Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XVII
 

Herz und Wissen



Capitel XVII.

Das Billet lautete: »Bitte, kommen Sie; ich warte auf Sie in den Anlagen!«

Die Jungfer, die sich für ein Stelldichein, das in ihrer eigenen Erfahrung nicht ohne Präcedenz war, interessierte, wagte ihre Sympathie auszudrücken. »Entschuldigen Sie, Miß, Mr. Ovid ist doch hoffentlich nicht krank?« fragte sie. »Er sah ganz bleich aus, fand ich. Hier ist Ihr Hut.«

Carmina dankte ihr und eilte hinunter. Ovid sah wirklich ganz« leidend aus, als er sie an dem Eingange zu den Anlagen empfing, und ihre Fragen schienen ihn nur zu reizen. »Ich bin schon besser, da Sie gekommen sind«, entgegnete er auf ihre Fragen und führte sie zu einem zwischen Bäumen versteckten Sitze. Die Anlagen waren um diese späte Stunde fast leer; zwei ältere Damen, die sich wahrscheinlich in Erinnerung ihrer eigenen Jugendzeit abseits von ihnen hielten, und ein Knabe, den die Takelung eines Schiffsmodelles ganz in Anspruch nahm, waren außer ihnen die einzigen Besuchen.

»Weiß meine Mutter um Ihr Kommen?« fragte Ovid.

»Sie ist ausgegangen. Ich kam nach Empfang Ihres Billets ohne weiteres Ueberlegen hierher. Ist es Unrecht von mir?«

Ovid ergriff ihre Hand. »Ist es Unrecht, mich von Besorgnissen zu befreien, die zu ertragen ich nicht den Muth besitze? Wenn wir uns im Hause treffen, sind wir sicher, daß uns entweder meine Mutter oder ihre gehorsame Dienerin, Miß Minerva, stören werden. Endlich habe ich Sie, liebe Cousine, ganz für mich! Sie wissen,’daß ich Sie liebe. Warum vermag ich Ihnen nicht in’s Herz zu sehen und zu entdecken, was es vor mir verborgen hält? Ich bemühe mich zu hoffen, aber ich bedarf einer Ermuthigung Carminal werde ich je aus Ihrem Munde hören, daß Sie mich lieben?«

Das Mädchen dachte an die Worte der Gouvernante und an ihr jeder Sympathie ermangelndes Verhältniß zu ihrer Tante und wandte erbebend den Kopf.

»Ich verstehe Ihr Schweigen«, sagte er, ihre Hand loslassend und den Blick von ihr abwendend, traurig, aber ohne Bitterkeit.

Sie suchte nach einer Entschuldigung zeigte aber nur zu offen, wie sie ihn bemitleidete. »Wenn ich nur an mich zu denken brauchte ——« Die Stimme versagte ihr, aber in seine Augen kam neues Leben und auf seinem angegriffenen Gesichte erschien die Farbe wieder.

»Ich fürchte so, Ihnen wehe zu thun, Ovid, und möchte um Alles nicht die Ursache einer Entzweiung zwischen Ihnen und Ihrer Mutter sein ——«

»Was hat meine Mutter damit zu thun?«

»Sie werden mich nicht für undankbar halten?« fuhr sie fort, ohne auf seine Unterbrechung zu achten. »Wir sollten lieber von etwas Anderem sprechen. Heute Abend ließ Ihre Mutter mich rufen und —— seien Sie nicht böse! —— aber ich fürchte, sie würde angehalten sein, wenn sie wüßte, was Sie mit mir gesprochen haben. Oder habe ich Unrecht? Vielleicht hält sie mich nur für zu jung. O, wie Sie mich ansehen, Ovid! Ihre Mutter hat das nicht in so vielen Worten gesagt ——«

»Was hat sie denn gesagt?«

Diese Frage gab dem jungen Mädchen Gelegenheit, von etwas Anderem als von Liebe zu sprechen. »Sie müßten ein anderes Klima aufsuchen, und sie meinte, ich sollte Sie dazu überreden, ein Wunsch; den ich von ganzem Herzen erfülle. Lieber Ovid, Sie wissen, wie ich Sie vermissen werde, welch ein Verlust es für mich sein wird, wenn Sie fortgehen —— aber es giebt für Sie nur den einen Weg wieder gesund zu werden. Ich bitte Sie, thun Sie es! Ihre Mutter meint, ich hätte Einfluß über Sie —— habe ich das?«

»Sie sollen selbst urtheilen«, antwortete er. »Sie wünschen, daß ich Sie verlasse?«

»Zu Ihrem eigenen Besten —— ganz allein Ihretwegen.«

»Wünschen Sie auch, daß ich wieder zurückkomme?«

»Es ist grausam, so zu fragen!«

»Es hängt von Ihnen ab, Carmina. Schicken Sie mich fort, wann und wohin Sie wollen; ehe ich aber gehe, muß ich wissen, weshalb ich dies Opfer bringe. Keine Veränderung wird mir nützen, kein Klima meine Gesundheit wiederherstellen —— wenn Sie mir nicht Ihre Liebe schenken. Ich bin alt genug, um mich zu kennen, und habe Tag und Nacht daran gedacht. Ist es grausam von mir, Sie in dieser Weise zu drängen? Nur noch ein Wort: Es ist mir einerlei, was aus mir wird —— wenn Sie mir Ihre Hand verweigern.«

Carmina, der jede Erfahrung, jeder Rath fehlte und deren eigenes Herz gegen ihr Schweigen protestierte, fühlte den Zwang, den sie sich auferlegt hatte, fast unerträglich werden und die Thränen traten ihr in die Augen. Der Anblick derselben erbitterte ihn gegen seine Mutter, sein Gesicht wurde finster, er erhob sich und ging, mit sich selbst kämpfend, vor ihr auf und ab.

»Das ist das Werk meiner Mutter«, sagte er in einem Tone, der sie erschreckte und in ihr die Furcht, welche sie die ganze Zeit über Beherrscht hatte, daß sie die Ursache einer Entfremdung zwischen Mutter und Sohn werden könnte, plötzlich so mächtig machte, daß sie sogar Mrs. Gallilee zu vertheidigen suchte. Bei den ersten Worten, die sie sprach, setzte er sich wieder zu ihr, prüfte einen Moment ihr Gesicht und bereute seine Strenge sofort.

»Armes Kind, Sie fürchten sich, mir zu sagen, was vorgefallen ist«, sagte er. »Es wäre grausam und nutzlos, wenn ich Sie drängen wollte, gegen Ihren Willen zu sprechen —— endlich leuchtet mir die Wahrheit ein. Meine Mutter steht meiner höchsten Hoffnung im Leben feindlich gegenüber und will uns trennen. Aber das soll ihr nicht gelingen —— ich werde Sie nicht verlassen.«

Verwirrt und beschämt sah er fort, als Carmina ihn ansah, so daß sie fragte: »Sind Sie ungehalten auf mich?«

Hätte irgend ein Vorwurf sein Herz so berühren können, wie diese Frage es that?

»Ungehalten auf Sie? O, wenn Sie wüßten, wie ungehalten ich auf mich selbst bin! Es schneidet mir in’s Herz, wenn ich sehe, wie ich Sie betrübt habe. Ich bin ein elender Egoist, der Ihrer Liebe nicht werth ist. Vergeben Sie mir und vergessen Sie mich. Es soll Ihnen die beste Sühne werden, die ich geben kann —— ich werde morgen abreisen.«

Mit einem leisen Aufschrei der Liebe und Angst schlang das junge Mädchen ihre Arme nm seinen Hals und drückte ihre brennende Wange an sein Gesicht; der schweren Versuchung gegenüber hatte sie ihre Selbstbeherrschung bewahrt, hatte ihm und sich selbst widerstanden, seine plötzliche Nachgiebigkeit entwaffnete sie in einem Augenblicke. »Ich kann nicht anders«, flüsterte sie; »o, Ovid, verachte mich deshalb nicht!« Er zog sie an sich und drückte seine Lippen auf die ihrigen. »Küsse mich«, sagte er, und sie küßte ihn, in seinen Armen erhebend. Ihre unschuldige Hingabe aber verfehlte ihre Wirkung auf ihn nicht; er machte seine Arme los und behielt nur ihre Hand in der seinigen, dann folgte ein Schweigen —— ein langes, glückliches Schweigen.

Er war der Erste, der dasselbe brach. »Wie kann ich jetzt fortgehen!« sagte er, so daß sie über das leichtsinnige Vergessen seines vorhin abgegebenen Versprechens lächeln mußte.

»Weißt Du schon nicht mehr«, fragte sie scherzhaft, was Du mir soeben erst gesagst hast?« Dann machte das Lächeln einem Ausdrucke zärtlicher Bitte Platz und sie fuhr fort: »Gieb mir ein Beispiel von Festigkeit, Ovid —— und überlaß das nicht allein mir! Denke daran, welches Bekenntniß Du mir entrungen hast —— was für ein Interesse ich jetzt an Dir habe. Ich liebe Dich, Ovid —— sage, daß Du abreisen willst.«

»Mein Leben ist Dein und mein Wollen ist Dein; entscheide für mich, und ich werde die Reise antreten.«

Unter dem Gefühle dieser neuen Verantwortlichkeit antwortete sie ihm mit einem Ernst, als ob sie seine Frau gewesen wäre: »Ich muß Dir Zeit gewähren, Deine Sachen zu packen.«

»Sage, Zeit bei Dir zu sein!«

Da sie in Gedanken versunken schien, so fragte er, ob sie noch darüber nachdenke, wann sie ihn fortschicken solle. »Nein«, antwortete sie; »das ist es nicht. Ich wunderte mich über mich selbst. Wie kommt nur ein großer Mann wie Du dazu, mir so gut zu sein?«

Sein Arm stahl sich um ihren Leib, er konnte sie in der unter den Bäumen bereits herrschenden Dunkelheit eben sehen; außer dem Murmeln der Blätter war kein Laut in ihrer Nähe zu vernehmen und er küßte ihr Gesicht und küßte es wieder. Sie seufzte leicht. »Mach’ es mir nicht zu schwer, Dich fortzuschicken!« flüsterte sie. Dann erhob er sie, legte ihren Arm in den seinigen und sagte: »Komm’, laß uns etwas in der kühlen Luft spazieren gehen.«

Ihr Gespräch wandte sich wieder seiner Abreise zu und sie fragte ihn, ob es zu früh sein würde, wenn er seine Reise am Sonnabend anträte. Nein, antwortete er, er fühle es gleichfalls, daß die Trennung durch längeres Hinausschieben nur schwerer gemacht werden würde.

»Hast Du schon daran gedacht, wohin Du gehen willst«? fragte sie.

»Den Anfang muß ich mit einer Seereise machen«, erwiderte er, »da mir langes Fahren auf der Eisenbahn in meinem jetzigen Zustande nur nachtheilig sein würde. Die Schwierigkeit ist nur, wohin ich gehen soll. In Amerika bin ich gewesen, Indien ist zu heiß, Australien zu weit. Benjulia meinte nach Canada.«

Beim Vernehmen dieses Namens drückte ihre Hand mechanisch seinen Arm.

»Ein sonderbarer Mensch!« sagte sie. »Sogar sein Name berührt einen eigenthümlich. Ich weiß kaum, was ich von ihm halten soll. Schien er doch für den Affen mehr Gefühl zu haben als für Dich oder mich; gewiß war es Barmherzigkeit von ihm, das arme Thier mit nach Hause zu nehmen und zu versuchen, ob er ihm helfen könne. Bist Du sicher, daß er ein großer Chemiker ist?«

Solch eine Frage im Munde Carmina’s klang Ovid seltsam und er blieb stehen. »Weshalb zweifelst Du daran«? fragte er zurück.

»Wirst Du mich nicht auslachen, Ovid?« »Du weißt, daß ich das nicht thun werde!«

»Nun höre. In Rom kannten wir einen berühmten italienischen Chemiker, einen prächtigen alten Herrn, der mit meinem Vater gern Piquet spielte. Ich sah ihnen gewöhnlich zu, um es zu lernen, war aber zu dumm dazu. Die Hände unseres alten Freundes nun waren ganz voll Flecke, und als er mich einmal dabei ertappte, wie ich dieselben ansah, erzählte er mir, ohne im mindesten beleidigt zu sein, daß die Flecke von seinen Experimenten herrührten und auf keine Weise wieder fortzubringen seien. Als Doctor Benjulia Dir neulich den Branntwein gab, sah ich seine großen Hände und es fiel mir späterhin ein, daß auf denselben durchaus keine Flecke zu sehen waren. Ich scheine Dich zu überraschen.«

»Das thust Du in der That. Ich kenne Benjulia schon seit Jahren und habe nie auf das geachtet, was Dir gleich bei der ersten Begegnung mit ihm aufgefallen ist.«

»Vielleicht besitzt er ein Verfahren, die Flecke fortzubringen.«

Ovid stimmte dem zu, weil er damit dies Thema auf die bequemste Weise fallen lassen konnte; aber Carmina hatte ihn wirklich stutzig gemacht und er konnte die unbestimmten Gedanken, welche die Aufmerksamkeit des großen Chemikers gegen den Affen und die auffallende Reinheit seiner Hände in einen irrationellen Zusammenhang brachten, nicht los werden; nie vorher hatten ihn seine stillen Zweifel an Benjulia so beunruhigt als jetzt. Er wandte sich, um Trost zu finden, an Carmina.

»Noch immer nachdenklich mein Lieb?«

»Ich denke an Dich«, antwortete sie. »Ich möchte ein Versprechen von Dir haben —— und scheue mich Dich darum zu bitten.«

»Du scheust Dich? Also liebst Du mich doch nicht?«

»Jetzt muß ich es allerdings sofort sagen! Wie lange gedenkst Du fortzubleiben?«

»Zwei bis drei Monate vielleicht.«

»Versprich mir, bis zu Deiner Rückkehr Deiner Mutter nichts davon zu sagen, daß wir ——«

»Daß wir verlobt sind?«

»Ja.«

»Das Versprechen hast Du; aber Du machst mich unruhig, Carmina.«

»Warum?«

»Du wirst in meiner Abwesenheit unter der Obhut meiner Mutter stehen, und magst dieselbe nicht leiden.«

Das waren verfängliche Worte. Gab sie es zu, so konnte er sich wohl gar weigern, sie zu verlassen, oder falls er sich beherrschen sollte würden ihn Besorgnisse begleiten, die vielleicht die gute Wirkung der Reise auf’s Schlimmste beeinträchtigten. Eine Täuschung stand außer Frage. Erst heute Abend hatte sie mit seiner Mutter gezankt, und wußte noch nicht, ob dieselbe ihr vergeben hatte. Betrug war ihr im innersten Herzen verhaßt und andererseits begehrte sie von ganzem Herzen, ihn zu beruhigen. Was war in dieser schwierigen Lage das Richtige? Wie sich Eva von der Schlange überreden ließ, so Carmina von der Liebe. Die Liebe fragte sie, ob sie die Grausamkeit begehen wolle, den Geliebten ihres Herzens elend zu machen, und sie hatte schon angefangen, ihn zu täuschen, ehe sie selber sich dessen noch bewußt war.

»Du bist beinahe so grausam gegen mich, als ob Du Doctor Benjulia selbst wärst«, sagte sie. »Ich fühle die Ueberlegenheit Deiner Mutter —— und Du sagst, ich möchte sie nicht leiden. Hast Du nicht gesehen, wie gut sie gegen mich gewesen ist?«

Aber obgleich sie diese Weise der Behandlung der Sache für unwiderstehlich gehalten hatte, so machte sie doch auf Ovid gar keinen Eindruck, und sie mußte weiter auf dem Wege der Täuschung.

»Hast Du nicht meine reizenden Zimmer, mein Piano, meine Gemälde, das Porzellan und all die Blumen gesehen? Ich müßte ja das gefühlloseste Geschöpf von der Welt sein, wenn ich gegen Deine Mutter keine Dankbarkeit empfände.«

»Und doch fürchtest Du Dich vor ihr.«

»Nein, sage ich«, erwiderte sie, ungeduldig seinen Arm schüttelnd.

»Ich bleibe dennoch dabei, denn warum wünschest Du ihr unsere Verlobung zu verheimlichen, wenn Du Dich nicht vor ihr fürchtest?«

»Muß ich Dich wieder an vorhin erinnern?« gab sie zurück, sich mit weiblicher Schlauheit vor seiner Logik hinter seinen eigenen Ausspruch verschanzend. »Du sagtest doch, daß Deiner Mutter daran läge, uns zu trennen; habe ich da nicht einen guten Grund, wenn ich nicht wünsche, daß sie jetzt schon etwas von unserer Verlobung erfahre?« Dabei lehnte sie ihren Kopf liebkosend auf seine Schulter. »Sage mir«, fuhr sie dann fort, »erwartet Deine Mutter nicht, daß Du eine bessere Partie machen sollst, als Du mit mir machen wirst?«

Es ließ sich unmöglich leugnen, daß Mrs.Gallilee’s Ansichten diese Frage rechtfertigen konnten; denn hatte sie ihm nicht mehr als einmal gerathen, noch einige Jahre zu warten, ehe er an’s Heirathen dächte —— mit anderen Worten also solange, bis er die höchsten Ehren seines Berufes erlangt hätte? Aber er hielt Carmina zu hoch, um sie durch Vergleichung mit anderen, weß Ranges sie auch sein mochten, herabzuwürdigen.

»Meine Mutter kann gar keine bessere Partie für mich wünschen«, gab er ihr zur Antwort. »Ich möchte nur, daß ich sicher sein könnte, Dich bei einer Freundin, der Du Vertrauen und Liebe schenkst, zu wissen, wenn ich Dich bei ihr zurücklasse.«

»Warte, bis Du zurückkommst«, sagte sie mit aller ihr zu Gebote stehenden Munterkeit, denn in seinem Tone lag etwas Trauriges, das sie bekümmerte. »Du wirst Dich dann Deiner jetzigen Befürchtungen schämen. Und vergiß nicht, Ovid, daß ich außer Deiner Mutter noch eine, die beste und freundlichste Freundin besitze, die sich um mich bekümmern wird.«

»Eine Freundin im Hause meiner Mutter?« fragte Ovid überrascht.

»Gewiß!«

»Wer ist das?«

»Miß Minerva.«

»Was!« rief er in einem Tone das Erstaunens der Carmina's Gerechtigkeitsgefühl aufstachelte, ihre neue Freundin zu vertheidigen.

»Wenn ich Miß Minerva anfangs Unrecht that, so hatte ich die Entschuldigung eine Fremde zu sein«, sagte sie warm. »Du aber kennst sie schon seit Jahren und hättest ihre guten Eigenschaften schon längst entdecken sollen! Sind denn die Männer alle gleich? Selbst mein Vater pflegte häßliche Frauen unverzeihliche Mißgriffe der Natur zu nennen. Die arme Miß Minerva sagt selbst, daß sie häßlich ist, und erwartet von Niemanden: etwas Anderes, als daß er sie falsch beurtheile. Ich aber beurtheile sie nicht falsch. Teresa hat mich verlassen und Du gehst nun auch fort —— das ist eine schreckliche Aussicht, Ovid, aber doch nicht hoffnungslos, denn Frances —— ja, ich nenne sie bei ihrem Vornamen und sie mich gleichfalls! —— Frances wird mich trösten und mir das Leben so glücklich machen, als es nur sein kann, bis Du zurückkommst.«

»Ich darf annehmen, daß Du zu dem eben Gesagten Deine guten Gründe hast«, bemerkte Ovid, der, trotzdem er von der Gouvernante außer ihrem schlechten Temperamente und der unbarmherzigen Weise, den Geist der Kinder zu bilden, nichts wußte, was sein Vorurtheil gegen dieselbe rechtfertigen konnte, doch über Carmina’s plötzliche Bekehrung eine gewisse Unruhe empfand.

»Die besten Gründe von der Welt«, entgegnete Carmina auf’s bestimmteste.

Er überlegte einen Augenblick, wie er am zartesten nach diesen Gründen forschen könnte. »Willst Du mir behilflich sein, Miß Minerva Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?« begann er dann vorsichtig, um nicht etwa die günstige Gelegenheit vorübergehen zu lassen. »Willst Du mir sagen, was sie gethan hat ——«

»Pst!« unterbrach ihn Carmina plötzlich. »Rief da nicht Jemand nach mir?«

Sie horchten schweigend. Von außerhalb der Anlagen ertönte eine Stimme, bei deren Klange beide schuldbewußt auffuhren —— die Stimme Mrs. Gallilee’s.


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte