Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XII
 

Herz und Wissen



Capitel XII.

Der Fremde hätte sich als Riese sehen lassen können, denn er maß gut sechs Fuß sechs Zoll und würde das seltene Beispiel des Zusammengehens von außergewöhnlicher Größe und schöner Proportion gewesen sein, wenn die ungeheuren Knochen die gehörige Fleischhülle gehabt hätten. Er war aber so jämmerlich —— ja, man möchte fast sagen, so scheußlich —— mager, daß ihn seine Feinde das wandernde Skelett nannten. Unter der massiven Stirn saßen ein Paar große düstere graue Augen und die fleisch- und bartlose untere Partie seines Gesichtes wurde von hervorstehenden Backenknochen beschattet. Seine Gesichtsfarbe, ein wahres Zigeuner braun trug das Ihrige zu dem stutzig machenden Eindruck seiner Erscheinung auf Fremde bei und erhöhte, da sie dunkler im Ton war als seine Augen, die Wirkung des seltsamen, traurig gedankenvollem forschenden Blickes, den er auf Personen; mit denen er sprach, zu richten pflegte, einerlei ob sie der Aufmerksamkeit werth waren oder nicht. Sein gerade herabfallendes schwarzes Haar hing ihm unschön an beiden Seiten des hohlen Gesichtes wie das Haar eines amerikanischen Indianers. Seine großen dunklen Hände, die zur Sommerzeit nie durch Handschuhe bedeckt waren, zeigten bernsteinfarbene Nägel an den nach oben gebogenen stumpf verlaufenen Fingerspitzen, die sich, wenn sie Einen berührten, wie Atlas anfühlten und mit denen er die zerbrechlichsten Gegenstände exquisit zart handhaben konnte. Sein Anzug war von nachlässiger, bequemer Art. Der lange Rock ging ihm bis über die Kniee, die Beinkleider waren wahre Säcke; um den mageren runzligen Hals hing ein weit offenstehender Hemdkragen, der durch kein Halstuch beengt wurde. In Bezug auf die Kopfbedeckung hatte er den Grundsatz, daß dieselbe Solid genug sein müsse, um einem zufälligen Schlag, einem Fall vom Pferde oder der Wucht eines Ziegels Widerstand leisten zu können. Sein harter schwarzer Hut mit breitem gebogenen Rande hätte die Zierde eines Bischofs sein können, wenn er nicht durch eine sonderbare Aehnlichkeit mit der glockenförmigen Kopfbedeckung der Stutzer im Anfange unseres Jahrhunderts säcularisirt worden wäre. Kurz, er war seiner Person und Kleidung nach ein Mann, an dem kein Fremder vorüberzugehen pflegte, ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen. Teresa die ihn mit widerstrebender Neugier musterte, zog sich einen Schritt zurück und belegte ihn im Geheimen in ihrer Mundart mit dem wenig schmeichelhaften Titel: »ein häßlicher Kerl!« In medicinischen und wissenschaftlichen Kreisen war er als Doctor Benjulia bekannt —— ein Name, der schon durch den ausländischen Klang die Leute eigenthümlich berührte, und den diejenigen, die ihn das wandernde Skelett nannten, mit als Beweis seiner Zigeunerabstammung anführten.

Zo war mit seinem Bambusrohr davongerannt und er rief sie nun nach einem kurzen Blick düsterer Gleichgültigkeit auf die Duenna zu sich zurück.

Die Kleine gehorchte ihm, aber scheinbar nur widerwillig, und sah dabei ohne jede Schüchternheit zu seinem Gesichte auf, ein Beweis, daß sie mit ihm vertraulich bekannt und es gewöhnt war, sich Freiheiten, wie das Fortnehmen des Stockes, herauszunehmen. Und doch lag ein Ausdruck unruhiger Erwartung in ihren runden aufmerksamen Augen. »Willst Du ihn wieder haben?« fragte sie, ihm den Stock hinreichend.

»Gewiß will ich das. Was würde Deine Mutter zu mir sagen, wenn Du über meinen dicken Bambus stürztest und Dir auf diesem harten Kieswege den Schädel entzwei schlügest?«

»Hast Du Mama besucht?«

»Nein, ich habe Mama nicht besucht —— aber ich weiß trotzdem, was sie zu mir sagen würde, wenn Du Dir die Hirnschale zerbrächest.«

»Sie würde sagen: Doetor Benjulia, Sie müßten eigentlich Herodes heißen.«

»Wer war das?«

»Herodes war ein jüdischer König, der die kleinen Mädchen umbrachte, wenn sie ihm seinen Spazierstock wegnahmen. Komm’ her, Kind; soll ich Dich kitzeln?«

»Daß Du das sagen würdest, wußte ich«, antwortete Zo.

Während sonst die Menschen, wenn sie sich ganz dem Vergnügen hingeben, mit Kindern zu tändeln, lächeln müssen, ob sie wollen oder nicht, gerade so wie sie Athem holen müssen, erheiterte sich des Doctors Gesicht nie, nicht einmal jetzt, als Zo darauf anspielte, daß es ihm ein Hauptvergnügen sei, Kinder zu kitzeln. Sie gehorchte ihm wieder mit dem seltsamen Ausdruck widerstrebender Unterwürfigkeit und er legte ihr zwei seiner weichen großen Fingerspitzen dicht unter dem Halse auf das Rückgrat und drückte die Stelle» Zo zuckte zusammen und wand sich unter seiner Berührung, und er beobachtete sie mit einem ernsten Interesse, als ob er ein ärztliches Experiment ausführte.

»Gerade so machst Du es, wenn Du unsern Hund mit den Beinen hinten ausschlagen läßt«, sagte so. »Wie fängst Du das an?«

»Ich berühre den plexus cervicalis«, antwortete Doctor Benjulia feierlich wie immer.

Dieser Versuch, das Kind zu Mystifizieren, mißlang aber vollständig, denn Zo betrachtete die unbekannte Zunge, in welcher er geantwortet hatte, als gleichwerthig mit einer Lection und fragte, zu dem kleinen Dachshunde daheim zurückkehrend: »Glaubst Du, daß dem Hunde das gefällt?«

»Ach, was kümmert uns der Hund. Gefällt es Dir?«

»Ich weiß nicht.«

Doctor Benjulia wandte sich Teresa zu und ließ seine düsteren grauen Augen auf ihr ruhen, wie etwa auf dem ersten besten leblosen Dinge, z. B. auf dem Gitter der Vogelhöfe oder auf den Rohren, die das Affenhaus warm hielten. »Ich fürchte, ich habe Sie durch das Albern mit der Kleinen aufgehalten, Madame« sagte er. »Bitte um Verzeihung.« Damit zog er seinen Hut und ging mürrisch weiter, ohne von Zo weiter Notiz zu nehmen.

Teresa, welche die großartige Höflichkeit des häßlichen Riesen erschreckte, während sie ihr gleichzeitig schmeichelte, machte ihren besten Knix. »Manieren wie ein Prinz und einen Teint wie ein Zigeuner«, sagte sie. »Ist er ein Edelmann?«

»Er ist ein Doctor«, antwortete Zo, als ob das etwas viel Besseres wäre.

»Magst Du ihn leiden?« fragte Teresa dann.

»Ich weiß nicht«, gab Zo wiederum zur Antwort.

Ovid und seine Cousine hatten das, was in einiger Entfernung von ihnen vorging, beobachtet und Benjulia’s Größe sowie seine augenscheinliche Vertraulichkeit mit dem Kinde hatten die Neugier der Letzteren erregt.

Da Ovid einem Gespräche über denselben abgeneigt schien, so machte sich Miß Minerva mit größter Zuvorkommenheit nützlich, nannte Carmina den Namen des Mannes und beschrieb ihn als einen von Mrs. Gallilee’s alten Freunden. »In den letzten Jahren«, so fuhr sie fort, »soll er seine ärztliche Praxis aufgegeben haben und sich mit chemischen Experimenten beschäftigen. Es scheint aber Niemand viel über ihn zu wissen. Er hat sich auf einem einsamen Felde in irgend einer verlorenen Vorstadt —— Niemand weiß wo «— ein Haus gebaut; kurz, Doctor Benjulia ist eine geheimnißvolle Persönlichkeit.«

Als Carmina dies hörte, wandte sie sich wieder an Ovid.

»Wenn mir Räthsel aufgegeben werden«, sagte sie, »kann ich nicht eher ruhen, bis man sie für mich gerathen hat; und ebenso, wenn ich von Geheimnissen höre, habe ich gleichfalls nicht eher Ruhe, bis sie offenbart sind. Sie sind selbst Arzt; erzählen Sie mir mehr davon!«

Ovid wäre vielleicht der Bitte durch eine Entschuldigung aus dem Wege gegangen, wenn ihre Augen nicht so unwiderstehlich gewesen wären: ihr Blick machte ihn auf der Stelle nachgiebig.

»Doctor Benjulia ist was wir einen Spezialisten nennen«, sagte er. »Er behandelt nur gewisse Krankheiten, die des Gehirns und der Nerven. Ohne seine ärztliche Praxis ganz aufzugeben, beschränkt er sich auf ernste Fälle —— wenn die anderen Aerzte in Verlegenheit sind, wissen Sie, und seine Hilfe begehren. Mit dieser Ausnahme hat er allerdings seine Berufsinteressen seiner Manie für chemische Experimente geopfert. Was das für Experimente sind, weiß Niemand außer ihm selbst. Den Schlüssel zu seinem Laboratorium trägt er Tag und Nacht bei sich und besorgt die Reinigung dort selbst.«

Mit athemlosem Interesse hörte Carmina zu: »Hat noch Niemand in die Fenster gesehen?« fragte sie.

»Es sind keine Fenster in den Wänden —— nur ein großes Oberlichtfenster.«

»Kann man nicht auf das Dach kommen und durch das Fenster sehen?«

Ovid lachte. »Einer seiner Diener soll es einmal versucht haben.«

»Und was hat er gesehen?«

»Eure große weiße Gardine, die keinen Blick in das Innere des Zimmers gestattete. Der Doctor entdeckte aber den Mann und entließ ihn auf der Stelle. Natürlich laufen Gerüchte um, die das Geheimniß des Doctors und seines Laboratoriums erklären. Das eine besagt, daß er Versuche entstelle, um gewöhnliche Metalle in Gold zu verwandeln; ein anderes, daß er irgend eine explosive Verbindung erfände, die so furchtbar zerstörend wirken soll, daß sie jedem Kriege ein Ende machen würde. Ich kann Ihnen nur sagen, daß wenn ich ihn zufällig treffe, sein Geist noch ebenso vollständig mit Gehirn und Nerven beschäftigt zu sein scheint wie je. Was die aber mit in der Einsamkeit angestellten chemischen Experimenten zu thun haben können, das ist mir ein Räthsel, auf das ich bis soweit noch keine« Antwort gefunden habe.«

»Ist er verheirathet?« forschte Carmina.

»Sie meinen, wenn Doctor Benjulia eine Frau hätte«, erwiderte Ovid, den die Frage zu amüsieren schien, »so könnten wir hinter seine Geheimnisse kommen? Leider haben wir diese Aussicht nicht, denn er besorgt seinen Haushalt selbst.«

»Hat er denn auch keine Haushälterin?«

»Auch das nicht!«

Indem sah er den Doctor langsam auf sie zukommen. »Entschuldigen Sie mich für eine Minute«, sagte er; »ich will nur eben mit ihm sprechen und komme sogleich zurück.«

Ueberrascht wandte sich Carmina an Miß Minerva.

»Ovid scheint irgend welchen Grund zu haben, den großen Menschen von uns fern zu halten. Mag er ihn nicht leiden?«

Die Gouvernante hätte durch eine scharfe Antwort ihren Haß gegen Carmina befriedigen können, aber sie hatte —— nach dem, was sie im Gewächshause gehört und was sie hier gesehen —— ihre Gründe, Carmina’s Vertrauen und den Einfluß einer Freundin über sie zu gewinnen zu suchen, und benutzte sofort die Gelegenheit.

»Ich kann Ihnen mittheilen, was ich selbst beobachtet habe«, sagte sie vertraulich. »Man gestattet mir, zugegen zu sein, wenn Mrs. Gallilee Gesellschaften giebt —— um die Größen der Wissenschaft zu sehen. Bei einer solchen Gelegenheit sprach man über Instinct und Vernunft und Ihr Cousin, Mr. Ovid Vere, meinte, es sei nicht leicht zu entscheiden, wo der Instinct aufhöre und die Vernunft begönne. Er habe in seiner Praxis Leute von schwachem Verstande gefunden, die durch den Instinct geleitet, zu gesünderen Schlüssen gekommen seien, als ihnen an Intelligenz weit Ueberlegene durch Vernunft. Das Gespräch nahm dann eine andere Wendung —— und bald darauf gesellte sich Doctor Benjulia zu den Gästen. Ich weiß nicht, ob Sie bemerkt haben, daß Mr. Gallilee viel von seinem Stiefsohne hält?«

Carmina bejahte. »Ich mag Mr. Gallilee sehr gern leiden«, setzte sie warm hinzu; »er ist ein so netter, gutherzigen natürlicher alter Herr.«

Miß Minerva verbarg ihren Spott unter einem Lächeln und stimmte Carmina bei. »Der Doctor begrüßte den Hausherrn und die Hausherrin«, fuhr sie dann fort, »und schüttelte Mr. Ovid die Hand, dann versammelten sich die Männer der Wissenschaft alle um ihn und führten ein gelehrtes Gespräch. Mr. Gallilee kam, etwas unruhig aussehend zu seinem Stiefsohn und sagte flüsternd —— Sie kennen seine Weise, nicht wahr? —— Magst Du Doctor Benjulia leiden, Ovid? Ich hasse ihn; aber sprich nicht davon! Das war eine harte Sprache im Munde Mr. Gallilee’s, nicht wahr? Als Mr. Ovid zurückfragte, weshalb er ihn hasse, antwortete er wie ein Kind: »Weil ich es eben thue.« Dann kamen einige Damen herein und der alte Herr verließ uns, um mit denselben zu sprechen. Ich wagte, Mr. Ovid zu fragen, ob das Instinct oder Vernunft wäre, und er antwortete, die Frage ganz ernst nehmend: »Instinct, und es benuruhigt mich.« Ich überlasse es Ihnen, Miß Carmina, sich daraus Ihre Schlüsse zu ziehen.«

Beide sahen auf. Ovid und der Doctor entfernten sich langsam von ihnen und gingen gerade an Teresa und dem Kinde vorbei. In demselben Augenblick trat einer der Wärter an Doctor Benjulia heran, sprach einige Worte mit ihm und entfernte sich dann wieder, und gleich darauf kam Zo, die Alles gehört und theilweise verstanden hatte, auf Carniina zugeeilt, um ihr die Neuigkeiten, die sie erfahren, mitzutheilen.

»Hier im Garten ist ein kranker Affe, der einen Raum ganz für sich hat«, rief die Kleine. »Und sieh’ da!« Dabei zeigte sie aufgeregt auf Benjulia und Ovid, die wieder langsam auf die Vogelhäuser zukamen. »Da ist der große Doctor, der mich immer kitzelt! Er hat gesagt, er wollte den armen Affen sehen, sobald er noch einige Worte mit Ovid gesprochen habe. Und was meinst Du, hat er noch gesagt? Er werde vielleicht den Affen mit nach Hause nehmen.«

»Was dem armen Geschöpfe wohl fehlen mag?« fragte Carmina.

»Nach dem, was Mr. Ovid uns» erzählt hat, glaube ich, es zu wissen«, antwortete Miß Minerva. »Doctor Benjulia würde sich nicht für den Affen interessieren, wenn derselbe nicht eine Gehirnkrankheit hätte.«


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