Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Das Eismeer - Kapitel Drei
 

Das Eismeer



Kapitel Drei

Die Bürde auf Claras Gemüt wiegt weit schwerer auf ihr denn je, nach dem, was Mrs. Crayford zu ihr gesagt hat. Sie ist zu unglücklich, um den schwungvollen Einfluß des Tanzes zu spüren. Nach einer Umdrehung durch den Raum klagt sie über Müdigkeit. Mr. Francis Aldersley schaut zum Wintergarten (der noch immer einladend leer ist wie zuvor), führt sie in diesen zurück, und setzt sie auf eine Bank zwischen den Sträuchern.

Sie versucht – sehr unentschlossen – ihn wegzuschicken.

„ Lassen Sie sich von mir nicht vom Tanzen abhalten, Mr. Aldersley.“

Er setzt sich an ihre Seite und weidet seine Augen an dem lieblich gesenkten Gesicht, das nicht wagt, sich ihm zuzuwenden. Er flüstert ihr zu: „Nenne mich Frank.“

Sie sehnt sich danach, ihn Frank zu nennen – sie liebt ihn mit ihrem ganzen Herzen. Doch Mrs. Crayfords warnende Worte sind ihr noch immer im Gedächtnis. Sie öffnet ihre Lippen nicht. Ihr Liebster rückt ein wenig näher und bittet um eine weitere Gunst. Bei diesen Gelegenheiten sind Männer alle gleich. Stille ermutigt sie beständig, es nochmals zu versuchen.

„ Clara! hast du vergessen, was ich gestern bei dem Konzert sagte? Soll ich es noch einmal sagen?“

„ Nein!“

„ Wir segeln morgen ab zu den arktischen Meeren. Ich könnte für Jahre nicht zurückkehren. Schick mich nicht ohne Hoffnung fort! Denk an die lange, einsame Zeit im dunklen Norden! Mach sie zu einer glücklichen Zeit für mich !“

Obwohl er mit der Leidenschaft eines Mannes spricht, ist er nur wenig mehr als ein Junge: er ist erst zwanzig Jahre alt, und er wird bald sein junges Leben riskieren auf dem Eismeer! Clara bemitleidet ihn, wie sie niemals zuvor irgendein menschliches Wesen bemitleidet hat. Sachte nimmt er ihre Hand. Sie versucht, sie zu befreien.

„ Was! nicht einmal diese kleine Gunst am letzten Abend?“

Ihr aufrichtiges Herz ergreift harte Partei für ihn, ihr selbst zum Trotz. Ihre Hand bleibt in der seinen und fühlt seinen weichen, überredenden Druck. Sie ist eine verlorene Frau. Jetzt ist es nur eine Frage der Zeit!

„ Clara! liebst du mich?“

Es herrscht eine Pause. Sie schreckt davor zurück, ihn anzuschauen – sie zittert ob der seltsamen, widersprüchlichen Empfindungen von Freude und Schmerz. Sein Arm stiehlt sich um sie herum; er wiederholt seine Frage flüsternd; seine Lippen berühren beinahe ihr kleines rosiges Ohr, als er es nochmals sagt: „Liebst du mich?“

Schwach schließt sie ihre Augen – sie hört nichts außer diesen Worten – fühlt nichts außer seinen Atem um sie herum – vergißt Mrs. Crayfords Warnung – vergißt selbst Richard Wardour – wendet sich plötzlich um, mit der hoffnungslosen Mißachtung einer verliebten Frau für alles, außer ihrer Liebe – schmiegt ihren Kopf an seine Brust, und antwortet ihm auf diese Weise, endlich!

Er hebt ihren wunderschön gesenkten Kopf – ihre Lippen treffen sich zu ihrem ersten Kuß – sie sind beide im Himmel: es ist Clara, die sie mit einem Ruck zurück auf die Erde bringt – es ist Clara, die sagt „Oh! was habe ich getan?“ – wie üblich, als es zu spät ist.

Frank beantwortet die Frage.

„ Du hast mich glücklich gemacht, mein Engel. Wenn ich nun heimkomme, werde ich heimkommen, um dich zu meiner Ehefrau zu machen.“

Sie erschauert. Bei diesen Worten erinnert sie sich wieder an Richard Wardour.

„ Gib acht!“ sagt sie, „Niemand darf wissen, daß wir einander versprochen sind, bis ich dir erlaube, es zu erwähnen. Denke daran!“

Er verspricht, daran zu denken. Sein Arm versucht abermals, sich um sie zu winden. Nein! Sie ist Herrin ihrer selbst; jetzt kann sie ihn überzeugt fortschicken – nachdem sie ihn sich hatte küssen lassen!

„ Geh!“ sagt sie. „Ich will Mrs. Crayford sehen. Finde sie! Sag, daß ich hier bin und warte, um mit ihr zu sprechen. Geh sofort, Frank – um meinetwillen!“

Er hat keine andere Wahl als ihr zu gehorchen. Seine Augen trinken einen letzten Schluck ihrer Schönheit. Er eilt fort auf seinem Botengang – der glücklichste Mann im Raum. Vor fünf Minuten war sie nur seine Partnerin beim Tanz. Er hatte gesprochen – und sie hatte sich verpflichtet, seine Partnerin fürs Leben zu sein!


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