Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Das Eismeer - Kapitel Sieben
 

Das Eismeer



Kapitel Sieben

Der erste Laut, der die Stille durchbrach, kam aus dem inneren Wohnraum. Ein Offizier hob den Segeltuch-Windschutz in der Hütte der Seemöwe und betrat den Hauptraum. Kälte und Entbehrungen hatte die Mannschaft ernsthaft verringert. Der Kommandant des Schiffes – Captain Ebsworth – war gefährlich krank. Der erste Lieutenant war tot. Ein Offizier der Wanderer füllte für den Augenblick ihre Stellen aus, mit Captain Heldings Erlaubnis. Der folglich eingesetzte Offizier war – Lieutenant Crayford.

Er näherte sich dem Mann an der Feuerstelle und weckte ihn auf.

„ Aufspringen, Bateson! Sie sind an der Reihe, abgelöst zu werden.“

Die Ablöse erschien, von einem Haufen alter Segel an der Rückseite der Hütte aufstehend. Bateson verschwand gähnend zu seinem Bett. Lieutenant Crayford ging rege auf und ab, probierend, welche Körperbewegung genügte, um sein Blut aufzuwärmen.

Der Mörser und der Stößel auf dem Faß erregten seine Aufmerksamkeit. Er hielt an und schaute auf, zu dem Mann in der Hängematte.

„ Ich muß den Koch wecken“, sagte er zu sich selbst, mit einem Lächeln. „Dieser Kamerad hat wenig Vorstellung davon, wie nützlich er darin ist, meine gute Laune aufrecht zu erhalten. Der hartnäckigste Miesmacher und Grummler auf der Welt, und dennoch laut seiner eigenen Aussage der einzige fröhliche Mann in der gesamten Schiffahrtsgesellschaft. John Want! John Want! Aufstehen, los!”

Ein Kopf hob sich langsam aus dem Bettzeug, bedeckt mit einer roten Nachtmütze. Eine melancholische Nase ruhte am Rand der Hängematte. Eine Stimme, der Nase angemessen, drückte ihre Meinung über das arktische Klima in folgenden Worten aus:

„ Gott! Gott! Hier ist mein gesamter Atem auf meiner Decke. Eiszapfen, wenn Sie gestatten, Sir, überall rund um meinen Mund und überall auf meiner Decke. Jedesmal, wenn ich geschnarcht habe, habe ich etwas eingefroren. Wenn ein Mann die Kälte in diesem Ausmaß in sich hineinbekommt, daß er sein eigenes Bett vereist, kann es nicht mehr lange dauern. Macht nichts! Ich murre nicht.“

Crayford klopfte ungeduldig gegen den Topf voll Knochen. John Want ließ sich auf den Boden hinunter – die ganze Zeit über grummelnd – mittels eines Seils, das festgemacht war an den Sparren am Kopfende seines Lagers. Anstatt sich seinem Vorgesetzten und seinem Kochtopf zu nähern, humpelte er schaudernd zur Feuerstelle und hielt sein Kinn so dicht, wie es ihm möglich war, über das Feuer. Crayford schaute ihm nach.

„ Hallo! was machen Sie dort?“

„ Meinen Bart auftauen, Sir.“

„ Kommen Sie augenblicklich hierher und machen Sie sich an die Arbeit mit diesen Knochen.“

John Want, der unnachgiebig der Feuerstelle zugetan blieb, hielt nun etwas anderes über das Feuer. Crayford begann, seine Geduld zu verlieren.

„ Was zum Teufel haben Sie jetzt vor?“

„ Meine Uhr auftauen, Sir. Sie war die ganze Nacht unter meinem Kissen, und die Kälte hat sie angehalten. Erfreulich, wohltuend, ein erfrischendes Klima, um da zu leben – nicht wahr, Sir? Macht nichts! Ich murre nicht.“

„ Nein, das wissen wir alle. Schauen Sie hier! Sind diese Knochen klein genug zerstoßen?“

John Want trat augenblicklich zu dem Lieutenant, und schaute ihn an mit einem Anschein tiefsten Interesses.

„ Sie entschuldigen, Sir“, sagte er; „wie äußerst dumpf Ihre Stimme klingt heute morgen!“

„ Meine Stimme hat nichts zu sagen. Die Knochen! die Knochen!“

„ Ja, Sir – die Knochen. Sie bedürfen ein bißchen mehr des Zerstoßens. Ich werde mein Möglichstes mit ihnen tun, Sir, für Ihr Wohl.“

„ Was meinen Sie?“

John Want schüttelte den Kopf und schaute mit einem düsteren Lächeln auf Crayford.

„ Ich denke nicht, daß ich die Ehre haben werde, viel mehr Knochensuppe für Sie zu machen, Sir. Glauben Sie selbst, daß Sie lange überleben werden, Sir? Ich denke, ungefähr eine weitere Woche oder zehn Tage wird uns alle umbringen. Macht nichts! Ich murre nicht.“

Er schüttete die Knochen in den Mörser und begann sie zu zerstoßen – unter Protest. Im selben Moment erschien ein Seemann, der von der inneren Hütte hereinkam.

„ Eine Nachricht von Captain Ebsworth, Sir.“

„ Und?“

„ Dem Captain geht es schlechter, Sir. Er will Sie sofort sehen.“

„ Ich werde sofort zu ihm gehen. Wecken Sie den Doktor.“

Mit diesen Worten kehrte Crayford zurück in die innere Hütte, gefolgt von dem Seemann. John Want schüttelte erneut den Kopf und lächelte düsterer denn je.

„ Wecken Sie den Doktor?“ wiederholte er. „Ich vermute, der Doktor wird erfroren sein?! Er hatte letzte nacht nicht für einen halben Penny etwas Warmes in sich, und seine Stimme klang wie ein Flüstern in ein Sprachrohr. Werden’s die Knochen jetzt tun? Ja, jetzt werden’s die Knochen tun. In den Kochtopf mit euch“, rief John Want, dem Worte die Tat folgen lassend, „und macht das heiße Wasser schmackhaft, wenn ihr könnt! Wenn ich daran denke, daß ich einst ein Lehrbursche bei einem Pastetenbäcker war – wenn ich an die Gallonen von Schildkrötensuppe denke, die seine Hände umgerührt haben in einer lustigen, heißen Küche – und wenn ich mich wiederfinde, wie ich Knochen und heißes Wasser für eine Suppe mische, und mich in Eis verwandle, so schnell ich kann – wäre ich nicht von einer heiteren Gemütsart, würde ich mich dazu geneigt fühlen, zu murren. John Want! John Want! Was in aller Welt hast du gemacht mit deinem dir eigenen Verstand, als du dich dazu entschlossen hast, zur See zu fahren?“

Eine neue Stimme rief den Koch, von einem der Schlafplätze an der Seite der Hütte her. Es war die Stimme von Francis Aldersley.

„ Wer jammert da über dem Feuer?“

„ Jammern?“ wiederholte John Want, mit dem Auftreten eines Mannes, der sich als das Objekt einer unverdienten Beleidigung betrachtete. „Jammern? Sie haben überhaupt nicht bemerkt, daß sich Ihre Stimme zum Schlechteren verändert hat – nicht wahr, Mr. Frank? Ihm gebe ich“, fuhr John fort, überzeugt vor sich hin redend, „nicht mehr als sechs Stunden zum Überleben. Er ist einer der Murrer.“

„ Was tust du dort?“ fragte Frank.

„ Ich mache Knochensuppe, Sir, und frage mich, warum ich jemals zur See gefahren bin.“

„ Nun, und warum bist du zur See gefahren?“

„ ich bin nicht sicher, Mr. Frank. Manchmal denke ich, es war gewöhnlicher Eigensinn; manchmal denke ich, es war falscher Stolz darüber, über die Seekrankheit weggekommen zu sein; manchmal denke ich, es war, weil ich Robinson Crusoe gelesen habe, sowie Bücher, die mich ermahnten, nicht zur See zu fahren.“

Frank lachte. „Du bist ein wunderlicher Kauz. Was meinst du mit ‚falschem Stolz’ und ‚über die Seekrankheit hinwegkommen’? Bist du auf irgendeine neue Art und Weise über die Seekrankheit hinweggekommen?“

John Wants düsteres Gesicht hellte sich, ihm selbst zum Trotz, auf. Frank hatte eine der beachtenswerten Passagen im Leben des Kochs in der Erinnerung des Kochs wachgerufen.

„ So ist es, Sir!“, sagte er. „Wenn jemals ein Mann auf eine neue Art die Seekrankheit kuriert hat, bin dich dieser Mann – ich habe es überwunden, Mr. Frank, mittels kräftigen Essens. Ich war Passagier an Bord eines Postdampfers, Sir, als ich das erste Mal das blaue Wasser sah. Eine garstig bewegte See kam zur Dinnerzeit auf, und ich begann, mich schwummerig zu fühlen ab dem Moment, als die Suppe auf den Tisch gestellt wurde. «Übel?» sagt der Captain. «Ziemlich, Sir», sage ich. «Möchten Sie meine Kur ausprobieren?» sagt der Captain. «Gewiß, Sir», sage ich. «Haben Sie Ihr Herz noch auf Ihrer Zunge?» sagt der Captain. «Nicht ganz, Sir», sage ich. «Falsche Schildkrötensuppe, Sir?», sagt der Captain und hilft mir. Ich schlucke ein paar Löffel voll, und werde so weiß wie ein Laken. Der Captain blinzelt mir zu. «Gehen Sie an Deck, Sir», sagt er; «werden Sie die Suppe los, und kommen Sie dann in meine Kabine.» Ich wurde die Suppe los und kam zurück zu der Kabine. «Kopf und Schulterstück vom Kabeljau», sagt der Captain, und hilft mir. «Ich halt es nicht aus, Sir», sage ich. «Sie müssen», sagt der Captain, «weil das die Kur ist.» Ich stopfte ein Mundvoll hinunter und wurde fahler denn je. «Gehen Sie an Deck», sagt der Captain. «Werden Sie den Kabeljaukopf los und kommen Sie zurück in die Kabine.» Hinaus gehe ich, und zurück komme ich. «Gekochte Keule vom Hammel und Beilagen», sagt der Captain, und hilft mir. «Kein Fett, Sir», sage ich. «Fett ist die Kur», sagt der Captain, und drängt mich, es zu essen. «Das Magere ist die Kur», sagt er, und drängt mich, es zu essen. «Stabil?» sagt der Captain. «Übel», sage ich. «Gehen Sie an Deck», sagt der Captain; «werden Sie die gekochte Keule vom Hammel samt Beilagen los und kommen Sie zurück zur Kabine.» Davon gehe ich, torkelnd – zurück komme ich, mehr tot als lebendig. «Gehackte und gewürzte Nieren», sagt der Captain. Ich schließe meine Augen, und bekomme sie hinunter. «Das Kurieren beginnt», sagt der Captain. «Hammelkotelett und Eingelegtes.» Ich schließe meine Augen, und bekomme es hinunter. «Auf dem Rost gebratener Schinken mit Cayennepfeffer», sagt der Captain. «Ein Glas Dunkelbier und Preiselbeertorte. Wollen Sie wieder an Deck gehen?» «Nein, Sir», sage ich. «Wir sind fertig mit der Kur», sagt der Captain.“

‚ Gib dich niemals deinem Magen geschlagen, und es wird darauf hinauslaufen, daß dein Magen sich dir geschlagen gibt.’ “

Den moralischen Erfolg dieser Geschichte in diesen unwiderlegbaren Worten dargelegt habend, brachte John Want sich selbst und den Topf in die Küche. Einen Moment später kehrte Crayford zurück zur Baracke und erstaunte Frank Aldersley mit einer unerwarteten Frage.

„ Hast du irgend etwas in deiner Koje, Frank, auf das du Wert legst?“

„ Nichts, auf das ich den geringsten Wert lege – wenn ich nicht darin bin“, erwiderte er. „Was bedeutet deine Frage?“

„ Wir sind beinahe so knapp an Brennstoff, wie wir es an Lebensmitteln sind“, fuhr Crayford fort. „Deine Koje wird guten Brennstoff abgeben. Ich habe Bateson angewiesen, in zehn Minuten mit seiner Axt hier zu sein.“

„ Sehr aufmerksam und rücksichtsvoll deinerseits“, sagte Frank. „Was soll aus mir werden, wenn du gestattest, wenn Bateson mein Bett zu Feuerholz zerhackt hat?“

„ Kannst du es nicht erraten?“

„ Ich vermute, die Kälte hat mich betäubt. Das Rätsel ist jenseits meiner Deutung. Ich vermute, du gibst mir einen Wink?“

„ Gewiß. Es werden bald Betten übrig sein – es wird endlich eine Veränderung in unserem elenden Leben hier geben. Verstehst du es jetzt?“

Franks Augen funkelten. Er sprang aus seiner Koje und schwenkte triumphierend seine Pelzmütze.

„ Verstehen?“ rief er aus; „natürlich tue ich das! Das Erkundungskommando wird endlich aufbrechen. Gehe ich mit der Expedition?“

„ Es ist noch nicht lange her, seit du in den Händen des Doktors warst, Frank“, sagte Crayford freundlich. „Ich zweifle, ob du schon kräftig genug bist, um das Erkundungskommando mitzumachen.“

„ Kräftig genug oder nicht“, gab Frank zurück, „jedes Risiko ist besser, als hier zu verschmachten und zu krepieren. Merk mich vor, Crayford, bei denen, die sich freiwillig melden, mitzugehen.“

„ Freiwillige werden in diesem Fall nicht akzeptiert“, sagte Crayford. „Captain Helding und Captain Ebsworth sehen ernsthafte Einwände gegen diese Vorgehensweise, in der Lage, in der wir uns befinden.“

„ Haben die vor, die Ernennungen selbst in die Hand zu nehmen? Ich zum Beispiel protestiere dagegen.“

„ Warte kurz“, sagte Crayford. „Du hast neulich mit einem der Offiziere Backgammon gespielt. Gehört das Brett ihm oder dir?“

„ Es gehört mir. Ich habe es hier in meiner Truhe. Was willst du damit?“

„ Ich möchte die Würfel und den Becher, um zu losen. Die Kapitäne haben sich geeinigt – äußerst klug, wie ich denke – daß der Zufall unter uns entscheidet, wer mit der Expedition geht und wer in den Hütten zurück bleibt. Die Offiziere und die Mannschaft der Wanderer werden in wenigen Minuten hier sein, um auszulosen. Weder du noch irgend jemand kann etwas haben gegen diese Art, zwischen uns zu entscheiden. Offiziere ebenso wie Matrosen versuchen ihr Glück gemeinsam. Niemand kann murren.“

„ Ich bin gänzlich zufriedengestellt“, sagte Frank. „Doch ich weiß von einem Mann unter den Offizieren, der ganz sicher Einwände erheben wird.“

„ Wer ist der Mann?“

„ Du kennst ihn ebenfalls ziemlich gut. Der ‚Bär der Expeditionen’ – Richard Wardour.“

„ Frank! Frank! Du hast eine schlechte Angewohnheit darin, deine Zunge mir dir durchgehen zu lassen. Wiederhole diesen dummen Spitznamen nicht, wenn du von meinem guten Freund Richard Wardour sprichst.“

„ Dein guter Freund? Crayford! Deine Zuneigung zu diesem Mann überrascht mich.“

Crayford legte seine Hand freundlich auf Franks Schulter. Von allen Offizieren der Seemöwe war Frank ihm der liebste.

„ Warum sollte es dich überraschen?“ fragte er. „Welche Gelegenheiten zum Urteilen hattest du? Du und Wardour habt immer zu verschiedenen Schiffen gehört. Ich habe dich niemals fünf Minuten hintereinander in Wardours Gesellschaft gesehen. Wie kannst du eine faire Beurteilung seines Charakters abgeben?“

„ Ich nehme die generelle Beurteilung seines Charakters“, antwortete Frank. „Er hat seinen Spitznamen, weil er der unbeliebteste Mann auf seinem Schiff ist. Keiner mag ihn – dafür muß es einen Grund geben.“

„ Es gibt nur einen Grund dafür“, erwiderte Crayford. „Niemand versteht Richard Wardour. Ich spreche nicht aufs Geratewohl. Erinnere dich, ich reiste auf der Wanderer mit ihm zusammen von England ab; und ich wurde erst lange, nachdem wir im Eis eingeschlossen waren, auf die Seemöwe versetzt. Ich war monatelang Richard Wardours Kamerad an Bord des Schiffes, und ich habe dort gelernt, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Unter all seinen äußerlichen Fehlern, sage ich dir, schlägt dort ein großes und edelmütiges Herz. Verschieb deine Meinung, mein Junge, bis du meinen Freund so gut kennst, wie ich es tue. Nichts mehr davon jetzt. Gib mir die Würfel und den Becher.“

Frank öffnete seine Truhe. Im selben Moment wurde die Stille der Schneewüste draußen unterbrochen von einem Ruf mehrerer Stimmen, die der Hütte zuriefen – „Seemöwe , ahoi!“


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