Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Das Eismeer - Kapitel Fünfzehn
 

Das Eismeer



Kapitel Fünfzehn

Dort erschien am Salonfenster der Villa ein höflicher, kleiner Mann, mit klaren, intelligenten Augen und freundlichen, umgänglichen Manieren. Ordentlich gekleidet in professionelles Schwarz, stand er da, sich selbst ankündigend, ein wohlhabender Landarzt – erfolgreich und beliebt bei einem weiten Kreis von Patienten und Freunden. Während Mrs. Crayford sich ihm näherte, schritt er rege aus, um ihr auf dem Rasen zu begegnen, beide Hände ausgestreckt in liebenswürdiger und herzlicher Begrüßung.

„ Meine teure Madam, nehmen Sie meine tief empfundenen Glückwünsche entgegen!“ rief der Doktor aus. „Ich habe die guten Neuigkeiten in der Zeitung gelesen; und ich könnte schwerlich mehr erfreut sein, als ich es jetzt bin, wenn ich die Ehre hätte, Lieutenant Crayford persönlich zu kennen. Wir beabsichtigen den Anlaß zu Hause zu feiern. Ich sagte zu meiner Frau, bevor ich fortgegangen bin ‚Eine Flasche von dem alten Madeira heute zum Dinner, denk daran! – um auf die Gesundheit des Lieutenants zu trinken; Gott segne ihn!’ Und wie geht es unserer interessanten Patientin? Die Neuigkeiten sind nicht gänzlich so, wie wir sie uns wünschen könnten, sofern es sie betrifft. Ich war ein wenig besorgt, Ihnen die Wahrheit zu sagen, wegen der Auswirkungen darauf; und ich habe Ihnen meinen Besuch heute vor meiner üblichen Uhrzeit abgestattet. Nicht, daß ich selbst eine düstere Auffassung von den Neuigkeiten habe. Nein! Es gibt einen deutlichen Zweifel ob der Richtigkeit der Information, soweit es Mr. Aldersley betrifft – und das ist ein Punkt, ein großer Punkt zu Mr. Aldersleys Gunsten. Ich gebe ihm den Vorteil des Zweifels, wie die Anwälte sagen. Gibt Miß Burnham ihm ebenfalls den Vorteil des Zweifels? Ich gestehe, ich wage es schwerlich zu hoffen.“

„ Miß Burnham hat mich bekümmert und erschreckt“, antwortete Mrs. Crayford. „Ich habe just daran gedacht, nach Ihnen zu schicken, als wir uns hier begegnet sind.“

Mit diesen einleitenden Worten erzählte sie dem Doktor genauestens, was geschehen war; sie wiederholte nicht nur die Unterhaltung zwischen Clara und ihr selbst, sondern auch die Worte, die Clara in der Trance der vergangenen Nacht gesagt hatte.

Der Doktor hörte aufmerksam zu. Nach und nach verschwand seine unbekümmert lächelnde Gelassenheit aus seinem Gesicht, während Mrs. Crayford fortfuhr, und ließ ihn vollkommen verwandelt in einen ernsthaften und gedankenvollen Mann zurück.

„ Lassen Sie uns gehen und nach ihr schauen“, sagte er.

Er setzte sich an Claras Seite, und studierte sorgfältig ihr Gesicht, mit der Hand auf ihrem Puls. Es gab hier keine Sympathie zwischen dem verträumten mystischen Naturell der Patientin und dem durch und durch praktisch veranlagten Charakter des Doktors. Insgeheim konnte Clara ihren medizinischen Berater nicht leiden. Sie fügte sich ungeduldig der gründlichen Untersuchung, zu deren Objekt er sie machte. Er fragte sie – und sie antwortete gereizt. Einen Schritt weiter vorrückend (der Doktor war nicht leicht zu entmutigen), wies er auf die Neuigkeiten der Expedition hin, und nahm den Tonfall des Einspruchs auf, welchen bereits Mrs. Crayford aufgenommen hatte. Clara lehnte es ab, die Frage zu diskutieren. Sie erhob sich mit formeller Höflichkeit und bat um die Erlaubnis, zum Haus zurückzukehren. Der Doktor wagte keinen erneuten Widerstand. „Unbedingt, Miß Burnham“, antwortete er resigniert – nachdem er Mrs. Crayford einen Blick zugeworfen hatte, der deutlich sagte ‚Bleiben Sie hier bei mir’. Clara zeigte sich erkenntlich mit einer Verbeugung in kaltem Schweigen, und ließ sie miteinander zurück. Die klaren Augen des Doktors folgten der geschwächten, jedoch noch immer anmutigen Gestalt des Mädchens, wie sie langsam aus seiner Sicht verschwand, mit einem Ausdruck von ernster Besorgnis, welchen Mrs. Crayford ihrerseits mit ernsten Befürchtungen zur Kenntnis nahm. Er sagte nichts, bis Clara unter der Veranda verschwunden war, die rund um die Gartenseite des Hauses verlief.

„ Ich glaube, Sie erzählten mir“, begann er, „daß weder Miß Burnhams Vater noch ihre Mutter mehr am Leben sind?“

„ Ja. Miß Burnham ist eine Waise.“

„ Hat sie irgendwelche nahen Verwandten?“

„ Nein. Sie können mit mir sprechen als ihr Vormund und ihre Freundin. Sind Sie beunruhigt wegen ihr?“

„ Ich bin ernstlich beunruhigt. Es ist erst zwei Tage her, seit ich das letzte Mal hier vorgesprochen habe, und ich sehe eine deutliche Veränderung in ihr zum Schlechteren hin – physisch und vernunftgemäß eine Veränderung zum Schlechteren. Geraten Sie nicht unnötig in Angst! Ich glaube, der Fall ist nicht vollkommen außer Reichweite eines Heilmittels. Die große Hoffnung für uns ist die Hoffnung, daß Mr. Aldersley noch am Leben ist. In diesem Fall würde ich keine bösen Befürchtungen ob der Zukunft hegen. Ihre Heirat würde eine gesunde und glückliche Frau aus ihr machen. Doch wie die Dinge liegen, gestehe ich, daß ich diese gefestigte Überzeugung in ihrem Geist, Mr. Aldersley sei tot, fürchte, und daß ihr eigener Tod bald folgen wird. In ihrem gegenwärtigen Gesundheitszustand wird dieser Gedanke (wie er sie sicher Tag und Nacht verfolgen wird) ebenso auf ihren Körper Einfluß nehmen wie auf ihren Geist. Falls wir dem Unheil nicht Einhalt gebieten können, werden ihre letzten Kraftreserven nachgeben. Wenn Sie einen anderen Bericht wünschen, dann schicken Sie auf alle Fälle danach. Meine Meinung haben Sie.“

„ Ich bin vollkommen überzeugt von Ihrer Meinung“, erwiderte Mrs. Crayford. „Um Gottes Willen, sagen Sie mir, was können wir tun?“

„ Wir können eine komplette Veränderung ausprobieren“, sagte der Doktor. „Wir können sie sofort von diesem Ort wegbringen.“

„ Sie wird es ablehnen, ihn zu verlassen“, erwiderte Mrs. Crayford. „Ich habe ihr mehr als einmal eine Veränderung vorgeschlagen – und sie sagt immer nein.“

Der Doktor hielt einen Moment lang inne, wie jemand, der seine Gedanken sammelt.

„ Ich habe etwas gehört auf meinem Weg hierher“, fuhr er fort, „das meinem Verstand eine Methode vorschlägt, dem Hindernis, das Sie erwähnt haben, entgegenzutreten. Falls ich nicht völlig im Irrtum befangen bin, wird Miß Burnham zu der Veränderung, die ich für sie in Aussicht habe, nicht nein sagen.“

„ Was ist es?“ fragte Mrs. Crayford ungeduldig.

„ Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen meinerseits eine Frage stelle, bevor ich antworte“, sagte der Doktor. „Sind Sie so glücklich, irgendwelchen Einfluß auf die Admiralität zu besitzen?“

„ Gewiß. Mein Vater hat ein Amt im Ministerium inne; und zwei der Lords der Admiralität sind Freunde von ihm.“

„Exzellent! Nun kann ich es offen aussprechen, mit wenig Furcht, Sie zu enttäuschen. Nach dem, was ich gesagt habe, werden Sie mit mir übereinstimmen, daß die einzige Veränderung in Miß Burnhams Leben, die von irgendeinem Nutzen für sie sein wird, eine Veränderung ist, welche die gegenwärtige Geisteshaltung in Bezug auf Mr. Aldersley ändert. Bringen Sie sie in eine Situation, in der sie feststellen kann – nicht durch einen Hinweis auf ihre eigenen zerrütteten Phantasien und Visionen, sondern durch einen Hinweis auf aktuelle Beweise und aktuelle Fakten – ob Mr. Aldersley am Leben ist oder nicht; und es wird ein Ende haben mit den hysterischen Selbsttäuschungen, die nun drohen, ihre Gesundheit fatal zugrunde zu richten. Selbst wenn wir die Angelegenheit von der schlechtesten Seite her anpacken – selbst wenn wir annehmen, daß Mr. Aldersley in den arktischen Meeren gestorben ist – wird es weniger schädlich sein für sie, dies unzweifelhaft festzustellen, als ihren Geist sich weiter mit seinem eigenen morbiden Aberglauben und Spekulationen versorgen zu lassen, wochenlang, während die nächsten Neuigkeiten von der Expedition auf dem Weg nach England sind. Kurz und gut, ich möchte, daß Sie, noch ehe die Woche vorüber ist, in einer Situation sind, in welcher Sie Miß Burnhams gegenwärtige Überzeugung einem praktischen Test unterziehen. Angenommen, Sie würden zu ihr sagen, ‚Wir sind verschiedener Meinung, meine Liebe, über Mr. Aldersley. Du erklärst ohne den Schatten einer Begründung dafür, daß er zweifellos tot ist, und, schlimmer noch, daß er gestorben ist durch die Hand eines seiner Offizierskameraden. Ich behaupte, aufgrund der Glaubwürdigkeit der Zeitung, daß nichts derartiges passiert ist, und daß alle Chancen dafür stehen, daß er noch am Leben ist. Was würdest du dazu sagen, wenn wir den Atlantik überqueren und uns überzeugen, wer von uns recht hat – du oder ich?’ Glauben Sie, Miß Burnham wird dazu nein sagen, Mrs. Crayford? Wenn ich irgend etwas von der menschlichen Natur weiß, wird sie die Gelegenheit ergreifen, als Hilfsmittel dafür, Sie zu einem Glauben an das Zweite Gesicht zu bekehren.“

„Lieber Himmel, Doktor! Wollen Sie mir sagen, wir sollen in See stechen und zur arktisexpedition auf ihrem Weg nach Hause stoßen?“

„ Vortrefflich erraten, Mrs. Crayford! Das ist es genau, was ich meine.“

„ Doch wie soll das zustande gebracht werden?“

„ Ich werde es Ihnen augenblicklich eröffnen. Ich erwähnte – nicht wahr? – daß ich etwas gehört habe auf meinem Weg zu diesem Haus.“

„ Ja.“

„ Nun, ich traf an meinem eigenen Gartentor einen alten Freund, der mich ein Stück des Weges hierher begleitete. Letzten abend hat mein Freund mit dem Admiral in Portsmouth diniert. Unter den Gästen war ein Mitglied des Ministeriums, der die Neuigkeiten über die Expedition aus London mitgebracht hatte. Dieser Gentleman teilte der Gesellschaft mit, daß es wenig Zweifel gäbe, daß die Admiralität unverzüglich ein Dampfschiff ausschickt, um die geretteten Männer an den Küsten Amerikas abzuholen und nach Hause zu bringen. Warten Sie kurz, Mrs. Crayford! Niemand weiß bis jetzt, unter welchen Regelungen und Bestimmungen das Schiff reisen wird. Unter einigermaßen ähnlichen Umständen sind privilegierte Leute als Passagiere aufgenommen worden, oder eher als Gäste, auf den Schiffen Ihrer Majestät – und was bei früheren Gelegenheiten bewilligt worden ist, könnte, es wäre immerhin möglich, auch jetzt bewilligt werden. Mehr kann ich nicht sagen. Wenn Sie nicht selbst Angst vor der Reise haben, habe ich keine Angst davor (ja ich bin sogar, aus medizinischen Gründen, gänzlich damit einverstanden) für meine Patientin. Was sagen Sie? Werden Sie Ihrem Vater schreiben und ihn bitten, zu tun, was in seiner Macht liegt bei seinen Freunden von der Admiralität?“

Mrs. Crayford sprang aufgeregt auf die Füße.

„ Schreiben!“ rief sie aus. „Ich werde etwas besseres tun als zu schreiben! Die Reise nach London ist keine große Sache – und meiner Haushälterin hier kann man vertrauen, daß sie auf Clara aufpaßt während meiner Abwesenheit. Ich werde meinen Vater heute abend besuchen! Er wird seinen Einfluß bei der Admiralität gut zu nutzen wissen – Sie können sich darauf verlassen. Oh mein lieber Doktor, was für eine Aussicht das ist! Mein Ehemann! Clara! Welch eine Entdeckung Sie gemacht haben – was für ein Schatz Sie sind! Wie kann ich Ihnen danken?“

„ Beruhigen Sie sich, meine teure Madam. Seien Sie sich eines Erfolges nicht zu sicher. Miß Burnhams Einwände können wir im Voraus als erledigt betrachten. Doch angenommen, die Lords der Admiralität sagen nein?“

„ In diesem Fall werde ich in London sein, Doktor, und ich werde selbst zu ihnen gehen. Lords sind nur Männer; und Männer sind nicht in der Lage, nein zu mir zu sagen.“

So verabschiedeten sie sich voneinander.

Von jenem Tag an eine Woche später fuhr das Schiff Ihrer Majestät, die Amazon , ab nach Nordamerika. Bestimmten privilegierten Personen, die im Besonderen an den Arktisreisenden interessiert waren, war es gestattet, die leeren Luxuskabinen an Bord in Anspruch zu nehmen. Auf der Liste dieser begünstigten Gäste standen die Namen zweier Ladies – Mrs. Crayford und Miß Burnham.


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