Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XIII
 

Herz und Wissen



Capitel XIII.

Obgleich Ovid versprochen hatte, unverzüglich wieder zu Carmina zurückzukehren, so vergingen doch Minuten und Doctor Benjulia hielt ihn noch immer durch seine Unterhaltung fest.

Jetzt, wo der Doctor sich nicht mehr in seiner Weise damit amüsierte, die kleine Zo zu Mystifizieren, schienen sich die Linien seines mürrischen braunen Gesichtes zu verhärten. Gewissenhaft höflich wie er war, blieb er doch immer kalt dabei und wartete stets, bis man ihm die Hand schüttelte und bis er angeredet wurde. Doch heute hatte er etwas zu sagen, und änderte sofort das Thema, nachdem Ovid die Conversation begonnen hatte.

»Was führt Sie hierher nachdem zoologischen Garten, Benjulia?«

»Einer der Affen hat ein Gehirnleiden bekommen, und man glaubte, daß ich das Thier vielleicht gern sähe, ehe es getödtet würde. Haben Sie letzthin wieder an die Patientin gedacht, die uns verloren ging?«

Da Ovid sich in dem Augenblicke der Patientin nicht erinnerte und deshalb nicht sofort antwortete, fuhr der Doctor fort:

»Das soll doch nicht heißen, daß Sie den Fall vergessen haben? Wir gaben ihm den Namen Hysterie da wir nicht wußten, was es sonst wäre. Ich kann es dem Mädchen nicht vergeben, daß es uns durch die Finger geschlüpft ist; ich lasse mich nicht gern in dieser Weise von Freund Tod schlagen. Haben Sie sich schlüssig gemacht, wie Sie den nächsten derartigen Fall behandeln werden? Vielleicht glauben Sie, eine solche Patientin retten zu können, wenn Sie jetzt geholt würden?«

»Nein, ich bin wirklich noch ebenso im Dunkel ——«

»Warten Sie ab«, fiel Benjulia ein; »aus dem Dunkel wird Helle werden —— wenn man es ernst meint. Morgen schon kann Ihnen vielleicht die richtige Behandlung einfallen.«

»Sie könnte gerade so gut dem größten Esel einfallen, als mir«, antwortete Ovid ziemlich ungeduldig. »Ich bin ganz übernommen und zu keiner ordentlichen Berufsarbeit zu gebrauchen. Ich bin genöthigt, die Praxis aufzugeben und eine Zeit lang zu ruhen.«

Nicht einmal ein formeller Ausdruck der Theilnahme kam über Doetor Benjulia’s Lippen.

»Sie gehen natürlich fort«, sagte er. »Wohin? Nach dem Continente? Nur nicht nach Italien —— wenn Sie wirklich Erholung finden und genesen wollen!«

»Was ist gegen Italien einzuwenden?«

»Der Doctor legte seinem jungen Collegen feierlich seine große Hand auf die Schulter. »Die medicinischen Schulen dort sind dabei, ihren vergangenen Ruhm wiederzugewinnen und die activen Mittelpunkte der physiologischen Forschung zu werden. Sie würden hineingezogen werden, denn man würde nichts unterlassen, aus der Berührung mit einem Manne wie Sie möglichst viel Capital zu schlagen. Was würde aus Ihrem überarbeiteten Kopfe werden, wenn ein ganzer Haufen Professoren denselben unbarmherzig durchwühlte? Waren Sie schon in Canada?«

»Nein. Waren Sie schon dort?«

»Ich bin überall gewesen. Canada ist in dieser Sommerzeit gerade das richtige Land für Sie. Belebende Luft; conservative Aerzte die es den Narren in Europa überlassen, die Geheimnisse der Natur zu ergründen. Da haben Sie Tausende von Meilen Landes, wenn Sie ein Freund vom Reiten sind, und ebenso viel Wasser, wenn Ihnen das Segeln Vergnügen macht. Packen Sie Ihre sieben Sachen und gehen Sie nach Canada.«

Was bedeutete dies Alles? Vesorgte er, daß sein College auf eine Entdeckung kommen könnte, nach der er selbst suchte? Und hing dieselbe mit seiner Specialität, Gehirn und Nerven, zusammen? Ovid machte den Versuch, ihn zu verstehen.

»Erzählen Sie mir etwas von sich«, sagte er. »Wollen Sie sich wieder Ihrer regelmäßigen Berufsarbeit zuwenden?«

Benjulia stieß sein Bambusrohr nachdrücklich in den Kiesweg. »Nie! Außer ich wüßte mehr als jetzt.«

Sollte das nicht heißen, daß er seinen chemischen Experimenten so eifrig wie nur je oblag? Wie konnte aber in diesem Falle Ovid (der nichts von chemischen Experimenten verstand) ihm ein Hindernis; sein? Entäuscht machte Ovid nochmals einen Versuch, ihn zu einer Erklärung zu bewegen.

»Wann soll die Welt von Ihren Entdeckungen in der Chemie hören?« fragte er.

Des Doctors massive Stirn zog sich ominös zusammen. »Zum Teufel mit der Welt!« war seine ganze Antwort.

Ovid aber wollte sich so nicht im Dunkeln halten lassen und fragte nochmals: »Sie setzen doch Ihre Experimente fort?«

Das Düstere in Benjulia’s ernsten Augen nahm zu, während dieselben starr in’s Leere blickten. Der große Kopf sank langsam auf die breite Brust und der ganze Mann schien sich in sich selbst verschlossen zu haben. »Ich gehe meinen eigenen Weg«, grollte er. »Möge niemand denselben kreuzen.«

Ovid würde den reizbaren Mann nur nutzlos herausgefordert haben, wenn er nach dieser Antwort noch weiter in ihn gedrungen wäre. Er sah sich deshalb nach Carmina um und bemerkte: »Ich muß zu meinen Begleitern zurück.«

Der Doctor erhob den Kopf, als ob er erwachte. »Bin ich grob gewesen?« fragte er. »Sprechen Sie mit mir nicht von meinen Experimenten, das ist eine wunde Stelle bei mir. Was sagten Sie eben? —— Begleiter? Wer sind Ihre Begleiter?« Dabei rieb er sich heftig die Stirn mit der Hand, um sich den Kopf klar zu machen. »Ah, ich weiß. Ich sah dieselben eben. Wer ist die junge Dame?« Dies sagend, erweiterten sich seine dünnen Lippen zu einem trübseligen Lächeln —— ein Lachen hatten auch seine intimsten Bekannten nie von ihm gehört. »Wer sie auch immer sein mag, Zo wundert sich, weshalb Sie dieselbe nicht küssen.«

Diese Art Versuch, scherzhaft zu sein, war nicht gerade nach Ovid’s Geschmack und er lenkte deshalb das Gespräch auf sein Schwesterchen. »Sie hatten immer eine besondere Zuneigung zu Zo«, äußerte er.

Benjulia sah ganz verwirrt drein. Zuneigung für irgend Jemanden war allem Anscheine nach eins der wenigen Dinge, über die er sich keine Meinung zutraute. Sich nochmals heftig die Stirn reibend, kam er wieder auf Carmina zurück.

»Wer ist die junge Dame?«

»Meine Cousine«, entgegnete Ovid so kurz wie möglich.

»Ihre Cousine? Eine Tochter Lady Northlake’s?«

»Nein, die Tochter meines verstorbenen Onkels.«"

»Was!« rief Benjulia, plötzlich stehen bleibend, »ist dies mißgeborene Kind wirklich groß geworden?«

Ovid fuhr auf und war im Begriff, heftig zu antworten, als er Teresa und Zo neben sich und einen Wärter an Benjulia herantreten bemerkte. Als letzterer den Mann mit der Zusage, die Zo bereits berichtet, entlassen hatte und sie wieder weiter gingen, begann Ovid:

»Wissen Sie, was Sie soeben von meiner Cousine sagten?«

»Was sagte ich denn?« fragte der Doctor, den der Ton der Frage zu überraschen schien, zurück.

»Sie bedienten sich eines sehr beleidigenden Ausdrucks, indem Sie Carmina ein »mißgeborenes Kind« nannten. Wie meinten Sie das? Geben Sie sich dazu her, niederträchtige Verleumdungen gegen das Andenken ihrer Mutter zu wiederholen?«

»Verleumdungen?« wiederholte Benjulia, wiederum stehen bleibend.

Jetzt aber brach Ovid’s Zorn los. »Ja, Verleumdungen oder Lügen, wenn Sie wollen, gegen eine Frau, die eben so hoch über jeden Vorwurf erhaben ist, wie Ihre oder meine Mutter!«

»Sie sind hitzig«, bemerkte der Doctor weitergehend. »Bei meinem Aufenthalte in Italien —— ——« Er hielt inne, um nachzudenken. »Als ich vor fünfzehn Jahren in Rom lebte, war Ihre Cousine ein jämmerliches verkümmertes Kind. Ich sagte zu Robert Graywell: »Schenken Sie dem Kinde keine zu große Neigung; es wird nicht alt werden.« Er meinte darauf, er wolle sie in die Gebirgsluft bringen, wovon ich mir indeß keinen Nutzen versprach. Es scheint, daß ich Unrecht hatte. Nun, es ist mir eine Ueberraschung, dieselbe hier zu finden —— ——« Er wartete wieder und sann —— »sie wirklich ausgewachsen, als Siebzehnjährige hier zu finden.«

Seinem jungen Collegen klang eine keineswegs humane Gleichgültigkeit aus dem Tone, mit dem er dies sagte, und es war demselben unmöglich, sein Empfinden nicht durch Blicke zu erkennen zu geben, wenn er auch seiner Zunge Gewalt anthat.

»Ihr Nervensystem ist in üblem Zustande«, bemerkte Doctor Benjulia; »Sie sollten sich doch in Acht nehmen. Ich will jetzt nach dem Affen sehen.«

Dabei war sein Gesicht undurchdringlich wie das einer Sphinx und seine tiefe Baßstimme klang ganz sanft, Ovid’s Aerger war an ihm vorübergegangen wie ein Hauch des Sommerwindes. »Adieu«, sagte er, »und nehmen Sie sich mit Ihren Nerven in Acht. Ich sage Ihnen noch einmal, sie verheißen Unheil.«

»Wenn ich Sie falsch verstanden habe, bitte ich um Verzeihung«, entschuldigte sich Ovid, wenn auch nicht ganz ohne Widerstreben. »Uebrigens bin ich wohl kaum zu tadeln. Warum verleiteten Sie mich durch Anwendung des abscheulichen Wortes.«

»War es nicht das rechte Wort?«

»Das rechte Wort —— wenn Sie nur von einem armen kranken Kinde sprechen wollten! In Anbetracht dessen, daß sie Ihr Diplom in Oxford erlangt haben ——«

»Konnten Sie nichts mehr von meiner mangelhaften Erziehung erwarten«, vollendete der Doctor den Satz, mit der ernsten Gelassenheit, die ihn auszeichnete. »Danke Ihnen für die Erinnerung. Vielleicht hätte ich »mangelhaft geboren« sagen sollen? Ich werde zu Hause im Wörterbuch nachsehen.«

»Es ist mir noch etwas unerklärlich«, fing Ovid, der noch nicht beruhigt war, wieder an, fuhr dann aber plötzlich zurück und ergriff Benjulia mit dem Ausrufe: »Halt! Halt!« am Arme.

»Nun, was haben Sie?« fragte der Doctor, sofort stehen bleibend.

»Nichts«, sagte Ovid, vor einem durch die Ueberbleibsel eines von dem schweren Fuße seines Begleiters zermalmten Käfers gebildeten Flecke auf dem Kieswege zurückfahrend. »Sie traten den Käfer, ehe ich es hindern konnte.«

Benjulia war buchstäblich sprachlos vor Erstaunen, daß er hier —— nicht im Irrenhause —— einen erwachsenen Menschen fand, dem etwas an der Erhaltung des Lebens eines Käfers lag; aber sein Berufsinstinct kam ihm zu Hilfe. »Sie sollten London lieber auf der Stelle verlassen«, sagte er. »Suchen Sie reine Luft auf und bleiben Sie den ganzen Tag im Freien.« Dann den zertretenen Käfer mit der Spitze seines Stockes umwendend, meinte er: »Nur ein ganz gewöhnlicher Käfer.«

Ovid kam wieder auf das durch den kleinen, leider mißlungenen Act der Barmherzigkeit abgebrochene Thema zurück: »Sie kannten meinen Onkel in Italien; da kommt es mir sonderbar vor, daß ich früher nie etwas davon gehört habe.«

»Ja, ich kannte ihn, und seine Frau gleichfalls.« Auf die letzten Worte legte der Doctor einen besonderen Nachdruck.

»Nun?«

»Nun, ich kann nicht sagen, daß ich für ihn oder für sie ein besonderes Interesse empfand, und es ereignete sich später nichts, was mir die Bekanntschaft in’s Gedächtnis; zurückgerufen hätte, bis Sie mir vorhin erzählten, wer die junge Dame sei.«

»Meine Mutter muß Sie doch daran erinnert haben?«

»Nicht, daß ich wüßte. Damen in ihrer Stellung haben in der Regel wenig Neigung, von einein Verwandten zu sprechen, der ——« Er hielt inne. »Ich möchte nicht grob sein; sagen wir also: der unter seinem Range geheirathet hat.«

Ovid mußte sich gestehen, daß dem so war. Hatte doch seine Mutter (vor der Ankunft des Testamentes) selbst ihm gegenüber selten ihres Bruders und noch seltener seiner Familie Erwähnung gethan. Mrs. Gallilee’s Schweigen hatte allerdings noch einen andern Grund, der aber nur ihr bekannt war. Robert hatte das Geheimniß ihrer Schulden besessen und ihr schwere pecuniäre Verpflichtungen auferlegt; der bloße Klang seines Namens war daher für seine liebenswürdige Schwester verletzend gewesen, da derselbe sie an jenes demüthigende Gefühl erinnern mußte, das man in der Gesellschaft als das Gefühl der Dankbarkeit kennt.

Da Carmina noch immer wartete und Ovid einsah, daß aus Benjulia nichts weiter herauszubringen war, so reichte er ihm die Hand, um sich zu verabschieden, allerdings mit dem Gefühle, daß es ihm nicht gelungen war, sein Gemüth vollständig zu beruhigen.

Der Doctor nahm die dargebotene Hand ganz bereitwillig und wiederholte dann seine sonderbare Frage —— »Ich bin doch nicht grob gewesen, wie?« wobei man es ihm ansah, daß er dieselbe nur der Form wegen stellte.

Ovid ging mit seiner natürlichen Hochherzigkeit freundlich darauf ein. »Ich fürchte, ich bin derjenige, der grob gewesen ist«, sagte er. »Wollen Sie mit mir zurückkommen, und sich Carmina vorstellen lassen?«

Benjulia lehnte aber dies freundliche Anerbieten in der ihm eigenthümlichen Weise ab.

»Nein, ich danke Ihnen«, erwiderte er ruhig. »Ich möchte lieber den Affen sehen.«


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