Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Detektivgeschichten - Fräulein Minna und der Reitknecht - Kapitel 8
 

Fräulein Minna und der Reitknecht



VIII.

Nachdem ich mein Reitkleid abgelegt und meine heiße Stirne angefeuchtet und mit Kölnischem Wasser benetzt hatte, ging ich in das Damenzimmerhinunter. Das Klavier in demselben war mein Lieblingsinstrument – und ich hatte den Einfall, zu versuchen, was Musik tun könnte, um mich zu beruhigen.

Als ich vor dem Klavier saß, hörte ich das Öffnen der Tür des Frühstückszimmers, das von mir nur durch einen gehängten Bogengang getrennt war, und zugleich Frau Claudias Stimme, welche fragte, ob Michael zum Stall zurückgekehrt sei.

Als der Diener dies bejahte, befahl sie, ihn sogleich zu ihr zu schicken. Ohne Zweifel musste ich entweder das Zimmer verlassen oder meiner Tante von meiner Anwesenheit Kenntnis geben. Ich tat weder das eine noch das andere. Ihre erste Abneigung gegen Michael hatte allem Anschein nach aufgehört. Sie hatte wirklich ein- und das andere Gelegenheit genommen, freundlich mit ihm zu sprechen. Ich glaubte aber, dass dies nur von einer augenblicklichen Laune komme. Auch ließ der Ton ihrer Stimme bei dieser Gelegenheit vermuten, dass sie irgend einen boshaften Plan im Auge hatte, als sie nach Michael schickte. Ich wusste, dass es meiner unwürdig war – und doch wartete ich absichtlich, um zu hören, was zwischen ihnen vorgehe.

Frau Claudia begann.

„Sie sind heute mit Fräulein Minna ausgeritten?“

„Ja, gnädige Frau.“

„Wenden Sie sich gegen das Licht. Ich wünsche die Leute zu sehen, wenn ich mit ihnen spreche. Sie wurden von einigen meiner Freundinnen beobachtet; Ihr Verhalten gab zu Bemerkungen Anlass. Kennen Sie die Obliegenheiten eines Reitknechts Damen gegenüber?“

„Ich habe hierin eine siebenjährige Erfahrung, gnädige Frau.“

„Ihr Pflicht ist es, in einer bestimmten Entfernung hinter Ihrer Herrin zu reiten. Hat Ihre Erfahrung Sie dies gelehrt?“

„Ja, gnädige Frau.“

„Sie ritten aber nicht hinter Fräulein Minna – Ihr Pferd war beinahe an der Seite Ihrer Herrin. Leugnen Sie dies?“

„Nein, gnädige Frau.“

„Sie benahmen sich mit der größten Unschicklichkeit, denn Sie wurden gesehen, wie Sie mit Fräulein Minna plauderten. Leugnen Sie dies?“

„Nein, gnädige Frau.“

„Verlassen Sie das Zimmer. Nein! Kommen Sie her. Haben Sie irgendeine Entschuldigung vorzubringen?“

„Keine, gnädige Frau.“

„Ihre Unverschämtheit ist unerträglich! Ich werde mit meinem Gemahl sprechen.“

Das Geräusch einer sich schließenden Tür folgte diesen Worten.

Ich wusste nun, was das Lächeln auf den falschen Gesichtern dieser Freundinnen zu bedeuten hatte, die mir im Park begegnet waren. Ein gewöhnlicher Mann würde an Michaels Stelle meine eigene Aufmunterung als ausreichende Entschuldigung vorgebracht haben. Er aber hatte mit dem angeborenen Zartgefühl und der Verschwiegenheit des gebildeten Mannes die ganze Schuld auf sich genommen. Unwillig und beschämt ging ich nach dem Frühstückszimmer, fest entschlossen, ihn augenblicklich zu rechtfertigen.

Als ich den Vorhang beiseite zog, wurdeich durch einen Laut erschreckt, der von einer schluchzenden Frau herzurühren schien. Ich blickte vorsichtig hinein. Frau Claudia lag auf dem Sofa ausgestreckt, verbarg ihr Gesicht mit den Händen und vergoss leidenschaftlich Tränen.

Ich zog mich in großer Verwirrung zurück. Die außergewöhnlichen Widersprüche in dem Benehmen meiner Tante waren noch nicht zu Ende. Später am Tage ging ich zu meinem Oheim, entschlossen, Michael bei ihm zu rechtfertigen und ihm anheimzustellen, mit Frau Claudia zu sprechen. Der General war sehr missmutig; er schüttelte bedenklich den Kopf, als ich Michaels Namen erwähnte. „Ich möchte behaupten, dass der Mann es nicht böse gemeint hat, aber der Vorfall hat die Aufmerksamkeit anderer auf sich gezogen. Ich kann dich nicht zu einem Gegenstande des Skandals werden lassen, Minna. Meine Frau betrachtet es als eine Ehrensache – Michael muss gehen.“

„Du willst doch nicht sagen, dass sie darauf bestanden hat, Michael wegzuschicken?“

Ehe er mir antworten konnte, erschien ein Bedienter mit einer Meldung. „Gnädige Frau wünscht Sie zu sehen, mein Herr.“

Der General erhob sich sofort. Meine Neugier hatte jetzt alle Zurückhaltung aufgegeben. Ich war wirklich unfein genug, zu fragen, ob ich mit ihm gehen dürfe! Er starrte mich mit großen Augen an. Ich bestand auf meinem Verlangen; ich sagte, ich wünschte persönlich Frau Claudia zu sehen. Die feine Lebensart meines Oheims, die alles ziemlich genau nahm, widerstand mir noch immer. „Deine Tante könnte mich unter vier Augen zu sprechen wünschen“, entgegnete er. „Warte einen Augenblick, ich will dich dann rufen lassen.“

Ich war unfähig zu warten: meine Hartnäckigkeit hatte etwas Überraschendes. Ich glaube, der bloße Gedanke, dass Michael seine Stelle durch meine Schuld verlieren könnte, brachte mich zur Verzweiflung. „Ich will dich nicht belästigen, nochmals nach mir zu schicken“, beharrte ich, „ich will sogleich mit dir bis zur Tür gehen und dort hören, ob ich hineinkommen darf.“ Der Bediente war noch anwesend und hielt die Tür offen. Der General gab nach. Ich hielt mich so dicht hinter ihm, dass meine Tante mich sah, als ihr Gemahl das Zimmer betrat. „Komm herein, Minna“, sagte sie mit Wort und Blick der bezaubernden Frau Claudia, der Alletags-Tante. War dies die Frau, welche ich vor kaum einer Stunde auf dem Sofa ihr Herz ausweinen sah?

„Nach abermaliger Überlegung“, fuhr sie fort, sich an den General wendend, „finde ich, dass ich ein wenig voreilig gewesen bin. Verzeihe mir, dass ich dich deshalb nochmals belästige – hast du schon mit Michael gesprochen? Noch nicht? Nun, dann wollen wir Milde walten lassen und sein übles Verhalten für diesmal übersehen.“

Mein Oheim fühlte augenscheinlich eine große Erleichterung. Ich ergriff die Gelegenheit, meine Beichte abzulegen und die ganze Schuld auf mich zu nehmen. Frau Claudia unterbrach mich mit der vollendeten Liebenswürdigkeit, über die sie verfügte.

„Mein gutes Kind, mache dir keinen Kummer! Mache keine Berge aus Maulwurfshügeln!“ Sie streichelte mir mit zwei vollen, weißen Fingern, die sich tödlich kalt anfühlten, die Wange. „Ich überlegte auch nicht immer, Minna, als ich in deinem Alter war. Zudem ist deine Neugier auf ganz natürliche Weise in Betreff eines Dieners erregt, der – wie soll ich ihn doch nennen? - ein Fremdling ist.“

Sie machte eine Pause und heftete aufmerksam ihre Augen auf mich. „Was erzählte er dir?“ fragte sie. „Ist es eine recht romantische Geschichte?“

Der General fing an, sich in seinem Stuhle unruhig hin und her zu bewegen. Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet hätte, so würde ich in seinem Gesicht eine Mahnung zu schweigen gefunden haben. Aber mein Interesse wurde in diesem Augenblicke von meiner Tante in Anspruch genommen. Von ihrem freundlichen Entgegenkommen ermutigt, argwöhnte ich nicht nur nicht die Falle, die sie mir gestellt hatte – ich war sogar bei meiner Liebe zu Michael töricht genug, zu glauben, dass ich ihn in ihrer Achtung erhöhen könnte, wenn ich ihr seine Geschichte genau so erzählte, wie ich sie schon in diesen Blättern mitgeteilt habe. Ich sprach mit Erregung. Wird man es glauben? Ihre Gemütsstimmung änderte sich wiederum. Sie geriet auf einmal, zum erstenmal in ihrem Leben, in vollen Zorn gegen mich.

„Lügen!“ rief sie. „Offenbare, unverschämte Lügen, erfunden, um an deine Teilnahme zu appellieren. Wie darfst du dich unterstehen, sie zu wiederholen? General! Wenn Minna dies nicht selbst herbeigeführt hätte, so würde die Unverschämtheit dieses Mannes es rechtfertigen, ihn augenblicklich zu entlassen. Denkst du nicht gerade so?“

Des Generals Sinn für ehrliches Vorgehen trieb ihn für diesmal dazu, sich seiner Frau offen zu widersetzen.

„Du bist ganz im Irrtum“, sagte er. „Minna und ich, wir beide haben den Schal und den Brief in unseren Händen – gehabt und – was gab es noch außerdem? - ach ja, das Leinenzeug sogar, in welches das Kind eingewickelt war.“

Was bei diesen Worten imstande war, Frau Claudias Zorn in seiner vollen Heftigkeit zu bändigen, das zu verstehen war ich ganz außer stande. Wenn ihr Gatte ihr eine Pistole an den Kopf gesetzt hätte, so hätte er sie kaum nachdrücklicher zum Schweigen bringen können. Sie schien über ihren Wutausbruch nicht erschreckt oder beschämt zu sein – sie saß untätig und sprachlos da, die Augen auf den General gerichtet und die Hände im Schoß gefaltet. Nachdem mein Oheim einen Augenblick gewartet hatte, da er, wie ich, gern wissen wollte, was dies bedeute, erhob er sich mit seiner gewohnten Ergebung und verließ sie. Ich folgte ihm. Er war ungewöhnlich still und nachdenklich; nicht ein Wort wurde zwischen uns gesprochen. Ich gewahrte nachher, dass der arme Mann zu fürchten anfing, der Verstand seiner Frau müsse in irgendeiner Weise angegriffen sein, und dass er an eine Beratung mit dem Arzte dachte, der uns in Fällen der Not beistand.

Was mich betrifft, so war ich entweder zu beschränkt, oder zu harmlos, eine bestimmte Ahnung von der Wahrheit bis jetzt zu haben. Als ich nach dem Frühstück allein im Gewächshause war, kam mein Zimmermädchen zu mir und fragte mich im Auftrage Michaels, ob ich irgendwelche Befehle für ihn am Nachmittage hätte. Ich hielt dies für ein wenig sonderbar; aber es fiel mir dann ein, dass er für sich selbst vielleicht einige Stunden nötig haben könnte.

Ich erkundigte mich daher, und zu meinem Erstaunen meldete mir das Mädchen, dass Michael für Frau Claudia selbst einen Gang zum Buchhändler machen solle, um ihm einen Brief zu übergeben und die Bücher mitzubringen, welche sie bestellt habe. Es waren drei müßige Lakaien im Hause, deren Aufgabe es war, derartige Dienste zu verrichten; warum nahm sie den Reitknecht von seiner Arbeit weg? Diese Frage erfüllte so vollständig meinen Sinn, dass ich wirklich Mut genug hatte, zu meiner Tante zu gehen. Ich sagte ihr, dass ich beabsichtigt hätte, diesen Nachmittag in meinem Ponywagen auszufahren, und ich fragte, ob sie etwas dagegen einzuwenden hätte, dass wegen ihrer Bücher an Michaels Stelle einer der drei Diener im Hause geschickt werde.

Sie empfing mich mit einem seltsamen harten Blick und antwortete mit eigensinniger, selbstbewusster Fassung: „Ich wünsche, dass Michael geht.“ Keine Erklärung folgte. Es mochte mit Recht geschehen oder nicht, es mochte mir angenehm oder nicht angenehm sein, sie wünschte, dass Michael gehe.

Ich bat um Entschuldigung, dass ich mich eingemischt hätte, und erwiderte, dass ich den Plan, an diesem Tage auszufahren, aufgeben würde. Sie machte keine weitere Bemerkung. Ich verließ das Zimmer, fest entschlossen, ihr aufzulauern. Mein Vorhaben war nicht zu rechtfertigen; es war ohne Zweifel gemein und ungeziemend. Ich wurde aber von einer inneren Gewalt fortgezogen, der zu widerstehen ich nicht einmal versuchen konnte. Ich versichere, ich bin von Natur wirklich kein gemeiner Charakter.

Zuerst dachte ich daran, mit Michael zu sprechen; nicht aus irgendeinem besonderen Beweggrunde, sondern einfach deshalb, weil ich mich zu ihm als zu dem Führer und Helfer hingezogen fühlte, auf den mein Herz in dieser Entscheidungsstunde meines Lebens vertraute. Ein wenig Überlegung machte mir indessen klar, dass ich gesehen werden konnte, wenn ich mit ihm spräche, und ihm so Nachteil bringen könnte. Während ich noch unschlüssig war, kam mir der Gedanke, dass der Beweggrund meiner Tante für Michaels Sendung der sein könnte, ihn zu entfernen.

Aus dem Hause? Nein. Sein Platz war nicht im Hause. Aus dem Stalle? Im nächsten Augenblicke blitzte der Gedanke in meinem Kopfe auf, die Stalltür zu beobachten.

Die besten Schlafzimmer, einschließlich meines Zimmers, waren alle auf der Vorderseite des Hauses. Ich ging daher in meiner Zofe Zimmer hinauf, welches auf den Hof ging, schnell mit einer Entschuldigung zur Hand, wenn sie dort anwesend sein sollte. Sie war nicht dort. Ich stellte mich an das Fenster, von wo aus ich einen ungehinderten Blick auf den gegenüberliegenden Stall hatte. Es verstrich einige Zeit – wie lange kann ich nicht sagen. Ich war zu sehr erregt, um nach der Uhr zu sehen. Alles, was ich weiß, ist, dass ich meine Tante erblickte! Sie schritt über den Hof, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand sie bemerkte, und trat in den Stall durch die Tür, die zu dem von Michael bewohnten Teil des Gebäudes führte. In diesem Augenblicke sah ich nach meiner Uhr.

Vierzig Minuten vergingen, ehe ich sie wiedererblickte. Und da zeigte sie sich, anstatt wieder in der Tür zu erscheinen, an dem Fenster in Michaels Zimmer und stieß es weit auf. Ich verbarg mich gerade noch zeitig genug hinter dem Fenstervorhange, um einer Entdeckung zu entgehen, als sie nach dem Hause aufblickte. Bald erschien sie, zurückeilend, wieder im Hofe. Ich wartete eine Weile, indem ich versuchte, mich zu beruhigen, im Falle ich jemand auf der Treppe begegnen sollte. Zu dieser Zeit war wenig Gefahr für eine solche Begegnung vorhanden. Der General war in seinem Klub und die Dienstboten bei ihrem Tee. Ich erreichte mein Zimmer, ohne von jemand gesehen zu werden, und schloss mich ein. Was hatte meine Tante vierzig Minuten lang in Michaels Zimmer getan? Und warum hatte sie das Fenster geöffnet?

Ich verschone den Leser mit meinen Betrachtungen über diese verwirrenden Fragen. Ein Kopfweh, das sich zur rechten Zeit einstellte, ersparte mir die Pein des Zusammentreffens mit Frau Claudia am Mittagstisch. Ich verbrachte eine elende, schlaflose Nacht; ich war mir bewusst, dass ich gleichsam blindlings den Weg zu einem schrecklichen Geheimnis gefunden hatte, das Einfluss auf mein zukünftiges Leben haben konnte; aber ich wusste nicht, das ich denken oder zunächst tun sollte.

Selbst jetzt schreckte ich unwillkürlich davor zurück, mit meinem Oheim zu sprechen. Dies war nicht zu verwundern. Aber es war mir auch bange, mit Michael zu sprechen – und das verwirrte und beunruhigte mich. Rücksicht auf Frau Claudia war gewiss nicht der Grund, der mich nach dem, was ich gesehen hatte, Stillschweigen beobachten ließ.

Am nächsten Morgen rechtfertigte mein bleiches Gesicht vollkommen die Behauptung, dass ich noch unwohl sei.

Meine Tante, die immer ihrer Mutterpflicht gegen mich genügte, kam selbst, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, ehe ich noch mein Zimmer verlassen hatte. So sicher war sie, dass sie am vorhergehenden Tag nicht beobachtet worden sei – oder so wunderbar war ihre Gewalt der Selbstbeherrschung – dass sie mir wirklich anriet, vor dem Frühstück auszureiten und zu versuchen, was frische Luft und Bewegung mir helfen könnten! Da ich fühlte, dass ich dazu kommen müsste, mit Michael zu sprechen, wurde es mir klar, dass dies der einzig sichere Weg sein würde, ihn insgeheim um Rat zu fragen. Ich nahm daher ihren Vorschlag an, und bekam mit ihren vollen, weißen Fingern noch ein freundliches Pätschchen auf die Wange. Bei deren Berührung empfand ich keine Kälte mehr; die Finger hatten ihre gewöhnliche Lebenswärme wieder angenommen, die gnädige Frau ihre Gemütsruhe wiedererlangt.


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