeiung so sehr beigetragen hatten.

»Mein geliebter Zögling«, schrieb der alte Priester, »schien sich hier in den ersten Tagen nach seiner Rückkehr etwas zu erholen; allein es war nur scheinbar, denn sehr bald bekam er wieder Fieberanfälle. Dann sanken seine Kräfte mehr und mehr, bis er endlich ganz von uns schied. Miss Elmsly hat mir aufgetragen, Ihnen ihre innige Dankbarkeit für alles das auszudrücken, was Sie an Alfred getan haben. Sie hat seiner gewartet wie das treueste Weib, ohne je von seinem Lager zu weichen! Sein Gesicht war ihr zugewendet, seine Hand in der ihrigen, als er starb. Es wird Ihnen Beruhigung gewähren, zu hören, dass er der Begebenheiten in Neapel und des späteren Schiffbruchs nie mehr gedacht hat.«

Drei Tage später war ich in Wincot, und hörte aus dem Munde des alten Priesters eine Schilderung seiner letzten Momente. Ohne eigentlich zu wissen weshalb, machte es einen unangenehmen Eindruck auf mich, als mir mitgeteilt wurde, dass er auf seinen ausdrücklichen Wunsch in der Gruft unter der Abtei beigesetzt worden sei.

Der Priester führte mich hinab. Es war ein finsteres, niedriges Gewölbe, getragen von sächsischen Bogenpfeilern. Auf beiden Seiten befanden sich Reihen schmaler Nischen, in denen Särge standen. Während mein Begleiter mit der Lampe an ihnen vorüberging, blitzten hier und dort die Nägel und silbernen Beschläge derselben. Am unteren Ende blieb er stehen, deutete auf eine Nische und sagte:

»Hier liegt er, zwischen seinem Vater und seiner Mutter!«

Ich blickte noch weiter, und bemerkte eine Öffnung in der Wand, die mir anfangs wie ein leerer, dunkler Tunnel erschien.

»Das ist nur eine leere Nische«, bemerkte der Priester, der Richtung meiner Augen folgend. »Wenn Stephan Monktons Leichnam nach Wincot gebracht worden wäre, so würde er dort beigesetzt worden sein.«

Ein Schauer überlief mich, und eine Furcht bemächtigte sich meiner, deren ich mich jetzt schäme, aber in jenem Augenblicke nicht erwehren konnte. Am oberen Ende der Gruft drang das freundliche Tageslicht in die offene Pforte ein, und ich wandte der leeren Nische den Rücken, und eilte in die freie Luft hinaus.

Während ich über den Rasenplatz des Hofes ging, hörte ich das Rauschen einer Frauenkleidung hinter mir, sah mich um, und erblickte eine junge Dame in tiefer Trauer, welche sich mir näherte. Ihre sanften Züge und die Art und Weise, mit der sie mir die Hand reichte, ließen mich sie augenblicklich erkennen.

»Ich hörte, dass Sie hier seien, und wünschte —« sagte sie stockend.

Das Herz tat mir weh, als ich sah, wie ihre Lippen bebten; allein ehe ich antworten konnte, fuhr sie fort:

»Ich wollte Ihnen nur die Hand drücken und für die brüderliche Liebe danken, die Sie meinem Alfred bewiesen haben. Bei allem, was Sie taten, ließen Sie sich gewiss nur von aufrichtiger Zuneigung und dem Wunsche für sein Wohl leiten. Wahrscheinlich verlassen Sie diese Gegend bald wieder und wir begegnen uns nie mehr. Nehmen Sie deshalb die Versicherung mit sich, dass ich niemals vergessen werde, wie treu Sie ihm zur Seite gestanden haben, als er eines Freundes bedurfte, und dass mein Dankgefühl dafür ewig dauern wird.«

»Die unbeschreibliche Sanftmut in ihrer zitternden Stimme, das bleiche, schöne Gesicht und die tiefe Schwermut ihrer Züge machten einen solchen Eindruck auf mich, dass ich keinen Laut hervorbringen und nur durch Bewegungen antworten konnte. Ehe ich wieder Herr meiner Stimme wurde, hatte sie mir noch einmal die Hand gedrückt und mich verlassen.

Ich sah sie nie wieder. Als ich viele Jahre später zum letzten Male von ihr hörte, war sie dem Toten noch immer treu, und führte keinen andern Namen als »Ada Elsmly«.


Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte