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John Jagos Geist



Erstes Kapitel - Der kranke Mann

Herz, Lungen, alles in Ordnung, — sagte der Arzt. »Ich vermag kein organisches Übel bei Ihnen zu entdecken, Philipp Lefrank. Beunruhigen Sie sich also nicht. Sie brauchen nicht sofort zu sterben. Die Krankheit, an der Sie leiden, ist — Überarbeitung, das Heilmittel — Ruhe.«

So sprach in meinem Bureau in dem Tempel (London) der Arzt, welcher etwa eine halbe Stunde später herbeigeholt worden war, nachdem ich meinen Schreiber durch eine plötzliche Ohnmacht an meinem Pult erschreckt hatte. Ich habe kein Verlangen, mich der Aufmerksamkeit bei des Lesers unnütz aufzudrängen, es ist aber doch vielleicht der Erklärung wegen notwendig hinzuzusetzen, daß ich ein junger Advokat mit guter Praxis bin. Ich stamme von der Insel Jersey. Die französische Schreibart meines Namens (Lefranc) wurde schon vor Generationen anglisiert, zu jener Zeit, als der Buchstabe »k« noch am Ende von Worten in Gebrauch war, die heute mit »c« endigen. Dennoch setzt unsere Familie einen besonderen Stolz darein, von Jersey herzustammen, und meinem Vater ist es bis auf den heutigen Tag noch schmerzlich, seinen Sohn in der englischen Justiz zu wissen. —

»Ruhe!« wiederholte ich, als mein ärztlicher Ratgeber ausgesprochen hatte. »Bedenken Sie auch, mein lieber Freund, daß wir uns mitten in den Gerichtssitzungen befinden? Der Gerichtshof ist versammelt. Sehen Sie dort die Akten auf dem Tisch, die meiner harren.Ruhe würde in meinem Falle soviel als Ruin bedeuten.«

»Und Arbeit soviel als der Tod,« fügte der Doktor kaltblütig hinzu.

Ich erschrak. Es war kein Versuch mich zu ängstigen; er sprach in vollem Ernst.

»Es ist nur eine Frage der Zeit,« fuhr er fort. »Sie haben eine gute Konstitution; Sie sind ein junger Mann, aber Sie dürfen Ihren Kopf nicht länger so anspannen und Ihr Nervensystem ruinieren. Machen Sie, daß Sie aus England fortkommen. Wenn Sie ein tüchtiger Seemann sind, so machen Sie eine Seereise. Die Luft aus dem Meere ist die beste, um Ihren Menschen von Grund auf zu erneuern. Nein, ich will kein Rezept schreiben. Mit Mediziniren ist hier nichts getan. Weiter habe ich nichts zu sagen.«

Mit diesen Worten verließ mein ärztlicher Freund das Büreau. Ich war eigensinnig und ging noch am nämlichen Tage in die Gerichtssitzung.

Der ältere Advokat, mit welchem ich in derselben Sache zusammen engagiert war, wandte sich wegen einiger Informationen an mich, die ihm zu erteilen meine Pflicht war. Zu meinem Schrecken und Erstaunen war ich vollkommen unfähig, meine Gedanken zu sammeln; Tatsachen und Daten, alles ging verworren in meinem Kopfe durcheinander. Erschreckt über mich selbst, wurde ich aus dem Gerichtssaal geführt. Den folgenden Tag schickte ich meine Akten zurück und befolgte den Rat meines Arztes, indem ich mich auf dem ersten Dampfer einschiffte, welcher nach New.York die Anker lichtete.

Ich hatte der Reise nach Amerika vor jeder andern Seereise den Vorzug gegeben, weil ich einen besonderen Zweck dabei im Auge hatte. Ein Verwandter meiner Mutter war vor mehreren Jahren nach den Vereinigten Staaten ausgewandert und hatte dort als Farmer sein Glück gemacht. Ich war von ihm ein für allemal eingeladen worden, ihn zu besuchen, wenn ich jemals über das atlantische Meer käme. Die lange Zeit der Untätigkeit, zu der mich der Arzt unter dem Namen der Ruhe verurteilt hatte, konnte ich, wie mich dünkte, nicht besser anwenden, als indem ich meinem Verwandten einen Besuch machte und dabei so viel von Amerika sah, als sich tun ließ. Nach einem kurzen Aufenthalt in New.York reiste ich mit der Eisenbahn nach dem Wohnort meines Gastfreundes Mr. Isaak Meadowcroft auf Morwick Farm ab.

Wenn Amerika einige der großartigsten Naturszenen der ganzen Erdoberfläche aufzuweisen hat, so gibt es doch in gewissen Staaten der Union, gleichsam als heilsamen Kontrast, so flache, einförmige und für den Touristen so uninteressante Landstriche, wie sie nur irgendwo auf der Erde vorkommen. Die Gegend, in welcher Mr. Meadowcrofts Farm lag, gehörte dieser letzteren Kategorie an. Als ich auf der Station Morwick aus dem Waggon stieg und mich umsah, sagte ich zu mir selbst: »Wenn in meinem Falle Genesung und Langeweile gleichbedeutend sind, so habe ich mir gerade den richtigen Ort auserlesen.«

Wenn ich nach meinen späteren Erlebnissen, an diese Worte zurückdenke, so muß ich sie, wie es der Leser auch tun wird, als übereilt bezeichnen, denn ich vergaß, welche Überraschungen das Zusammenwirken von Zeit und Umständen den Menschen oft bereiten kann.

Mr. Meadowcrofts ältester Sohn, Ambrosius, erwartete mich mit dem Wagen auf der Station, um mich nach der Farm zu fahren.

In der äußern Erscheinung von Ambrosius Meadowcroft lag nichts, woraus man auf die seltsamen, schrecklichen Ereignisse hätte schließen können, die sich gleich nach meiner Ankunft in Morwick zutragen sollten. Ein blühender hübscher junger Bursche, wie es Tausende gibt, redete mich an. »Wie gehts, Mr. Lefrank. Freue mich, Sie zu sehen, Sir. Steigen Sie ein. Der Kutscher wird nach Ihrem Koffer sehen.« Mit derselben konventionellen Höflichkeit antwortete ich: »Danke sehr. Wie befinden sich die Ihrigen zu Hause?« Damit fuhren wir nach der Farm ab.

Unsere Unterhaltung während der Fahrt begann mit einem Gespräch über Ackerbau und Viehzucht, aber ehe wir noch eine Viertelmeile zurückgelegt, hatte ich bereits meine vollständige Unwissenheit über diese Gegenstände verraten. Ambrosius Meadowcroft suchte nach einem andern Thema, fand jedoch keins; worauf ich meinerseits dies und jenes anschlug und unter anderem auch fragte, ob ich einen geeigneten Zeitpunkt für meinen Besuch getroffen hätte. Das ausdruckslose sonnen braune Gesicht des jungen Farmers strahlte augenblicklich über und über. Ich hatte offenbar einen guten Treffer gehabt und ein interessantes Thema angeschlagen.

»Sie hätten keine bessere Zeit wählen können,« sagte er. »Unser Haus ist niemals so heiter wie jetzt gewesen.«

»Haben Sie noch andern Besuch?«

»Es ist eigentlich kein Besuch. Es ist ein neues Familienmitglied, welches seit kurzem. bei uns lebt.«

»Ein neues Familienmitglied! Darf ich fragen, wer das ist?«

Ambrosius Meadowcroft überlegte, ehe er antwortete — berührte sein Pferd mit der Peitsche — sah mich mit einer gewissen einfältigen Unentschlossenheit an und platzte dann mit der Wahrheit in den möglich einfachsten Worten heraus.

»Es ist nämlich das hübscheste Mädchen, welches Sie in Ihrem Leben gesehen haben, Sir.«

»So, so! Vermutlich eine Freundin Ihrer Schwester.«

»Eure Freundin? Du lieber Himmel! Es ist unsere kleine amerikanische Cousine — Naomi Colebrook.«

Ich erinnerte mich dunkel, daß eine jüngere Schwester Mr. Meadowcrofts einen amerikanischen Kaufmann geheiratet und bei ihrem kürzlich erfolgten Tode ein einziges Kind hinterlassen hatte. Ich erfuhr nun, daß auch der Vater gestorben sei und auf seinem Sterbebette seine verwaiste Tochter dem Schutz und der Fürsorge der Verwandten seiner Frau auf Morwick übergeben habe.

»Er hatte immer den Kopf voll Spekulationen,« fuhr Ambrosius fort zu erzählen, »versuchte dies und jenes — es schlug aber alles fehl, und als er starb, reichte seine ganze Hinterlassenschaft nur gerade hin, um die Begräbniskosten zu bestreiten. Mein Vater hatte einige Bedenken in Betreff seiner amerikanischen Nichte, bevor sie zu uns kam. Wir sind Engländer, wie Sie wissen, und wenn wir auch in den Vereinigten Staaten leben, so halten wir doch an unseren englischen Sitten und Gewohnheiten fest. Wir mögen die amerikanischen Frauen im Allgemeinen nicht, kann ich Sie versichern. Aber sobald Naomi erschien, hatte sie uns auch Alle erobert. Ein wahres Prachtmädchen! Nahm ihren Platz im Hause sofort wie zur Familie gehörig ein; wußte sich in Zeit von einer Woche schon in der Milchkammer nützlich zu machen. Kurzum — sie ist noch nicht volle zwei Monate bei uns und wir begreifen schon nicht mehr, wie wir ohne sie haben leben können.«

Einmal auf dieses Thema gebracht, plauderte Ambrosius ohne Unterbrechung über Naomi Colebrook fort. Es gehörte kein großer Scharfsinn dazu, um zu entdecken, welchen Eindruck die amerikanische Cousine auf ihn gemacht hatte. Des jungen Burschen Enthusiasmus steckte mich förmlich an. Ich empfand in der Tat eine gewisse Aufregung und war auf den Anblick Naomis äußerst .gespannt, als wir gegen Abend vor dem Hofthor von Morwick Farm hielten.



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Zweites Kapitel - Neue Gesichter

Ich wurde gleich bei meiner Ankunft Mr. Meadowcroft, dem Vater, vorgestellt.

Der alte Mann litt an einem chronischen Rheumatismus, der ihn auf seinem Stuhle festgebannt hielt. Er empfing mich freundlich, wenn auch nicht gerade herzlich. Seine einzige, nicht verheiratete Tochter (er selbst war seit langen Jahren Witwer) war zu seiner Bedienung im Zimmer anwesend, eine melancholische Dame in mittleren Jahren, die jeder Spur weiblicher Anmut entbehrte. Sie gehörte zu jenen Wesen, welche nur unter stillem Protest die Bürde des Lebens zu tragen scheinen und dieselbe nie auf sich genommen haben würden, hätte man sie vorher darum befragt. Wir hatten eine kurze trockene Unterhaltung in einem Zimmer mit kahlen Wänden, worauf ich in mein Zimmer entlassen wurde, um meinen Koffer auszupacken.

»Das Abendbrot wird um neun Uhr fertig sein,« sagte Miß Meadowcroft und sprach das Wort »Abendbrot« in einem Tone aus, als ob es ein häusliches Attentat wäre, das von den Männern verübt und von den Frauen nur geduldet würde. Ich folgte dem Hausknecht nach meinem Zimmer, nicht allzu entzückt von meinen ersten Erfahrungen auf der Farm.

Keine Naomi und somit keine Romantik!

Mein Zimmer war sauber — beängstigend sauber. Ich hätte etwas dafür gegeben, irgendwo ein Stäubchen zu entdecken. Meine Bibliothek beschränkte sich auf die Bibel und das Gebetbuch. Die Aussicht aus meinem Fenster zeigte mir eine gleichmäßige, zum Teil kultivierte Ebene, welche sich in dem Dämmerlicht des Abends in der Ferne melancholisch verlor. Über meinem schneeweißen .Bett hing ein verdammender Bibelspruch in rot und schwarz gemalten Buchstaben. Miß Meadowcroft hatte den Stempel ihrer trübseligen Gegenwart diesem Zimmer aufgedrückt. Mir sank das Herz, als ich mich darin umblickte. Meine ganze Hoffnung war auf das Abendbrot gerichtet. Ich zündete die Kerzen an und nahm aus meinem Koffer, wie ich bestimmt glaube, den ersten französischen Roman, der jemals in Morwick Farm ans Licht gekommen. Es war eine der meisterhaften, reizenden Geschichten von Dumas, dem älteren. In fünf Minuten befand ich mich in einer andern Welt und mein melancholisches Zimmer war von der lebhaftesten französischen Gesellschaft erfüllt. Der scharfe, gebieterische Ton einer Glocke rief mich zu rechter Zeit in die Wirklichkeit zurück. Ich sah nach meiner Uhr. Punkt neun Uhr!«

Ambrosius empfing mich unten an der Treppe und führte mich nach dem Speisezimmer.

Mr. Meadowcrofts Krankenstuhl war an das obere Ende des Tisches gerollt. Rechts von ihm saß die traurige, schweigende Gestalt seiner Tochter. Sie winkte mir mit geisterhaft feierlicher Gebärde, den leeren Platz zur Linken ihres Vaters einzunehmen. In diesem Augenblick trat Silas Meadowcroft ins Zimmer und wurde mir durch seinen Bruder vorgestellt. Es war eine große Familienähnlichkeit zwischen Beiden, nur daß Ambrosius größer und hübscher war. In keinem der Gesichter prägte sich jedoch ein besonderer Charakter aus, und ich hielt Beide für noch unentwickelte Menschen, deren gute wie böse Eigenschaften erst durch Zeit und Umstände zu ihrer vollen Reife gelangen würden.

Während ich noch die Physiognomien der beiden Brüder studierte, ohne, wie ich ehrlich gestehe, von einer oder der andern sympathisch berührt zu werden, öffnete sich die Tür abermals, und ein neues Mitglied des Familienkreises, welches meine Aufmerksamkeit fesselte, trat in das Zimmer.

Es war ein kleiner, hagerer Mann, der für einen auf dem Lande und in der freien Luft Lebenden merkwürdig bleich war. Auch in anderer Hinsicht noch war sein Gesicht ein auffallendes. Den unteren Teil desselben bedeckte ein dichter, schwarzer Bart, zu einer Zeit, wo Bärte in Amerika zur Ausnahme gehörten. Was den oberen Teil betraf, so funkelten ein Paar wilder brauner Augen darin, deren Ausdruck mich unwillkürlich auf den Gedanken brachte, daß in dem geistigen Gleichgewicht des Mannes eine Störung vorhanden sein müßte, und daß er, obgleich in seinem Reden und tun vollkommen vernünftig, unter besonders provozierenden Umständen fähig wäre, die gewaltsamsten und tollsten Handlungen zu begehen. Kurz, der Eindruck, den er bei seinem Erscheinen im Speisezimmer sofort auf mich machte, war der, daß er, wie die volkstümliche Phrase lautet, »ein wenig verrückt« sei.

Mr. Meadowcroft, der Vater, der bis jetzt kein Wort gesprochen hatte, stellte mir selbst den neu Eingetretenen mit einem Seitenblick auf seine Söhne vor, in welchem etwas wie eine Herausforderung lag, und welcher, wie ich zu meinem Leidwesen bemerkte, mit gleichem Trotz von Seiten der beiden jungen Leute erwidert wurde.

»Philipp Lefrank, dies ist mein Oberaufseher, Mr. Jago,« sagte der alte Mann, uns in aller Form einander vorstellend. »John Jago, dies ist mein junger Anverwandten Mr. Lefrank. Er ist nicht gesund, und übers Meer gekommen, um sich in einer andern Umgebung auszuruhen. Mr. Jago ist Amerikaner, Philipp. Ich hoffe, Du hast kein Vorurteil gegen Amerikaner. Mache mit Mr. Jago Bekanntschaft und setzt Euch zusammen.« Abermals warf er seinen Söhnen einen hässlichen Blick zu, und die Söhne erwiderten ihn wie vorhin. Sie wichen mit Ostentation vor John Jago zurück, als er sich dem leeren Stuhl neben mir näherte und gingen nach der andern Seite des Tisches herum. Es war klar, daß der bärtige Mann beim Vater in hoher Gunst stand, währender aus diesem oder jenem Grunde von den Söhnen herzlich gehasst wurde.

Noch einmal öffnete sich die Tür und eine junge Dame schloß sich ruhig dem um die Abendtafel versammelten Kreise an. War die junge Dame Naomi Colebrook? Ich blickte Ambrosius fragend an und las die Antwort auf seinem Gesicht. Naomi Colebrook war endlich erschienen.

Sie war ein reizendes Mädchen und soviel ich nach dem äußeren Anschein urteilen konnte, auch ein gutes Mädchen. Sollte ich eine allgemeine Beschreibung von ihr geben, so würde ich sagen, sie hatte einen schmalen Kopf, der ihr reizend auf dem Halse saß und graziös von ihr getragen wurde; klare graue Augen. Die Einen ehrlich anschauten und durchaus das meinten, was sie ausdrückten; eine zierliche, schlanke kleine Gestalt — zu schlank für unsere englischen Begriffe von Schönheit; einen stark amerikanischen Akzent und, was in Amerika eine Seltenheit ist, ein angenehm klingendes Organ, welches das englische Ohr mit jenem Akzent aussöhnte. Der erste Eindruck, den wir von Personen empfangen, ist unter zehn Malen neun Mal der richtige. Ich hatte Naomi auf den ersten Blick gern. Ihr freundliches Lächeln, ihr herzlicher Händedruck, als wir einander vorgestellt wurden, alles gefiel mir an ihr. »Wenn ich hier im Hause auch sonst mit Niemandem Freundschaft schließe,« dachte ich bei mir selbst, »mit Dir werde ich es gewiss.«

Und einmal in meinem Leben habe ich mich als richtiger Prophet erwiesen, denn in der Atmosphäre heimlicher Feindschaft, welche über Morwick Farm lagerte, sind die hübsche Amerikanerin und ich von Anfang bis zu Ende treue Freunde geblieben.

Ambrosius machte zwischen sich und seinem Bruder für Naomi Platz. Sie errötete leicht und sah ihn einen Augenblick mit einer allerliebsten widerstrebenden Zärtlichkeit an, indem sie ihren Stuhl einnahm. Ich hatte den jungen Farmer stark im Verdacht, daß er ihr heimlich unter dem Tische die Hand drückte.

Das Mahl war kein heiteres. Die einzige fröhliche Unterhaltung war die, welche Naomi und ich über den Tisch hinüber führten.

John Jago schien sich aus irgend einem unbegreiflichen Grunde in der Gegenwart seiner jungen Landsmännin unbehaglich zu fühlen. Er sah öfters verstohlen zu ihr hinüber und dann wieder mit einem Stirnrunzeln auf seinen Teller. Wenn ich ihn anredete, antwortete er mir zerstreut. Selbst wenn er mit Mr. Meadowcroft sprach, schienen seine Gedanken mehr bei den jungen Leuten drüben als bei dem Gespräche zu sein, wenigstens wanderten seine Blicke unaufhörlich zu ihnen hinüber. Als wir zu essen begannen, bemerkte ich, daß Silas Meadowcrofts linke Hand mit Heftpflaster bedeckt war, und jetzt sah ich auch, daß John Jagos unstete braune Augen, nachdem sie alle rings um den Tisch flüchtig gestreift hatten, mit einem eigentümlich zynisch forschenden Blick auf der verletzten Hand des jungen Mannes haften blieben.

Um meinen ersten Abend auf der Farm vollends unbehaglich zu machen, bemerkte ich sehr bald, daß der Vater und die Söhne indirekt zu einander sprachen, indem sie Mr. Jago und mich als Medium benutzten. Tadelte Mr. Meadowcroft ein in der Ackerwirtschaft vorgekommenes Versehen gegen seinen Inspektor, so zeigte doch die Richtung seiner Blicke an, daß der Verweis direkt auf seine Söhne gemünzt war. Benutzten die beiden Söhne eine gelegentliche Bemerkung über Viehzucht von meiner Seite, um ironische Glossen über schlecht gehaltene Schafe und Rinder zumachen, so sahen sie John Jago an, während ihre Worte an mich gerichtet waren. Bei solchen Gelegenheiten, die häufig wiederkehrten, mischte sich Naomi resolut im rechten Moment ins Gespräch und gab ihm eine ungefährliche Wendung. Jedes Mal, wenn sie in dieser Weise für die Aufrechterhaltung des Friedens eintrat, beugte die melancholische Tochter des Hauses sich langsam vor und sah sie zum Dank für diese Intervention mit einem strengen verweisenden Blicke an. Mit einem traurigeren und uneinigeren Familienkreise hatte ich niemals zu Tische gesessen. Neid., Haß, Bosheit und Lieblosigkeit sind um so verabscheuungswürdiger, wenn sie unter dem Schein des äußern Anstands ihr Wesen treiben, und ohne mein Interesse für Naomi und die raschen, zwischen ihr und Ambrosius ausgetauschten Liebesblicke, bei denen ich sie dann und wann ertappte, hätte ich das Ende dieses Mahles kaum abzuwarten vermocht. Ich wäre sicher nach meinem Zimmer und zu meinem französischen Roman geflüchtet.

Endlich war das mit prahlerischer Opulenz servierte Mahl zu Ende. Miß Meadowcroft erhob sich in ihrer feierlichen Art und kündigte mir meine Entlassung in folgenden Worten an:

»Wir gehen hier früh zu Bett, Mr. Lefrank. Ich wünsche Ihnen gute Nacht.«

Sie legte ihre knöchernen Hände auf die Lehne von Mr. Meadowcrofts Krankenstuhl, machte seinen Worten, mit denen er sich von mir verabschiedete, kurz ein Ende und rollte ihn hinaus nach seinem Bett, als ob er schon ein Häuflein Erde in einem Karren gewesen wäre..

»Gehen Sie gleich nach Ihrem Zimmer, Sir, oder darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten — vorausgesetzt, daß die jungen Herren nichts .dagegen haben?«

Mit diesen absichtlich verletzenden Worten und indem er den »jungen Herren.« mit einem höhnischen Seitenblick eine Verbeugung machte, erfüllte Mr. John Jago die Pflichten der Gastfreundschaft und präsentierte mir seine Zigarrentasche. Ich lehnte jedoch die Zigarre unter einem Vorwand ab und der Mann mit den blitzenden braunen Augen wünschte mir mit studierter Höflichkeit gute Nacht und verließ das Zimmer.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als Ambrosius und Silas gleichzeitig mit ihren geöffneten Zigarrentaschen gastfreundlich auf mich zukamen.

»Sie haben recht getan, seine Zigarre abzulehnen,« sagte Ambrosius. »Rauchen Sie niemals mit John Jago. Seine Zigarren könnten vergiftet sein.«

»Und glauben Sie kein Wort, was John Jago Ihnen sagt,« fügte Silas hinzu.. »Er ist der größte Lügner in Amerika.«

Naomi drohte ihnen vorwurfsvoll mit dem .Finger, als ob die beiden stämmigen jungen Farmer zwei Kinder gewesen wären.

»Was wird Mr. Lefrank denken.« sagte sie, »wenn Ihr so von Jemand sprecht, den Euer Vater mit Achtung und Vertrauen behandelt? Geht und raucht. Ich muß mich Eurer wirklich schämen.«

Silas schlenderte ohne ein Wort der Entgegnung davon. Ambrosius aber räumte nicht das Feld, denn es war ihm augenscheinlich darum zu tun, vorher seinen Frieden mit Naomi zu machen.

Da ich sah, daß ich zu viel war, ging ich nach einer Glastüre im Hintergrunde des Zimmers, welche in einen eigen gehaltenen kleinen Garten führte, der in diesem Augenblick vom klarsten Mondschein übergossen war. Ich schritt hinaus, um den lieblichen Abend zu genießen und gelangte zu einer Ruhebank unter einem mächtigen Eibenbaum. Der großartige Frieden der Natur war mir nie so unaussprechlich feierlich und köstlich erschienen, als nach dem, was ich in dem Innern dieses Hauses gehört und gesehen hatte. Ich verstand, oder glaubte in diesem Augenblick zu verstehen, wie es früher so viele Menschen gegeben, welche die Verzweiflung an ihrem eigenen Geschlecht in die Klöster getrieben hatte. Die menschenfeindliche Seite meiner Natur, — und welcher Kranke wird sich dieser Seite nicht bewusst? — gewann schnell die Oberhand, als ich meine Schulter leicht berührt fühlte und durch den Anblick Naomi Colebrooks mit der Menschheit wieder versöhnt wurde.



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Drittes Kapitel - Rendezvous im Mondschein

Ich möchte mit Ihnen sprechen, — begann Naomi. »Denken Sie nicht schlimm von mir, weil ich Ihnen hierher gefolgt bin. Wir halten nicht viel auf Zeremoniell in Amerika.«

»Da haben Sie ganz Recht in Amerika..Wollen Sie sich nicht setzen?« Sie nahm an meiner Seite Platz, indem sie mir frei und unbefangen beim Lichte des Mondes ins Gesicht sah.

»Sie sind mit der Familie verwandt, fuhr sie fort, »und ich auch, und daher meine ich zu Ihnen sagen zu können, was ich einem Fremden nicht sagen dürfte. Ich bin recht froh, daß Sie gekommen sind, Mr. Lefrank, und aus einem Grunde, den Sie schwerlich vermuten.«

»Haben Sie Dank für das Kompliment, welches Sie mir machen, Miß Colebrook, welches auch der erwähnte Grund sein möge.«

Sie nahm keine Notiz von meiner Antwort, sondern verfolgte ihren Gedankengang

»Ich glaube nämlich, Sir, Sie könnten in diesem beklagenswerten Hause Gutes wirken,« sagte sie, indem sie mich noch immer mit ernsten Augen anschaute. »Es herrscht in Morwick Farm weder Liebe, noch Vertrauen, noch Frieden. Sie brauchen hier Jemand — Ambrosius ausgenommen; denken Sie nicht schlecht von ihm, er ist nur gedankenlos — aber die Andern brauchen Jemand, der ihnen mal so recht ins Gewissen redet, damit sie sich ihrer Verstocktheit und ihres hässlichen, herzlosen und neidischen Wesens schämen. Sie sind ein Gentleman Sie sind ihnen an Bildung überlegen und ob sie wollen oder nicht, sie müssen zu Ihnen hinauf sehen. Wenn Sie daher Gelegenheit haben, Mr. Lefrank, bitte, versuchen Sie, Frieden unter ihnen zu stiften. Sie haben gehört und gesehen, wie es bei Tische herging, und waren degoutirt davon. O ja, leugnen Sie nicht, Sie waren es. Ich habe wohl gesehen, wie Sie die Stirn runzelten, und ich weiß, was dies bei Euch Engländern zu bedeuten hat.«

Es blieb mir nichts übrig, als mich offen gegen Naomi auszusprechen Ich sagte ihr ganz unumwunden, welchen Eindruck die Vorgänge während des Abendessens auf mich gemacht hätten, und das Mädchen nickte mir wiederholt ihren Beifall über meine Aufrichtigkeit zu.

»So, das ist recht, das ist offen gesprochen, « sagte sie. »Aber Sie drücken es viel zu gelinde aus, wenn Sie sagen, die Männer scheinen nicht auf freundschaftlichem Fuße zu stehen.Sie hassen einander. Das ist das richtige Wort, Mr. Lefrank. Es ist Haß — tödlicher Haß.« Und dabei ballte sie ihre Hände und schüttelte die kleinen Fäuste heftig, um ihren letzten Worten mehr Nachdruck zu geben. Dann fiel ihr aber plötzlich Ambrosius ein und sie, öffnete ihre Hände wieder und setzte hinzu, indem sie eine derselben ernst auf meinen Arm legte: »Ambrosius ausgenommen, Sir. Beurteilen Sie Ambrosius nicht falsch. Er ist die Harmlosigkeit selbst.«

Des Mädchens unbefangene Offenheit war wirklich unwiderstehlich.

»Sollte ich wohl ganz und gar im Irrtum sein,« fragte ich, »wenn ich Sie für etwas zu parteiisch zu Gunsten dieses Ambrosius halte?«

Eine Engländerin würde bei meiner Frage ein wenig verlegen geworden sein, oder sich wenigstens so gestellt haben. Naomi aber zögerte keinen Augenblick mit der Antwort.

»Sie haben ganz Recht, Sir,« sagte sie voll.kommen ruhig. »Wenn alles gut geht, so gedenke ich mich mit Ambrosius zu verheiraten.«

»Wenn alles gut geht?« wiederholte ich.

»Was meinen Sie damit? In pekuniärer Hinsicht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich meine, wenn die Dinge hier zwischen den Männern, den schlechten, gefühllosen, selbstsüchtigen Männern, keinen schlimmen Ausgang nehmen, was ich beständig fürchte. Ich meine nicht Ambrosius, Sir, sondern seinen Bruder Silas und John Jago. Haben Sie Silas’ Hand bemerkt? Das hat John Jago getan mit einem Messer.«

»Zufällig?« fragte ich.

»Absichtlich,« entgegnete sie, »es war die Antwort auf einen Schlag.«

Diese nackte Enthüllung der Zustände auf Morwick Farm machte mich doch ein wenig stutzig. Schläge und Messer unter dem reichen, respektablen Dach des alten Mr. Meadowcroft! Schläge und blanke Klingen, nicht unter den Arbeitern, nein unter der Herrschaft! Ich konnte es im ersten Augenblicke kaum glauben, wie es manchem meiner Leser ebenso gehen wird.

»Sind Sie dessen ganz gewiss?« fragte ich.

»Ich habe es von Ambrosius; Ambrosius würde mir nichts Unwahres sagen; er kennt die Geschichte ganz genau.«

Meine Neugierde war mächtig erregt. Nach welcher Art von Haushalt hatte ich mich voreilig über den Ozean begeben, um Stille und Ruhe zu suchen?

»Dürfte ich die Geschichte auch erfahren?« fragte ich.

»Ja, ich will Ihnen so gut ich kann wieder.erzählen, was Ambrosius mir erzählt hat. Aber Sie müssen mir erst eins versprechen, Sir, nämlich, daß Sie nicht auf und davongehen, sobald Sie die ganze Wahrheit erfahren haben. Geben Sie mir die Hand darauf, Mr. Lefrank. So, geben Sie mir die Hand.«

Vor ihrer unbefangenen Offenheit war an kein Ausweichen zu denken. Ich gab ihr die Hand darauf, und sobald sie dieses Unterpfand erhalten, begann sie, ohne sich mit einem Wort der Vorrede aufzuhalten, ihre Erzählung.

»Wenn man Sie auf der Farm herumführen wird,« hub sie an, »so werden Sie bemerken, daß sie eigentlich aus zwei verschiedenen Teilen besteht. Auf dieser Seite, die hier vor uns liegt, wird Ackerwirtschaft getrieben; auf der andern und zwar der größeren Hälfte des Landes, Viehzucht. Als Mr. Meadowcroft zu alt und hinfällig wurde, um selbst seine Farm zu bewirtschaften, teilten die Jungen — ich meine Ambrosius und Silas — die Arbeit zwischen sich. Ambrosius übernahm die Felder und Silas das Vieh. Es ging aber unter ihrem Regiment nicht alles, wie es sollte; woran es lag, weiß ich nicht. Ich bin aber überzeugt, daß es nicht Ambrosius Schuld war. Der alte Mann wurde je länger je unzufriedener, besonders mit seinem Viehstand, worin er seinen Stolz setzt. Ohne ein Wort seinen Söhnen zu sagen — und das war meiner Ansicht nach sehr unrecht von ihm, nicht wahr? — sah er sich unter der Hand nach einem Oberaufseher um, und traf in einer bösen Stunde auf John Jago. Mögen Sie John Jago leiden, Mr. Lefrank?«

»Bis jetzt kann ich nicht sagen, daß er mir gefiele.«

»Gerade so geht es mir. Aber ich weiß nicht, es ist möglich, daß wir ihm Unrecht tun. Man kann eigentlich nichts gegen John Jago einwenden, als daß er ein absonderlicher Mensch ist. Man sagt, er trüge den großen hässlichen Bart, und für mich ist ein Bart etwas Schreckliches, weil er beim Tode einer Frau ein Gelübde getan hätte. Aber glauben Sie nicht, Mr. Lefrank, daß der Mann — etwas verrückt sein muß, der seinem Kummer über den Tod seiner Frau dadurch Ausdruck gibt, daß er gelobt, sich nie wieder zu rasieren? Nun, und dies Gelübde soll John Jago getan haben. Es mag nicht wahr sein. Die Leute lügen hier fürchterlich. Wie dem auch sei, eines bezeugen selbst die jungen Leute, nämlich, daß John Jago, als er auf die Farm kam, die besten Empfehlungen besaß. Es ist schwer, dem alten Vater zu gefallen und es ihm recht zumachen, und beides gelang John Jago. Mr. Meadowcroft mag meine Landsleute im Allgemeinen nicht. Er ist wie seine Söhne Engländer bis in das innerste Mark hinein, aber trotzdem gewann John Jago sehr bald seine Gunst — vielleicht weil dieser sein Geschäft gründlich versteht. Denn das ist der Fall. Seit er die Oberaussicht führt, gedeihen Felder und Vieh ganz anders, als zur Zeit der jungen Leute. Ambrosius hat mir das selbst zugegeben. Aber dennoch ist es hart, eines Fremden wegen bei Seite gesetzt zu werden, nicht wahr, Sir? John befiehlt jetzt und die Beiden müssen gehorchen und haben keine Stimmen, wenn John und der Alte die Köpfe über die Angelegenheiten der Farm zusammen stecken. Ich habe Ihnen dies ein wenig ausführlich erzählt; aber nun wissen Sie auch, wie der Neid und der Haß vor meiner Zeit hier unter den Männern entstanden ist. Seit ich hier bin, scheint es immer schlimmer zu werden. Es vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht harte Worte setzt zwischen den Söhnen und John, oder zwischen dem Vater und den Söhnen. Der alte Mann hat eine aufreizende Art, — eine abscheuliche Art, wie wir es nennen — John Jagos Partei zu nehmen. Sprechen Sie mit ihm darüber, wenn Sie Gelegenheit dazu finden, denn ich glaube er trägt die Hauptschuld bei den neuerlichen Händeln zwischen Silas und John. Ich will Silas keineswegs freisprechen von Schuld, obgleich er Ambrosius Bruder ist. Es war brutal von ihm, nach John zu schlagen, der der Kleinere und Schwächere von Beiden ist. Aber es war noch schlimmer als brutal von John, das Messer zu ziehen und nach Silas zu stechen. Ja, das tat er! Wenn Silas das Messer nicht gepackt hätte — und er schnitt sich die Hand dabei furchtbar, kann ich Ihnen sagen, ich habe sie selbst verbunden — so hätte die Sache leicht mit einem Morde enden können.«

Als das Wort über ihre Lippen war, hielt sie inne, sah über ihre Schulter und fuhr erschreckt zurück.

Ich blickte nach derselben Richtung wie meine Gefährtin und sah die dunkle Gestalt eines Mannes im Schatten des Eibenbaumes stehen, und uns beobachten. Ich erhob mich sofort, um ihm entgegen zu treten, aber Naomi, die ihre Kaltblütigkeit bereits wiedergewonnen hatte, hielt mich zurück.

»Wer sind Sie?« fragte sie, indem sie sich scharf nach dem Unbekannten umdrehte. »Was suchen Sie hier?«

Der Mann trat aus dem Schatten des Baumes in das volle Mondlicht, und wir sahen John Jago vor uns stehen.

»Ich hoffe, daß ich nicht störe,« sagte er, indem er mich scharf anblickte.

»Was wollen Sie?« fragte Naomi abermals.

»Ich will Sie nicht stören, noch diesen Herrn,« erwiderte er. »Wenn Sie ganz frei sind, Miß Naomi, würden Sie mir eine Gunst erweisen, wenn Sie mir gestatteten, mit Ihnen einige Worte allein zu sprechen ?«

Er sprach mit der ausgesuchtesten Höflichkeit, während er sich zugleich vergeblich bemühte, die heftige Aufregung, in der er sich befand, zu bemeistern. Seine wilden braunen Augen, die im Mondschein noch unheimlicher aussahen, hingen flehend und mit einem seltsamen Aus.druck von Verzweiflung an Naomis Antlitz. Seine Hände, die er leicht gefaltet herunterfallen ließ, zitterten beständig. So wenig Sympathie mir der Mann einflößte, so erschien er mir doch in dem Augenblick beklagenswert

»Sie meinen doch nicht, daß es noch heute Abend sein müßte?« fragte Naomi mit unverhohlener Überraschung.

»Ja, Miß, wenn Sie so gütig sein wollen — sobald es Ihnen und Mr. Lefrank passen wird.«

Naomi zögerte.

»Kann es nicht bis morgen bleiben.?« fragte sie.

»Ich bin morgen den ganzen Tag von der Farm abwesend. Bitte, haben Sie die Güte, mir heute Abend einige Augenblicke zu schenken.« Er trat einen Schritt näher auf sie zu, seine Stimme bebte, und schüchtern und leiser fuhr.er fort: »Ich habe Ihnen wirklich etwas zusagen, Miß Naomi. Es wäre von Ihnen eine Güte — eine sehr, sehr große Güte — wenn Sie es mir zu sagen erlaubten, bevor ich mich heute zur Ruhe begebe.«

Ich stand abermals auf um ihm meinen Platz zu räumen; aber Naomi hielt mich wieder zurück.

»Nein, bleiben Sie,« sagte sie und fuhr dann gegen John gewendet mit innerem Widerstreben fort: »Wenn Sie so großes Gewicht darauf legen, Mr. Jago, so wird es wohl sein müssen. Ich begreife freilich nicht, was Sie mir zu sagen haben können, was nicht vor einem Dritten gesagt werden kann; aber es «wäre vielleicht nicht höflich von mir, wenn ich es Ihnen abschlüge. Sie wissen, daß ich jeden Abend um Zehn die große Uhr in der Halle aufziehe. Wenn es Ihnen passt, mir dabei zu helfen, so werden wir wahrscheinlich allein.in der Halle sein. Sind Sie damit zufrieden?«

»Nicht in der Halle, Miß, wenn Sie gütigst entschuldigen wollen.«

»Nicht in der Halle?«

»Und überhaupt nicht im Hause, wenn ich, so frei sein dürfte zu bitten.«

»Was meinen Sie damit? Verstehen Sie ihn?« wandte sie sich ungeduldig an mich.

John Jago machte eine flehende Gebärde gegen mich, daß ich ihn für sich selbst antworten lassen sollte.

»Haben Sie nur ein wenig Geduld mit mir, Miß Naomi,« sagte er. »Ich denke, Sie werden mich gleich verstehen. Im Hause gibt es Augen und Ohren, die auf der Wache sind, und so leise Fußtritte — ich will nicht sagen wessen — daß sie Niemand hören kann.«

Diese letzte Anspielung wurde offenbar verstanden. Naomi unterbrach ihn, bevor er ein Wort weiter sagte.

»Wo soll es denn also sein?« fragte sie mit Resignation. »Wird der Garten genügen., Mr. John?«

»Tausend Dank, Miß, ja, der Garten genügt.« Er deutete auf einen Kiesweg hinter uns, der von dem vollen Licht des Mondes beschienen war.

»Dort,« sagte er, »wo wir ringsum freie Aussicht haben und sicher sind, daß Niemand lauscht. Um zehn Uhr.« Er schwieg eine Weile und wandte sich dann an mich. »Ich bitte mich zu entschuldigen, Sir, daß ich Sie in Ihrer Unterhaltung gestört habe,« sagte er im höflichsten Tone.

Noch einmal sah er Naomi mit einem ängstlich flehenden Ausdruck in seinen Augen an, dann verbeugte er sich und verschwand wieder in dem Schatten des Baumes. Der ferne Laut einer leise geschlossenen Tür schlug in der Stille des Abends an unser Ohr; John Jago war in das Haus zurückgekehrt.

Erst jetzt, da sie sicher war, daß er sich nicht in Hörweite befand, fing Naomi wieder zu sprechen an.

»Glauben Sie nicht, Sir,« sagte sie sehr ernst, »daß ich mit dem da irgend welche Geheimnisse habe. Ich weiß ebenso wenig wie Sie, was er von mir will.. Ich bin halb und halb entschlossen, nicht zu dem Rendezvous zugehen. Was würden Sie in meiner Stelle tun?«

»Da Sie ihm das Versprechen gegeben, « erwiderte ich, »so ist es auch in der Ordnung, daß Sie es halten. Wenn Sie die geringste Unruhe empfinden, will ich in einem andern Teile des Gartens warten, wo ich hören kann, wenn sie mich rufen.«

Sie nahm mein Anerbieten mit einem kecken Zurückwerfen des Kopfes und einem mitleidigen Lächeln über meine Unwissenheit auf.

»Sie sind ein Fremder, Mr. Lefrank, sonst würden Sie so nicht gesprochen haben. In Amerika tun wir den Männern nicht die Ehre an, uns vor ihnen zu fürchten. In Amerika behüten sich die Frauen selbst. Er hat mein Versprechen, daß ich kommen werde, und Sie haben ganz Recht, daß ich es halten muß. Aber sollte man es denken,« setzte sie, mehr zu sich selbst als zu mir sprechend, hinzu, »daß John Jago hinter die abscheulich schleichende Manier Miß Meadowcrofts gekommen ist! Die meisten Männer hätten gewiss gar nicht Acht auf sie gegeben.«

Ich war im höchsten Grade überrascht. Die ernste, strenge Miß Meadowcroft Lauscherin und Spionin! Was würde ich noch in Morwick Farm erleben!

»Bezog sich der Wink über die heimlich spionierenden Augen und Ohren und die leisen Fußtritte wirklich auf Mr. Meadowcrofts Tochter?« fragte ich.

»Natürlich. Ach, sie hat Sie getäuscht, wie sie jeden täuscht, die falsche Person! Sie steckt zur Hälfte mit hinter den feindseligen Gefühlen der Männer. Ich bin überzeugt, sie verbittert Mr. Meadowcroft immer mehr gegen seine Söhne. So alt und hässlich sie auch ist, Mr. Lefrank, so würde sie doch nichts dagegen haben, John Jagos zweite Frau zu werden, wenn sie ihn nur dahin bringen könnte, daß er um sie würbe. Nein, Sir, und das Herz würde ihr auch nicht brechen, wenn die Brüder bei des Vaters Tode nicht einen Stein oder Strauch auf der Farm bekämen.. Ich habe sie beobachtet und weiß es. Ach, ich könnte Ihnen nette Dinge erzählen.! Aber dazu ist jetzt nicht Zeit; es ist gleich Zehn und wir müssen uns gute Nacht sagen. Ich bin recht froh, daß ich Ihnen alles erzählt habe, Sir. Ich wiederhole zum Abschied, was ich Ihnen schon gesagt habe: brauchen Sie Ihren Einfluss, um die Gemüter zu besänftigen und sie über sich selbst zu beschämen. Wir wollen weiter darüber sprechen, was Sie tun können, wenn Sie morgen die Farm werden in Augenschein genommen haben. Gute Nacht, nun. Horch! Es schlägt Zehn. Und sehen Sie, dort schleicht sich Jago wieder in den Schatten des Baumes. Gute Nacht, Freund Lefrank, und angenehme Träume.«

Während sie mir mit der einen Hand die meinige herzlich drückte, schob sie mich mit der andern ohne Umstände dem Hause zu. Ein reizendes Mädchen — ein unwiderstehliches Mädchen! Ich war nahe daran, die gehässigen Gefühle der beiden jungen Leute gegen John Jago zu teilen, als wir uns im Schatten des Baumes kreuzten.

An der Glastür angelangt, blieb ich stehen und sah mich nach dem Kieswege um.

Sie hatten sich getroffen und ich sah die beiden schattenhaften Gestalten im Mondschein langsam auf- und niedergehen, das Mädchen ein wenig dem Manne voraus. Was sprach er zu ihr? Warum lag ihm so viel daran, daß kein Wort davon das Ohr eines Andern erreichte? Unsere Ahnungen sind in gewissen Fällen die treuen Verkünder der Zukunft. Dieses Rendezvous im Mondschein wollte mir gar nicht gefallen, und es schlich sich allmählich ein unbestimmtes Misstrauen in meine Seele. »Es wird noch ein Unglück daraus entstehen,« sagte ich zu mir selbst, als ich die Tür schloß und nach meinem Zimmer ging.

Und es entstand Unglück daraus. Der Leser wird hören auf welche Weise.



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Viertes Kapitel - Der büchene Knüttel

Nervöse Personen, welche zum ersten Mal in einem fremden Hause und in einem neuen Bette schlafen, müssen sich darein ergeben, keine besonders geruhsame Nacht zu verbringen. Meine erste Nacht auf Morwick Farm machte keine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Der wenige Schlaf, der in meine Augen kam, war unruhig und voll beängstigender Träume. Gegen sechs Uhr morgens ward mir mein Bett zum wahren Dornenlager und obgleich ich an allen Gliedern wie zerschlagen war, beschloss ich doch, durch den glänzenden Sonnenschein draußen Verlockt, aufzustehen und den belebenden Einfluss eines Spazierganges in der frischen Morgenluft zu versuchen.

Als ich eben das Bett verlassen hatte hörte ich Tritte und Stimmen unter meinem Fenster. Die Tritte machten Halt und die Stimmen wurden unterscheidbar; und da ich während der Nacht mein Fenster offen gelassen hatte, konnte ich, ohne Aufmerksamkeit von unten zu erregen; hinaussehen.

Die Personen, welche unten standen, waren Silas Meadowcroft, John Jago und drei mir unbekannte Männer, deren Kleidung und ganze äußere Erscheinung sie jedoch deutlich genug als Arbeiter der Farm kennzeichneten. Silas hielt einen massiven Stock aus Buchenholz in der Hand, mit welchem er heftig in der Luft herum.schlug, und stellte John Jago wegen seines gestrigen Zusammenseins mit Naomi grob und unverschämt genug zur Rede.

»Wenn Sie das nächste Mal einer jungen Dame heimlich den Hof machen wollen.« schrie er, »so warten Sie erst, daß der Mond untergeht, oder wählen Sie einen bewölkten Abend. Man hat Sie im Garten gesehen, Master Jago, und Sie können uns nur gleich das Resultat mitteilen. Hat sie Ihr Flehen erhört? Hat sie ja gesagt?«

John Jago bewahrte seine Selbstbeherrschung.

»Wenn Sie Scherz treiben wollen, Mr. Silas,« erwiderte er ruhig und bestimmt, »so bitte, wählen Sie sich einen andern Gegenstand dazu aus. Sie irren sich gänzlich in dem, was Sie über mein Zusammensein mit der jungen Dame vermuten.«

Silas drehte sich um und sagte ironisch zu den drei Arbeitern:

»Hört Ihr, Jungen? Er hat gestern nichts von Liebe zu Naomi gesprochen. O natürlich nicht. Er hat schon eine Frau gehabt und ist klug genug, das Joch nicht ein zweites Mal auf sich zu nehmen.«

Zu meiner größten Überraschung beantwortete John Jago diesen plumpen Witz in ernster gehaltener Weise.

»Sie haben ganz Recht, Sir« sagte er. »Ich beabsichtige nicht, mich wieder zu verheiraten. Was ich mit Miß Naomi gesprochen, geht Sie nichts an. Es war keineswegs das, was Ihnen anzunehmen beliebt. Es war etwas durchaus anderes, was gar keinen Bezug auf Sie hat. Ich erkläre Ihnen hiermit ein für alle Mal, Mr. Silas, daß mir niemals der Gedanke gekommen ist, der jungen Dame den Hof zumachen. Ich achte sie und bewundere ihre vortrefflichen Eigenschaften; aber selbst wenn sie die einzige Frau auf der Welt wäre und ich noch viel jünger als ich bin, so würde es mir niemals einfallen, um ihre Hand zu werben.« Hier brach er plötzlich in ein raues, nervöses Gelächter aus. »Nein« nein! Es ist nicht mein Genre, Mr. Silas — nicht mein Genre.«

Etwas in diesen Worten oder indem Ton, in welchem sie gesprochen wurden, schien Silas noch mehr zu erbittern. Er gab seine plumpe Ironie auf und wiederholte mit äußerster Verachtung:

»Nicht Ihr Genre? Auf mein Wort« Sie drücken sich ziemlich kühn für einen Mann in Ihrer Stellung aus. Was meinen Sie damit, daß sie nicht Ihr Genre sei? Sie unverschämter Lump! Naomi Colebrook ist nicht für Knechte gewachsen.«

John Jago fing endlich an, seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Er trat mit herausfordernder Miene Silas Meadowcroft einige Schritte näher.

»Wer ist hier Knecht?« fragte er.

»Ambrosius wird es Ihnen zeigen, wenn Sie zu ihm gehen wollen,« erwiderte der andere. »Naomi ist seine, nicht meine Geliebte. Gehen Sie ihm aus dem Wege, wenn Sie Ihre Haut unversehrt behalten wollen.«

John Jago warf einen einer teuflischen Seitenblicke nach der verletzten Hand des jungen Farmers und sagte: »Vergessen Sie Ihre eigene Haut nicht, wenn Sie die meinige bedrohen. Ich habe Ihnen bereits einmal meinen Stempel aufgedrückt. Lassen Sie mich an mein Geschäft gehen, oder ich könnte Sie ein zweites Mal kennzeichnen.«

Silas erhob seinen büchenen Knüttel. Die Arbeiter, welche zu dem ungefähren Bewusstsein erwacht waren, daß der Streit eine ernste Wendung nähme, traten zwischen die beiden Männer und trennten sie. Ich hatte mich während des Wortwechsels hastig angekleidet und stürzte nun die Treppe hinab, um zu versuchen, was mein Einfluss zur Aufrechterhaltung des Friedens auf Morwick Farm vermochte.

Das zornige Wortgefecht war noch auf seiner Höhe, als ich draußen zu der Gruppe trat.

»Fort mit Ihnen an Ihr Geschäft, Sie feiger Hund!« hörte ich Silas schreien. »Fort mit Ihnen nach der Stadt und hüten Sie sich Ambrosius auf Ihrem Wege zu begegnen.«

»Hüten Sie sich« daß Sie nicht wieder mein Messer fühlen, bevor ich gehe,« rief der Andere dagegen.

Silas machte eine verzweifelte Anstrengung, um sich der Arbeiter zu erwehren, welche ihn fest hielten.

»Neulich haben Sie nur meine Faust gefühlt.« brüllte er; »das nächste Mal sollen Sie dies hier fühlen!«

Dabei hob er seinen Stock. Ich trat hinzu und nahm ihn ihm aus der Hand.

»Mr. Silas,« sagte ich, »ich bin krank, wie Sie wissen, und da ich im Begriff bin, einen Spaziergang zu machen, so wird mir Ihr Stock sehr gute Dienste leisten. Ich bitte Sie, ihn mir zu borgen.«

Die Arbeiter brachen in ein Gelächter aus. Silas sah mich mit ärgerlicher Überraschung starr an. John Jago, welcher augenblicklich seine Selbstbeherrschung wieder gewann nahm seinen Hut ab und machte mir eine ehrfurchtsvolle Verbeugung.

»Ich hatte keine Ahnung, Mr. Lefrank, daß wir Sie störten,« sagte er. »Ich bin ganz beschämt über mich selbst. Ich bitte um Entschuldigung.«

»Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Mr. Jago,« erwiderte ich, »unter der Bedingung, daß Sie als der Ältere künftig hin mit gutem Beispiel vorangehen und Nachsicht üben, wenn Ihre Geduld wieder so auf die Probe gestellt werden sollte, wie es heute geschehen ist. Und Sie bitte ich,« wandte ich mich an Silas, »daß Sie mir, als dem Gast Ihres Vaters eine Gunst erweisen. Wenn Sie künftig in einer übermütigen Laune auf Kosten Mr. Jagos Witze machen, so gehen Sie darin nicht gar zu weit. Ich bin überzeugt, daß Sie es nicht böse meinten, Mr. Silas. Wollen Sie mir die Freude machen, dieses selbst zu sagen? Ich möchte Sie und Mr. Jago sich die Hände reichen sehen.«

John Jago hielt sofort seine Hand hin mit der Miene der aufrichtigsten Gesinnung, die nach meinem Gefühl etwas übertrieben war. Silas Meadowcroft tat seinerseits keinen Schritt, um die Sache freundlich beizulegen.

»Mag er an sein Geschäft gehen,« sagte er. »Ich will keine Worte weiter an ihn verschwenden, Ihnen zu Gefallen, Mr. Lefrank. Aber ich will verdammt sein, wenn ich seine Hand annehme.«

Einen solchen Mann weiter überreden zu wollen, wäre offenbar nutzlos gewesen; auch schnitt mir Silas die Gelegenheit dazu ab, selbst wenn ich mein Vermittleramt hätte fortsetzen wollen. Er ging in trotzigem Schweigen davon und verschwand hinter der nächsten Ecke des Hauses. Darauf entfernten sich auch die Arbeiter nach verschiedenen Richtungen, um an ihr Tagewerk zu gehen, so daß John Jago und ich allein blieben.

Ich überließ es dem Manne mit den wilden, braunen Augen zuerst zu sprechen.

»In einer halben Stunde gehe ich in Geschäften nach Narrabee, unserm nächsten Marktflecken, Sir. Haben Sie vielleicht einen Brief zu besorgen, oder sonst einen Auftrag, den ich in der Stadt ausführen könnte?

Ich dankte ihm und lehnte sein Anerbieten ab, worauf er sich abermals achtungsvoll gegen mich verbeugte und ins Haus zurück ging. Ich verfolgte mechanisch den Pfad in derselben Richtung, die Silas kurz vorher genommen hatte. Nachdem ich um das Haus gebogen und eine kurze Strecke fort gegangen war, befand ich mich vor dem Eingang zu den Ställen und von Neuem Silas Meadowcroft gegenüber. Er hatte sich mit den Ellbogen auf das Hofthor gestützt und schwenkte es langsam hin und her, während er an einem Strohhalm kaute. Als er mich daherkommen sah, trat er mir einen Schritt vor der Tür entgegen und machte einen keineswegs glücklichen Versuch, sich wegen des Vorgefallenen zu entschuldigen.

»Verlangen Sie, dieses ausgenommen, was Sie wollen, und ich bin bereit, es um Ihretwillen zu tun. Aber verlangen Sie nicht, daß ich John Jago die Hand reiche. Ich hasse ihn dazu zu sehr. Wenn ich ihm die eine Hand reichte — ich sage es Ihnen grad heraus, ich würde ihn mit der andern erdrosseln.«

»Das sind also Ihre Gefühle gegen den Mann, Mr. Silas?«

»Das sind sie, Mr. Lefrank. Und ich schäme mich ihrer keineswegs.«

»Gibt es in Ihrer Gegend so etwas wie eine Kirche, Mr. Silas.«

»Gewiss gibt es das.«

»Und gehen Sie jemals hinein?«

»Natürlich. «

»Aber wohl selten!«

»Regelmäßig jeden Sonntag, Sir.«

Eine dritte Person hinter uns, die unser Gespräch mit angehört hatte, brach in ein Gelächter aus. Ich wandte mich um und erblickte Ambrosius Meadowcroft

««Ich verstehe, Sir, wo Sie mit Ihrem Katechisiren hinaus wollen, wenn mein Bruder es auch nicht versteht,« sagte er. »Seien Sie nicht zu streng mit Silas. Er ist nicht der einzige Christ, der sein Christentum auf seinem Platz in der Kirche zurück lässt. Sie werden uns niemals mit John Jago gut Freund machen, was Sie auch versuchen mögen! Wie, was haben Sie denn da in der Hand, Mr. Lefrank? Ich will auf der Stelle sterben, wenn das nicht mein Stock ist, den ich überall wie eine Stecknadel gesucht habe.«

Der dicke büchene Stock war meiner Hand schon seit einiger Zeit recht unbequem schwer geworden und ich hatte keinen Grund, ihn länger zu behalten. John Jago war auf dem Wege nach Narrabee und Silas lodernder Zorn war zu einer mürrischen Ruhe beschwichtigt. Ich gab daher den Stock an Ambrosius zurück, welcher ihn lachend in Empfang nahm.

»Sie können sich nicht denken, Mr. Lefrank, wie seltsam Einem ohne seinen Stock zu Mute ist,« sagte er. »Man gewöhnt sich sogar an seinen Stock. Sind Sie bereit, Ihr Frühstück einzunehmen ?«

»Noch nicht. Ich wollte erst einen kleinen Spaziergang machen.«.

»Wie es Ihnen beliebt, Sir. Ich wollte, ich könnte mit Ihnen gehen. Aber ich habe meine Arbeit und Silas hat auch die seinige. Wenn Sie den Weg zurückgehen, den Sie kamen, so gelangen Sie in den Garten, und wenn Sie weiter gehen wollen, so führt die Stacketentür am Ende desselben Sie auf einen Feldweg.«

Aus reiner Gedankenlosigkeit beging ich eine große Torheit. Ich drehte um, wie mir geheißen ward, und ließ die Brüder an dem Hofthor zusammen allein.



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Fünftes Kapitel - Neuigkeiten aus Narrabee

Als ich an dem Garten angelangt war, fiel mir der Gedanke schwer aufs Herz. Ambrosius heitere unbefangene Unterhaltung zeigte deutlich, daß er noch nichts von dem Streit wußte, welcher unter meinem Fenster stattgefunden hatte. Silas aber würde ihm jetzt wahrscheinlich mitteilen, auf welche Weise ich zu seinem Knüttel gekommen, und wen er damit bedroht hatte. Es war nicht nur nutzlos, sondern auch keineswegs wünschenswert, daß Ambrosius von der ganzen Sache erführe. Ich kehrte wieder nach dem Hofthor um, fand aber Niemand dort, und auch auf meinen Ruf erhielt ich keine Antwort. Beide Brüder waren an ihr Tagewerk gegangen.

Als ich nach dem Garten zurückkehrte, hörte ich eine angenehme Stimme mir guten Morgen wünschen. Ich sah umher und erblickte Naomi an einem der unteren Fenster des Farmhauses. Sie hatte eine Arbeitsschürze vorgebunden und putzte eifrig die Messer für den Frühstückstisch.

Eine glänzend schwarze Katze saß ihr auf der Schulter und beobachtete das Blitzen der auf dem lederbezogenen Brett schnell hin- und hergleitenden Messer.

»Kommen Sie her,« rief sie mir zu. »Ich muß Ihnen etwas sagen.«

Als ich näher trat, bemerkte ich, daß ihr reizendes Gesicht bekümmert und sorgenvoll aussah. Sie warf die Katze ärgerlich von, ihrer Schulter und bewillkommnete mich nur mit einem Abglanz ihres gestrigen strahlenden Lächelns..

»Ich habe.John Jago gesprochen,« sagte sie. »Er deutete etwas an, was heute Morgen unter Ihrem Fenster vorgefallen sein soll. Als ich ihn bat, sich näher zu erklären, antwortete er nur: fragen Sie Mr. Lefrank; ich muß nach Narrabee! Was bedeutet nun das? Erzählen Sie es mir ohne Rückhalt, Sir, ich bin ganz ruhelos und kann nicht länger warten.«

Ich erzählte ihr der Wahrheit gemäß, was sich zugetragen hatte, nur daß ich es eher milderte als übertrieb. Sie ließ das Messer, welches sie eben reinigte, sinken und faltete die Hände gedankenvoll.

»Ich wollte« ich hätte John Jago die Unterredung nicht gewährt,« sagte sie. »Wenn ein Mann von einer Frau etwas verlangt, so hat es diese meistens zu bereuen, wenn sie ja sagt.«

Sie begleitete diese wunderliche Reflexion mit einer sorgenvollen Stirn. Das Rendezvous im Mondschein hatte offenbar keine angenehme, Erinnerung in ihrem Gemüt zurückgelassen.

Das sah ich so deutlich, als ich Naomi selbst vor mir sah.

»Was hat John Jago Ihnen gesagt?« Ich stellte die Frage mit aller Delikatesse, die sie erforderte und bat im Voraus um Entschuldigung.

»Ach« ich sagte es Ihnen sehr gern,« begann sie, auf das Wort »Ihnen« einen besonderen Ton legend. Dann aber stockte sie, ward blass und dann plötzlich feuerrot und fuhr eifriger als je das Messer zu putzen fort.

»Ich darf es Ihnen aber nicht sagen,« fing sie wieder an, den Kopf über ihre Arbeit gebeugt. »Ich habe das Versprechen gegeben, Niemand etwas davon zu verraten. Das ist die Geschichte. Denken Sie also gar nicht mehr daran, Sir. Still! Da ist der Spion, der uns gestern im Garten gesehen und es Silas hinterbracht hat.«

Die trübselige Miß Meadowcroft öffnete die Küchentür und blickte mit einem prunkend großen Gebetbuche in der Hand Naomi an, wie nur eine eifersüchtige Jungfer ein jüngeres und hübscheres weibliches Wesen, als sie selbst, anzusehen vermag.

»Zum Gebet, Miß Colebrook,« sagte sie in ihrer herbsten Manier und wiederholte, als sie mich draußen am Fenster stehend bemerkte, mit einem salbungsvoll andächtigen Blick, der für mich allein bestimmt war: »Zum Gebet, Mr. Lefrank.«

»Wir folgen Ihnen sogleich, Miß Meadowcroft,« sagte Naomi.

»Ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse drängen, Miß Colebrook,« war die beißende Antwort, mit welcher sich unsere Priesterin mit ihrem Gebetbuche wieder entfernte. In Gesellschaft Naomis, die mir lebhaft entgegen kam, begab ich mich durch den Garten nach dem Frühstückszimmer.

»Ich bin über etwas nicht ganz ruhig,« sagte sie. »Erzählten Sie mir nicht, daß Sie Ambrosius und Silas zusammen verlassen haben?«

»Ja.«

»Wenn nun Silas die Geschichte von heute Morgen Ambrosius erzählte?«

Derselbe Gedanke hatte auch mich, wie gesagt, stutzig gemacht, allein ich tat mein Bestes, um sie zu beruhigen.

»Mr. Jago ist ihnen ja aus dem Wege gegangen,« erwiderte ich; »und wir Beide können in seiner Abwesenheit die Sache leicht in Ordnung bringen.«

Sie nahm meinen Arm.

»Lassen Sie uns zum Gebet hineingehen,« sagte sie. »Ambrosius kommt auch und ich werde eine Gelegenheit finden, mit ihm zusprechen.«

Aber weder Ambrosius noch Silas waren in dem Speisezimmer, als wir hineintraten. Nachdem man zehn Minuten vergeblich gewartet hatte, hieß Meadowcroft seine Tochter die Gebete vorlesen. Diese las hierauf im Ton einer gekränkten schönen Seele., die den Himmel zum Zeugen für das Unrecht anruft, welches ihr auf Erden geschieht. Dann folgte das Frühstück, und noch immer waren die Brüder abwesend. Miß Meadowcroft sah ihren Vater an und sagte: »Es wird mit jedem Tage ärger. Habe ich es nicht voraus gesagt?« Naomi legte sich sofort ins Mittel.

»Die Vettern werden ohne Zweifel durch ihre Arbeit zurückgehalten, Onkel.« Und sich an mich wendend, setzte sie hinzu: »Sie wollen die Farm besehen, Mr. Lefrank. So kommen Sie und helfen Sie mir, die Beiden suchen.«

Länger als eine Stunde strichen wir auf der Farm umher, ohne auf die Vermissten zu, stoßen. Endlich fanden wir sie am Rande eines kleinen Gehölzes auf dem Stamme eines gefüllten Baumes sitzend und miteinander sprechend.

Als sie uns bemerkten, stand Silas auf und schlenderte ohne Gruß oder Entschuldigung in den Wald hinein, nachdem sein Bruder ihm etwas ins Ohr geflüstert und er »Schon recht« geantwortet hatte.

»Ambrosius, das sieht ja aus, als ob Du Geheimnisse vor uns hättest?« fragte Naomi, indem sie mit freundlichem Lächeln auf ihren Geliebten zuging. »Hat Silas Befehl bekommen, reinen Mund zu halten.«

Ambrosius schleuderte verdrossen einen losen Stein fort, der in seiner Nähe lag. Ich bemerkte zu meiner Ueberraschung, daß er seinen Lieblingsstock weder in der Hand noch neben sich liegen hatte.

»Geschäfte!« gab er in nicht sehr liebenswürdigem Ton Naomi zur Antwort. »Ja, ich habe mit Silas Geschäfte, wenn Du es durch.aus wissen willst.«

Naomi fuhr nach Frauenart zu fragen fort, ohne sich um die Aufnahme zu kümmern, welche ihre Fragen bei dem gereizten Manne fanden.

»Warum wart Ihr Beide nicht beim Gebet und Frühstück anwesend?« fragte sie zunächst.

»Wir hatten zu viel zu tun,« erwiderte Ambrosius mit unterdrücktem Ärger. »Auch waren wir zu weit vom Hause entfernt.«

»Sehr dumm,« sagte Naomi. »Das ist noch nie vorgekommen, seit ich auf der Farm bin.«

»Nun, dann ist es jetzt vorgekommen. Du wirst noch manches mehr erleben.«

Der Ton« in welchem er sprach, hätte jedem Manne angedeutet, daß es Zeit sei, ihn in Ruhe zu lassen. Aber Andeutungen dieser Art sind an Frauen verloren. Die Frau, welche noch etwas auf dem Herzen hat, spricht es unbekümmert aus, und so tat Naomi.

»Hast Du heut Morgen nichts von John Jago gesehen?« fragte sie.

Das schwelende Feuer von Ambrosius übler Laune schlug plötzlich — warum ist unmöglich zu sagen — in helle Flammen auf.

»Wie viel Fragen werde ich noch beantworten müssen?« brauste er heftig auf. »Bist Du der Pfarrer, der mir meinen Katechismus abfragt? Ich habe nichts von John Jago gesehen; ich habe meine Arbeit zu verrichten und sonst kümmere ich mich um nichts.. Bist Du nun zufrieden?«

Mit einem Fluch wandte er sich um und folgte seinem Bruder in den Wald. Naomis glänzende Augen schossen unwillige Blitze zu mir auf.

»Wie kommt er dazu, so mit mir zusprechen, Mr. Lefrank? der rüde Geselle! Wie kann er es wagen!« Sie schwieg eine Weile und ihre Stimme, ihr Gesichtsausdruck und ihr ganzes Wesen waren völlig verändert, als sie fortfuhr: »Bisher ist so etwas niemals vorgekommen, Sir. Hat sich etwas besonderes ereignet? Ich erkenne Ambrosius nicht wieder — er ist ganz und gar verändert. Sagen Sie, ist es Ihnen nicht auch aufgefallen?«

Ich tat wieder mein Bestes, um sie die Szene in einem mildern Lichte sehen zu lassen.

»Es hat ihn etwas in eine gereizte Stimmung versetzt,« sagte ich. »Ein Mann, Miß Colebrook, ist manchmal durch die kleinste Kleinigkeit zu reizen. Ich bin ein Mann und weiß das. Lassen Sie ihm nur Zeit, er wird sich schon besinnen und um Entschuldigung bitten, und dann ist Alles wieder gut.«

Meine Darstellung der Sache verfehlte aber durchaus die beabsichtigte Wirkung auf meine reizende Gefährtin. Ich vermochte sie nicht zu beruhigen. Wir gingen nach dem Hause zurück. Zum Mittagessen erschienen beide Brüder. Ihr Vater empfing sie mit einem wie mich dünkte unnötig strengen Verweise über ihre Abwesenheit bei dem Morgengebet, und sie ihrerseits nahmen seine Worte mit ebenso unnötiger Empfindlichkeit auf und verließen das Zimmer. Um Miß Meadowcrofts dünne Lippen schlängelte sich ein heimtückisches Lächeln der Befriedigung. Sie sah erst ihren Vater an und dann traurig zur Decke empor und sagte: »Wir können nur für sie beten.!«

Naomi verschwand nach dem Essen. Als ich sie wieder sah, hatte sie mir etwas Neues mitzuteilen.«

»Ich bin mit Ambrosius zusammen gewesen,« sagte sie, »und er hat mich um Verzeihung gebeten. Wir haben uns wieder versöhnt. Mr. Lefrank. Dennoch — dennoch —«

»Dennoch, was, Miß Naomi?«

»Er ist wie umgewandelt, Sir. Er leugnet es, aber ich bin überzeugt, daß er etwas vor mir verbirgt.«

Der Tag verging« es wurde Abend und ich kehrte zu meinem französischen Roman zurück. Aber selbst Dumas vermochte meine Aufmerksamkeit nicht zu fesseln. Ich weiß selbst nicht, was meine Gedanken beschäftigte und mich in solche Ruhelosigkeit versetzte. Ich sehnte mich nach England zurück und fühlte einen blinden unvernünftigen Hass gegen ganz Morwick Farm.

Es schlug neun, und wir Alle versammelten uns wieder zum Abendbrot mit Ausnahme John Jagos. Man hatte ihn zum Essen zurückerwartet und Mr. Meadowcroft selbst gab Befehl, noch eine Viertelstunde damit zu warten. Aber John Jago erschien nicht.

Die Nacht rückte heran und der Abwesende kehrte noch immer nicht heim. Miß Meadowcroft erbot sich aufzubleiben und ihn zu erwarten, worauf Naomi sie mit einem Blick ansah, von dem ich selbst gestehen muß, daß er etwas boshaft war. Man trennte sich für die Nacht. Ich vermochte wiederum nicht zu schlafen, und als die Sonne aufging, erhob ich mich, um die erquickende Morgenluft zu atmen.

Auf der Treppe begegnete ich Miß Meadowcroft, die nach ihrem Zimmer herauf kam. Nicht eine Locke ihres steifen, granulierten Haares war aus ihrer Lage gekommen; nichts in dem zugeknöpften Äußeren dieses Weibes verriet daß sie die Nacht durchwacht hatte.

»Ist Mr. Jago nicht zurückgekehrt?«f ragte ich.

Miß Meadowcroft schüttelte langsam den Kopf und sah mich mit finster zusammen gezogenen Brauen an.

»Wir stehen in Gottes Hand,« sagte sie dann salbungsvoll. »Mr. Jago muß die Nacht über in Narrabee zurückgehalten worden sein.«

Die tägliche Folge der Mahlzeiten nahm wieder ihren unveränderlichen Lauf. Das Frühstück kam, das Mittagessen kam, und noch immer stellte sich kein John Jago ein. Mr. Meadowcroft und seine Tochter hielten zusammen Rat und beschlossen nach der Stadt zu senden, um Erkundigungen einzuziehen. Einer von den intelligenteren Arbeitern ward dem Vermissten nach Narrabee nachgeschickt.

Der Mann kam erst spät am Abend wieder und brachte Nachrichten heim, die uns alle im höchsten Grade bestürzt machten. Er hatte alle Wirtshäuser, alle Geschäftsorte in Narrabee durchforscht — er hatte in allen Richtungen endlose Erkundigungen angestellt — aber ohne Erfolg. Niemand hatte John Jago zu Gesicht bekommen. Alle behaupteten, John Jago wäre gar nicht in der Stadt gewesen.

Wir sahen uns alle an, nur die beiden Brüder saßen in einem dunkeln Winkel der Stube, anscheinend teilnahmslos nebeneinander. Es war nach alledem fast unmöglich, sich der Schlussfolgerung zu enthalten, daß John Jago ein verlorener Mann sei.



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Sechstes Kapitel - Der Kalkofen

Mr. Meadowcroft gewann zuerst die Sprache wieder.

»Es muß Jemand nach Johns Verbleiben forschen,« sagte er.

»Ohne einen Augenblick zu verlieren,« setzte seine Tochter hinzu.

Ambrosius trat plötzlich aus der dunkeln Ecke der Stube hervor und sagte:

»Ich will es tun.«

Silas war ihm gefolgt.

»Und ich will Dich begleiten.«

»Einer von Euch ist genug!« entschied Mr. Meadowcroft mit Ansehen, »wenigstens für den Augenblick. Geh’ Du« Ambrosius. Dein Bruder kann vielleicht später gebraucht werden.Wenn ein Unglück passiert ist — was Gott verhüten möge — werden wir in mehr als einer Richtung Nachforschungen anstellen müssen. Silas, Du bleibst auf der Farm.«

Die Brüder gingen zusammen aus dem Zimmer — Ambrosius, um sich reisefertig zumachen, Silas, um ihm ein Pferd zu satteln. Naomi schlüpfte hinter ihnen hinaus. Auf diese Weise mit Mr. Meadowcroft und seiner Tochter allein gelassen, die sich beide in Angst um den Vermissten verzehrten, es aber unter dem Anschein frommer Resignation zu verbergen suchten, zog ich mich, sobald ich es höflicherweise konnte, nach meinem Zimmer zurück. Als ich die Treppe zu demselben hinaufstieg, entdeckte ich Naomi, halb verborgen in einer von einem, altmodischen Fenster gebildeten Nische auf dem Flur des ersten Stockes. Meine mutige, kleine Freundin war tief bekümmert. Ambrosius hatte nicht so zärtlich wie sonst Abschied von ihr genommen, und sie war mehr als jemals überzeugt, daß Ambrosius etwas vor ihr geheim halte.

Wir Alle erwarteten mit ängstlicher Spannung den nächsten Tag. Dieser aber hüllte das Geheimnis nur in noch tieferes Dunkel.

Das Pferd, auf welchem Ambrosius nach Narrabee geritten, ward von einem Groom des dortigen Wirtshauses nach der Farm zurück.gebracht. Dazu übergab er einen Brief von Ambrosius, der uns von Neuem in Bestürzung versetzte. Weitere Nachfragen hätten aufs Bestimmteste ergeben, daß der Vermisste Narrabee nicht betreten hätte. Die einzige erlangte Auskunft über sein Verbleiben wäre eine durchaus unzuverlässige aus dritter Hand.. Es würde gesagt, daß ein Mann, dessen Beschreibung im Allgemeinen auf John Jago passte, am Tage vorher in einem Waggon der Bahnlinie nach New-York gesehen worden sei. Auf diese obgleich unbestimmte Information hin, hätte Ambrosius sich entschlossen, seine Nachforschungen bis New-York auszudehnen, um sich von der Wahrheit des Gerüchts zu überzeugen.

Dieses auffallende Vorgehen erregte bei mir den unabweislichen Verdacht, daß wirklich etwas Ernstes vorgefallen sein mußte. Ich behielt meinen Zweifel für mich, war aber von dem Augenblick an darauf vorbereitet, die ernsthaftesten Folgen aus dem Verschwinden John Jagos entstehen zu sehen. Sie zeigten sich noch an demselben Tage.

Die Neuigkeit von dem, was auf der Farm vorgefallen, hatte nun Zeit gehabt, sich in der Gegend zu verbreiten.. Auf die feindseligen Gefühle unter den Männern bereits aufmerksam geworden, hatten die Nachbarn auch von dem bedauerlichen Auftritt, der unter meinem Schlafzimmerfenster stattgefunden, wahrscheinlich durch die dabei anwesend gewesenen Arbeiter Kenntnis erhalten. Die öffentliche Meinung spricht sich in Amerika ohne die geringste Rücksicht auf etwaige Folgen frei und unumwunden aus, und die öffentliche Meinung behauptete in diesem Falle, daß der verschollene Mann das Opfer eines Fallstricks geworden, und machte einen oder beide Brüder Meadowcroft für sein Verschwinden verantwortlich. In dieser vernunftgemäßen Anschauung von der Sache wurde die öffentliche Meinung im Laufe des Tages durch das Gerücht nicht wenig bestärkt, daß ein Methodistenprediger, der sich kürzlich in Morwick niedergelassen hatte, und in dem ganzen Distrikt die größte Achtung genoss, geträumt habe, John Jago wäre ermordet und sein Leichnam auf der Farm versteckt worden. Noch bevor es Abend geworden, entstand der allgemeine Ruf nach einer Untersuchung, ob der Traum auf Wahrheit beruhe. Nicht nur in der nächsten Umgegend, sondern auch in der Stadt Narrabee selbst verlangte es die Volksstimme gebieterisch, daß auf Morwick Farm Nachforschungen nach John Jagos sterblichen Überresten angestellt würden.

Unter der schrecklichen Wendung, welche die Angelegenheit nun genommen hatte, erwies Mr. Meadowcroft, der Vater, eine Geistesstärke und Energie, auf die ich nicht gefasst gewesen war.

»Meine Söhne haben ihre Fehler,« sagte er, »große Fehler, und keiner weiß das besser als ich. Meine Söhne haben sich schlecht und undankbar gegen John Jago benommen. Das leugne ich ebenfalls nicht. Aber Ambrosius und Silas sind keine Mörder. Stellt Eure Nachforschungen an! Ich fordere sie, ja, ich bestehe darauf, nach dem, was gesagt worden ist, um der Ehre meiner Familie und meines Namens willen.«

Die Nachbarn nahmen ihn beim Wort.

Die Sektion für Morwick organisierte sich auf der Stelle. Das souveräne Volk trat in ein Komitee zusammen, hielt Reden, wählte kompetente Personen, um das öffentliche Interesse zu wahren, und die Nachforschungen begannen schon am folgenden Tage. Das ganze Verfahren, wie lächerlich formlos es auch vom legalen Standpunkte betrachtet erschien, wurde von diesem merkwürdigen Volke mit einem so ernsten und strengen Pflichtgefühl gehandhabt, als wenn es von dem höchsten Tribunal des Landes damit beauftragt worden wäre. —

Naomi begegnete der Kalamität, welche das Haus betroffen, mit derselben ruhigen Entschlossenheit wie ihr Oheim. Des Mädchens Mut wuchs in dem Maße, als die Umstände ihn erheischten. Ihre einzige Unruhe galt Ambrosius.

»Er hätte zurückkommen sollen,« sagte sie zu mir. »Die Menschen hier herum sind schlecht genug, seine Abwesenheit als ein Bekenntnis seiner Schuld auszulegen.«

Sie hatte Recht. Bei der Stimmung welche unter der Bevölkerung herrschte, war Ambrosius Abwesenheit an sich schon ein verdächtigender Umstand.

»Wir könnten nach New.York telegraphieren,« meinte ich, »wenn Sie nur wüßten, wo ihn eine Depesche möglicherweise finden würde.«

»Ich weiß, in welchem Hotel die Meadowcrofts gewöhnlich in New.York logieren,« erwiderte sie. »Nach meines Vaters Tode ward ich auch dort hingewiesen, um Miß Meadowcroft zu erwarten, bis sie mich nach Morwick abholen konnte.«

Wir beschlossen daher.nach jenem Hotel zu, telegraphieren. Ich schrieb die Depesche und Naomi sah mir dabei über die Schulter zu, als wir durch eine fremde Stimme dicht hinter uns erschreckt wurden.

»Ah, das ist also seine Adresse,« sagte die Stimme. »Wir waren schon in größter Verlegenheit deshalb.«

Der Sprecher war mir gänzlich fremd. Naomi erkannte ihn als einen der Nachbarn.

»Wozu brauchen Sie seine Adresse,« fragte sie scharf.«

»Ich glaube, Miß, wir haben die Überreste John Jagos gefunden,« versetzte der Mann. »Silas ist schon festgenommen und nun fehlt uns noch Ambrosius, denn Beide sind des Mordes verdächtig.«

»Das ist eine Lüge, eine schändliche Lüge,« rief Naomi zornig.

Der Mann wandte sich an mich.

»Führen Sie sie in jenes Zimmer, Sir, man lasse sie sich selbst überzeugen.« Wir traten zusammen in das anstoßende Gemach.

In einer Ecke desselben saß Mr. Meadowcroft in tief gebeugter Haltung, neben ihm seine Tochter. Sie hielt seine Hand und wir sahen, wie über ihr strenges, steinernes Gesicht stille Tränen rannten. Auf einem Fenstersitz ihnen gegenüber kauerte Silas Meadowcroft. Sein unsteter Blick und seine schlaff herabhängenden Arme verrieten deutlich seine innere Angst. Einige Personen, welche bei den Nachforschungen sich beteiligt hatten, saßen in seiner Nähe und bewachten ihn. Die Hauptmasse aber der im Zimmer anwesenden Fremden stand um einen Tisch in der Mitte desselben zusammengedrängt. Als ich mich mit Naomi näherte, machte man Platz und vergönnte uns den vollen Anblick einiger darauf befindlichen Gegenstände.

In der Mitte der verschiedenartigen Dinge lag ein kleiner Haufen verbrannter Knochen, um welchen sich ein Messer, zwei Metallknöpfe und ein teilweise verbrannter Knüttel gruppierten. Das Messer wurde von den Arbeitern der Farm als dasjenige erkannt, welches John Jago beständig bei sich geführt und mit welchem er auch Silas Meadowcrofts Hand verletzt hatte. In Betreff der Knöpfe war Naomi selbst gezwungen zu erklären, daß das absonderliche Gepräge darauf ihre Aufmerksamkeit auf John Jagos Rock gelenkt hatte, und was den Stock anlangte, so erkannte ich, verbrannt wie er war, ohne Mühe den eigentümlich geschnitzten Griff. Es war der schwere, büchene Knüttel, den ich Silas aus der Hand genommen und Ambrosius, welcher ihn als sein Eigentum reklamiert, übergeben hatte. Auf mein Befragen teilte man mir mit, daß die Knochen, das Messer, die Knöpfe und der Knüttel zusammen in einem gegenwärtig benutzten Kalkofen auf der Farm gefunden worden seien.

»Wird es Ernst?« fragte mich Naomi leise, als wir von dem Tisch zurücktraten.

Es wäre eine Grausamkeit gewesen, sie jetzt zu täuschen.

»Ja,« flüsterte ich zurück. »Es wird Ernst.«

Das Untersuchungskomitee tat seine Schritt ein strengster Ordnung. Es wurden sofort die erforderlichen Meldungen bei dem Friedensrichter gemacht und dieser erließ den Verhaftsbefehl. Noch in derselben Nacht befand sich Silas hinter Schloß und Riegel, und ein Beamter ward abgeschickt, um Ambrosius in New-York zu verhaften.

Ich meinerseits tat das Wenige, was ich vermochte, um der Familie nützlich zu sein. Mit Meadowcrofts und seiner Tochter still.schweigender Einwilligung begab ich mich nach Narrabee und vermochte den ersten Anwalt des Städtchens, die Verteidigung zu übernehmen. Nachdem dies getan war, blieb nichts übrig, als auf Nachricht von Ambrosius zuwarten und auf das Verhör vor dem Untersuchungsrichter, welches sofort stattfinden sollte. Ich will keinen Versuch machen, die Stimmung zu beschreiben, welche während dieser furchtbaren Zeit der Erwartung im Hause herrschte und nur soviel sagen, daß Naomis Benehmen mich in der Ansicht bestärkte, daß sie einen edlen Charakter besaß. Ich war mir über den Zustand meiner Empfindungen damals nicht klar, jetzt aber glaube ich, daß ich in jener Zeit Ambrosius um seine Braut zu beneiden anfing.

Zwei Tage später fand die Voruntersuchung statt. Ambrosius und Silas wurden des vorbedachten Mordes an John Jago angeklagt. Ich erhielt eine gerichtliche Vorladung als Zeuge auf Naomis Verlangen nahm ich das arme Mädchen zu der Gerichtssitzung mit und blieb während der Verhandlungen an ihrer Seite. Auch mein Gastfreund in seinem Krankenstuhl und seine Tochter waren anwesend.

Das war das Resultat meiner Reise über den Ozean, um Ruhe zu suchen, und so widerlegten die Verhältnisse meine anfängliche vorschnelle Annahme, daß mir hier ein sehr einförmiges Leben bevorstände.



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Siebentes Kapitel - Das Verteidigungsmaterial

Als wir durch den Sitzungssaal gingen, um uns nach den für uns bestimmten Stühlen zu begeben, kamen wir an der Tribüne vorüber, aus welcher die Gefangenen zusammen.standen.

Silas beachtete uns nicht. Ambrosius machte uns ein freudiges Zeichen des Erkennens und legte dann die Hand auf die Barriere vor sich hin. Naomi war gerade groß genug, dieselbe zu erreichen und ergriff sie, als wir unter ihm vorübergingen.

»Ich weiß, daß Du unschuldig bist,« flüsterte sie ihm zu und verließ ihn mit einem liebevollen Blick der Ermutigung, um mir nach unserem Platz zu folgen. Ambrosius verlor keinen Augenblick seine Selbstbeherrschung. Ich hatte vielleicht Unrecht, aber ich hielt dies für ein schlechtes Zeichen.

Die Sachlage, wie sie sich für die Anklage gestaltete, sprach sehr gegen die Verdächtigten.

Ambrosius und Silas wurden angeklagt, John Jago mittelst des Knüttels oder einer anderen Waffe ermordet und den Körper zum Zweck der Zerstörung in brennenden Kalk geworfen zu haben. Als Beweis dieser letzteren Behauptung wurden das Messer, welches der Verstorbene beständig bei sich geführt hatte, und die Metallknöpfe, welche als zu seinem Rocke gehörig erkannt wurden, vorgelegt. Man zog daraus den Schluß, daß diese unzerstörbaren Substanzen und einige Überreste der größeren Knochen allein der Wirkung des brennenden Kalkes entgangen seien. Nachdem auch ärztliche Zeugen vernommen worden, welche diese Theorie unterstütztem indem sie die Knochen für menschliche erklärten, schritt die Anklage zunächst zu dem Beweise, daß der Vermisste von den beiden Brüdern ermordet und in den brennenden Ofen geworfen worden sei, um ihre Schuld zu verbergen.

Alle Zeugenaussagen stimmten in Betreff der hartnäckigen Feindschaft überein., welche die Brüder gegen den Verstorbenen an den Tag gelegt, der drohenden Sprache, welcher sie sich beständig gegen ihn bedient hätten, und ihres wiederholten heftigen Streits mit ihm, welcher in der ganzen Gegend zum öffentlichen Skandal geworden wäre und bei einer Gelegenheit mit einem Schlag geendet hätte. Die schmachvolle Szene, welche unter meinem Fenster stattgefunden, der Umstand, daß der nämliche Knüttel, den ich unmittelbar nach dem Streit an Ambrosius zurückgegeben hatte, neben den menschlichen Überresten gefunden worden war — alles dieses und eine Menge kleinerer Nebenumstände, die von unverwerflichen Zeugen beschworen wurden, führte mit entsetzlicher Bestimmtheit zu dem Schluß, zu dem die Anklage gekommen war.

Ich beobachtete die Brüder, während sich das Gewicht der Beweise schwerer und schwerer an sie hing. Äußerlich wenigstens bewahrte Ambrosius noch immer seine Kaltblütigkeit, während Silas sich ganz verschieden von ihm verhielt. In seinem Geisterbleichen Antlitz, in seinen großen, knochigen Händen, welche die Barriere vor ihm krampfhaft umklammert hielten, in den entsetzten Blicken, mit denen er jeden neuen Zeugen anstarrte, malte sich die verächtlichste Furcht. Das Gefühl des Publikums richtete ihn auf der Stelle; der öffentlichen Meinung nach hatte er sich bereits selbst als schuldig verraten.

Den einzigen Vorteil, den die Verteidigung bei dem Kreuzverhör errang, betraf die verkohlten Knochenreste.

Über diesen Punkt scharf befragt, gab die Mehrzahl der medizinischen Zeugen zu, daß die Untersuchung eine etwas eilige gewesen und daß es nicht absolut unmöglich sei, daß die Knochen von einem Tiere und nicht von einem Menschen herrühren könnten. Der Präsident entschied darauf, daß eine abermalige Untersuchung stattfinden und die Zahl der Sachverständigen vermehrt werden sollte.

Hiermit endete die Voruntersuchung und die Gefangenen wurden wieder abgeführt. Silas war am Schluß des Verhörs der Art gebrochen, daß er beim Hinausgehen aus dem Sitzungssaal von zwei Männern unterstützt werden mußte. Ambrosius lehnte sich über die Barriere, um mit Naomi einige Worte zu wechseln, ehe er dem Kerkermeister folgte.

»Warte nur,« flüsterte er vertraulich, bis an mich die Reihe kommt zu sprechen!« Naomi warf ihm eine zärtliche Kusshand zu und drehte sich mit hellen Tränen in den Augen nach mir um.

»Warum lässt man ihn nicht gleich erzählen, was er zu erzählen hat?« fragte sie. »Es ist doch so offenbar wie irgend etwas, daß Ambrosius unschuldig ist. Es ist eine wahre Schande., ihn ins Gefängnis zurückzuschicken. Sind Sie nicht auch der Meinung?«

Wenn ich meine wahren Gedanken hätte verraten wollen, so hätte ich sagen müssen, daß nach meiner Meinung Ambrosius nichts bewiesen hatte, als daß er eine mehr als gewöhnliche Selbstbeherrschung besaß. Das konnte ich aber meiner kleinen Freundin unmöglich bekennen und lenkte Ihren Geist von der Frage über die Unschuld ihres Geliebten dadurch ab, daß ich ihr die nötige Erlaubnis zu erwirken vorschlug, um ihn am folgenden Tage im Gefängnis besuchen zu dürfen. Sofort trocknete sie ihre Tränen, und es ward mir ein leiser, liebenswürdiger Händedruck zu Teil.

»Ach, was Sie für ein guter Mensch sind,« rief die offenherzige Amerikanerin. »Wenn Sie einmal heiraten, so wird Ihre Frau es nicht bereuen, Ja gesagt zu haben.«

Mr. Meadowcroft bewahrte unverbrüchliches Stillschweigen auf dem Heimwege nach der Farm, auf welchen wir zu beiden Seiten seines Krankenwagens einhergingen. Als seine bisherige Zuversicht und Energie schien ihn unter den überwältigenden Schlägen, welche während der Gerichtssitzung auf ihn eingestürmt waren, verlassen zu haben. Seine Tochter tat in ihrem steifleinenen Mitgefühl mit Naomi uns ihre Ansicht nur dunkel durch Bibelstellen kund, welche, wenn sie überhaupt einen Sinn hatten, besagten, daß sie Alles vorausgesehen hatte, wie es gekommen, und daß nach ihrem Gefühl das Traurigste an der Sache war, daß John Jago unvorbereitet ins Jenseits hinüber gemußt hatte.

Am folgenden Morgen erhielt ich die nachgesuchte Erlaubnis, die Gefangenen besuchen zu dürfen.

Wir fanden Ambrosius noch immer voll Vertrauen auf ein für sich und seinen Bruder günstiges Resultat des gerichtlichen Verhörs und er war voll ebenso großen Eifers, die Geschichte, wie sie sich am Kalkofen begeben hatte, zu erzählen, als Naomi dieselbe zu hören. Der Gefängnisbeamte, welcher der Unterredung selbstverständlich beiwohnte, machte ihn darauf aufmerksam, daß das, was er sagte, zu Protokoll genommen werden und vor Gericht gegen ihn vorgebracht werden könnte.

»Nehmen Sie es in Gottes Namen zu Protokoll, Sir,« antwortete Ambrosius. »Ich habe Nichts zu fürchten, ich sage nur die reine Wahrheit.«

Damit wandte er sich zu Naomi und begann seine Erzählung, die ich so getreu als ich vermag wiedergeben will.

»Ich will Dir auch gleich zu Anfang ein Bekenntnis ablegen, mein Mädchen,« hub er an. »Nachdem Mr. Lefrank uns an jenem .Morgen verlassen hatte, fragte ich Silas, wie er zu meinem Stock gekommen sei. Darauf erzählte er mir, was zwischen ihm und John Jago unter Mr. Lefranks Fenster geschehen und was die Veranlassung dazu gewesen wäre. Ich gestehe es offen, Naomi, ich war eifersüchtig und dachte das Schlimmste von Dir und John.«

Hier fiel ihm Naomi ohne Umstände in die Rede.

»War es das, weshalb Du so unhöflich mit mir sprachst, als wir Dich am Gehölz fanden?« fragte sie.

»Ja.«

»Und weshalb Du ohne Kuss von mir schiedst, als Du nach Narrabee gingst?«

»Deshalb.«

»Dann bitte dafür um Verzeihung, ehe Du ein Wort weiter sprichst.«

»Ich bitte um Verzeihung.«

»Sage, daß Du Dich wegen Deines Betragens schämst!«

»Ich schäme mich vor mir selbst,« wiederholte Ambrosius mit reuiger Miene.

»So, nun magst Du fortfahren. Nun bin ich zufrieden gestellt.«

Ambrosius fuhr fort: »Im Gespräch vertieft, begaben wir uns auf unseren Weg nach der Lichtung an der entgegengesetzten Seite des Gehölzes und das Unglück wollte es, daß wir den Pfad einschlagen, welcher an dem Kalkofen vorbeiführt. Als wir um die Ecke bogen, stießen wir auf John Jago, welcher sich auf seinem Wege nach Narrabee befand. Ich war zu wütend auf ihn, ich gestehe es, um ihn ruhig vorüber zu lassen. Ich sagte ihm derb meine Meinung, die er, gereizt wie er wahrscheinlich noch war, ebenso derb erwiderte. Ich bekenne, ich drohte ihm mit dem Stock, aber ich kann es auch beschwören, daß ich ihm kein Leid antun wollte. Du weißt von Silas Hand her, daß John Jago mit dem Messerziehen schnell fertig ist. Er hat im Westen gelebt, wo man stets irgend eine Waffe in der Tasche trägt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er mir ebenso wenig ein Leid zufügen wollte, aber konnte ich dessen sicher sein? Als er mit dem gezogenen Messer auf mich zu trat, ließ ich den Stock fallen und packte ihn. Mit einer Hand entriss ich ihm das Messer, mit der anderen fasste ich ihn an dem Kragen seines alten, mürben Rockes und schüttelte ihn, daß ihm sein Gebein unter der Haut rasselte. Ein großes Stück des Rockes blieb mir in der Hand und ich warf erst dies und dann das Messer in den brennenden Kalk; und wenn Silas mich nicht gehindert hätte, ich glaube, John Jago wäre hinterdrein geflogen. Silas aber hielt mich fest und rief ihm zu: »Machen Sie sich aus dem Staube und kommen Sie nicht wieder, wenn Sie nicht in dem Kalkofen verbrannt werden wollen! Einen Augenblick stand er mit wogender Brust, seinen zerrissenen Rock fest zusammen haltend da, und blickte uns an. Dann sagte er in eisigem, vollkommen ruhigem Tone: ›Manches Scherzwort wird unverhofft zur Wahrheit, Mr. Silas. Ich werde nicht wiederkommen.‹. Damit drehte er sich um und ging davon. Wir standen wie zwei Narren da und sahen uns an. ›Du glaubst doch nicht an das, was er sagt?‹ fragte ich. ›Ah bah, erwiderte Silas, der ist zu verliebt in Naomi, um nicht wiederzukommen!‹. »Was hast Du, Naomi?«

Ich hatte ebenfalls bemerkt, daß Naomi beiden Worten, welche Silas erwidert hatte, zusammengezuckt und bleich geworden war.

»Was soll ich haben?« entgegnete sie.

Dein Bruder hat kein Recht, sich Freiheiten mit meinem Namen herauszunehmen. Erzähle weiter. Hatte Silas noch mehr zu bemerken?«

»Ja, er sah in den Ofen hinab und sagte.: ›Warum hast Du das Messer fortgeworfen, Ambrosius?‹ ›Wie soll man wissen, warum man etwas tut, wenn man im Zorn ist,‹ versetzte ich. ›Ich an Deiner Stelle hätte es behalten,‹ meinte er, ›es ist ein vortreffliches Messer.‹ Ich nahm den Knüttel vom Boden auf und sagte: ›Wer behauptet denn schon, daß es verloren ist?‹ damit kletterte ich an dem Ofen hinauf und fing mit dem Stock darin herum zu stochern an, um es so nahe zu bringen, daß wir es mittels einer Schaufel oder sonst etwas herausholen konnten. ›Gib mir Deine Hand,‹ sagte — ich zu Silas, ›damit ich mich weiter vorbeugen kann, dann will ich es gleich haben.‹ Aber es gelang dennoch nicht, und statt das Messer zubekommen, wäre ich beinahe selbst in den brennenden Kalk gefallen. Die Dämpfe mußten mich betäubt haben. Alles, was ich weiß, ist.,daß mir schwindelig wurde und ich den Stock fallen ließ, und hätte mich Silas nicht zurück gerissen, so wäre ich ihm unfehlbar nach gestürzt. ›Gib es auf,‹ sagte Silas. ›Wenn ich Dich nicht gehalten hätte, so wäre John Jagos Messer dennoch Dein Tod geworden.‹ Er führte mich am Arme fort und wir setzten unseren Weg nach dem Gehölze fort. An der Stelle, wo Ihr uns fandet, machten wir Halt und ließen uns auf dem gefüllten Baumstamm nieder. Wir sprachen noch weiter über John Jago und kamen überein abzuwarten, was er tun würde, und mittlerweile über den Vorfall ganz zu schweigen. Als wir noch darüber beratschlagten, wurden wir von Dir und Mr. Lefrank überrascht und Du hattest ganz Recht., als Du vermutetest, daß wir etwas vor Dir zu verheimlichen suchten. Jetzt kennst Du das Geheimnis.«

Er machte eine Pause und ich benutzte dieselbe, um eine Frage, die erste, die ich mir erlaubte, an ihn zu richten.

»Befürchteten Sie oder Ihr Bruder schon damals die Anklage, welche jetzt gegen Sie erhoben worden ist?« fragte ich.

»Es kam uns nicht im Entferntesten in den Sinn.« erwiderte Ambrosius. »Wie hätten wir voraussehen sollen, daß die Nachbarn den Kalkofen durchsuchen und uns so viel Schlechtes nachsagen würden? Alles, was wir fürchteten, war, daß der Vater von dem Streit hören und erbitterter denn je auf uns sein würde. Mir war noch mehr als Silas daran gelegen, die Sache geheim zu halten, weil ich Naomi eben so sehr als den Vater zu berücksichtigen hatte. Versetzen Sie sich in meine Lage, Sir, und Sie werden mir zugeben, daß die Häuslichkeit sich für mich nicht besonders reizend gestaltete, wenn John Jago wirklich von der Farm wegblieb und es herauskam, daß ich daran Schuld sei.«

Dies erklärte allerdings sein Betragen, es stellte mich aber dennoch nicht ganz zufrieden.

»Sie glauben also,« fuhr ich fort, »daß John Jago seine Drohung von der Farm fortzubleiben, ausgeführt hat und sich in diesem Augenblick lebend irgendwo verbirgt?«

»Ganz sicher,« sagte Ambrosius.

»Ganz sicher,« wiederholte Naomi.

»Glauben Sie an das Gerücht, demzufolge er aus der Reise nach New-York gesehen worden ist?«

»Ich glaube fest daran, und mehr noch, ich glaube, ich war ihm auf der Spur. Es lag mir so viel daran, ihn zu finden und ich hätte ihn auch sicher gefunden, wenn man mir gestattet hätte, in New-York zu bleiben.«

Ich sah Naomi an.

»Ich glaube es auch,«l sagte sie.»John Jago verbirgt sich absichtlich.«

»Meinen Sie, daß er sich vor Ambrosius und Silas fürchtet?«

Sie zauderte.

»Vielleicht fürchtet er sie,« sagte sie dann mit eigentümlicher Betonung.

»Aber Sie halten es nicht für wahrscheinlich ?«

Sie zögerte wieder. Ich drang weiter in sie.

»Glauben Sie, daß es irgend einen andern Grund für sein Verschwinden gibt?«

Sie schlug die Augen nieder und antwortete mit eigensinnigem, fast trotzigem Ausdruck:

»Ich kann es nicht sagen.«

Ich wandte mich an Ambrosius

»Haben Sie uns sonst noch etwas mitzutheilen?« fragte ich.

»Nein, ich habe Ihnen alles erzählt, was ich weiß.«

Ich stand auf, um mit dem Advokaten zusprechen., den ich für unsere Sache gewonnen hatte. Er hatte uns geholfen, den Zulassungsbefehl zum Gefängnis auszuwirken, und uns dorthin begleitet. Während Ambrosius seine Geschichte vortrug, hatte er bei Seite sitzend stumm zugehört und die Wirkung beobachtet, welche dieselbe auf den Gefängnisbeamten und auf mich hervorbrachte.

»Glauben Sie, daß dies zur Verteidigung dienen kann ?« fragte ich ihn leise.

»Dies und nichts anderes, Mr. Lefrank. Unter uns, was halten Sie davon ?«

»Unter uns, ich glaube, daß sie vor die Geschworenen kommen werden.«

»Auf Anklage wegen Mord.«

»Ja, auf Anklage wegen Mord.«



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Achtes Kapitel - Das Bekenntnis

Meine Antworten auf die Fragen des Advokaten stimmten vollkommen mit meinen Überzeugungen überein. Die Geschichte, welche uns Ambrosius erzählt, hatte in meinen Augen ganz den Anschein einer erdichteten und zwar einer plump erdichteten, mit der er den einfachen Tatbestand, wie er aus den Zeugenaussagen hervorging, in Verwirrung zu bringen hoffte. Ich kam mit Widerstreben und Bedauern zu diesem Schluß um Naomis Willen und suchte so viel als möglich ihr absolutes Vertrauen auf die Entlassung der Gefangenen beim nächsten Verhör zu erschüttern.

Der Tag desselben rückte heran.

Naomi und ich begaben uns wieder zusammen nach dem Gerichtssaal, Mr. Meadowcroft war heut nicht im Stande das Haus zu verlassen, aber seine Tochter war anwesend, und wie sie allein hingekommen war, so hatte sie auch einen Platz für sich allein.

Bei seinem zweiten Erscheinen vor den Schranken zeigte sich Silas gefasster und mehr wie sein Bruder. Die Anklage rief keine weiteren Zeugen auf. Die Sitzung wurde mit dem medizinischen Gutachten über die verbrannten Knochen eröffnet und wir trugen bis zu einem gewissen Grade den Sieg davon; in andern Worten wir zwangen die Ärzte zu dem Bekenntnis, daß sie in ihren Ansichten weit auseinander gingen. Drei gestanden, daß sie ihrer Sache nicht sicher wären. Zwei gingen noch weiter und erklärten, daß die Knochen von einem Tiere und nicht von einem Menschen herrührten. Wir zogen so viel Vorteil daraus, als wir konnten, und gingen dann auf Ambrosius Meadowcrofts Erzählung gestützt, zur Verteidigung über.

Natürlich konnten von unserer Seite keine Zeugen beigebracht werden. Ob dieser Umstand ihn entmutigte oder ob er meine Ansicht über die Behauptungen seines Klienten innerlich teilte, genug, der Verteidiger brachte keine Wirkung mit seiner Rede hervor. Er tat sein Bestes ohne Zweifel, aber ohne innere Überzeugung und Ernst. Naomi warf einen ängstlichen Blick auf mich, als er sich setzte. Des Mädchens Hand war eiskalt., als ich sie ergriff.Sie sah in dem Gesicht und dem Benehmendes öffentlichen Anklägers deutlich., daß die Verteidigung fehlgeschlagen war, aber sie wartete entschlossen, bis der Präsident seinen Entscheid abgab. Ich hatte nur zu richtig dasjenige vorausgesehen, was er für seine Pflicht halten würde. Naomis Kopf sank auf meine Schulter, als er die schrecklichen Worte aussprach, welche Ambrosius und Silas Meadowcroft wegen Mordes vor die Geschworenen verwies.

Ich führte sie aus dem Gerichtssaal an die frische Luft. Als wir an der Anklagebank vorüber kamen, sah ich Ambrosius totenblass uns nachsehen; die Entscheidung des Präsidenten hatte ihn offenbar unerwartet getroffen. Sein Bruder Silas war vor Schrecken auf den Stuhl des Gefängniswärters gesunken und der elende Mensch zitterte und bebte wie ein geschlagener Hund.

Miß Meadowcroft kehrte mit uns heim, ohne auf dem ganzen Wege das Schweigen zu brechen. Ich konnte in ihrem Benehmen nichts entdecken, was auf ein Gefühl des Mitleids mit den Gefangenen in dieser harten, verschlossenen Natur gedeutet hätte. Nachdem sich Naomi auf ihr Zimmer zurückgezogen hatte, blieben wir einige Augenblicke mit einander allein und da zeigte es sich zu meinem Erstaunen, daß die äußerlich herzlose Frau doch auch eine Tochter Evas war und wie Andere empfinden und leiden konnte, wenn auch in ihrer eigenen harten Weise. Sie trat plötzlich ganz dicht an mich heran und fragte, indem sie mir die Hand auf den Arm legte:

»Sie sind ein Jurist, nicht wahr?«

»Ja.«

»Haben Sie schon Erfahrungen in Ihrem Berufe ?«

»Die Erfahrungen einer zehnjährigen Praxis.»

»Glauben Sie also —« sie brach plötzlich ab, ihre harten Züge nahmen einen mildern .Ausdruck an, ihre Blicke senkten sich zu Boden. »Aber nein,« sagte sie verwirrt, »ich bin von all’ dem Elend ganz außer mir, obwohl man mirs nicht ansieht. Geben Sie nicht Acht auf mich.«

Sie wandte sich weg. Ich wartete in der festen Überzeugung, daß die unausgesprochene Frage sich dennoch binnen Kurzem über ihre Lippen drängen würde. Ich hatte Recht. Sie kam, obgleich widerstrebend, zu mir zurück, wie von einem Impulse beherrscht und getrieben, dem zu widerstreben all ihre Willenskraft nicht fähig war. .

»Glauben Sie, daß John Jago noch unter den Lebenden weilt?«

Sie tat die Frage mit einer Hast, als ob ihr die Worte wider ihren Willen entschlüpftem «

»Ich glaube es nicht,« erwiderte ich.

»Bedenken Sie, was John Jago von meinen Brüdern zu erdulden gehabt hat. Könnte er nicht den plötzlichen Entschluss gefasst haben, die Farm zu verlassen? Ist Ihnen dergleichen nicht schon vorgekommen?«

Ich antwortete so offen wie vorher, daß mir dergleichen nicht vorgekommen wäre. Sie stand eine Weile da und sah mich mit einer Miene heller Verzweiflung an, dann neigte sie schweigend ihr graues Haupt und verließ mich. Im Hinausgehen sah ich sie noch aufwärts blicken und hörte sie die leisen Worte murmeln: »Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.«

Das war die Totenmesse John Jagos, gehalten von der Frau, die ihn liebte.

Als ich sie wiedersah, trugen ihre Züge den alten steinernen Ausdruck, Miß Meadowcroft war wieder sie selbst. Sie konnte mit unerschütterlicher Ruhe dabei sitzen, während die Rechtsgelehrten über die schreckliche Lage ihrer Brüder diskutierten — mit dem Schafott als einem der möglichen Ausgänge des Prozesses vor Augen.

Mir selbst überlassen.. fing ich an, mich wegen Naomi zu beunruhigen. Ich ging hinauf, klopfte sachte an ihre Tür und fragte von draußen, wie es ihr ginge.

»Ich suche mich an den Gedanken zu gewöhnen, ich möchte Sie nicht betrüben, wenn wir uns wieder begegnen,« sagte ihre klare jugendliche Stimme.

Ich stieg wieder hinunter, zum ersten Male argwöhnisch über die wahre Natur meines Interesses für die junge Amerikanerin. Warum hatte ihre Antwort mir Tränen ins Auge gelockt? Ich ging allein spazieren, um ungestört meinen Gedanken nachhängen zu können.Warum tönte mir ihre Stimme auf dem ganzen Wege im Ohr? Warum fühlte ich noch den letzten leisen Druck ihrer Hand, mit dem sie mir gedankt, als ich sie aus dem Gerichtssaal hinausgeführt hatte?

Ich fasste plötzlich den Entschluss, nach England zurückzukehren.

Als ich nach der Farm heimkam, war es Abend. Die Lampe in der Halle war noch nicht angezündet, und wie ich stehen blieb, um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, hörte ich die Stimme des Advokaten, den wir zum Verteidiger genommen hatten, sehr ernst mit Jemand sprechen.

»Ich habe keine Schuld,« sagte die Stimme.

»Sie nahm mir das Papier aus der Hand, noch ehe ich es gewahr wurde.«

»Wollen Sie es zurück haben?« fragte die Stimme Miß Meadowcrofts.

»Nein, es ist nur eine Kopie. Wenn der Besitz desselben zu ihrer Beruhigung beiträgt, so mag sie es jedenfalls behalten. Guten Abend.«

Bei diesen letzten Worten näherte sich mir der Advokat, um zum Hause hinaus zu gehen.Ich hielt ihn sofort fest. Ich empfand eine unbesiegbare Neugierde mehr zu erfahren.

»Wer nahm Ihnen das Papier aus der Hand?« fragte ich ohne Umschweife.

Der Advokat fuhr überrascht zurück., denn er hatte mich dort nicht vermutet, und die Gewohnheit seines Berufs, erst zu überlegen, ehe er sprach, machte, daß er auch jetzt nicht sofort antwortete

In der kurzen Pause, welche entstand, bemächtigte sich Miß Meadowcroft des Wortes und rief mir vom andern Ende der Halle zu:

»Naomi Colebrook wars, die ihm das Papier aus der Hand nahm.«

»Welches Papier?« fragte ich.

Hinter mir wurde eine Tür leise geöffnet, und Naomi selbst erschien auf der Schwelle.

»Ich will es Ihnen sagen,« flüsterte sie. »Kommen Sie hier herein.«

Nur ein einziges Licht brannte in dem Zimmer und beleuchtete schwach die Züge des Mädchens, aber ich sah sie dennoch deutlich genug., um augenblicklich meinen Entschluss nach England zurückzukehren, zu den übrigen aus.gegebenen Entschlüssen meines Lebens zu werfen.

»Mein Gott, was ist wieder geschehen?« rief ich.

Sie reichte mir das Papier, welches sie dem Advokaten fortgenommen hatte.

Die Kopie, von welcher dieser gesprochen, war die eines schriftlichen Bekenntnisses von Silas Meadowcroft, welches dieser nach seiner Rückkehr ins Gefängnis aufgesetzt hatte. Er beschuldigte darin seinen Bruder, den Mord an John Jago verübt zu haben und erklärte sich bereit einen Schwur darauf abzulegen, daß er Ambrosius die Tat hätte vollbringen sehen.

Ich konnte kaum meinen Augen trauen und las die letzten Worte des Schriftstücks zum zweiten Male.

»— — — Ich vernahm ihre Stimmen beim Kalkofen. Sie hatten Streit über unsere Cousine Naomi. Ich rannte sofort hin, um sie zu trennen, kam aber zu spät. Ich sah wie Ambrosius mit seinem schweren Knüttel dem Verstorbenen einen furchtbaren Schlag über den Kopf versetzte, so daß dieser lautlos zu Boden stürzte. Ich legte ihm die Hand auf das Herz: es schlug nicht mehr! Meine Angst kann ich nicht beschreiben. Ambrosius drohte mir, daß er mich auch umbringen würde, falls ich eine Silbe zu irgend einer lebenden Seele verlauten ließe. Er hob den Leichnam auf und warf ihn in den brennenden Kalk und den Stock hinterdrein. Darauf gingen wir zusammen ins Gehölz und setzten uns am Rande desselben auf einen gefällten Baumstamm. Hier erfand Ambrosius die Geschichte, die wir erzählen ;wollten, im Fall die Sache ruchbar würde, und ich mußte sie ihm wie eine Lektion mehrmals hersagen. Wir waren noch damit beschäftigt, als Cousine Naomi und Mr. Lefrank auf uns zu kamen. Sie wissen das Übrige. Dies ist bei meinem Eid ein wahres Bekenntnis. Ich lege es aus freiem Willen ab und bereue es aufrichtig, es nicht schon früher getan zu haben. Silas Meadowcroft.«

Ich legte das Papier nieder und sah Naomi an. Sie war wunderbar gefasst und aus ihren Zügen sprach eine unerschütterliche Entschlossenheit. Ebenso klang ihre Stimme fest und entschlossen, als sie sagte:

»Silas hat seinen Bruder geopfert, um sich zu retten. Ich lese Feigheit und Grausamkeit in jeder Zeile feines Bekenntnisses Ambrosius ist unschuldig und die Zeit ist da, es zu beweisen.«

»Sie vergessen,« sagte ich, »daß uns dieser Beweis eben missglückt ist.«

»John Jago lebt und verbirgt sich, vor uns und allen seinen Bekannten,« fuhr sie fort. »Helfen Sie mir, Freund Lefrank, ihn durch die Zeitungen aufzufinden.«

Ich wandte mich in sprachlosem Schmerz von ihr ab, denn ich gestehe, daß ich glaubte, das neue Elend, welches sie getroffen., hätte ihr Gehirn afficirt.

»Sie glauben es nicht,« sagte sie. »Verschließen Sie die Tür.«

Ich gehorchte. Sie setzte sich und deutete auf einen Stuhl neben sich. «

»Nehmen Sie Platz,« sagte sie. »Ich bin im Begriff etwas Unrechtes zu tun, aber ich kann nicht anders, ich muß mein Wort brechen. Sie erinnern sich jenes Mondschein-Abends, an welchem ich auf dem Kiespfade im Garten mit ihm zusammen traf?«

»Mit John Jago?«

»Ja. Nun hören Sie zu. Ich werde Ihnen erzählen, was dort zwischen uns beiden vorging.«



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Neuntes Kapitel - Die öffentliche Aufforderung

Ich wartete schweigend auf die Enthüllung, welche jetzt kommen sollte. Naomi begann dieselbe mit einer Frage.

»Sie erinnern sich unseres neulichen Besuchs im Gefängnis?«

»Vollkommen.«

»Ambrosius erzählte uns etwas, was sein nichtswürdiger Bruder über mich und John Jago gesagt hätte. Erinnern Sie sich, was das war?«

»Ich erinnere mich vollkommen. Silas hatte gesagt: John Jago ist zu verliebt in Naomi, um nicht zurückzukehren.«

»Das war es,« sagte Naomi, als ich ihr die Worte wiederholte. »Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als ich hörte, was Silas geäußert hatte, und ich glaube, Sie bemerkten es.«

»Freilich bemerkte ich es.«

»Fragten Sie sich nicht, was es bedeute?«

»Das tat ich allerdings.«

»Ich will es Ihnen sagen. Was Silas Meadowcroft zu seinem Bruder über John Jago geäußert, war genau dasselbe, was ich in dem Augenblick über ihn dachte. Es erschreckte mich, meine innersten Gedanken von einem Mann laut aussprechen zu hören. Ich bin es, die John Jago von Morwick Farm fort getrieben hat — ich bin es, die ihn zurückbringen kann und will.«

In ihrer ganzen Art und Weise lag mehr noch als in ihren Worten ein Etwas, welches mich plötzlich aufklärte.

»Sie haben mir das Geheimnis bereits verraten,« sagte ich. »John Jago liebt Sie.«

»Wahnsinnig,« setzte sie, die Stimme bis zum Geflüster senkend, hinzu. »Ganz toll — das ist der einzige Ausdruck dafür. Nachdem wir einige Male aus dem Kiesweg auf- und abgegangen waren, brach er plötzlich las, als ob er nicht bei Sinnen gewesen wäre. Er kniete nieder und küsste meine Kleider, meine Füße und weinte und schluchzte vor Liebe zu mir. Für eine Frau fehlt es mir nicht gerade an Mut, Sir, und ich kann mich nicht besinnen, daß ich mich bis dahin ernstlich vor einem Mann gefürchtet hätte. Aber ich bekenne, John Jago flößte mir Furcht ein. Unbeschreibliche Furcht! Das Herz schlug mir bis in den Hals und die Knie bebten mir. Ich bat und flehte, daß er aufstehen und seiner Wege gehen mögte. Aber nein, er lag aus den Knien und hielt meine Kleider umklammert Die Worte entströmten ihm wie — wie, ich weiß kein anderes Bild als wie Wasser aus einer Pumpe. Sein Glück und sein Leben und seine Hoffnungen hier und in jener Welt und Gott allein weiß, was sonst noch alles hinge, wie er sagte, an einem Wort von mir. Ich nahm endlich meinen Mut zusammen und erinnerte ihn daran, daß ich mit Ambrosius versprochen sei. ›Sie sollten sich schämen,‹ sagte ich, ›zu bekennen, daß Sie schlecht genug sind mich zu lieben, während Sie wissen, daß ich mit einem Andern verlobt bin.‹ Daraus fing er auf einer andern Tonart an und versuchte Ambrosius schlecht zu machen. Das brachte mich wieder zu mir selbst. Ich machte meine Kleider von ihm los und sprach mit ihm, wie es mir ums Herz war. ›Ich hasse Sie,‹ sagte ich ›und selbst wenn ich nicht mit Ambrosius versprochen wäre, würde ich Sie nicht heiraten, nein, und wenn mich Niemand anderes in der Welt wollte. Ich hasse Sie, Mr. Jago — ich hasse Sie!‹ Er sah endlich, daß ich im Ernst sprach. Er stand von seinen Knien auf und wurde plötzlich ganz ruhig. ›Genug, genug,‹ sagte er, ›Sie haben mir das Leben vergiftet; ich hoffe und erwarte nichts mehr von ihm. Ich setzte meinen Stolz in die Farm und in meine Arbeit, ich ertrug die Brutalitäten Ihrer Cousins, ich nahm die Interessen Mr. Meadowcrofts wahr — alles um Ihretwillen! Das ist jetzt zu Ende. Auch ist meines Bleibens hier nicht länger. Sie werden durch mich nicht mehr belästigt worden. Ich werde es machen wie die stummen Geschöpfe, wenn sie krank sind, und mich in einem Winkel verbergen um zu sterben. Gewähren sie mir eine letzte Gunst.. Machen Sie mich nicht zum Gelächter der Umgegend. Das könnte ich nicht ertragen, schon der Gedanke daran macht mich wahnsinnig. Geben Sie mir Ihr Versprechen, niemals einer lebenden Seele zu erzählen, was ich heut zu Ihnen gesagt habe — Ihr heiliges Versprechen, dem Manne, dessen Leben Sie gebrochen haben!‹ Ich tat was er von mir forderte ;. ich gab ihm mein heiliges Versprechen mit Tränen in den Augen. Sonderbar! Nachdem ich ihm gesagt, daß ich ihn hasse, — und ich hasste ihn wirklich — weinte ich über sein Unglück. Himmel, was sind wir Frauen für törichte Geschöpfe! Ist es nicht eine schreckliche Verderbtheit, Sir, daß wir stets bereit sind, die Männer zu bemitleiden? Er gab mir die Hand und sagte:, ›Leben Sie wohlauf ewig‹ und ich fühlte inniges Mitleid mit ihm. ›Ich will Ihnen die Hand geben,‹ sagte ich, ›wenn Sie mir auch etwas versprechen wollen. Ich bitte Sie, nicht die Farm zu verlassen. Was würde mein Oheim ohne Sie anfangen? Bleiben Sie hier und seien wir gute Freunde und vergessen und vergeben Sie, Mr. John.‹ Er versprach es mir — er konnte mir nichts abschlagen — und er wiederholtes ein Versprechen auch noch am folgenden Morgen. Ja, ich will gerecht gegen ihn sein, wenn gleich ich ihn hasse. Ich glaube, er hatte die ehrliche Absicht sein Versprechen zu halten, so lange er sich unter meinen Augen befand, aber sobald er allein war, versuchte ihn der Teufel, sein Wort zu brechen und die Farm zu verlassen. Ich bin im Glauben an den Teufel erzogen, Mr. Lefrank, und finde, daß sich Vieles recht gut durch ihn erklärt. Auch John Jago wird durch ihn erklärlich. Lassen Sie mich nur ausfindig machen, wohin er gegangen ist und ich stehe dafür, daß er zurückkommen und Ambrosius von dem Verdacht reinigen soll, den sein schändlicher Bruder auf ihn geworfen. Hier ist Feder und Tinte. Schreiben Sie die Aufforderung, Freund Lefrank, und zwar gleich um meinetwillen.«

Ich hatte sie fort reden lassen, ohne sie zu unterbrechen, um ihre Schlußfolgerungen einer nähern Prüfung zu unterziehen. Als sie mir die Feder in die Hand drückte, begann ich das Avertissement so gehorsam aufzusetzen, als ob ich den Glauben teilte, daß John Jago noch am Leben wäre.

Jedem Andern gegenüber hätte ich offen bekannt, daß meine Überzeugung in nichts erschüttert worden sei. Wenn kein Streit am Kalkofen stattgefunden hätte, wäre ich allenfalls bereit gewesen zu glauben, daß John Jagos verschwinden mit der schrecklichen Enttäuschung, welche er durch Naomi erfahren, zusammenhing. Dieselbe krankhafte Furcht sich lächerlich zumachen, welche ihn in dem Streit mit Silas unter meinem Fenster zu der Behauptung verführt hatte, daß Naomi ihm völlig gleichgültig sei, konnte ihn ebenso gut dazu bestimmt haben, sich sofort von dem Schauplatz seiner Niederlage heimlich zu entfernen. Aber von mir zu verlangen, daß ich nach dem, was am Kalkofen vorgegangen war, glauben sollte, daß er noch am Leben sei, war dasselbe, als hätte man mir zugemutet, Ambrosius Erzählung für verbürgte Wahrheit zu halten.

Ich hatte derselben von Anfang an misstraut und konnte nicht umhin, in diesem Misstrauen zu verharren. Wenn man mich aufgerufen hätte zu entscheiden, wo nach meiner Ansicht die größere Wahrscheinlichkeit läge, ob in der Geschichte, wie sie Ambrosius bei seiner Verteidigung erzählt, oder in der, wie sie Silas in seinem Bekenntnis dargestellt, so hätte ich bekennen müssen, ganz gleich mit welchem Widerstreben, daß mir die des Bekenntnisses die glaubwürdigere von beiden schiene.

Konnte ich das aber Naomi sagen? Ich hätte lieber fünfzig Aufforderungen zur Auffindung von John Jago in die Zeitungen geschrieben, als ihr einen solchen Kummer bereitet. Und Keiner hätte das vermocht., dem sie so teuer wie mir gewesen wäre.

Ich entwarf den Aufruf, welcher in den »Morwicker Merkur« eingerückt werden sollte, etwa folgendermaßen:

»Mord.«

»Die Zeitungen der Vereinigten Staaten werden gebeten zu veröffentlichen, daß Ambrosius Meadowcroft und Silas Meadowcroft von Morwick Farm in Morwick County in Untersuchung sich befinden, unter der Anklage John Jago, welcher von der Farm und aus der Nachbarschaft verschwunden ist, ermordet zu haben. Wer im Stande ist, über die Existenz des besagten Jago Auskunft zu geben, wird durch unverzügliche Mitteilung derselben das Leben zweier fälschlich angeklagten Männer retten. Jago ist etwa fünf Fuß vier Zoll groß und von hagerer Gestalt; seine Gesichtsfarbe ist außerordentlich bleich; seine Augen sind dunkel, sehr glänzend und ruhelos; sein dicker schwarzer Backen- und Schnurrbart bedeckt den unteren Teil seines Gesichts. Die ganze Erscheinung des Mannes ist wild und phantastisch.«

Ich fügte das Datum und die Adresse hinzu und noch denselben Abend ward ein reitender .Bote nach Narrabee geschickt, um den Aufruf in die nächste Nummer des Blattes einrücken zu lassen.

Als wir uns an diesem Abend trennten, sah Naomi schon fast so heiter und glücklich wie sonst aus. Da sie den Aufruf auf seinem Wege zur Druckerei wußte, war sie voll sanguinischer Hoffnung — sie war des Erfolges ganz gewiss.

»Sie wissen nicht, wie sehr sie mich getröstet haben,« sagte sie in ihrer offenen, warmherzigen Weise, als wir uns gute Nacht sagten. »Alle Blätter werden es abdrucken und noch ehe die Woche herum ist, werden wir von John Jago hören.« Sie hatte sich schon einige Schritte entfernt, kehrte aber wieder um und flüsterte mir ins Ohr: »Silas werde ich dies Bekenntnis nie und nimmer vergeben.. Wenn er wieder mit Ambrosius unter einem Dache leben sollte — ich glaube, ich wäre im Stande Ambrosius nicht zu heiraten.«

Damit verließ sie mich. Ihre letzten Worte verfolgten mich in den schlaflosen Stunden der Nacht. Daß sie überhaupt den Gedanken an die Möglichkeit, Ambrosius nicht zu heiraten, fassen konnte, war, ich muß es beschämt gestehen, eine direkte Ermutigung gewisser Hoffnungen, welche ich bereits im Stillen zu hegen begonnen hatte.

Der folgende Tag brachte mir einen Geschäftsbrief. Mein Clerk fragte an, ob irgendeine Aussicht wäre, daß ich zur Eröffnung der nächsten Gerichtsperiode zurückkehrte. Ich antwortete unbedenklich: »Es ist mir vorläufig unmöglich., die Zeit meiner Rückkehr zu bestimmen.« Naomi war im Zimmer während ich schrieb. Was würde sie geantwortet haben, wenn ich zu ihr gesagt hätte, wie es, sich der Wahrheit gemäß verhielt, daß sie für diesen Brief verantwortlich wäre?



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Zehntes Kapitel - Der Sheriff und der Gefängnisdirektor

Die Frage der Zeit war jetzt eine sehr ernste auf Morwick Farm. In sechs Wochen sollten die Assisen in Narrabee beginnen. Während dieser Periode ereignete sich nichts Neues von Wichtigkeit. Wir erhielten ein Menge müßiger Zuschriften in Bezug auf den John Jago betreffenden Aufruf, aber keine positive Nachricht. Nicht die leiseste Spur des Vermissten kam zum Vorschein und Niemand bezweifelte die Behauptung der Anklage, daß sein Körper in dem Kalkofen vernichtet worden sei. Silas Meadowcroft hielt an dem entsetzlichen Bekenntnis, welches er abgelegt, unerschütterlich fest, wogegen sein Bruder Ambrosius mit gleicher Entschlossenheit seine Unschuld behauptete und die Aussage wiederholte, die er bereits gemacht hatte.

Ich begleitete Naomi in regelmäßigen Zwischenräumen zu ihm ins Gefängnis. Als der Tag herannahte, an dem der Prozess beginnen sollte, schien er in seiner Entschlossenheit etwas schwankend zu werden. Sein Wesen wurde ruhelos und er zeigte sich bei der geringsten Veranlassung verletzt und argwöhnisch. Diese Wandlung deutete nicht notwendig ein .Schuldbewusstsein an; sie konnte auch die Wirkung der sehr natürlichen nervösen Aufregung beim Herannahen des Prozesses sein. Auch Naomi bemerkte die Veränderung ihres Verlobten, wodurch ihre Angst zwar gesteigert, aber ihr Vertrauen zu ihm in keiner Weise erschüttert wurde. Außer während der Mahlzeiten, war ich in der Zeit, von der ich jetzt schreibe, fast beständig allein mit der reizenden Amerikanerin.

Miß Meadowcroft forschte in den Zeitungen nach Nachrichten über John Jago in der Einsamkeit ihres Zimmers; Mr. Meadowcroft wollte Niemand sehen als seine Tochter, seinen Arzt und hier und da einen alten Freund. Ich bin später zu der Überzeugung gekommen, daß Naomi in jenen Tagen unseres vertrauten Verkehrs die wahre Natur der Gefühle entdeckte, welche sie mir einflößte. Aber sie behielt ihr Geheimnis für sich; ihr Benehmen gegen mich blieb beständig das einer Schwester und sie überschritt niemals auch nur um ein Haar breit die sichere Grenze eines geschwisterlichen Verhältnisses

Die Gerichtssitzungen nahmen ihren Anfang. Nach dem Zeugenverhör und der Prüfung von Silas Bekenntnis hielten die Geschworenen die Anklage gegen beide Gefangenen aufrecht. Der zum Beginn des Prozesses angesetzte Tag war der erste der folgenden Woche.

Ich hatte Naomi auf die Entscheidung der Jury sorglich vorbereitet und sie trug den neuen Schlag mit Fassung.

»Wenn es Ihnen noch nicht zuwider ist, so kommen Sie morgen mit mir ins Gefängnis.« sagte sie. »Ambrosius wird ein wenig Trost bedürfen.« Sie machte eine Pause und sah die neu eingelaufenen Briefe durch, welche auf dem Tisch lagen. »Noch immer keine Kunde von Jago,« sprach sie weiter. »Und alle Zeitungen haben die Bekanntmachung abgedruckt. Ich war so fest überzeugt, daß wir sofort von ihm hören würden.«

»Sind Sie noch sicher, daß er lebt?« wagte ich zu fragen.

»Ich bin dessen ebenso sicher wie vorher, « gab sie mit Entschiedenheit zur Antwort. »Er hält sich irgend wo versteckt — oder vielleicht geht er verkleidet herum. Wenn wir nun beim Beginn des Prozesses nichts mehr als jetzt von ihm wissen? — Wenn die Jury s—« Sie hielt schaudernd inne. Der Tod — der schmachvolle Tod auf dem Schafott — konnte die fürchterliche Folge des Urteilsspruchs der Geschworenen sein. »Wir haben lange genug auf Nachricht gewartet,« nahm Naomi wieder das Wort. »Wir müssen jetzt die Spur John Jagos selber suchen.. Wir haben noch eine Woche, ehe der Prozess beginnt. Wer will mir helfen nach ihm zu forschen? Wollen Sie es sein, Freund Lefrank?«

Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich dazu bereit war, wenn ich auch nichts davon erwartete.

Wir kamen überein, noch denselben Tag um Einlass in das Gefängnis nachzusuchen und sobald wir Ambrosius gesprochen, uns gleich an die beabsichtigten Nachforschungen zu machen.Wie diese Nachforschungen anzustellen wären, war mehr als ich und Naomi sagen konnten.Wir wollten damit beginnen, daß wir uns an die Polizei wandten, damit sie uns helfe John Jago ausfindig zu machen, und das weitere wollten mir den Umständen überlassen. Gab es jemals ein hoffnungsloseres Programm als dieses?

Gleich zu Anfang erklärten sich die Umstände gegen uns. Ich suchte wie gewöhnlich um die Erlaubnis nach, den Gefangenen zu sehen, und zum ersten Male ward dieselbe verweigert, ohne daß uns von der betreffenden Behörde ein Grund dafür angegeben wurde. So viel ich auch fragen mochte, die einzige Antwort, die ich erhielt. war: »Nicht heute.«

Auf Naomis Vorschlag gingen wir nach dem Gefängnis, um dort die Aufklärung zu erlangen, welche uns auf dem Bureau verweigert wurde. Der Schließer, welcher heut an dem äußern Thor die Wache hatte, gehörte zu Naomis zahlreichen Bewunderern. Er löste uns das Rätsel in vorsichtigem Geflüster. Der Sheriff und der Direktor des Gefängnisses hatten eben eine geheime Unterredung mit Ambrosius in dessen Zelle; sie hatten ausdrücklich befohlen, daß Niemand außer ihnen den Gefangenen heute sprechen dürfe.

Was bedeutete das? Verwundert kehrten wir nach der Farm zurück. Hier machte Naomi gewisse Entdeckungen, als sie zufällig mit einer der Mägde darüber sprach.

Früh Morgens hatte ein alter Freund der Familie den Sheriff nach Morwick Farm gebracht und der Beamte hatte mit Mr. Meadowcroft und dessen Tochter eine lange Unterredung gehabt. Von der Farm war der Sheriff direkt nach dem Gefängnis gegangen und mit dem Direktor zusammen in die Zelle des Gefangenen. Hatte man Ambrosius irgend wie heimlich beeinflussen wollen? Der äußere Anschein erregte unwillkürlich diesen Verdacht.Vorausgesetzt daß wirklich eine Beeinflussung stattgefunden, so war die nächste Frage: was hatte man dadurch bezweckt? Wir konnten nichts tun als abwarten.

Unsere Ungeduld wurde bald befriedigt.

Die Begebenheiten des folgenden Tages klärten uns in sehr unerwarteter Weise auf. Ehe noch die Sonne im Mittag stand, brachten die Nachbarn erstaunliche Neuigkeiten vom Gefängnis nach der Farm. Ambrosius Meadowcroft hatte sich selbst des an John Jago verübten Mordes schuldig bekannt! Er hatte das Geständnis in Gegenwart, des Sheriffs und des Direktors selbigen Tages unterzeichnet.

Ich sah das Dokument. Es ist unnötig, es hier wieder zu geben. Ambrosius bestätigte, in der Hauptsache, was Silas ausgesagt hatte, behauptete jedoch, von Jago zu dem Schlage gereizt worden zu sein, so daß sein Vergehen gegen das Gesetz nicht Mord, sondern Totschlag gewesen wäre. Schilderte sein Bekenntnis wirklich den wahren Hergang der Szene am Kalkofen, oder hatte der Gefängnisdirektor Ambrosius im Interesse der Familie dieses verzweifelte Mittel an die Hand gegeben, um dem schmachvollen Tode auf dem Schafott zu entrinnen? Der Sheriff sowie der Direktor bewahrten undurchdringlich.es Schweigen, bis sie bei den Verhandlungen, gesetzlich aufgefordert, zu sprechen genötigt waren.

Wer sollte Naomi das Letzte und Traurigste, was über sie hereingebrochen, mitteilen? Mit der heimlichen Liebe für sie im Herzen, fühlte ich ein unbesiegbares Widerstreben Derjenige zu sein, der Ambrosius Meadowcrofts Gemeinheit seiner Verlobten hinterbrachte. Hatte ihr irgend ein anderes Mitglied der Familie mitgeteilt, was sich zugetragen? Der Verteidiger konnte meine Frage beantworten — Miß Meadowcroft hatte es ihr gesagt.

Ich war empört, als ich es hörte. Miß Meadowcroft war die Letzte im Hause, dem armen Mädchen eine solche Nachricht mit Schonung mitzuteilen, sie hatte sie sicher doppelt schrecklich gemacht, durch die Art wie sie sie vorgetragen. Ich suchte Naomi überall vergebens. Sonst war sie stets für mich dagewesen; verbarg sie sich jetzt vor mir? Der Gedanke kam mir unwillkürlich, als ich, nach. dem ich vergebens an ihre Tür geklopft hatte, die Treppe herunter stieg.. Ich war entschlossen sie zu sehen, wartete einige Minuten und ging dann wieder hinauf. Oben angelangt, begegnete ich ihr, wie sie gerade aus ihrem Zimmer trat.

Sie wollte wieder zurück., aber ich fasste sie am Arm und hielt sie fest. Mit ihrer freien Hand bedeckte sie sich das Gesicht mit dem Taschentuch, damit ich es nicht sehen sollte.

»Sie sagten früher einmal, ich hätte Sie getröstet,« sprach ich in sanftem Ton. »Wollen Sie mir nicht gestatten Sie, auch jetzt zu trösten?«

Sie machte die heftigsten Anstrengungen, um los zu kommen und hielt den Kopf noch immer von mir abgewandt.

»Sehen Sie nicht, daß ich mich schäme, Ihnen ins Gesicht zu sehen?« sagte sie leise und stockend. »Lassen Sie mich gehen.«

Aber ich beharrte bei dem Versuch sie zu beruhigen. Ich zog sie nach dem Fenstersitz und sagte, daß ich warten wolle, bis sie im Stande sei, mit mir zu reden.

Sie ließ sich auf den Sitz nieder und rang die Hände in ihrem Schoß. Ihre zu Boden gesenkten Blicke vermieden es noch immer hartnäckig den meinigen zu begegnen.

»O,« rief sie, »welcher Wahn hat mich verblendet! Ist es möglich, daß ich mich jemals so erniedrigt habe, Ambrosius zu lieben?« Sie schauderte, als sie den Gedanken laut aussprach und die Tränen rollten ihr langsam über die Wangen.. »Verachten Sie mich nicht, Mr. Lefrank,« setzte sie leise hinzu.

Ich bemühte mich ehrlich, ihr das Geständnis in dem wenigst ungünstigen Lichte zu zeigen.

»Seine Widerstandskraft ist zu Ende gewesen, « sagte ich. »Er hat es getan, weil er daran verzweifelte, seine Unschuld zu beweisen — und aus Furcht vor dem Schafott.«

Sie stand aus und stampfte zornig mit dem Fuß, während ihr Gesicht vor Scham erglühte und große Tränen in ihren Augen blitzten.

»Nicht weiter von ihm!« rief sie streng. »Wenn er kein Mörder ist, so ist er doch ein Lügner und eine Memme! Als was macht er mir die meiste Schande? Ich habe mit ihm für immer gebrochen und niemals soll sein Name wieder über meine Lippen kommen!« Dabei schob sie mich heftig von sich und machte einige Schritte nach ihrer Tür, blieb dann aber stehen und kam zurück. Die edelmütige Natur des Mädchens sprach sich in den Worten aus, die sie darauf zu mir sagte. »Ich vergesse nicht, was Sie für mich getan haben, Freund Lefrank. Aber eine Frau in meiner Lage ist vor allen Dingen Frau; und wenn sie so beschämt ist wie ich es bin, so empfindet sie das sehr bitter. Geben Sie mir Ihre Hand. Gott sei mit Ihnen!« Damit küsste sie meine Hand, ehe ich es verhindern konnte und verschwand in ihrem Zimmer.

Ich setzte mich auf den Platz, den sie eben inne gehabt, und dachte an den Blick, mit welchem sie mich flüchtig angesehen., als sie meine Hand geküsst hatte. Ich vergaß darüber Ambrosius und sein Bekenntnis; ich vergaß den nahen Prozess, meine amtlichen Pflichten und meine Freunde in England. Da saß ich in meinem von mir selbst geschaffenen Narrenparadies, ohne irgend eine andere Vorstellung in meinem Geiste, als Naomis Gesicht indem Augenblicke, als sie mich zuletzt angesehen hatte.



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Elftes Kapitel - Der Kieselstein und das Fenster

Miß Meadowcroft und ich waren die einzigen, welche die Familie von der Farm bei dem Prozesse repräsentierten, aber jedes von uns begab sich auf eigene Hand nach Narrabee. Außer dem gewöhnlichen Morgen. und Abendgruß hatte Miß Meadowcroft kein Wort zu mir gesprochen, seit ich ihr damals gesagt, daß ich nicht glaubte, John Jago sei noch unter den Lebenden.

Ich habe absichtlich meine Erzählung von juristischen Details frei zu halten gesucht und will auch jetzt nur in aller Kürze die Art der Verteidigung angeben.

Wir bestanden darauf, daß beide Gefangene für »Nichtschuldig« planierten. Darauf griffen wir die Gesetzmäßigkeit des eingeleiteten Verfahrens an und appellierten an das alte Englische Gesetz, dem zufolge der Mord nicht eher angenommen werden kann, als bis der Leichnam des Ermordeten gefunden oder der unzweifelhafte Beweis seiner Vernichtung beigebracht worden ist. Wir leugneten, daß in diesem Fall ein solcher Beweis vorhanden wäre.

Die Richter hielten eine Beratung und entschieden, daß der Prozess vor sich gehen sollte.

Zunächst opponierten wir wieder, als die Geständnisse als Beweisstücke beigebracht wurden.Wir behaupteten, daß sie mittels Erregung von Furcht oder anderer unstatthafter Beeinflussung erpresst worden seien und zeigten, daß die beiden Aussagen in kleineren Nebenumständen der Übereinstimmung ermangelten. Im Übrigen war unsere Verteidigung, was die Hauptsache betraf, dieselbe wie bei dem Verhör vor dem Untersuchungsrichter. Noch einmal traten die Richter zu einer Beratung zusammen und wieder wurde unser Einwand verworfen. Die Geständnisse wurden als Beweismaterial zugelassen.

Die Anklage produzierte ihrerseits einen neuen Zeugen zur Unterstützung ihrer Sache.Es ist unnötig, die Aussage desselben zu wiederholen Er widersprach sich gröblich beidem Kreuzverhör und wir zeigten deutlich, daß auf seinen Eid nichts zu geben sei.

Der Präsident summierte.

Er räumte ein, daß auf ein durch Furcht oder Hoffnung abgerungenes Bekenntnis kein Gewicht gelegt werden könnte und stellte es den Geschworenen anheim zu entscheiden, ob in diesem Falle die Bekenntnisse unter einem solchen Druck erfolgt seien. Im Laufe der Verhandlung war von der Verteidigung bewiesen worden, daß der Sheriff und der Gefängnisdirektor Ambrosius mit Wissen und Zustimmung von dessen Vater mitgeteilt hätten, daß die Sache sehr schlimm für ihn stände, — daß die einzige Chance, seiner Familie die Schmach seines Todes durch Henkershand zu ersparen, das Ablegen eines Geständnisses sei und daß, wenn er gestanden, sie ihr Möglichstes tun wollten, sein Todesurteil in lebenslängliche Deportation zu verwandeln. Was Silas betraf, so war es bewiesen, daß er seiner Sinne vor Schreck nicht mächtig gewesen, als er die Infamie begangen hatte, den Mord auf seinen Bruder zu wälzen. Wir hatten umsonst gehofft, daß diese beiden Punkte den Gerichtshof bewegen würden, die Bekenntnisse zu verwerfen und wir sollten noch weiter enttäuscht werden in der Erwartung, daß diese selben Punkte das Verdikt der Geschworenen im Sinne der Gnade beeinflussen würden. Nachdem sie eine Stunde lang beraten, kehrten sie in den Gerichtssaal zurück und sprachen das »Schuldig« gegen beide Angeklagte aus. .

Als diese der üblichen Form nach gefragt wurden, ob sie gegen diesen Ausspruch etwas einzuwenden hätten, erklärten Ambrosius und Silas feierlich ihre Unschuld und behaupteten öffentlich, daß ihre beiderseitigen Geständnisse durch die Hoffnung ihnen abgerungen worden, dadurch der Hand des Henkers zu entgehen. Der Gerichtshof nahm von dieser Erklärung keine weitere Notiz und die Angeklagten wurden beide zum Tode verurteilt.

Als ich nach der Farm zurückkehrte, konnte ich nirgends Naomi entdecken. Miß Meadowcroft teilte ihr den Ausgang des Prozesses mit.

Eine halbe Stunde darauf brachte mir eine der Mägde ein Couvert, auf welchem mein Name in der Handschrift Naomis stand. In dem Couvert stack ein Brief nebst einem Papierschnitzel, auf welchen Naomi die Worte geschrieben hatte: »Lesen Sie um Gottes Willen den beifolgenden Brief und tun Sie sofort die nötigen Schritte.«

Ich riss den Brief auf. Er sollte von einem Gentleman in New-York geschrieben sein.

Erst am vorhergehenden Tage, hieß es darin, hätte der Schreiber ganz zufällig bei einem Freunde das Avertissement, John Jago betreffend, aus einem Zeitungsblatt ausgeschnitten in ein Kuriositätenbuch eingeklebt gesehen. In Folge dessen schrieb er nach Morwick Farm, um die Mitteilung zu machen, daß er einen Mann gesehen hätte, welcher vollkommen der gegebenen Beschreibung entspräche, aber einen andern Namen trüge und als Commis in eitlem Comptoir in Jersey City arbeitete. Da er vor Abgang der Post noch Zeit gehabt hätte, wäre er nach dem Comptoir zurückgegangen, um sich den Mann nochmals anzusehen, ehe er seinen Brief abschickte. Zu seinem Erstaunen hätte er erfahren, daß der Commis heute nicht an seinem Pulte erschienen wäre. Sein Prinzipal hätte nach seiner Wohnung geschickt und von hier die Nachricht erhalten, daß er plötzlich nach dem Frühstück, bei welchem er die Zeitung gelesen, seine Reisetasche gepackt, seine Miete bezahlt und auf und davon gegangen wäre, Niemand wüßte wohin.

Es war spät Abends, als ich diese Zeilen las. Ich hatte daher Zeit darüber nachzudenken, bevor irgend etwas geschehen konnte. «

Angenommen, daß der Brief keine Mystifikation und Naomis Erklärung des Motivs, aus welchem John Jago die Farm heimlich verlassen, die richtige sei, so war es, wie ich mir sagen mußte, zweckmäßig, die Nachforschungen nach ihm auf Narrabee und die Umgegend zu beschränken.

Die Zeitung, die er beim Frühstück gelesen, hatte ihn ohne Zweifel zuerst von der Anklage, und dem Prozess, welcher folgen sollte, in Kenntnis gesetzt. Nach den Erfahrungen, welche ich über die menschliche Natur gesammelt, durfte ich annehmen, daß er unter diesen Umständen und von seiner Leidenschaft für Naomi getrieben, sich nach Narrabee zurück wagen würde. Noch mehr. Es entsprach wiederum meinen Erfahrungen, wie ich leider bekennen muß, daß er den Versuch machen würde, Ambrosius kritische Lage zu benützen, um Naomi zu einer günstigeren Aufnahme seiner Liebeswerbung zu zwingen. Seine heimliche Entfernung von der Farm hatte bereits zur Genüge dargethan, daß er gegen das etwaige Unheil, welches daraus entstehen konnte, vollständig gleichgültig gewesen. Es war ihm daher sehr wohl zu.zutrauen, daß er in seiner Gefühlsrohheit soweit gehen würde, sich Naomi heimlich wieder zu nähern und ihr die Annahme seiner Handels den Preis zu bestimmen, um welchen er das Leben ihres Vetters zu retten bereit wäre.

Zu diesem Schlusse gelangte ich nach langem Nachdenken. Um Naomis willen war ich entschlossen, die Sache aufzuklären, wenn.gleich meine Zweifel darüber, daß John Jago .noch am Leben sei, auch durch den Brief keinen Augenblick erschüttert worden waren. Ich hielt ihn für nichts mehr und nichts weniger als eine alberne herzlose Posse.

Das Schlagen der großen Uhr in der Halle weckte mich aus meinem Nachdenken Ich zählte die Schläge. Mitternacht.

Ich stand auf, um mich nach meinem Zimmer zu begeben. Alle Übrigen auf der Farm hatten sich wie gewöhnlich schon vor länger als einer Stunde zu Bett verfügt. Im Hause herrschte eine atemlose Stille. trat unwillkürlich leise auf, als ich durch die Stube ging, um in die Nacht hinaus zusehen. Ein klarer Mondschein begegnete meinem Blick — ein Mondschein wie an dem verhängnisvollen Abend, als Naomi und John Jago im Garten ein Rendezvous gehabt hatten.

Mein Licht stand auf einem Seitentisch und ich hatte es eben angezündet und war im Begriff das Zimmer zu verlassen, als sich die Tür öffnete und Naomi in eigener Person vor mir stand.

Als ich mich von der ersten Überraschung über ihre plötzliche Erscheinung erholt hatte, sah ich sofort an ihrem erregten Blick und der Totenblässe ihrer Wangen, daß sich etwas Ernstes zugetragen hatte. Sie war in einen weiten Mantel gehüllt, um den Kopf hatte sie ein weißes Tuch geknüpft. Ihr Haar war in Unordnung, sie war offenbar eben in Schreck und Hast aus dem Bette auf.gesprungen.

»Was ist geschehen?« fragte ich, indem ich ihr entgegen schritt.

Sie klammerte sich vor Aufregung zitternd an meinen Arm.

»John Jago!« wisperte sie.

«Ich glaubte natürlich, daß sie geträumt hätte.

»Wo?« fragte ich.

»Im Hinterhof unter meinem Fenster,« erwiderte sie.

Es handelte sich um viel zu ernste Dinge, als daß wir an die Beobachtung kleinlicher Anstandsrücksichten hätten denken sollen.

»Lassen Sie mich ihn sehen,« sagte ich.

»Ich komme ja eben, um Sie zu holen, « antwortete sie in ihrer offenen unbefangenen Art.

»Kommen Sie mit mir hinauf.«

Ihr Zimmer befand sich im ersten Stock und war das einzige Zimmer, welches nach hinten hinaus ging. Auf dem Wege dahin erzählte Sie mir, was sich ereignet hatte.

»Ich war schon zu Bett gegangen, schlief aber noch nicht, als ich einen Stein gegen mein Fenster klirren hörte. Ich horchte auf.Abermals wurde ein Stein an das Glas geworfen. Ich war erst überrascht, aber noch keineswegs erschreckt. Ich stand auf und lief ans Fenster, um zu sehen, was es gäbe. Da sah ich John Jago im Mondschein stehen und zu mir herauf starren.

»Sah er Sie?«

»Ja. Er sagte, ich möchte herunterkommen, er hätte mir etwas Wichtiges mitzuteilen.«

»Antworteten Sie ihm ?«

»Sobald ich zu Atem kommen konnte, sagte ich, er sollte einen Augenblick warten und dann stürzte ich zu Ihnen hinunter. Was soll ich tun?«

»Ich will ihn erst sehen, dann werde ich es Ihnen sagen.«

Wir traten in ihr Zimmer. Hinter den Gardinen vorsichtig versteckt blickte ich hinaus.

Da stand er wirklich. Backen. und Schnurrbart waren abgeschoren, die Haare kurz geschnitten. Aber die wilden braunen Augen und die eigentümlichen Bewegungen seiner dürren hageren Gestalt, die mich sofort wieder frappierten, als er Naomi erwartend, langsam auf- und ab zu gehen begann, hatte er durch nichts verändern können. Im ersten Augenblick wurde ich fast von meiner eigenen Aufregung überwältigt, nachdem ich so fest geglaubt, daß John Jago zu den Toten gehörte.

»Was soll ich tun?« wiederholte Naomi.

»Ist die Tür der Milchkammer offen?« fragte ich.

.Nein. Ader der Holzstall um die Ecke ist unverschlossen.«

»Gut. Zeigen Sie sich am Fenster und sagen Sie: Ich komme gleich.«

Das beherzte Mädchen tat wie ich ihr sagte, ohne sich einen Augenblick zu bedenken.

Wenn über seine Augen und seinen Gang kein Zweifel obgewaltet, so war es auch unzweifelhaft seine Stimme, als er von unten herauf rief:

»Sie werden mir eine Gunst erweisen!«

»Halten Sie ihn im Gespräch auf der Stelle fest, wo er jetzt steht, bis ich Zeit gehabt habe, auf dem anderen Wege nach dem Holzstall zu gelangen. Dann tun Sie, als ob Sie von der Milchkammer her entdeckt zu werden fürchteten und bringen Sie ihn um die Ecke, damit ich ihn hinter der Tür hören kann.«

Wir verließen zusammen das Haus und trennten uns schweigend. Naomi befolgte meine Instruktionen mit der schnellen weiblichen Auffassungsgabe, wo es sich um eine Kriegslist handelt. Ich war kaum eine Minute im Holzstall gewesen, als ich auch schon Naomi an der Außenseite der Tür sprechen hörte.

Die ersten Worte, welche ich deutlich vernahm, bezogen sich auf das Motiv, aus welchem er die Farm heimlich verlassen hatte. Doppelt verletzter Stolz — einmal durch Naomis verächtliche Zurückweisung und dann durch die persönlichen Insulte, die er durch Ambrosius erfahren, — war die Ursache. Er gab zu, daß er den öffentlichen Aufruf gelesen, und daß es ihn nur noch mehr in seinem Entschluss befestigt hätte, sich versteckt zu halten.

»Nachdem ich verlacht, insultirt und zurückgewiesen worden,« sagte der Nichtswürdige, »war es eine Genugtuung für mich zu wissen, daß gewisse Leute hier ernstlichen Grund hätten, mich zurück zu wünschen Es hängt von Ihnen ab, Miß Naomi, mich fest zu halten und mich zur Rettung Ambrosius zu bewegen, indem ich mich öffentlich zeige.«

»Was meinen Sie damit?« hörte ich Naomi in strengem Tone fragen.

Er senkte die Stimme, aber ich konnte ihn trotzdem verstehen.

»Versprechen Sie mir, mich zu heiraten.« sagte er, »und ich gehe morgen auf die Polizei und beweise ihr, daß ich mich am Leben befinde.«

»Und wenn ich mich weigere?«

»In diesem Fall werde ich wieder verschwinden, und Niemand soll mich finden, bis Ambrosius gehenkt ist.«

»Wären Sie wirklich Schurke genug, das zu tun, John Jago?« fragte das Mädchen.ihre Stimme erhebend.

»Wenn Sie versuchen Lärm zu machen, « antwortete er, »so wahr als ein Gott über uns ist, Sie sollen meine Hand an Ihrer Kehle fühlen. Die Reihe ist jetzt an mir, Miß, und ich bin nicht der Mann, der mit sich spaßen läßt. Wollen Sie mich heiraten, — ja oder nein?«

»Nein!« antwortete sie laut und fest

Ich stieß die Türe aus und packte ihn im .Augenblick, als er die Hand gegen sie aufhob. Er hatte nicht an zerrütteten Nerven, wie ich, gelitten und war der Stärkere von uns beiden. Naomi rettete mir das Leben. Sie schlug ihm die Pistole aufwärts, die er mit seiner freien Hand aus der Tasche zog und auf mich anlegte.Die Kugel ging in die Luft. Im selben Augenblick stellte ich ihm ein Bein. Der Schuß hatte das ganze Haus aus dem Schlafe geweckt und bis Hilfe kam, hielten wir beide ihn am Boden nieder.



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Zwölftes Kapitel - Ende der Geschichte

John Jago wurde auf die Polizei gebracht und am folgenden Tage die Identität seiner Person festgestellt

Ambrosius und Silas Leben war natürlich nicht länger in Gefahr, in so fern es sich unmenschliche Gerechtigkeit handelte. Aber es gab noch allerhand gesetzliche Formalitäten zu vollziehen, bevor die Brüder als unschuldig aus dem Gefängnis entlassen werden konnten.

In der Zeit, welche bis dahin verstrich, gingen Ereignisse vor, welche kurz erwähnt werden mögen, ehe ich meine Geschichte schließe.

Mr. Meadowcroft, der Vater, welchen die Leiden, die er durchzumachen gehabt, vollständig gebrochen hatten, starb plötzlich an einer rheumatischen Affektion des Herzens. Ein Codicill, welches seinem Testament beigefügt war, bestätigte vollständig, was Naomi mir über den Einfluss Miß Meadowcrofts aus ihren Vater und den Zweck, den sie bei der Ausübung desselben im Auge gehabt, erzählt hatte. Mr. Meadowcroft hatte seinen Söhnen nur eine Leibrente ausgesetzt. Die Farm und alles, was dazu gehörte, war seiner Tochter vermacht und die Empfehlung von Seiten des Testators beigefügt, daß sie seinen »besten und teuersten Freund, Mr. John Jago,« heiraten möge.

Mit der Macht dieses Testaments bewaffnet, sandte die Erbin von Morwick Farm Naomi die Weisung, sich nicht länger als Insassin der Farm zu betrachten. Miß Meadowcroft, es sei hier gleich bemerkt weigerte sich aufs Bestimmteste zu glauben, daß John Jago jemals um Naomi geworben, oder ihr gedroht hatte, im Fall sie ihn zurückwiese. Sie beschuldigte mich, wie sie Naomi beschuldigte, daß wir John Jago nur in ihrer Achtung herabsetzen wollten aus Haß gegen »diesen schwer gekränkten Mann«, und wie Naomi erhielt auch ich die formelle Weisung von ihr, das Haus zu räumen.

Wir beiden Verbannten trafen zu derselben Zeit mit unsern Reisetaschen in der Halle zusammen.

»Wir werden zusammen hinausgeworfen, Freund Lefrank,« sagte Naomi mit dem ihr eigentümlichen komischen Lächeln. »Sie gehen vermutlich nach England zurück und ich muß sehen, wie ich mir in meinem Vaterlande eine Existenz verschaffe. In den Vereinigten Staaten können Frauen auch Anstellungen bekommen, wenn sie einen Freund haben, der für sie spricht. »Wo werde ich einen finden, der mir eine Stelle verschafft.«

Das war der richtige Augenblick, um das richtige Wort zu sagen.

»Ich habe Ihnen eine Stellung anzubieten,« erwiderte ich.

»Das ist ja sehr glücklich, Sir,« sagte sie. »Ist es in einem Telegraphen-Bureau oder in einem Verkaufsgeschäft.«

Ich überraschte in eine kleine amerikanische Freundin, indem ich sie in meine Arme nahm und ihr den ersten Kuss gab.

»Das Amt ist an meinem Heerde,« sagte ich. »Das Gehalt beträgt soviel, als Sie vernünftigerweise von mir verlangen werden und die Stellung, Naomi, ist die meines Weibes, wenn Sie nichts dagegen haben.«

Ich habe nichts mehr zu sagen, als das Jahre verflossen sind, seit ich jene Worte sprach, und daß ich Naomi noch ebenso wie damals liebe.

Einige Monate nach unsrer Hochzeit schrieb Mrs. Lefrank an eine Freundin in Narrabee und bat um Nachricht von der Farm. Aus der Antwort erfuhren wir, daß Ambrosius und Silas nach Neu-Seeland ausgewandert wären und Miß Meadowcroft in einsamer Majestät auf der Farm residierte. John Jago hätte sich geweigert ihre Hand anzunehmen und wäre wieder verschwunden. Niemand wüßte wohin.

E n d e.



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