Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XXXV
 

Herz und Wissen



Capitel XXXV.

Ich weiß gar nicht, was mit mir ist, und es ist mir manchmal, als ob ich wirklich krank würde.«

Es war am Tage nach Mrs. Gallilee's Vesuche bei dem Rechtsanwalt —— und Obiges war die Antwort Carmina’s, als die Gouvernante nach Beendigung des Morgenunterrichts bei ihr eintrat und sie fragte, ob sie sich besser fühle.

»Nehmen Sie noch Arznei ein?« fragte Miß Minerva weiter.

»Ja. Mr. Null sagt, es sei ein Stärkungsmittel und würde mir jedenfalls gut thun. Ich merke aber noch nichts davon, fühle mich vielmehr so entsetzlich schwach, Frances. Die geringste Kleinigkeit bringt mich zum Weinen, und dabei schiebe ich auf, was ich thun sollte und thun möchte, ohne zu wissen warum. Sie erinnern sich dessen, was ich Ihnen über Teresa gesagt habe? Dieselbe kann meines Wissens in einigen Tagen hier sein, und ich muß eine hübsche Wohnung für sie suchen —— und ich sitze hier und denke wohl daran, handele aber nicht.«

»Ueberlassen Sie mir die Sache«, meinte Miß Minerva.

»Das ist zu freundlich von Ihnen«, sagte Carmina, während ihr trauriges Gesicht sich erhellte.

»Unsinn! Ich werde heute nach dem Essen mit den Kindern ausgehen, und es wird mir und den Mädchen ein Vergnügen sein, Wohnungen zu besehen.«

»Wo ist Zo? Warum haben Sie dieselbe nicht mitgebracht?«

»Sie hat jetzt Musikstunde, und ich muß wieder hin, um sie in Ordnung zu halten. Ein Wohn- und ein Schlafzimmer werden jawohl genug sein? Aber hier in der Nachbarschaft werden die Miethen ziemlich hoch sein, fürchte ich.«

»O, das macht nichts! Wenn es nur reine luftige Zimmer sind —— und die Wirthin freundlich ist. Teresa braucht es nicht zu wissen, wenn sie theuer sind.«

»Wird sie zugeben, daß Sie ihre Ausgaben bestreiten?«

»Sehen Sie, Sie sprechen zartfühlend! Meine Tante schien daran zu zweifeln, daß Teresa überhaupt Geld habe, und ich dachte in dem Augenblicke nicht daran» daß mein Vater ihr ein kleines Einkommen ausgesetzt hat. Sie hat es mir selbst gesagt und wunderte sich, wie sie das aufbrauchen sollte. Das darf sie aber nicht, und wir werden ihr sagen, daß der Miethspreis nur die Hälfte des wirklichen betrüge —— die andere Hälfte werde ich bezahlen. Ist es nicht hartherzig von meiner Tante, daß sie meine alte Amme nicht bei uns wohnen lassen will?«

In diesem Augenblicke ließ Mrs. Gallilee sagen, daß sie Miß Carmina sofort zu sprechen wünsche.

»Warum zittern Sie so, Liebe?« fragte Miß Minerva, als der Bediente wieder fort war.

»Es ist etwas in mir, Frances, das vor meiner Tante zurückschaudert, seitdem —— ——«

Sie hielt inne.

Miß Minerva verstand diese plötzliche Pause —— die unabsichtliche Anspielung auf Carmina's unverschuldetes Wissen um ihre Gefühle für Ovid. Nach stillschweigender Uebereinkunft behielten sie noch ihre früheren Beziehungen bei, als ob Mrs. Gallilee nichts gesagt hätte. Carmina traurig, aber freundlich ansehend, sagte sie derselben »Adieu für jetzt« und ging nach oben zu dem Schulzimmer.

Der Bediente wartete auf Carmina in der Halle und öffnete die Thür der Bibliothek, in welcher die Gelehrte bei ihren Studien war.

Da Carmina am vorigen Abend auf ihrem Zimmer geblieben war und heute Morgen im Bette gefrühstückt hatte, sah sie ihre Tante jetzt zum ersten Mal, seitdem dieselbe Benjulia ihren Besuch gemacht hatte, und wurde sich sofort einer Veränderung bewußt, die sie allerdings mehr fühlte, als daß sie sich darüber Rechenschaft geben konnte —— einer subtilen Veränderung in der Weise, wie dieselbe sie ansah und anredete, als sie sagte: »Ich habe mit Mr. Null über Dich gesprochen.« Das Herz schlug Carmina heftig, während sie schweigend den nächsten Stuhl nahm.

»Der Doctor«, fuhr Mrs. Gallilee fort, »hält es für wichtig, daß Du soviel als möglich in die Luft kommst, und er wünscht, daß Du während des schönen Wetters jeden Tag ausfährst. Ich habe den offenen Wagen nach dem Lunch bestellt. Da ich selbst verhindert bin, Dich zu begleiten, wirst Du unter der Obhut meiner Jungfer sein und zwei Stunden draußen bleiben. Mr. Null hofft, daß es Dich kräftigen wird. Wünschst Du sonst irgend etwas?«

»Nein — ich danke.«

»Vielleicht ein neues» Kleid?«

»O, nein!«

»Hast Du Dich über die Dienerschaft zu beklagen?«

»Nein, dieselben sind stets freundlich gegen mich.«

»Dann wir! ich Dich nicht weiter aufhalten —— ich erwarte gleich Besuch.«

In Zweifel und Furcht hatte Carmina das Zimmer betreten und verließ es wieder mit einem seltsamen Gemisch von Unruhe und Erleichterung. Mit jedem Worte, welches ihre Tante zu ihr gesagt, hatte sich das Gefühl von einer mysteriösen Veränderung, die mit derselben vorgegangen, vermehrt. In ihrem Ton und Benehmen entsprach dieselbe ganz der Vorstellung, die sich Carmina von den Vorsteherinnen jener Besserungs-Institute, von denen sie gehört, gemacht hatte, und das junge Mädchen war sich ungefähr wie eine von einer solchen Gemaßregelte vorgekommen.

Beim Durchschreiten der Halle nahmen ihre Gedanken eine neue Richtung an, eine unbestimmte Unruhe in Bezug auf die Zukunft ergriff sie, und, indem ihr Auge abwechselnd auf ein auf dem Tische in der Halle stehendes häßliches Korkmodell des Colosseums fiel, dachte sie bei sich: »Hoffentlich kommt Teresa bald« —— dann wandte sie sich der Treppe zu.

Den Kopf gesenkt, in sich versunken, erreichte sie den Flur der ersten Enge, als sie plötzlich den Schall von Fußtritten vernahm und aufsehend sich Mr. Le Frank gegenüber sah, der nach Beendigung seiner Musikstunde aus dem Schulzimmer kam. Bei dem Plötzlichen dieser Begegnung entfuhr ihr ein leichter Ausruf des Erschreckens, worauf der Musiklehrer eine ausgesucht förmliche Verbeugung machte und mit albern steifer Euiphase sagte: »Ich bitte um Verzeihung, gnädiges Fräulein.«

Mit einem Gefühl der Reue jener paar thörichten Worte gedenkend, die er unglücklicherweise gehört hatte, machte das Mädchen, einem natürlichen Impulse folgend, den Versuch, ihn zu versöhnen, indem sie schüchtern sagte: »Ich habe so wenig Freunde, Mr. Le Frank —— darf ich Sie als einen derselben betrachten? Wollen Sie vergeben und vergessen? Wollen Sie mir die Hand geben?«

Der Musiklehrer machte nochmals eine prächtige Verbeugung, sagte in seinen schönsten widerhallenden Tönen —— er war ja stolz auf seine Stimme —— »Sie beehren mich ——« nahm die ihm dargebotene Hand und führte dieselbe mit Grandezza an die Lippen.

Mit der freien Hand sich an der Ballustrade haltend, drängte sie das Gefühl des Ekels, welches diese momentane Berührung ihr verursachte, zurück; aber er hätte vielleicht dennoch die äußeren Zeichen des in ihr vorgehenden Kampfes entdeckt, wenn nicht plötzlich die Stimme Mrs. Gallilee’s, die in der geöffneten Thür der Bibliothek stand, erklungen wäre.

»Ich warte auf Sie, Mr. Le Frank.«

Carmina eilte nach oben und hatte in ihrer ersten Verwirrung und Muthlosigkeit nur den einen klaren Gedanken, daß sie wieder eine Unklugheit begangen habe.

Mittlerweile hatte Mrs. Gallilee ihren Musiklehrer mit dem ihr eben möglichen nachsichtigen Willkommen empfangen.

»Nehmen Sie Platz im Lehnstuhle Mr. Le Frank. Sie sind doch nicht ängstlich wegen des geöffneten Fensters?«

»O bewahre! Das habe ich gern!« Dann rollte er hastig einige Notenblätter auseinander, die er mit heruntergebracht hatte, und sagte: »Wegen des Liedes, das zu erwähnen ich die Ehre hatte —— ——«

»Legen Sie dasselbe vorläufig dahin«, unterbrach ihn die Hausherrin, auf den Tisch deutend. Ich habe erst etwas mit Ihnen zu sprechen. Wie kamen Sie dazu, meine Nichte zu erschrecken? Ich hörte etwas wie einen Schrei und sah deshalb hinaus. Sie entschuldigte sich und bat Sie, zu vergeben und zu vergessen. Was bedeutet dies Alles?«

Mr. Le Frank strengte seinen Scharfsinn an, um höflich ausweichen zu können, hatte aber nicht den mindesten Erfolg. Mrs. Gallilee ließ ihn nicht entschlüpfen; er mußte ihr wörtlich Carmina’s Ansicht über ihn als Mensch und Musiker und die Umstände, unter denen er dieselbe erfahren hatte, berichten. Sie hörte ihm dabei mit einem Interesse zu, welches unter weniger mißlichen Verhältnissen selbst seiner Eitelkeit geschmeichelt hätte.

Nicht einen Augenblick ließ sie sich durch den plump affektierten Humor, mit dem er die Geschichte erzählte, täuschen, ihr Scharfsinn entdeckte vielmehr das Gefühl der Rachsucht gegen Carmina, das ihn im Nothfalle zu einem brauchbaren Werkzeuge in ihrer Hand machen konnte. Allmählich zeigte sie sich in dem neuen Charakter einer sympathisierenden Freundin.

»Jetzt weiß ich, weshalb Sie es ablehnten, meiner Nichte Musikunterricht zu geben, und kann nicht umhin, mich zu entschuldigen, daß ich Sie unwissentlich in eine falsche Stellung gebracht habe. Ich weiß das Zartgefühl, welches Ihr Benehmen bekundet, zu würdigen —— ich verstehe und bewundere Sie.«

Die blühenden Wangen des Musiklehrers wurden noch röther; sein kaltes Blut erhitzte sich durch die Gluth geschmeichelter Selbstachtung.

»Meiner Nichte Motive, dies zu verschweigen, sind klar genug«, fuhr Mrs. Gallilee fort. »Ich will hoffen, daß sie sich schämte, den vollständigen Mangel an Geschmack, Delicatesse und Lebensart, der Sie mit Recht beleidigt hat, einzugestehen. Miß Minerva aber hat keine Entschuldigung, daß sie mich im Dunkeln gelassen, und ihr Benehmen in dieser Sache bietet, wie ich leider sagen muß, wieder ein Beispiel ihrer gewohnten Vernachlässigung der Pflichten, die mit ihrer Stellung in meinem Hause verbunden sind. Es scheint ein privates Einverständniß zwischen meiner Gouvernante und meiner Nichte zu existieren, das ich des Höchsten mißbillige. Doch das Thema ist zu widerwärtig, um bei demselben zu verweilen. Sie sprachen von Ihrem Liede —— jawohl das neueste Product Ihres Genius?«

Seines »Genius!« Die innere Gluth Mr. Le Franks wurde wärmer und wärmer. »Ich habe um die Ehre einer Unterredung gebeten, um eine Bitte auszusprechen«, erklärte er, die Notenblätter vom Tische nehmend. »Dies ist mein neuestes und, so hoffe ich, bestes Compositionsproduct. Darf ich es Ihnen ——?«

»Dediciren!« rief Mrs. Gallilee enthusiastisch worauf der Musiklehren der das Compliment fühlte, sich dankbar verbeugte.

»Brauche ich zu sagen, mit welcher Freude ich die Ehre annehme?« Mit dieser anmuthigen Antwort erhob sich Mrs. Gallilee.

Sollte das eine Andeutung sein, daß er sie nun, da er seinen Zweck erreicht, ihren Studien überlassen möge, oder war es ein Akt der Huldigung, den die Wissenschaft der Kunst darbrachte? Mr. Le Frank war nicht im Stande, irgend einer Handlung einer Dame —— und erst solch einer Dame —— in seiner Gegenwart eine ungünstige Deutung zu geben und er fühlte wieder das Compliment. »Das erste Exemplar soll Ihnen, gnädige Frau, übersandt werden«, sagte er und griff nach seinem Hüte, um so schnell wie möglich die Setzer in Thätigkeit zu setzen.

»Und weitere fünfundzwanzig Exemplare auf welche ich subscribire«, rief seine freigebige Patronin, ihm herzlich die Hand schüttelnd.

Mr. Le Frank versuchte seiner Verbindlichkeit Ausdruck zu geben, aber die Großmüthige wollte Nichts davon hören.

Ehe er aber aus der Halle war, wurde er noch einmal weich und vertraulich in die Bibliothek zurückgerufen.

»Noch ein Wort«, sagte Mrs. Gallilee. »Bitte schließen Sie für einen Augenblick die Thür, Miß Carmina möchte wieder auf der Treppe sein. Haben Sie eine Idee, welchen Zweck sie mit dieser außerordentlichen Abbitte verfolgte?«

»Nicht die mindeste«, antwortete der Musiklehrer, dessen Argwohn sofort erwachte. »Können Sie es mir sagen?«

»Ich bin darüber ebenso in Verlegenheit wie Sie«, entgegnete Mrs. Gallilee. »Vielleicht wird die Zeit es lehren. Adieu noch einmal —— und meine besten Wünsche für den Erfolg des Liedes.«


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