Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Dritter Band - Elftes Kapitel
 

Armadale



Elftes Kapitel.

Neelie trat mit dem Präsentirbrett herein, auf dem sie den Thee, die gerösteten Brodschnitten und das Stückchen Butter brachte, die das unveränderliche Frühstück der Kranken ausmachten.

»Was soll das heißen?« fragte Mrs. Milroy, indem sie aufsah und sprach, als ob die unrechte Dienerin in ihr Zimmer gekommen wäre.

Neelie setzte das Präsentirbrett auf den Tisch neben dem Bette nieder. »Ich wünschte so sehr, Dir auch einmal Dein Frühstück zu bringen, Mama«, erwiderte sie, »und bat Rachel, es mir zu überlassen.«

»Komm her«, sagte Mrs. Milroy, »und sage mir guten Morgen.«

Neelie gehorchte Wie sie sich bückte, um ihre Mutter zu küssen, faßte Mrs. Milroy sie am Arm und drehte sie schnell dem Lichte zu. Im Gesichte ihrer Tochter waren deutliche Spuren der Bekümmerniß zu lesen. Augenblicklich fühlte sich Mrs. Milroy von einer tödtlichen Angst durchschauert. Sie glaubte, Miß Gwilt habe entdeckt, daß ihr Brief geöffnet worden sei, und die Wärterin halte sich deshalb fern.

»Laß mich los, Mama«, sagte Neelie, vor dem Griffe ihrer Mutter zurückbebend. »Du thust mir weh.«

»Sage mir, warum Du mir heute Morgen mein Frühstück heraufgebracht hast?« fragte Mrs. Milroy nochmals.

»Ich habe es Dir schon gesagt, Mama!«

»Das hast Du nicht gethan! Du hast einen Vorwand gemacht —— ich sehe dies in Deinem Gesichte. Komm! Was ist’s?«

Neelie’s Entschlossenheit wich der ihrer Mutter. Sie blickte unruhig seitwärts auf die Sachen auf dem Präsentirbrett »Ich habe mich geärgert«, sagte sie mit Mühe, »und mochte nicht im Frühstückszimmer bleiben. Ich wollte zu Dir kommen und mit Dir reden.«

»Geärgert? Wer hat Dich geärgert? Was hat sich zugetragen? Hat Miß Gwilt etwas damit zu schaffen?«

Neelie blickte mit plötzlicher Neugierde und Bestürzung wieder ihre Mutter an. »Mama«, sagte sie. »Du liest meine Gedanken —— Du erschreckst mich förmlich. Es war in der That Miß Gwilt!«

Ehe Mrs. Milroy ihrerseits ein Wort zu sagen vermochte, öffnete sich die Thür und die Wärterin sah herein.

»Haben Sie alles, was Sie wünschen?« fragte sie so gelassen, wie immer. »Miß bestand darauf, heute Morgen Ihr Frühstück heraufzubringen. Hat sie etwas zerbrochen?«

»Geh’ ans Fenster —— ich habe mit Rachel zu reden«, sagte MS. Milroy.

Sowie ihre Tochter den Rücken gewendet, winkte sie die Wärterin ungeduldig zu sich heran. »Ist irgendetwas vorgefallen?« fragte sie flüsternd »Meint Ihr, sie habe uns im Verdacht?«

Die Wärterin wandte sich mit ihrem harten spöttischen Lächeln ab. »Ich sagte Ihnen, es solle geschehen«, erwiderte sie, »und es ist geschehen. Sie hat nicht die Spur von Argwohn» Ich wartete im Zimmer und sah sie den Brief in die Hand nehmen und öffnen.«

Mrs. Milroy athmete erleichtert auf. »Ich danke«, sagte sie laut genug, um von ihrer Tochter gehört zu werden. »Ich brauche weiter nichts.«

Die Wärterin ging, und Neelie kam vom Fenster zurück. Mrs. Milroy faßte ihre Hand und betrachtete sie aufmerksamer und liebevoller als gewöhnlich.

Ihre Tochter interessierte sie heute Morgen, denn ihre Tochter hatte etwas über Miß Gwilt zu sagen.

»Ich glaubte sonst, daß Du hübsch zu werden versprächst, Kind«, sagte sie, die unterbrochene Unterhaltung vorsichtig in der am wenigsten directen Weise wieder aufnehmend. »Aber Du scheinst Dein Versprechen nicht zu halten. Du siehst unwohl und niedergeschlagen aus, —— was fehlt Dir?«

Hätte zwischen Mutter und Kind irgendwelche Sympathie stattgefunden, so würde Neelie vielleicht die Wahrheit bekannt haben Sie hätte vielleicht erwidert: »Ich sehe elend aus, weil mir das Leben verkümmert wird. Ich liebe Armadale und Armadale hat bis vor kurzem mich geliebt. Wir hatten eine einzige kleine Differenz, in der ich zu tadeln war. Ich hätte ihm dies damals gern gesagt und möchte es ihm seitdem fortwährend sagen, aber Miß Gwilt drängt sich zwischen mich und ihn und hindert mich daran. Sie hat uns einander entfremdet —— sie hat ihn umgestimmt und mir entrissen. Er sieht mich nicht mehr an, wie früher, spricht nicht mehr zu mir, wie früher; ist nie mehr allein mit mir; ich kann nicht zu ihm sprechen, wie ich mich zu sprechen sehne, und ich kann nicht an ihn schreiben, denn das würde das Aussehen haben, als wollte ich ihn zu mir zurückbringen. Es ist Alles vorbei zwischen mir und Armadale —— und das ist die Schuld jenes Frauenzimmers. Den ganzen Tag ist Groll zwischen mir und Miß Gwilt, und was ich immer sagen oder thun mag —— sie weiß mich stets ihre Ueberlegenheit fühlen zu lassen und mir zu zeigen daß ich im Unrecht bin. Ehe sie kam, freute ich mich über Alles, was ich in Thorpe-Amhrose sah, und war glücklich. Jetzt macht mir nichts mehr Freude, ich bin über nichts mehr glücklich!« Wäre Neelie je gewöhnt gewesen, ihre Mutter um Rath zu fragen und sich der Liebe ihrer Mutter anzuvertrauen, so hätte sie vielleicht jetzt solche Worte zu ihr gesprochen. So aber füllten sich blos ihre Augen mit Thränen und sie ließ schweigend den Kopf aus die Brust sinken. »Komm!« sagte Mrs. Milroy, welche die Geduld zu verlieren begann. »Du hast mir etwas über Miß Gwilt zu sagen. Was ist es?«

Neelie drängte ihre Thränen zurück und machte eine Gewaltanstrengung um zu antworten. »Sie quält mich auf das unerträglichste Mama; ich kann’s nicht aushalten; ich werde etwas thun ——« Neelie stockte und stampfte zornig mit dem Fuße auf den Boden. »Ich werde ihr etwas an den Kopf werfen, wenn es noch lange in dieser Weise fortgeht! Ich würde ihr schon heute Morgen etwas an den Kopf geworfen haben, hätte ich nicht das Zimmer verlassen. O, bitte, sprich mit Papa! Bitte, erfinde irgendeinen Grund, um sie fortzuschicken! Ich will mich in eine Pension schicken lassen, will Alles in der Welt thun, um Miß Gwilt loszuwerdenl«

Um Miß Gwilt loszuwerden! Bei diesen Worten —— bei diesem Echo ihres Alles überwindenden geheimen Herzenswunsches von den Lippen ihrer Tochter —— richtete Mrs. Milroy sich langsam im Bette auf. Was sollte das heißen? Kam etwa die Hilfe, die sie suchte, gerade aus dem Viertel, wo sie dieselbe am wenigsten gesucht hatte?

»Warum möchtest Du sie loswerden?« fragte sie. »Worüber hast Du Dich zu beklagen?«

»Ueber nichts!« sagte Neelie. »Das ist das Aergerliche an der Sache. Miß Gwilt will mir keinen Grund zur Beschwerde geben. Sie ist ganz unausstehlich; sie bringt mich von Sinnen und ist dabei ein Bild alles Anstands Wahrscheinlich ist es Unrecht aber es ist mir einerlei —— ich hasse sie!«

Mrs. Milroy’s Augen prüften das Gesicht ihrer Tochter, wie sie dasselbe noch nie zuvor geprüft hatten. Augenscheinlich lag etwas unter der Oberfläche —— etwas, das für ihren eigenen Zweck in Erfahrung zu bringen von der allergrößten Wichtigkeit für Mrs. Milroy sein konnte —— das sich noch nicht zu erkennen gab. Sie sah sich sanft und allmählig immer tiefer und tiefer in Neelie’s Seele hineinstehlen und mit immer wärmerem Interesse Neelie’s Geheimniß ausforschen.

»Schenke mir eine Tasse Thee ein, mein Kind«, sagte sie, »und rege Dich nicht auf. Warum sprichst Du darüber mit mir? Warum wendest Du Dich nicht an Deinen Papa?«

»Ich habe mit Papa zu sprechen versucht«, sagte Neelie. »Aber es nützt nichts, er ist zu gut, um einzusehen, welch ein abscheuliches Geschöpf sie ist. Vor ihm nimmt sie stets das beste Betragen an; sie weiß sich ihm stets auf eine oder die andere Weise nützlich zu machen. Ich kann es ihm nicht auseinandersetzen, warum ich diese Abneigung gegen Miß Gwilt hege —— ich kann es auch Dir nicht begreiflich machen —— ich kann es nur selber begreifen.« Sie versuchte den Thee einzuschenken, vergoß denselben aber bei dem Versuche. »Ich will wieder hinunter geben«, rief Neelie in Thränen ausbrechend. »Ich tauge zu gar nichts —— ich kann selbst nicht einmal eine Tasse Thee einschenken!«

Mrs. Milroy ergriff ihre Hand und hielt sie fest. So unbedeutend solche gewesen, hatte doch Neelie’s Anspielung auf die Beziehungen zwischen dem Major und Miß Gwilt rasch die Eifersucht der Mutter erweckt. Der Zwang, den Mrs. Milroy sich bisher angethan, schwand augenblicklich —— schwand sogar in Gegenwart eines sechzehnjährigen Mädchens, das obendrein ihr eigenes Kind war.

»Bleib hier!« sagte sie heftig. »Du bist an den rechten Ort und zur rechten Person gekommen. Fahre fort, auf Miß Gwilt zu schimpfen. Ich höre dies gern —— denn auch ich hasse sie!«

»Du, Mama!« rief Neelie, erstaunt ihre Mutter anblickend.

Einen Augenblick zögerte Mrs. Milroy, ehe sie weiter sprach. Ein letzter Instinkt aus ihrem früheren ehelichen Leben mahnte sie, auf die Jugend und das Geschlecht ihres Kindes Rücksicht zu nehmen. Aber die Eifersucht nimmt auf nichts Rücksicht, weder im Himmel noch auf Erden, auf nichts, als auf sich selbst. Das langsame Feuer der Selbstqual, das Tag und Nacht in der Brust dieses unglücklichen Weibes glühte, schoß sein tödtliches Licht in ihre Augen, während die nächsten Worte langsam und giftig von ihren Lippen fielen.

»Wenn Du Augen im Kopf gehabt, würdest Du. nicht zu Deinem Vater gegangen sein«, sagte sie. »Dein Vater hat seine Gründe dafür, nichts anzuhören, was ihm von Dir oder sonst irgendjemand über Miß Gwilt gesagt wird.«

Manche Mädchen in Neelies Alter würden den geheimen Sinn dieser Worte nicht erkannt haben. Zum Unglück für die Tochter aber hatte diese hinlängliche Erfahrungen über die Mutter gemacht, um diese zu verstehen. Mit erglühendem Gesichte sah Neelie vom Bette zurück. »Mama!« sagte sie, »Du sprichst ganz abscheulich! Der Papa ist der beste, liebste, zärtlichste —— o, ich will’s nicht hören! —— ich will’s nicht hören.«

Mrs. Milroy’s Heftigkeit ließ augenblicklich alle Zügel fahren, und zwar um so mehr, als sie sich wider Willen bewußt war, Unrecht gethan zu haben.

»Du impertinente kleine Närrin!« rief sie wüthend, »meinst Du, ich bedürfe Deiner, damit Du mich an meine Pflichten gegen Deinen Vater erinnerst? Soll ich etwa von einer naseweisen kleinen Creatur, wie Du, lernen, wie ich von Deinem Vater sprechen, von Deinem Vater denken und Deinen Vater lieben und ehren soll? Ich kann Dir sagen, daß es eine große Enttäuschung für mich war, als Du geboren wardst —— ich wünschte mir einen Knaben, Du impertinentes Ding! Wenn Du je einen Mann findest, der einfältig genug ist, Dich zu heirathen, so mag er sich glücklich schätzen. wenn Du ihn nur halb so sehr, ein Viertel so sehr, ein Hunderttausendstel so sehr liebst, wie ich Deinen Vater geliebt habe. Ach, wenn’s zu spät ist, kannst Du weinen; Du kannst zu Deiner Mutter zurückgeschlichen kommen, nachdem Du sie beleidigt hast, und sie um Verzeihung bitten. Du plumpes, vierschrötiges kleines Geschöpf! Ich war weit schöner, als Du jemals werden kannst, zur Zeit, da ich Deinen Vater heirathete —— ich wäre durch Feuer und Wasser gegangen, um Deinem Vater zu dienen! Hätte er mich gebeten, einen meiner Arme abzuschneiden, so würde ich es gethan haben —— ihm zu gefallen, würde ich es gethan haben!« Sie wandte plötzlich ihr Gesicht der Wand, zu —— ihre Tochter, ihren Gatten, Alles vergessend, außer der marternden Erinnerung an ihre verlorene Schönheit. »Meine Arme.« wiederholte sie matt für sich. »Was für Arme ich hatte, als ich jung war!« Sie streifte verstohlen den Aermel ihres Nachtkleides auf und sagte schaudernd: »Und wenn ich sie jetzt ansehe! wenn ich sie jetzt ansehe!«

Neelie fiel am Bette auf die Kniee nieder und barg ihr Gesicht in der Decke. In reiner Verzweiflung, sonst irgendwo Trost und Hilfe zu finden, hatte sie sich ihrer Mutter in die Arme geworfen —— und das hatte so geendet!

»O, Mama«, flehte sie, »Du weißt, daß ich Dich nicht kränken wollte! Ich konnte nicht anders, als Du so von meinem Vater sprachst. O, bitte, bitte, vergib mir.«

Mrs. Milroy wandte sich auf ihrem Kissen wieder um und sah ihre Tochter mit ausdruckslosen, Blicke an. »Dir vergeben?« wiederholte sie, während ihr Geist noch in der Vergangenheit war und sich, wie im finsteren, zur Gegenwart zurück tastete.

»Ich bitte Dich um Verzeihung, Mama —— auf den Knieen bitte ich Dich um Verzeihung. Ich bin so unglücklich, ich sehne mich so sehr nach ein wenig Liebe! Willst Du mir nicht vergeben?«

»Warte ein wenig«, erwiderte Mrs. Milroy, »Ah«, sagte sie nach einer Pause, »jetzt weiß ich! Dir vergeben? Ja, ich will Dir unter einer Bedingung vergeben.« Sie hob Neelie’s Kopf auf und sah ihr prüfend ins Gesicht. »Sage mir, warum Du Miß Gwilt hassest? Du hast Deine Gründe dafür, daß Du sie hassest, und Du hast mir dieselben noch nicht eingestanden.«

Neelie ließ den Kopf wieder sinken. Die dunkle Glut, die sie versteckte, indem sie ihr Gesicht verbarg, theilte sich ihrem Nacken mit. Ihre Mutter sah es und ließ ihr Zeit.

»Sage mir«, wiederholte Mrs. Milroy in sanfterem Tone, »warum hassest Du sie?«

Die Antwort kam widerstrebend und in abgerissenen Worten.

»Weil sie versucht ——«

»Was versucht?«

»Weil sie Jemanden der viel ——«

»Viel was?«

»Der viel zu jung für sie ist ——«

»Gern heirathen möchte?«

»Ja, Mama.«

Mit athemlosen Interesse beugte Mrs. Milroy sich vorwärts und spielte liebkosend mit dem Haar ihrer Tochter.

»Wer ist dies, Neelie?« fragte sie flüsternd.

»Du wirst niemals weiter sagen, daß ich es Dir gesagt habe, nicht wahr nicht, Mama?«

»Niemals! Wer ist es?«

»Mr. Armadale.«

Wird. Milroy lehnte sich in tiefem Schweigen auf ihr Kissen zurück. Das klare Bekenntniß ihrer ersten Liebe, das ihre Tochter mit eigenen Lippen abgelegt, das sofort die ganze Aufmerksamkeit jeder andern Mutter in Anspruch genommen haben würde, beschäftigte sie keinen Augenblick. Ihre Eifersucht, die Alles verdrehte, um es ihren Schlußfolgerungen anzupassen, war eifrig beschäftigt, auch das zu verdrehen was sie soeben gehört hatte. »Eine Verstellung«, dachte sie, »die mein Kind getäuscht hat. Mich aber täuscht dieselbe nich. Ist es wahrscheinlich, daß Miß Gwilt dies gelingen wird?« fragte sie laut. »Zeigt Mr. Armadale irgendwelches Interesse für sie?«

Zum ersten Male sah Neelie zu ihrer Mutter auf. Der schwerste Theil ihres Bekenntnisses war jetzt worüber, sie hatte die Wahrheit von Miß Gwilt gesagt und offen Allan’s Namen ausgesprochen.

»Er legt das unerklärlichste Interesse für sie an den Tag«, sagte sie. »Es ist mir unbegreiflich; eine förmliche Verblendung ist es —— es empört mich, davon zu sprechen!«

»Wie kommst Du dazu, Mr. Armadale’s Geheimnisse zu wissen?« fragte Mrs. Milroy. »Hat er aus allen Leuten in der Welt Dich auserkoren, um sein Interesse für Miß Gwilt auszusprechen?«

»Mich!« rief Miß Neelie entrüstet. »Es ist wahrhaftig schlimm genug, daß er es dem Papa gesagt hat.«

Bei diesem Wiederauftreten des Majors in der Erzählung stieg Mrs. Milroy’s Interesse an der Unterhaltung aufs Höchste. Sie richtete sich abermals vom Kissen auf. »Nimm einen Sessel«, sagte sie. »Setze Dich, Kind, und erzähle mir die ganze Geschichte Jedes Wort, hörst Du? — jedes Wort!«

»Ich kann Dir nur erzählen, Mama, was der Papa mir erzählt hat.«

»Wann?«

»Am Sonnabend. Ich trug dem Papa sein Gabelfrühstück in die Werkstatt und er sagte: »Ich habe soeben einen Besuch von Mr. Armadale gehabt und möchte Dir eine Warnung geben, da ich eben daran denke." Ich sagte nichts, Mama, ich wartete blos. Dann fuhr der Papa fort und sagte mir, Mr. Armadale habe mit ihm von Miß Gwilt gesprochen und Fragen über sie an ihn gerichtet, zu denen Niemand in seiner Stellung berechtigt sei. Der Papa sagte, er habe sich genöthigt gesehen, Mr. Armadale in aller Freundschaft zu ermahnen, ein andermal ein wenig zartfühlender und vorsichtiger zu sein. Ich fühlte mich nicht sehr interessiert, Mama —— es lag mir durchaus gar nichts daran, was Mr. Armadale gesagt oder gethan. Was sollte ich mich darum kümmern!«

»Laß Dich dabei aus dem Spiele«, unterbrach ihre Mutter sie mit Schärfe. »Fahre mit dem fort, was Dein Vater sagte. Was that er, als er von Miß Gwilt sprach? Wie sah er aus?«

»Ziemlich wie gewöhnlich, Mama. Er ging in der Werkstatt auf und ab, und ich nahm seinen Arm und promenierte mit ihm.«

»Ich will nicht wissen, was Du gethan hast«, sprach Mrs. Milroy immer gereizter. »Sagte Dein Vater Dir, was für Fragen Mr. Armadale an ihn gerichtet, oder nicht?«

»Ja, Mama. Er sagte, Mr. Armadale begann mit der Bemerkung, daß er großes Interesse an Miß Gwilt nehme, und fragte dann, ob der Papa ihm irgendetwas über ihre Familienverhältnisse ——«

»Was!!« rief Mrs. Milroy. Das Wort brach fast wie ein Schrei heraus und die weiße Schminke auf ihrem Gesichte platzte in allen Richtungen. »Das sagte Mr. Armadale?« sprach sie, sich immer weiter aus dem Bette heraus beugend.

Neelie sprang auf und suchte ihre Mutter aufs Kissen zurückzulegen.

»Mama!« rief sie aus. »Hast Du Schmerzen? Bist Du krank? Du erschreckst mich!«

»Nichts, nichts, nichts«, sagte Mrs. Milroy. Sie war zu heftig, bewegt, um eine andere als die allergewöhnlichste Entschuldigung zu machen. »Meine Nerven sind heute Morgen sehr gereizt —— kehre Dich nicht daran. Ich will es auf der andern Seite des Kissens versuchen. Fahr’ fort, fahr’ fort! Ich höre Dich, wenn gleich ich Dich nicht ansehe.« Sie wandte ihr Gesicht der Wand zu und ballte ihre zitternden Hände krampfhaft unter der Bettdecke »Ich habe sie!« flüsterte sie für sich. »Ich habe sie endlich!«

»Ich fürchte, ich habe zu viel gesprochen«, sagte Neelie. »Ich fürchte, ich bin zu lange hier geblieben. Soll ich jetzt hinuntergehen, Mama, und später wiederkommen?«

»Fahr’ fort«, wiederholte Mrs. Milroy mechanisch.

»Was hat Dein Vater darauf gesagt? Noch sonst etwas über Mr. Armadale?«

»Nichts weiter, außer, was der Papa ihm zur Antwort gab«, erwiderte Neelie »Papa wiederholte mir seine eigenen Worte, als er mir davon erzählte. Er sagte: »In Ermangelung irgendwelcher freiwilligen Mittheilungen von der Dame selbst über diesen Gegenstand, Mr. Armadale, ist Alles, was ich weiß, oder zu wissen wünsche —— und Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich hinzufüge, Alles, was sonst irgendjemand zu wissen braucht, oder zu wissen wünschen sollte —— daß Miß Gwilt mir eine völlig befriedigende Empfehlung brachte, ehe sie in mein Haus kam? Das war streng, Mama, nicht wahr? Ich habe nicht das geringste Mitleid mit ihm —— er hat es vollkommen verdient. Dann kam des Papas Warnung an mich. Er hieß mich Mr. Armadales Neugier nicht befriedigen, wenn er sich nun etwa an mich wendete. Als ob es wahrscheinlich sei, daß er sich an mich wendete, und als ob ich ihn anhören würde! Das ist Alles, Mama. Nicht wahr, Du glaubst nicht, daß ich Dir alles dies gesagt habe, weil ich Mr. Armadale abhalten möchte, Miß Gwilt zu heirathen? Er mag sie heirathen, wenn es ihm beliebt —— mir ist es einerlei!« sagte Neelie mit einer Stimme, die ein wenig bebte, und mit einem Gesichte, das kaum ruhig genug war, um mit dieser Erklärung ihrer Gleichgültigkeit zu harmonieren. »Alles, was ich will, ist Befreiung von Miß Gwilt als meiner Erzieherin. Ich möchte lieber in, eine Pension geschickt werden. Ja, ich möchte in eine Erziehungsanstalt gehen. Meine Ansicht von Allem ist jetzt eine völlig andere, ich habe nur nicht den Muth, es dem Papa zu sagen. Ich weiß nicht, was mit mir vorgegangen ist —— mir ist, als ob ich zu nichts mehr Muth besäße —— und wenn der Papa mich abends auf den Schooß nimmt und sagt: »Laß uns Plaudern, Neelie", da macht er mich weinen. Wolltest Du ihn wohl darauf vorbereiten, Mama, daß ich andern Sinnes geworden bin und lieber in eine Pension gehen möchte?« Ihre Augen füllten sich mit schweren Thränen und sie bemerkte nicht, daß ihre Mutter sich nicht einmal auf ihrem Kissen umwandte, um sie anzusehen.

»Ja, ja«, « sagte Mrs. Milroy zerstreut. »Du bist ein gutes Mädchen; Du sollst in eine Pension geschickt werden.«

Die grausame Kürze der Erwiderung und der Ton, in dem sie gesprochen ward, sagten Neelie, daß die Aufmerksamkeit ihrer Mutter weit, weit von ihr sei und daß es nutzlos wäre, die Unterhaltung noch ferner fortzusetzen. Ruhig, ohne ein Wort des Vorwurfs wandte sie sich ab. Es war ihr nichts Neues, sich von der Theilnahme ihrer Mutter ausgeschlossen zu sehen. Sie sah ihre Augen im Spiegel an und badete dann ihr Gesicht in kaltem Wasser. »Miß Gwilt soll nicht sehen, daß ich geweint habe«, dachte Neelie, indem sie wieder an das Bett trat, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden. »Ich habe Dich ermüdet, Mama«, sagte sie leise. »Laß mich jetzt gehen, und später wiederkommen, wenn Du ein wenig geruht haben wirst«

»Ja«, antwortete ihre Mutter noch ebenso mechanisch, wie zuvor, »ein wenig später, wenn ich etwas geruht haben werde.«

Neelie verließ das Zimmer. Sowie sie die Thüre hinter sich geschlossen, klingelte Mrs. Milroy, um« die Wärterin zu sich zu bescheiden. Der soeben gehörten Erzählung, jeder vernünftigen Schätzung der Wahrscheinlichkeiten zum Trotz, klammerte sie sich noch immer so fest, wie je, an ihre eifersüchtigen Schlüsse »Mr. Armadale mag ihr glauben, und meine Tochter mag ihr glauben«, dachte das wüthende Weib. »Aber ich kenne den Major und mich kann sie nicht hintergehen!«

Die Wärterin trat ein. »Richtet Euch in die Höhe«, sagte Mrs. Milroy, »und gebt mir mein Schreibpult. Ich will schreiben.«

»Sie sind aufgeregt«, sagte die Wärterin »Sie sind nicht in einem Zustande, um zu schreiben.«

»Gebt mir das Pult«, wiederholte Mrs. Milroy.

»Sonst noch etwas?« fragte Rachel, ihre stereotype Phrase wiederholend indem sie den Schreibkasten aufs Bett stellte.

»Ja. Kommt in einer halben Stunde wieder. Ihr sollt einen Brief für mich nach dem Herrenhaus tragen.«

Die sardonische Gelassenheit der Wärterin versagt ihr für diesmal. »Gerechter Himmels« rief sie im Tone echten Erstaunens. »Was nun? Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie an ——«

»Ich werde an Mr. Armadale schreiben«, fiel ihr Mrs. Milroy ins Wort, »und Ihr werdet den Brief zu ihm tragen und auf die Antwort warten —— und, gebt wohl Acht, keine lebende Seele, außer uns beiden, darf hier im Hause das Geringste hiervon argwöhnen.«

»Warum schreiben Sie an Mr. Armadale?« fragte Rachel. »Und warum darf außer uns beiden Niemand etwas davon wissen?«

»Wartet«, erwiderte Mrs. Milroy, »und Ihr werdet es sehen.«

Die Neugier der Wärterin, die Neugier eines Weibes, hatte keine Lust zu warten.

»Ich will Ihnen mit offenen Augen helfen«, sagte sie, »blindlings aber helfe ich Ihnen nicht.«

»O, wenn ich nur den Gebrauch meiner Glieder hätte!« stöhnte Mrs. Milroy. »Ihr abscheuliches Geschöpf, wenn ich nur ohne Euch fertig werden könnte!«

»Sie haben den Gebrauch Ihres Kopfes«, entgegnete. die unerschütterliche Wärterin, »und Sie sollten es besser wissen, als mir nur zur Hälfte zu trauen.«

Es war eine brutale Antwort, aber eine wahre eine doppelt wahre, nachdem sie Miß Gwilt’s Brief geöffnet. Mrs. Milroy gab nach.

»Was wollt. Ihr wissen?« fragte sie. »Sagt mir das und dann geht.«

»Ich möchte wissen, was Sie an Mr. Armadale schreiben wollen?«

»Von Miß Gwilt.«

»Was hat Mr. Armadale mit Miß Gwilt zu schaffen?«

Mrs. Milroy hielt den Brief empor, der ihr durch das Postamt zurückgesandt worden.

»Bückt Euch«, sagte sie. »Miß Gwilt mag vielleicht an der Thür lauschen. Ich will’s Euch ins Ohr flüstern.«

Die Wärterin bückte sich, indem sie das Auge auf die Thür heftete.

»Ihr wißt, daß der Postbote diesen Brief nach Kingstown Crescent getragen hat?« sagte Mrs. Milroy. »Und Ihr wißt, daß er Mrs. Mandeville nicht mehr dort fand und daß ihm Niemand zu sagen wußte, wohin sie gegangen?«

»Nun?« flüsterte Rachel. »Was dann?«

»Dies. Wenn Mr. Armadale den Brief erhält, den ich ihm zu schreiben im Begriff bin; wird er denselben Weg einschlagen, welchen der Briefträger gegangen ist —— und wir wollen sehen, was sich ereignet, wenn er an Mrs. Mandeville’s Hausthür klopft.«

»Wie bringen Sie ihn bis an die Thür?«

»Ich gebe ihm den Rath, die Dame aufzusuchen, die Miß Gwilt empfohlen hat.«

»Ist er in Miß Gwilt verliebt?«

»Ja.«

»Ach!« sagte die Wärterin, »ich verstehe!«


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