Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Detektivgeschichten - Fräulein Minna und der Reitknecht - Kapitel 6
 

Fräulein Minna und der Reitknecht



VI.

Immer besorgt um das, was meine Wohlfahrt anging, wie geringfügig es auch immer sein mochte, vertraute mich mein Oheim dem neuen Reitknechte nicht allein an, als er zuerst in unseren Dienst trat. Zwei alte Freunde des Generals begleiteten mich auf sein besonderes Ersuchen und berichteten, dass der Mann durchaus geeignet und verrtauenswürdig sei. Hiernach ritt Michael allein mit mir aus, da den mir befreundeten jungen Damen selten darum zu tun war, mich zu begleiten, wenn ich den Park mit den stillen Landstraßen im Norden und Westen von London vertauschte. War es unrecht onv mir, mit ihm auf diesen Ausflügen zu plaudern? Es hieße sicherlich einen Menschen wie das Vieh behandeln, wenn ich niemals die geringste Notiz von ihm genommen hätte – zumal da sein Verhalten ausnahmslos ehrerbietig gegen mich war. Nicht ein einziges Mal nahm er sich durch Worte oder durch Blicke in der Stellung etwas heraus, die meine Gunst ihn einnehmen ließ.

Muss ich erröten, wenn ich bekenne, dass er mich interessierte, obgleich er nur ein Reitknecht war?

Zunächst lag etwas Romanhaftes gerade in dem unbeschriebenen Blatte seiner Lebensgeschichte.

Er war in seiner Kindheit in den Stallungen eines vornehmen Mannes zurückgelassen worden, der in Kent, in der Nähe der Landstraße zwischen Gravesend und Rochester lebte. Am selben Tage war der Stalljunge einer Frau begegnet, die, von dem Hunde verfolgt, eben aus dem Hofe eilte. Sie war eine Fremde und nicht gut gekleidet. Während der Stalljunge sie in Schutz nahm, indem er den Hund an die Hütte anband, war sie rasch genug, um sich der Verfolgung zu entziehen.

Es ergab sich bei der Untersuchung, dass der Anzug des Kindes aus der feinsten Leinwand gefertigt war. Es war in einen schönen Schal warm eingehüllt, der ausländisches Fabrikat zu sein schien, welches allen Anwesenden, selbst dem Herrn und der Frau vom Hause, ganz unbekannt war. In den Falten des Schals fand man einen offenen Brief ohne Datum und Unterschrift und ohne Adresse, welche die Frau vermutlich vergessen hatte.

Gleichwie der Schal, so war auch das Papier ein ausländisches Fabrikat. Die Handschrift zeigte einen scharf ausgeprägten Charakter, und die Schreibart des Briefes ließ deutlich die Fehler einer Person wahrnehmen, die die englische Sprache nicht genügend kannte. Nachdem in dem Briefe die für den Lebensunterhalt des Kindes bereitgestellten Mittel erwähnt worden waren, meldete er, dass der Schendende die Torheit begangen hatte, die Summe von hundert Pfund in einer Banknote beizufügen, „um die Kosten zu bestreiten.“ In einer Nachschrift wurde sodann noch Verabredung für eine nach sechs Monaten an der östlichen Seite von London Bridge stattfindende Zusammenkunft getroffen. Des Stalljungen Beschreibung von der Frau, die an ihm vorübergegangen war, zeigte, dass diese der geringsten Klasse angehörte. Einer solchen Person würden hundert Pfund schon ein Vermögen sein. Sie hätte ohne Zweifel das Kind preisgegeben und mit dem Gelde sich aus dem Staube gemacht. Niemals wurde eine Spur von ihr entdeckt.

An dem für die Zusammenkunft verabredeten Tage bewachte die Polizei die östliche Seite von London Bridge, jedoch ohne irgendein Ergebnis.

Durch die Güte des Herrn, in dessen Stall der Knabe aufgefunden worden war, verlebte dieser die ersten zehn Jahre seines Lebens unter Obhut einer milden Stiftung. Man gab ihm den Namen eines der kleinen Insassen, welcher gestorben war, und sandte ihn dann in fremden Dienst hinaus, ehe er noch elf Jahre alt war. Er wurde streng behandelt und lief weg; er warnderte zu einigen Rennställen in der Nähe von Newmarket, fesselte die Aufmerksamkeit des Stallmeisters zu seinen Gunsten, wurde zu den anderen Burschen in Dienst genommen und fand an der Beschäftigung Gefallen. Als er zum Manne herangewachsen war, hatte er als Reitknecht in einzelnen Familien gedient. Dies war die Geschichte der sechsundzwanzig Lebensjahre Michaels.

Aber es lag auch etwas in dem Manne selbst, das die Aufmerksamkeit auf ihn zog und an ihn denken ließ, auch wenn man ihn nicht sah.

Ich will damit sagen, dass er eine Kraft in sich hatte, sein Geschick zu ertragen, wie sie sehr selten bei dienenden Menschen seines Standes gefunden wird. Ich erinnere mich, dass ich den General „bei einer der regelmäßig vorgenommenen Stallvisitationen“ begleitete. Er war so wohl befriedigt, dass er seine Untersuchungen auch auf das eigene Zimmer des Reitknechtes auszudehnen erklärte.

„Wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben, Michael?“ fügte er in seiner gewohnten Rücksichtsnahme auf das Ehrgefühl seiner Bediensteten hinzu. Michael verfärbte sich ein wenig; er blickte nach mir. „Ich fürchte, die jugne Dame wird mein Zimmer nicht ganz so nett finden, wie dies sein sollte“, sagte er, als er uns die Tür öffnete.

Die einzige Unordnung in dem Zimmer des Burschen war aber zu unserer Überraschung durch seine Bücher und Papiere hervorgebracht.

Wohlfeile Ausgaben englischer Dichter, Übersetzungen lateinischer und griechischer Klassiker, Lehrbücher zuer Erlernung des Französischen und des Deutschen „ohne Lehrer“, sorgfältig geschriebene „Übungen“ in dieser Kunst waren rings um die Studierlampe in der Mitte des Tisches ausgebreitet, was deutlich für seine nächtlichen Studien sprach. „Ei, was bedeutet das alles?“ rief der General. „Haben Sie die Absicht, Michael, uns zu verlassen und eine Schule zu errichten?“

Michael antwortete mit trauriger, unterwürfiger Stimme: „Ich versuche mich noch weiter auszubilden, gnädiger Herr, obgleich ich zuweilen Mut und Hoffnung verliere.“

„Worauf Hoffnung?“ fragte mein Oheim. „Sind Sie nicht zufrieden, Diener zu sein? Müssen Sie in der Welt emporkommen, wie man zu sagen pflegt?“

Der Reitknecht erschrak ein wenig bei dieser unerwarteten Frage. „Wenn ich Verwandte hätte, die sich auf dem schweren Lebenswege um mich kümmerten und mir hülfen“, sagte er, „so könnte ich, gnädiger Herr, zufrieden sein, zu bleiben, was ich bin; aber so, wie es jetzt ist, habe ich niemand, an den ich denken könnte, außer mir selbst – und ich bin töricht genug, zuweilen über mich hinauszublicken.“

Bis dahin hatte ich Schweigen beobachtet, aber ich konnte mich nicht länger enthalten, ihm ein Wort der Ermutigung zu sagen, da sein Geständnis so wehmütig und geduldig gemacht worden war. „Sie sprechen zu strenge von sich selbst“, sagte ich; „die besten und größten Männer haben gleich wie Sie damit angefangen, über sich hinauszublicken.“

Für einen Augenblick begegneten sich unsere Blicke. Ich bewunderte den armen, verlassenen Burschen, der so bescheiden und rechtschaffen versuchte, sich auszubilden – und ich machte mir nichts daraus, dies zu verbergen. Er blickte zuerst von mir weg; irgendeine unterdrückte Gemütsbewegung ließ ihn tödlich erblassen. War ich die Ursache davon? Ich fühlte mich erzittern, als sich mir diese kühne Frage aufdrängte. Der General lenkte mit einem scharfen Blicke nach mir das Gespräch – nach meiner Meinung nicht sehr zartfühlend – auf das Missgeschick bei Michaels Geburt hin.

„Ich habe gehört, dass Sie in Ihrer Kindheit von einer unbekannten Frau im Stiche gelassen worden sind“, sagte er. „Was ist aus den Sachen geworden, in die Sie eingehüllt waren, und aus dem Briefe, der bei Ihnen gefunden wurde? Diese Gegenstände könnten jetzt zu einer Entdeckung führen.“ Der Bursche lächelte.

„Der letzte Herr, bei dem ich diente, dachte gerade so wie Sie, gnädiger Herr. Er war so gütig, an den Herrn zu schreiben, dem zuerst die Sorge um mich oblag – und daraufhin wurden mir die Sache geschickt.“

Er ergriff eine unverschlossene Ledertasche, die sich öffnete, wenn man einen Messinknopf berührte, und zeigte uns den Schal, das Leinenzeug, von der Zeit arg mitgenommen, und den Brief. Wir waren betroffen, als wir den Schal erblickten. Mein Oheim, der im Orient gedient hatte, meinte, er sähe wie eine sehr seltene Art persischer Arbeit aus. Wir besichtigten mit Interesse den Brief und die feine Wäsche. Als Michael, während wir ihm die Gegenstände zurückgaben, ruhig bemerkte: „Sie enthalten das Geheimnis, wie Sie sehen“, konnten wir nur einander ansehen und gestehen, dass weiter nichts zu sagen sei.


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