Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XL
 

Herz und Wissen



Capitel XL.

Als der Wagen vom Hause des Rechtsanwaltes abfuhr, sah das Mädchen nach der Uhr und sagte zu Carmina: »Wir werden heute beinahe eine Stunde zu spät nach Hause kommen.«

»Das ist meine Schuld, Johanne. Wenn meine Tante fragt, so sagen Sie ihr nur die Wahrheit; ich werde darum nicht schlechter von Ihnen denken, wenn Sie den Befehlen Ihrer Herrin gehorchen.«

»Nein, ich würde lieber meine Stelle verlieren, als Sie in Ungelegenheiten bringen, gnädiges Fräulein«, antwortete das Mädchen, das Carmina durch ihr liebenswürdiges freundliches Wesen ganz für sich gewonnen hatte. Und der Blick besorgten Interesses, mit dem sie die junge Dame betrachtete, während sie schnell dahinfuhren, bewies, daß sie es wirklich so meinte und fühlte, wie sie sagte.

Statt wie gewöhnlich heiter zu Plaudern, war Carmina heute schweigsam und ernst. Der Besuch bei dem Anwalte hatte sie bestimmt, den verzweifelten Schritt zu unternehmen, den ihr Miß Minerva vorgeschlagen hatte.

Hätte Mr. Mool die Behauptung ihrer Tante, daß sie als Vormünderin und Pflegerin unbeschränkte Macht über sie habe, für unstichhaltig erklärt, so wäre Carmina —— das hatte sie sich vorgenommen —— bis zur Rückkehr Ovid’s unter der Botmäßigkeit derselben geblieben, vorausgesetzt, daß ihr erlaubt worden wäre, nach der Ankunft ihrer alten Amme, mit dieser zurückgezogen zu leben. Dieser Wohnungswechsel würde ein Aneinandergerathen ihrer Tante und Teresa’s verhindert und ihr Leben so ruhig und friedlich gemacht haben, wie sie nur wünschen konnte.

Aber jetzt, da der Rechtsanwalt die Auffassung ihrer Tante von ihrem Verhältnisse zu derselben bestätigt hatte, war alle Hoffnung, ein derartiges Arrangement auszuführen, verschwunden. Wollte sie sich nicht einem Leben voll herzloser Verfolgung und ewiger Ungewißheit aussetzen, so blieb ihr nichts weiter übrig, als sofortige Flucht zu Ovid’s schützender Liebe.

Der Plan zur Flucht war bereits fertig. Jener kurze Blick auf das Gesicht Mrs. Gallilee’s im Spiegel hatte die Gouvernante in ihrem Entschlusse sich einzumischen, befestigt, und während sie am Sonntag Morgen mit Carmina eingeschlossen gewesen, hatte sie den Fluchtplan vorgeschlagen, der selbst Mrs. Gallilee’s Wachsamkeit und Schlauheit Trotz, bieten sollte. Pecuniäre Schwierigkeiten standen nicht im Wege, da auf Mr. Mool’s Rath die erste Vierteljahresrente von 125 Pfund bereits ausgezahlt worden und genug übrig geblieben war, um —— auch ohne die Mittel der Amme in Anspruch zu nehmen —— das zur Reise Nöthige zu beschaffen und die Reise Beider bis Quebec bestreiten zu können.

Mittlerweile war das Glück dem Mädchen Mrs. Gallilee’s günstig; es wurden weder Fragen gestellt noch wurde überhaupt von der späten Rückkehr Notiz genommen.

Fünf Minuten vor der Rückkehr des Wagens hatte Mrs. Gallilee einer Verabredung gemäß von einer gelehrten Freundin vom Lande Besuch bekommen. Am folgenden Dienstag Nachmittag stand nämlich ein Ereigniß von größtem wissenschaftlichen Interesse bevor: ein neuer Professor wollte einen Vortrag über »die Materie« halten und in demselben seine umstürzenden Ansichten zu Tage fördern. Dem Vortrage sollte eine allgemeine Discussion folgen, und an dieser beabsichtigte Mrs. Gallilee —— unter gewissen Bedingungen —— sich zu betheiligen.

»Sollte er versuchen«, erklärte sie, »sich auf die Wechselwirkung gesonderter Atome zu beziehen, so werde ich ihm verwehren, das zu thun, ohne das Vorhandensein eines steten materiellen Mediums im Raume anzunehmen. Und wird dieser Gesichtspunkt akzeptiert —— folgen Sie mir hier! —— was ist die Folge?« rief Mrs. Gallilee, sich aufgeregt erhebend. »Kurz herausgesagt, daß wir die Idee von den Atomen fallen lassen!«

Die Freundin sah aus, als ob sie sich durch diese Aussicht unendlich erleichtert fühlte.

»Nun geben Sie Acht!« fuhr Mrs. Gallilee fort. »Dann werde ich aufpassen, ob der Professor Thomson’s Theorie adoptiert. Sie kennen dieselbe? Nein? Dann will ich sie Ihnen kurz«auseinandersetzen. Bloße Verschiedenartigkeit, zusammen mit der Gravitation, genügt, die ganzen, scheinbar unharmonischen Gesetze der Molecularkraft zu erklären. Sie verstehen? Schön. Geht er einfach über Thomson hinweg, dann stehe ich auf und vertrete Folgendes.«

Und während Mrs. Gallilee ihrer Freundin darlegte, was sie zu vertreten beabsichtigte, fuhr der Kutscher den Wagen zu den Ställen, ging das Mädchen nach unten zum Thee, und Carmina in’s Schulzimmer zu Miß Minerva, ohne daß die ganz von ihrer Comödie der Atome in Anspruch genommene Hausherrin etwas davon bemerkte.

Am Montag Morgen empfing Carmina einen Brief aus Rom —— nicht von Teresa, sondern von dem alten Priester Pater Patrizio —— dessen Inhalt Miß Minerva’s Besorgnisse bestätigte.

»Mein liebes Kind« —— so lautete derselbe —— »Unsere gute Teresa verläßt uns heute, um nach London abzureisen, nachdem sie voll Ungeduld die gesetzlichen Ceremonien durchgemacht hat, die nothwendig waren, weil ihr Mann kein Testament gemacht hat. Von dem, was derselbe an Geld hinterlassen, ist nach Bezahlung der Begräbnißkosten und der paar kleinen Schulden kaum etwas übrig geblieben. Was aber wichtiger ist —— er lebte und starb als guter Christ. Ich war in der Sterbensstunde bei ihm. Bete, mein Kind, für den Frieden seiner Seele.

»Teresa erklärte allerdings, Tag und Nacht reisen zu wollen, um desto eher zu Dir zu kommen; aber so stark die gute Frau auch ist, glaube ich doch, daß sie wenigstens eine Nacht unterwegs ausruhen müssen wird. Darum denke ich, daß mein Brief eher ankommen wird. Ich habe Dir etwas von ihr zu sagen, und es ist gut, wenn Du das vorher weißt.

»Glaube nicht, daß ich Dich tadele, weil Du Teresa von der unfreundlichen Aufnahme erzählt hast, die Dir von Seite Deiner Tante und Vormünderin zu Theil geworden zu sein scheint. Wem solltest Du Dich wohl anvertrauen, wenn nicht ihr, die die Stelle einer Mutter bei Dir vertreten hat? Und habe ich Dir nicht von Jugend an stets Achtung vor der Wahrheit eingeprägt? Du hast in Deinen Briefen die Wahrheit geschrieben; ich lobe Dich deshalb und empfinde innig mit Dir.

»Aber der Eindruck auf Teresa ist nicht so, wie wir ihn wünschen könnten. Wie es eine ihrer Tugenden ist, daß sie Dich mit aufrichtigster Ergebenheit liebt; so ist es andererseits ein Fehler an ihr, daß sie so heftig und hartnäckig in ihrem Zorne ist. Deine Tante ist ihr ein Gegenstand förmlichen Hasses geworden; und wenn ich auch glaube, dies unchristliche Gefühl erfolgreich bekämpft zu haben, so ist sie doch jetzt außer dem Bereiche meines Einflusses, und ich bitte Dich daher, das gute Werk, das ich angefangen habe, fortzusetzen. Besänftige diese ungestüme Natur; halte den wilden Geist zurück. Dein milder Einfluß, Carmina, hat eine Macht über diejenigen, die Dich lieben —— und wer liebte Dich wie Teresa! —— die Du vielleicht selbst nicht kennst.

Gebrauche diese Macht vorsichtig, und ich habe mit dem Segen Gottes und seiner Heiligen keine Besorgniß wegen der Folgen.

»Schreibe mir, mein Kind, wenn Teresa angekommen ist, und laß mich hören, daß Du glücklicher und wohler seist. Auch schreibe mir, ob Deine Hochzeit bald in Aussicht steht. Nach dem Wenigen, was ich weiß, zu urtheilen, hängen Deine theuersten irdischen Interessen von der Entfernung sich diesem heilsamen Wechsel in Deinem Leben entgegenstellender Hindernisse ab. Empfange meine besten Wünsche und meinen Segen, und wenn Dir ein armer alter Priester, wie ich, von irgendwelchem Nutzen sein kann, so vergiß nicht Deines Pater Patrizio.«

Als Carmina diesen Brief gelesen hatte, war alles Zögern, welches sie vielleicht bis jetzt noch empfunden haben mochte, verschwunden. Der gute Pater und der gute Rechtsanwalt hatten sie unschuldigerweise bestimmt, der Autorität ihrer Vormünderin Trotz zu bieten.


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