Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Neue Magdalena - Mablethorpe-House - Abermaliges Zusammentreffen
 

Die Neue Magdalena - Buch 2

Kapitel 11

Abermaliges Zusammentreffen

Nur mit sich beschäftigt, hatte Mercy weder das Öffnen der Tür noch das Gemurmel der Stimmen im Wintergarten gehört. Wie schon die ganze Woche hindurch, drängte sich ihr auch jetzt die unaufschiebbare Notwendigkeit auf, die Wahrheit zu gestehen. Sie war es Grace Roseberry schuldig und noch immer schloss ihr die Scham den Mund. Je länger sie das Bekenntnis hinausschob, desto schwerer verging sie sich an Grace. Die Arme war um ihre persönlichen Rechte betrogen worden - sie, die Verlassene, welche keine Zeugen aufrufen, nicht einmal ihre eigenen Papiere aufzeigen konnte, um ihr Recht zu beweisen. Mercys Gewissen sagte ihr dies mit unerbittlicher Strenge, aber sie besaß doch nicht den Mut, das Entsetzliche niederzukämpfen, welches sie bei dem Gedanken an das ihr drohende Geständnis überkam. Tag um Tag verging und sie schreckte noch immer vor diesem unerträglichen Gottesurteil zurück!

War es Selbstliebe, die ihr die Lippen schloss?

Sie zitterte - und jeder Mensch in ihrer Lage hätte gezittert - wenn sie des Loses gedachte, das sie erwartete: wieder in die Welt hinausgestoßen zu werden, die für sie kein Mitleid, keinen Trost hatte. Doch sie würde dies Entsetzen überwinden - sich der Verdammung haben unterwerfen können.

Nein! Es war nicht Furcht vor dem Bekenntnis selbst und vor dem, was daraus für sie entstand - es war das Grauen, welches sie davor empfand, Horace und Lady Janet zu gestehen, dass sie sie um ihre Liebe betrogen hatte.

Lady Janet wurde mit jedem Tag gütiger, Horace mit jedem Tag liebevoller gegen sie. Wie konnte sie ihnen entdecken, dass sie sie schändlich hintergangen hatte? „Ich kann es ihnen nicht sagen. Sie sind zu gut gegen mich - ich kann es nicht!” Das war während der letzten Woche jedesmal das Ende eines solchen Kampfes gewesen, und war es auch jetzt wieder.

Das Gemurmel der Stimmen im Wintergarten verstummte einen Augenblick. Die Billardzimmertür öffnete sich abermals leise.

Mercy verharrte noch immer in derselben Stellung und wusste nicht, was um sie her vorging. In ihrer Seele spann sich jenes Selbstgespräch fort und lenkte ihre Gedanken allmählich in neue Bahnen. Zum erstenmale hatte sie den Mut, der Zukunft, und zwar von einem neuen Standpunkt aus, ins Auge zu blicken: Im Falle, sie gestände alles, oder die Beraubte fände Mittel und Wege, ihren Betrug aufzudecken, welchen Vorteil - so fragte sich Mercy Merrick - konnte ihre Schmach Grace Roseberry gewähren?

Konnte Lady Janet die Zuneigung für ihre angebliche Verwandte einfach nur auf die wirkliche übertragen? Nein! Mit allem Rechte der Welt konnte die wahre Grace nicht die Stelle der falschen einnehmen; denn die Eigenschaften, durch welche Mercy die Liebe ihrer Wohltäterin gewonnen, waren ihr ausschließliches Eigentum. Lady Janet konnte strenge Gerechtigkeit üben - allein ihr Herz an eine Fremde zu hängen, zum zweitenmal rückhaltslos einer Unbekannten zu erschließen, das stand nicht bei ihr. Grace Roseberrry würde höchstens, um die Form zu wahren, als Verwandte anerkannt werden und damit wäre es abgetan.

Inwiefern konnte dies Mercy einen Trost gewähren?

Sie hegte dabei die eitle Hoffnung, ihren begangenen Betrug in anderer Art als durch das Geständnis desselben sühnen zu können.

Was war Grace Roseberry eigentlich durch sie entgangen? Nichts als das Gehalt, welches Lady Janet ihrer Gesellschafterin bezahlte. Brauchte sie also Geld, so konnte ihr ja Mercy von ihren Ersparnissen geben, was sie verlangte. War es die Stelle, aus der sie sie verdrängt, so würde sie ja alles für Grace tun, wenn diese nur in einen Vergleich willigen wollte.

Durch diese Hoffnung neu gestärkt, erhob sich Mercy aufgeregt; sie konnte die Untätigkeit nicht länger ertragen. Eben noch hatte sie bei dem Gedanken an eine abermalige Begegnung mit Grace geschaudert, jetzt sann sie auf ein Mittel, dieselbe heimlich aufzusuchen. Sie wollte sofort zu ihr - heute noch oder spätestens morgen. Ihre Augen glitten dabei mechanisch durch das Zimmer, während ihre Gedanken sich damit beschäftigten, den richtigen Weg zur Erreichung des vorgestrebten Zieles zu finden. Ihr Blick fiel zufällig auf die Tür nach dem Billardzimmer.

War es Einbildung gewesen, oder hatte sie recht gesehen? Die Tür schien anfangs ein wenig geöffnet - dann wurde sie plötzlich leise geschlossen.

Zu gleicher Zeit, wenn sie ihr Gehör nicht trügte, meinte sie im Wintergarten Stimmen zu vernehmen.

Sie hielt inne und horchte aufmerksam. Im Wintergarten war wieder alles still. Sie schritt gegen das Billardzimmer, um sich zunächst nach dieser Seite hin zu überzeugen, ob sie sich nicht getäuscht habe; eben wollte sie die Tür öffnen - da drang der Laut von zwei Männerstimmen, sie waren jetzt ganz deutlich zu unterscheiden, in ihr Ohr. Sie konnte sogar die Worte verstehen.

„Befehlen Sie noch etwas, Sir?” fragte der eine der beiden.

„Nein, nichts mehr”, versetzte der andere.

Bei dem Klang der zweiten Stimme stutzte Mercy und errötete leise. Sie stand unschlüssig vor der Tür des Billardzimmers und wusste nicht, was sie nun beginnen sollte.

Nach einer Weile ließ sich dieselbe Stimme in geringerer Entfernung vom Speisezimmer vernehmen, wie sie vorsichtig fragte: „Tante, sind Sie da?” Keine Antwort. Zum drittenmale sprach sie jetzt: „Tante, sind Sie da? Ich habe Ihnen etwas zu sagen?”

Mercy nahm ihren ganzen Mut zusammen und erwiderte: „Lady Janet ist nicht hier.” Bei diesen Worten wandte sie sich um - und stand Julian Gray gegenüber.

Sie blickten einander an, ohne ein Wort zu sprechen; für beide - aus wesentlich verschiedenen Gründen allerdings - war die Lage, in der sie sich jetzt befanden, eine höchst peinliche.

Für Julian - war das Wesen, welches vor ihm stand, die Verlobte seines Freundes, die er verbotenerweise liebte.

Für Mercy - war es der Gefürchtete, welcher durch sein Benehmen - sie legte es sich wenigstens so aus - zeigte, dass er sie durchschaute.

Äußerlich trafen sie jetzt genau unter denselben Umständen zusammen, wie das erstemal, nur mit dem Unterschiede, dass es diesmal Julian war, welcher Miene machte, zu entfliehen. Mercy brach zuerst das Schweigen.

„Dachten Sie Lady Janet hier zu finden?” fragte sie in gezwungenem Tone.

Noch steifer erwiderte er darauf:

„Das macht nichts; ich werde ein anderesmal Gelegenheit finden, sie zu sprechen.”

Dabei zog er sich zurück. Sie trat rasch vor in der Absicht, ihn durch eine neue Frage am Fortgehen zu hindern.

Die Art, wie er ihr auszuweichen suchte, und der fremde Ton seiner letzten Worte bestärkten sie noch mehr in der irrigen Überzeugung, dass er um die Wahrheit wisse. War er wirklich, wenn auch nur teilweise in ihr Geheimnis eingedrungen, wodurch sie gänzlich von seiner Gnade abhängig wurde, so war der eben ausgedachte Versuch, Grace zu einem Vergleich zu bewegen, offenbar umsonst. Vor allem wollte sie jetzt erfahren, wie Julian Gray über sie denke. Die fürchterliche Ungewissheit darüber machte sie völlig erstarren. Sie näherte sich ihm und redete ihn mit einem matten, Mitleid erregenden Lächeln an:

„Lady Janet hat Besuche”, sagte sie. „Wollen Sie vielleicht einstweilen hier warten? Sie kehrt sogleich zurück.”

Das Bemühen, ihre innere Erregung vor ihm zu verbergen, färbte vorübergehend ihre bleichen Wangen leicht rot. Sie sah krank und abgezehrt aus; doch der Zauber ihrer Schönheit war trotz alledem zu mächtig, als dass Julian ihm hätte widerstehen können. Was er seiner Tante sagen wollte, hätte er dieser auch schriftlich mitteilen können; es war nichts weiter, als dass er mit dem Torwärter und einem der Gärtner gesprochen und beiden Vorsicht empfohlen hatte. Seine eigene Seelenruhe, seine Verpflichtung Horace gegenüber gebot es ihm sogar, den nächstbesten Vorwand zu benutzen, um sich zu entfernen und Mercy allein, wie er sie gefunden, im Zimmer zurückzulassen. Er machte einen schwachen Versuch, dieser Stimme zu folgen, und zauderte. Es war verächtlich von ihm, er wusste es, und doch konnte er nicht anders, er musste sie anblicken. Ihre Augen begegneten sich - im nächsten Augenblicke stand Julian im Zimmer.

„Wenn es Sie nicht stört -” sagte er verwirrt, „so nehme ich Ihren gütigen Antrag an.”

Seine Befangenheit und gewaltsame Zurückhaltung, um ihrem Anblicke auszuweichen, raubten ihr die Sprache; sie senkte die Augen zu Boden und ihr Herz pochte immer heftiger.

In ihrem Innern rief es laut, dass noch ein Blick genügen würde, um ihr, zerknirscht zu seinen Füßen, das Geständnis der vollen Wahrheit zu erpressen!

Und Julian fühlte deutlich, dass, wenn er sie nochmals ansah, die Leidenschaft ihn übermannen und er ihr seine Liebe bekennen würde!

So schob er, die Augen auf den Boden geheftet, einen Stuhl für sie hin, welchen Mercy, ebenfalls, ohne aufzublicken, mit einer leichten Verbeugung nahm. Es entstand eine Totenstille. Ein schwer zu lösendes Missverständnis übte seine Gewalt.

Mercy ergriff den nebenstehenden Arbeitskorb und gewann durch das scheinbare Ordnen der färbigen Wollen darin Zeit, um sich wieder zu sammeln. Julian stand hinter ihr und betrachtete ihren zierlich geformten Kopf mit seinem üppigen Haarwuchse. Er schalt sich einen Schwächling, einen treulosen Freund, wenn er noch länger blieb - und doch blieb er.

Während der ununterbrochenen Stille öffnete sich auf einmal wieder leise die Tür des Billardzimmers und durch den schmalen Spalt blickte das Gesicht Grace Roseberrys verstohlen herein.

Mercy, die indessen den Mut gefunden hatte, zu sprechen, bat nun Julian, sich zu setzen. Sie vermied dabei noch immer, ihn anzusehen, und machte sich deshalb mit ihrer Arbeit zu schaffen.

Er suchte nach einem Stuhle - dabei hatte er sich aber so schnell umgewendet, dass er gerade noch sehen konnte, wie sich die Tür bewegte und hastig geschlossen wurde.

„Ist jemand dort in dem Zimmer?” fragte er Mercy.

„Ich weiß nicht”, antwortete sie. „Mir war vorhin schon, als sähe ich die Tür sich öffnen und wieder schließen.”

Er ging, um in dem Zimmer nachzusehen. Da fiel eines der Wollknäuel zu Boden. Er hob es auf - dann stieß er die Tür auf und warf einen Blick in das Billardzimmer. Es war leer.

Sollte jemand da gehorcht haben und nun, um nicht entdeckt zu werden, entflohen sein? Das anstoßende Raucherzimmer - die Tür in dasselbe stand gleichfalls offen - war auch leer. Ein dritter Ausgang dagegen in eine kleine Vorhalle, die nach dem Garten führte, stand offen. Julian schloss sie ab und kehrte in das Speisezimmer zurück.

„Ich kann mir nur denken”, sagte er zu Mercy gewendet, „dass die Tür des Billardzimmers nicht gehörig geschlossen war und durch die Zugluft aus der Vorhalle bewegt worden ist.”

Sie hörte die Erklärung schweigend an. Auch er schien indes nicht ganz befriedigt. Unbehaglich sah er sich im Zimmer um; dann ergriff ihn wieder der Zauber ihrer Erscheinung, und er blickte nochmals bewundernd auf den schönen Kopf und seinen reichen Haarschmuck. Sie fühlte sich verpflichtet, jetzt, nachdem sie ihn veranlasst hatte, zu bleiben, ihm die entscheidende Frage vorzulegen; allein es fehlte ihr noch immer der Mut dazu. So saß sie fort eifrig mit ihrer Arbeit beschäftigt - so eifrig, dass sie ihn gar nicht zu bemerken schien. Das Schweigen ward unerträglich. Er brach es mit einer alltäglichen Frage in Betreff ihres Befindens.

„Ich fühle mich ziemlich wohl und schäme mich deshalb recht, so viel Angst und Störung hervorgerufen zu haben”, antwortete sie. „Ich habe heute zum ersten Male mein Zimmer verlassen und will nun versuchen, ob ich etwas arbeiten kann.” Dabei blickte sie auf den Korb, in welchem die verschiedenen Wollgattungen, teils in Knäuel, teils in losen Strähnchen wirr durcheinander lagen. „Da herrscht eine trostlose Unordnung!” rief sie schüchtern mit mattem Lächeln aus. „Wie soll ich damit fertig werden?”

„Ich will Ihnen dabei helfen”, sagte Julian.

„Sie?”

„Warum nicht?” fragte er mit dem feinen Humor, welchen Mercy so wohl an ihm kannte. „Ich bin ja Geistlicher, und diese haben das Vorrecht, sich jungen Damen nützlich machen zu dürfen. Lassen Sie mich nur versuchen.”

Er zog sich einen niederen Stuhl in ihre Nähe und begann die verwickelten Strähnen zu entwirren. Bald lagen die geglätteten Wollfäden in seiner Hand und er hielt Mercy das eine Ende hin, um sie aufzuwinden. Es lag in dieser gewöhnlichen Tätigkeit, in der fast kindlichen Aufmerksamkeit, die sie beide darauf verwendeten, etwas, was ihre Furcht vor ihm beschwichtigte. Sie wand die Wolle von seinen Händen ab zu einem Knäuel und sprach das gewagte Wort, durch welches sie ihm das Geständnis seines Verdachtes, wenn er wirklich die Wahrheit ahnte, zu entlocken dachte.


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