Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Detektivgeschichten - Fräulein Minna und der Reitknecht - Kapitel 10
 

Fräulein Minna und der Reitknecht



X.

Es ist gewiss nicht nötig, dass ich hier unterbreche, um die einfachen Folgerungen aus den eben erzählten Ereignissen zu ziehen.

Jeder, der sich erinnert, dass der Schal, in den das Kind eingewickelt war, aus jenen östlichen Gegenden stammte, die mit dem diplomatischen Berufe des französischen Edelmannes in Verbindung standen – ferner, dass die Fehler in der Abfassung des Briefes, der bei dem Kinde vorgefunden wurde, vermutlich von dem französischen Dienstmädchen gemacht worden waren – jeder, der diesen Spuren folgt, kann den Weg zur Wahrheit finden, wie ich ihn fand.

Wenn ich einen Augenblick an die Hoffnungen zurückdenke, die ich mir gebildet hatte, Michael in etwas dienen zu können, so habe ich nur zu sagen, dass diese auf einmal vernichtet wurden, als ich von dem durch Ertrinken eingetretenen Tode des Mannes hörte, der aller Wahrscheinlichkeit nach sein Vater war. Auch die Aussichten erschienen ungünstig, wenn ich an die erbärmliche Mutter dachte. Dass sie in ihrer Stellung ihren Sohn offen anerkennen würde, war vielleicht von keiner Frau zu erwarten. Hatte sie aber Mut genug, oder, besser gesagt, Herz genug, ihn in der Stille anzuerkennen?

Ich rief mir einige der augenscheinlichen Launen und Widersprüche in Frau Claudias Benehmen an jenem denkwürdigen Tage ins Gedächtnis zurück, da Michael sich vorstellte, um die erledigte Stelle anzunehmen. Man möge mit mir auf den Bericht darüber zurückblicken, was sie bei dieser Gelegenheit tat und sprach, und man prüfe diese Aufzeichnung in dem Lichte der nunmehrigen Kenntnis der Tatsachen: man wird sehen, dass die Ähnlichkeit mit seinem Vater großen Eindruck auf sie gemacht haben musste, als er das Zimmer betrat, und dass die Angabe seines Alters mit den Jahren ihres Sohnes genau übereinstimmte. Ruft man sich ferner ihre Handlungen ins Gedächtnis zurück, welche folgten, als sie von ihren ersten erfolgreichen Anstrengungen, sich zu beherrschen, erschöpft war – das Zurückweichen nach dem Fenster, um ihr Gesicht zu verbergen, den Griff nach dem Vorhange, als ihre Kräfte sie verließen, ihr barsches Benehmen, unter welchem sie ihre Gemütsbewegung verbarg, als sie mit ihm zu sprechen versuchte; die wiederholten Widersprüche und das Schwanken in dem nun folgenden Verhalten – alles die Wirkung des Widerstreites der mütterlichen Natur, die sich verzweifelt bis zum äußersten wehrte – und nun sage man, ob ich ihr unrecht tat, wenn ich sie für unfähig hielt, es irgendwie zu einer Entdeckung kommen zu lassen, als sie an die Mutterliebe erinnert wurde.

Es blieb also nur noch an Michael zu denken übrig. Ich erinnere mich, wie er von den unbekannten Eltern sprach; er erwartete weder sie zu ermitteln, noch kümmerte er sich um deren Entdeckung. Ich konnte es noch immer nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, die Möglichkeit einer bei ihm eintretenden Gemütserregung als eine hinreichende Rechtfertigung anzusehen, ihm eine Entdeckung vorzuenthalten, die ihn so nahe anging. Es schien wenigstens meine Pflicht zu sein, mich mit dem wahren Zustand seiner Gefühle bekannt zu machen, ehe ich mich entschied, die Last des Schweigens mit mir ins Grab zu nehmen.

Was ich in dieser ernsten Lage zu tun für meine Pflicht hielt, das entschloss ich mich sogleich zu tun.

Zudem will ich ehrlich bekennen, dass ich mich einsam und trostlos fühlte, niedergedrückt durch die bedenkliche Lage, in die ich versetzt war, aber in Sehnsucht nach der Erleichterung, die es mir gewährte, wenn ich nur den Klang von Michaels Stimme hörte. Ich schickte mein Mädchen zu ihm und ließ ihm sagen, dass ich ihn sogleich zu sprechen wünschte. Die Entscheidung schwebte schon über meinem Haupte, und diese eine Handlung führte sie herbei.


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