Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Blinde Liebe - Zweiter Band - Neununddreißigstes Kapitel
 

Blinde Liebe

Neununddreißigstes Kapitel

Mountjoy blieb zurück in peinigendem Grübeln darüber, wie er wohl den unheilvollen Einflüssen entgegenwirken könnte, unter denen Iris' von Natur so ehrliche Seele in so tief betrübender Weise litt. Hielt doch die Anwesenheit des Doktors die arme Frau in einem fortwährenden Kampfe zwischen ihrem eigenen natürlichen Gefühl, das sie ihm misstrauen hieß, und zwischen den gebieterischen Versicherungen ihres Gatten, der ihn ihrem Vertrauen empfahl. Kein größerer Dienst hätte darnach Iris erwiesen werden können, als wenn es gelang, diesen Menschen zu entfernen, aber wie konnte das geschehen, ohne dass ihr Gatte beleidigt werde? Mountjoys Geist war noch beschäftigt, auf Mittel und Wege zur Überwindung dieses Hindernisses zu sinnen, als er hörte, dass die Türe geöffnet wurde. Hatte Iris sich wieder gefasst? Oder waren Lord Harry und sein Freund zurückgekommen?

Die Person, welche das Zimmer betrat, war das wunderliche Kammermädchen der Frau Iris, Fanny Mere.

»Kann ich Sie auf ein paar Worte sprechen, Sir?«

»Gewiss, was gibt es?«

»Bitte, sagen Sie mir Ihre Adresse!«

»Für Ihre Herrin?«

»Ja.«

»Will sie mir schreiben?«

»Ja.«

Hugh gab dem sonderbaren Mädchen die Adresse seines Hotels in London. Für einen Augenblick ruhten ihre Augen mit einem prüfenden Ausdruck auf ihm. Dann öffnete sie die Tür, um hinauszugehen, zögerte, überlegte einen Augenblick und kam wieder zurück.

»Ich möchte meinerseits noch einige Worte mit Ihnen sprechen. Wollen Sie hören, was ein Dienstbote zu sagen hat?«

Mountjoy erwiderte, dass er bereit sei, sie anzuhören. Sie trat dicht vor ihn hin und sagte:

»Ich glaube, Sie lieben meine Herrin.«

Ein gewöhnlicher Mann würde die familiäre Art und Weise, in der sie sich ausdrückte, übel aufgenommen haben. Mountjoy jedoch wartete ruhig ab, was noch kommen werde. Fanny Mere nahm auch wirklich rasch von neuem das Wort und zeigte in ihrem ganzen Benehmen eine Erregnng, die bisher nie an ihr wahrzunehmen gewesen.

Meine Herrin nahm mich in ihre Dienste; sie vertraute mir, als andere Damen mir die Tür gewiesen hatten. Als sie mich zu sich kommen ließ, war ich ein unglückliches, verlorenes Mädchen. Ich hatte niemand, der Teilnahme für mich fühlte, niemand, der mir helfen wollte. Sie ist die einzige Freundin, die mir mitleidig die Hand bot. Ich hasse die Männer und frage nichts nach den Frauen, ausgenommen nach einer. Da ich eine Dienerin bin, so darf ich nicht sagen, dass ich die eine liebe; wenn ich eine Dame wäre, so würde ich es wahrscheinlich nicht sagen. Liebe ist so gemein, ist so lächerlich! Sagen Sie mir das eine, ist der Doktor Ihr Freund?«

»Der Doktor ist nicht mein Freund.«

»Ist er vielleicht Ihr Feind?«

»Ich kann das kaum sagen.«

Sie sah Hugh missvergnügt an.

»Ich wünschte, es wäre so«, sagte sie. »Warum verstehen wir uns nicht? Werden Sie über mich lachen, wenn ich Sie das erste beste, das mir in den. Kopf kommt, frage? Sind Sie ein guter Schwimmer?«

Eine seltsame Frage selbst im Munde einer Fanny Mere, aber sie war in ernstem Tone ausgesprochen und Mountjoy beantwortete sie ernst. Er sagte, dass er immer für einen guten Schwimmer gegolten habe.

»Vielleicht«, fuhr sie fort, »haben Sie schon einmal einem Menschen das Leben gerettet?«

»Ich bin zweimal so glücklich gewesen, jemand das Leben zu retten«, antwortete er.

»Wenn Sie nun sehen würden, dass der Doktor nahe am Ertrinken wäre, würden Sie ihn dann retten? Ich würde es gewiss nicht tun!«

»Hassen Sie ihn denn so bitter?« fragte Hugh.

Sie ließ diese Frage vollständig unbeachtet.

»Ich wünschte, Sie würden mir helfen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Angenommen, Sie könnten meine Herrin von diesem Menschen befreien, dadurch, dass Sie ihm einen Fußtritt geben, würden Sie es tun?«

»Ja, mit Vergnügen.«

»Ich danke Ihnen, Sir! Jetzt habe ich meine Absicht erreicht. Mr. Mountjoy, der Doktor ist der Fluch in dem Leben meiner Herrin; ich kann es nicht ertragen, das länger ruhig mit anzusehen. Wenn wir nicht auf irgendeine Weise von ihm befreit werden, so werde ich noch etwas Schlimmes anstellen. Wenn ich bei Tische bediene und sehe, wie er sein Messer gebraucht, dann möchte ich es ihm gleich aus der Hand reißen und ins Herz bohren. Ich hoffte, mein Herr würde ihn aus dem Hause werfen, als sie sich stritten, aber mein Herr ist selbst zu schlecht dazu, um das zu tun. Um Gottes willen, helfen Sie meiner Herrin, Sir, oder zeigen Sie mir wenigstens den Weg, wie ich es tun kann!«

Mountjoy begann jetzt aufmerksamer zu werden.

»Woher wissen Sie denn«, fragte er, »dass Lord Harry und Mr. Vimpany sich gestritten haben?«

Ohne das geringste Zeichen von Verlegenheit zu verraten, erzählte ihm Fanny Mere, dass sie an der Türe gehorcht habe, während ihr Herr und sein Freund über ihre Geheimnisse verhandelten. Sie hatte auch die Gelegenheit wahrgenommen, durch das Schlüsselloch zu sehen.

»Ich glaube, Sir«, sagte das merkwürdige Mädchen, »Sie würden so etwas nie getan haben.«

»Gewiss nicht.«

»Würden Sie es auch nicht tun, wenn es meiner Herrin nützen könnte?«

»Nein.«

»Und doch lieben Sie sie? Sie sind ein bemitleidenswerter, ja, soweit ich es verstehe, der einzige bemitleidenswerte unter allen Männern. Vielleicht, wenn Sie in Angst um Mylady geraten, dann werden Sie geneigter sein, zu helfen; ich bin neugierig, ob ich Ihnen Angst machen kann. Erlauben Sie, dass ich es versuche?«

Die aufrichtige Anhänglichkeit des Mädchens an Iris sprach bei Hugh für sie.

»Wenn Sie wollen, so versuchen Sie es«, sagte er freundlich.

Indem sie so ernst wie immer sprach, berichtete Fanny, was sie durch das Schlüsselloch gesehen und gehört hatte. Was sie gesehen hatte, ist nicht der Erzählung wert; was sie gehört hatte, erwies sich als wichtiger.

Das Gespräch zwischen dem Lord und dem Doktor drehte sich ums Geld; sie tauschten gegenseitig Bemerkungen aus, wie sie solches auftreiben könnten. Lord Harrys Plan war, das Nötige auf seine Lebensversicherung aufzunehmen. Der Doktor sagte, das sei unmöglich, die Lebensversicherung müsse erst drei oder vier Jahre gelaufen sein, ehe sich so etwas tun lasse.

»Ich will Ihnen etwas Besseres und Sichereres vorschlagen«, sagte Mr. Vimpany. Es musste auch wieder etwas Schlechtes gewesen sein, denn er flüsterte es dem Lord ins Ohr.

Lord Harry war jedoch damit nicht einverstanden.

»Wie könnte ich meiner Frau je wieder unter die Augen treten«, sagte er, »wenn sie es entdeckte.«

Der Doktor entgegnete:

»Ach, haben Sie doch keine Angst vor Ihrer Frau! Lady Harry wird sich noch an viele Dinge gewöhnen müssen, an die sie wenig dachte, bevor sie Sie heiratete.«

Lord Harry erwiderte:

»Ich habe mein möglichstes getan, Mr. Vimpany, um meiner Frau eine bessere Meinung von Ihnen beizubringen; wenn Sie aber noch mehr Derartiges sprechen, dann werde ich mich zur Ansicht meiner Frau bekehren. Lassen Sie das jetzt.«

»Mir ist es recht«, antwortete der Doktor darauf »ich will es lassen und warten bis an den Tag, an welchem Sie Ihre letzte Banknote angreifen.«

Damit hatte das Gespräch an diesem Tage seinen Abschluss gefunden, und Fanny wollte nun wissen, was Mr. Mountjoy davon denke.

»Ich denke, dass Sie mir einen Dienst erwiesen haben, Fanny!« antwortete Hugh.

»Sagen Sie mir, wie, Sir.«

»Ich kann Ihnen nur das eine sagen, Fanny: Sie haben mir den Weg gezeigt, auf welchem es mir gelingen wird, Ihre Herrin von dem Doktor zu befreien.«

Zum ersten Male verlor Fanny ihre unerschütterliche Ruhe vollständig. Das unterdrückte Feuer in ihr flammte auf. Dem augenblicklichen Drang ihrer Gefühle nachgebend, küsste sie Mountjoys Hand, aber in demselben Augenblicke, da ihre Lippen die Hand berührten, fuhr sie, heftig erschrocken, zurück. Die natürliche Blässe ihres Gesichtes trat noch schärfer hervor als sonst. Bestürzt über diese plötzliche Veränderung fragte Hugh sie, ob sie unwohl sei.

Sie schüttelte den Kopf.

»Das ist es nicht, Ihre Hand ist die erste Hand eines Mannes, die ich geküsst habe, seitdem« - sie stockte. »Bitte, fragen Sie mich nicht darnach! Ich wollte Ihnen nur danken, Sir, und ich danke Ihnen von ganzem Herzen! Ich darf aber jetzt nicht länger hier bleiben.«

Als sie das sagte, ließ sich das Geräusch eines Schlüssels vernehmen, der das Schloss der Haustür öffnete.

Lord Harry war zurückgekehrt.


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