Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XXVIII
 

Herz und Wissen



Capitel XXVIII.

Die Ereignisse des folgenden Tages wirkten so auf Carmina’s erregbare Natur, daß sie den angefangenen Brief vollendete, ohne die so nöthige Ruhe genossen zu haben. Es sollte das letzte Mal sein, daß sie an ihre treue alte Freundin schrieb. »Frage mich nicht, wie die Nacht hinging!« schrieb sie. »Am Morgen war Miß Minerva die Erste, die zu mir kam; sie hatte aber kaum ein paar freundliche Worte mit mir gesprochen, als Maria ankam und sie an die Schulstunde erinnerte. Miß Minerva raunte mir zu daß die Mutter das Kind geschickt habe, und versprach mir, vor der Essenszeit der Kinder wieder zu mir zu kommen.

Wie wir Beide vermuthet hatten, erschien bald darauf meine Tante, die mir eine Tasse Thee brachte! und das Erste, was sie sprach, war eine Entschuldigung wegen ihres Benehmens am vorigen Abend. Sie wäre, wie sie sagte, von Sorgen gequält gewesen, die sie vollständig überwältigt hätten, und sie bat mich —— denke Dir! —— »des kleinen zwischen uns vorgefallenen Mißverständnisses nicht in meinem nächsten Briefe an Ovid zu erwähnen. Besteht diese Frau denn aus Eisen und Stein anstatt aus Fleisch und Blut? Als ob ich unter irgend welchen Umständen Ovid auch nur zu der geringsten Besorgniß Anlaß geben könnte! Mit so wenig wie möglich Worten beruhigte ich sie und wurde sie so wieder los.

Dann wartete meiner eine angenehme Ueberraschung, als ich vor meiner Stubenthür die Stimme des guten Mr. Gallilee hörte.

»Schläfst Du, mein Kind?« fragte er durch das Schlüsselloch. »Darf ich hineinkommen?« Und als ich bejahte, steckte er das freundliche runde Gesicht das mich in diesem Augenblicke an Zoe erinnerte, wenn sie mehr Pudding haben will, aber nicht glaubt, daß sie noch welchen bekommt —— in die Thür und sagte: »Ich bin so frei gewesen, unsern Hausarzt holen zu lassen, Carmina. Du bist eine so zarte Pflanze, liebes Kind —— nicht wahr, Mr. Null? Sie haben ja auch eine Reihe Töchter.« Dieses Letztere war an den Draußen stehenden gerichtet. »Bitte, laß ihn zu Dir kommen, mein Kind; ich bin Deinetwegen besorgt. Gestern Abend war ich auf der Treppe —— über mich wird ja immer hinweggesehen, nicht wahr, Mr. Null? —— und war Zeuge, wie Dich die brave Miß Minerva zu Bette trug. Mr. Null wartet hier; Du würdest mich bekümmern, wenn Du ihn wieder fort schicktest.«

Und wer könnte Mr. Gallilee bekümmern? Der Doctor kam also herein —— ein Mann, der wie ein Geistlicher aussah, ganz in Schwarz, mit schöner Hemdkrause und tadelloser weißer Cravatte —— musterte mich, zog eine kleine Glasröhre hervor, schüttelte dieselbe und steckte sie mir unter den Arm. Als er sie wieder fortgenommen und betrachtet hatte, äußerte er ein »Aha!« besah dann meine Zunge, die ihm gefiel, fühlte meinen Puls, der ihm nicht gefiel, und gab endlich das Gutachten ab: »Vollkommene Ruhe. Ich muß mit Mrs. Gallilee sprechen.« Damit war die Sache zu Ende.

Mr. Gallilee, der dem Vorgang mit großem Respect zugesehen hatte, flüsterte mir, ehe er dem Arzte folgte, zu: »Mr. Null ist ein ganz gescheuter Mensch.« So krank und elend ich nun auch war, so amüsierte mich doch der kleine Zwischenfall. Weshalb ich Dir denselben übrigens erzähle, weiß ich eigentlich selbst nicht, da ich doch ernste Sachen zu berichten habe.

Miß Minerva kam ihrem Versprechen gemäß wieder zu mir und sprach ihre Befriedigung darüber aus, daß der Doctor bei mir gewesen sei; und als ich sie fragte, ob mich der Doctor für sehr krank hielte, antwortete sie:

»Er ist der Ansicht, daß Sie mit genauer Noth dem Nervenfieber entgangen seien, und hat einige Verhaltungsmaßregeln gegeben, unter anderen die, daß man Ihren kleinsten Wünschen willfahren solle. Hätte er das nicht ausdrücklich gesagt, so würde es Mrs. Gallilee verhindert haben, daß ich zu Ihnen käme. So aber mußte sie es geschehen lassen; und sie haßt mich —— haßt mich fast ebenso bitter als Sie, Carmina.«

Das erinnerte mich daran, daß Miß Minerva mir am Abend vorher etwas Wichtiges hatte sagen wollen, woran sie dann durch den Eintritt Mrs. Gallilee’s verhindert worden war. Als ich sie danach fragte, schüttelte sie den Kopf und meinte, peinliche Gegenstände wären für meinen gegenwärtigen Zustand nicht passend. Ich ließ aber nicht nach, bis ich Alles wußte. O, wie muß mein Vater getäuscht worden sein, als er seine schreckliche Schwester zu meiner Vormünderin machte! Hätte ich nicht zum Glück den Musiklehrer beleidigt, so würde sie denselben benutzt haben, um Ovid eifersüchtig zu machen und die Saat der Uneinigkeit zwischen uns auszustreuen. Da ihr das mißlungen ist, so weiß sie, wie Miß Minerva meint, nicht, wie sie ihre schändlichen Absichten erreichen soll. Die Wuth über diese Enttäuschung scheint ihr rasendes Benehmen, als sie mich in Minerva’s Zimmer traf, zu erklären.

Du wirst nun fragen, was sie durch diese schändliche Intrigue hätte gewinnen können, da gewöhnliche Abneigung von Seiten der Mutter gegen das Heirathen ihres Sohnes sicherlich für Mrs. Gallilee’s Benehmen keine Erklärung gäbe. Kannst Du Dir denken, um was es sich handelt?

Miß Minerva ist schon längst der festen Ueberzeugung gewesen, daß, um es in einem Worte zu sagen, Geld das leitende Motiv sei. Sie fragte mich, ob ich das« Testament meines Vaters kenne, und rieth mir, als ich das verneinte, unter der Hand an Mr. Mool zu schreiben und denselben um eine Abschrift zu bitten.

Anfangs war mir diese Auffassung unverständlich denn meine Tante lebte im Glanze, und ich weiß von meinem Vater, daß sie selbst jährlich tausend Pfund Einkommen hat, die nach ihrer Verheirathung mit Mr. Gallilee noch um zweitausend vermehrt worden sind. Außerdem hatte ich Ovid selbst sagen hören, daß seine Mutter allzu erpicht auf das Sparen sei.

Aber anstatt überrascht zu sein, erwiderte Miß Minerva, daß ich dazu dreist noch das rechnen möchte, was ihr als Vormünderin für meine Unterhaltung ausgesetzt sei, und daß sie dennoch bei ihrer Meinung bliebe. Ovid und alle Bekannten Mrs. Gallilee’s irrten sich, wenn sie dieselbe für geldgierig hielten; in Wahrheit fehlte ihr das Geld, daher ihre Genauigkeit und ihre knickerigen Ansichten. Wenn auch ihr Einkommen ihrer Stellung nach vollständig genügen könnte, so sei es doch nicht ausreichend für eine Frau, die auf die Stellung ihrer reichen Schwester eifersüchtig. »Ich will Ihnen beweisen, daß ich nicht in’s Blaue hineinspreche,« sagte sie. »Sie waren doch bei der großartigen Gesellschaft anwesend, die sie vor einigen Wochen gegeben hat?«

»Ich wollte lieber, ich wäre auf meinem Zimmer geblieben«, antwortete ich. »Es verletzte meine Tante, daß ich ihre gelehrten Bekannten nicht bewunderte, die mit ein oder zwei Ausnahmen nur von sich und ihren Entdeckungen sprachen. O, und dieselben waren alle so häßlich!«

»Lassen Sie das jetzt, Carmina. Haben Sie die Verschwendung an kostbaren Blumen in der Halle, auf der Treppe und in den Empfangszimmern bemerkt und haben Sie im Eßsaale einen der Herren seine Bewunderung über den Luxus der Aufwartung, die exquisite französische Küche und die köstlichen Weine aussprechen hören? Sehen Sie, für Alles dies wird das viele Geld nur deshalb ausgegeben, weil Mrs. Gallilee es ihrer Schwester gleichthun will. Wie Lady Northlake in einem eleganten Quartiere wohnt und prächtige Wagen und Pferde hat, so muß es auch Mrs. Gallilee; und urtheilen Sie, was dies Haus, die Wagen und Pferde erst kosten, wenn ich Ihnen sage, daß allein die Miethe für die Ställe über hundert Pfund jährlich beträgt. Lady Northlake hat ein großartiges Landhaus in Schottland und darin kann ihre Schwester nicht mit ihr rivalisieren —— aber sie hat ihre Villa auf der Insel Wight und ebenfalls ihre eigene Yacht. Und wissen Sie, was die ersten Schneider in Paris kosten, die schon für ein ordinäres Kleid mit imitierten Spitzen, wie es Mrs. Gallilee niemals tragen würde, vierzig Pfund nehmen? Denken Sie ein Wenig nach und Sie werden selbst bei Ihrer Unerfahrenheit einsehen, daß Ihre Tante mehr ausgiebt, als sie leisten kann und wahrscheinlich früher oder später in ernstlicher Geldnoth sein muß, —— wenn sie nicht Hilfsquellen hat, von denen wir Nichts wissen.«

Das war für mich eine ganz neue Offenbarung und änderte natürlich meine Ansichten, aber ich vermochte noch nicht einzusehen, was diese Extravaganzen meiner Tante mit dem Entschlusse zu thun hatten, eine Heirath mit mir und Ovid zu verhindern. Miß Minerva’s Antwort war die Aufforderung, an Mr. Mool zu schreiben, so lange ich noch Gelegenheit hätte. Sie selbst wolle den Brief besorgen und mir die Antwort zurückbringen, da man dem Briefkorbe in der Halle nicht trauen könne.

Der Brief war schnell geschrieben und gerade, als sie mir denselben abnahm, meldete das Mädchen, daß das Frühstück angerichtet sei.

Zwei Stunden darauf hatte ich die Antwort in Händen. Mr. Gallilee war mit Maria und Zo ausgegangen und Miß Minerva hatte meiner Tante sagen lassen, daß sie einen Geschäftsgang zu machen habe.

»Sah meine Tante Sie zurückkommen?« fragte ich.

»Ja, sie hat ohne Zweifel auf mich gewartet.«

»Und hat sie Sie zu mir herauskommen sehen?«

»Ja.«

»Und nichts gesagt?

»Kein Wort.«

Wir sahen uns beide an und empfunden den gleichen Zweifel, wie der Tag enden würde. Dann zeigte Miß Minerva ungeduldig auf die Antwort des Rechtsanwalts.

Der Brief desselben war sehr freundlich, aber der letzte Theil, in welchem er vom »Prüfen des Testamentes« und Doctoren und ich weiß nicht was sprach, war mir völlig unverständlich.

Ebenso erging es mir mit der beiliegenden Abschrift des Testamentes selbst, durch dessen viele Fremdwörter, beständige Wiederholungen und langathmige Sätze ich mich wirklich nicht durchfinden konnte, so daß ich es Miß Minerva überreichte. Diese aber schlug gleich das Ende auf, und ich sah an ihrem Gesichte, daß sie verstand, was sie las. Nach einer Weile aber wurde sie plötzlich bleich, sah mich an und sagte: »Erschrecken Sie nicht.«

Aber ich war wirklich erschrocken. »Was kann mir meine Tante thun?« fragte ich.

»Sie haben bei der Stellung Ihrer Tante und ihrer kalten selbstsüchtigen Natur nicht zu besorgen daß sie versuchen sollte, ihre Zwecke durch Gewaltmittel zu erreichen,« beruhigte mich Miß Minerva. »Aber Ihr Glück ist vielleicht gefährdet —— und die Aussicht ist, weiß der Himmel, schlimm genug.«

Ich fragte, ob im Testamente etwas von Ovid stände. Die Frage schien sie zu verdrießen. »Es handelt sich einzig und allein um Sie«, antwortete sie heftig. »Es liegt im Interesse Ihrer Tante, daß Sie eben sowenig ihren Sohn als sonst Jemanden heirathen, denn wenn Sie sterben, ohne Kinder zu hinterlassen, so fällt Ihr ganzes Vermögen an Mrs. Gallilee und ihre Töchter. Machen wir uns die Sache deutlich. Sie selbst scheint für ihre eigene Person nur ein entferntes Interesse an dem Gelde haben zu können, da man annehmen darf, daß Sie Ihre Tante überleben werden; aber Maria und Zoe können Sie überleben; und wir wollen annehmen, daß die Mutter das Interesse dieser beiden Kinder im Auge hat. Sie sehen, es ist nicht zu weit hergeholt, anzunehmen, daß sie sich in die Nothwendigkeit versetzt sähe, Geld zu leihen. Wenn sie nun die Erlaubniß ihres Mannes dazu erhält —— wir kennen ja Mr. Gallilee! —— und wenn sie, wie so viele in ihrer Lebensstellung, sich Geld von ihren Banquiers leiht?«

Trotzdem ich Miß Minerva als kluge Frau kannte, überraschte mich ihre Vertrautheit mit dergleichen Geschäften, und ich sprach mich dahin aus.

Sie lächelte traurig und antwortete: »Ich spreche nach Erfahrungen in meiner eigenen Familie. Mein Vater war genöthigt, eine für seine Verhältnisse beträchtliche Summe zu leihen, und stellte den Darleihern als Sicherheit einen großen Theil des Vermögens von zehntausend Pfund, aus welchem er seine Einnahme bezog. Er bezahlte die Zinsen regelmäßig, starb aber, ohne im Stande zu sein, das Darlehn zurückzuzahlen, und seine Gläubiger machten sich mit dem Gelde bezahlt, das er ihnen zur Sicherheit übertragen hatte —— eine Folge davon ist unter anderem, daß ich mir mein Brod als Gouvernante verdienen muß. Was hier geschah, kann auch mit noch größeren Summen in Mrs. Gallilee’s Falle geschehen —— und wenn sie das Geliehene nicht zurückzahlen kann, geht es nach dem Tode der Eltern vom Vermögen der beiden Mädchen ab. Verstehen Sie jetzt, was davon abhängt, wenn Sie unverheirathet sterben?«

Ich sah ein, daß mein Vermögen Alles aufwiegen würde, was Maria und Zoe durch die Verschwendung ihrer Mutter verlieren sollten.

»Selbst angenommen auch«, fuhr Miß Minerva fort, »Ihre Tante besäße Hilfsquellen, von denen wir nichts wüßten, so behielte sie immer doch dasselbe Interesse daran, Ihre Heirath zu verhindern. Denn wenn die Mädchen Ihr Vermögen erben, so stehen sie ihrer Aussicht nach den Kindern Lady Northlakes wenig nach. Brauche ich nach dem, was ich Ihnen über die Eifersucht Ihrer Tante aus die Stellung ihrer Schwester gesagt habe, noch mehr hinzuzufügen?«

Ich dankte von ganzem Herzen —— und wandte mich, von Abscheu überwältigt, im Bette ab.

Die Uhr in der Halle schlug die Stunde, wo die Kinder ihren Thee bekamen, und Miß Minerva mußte fort. Sie küßte mich. »Da haben Sie den Kuß, den Sie mir gestern Abend geben wollten«, sagte sie. »Verzweifeln Sie nicht; ich bleibe noch einen Monat im Hause und bin Mrs. Gallilee gewachsen. Jetzt nichts mehr davon; fassen Sie sich und versuchen Sie zu schlafen.«

Dann ging sie ihren Pflichten nach. Aber an Schlaf war bei mir nicht zu denken, auch zu lesen vermochte ich nicht, und nichts thun hieß soviel, wie an all das Geschehene denken. Wärst Du zu mir in’s Zimmer gekommen, ich hätte Dir Alles erzählt; da ich das nicht mündlich konnte, so that ich es schriftlich, und Du weißt nicht, welche Erleichterung mir das Schreiben dieser Zeilen verschafft hat.

Es ist Nacht, und die Heimsuchungen die mir in diesem Hause widerfahren sind, haben ihren Höhepunkt erreicht.

Sei nicht überrascht und beunruhige Dich nicht, wenn ich Dir sage, daß ich das Haus verlassen und bei Lady Northlake Zuflucht suchen werde, wenn ich morgen noch in derselben Gemüthsverfassung sein sollte, wie heute Nacht.

O, könnte ich zu-Ovid! Aber der durchreist die kanadische Wildniß, und ehe er nicht wieder an die Küste kommt, kann ich ihm nur unter der Adresse seines Banquiers in Quebec schreiben. Ich wüßte gar nicht, wo ich ihn suchen sollte, wenn ich hinüber reiste —— und was für eine Begegnung würde das sein, wenn ich ihm sagen müßte, daß seine Mutter mich fort getrieben hätte! Es kann aber für ihn nichts Beunruhigendes haben, wenn ich zu der Schwester seiner Mutter gehe. Könntest Du dieselbe sehen, so würdest Du ebenso fest wie ich überzeugt sein, daß sie für mich Partei ergreifen wird.

Nachdem ich an Dich geschrieben hatte, muß ich eingeschlafen sein. Es war ganz finster, als ich durch das Anstreichen eines Zündhölzchens in meinem Zimmer erwachte und aufsehend nicht Miß Minerva erblickte, wie ich erwartet hatte, sondern meine Tante, die das Licht ansteckte.

Sie goß mir die beruhigende Medicin ein, die Mr. Null mir verschrieben hatte und die ich schweigend einnahm, und setzte sich dann zu mir an’s Bett.

»Liebes Kind«, begann sie, »wir sind jetzt wieder gute Freunde, und Du trägst mir doch nichts nach?«

Mißtrauen aber ließ mich schweigen, denn ich dachte daran, daß sie Miß Minerva aufgepaßt, und dieselbe zu mir herauskommen sehen hatte, und glaubte ganz fest, daß sie sich dafür an uns rächen wollte, daß wir vor ihr unter einander Geheimnisse hätten.

»Fühlst Du Dich besser?« fragte sie.

»Ja.«

»Hast Du irgend etwas, das ich Dir besorgen kann?«

»Nein, ich danke —— jetzt nicht.«

»Soll Mr. Null vor morgen noch wiederkommen?«

»O, nein!«

Meine Antworten waren unliebenswürdig kurz —— aber es kostete mich auch Anstrengung, überhaupt mit ihr zu sprechen. Sie schien indessen durchaus nichts übel zu nehmen, sondern fuhr so sanft wie je fort:

»Liebe Carmina. ich habe meine Fehler und Launen und bin mit meinen Neigungen vielleicht nicht eben eine sympathische Gesellschafterin für ein junges Mädchen. Aber ich hoffe, Du glaubst, daß es meine Pflicht und ein Vergnügen für mich ist, Dir eine zweite Mutter zu sein.«

»Ja! das sagte sie wirklich; und ob es nun nur der Aerger machte, oder ob ich hysterisch wurde, genug, es war mir, als ob ich ersticken müßte, und ich mußte sie bitten, das mir zunächst befindliche Fenster zu öffnen, trotzdem das andere bereits geöffnet war.

Sie that es und fächelte mir dann Kühlung zu bis ich das nicht länger aushalten konnte und sie bat, sich nicht weiter zu bemühen. Sobald sie aber den Fächer niedergelegt hatte, fing sie wieder an:

»Ich möchte mit Dir über Miß Minerva sprechen. Du weißt, daß ich ihr gestern Abend gekündigt habe. Ich bedaure Deinetwegen, diesen Schritt nicht vor Deiner Ankunft gethan zu haben.«

Als ich sie aber so von Miß Minerva sprechen hörte, kehrte mein Selbstvertrauen sofort zurück und ich sagte ihr, daß ich dieselbe als meine beste und treueste Freundin ansähe.

»Das ist es ja eben, was ich beklage, liebes Kind! Sie hat sich in Dein Vertrauen gedrängt und ist desselben vollständig unwürdig.«

Zu diesen abscheulichen Worten konnte ich nicht schweigen. »Mrs. Gallilee!« sagte ich, »Sie thun Jemandem das größte Unrecht, den ich liebe und achte!«

»Mrs. Gallilee?« wiederholte sie. »Habe ich mich dafür, daß Du mich nicht mehr Tante nennst, bei Miß Minerva zu bedanken? Bei Deiner Hartnäckigkeit bleibt mir nichts Anderes übrig, als mich offen auszusprechen. Hätte ich meine Pflicht gethan, so hätte ich das, was ich jetzt sagen will, schon längst sagen müssen. Diejenige, der Du Dein Vertrauen schenkst, ist Deine bitterste Feindin; eine Feindin, die Dich haßt, mit dem unerbittlichen Hasse einer Nebenbuhlerin ——«

Ich fuhr vom Bette auf; mein Gerechtigkeitsgefühl sträubte sich dagegen, es zu glauben; aber, ach! Teresa, eine Stimme tief in meinem Innern sagte mir, daß es wahr sei!

»Ich kenne sie durch und durch«, fuhr meine Tante rücksichtslos fort; ich habe sie von Grund aus studiert und in ihr falsches Herz gesehen. Ich allein habe sie durchschaut. Sage es ihr in’s Gesicht, wenn Du willst, und sieh’ zu, ob sie es zu leugnen wagt. Ich sage Dir, Miß Minerva liebt meinen Sohn.«

Sie hatte ihren Zweck erreicht, war mit Miß Minerva quitt, und erhob sich. »Lege Dich wieder nieder und denke über das, was ich Dir gesagt habe, nach —— denke wohl darüber nach in Deinem eigenen Interesse.« Dann war ich allein.

Willst Du wissen, was mich davor bewahrte, der Erschütterung zu unterliegen? Es war Ovid, der Tausende von Meilen von mir entfernt, war. Ich liebe ihn von ganzem Herzen und ganzer Seele und glaube fest, daß ich ihn besser kenne, als mich selbst. Hätte seine Mutter Miß Minerva ihm verrathen, wie sie dieselbe mir verrathen hat, er würde die Unglückliche aufrichtig bemitleidet haben, dessen bin ich so sicher, wie ich den Mond beim Schreiben hier auf mein Bett scheinen sehe. Ovid hätte sie bemitleidet —— und ich bemitleidete sie. Dies Bewußtsein beruhigte und rettete mich.

Ich schrieb sofort an sie und redete sie aus Furcht, daß sie meine Motive mißverstehen und mich für böse und eifersüchtig halten könnte, in der früheren vertraulichen Weise mit ihrem Vornamen an:

»Gestern Abend wagte ich es, Frances, Sie zu fragen, ob Sie Jemanden liebten, der Sie nicht wieder liebte; und Ihre Antwort war »Rathen Sie, wer es ist«. Eben hat mir meine Tante gesagt, es sei ihr Sohn. Ist es wahr?«

Als ich das Mädchen mit dem Briefe fortgeschickt hatte, verschloß ich zum ersten Male, solange ich hier im Hause bin, die Thür. Ich konnte und wollte meine Tante nicht wiedersehen. Alle ihre vorige Grausamkeit ist nichts dagegen, daß sie in meiner Krankheit zu mir kommt und mir so etwas sagt.

Langsam verging mir die Zeit; endlich »— endlich klopfte das Mädchen wieder und brachte mir folgende schriftliche Antwort:

»Mrs. Gallilee hat die Wahrheit gesagt.

»Wie ich ihr mein unseliges Geheimnis; verrathen habe, weiß ich nicht. Ich werde es Ihnen und keinem lebenden Wesen außer Ihnen eingestehen, denn so unwerth ich auch bin, so weiß ich doch, daß ich Ihnen vertrauen kann.

»Es ist unnöthig, mich des Langen und Breiten über dies Geständniß ergehen. Mancherlei in meinem Benehmen, das Ihnen unverständlich gewesen sein muß, wird Ihnen jetzt von selbst klar sein. Eins aber muß ich Ihnen noch gestehen: Hätte mich Mrs. Gallilee in’s Vertrauen gezogen, meine Eifersucht würde mich soweit erniedrigt haben, ihre Complicin zu werden; wie die Dinge aber lagen, war ich zu erbittert und zu schlau, mich von ihr gebrauchen zu lassen, ohne daß sie mir ihr Vertrauen schenkte.

»Ich hätte Ihnen noch andere Täuschungen zu bekennen, wenn ich nur soviel Fassung besäße, darüber zu schreiben. Ich will lieber sogleich sagen, daß ich Ihrer Verzeihung nicht werth bin, ja nicht einmal Ihr Mitleid verdiene.

»Mit gleicher Aufrichtigkeit warne ich Sie vor mir, denn vielleicht ist die Schlechtigkeit, auf die Mrs. Gallilee rechnete, noch in mir. Der Einfluß Ihrer höheren und besseren Natur —— vielleicht noch unterstützt durch jenen, von welchem der alte Priester in seinem Briefe sprach —— hat mein Herz für ein Gefühl der Sanftheit und Reue geöffnet, dessen ich mich selbst nie fähig glaubte; hat mir die brennenden Thränen in’s Auge gebracht, die mir das Schreiben an Sie so schwer machen. Alles dies weiß ich, und wage doch nicht, an mich zu glauben. Es ist nutzlos, es zu leugnen, Carmina —— ich liebe ihn. Selbst jetzt, da Sie es entdeckt haben, liebe ich ihn. Trauen Sie mir nicht. O Gott, welche Qual ist es, es zu schreiben —— aber ich schreibe es, ich will es schreiben —— trauen Sie mir nicht.

»Eins will ich noch sagen. Ich weiß, daß meine Liebe gänzlich hoffnungslos ist; weiß, daß er Ihre Liebe erwidert und meine nie erwidern wird. Sei es denn so.

»Ich bin nicht mehr jung; habe kein Recht, mich mit Hoffnungen zu trösten, die, wie ich weiß, eitel wären. Soll eine von uns leiden, so mag es die sein, die an Leiden gewöhnt ist. Ich bin nie wie Sie der Liebling meiner Eltern gewesen; war zu Hause nicht die Freundlichkeit und Liebe gewöhnt, deren Sie sich erinnern; ein Leben ohne Annehmlichkeit und Freude hat mich für eine liebe leere Zukunft vorbereitet. Und außerdem sind Sie seiner werth und ich bin es nicht. Mrs. Gallilee irrt sich, Carmina, wenn sie mich für Ihre Nebenbuhlerin hält; ich bin es nicht und kann es nie sein. Glauben Sie sonst nichts, aber, um Gottes willen, glauben Sie das!

»Weiter habe ich nichts zu sagen —— soviel ich wenigstens jetzt wüßte. Vielleicht schaudern Sie davor zurück, noch ferner mit mir unter einem Dache zu leben. Dann lassen Sie mich das wissen, und ich werde bereit —— ich möchte fast sagen erfreut sein, zu gehen.«

Hast Du gelesen, Teresa? Habe ich Unrecht, wenn ich fühle, daß dies arme verwundete Herz einen Anspruch an mich hat? Sollte ich Unrecht haben, o, was soll ich dann thun! was soll ich thun!«


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