Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Neue Magdalena - Mablethorpe-House - Ein Rat von Dreien
 

Die Neue Magdalena - Buch 2

Kapitel 5

Ein Rat von Dreien

Horace stand wie vom Donner gerührt und blickte in maßlosem Erstaunen auf Lady Janet. Als er sich halbwegs gesammelt hatte, wendete er sich zu Julian:

„Soll das ein Scherz sein?” fragte er streng. „Dann sehe ich wahrhaftig keinen Witz darin.”

Julian deutete auf die engbeschriebenen Blätter des Briefes. „Wenn ein Mann mit solcher Weitläufigkeit schreibt”, sagte er, „so wird er dies wohl schwerlich eines Scherzes halber tun. Die Engländerin nannte diesen Namen im vollsten Ernste als den ihrigen und reiste von Mannheim bloß deshalb hierher, um sich Lady Janet Roy vorzustellen.” Er wendete sich zu seiner Tante. „Jetzt wissen Sie und werden es wohl begreifen, warum ich so betroffen war, als sie in meiner Gegenwart zuerst Miss Roseberrys Namen erwähnten. Ihnen”, wendete er sich wieder zu Horace, „sagte ich, Sie hätten als Miss Roseberrys künftiger Gatte einiges Interesse daran, meiner Unterredung mit Lady Janet beizuwohnen; auch Sie verstehen jetzt, weshalb ich dies sagte.”

„Die Person ist offenbar irrsinnig”, sprach Lady Janet; „aber es ist im Augenblick allerdings eine etwas frappante Form von Wahnsinn. Die Sache muss zunächst wenigstens für Grace ein Geheimnis bleiben, das versteht sich.”

„Darüber kann bei ihrem gegenwärtigen Gesundheitszustand gar kein Zweifel sein”, stimmte Horace bei. „Da wäre es wohl auch angezeigt, den Leuten im Hause einzuschärfen, dass, im Falle diese Abenteurerin oder Irrsinnige, was sie sein mag, hierher käme, sie nicht vorgelassen werde.”

„Das kann gleich geschehen”, sagte Lady Janet. „Was mich übrigens überrascht, Julian - bitte, ziehen Sie an der Glocke - ist, dass Sie sich für sie interessieren, wie es in Ihrem Brief heißt.”

Julian antwortete - ohne jedoch an der Glocke zu ziehen: „das tue ich jetzt mehr als je, seitdem ich weiß, dass Miss Roseberry selbst hier bei Ihnen im Hause ist.”

„Sie sind gerade noch so wie als Kind, Julian, stets absonderlich in Ihren Neigungen und Abneigungen”, versetzte Lady Janet. „Warum ziehen Sie nicht die Glocke, wenn ich es Ihnen sage?”

„Aus dem einfachen Grunde, liebe Tante, weil ich nicht will, dass Sie Ihren Leuten den Befehl geben, einem armen, verlassenen Geschöpf die Tür zu weisen.”

Lady Janet warf einen Blick auf ihren Neffen, welcher diesem deutlich sagte, dass er sich ihr gegenüber etwas zu viel Freiheit erlaubt habe.

„Sie werden doch wohl nicht von mir erwarten, dass ich diese Person empfangen soll?” fragte sie in kühlem Tone.

„Im Gegenteile”, antwortete Julian gelassen, „ich hoffe sicher, dass Sie sie empfangen werden. Ich war nicht zu Hause, als sie zu mir kam. Ich muss jedenfalls hören, was sie mir zu sagen hat, und da hörte ich es am liebsten in Ihrer Gegenwart. Auf Ihre Erlaubnis hin, sie bei Ihnen vorzuführen, habe ich sie hierher bestellt.”

Lady Janet blickte in stummer Resignation zu dem Schnitzwerk der Decke empor.

„Wann würde mich die Dame dann wohl mit ihrem Besuche beehren?” fragte sie ironisch.

„Heute”, versetzte ihr Neffe mit unerschütterlicher Ruhe.

„Um wieviel Uhr?”

Julian sah gelassen auf die Uhr. „Es sind schon zehn Minuten über die verabredete Stunde”, sagte er und steckte die Uhr wieder ein.

Im selben Augenblicke trat ein Diener ein und überreichte ihm auf einem Silberteller eine Visitkarte.

„Eine Dame wünscht Sie zu sprechen, gnädiger Herr!”

Julian nahm die Karte und übergab sie mit einer Verbeugung Lady Janet.

„Da ist sie”, sagte er stets mit derselben Ruhe.

Lady Janet las die Karte - und stieß sie unwillig ihrem Neffen wieder hin. „Miss Roseberry”, rief sie aus. „Da steht es deutlich gedruckt auf der Karte. Hören Sie, Julian, auch meine Geduld hat ihre Grenzen. Ich will sie nicht sehen.”

Der Diener stand noch in Erwartung einer Antwort da; er nahm an dem, was vorging, keinen Anteil, wie andere menschliche Wesen, sondern verhielt sich, wie es gut dressierten Bedienten zukommt, ganz wie irgend ein Möbel, welches mittelst einer kunstvollen Vorrichtung auf Befehl kommt und geht. Julian redete diesen wunderbar konstruierten Automaten mit „James” an.

„Wo wartet die Dame?” fragte er.

„In dem Frühstückszimmer, gnädiger Herr.”

„Gut. Sie bleiben in der Nähe, bis wir Sie rufen.”

Die Beine dieses Bedientenmöbels setzten sich in Bewegung und trugen ihn geräuschlos hinaus. Julian wendete sich zu seiner Tante.

„Verzeihen Sie, dass ich mir erlaubte, in Ihrer Gegenwart dem Diener Befehle zu geben. Ich fürchte jedoch, Sie könnten sonst zu vorschnell entscheiden, und es ist doch sicherlich nicht mehr als recht und billig, dass wir hören, was uns die Dame zu sagen hat.”

Horace war ganz anderer Ansicht.

„Wir beleidigen damit Grace”, rief er erregt aus, „wenn wir sie anhören.”

Lady Janet war ganz mit ihm einverstanden. „Das finde ich auch”, sagte sie mit einem Kopfnicken und schlang dabei entschlossen ihre hübschen, obgleich etwas verwelkten Hände ineinander.

Julian antwortete zuerst auf Horaces Äußerung.

„Verzeihen Sie”, sagte er, „dies hat noch gar keinen Bezug auf Miss Roseberry, und wird sie auch nicht im Geringsten in diese Angelegenheit verwickeln. Wenn Sie sich erinnern”, fuhr er zu seiner Tante gewendet fort, „erwähnt mein Freund in seinem Briefe der geteilten Ansichten, welche unter den Ärzten Mannheims in Betreff dieser Kranken bestanden. Einige - und darunter auch der Oberarzt - glauben, dass ihr Körper zwar, aber ihr Geist nicht geheilt ist.”

„Mit anderen Worten”, bemerkte Lady Janet, „ich soll eine Irrsinnige in meinem Hause empfangen!”

„Sie dürfen nicht übertreiben”, sagte Julian sanft. „In dieser ernsten Angelegenheit kann dadurch nur Unheil entstehen. Der Konsul gibt, von dem Doktor dazu autorisiert, die Versicherung, dass sie ganz ruhig und ungefährlich sei. Leidet sie an Geistesstörung, so hat sie darum noch mehr Anspruch auf unsere Teilnahme und wir sollten ihr gerade deshalb die nötige Pflege zuteil werden lassen. Ihr eigenes gutes Herz, teuere Tante, wird es ihnen schon sagen, dass es eine Grausamkeit wäre, dieses unglückliche Wesen so ohneweiters in die Welt hinauszustoßen.”

Lady Janets natürliches Gerechtigkeitsgefühl konnte allerdings gegen diese vernünftige, rein menschliche Ansicht nichts einwenden. „Es ist wohl etwas Wahres daran”, sagte sie und rückte unbehaglich in ihrem Stuhle hin und her. „Meinen Sie nicht auch, Horace?”

„Ich kann das nicht finden”, antwortete dieser in dem bestimmten Tone eigensinniger Beharrlichkeit, welche durch nichts zu erschüttern war.

Julian besaß jedoch ebenso viel Geduld als Horace Eigensinn; und nahm mit unveränderter Gelassenheit das Gespräch wieder auf. „Jedenfalls ist es für uns alle gleich wünschenswert, die Sache einschlafen zu lassen. Die Umstände sind uns in diesem Augenblicke so günstig als möglich, Lady Janet. Miss Roseberry ist sogar vom Hause abwesend; wenn wir uns diese Gelegenheit, wie wir sie uns nicht besser wünschen könnten, entgehe lassen, wer weiß, was für Unheil uns die nächste Zukunft bringen kann?”

„So lassen Sie die Person hereinkommen”, entschied Lady Janet rasch; denn das Zögern war ihr unerträglich. „Aber gleich, Julian - ehe Grace zurückkehrt. Wollen Sie diesmal wohl die Glocke ziehen?”

Julian tat es. „Soll ich dem Diener den Auftrag geben?” fragte er ehrerbietig.

„Tun Sie, was Sie wollen, und fragen Sie mich nicht weiter!” versetzte die alte Dame ziemlich gereizt, indem sie rasch aufstand und ein paarmal im Zimmer auf und ab ging, um ihre Erregung zu verbergen.

Der Diener verschwand, um die Fremde einzulassen.

Zugleich schritt Horace quer über das Zimmer - offenbar in der Absicht, dasselbe durch die gegenüberliegende Tür zu verlassen.

„Sie wollen doch nicht fortgehen?” rief Lady Janet.

„Allerdings, ich sehe nicht ein, weshalb ich her bleiben sollte”, erwiderte Horace mürrisch.

„Wenn dem so ist, so verlange ich es direkt von Ihnen, dass Sie hier bleiben.”

„Dann muss ich allerdings. Nur bitte ich Sie, nicht zu vergessen”, fügte er hartnäckig hinzu, „dass ich Julians Ansicht durchaus nicht teile. Von mir aus hat sie kein Recht, irgendetwas von uns zu beanspruchen.”

Julian konnte diesmal seine Gereiztheit nicht unterdrücken.

„Seien Sie nicht hartherzig, Horace”, sagte er scharf. „Jede Frau kann von uns Schonung beanspruchen.”

Sie waren im Eifer des Gespräches unwillkürlich nahe zusammengetreten und standen mit dem Rücken gegen die Tür des Bibliothekszimmers gekehrt. Bei den letzten Worten hatte das Geräusch des Öffnens und Schließens einer Tür ihre Aufmerksamkeit wieder auf den ursprünglichen Gegenstand ihrer Debatte zurückgeführt. Wie mit einem Schlage wendeten sich alle drei nach der Richtung um, aus welcher der Schall kam.


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