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Wilkie Collins - Ein biographisch-kritischer Versuch

von Ernst Freiherr von Wolzogen (1855-1934)

Kapitel 12



Während die ersten Bogen dieser Arbeit sich schon im Druck befanden, erschien wieder ein neuer Roman des rastlosen Meisters: „I say No.“ (In zwei Bänden, schon bei Tauchnitz herausgekommen.) Ich wollte, ich hätte ihn ein paar Wochen später zu Gesicht bekommen, denn ich kann leider nicht viel Rühmens davon machen und muß ihn für das schwächste Werk aus Collins reifer Periode erklären.

Eine Tochter sucht den Mörder ihres Vaters zu entdecken, es stellt sich jedoch heraus, daß er durch Selbstmord umgekommen ist, und daß nur die feige Flucht eines zufälligen Zeugen jener Tat und die Beraubung der Leiche durch eine dritte Person jenen Verdacht veranlaßten. Auch dieser Roman wird den gewöhnlichen Durchschnittsleser unterhalten und spannend reizen; künstlerisch betrachtet, ist er ganz verfehlt, weil man auf Schritt und Tritt, hinter jedem Wort, jeder unbedeutenden Handlung die Absicht des Verfassers merkt. Es ist, wie wenn man sich ein Zauberstück von dem Hintergrund der Bühne aus ansähe – Illusionen sind unmöglich. Die Leute reden und tun fast nirgends, was ihnen zu tun unter den Umständen natürlich wäre, sondern nur das, was der Verfasser für den Fortschritt der Handlung braucht. Einige gelungene Szenen und Charakterzüge vermögen für jene gar zu auffälligen, verstimmenden Mängel nicht zu entschädigen. Collins ist uns noch die versprochene Fortsetzung von „Welke Blätter“ schuldig. Wenn es ihm gelänge, das in jenem bedeutenden Werke angeschlagene Thema in einem zweiten Romane praktisch und logisch zugleich zu erschöpfen und auf die aufgeworfenen religiösen und sozialen Fragen die rechte, mannhafte Antwort zu finden, so würde das die ruhmvolle Krönung des stattlichen Baues sein, an dem sein reicher Geist nun schon über vierzig Jahre tätig ist. „Ich sage nein!“ werden wir ihm dann gern vergeben und vergessen.

Wilkie Collins ist auch als Dramatiker in die Öffentlichkeit getreten, hat aber in dieser Eigenschaft das Schicksal so mancher hervorragender Novellisten geteilt und wenig Anerkennung gefunden. Ob mit Recht oder Unrecht, kann ich nicht entscheiden, da seine dramatischen Werke mir nicht bekannt geworden sind. Den größten Erfolg hatte wohl das Drama in drei Akten, „The Frozen Deep“ (deutsch würde man es „Im Eismeer“ nennen müssen), welches zunächst 1857 von Charles Dickens und seiner Familie, den Brüdern Collins und einigen Fremden in Dickens‘ Hause aufgeführt wurde, dann auf speziellen Wunsch der Königin vor dem ganzen Hofe und schließlich auch öffentlich in London und in der Provinz, wobei jedoch die Damenrollen von Schauspielerinnen dargestellt wurden. Dickens kreierte die Hauptrolle und entfesselte überall Stürme der Begeisterung. Der Verfasser selbst spielte den Frank Aldersley. Das Stück ist grausig und ergreifend zugleich und die Mitwirkung eines Dickens, dessen Vorlesungen ja schon die Hörer so gewaltig packten, muß den Hauptszenen zu erschütternder Wirkung verholfen haben. Übrigens wurde die sonderbare Gastspielreise berühmter Novellisten zum Besten der Hinterbliebenen Douglas Jerrolds, des bekannten Verfassers von „Frau Kaudels Gardinenpredigten“ unternommen, welcher gleichfalls mit Collins wie Dickens sehr befreundet gewesen war. Die späteren öffentlichen Aufführungen, ohne die Mitwirkung der genialen Dilettanten, scheinen keinen nachhaltigen Erfolg gehabt zu haben. Im Jahre 1873-74 unternahm Collins eine Reise nach Amerika, wo ihm eine begeisterte Aufnahme zuteil wurde und wo er, Dickens nachahmend, öffentliche Vorlesungen seiner Werke veranstaltete, womit er gleichfalls größten Beifall fand. Für diesen Zweck hatte er „The Frozen Deep“ wieder zur Novelle umgeschrieben und in dieser Form bringt es die Tauchnitz-Edition in Band 1455, zusammen mit dem „Traumweib“ und „John Jagos Geist“, welche beiden Werke gleichfalls Gegenstand jener Vorlesungen waren.

Die Aufführung des Schauspiels „Rang und Reichtum“, welche vor einigen Jahren im Adelphi-Theater in London erfolgte, gestaltete sich zu einem argen Theaterskandal. Das Stück wollte dem Geschmack des Publikums nicht behagen. Drei Akte davon hörte es ruhig und mit achtungsvollem Beifall an, im vierten aber erhob es, wahrscheinlich weil es sich selbst angegriffen fühlte, ein so gewaltiges Pfeifen und Zischen, daß der Dialog auf der Bühne unverständlich wurde und einer der Schauspieler, ein Mr. Anson, eine Ansprache an das Publikum hielt, welche mit diesen Worten schloß: „Denken Sie, was Sie wollen von dem Stück, es ist auf alle Fälle das Werk eines großen Romandichters. Ich sage, er ist ein großer Romandichter! Und nun wende ich mich an diejenigen, welche lachten oder zischten. Wenn der Vorhang gefallen ist, mögen Sie zischen und lachen, soviel es Ihnen beliebt, aber lassen Sie das Stück seinen Fortgang nehmen. In diesem Augenblick liegt eine Dame hinter diesem Vorhang tatsächlich in einer Ohnmacht infolge dieser feigherzigen Angriffe. Noch einmal, wollen Sie das Stück bis zum Ende hören? Ich beschwöre Sie um Gerechtigkeit gegen einen großen Meister – Mr. Wilkie Collins.“ Diese eindringliche Mahnung hatte zur Folge, daß das Stück ohne weitere Störung zu Ende gespielt werden konnte. Am Schluß befand sich das Publikum sogar in so guter Laune, daß es nach dem Verfasser rief; derselbe hatte aber bereits in Schmerz und Groll das Haus verlassen. Trotz dieses unzweideutigen Mißerfolges erlebte das Stück hernach eine ganze Reihe von Aufführungen.

Ich würde dieses Vorfalles gar nicht gedenken, wenn er nicht bedeutsam wäre für die Erkenntnis des gewaltigen Unterschiedes zwischen allgemein dichterischer und speziell dramatischer Begabung. Einigen unserer hervorragendsten Novellisten ist es nicht viel besser ergangen, wenngleich das deutsche Publikum seine Lieblinge doch nicht so leicht auspfeift, wenn sie sich auch auf der Bühne einmal etwas unglücklich bewegen. Einen theatralischen Erfolg zu erringen, muß für jeden Schriftsteller das höchste Ziel des Ehrgeizes sein. Kein Bucherfolg kann jenes unbeschreibliche Hochgefühl in der Brust eines Autors erwecken, wie die sichtbare, in lautem Beifall sich äußernde Wirkung seines Werkes von der Bühne herab. Und auf der anderen Seite ist auch nichts geeigneter, die Eitelkeit empfindlicher zu verletzen, das Selbstvertrauen gefährlicher zu erschüttern, als eine theatralische Niederlage. Starke Geister aber, wie Collins einer ist, wird solch ein Schicksal entweder über die Grenzen ihres Könnens belehren, oder es wird der schärfste Sporn zu erneuter Aufbietung aller ihrer Kräfte sein. So möge denn auch die abfällige Beurteilung, welche der letzte Roman „I say no“ leider verdient, und die schmerzliche Erfahrung im Adelphi-Theater unseren Meister veranlassen, seine ganze Energie, sein volles Können auf ein neues Werk zu verwenden, welches „Herz und Wissen“ ebenbürtig sei – auf die Fortsetzung der „Welken Blätter“.

Es wird immer von Nutzen sein, wenn man die literarischen Persönlichkeiten einer fremden Nation mit gleichwertigen der eigenen in Parade zu stellen versucht. Die Vergleichung mit dem Naheliegenden, Bekannten lehrt einen auch die fremdartigsten Erscheinungen des Auslandes leichter verstehen. Wenn man mich fragte, welchem deutschen Schriftsteller ich Wilkie Collins zum Vergleich an die Seite stellen möchte, so würde ich Spielhagen nennen. Freilich kann dieser sich nicht mit Collins messen in Bezug auf die phantastische und doch scheinbar völlig logische Verknüpfung seltsamer und erstaunlicher Ereignisse, aber das ist auch auf der anderen Seite seine Stärke gegenüber Collins, weil gerade dieses enorme Talent den Letzteren dazu getrieben hat, fast ausschließlich eine Gattung des Romanes zu pflegen, welche mit den höchsten und reinsten Zwecken der Kunst nicht mehr viel zu tun hat. Dagegen haben beide Autoren große Ähnlichkeit in der Art und Weise, wie sie ihre Tendenz verfechten. Beide sind gute Psychologen und Realisten, aber nur so weit es ihre didaktischen Zwecke erlauben. Spielhagen verfährt dabei freilich meistens viel plumper als Collins, indem er seine Helden derartig mit allen Eigenschaften überhäuft, welche er gebraucht, um an ihnen sein Exempel zu statuieren, daß sie aufhören, glaubhafte Menschen zu sein. Seine Helden handeln so unheimlich konsequent, wie wenn sie mit dem Bewußtsein ihrer Bestimmung auf die Welt gekommen wären und ein von der Hand des Schicksals aufgestelltes Regulativ ihrer Aufführung in der Tasche trügen. Selbst in ihren Verirrungen hören sie nicht auf, Musterexemplare zu sein und drängen sich in oft recht unangenehmer Weise unserer Bewunderung auf. Es fehlen bei ihm meist die Mittelsmenschen, die Verbindungsglieder zwischen den Extremen: niederträchtig und engelsgleich, erzdumm und urklug, hochfliegend und kleinlich, kühn und feige u.s.w. Seine psychologische Charakteristik übertreibt ebenso leicht wie sein Humor karikiert. Von allen diesen Fehlern findern wir auch manches bei Collins, aber nicht so viel. Collins‘ Tendenz richtet sich stets gegen einen ganz bestimmten Mißstand in der öffentlichen und privaten Moral seiner Landsleute, gegen bestimmte Gesetze, bestimmte Vorurteile und Anschauungen. Die Spielhagen‘sche Tendenz ist immer eine allgemeine, ideale. Seine Reflexion ist dagegen meist tiefer, ernster, philosophischer als die Collins‘, seine Bildung solider, sein Streben bewußter. Dagegen haften seiner Vortragsweise noch so viele Manieren des verwünschten deutschen idealistischen Stiles an, so daß die Schönrednerei und das Phrasengeläute in manchem seiner Werke geradezu unerträglich wird. In dieser Beziehung ist ihm Collins weit überlegen und kommt dem Ideal des realistischen Stiles bedeutend näher, das er allerdings nur in den humoristischen Partien meist vollkommen erreicht. Wenn man viele Collins‘sche Romane hintereinander liest, so vermutet man in jedem unschuldigen Mitmenschen den Träger eines fürchterlichen Geheimnisses und man fängt unwillkürlich an, ihre Handlungen wie ein Polizeispion zu beaufsichtigen; liest man viel von Spielhagen, so möchte man vor Ärger des Teufels werden, weil sich in Hinterpommern und Umgegend alle großen Charaktere versammelt zu haben scheinen, während um uns herum vor lauter Mittelmäßigkeit keine Helden sichtbar sind. Außerdem macht uns Spielhagen gefährlich eitel und eingebildet, denn da wir uns unmöglich für so schlecht halten können, wie seine Bösewichter, so vergleichen wir uns selbstzufrieden mit seinen Halbgöttern. Zum Schlusse noch eine, und zwar die beste Ähnlichkeit: Beide Autoren singen das hohe Lied der Tatkraft, beide beherrschen die Sympathien des Lesers und verstehen sein Interesse auf die Hauptsache zu konzentrieren.

Wilkie Collins hat dem Sensationsroman zu künstlerischer Würde verholfen und das Höchste in der Gattung geleistet, und er ist im Tendenzroman, und zwar mit eigenen Mitteln, dem Dickens‘schen Muster nahe gekommen, und diese beiden Tatsachen werden einst genügen, ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte der englischen Literatur anzuweisen.

Möge er diesen ersten Versuch, seine künstlerische Individualität kritisch zu erfassen und darzustellen, als einen Beweis dafür ansehen, wie freudig bereit wir Deutschen sind, auch dasjenige Fremde stets bewundernd anzuerkennen, welchem wir nichts vollkommen Ebenbürtiges an die Seite zu stellen haben.

ENDE


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