Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale
 

Armadale



Erstes Kapitel.

Von Mrs. Oldershaw (Diana Street, Pimlico)
an Miß Gwilt (West Place Alt Brompton).
»Modenmagazin,

den 20. Juni Abends 8 Uhr.

»Meine liebe Lydia!

Es sind, wenn ich nicht irre, etwa drei Stunden vergangen, seit ich Dich ohne große Ceremonie in mein Haus in West Place hineinstieß und nachdem ich Dir blos gesagt, zu warten, bis Du mich wiedersehen würdest, die Thür zwischen uns zuschlug und Dich im Flur allein stehen ließ. Ich kenne Deine empfindliche Natur und fürchte, Du müssest nachgerade zu der Ansicht gelangt sein, daß noch nie einem Gaste von seiner Wirthin eine so schmachvolle Behandlung geboten ward, wie sie Dir von mir zu Theil geworden.

Das Hinderniß, welches mich abhielt, Dir mein seltsames Benehmen zu erklären, ist, das glaube mir, indessen nicht mir zur Last zu legen. Es hatte sich, wie ich seitdem entdeckt, heute Nachmittag, als wir in den Kensingtongärten Luft schnappten, eine jener mannigfachen zarten kleinen Schwierigkeiten erhoben, die von einem so wesentlich geheimen Geschäfte, wie das meinige, unzertrennlich sind. Ich sehe keine Möglichkeit, früher als in einigen Stunden zu Dir zurückzukehren, und habe Dir ein Wort sehr dringender Warnung zukommen zu lassen, das schon zu lange verschoben worden ist. Deshalb muß ich die freien Augenblicke benutzen, wie sie sich mir eben bieten, und Dir schreiben.

Warnung Nummer eins. Wage Dich heute Abend auf keinen Fall wieder aus dem Hause und vermeide sorgfältig, Dich, so lange es hell ist, an den Fenstern der Vorderfronte sehen zu lassen. Ich habe Grund zu fürchten, daß eine gewisse reizende Person, die augenblicklich mein Gast ist, beobachtet wird. Beunruhige Dich nicht und werde nicht ungeduldig. Du sollst erfahren, warum.

Ich kann mich nur deutlich machen, indem ich auf unser unglückseliges Zusammentreffen mit jenem ehrwürdigen Herrn zurückkomme, der die Güte hatte, uns aus den Gärten nach meinem Hause zu folgen.

Als wir uns eben der Hausthür näherten, kam mir plötzlich der Gedanke, daß der Eifer, mit dem uns der geistliche Herr auf dem Fuße nachfolgte, einen Beweggrund haben möchte, der seinem Geschmacke vielleicht weit weniger Ehre machte und zugleich uns beiden weit gefährlicher werden könnte als das Motiv, welches Du seiner Begleitung unterlegtest. In klareren Worten, Lydia, ich bezweifelte, daß Du in ihm einen neuen Bewunderer gefunden habest, hegte vielmehr den starken Verdacht, daß Du statt dessen auf einen neuen Feind gestoßen seiest. Es war keine Zeit, Dir dies zu sagen, es war blos Zeit, Dich wohlbehalten nach Hause zu bringen und mich dann des Predigers zu versichern, falls mein Argwohn begründet, indem ich ihm anthat, was er uns angethan, das heißt,meinerseits ihm nachging.

Ich blieb anfangs etwas hinter ihm zurück, um mir die Sache zu überlegen und die Genugthuung zu gewinnen, daß meine Zweifel mich nicht irreleiteten. Wir haben keine Geheimnisse vor einander, und Du sollst wissen, was für Zweifel dies waren. Ich war nicht überrascht, daß Du ihn wieder erkanntest, denn er ist durchaus kein gewöhnlich aussehender alter Mann, und Du hattest ihn zweimal in Sommersetshire gesehen, einmal, als Du ihn nach dem Wege zu Mrs. Armadale’s Hause fragtest, und das zweite Mal auf Deinem Rückwege nach der Eisenbahn. Aber ich konnte mir nicht gleich erklären, wie er Dich wieder erkannte, da Du sowohl bei jenen beiden Begegnungen wie auch heute in den Kensingtongärten den Schleier niedergelassen hattest. Ich zweifelte, daß er sich Deiner Gestalt, die er nur in Winterkleidung gesehen, in Sommerkleidung zu erinnern im Stande gewesen; und obgleich wir im Gespräch waren, als er uns begegnete, und Deine Stimme einen Deiner zahlreichen Reize ausmacht, schien mir es doch sehr unwahrscheinlich, daß ihm Deine Stimme noch erinnerlich sei. Und dennoch war ich überzeugt, daß er Dich erkannt hatte. »Warum?" wirst Du fragen. Meine Liebste, das Unglück wollte, daß wir in dem Augenblicke gerade vom jungen Armadale sprachen. Ich glaube fast, daß der Name das Erste war, das ihm auffiel, und als er diesen hörte, mag sicher Deine Stimme und vielleicht auch Deine Gestalt in seinem Gedächtnisse aufgetaucht sein. »Und was dann?« wirst Du sagen. Denke ein wenig nach, Lydia, und sage mir, ob es Dich nicht wahrscheinlich dünkt, daß der Pfarrer des Orts, wo Mrs. Armadale wohnte,zugleich Mrs. Armadale’s Freund war? War er ihr Freund, so war er als Ortsgeistlicher und als Magistratsherr, wie der Wirth des Gasthauses ihn Dir bezeichnete, auch die allererste Person, bei dem sie sich Rath geholt haben wird, nachdem Du ihr einen solchen Schreck eingejagt und nach den höchst unüberlegten Andeutungen, die Du fallen ließest, daß Du Dich in der Sache an ihren Sohn wenden wollest.

Jetzt wirst Du begreifen, warum ich Dich in so außerordentlich unhöflicher Manier verließ, und ich darf daher zu dem übergehen, was sich demnächst ereignete.

Ich folgte dem alten Herrn, bis er in eine stille Straße einbog, und redete ihn mit der Ehrfurcht vor der heiligen Kirche an, die, wie ich mir schmeichle, in jedem Zuge meines Gesichts sich ausprägt.

»Wollen Sie mich entschuldigen«, sagte ich, »wenn ich Sie zu fragen wage, Sir, ob Sie die Dame erkannt haben, die mich begleitete, als Sie uns in den Gärten begegneten?«

»Wollen Sie mich entschuldigen, Madame, wenn ich wissen möchte, warum Sie diese Frage an mich richten?« war die ganze Antwort, die ich erhielt.

»Ich will Ihnen dies zu erklären versuchen, Sir,« sagte ich. »Wenn meine Freundin Ihnen nicht völlig fremd ist, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einen zarten Gegenstand lenken, der mit einer verstorbenen Dame und ihrem sie Überlebenden Sohne im engen Zusammenhange steht.«

Er war verblüfft, das konnte ich sehen. Er war aber zugleich schlau genug; um den Mund zu halten, bis ich etwas mehr gesagt haben würde.

»Wenn ich mich in der Annahme irren sollte, daß Sie meine Freundin erkannt haben, Sir«, fuhr ich fort, »so bitte ich Sie um Entschuldigung. Aber ich konnte es kaum für möglich halten, daß ein Herr Ihres Standes einer Dame nach ihrer Wohnung folgen würde, die ihm völlig fremd wäre.«

Damit packte ich ihn. Er wurde glutroth —— denke Dir, in seinem Alter! —— und gestand, um seinen guten Namen zu retten, die Wahrheit.

»Ich bin der Dame schon früher einmal begegnet, und ich gestehe, daß ich sie in den Gärten wiedererkannte«, sagte er. »Sie werden mich entschuldigen, wenn ich ablehne, über die Frage ob ich ihr absichtlich folgte oder nicht, weiter zu discutiren. Wenn Sie sich überzeugen wollten, ob Ihre Freundin mir nicht völlig fremd ist, so haben Sie jetzt diese Ueberzeugung, und wenn Sie mir irgend etwas Besonderes mitzutheilen haben, gebe ich Ihnen die Entscheidung anheim, ob der Augenblick dazu gekommen ist.«

Er wartete und sah sich um. Ich wartete ebenfalls und sah mich auch um. Er sagte, die Straße sei kaum ein passender Ort, eine so zarte Angelegenheit zu verhandeln. Ich sagte dasselbe. Er erbot sich nicht, mich nach seiner Wohnung mitzunehmen, ich offerierte ihm nicht, ihn nach meiner zu führen. Hast Du je ein Paar fremde Katzen sich aus den Dachziegeln gegenüber stehen sehen, meine Liebe? Ist dies der Fall gewesen, so hast Du damit ein sprechendes Bild von mir und dem Pfarrer gesehen.

»Nun, Madame, sagte er endlich, »sollen wir den Umständen zum Trotz unsere Unterhaltung fortsetzen?«

»Ja, Sir«, sagte ich, »wir sind glücklicherweise beide von einem Alter, das uns den Umständen Trotz zu bieten erlaubt.« Ich hatte bemerkt, wie das alte Scheusal einen Blick auf mein graues Haar warf, um sich zu überzeugen, daß sein Ruf ungefährdet blieb, wenn er mit mir zusammen gesehen würde.«

Nach all diesem Knarren und Schnappen kamen wir endlich zur Sache. Ich machte den Anfang, indem ich ihm sagte, sein Interesse an Dir scheine mir leider nicht von freundschaftlicher Beschaffenheit zu sein. So viel gab er zu, natürlich abermals zur Wahrung seines Charakters. Darauf wiederholte ich ihm alles, was Du mir über Dein Thun und Treiben in Sommersetshire erzähltest, als wir zuerst gewahr wurden, daß er uns folgte. Erschrick nicht, Liebste, ich that es grundsätzlich. Wenn Du den Leuten eine Schüssel voll Lügen schmackhaft machen willst, so gib ihr stets eine Garnitur von Wahrheit. Also nachdem ich dergestalt an das Vertrauen des ehrwürdigen Herrn appelliert, erklärte ich ihm zunächst, daß Du seit jener Zeit ein ganz andres Geschöpf geworden seiest. Ich rief jenes todte Ungeheuer, Deinen Gemahl, natürlich ohne Namen zu nennen, wieder ins Leben, etablierte ihn, es fiel mir gerade zuerst ein, als Kaufmann in Brasilien und erwähnte einen von ihm geschriebenen Brief, in dem er seiner fehlenden Gattin Verzeihung angetragen, falls sie bereuen und zu ihm zurückkehren wolle. Ich gab dem Prediger die Versicherung, daß das edle Benehmen Deines Mannes Deine halsstarrige Natur erweicht; und da, als ich den richtigen Eindruck auf ihn gemacht zu haben glaubte, ging ich kühn zum Angriff über. Ich sagte: »Ja demselben Augenblicke; da Sie uns begegneten, Sir, sprach meine unglückliche Freundin eben in Ausdrücken der rührendsten Selbstanklage von ihrem Benehmen gegen die verstorbene Mrs. Armadale Sie bekannte mir ihr dringendes Verlangen, dasselbe wo möglich gegen Mrs. Armadale’s Sohn wieder gut zu machen; und auf ihre Bitte —— denn sie kann es nicht über sich gewinnen, Ihnen selber gegenüber zu treten —— erlaube ich mir jetzt zu fragen, ob Mr. Armadale noch in Sommersetshire ist und ob er darein willigen würde, sich in kleinen Abzahlungen die Summe von ihr zurückerstatten zu lassen, die sie durch Einschüchterung von Mrs. Armadale erlangt zu haben zugibt. Dies waren genau meine Worte. Eine hübschere Geschichte, die Alles so schön erklärt, ist nie erzählt worden; es war eine Geschichte, die einen Stein hätte rühren können. Aber dieser Sommersetshirer Pfarrer ist noch härter als Stein. Ich erröthe für ihn, meine Liebe, indem ich Dir versichere, daß er offenbar gefühllos genug war, kein Wort von alledem zu glauben, was ich ihm von Deiner Besserung, von Deinem Gatten in Brasilien und von Deinem reuigen Verlangen, das Geld zurückzuzahlen, erzählte. Es ist wirklich eine Schmach, daß ein solcher Mann der Kirche angehört; eine Verschlagenheit, wie die seinige, ist im höchsten Grade unpassend für ein Mitglied seines heiligen Berufes.

»Beabsichtigt Ihre Freundin, mit dem nächsten Dampfboote zu ihrem Gatten zurückzukehren?« war alles, was er zu sagen sich herabließ, nachdem ich meine Erzählung geendigt hatte.

Ich gestehe, daß ich in Zorn gerieth. Ich fuhr ihn an und sagte: »Ja, allerdings.«

»Ja welcher Weise soll ich mit ihr verhandeln?« fragte er.

Ich fuhr ihn abermals an: »Brieflich durch mich.«

»Und Ihre Adresse, Madame?«

Da hatte ich ihn von neuem. »Sie haben selbst meine Adresse ausfindig gemacht, Sir«, sagte ich. »Das Adreßbuch wird Ihnen meinen Namen sagen, wenn Sie diesen ebenfalls selbst ausfindig machen wollen; andernfalls steht Ihnen mit Vergnügen meine Karte zu Diensten.«

»Verbindlichsten Dank, Madame. Wenn Ihre Freundin sich mit Mr. Armadale in Unterhandlung zu setzen wünscht, so will ich Ihnen meinerseits meine Karte zukommen lassen.«

»Ich danke Ihnen, Sir.«

»Ich danke Ihnen, Madame«

»Guten Tag, Sir.«

»Guten Tag, Madame«

So trennten wir uns. Ich ging meines Wegs nach meinem Geschäftshause, wo ich erwartet wurde, und er schlug den seinigen in großer Eile ein, was an sich sehr verdächtig ist. Was ich indessen nicht überwinden kann, ist seine Herzlosigkeit. Der Himmel sei den Leuten gnädig, die auf ihrem Sterbebette bei ihm Trost suchen!

Die nächste Frage ist die: was sollen wir anfangen? Wenn wir nicht die rechten Mittel und Wege finden, dieses alte Ungeheuer im Dunkel zu erhalten, so kann er vielleicht in Thorpe-Ambrose unser Verderben werden, gerade im Augenblicke, wo wir unser Ziel mit Händen greifen können. Bleibe auf, bis ich zu Dir komme, hoffentlich mit leichtem Herzen in Bezug auf jene andre Verlegenheit, die mich hier ärgert. Hat es je ein solches Pech gegeben wie unseres? Das; dieser Mann seine Gemeinde im Stich lassen und gerade in dem Moment nach London kommen muß, wo wir auf die Annonce geantwortet haben und nächste Woche die Erkundigung erwarten dürfen! Ich habe keine Nachsicht mit —— sein Bischof sollte sich ins Mittel schlagen.

»Herzlichst die Deine

Maria Oldershaw.«

Von Miß Gwilt an Mrs. Oldershaw.

»West Place, den 20. Juni.

Mein armes, liebes, altes Geschöpf!

Wie wenig Du meine empfindliche Natur kennst, wie Du sie nennst! Anstatt mich beleidigt zu fühlen, als Du mich verließest, ging ich an Dein Clavier und vergaß Dich und alles, was Dich betrifft, vollständig, bis Dein Bote erschien. Dein Brief war unwiderstehlich; ich habe darüber gelacht, bis ich ganz außer Athem war. Von allen lächerlichen Geschichten, die ich je gelesen, ist die, welche Du dem Sommersetshirer Pfarrer auftischtest, die lächerlichste. Und was Deine Straßenunterhaltung mit ihm anlangt, so wäre es geradezu Sünde, dieselbe für uns zu behalten. Sie sollte wirklich in Gestalt einer Theaterposse dem Publikum zu Gute kommen.

Zum Glück für uns beide (um auf ernste Dinge zu kommen) ist Dein Bote ein vorsichtiger Mensch. Er schickte zu mir hinauf, um fragen zu lassen, ob er Antwort mitbekäme. Inmitten meiner Heiterkeit hatte ich noch Geistesgegenwart genug, ihm »Ja« hinunter sagen zu lassen.

Irgend ein Scheusal von einem Manne sagt in einem Buche, das ich einst gelesen, kein Weib könne jemals zwei getrennte Gedankengänge zugleich in ihrem Geiste verfolgen. Du hast mich fast überzeugt, daß der Mann recht hat. Wie, nachdem Du unbemerkt nach Deinem Geschäftslokale entkommen bist und Verdacht hast, daß dieses Haus beobachtet wird, da willst Du hierher zurückkommen und es dadurch dem Prediger möglich machen, Deine verlorene Spur wiederzufinden? Welche Tollheit! Bleib’, wo Du bist, und wenn Du Deine Schwierigkeit in Pimlico überwunden (natürlich irgend eine Weiberangelegenheit; wie unausstehlich diese Weiber sind!), dann sei so gut und lies, was ich über unsere Schwierigkeit in Brompton zu sagen habe.

Erstens also wird das Haus, wie Du vermuthest, beobachtet. Eine halbe Stunde, nachdem Du mich verlassen, ward ich durch laute Stimmen auf der Straße im Clavier spielen gestört, ich trat ans Fenster. Vor dem Hause gegenüber, wo möblierte Zimmer vermiethet werden, hielt ein Fiaker, und ein alter Mann, der wie ein anständiger Diener aussah, stritt sich mit dem Kutscher wegen des Fahrlohns. Ein ältlicher Herr kam aus dem Hause und endete ihren Zank. Ein ältlicher Herr kehrte in das Haus zurück und erschien behutsam am Fenster des Vorderzimmers im ersten Stock. Du kennst ihn, Du würdiges Wesen, er legte vor wenigen Stunden den schlechten Geschmack an den Tag, zu zweifeln, ob Du ihm die Wahrheit sagtest. Sei ohne Sorgen, er hat mich nicht gesehen. Als er aufblickte, nachdem er den Fiakerkutscher abgelohnt hatte, steckte ich hinter dem Fenstervorhange Ich habe mich seitdem noch zwei- oder dreimal dahinter verborgen und genug gesehen, um versichert zu sein, daß er und sein Diener einander am Fenster ablösen werden, damit sie Dein Haus hier Tag und Nacht keinen Augenblick aus den Augen verlieren. Daß der Pfarrer den wirklichen Sachverhalt argwöhnen sollte, ist natürlich unmöglich. Daß er aber fest überzeugt ist, ich führe Uebles gegen den jungen Armadale im Schilde, und daß Du ihn in dieser Ansicht bestärkt hast, ist so klar, wie das Factum, daß zweimal zwei vier machen. Und dies hat sich, wie Du mich mitleidslos erinnerst, gerade in dem Augenblicke ereignen müssen, wo wir die Annonce beantwortet haben und in wenigen Tagen die Erkundigungen des Majors erwarten dürfen.

Wahrhaftig, das ist eine fürchterliche Situation für zwei Frauen, nicht wahr? Narrenspossen, mit Deiner Situation! Dank dem, Mutter Oldershaw, was ich Dich kaum drei Stunden vor unserer Begegnung mit dem Pfarrer zu thun zwang, gib’s für uns einen leichten Ausweg aus dieser Klemme.

Ist Dir unser giftiger kleiner Streit von heute Morgen, nachdem wir des Majors Annonce in der Zeitung entdeckt, schon gänzlich entfallen? Hast Du vergessen, daß ich bei meiner Ansicht beharrte, daß Du in London viel zu bekannt seiest, um mir unter Deinem eigenen Namen als Reverenz dienen zu können, oder, wie Du unklugerweise vorschlugst, eine Dame oder einen Herrn, die Erkundigungen über mich einzuziehen kämen, in Deinem Hause zu empfangen? Erinnerst Du Dich nicht, in welche Wuth Du geriethst, als ich unserem Streit ein Ende machte, indem ich mich bestimmt weigerte, noch einen weiteren Schritt in der Sache zu thun, falls ich meine Bewerbung um die Stelle bei Major Milroy nicht dadurch zum Ziele führen sollte, daß ich ihn an eine Adresse verwiese, wo Du völlig unbekannt seiest, und ihm einen Namen angäbe, der jeder beliebige sein dürfe, so lange es nur nicht der Deinige wäre —— mit welchem Blicke Du mich beschenktest, als Du sahst, wie es keinen andern Weg gab, als daß Du entweder die ganze Speculation fallen oder mir meinen Willen lassen mußtest? —— wie Du über die Wohnungsjagd auf der andern Seite des Parks tobtest und wie Du, im Besitze eines möblierten Quartiers im respectablen Bayswater, über die unnützen Kosten stöhntest, die ich Dir auferlegt? Wie denkst Du jetzt über jene möblierte Wohnung, Du halsstarriges altes Weib? Da sind wir nun vor unserer eigenen Thür mit Entdeckungen bedroht, und ohne alle Aussicht auf ein Einkommen, wenn es uns nicht gelingt, dem Pfarrer im Dunkeln zu entwischen Und dort ist die Wohnung in Bayswater, wo weder Dir noch mir ein neugieriger Fremder auf der Spur ist, vollkommen bereit, uns zu verschlingen, die Wohnung, in der wir aller weiteren Belästigung entgehen und auf die Erkundigungen des Majors in größter Bequemlichkeit antworten können. Kannst Du endlich ein wenig weiter sehen, als Deine arme alte Nase reicht? Braucht Dich irgend etwas in der Welt abzuhalten, heute Abend mit Sicherheit aus Pimlico zu verschwinden und eine halbe Stunde später Dich ebenso in Deiner neuen Wohnung in der Eigenschaft meiner respectabeln Beschützerin zu etablieren? O, pfui, pfui, Mutter Oldershaw! Sinke aus Deine sündhaften alten Kniee nieder und danke Deinen Sternen, daß Du es heute Morgen mit einem Satan, wie ich, zu thun hattest!

Kommen wir jetzt zu der einzigen Schwierigkeit, die des Erwähnens werth ist, meiner Schwierigkeit. Wie soll ich es, beobachtet und bewacht, wie ich in diesem Hause bin, denn anfangen, mich zu Dir zu begeben, ohne den Pfarrer oder dessen Diener mir an den Fersen mitzubringen?

Da ich also in jeder Hinsicht hier gefangen bin, so bleibt mir, wie es scheint, keine andre Wahl, als das alte Fluchtmittel der Gefangenen zu versuchen —— eine Verkleidung. Ich habe mir Dein Stubenmädchen angeschaut. Abgesehen davon, daß wir beide blond, sind ihr Gesicht und Haar dem meinigen so Unähnlich, wie nur möglich. Aber sie ist so ziemlich von meiner Gestalt und Größe und, wenn sie sich nur zu kleiden verstände und kleinere Füße hätte, ihre Figur ist eine weit bessere, als sie für eine Person in ihrer Lebensstellung sein sollte. Meine Idee ist nun die, sie in den Anzug zu kleiden, den ich heute in den Gärten trug, sie auszuschicken und unsern ehrwürdigen Feind in voller Verfolgung hinterher, und sobald die Luft rein ist, selber zu Dir zu entschlüpfen. Es würde dies natürlich gänzlich unmöglich, wenn ich unverschleiert gesehen worden; doch wie die Sachen jetzt liegen, ist es ein Vortheil jener fürchterlichen Bloßstellung, die meiner Heirath folgte, daß ich mich selten öffentlich und in einem so bevölkerten Orte, wie London, nie blicken lasse, ohne einen dichten Schleier zu tragen. Ich sehe denn wirklich nicht ein, warum wir das Stubenmädchen, wenn es meinen Anzug trägt, nicht zu einem sprechend ähnlichen Conterfei meiner Person verwenden könnten!

Die einzige Frage bleibt: darf man dem Frauenzimmer trauen? Ist dies der Fall, so sende mir eine Zeile, in der Du ihr in Deiner Autorität befiehlst, sich mir zur Verfügung zu stellen. Ich will ihr kein Wort darüber sagen, bis ich nicht zuvor von Dir gehört habe.

Laß mich noch heute Abend eine Antwort haben. So lange wir über meinen Plan hinsichtlich der Gouvernantenstelle blos plauderten, war es mir ziemlich gleichgültig wie die Sache ablief. Doch jetzt, wo wir wirklich auf Major Milroy’s Annonce geantwortet haben, nehme ich das Ding endlich ernsthaft. Ich will Mrs. Armadale von Thorpe-Ambrose werden, und wehe dem, Mann oder Weib, der sich mir in den Weg zu stellen wagt!

Die Deine

Lydia Gwilt.

Nachschrift. Ich öffne meinen Brief wieder, um noch hinzuzufügen, daß Du keine Sorge zu haben brauchst, man könne Deinem Boten auf seinem Heimwege nach Pimlico nachgehen. Er will nach einer Schänke fahren, wo er bekannt ist, will da seinen Fiaker entlassen und dann durch eine Hinterthür wieder hinausgehen, die nur vom Wirth und von dessen Freunden benutzt wird. L. G.«

Von Mrs. Oldershaw an Miß Gwilt.

Diana Street, 10 Uhr.

Meine liebe Lydia! Du hast mir einen herzlosen Brief geschrieben. Hättest Du Dich in meiner schwierigen Lage befunden, gequält, wie ich war von Aerger aller Art, als ich an Dich schrieb, so hätte ich Nachsicht für meine Freundin gehabt, wenn diese Freundin sich nicht so schlau wie gewöhnlich gezeigt hätte. Aber der Fehler unseres Zeitalters ist ein Mangel an Rücksichten gegen bejahrtere Personen. Dein Gemüth befindet sich in einem traurigen Zustande, meine Beste, und Du brauchst ein gutes Beispiel sehr nöthig. Du sollst ein gutes Beispiel haben —— ich vergebe Dir.

Jetzt, nachdem ich mir durch eine gute Handlung das Herz erleichtert, wie wäre es da, wenn ich Dir zunächst bejahte —— obgleich ich gegen die Gemeinheit des Ausdrucks protestiere, —— daß ich allerdings ein wenig weiter zu sehen im Stande bin, als meine arme alte Nase reicht?

Ich will Deine Frage wegen des Stubenmädchens zuerst beantworten. Du darfst ihr unbedingtes Vertrauen schenken. Sie hat ihre Nöthen gehabt und Discretion gelernt. Außerdem kann sie für so ziemlich von Deinem Alter gelten, obgleich ich ihr nur Gerechtigkeit widerfahren lasse, wenn ich hinzufüge, daß sie in dieser Hinsicht einen Vorzug von mehren Jahren vor Dir besitzt. Ich lege die nothwendigen Instructionen bei, die sie Dir gänzlich zur Verfügung stellen.

Und was kommt dann? Dann kommt Dein Plan zu Deiner Uebersiedlung nach Bayswater. Derselbe ist, so weit er eben reicht, ganz gut, aber er bedarf sehr einiger kleinen Verbesserungen. Es ist höchst nöthig —— und Du sollst sogleich erfahren, warum —— den Pfarrer viel vollständiger zu täuschen, als Du zu thun beabsichtigst Er muß das Gesicht des Mädchens unter Umständen sehen, die ihm die Ueberzeugung geben, daß es das Deinige sei. Und dann, ich gehe noch einen Schritt weiter, muß er sehen, daß das Stubenmädchen London verläßt, und zwar in der Ueberzeugung daß er Dich Deine Reise nach Brasilien hat antreten sehen. Er glaubte nicht an diese Reise, als ich ihm heute Nachmittag auf der Straße davon erzählte. Indes; kann er daran glauben, wenn Du den Weisungen folgst, die ich Dir jetzt geben werde.

Morgen ist Sonnabend. Schicke das Mädchen, ganz wie Du es vorschlägst, in Deinem heutigen Anzuge aus; aber rühre Dich selber nicht vom Flecke und laß Dich nicht am Fenster blicken. Befiehl ihr, den Schleier niederzulassen, eine Stunde spazieren zu gehen —— natürlich ohne Ahnung von dem ihr folgenden Pfarrer oder seinem Diener —— und dann zu Dir zurückzukehren. Sowie sie heimkommt, laß sie augenblicklich ans offene Fenster treten, den Schleier sorglos zurückschlagen und hinaussehen. Nach ein paar Minuten laß sie vom Fenster zurücktreten, Hut und Shawl ablegen und sich dann nochmals am Fenster oder besser noch, draußen auf dem Balcon zeigen. Dann mag sie sich später am Tage noch einige male in dieser Weise zeigen, doch nicht zu oft, und da wir es mit einem geistlichen Herrn zu thun haben, schicke sie morgen auf jeden Fall in die Kirche. Wenn diese Vorkehrungen den Pfarrer nicht überzeugen, daß das Gesicht des Stubenmädchens das Deinige ist, und ihn nicht bereitwilliger an Deine Besserung glauben machen, als er es zu thun geneigt war, während ich mit ihm sprach, so habe ich meine sechzig Jahre in diesem Jammerthale mit sehr geringem Nutzen zugebracht, meine Liebste.

Der nächste Tag ist Montag. Ich habe mir die Schiffsanzeigen angesehen und finde, daß am Dienstag ein Dampfschiff von Liverpool nach Brasilien abgeht. Nichts könnte sich besser treffen; wir wollen Dich vor den eigenen Augen des Pfarrers abreisen lassen. Du mußt dies folgendermaßen bewerkstelligen.

Um ein Uhr schicke den Mann, der die Messer und Gabeln putzt, nach einem Fiaker aus, und wenn er denselben vor die Thür gebracht, so laß ihn noch eine zweite Droschke holen, in welcher er selber am Square, um die Ecke, wartet. Laß das Mädchen, noch immer in Deinem Anzuge, mit den nothwendigen Koffern und Kisten im ersten Fiaker nach der Nordwestbahn abfahren. Sobald sie fort ist, schlüpfe Du selber um die Ecke nach der wartenden Droschke und komm’ zu mir nach Bayswater. Sie sind vielleicht darauf vorbereitet, dem Fiaker des Mädchens zu folgen, weil sie denselben vor der Thür warten sehen, aber dem Deinigen zu folgen, wird ihnen nicht einfallen, da er ja drüben am Square gehalten hat. Wenn die Zofe auf den Bahnhof gelangt ist und ihr Möglichstes gethan hat, um sich in der Menge zu verlieren —— ich habe absichtlich den gemischten Zug um 2 Uhr 10 Minuten gewählt, um ihr alle Chancen dazu zu geben, —— bist Du bei mir in Sicherheit, und es macht dann nichts mehr aus, wenn sie auch entdecken, daß sie nicht wirklich nach Liverpool abgereist ist. Sie werden jede Spur von Dir verloren haben und mögen dann, wenn es ihnen beliebt, ganz London nach dem Mädchen durchsuchen Sie erhält in der Inlage meine Weisungen, die leeren Reisekoffer ihren Weg nach dem Büreau für verlorene Baggage finden zu lassen und sich selbst zu ihrer Familie in der City zu begeben und dort zu bleiben, bis ich sie zurückberufe.

Und zu welchem Zweck alles dies? Meine liebe Lydia, zu Deiner und zu meiner zukünftigen Sicherheit. Es mag uns glücken oder mißlingen, dem Pfarrer einzubilden, daß Du wirklich nach Brasilien abgereist bist. Glückt es uns, so dürfen wir uns fortan aller Furcht vor ihm entschlagen. Mißglückt es, so wird er den jungen Armadale vor einem Weibe Warnen, das meinem Stubenmädchen gleicht und nicht vor einem Weibe, das aussieht wie Du. Dieser letztere Vortheil ist ein sehr wichtiger, denn wir wissen nicht, ob Mrs. Armadale ihm nicht Deinen Mädchennamen mitgetheilt hat. In diesem Falle wird seine Beschreibung der »Miß Gwilt", die ihm hier durch die Finger geschlüpft, der »Miß Gwilt" in Thorpe-Ambrose so unähnlich fein, um Jedermann zu überzeugen, daß es sich hier nicht um eine Gleichheit der Personen, sondern nur um eine Gleichheit der Namen handelt.

Was sagst Du jetzt zu meiner Verbesserung Deiner Idee? Ist mein Kopf jetzt nicht mehr ganz so verdreht, wie er Dir erschien, als Du an mich schriebst? Glaube nicht, daß ich mich mit meinem Scharfsinn brüsten will. Weit schlauere Streiche, als dieser werden von Woche zu Woche von Schwindlern am Publikum verübt und in den Zeitungen berichtet. Ich möchte Dich blos darauf aufmerksam machen, daß mein Beistand für den Erfolg unserer Armadale-Speculation jetzt nicht minder nothwendig ist, als zur Zeit, wo ich vermittelst des harmlos aussehenden jungen Mannes und des geheimen Intelligenzbüreaus auf dem Shadyside-Platze unsere ersten wichtigen Entdeckungen machte.

Ich habe, so viel ich weiß, nichts weiter hinzuzufügen, außer daß ich mich eben anschicke, nach meiner neuen Wohnung aufzubrechen, und zwar mit einem Koffer, der mit meinem neuen Namen geziert ist. Die letzten Augenblicke der Mutter Oldershaw vom Modemagazine sind gekommen, und die Geburt von Miß Gwilt’s respectabler Beschützerin Mrs. Mandeville wird binnen fünf Minuten in einem Fiaker stattfinden. Ich bilde mir ein, ich muß im Herzen noch immer jung sein, denn ich bin bereits völlig verliebt in meinen neuen romantischen Namen; derselbe klingt fast ebenso hübsch, wie Mrs. Armadale auf Thorpe-Ambrose, nicht wahr? Gute Nacht, Liebste, und angenehme Träume! Wenn sich bis Montag irgend etwas ereignet, so schreib’ mir unverzüglich mit der Post. Ereignet sich nichts, so wirst Du am Montag für die schleunigsten Erkundigungen, die der Major möglicherweise macht, früh genug bei mir anlangen. Meine letzten Worte sind: Geh nicht aus und wage Dich bis Montag nicht an die Fenster des Vorderzimmers.

Herzlich die Deine
M. O.«



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel.

Am Einundzwanzigsten gegen Mittag schlenderte Miß Milroy, durch eine Besserung im Befinden ihrer Mutter von ihren Pflichten im Krankenzimmer erlöst, in ihrem Gärtchen umher, als der Klang von Stimmen aus dem Parke ihre Aufmerksamkeit erregte. Die eine dieser Stimmen erkannte sie augenblicklich als die Allan’s, die andere war ihr fremd. Sie bog die Zweige eines Busches am Gartengeländer auf die Seite und sah, indem sie hindurchschaute, Allan in Gesellschaft eines kleinen dunklen, schlanken Mannes, der höchst aufgeregt in lautem Tone plauderte und lachte, sich dem Pförtchen nähern. Miß Milroy lief ins Haus hinein, um ihrem Vater Mr. Armadale’s Ankunft zu melden und hinzuzufügen, daß er einen etwas aufgeregten Fremden mitbringe, der aller Wahrscheinlichkeit nach der Freund sei, welcher dem Gerüchte zufolge sich beim Squire im großen Hause zum Besuch aufhalte.

Hatte die Tochter des Majors richtig gerathen? War der laut schwatzende, laut lachende Begleiter des Squires der schüchterne empfindsame Midwinter von früher? Er war es in der That. In Allan’s Gegenwart war an diesem Morgen eine außerordentliche Veränderung mit dem gewöhnlich so ruhigen Benehmen seines Freundes vorgegangen.

Als Midwinter, nachdem er Mr. Brocks beängstigenden Brief bei Seite gelegt, im Frühstückszimmer erschienen, war Allan zu sehr beschäftigt gewesen, um ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die noch ungelöste Schwierigkeit der Wahl eines Tages für das Pächterdiner war ihm abermals zur Beseitigung aufgedrungen, und der Schmaus war jetzt auf den Rath des Kellermeisters, auf Sonnabend, den Achtundzwanzigsten des Monats, angesetzt worden. Erst als er sich umwandte, um Midwinter zu erinnern, daß diese Anordnung demselben reichliche Zeit lasse, um sich mit den Verwaltungsbüchern vertraut zu machen, ward selbst Allan’s flüchtige Aufmerksamkeit durch die sichtliche Veränderung in dem Gesichte seines vis — a vis gefesselt. Er hatte diese Veränderung in der ihm eigenen unverhohlenen Weise sogleich erwähnt und war augenblicklich durch eine ärgerliche, fast zornige Antwort wieder zum Schweigen gebracht worden. Dann hatten sich beide ohne ihre gewohnte gegenseitige Herzlichkeit zum Frühstück niedergesetzt und das Mahl war trübselig verlaufen, bis Midwinter dadurch das Schweigen brach, daß er sich plötzlich einem Ausbruche von Heiterkeit hingab, die Allan eine neue Seite im Charakter seines Freundes enthüllte.

Der Schluß, zu dem er dadurch gelangte, war, wie dies gewöhnlich mit Allan’s Urtheile der Fall, ein falscher. Es war keine neue Seite in Midwinters Charakter, die sich ihm jetzt darstellte, vielmehr nur ein neuer Anblick des einen, immer wiederkehrenden Kampfes in Midwinter’s Leben.

Von Allan’s Wahrnehmung der in ihm vorgehenden Veränderung gereizt, die er selber nicht bemerkt, als er vor dem Verlassen seines Zimmers einen flüchtigen Blick in den Spiegel geworfen hatte, Allan’s prüfender Blicke sich bewußt und die nächsten Fragen fürchtend, die dessen Neugierde an ihn richten dürfte, hatte Midwinter sich mit Gewalt zusammengerafft, um den Eindruck zu verwischen, den sein verändertes Aussehen hervorgebracht. Es war dies eines jener Kraftstücke, wie sie niemandem so leicht gelingen wie Leuten seines raschen Temperaments und seiner empfindsamen frauenhaften Organisation. Von dem besten Glauben erfüllt, daß seit der Entdeckung des Pfarrers in den Kensingtongärten sich ihm und Allan das Verhängniß um einen großen Schritt genähert —— die Spuren von dem noch im Gesicht, was er unter der erneuten Ueberzeugung gelitten, daß die letzte Warnung seines sterbenden Vaters sich in einem Ereignisse nach dem andern geltend mache, um ihn, welches Opfer es auch kosten möge, von dem einzigen menschlichen Wesen zu scheiden, das er liebte —— in der nimmer ruhenden Angst seines Herzens, Allan’s erstes geheimnißvolles Traumgesicht könne sich noch vor Ablauf des heutigen Tages verwirklichen, —— von diesen dreifachen Banden, die sein eigener Aberglaube geschaffen, gefesselt, wie er sich noch nie zuvor gefesselt gefühlt, spornte er sich erbarmungslos zu der verzweifelten Anstrengung, in Allan’s Gegenwart mit diesem an froher Heiterkeit zu wetteifern. Er plauderte und lachte und belud seinen Teller mit dem Inhalte jeder Schüssel, die auf dem Frühstückstische stand. Ausgelassen lustig, machte er Scherze, die keinen Witz hatten, und erzählte Geschichten, die keine Pointe besaßen. Anfangs setzte er Allan in Erstaunen, dann ergötzte er ihn und gewann endlich sein leicht ermuthigtes Vertrauen in Bezug auf Miß Milroy. Er lachte aus vollem Halse über die plötzliche Entwickelung von Allan’s Heirathsplänen, sodaß die Diener unten zu glauben begannen, der seltsame Freund ihres Herrn sei wahnsinnig geworden. Schließlich hatte er Allan’s Vorschlag, sich der Tochter des Majors vorstellen zu lassen und dann sich sein eigenes Urtheil zu bilden, so bereitwillig, ja bereitwilliger angenommen, als es der allerwenigst schüchterne Mensch von der Welt hätte thun können. Und da standen nun die Beiden am Gartenpförtchen; Midwinter’s Stimme übertönte die seines Freundes immer lauter und lauter, sein Wesen maskierte sich —— wie albern und mit welchem Herzweh, das wußte nur er allein! —— hinter einer gemeinen Dreistigkeit, der unerträglichen, beleidigenden Dreistigkeit eines schüchternen Menschen.

Sie wurden im Wohnzimmer von der Tochter des Majors empfangen, der selbst noch nicht herunter gekommen war.

Allem wollte feinen Freund in hergebrachter Form vorstellen. Zu seinem Erstaunen nahm Midwinter ihm ungeniert das Wort aus dem Munde und stellte sich mit einer sichern Miene, einem unangenehmen Lachen und einer plumpen Affectation von Unbefangenheit, die ihn zu seinem größten Nachtheile erscheinen ließen, selber Miß Milroy vor. Seine künstliche Heiterkeit, die er während des Morgens fortwährend zum Ueberschäumen gepeitscht hatte, stieg jetzt in hysterischer Weise, bis er alle Gewalt über dieselbe verlor. Er sprach und gebärdete sich mit jener fürchterlichen Freiheit und Ungebundenheit, welche bei einem von Natur schüchternen Menschen, wenn er einmal alle Zurückhaltung abgestreift, die nothwendige Folge der Anstrengung ist, mit welcher er sich des Zwanges entledigt hat. Er verwickelte sich in ein verworrenes Gemisch von Entschuldigungen, deren es durchaus nicht bedurfte, und Complimenten, die selbst einem Wilden zu schmeichelhaft erschienen sein dürften. Er blickte von Miß Milroy zu Allan und von Allan zu Miß Milroy hin und her und erklärte scherzhaft neckend, er begreife jetzt, warum die Morgenspaziergänge seines Freundes stets nach derselben Richtung eingeschlagen würden. Er fragte sie nach ihrer Mutter und unterbrach ihre Antworten mit Bemerkungen über das Wetter. In einem Athem sagte er, sie müsse den Tag unerträglich heiß finden, und im nächsten versicherte er ihr, daß er sie um ihr kühles Musselinkleid förmlich beneide.

Der Major trat ein. Ehe er noch zwei Worte sagen konnte, überschüttete ihn Midwinter mit der nämlichen wahnsinnigen Vertraulichkeit und derselben fieberhaften Redseligkeit. Er gab seine Theilnahme an Mrs. Milroy’s Befinden in Ausdrücken zu erkennen, die selbst von den Lippen eines alten Hausfreundes hätten übertrieben klingen müssen. Er strömte von Entschuldigungen über, daß er den Major in seinen technischen Studien gestört habe. Er erwähnte Allan’s überschwängliche Schilderung von der Uhr und sprach in noch überschwänglicheren Ausdrücken sein Verlangen aus, dieselbe sehen zu dürfen. Er paradierte mit seiner oberflächlichen Büchergelehrsamkeit über die große Münsteruhr zu Straßburg und machte weit hergeholte Scherze über die seltsamen Automatengestalten, die jene Uhr in Bewegung setzt —— über die Procession der zwölf Apostel, die um Mittag unter dem Zifferblatt vorüberzieht, rund über den kleinen Hahn, welcher beim Erscheinen des heiligen« Petrus kräht —— und alles dies vor einem Manne, der jedes Rad in diesem complicirten Werke studiert und ganze Jahre mit Versuchen zugebracht hatte, die complicirte Maschinerie nachzuahmen. »Wie ich höre, haben Sie die Straßburger Apostelprocession und das Krähen des Straßburger Hahns noch überboten«, rief er in dem Ton und der Manier eines Freundes, der das Privilegium besitzt, alle Ceremonie bei Seite setzen zu dürfen, »und ich sterbe wirklich vor Verlangen, Ihre wunderbare Uhr zu sehen, Major!«

Major Milroy war, als er ins Zimmer trat, in gewohnter Weise noch ganz in seine mechanischen Erfindungen vertieft gewesen. Aber die Wirkung von Midwinters Vertraulichkeit war mächtig genug, um ihn augenblicklich seiner Träumerei zu entreißen und ihm auf der Stelle die gesellschaftlichen Ressourcen des Weltmanns zu Gebote zu stellen.

»Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche«, sagte er, Midwinter einen Augenblick durch einen festen Blick des Erstaunens zum Schweigen bringend; »ich habe die Uhr des Straßburger Münsters zufällig gesehen, und es klingt meinem Ohre fast lächerlich —— verzeihen Sie mir den Ausdruck —— wenn man mein kleines Experiment in irgend einer Weise mit jenem erstaunlichen Werke vergleicht. In der ganzen Welt gibt es kein zweites Kunstwerk dieser Art!« Er schwieg, um seinen eigenen steigenden Enthusiasmus im Zaume zu halten; die Uhr zu Straßburg war für Major Milroy dasselbe, was der Name des Michael Angelo für Sir Joshua Reynolds war. »Mr. Armadale’s Güte hat ihn zur Uebertreibung verleitet!« fuhr der Major, Allan zulächelnd, fort; dabei ignorierte er einen abermaligen Versuch Midwinter’s, das Wort an sich zu reißen, als wäre ein solcher Versuch gar nicht gemacht worden. »Da aber zufälligerweise zwischen der großen Uhr im Auslande und der kleinen Uhr hier zu Hause wenigstens insofern eine Aehnlichkeit stattfindet, als sie beide mit dem Schlage der zwölften Stunde zeigen, was sie zu leisten im Stande sind, und da nur wenig noch an zwölf Uhr fehlt, so ist’s am besten, wenn Sie meine Werkstatt noch besuchen wollen, ich führe Sie dahin, je eher, je lieber.« Er öffnete die Thür und entschuldigte sich mit bedeutungsvoller Förmlichkeit bei Midwinter, daß er ihm voranschreite.

»Wie gefällt Ihnen mein Freund?« flüsterte Allan, als er mit Miß Milroy folgte.

»Muß ich Ihnen die Wahrheit sagen, Mr. Armadale?« erwiderte sie ebenfalls flüsternd.

»Das versteht sich!«

»Nun denn, er gefällt mir gar nicht!«

»Er ist der beste und liebenswürdigste Bursche von der Welt,« entgegnete der offenherzige Man. »Er wird Ihnen besser gefallen, wenn Sie ihn erst besser kennen werden, sicherlich!«

Miß Milroy verzog ein wenig das Gesichtchen, um die äußerste Gleichgültigkeit in Bezug auf Midwinter und ihr lächerliches Erstaunen über Allan’s Parteinahme für die Verdienste seines Freundes auszudrücken. »Hat er mir nicht Interessanteres zu sagen, als das«, dachte sie verwundert, »nachdem er mir gestern Morgen zweimal die Hand geküßt hat?«

Ehe Allan Gelegenheit fand, ein anziehenderes Thema anzuschlagen, waren sie Alle in der Werkstätte des Majors angelangt. Hier, auf einem rohen hölzernen Kasten, welcher offenbar die Maschinerie enthielt, stand die wunderbare Uhr. Das Zifferblatt ward von einem auf schwarzen Ebenholzblöcken ruhenden Piedestal überragt, und auf diesem Piedestal saß die unvermeidliche Gestalt der »Zeit« mit ihrer Sense in der Hand. Unter dem Zifferblatt befand sich ein kleiner Altan, und an jedem Ende desselben war ein kleines Schilderhäuschen mit verschlossener Thür aufgerichtet. Dies war Alles, was man überblickte, bis der magische Augenblick kam, wo die Uhr die Mittagsstunde schlug.

Es fehlten jetzt noch etwa drei Minuten an zwölf Uhr, und Major Milroy benutzte dieselben, um noch eine Erklärung der zu erwartenden Vorstellung zu geben. Schon bei den ersten Worten verloren sich seine Gedanken wieder völlig in dem Interesse an dieser einzigen Beschäftigung seines Lebens. Er wandte sich Midwinter zu —— der auf dem ganzen Wege vom Wohnzimmer hierher unaufhörlich gesprochen hatte und noch immer fort plauderte —— ohne eine Spur von der kalten und schneidenden Ruhe zu zeigen, die sich noch vor wenigen Minuten in seinen Worten ausgedrückt hatte. Der vorlaute familiäre Mensch der im Wohnzimmer ein ungezogener Eindringling gewesen, wurde in der Werkstätte ein privilegirter Gast, denn hier besaß er den Alles wieder gut machenden gesellschaftlichen Vorzug, daß die Leistungen der wunderbaren Uhr ihm noch etwas Neues waren.

»Bei dem ersten Schlage der Uhr, Mr. Midwinter«, sagte der Major im höchsten Eifer, »heften Sie die Blicke auf die Gestalt der »Zeit«, dieselbe wird ihre Sense bewegen und mit derselben nach dem Glaspiedestal hinabdeuten. Dann werden Sie zunächst hinter dem Glase eine kleine gedruckte Karte erscheinen sehen, die Ihnen das Datum und den Tag der Woche anzeigt. Beim letzten Schlage wird die Zeit ihre Sense wieder in ihre vorige Stellung bringen und das Glockenspiel zu läuten beginnen. Dem Geläute wird eine Melodie folgen —— die des Lieblingsmarsches in meinem ehemaligen Regiment —— und darauf die letzte Vorstellung der Uhr stattfinden. Die Schilderhäuschen an beiden Enden werden sich beide im gleichen Momente öffnen. In dem einen werden Sie die Schildwache erscheinen sehen, und aus der andern wird ein Corporal mit zwei Gemeinen heraustreten, um die Wache abzulösen, und dann, die neue Wache an ihrem Posten zurücklassend, vom Altane verschwinden. Für diesen letzteren Theil der Vorstellung muß ich mir Ihre Nachsicht erbitten. Das Räderwerk ist ein wenig complicirt und es hat noch gewisse Mängel, denen ich, wie ich zu meiner Schande bekenne, noch nicht abzuhelfen vermochte. Zuweilen machen die Figuren ihre Sache ganz recht, zuweilen aber ganz verkehrt. Ich hoffe, daß sie bei ihrem ersten Auftreten vor Ihnen ihr Bestes thun werden.«

Während der Major, neben seiner Uhr postiert, diese letzten Worte sprach, sahen seine drei Zuhörer, die am andern Ende des Zimmers standen, die beiden Zeiger aus zwölf weisen. Der erste Schlag erscholl, und die Figur auf dem Piedestal bewegte, dem Signale gehorsam, ihre Sense. Dann kündeten sich das Datum und Wochentag auf einer gedruckten Karte daneben an, während Midwinter die Vorstellung mit einer lauten, übertriebener: Verwunderung applaudierte, welche sich Miß Milroy falscherweise für einen groben Hohn auf die Beschäftigung ihres Vaters auslegte, und die Man, da er sah, daß sie sich gekränkt fühlte, zu mäßigen suchte, indem er seinen Freund an den Ellbogen stieß. Inzwischen nahm die Vorstellung ihren Fortgang. Mit dem letzten Schlage der Mittagsstunde hob die »Zeit« ihre Sense wieder empor, das Glockenspiel läutete, der Lieblingsmarsch von des Majors ehemaligem Regimente folgte und dann kündigte sich in dem vorläufigen Erbeben der Schilderhäuschen und dem plötzlichen Verschwinden des Majors hinter der Uhr die Schlußvorstellung die Wachenablösung, an.

Dieselbe begann damit, daß das Schilderhäuschen auf der rechten Seite des Altans sich mit aller nur zu wünschenden Pünktlichkeit öffnete; die Thür auf der andern Seite war indessen weniger folgsam —— sie blieb hartnäckig geschlossen. Dieses Hindernis; im Fortgange der Vorstellung nicht gewahrend, erschienen der Corporal und seine beiden Gemeinen in vollkommenster Disciplin an ihren Plätzen, schwankten sämtlich, an allen Gliedern zitternd, quer über den Altan, stürzten mit aller Gewalt nach der geschlossenen Thür des Schilderhäuschens auf der andern Seite und machten nicht den geringsten Eindruck auf die unerschütterliche Schildwache die sich drin im Häuschen befinden sollte. Im Innern des Uhrwerks ließ sich ein gelegentliches Ticken und Schnappen hören, wie von den Schlüsseln und Werkzeugen des Majors. Plötzlich marschierte der Corporal und seine beiden Soldaten rückwärts über den Altan zurück und schlossen sich mit einem Krachen der Thür in ihr eigenes Schilderhäuschen ein. In demselben Augenblicke öffnete sich zum ersten Male die andere Thür, und die verwünschte Schildwache erschien mit der größten Gelassenheit an ihrem Posten und harrte der Ablösung. Sie hatte zu warten. In dem andern Schilderhäuschen geschah nichts, als ein gelegentliches Klopfen innen an der Thür, als wenn der Corporal und die Soldaten ungeduldig hinausstrebten. Von neuem ließen sich im Uhrwerke die Werkzeuge des Majors rasselnd vernehmen; der Corporal und seine Begleiter, denen plötzlich die Freiheit gegeben, erschienen in größter Eile und stürmten wüthend über den Altan. Doch wie schnell sie auch waren, die bisher so gelassene Schildwache auf der andern Seite zeigte sich jetzt tückischerweise noch geschwinder, als sie. Mit Blitzesschnelle verschwand sie in ihrem eigenen Häuschen, die Thür schlug scharf hinter ihr zu. der Corporal und die beiden Gemeinen stürzten zum zweiten Male mit aller Gewalt auf dieselbe los, und der Major bat, hinter der Uhr hervorkommend, die Zuschauer höchst unschuldig: sie möchten ihm gefälligst sagen, ob irgend etwas nicht in Ordnung gewesen sei. Die abenteuerliche Albernheit der ganzen Vorstellung, die durch Major Milroy’s ernste Schlußfrage noch erhöht wurde, war so unwiderstehlich, daß die Gäste in ein schallendes Gelächter ausbrachen; selbst Miß Milroy konnte, ungeachtet all ihrer Rücksicht für den empfindlichen Stolz ihres Vaters auf seine Uhr, sich nicht enthalten, in die Heiterkeit mit einzustimmen, welche die Katastrophe der Puppen herbeigeführt hatte. Doch auch das erlaubte Lachen hat seine Grenzen; und diese Grenzen wurden bald von dem Einen der Gesellschaft so gröblich überschritten, daß die andern Beiden sich dadurch fast augenblicklich zum Schweigen gebracht sahen. Das Fieber von Midwinter’s erkünstelter Lustigkeit artete, als die Vorstellung zu Ende kam, in eine wahre Raserei aus. Seine Lachanfälle folgten einander mit so krampfhafter Heftigkeit, daß Miß Milroy erschrocken von ihm zurückwich und selbst der geduldige Major sich mit einem Blicke zu ihm wandte, welcher deutlich sagte: »Verlassen Sie das Zimmer!« Allan faßte Midwinter, dies eine Mal in seinem Leben, einem weisen Impuls folgend, am Arm und zog ihn mit Gewalt in den Garten und von dort in den Park hinaus.

»Gerechter Himmel! Was fehlt Dir?« rief er aus, indem er vor dem verzerrten Gesichte zurückschrak, das er, wie er stehen blieb, jetzt zum ersten Male genau betrachtete.

Für den Augenblick war es Midwinter unmöglich zu antworten. Der hysterische Anfall ging von dem einen Extreme zum andern über. Schluchzend und keuchend lehnte er sich an einen Baum und streckte, mit einer stummen Gebärde um Geduld bittend, die Hand nach Allan aus.

»Es wäre besser gewesen, Du hättest mich nicht in meinem Fieber gepflegt«, sagte er mit matter Stimme, sobald er zu sprechen vermochte. »Ich bin wahnsinnig und elend, Allan —— ich habe mich nie wieder völlig erholt. Geh’ zurück und bitte in meinem Namen um Verzeihung; ich schäme mich zu sehr, es selber zu thun. Ich kann nicht sagen, wie es geschehen ist —— ich kann nur Dich und sie um Vergebung bitten.« Er wandte schnell den Kopf ab, um sein Gesicht zu verbergen. »Bleib’ nicht hier«, sagte er; »sieh mich nicht an —— ich werde es bald überwinden.« Allan zögerte noch immer und bat dringend, daß er ihn nach Hause führen dürfe. Es war nutzlos »Du brichst mir mit Deiner liebevollen Güte das Herz«, rief er leidenschaftlich aus. »Ich bitte Dich um Gottes willen, laß mich allein!«

Allan kehrte zum Häuschen zurück und bat dort mit einer Ernstlichkeit und Einfachheit um Nachsicht für Midwinter, die ihn bedeutend in der Achtung des Majors steigen ließen, bei Miß Milroy jedoch durchaus nicht denselben günstigen Eindruck hervorbringen wollte. Wie wenig sie dies selber ahnen mochte, sie hatte Allan bereits so lieb gewonnen, das; sie auf Allan’s Freund eifersüchtig war.

»Wie überaus abgeschmackt«, dachte sie gereizt. »Als ob eine solche Person die geringste Wichtigkeit für den Papa und mich haben könnte!«

»Sie werden so freundlich sein, sich Ihre Meinung von meinem Freunde nicht nach Ihrer heutigen Bekanntschaft mit ihm zu bilden, nicht wahr, Major Milroy?« sagte Allan beim Scheiden auf seine herzliche Weise.

»Von Herzen gern!« entgegnete der Major, ihm warm die Hand drückend.

»Und Sie auch, Miß Milroy?« fügte Allan hinzu. Miß Milroy machte eine unbarmherzig steife Verbeugung. »Meine Meinung ist nicht im geringsten von Wichtigkeit, Mr. Armadale.«

Allan verließ das Häuschen, arg verdutzt über Miß Milroy’s plötzliche Kälte gegen ihn. Seine große Idee, sich durch seine Verheirathung die Nachbarschaft geneigt zu« machen, erlitt einige Einschränkung, als er das Gartenpförtchen hinter sich schloß. Die Tugend, mit Namen Vorsicht und der Squire von Thorpe-Ambrose machten bei dieser Gelegenheit zum ersten Male persönliche Bekanntschaft mit einander, und Allan beschloß, sich wie gewöhnlich mit aller Gewalt in den Pfad der moralischen Besserung stürzend, nichts in Uebereilung zu thun!



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel.

Als Allan zu Hause anlangte, wurden ihm zwei Aufträge ausgerichtet. Der eine war von Midwinter hinterlassen worden: »Er sei zu einem langen Spaziergang ausgegangen, und Mr. Armadale möge sich nicht beunruhigen, wenn er erst spät wieder heimkehrte.« Der zweite von einem Manne aus Mr. Pedgift’s Bureau, der nach Verabredung erschienen war, während sich die beiden Herren beim Major befanden. »Mr. Bashwoods Empfehlung, und er werde sich die Ehre geben, Mr. Armadale im Verlaufe des Abends nochmals seine Aufwartung zu machen.«

Gegen fünf Uhr kam Midwinter bleich und schweigsam heim. Allan beeilte sich, ihm zu versichern, daß sein Friede mit dem Parkhäuschen geschlossen sei, und erwähnte dann, um das Thema zu wechseln, des Besuchs von Mr. Bashwood. Midwinter war aber entweder so zerstreut oder so erschöpft, daß er sich kaum des Namens zu entsinnen schien. Allan mußte ihn deshalb daran erinnern, daß Mr. Bashwood jener ältliche Schreiber sei, den Mr. Pedgift ihm zur Orientierung in seinen Verwalterpflichten gesandt habe. Er hörte zu, ohne etwas zu bemerken, und begab sich dann auf sein Zimmer, um bis zur Tischzeit zu ruhen.

Auf sich allein angewiesen, ging Allan in die Bibliothek, um zu versuchen, ob er sich nicht mit einem Buche die Zeit vertreiben könne. Er nahm viele Bände von den Brettern herab und stellte einige wieder an ihre Plätze —— doch dabei blieb es. Auf irgend eine geheimnißvolle Weise drängte sich Miß Milroy zwischen den Leser und seine Bücher. Ihre steife Verbeugung und ihre ungnädigen letzten Worte wollten Allan nicht aus dem Sinne kommen, so sehr er sich auch bemühte, sie zu vergessen; von Stunde zu Stunde ward sein Verlangen, den verlorenen Platz in ihrer Gunst wieder zu gewinnen, immer heftiger. Heute noch einmal einen Besuch im Parkhäuschen zu machen und sie zu fragen, ob er so unglücklich gewesen, sie zu beleidigen, war unmöglich. Die Frage mit der nothwendigen Zartheit schriftlich zu thun, erwies sich, nachdem er das Experiment versucht, als eine weit über seine literarischen Fähigkeiten hinausgehende Aufgabe. Nachdem er ein paarmal mit der Feder im Munde im Zimmer auf und ab gegangen war, entschied er sich für den diplomatischen Weg, der in diesem Falle zufällig zugleich der leichteste war, an Miß Milroy zu schreiben, als wenn gar nichts vorgefallen sei, und seine Staffel in ihrer Gunst nach der Antwort zu bemessen, die sie ihm zurücksenden würde. Eine Einladung irgend einer Art, die natürlich auch ihren Vater mit einschloß, obgleich unmittelbar an sie selbst gerichtet, war offenbar das Rechte, um eine schriftliche Antwort von ihr zu erzwingen —— doch hier erhob sich die Schwierigkeit, welche Art von Einladung dies sein solle. An einen Ball war, bei seiner gegenwärtigen Stellung zu den benachbarten Familien, nicht zu denken. Eine Mittagsgesellschaft lag, da sich keine unentbehrliche ältliche Dame im Hause befand, um Miß Milroy zu empfangen —— Mrs. Gripper ausgenommen, die sie doch nur in der Küche empfangen konnte —— ebenfalls außer Frage. Welche Art. von Einladung also konnte es sein? Niemals blöde, wenn er Beistandes bedurfte, diesen rechts und links und in allen Richtungen zu suchen, zog Allan, da er sich am Ende seiner eigenen Hilfsmittel sah, ganz ruhig die Klingel und verblüffte den darauf erscheinenden Diener durch die Frage, wie die frühere Familie zu Thorpe-Ambrose sich zu amüsieren und welche Einladungen sie an ihre Bekannten ergehen zu lassen pflegte.

»Die Familie machte es wie die andern Gutsherrschaften, Sir«, sagte der Mann, seinen Herrn in äußerster Verblüffung anstierend. »Sie gab Mittagsgesellschaften und Bälle. Und im schönen Sommerwetter, wie jetzt, Sir, hatte sie zuweilen Gartengesellschaften und Picknicks.«

»Das ist’s«, rief Allan. »Ein Picknick ist genau das, was ihr Vergnügen machen wird. Richard, Du bist ein unschätzbarer Mensch; Du kannst Dich jetzt wieder hinabbegeben.«

Richard zog sich ganz verwundert zurück, und Richard’s Herr ergriff die Feder.

»Liebe Miß -Milroy. —— Seit ich Sie verlassen, ist es mir plötzlich eingefallen, daß wir ein Picknick arrangieren sollten. Nach so langer Einsperrung in Mrs. Milroy’s Krankenzimmer kann nichts besser für Sie sein, als etwas Abwechselung und Vergnügen (ein gutes Aufrütteln würde ich es nennen, wenn ich nicht an eine junge Dame schriebe). Ein Picknick ist eine Abwechselung und, wenn der Wein gut ist, auch ein Vergnügen. Wollen Sie den Herrn Major fragen, ob er mit diesem Picknick einverstanden ist und mitkommen will? Und falls Sie Bekannte in der Umgegend haben, die an einem Picknick Freude finden, bitte, laden Sie dieselben ebenfalls ein, denn ich selbst habe keine Bekannten. Es soll Ihr Picknick sein, aber ich will für Alles sorgen und Alle mitnehmen. Sie sollen den Tag bestimmen und den Ort zum Picknick wählen. Ich habe mein ganzes Herz an dieses Picknick gehangen.

Immer der Ihre
Allan Armadale.«

Den Brief, ehe er ihn versiegelte, noch einmal überlesend, mußte Allan sich diesmal offen eingestehen, daß der Stil nicht ganz tadellos sei. »Das Wort »Picknick« kommt etwas zu oft darin vor«, sagte er. »Doch einerlei, wenn ihr die Idee gefällt, wird sie sich daran nicht stoßen.« Er sandte den Brief auf der Stelle ab und gab dem Boten strengen Befehl, auf die Antwort zu warten.

In einer halben Stunde war dieselbe da, auf parfümiertem Papier, ohne eine radierte Stelle, lieblich duftend und lieblich anzuschauen.

Das Bekenntniß der nackten Wahrheit ist eins von denen, gegen die das angeborene Zartgefühl des Frauensinnes sich instinctmäßig zu empören scheint. Noch nie waren die wahren Gedanken geschickter verborgen, als jetzt durch Allan’s schöne Correspondentin. Macchiavelli selbst hätte aus Milroy’s Briefe nun und nimmermehr argwöhnen können, daß sie ihr gereiztes Benehmen gegen den jungen Squire, sowie dieser nur den Rücken gewendet, schon von Herzen bereut hatte und hoch entzückt gewesen war, als ihr seine Einladung zukam. Ihr Brief war die Composition einer musterhaften jungen Dame, deren Gefühle alle unter väterlichem Schloß und Riegel gehalten und je nach den Umständen bei Gelegenheit wohl überlegt aufgetischt werden. »Papa« erschien ebenso oft in Miß Milroy’s Antwort, wie »Picknick« in Allan’s Einladung vorgekommen war. »Papa« habe mit Mr. Armadale an rücksichtsvoller Güte gewetteifert, indem auch er daran gedacht, ihr ein wenig Abwechselung und Vergnügen zu verschaffen, und sich deshalb erboten, seine gewohnte ruhige Lebensweise zu unterbrechen und an dem Picknick theilzunehmen. Sie nehme deshalb mit »Papas« Einwilligung Mr. Armadale’s Vorschlag mit Vergnügen an, und auf »Papas« Rath werde sie von Mr. Armadale’s Güte Gebrauch machen und zwei Bekannte, die sich kürzlich in Thorpe-Ambrose niedergelassen, eine Wittwe und ihren Sohn, einen ordinierten Geistlichen von schwächlicher Gesundheit, dazu einluden. Wenn Mr. Armadale der nächste Dienstag gelegen sei, so werde dieser Tag dem »Papa« ebenfalls passen, da dieser bis dahin mit Ausbesserungen an seiner Uhr beschäftigt sei. Das Uebrige wolle sie, auf »Papas« Rath, gänzlich Mr. Armadale überlassen und verbleibe inzwischen, mit »Papas« Empfehlung, Mr. Armadale’s aufrichtige »Eleonor Milroy.« Wer hätte sich jemals gedacht, daß die Schreiberin dieses Briefes vor Freude hochaufgesprungen war, als Allan’s Einladung kam? Wer hätte geahnt, daß bereits unter dem heutigen Datum Folgendes in Miß Milroy’s Tagebuche eingetragen stand: —— »Ich habe den herzigsten, liebsten Brief von Ich-weiß-wohl-Wem erhalten; ich will nie wieder unfreundlich gegen ihn sein, so lange ich lebe.« Allan seinerseits war entzückt über den Erfolg seines Manövers Miß Milroy hatte seine Einladung angenommen, folglich fühlte sie sich nicht von ihm beleidigt. Eine Erwähnung des Briefwechsels schwebte ihm auf der Zunge, als er mit seinem Freunde bei Tische zusammentraf. Aber es lag in Midwinters Gesicht und Wesen etwas, das, selbst für Allan deutlich genug sichtbar, ihn zu warten mahnte, ehe er den peinlichen Gegenstand ihres Besuchs im Parkhäuschen wieder zur Sprache brächte. Wie in stillschweigender Uebereinkunft mieden sie in ihrem Gespräche alles, was sich auf Thorpe-Ambrose bezog, selbst des Besuchs von Mr. Bashwood erwähnten sie nicht, der für den Abend bevorstand. Während der ganzen Mahlzeit versenkten sie sich vielmehr in das alte endlose Thema von ehedem, über Schiffe und Segelfahrten.

Die beiden jungen Leute hatten länger als gewöhnlich bei Tische gesessen. Wie sie mit ihren Cigarren in den Garten hinausgingen, fiel das Sommerzwielicht grau und trübe auf Rasen und Blumenbeet und verengerte allmälig den sanft schwindenden Kreis ihres Horizonts. Der Thau fiel reichlich, und nach wenigen Minuten Weilens im Garten begaben sie sich auf den trocknen Platz der Auffahrt vor dem Hause zurück. Eben waren sie hart an der Biegung, die in das Gebüsch führte, als plötzlich eine leise auftretende schwarze Gestalt hinter dem Laube hervor zu ihnen herausglitt —— ein Schatten, der sich dunkel durch das undeutliche Abendlicht bewegte. Midwinter fuhr beim Anblicke der Erscheinung zurück, und selbst die weniger zarten Nerven seines Freundes waren für den Augenblick erschüttert.

»Wer, zum Teufel, seid Ihr?«. rief Allan.

Die Gestalt entblößte ihr Haupt und trat langsam einen Schritt näher. Midwinter kam seinerseits einen Schritt weiter heran und betrachtete sie scharf. Es war der Mann mit den schüchternen Manieren und in den Trauerkleidern, den er an der Stelle, wo die drei Wege zusammenstießen, um den Weg nach Thorpe-Ambrose gefragt hatte.

»Wer seid Ihr?« wiederholte Allan.

»Ich bitte demüthigst um Verzeihung, Sir«, antwortete der Fremde mit unsicherer Stimme, während er verlegen wieder zurücktrat. »Die Bedienten sagten mir, ich werde Mr. Armadale ——«

»Was, sind Sie Mr. Bashwood?«

»Ja, wenn Sie’s erlauben, Sir.«

»Ich bitte um Entschuldigung, Sie so barsch angeredet zu haben«, sagte Allan; »aber die Wahrheit zu gestehen, Sie haben mich ein wenig erschreckt. Mein Name ist Armadale —— bitte, bedecken Sie sich —— und dies ist mein Freund, Mr. Midwinter, der Ihren, Beistand im Verwaltungsbureau bedarf.«

»Es bedarf kaum des Vorstellens für uns«, sagte Midwinter. »Ich begegnete Mr. Bashwood vor wenigen Tagen aus dem Spaziergange, und er hatte die Freundlichkeit mich zurechtzuweisen, da ich meinen Weg verloren hatte.«

»Setzen Sie Ihren Hut aus«, wiederholte Allan, da Mr. Bashwood noch immer unbedeckten Hauptes dastand und sich sprachlos bald gegen den einen und bald gegen den andern der beiden jungen Männer verbeugte. »Mein guter Herr, setzen Sie Ihren Hut auf und lassen Sie uns zusammen nach dem Hause zurückgehen. Verzeihen Sie mir die Bemerkung«, fügte Allan hinzu, als der Mann aus reiner nervöser Unbehilflichkeit seinen Hut fallen ließ, anstatt mit demselben seinen Kopf zu bedecken; »aber Sie scheinen ein wenig angegriffen zu sein —— ein gutes Glas Wein kann Ihnen nicht schaden, ehe Sie sich mit meinem Freunde ans Geschäft machen. Wo ungefähr trafst Du Mr. Bashwood, als Du Dich verirrt hattest?«

»Ich. kenne die Gegend zu wenig, um dies zu wissen. Ich muß Dich deshalb an Mr. Bashwood verweisen«, antwortete Midwinter.

»Kommen Sie, erzählen Sie uns, wo es war«, sagte Allan, etwas allzu direct versuchend, dem Manne seine Unbefangenheit wiederzugeben, während sie alle Drei zum Hause zurückgingen.

Das Maß von Mr. Bashwood’s angeborener Schüchternheit schien durch Allan’s laute Stimme und unumwundenes Ersuchen bis an den Rand gefüllt zu sein. Mit demselben schwachen Wortstrome floß es über, mit dem er Midwinter überflutet, als sie einander zum ersten Male begegnet waren.

»Es war auf dem Wege, Sir«, begann er, sich abwechselnd an Allan, den er »Sir«, und Midwinter wendend, welchen er beim Namen nannte; »ich meine auf dem Wege nach Little Gill Beek. Ein sonderbarer Name, Mr. Midwinter, und ein sonderbarer Ort; ich spreche nicht vom Dorf, ich spreche von der Umgegend —— ich bitt’ um Vergebung, ich meine die »Breiten«, weiter drüben. Sie haben vielleicht von den Norfolker Breiten gehört, Sir? Was man anderswo in England Seen nennt, nennen die Leute hier »Breiten«. Die Breiten sind sehr zahlreich; ich denke, sie wären wohl der Mühe eines Besuchs werth. Sie würden die erste derselben gesehen haben, Mr. Midwinter, wenn Sie von der Stelle, an der ich die Ehre hatte, Ihnen zu begegnen, ein paar Meilen weiter gegangen wären. Außerordentlich zahlreich, die Breiten, Sir, —— zwischen hier und dem Meere gelegen. Ungefähr drei Meilen vom letzteren, Mr. Midwinter, —— ungefähr drei Meilen. Meistens seicht, Sir, und durch Flüsse mit einander verbunden. Sehr schön; einsam. Eine ganz wässerige Gegend, Mr. Midwinter, eine Gegend ganz für sich, so zu sagen. Es werden zuweilen Partien dahin gemacht, Sir —— Vergnügungspartien zu Nachen. Es ist ein wahres kleines Netz von Seen, oder vielleicht, ja wohl richtiger gesprochen, von Teichen. Im kalten Wetter ist dort gute Jagd. Wildes Geflügel ist da überaus zahlreich. Ja. Die Breiten würden sich eines Besuchs verlohnen, Mr. Midwinter, wenn Sie das nächste Mal einen Spaziergang nach jener Richtung hin machen. Die Entfernung von hier nach Little Gill Beek und dann von Little Gill Beck nach der Girdler Breite, welches die erste ist, zu der man kommt, ist im Ganzen nicht mehr, als ——« In seinem rein nervösen Unvermögen, ein Ende zu finden, würde er den ganzen Abend von den Norfolker Breiten gesprochen haben, wäre nicht der eine seiner Zuhörer ihm ohne alle Umstände ins Wort gefallen, ehe er seine Periode schließen konnte.

»Kann man von hier aus die Hin- und Herfahrt nach den Breiten bequem in einem Tage machen?« fragte Allan, überzeugt, daß in diesem Falle der Ort für das Picknick gefunden war.

O, ja, Sir; eine hübsche, bequeme Fahrt —— eine sehr bequeme Fahrt von diesem schönen Orte aus.«

Sie stiegen jetzt die Vorhallenstufen hinan; Allan ging voran und rief Midwinter und Mr. Bashwood zu, ihm nach der Bibliothek zu folgen, wo eine Lampe brenne. In der Zwischenzeit, die verstrich, ehe der Wein gebracht wurde, betrachtete Midwinter seine zufällige Bekanntschaft von der Landstraße mit einer seltsamen Mischung von Mitleid und Argwohn —— von Mitleid, das wider seinen Willen stieg, und von Argwohn, welcher beharrlich schwand, wie sehr er auch ihn zu nähren suchte. Da, höchst unbequem auf der äußersten Kante seines Stuhls, saß das verkommene, ängstlich arme Geschöpf in seinen abgetragenen schwarzen Kleidern, mit seinen wässerigen Augen, seiner ehrlichen alten Perücke, seiner elenden wollenen Cravatte und seinen falschen Zähnen, die Niemanden zu täuschen vermochten —— da saß er in höflicher Befangenheit, bald vor dem hellen Lichte der Lampe zurückbebend, bald bei Allan’s kräftiger Stimme zusammenfahrend; ein Mann mit den Falten von sechzig Jahren im Gesicht und den Manieren eines Kindes in Gegenwart von Fremden, sicherlich ein Gegenstand des Mitleids, wenn es je einen solchen gab!

»Wovor Sie sich sonst immer fürchten mögen, Mr. Bashwood«, rief Allan, ein Glas Wein einschenkend, »vor dem da fürchten Sie sich nicht! In einem ganzen Oxhoft davon steckt kein einziges Kopfweh! Machen Sie sich’s gemüthlich; ich will Sie mit Mr. Midwinter allein lassen, damit Sie sich zusammen über Ihr Geschäft besprechen. Es ruht ganz in Mr. Midwinters Händen; er handelt für mich und arrangiert Alles nach eigenem Gutachten.«

Er sprach diese Worte mit einer sorgfältigen Wahl seiner Ausdrücke, die ihm sonst durchaus nicht eigen war, und wandte sich dann ohne jede fernere Erklärung der Thür zu. Midwinter, der neben derselben saß, bemerkte sein Gesicht, wie er hinaus ging. Wie leicht es sonst war, den Weg zu Allan’s Gunst zu finden, Mr. Bashwood hatte ihn ohne Zweifel und unbegreiflicherweise nicht finden können!

Die beiden seltsamen Gefährten blieben mit einander allein —— wie es aus den ersten Blick schien, in gegenseitiger Sympathie himmelweit von einander geschieden und nichtsdestoweniger innerlich durch gleiches Temperament zu einander hingezogen, mit jener magnetischen Gewalt, die über allen Alters- und Standesunterschied sich hinweg setzt und allen anscheinenden Gemüths- und Charakter-Verschiedenheiten Trotz bietet. Von dem Augenblicke an, da Allan das Zimmer verließ, begann der geheime Einfluß, der im Dunkeln wirkt, die beiden Männer langsam über die große soziale Kluft zu einander hinzuziehen, die bis zu diesem Tage zwischen ihnen gegähnt hatte.

Midwinter war der erste, der den Zweck ihrer Zusammenkunft zur Sprache brachte.

»Darf ich fragen«, sagte er, »ob man Sie mit meiner Stellung hier bekannt gemacht hat und ob Sie wissen, weshalb ich Ihres Beistandes bedarf?«

Mr. Bashwood, wenngleich noch immer zögernd und schüchtern, aber durch Allan’s Fortgehen sich sichtlich erleichtert fühlend, setzte sich weiter zurück in seinem Stuhl und wagte es, sich durch einen kleinen Schluck Wein zu starken.

»Ja, Sir«, erwiderte er, »Mr. Pedgift hat mich von Allem in Kenntniß gesetzt. Ich soll Sie unterweisen, oder ich sollte vielmehr sagen, Ihnen Rath ertheilen ——«

»Nein, Mr. Bashwood; das erste Wort war das richtigere von den beiden. Ich bin völlig unwissend in den Geschäften, die mir anzuvertrauen Mr. Armadale in seiner Güte sich bewogen gefühlt hat. Wenn ich recht verstanden, so unterliegt Ihre Lehrfähigkeit keinem Zweifel, denn Sie haben selbst eine Verwalterstelle eingenommen. Darf ich fragen, wo dies war?«

»Bei Sir John Mellowchip, Sir, in West-Norfolk. Vielleicht möchten Sie mein Zeugniß sehen, Sir —— ich habe es hier bei mir. Sir John hätte sich wohl etwas freundlicher gegen mich erweisen können, aber ich darf mich nicht beklagen; es ist jetzt Alles geschehen und vorüber!« Seine wässerigen Augen sahen noch wässeriger aus und das Zittern seiner Hände theilte sich seinen Lippen mit, während er einen alten schmutzigen Brief aus seinem Taschenbuche nahm und offen auf den Tisch legte.

Das Zeugniß war sehr kurz und sehr kalt abgefaßt, doch völlig unzweideutig so weit es ging. Sir John hielt es für nicht mehr als recht. zu sagen, daß er sich über keinen Mangel an Fähigkeit oder Rechtlichkeit in seinem Verwalter zu beklagen habe. Hätte sich Mr. Bashwoods häusliche Lage mit seiner ferneren Stellung auf den Gütern vertragen, so würde Sir John ihn gern behalten haben. So aber hatten es gewisse, durch Mr. Bashwoods persönliche Angelegenheiten herbeigeführte Mißhelligleiten nicht wünschenswerth gemacht, daß er noch länger in Sir John’s Diensten verbliebe; und aus diesem Grunde, und nur aus diesem, hatten er und sein Herr sich getrennt. So lautete Sir John’s Zeugniß über Mr. Bashwoods Charakter. Als Midwinter die letzten Zeilen las, gedachte er eines andern Zeugnisses, das sich noch in seinem Besitze befand, des schriftlichen Zeugnisses, das ihm in der Schule gegeben worden, als man den kranken Unterlehrer in die Welt hinausgestoßen hatte. Sein Aberglaube, der ihn allen neuen Ereignissen und neuen Gesichtern zu Thorpe-Ambrose mißtrauen ließ, beargwöhnte den Mann, der vor ihm saß, noch ebenso hartnäckig wie zuvor. Doch wie er diesem Argwohn jetzt Worte leihen wollte, machte sein Herz ihm Vorwürfe, und er legte den Brief schweigend auf den Tisch.

Die plötzliche Pause in der Unterhaltung schien Mr. Bashwood aufzufallen. Er stärkte sich durch einen abermaligen Schluck Wein und brach, den Brief unangerührt liegen lassend, unbezwinglich in Worte aus, als wenn das Schweigen ihm unerträglich wäre.

»Ich bin jede Frage zu beantworten bereit, Sir«, begann er. »Mr. Pedgift sagte mir, daß ich verschiedene Fragen würde beantworten müssen, wenn ich mich um einen Vertrauensposten bewürbe. Mr. Pedgift meinte, daß weder Sie noch Mr. Armadale mit dem Zeugnisse allein zufrieden sein würden. Sir John sagt nicht —— er hätte sich freundlicher darüber ausdrücken können, doch beklage ich mich nicht —— Sir John sagt nicht, welcher Art die häuslichen Bedrängnisse waren, die mich um meine Stelle brachten. Sie wünschen vielleicht zu erfahren ——« Er hielt verlegen inne, sah das Zeugniß an und sagte nichts weiter.

»Wenn es sich in der Sache nur um mein eigenes Interesse handelte«, entgegnete Midwinter, »so gebe ich Ihnen die Versicherung, daß dies Zeugniß mich völlig zufrieden stellen würde. Doch während ich mich mit meinen neuen Pflichten bekannt mache, wird die Person, welche mich darin unterweist, in Wirklichkeit der Gutsverwalter meines Freundes sein. Ich veranlasse Sie sehr ungern, von einem Gegenstand zu sprechen, der Ihnen vielleicht schmerzlich ist, und ich weiß leider gar nicht, was für Fragen ich zu stellen habe; aber in Mr. Armadale’s Interesse müßte ich wohl etwas mehr erfahren, entweder von Ihnen selber, oder von Mr. Pedgift, wenn Sie dies vorziehen ——« Auch er schwieg verlegen, blickte auf das Zeugniß und sagte nichts weiter.

Abermals herrschte momentanes Schweigen. Es war ein warmer Abend und Mr. Bashwood zählte zu seinen sonstigen Uebeln noch das beklagenswerthe Leiden, in den Handflächen zu transpirieren. Er nahm ein elendes kleines baumwollenes Taschentuch aus der Tasche, rollte es zu einem Ballen zusammen und betupfte damit regelmäßig wie ein Pendel erst die eine und dann die andere Hand. Bei einem andern Manne und unter anderen Umständen würde dies lächerlich erschienen sein. Bei diesem Manne aber und in dieser Krisis der Unterredung hatte es etwas Schauerliches.

»Mr. Pedgift’s Zeit ist zu kostbar, Sir, als daß er sie an mich vergeuden könnte«, sprach er. »Wenn Sie erlauben, will ich selber sagen, was zu sagen ist. Ich habe Unglück gehabt in meiner Familie. Es war sehr schwer zu ertragen, obgleich nicht viel davon zu erzählen ist. Meine Frau ——« eine seiner Hände schloß sich fest um das Taschentuch; er befeuchtete seine trockenen Lippen, kämpfte mit sich und fuhr fort:

»Meine Frau, Sir«, begann er wieder, »stand mir ein wenig im Wege; sie hat mir, ich muß es leider zugeben, bei Sir John geschadet. Bald nachdem ich die Verwalterstelle angetreten, verfiel sie —— gewöhnte sie sich —— ich weiß kaum, wie ich es sagen soll —— den Trunk an. Ich konnte sie nicht davon heilen, und ich konnte es auch nicht immer vor Sir John verbergen. Sie verlor alle Selbstbeherrschung und —— und —— stellte seine Geduld ein paarmal auf die Probe, als er in Geschäften auf mein Bureau kam. Sir John hatte Nachsicht, freilich nicht in sehr freundlicher Weise, aber er hatte Nachsicht. Ich klage nicht über Sir John; ich klage jetzt auch nicht über meine Frau.« Er deutete mit zitterndem Finger auf seinen schäbigen alten, mit Krepp umwundenen Castorhut, der neben ihm am Boden stand. »Ich trage Trauer um sie«, sagte er mit schwächer Stimme. »Sie starb vor fast einem Jahre hier im Grafschafts-Irrenhause.«

Sein Mund begann krampfhaft zu arbeiten. Er nahm das Glas Wein in die Hand und leerte es diesmal bis auf den Grund. »Ich bin nicht sehr an Wein gewöhnt, Sir«, sagte er, offenbar fühlend, wie ihm nach dem Trinken die Glut ins Gesicht stieg, und inmitten aller der schmerzlichen Erinnerungen, die er wachgerufen, doch die Pflichten der Höflichkeit nicht aus den Augen verlierend.

»Bitte, Mr. Bashwood, ersparen Sie sich den Schmerz mir noch mehr mitzutheilen«, sagte Midwinter, dem es widerstrebte, seinerseits auf weitere Bekenntnisse zu bestehen, die bereits den Kummer des unglücklichen Mannes vor ihm bis ins Innerste enthüllt hatten.

»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Sir«, erwiderte Mr. Bashwood. »Doch wenn ich Sie nicht zu lange belästige und wenn Sie sich gefälligst erinnern wollen, daß die mir von Mr. Pedgift ertheilten Instructionen sehr specielle waren —— übrigens erwähnte ich meiner verstorbenen Frau nur, weil vielleicht Alles anders gekommen wäre, wenn sie nicht von vornherein Sir John ungeduldig gemacht hätte ——« er schwieg, gab den unzusammenhängenden Satz auf, in den er sich verwickelt hatte, und versuchte einen andern. »Ich hatte nur zwei Kinder, Sir«, fuhr er fort, zu einem neuen Punkte in seiner Erzählung fortschreitend; »einen Knaben und ein Mädchen. Das Mädchen starb in zartester Kindheit. Mein Sohn wuchs zum Manne heran —— und mein Sohn war es, durch den ich meine Stelle verlor. Ich that mein Möglichstes für ihn; ich verschaffte ihm eine Stelle auf einem respectablen Comptoir in London. Man wollte ihn ohne Caution nicht aufnehmen. Wohl war es unvorsichtig von mir; aber ich hatte keine reichen Freunde, von denen ich Hilfe erwarten durfte —— und ich bürgte für ihn. Mein Sohn gerieth auf Abwege, Sir. Er —— vielleicht werden Sie mich gütigst verstehen, wenn ich sage, daß er unredlich handelte. Auf mein inständiges Bitten ließen ihn seine Herren gehen, ohne gegen ihn einzuschreiten. Ich mußte flehentlich darum bitten —— ich hatte meinen Sohn James sehr lieb —— und ich nahm ihn mit mir nach Hause und suchte ihn zu bessern. Aber er wollte nicht bei mir bleiben; er ging wieder nach London; er verzeihen Sie, Sir! Ich wirre wohl leider die Dinge durcheinander; ich komme wohl von der Hauptsache ab?«

»Nein, nein«, sagte Midwinter freundlich. »Wenn es Ihnen nöthig erscheint, mir diese traurige Geschichte zu erzählen, so thun Sie dies ganz auf Ihre Weise. Haben Sie Ihren Sohn wiedergesehen, seitdem er Sie verließ, um nach London zu gehen?«

»Nein, Sir. Soviel ich weiß, ist er noch immer in London. Als ich das letzte Mal von ihm hörte, verdiente er sich sein Brod —— auf nicht sehr rühmliche Art. Er war unter dem Inspector des heimlichen Erkundigungs-Bureaus auf dem Shadyside-Platze angestellt.«

Er sprach diese Worte —— die, soweit jetzt zu beurtheilen, anscheinend weniger als alles bisher Gesprochene zu der jetzt zu verhandelnden. Sache gehörten, in der That aber, wie sich bald herausstellen sollte, das Wichtigste waren, was er überhaupt geäußert hatte —— er sprach diese Worte zerstreut, indem er verwirrt sich umsah und vergebens den verlorenen Faden seiner Erzählung wiederzufinden suchte.

Midwinter kam ihm mitleidsvoll zu Hilfe. »Sie erzählten mir eben«, sagte er, »daß Ihr Sohn Schuld war, daß Sie Ihre Stelle verloren. Wie kam dies?«

»Auf folgende Weise, Sir«, sagte Mr. Bashwood, aufgeregt wieder in den richtigen Gedankengang einlenkend. »Seine Herren ließen ihn gehen, aber sie hielten sich an seinen Bürgen, und dies war ich. Sie waren jedenfalls nicht zu tadeln; die Caution deckte ihren Verlust. Ich konnte nicht Alles aus meinen Ersparnissen bestreiten; ich mußte borgen —— auf mein Ehrenwort, Sir, ich konnte nicht anders, ich mußte borgen. Mein Gläubiger drängte mich; es schien grausam, doch wenn er das Geld brauchte, war es nicht mehr als billig. Haus und Hof wurden mir verkauft. Andere Herren würden wahrscheinlich dasselbe gesagt haben, was Sir John sagte; die meisten Leute würden sich wahrscheinlich geweigert haben, einen Verwalter zu behalten, welcher Execution im Hause gehabt hatte und dessen Hausgeräth in der Umgegend verkauft worden war. So endete die Sache, Mr. Midwinter. Ich brauche Sie jetzt nicht länger aufzuhalten —— hier ist Sir John’s Adresse, für den Fall, daß Sie an ihn schreiben wollen.«

Midwinter lehnte die Adresse großmüthig ab.

»Danke Ihnen bestens, Sir«, sagte M. Bashwood, sich zitternd erhebend. »Es wäre jetzt weiter nichts zu erwähnen, außer —— außer daß Mr. Pedgift für mich sprechen wird, wenn Sie sich gern nach meiner Aufführung, während ich in seinem Dienste war, erkundigen möchten. Ich bin Mr. Pedgift außerordentlich verpflichtet; er ist zuweilen ein wenig barsch gegen mich, aber hätte er mich nicht in seine Dienste genommen, so würde ich, glaube ich, ins Arbeitshaus haben gehen müssen, als ich von Sir John entlassen wurde —— ich war so gebrochen ——« Er nahm seinen schäbigen alten Hut vom Boden auf. »Ich will Sie nicht länger belästigen, Sir. Ich will mit Vergnügen wieder vorkommen, wenn Sie sich die Sache erst überlegen wollen, ehe Sie eine Entscheidung treffen.«

»Nach dem, was Sie mir gesagt haben, bedarf ich keiner Bedenkzeit«, erwiderte Midwinter mit Wärme, indem er sich zugleich der Zeit erinnerte, wo er Mr. Brock seine Geschichte erzählt und auf ein großherziges Wort der Erwiderung gewartet hatte, wie jetzt dieser Mann da vor ihm wartete. »Es ist heute Sonnabend«, fuhr er fort, »können Sie mir künftigen Montag meine erste Lection geben? Verzeihen Sie«, setzte er hinzu, über Mr. Bashwood’s überströmende Dankbarkeit staunend und ihn auf seinem Wege zur Thür anhaltend, »es ist noch eins zwischen uns abzumachen, nicht wahr? Wir haben noch nichts von Ihrem Interesse in der Sache erwähnt —— ich meine von den Bedingungen.« Er deutete damit ein wenig verlegen auf das pecuniäre Moment der Angelegenheit hin. Mr. Bashwood, der sich eiligst der Thür näherte, antwortete noch verlegener:

»Was Ihnen beliebt, Sir, was Ihnen recht dünkt. Ich will nicht länger stören —— ich will es Ihnen und Mr. Armadale überlassen.«

»Wenn Sie es wünschen, will ich Mr. Armadale rufen lassen«, sagte Midwinter, ihm in den Hausflur folgend. »Aber ich fürchte, daß er in derartigen Dingen ebenso wenig Erfahrung besitzt, wie ich. Vielleicht dürften wir uns, wenn Sie nichts dawider hätten, durch Mr. Pedgift bestimmen lassen?«

Mr. Bashwood ging eifrig auf diesen letzten Vorschlag ein und zog sich, während er sprach, bis an die Thür zurück. »Ja, Sir, —— o, ja, ja wohl! Niemand besser, als Mr. Pedgift. Stören Sie —— bitte, stören Sie Mr. Armadale nicht!« Seine wässerigen Augen sahen vor nervöser Angst förmlich wild aus, wie er sich im Lichte der Flurlampe auf einen Augenblick umwandte, um diese höfliche Bitte auszusprechen. Wäre nach Allan zu schicken gleichbedeutend gewesen mit dem Entfesseln eines wüthenden Kettenhundes, Mr. Bashwood hätte solchem Beginnen kaum ängstlicher vorbeugen können. »Ich wünsche Ihnen bestens Gute Nacht, Sir«, fuhr er fort, indem er auf die Hallenstufen hinaustrat. »Ich bin Ihnen sehr verpflichtet; ich werde mich am Montag Morgen pünktlichst einstellen —— ich hoffe —— ich denke —— ich bin überzeugt, daß Sie bald alles erlernen werden, was ich Sie zu lehren vermag. Es ist nicht schwer —— o, mein Himmel, nein, durchaus nicht schwer! Ich wünsche Ihnen bestens Gutenacht, Sir. Ein schöner Abend, ja, in der That ein sehr schöner Abend zu einem Heimwege.«

Mit diesen Worten, die ihm gewissermaßen über Hals und Kopf von den Lippen stürzten, bemerkte er in einer wahren Todesangst von Verlegenheit, wie er seinen Abgang bewerkstelligen sollte, gar nicht Midwinter’s ausgestreckte Hand, sondern schritt geräuschlos die Stufen hinab und verlor sich in der Dunkelheit der Nacht.

Wie Midwinter in das Haus eintrat, öffnete sich die Thür des Speisezimmers, und sein Freund kam ihm im Flur entgegen.

»Ist Mr. Bashwood fort?« fragte Allan.

»Er ist fort«, erwiderte Midwinter, »er hat mir eine sehr traurige Geschichte erzählt und mich ein wenig beschämt, daß ich ihm ohne gerechte Ursache mißtraute. Ich bin mit ihm überein gekommen, daß er mir am Montag Morgen in der Verwalterstube meine erste Lection geben soll.«

»Sehr schön!« sagte Allan. »Du brauchst keine Sorge zu haben, alter Junge, daß ich Euch in Euren Studien stören werde. Ich habe wahrscheinlich Unrecht —— aber Mr. Bashwood gefällt mir nicht.«

»Ich habe wahrscheinlich Unrecht«, entgegnete der Andere ein wenig gereizt. »Mir gefällt er.«

Der Sonntag Morgen sah Midwinter im Park, wo er dem Briefboten auflauerte, für den Fall, daß dieser ihm fernere Nachrichten von Mr. Brock brächte.

Zur gewohnten Stunde erschien der Mann und händigte Midwinter den erwarteten Brief ein. Dieser öffnete denselben und las, diesmal ohne Störung besorgen zu müssen, wie folgt:

»Mein lieber Midwinter!

Ich schreibe mehr, um Sie zu beruhigen, als weil ich irgend etwas Bestimmtes zu sagen hätte. hatte keine Zeit, Ihnen in meinem letzten eiligen Briefe mitzutheilen, daß die ältere der beiden Frauen, denen ich in den Gärten begegnete, mir gefolgt war und auf der Straße mit mir gesprochen hatte. Ohne ungerecht gegen sie zu sein, glaube ich, was sie zu zu mir sagte, von Anfang bis zu Ende als ein Gewebe von Unwahrheiten bezeichnen zu dürfen. Jedenfalls bestätigte sie mich in dem Argwohne, daß eine Intrigue im Werke ist, deren Opfer Allan sein soll und daß die Hauptanstifterin des Complotes jenes schändliche Weib ist, das bei der Heirath seiner Mutter behilflich war und später ihren Tod beschleunigte.

In dieser Ueberzeugung habe ich kein Bedenken getragen, etwas für Allan zu thun, was ich für sonst Niemanden in der Welt zu thun im Stande wäre. Ich habe mein Hotel verlassen und mich mit meinem alten Diener Robert in einem Hause etabliert, demjenigen gegenüber, nach dem ich jenen beiden Frauen folgte. Wir liegen nun Tag und Nacht abwechselnd auf der Lauer, von den Leuten uns gegenüber völlig unbemerkt, wie ich gewiß bin. Alle meine Gefühle als die eines Geistlichen und Gentleman empören sich gegen eine solche Beschäftigung aber es bleibt mir keine andere Wahl. Ich muß entweder meiner Selbstachtung diese Gewalt anthun, oder Allan selbst mit seinem sorglosen Wesen und in seiner ungreifbaren Stellung sich gegen eine Elende vertheidigen, die, wie ich fest überzeugt bin, gerüstet ist, in der gewissenlosesten Weise seine Schwachheit und seine Jugend zu benutzen. Die Bitte seiner sterbenden Mutter ist mir stets im Gedächtniß und, Gott helfe mir! in Folge derselben erniedrige ich mich jetzt in meinen eignen Augen.

Das Opfer hat bereits einigen Lohn eingebracht. Ich habe heute (Sonnabend) einen ungeheuren Vortheil errungen —— ich habe das Gesicht der Person gesehen. Sie ging, wie zuvor, mit herabgelassenem Schleier aus, und Robert, der meine Instructionen erhalten, ihr, wenn sie nach Hause zurückkehrte, nicht zu folgen, behielt sie im Auge. Sie kam in der That nach Hause zurück, und der Erfolg war, wie ich erwartet, daß sie auf ihrer Hut zu sein vergaß. Ich sah ihr Gesicht unverschleiert am Fenster und später nochmals auf dem Balcon. Sollte sich irgend Anlaß bieten, daß Sie ihr Signalement brauchen, so will ich es Ihnen geben. Gegenwärtig habe ich nur zu erwähnen, daß sie reichlich so alt aussieht, wie Sie die Person schätzten (fünfunddreißig Jahre), und daß sie durchaus nicht so schön ist, wie ich sie mir, ich weiß kaum warum, gedacht hatte.

Das ist Alles, was ich Ihnen jetzt mittheilen kann. Wenn sich bis nächsten Montag oder Dienstag nichts weiter ereignet, so wird mir nichts anderes übrig bleiben, als die Mithilfe meiner Advocaten in Anspruch zu nehmen; obgleich es mir im höchsten Grade widerstrebt, diese zarte und gefährliche Angelegenheit andern Händen, als den meinigen, anzuvertrauen. Wenn ich indeß meine eigenen Gefühle gänzlich bei Seite setze, ist die Angelegenheit, welche meine Reise nach London veranlaßt, doch eine zu wichtige, als daß ich sie noch länger so leicht behandeln dürfte, wie ich es jetzt thue. Auf jeden Fall verlassen Sie sich darauf, daß ich Sie über den fernem Verlauf der Dinge ganz au fait erhalten werde.

Immer aufrichtig der Ihre

Decimus Brock.«

Midwinter hob diesen Brief am selben Orte auf, wo er schon den vorigen verwahrt hatte, in seinem Taschenbuche, zusammen mit der Erzählung von Allan’s Traume.

»Wie viele Tage noch?« fragte er sich auf dem Rückwege nach dem Hause. »Wie viele Tage noch?«

Nicht viele. Der erwartete Augenblick rückte heran.

Der Montag kam und mit, ihm Mr. Bashwood pünktlich zur bestimmten Stunde. Der Montag kam und fand Allan ganz absorbiert von den Vorbereitungen zu dem Picknick. Den ganzen Tag lang zu Hause und außer dem Hause hielt er eine Reihe von Besprechungen. Er hatte Geschäfte mit Mr. Gripper, mit dem Kellermeister und mit dem Kutscher, in ihren drei verschiedenen Departements des Essens, Trinkens und Fahrens. Er ging in die Stadt, um seine Rechtsanwälte hinsichtlich der »Breiten« zu Rathe zu ziehen und beide Advocaten, den Vater wie den Sohn in Ermangelung irgendwelcher anderer Nachbarn, die er einladen konnte, aufzufordern, sich an dem Picknick zu betheiligen. Pedgift Senior ertheilte, in seinem Departement, die allgemeine Auskunft, bat aber, daß Allan ihn von dem Picknick dispensiere, da er durch Geschäfte davon abgehalten werde. Pedgift juuior lieferte, in seinem Departement, die nöthigen Details und nahm, die Geschäfte preisgebend, mit dem größten Vergnügen die Einladung an. Von der Expedition der Advocaten zurück, begab Allan sich zunächst nach dem Häuschen des Majas, um sich der Zustimmung der jungen Dame für den Ort zu versichern, welchen er zur Vergnügungspartie in Aussicht genommen hatte. Nachdem dies besorgt war, kehrte er nach Hause zurück, um hier der letzten Schwierigkeit zu begegnen —— der Schwierigkeit, Midwinter zur Theilnahme an der Expedition nach den »Breiten« zu überreden.

Bei der ersten Erwähnung der Sache fand Allan seinen Freund fest entschlossen, zu Hause zu bleiben. Midwinter’s Widerstreben, nach dem, was sich im Parkhäuschen zugetragen, mit dem Major und dessen Tochter zusammenzukommen, wäre vielleicht zu überwinden gewesen. Allein sein Entschluß, den Unterrichts-Cursus Bashwoood’ nicht unterbrechen zu lassen, war unerschütterlich. Nachdem er die äußersten Anstrengungen gemacht, seinen Einfluß zur Geltung zu bringen, mußte sich Allan mit einem Vergleiche begnügen. Midwinter versprach, freilich nicht sehr bereitwillig, gegen Abend da zur Gesellschaft zu stoßen, wo ein Zigeuner-Thee stattfinden, mit dem die Festlichkeit des Tages geschlossen werden sollte. So weit war er bereit, die Gelegenheit zu benutzen, um sich mit den Milroys wieder auf freundschaftlichen Fuß zu stellen. Mehr könne er, selbst auf Allan’s dringende Bitten, nicht zugeben, und mehr zu fordern, sei völlig nutzlos.

Der Tag des Picknicks kam. Der schöne Morgen, sowie die fröhliche Geschäftigkeit bei den Vorbereitungen zu der Partie vermochten Midwinter nicht zu einer Aenderung seines Entschlusses zu verlocken. Zur gewohnten Stunde zog er sich vom Frühstückstisch zurück, um sich zu Mr. Bashwood in die Verwalterstube zu verfügen. Die Beiden saßen auf der Hinterseite des Hauses ruhig über ihren Büchern, während vorn das Packen der Proviantkörbe für das Picknick vor sich ging. Der junge Pedgift, klein von Gestalt, aufgeputzt und zuversichtlichen Wesens, kam, etwas vor der Abfahrtsstunde, um die Anordnungen zu überwachen und die letzten Maßregeln zu treffen, zu denen seine Ortskenntniß ihn berechtigte. Allan und er waren noch in eifriger Berathung mit einander begriffen, als sich das erste Hindernis; einstellte. Das Hausmädchen vom Parkhäuschen brachte Allan ein Billet von Miß Milroy und wartete unten aus Antwort.

Offenbar hatte bei diesem Anlaß Miß Milroy’s Gemüthsbewegung ihr Schicklichkeitsgefühl in den Hintergrund gedrängt. Der Ton des Briefes war ein fieberhaft aufgeregter, und die Schrift wanderte, in beklagenswerther Nichtachtung alles schicklichen Zwanges, schief auf und ab.

»O, Mr. Armadale«, schrieb die Tochter des Majors, »was für ein Unglück! Was sollen wir anfangen? Der Papa hat heute Morgen einen Brief von der Großmama wegen der neuen Gouvernante erhalten. Ihre Empfehlungen haben sieh als völlig befriedigend herausgestellt, und sie ist bereit, unverweilt zu kommen. Großmama meint, je eher je lieber (wie ärgerlich!), und sie sagt, wir dürfen sie —— die Gouvernante meine ich —— schon heute oder morgen erwarten. Papa sagt, er ist stets so lächerlich rücksichtsvoll gegen alle Leute, wir dürfen Miß Gwilt, für den Fall, daß sie heute anlangen sollte, nicht eintreffen lassen, ohne daß Jemand im Hause bleibt, um sie zu empfangen, Was sollen wir anfangen? Ich könnte weinen vor Verdruß. Miß Gwilt macht mir schon den unvortheilhaftesten Eindruck von der Welt, obgleich Großmama sagt, sie sei charmant. Wissen Sie irgendeinen Rath, lieber Mr. Armadale? Wenn Sie ihn haben, so wird Papa sich sicherlich fügen. Halten Sie sich nicht mit Schreiben auf, sondern senden Sie mir eine mündliche Antwort. Ich habe einen neuen Hut zu dem Picknick bekommen, und, o, die Qual, nicht zu wissen, ob ich ihn aufbehalten oder wieder abnehmen muß! ——

Aufrichtig die Ihre

L. M«

»Der Teufel hole Miß Gwilt!« sagte Alan, in hilfloser Bestürzung seinen Rechtsanwalt anstierend.

»Von ganzem Herzen, Sir; ich möchte durchaus nicht verhindern«, bemerkte Pedgift junior. »Darf ich fragen, was es gibt?«

Allan erzählte es ihm. Mr. Pedgift junior mochte seine Fehler haben, aber Verlegenheit um Auskunftsmittel gehörte nicht dazu.

»Es gibt einen Ausweg aus dieser Schwierigkeit, Mr. Armadale«, sagte er. »Wenn sie heute anlangt, so lassen Sie die Gouvernante mit zum Picknick kommen.«

Allan machte vor Erstaunen große Augen.

»Alle Pferde und Fuhrwerke in den Ställen und Remisen von Thorpe-Ambrose brauchen wir für unsre kleine Partie nicht«, fuhr der junge Pedgift fort. »Das versteht sich! Sehr gut also. Wenn Miß. Gwilt heute kommt, kann sie unmöglich vor fünf Uhr anlangen. Wieder gut. Sie lassen um diese Zeit einen offenen Wagen vor dem Hause des Majors halten, Mr. Armadale, und ich will dem Kutscher seine Anweisungen gehen, wohin er fahren soll. Wenn die Erzieherin im Parkhäuschen eintrifft, mag sie ein hübsches kleines Billet mit einer Entschuldigung vorfinden —— in Begleitung kalten Geflügels oder was man ihr sonst nach ihrer Reise vorsetzen mag —— worin sie ersucht wird, sich des Wagens zu bedienen, um sich dem Picknick anzuschließen. Beim Zeus, Sir«, sagte der junge Pedgift fröhlich, »sie muß in der That von empfindlicher Natur sein, wenn sie sich danach noch vernachlässigt fühlt!«

»Vortrefflich«, rief AlIan. »Es soll ihr jede Aufmerksamkeit erwiesen werden. Ich will ihr den Ponywagen mit dem weißen Geschirr geben, und sie soll sich selber fahren, wenn sie Lust hat.«

Er kritzelte eine Zeile, um Miß Milroy’s Angst zu beschwichtigen, und gab die nöthigen Befehle hinsichtlich der Ponykutsche. Zehn Minuten später hielten die für die Vergnügungsparties bestimmten Wagen vor der Thür.

»Jetzt, da wir uns ihretwegen all diese Mühe genommen«, sagte Allan, als sie aus dem Hause traten, »bin ich neugierig, ob wir, wenn sie wirklich heute kommt, sie beim Picknick sehen werden!«

»Komm ganz und gar auf ihr Alter an, Sir«, sagte der junge Pedgift mit der glücklichen Zuversicht, die ihn in so hohem Grade auszeichnete, sein Urtheil abgebend. »Ist sie alt, so wird sie von der Reise erschöpft sein und sich an dem kalten Kapaun stärken und das Haus halten. Ist sie jung, so verstehe ich entweder nichts von den Weibern, oder die Ponys mit dem weißen Geschirr bringen sie zum Picknick.«

Darauf fuhren sie nach dem Parkhäuschen ab.



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel.

Die kleine Gruppe, die in Major Milroy’s Wohnzimmer versammelt war und auf die Wagen von Thorpe-Ambrose wartete, würde auf Niemanden, der nichts davon gewußt hätte, den Eindruck einer Gesellschaft gemacht haben, die einem Picknick entgegensähe. Soviel man sah, waren die Anwesenden in sattsam feierlich langweiliger Stimmung, um für Hochzeitsgäste gelten zu können.

Selbst Miß Milroy, obgleich sich vollkommen bewußt, daß ihr hübsches Musselinkleid und ihr schöner neuer Federhut sie vortrefflich kleideten, erschien in diesem unvortheilhaften Augenblicke als Miß Milroy unter einer Schattenwolke. Obgleich Allans Billet ihr in kräftigster Sprache die Versicherung gegeben, daß der eine große Zweck, die Ankunft der Erzieherin mit der Feier des Picknicks in Einklang zu bringen, erreicht sei, blieb ihr doch noch der Zweifel, ob Allans Plan, sei er, was er sei, von ihrem Vater gebilligt würde. Mit Einem Worte, Miß Milroy wollte sich ihres Vergnügens für den Tag nicht gewiß dünken, bis der Wagen vor der Thür halten und sie von dannen führen würde. Der Major seinerseits, zur Feier des Tages in einen knappen blauen Frack eingeknöpft, den er seit Jahren nicht getragen, und mit einer zwölfstündigen Trennung von seiner alten Freundin und Gefährtin, der Uhr, bedroht, war ein Mann so sehr außer seinem Fahrwasser, wie es nur je einen gegeben. Was die Freunde betraf, die auf Allan’s Wunsch dazu geladen worden, nämlich die Wittwe Mrs. Pentecost und ihr Sohn, Se. Ehrwürden Mr. Samuel Pentecost, so hätte man ganz England von einem Ende zum andern durchsuchen können, ohne ein Paar Leute zu entdecken, die weniger zur Lust des Tages beizutragen geeignet waren, als diese Beiden. Ein junger Mann, der seine Rolle in der Gesellschaft spielt, indem er durch eine grüne Brille zuschaut und mit einem krankhaften Lächeln zuhört, mag wohl ein Wunder von Verstand und ein Abgrund von Tugend sein, aber für ein Picknick ist er kaum der rechte Mann. Eine alte Dame, die an Taubheit leidet, deren einziges unerschöpfliches Thema ihr Sohn ist und die bei den glücklicherweise seltenen Gelegenheiten, wo ihr Sohn spricht, Jeden eifrigst fragt: » »Was sagt mein Sohn?« ist eine Person, die vermöge ihrer Gebrechen zu Mitleid und wegen ihrer mütterlichen Zärtlichkeit zu aller Achtung berechtigt, allein ist es irgendwie zu umgehen, nicht gerade zu einem Picknick taugt. Ein solcher Mann aber war Se. Ehrwürden Mr. Samuel Pentecost, und eine solche Frau war Sr. Ehrwürden Mutter; und in Ermangelung anderer produzierbarer Gäste waren sie engagiert, heute auf Mr. Armadales Vergnügungspartie nach den »Breiten« von Norfolk zu essen, zu trinken und fröhlich zu sein.

Die Ankunft Allan’s, der von seinem getreuen Begleiter, Pedgift junior, gefolgt ward, fachte die sinkenden Lebensgeister der Gesellschaft im Parkhäuschen wieder an. Der Plan, der Erzieherin die Mittel an die Hand zu geben, um sich dem Picknick anschließen zu können, genügte selbst dem Major in seinem Wunsche: der Dame, die er in seinem Hause aufzunehmen im Begriff stand, alle Aufmerksamkeit zu erzeigen. Nachdem sie die erforderliche Entschuldigung und Einladung geschrieben und in ihrer besten Handschrift an die Gouvernante adressiert, lief Miß Milroy hinauf, um ihrer Mutter Adieu zu sagen, und kehrte mit lächelndem Gesicht und einem Seitenblicke auf ihren Vater zurück, um zu verkünden, daß sie jetzt das Haus verlassen könnten. Die Gesellschaft verfügte sich unverzüglich an das Gartenpförtchen und sah sich, dort angelangt, der zweiten großen Schwierigkeit des Tages gegenüber. In welcher Weise sollten sich die sechs Personen des Picknicks in die beiden offenen Vehikel theilen, die ihrer warteten?

Da legte Pedgift junior abermals seine unschätzbaren Talente in Bezug auf Auskunftsmittel an den Tag. Dieser höchst begabte junge Mann besaß in einem erstaunlichen Grade ein den meisten jungen Leuten unseres Zeitalters eigenthümliches Talent: er war vollkommen fähig, sein Vergnügen zu genießen, ohne darüber seine Geschäfte zu vergessen. Ein Client, wie der Squire von Thorpe-Ambrose, fiel seinem Vater nur sehr selten in den Schooß, und es war daher des jungen Pedgift’s Geschäft, daß er Allan den ganzen Tag hindurch eine besondere, doch nicht aufdringliche Aufmerksamkeit erwies, ein Geschäft, das er vom Anfang bis zum Ende der Lustpartie keinen Augenblick aus dem Gesichte verlor, während er sich zu gleicher Zeit als Leben und Seele des Festes bewahrte. Er hatte auf den ersten Blick erkannt, wie es zwischen Allan und Miß Milroy stand, und sorgte auf der Stelle für die Erfüllung der nach dieser Richtung hin gehenden Wünsche seines Clienten, indem er sich erbot, um seiner Ortskenntniß willen, im ersten Wagen voran zu fahren und Major Milroy und den Geistlichen um ihre Begleitung ersuchte. »Wir werden an einer für einen Soldaten sehr interessanten Stelle vorbeikommen, Sir«, sagte der junge Pedgift mit seiner glücklichen und dreisten Zuversicht zum Major, »an den Ueberresten eines römischen Feldlagers. Und mein Vater, Sir, der einer der Beitragenden ist«, fuhr der angehende Advocat zum Geistlichen gewendet fort, wünscht, daß ich Sie um Ihre Ansicht über die neue Kleinkinderschule befrage, die in Little Gill Beck gebaut wird. Wollen Sie mir dieselbe auf unserer Fahrt gütigst mittheilen?« Er öffnete den Wagenschlag und half dem Major und dem Geistlichen hinein, ehe weder der Eine noch der Andere Einwendungen zu erheben im Stande war. Dies hatte die nothwendige Folge, daß Allan und Miß Milroy in einem und demselben Wagen zusammen fuhren und noch des Extravortheils einer tauben alten Duena genossen, welche des Squires Höflichkeiten in den unerläßlichen Schranken hielt.

Allan hatte sich noch nie eines Zusammenseins mit Miß Milroy erfreut, wie es ihm jetzt auf der Fahrt nach den, »Breiten« zu Theil wurde. Die liebe alte Dame that, nachdem sie ein paar Anekdoten über ihren Sohn erzählt, das Eine, was noch fehlte, um das Glück ihrer beiden jugendlichen Gefährten vollständig zu machen »— sie ward für die Gelegenheit absichtlich eben sowohl blind, wie sie taub war. Eine Viertelstunde, nachdem der Wagen das Häuschen des Majors verlassen, sank die arme gute Seele, auf bequemen weichen Kissen ruhend und von lauen Sommerlüften angefächelt, in einen friedlichen Schlummer. Allan machte seinen Hof und Miß Milroy gestattete die Fabrication dieses zuweilen sehr kostbaren Gegenstandes menschlichen Verkehrs —— beide vollkommen gleichgültig gegen das in zwei Noten spielende feierliche Aecompagnement, das die arglose Nase der Predigersmutter abgab. Die einzige Unterbrechung, die das Hofmachen erlitt, denn das Schnarchem als ein seiner Natur nach bei weitem ernsteres und dauernderes Ding, ward nicht unterbrochen, kam von Zeit zu Zeit von dem voran fahrenden Wagen. Nicht zufrieden, des Majors römisches Feldlager und des Predigers Kleinkinderschule im Kopfe zu haben, erhob Pedgift junior sich hin und wieder in seinem Wagen, rief das ihnen folgende Fuhrwerk an und lenkte mit durchdringender Tenorstimme und in höchst gewählten Ausdrücken Allan’s Aufmerksamkeit auf die interessanten Punkte der Fahrt. Das Einzige, was ihn zum Schweigen brachte, war die stereotype Antwort: »Ja, herrlich!« die Allan zurückbrüllte, worauf Mr. Pedgift in den Tiefen seines Wagens wieder verschwand und die Römer und Kinder da wieder aufnahm, wo er sie hatte fallen lassen.

Die Gegend, durch die jetzt die Gesellschaft fuhr, verdient weit größerer Aufmerksamkeit, als ihr sowohl von Allan wie von seiner Freundin zu Theil wurde.

Eine Fahrt von einer Stunde hatte den jungen Armadale und seine Gäste über den Bereich von Midwinter’s einsamen Spaziergängen hinausgebracht und führte sie einem der eigenthümlichsten und anmuthigsten Naturbilder immer näher, welches die Binnenlandschaft nicht nur von Norfolk, sondern von ganz England aufzuweisen hat. Je mehr die Wagen sich der entlegenen und einsamen Breitengegend näherten, je mehr veränderte« sich allmählig die Landschaft Die Weizen- und Rübenfelder wurden sichtlich seltener, und die fetten grünen Weideplätze mit ihrem weichen schwellenden Rasen dehnten sich zu beiden Seiten weiter und weiter aus. Haufen von trockenem Rohr und Binsen lagen für Korbmacher und Dachdecker am Wege aufgestapelt. Die alten Giebelhäuschen, an denen sie auf der ersten Strecke ihrer Fahrt vorüber gekommen, verschwanden, und Lehmhütten erschienen an ihrer Stelle. Außer den alten Kirchthürmen und den Wind- und Wassermühlen, welche bisher die einzigen Gegenstände gebildet hatten, die man aus dem flachen Marschboden aufragen gesehen, erhoben sich jetzt rings am Horizonte die Segel von unsichtbaren Booten, die langsam hinter einem fernen Saume niedriger Weidenbäume auf unsichtbaren Gewässern dahinglitten. Alle die Linien des seltsamen und überraschenden, von der gewöhnlichen Erscheinung völlig abweichenden Bildes, wie es ein binnenländischer Ackerbaubezirk darbietet, welcher, durch das ihn umspannende verworrene Netz von Sümpfen und Wassern von seinen Umgebungen abgeschlossen, seinen Verkehr zu Wasser anstatt zu Lande bewerkstelligen muß, begannen in immer gedrängterer Reihenfolge sich zu zeigen. Netze erschienen auf den Hüttengeländern; kleine flache Boote lagen fremdartig zwischen den Blumen der Hüttengärtchen; Ackersleute gingen in einer merkwürdig zusammengesetzten Tracht umher, die zugleich auf See- und auf Landleben deutete, in Matrosenhüten, Fischerstiefeln und Bauernkitteln —— und noch immer war das niedrige Wasserlabyrinth in seiner geheimnißvollen Einsamkeit ein verstecktes Labyrinth. Eine Minute später bogen die Wagen plötzlich von der harten Landstraße in einen kleinen grasbewachsenen Nebenweg ein. Geräuschlos rollten die Räder über den feuchten schwammigen Boden dahin. Eine einsame kleine Hütte mit ihren Netzen und Booten erschien. Ein paar Ellen weiter, und das letzte Stückchen fester Erde endete mit einem Male in eine kleine Bucht und einen Hafendamm. Und am Ende des Dammes —— da, rechts und links ihren großen glänzenden, glatten Wasserspiegel ausgießend, da, so rein in ihrem makellosen Blau, so still in ihrem himmlischen Frieden wie der Sommerhimmel über ihr, lag die erste der Norfolk-Breiten.

Die Wagen hielten, das Hofmachen hatte ein Ende und die ehrwürdige Mrs. Pentecost, die in einem Augenblicke völlig ihrer Stimme mächtig ward, heftete, sowie sie vermochte, ihre Augen streng auf Allan.

»Ich lese in Ihrem Gesicht, Mr. Armadale«, sagte die alte Dame scharf, »daß Sie glauben, ich habe geschlafen.«

Das Schuldbewußtsein wirkt auf die beiden Geschlechter verschieden.In neun Fällen von zehn ist es ein weit minder unbequemes Bewußsein bei den Frauen, als bei den Männern. Die Verlegenheit war diesmal ganz und gar auf der Seite des Mannes. Während Allan erröthete und verlegen aussah, umarmte Miß Milroy mit einem hellen unschuldigen Gelächter schnell die alte Dame. »Er ist einer solchen Aehnlichkeit, Sie für eingeschlafen gehalten zu haben, ganz unfähig, liebe Mrs. Pentecost«, sagte die kleine Heuchlerin.

»Ich möchte Mr. Amardale nur wissen lassen«, fuhr die alte Dame, noch immer auf Allan argwöhnisch, fort, »daß ich, da mir leicht schwindlig wird, im Wagen die Augen schließen muß. Die Augen schließen, Mr. Armadale, ist etwas ganz anderes als einschlafen. Wo ist mein Sohn?«

Se. Ehrwürden, Mr. Samuel, erschien schweigend mit seiner grünen Brille und seinem kränklichen Lächeln in schönster Ordnung an der Wagenthür und war seiner Mutter beim Aussteigen behilflich.

»Hat Dir die Fahrt gefallen, Sammy?« fragte die alte Dame. »Herrliche Gegend, nicht wahr, mein Söhnchen?« Der junge Pedgift, welchem die ganzen Vorkehrungen zur Entdeckungsreise nach den »Breiten« zufielen, war eifrig beschäftigt, den Bootsleuten seine Befehle zu ertheilen. Major Milroy saß gelassen und geduldig allein auf einem umgestülpten Fischerboote und sah heimlich nach seiner Uhr. War Mittag schon vorbei? Schon länger als eine Stunde. Seit langen Jahren hatte die berühmte Uhr zu Hause zum ersten Male in einer leeren Werkstatt geschlagen und ihre Künste produziert Der Major seufzte, als er seine Uhr wieder in die Tasche steckte. »Ich fürchte, ich bin für derlei Partien zu alt«, dachte der gute Mann, indem er sich träumerisch umsah. »Mir scheint, ich finde nicht so viel Vergnügen daran, als ich mir gedacht hatte. Wann werden wir nun auf dem Wasser fahren? wo ist Neelie?«

Neelie, oder schicklicher gesprochen, Miß Milroy, befand sich mit dem Veranstalter des Picknicks hinter einem der Wagen. Sie waren in das interessante Thema von ihren Taufnamen vertieft, und Allan war so nahe daran, ihr einen directen Heirathsantrag zu machen, wie dies einem sorglosen jungen Herrn von zweiundzwanzig Jahren nur möglich ist.

»Sagen Sie mir die Wahrheit«, sprach Miß Milroy, die Augen bescheiden auf den Boden heftend, »als Sie zuerst meinen Namen erfuhren, gefiel er Ihnen nicht, wie?«

»Mir gefällt Alles, was Ihnen angehört«, erwiderte Allan entschieden. »Ich finde, daß Eleonore ein wunderschöner Name ist, und dennoch denke ich fast, ich weiß nicht warum, daß der Major ihn noch verschönerte, als er ihn in Neelie umwandelte.«

»Ich kann Ihnen sagen, warum, Mr. Armadale«, entgegnete die Tochter des Majors mit großem Ernste. »Es gibt in dieser Welt unglückliche Menschen, deren Namen —— wie soll ich es gleich ausdrücken? —— deren Namen nicht für sie passen. Der meine paßt nicht für mich. Ich tadle meine Eltern deshalb nicht, denn als ich noch ein kleines Kind war, konnten sie natürlich nicht wissen, zu welcher Art von Wesen ich heranwachsen würde. So aber —— passen mein Name und ich nicht für einander. Wenn man eine junge Dame Eleonore nennen hört, so denkt man sich augenblicklich ein großes, schlankes, schönes, interessantes Geschöpf ganz das Gegentheil von mir! Bei meinem Aeußeren klingt Eleonore lächerlich —— und deshalb ist Neelie, wie Sie selbst bemerkten, gerade das Rechte. Nein! nein! sagen Sie nichts weiter darüber —— ich habe genug davon; wenn wir einmal von Namen reden müssen, so habe ich einen andern Namen im Kopfe, der weit würdiger ist, besprochen zu werden.«

Sie warf dabei ihrem Gefährten einen verstohlenen Blick zu, welcher deutlich genug sagte: »Es ist Ihr Name Allan trat einen Schritt näher zu ihr heran und dämpfte, ohne die geringste Notwendigkeit, die Stimme zu einem geheimnißvollen Flüstern herab. Miß Milroy nahm augenblicklich ihre Untersuchung auf dem Erdboden wieder auf. Sie betrachtete denselben mit einem so außerordentlichen Interesse, daß ein Geologe sie fast des Kokettierens mit den oberen Gesteinsschichten hätte beargwöhnen können.

»An welchen Namen denken Sie?« fragte Allan. Miß Milroy richtete ihre Antwort in Gestalt einer Bemerkung an die oberen Schichten und lief; diese in ihrer Beschaffenheit als Schallleiter damit anfangen, was ihnen beliebte: »Wenn ich ein Mann gewesen wäre«, sagte sie, »so hätte ich Allan heißen mögen!«

Sie fühlte, während sie sprach, wie seine Blicke auf sie geheftet waren, und war, den Kopf abwendend, plötzlich tief in den Anstrich des Kutschkasten versunken. »Wie wunderhübsch!« rief sie mit einem raschen Ausbruche von Interesse für das weit umfassende Thema von Lack und Firniß aus. »Ich möchte wissen, wie das da gemacht wird?«

Der Mann beharrt und das Weib gibt nach. Allan wollte sich vom Hofmachen nicht zum Wagenbau ableiten lassen. Miß Milroy ließ den Gegenstand fallen.

»Nennen Sie mich bei meinem Taufnamen, wenn Ihnen derselbe wirklich gefällt«, flüsterte er in überredendem Tone. »Nennen Sie mich Allan —— nur dies eine Mal, bloß zum Versuch.«

dies eine Mal, blos zum Versuch«

Sie zögerte mit erhöhter Farbe und einem allerliebsten Lächeln und schüttelte den Kopf. »Ich könnte es —— noch nicht«, antwortete sie leise.

»Darf ich Sie Neelie nennen? Oder ist es noch zu früh?«

Sie sah ihn von neuem an, während sich die Musselinhülle ihrer Brust bewegte und ein Blitz von Zärtlichkeit aus ihren dunkelgrauen Augen flammte.

»Sie wissen es am besten«, sagte sie mit mattem Flüstern.

Die unvermeidliche Antwort schwebte auf Allans Lippen. Doch in demselben Augenblicke, da er zu sprechen im Begriff war, erscholl der entsetzlich hohe Tenor des jungen Pedgift, der nach »Mr. Armadale« rief, lustig durch die stille Luft. Zugleich erschien von der andern Seite des Wagens die glotzende Brille des diensteifrig suchenden geistlichen Herrn, Mr. Samuel Pentecost, und die Stimme der Mutter des geistlichen Herrn, die mit großer Geistesgewandtheit die beiden Ideen von der Nähe des Wassers und einer plötzlichen Bewegung in der Gesellschaft mit einander in Verbindung gebracht hatte, fragte in Tönen der Verzweiflung, ob Jemand ertrunken sei? Die Empfindung flieht und die Liebe schaudert bei jeder lauten Demonstration. Allan sagte: »Verdammt!« und begab sich zum» jungen Pedgift. Miß Milroy seufzte und suchte Zuflucht bei ihrem Vater.

»Ich hab’s zu Stande gebracht, Mr. Armadale!« rief der junge Pedgift, seinen Gönner froh begrüßend. »Wir können Alle zusammen auf dem Wasser fahren; ich habe das größte Boot aus den »Breiten« gemiethet. Die kleinen Nachen«, setzte er mit leiserer Stimme hinzu, wie er nach den Dammstufen voranging, »fassen, abgesehen davon, daß sie wackelig sind und leicht umschlagen, nur zwei Personen außer dem Bootführer, und der Major sagte mir, er erachte es, wenn wir Alle in einzelnen Booten führen, als seine Pflicht, mit seiner Tochter zu fahren. Ich dachte, daß dies kaum angehen würde, Sir«, fuhr der junge Pedgift mit achtungsvoll pfiffigem Nachdruck auf die Worte fort. »Und überdies hätten wir die alte Dame, wenn wir sie mit ihrem Gewicht, zweihundertfünfzig Pfund; in einen Nachen gesetzt hätten, fortwährend kopfüber im Wasser gehabt, was Verzug herbeigeführt und einen Dämpfer auf unser Vergnügen gesetzt hätte. Da ist das Boot, M. Armadale. Was sagen Sie dazu?«

Das Boot war abermals eine der wundersamen Erscheinungen auf den »Breiten.« Es war nichts anderes als ein derbes altes Rettungsboot, das nach einer stürmisch verlebten Jugend auf dem wilden salzigen Meere seinen Lebensabend auf dem glatten Süßwasser zubrachte. In der Mitte des Fahrzeugs war eine kleine gemüthliche Kajüte für Freunde der Entenjagd im Winter gebaut und vorn ein Mast mit Segel für Binnenschiffahrt errichtet. Es war reichlicher Raum für die Gäste, das Diner und die drei Bootführer vorhanden. Allan klopfte seinem getreuen Adjutanten beifällig auf die Schulter, und selbst Mrs. Pentecost gewann, sobald sich die ganze Gesellschaft gemüthlich am Bord etabliert fand, eine verhältnißmäßig heitere Ansicht von dem Picknick.

»Sollte sich irgendein Unglück ereignen«, sagte die alte Dame, zur Gesellschaft im Allgemeinen sich wendend, »so gibt es wenigstens Einen Trost für uns Alle —— mein Sohn kann schwimmen.«

Das Boot glitt von der Bucht in die stillen Gewässer der »Breite« hinaus, und die ganze Schönheit der Scenerie erschloß sich dem Auge.

Im Norden und Westen lag, wie das Boot die Mitte des Sees erreicht hatte, das Ufer hell und flach im Sonnenschein da, hie und da von Reihen dunkler Zwergbäume umsäumt und da und dort in den offeneren Zwischenräumen mit Windmühlen und roth bedachten Lehmhütten besetzt. Nach Süden verengerte sich die große Wasserfläche allmählig zu einer Gruppe von nah aneinander liegenden Inselchen, welche die Aussicht schlossen, während im Osten eine lange, sich sanft hinschlängelnde Linie von Schilf den Windungen des Sees folgte und die jenseits liegende Wasserwüste dem Blicke völlig abschnitt. So klar und leicht war die Sommerluft, daß die einzige Wolke, die sich am östlichen Horizonte zeigte, in dem Rauchkräuseln bestand, welches ein drei Meilen, oder mehr, entfernter Dampfer aus der unsichtbaren See zurückgelassen hatte. Wenn die Stimmen der Lustpartie schwiegen, ließ sich nah und fern kein Laut vernehmen, außer dem leisen Plätschern am Bug, während die Männer mit dem langsamen gelassenen Schlage ihrer langen Ruderstangen das Boot leicht über das flache Wasser bewegten. Es war, als sei die Welt und ihr Getümmel aus immer weit hinten am Lande zurückgeblieben. die Stille war magisch —— das Verschmelzen der weichen Reinheit des Himmels mit der hellen Ruhe des Sees entzückend.

In vollkommener Bequemlichkeit im Boote installiert —— der Major und seine Tochter auf der einen, der Geistliche und seine Mutter auf der andern Seite und Allan und der junge Pedgift zwischen beiden —— schaukelte die Gesellschaft sanft dem kleinen Inselneste am Ende der »Breite« zu. Miß Milroy schwamm in Entzücken; Allan war begeistert, und der Major vergaß seine Uhr. Jeder empfand auf seine Weise die Ruhe und Schönheit des Anblicks. Mrs. Pentecost fühlte sie auf ihre Art, wie eine Hellseherin mit geschlossenen Augen.

»Sehen Sie sich um, Mr. Armadale«, flüsterte der junge Pedgift. »Ich glaube, der Pastor beginnt sich zu amüsieren.«

In der That zeigte sich in diesem Augenblicke eine ungewohnte Munterkeit im Wesen des Geistlichen —— offenbar der Vorläufer einer kommenden Rede.

Wie ein Vogel bewegte er den Kopf von einer Seite zur andern, er räusperte sich, faltete die Hände und blickte mit milder Theilnahme auf die Gesellschaft. Das Vergnügt werden hatte bei diesem vortrefflichen Menschen eine beunruhigende Aehnlichkeit mit den letzten Vorbereitungen zur Kanzelbesteigung.

»Selbst in dieser friedlichen Stille«, sagte Se. Ehrwürden, mit seiner ersten Bemerkung zur Unterhaltung der Gesellschaft beitragend, »wird das christliche Gemüth —— gewissermaßen von einem Extrem zum andern geführt und mächtiglich an die Wandelbarkeit aller irdischen Freuden erinnert. Wie wäre es, wenn diese Ruhe nicht fortdauertet? Wenn sich die Winde erhöben und die Gewässer empörten?«

»Sie brauchen sich deshalb nicht zu ängstigen, Sir«, sagte der junge Pedgift; »der Juni ist hier die günstigste Jahreszeit, und Sie können schwimmen.«

Mrs. Pentecost, von der unmittelbaren Nähe ihres Sohnes wahrscheinlich magnetisch berührt, öffnete plötzlich die Augen und fragte mit ihrem gewohnten Eifer: »Was sagt mein Sohn?«

Se. Ehrwürden wiederholte seine Worte in dem Tone, der dem Gebrechen seiner Mutter entsprach. Die alte Dame nickte hohen Beifall und verfolgte den Gedankengang ihres Sohnes vermittelst eines Citats.

»Ach!« seufzte Mrs. Pentecost mit unaussprechlichem Behagen. »Er reitet auf dem Sturmwind, Sammy, und lenke den Sturm!«

»Edle Worte!« entgegnete Se. Ehrwürden. »Edle und trostreiche Worte!«

Hören Sie«, flüsterte Allan, »was machen wir, wenn er sich noch lange in dieser Weise ergeht?«

»Ich sagte Dir« wohl, Papa, daß es gewagt sei, sie einzuladen«, fügte Miß Milroy ebenfalls flüsternd hinzu

»Mein liebes Kind!« stellte ihr der Major vor. »Wir kannten sonst Niemanden in der Umgegend, und da Mr. Armadale uns gütig anbot, unsere Freunde mitzubringen, blieb uns ja nichts anderes übrig.«

»Wir können das Boot nicht umkippen«, bemerkte der junge Piedgift mit teuflischem Ernst. »Es ist unglücklicherweise ein Rettungsboot. Darf ich den Vorschlag wagen, Mr. Armadale, daß Sie dem geistlichen Herrn etwas in den Mund stecken? Es ist fast drei Uhr. Was meinen Sie, sollen wir zu Tische läuten, Sir?«

Noch nie war der rechte Mann mehr an dem rechten Platze, als der junge Pedgift bei diesem Picknick. In zehn Minuten lag das Boot in dem Schilfe still. Die Proviantkörbe von Thorpe-Ambrose wurden auf dem Kajütendache ausgepackt und dem Strome der Beredtsamkeit des geistlichen Herrn war damit für heute Einhalt gethan.

Wie unermeßlich wichtig in seinen moralischen Folgen, und darum wie lobenswerth an sich, ist das Essen und Trinken! Die gesellschaftlichen Tugenden finden ihren Mittelpunkt im Magen. Ein Mann, der nach seinem Mittagsessen nicht ein besserer Gatte,Vater oder Bruder ist, muß, unter uns gesagt, ein unheilbar lasterhafter Mensch sein. Welche verborgenen Charaktervorzüge entfalten sich; welche schlummernden Liebenswürdigkeiten erwachen nicht über Tische! Beim Oeffnen der Proviantkörbe von Thorpe-Ambrose ergoß sich eine süße Geselligkeit (ein Sprößling jener glücklichen Verbindung von Civilisation und Mrs. Gripper) über unsere Lustpartie und schmolz die widerstrebenden Elemente, aus denen diese bisher zusammengesetzt gewesen, zu einer lieblichen Mischung zusammen. Nun konnten Se. Ehrwürden, Mr. Samuel Pentecost, dessen Licht bis jetzt unter einem Scheffel gestanden, beweisen, daß er etwas thun könne, indem er bewies, daß er zu essen vermochte. Nun glänzte Mr. Pedgift heller als je durch Perlen von kaustischem Humor und durch seine Unerschöpflichkeit an gesellschaftlichen Hilfsquellen. Nun bewiesen der Squire und der reizende weibliche Gast des Squires die dreifache Verbindung von sprudelndem Champagner, kühner werdender Liebe und den Augen, in deren Wörterbuch das Nein fehlt. Nun tauchten in der Erinnerung des Majors frohe alte Zeiten auf, und lustige alte Geschichten, die seit Jahren nicht erzählt worden, fanden den Weg auf seine Lippen. Und nun zeigte sich Mrs. Pentecost in der vollen Stärke ihrer schätzenswerthen Mütterlichkeit, indem sie eine überschüssige Gabel ergriff und dieses nützliche Instrument unablässig zwischen den ausgesuchtesten Bissen der ganzen Versammlung von Schüsseln und den wenigen leeren Stellen auf den Tellern des ehrwürdigen Pfarrers spielen ließ. »Lachen Sie nicht über meinen Sohn«, schrie die alte Dame, die Heiterkeit bemerkend, die ihr Verfahren unter der Gesellschaft hervorrief. »Es ist meine Schuld, der arme, liebe Junge —— ich bringe ihn zum Essen!« Und dennoch gibt es Leute auf dieser Welt, die, wenn sie Tugend en sich an der Speisetafel entfalten sehen, wie solche sich nirgend anderswo entfalten, das herrliche Privilegium des Essens mit jenen kleinen Leiden des menschlichen Lebens in eine Kategorie stellen können, die uns die Nothwendigkeit auferlegt —— wie zum Beispiel das Zuknöpfen der Weste, oder das Zuschnüren des Corsets! Einem solchen Ungeheuer vertraue man nimmer seine zarten Geheimnisse an, weder Gefühle der Liebe, noch des Hasses, weder der Hoffnung noch der Furcht. Sein Herz wird von seinem Magen nicht gebessert, und die gesellschaftlichen Tugenden leben nicht in ihm.

Die letzten warmen Stunden des Tages und die ersten kühlen Lüfte des langen Sommerabends begegneten sich, ehe alle die Schüsseln abgeräumt und die Flaschen so leer waren, wie Flaschen es sein sollen. Als man in dieses Stadium gelangte, blickte die Picknickpartie träge nach Pedgift junior hinüber, um von ihm zu erfahren, was nun zunächst geschehen solle. Wie immer war dieser unerschöpfliche Würdenträger allen Anforderungen an ihn gewachsen. Ehe noch ein Mitglied der Gesellschaft ihn fragen konnte, welche Unterhaltung an die Reihe kommen sollte, hatte er sie schon in Bereitschaft.

»Lieben Sie die Musik auf dem Wasser, Miß Milroy?« fragte er in der leichtesten und liebenswürdigsten Weise.

Miß Milroy vergötterte die Musik auf dem Wasser sowohl, als zu Lande —— den einen Fall immer ausgenommen, wenn sie die Kunst selbst zu Hause auf dem Clavier üben mußte.

»Zuvörderst müssen wir uns aus dem Schilf herausarbeiten«, sagte der junge Pedgift. Er ertheilte den Bootsleuten seine Befehle, tauchte behende in die kleine Kajüte hinab und kam mit einer Ziehharmonica in der Hand wieder zum Vorschein.

»Hübsch, Miß Milroy, nicht wahr?« sagte er auf seinen Namenszug deutend, der in Perlmutter auf dem Instrument eingelegt war. »Ich heiße Augustus, wie mein Vater. Einige meiner Freunde streichen das »A« und nennen mich »Gustus junior.« Ein mäßiger Witz reicht weit unter Freunden, nicht wahr, Mr. Armadale? Ich singe ein wenig, meine Herren und Damen, und begleite mich selber; und wenn Sie es wünschen, wird es mich stolz und glücklich machen, Ihnen mein Bestes zu produzieren.«

»Halt!« rief Mrs. Pentecost. »Ich schwärme für Music.«

Mit dieser fürchterlichen Verkündung öffnete die alte Dame eine gewaltige Ledertasche, von der sie sich Tag und Nacht nicht trennte, und nahm ein Höhrrohr von jener altmodischen Form heraus, welche die Mitte hielt zwischen Horn und Trompete. »Für gewöhnlich bediene ich mich nicht gern dieses Instruments«, rief Mrs. Pentecost, »weil ich fürchte, es könnte mich tauber machen, als ich es schon bin. Aber ich kann und will mir die Musik nicht nehmen lassen. Ich schwärme für Musik. Wenn Du das andere Ende halten willst, Sammy, so will ich dies in mein Ohr stecken. Neelie, mein Kind, lassen Sie ihn beginnen.«

Der junge Pedgift litt nicht an Verlegenheit oder Schüchternheit. er begann sofort nicht etwa mit Liedern von der neuen leichten Art, wie man sie von seinem Alter und seinem Charakter hätte erwarten dürfen, sondern mit declamatorischen und patriotischen Dithyramben, welche in jene kühne und rauschende Musik gesetzt waren, wie sie die Engländer zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts liebten und, wenn sie ihnen vorgeführt wird, noch immer lieben. »Der Tod Marmion’s«, »Die Schlacht auf dem Baltischen Meer«, »Die Bucht von Biscaya«, »Nelson« in verschiedenartigen Compositionen, wie der selige Brahom sie gab —— dies waren die Gesänge, in denen die brausende Ziehharmonica und des jungen Pedgift’s greller Tenor mit einander schwelgten. »Sagen Sie mir, wenn Sie genug davon haben, meine Damen und Herren«, sprach der rechtsgelehrte Troubadour. »Ich bin nicht eitel. Möchten Sie zur Abwechselung etwas Gefühl haben? Soll ich mit dem »Mistelzweig« und der »Armen Mary Anne« vielleicht schließen?«

Nachdem er seine Zuhörer durch diese beiden letzten heiteren Melodien erfreut hatte, ersuchte Pedgift die übrige Gesellschaft ehrfurchtsvoll, seinem Beispiele zu folgen, und erbot sich zugleich, ein laufendes Accompagnement dazu zu improvisieren, wenn der Sänger ihm nur den Grundton anzugeben die Güte haben wolle.

»Fahre doch Jemand fort!« rief Mrs. Pentecost eifrig. »Ich wiederhole Ihnen, ich schwärme für Musik. Wir haben noch nicht zur Hälfte genug gehabt; wie, Sammy?«

Der geistliche Herr gab keine Antwort. Der unglückliche Mann hatte seine Gründe —— nicht gerade in seiner Brust, sondern etwas weiter unten —— um inmitten der allgemeinen Fröhlichkeit und des allgemeinen Beifalls zu schweigen. Du arme Menschheit! Selbst die mütterliche Liebe kann durch die irdische Trüglichkeit der Dinge vergällt werden. Seiner vortrefflichen Mutter bereits für Vieles verpflichtet, hatte Se. Ehrwürden ihr jetzt noch eine starke Indigestion zu verdanken.

Indessen bemerkte noch Niemand die Zeichen und Merkmale des inneren Aufruhres im Gesichte des geistlichen Herrn. Jedermann war beschäftigt, Jeden um ein Lied zu bitten. Miß Milroy bat den Gastgeber. »Bitte, singen Sie etwas, Mr. Armadale«, sagte sie, »ich möchte Sie so gern hören!«

»Wenn Sie einmal den Anfang gemacht, Sir«, fügte der heitere Pedgift hinzu »werden Sie die Fortsetzung außerordentlich leicht finden. Die Musik ist eine Wissenschaft, die man gleich anfangs bei der Kehle packen muß.«

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Allan in seiner gutmüthigen Art. »Ich weiß eine Masse von Liedern, aber das Schlimmste dabei ist, daß mir die Worte entfallen. Ob ich wohl im Stande sein werde, mich auf ein einziges von Moore’s Liedern zu besinnen. Meine liebe Mutter fand Gefallen daran, mich, als ich noch ein kleiner Bursche war, Moore’s Lieder zu lehren.«

»Wessen Lieder?«fragte Mrs. Pentecost »Moore’s? Aha! Ich weiß den Tom Moore auswendig.«

»Ja diesem Falle werden Sie vielleicht die Güte haben, mir zu Hilfe zu kommen, Madame, wenn mein Gedächtniß mir den Dienst versagt«, erwiderte Allan. »Ich will die leichteste Melodie in der ganzen Sammlung wählen, wenn Sie erlauben. Sie ist Jedem bekannt —— »Eveline’s Laube.«

»Ich bin im allgemeinen mit den Volksmelodien von England, Schottland und Irland vertraut«, sagte Pedgift junior. »Mit dem größten Vergnügen will ich Sie begleiten, Sir. So, dass ist ungefähr die richtige Weise.« Er setzte sich mit gekreuzten Beinen auf dass Dach der Kajüte und brach in eine complicirte musikalische Improvisation aus, die wunderbar anzuhören war —’ ein Gemisch von Cadenzen und Aechzen; ein Hopser durch einen Grabgesang gehoben —— ein Grabgesang durch einen Hopser erheitert. »So ist? recht«, sagte der junge Pedgift mit seinem Lächeln der höchsten Zuversicht »Losgeschossen, Sir!«

Mrs. Pentecost erhob ihre Trompete und Allan seine Stimme. »»O, weinet um die Stunde, wenn zu Eveline’s Laube ——."« Er hielt inne; die Begleitung hielt inne; die Zuhörer warteten. »Aeußerst merkwürdig«, sagte Allan, »ich dachte, ich hätte die nächste Zeile auf der Zunge, und jetzt scheint sie mir entfallen zu sein. Ich will noch einmal von vorn anfangen, wenn Sie nichts dawider haben: »O, weinet um die Stunde, wenn zu Eveline’s Laube ——«

»Mit falschen Schwüren trat heran der Ritter aus dem Thale"«, half Mrs. Pentecost ein.

»Danke, Madame«, sagte Allan »Jetzt wird es gehen. »O, weinet um die Stunde, wenn zu Eveline’s Laube mit falschen Schwüren trat heran der Ritter aus dem Thale. Hell schien der Mond ——«

»Nein!« sagte Mrs. Pentecost.

»Ich bitt« um Verzeihung, Madame«, sagte Allan.

»Hell schien der Mond ——«

»Es siel dem Monde gar nicht ein«, sagte Mrs. Pentecost.

In der Voraussicht eines Streites beharrte Pedgift junior im Interesse der Harmonie bei einer sotto voce Begleitung.

»Das sind Moore’s eigenen Worte, Madame«, sagte Allan, »in dem Exemplar seiner »Melodien«, welches meine Mutter besaß ——«

»Dann stand es falsch im Exemplar Ihrer Mutter«, entgegnete Mrs. Pentecost. »Habe ich Ihnen nicht soeben gesagt, daß ich den Tom Moore auswendig weiß?«

Die friedenstiftende Ziehharmonica säuselte und stöhnte noch immer in Moll.

»Nun, was hat denn der Mond sonst gethan?«« fragte Allan in Verzweiflung.

»Das, was der Mond thun mußte, Sir, oder Tom Moore würde es nicht so geschrieben haben«, entgegnete Mrs. Pentecost. »Dem Himmel dieser Nacht der Mond entzog sein Licht, und um die Schande weint er Eveline’s! Ich wollte, der junge Mann stellte das Spielen ein«, setzte Mrs. Pentecost hinzu, ihre zunehmende Aergerlichkeit an Gustus juuior auslassend. »Ich habe genug von ihm —— er kitzelt mir die Ohren.«

»Sie machen mich stolz, Madame«, sagte der freche Pedgift. »Die ganze Wissenschaft der Musik besteht im Ohrenkitzel.«

»Es scheint, wir gerathen in eine Art von Streit«, bemerkte der Major gelassen. »Wäre es nicht besser, wenn Mr. Armadale mit seinem Liede fortführe?«

»Bitte, fahren Sie fort, Mr. Armadale«, sprach die Tochter. »Bitte, Mr. Pedgift, fahren Sie fort!«

»Der Eine weiß die Worte nicht und der Andere kennt die Melodie nicht«, sagte Mrs. Pentecost »Laßt sie fortfahren, wenn sie können!«

»Thut mir leid, Ihre Wünsche zu vereiteln, Madame«, sagte Pedgift junior; »ich meinestheils bin bereit fortzufahren, so lange es den Herrschaften beliebt. Also, Mr. Armadale!«

Allan öffnete die Lippen, um da wieder anzufangen, wo er abgebrochen hatte. Ehe er jedoch einen Ton herausbringen konnte, stand plötzlich der Geistliche mit todesbleichem Antlitze auf und preßte die Hand auf die mittlere Region seiner Weste.

»Was gibt’s?« rief die ganze Gesellschaft im Chor.

»Ich fühle mich überaus unwohl«, sagte Se. Ehrwürden, Mr. Samuel Pentecost.

Augenblicklich war das Boot in einem Zustande der Verwirrung. »Eveline’s Laube« erstarb auf Allan’s Lippen, und selbst die unheilvolle Ziehharmonica des jungen Pedgift war endlich zum Schweigen gebracht. Indeß war der Alarm ganz überflüssig. Mrs. Pentecost’s Sohn besaß eine Mutter, und diese Mutter hatte eine Ledertasche. In zwei Minuten hatte die Heilkunst die Stelle der allgemeinen Aufmerksamkeit eingenommen, welche bisher die Musik inne gehabt hatte.

»Reibe Dir’s ein wenig, Sammy«, sagte Mrs. Pentecost. «Ich will die Flaschen herausnehmen und Dir etwas eingehen. Es ist sein armer Magen, Herr Major. Halte mir Jemand das Hörrohr, und lassen Sie das Boot still stehen. Nehmen Sie diese Flasche, Neelie, liebes Kind, und Sie diese, Mr. Armadale. Und gebt mir sie her, sowie ich sie brauche. Ach, mein armer lieber Junge, ich weiß wohl, was ihm fehlt! Es fehlt ihm an Kräften hier, Major —— kalt, sauer und schlaff. Ingwer zum Warmen, Soda zur Herstellung, flüssiges Salz zur Stärkung. Hier, Sammy,trink’ es, ehe es flau wird —— und dann geh’ und lege Dich in der Hundehütte dort nieder, die man hier die Kajüte nennt. Keine Musik mehr«, sagte Mrs. Pentecost, mahnend den Finger gegen den Eigenthümer der Ziehharmonica erhebend, »außer etwa einer Hymne, dann habe ich nichts dagegen.«

Da Niemand in der passenden Gemüthsstimmung zu sein schien, um eine Hymne zu singen, griff der hochbegabte Pedgift in seinen Schatz von Localkenntnissen und brachte eine neue Idee zum Vorschein. Der Curs des Boots ward unter seiner Anweisung augenblicklich verändert. In wenigen Minuten sah sich die Gesellschaft in einer kleinen Inselbucht, an deren äußerstem Ende eine einsame Hütte stand und wo ein förmlicher Schilfwald rings alle Aussicht ausschloß.

»Was sagen Sie dazu, meine Herrschaften, wenn wir ans Land stiegen und uns einmal solch’ eine Schilfschneider-Hütte ansähen?« fragte Pedgift.

»Wir sagen ja dazu, das versteht sich«, erwiderte Allan. »Ich fürchte, unser Vergnügen hat durch Mr. Pentecost’s Krankheit und Mrs. Pentecost’s Ledertasche einen kleinen Dämpfer erhalten«, setzte er flüsternd, zu Miß Milroy gewendet, hinzu. »Eine derartige kleine Veränderung ist genau das, was uns wieder in das rechte Geleise bringen wird«

Er und der junge Pedgift halfen Miß Milroy aus dem Boote. Mrs. Pentecost saß, die Ledertasche auf dem Schooße, regungslos, wie die ägyptische Sphinx, und hielt Wache über Sammy in der Kajüte.

»Wir müssen die Fröhlichkeit im Gange erhalten, Sir«, sagte Allan, während er dem Major beim Aussteigen behilflich war. »Wir sind mit unserem Amüsement noch nicht halb zu Ende.«

Seine Stimme bestätigte seine feste Ueberzeugung von solcher Perspective so kräftig, daß selbst Mrs. Pentecost ihn hörte und unheilverkündend das Haupt schüttelte.

»Ach!« seufzte die Mutter des Geistlichen. »Wenn Sie so alt wie ich wären, junger Herr, so würden Sie nicht ganz so fest an das Vergnügen des Tages glauben!«

So sprach, die Voreiligkeit der Jugend tadelnd, das vorsichtige Alter. Die negative Ansicht ist allbekannt in der ganzen Welt die sicherste —— und die Pentecost’sche Philosophie erweist sich im Allgemeinen folglich als die richtige.



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel.

Es war nahe an sechs Uhr, als Allan und seine Freunde das Boot verließen, und schon senkte sich der Abend’ geheimnißvoll und still über die Wasserwüste der »Breiten.«

Das Ufer dieser wilden Gegend glich keinem andern Ufer. So fest dasselbe aussah, war doch der Boden des Gartens vor dem Rohrschneider-Häuschen wankender Boden, der sich unter dem Drucke des Fußes hob und senkte und kleine Sümpfe durchsickern ließ. Die Bootsleute, welche die Gäste führten, mahnten sie, sich streng an den Weg zu halten und deuteten durch offene Stellen im Schilfrohr und in den Weidenbüschen auf Rasenflecke, auf welche Fremde zuversichtlich getreten sein würden und wo doch die Erdrinde über der bodenlosen Tiefe von Schlamm und Wasser nicht stark genug war, nur ein Kind zu tragen. Die einsame, mit Theer überzogene Holzhütte stand auf einem Pfahlroste. Am einen Ende des Daches erhob sich ein kleiner hölzerner Thurm, der in der Entenjagdzeit als Luginsland diente. Von dieser Höhe aus schweifte das Auge weit über die Wasser- und Sumpfwüste dahin. Hätte der Schilfschneider sein Boot verloren, so wäre er von allem Verkehr mit Dorf oder Stadt so vollständig abgeschnitten gewesen, als wenn er statt in einer Hütte auf einem Leuchtschiff gewohnt hätte. Weder er noch seine Familie beklagte sich über diese Einsamkeit oder sah darum im geringsten wilder oder übler aus. Seine Frau empfing die Fremden gastlich in einem gemüthlichen kleinen Zimmer, mit einer Balkendecke und mit Fenstern, die den Kajütenfenstern eines Schiffes glichen. Der Vater seiner Frau erzählte Geschichten aus jenen famosen Tagen, wo die Schmuggler in der Nacht vom Meere heraufkamen, mit gedämpften Rudern durch das Netz von Flüssen ruderten, bis sie die einsamen »Breiten« erreichten und, weit außer dem Bereiche der Küstenwächter, ihre Rumfässer ins Wasser senkten. Seine wilden kleinen Kinder spielten Verstecken mit den Gästen, und erstaunt und entzückt über den neuen Anblick von allem, was sie sahen, gingen diese im Hause und auf dem Stückchen festen Landes umher, auf dem das Häuschen stand. Der Einzige, der auf das Vorrücken des Abends achtete, der Einzige, welcher der fliehenden Zeit und der wartenden Pentecosts im Boote gedachte, war der junge Pedgift. Dieser erfahrene Lootse aus den »Breiten« sah heimlich nach seiner Uhr und zog Allan bei der ersten Gelegenheit auf die Seite.

»Ich möchte Sie nicht treiben, Mr. Armadale«, sagte Pedgift junior, »aber es fängt an spät zu werden und außerdem kommt eine Dame in Frage.«

»Eine Dame?« wiederholte Allan.

»Ja, Sir«, erwiderte der junge Pedgift; »eine Dame aus London, nebst einem, erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, Ponywagen und weißem Geschirr.«

»Gerechter Himmel, die Gouvernante!« rief Allan. »Wie! Wir haben sie ganz vergessen.«

»Aengstigen Sie sich nicht, Sir; wir haben noch vollauf Zeit, wenn wir nur sogleich wieder ins Boot steigen. Die Sache steht so, Mr. Armadale. Wie Sie sich erinnern werden, kamen wir überein, unsern Zigeunerthee an der nächsten »Breite«, Hurle Mere, einzunehmen.«

»Ganz recht«, sagte Allan. »Hurle Mere ist die Stelle, wo mein Freund Midwinter uns zu treffen versprochen hat.«

»Hurle Mere ist die Stelle, an der die Erzieherin sich einfinden wird, Sir, wenn der Kutscher meine Instructionen befolgt«, fuhr der junge Pedgift fort. »Wir haben fast eine Stunde zu rudern, um zwischen den engen Gewässern nach Hurle Mere zu kommen, und nach meiner Berechnung miissen wir, wollen wir die Gouvernante und Ihren Freund treffen, in fünf Minuten wieder an Bord sein.«

»Auf keinen Fall dürfen wir meinen Freund verfehlen«, sagte Allan, »und die Gouvernante natürlich ebenso wenig. Ich will’s dem Major sagen.«

Major Milroy war eben im Begriff. den hölzernen Wachtthurm zu ersteigen, um von dort die Aussicht zu genießen. Der stets behilfliche Pedgift erbot sich, ihn zu begleiten und ihm doppelt so schnell alle nothwendige Auskunft über die ganze Gegend zu geben, wie der Schilfschneider dies über die nächste unmittelbare Umgebung hätte thun können.

Allan blieb stiller und gedankenvoller als gewöhnlich vor der Hütte stehen. Sein letztes Gespräch mit dem jungen Pedgift hatte ihn zum ersten Male, seit sie ihre Lustfahrt angetreten, an den Freund erinnert. Es überraschte ihn, daß Midwinter, der sonst so beständig seine Gedanken erfüllte, jetzt so lange diesen fern geblieben war. Wie eine Selbstanklage fiel es ihm auf die Seele, wie er nun des treuen Freundes zu Hause gedachte, der in seinem Interesse und für ihn über den Rechnungsbüchern schwitzte. »Der liebe alte Junge!« dachte Allan. »Wie werde ich mich freuen, ihn an Hurle Mere zu treffen; das Vergnügen des Tages wird nicht vollständig sein, bevor er sich nicht unter uns befindet!«

»Habe ich Recht oder Unrecht, Mr. Armadale wenn ich glaube, daß Sie an Jemanden denken?« fragte eine sanfte Stimme hinter ihm.

Allan wandte sich um und sah die Tochter des Majors neben ihm stehen. Miß Milroy, die eine gewisse zärtliche Unterhaltung hinter dem Wagen nicht vergessen, hatte gesehen, wie ihr Verehrer nachdenklich allein stand und beschlossen, ihm, während ihr Vater und der junge Pedgift auf dem Wachtthurme waren, noch eine Gelegenheit zu geben.

»Sie wissen Alles«, sagte Allan lächelnd. »Ich dachte in der That an Jemanden.«

Miß Milroy warf ihm einen verstohlenen Blick zu, einen Blick sanfter Ermuthigung. Nach dem, was sich an diesem Morgen zwischen ihnen zugetragen, konnte nur ein einziges menschliches Wesen Mr. Armadale’s Gedanken beschäftigen! Es war nur ein Art der Barmherzigkeit, wenn sie ihn alsbald wieder auf das vor wenigen Stunden gestörte Gespräch über das Thema von den Namen brachte.

»Auch ich habe an Jemanden gedacht«, sagte sie, das kommende Geständniß halb herausfordernd und halb zurückweisend »Wenn ich Ihnen den Anfangsbuchstaben des Namens meines Jemand sage, wollen Sie mir dann den Anfangsbuchstaben des Ihrigen mittheilen?«

»Ich will Ihnen alles sagen, was Sie wollen«, erwiderte Allan in höchster Begeisterung.

Noch immer sträubte sie sich kokett wider den Gegenstand, den sie gerade zur Sprache zu bringen wünschte. »Sagen Sie mir Ihren Buchstaben zuerst«, sprach sie leise, den Kopf von ihm abwendend.

Allan lachte. »Mein Anfangsbuchstabe ist M«, sagte er.

Sie zuckte ein wenig zusammen. Seltsam, daß er bei ihrem Familiennamen an sie dachte, anstatt bei ihrem Taufnamen —— doch das machte wenig aus, so lange er nur wirklich an sie dachte.

»Wie heißt Ihr Buchstabe?« fragte Allan. Sie erröthete und lächelte »A, wenn Sie es durchaus wissen wollen«, antwortete sie mit widerstrebendem Flüstern. Sie warf ihm abermals einen verstohlenen Blick zu und verlängerte schwelgerisch ihren Hochgenuß an dem kommenden Geständnisse.

»Wie viele Silben hat der Name?« fragte sie, während sie mit ihrem Sonnenschirme verlegen im Sande zeichnete.

Kein Mann, der nur die mindeste Kenntniß vom weiblichen Geschlechte besessen, würde an Allan’s Stelle die Unvorsichtigkeit begangen haben, ihr die Wahrheit zu sagen. Allan, der ganz und gar nichts von der Frauennatur verstand und unter allen nur erdenklichen Verhältnissen nach rechts und links die Wahrheit sagte, antwortete, als hätte er vor den Gerichtsschranken gestanden.

»Es ist eine Name von drei Silben«, sagte er.

Miß Milroy’s niedergeschlagenen Augen blitzten ihn an.

»Drei!« wiederholte sie im äußersten Erstaunen.

Allan war von einer zu tiefgewurzelten Offenheit, um sich selbst jetzt noch warnen zu lassen, »Ich zeichne mich allerdings im Buchstabieren nicht besonders aus«, sagte er mit seinem leichtherzigen Lächeln. »Aber ich glaube nicht, daß ich einen Fehler begehe, wenn ich Midwinter als einen Namen von drei Silben bezeichne. Ich dachte an meinen Freund — —aber lassen wir meine Gedanken. Sagen Sie mir, wer A ist —— sagen Sie mir, an wen Sie dachten?«

»An den ersten Buchstaben des Alphabets, Mr. Armadale, und ich bitte auf das Bestimmteste, Ihnen nichts weiter sagen zu dürfen.«

Mit dieser vernichtenden Antwort öffnete die Tochter des Majors ihren Sonnenschirm und ging allein nach dem Boote zurück.

Allan stand wie versteinert da. Wenn Miß Milroy ihm eine Ohrfeige gegeben hätte —— und es ist nicht zu leugnen, daß sie im Stillen große Lust hatte, ihre Hand einem solchen Zwecke zu widmen ——, so hätte er kaum verdutzter sein können. »Was, in aller Welt habe ich gethan?« fragte er sich rathlos, während der Major und der junge Pedgift sich zu ihm gesellten und die Drei zusammen nach dem Wasser hinab gingen »Was wird sie nun zunächst zu mir sagen?«

Sie sagte ganz und gar nichts —— sie sah Allan nicht einmal an, als er sich im Boote niederließ. Da saß sie mit ungewöhnlich glänzenden Augen und leuchtenden Wangen und legte die größte Theilnahme für das Befinden des Geistlichen, für Mrs. Pentecost’s Laune, für Mr. Pedgift, für den sie mit Ostentation an ihrer Seite Platz machte, für die Gegend und die Hütte des Schilfschneiders, für Alles und Jeden an den Tag, außer für Allan, den sie noch vor fünf Minuten mit dem größten Vergnügen von der Welt geheirathet haben würde. »Ich werd’s ihm nie verzeihen!« dachte die Tochter des Majors. »An jenes ungezogene Scheusal zu denken, während ich an ihn dachte —— und mich dies fast bekennen zu lassen, ehe ich ihn verstanden hatte! Dem Himmel sei Dank, daß Mr. Pedgift im Boote ist!«

In dieser Gemüthsverfassung machte Miß Neelie sich unverzüglich ans Werk, den jungen Pedgift zu bezaubern und Allan zu vernichten. »O, Mr. Pedgift wie außerordentlich gescheidt und freundlich von Ihnen, uns jene reizende kleine Hütte zu zeigen! Einsam, Mr. Armadale? Ich finde sie durchaus nicht einsam; ich möchte hier lieber wohnen, als irgend sonst wo in der Welt. Was wäre unser Picknick wohl ohne Sie gewesen, Mr. Pedgift? Sie können sich gar nicht denken, wie vortrefflich ich mich amüsiert habe, seit wir ins Boot stiegen. Kühl, Mr. Armadale? Was denken Sie nur, wenn Sie sagen, es sei kühl; es ist der wärmste Abend, den wir noch im ganzen Sommer gehabt haben. Und die Musik, Mr. Pedgift; wie freundlich von Ihnen, Ihre Harmonica mitzubringen! Ob ich Sie wohl auf dem Clavier begleiten könnte? Ich möchte es einmal versuchen. O ja, Mr. Armadale, ich glaube wohl, daß Sie auch dachten, etwas musikalisch zu sein, und ich zweifle nicht, daß Sie sehr gut singen, wenn Sie den Text wissen; aber, um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, ich habe Moore’s Lieder niemals leiden können und werde sie nimmer leiden mögen.«

So unbarmherzig geschickt handhabte Miß Milroy jene schärfste aller weiblichen Waffen —— die Zunge ——, und so würde sie noch länger fortgefahren haben, wenn Allan nur die erforderliche Eifersucht verrathen oder der junge Pedgift ihr die nothwendige Ermuthigung gegeben hätte. Aber ihr böses Geschick hatte es gefügt, daß sie sich zwei Männer zu Opfern erkoren, die unter den bestehenden Verhältnissen völlig unangreifbar waren. Allan erfreute sich einer zu harmlosen Unkenntniß von allen weiblichen Spitzfindigkeiten und Empfindlichkeiten, um etwas Anderes zu verstehen, als daß die reizende Neelie auf ganz unbegreifliche Weise und ohne die geringste Ursache auf ihn böse war. Der schlaue Pedgift unterwarf sich, wie es einem scharfsichtigen jungen Manne unserer heutigen Generation zukommt, weiblichem Einflusse nur, während er sein eigenes Interesse fortwährend fest im Auge behielt. Gar mancher junge Mann in früheren Zeiten, der doch kein Narr war, hat Alles der Liebe geopfert. Nicht ein Einziger unter Zehntausenden unseres heutigen Geschlechts, die Narren ausgenommen, opfert ihr je einen Heller. Eva’s Töchter erben noch immer die Vorzüge ihrer Mutter und begehen ihrer Mutter Fehler. Aber die Söhne Adam’s unserer Zeit sind Männer, die den berühmten Apfel mit einer Verbeugung und einem »Danke sehr! ich könnte dadurch in Ungelegenheiten gerathen!« zurückgegeben haben würden. Als Allan, überrascht und getäuscht, sich von Miß Milroy entfernte und nach dem Vordertheile des Boots begab, stand der junge Pedgift auch auf und folgte ihm. »Du bist ein sehr hübsches Mädchen«, dachte der pfiffige und verständige junge Mann; »aber ein Client bleibt ein Client, —— und es thut mir leid, Ihnen zu sagen, Miß, daß es nicht angeht.« Unverzüglich machte er sich an die Aufgabe, Allan aufzuheitern, indem er dessen Aufmerksamkeit auf einen neuen Gegenstand lenkte. Im Herbste sollte auf einer der »Breiten" eine Regatta stattfinden, und das Gutachten seines Clienten, als eines ausgezeichneten Schiffers, mußte dem Comité von Nutzen sein. »Es wäre etwas Neues für Sie, eine Segelpartie auf süßem Wasser, Sir, sollt’ ich denken!« sagte er in seiner einschmeichelndsten Weise, und Allan antwortete mit augenblicklicher Theilnahme: »Ganz neu! Bitte, erzählen Sie mir mehr davon.«

Die andere Gesellschaft am entgegengesetzten Ende des Boots schien Mrs. Pentecost’s Zweifel, ob die Heiterkeit der Picknickpartie bis zu Ende vorhalten werde, zu bestätigen. Der natürliche Verdruß der armen Neelie, den Allan’s Ungeschicklichkeit ihr verursacht, war jetzt durch das nagende Bewußtsein der erlittenen Niederlage und Demüthigung bis zu entschiedenem stillen Groll gestiegen. Der Major war in sein gewohntes träumerisches zerstreutes Wesen versunken, sein Geist schwang sich mit den Rädern seines Uhrwerkes einförmig um. Der geistliche Herr barg seine Indigestion noch immer in der Kajüte vor den Blicken der Sterblichen, und seine Mutter saß mit einer zweiten Dosis in Bereitschaft und hielt Wache an der Thür. Frauen in Mrs. Pentecost’s Alter und von ihren Gemüthsanlagen, finden meistens Vergnügen an ihrer eigenen üblen Laune. »Dies also«, seufzte die alte Dame, mit einer Miene sauerer Genugthuung den Kopf hin- und herwiegend, »nennt man eine Lustpartie wie? Acht wie thöricht wir sind, unseren bequemen häuslichen Herd zu verlassen!«

Inzwischen glitt das Boot sanft zwischen den Windungen des Wasserlabyrinths hin, welches zwischen den beiden »Breiten« lag. Rechts und links gab es jetzt keine andere Aussicht, als endlose Reihen von Schilf. Nah und fern ließ sich kein Laut vernehmen, —— nirgendwo erschien eine Spur von bebautem oder bewohntem Boden. »Ein klein wenig öde hier herum, Mr. Armadale«, sagte der ewig heitere Pedgift. »Aber wir haben es eben überstanden. Sehen Sie sich um, Sir! Da sind wir bei Hurle Mere angelangt.«

Das Schilfrohr wich rechts und links zurück und das Boot glitt plötzlich in den weiten Kreis eines Teiches. Die zunächst liegende Hälfte dieses Teiches säumte noch immer das ewige Schilf; um die ferner liegende zeigte sich wieder festes Land, bald als kahle Hügel, bald als grasige Anhöhen über dem Wasser aufragend. An einer Stelle war der Boden zu einer Pflanzung benutzt, und an einer andern standen die Wirthschaftsgebäude eines alten rothen Ziegelhauses neben dem sich, der Gartenmauer entlang laufend, ein schmaler Nebenweg hinzog, der am Teiche endete. Die Sonne sank am klaren Himmel und das Wasser begann schon da, wo es von der Sonne nicht vergoldet ward, die kalte schwarze Farbe der Nacht anzunehmen. Die Einsamkeit, die auf der andern Breite wohlthuend gewesen war, und die Stille, die dort etwas Magisches gehabt hatte, solange der Tag noch auf seiner Höhe stand, waren hier eine Einsamkeit, welche traurig machte —— und eine Stille, die in der Ruhe und Melancholie des sinkenden Tages kalt ans Herz schlug.

Das Boot wurde über den See nach einer Bucht des grünen Ufers gelenkt. Ein paar jener flachen kleinen Nachen, die den »Breiten« eigenthümlich sind, lag in der Bucht, und die Schilfschneider, denen die Fahrzeuge gehörten, kamen, von dem Anblick von Fremden überrascht, hinter einer Ecke der Gartenmauer hervor und glotzten dieselben schweigend an. Kein anderes Lebenszeichen ringsum. Die Schilfschneider hatten keinen Ponywagen gesehen; kein Fremder, weder Mann noch Weib, hatte sich heute noch an dem Ufer des Hurle Mere gezeigt.

Der junge Pedgift warf abermals einen Blick auf seine Uhr und wandte sich zu Miß Milroy. »Mögen Sie nun die Gouvernante vorfinden oder nicht, wenn Sie nach Thorpe-Ambrose zurückkehren«, sagte er, »hier aber können Sie dieselbe nicht mehr erwarten. Sie wissen am besten, Mr. Armadale«, wendete er sich an diesen, »ob« darauf zu rechnen ist, daß Ihr Freund seiner Uebereinkunft mit Ihnen getreu bleibt!«

»Gewiß ist darauf zu rechnen«, erwiderte Allan, indem er mit unverhohlenem Bedauern über Midwinter’s Abwesenheit sich rings umsah.

»Sehr gut«, fuhr Pedgift junior fort. »Wenn wir unser Feuer zum Zigeunerthee auf der offenen Stelle dort anzünden, so wird Ihr Freund uns durch den Rauch auffinden können, Sir. Das ist ein Indianerkniff, um einen Verlorengegangenen auf der Prairie wiederzufinden, Miß Milroy —— und es ist hier fast wild genug zu einer Prairie, nicht wahr?«

Es gibt gewisse Versuchungen, namentlich leichterer Art, denen zu widerstehen nicht im Bereiche der weiblichen Natur liegt. Die Versuchung, die ganze Macht ihres Einflusses als des der einzigen jungen Dame der Gesellschaft geltend zu machen, um Allan’s Vorkehrungen zum Rendezvous mit seinem Freunde über den Haufen zu werfen, war zu groß für die Tochter des Majors. Mit einem Blicke, der ihn hätte niederschmettern sollen —— doch was hätte je einen Advocaten niedergeschmettert? —— wandte sie sich an den lächelnden Pedgift.

»Mir scheint, das da ist der einsamste, ödeste und abscheulichste Platz, den ich je in meinem ganzen Leben gesehen habe!« sagte Miß Neelie. »Wenn Sie darauf bestehen, hier Thee zu machen, Mr. Pedgift, so bereiten Sie keinen für mich. Nein! Ich werde im Boote bleiben, und obgleich ich geradezu verdurste, werde ich doch nichts anrühren, bis wir wieder auf dem andern See sind!«

Der Major öffnete die Lippen, um Einsprache zu erheben. Zur unaussprechlichen Freude seiner Tochter stand jedoch Mrs. Pentecost von ihrem Sitze auf, ehe er noch ein Wort sagen konnte, und fragte, nachdem sie die ganze Landschaft überschaut und darin nichts erspäht hatte, was einem Fuhrwerke glich, voll Entrüstung ob sie den ganzen Weg bis dahin zurück machen müßten, wo sie Mittags die Wagen verlassen hätten. Da sie fand, daß dies in der That beabsichtigt wurde und daß die Wagen wegen der Natur der Umgebungen nicht nach Hurle Mere hätten bestellt werden können, ohne zugleich den ganzen Weg nach Thorpe-Ambrose zurück zu machen, erklärte Mrs. Pentecost augenblicklich, im Interesse ihres Sohnes, daß nichts sie dazu bewegen solle, nach Einbruch der Nacht noch länger auf dem Wasser zu bleiben. »Rufen Sie mir ein Boot!« schrie die alte Dame in großer Aufregung. »Ueberall wo Wasser ist, da ist auch immer ein Nachtnebel, und wo ein Nachtnebel ist, da erkältet sich mein Sohn Samuel jedes mal. Reden Sie mir nicht von Ihrem Mondschein und Ihrem Thee vor —— Sie sind Alle nicht recht bei Sinnen. Hollah! Ihr beiden Männer dort!« rief Mrs. Pentecost den schweigsamen Schilfschneidern am Ufer zu. »Ich gebe Euch Jedem einen Sixpence, wenn Ihr mich und meinen Sohn in Eurem Boote zurückfahrt!«

Ehe der junge Pedgift sich noch ins Mittel legen konnte, beseitigte Allan selbst die Schwierigkeit in vollkommen guter Laune und Geduld.

»Es kann nicht davon die Rede sein, Mrs. Pentecost«, sagte er, »daß Sie in irgendeinem andern Boote zurückfahren, als in dem, in welchem Sie gekommen sind. Da der Ort Ihnen und Miß Milroy mißfällt, so ist nicht die mindeste Nothwendigkeit vorhanden, daß außer mir hier noch irgendwer ans Land geht. Ich aber muß ans Land. Mein Freund Midwinter hat mir noch nie sein Wort gebrochen, und ich kann Hurle Mere nicht verlassen, so lange noch die Möglichkeit existiert, daß er unser Rendezvous einhält. Aber es liegt nicht der geringste Grund vor, daß ich deshalb irgendwie im Wege sein sollte. Sie haben den Major und Mr. Pedgift als Beschützer bei sich, und wenn Sie sogleich umkehren, können Sie noch vor Dunkelwerden zu den Wagen zurückgelangen. Ich will hier noch eine halbe Stunde auf meinen Freund warten —— und dann kann ich Ihnen in einem der Schilfboote folgen.«

»Das ist das Vernünftigste, was Sie heute noch gesagt haben, Mr. Armadale«, bemerkte Mrs. Pentecost, sich in gewaltiger Eile wieder niedersetzend »Sagen Sie ihnen, daß sie sich beeilen!« rief die alte Dame, die Faust gegen die Bootsleute schüttelnd. »Sagen Sie ihnen, daß sie sich beeilen!«

Allan gab die nothwendigen Befehle und stieg ans Land. Der kluge Pedgift suchte, sich fest an seinen Clienten schmiegend, ihm zu folgen.

»Wir können Sie hier nicht allein lassen, Sir«, versicherte er eifrig flüsternd »Lassen Sie den Major nach den Damen sehen und mich bei Ihnen am See bleiben.«

»Nein, nein!« sagte Allan ihn zurückdrängend. »Sie sind Alle in schlechter Stimmung am Bord. Wollen Sie sich mir nützlich machen, so bleiben Sie als guter Gesell da, wo Sie sind, und halten das Ganze im Gange.«

Er winkte mit der Hand und die Leute stießen vom Ufer ab. Alle schwenkten die Hand zum Gruße, nur die Majorstochter nicht, welche das Gesicht unter ihrem Sonnenschirme verbarg. In Neelie’s Augen standen schwere Thränen. Ihr letzter Groll gegen Allan erstarb und ihr Herz flog reuig zu ihm zurück, sowie er das Boot verlassen hatte. »Wie gut er gegen uns Alle ist!« dachte sie, »und welch’ ein elendes Geschöpf ich bin!« Sie stand auf, dem drängenden Impulse ihres Herzens folgend, ihr Unrecht gegen ihn wieder gut zu machen. Sie stand auf und schaute ihm, ohne sich an die Rücksichten der Convenienz zu kehren, mit sehnsüchtigen Blicken und gerötheten Wangen nach, wie er einsam am Ufer stand. »Bleiben Sie nicht lange, Mr. Armadale!« sagte sie mit völliger Nichtachtung dessen, was die Gesellschaft denken würde.

Das Boot war bereits weit ins Wasser hinausgestochen, und trotz Neelie’s Entschlossenheit waren doch ihre Worte mit so leiser Stimme gesprochen, daß sie nicht bis zu Allan’s Ohr dringen konnten. Der einzige Laut, den er hörte, als das Boot am entgegengesetzten Ende des Sees anlangte und langsam zwischen dem Schilf verschwand, waren die Töne der Harmonien. Der unermüdliche Pedgift hielt —— offenbar unter Mrs. Pentecost’s Auspicien —— das Amüsement im Gange, indem er ein Kirchenlied präludirte.

Nun allein, zündete sich Allan eine Cigarre an und ging am Ufer aus und ab. »Sie hätte wohl beim Scheiden ein Wort zu mir sprechen können!« dachte er. »Ich habe Alles nach meinen besten Kräften gethan; ich habe ihr so gut wie gesagt, daß ich sie lieb habe, und so behandelt sie mich jetzt!« Er blieb stehen und schaute zerstreut nach der sinkenden Sonne und auf das schnell dunkelnde Wasser des Sees. Irgendwelche unbegreifliche Gewalt der Scene schlich sich unvermerkt in sein Gemüth und lenkte seine Gedanken von Miß Milroy ab zu seinem Freunde. Er schrak zusammen und sah sich um.

Die Schilfschneider hatten sich wieder in ihr Asyl hinter der Mauer zurückgezogen, kein lebendes Wesen war zu sehen, kein Klang zu hören an dem öden Gestade. Selbst Allan’s Stimmung begann zu sinken. Es war fast eine Stunde über die Zeit, zu der Midwinter am Hurle Mere eiuzutreffen versprochen hatte. Er selbst hatte Alles angeordnet, um zu Fuße nach dem Teiche gelangen zu können, indem er sich von einem Stalljungen von Thorpe-Ambrose auf Nebenwegen und Fußpfaden führen lassen wollte, welche die Entfernung um ein Bedeutendes abkürzen würden. Der Knabe war mit diesen Richtwegen wohl vertraut und Midwinter hielt immer höchft pünktlich Wort. War in Thorpe-Ambrose etwas passiert? War ihm unterwegs ein Unfall zugestoßen? Entschlossen, nicht länger müßig und in Ungewißheit allein zu bleiben, entschloß sich Allan, sich am See landeinwärts zu begeben, in der Hoffnung, so seinem Freunde zu begegnen. Sofort ging er an die Mauerecke und fragte einen der Schilfschneider nach dem Wege nach Thorpe-Ambrose.

Der Mann führte ihn von der Straße ab und deutete auf eine kaum sichtbare Lichtung in den Bäumen der Pflanzung. Nachdem er still gestanden, um noch einen nutzlosen Blick ringsum zu werfen, kehrte Allan dem See den Rücken und schlug die Richtung nach jenen Bäumen ein.

Ein paar Schritte lang lief der Pfad quer durch die Baumpflanzung hin. Dann machte er eine plötzliche Biegung —— und Wasser und offenes Land entschwanden zugleich dem Blicke. Allan folgte dem Rasenpfade vor ihm und sah und hörte nichts, bis er an eine abermalige Biegung des Weges kam. Während er in dieser neuen Richtung dahinschritt, erblickte er unter einem Baume die unklaren Umrisse einer sitzenden menschlichen Gestalt. Zwei Schritte genügten, um ihn die Gestalt erkennen zu lassen. »Midwinter!« rief er erstaunt. »Das da ist nicht die Stelle, wo wir uns treffen wollten! Auf was wartest Du hier?«

Ohne zu antworten, stand Midwinter auf. Das Abend dunkel unter den Bäumen, das sein Gesicht verhüllte, machte sein Schweigen doppelt befremdlich.

Allan setzte seine Fragen ungestüm fort. »Bist Du allein gekommen?« fragte er. »Ich dachte, der Knabe sollte Dich führen.«

Diesmal antwortete Midwinter: »Ich sandte den Knaben zurück, als wir an die Bäume hier gelangten. Er sagte mir, ich sei dem Orte ganz nahe und könne ihn nicht verfehlen.«

»Weshalb bliebst Du hier, als er Dich verließ?« fragte Allan weiter. »Warum bist Du nicht weiter gegangen?«

»Lache mich nicht aus«, erwiderte der Andere, »ich wagte es nicht.«

»Du wagtest es nicht!« wiederholte Allan. Er schwieg einen Augenblick. »O, ich weißt« sagte er dann, indem er fröhlich seine Hand auf Midwinter’s Schulter legte. »Dir bangt noch vor den Milroys. Welche Thorheit, nachdem ich Dir selber gesagt, daß man im Parkhäuschen wieder mit Dir ausgesöhnt ist!«

»An Deine Freunde im Parkhäuschen habe ich nicht gedacht, Allan. Die Wahrheit zu gestehen, bin ich heute kaum mein altes Selbst. Ich fühle mich krank und nervenschwach; jede Kleinigkeit erschreckt mich.« Er schwieg und suchte sich Allans ängstlich forschendem Blicke zu entziehen. »Wenn Du darauf bestehst, es zu wissen«, sagte er leidenschaftlich, »so will ich Dir gestehen, das Grausen jener Nacht am Bord des Wracks hat mich wieder gepackt; ich fühle einen fürchterlichen Druck im Kopfe, eine fürchterliche Beklommenheit im Herzen —— ich fürchte, daß uns etwas zustößt, wenn wir nicht von einander scheiden, ehe der Tag zu Ende ist. Ich kann mein Dir gegebenes Versprechen nicht brechen; um Gotteswillen entbinde Du mich davon und laß mich heim gehen!«

Für Jeden, der Midwinter kannte, war es augensichtlich, daß Gegenvorstellungen vergeblich sein würden. Allan willfahrte ihm. »Komm’ aus diesem dunklen stickigen Holze heraus«, sagte er; »wir wollen darüber reden. Das Wasser und der offene Himmel sind keinen Steinwurf weit von uns entfernt. Ich mag das Holz am Abend nicht leiden. Es macht selbst mich melancholisch. Du hast zu angestrengt über den Rechnungsbüchern gesessen Komm’ und athme frei in der lieben frischen Luft.«

Midwinter blieb stehen, überlegte einen Augenblick und gab plötzlich nach.

»Du hast Recht«, sagte er, »und ich habe, wie immer, Unrecht. Ich verschwende die Zeit und betrübe Dich ganz umsonst. Welche Thorheit von mir, Dich zu bitten, mich zurückgehen zu lassen! Wenn Du ja gesagt hättest!«

»Nun?« fragte Allan.

»Nun«, erwiderte Midwinter, »dann würde schon bei meinem ersten Schritte etwas geschehen, was mich dann verhindert hätte —— weiter nichts. Komm.«

Schweigend schritten sie zusammen auf dem Wege zum See dahin.

Bei der letzten Biegung desselben ging Allan’s Cigarre aus. Während er stehen blieb, um sie wieder anzubrennen, ging Midwinter ihm voran und war der erste, der das offene Land erblickte.

Eben hatte Allan sein Streichhölzchen angezündet, als zu seinem Erstaunen sein Freund wieder um die Biegung auf ihn zukam. Es war noch hell genug, um die Gegenstände in diesem Theile der Baumpflanzung deutlich erkennen zu lassen. Als Midwinter dicht vor ihm stand, fiel Allan das Streichhölzchen aus der Hand.

»Gerechter Gott!« rief er zurückfahrend, »Du siehst wieder gerade so aus wie damals am Bord des Wracks!«

Midwinter erhob die Hand zum Zeichen des Schweigens Die stieren Blicke fest auf Allan’s Gesicht gerichtet, sagte er, seine bleichen Lippen hart an dessen Ohr:

»Du erinnerst Dich, wie ich aussah«, flüsterte er; »entsinnst Du Dich auch dessen, was ich sagte, als Du und der Doctor von dem Traume sprachet?«

»Ich habe den Traum vergessen«, erwiderte Allan. Bei dieser Antwort faßte Midwinter Allan’s Hand und führte ihn um die letzte Windung des Pfades.

»Erinnerst Du Dich seiner jetzt?« fragte er und deutete auf den See.

Die Sonne sank am wolkenlosen Abendhimmel hinab. Unten lagen die Wasser des Sees, von ihren letzten Strahlen roth gefärbt. Das offene Land streckte sich, in bereits melancholischem Dunkel, rechts und links weit dahin, und an dem zunächst liegenden Rande des Teiches, wo vorher Alles einsam gewesen zeigte sich jetzt dem Sonnenuntergange gegenüber eine weibliche Gestalt.

Schweigend standen die beiden Armadales neben einander und blickten auf die einsame Gestalt und die düstere Landschaft.

Midwinter sprach zuerst.

»Deine eigenen Augen haben es gesehen«, sagte er. »Jetzt sieh auch Deine eigenen Worte an.«

Er machte sein Taschenbuch auf, holte die niedergeschriebene Erzählung von dem Traume heraus und hielt sie Allan hin. Seine Finger deuteten auf die Zeilen, welche das erste Traumgesicht schilderten; seine Stimme, die immer leiser und leiser ward, wiederholte die Worte:

»Es kam mir das Bewußtsein, daß man mich in der Dunkelheit allein gelassen hatte.

»Ich wartete.

»Das Dunkel verschwand und zeigte mir —— wie in einem Bilde —— einen großen einsamen Teich, der von offenen Gefilden umgeben war. Ueber dem am fernsten liegenden Rande sah ich den wolkenlosen Abendhimmel roth, glühend im Sonnenuntergange.

»An dem zunächst liegenden Rande des Teiches stand der Schatten eines Weibes.«

Er schwieg und ließ die Hand, die das Geschriebene hielt, herabsinken. Die andere Hand wies auf die einsame Gestalt, welche, der untergehenden Sonne gegenüber, ihnen den Rücken kehrend, dastand.

»Dort«, sagte er, »steht das lebendige Weib anstatt des Schattens! Dort spricht die erste der Traumwarnungen zu Dir und zu mir! Laß uns noch ferner beisammen bleiben —— und die zweite Gestalt, die dann an der Stelle des Schattens steht, wird die meine sein.«

Selbst Allan fühlte sich durch die fürchterliche Gewißheit der Ueberzeugung zum Schweigen gebracht, mit der Midwinter sprach.

Während der hierauf folgenden Pause bewegte sich die Gestalt am Teiche und schritt langsam am Ufer hin. Allan trat völlig aus den Bäumen hervor und gewann dadurch eine weitere Aussicht. Der erste Gegenstand, dem seine Blicke begegneten, war der Ponywagen von Thorpe-Ambrose.

Mit einem Lachen der Erleichterung wandte er sich nach Midwinter um. »Was Du für Unsinn geschwatzt hast!« sagte er. »Und welchen Unsinn« ich angehört habe! Es ist die Gouvernante, die endlich eingetroffen ist.«

Midwinter erwiderte nichts. Allan faßte ihn am Arm und versuchte ihn fortzuziehen. Er machte sich indeß jählings los und faßte Allan mit beiden Händen —— indem er ihn von der Gestalt am See zurückhielt, wie er ihn von der Kajütenthür auf dem Verdeck des Holzschiffes zurückgehalten. Die Anstrengung war abermals vergeblich. Allan befreite sich wiederum ebenso leicht von ihm, wie er es dazumal gethan hatte.

»Einer von uns muß mit ihr sprechen«, sagte er; »und wenn Du’s nicht willst, so will ich es thun.«

Er hatte nur wenige Schritte dem See zu gethan, als er eine leise Stimme ihm einmal nur, ein einziges Mal »Lebewohl« zurufen hörte, oder zu hören glaubte. Mit einem Gefühl von Befremden und Unruhe blieb er stehen und sah sich um.

»Warst Du das, Midwinter?« fragte er.

Keine Antwort erfolgte. Nachdem er noch einen Augenblick gezögert, ging er wieder in das Holz. Midwinter war fort.

Er blickte nach dem Teiche zurück, unschlüssig in dieser neuen Verlegenheit, was er zunächst thun solle. Inzwischen hatte die einsame Gestalt ihre Richtung verändert: sie hatte sich umgewandt und nahte sich den Bäumen. Offenbar war Allan entweder gesehen oder gehört worden. Es war unmöglich, ein Weib in dieser hilflosen Lage und an einem so einsamen Orte unbeschützt zu lassen. Zum zweiten Male trat denn Allan aus den Bäumen hervor ihr entgegen.

Als er ihr nahe genug war, um ihr Gesicht sehen zu können, blieb er in überwältigendem Erstaunen stehen. Der plötzliche Anblick ihrer Schönheit, wie sie lächelte und ihn fragend anschaute, machte die Bewegung in seinen Gliedern und die Worte aus seinen Lippen erstarren. Ein unbestimmter Zweifel überkam ihn, ob das wirklich die Gouvernante sei.

Er ermannte sich jedoch und nannte, ein paar Schritte näher tretend, seinen Namen. »Darf ich fragen«, fügte er hinzu, »ob ich das Vergnügen habe ——?«

Unbefangen und anmuthig kam ihm die Dame auf halbem Wege entgegen.

»Major Milroy’s Gouvernante«, sagte sie; »Miß Gwilt.«



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel.

Alles war still in Thorpe-Ambrose. Der Hausflur war öd und die Zimmer waren finster. Die Diener, die im Garten hinter dem Hause die Stunde des Nachtessens abwarteten, schauten zum klaren Himmel und dem aufsteigenden Mond hinauf und erklärten einstimmig, es sei wenig Aussicht vorhanden, daß die Picknick-Gesellschaft viel vor Mitternacht heimkehren werde. Die allgemeine Meinung, von der hohen Autorität der Köchin vertreten, ging dahin, daß man sich ohne. Furcht vor Störung durch die Klinge! zum Nachtessen niederlassen dürfte. Zu diesem Schlusse gelangt, setzte die Dienerschaft sich zu Tische, und gerade in dem Augenblicke, als Alle Platz genommen, ging die Klingel.

Verwundert stieg der Lakei trepp auf, die Thür zu öffnen, und fand zu seinem Erstaunen Midwinter allein auf der Thürschwelle, welcher nach Ansicht des Bedienten entsetzlich krank aussah. Er bat um ein Licht und zog sich mit der Bemerkung, daß er nichts weiter bedürfe, sofort auf sein Zimmer zurück. Der Bediente begab sich zu seinen Cameraden zurück und berichten, daß dem Freunde seines Herrn sicherlich etwas zugestoßen sein müsse.

Auf seinem Zimmer angelangt, schloß Midwinter die Thür und packte hastig eine Handtasche mit den nothwendigsten Reiseeffecten. Dann nahm er aus einer verschlossenen Schublade einige kleine Geschenke, die Allan ihm gemacht —— eine Cigarrentasche, eine Börse und eine Garnitur von Hemdknöpfen von einfachem Golde —— und steckte dieselben in die Brusttasche seines Stockes. Nachdem er diese Andenken in Sicherheit gebracht, ergriff er die Handtasche und legte die Hand auf die Thürklinke. Da aber hielt er zum ersten Male inne —— da ließ mit einem Mal die jagende Hast seines bisherigen Gebahrens nach, und der Zug starrer Verzweiflung in seinem Gesichte begann sich zu mildern: die Hand auf der Thürklinke, blieb er wartend stehen.

Bis zu diesem Augenblicke war er sich nur eines Beweggrundes, nur eines Zieles bewußt gewesen, das er zu erreichen entschlossen war. »Um Allan’s willen!« hatte er zu sich selber gesprochen, als er auf die unheilvolle Landschaft zurückgeblickt und Allan hatte von ihm gehen sehen, um dem Weibe am Teiche zu begegnen. »Um Allan’s willen« hatte er nochmals gesprochen, als er über das offene Feld jenseits des Holzes dahingeschritten, und ferne im grauen Zwielicht die lange Linie des Dammes und das ferne Schimmern der Bahnlampen erblickt hatte, die ihm zu der Eisenstraße hinzuwinken schienen.

Erst jetzt, als er vor der hinter ihm geschlossenen Thür stehen blieb —— erst jetzt, da seine ungestüme Hast zum ersten Male zu einer Pause kam —— erst jetzt erhob sich die edlere Natur des Mannes gegen die abergläubische Verzweiflung, die ihn von Allem, was ihm theuer war, von hinnen trieb. Seine Ueberzeugung von der Nothwendigkeit, daß er Allan zu dessen eigenem Besten verlassen müsse, hatte seit dem Momente, wo er am Ufer des Sees die Verwirklichung seines ersten Traumgesichts geschaut, nicht gewankt. Jetzt aber stand sein eigenes Herz mit unabweislichem Vorwurfe gegen ihn auf. »Geh, wenn du gehen mußt und willst! aber gedenke der Zeit, da du krank warst und er an deinem Bette saß —— da du freundlos warst und er dir sein Herz erschloß —— und schreibe, wenn du dich zu sprechen fürchtest; schreib’ und bitte ihn, dir zu vergeben, ehe du auf immer von ihm scheidest!«

Die halb geöffnete Thür ward leise wieder geschlossen. Midwinter setzte sich an den Schreibtisch und ergriff die Feder. Wieder und wieder versuchte er das Abschiedswort zu schreiben; er versuchte es, bis der Boden rings um ihn her mit zerrissenen Papierblättern bestreut war. Wie immer er sich von ihnen abwandte —— die alten Zeiten kehrten zurück und traten ihm vorwurfsvoll entgegen. Das geräumige Schlafgemach, in dem er saß, verwandelte sich unwillkürlich in die Bodenkammer des kranken Hilfslehrers in jenem Wirthshause des Westens. Die liebevolle Hand, die ihm einst aus die Schulter geklopft, berührte ihn wieder; die freundliche Stimme, die ihn aufgeheitert, sprach unverändert in den alten, liebevollen Tönen. Er warf seine Arme vor sich auf den Tisch und ließ in thränenloser Verzweiflung das Haupt auf dieselben niedersinken. Das Scheidewort, das seine Zunge nicht zu sprechen vermochte, war seine Feder nicht zu schreiben im Stande. Mit erbarmungsloser Strenge hieß sein Aberglaube ihn gehen, so lange er noch Zeit dazu habe, und ebenso strenge gebot seine Liebe zu Allan ihn zu bleiben, bis er die letzte Bitte um Vergebung und Mitleid würde geschrieben haben.

Mit einem raschen Entschlusse stand er auf und schellte dem Diener. »Wenn Mr. Armadale heimkehrt«, sagte er, »so bittet ihn, mich zu entschuldigen, wenn ich heute nicht hinunterkomme, und sagt, daß ich mich zu Bett gelegt habe.« Er verschloß die Thür, löschte das Licht aus und saß allein in der Dunkelheit. »Die Nacht wird sich zwischen uns legen«, sprach er bei sich, »und mit der Zeit werde ich schreiben können. Ich kann am frühen Morgen fortgehen; ich kann gehen, während ——« Der Gedanke erstarb unvollendet in ihm, und der schneidende Schmerz des Kampfes entriß seinen Lippen den ersten Jammerschrei.

Er wartete im finsteren. Wie die Zeit verging, blieben seine Sinne mechanisch wach, aber sein Geist begann unter der Pein, die ihm seit einigen Stunden auferlegt gewesen, langsam zu schwinden. Eine dumpfe Stumpfheit hatte sich seiner bemächtigt, und er machte keinen Versuch, die Kerze anzuzünden und von Neuem sich zum Schreiben hinzusehen. Er rührte sich nicht und machte keine Bewegung, an das offene Fenster zu treten, als er in der Stille der Nacht das erste Geräusch heranrollender Räder vernahm. Er hörte die Wagen vorfahren; er hörte, wie die Pferde an den Gebissen zerrten; er hörte die Stimmen seines Freundes und des jungen Pedgift auf der Treppe —— und noch immer saß er still im Dunkeln, und die Klänge, die von außen zu ihm hereindrangen, erweckten kein Interesse in ihm. «

Die Stimmen waren noch hörbar, als die Wagen schon fortgefahren waren; offenbar verweilten die beiden jungen Männer noch auf den Stufen, ehe sie Abschied von einander nahmen. Jedes Wort, das sie sprachen, schlug durch das offene Fenster an Midwinter’s Ohr. Der Gegenstand ihrer Unterhaltung war die neue Gouvernante. Allan’s Stimme war laut in ihrem Lobe. In seinem ganzen Leben hatte er keine so glückliche Stunde.genossen, als die war, welche er auf der Fahrt vom Hurle Mere nach der auf dem andern See wartenden Picknick-Gesellschaft mit Miß Gwilt im Boote zugebracht hatte. Der junge Pedgift, seinerseits zwar mit Allem übereinstimmend, was sein junger Client zum Lobe der reizenden Fremden vorbrachte, schien das Thema von einem andern Gesichtspunkte aus aufzufassen. Miß Gwilt’s Reize hatten seine Aufmerksamkeit nicht so ausschließlich in Anspruch genommen, um ihn zu verhindern, den Eindruck zu bemerken, welchen die neue Erzieherin auf ihren Principal und ihre Schülerin gemacht.

»Mit Major Milroy’s Familie hat es irgendwo einen Haken, Sir«, ließ sich die Stimme Pedgift’s vernehmen. »Haben Sie wohl auf die Gesichter des Majors und seiner Tochter gemerkt, als Miß Gwilt sich entschuldigte, so spät am See angelangt zu sein? Sie erinnern sich nicht? Entsinnen Sie sich aber, was Miß Gwilt sagte?«

»Etwas über Mrs. Milroy, nicht wahr?« erwiderte Allan.

Pedgift’s Stimme sank zu einem geheimnißvollen Flüstern herab.

»Miß Gwilt traf heute Nachmittag genau um die Zeit im Parkhäuschen ein, für die ich ihre Ankunft vorausgesagt hatte, Sir, und ohne Mrs. Milroy würde sie auch zu der von mir erwähnten Stunde bei uns gewesen sein. Mrs. Milroy ließ sie jedoch zu sich auf ihr Zimmer bescheiden und hielt sie eine gute halbe Stunde, und länger, fest. So lautete Miß Gwilt’s Entschuldigung wegen ihrer verspäteten Ankunft am See, Mr. Armadale.«

»Nun, und was dann?«

»Sie scheinen zu vergessen, Sir, was in der ganzen Umgegend über Mrs. Milroy bekannt wurde, als der Major sich unter uns niederließ. Nach des Arztes eigener Aussage haben wir Alle gehört, daß sie zu leidend sei, um Fremde bei sich zu sehen. Ist es nicht ein wenig eigenthümlich, daß sie auf einmal gesund genug geworden sein sollte, um in der Abwesenheit ihres Gatten Miß Gwilt zu sehen, sowie diese nur das Haus betrat?«

»Nicht im geringsten! Es war ihr natürlich darum zu »thun, die Bekanntschaft der Gouvernante ihrer Tochter zu machen.«

»Sehr wohl möglich, Mr. Armadale Aber der Major und Miß Neelie sehen die Sache jedenfalls nicht in diesem Lichte. Ich hatte sie beide im Auge, als die Erzieherin ihnen sagte, Mrs. Milroy habe sie zu sich beschieden. Wenn ich je ein Mädchen gründlich in Angst sah, so war dies Miß Milroy; und —— wenn ich mir im strengsten Vertrauen die Freiheit nehmen darf, so etwas von einem tapferen Soldaten zu behaupten —— ich möchte fast sagen, daß der Major sich so ziemlich in der nämlichen Verfassung befand. Lassen Sie sich’s gesagt sein, Sir, es ist dort oben in Ihrem hübschen Parkhäuschen etwas nicht ganz richtig, und Miß Gwilt ist bereits mit darein verwickelt.«

Ein minutenlanges Schweigen folgte. Als Midwinter die Stimmen wieder hörte, waren diese weiter vom Hause entfernt —— Allan begleitete den jungen Pedgift wahrscheinlich ein paar Schritte auf dem Heimwege.

Nach einer Weile ließ Allan’s Stimme sich nochmals unter dem Porticus hören, wie er nach s einem Freunde fragte, worauf die Stimme des Dieners sich des von Midwinter erhaltenen Auftrags entledigte. Sobald diese kurze Unterbrechung vorüber, ward die Stille nicht mehr gestört, bis zu dem Augenblicke des Thorschlusses. Die Schritte der hin- und hergehenden Diener, das Zuschlagen der Thüren, das Bellen eines aufgestörten Hundes im Stallhofe —— das waren die Töne, welche Midwinter anzeigten, daß es schon spät geworden war. Mechanisch erhob er sich, um eine Kerze anzuzünden. Aber der Kopf schwindelte ihm, seine Hand zitterte —— er stellte die Zündhölzchenbüchse wieder bei Seite und kehrte zu seinem Sessel zurück. Die Unterhaltung zwischen Allan und dem jungen Pedgift hatte seine Aufmerksamkeit zu beschäftigen aufgehört, sowie er das Ende derselben gehört; und jetzt begann ihm auch das Bewußtsein zu schwinden, daß die kostbare Zeit verstrich, sowie das Geräusch im Hause verhallt war. Seine Körper- und seine Geisteskräfte waren erschöpft; mit stumpfer Ergebung erwartete er das Leid, welches der kommende Tag ihm bringen mußte.

Eine Weile verging und dann ward die Stille draußen nochmals durch Stimmen unterbrochen —— diesmal die Stimmen eines Mannes und eines Weibes. Die ersten Worte, die von ihnen gewechselt wurden, thaten deutlich genug dar, daß ihr Zusammentreffen ein heimliches war, und ließen in dem Manne einen der Lakaien von Thorpe-Ambrose und in dem Weibe eine Dienerin vom Parkhäuschen erkennen.

Nachdem die ersten Begrüßungen vorüber, gab abermals die neue Gouvernante den ausschließlichen Unterhaltungsstoff ab. Das Frauenzimmer war voll schlimmer Ahnungen, die ihr einzig und allein Miß Gwilt’s Schönheit eingeflößt hatte, und schüttete dem Manne ihr Herz aus, wie sehr er auch versuchen mochte, sie auf andere Gegenstände zu lenken. Früher oder später, er solle an ihre Worte denken, werde es im Parkhäuschen einen fürchterlichen »Spectakel« geben. Sie dürfe es ihm im Vertrauen sagen, daß ihr Herr ein entsetzliches Leben mit ihrer Herrin führe. Der Major sei der beste Mensch von der Welt; außer seiner Tochter und seiner ewigen Uhr, trage er keinen andern Gedanken im Herzen. Aber sowie ein hübsches Frauenzimmer ihm nur nahe komme, werde Mrs. Milroy auf ihrem elenden Krankenbette eifersüchtig, rasend eifersüchtig auf sie. Wenn Miß Gwilt, die trotz ihres häßlichen Haars entschieden hübsch sei, das glimmende Feuer nicht binnen wenigen Tagen in hellen Flammen über ihren Häuptern aufschlagen lasse, so sei ihre Herrin gar nicht mehr ihre Herrin, sondern eine andere Person. Was sich aber immer ereignen möge, diesmal sei die Mutter des Majors Schuld daran. Die alte Dame habe vor zwei Jahren einen furchtbaren Streit mit ihrer Herrin gehabt und sei in großer Wuth abgereist, nachdem sie vor der ganzen Dienerschaft zu ihrem Sohne gesagt, wenn er nur noch einen Funken von Energie besitze, so würde er die Launen seiner Frau nimmermehr ertragen, wie er dies thue. Sie ginge vielleicht zu weit, wenn sie die Mutter des Majors beschuldige, absichtlich eine hübsche Erzieherin gewählt zu haben, um ihre Schwiegertochter zu ärgern. Aber mit Gewißheit dürfe man behaupten, daß die alte Dame die letzte Person in der Welt sei, welche der Eifersucht ihrer Herrin nachgeben und eine fähige und achtbare Gouvernante für ihre Enkelin zurückweisen werde, blos weil diese Erzieherin zufälligerweise mit Schönheit gesegnet sei. Wie dies Alles noch enden werde (außer zum Schlimmeren) könne kein menschliches Wesen sagen. Die Geschichte lasse sich bereits so schwarz an, wie nur möglich. Miß Neelie habe nach ihrer Lustpartie geweint —— was ein schlechtes Zeichen; die Herrin habe Niemanden getadelt oder ausgezankt —— ein abermaliges schlechtes Zeichen; der Herr habe ihr durch die Thür Gutenacht gewünscht —— was ein drittes schlechtes Zeichen; und die Gouvernante sich in ihrem Zimmer eingeschlossen, was das schlimmste von allen Zeichen sei, da dies den Anstrich habe, als mißtraue sie der Dienerschaft. Der Art rann der Strom des weiblichen Geplauders weiter und drang durchs Fenster zu Midwinters Ohren, bis die Stalluhr schlug und der Unterhaltung ein Ende machte. Als der letzte Glockenschlag erstarb, ließ sich keine Stimme mehr hören und nun ward das nächtliche Schweigen nicht wieder gestört.

Abermals verging eine Weile und Midwinter machte einen neuen Versuch, sich zu ermannen. Diesmal zündete er ohne Zögern die Kerze an und nahm die Feder in die Hand.

Er schrieb beim ersten Anlauf mit einer Leichtigkeit des Ausdrucks, die ihn beim Weiterschreiben überraschte und schließlich einen vagen Argwohn gegen sich selber in ihm erweckte. Er ging vom Tische weg, um Gesicht und Kopf in kaltem Wasser zu baden, und kam dann zurück und las, was er geschrieben. Die Sprache war kaum verständlich; die Worte waren verwechselt —— die Sätze unbeendet gelassen —— jede Zeile trug den Beweis, wie sehr das ermüdete´Gehirn sich gegen den erbarmungslosen Willen gesträubt hatte, der es zur Thätigkeit gezwungen. Midwinter zerriß das Blatt, wie er bereits alle anderen zerrissen, und legte, dem Kampfe endlich erliegend, sein müdes Haupt auf das Kissen. Fast augenblicklich überkam ihn die Erschöpfung; ehe er noch das Licht auslöschen konnte, schlief er ein.

Ein Geräusch vor seiner Thür weckte ihn. Heller Sonnenschein strömte ins Zimmer; das Licht war völlig herabgebrannt, und der Diener wartete draußen mit einem Briefe, der mit der Morgenpost eingelaufen war.

»Ich nahm mir die Freiheit, Sie zu stören, Sir«, sagte der Mann, als Midwinter ihm. die Thür öffnete, »weil »eilig« auf dem Briefe steht und ich nicht wußte, ob derselbe nicht vielleicht von Wichtigkeit sei.«

Midwinter dankte ihm und betrachtete den Brief. Dieser war allerdings von Wichtigkeit —— die Aufschrift war von Mr. Brocks Hand.

Er wartete einen Augenblick, um seine Gedanken zu sammeln. Die Papierfetzen am Boden riefen ihm sofort die Lage ins Gedächtniß zurück, in der er sich befand. Er verschloß seine Thüre wieder, aus Furcht, Allan möchte früher als gewöhnlich aufstehen und zu ihm hereinkommen, um nach dem Befinden seines Gastes zu fragen. Dann mit einer merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen die etwaigen Mittheilungen des Pfarrers —— öffnete er Mr. Brock’s Brief und las folgende Zeilen.

»Dienstag.

Mein lieber Midwinter.

Zuweilen ist’s das Beste, schlimme Nachrichten ohne Umschweif und mit wenigen Worten mitzutheilen. Lassen Sie mich Ihnen die meinige in einem einzigen Satze sagen. Alle meine Vorsichtsmaßregeln sind nutzlos gewesen: das Weib ist mir entwischt.

Dieses Unglück, denn es ist nichts Geringeres —— ereignete sich gestern (am Montag). Zwischen elf und zwölf Morgens zwang mich die Gcschäftsangelegenheit, die mich überhaupt nach London führte, an jenem Tage nach Doctors Commons zu gehen und meinen Diener Robert im Logis allein zu lassen, damit er bis zu meiner Rückkehr das gegenüberstehende Haus bewache. Etwa anderthalbe Stunde nach meinem Weggange sah er einen leeren Fiaker vor der Thür jenes Hauses halten. Reisekoffer und Handtaschen kamen zuerst zum Vorschein, ihnen folgte das Frauenzimmer selber, das die nämlichen Kleider trug, in dem ich sie zuerst gesehen hatte. Nachdem auch er eine Droschke genommen, fuhr, Robert ihr nach dem Bahnhofe der Nordwestbahn nach —— sah sie durch das Billetbureau gehen —— behielt sie im Auge bis sie auf dem Perron anlangte —— dort aber in dem Gedränge und der Verwirrung, welche die Abfahrt eines langen gemischten Zuges herbeizuführen pflegt, verlor er sie aus dem Gesichte. Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß er in dieser Verlegenheit sofort den richtigen Weg einschlug. Anstatt mit Suchen aus dem Perron Zeit zu verlieren, sah er die ganze Wagenreihe entlang und versicherte mit Bestimmtheit, daß er sie in keinem Coupe bemerkt habe. Zugleich gibt er zu, daß sein Suchen (welches zwischen zwei Uhr, dem Augenblicke, da er sie aus dem Auge verlor, und zehn Minuten nach zwei, dem Momente der Abfahrt, stattfand) in der Verwirrung des Augenblicks natürlich nur ein oberflächliches sein konnte. Doch scheint mir dieser letztere Umstand von geringer Bedeutung zu sein. Ich glaube so wenig an die Abreise des Frauenzimmers mit diesem Zuge, als ob ich selbst jeden der Wagen durchsucht hätte, und zweifle nicht, daß Sie darin vollkommen meiner Ansicht sein werden.

Jetzt kennen Sie das Unglück, das geschehen ist. Lassen Sie uns mit Jammern weder Zeit noch Worte vergeuden. Das Unglück ist einmal geschehen, und Sie und ich müssen die Mittel finden, es wieder gut zu machen.

Was ich meinerseits bereits ausgerichtet habe. läßt sich in zwei Worten sagen. Mit allem Widerstreben, das ich anfangs empfand, diese zarte Angelegenheit fremden Händen anzuvertrauen, war es vorbei, sowie ich Robert’s Meldung hörte. Sofort begab ich mich in die City zurück und legte die ganze Sache confidentiell meinem Sachwalter dar. Die Besprechung dauerte sehr lange, und als ich die Expedition verließ, war es zum Schreiben zu spät, sonst würde ich Ihnen anstatt heute, schon am Montag geschrieben haben. Meine Unterredung mit den Advocaten war keine sehr ermuthigende. Sie sagen mir offen, daß dem Wiederauffinden der verlorenen Spur ernstliche Schwierigkeiten im Wege ständen. Doch haben sie ihr Möglichstes zu thun versprochen und wir uns über die zu thuenden Schritte geeinigt —— einen einzigen Punkt ausgenommen, über den wir durchaus verschiedener Ansicht sind. Ich muß Ihnen diese Meinungsverschiedenheit auseinandersetzen; denn so lange meine Geschäftsangelegenheiten meine Anwesenheit in Thorpe-Ambrose unmöglich machen, sind Sie die einzige Person, der ich meine Ansichten zur Prüfung anheim geben kann.

Die Sachwalter meinen also, das Frauenzimmer habe von Anfang an gewußt, daß ich sie beobachtete; darum sei für jetzt keine Aussicht vorhanden, daß sie die Unvorsichtigkeit begehen werde, sich in Thorpe-Ambrose blicken zu lassen; das Unheil, das sie etwa anzustiften im Sinne, sei nun Andern übertragen, und der einzige vernünftige Schritt von Allan’s Freunden müsse ein passives Zuwarten sein, bis die Ereignisse sie weiter aufklären. Meine eigene Meinung läuft dieser schnurstracks zuwider. Nach dem, was sich auf dem Bahnhofe ereignet, kann ich nicht umhin, einzuräumen, daß das Frauenzimmer entdeckt haben muß, wie ich sie beobachtet. Aber sie hat keinen Grund, anzunehmen, daß es ihr nicht gelungen, mich zu hintergehen, und ich glaube fest, sie ist verwegen genug, uns zu überrumpeln und sich in Allan’s Vertrauen einzuschleichen, oder einzudrängen, ehe wir Vorkehrungen getroffen haben, sie daran zu verhindern. Sie, und Sie allein können (so lange ich in London aufgehalten werde) entscheiden, ob ich recht oder unrecht habe —— und Sie können dies in folgender Weise bewerkstelligen. Suchen Sie unverzüglich zu erfahren, ob seit letztem Montag irgend ein Frauenzimmer, das in der Umgegend fremd, in oder in der Nähe von Thorpe-Ambrose angelangt ist. Ist ein solches Frauenzimmer bemerkt worden (und auf dem Lande entgeht Niemand der Beobachtung) so ergreifen Sie die erste beste Gelegenheit, sie zu sehen, und fragen sich, ob ihr Gesicht gewissen deutlichen Fragen entspricht, die ich Ihnen vorzulegen im Begriffe bin, oder nicht. Sie können sich auf meine Genauigkeit verlassen. Ich habe das Frauenzimmer mehr als einmal entschleiert gesehen und zwar das letzte Mal mit Hilfe eines vortrefflichen Opernglases.

1) Ist ihr Haar hellbraun und anscheinend nicht sehr stark?
2) Ist ihre Stirn hoch, schmal und zurückweichend?
3) Sind ihre Augenbrauen sehr schwach gezeichnet und ihre Augen klein und eher dunkel, als hell —— entweder grau oder braun (ich habe sie nicht nahe genug gesehen, um hierüber ganz sicher zu sein)?
4) Ist ihre Nase eine Adlernase?
5) Sind ihre Lippen dünn und ist die Oberlippe etwas lang?
6) Sieht ihre Hautfarbe aus, als ob sie ursprünglich sehr zart gewesen sei und sich allmählich in eine trübe kränkliche Blässe verwandelt habe?
7) und letztens, hat sie ein zurückweichendes Kinn, und befindet sich auf der linken Seite desselben ein Merkmal irgendwelcher Art —— entweder eine Narbe oder ein Mal —— ich weiß nicht, was von beiden?

Ich sage nichts von ihrem Gesichtsausdrucke, denn Sie können sie vielleicht unter Umständen sehen, die diesen theilweise verschieden zeigen von dem, welchen ich an ihr wahrnahm. Prüfen Sie ihre Züge, die keine Zufälligkeiten verändern können. Befindet sich eine Fremde in Ihrer Umgegend und entsprechen deren Züge meinen sieben Fragen —— so haben Sie die Person gefunden! In diesem Falle gehen Sie augenblicklich zum nächsten Advocaten und geben meinen Namen als Bürgschaft für die Kosten, die ihre strenge Bewachung bei Nacht und bei Tage verursachen wird. Darauf setzen Sie mich mit möglichster Schnelligkeit von dem Geschehenen in Kenntniß und ich werde dann unverzüglich nach Norfolk eilen, meine Geschäfte mögen hier zu Ende gebracht sein oder nicht.

Jedenfalls —— ob Sie« nun meinen Argwohn bestätigen oder nicht —— schreiben Sie mir mit umgehender Post. Schreiben Sie —— wenn auch nur, um mir den Empfang meines Briefes anzuzeigen. Fern von Allan stehe ich eine Angst und Spannung aus, welche Sie allein mir etwas lindern können. Wie ich Sie kenne, bin ich überzeugt, daß ich kein Wort weiter zu sagen’ brauche.

Stets Ihr aufrichtiger Freund

Decimus Brock.«

Die fatalistische Anschauung die sich seiner jetzt bemächtigte, machte, daß Midwinter ohne das geringste Zeichen des Interesses oder des Erstaunens las, was der Pfarrer von seiner Niederlage schrieb. Die einzige Stelle in dem Briefe, die er noch einmal überflog, war der Schluß desselben Er las den letzten Satz von neuem, und sann dann einen Augenblick darüber nach. »Ich habe Mr. Brocks Güte viel zu verdanken«, dachte er, »und ich werde Mr. Brock niemals wiedersehen. Es ist nutz- und hoffnungslos —— aber er bittet mich, es zu thun, und es. soll gethan werden. Ein einziger Blick in ihr Gesicht wird genügen —— ein einziger Blick, mit seinem Briefe in der Hand —— und eine Zeile, um ihm zu sagen, daß das Weib hier ist!«

Abermals blieb er zögernd an der halb geöffneten Thür stehen. Die grausame Notwendigkeit, Allan sein Lebewohl zu schreiben, trat ihm von neuem entgegen und hielt ihn fest.

Zweifelhaft sah er auf die neben ihm liegende Epistel des Pfarrers. »Ich will die beiden Briefe zugleich schreiben«, sagte er, »der eine kann mir vielleicht bei dem andern helfen.« Sein Gesicht überzog sich mit einer hohen Röthe, als ihm diese Worte entschlüpften Er war sich bewußt, etwas zu thun, was er noch nie zuvor gethan hatte —— freiwillig schob er die böse Stunde hinaus und nahm Mr. Brock zum Vorwande, um eine letzte Frist zu gewinnen.

Der einzige Laut, der durch die geöffnete Thür zu ihm drang, waren Allan’s geräuschvolle Bewegungen im nächsten Zimmer. Sofort trat er in den leeren Corridor hinaus und verließ, von Niemandem auf der Treppe gesehen, das Haus. Die Besorgniß sein Entschluß Allan zu Verlassen, müsse wanken, falls er den Freund wiedersähe, war noch ebenso lebendig in ihm, wie während der ganzen Nacht hindurch. Erleichtert that er einen tiefen Athemzug, als er die Stufen vor der Hausthür herabging —— erleichtert, weil er dem herzlichen Morgengruße des einzigen menschlichen Wesens entgangen, das er liebte!

Mit Mr. Brock’s Briefe in der Hand betrat er das Bosket Und schlug den kürzesten Weg nach dem Häuschen des Majors ein. Nicht die geringste Erinnerung der Gespräche war ihm blieben, die in der Nacht den Weg zu seinen Ohren gefunden hatten. Der einzige Grund, der ihn bewog das Weib zu sehen, war der ihm vom Pfarrer gegebene. Die einzige Erinnerung, die ihn jetzt nach der Stelle führte, wo sie augenblicklich weilte, die Erinnerung ’an Allan’s Ausruf, als er die Gouvernante mit der Gestalt am Teiche identifizierte.

Am Pförtchen des Parkhäuschens blieb er stehen. Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß er seinen Zweck verfehlen würde, wenn er in Gegenwart des Weibes die Fragen des Pfarrers consultirte. Ihr Argwohn würde wahrscheinlich zuerst schon dadurch erregt werden, daß er sie zu sehen verlangte (wie dies seine Absicht war, mit oder ohne Entschuldigung), und der Brief in seiner Hand mußte sie in jenem Argwohn bestärken. Sie konnte ihn schlagen, indem sie augenblicklich das Zimmer verließ. Entschlossen, sich die Beschreibung zuvörderst fest einzuprägen und ihr dann gegenüber zu treten, öffnete er den Brief und las, während er langsam am Hause hin wandelte, die sieben Fragen, von denen er im voraus überzeugt war, daß das Gesicht des Frauenzimmers ihm darauf antworten würde.

In der Morgenstille des Parks drang selbst das leiseste Geräusch weit. Ein solches unterbrach Midwinter’s Lection.

Er sah auf und fand sich am Rande eines mit Gras bewachsenen breiten Grabens, auf dessen einen Seite der Park lag, dessen andere eine Lorbeerhecke bildete. Die Einfriedung umschloß offenbar den hinteren Theil des zum Parkhäuschen gehörigen Gartens und der Graben diente dazu, jenen vor den im Park weidenden Kühen und Schafen zu schützen. Aufmerksam lauschend, bis das leise Geräusch, das ihn gestört, schwächer wurde erkannte er in demselben das Rauschen von Frauenkleidern. Ein paar Schritte vor ihm führte eine Brücke über den Graben, die durch ein Pförtchen gesperrt wurde und den Graben mit dem Park verband. Er ging durch das Pförtchen über die Brücke und sah sich, als er das Pförtchen am andern Ende aufgemacht, in einer Laube, die dicht mit Schlingpflanzen umzogen war und einen freien Blick auf den ganzen Garten gewährte.

Er sah hinaus und bemerkte die Gestalten zweier Damen, die langsam von ihm fort dem Häuschen zu gingen. Die kleinere der beiden nahm seine Aufmerksamkeit keinen Augenblick in Anspruch —— keine Secunde hielt er sich mit dem Gedanken auf, ob sie die Tochter des Majors sei, oder nicht. Seine Augen waren auf die andere Gestalt geheftet, —— jene Gestalt, welche in einem sich in leichten Falten anschmiegenden langen Kleide mit unbefangener verführerischer Anmuth auf dem Gartenpfade dahin schwebte. Dort, genau, wie es sich ihm schon einmal gezeigt, —— dort, abermals mit dem Rücken ihm zugewendet, war das Weib vom Teiche!

Es war möglich, daß ihre Promenade im Garten noch nicht beendet und daß sie umkehren und nach der Laube zurückkehren würden. Auf diese Möglichkeit wartete Midwinter. Kein Gedanke, daß er sich auf fremden Boden eindränge, hatte ihn an der Thür des Häuschens zurückgehalten, und auch jetzt beunruhigte ihn ein solcher Gedanke nicht. Seit der grausamen Pein der vergangenen Nacht war jedes zartere Gefühl in ihm erstorben. Die trotzige Entschlossenheit, das zu thun, weshalb er gekommen, war das einzige Motiv, das ihn noch leitete. Er handelte, ja, er sah aus, wie der stumpfeste Mensch von der Welt an seiner Stelle gehandelt und ausgesehen haben würde. Indessen besaß er noch Geistesgegenwart genug, um, während er wartete, ehe die Gouvernante und ihre Schülerin am Ende des Pfades anlangten, Mr. Brock’s Brief zu öffnen und durch einen letzten Blick den Abschnitt, der ihr Gesicht beschrieb, sich noch einmal ins Gedächtniß zu prägen.

Er war noch in diese Lectüre vertieft als er das leichte Kleiderrauschen wieder näher kommen hörte. Er stand im Schatten des Sommerhäuschens und wartete. Den frischen Eindruck ihres geschriebenen Porträts im Kopfe und mit Hilfe des hellen Morgenlichtes forschten seine Augen in ihrem Gesicht, während sie sich näherte, und die Antworten, die dasselbe ihm gab, waren folgende:

Das Haar in der Beschreibung des Pfarrers war hellbraun und nicht reich. Das Haar dieses Weibes, von einer üppigen Fülle, war von jener auffallenden Farbe, die das Vorurtheil der nördlichen Nationen einzig nicht verzeiht —— es war roth! Die Stirn in der Beschreibung des Pfarrers war hoch, schmal und zurückweichend; die Augenbrauen schwach gezeichnet und die Augen klein und entweder grau oder hellbraun. Die Stirn dieses Weibes war niedrig, gerade und breit nach den Schläfen zu; ihre Brauen, die leicht aber scharf gezeichnet, waren um einen Schatten dunkler, als ihr Haar; ihre Augen, groß, klar und hell geöffnet, waren von jener rein blauen Farbe, in der keine Spur von Grau oder Grün sichtbar, die so oft auf Gemälden und in Büchern unsere Bewunderung erregt und der man im wirklichen Leben so selten begegnet. Die Nase in der Beschreibung des Pfarrers war eine Adlernase. Die Nase dieses Weibes war weder nach außen noch nach innen gebogen: es war die grade, zart geformte Nase mit der kurzen Oberlippe der antiken Statuen und Büsten. Die Lippen in der Beschreibung waren dünn und die Oberlippe lang; die Hautfarbe war von einer trüben kränklichen Blässe; das Kinn zurückweichend und auf der linken Seite desselben, ein Mal oder eine Narbe. Die Lippen des Weibes hier waren voll und sinnlich; ihre Hautfarbe von der blendenden Zartheit, die jene Art von Haar begleitet —— von so zarter Durchsichtigkeit in den rosigen Schattierungen, die Carnation von Stirn und Nacken von so zarten warmen Farbentönen. Ihr Kinn rund und mit Grübchen geziert, war durchaus makellos und stand in Einer Linie mit der Stirn. Näher und immer näher, schöner und immer schöner in dem hellen Morgenlichte kam sie heran —— und bot den auffallendsten unbestreitbaren Gegensatz den das Auge nur sehen, der Geist nur fassen konnte, zu der Beschreibung im Briefe des Pfarrers.

Gouvernante und Schülerin waren bis hart an das Sommerhäuschen herangekommen, ehe sie sich umsahen und Midwinter darin stehen sahen. Die Erzieherin sah ihn zuerst.

»Ein Freund von Ihnen, Miß Milroy?« fragte sie ruhig, ohne zu erschrecken, oder irgend ein Zeichen von Ueberraschung zu geben.

Neelie erkannte ihn augenblicklich. Durch Midwinter’s Benehmen gelegentlich seiner ersten Vorstellung im Parkhäuschen durch seinen Freund bereits gegen ihn eingenommen, begann sie ihn jetzt, als die unglückselige erste Ursache ihres Mißverständnisses mit Allan auf dem Picknick, förmlich zu hassen. Ihr Gesicht überflog ein plötzliches Roth und mit einem Ausdrucke von Ueberraschung und kaltem Befremden wandte sie sich vom Gartenhäuschen ab.

»Er ist ein Freund von Mr. Armadale«, erwiderte sie scharf. »Ich weiß nicht, was er will oder weshalb er hier ist.«

»Ein Freund von Mr. Armadale!« Auf dem Gesicht der Gouvernante blitzte ein rasch erregtes Interesse auf, während sie die Worte wiederholte. Mit der nämlichen Sicherheit erwiderte sie Midwinter’s Blick, der noch immer fest auf ihr Gesicht geheftet war.

»Ich meinestheils«, fuhr Neelie, verdrossen über Midwinter’s Gleichgültigkeit gegen ihre Anwesenheit fort, »finde, daß man sich eine große Freiheit herausnimmt, wenn man Papas Garten wie den offenen Park betrachtet!«

Die Gouvernante wandte sich um und vermittelte mild.

»Meine liebe Miß Milroy«, remonstrirte sie, »wir müssen gewisse Unterschiede machen. Dieser Herr ist ein Freund von Mr. Armadale. Sie könnten sich kaum stärker ausdrücken, wenn er ein Fremder wäre.«

»Ich spreche meine Meinung aus«, entgegnete Neelie, gereizt von dem ironisch nachsichtigen Tone, in dem die Erzieherin zu ihr sprach. »Das ist Geschmackssache, Miß Gwilt, und der Geschmack ist verschieden.« Sie wandte sich ärgerlich ab und ging allein nach dem Häuschen zurück.

»Sie ist sehr jung«, sagte Miß Gwilt, indem sie Midwinter mit einem Lächeln um Nachsicht bat; »und außerdem, wie Sie selbst sehen müssen, ein verzogenes Kind.« Sie schwieg, zeigte, jedoch nur auf einen Augenblick, ihr Erstaunen über Midwinter’s seltsames Schweigen und seinen seltsam auf sie gehefteten Blick und machte sich dann mit reizender Anmuth und Gewandtheit daran, ihn aus der falschen Stellung zu befreien, in der er sich befand. »Da Sie Ihren Spaziergang so weit ausgedehnt haben«, fuhr ste fort, »so erzeigen Sie mir bei Ihrer Heimkehr vielleicht den Gefallen, einen kleinen Auftrag an Ihren Freund auszurichten. Mr. Armadale hat mich auf heute Morgen zu einer Besichtigung der Gärten von Thorpe-Ambrose freundlichst eingeladen. Wollen Sie ihm sagen, daß Major Milroy mir gestattet, der Einladung in Gesellschaft von Miß Milroy, zwischen zehn und elf Uhr, Folge zu leisten?« Einen Augenblick ruhten ihre Blicke mit erneutem Interesse auf Midwinter’s Gesichte. Noch immer wartete sie vergebens aus eine Antwort von ihm, lächelte, als ob sein merkwürdiges Schweigen sie eher ergötzte als erzürnte, und kehrte, ihrer Schülerin folgend, nach dem Parkhäuschen zurück.

Erst als die letzte Spur von ihr verschwunden, riß Midwinter sich aus seiner Betäubung heraus und versuchte sich seine Lage zu Vergegenwärtigen. Ihre Schönheit war keineswegs an dem athemlosen Erstaunen schuld, das ihn bis zu diesem Augenblicke gefesselt gehalten. Der einzige deutliche Eindruck, den sie bis jetzt auf ihn gemacht, begann und endete mit der Entdeckung des wunderbaren Contrastes, den ihr Gesicht Zug für Zug mit der Beschreibung in Mr. Brock’s Briefe bot. Alles Andere war ihm unklar und nebelhaft —— eine undeutliche Erinnerung an ein schlankes elegantes Weib, an gütige Worte, die mit Bescheidenheit und Anmuth zu ihm gesprochen worden, weiter nichts.

Ohne zu wissen warum, machte er einige Schritte in den Garten hinaus blieb stehen, während er wie ein Verirrter dahin und dorthin blickte, erkannte mit Anstrengung das Gartenhäuschen, als wenn Jahre vergangen, seit er es zuletzt gesehen, und ging endlich wieder in den Park hinaus. Selbst hier wandelte er zuerst bald links bald rechts. Sein Geist taumelte noch unter der erlittenen Erschütterung; seine Wahrnehmungen veränderten sich samt und sonders. Ein Etwas erhielt ihn in fortwährender Thätigkeit, ohne Grund und ohne Ziel wanderte er umher.

Ein Mann von weit weniger sensibler Natur hätte sich durch die ungeheure augenblickliche Gefühlsumwälzung überwältigt fühlen dürfen, welche dies Begebniß der letzten Minuten in ihm hervorgebracht hatte.

In dem denkwürdigen Augenblicke, da er die Thür des Sommerhäuschens öffnete, waren seine Geisteskräfte völlig frei und klar gewesen. Mit Recht oder mit Unrecht war er in Allem, was sich auf sein Verhältniß zu Allan bezog, durch einen ganz bestimmten Gedankengang zu einem ganz bestimmten Schlusse gelangt. Die ganze Gewalt des Motives, das ihn zu dem Entschlusse einer Trennung von Allan getrieben, wurzelte in dem Glauben, daß er am Hurle Mere die unheilvolle Erfüllung des ersten Traumgesichts erblickt habe. Und dieser Glaube ruhte seinerseits nothwendigerweise auf der Ueberzeugung, daß das Weib, die Person, welche allein das Trauerspiel in Madeira überlebte, unvermeidlich auch das Weib sein müsse, welches er anstatt des Schattens hatte am Teiche stehen sehen. Fest in dieser Ueberzeugung, hatte er selbst den Gegenstand seines Argwohns und des Argwohns seines ehrwürdigen Freundes, Mr. Brock, mit der Beschreibung dieses Letzteren verglichen —— eine genaue umständliche Beschreibung von der Hand eines vollkommenen zuverlässigen Mannes —— und seine eigenen Augen hatten ihn überzeugt, daß das Weib, welches er am Teiche erblickt, und das Weib, das Mr. Brock in London identifizierte, nicht eine und dieselbe Person waren. An Stelle des Traum-Schattens hatte, nach dem in dem Briefe des Pfarrers enthaltenen Beweise, nicht das Werkzeug des Verhängnisses —— sondern eine Fremde gestanden!

Zweifel, wie sie sich vielleicht in einem weniger abergläubischen Menschen geregt hätten, wurden durch die Entdeckung, die er jetzt gemacht, in ihm nicht erweckt.

Es fiel ihm nicht ein, sich jetzt, da der Brief ihm gezeigt, daß eine Fremde als die Gestalt in der Traumlandschaft dagestanden, zu fragen, ob nicht eine Fremde das vom Verhängniß auserkorene Werkzeug sein dürfe. Ein solcher Gedanke stieg in ihm gar nicht auf —— konnte ihm gar nicht aufsteigen. Das eine Weib, das sein Aberglaube fürchtete, war das Weib, welches sich mit dem Leben der beiden Armadales aus der ersten Generation und mit den Schicksalen der beiden Armadales aus der zweiten verflocht —— das zugleich der in der Warnung seines sterbenden Vaters bezeichnete Gegenstand und die erste Ursache der traurigen Familienereignisse war, welche Allan den Weg zu den Gütern von Thorpe-Ambrose gebahnt —— das Weib, mit Einem Worte, welches er, hätte ihn des Pfarrers Brief nicht irregeführt, instinktmäßig in dem Weibe erkannt haben würde, das er soeben gesehen hatte.

Das soeben erlebte Begebniß unter dem Einflusse des Irrthums betrachtend, zu dem der Pfarrer ihn unschuldigerweise verleitet hatte, erkannte und erfaßte sein Geist unverzüglich den neuen Schluß und verfuhr genau in derselben Weise, wie er damals bei seiner Unterredung mit Mr. Brock aus der Insel Man verfahren war.

Gerade, wie er damals als eine völlig genügende Widerlegung des Fatalitätsgedankens erklärt hatte, daß er auf allen seinen Seereisen bisher nie auf das Holzschiff gestoßen war, so erfaßte er auch jetzt den ähnlich gewonnenen Schluß, daß der ganze Anspruch des Traumes an einen übernatürlichen Ursprung mit der Erscheinung einer Fremden an der Stelle des Schattens von selbst über den Haufen fiel. Einmal zu dieser Ueberzeugung gelangt und ermuthigt, sich durch seine Liebe zu Allan ausschließlich wieder leiten zu lassen, durchflog sein Geist mit Blitzesschnelle die ganze, sich daraus entwickelnde Gedankenreihe. Brauchte der Traum nicht länger als eine Warnung aus einer andern Welt angenommen zu werden, so folgte hieraus unumgänglich, daß, der Zufall und nicht das Verhängniß den Weg zu jener Nacht auf dem Verdeck geführt hatte, und daß Alles, was seit seiner und Allan’s Trennung von Mr. Brock passiert, an sich harmlose Ereignisse gewesen waren, die nur sein Aberglaube verunstaltet hatte. In weniger als einer Secunde hatte seine bewegliche Phantasie ihn nach jenem Morgen in Castletown zurückversetzt, da er dem Pfarrer das Geheimniß seines Namens offenbart und ihm, mit dem Briefe seines Vaters vor sich, den besseren Glauben bekannt hatte, der in ihm lebte. Von neuem fühlte er, wie sein Herz festhielt an dem Bruderbande zwischen ihm und Allan; abermals konnte er mit der warmen Offenheit der Vergangenheit zu sich sprechen: »Wenn mir der Gedanke, Allan zu verlassen, das Herz bricht, so ist der Gedanke unrecht!« Während sich diese edlere Ueberzeugung wieder seiner bemächtigte, den Aufruhr seiner Brust beschwichtigte und die Verwirrung in ihm löste, erblickte er durch das Laub der Bäume hindurch das Haus von Thorpe-Ambrose, auf dessen Stufen Allan stand und ihn erwartete. Ein Gefühl unaussprechlicher Erleichterung hob seinen lebhaften Geist hoch über die Sorgen und Zweifel und Aengste hinweg, die ihn so lange bedrückt hatten, und zeigten ihm wieder die bessere und schönere Zukunft seiner Jugendträume. Seine Augen füllten sich mit Thränen und er drückte, wie er Allan durch die Baumperspective hindurch betrachtete, den Brief des Pfarrers in seiner wilden leidenschaftlichen Weise an die Lippen. »Ohne dies Stückchen Papier«, dachte er, »würde mein Leben mir wohl nichts gewesen sein, als ein langer bitterer Gram, und das Verbrechen meines Vaters hätte uns vielleicht auf immer geschieden!«

Dies war der Erfolg der Kriegslist, vermittelst derer dass Gesicht des Stubenmädchens Mr. Brock als das Gesicht von Miß Gwilt gezeigt worden war. Und so triumphierte die Schlauheit Mutter Oldershaw’s —— indem durch sie Midwinter’s Vertrauen auf seinen Aberglauben in dem einzigen Falle, wo diesen sein Aberglaube ihn zur Wahrheit leitete, erschüttert wurde —— über Schwierigkeiten und Gefahren, welche von Mutter Oldershaw selbst gar nicht in Betracht gezogen worden waren.



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel.

Von St. Ehrwürden Decimus Brock an Ozias
« Midwinter.

»Donnerstag.

Mein lieber Midwinter!

Ich kann Ihnen nicht mit Worten sagen, welche Erleichterung mir Ihr heute Morgen empfangener Brief gewährt und wie wahrhaft glücklich ich bin, daß es sich somit herausstellt, wie ich unrecht gehabt habe. Die Vorsichtsmaßregeln, die Sie für den Fall getroffen haben, daß das Frauenzimmer sich noch jetzt nach Thorpe-Ambrose wagen sollte, scheinen mir Allem zu entsprechen, was man nur verlangen kann. Ohne Zweifel werden Sie durch Einen oder den Andern vom Büreaupersonal des Rechtsanwalts, die Sie ersucht haben, Sie von jeder fremden Erscheinung im Orte in Kenntniß zu setzen, von ihr hören.

Ich bin über diesen Beweis, daß ich mich in unserer Sache auf Sie verlassen darf, um so mehr erfreut, als ich Allan’s Angelegenheiten wahrscheinlich länger, als vorauszusehen war, in Ihren Händen zu lassen genöthigt sein werde. Leider werde ich meinen Besuch in Thorpe-Ambrose noch auf zwei Monate verschieben müssen. Der einzige meiner Collegen, der mich in meinem Amte zu vertreten im Stande ist, kann es vor Ablauf der erwähnten Zeit nicht ermöglichen, seine Familie nach Sommersetshire zu bringen. Es bleibt mir deshalb nichts Anderes übrig, als meine Geschäfte hier zu beenden und noch vor nächsten Sonnabend auf meine Pfarre heimzukehren. Sollte sich irgendetwas ereignen, so werden Sie mich natürlich unverzüglich davon benachrichtigen, und ich muß dann, welche Inconvenienzen damit auch verbunden sein mögen, sofort nach Thorpe-Ambrose aufbrechen. Sollte dagegen Alles glatter verlaufen, als meine ewige Angst mich. glauben lassen will, so darf mich Allan, an den ich geschrieben habe, nicht früher als heute über acht Wochen erwarten.

Unsere Bemühungen, die auf dem Bahnhofe verlorene Spur wiederzufinden, sind bis jetzt ohne Erfolg geblieben. Ich will indessen meinen Brief bis zur Postzeit noch nicht schließen, für den Fall, daß die nächsten paar Stunden noch etwas Neues bringen.

Stets treulich der Ihre

Decimus Brock.

P.S. Ich habe soeben von den Advokaten gehört, Sie haben den Namen entdeckt, unter dem das Frauenzimmer in London lebte. Gibt diese Entdeckung, keine sehr wichtige, wie ich fürchte, Ihnen irgend neue Mittel und Wege an die Hand, so bitte ich Sie, augenblicklich danach zu handeln. Der Name ist —— Miß Gwilt.«

Von Miß Gwilt an Mrs. Oldershaw.

»Parkhäuschen Thorpe-Ambrose,
Sonnabend, den 28. Juni.

Wenn Du mir versprechen willst, Dich nicht zu ängstigen, Mama Oldershaw, so will ich diesen Brief in einer sehr seltsamen Weise beginnen, indem ich nämlich eine Seite aus einem Briefe copire, den eine andere Person geschrieben hat. Du hast ein vortreffliches Gedächtniß und vielleicht nicht vergessen, daß ich am vorigen Montag, nachdem man mich als Gouvernante engagiert hatte, einen Brief von Major Milroy’s Mutter erhielt. Derselbe war datiert und unterschrieben, und die erste Seite lautete folgendermaßen: ——
»Den 23. Juni 1851. Liebes Fräulein —— Bitte, entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie vor Ihrer Abreise nach Thorpe-Ambrose noch mit einem Worte über die im Hause meines Sohnes herrschenden Gewohnheiten behellige. Als ich heute um zwei Uhr das Vergnügen hatte, Sie in Kingstown Crescent zu sehen, hatte ich in einem entfernten Theile der Stadt um drei Uhr ein anderes Geschäft, und in der Eile entfielen mir ein paar Dinge, die ich, wie mich dünkt, Ihrer Beachtung anempfehlen muß.« Der übrige Inhalt des Briefs ist von gar keiner Bedeutung, aber die Zeilen, die ich hier abgeschrieben, sind aller Aufmerksamkeit Werth, die Du ihnen nur schenken kannst Sie haben mich vor Entdeckung geschützt ehe ich noch eine Woche in Major Milroy’s Diensten gewesen bin, meine Theure!

Die Sache trug sich gestern Abend zu und begann und endete folgendermaßen.

Es befindet sich hier ein Herr, über den ich weiterhin noch Einiges zu sagen haben werde, der ein vertrauter Freund des jungen Armadale ist und den seltsamen Namen Midwinter trägt. Gestern gelang es ihm, mich im Park allein zu sprechen. Sowie er die Lippen auf that, ward ich gewahr, daß man in London meinen Namen ausspioniert hat, ohne Zweifel durch den Sommersetshirer Pfarrer, und daß Mr. Midwinter dazu ersehen war, und zwar offenbar von demselben Herrn, die aus Brompton verschwundene Miß Gwilt mit der in Thorpe-Ambrose erschienenen zu Identifizieren. Irre ich nicht, so hast Du diese Gefahr vorausgesehen, aber Du hast kaum annehmen können, daß die Bloßstellung mich schon so bald bedrohen werde.

Ich erspare Dir die Einzelheiten unserer Unterredung, um zum Schlusse zu kommen. Mr. Midwinter trug die Sache sehr zart vor, zu meinem großen Erstaunen sprach er seine Ueberzeugung aus, daß ich nicht die Miß Gwilt sei, die sein Freund suche, und er frage mich nur, mit Rücksicht auf die Befürchtungen eines Mannes, dessen Wünsche er in Ehren zu halten verpflichtet sei, ob ich ihm nicht behilflich sein wolle, diese Besorgnisse, soweit die Sache mich persönlich betreffe, gänzlich zu beschwichtigen, indem ich ihm eine einfache Frage beantworte, die er kein anders Recht an mich zu richten habe, als dasjenige, welches meine Nachsicht ihm einräumen werde? Die verschwundene Miß Gwilt habe man am vorigen Montag um zwei Uhr Nachmittags auf dem Perron der Nordwestbahn in Enston Square aus den Augen verloren. Wolle ich ihn zu sagen ermächtigen, daß die Miß Gwilt, welche jetzt bei Major Milroy Gouvernante sei, an jenem Tage und zu jener Stunde gar nicht nach dem erwähnten Bahnhof gekommen sei.

Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich die schöne Gelegenheit, die er mir geboten, allen ferneren Verdacht zu entwaffnen, mit Freuden ergriff. Auf der Stelle nahm ich einen hohen Ton an und schlug ihn mit dem Briefe der alten Dame. Er weigerte sich höflich, ihn einzusehen, allein ich bestand darauf. »Ich mag nicht fälschlicher Weise für ein Frauenzimmer gehalten werden«, sagte ich, »das vielleicht einen schlechten Ruf hat, blos, weil sie denselben Namen trägt, oder angenommen hat, welcher auch der meinige ist. Ich bestehe darauf, daß Sie zu meiner Genugthuung, wenn nicht zu der Ihrigen, den ersten Theil dieses Briefes lesen.« Er mußte nachgeben —— und da hatte er das Zeugniß in der Handschrift der alten Dame selbst, daß sie und ich vergangenen Montag um zwei Uhr in Kingstown Crescent zusammen waren, der, wie ihm jedes Adreßbuch darthun kann, in Bayswater liegt.

Natürlich hätte ich ihn, wenn ich den Brief nicht aufbewahrt, mit demselben Erfolge an Dich oder die Mutter des Majors verweisen können. So aber ist der Zweck sonder Verzug und Mühe erreicht worden. Es ist bewiesen, daß ich nicht ich war; und eine der Gefahren, die mich in Thorpe-Ambrose bedrohten, ist von diesem Augenblicke an aus dem Wege geräumt. Das Gesicht Deines Stubenmädchens mag nicht sonderlich hübsch sein, aber es läßt sich nicht leugnen, daß es uns vortreffliche Dienste geleistet hat.

So viel über die Vergangenheit, jetzt zur Zukunft. Du sollst hören, wie ich mit den Leuten hier verkomme, und selber beurtheilen, welche Aussichten ich habe, Herrin von Thorpe-Ambrose zu werden.

Laß mich mit dem jungen Armadale anfangen, —— denn das heißt, mit guten Nachrichten beginnen. Ich habe bereits den rechten Eindruck auf ihn gemacht, und der Himmel weiß, daß ich darauf stolz zu sein keine besondere Ursache habe! Jedes leidlich hübsche Frauenzimmer, das sich die Mühe nähme, könnte ihn verliebt in sie machen. Er ist ein schwindelköpfiger junger Narr —— einer jener munteren, frischen, blonden, gutmüthigen Männer, gegen die ich einen besonderen Abscheu hege. Am Tage meiner Ankunft war ich eine ganze Stunde mit ihm im Boote allein, und ich kann Dir sagen, daß ich von jenem Tage an bis heute meine Zeit gut benützt habe. Die einzige Schwierigkeit ihm gegenüber liegt darin, daß es mir schwer fällt, meine eigenen Gefühle zu verbergen, namentlich, wenn er meine Abneigung gegen ihn zu förmlichem Hasse steigerte, indem er mich zuweilen an seine Mutter erinnert. Ich habe wirklich nie einen Menschen gesehen, den ich so schlecht behandeln könnte, wenn sich mir die Gelegenheit dazu böte. Kommt nichts dazwischen, so wird er mir diese Gelegenheit früher geben, als wir denken. Soeben bin ich von einer Gesellschaft im Herrenhause zurückgekehrt, dem Festmahle, das am Zinstage stattfindet, und die Aufmerksamkeiten des Squire gegen mich und mein bescheidenes Widerstreben, sie anzunehmen, haben bereits allgemeine Aufmerksamkeit erregt.

Sodann kommt meine Schülerin Mr. Milroy. Auch sie ist rosig und albern und, mehr noch, ungeschickt und plump und sommersprossig und Verdrießlich und schlecht gekleidet. Sie brauche ich nicht zu fürchten, obschon sie mich haßt wie die Pest, was mir ein großer Trost ist, denn dadurch bin ich während der Zeit, wo ich sie nicht unterrichte oder nicht mit ihr spazieren gehe, von ihrer Gesellschaft befreit. Es ist sehr leicht, zu bemerken, daß sie ihr Zusammensein mit dem jungen Armadale, beiläufig ein Umstand, den wir nicht in Rechnung brachten, wohl benützt hat und so dumm gewesen ist, ihn sich durch die Finger schlüpfen zu lassen. Wenn ich Dir sage, daß sie, um des Anscheines willen, ihren Vater und mich bei den kleinen Besuchen in Thorpe-Ambrose begleiten und die Bewunderung des jungen Armadale für mich mit ansehen muß, so wirst Du ungefähr ermessen können, wie hoch ich in ihrer Gunst stehe. Sie würde mich ganz unerträglich ärgern, sähe ich nicht, daß ich sie reize, wenn ich meine Ruhe bewahre —— und darum bewahre ich diese natürlich. Wenn ich wirklich einmal in Wuth gerathe, so wird dies in den Lectionen geschehen, und zwar in den Musikstunden. Nicht mit Worten kann ich schildern, wie tief ich für ihr armes Clavier fühle. Der Hälfte der Clavier spielenden Mädchen in England sollten, im Interesse der Gesellschaft, die Finger abgehackt werden, und ginge es nach meinem Willen, Miß Milroy’s Finger kämen zuerst daran. «

Was den Major betrifft, so kann ich in seiner Achtung kaum höher steigen, als ich bereits darin stehe. Ich bin stets bei der Hand, sein Frühstück zu bereiten —— und seine Tochter ist dies nicht. Ich kann immer seine Sachen finden, die er verliert —— und seine Tochter kann es nicht. Ich gähne nie, wenn er uns seine langweiligen Erzählungen auftischt —— und seine Tochter thut es. Ich habe den armen, harmlosen, lieben alten Herrn gern; deshalb will ich kein Wort weiter über ihn sagen.

Nun, da haben wir doch sicherlich eine schöne Aussicht für die Zukunft? Meine gute Oldershaw, es gab noch nie eine schöne Aussicht, worin nicht ein häßlicher Fleck gewesen wäre. Meine Aussicht hat zwei häßliche Flecke. Der eine heißt Mrs. Milroy, der andere Mr. Midwinter.

Mit Mrs. Milroy angefangen. Was that sie wohl am Tage meiner Ankunft, ehe ich noch kaum fünf Minuten im Hause gewesen? Sie ließ mir sagen, daß sie mich zu sehen wünsche. Diese Botschaft überraschte mich ein wenig. —— nachdem ich von der alten Dame in London gehört, daß ihre Schwiegertochter zu leidend sei, um irgend Jemanden zu empfangen —— doch blieb mir natürlich nichts anderes übrig, als der Aufforderung Folge zu leisten und mich in das Krankenzimmer hinauf zu begeben. Ich fand sie durch ein unheilbares Rückenleiden ans Bett gefesselt und von einem wahrhaft schauerlichen Anblick, doch im Besitz all ihrer Geistesfähigkeiten, und sie ist, wenn ich mich nicht sehr täusche, ein so falsches Weib, von so abscheulichem Charakter, wie Dir in all’ Deinen langen Erfahrungen nur je eines vorgekommen ist. Ihre ausgesuchte Höflichkeit und die Schlauheit, mit der sie ihr eigenes Gesicht im Schatten der Bettvorhänge hielt, während es ihr gelang, auf das meinige ein helles Licht fallen zu lassen, bewogen mich, sowie ich ins Zimmer trat, auf meiner Hut zu sein. Wir,´waren eine halbe Stunde zusammen, ohne daß ich in eine einzige der kleinen Fallen ging, welche sie so geschickt für mich zu legen wußte. Das einzige Räthselhafte in ihrem Benehmen, das ich zur Zeit nicht zu durchschauen vermag, war der Umstand, daß sie mich fortwährend bat, ihr bald Dies bald Jenes, Dinge, die sie offenbar gar nicht brauchte, aus verschiedenen Theilen des Zimmers zu holen.

Seitdem haben mich die Ereignisse hierüber aufgeklärt. Mein Argwohn ward zuerst durch ein Geschwätz der Mädchen erweckt, das ich zufällig mit anhörte, und das Benehmen von Mrs. Milroy’s Wärterin hat mich in meiner Meinung bestärkt. In den seltenen Fällen, wo ich zufällig mit dem Major allein geblieben, hat sich die Wärterin ebenfalls zufällig etwas bei ihrem Herrn zu thun gemacht, und jedes mal vergessen, ihr Erscheinen durch Anklopfen an die Thür zu melden. Begreifst Du jetzt, warum Mrs. Milroy mich zu sich beschied, sowie ich im Hause angelangt war, und was sie damit bezweckte, indem sie mich im Zimmer hin und her schickte? Kaum dürfte sich noch ein anziehendes Licht für mein Gesicht und meine Gestalt finden, in dem jenes Weibes eifersüchtiges Auge sie nicht bereits studiert hätte. Ich weiß nun recht wohl, warum Vater und Tochter überrascht waren und einander ansahen, als ich ihnen vorgestellt ward, oder warum die Mädchen mich mit boshafter Hoffnung im Blicke anstieren, wenn ich schelle und sie um Dies oder Jenes ersuche. Zwischen uns beiden, Mutter Oldershaw, ist’s unnütz, die Wahrheit zu verbergen. Als ich in jenes Krankenzimmer hinausging, marschierte ich mit verbundenen Augen geradezu in den Rachen eines eifersüchtigen Weibes. Kann mich Mrs. Milroy aus dem Hause schaffen, so wird sie es thun, und sie hat in ihrem Bettgefängnisse vom Morgen bis in den Abend sich mit nichts Anderem zu beschäftigen, als die Mittel und Wege dazu auszudenken.

In dieser üblen Lage wird mein eigenes vorsichtiges Benehmen von der vollkommenen Unempfindlichkeit des lieben alten Majors vortrefflich unterstützt. Die Eifersucht seiner Frau ist ein so unerhörter Wahnsinn, wie es außerhalb eines Tollhauses je einen gegeben —— es ist die Frucht ihres abscheulichen Temperaments, welches ein unheilbares Leiden noch verschlimmert. Der arme Mann denkt an nichts, als an seine mechanischen Bestrebungen, und ich glaube nicht, daß er bis zu diesem Augenblicke weiß, ob ich schön bin oder nicht. Bei solcher Sachlage darf ich hoffen, auf eine Zeitlang wenigstens, den plötzlichen Störungen von Seiten der Wärterin und den Anschlägen ihrer Herrin die Spitze bieten zu können. Aber Du weißt, was ein eifersüchtiges Weib ist, ich denke, ich weiß, was Mrs. Milroy ist, und ich bekenne, daß sich an dem Tage freier athmen werde, wo der junge Armadale seine albernen Lippen zu passenden Worten aufthut und den Major nöthigt, durch die Zeitungen eine neue Erzieherin zu suchen.

Armadales Name erinnert mich an Armadale’s Freund. Aus diesem Revier droht mir größere Gefahr, und was noch schlimmer, ich fühle mich vor der Hand gegen Mr. Midwinter nicht halb so gut gewaffnet, wie gegen Mrs. Milroy.

An diesem Menschen ist Alles mehr oder minder geheimnißvoll, was mir zuvörderst schon nicht gefällt Wie kommt er dazu, der Vertraute des Sommersetshirer Pfarrers zu sein? Wie viel hat dieser Pastor ihm mitgetheilt? Wie kam es, daß er bei unserer Begegnung im Park so fest davon überzeugt war, ich sei nicht die Miß Gwilt, die sein Freund suche? Ich habe keinen Schatten von Antwort auf diese drei Fragen. Nicht einmal entdecken kann ich, wer er ist und wie er und der junge Armadale zuerst mit einander bekannt wurden. Ich hasse ihn. Nein, das thue ich nicht; ich möchte nur ins Klare über ihn kommen. Er ist sehr jung, klein und schlank, dunkel und gewandt, und hat glänzende schwarze Augen, die deutlich zu mir sagen: »Wir gehören einem Manne an, der Verstand und seinen eigenen Willen besitzt; einem Manne, der nicht immer zum Gefolge eines Narren auf einem großen Landsitze gehört hat.« Ja, ich bin fest überzeugt, daß Mr. Midwinter, so jung er noch ist, bereits etwas gethan oder etwas gelitten hat, und ich möchte, ich weiß nicht was, darum geben, zu erfahren, was dies war. Nimm mir’s nicht übel, daß ich ihm so viel Platz in meinem Briefe widme. Sein Einfluß auf den jungen Armadale ist groß genug, um sich mir als ein sehr unbequemes Hinderniß in den Weg zu stellen, wenn ich mir nicht von vornherein seine gute Meinung sichern kann. Nun, und was hindert Dich daran, Dir seine gute Meinung zu sichern? wirst Du fragen. Ich fürchte sehr, Mutter Oldershow, daß ich derselben bereits in einer Weise theilhaftig geworden bin, auf die ich gar nicht gerechnet habe.

Ich fürchte sehr, der Mann ist schon in mich verliebt. Du brauchst nicht den Kopf zu schütteln und zu sagen: »Das sieht ihrer Eitelkeit ähnlich!« Nach den Aengsten, die ich durchgemacht habe, bleibt mir keine Eitelkeit mehr, und ein Mann, der mich bewundert, ist ein Mann, der mich schaudern macht. Es gab eine Zeit, das gebe ich zu —— Bah! was schreibe ich da? Empfindsamkeit, so wahr ich lebe! Empfindsamkeit an Dich! Lache nur zu, meine Liebe. Ich meinerseits lache weder, noch weine ich; ich schneide meine Feder, und fahre in meinem —— wie nennen die Männer es gleich? —— in meinem Berichte fort.

Das Einzige, was sich der Untersuchung verlohnt, ist die Frage, ob ich in meiner Annahme hinsichtlich des Eindruck, den ich auf ihn gemacht, Recht habe. Laß sehen —— ich bin viermal in seiner Gesellschaft gewesen. Das erste Mal im Garten des Majors, wo wir einander unerwartet gerade gegenüber standen. Er stand da und sah mich an, als wäre er versteinert, und ohne ein Wort zu sprechen. Die Wirkung meines häßlichen rothen Haares vielleicht? Ganz wahrscheinlich —— schreiben wir es meinem Haar zu. Das zweite Mal, als wir in den Gartenanlagen von Thorpe-Ambrose spazierten, wo der junge Armadale auf der einen und meine Schülerin in mürrischer Laune auf der andern Seite von mir ging. Mr. Midwinter gesellte sich zu uns, wiewohl er aus dem Administrationsbüreau beschäftigt war und diese Arbeit sonst niemals vernachlässigt. Trägheit, vielleicht? oder eine Zuneigung für Miß Milroy? Kanns nicht sagen; schreiben wir es Miß Milroy zu, wenn Du willst —— ich weiß blos, daß er Niemanden ansah, als mich. Das dritte Mal war bei unserer Privatunterredung im Park, von der ich Dir bereits erzählt habe. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Mann bei einer delicaten Frage an ein Weib so bewegt gesehen. Doch dies mochte blose Verlegenheit sein, und daß er, nachdem wir uns getrennt hatten, fortwährend noch zurückblickte, mochte nur geschehen, um die Aussicht zu genießen. Messen wir es der Aussicht bei, auf jeden Fall der Aussicht! Das vierte Mal war heute Abend bei der kleinen Gesellschaft. Ich mußte spielen, und da das Piano gut war, spielte ich so gut wie ich überhaupt konnte. Die ganze Gesellschaft drängte sich um mich herum und sagte mir Schmeicheleien —— meine reizende Schülerin brachte ihr Compliment mit dem Gesichte einer Katze vor, wenn sie im Begriff ist zu kratzen —— außer Mr. Midwinter. Er wartete, bis der Augenblick des Fortgehens kam, und dann wußte er mich einen Augenblick allein im Hausflur zu treffen. Er hatte gerade Zeit, meine Hände zu fassen und zwei Worte zu sagen. Soll ich Dir beschreiben, wie er meine Hände faßte und wie seine Stimme klang, als er sprach? Ganz unnöthig! Du hast mir stets gesagt, daß der verstorbene Mr. Oldershaw Dich vergötterte. Rufe Dir eben die Art und Weise ins Gedächtniß zurück, in der er zum ersten Male Deine Hand nahm und Dir ein paar heimliche Worte ins Ohr flüsterte Welchem Umstande schriebst Du damals sein Benehmen zu?« Wenn Du im Laufe des Abends Clavier gespielt hattest, dann ohne Zweifel der Musik.

Ja! Du magst Dich darauf verlassen, das Unglück ist geschehen. Dieser Mensch ist kein schwindelköpfiger Narr, der seine Herzensneigungen so schnell wechselt, wie seine Kleider —— das Feuer, das in jenen großen schwarzen Augen brennt, ist kein Flackerfeuer, welches ein Weib, das es entzündet, so leicht wieder auszulöschen vermag. Ich möchte Dich nicht entmuthigen; ich sage auch nicht, daß die Chancen gegen uns sind. Aber auf der einen Seite von Mrs. Milroy und auf der andern Seite von Mr. Midwinter bedroht, laufe ich die schlimmste aller Gefahren ——: die Zeit zu verlieren.

Bereits hat der junge Armadale so gut wie ein solcher Tölpel es eben versteht, auf ein heimliches Rendezvous angespielt! Miß Milroy’s Augen sind scharf und die der Wärterin noch schärfer, und ich werde meine Stelle verlieren, wenn die Eine oder die Andere dahinterkommt. Einerlei! Ich muß die Chance ergreifen, und ihm die heimliche Zusammenkunft gestatten. Laß mich ihn nur bei Seite haben, laß mich nur den spionierenden Blicken der Weiber entwischen, und —— wenn sein Freund nicht dazwischen tritt —— will ich einstehen für den Erfolg.

Inzwischen —— habe ich Dir noch sonst etwas mitzutheilen? Sind uns noch andere Leute in Thorpe-Ambrose im Wege? Keine Seele! Von den Gutsnachbarn macht hier Niemand Besuch, denn der junge Armadale steht glücklicher Weise in schlechtem Geruch bei der Nachbarschaft. Weder schöne vornehme Damen, noch Leute von Bedeutung kommen zu ihm, die wider seine Aufmerksamkeiten gegen eine Gouvernante protestieren winden. Die einzigen Gäste, die er heute Abend für seine Gesellschaft hatte austreiben können, waren der Advocat mit seiner Familie (aus dessen Gattin, einem Sohne und zwei Töchtern bestehend) und eine taube alte Frau mit ihrem Sohne —— lauter völlig unbedeutende Leute und alle demüthig gehorsame Diener des dummen jungen Squires.

Da ich von demüthig gehorsamen Dienern rede, fällt mir noch eine Persönlichkeit ein, die hier im Administrationsbureau angestellt ist —— ein jämmerlicher, schäbiger, zerrütte alter Mann, namens Bashwood. Er ist mir völlig fremd, und ich bin offenbar für ihn ebenfalls eine Fremde; denn er hat das Stubenmädchen im Parkhäuschen gefragt, wer ich sei. Ich mache mir selbst kein großes Compliment, wenn ich es bekenne; aber es ist darum nicht minder wahr, daß ich auf dieses schwache alte Geschöpf, als es mich zum ersten Male sah, den erstaunlichsten Eindruck gemacht habe. Er wechselte zehnmal die Farbe und stand zitternd da und starrte mich an, als läge etwas ganz Entsetzliches in meinem Gesichte. Für den Moment war ich ganz erschrocken, denn von all den Männern, die mich in meinem Leben angesehen haben, hat mich noch keiner dergestalt angestiert. Hast Du je die Riesenschlange im Thiergarten füttern sehen? Man bringt ein lebendiges Kaninchen in den Käfig und die beiden Thiere sehen einander einen Augenblick an. Ich versichere Dir, daß mich Mr. Bashwood an das Kaninchen erinnerte!

Warum erwähne ich dieses Umstandes? Ich weiß nicht, warum. Vielleicht habe ich zu lange geschrieben und mein Kopf beginnt schwach zu werden. Vielleicht frappiert mich Mr. Bashwoods Art und Weise der Bewunderung durch ihre Neuheit. Lächerlich! Ich rege mich auf und beunruhige Dich um nichts. O, welch einen langen langweiligen Brief ich geschrieben habe! und wie klar die Sterne durchs Fenster auf mich herabschauen, und wie schauerlich stille die Nacht ist! Schicke mir noch etwas von den bewußten Schlaftropfen und schreibe mir einen Deiner schönen, boshaften, amüsanten Brief. Du sollst wieder von mir hören, sobald ich ein wenig besser weiß, wie Alles ablaufen wird. Gute Nacht, und bewahre in Deinem steinernen alten Herzen einen Winkel für

L. G. «

Von Mrs. Oldershaw an Miß Gwilt.

»Diana-Street Pimlico, Montag.
Meine liebe Lydia!

Ich bin durchaus nicht in der Gemüthsverfassung um Dir einen amüsanten Brief zu schreiben. Deine Mittheilungen sind sehr entmuthigender Natur und Dein leichtsinniger Ton ängstigt mich förmlich. Bedenke doch das Geld, das ich Dir bereits vorgeschossen, und die Interessen, die für uns beide auf dem Spiele stehen. Was Du immer sein magst, ums Himmels willen sei wenigstens nicht leichtsinnig!

Was kann ich thun? —— Ich frage mich als Geschäftsfrau, was kann ich thun, Dich zu fördern? Ich kann Dir keinen Rath geben, denn ich bin nicht an Ort und Stelle, und weiß nicht, wie die Verhältnisse sich vielleicht von einem Tage zum andern verändern. In der Lage, in der wir uns jetzt befinden, kann ich nur in einer Weise nützlich sein: ich kann ein neues Hinderniß entdecken, das Dich bedroht, und glaube, daß ich es aus dem Wege zu räumen im Stande sein werde.

Du sagst sehr wahr, es habe noch nie eine Aussicht ohne eine häßliche Stelle darin gegeben, und in der Deinigen befinden sich zwei solcher häßlicher Flecken. Meine Liebste, es dürften wohl drei darin sein, wenn ich mich nicht ins Mittel lege, und der dritte Fleck wird Brock heißen! Ist es möglich, daß Du des Pfarrers erwähnen kannst, wie Du es thust, ohne einzusehen, daß die Fortschritte, die Du bei dem jungen Armadale machst, früher oder später durch den Freund des jungen Armadale an den Geistlichen berichtet werden müssen? Ja, jetzt, da ich daran denke, sehe ich, daß Du doppelt in der Gewalt des Pfarrers bist! Irgendein neuer Verdacht kann ihn binnen vierundzwanzig Stunden selbst nach Eurer Gegend bringen, und Du bist der Gefahr ausgesetzt, daß er, sowie er hört, der Squire stehe im Begriff, sich mit der Gouvernante eines Nachbars zu compromittiren, sich sofort hindernd dazwischen stellt. Wenn ich sonst nichts thun kann, so kann ich wenigstens diese Gefahr von Dir fern halten. Und, o Lydia, mit welcher Freude werde ich dabei Alles aufbieten, nachdem mich der alte Bursche so schmachvoll gekränkt hat, als ich ihm auf der Straße jene Jammergeschichte erzählte! Wahrhaftig, ich zittere vor Vergnügen, wenn ich daran denke, wie ich Mr. Brock zum Narren halten werde!

Und wie soll das geschehen? Ei, genau so, wie wir es schon einmal vollbracht haben. Er hat Miß Gwilt, oder vielmehr mein Stubenmädchen verloren, nicht wahr? Sehr wohl. Er soll sie, wo er auch immer sein mag, in bequemer Nähe wiederfinden. Solange sie an dem Orte bleibt, wird auch er dort bleiben; und da wir wissen daß sie nicht zu Thorpe-Ambrose ist, so bist Du dort vor ihm sicher! Der Verdacht des alten Herrn hat uns bis jetzt erstaunlich viel Ungelegenheit bereitet. Laß uns denselben wenigstens nutzbringend ausbeuten; durch seinen Argwohn wollen wir ihn an die Schürzenbänder meines Mädchens binden. Sehr erquicklich. Eine ganz moralische Vergeltung, nicht wahr?

Der einzige Beistand, um den ich Dich behelligen muß, ist derart, daß Du mir ihn leicht wirst leisten können. Suche von Mr. Midwinter’s zu erfahren, wo sich der Pfarrer gegenwärtig aufhält, und benachrichtige mich davon mit umgehender Post. Ist er noch in London, so will ich meinem Mädchen bei der Mystification persönlich behilflich sein. Ist er irgendwo anders, so will ich sie ihm nachschicken, in Begleitung einer Person, auf die ich unbedingtes Vertrauen setzen kann.

Die Schlaftropfen sollst Du morgen erhalten. Inzwischen wiederhole ich schließlich das, was ich im Eingange sagte —— keinen Leichtsinn! Gib Dich nicht poetischen Empfindungen hin, gucke nicht nach den Sternen und schwatze nicht von der schauerlichen Stille der Nacht. Es gibt ja Leute auf der Sternwarte, welche dafür bezahlt werden, daß sie die Sterne für Dich betrachten —— überlasse es ihnen. Und was die Nacht betrifft, so mache damit, was die Vorsehung Dich mit der Nacht machen hieß, indem sie Dich mit Augenlidern versah —— schlafe

Von Herzen die Deine
Maria Oldershaw.«

Von St. Ehrwürden Decimus Brock an
Ozias Midwinter.

»Pfarrhaus Bascomb, Sommerset,
Donnerstag, den 3. Juli.

Mein lieber Midwinter.

Nur eine Zeile, ehe die Post abgeht, um Sie aller Verantwortlichkeit in Thorpe-Ambrose zu entheben Und der Dame, die in Major Milroy’s Familie als Gouvernante lebt, meine Entschuldigungen zu "machen.

Die Miß Gwilt —— oder ich sollte vielmehr sagen, das Frauenzimmer, welches sich diesen Namen gibt —— ist zu meinem unaussprechlichen Erstaunen hier in meinem Pfarrsprengel ganz offen erschienen! Sie logirt im Gasthof und ist von einem plausibel aussehenden Manne begleitet, der für ihren Bruder gilt. Was dieses unverschämte Benehmen zu bedeuten hat —— wenn es nicht etwa neue Schritte im Complote gegen Allan andeutet, die nach neuen Rathschlägen unterenommen werden —— geht natürlich über meine Entdeckungskunst.

Meine Idee ist die, daß man die Unmöglichkeit eingesehen hat, bis zu Allan zu dringen, ohne mich oder Sie als einen Stein des Anstoßes im Wege zu finden, und daß man aus der Noth eine Tugend machen will, indem man offen versucht, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Der Mann sieht aus, als ob er jeder Unverschämtheit fähig wäre, und er sowohl als das Frauenzimmer hatten die Frechheit, mich zu grüßen, als ich ihnen vor einer halben Stunde im Dorfe begegnete. Sie haben bereits Erkundigungen über Allan’s Mutter eingezogen —— hier, wo deren exemplarisches Leben all ihren Nachforschungen Trotz bieten wird. Wenn es nur auf Gelderpressungen als Preis für ihr Schweigen über das Verhalten der armen Mrs. Armadale zur Zeit ihrer Heirath auf Madeira abgesehen ist, so werden sie mich gerüstet finden. Ich habe mit dieser selben Post an meine Advocaten geschrieben und sie ersucht, mir einen geschickten Menschen zur Hilfe zu schicken, und er wird sich in irgendeiner Rolle, wie sie ihm unter den gegenwärtigen Verhältnissen als die sicherste erscheint, aus der Pfarrei einquartieren.

In den nächsten Tagen sollen Sie erfahren, was sich weiter begeben hat.

Stets aufrichtig der Ihre.
Decimus Brock.«



Kapiteltrenner

Achtes Kapitel.

Seit jenem Morgen, an dem Miß Gwilt und ihre Schülerin einen Spaziergang im Garten des Parkhäuschens gemacht, waren neun Tage vergangen und der zehnte nahte sich dem Ende.

Der Abend war umwölkt. Seit Sonnenuntergang waren Anzeichen am Himmel erschienen, aus denen der Volksglaube Regen prophezeit. Die Gesellschaftszimmer des Herrenhauses waren sämtlich leer und finster. Allan war ausgegangen, um den Abend bei den Milroy’s zuzubringen, und Midwinter wartete seine Heimkehr ab —— nicht unter den Büchern im Bibliothekzimmer, wo er ihn gewöhnlich erwartete —— sondern in dem kleinen Hinterstübchen, das Allan’s Mutter während der letzten Zeit ihres Aufenthalts in Thorpe-Ambrose bewohnt hatte.

Nichts war aus dem Zimmer fortgenommen, wohl aber Manches zu seinen sonstigen Geräthen hinzugefügt worden, seit Midwinter es zuletzt gesehen hatte. Die Bücher, welche Mrs. Armadale hinterlassen, das Mobiliar, die alte Matte am Fußboden, die alte Tapete an den Wänden —— alles war unangerührt geblieben. Noch immer stand die kleine Statue der Niobe auf ihrer Console, und noch immer ging das lange Fenster auf den Garten hinaus. Doch zu den Reliquien der Mutter waren jeztzt die persönlichen Habseligkeiten des Sohnes gekommen. Die bisher kahle Wand war mit Aquarellen geschmückt —— mit einem Porträt von Mrs. Armadale, dem links eine Ansicht des Hauses in Somersetshire und rechts ein Bild der Yacht zur Seite hing. Unter den Büchern, in welche in verblichener Tinte in Mrs. Armadale’s Handschrift die Worte: »Von meinem Vater« eingeschrieben standen, befanden sich andere Bücher, die in derselben Handschrift und mit schwärzerer Tinte die Inschrift: »An meinen Sohn» trugen. An der Wand, auf dem Kaminsims, auf dem Tische umhergestreut, standen und lagen unzählige kleine Gegenstände, denen einige Allan’s früherem Leben angehörten und andere zu seinen gegenwärtigen Beschäftigungen und Unterhaltungen nothwendig waren und die alle deutlich zu erkennen gaben, daß das Zimmer, das Allan in Thorpe-Ambrose vorzugsweise bewohnte, gerade das war, welches Midwinter einst an sein zweites Traumgesicht gemahnt hatte. Hier, merkwürdig gleichgültig gegen das, was ihn umgab und was vor so kurzem noch den Gegenstand seiner abergläubischen Befürchtungen gebildet hatte, wartete Allan’s Freund ruhig auf dessen Heimkehr —— und hier, was noch merkwürdiger, fielen seine Blicke auf eine Veränderung der Einrichtung, die ursprünglich durch ihn herbeigeführt worden war. Seine eigenen Lippen hatten von der Entdeckung berichtet, die er am ersten Morgen im neuen Hause gemacht; er selbst hatte freiwillig den Sohn dazu bewogen, sich in dem Zimmer seiner Mutter wohnlich zu etablieren.

Aus welchem Beweggrunde hatte er jene Worte gesprochen? Aus keinem andern, der nicht aus den neuen Interessen und den neuen Hoffnungen natürlich entsprang, die ihn jetzt belebten.

Der gänzliche Umschwung seiner Ueberzeugung seit dem denkwürdigen Ereignisse, das ihn Miß Gwilt gegenüber geführt hatte, war von einer Natur, die Allan zu verbergen nicht in seinem Wesen lag. Offen, wie es sein Charakter war, hatte er davon gesprochen. Das Verdienst, seinen Aberglauben überwunden zu haben, war ein Verdienst, das er sich ungern beimaß, bevor er nicht diesen Aberglauben schonungslos und seiner schlimmsten und schwächsten Seite dargelegt hatte. Erst nachdem er rückhaltslos eingestanden, unter welchem Impulse er Allan am See verlassen, hatte er sich Glück gewünscht, daß er nunmehr den Traum in anderem Lichte betrachten konnte. Dann, und nicht eher, hatte er von der Erfüllung des ersten Gesichts gesprochen, wiewohl der Arzt auf der Insel Man davon gesprochen haben würde —— er hatte sich gefragt, wie der Arzt gefragt haben würde, was es Wunderbares sei, einen Teich beim Sonnenuntergange zu erblicken, wo man rings von einem wahren Netze von Teichen umgeben war? und was Erstaunliches darin liege, ein Weib am See zu sehen, wenn offene Wege zu diesem hinführten und Dörfer genug in der Umgegend lager; wenn Boote auf dem Wasser umher fuhren und Lustpartien dahin veranstaltet wurden? Und so hatte er damit gewartet, den festeren Entschluß zu rechtfertigen, mit dem er jetzt der Zukunft entgegenblickte, bis er offenbart haben würde, was er jetzt selbst Alles als Irrthümer der Vergangenheit erkannt hatte. Die Interessen seines Freundes aufzugeben, das Vertrauen zu täuschen, das ihn mit der Verwalterstelle bekleidet, die von Mr. Brock in ihn gesetzten Erwartungen nicht zu erfüllen, was Alles im Gedanken lag, Allan zu verlassen —— das stand jetzt lebhaft vor ihm. Der crasse Widerspruch, der darin lag, daß er den Traum als die Schicksalsoffenbarung hinnahm und dann durch eine Anstrengung des freien Willens diesem Schicksale zu entgehen suchte —— daß er eifrig arbeitete, um sich für die Zukunft zu der Verwalterstelle geschickt zu machen, und zugleich vor dem Gedanken zurück bebte, daß die Zukunft ihn noch unter Allan’s Dache finden könne —— ward seinerseits schonungslos dargelegt. Er gestand jeden Irrthum, jede Inconsequenz ehe er von dem helleren und besseren Geist in ihm zu reden —— ehe er die letzte einfache Frage zu thun wagte, die Alles schloß: »Willst du mir in Zukunft vertrauen? willst du die Vergangenheit vergeben und vergessen?«

Ein Mann, der solchergestalt ohne einen einzigen Rückhalt, den die Rücksicht auf sich selbst ihm eingab, sein ganzes Herz ausschütten konnte, war nicht der Mann, irgendeine geringere Verheimlichung zu vergessen, deren seine Schwäche ihn gegen seinen Freund hätte schuldig machen können. Schwer lastete es auf Midwinter’s Gewissen, daß er seinem Freunde eine Entdeckung verheimlicht hatte, die er ihm in Allan’s Interesse hätte machen sollen —— die Entdeckung nämlich, die er im Zimmer seiner Mutter gemacht.

Ein Zweifel hatte jedoch seine Lippen geschlossen —— der Zweifel, ob Mrs. Armadale’s Verhalten auf der Insel Madeira bei ihrer Heimkehr nach England geheim gehalten worden war. Sorgfältige Erkundigungen, zuerst unter der Dienerschaft, dann unter den Gutspächtern, sorgfältige Berücksichtigung der wenigen zur Zeit umlaufenden Gerüchte, wie diese ihm von den wenigen noch übrigen Personen mitgetheilt wurden, die sich jener erinnerten, überzeugten ihn endlich, daß das Geheimniß in den Grenzen der Familie geblieben war. Sowie er einmal zu dem Schlusse gelangt war, daß die Nachforschungen des Sohnes in keiner Weise zu Enthüllungen führen konnten, die seine Achtung für das Gedächtniß seiner Mutter zu erschüttern vermochte, zögerte Midwinter nicht länger. Er hatte Allan in das Zimmer geführt und ihm die Bücher auf den Regalen sowohl als die darin enthaltenen Inschriften gezeigt. Er hatte offen zu ihm gesagt: »Mein Beweggrund, Dir früher nichts hiervon zu sagen, entsprang aus meiner Furcht, ein Interesse für das Zimmer in Dir zu erwecken, das ich mit Grausen als den zweiten Schauplatz meines Traumgesichts betrachtete. Verzeih mir auch dies, und dann wirst Du mir Alles verziehen haben.«

Bei Allan’s Liebe für das Andenken seiner Mutter, konnte ein solches Bekenntniß nur Einen Erfolg haben. Von Anfang an hatte ihm das kleine Zimmer gefallen wegen des angenehmen Contrastes, welchen es zu der drückenden Pracht der übrigen Zimmer von Thorpe-Ambrose bot —— und jetzt, da er wußte, welche Erinnerungen sich daran knüpften, beschloß er augenblicklich, es zu seinem speciellen Wohnzimmer zu erheben. Noch am selben Tage wurden all seine persönlichen Habseligkeiten zusammengesucht und in Midwinter’s Beisein und unter Midwinter’s Mithilfe in dem Zimmer untergebracht.

Unter diesen Umständen war die kleine häusliche Veränderung vollzogen worden, und in dieser Weise hatte Midwinter’s Ueberwindung seinen Fatalismus —— dadurch, daß er Allan zum täglichen Bewohner eines Zimmers gemacht hatte, das dieser sonst vielleicht nie betreten haben würde —— in der That die Erfüllung der zweiten Vision des Traumes gefördert.

Die Stunde verging ruhig, während Midwinter dasaß und auf Allan’s Heimkehr wartete. Er verkürzte sich die Zeit bald durch Lectüre, bald durch stilles Sinnen. Er ward jetzt von keinen widerwärtigen Sorgen, von keinen ahnungsvollen Zweifeln gequält. Der Zinstag, den er einst so sehr gefürchtet, war harmlos erschienen und harmlos verstrichen. Ein freundschaftlicheres Verständnis; zwischen Allan und seinen Pächtern hatte sich angebahnt. Mr. Bashwood hatte sich des in ihn gesetzten Vertrauens würdig gezeigt; Pedgifts, Vater und Sohn, hatten die gute Meinung, die ihr Client von ihnen gefaßt, in vollem Maße gerechtfertigt. Wohin Midwinter immer blickte, überall war die Aussicht hell, die Zukunft ohne Wolken.

Er putzte die Lampe auf dem Tische neben ihm und sah in die Nacht hinaus. Die Stalluhr schlug halb zwölf, als er ans Fenster trat, und eben begann es zu regnen. Er hatte die Hand auf die Klingel gelegt, um den Diener mit einem Regenschirme nach dem Parkhäuschen zu senden, als die bekannten Schritte auf dem Wege draußen ihn davon abhielten.

»Wie spät Du kommst!« sagte Midwinter, als Allan durch die offene Fensterthür hereintrat. »War Gesellschaft im Parkhäuschen?«

»Nein! Niemand als die Familie. Die Zeit verstrich, ohne daß man’s gewahr wurde«

Er antwortete mit leiserer Stimme als gewöhnlich und seufzte, indem er sich niedersetzte.

»Du scheinst in übler Stimmung zu sein«, fuhr Midwinter fort. »Was gibts?«

Allan zögerte. »Ich mag Dir’s wohl sagen«, erwiderte er nach einem Augenblicke. »Es ist nichts, dessen ich mich zu schämen brauchte; es wundert mich nur, daß Du es nicht schon bemerkt hast! Wie gewöhnlich handelt es sich um ein Weib —— ich bin « verliebt.«

Midwinter lachte. »Ist Miß Milroy heute Abend noch reizender als sonst gewesen?« fragte er munter.

»Miß Milroy!« wiederholte Allan. »Woran denkst Du! Ich bin nicht in Miß Milroy verliebt.«

»In wen denn?«

»In wen? Welch eine Frage! Wer kann es anders sein, als Miß Gwilt?«

Ein plötzliches Schweigen trat ein. Allan saß nachlässig da mit den Händen in den Taschen und sah hinaus auf den niederströmenden Regen. Hätte er seinen Freund angesehen, wie er Miß Gwilt’s Namen aussprach, so würde ihn die Veränderung in Midwinters Gesicht wahrscheinlich frappiert haben.

»Vermuthlich bist Du nicht damit einverstanden?« sagte er nach einer kleinen Pause.

Keine Antwort erfolgte.

»Es ist zu spät, um Einwürfe zu erheben«, fuhr Allan fort. »Ich meine es ernstlich, wenn ich sage, daß ich in sie verliebt bin.«

»Vor vierzehn Tagen warst Du in Miß Milroy verliebt«, sagte der Andere in ruhigem, gemessenem Tone.

»Bah! Eine bloße kleine Courmacherei. Diesmal ist es ganz etwas Anderes. Es ist mir Ernst mit Miß Gwilt.«

Er wandte sich um, indem er sprach. Mindwinter kehrte das Gesicht ab und beugte sich über ein Buch.

»Ich sehe, Du bist mit der Sache nicht einverstanden«, fuhr Allan fort. »Hast Du etwa dagegen einzuwenden, daß sie blos eine Gouvernante ist? Das kannst Du gewiß nicht. Wärest Du an meiner Stelle, der Umstand, daß sie blos Gouvernante ist, würde Dich nicht abhalten.«

»Nein«, sagte Midwinter, »ich wäre unwahr, wollte ich behaupten, daß mich dies abhalten würde.«

Er gab die Antwort widerstrebend und schob seinen Sessel zurück, aus dem Lichte der Lampe.

»Eine Gouvernante ist eine Dame, die nicht reich ist«, sagte Allan orakelhaft, »und eine Herzogin ist eine Dame, die nicht arm ist. Das der ganze Unterschied, den ich zwischen ihnen einräume. Miß Gwilt ist älter, als ich, das leugne ich nicht. Für wie alt hältst Du sie, Midwinter? Ich sage sieben- oder achtundzwanzig. Was meinst Du?«

»Nichts. Ich bin Deiner Ansicht.«

»Meinst Du, eine Frau von sieben- bis achtundzwanzig Jahren sei zu alt für mich? Du würdest sieben- oder achtundzwanzig Jahre nicht zu alt finden, wenn Du in ein Weib verliebt wärst, wie?«

»Ich kann nicht sagen, daß ich sie zu alt finden würde, wenn ——«

»Wenn Du sie wirklich lieb hättest?«

Abermals keine Antwort.

»Nun«, fuhr Allan fort, »wenn in dem Umstande, daß sie blos Gouvernante und dazu etwas älter ist, als ich, kein Hinderniß liegt, was hast Du dann gegen Miß Gwilt einzuwenden?«

»Ich habe nichts gegen sie eingewendet.«

»Ich sage nicht, daß Du dies gethan. Aber der Gedanke scheint Dir dem ungeachtet nicht zu gefallen.«

Ein abermaliges Schweigen erfolgte, welches diesmal von Midwinter gebrochen ward.

»Bist Du Deiner sicher, Allan?« fragte er, indem er das Gesicht wieder über das Buch neigte; »hegst Du wirklich eine ernstliche Zuneigung zu dieser Dame? Hast Du bereits ernstlich daran gedacht, sie um ihre Hand zu bitten?«

»Diesen Augenblick eben denke ich ernstlich daran«, sagte Allan »Ich kann nicht glücklich sein —— kann ohne sie nicht leben. Auf mein Wort, ich vergöttere den Boden, auf dem ihr Fuß wandelt.«

»Wie lange —«?« Midwinter’s Stimme bebte und er stockte. »Wie lange«, wiederholte er, »hast Du den Boden vergöttert, auf dem ihr Fuß wandelt?«´

»Länger, als Du glaubst. Ich weiß, daß ich Dir alle meine Geheimnisse anvertrauen darf ——«

»Vertraue mir nichts an!«

»Unsinn! Ich will Dir vertrauen. Noch eine kleine Schwierigkeit steht im Wege, deren ich nicht erwähnt habe. Es betrifft eine zarte Angelegenheit, und ich wünsche Dich zu Rathe zu ziehen. Unter uns gesagt, ich habe Gelegenheit gehabt, heimlich mit Miß Gwilt zusammenzukommen ——«

Midwinter sprang plötzlich auf und öffnete die Thür.

»Wir wollen morgen davon reden«, sagte er. »Gute Nacht.«

Allan sah sich erstaunt um. Die Thür war wieder geschlossen und er war allein im Zimmer.

»Er hat mir nicht die Hand gegeben» rief Allan, verblüfft den leeren Sessel betrachtend.

Als diese Worte seinen Lippen entstehn, öffnete sich die Thür und Midwinter trat wieder ein.

»Wir haben uns nicht die Hand gereicht«, sagte er kurz. »Gott segne Dich, Allan! Wir wollen morgen davon reden. Gute Nacht.«

Allan stand allein am Fenster und sah in den herabgießenden Regen; er hatte ein unbehagliches Gefühl, ohne die Ursache desselben zu wissen.

»Midwinter’s Manieren werden immer seltsamer«, dachte er. »Was kann er damit sagen wollen, daß er es auf morgen verschiebt, wenn ich gerne heute Nacht mit ihm reden möchte?« Etwas ungeduldig nahm er seine Kerze und setzte den Leuchter wieder nieder —— trat von neuem an das offene Fenster und sah nach der Richtung, wo das Parkhäuschen lag. »Ob sie jetzt wohl an mich denkt?« sprach er leise für sich.

Sie dachte in der That an ihn. Soeben hatte sie ihr Schreibpult geöffnet, um an Mrs. Oldershaw zu schreiben, und soeben hatte ihre Feder die Anfangszeile geschrieben: —— »Beruhige Dich. Ich habe ihn!«



Kapiteltrenner

Neuntes Kapitel.

Es regnete die ganze Nacht, und als der Morgen kam, regnete es noch immer.

Midwinter wartete, gegen seine Gewohnheit, bereits im Frühstückszimmer, als Allan in dasselbe eintrat. Er sah matt und abgespannt aus, aber sein Lächeln war milder und sein ganzes Wesen ruhiger, als gewöhnlich. Zu Allan’s großer Ueberraschung brachte er, sowie der Diener das Zimmer verlassen, den Gegenstand ihrer Unterhaltung vom gestrigen Abend selbst zur Sprache.

»Ich fürchte, Du hast mich gestern Abend sehr ungeduldig und gereizt gefunden«, sagte er. »Ich will dies heute Morgen wieder gut zu machen suchen. Ich bin Alles anzuhören bereit, was Du mir in Bezug auf Miß Gwilt sagen möchtest.«

»Ich möchte Dich nicht gern damit quälen«, sagte Allan. »Du siehst aus, als ob Du schlecht geschlafen hättest.«

»Schon seit einiger Zeit habe ich nicht gut geschlafen«, erwiderte Midwinter ruhig. »Es ist Etwas nicht in Ordnung mit mir. Aber ich glaube das Mittel entdeckt zu haben, mich, selbst ohne ärztlichen Beistand, wiederherzustellen. Ich werde nachher mit Dir darüber sprechen. Laß uns zuvor auf das zurückkommen, wovon Du gestern Abend sprachst. Du erwähntest einer Verlegenheit ——« Er stockte und endete den Satz mit so leiser Stimme, daß Allan ihn nicht hören konnte. »Es wäre vielleicht besser«, fuhr er fort, »wenn Du, anstatt mit mir zu sprechen, Dich an Mr. Brock wenden wolltest.«

»Ich möchte lieber mit Dir sprechen«, entgegnete Allan. »Doch sage mir zuvor, ob ich gestern Abend Recht oder Unrecht hatte, wenn ich dachte, Du mißbilligtest mein Interesse für Miß Gwilt?«

Midwinters hageren, nervösen Finger begannen das Brod auf seinem Teller zu zerkrümeln. Zum ersten Male wandte er den Blick von Allan ab.

»Wenn Du irgendeinen Einwand dagegen zu erheben hast, so möchte ich denselben hören«, fuhr Allan fort.

Midwinter blickte plötzlich mit leichenblassen Wangen wieder auf und heftete seine funkelnden schwarzen Augen fest auf Allanss Gesicht.

»Du liebst sie«, sagte er. »Liebt sie Dich?«

»Du wirst mich nicht für eingebildet halten?« erwiderte Allan. »Ich sagte Dir gestern Abend, daß ich Gelegenheit gehabt, sie heimlich zu sehen ——«

Midwinters Blicke senkten sich wieder zu den Brodkrumen auf seinem Teller nieder. »Ich verstehe«, unterbrach er ihn schnell. »Du hast Dich gestern Abend getäuscht. Ich hatte nichts einzuwenden.«

»Gratulierst Du mir nicht?« fragte Allan ein wenig unruhig. »Ein so,schönes, ein so gescheidtes Weib!«

Midwinter reichte ihm die Hand. »Ich bin Dir mehr als blose Glückwünsche schuldig«, sagte er. »Bei Allem, was zu Deinem Glücke beiträgt, bin ich Dir meinen Beistand schuldig« Er drückte Allan’s Hand mit nervöser Heftigkeit »Kann ich Dir behilflich sein?« fragte er immer mehr erbleichend.

»Mein lieber Junge!« rief Allan aus. »Was fehlt Dir nur? Deine Hand ist eiskalt.«

Midwinter lächelte matt. »Ich bewege mich stets in Extremen«, sagte er; »als Du mir im alten Dorfwirthshause jener westlichen Grafschaft zum ersten Male die Hand reichtest, war diese so heiß, wie Feuer. Laß mich von jener Schwierigkeit hören, über die Du Dich noch nicht ausgesprochen hast. Du bist jung, reich, Dein eigener Herr —— und sie liebt Dich. Was kann da noch im Wege liegen?«

Allan zögerte. »Ich weiß kaum, wie ich mich darüber ausdrücken soll«, erwiderte er. »Wie Du sagst —— ich liebe sie und sie liebt mich —— und dennoch ist etwas Fremdes zwischen uns. Man schwatzt ziemlich viel von sich selber, wenn man verliebt ist —— ich wenigstens thue dies. Ich habe ihr Alles von mir und meiner Mutter erzählt und wie ich zu diesen Gütern kam und alles Uebrige. Nun —— obgleich mir dies nicht ausfällt, solange wir beisammen sind —— kommt mir doch, wenn ich von ihr fort bin, hin und wieder der Gedanke, daß sie ihrerseits nicht viel sagt. Ja, ich weiß nicht mehr über sie, als Du von ihr weißt?«

»Meinst Du damit, daß Du nichts von Miß Gwilt’s Familie und Angehörigen weißt?«

»Das ist’s —— genau, was ich sagen will.«

»Hast Du sie nie darüber gefragt?«

»Ich sagte neulich etwas der Art«, erwiderte Allan, »und ich fürchte, daß ich es wie gewöhnlich falsch angefangen habe. Sie sah —— ich kann Dir’s nicht beschreiben, nicht gerade verdrossen aus, aber —— o, was vermögen nicht Worte! Ich gäbe die Welt darum, Mitwinter, wenn ich Deine Geschicklichkeit besäße im rechten Augenblicke das rechte Wort zu finden.«

»Sagte Miß Gwilt irgendetwas zur Erwiderung?«

»Das ist gerade, was ich Dir soeben mittheilen wollte. Sie sagte: »Ich werde Ihnen eines Tages eine traurige Geschichte von mir und meiner Familie zu erzählen haben, Mr. Armadale, aber Sie sehen so glücklich aus, und die Umstände sind von so trauriger Art, daß ich kaum den Muth besitze, jetzt davon zu sprechen.« Ach, sie weiß sich auszudrücken, mit Thränen in den Augen, mein lieber Junge, mit Thränen in den Augen? Ich gab natürlich dem Gespräch sofort eine andere Wendung, und jetzt ist die Schwierigkeit die, wie ich auf den Gegenstand zurückkommen kann, —— mit Zartgefühl, und ohne sie abermals weinen zu machen. Wir müssen darauf zurückkommen, wie Du einsehen wirst. Nicht etwa meinetwegen; ich bin es vollkommen zufrieden, sie zunächst zu heirathen und dann erst von ihren traurigen Familienverhältnissen zu hören, die Aermste! Aber ich kenne Mr. Brock. Wenn ich ihm bei Mittheilung der Geschichte, was ich natürlich thun muß, nicht über ihre Familie zufriedenzustellen im Stande bin, so wird er von Grund auf gegen die ganze Sache sein. Ich bin natürlich mein eigener Herr und kann thun, was mir beliebt. Aber der liebe alte Brock war ein so guter Freund meiner armen lieben Mutter und ist auch mir ein so guter Freund gewesen —— Du verstehst mich, nicht wahr?«

»Gewiß, Allan; Mr. Brock ist Dir ein zweiter Vater gewesen. Eine Differenz zwischen Euch in einer so ernsten Sache wie diese würde für Euch beide höchst schmerzlich sein. Du mußt ihn überzeugen, daß Miß Gwilt, und ich bezweifle nicht, daß sie dies beweisen wird, in jeder Beziehung würdig ist ——« Die Stimme versagte ihm wider seinen Willen und er ließ den Satz unbeendet.

»Ganz mein Gefühl in der Sache« unterbrach ihn Allan redselig. »Jetzt können wir zu dem kommen, worüber ich Dich besonders zu Rathe ziehen wollte. Wenn Du in meiner Lage wärest, Midwinter, so würdest Du ihr die rechten Worte sagen können —— Du würdest es zart thun, selbst wenn Du dabei völlig im Dunkeln tappen müßtest. Dies kann ich aber nicht. Ich bin ein fürchterlicher Pfuscher, ich habe eine schreckliche Angst,- daß ich, wenn ich nicht gleich zu Anfang einen Wink erhalte, der mir zur Wahrheit verhilft, etwas sagen dürfte, was sie betrüben würde. Familienkummer ist eine so delicate Angelegenheit, —— namentlich bei einem so zartfühlenden, weichherzigen Wesen, wie Miß Gwilt. Es mag irgendeinen schrecklichen Todesfall in der Familie gegeben haben —— irgendein Verwandter, der Schande auf sich geladen —— irgend eine niederträchtige Grausamkeit, die das arme Ding gezwungen hat, als Erzieherin in die Welt hinauszugehen. Nun, da ich der Sache nachdachte, fiel es mir ein, daß der Major mich vielleicht auf die rechte Spur leiten könne. Die Wahrscheinlichkeit liegt nahe, daß er von Miß Gwilt’s Familienverhälnissen unterrichtet worden ist, ehe er sie als Erzieherin annahm —— meinst Du nicht?«

»Das ist allerdings möglich, Allan.«

»Abermals meine Ansicht! Ich denke daher, mit dem Major zu sprechen. Wenn ich die Geschichte zuvor von ihm erfahren könnte, würde ich dann so viel besser mit Miß Gwilt darüber sprechen können. Du räthst mir, es mit dem Major zu versuchen, nicht wahr?«

Eine Pause trat ein, ehe Midwinter antwortete. Als er endlich erwiderte, geschah dies mit einigem Widerstreben.

»Kaum weiß ich, was ich Dir rathen« soll, Allan«, sagte er. »Es ist dies eine sehr heikle Sache.«

»Ich glaube, daß Du es an meiner Stelle bei dem Major versuchen würdest«, entgegnete Allan, der ihm eigenen subjectiven Anschauung Worte leihend.

»Wohl möglich«, sagte Midwinter mit immer größerem Zögern. »Doch wenn ich wirklich mit dem Major spräche, würde ich mich an Deiner Stelle sehr in Acht nehmen, mich nicht in eine schiefe Stellung zu bringen —— ich würde sehr vorsichtig sein, um bei Niemandem der Niedrigkeit verdächtig zu werden, als ob ich hinter dem Rücken eines Weibes mich in dessen Geheimnisse eindrängen wolle.«

Allan wurde dunkelroth. »Gerechter Himmel, Midwinter«, rief er aus, »wer könnte solchen Argwohn gegen mich hegen?«

»Niemand, Allan, der Dich wirklich kennt.«

»Der Major kennt mich. Der Major ist der letzte Mensch in der Welt, der mich mißverstehen würde. Alles, was ich von ihm verlange, ist, daß er, wenn er es vermag, mir behilflich ist, über diesen delicaten Punkt mit Miß Gwilt sprechen zu können, ohne ihre Gefühle zu verletzen. Kann es zwischen zwei Ehrenmännern wohl etwas Einfacheres geben?«

Anstatt hierauf zu antworten, richtete Midwinter noch mit gezwungenem Wesen eine. Frage an ihn. »Beabsichtigst Du, Major Milroy von dem in Kenntniß zu setzen, was in Wirklichkeit hinsichtlich Miß Gwilt’s Deine Absicht ist?« sagte er.

Allan’s Wesen veränderte sich augenblicklich. Er zögerte und sah verlegen aus.

»Ich habe daran gedacht«, sagte er, »und ich denke erst zu sondieren und es ihm dann entweder zu sagen oder zu verschweigen, je nachdem die Sache sich, anläßt.«

Ein so umsichtiges Verfahren stand mit Allan’s Charakter in zu auffallendem Widerspruch, um nicht Jeden, der ihn kannte, zu überraschen. Midwinter gab deutlich sein Erstaunen zu erkennen.

»Du vergissest jene alberne Courmacherei zwischen mir und Miß Milroy«, fuhr Allan immer verlegener werdend fort. »Der Major mag dieselbe vielleicht bemerkt und gedacht haben, ich beabsichtige —— nun, was ich eben nicht beabsichtigte. Es möchte etwas ungeschickt herauskommen, nicht wahr, wenn ich vor seinen Augen, anstatt seiner Tochter, seiner Erzieherin einen Antrag machte?«

Er wartete auf eine Antwort, doch keine erfolgte. Midwinter öffnete die Lippen, um zu sprechen, schloß dieselben jedoch plötzlich wieder. Allan, dem des Freundes Schweigen unbehaglich war, der sich aber durch gewisse Erinnerungen an die Majorstochter, welche durch das Gespräch hervorgerufen worden waren, bei diesem Schweigen doppelt unbehaglich fühlte, stand vom Tische auf und machte der Unterhaltung ein wenig ungeduldig ein Ende.

»Komm! komm!« sagte er; »mache kein so vielsagendes Gesicht —— mache nicht Berge aus Maulwurfshügeln Du trägst auf Deinen jungen Schultern ein so altes, altes Haupt, Midwinter.Laß uns endigen mit all diesem Dafür und Dawider. Willst Du mir mit deutlichen Worten gesagt haben, daß es nicht thunlich sei, mit dem Major zu reden?«

»Ich kann nicht die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, Dir das zu sagen, Allan. Um noch deutlicher zu reden —— ich kann mich nicht darauf verlassen, daß ich Dir in unserer —— in unserer gegenwärtigen Beziehung zu einander irgendwelchen richtigen Rath zu geben im Stande wäre. »Das Einzige worüber ich mir sicher bin, ist, daß ich wohl nicht Unrecht thun kann, wenn ich Dich bitte, zwei Dinge zu thun.«

»Und diese sind?«

»Wenn Du mit Major Milroy sprichst, so erinnere Dich meiner Warnung! Ich bitte Dich, überlege wohl, ehe Du sprichst!«

»Ich will überlegen, fürchte nichts! Und dann?«

»Schreibe an Mr. Brock und sage ihm Alles, ehe Du irgendeinen ernsten Schritt in dieser Sache thust. Willst Du mir dies versprechen?«

»Von ganzem Herzen. Was weiter?«

»Weiter nichts. Ich habe mein letztes Wort gesprochen.«

Allan ging nach der Thür, »Komm auf mein Zimmer«, sagte er, »und ich will Dir eine Cigarre geben. Die Diener werden sogleich hier hereinkommen, um den Tisch abzuräumen, und ich möchte noch von Miß Gwilt sprechen.«

»Warte nicht aus mich«, sagte Midwinter, »ich folge Dir in wenigen Minuten.«

Er blieb e sitzen, bis Allan die Thüre geschlossen. —— Dann stand er auf und nahm aus einem Winkel des Zimmers einen fertig gepackten Mantelsack hinter einer Fenstergardine heraus, wo derselbe verborgen gelegen hatte. Wie er mit dem Mantelsack in der Hand sinnend am Fenster stand, schlich sich ein seltsam alter, sorgenvoller Ausdruck in sein Gesicht: er schien in einem Augenblicke den Rest seiner Jugend zu verlieren.

Was der schnellere Blick des Weibes schon seit mehreren Tagen entdeckt, hatte die langsamere Auffassung des Mannes sich erst in der vergangenen Nacht klar gemacht. Der Schmerz, der ihm bei Allan’s Bekenntnisse durchs Herz gezuckt, hatte Midwinter zum ersten Male die Wahrheit klar und deutlich vor die Seele geführt. Er war sich bewußt gewesen, Miß Gwilt bei der ersten Begegnung nach jener denkwürdigen Unterredung mit ihr in Major Milroy’s Garten mit neuen Blicken und neuen Empfindungen angesehen zu haben; er war sich seines zunehmenden Interesses an ihrer Gesellschaft, seiner immer größeren Bewunderung ihrer Schönheit bewußt gewesen —— aber er hatte bis jetzt nichts von der Leidenschaft gewußt, die sie in ihm erweckt hatte. Da er diese endlich erkannte und sich von ihr völlig in Besitz genommen fühlte, hatte er den Muth, den kein Mann mit glücklicheren Lebenserfahrungen besessen haben würde —— den Muth, an das zu denken, was Allan ihm gesagt, und nur durch seine dankbaren Erinnerungen an die Vergangenheit in die Zukunft hinaus zu blicken.

Während der schlaflosen Stunden der Nacht hatte er mit ruhigem, festem Vorsatze beschlossen, sich, um damit einen Theil des Dankes abzutragen, den er Allan schuldete, dem theuersten Wunsche dieses Freundes zu opfern. Mit festem Willen hatte er sich zu der Ueberzeugung gebracht, daß er um Allan’s Willen die Leidenschaft bezwingen müsse, die sich seiner bemächtigt, und daß er dies nur thun könne, wenn er fortginge. Als der Morgen gekommen war, hatte ihn kein nachträglicher Zweifel gequält, und auch jetzt war er von solchem frei. Die einzige Frage, die ihn zögern machte, war die, ob er Thorpe-Ambrose verlassen solle. Obgleich Mr. Brock’s Brief ihn aller Nothwendigkeit überhob, in Norfolk über ein Frauenzimmer zu wachen, das sich in Somersetshire befand —— obwohl die Pflichten des Administrationsbureaus dergestalt waren, daß sie mit Sicherheit in Mr. Bashwood’s erprobten und zuverlässigen Händen verbleiben durften, —— war doch sein Gemüth trotz alledem nicht ruhig bei dem Gedanken, Allan zu einer Zeit zu verlassen, wo eine Krisis in dessen Leben bevorstand.

Er warf den Mantelsack leicht über seine Schulter, und legte seinem Gewissen die Frage zum letzten male vor: »Kannst du dich getrauen, sie Tag für Tag zu sehen, wie du sie sehen mußt? —— Kannst du dich getrauen, ihn Stunde für Stunde von ihr reden zu hören, wie du dies hören mußt, wenn du in diesem Hause bleibst?« Die Antwort lautete genau so, wie sie während der ganzen Nacht gelautet hatte. Sein Herz mahnte ihn, im Interesse der Freundschaft, die ihm so heilig war, zu gehen, solange es noch Zeit sei, —— zu gehen, ehe das Weib, das sich seiner Liebe bemächtigt, auch von seiner Aufopferungskraft und seinem Dankbarkeitsgefühl Besitz genommen hätte.

Mechanisch sah er sich im Zimmer um, ehe er sich abwandte, dasselbe zu verlassen. Jede Erinnerung an die Unterhaltung, die soeben zwischen ihm und Allan stattgefunden, wies auf den gleichen Schluß hin und mahnte ihn, wie schon sein Gewissen ihn gemahnt, zu gehen. Hatte er ehrlich irgendeinen der Einwände erwähnt, die er, oder jeder andere Mensch wider Allan’s Neigung gesehen haben müßte? Hatte er —— wie seine Kenntniß von dem leichten Charakter seines Freundes ihn dies zu thun verpflichtete —— Allan vor seinen eigenen raschen Impulsen gewarnt und ihn gebeten, durch Zeit und Abwesenheit zu prüfen, ehe er zu der Ueberzeugung käme, daß sein ganzes Lebensglück an Miß Gwilt’s Besitze hänge? Nein. Der blose Zweifel, ob er bei der Berührung dieses Gegenstandes zu fühlen im Stande sein werde, daß er ohne alle Selbstsucht spreche, hatte seine Lippen geschlossen, und mußte ihm die Lippen schließen, bis die Zeit zum Reden verstrich. War der Mann, der die Welt darum gegeben hätte, an Allan’s Stelle zu stehen, wohl der rechte Mann gewesen, Allan zurückzuhalten? Es gab nur einen geraden Weg, welchen ein rechtschaffner und dankbarer Mensch in seiner Lage einschlagen durfte. Aller Möglichkeit, sie zu sehen oder Von ihr zu hören, weit entrückt —— allein mit seinem getreuen Gedächtniß dessen, was er Allan schuldig war —— durfte er hoffen, sein Herz zu bezwingen, wie er in der Kindheit bei den Schlägen seines Zigeunerherrn seine Thränen und die öde Verlassenheit seiner einsamen Jugendzeit im Buchhändlerladen bezwungen hatte. »Ich muß gehen«, sagte er, indem er sich schweren Herzens vom Fenster abwandte, »ehe sie wieder ins Haus kommt. Ich muß gehen, ehe noch eine Stunde verstreicht.«

Mit diesem Entschlusse verließ er das Zimmer und that damit den unwiderruflichen Schritt von der Gegenwart in die Zukunft.

Es regnete noch immer. Der Himmel hing ringsum immer drohender und düsterer über ihnen, als Midwinter reisefertig in Allans Zimmer trat.

»Gerechter Himmel« rief Allan, auf den Mantelsack deutend, »was soll das bedeuten?«

»Nichts Besonderes«, sagte Midwinter, »Es bedeutet blos —— Adieu.«

»Adieu!« rief Allan erstaunt aufspringend Midwinter schob ihn sanft in seinen Sessel zurück und zog einen Sitz für sich selber zu ihm heran.

»Als Du heute Morgen bemerktest, daß ich krank aussehe«, sprach er, »sagte ich Dir, daß ich bereits an ein Mittel gedacht, meine Gesundheit wiederherzustellen, und daß ich später mit Dir darüber reden werde. Der Augenblick ist jetzt gekommen. Ich bin seit einiger Zeit, wie man es nennt, verstimmt gewesen. Du hast dies selbst mehr als einmal bemerkt, Allan, und deshalb mit Deiner gewohnten Güte Manches in meinem Benehmen entschuldigt, was sonst selbst in Deinen Freundesaugen unverzeihlich gewesen wäre.«

»Mein lieber Junge«, unterbrach ihn Allan, »Du beabsichtigst doch nicht in diesem strömenden Regen eine Fußtour anzutreten?«

»Laß Dich den Regen nicht kümmern«, sagte Midwinter. »Der Regen und ich sind alte Freunde, Du weißt etwas von dem Leben, das ich geführt habe, ehe ich mit Dir zusammentraf, Man. Ich bin von Kindheit her an Mühsale und Entbehrungen gewöhnt gewesen. Ich habe monatelang Tag und Nacht kein Obdach gehabt. Mein Leben war jahrelang —— während Du zu Hause und glücklich warst —— das eines wilden Thieres, oder ich sollte vielmehr sagen, das eines Wilden. Ich habe die Hefen des Landstreicherthums noch immer in mir. Thut es Dir weh, mich in dieser Weise von mir selber sprechen zu hören? Ich will Dich nicht betrüben. Ich will nur noch sagen, daß der Luxus und Comfort unseres hiesigen Lebens mir zuweilen ein wenig zu viel für einen Mann erscheinen, dem Comfort und Luxus ursprünglich fremd sind. Ich bedarf nur der frischen Luft und kräftigen Körperbewegung, um mich ganz wiederherzustellen, weniger gute Frühstücke und Diners, mein lieber Freund, als ich hier genieße. Laß mich zu einigen jener Mühsale zurückkehren, welche fern zu halten dies behagliche Haus ausdrücklich angethan ist; laß mich wieder auf eine kleine Weile Ermüdung fühlen, ohne einen Wagen bei der Hand zu haben, der mich aufnimmt und weiter schafft; laß mich wieder Hunger empfinden, wenn die Nacht hereinbricht und noch viele Meilen zwischen mir und meinem Nachtessen liegen. Laß mich auf eine Woche oder zwei von Dir fort, Allan —— zu Fuße, nordwärts, nach den Haiden von Yorkshire —— und ich verspreche, als ein besserer Gesellschafter für Dich und Deine Bekannten nach Thorpe-Ambrose zurückzukehren. Ich werde wieder hier sein, ehe Du noch Zeit gehabt hast, mich zu vermissen. Mr. Bashwood wird nach den Administrationsgeschäften sehen; es ist ja nur auf vierzehn Tage und zu meinem Besten —— laß mich gehen?«

»Es will mir nicht gefallen«, sagte Allan. »Es will mir nicht gefallen, daß Du mich so unerwartet verlässest. Es hat etwas so Seltsames und Trauriges. Warum versuchst Du’s nicht mit Reiten, wenn Du der Körperbewegung bedarfst; alle Pferde in den Ställen stehen Dir zu Diensten. Jedenfalls kannst Du unmöglich heute gehen. Sieh nur, wie es regnet!«

Midwinter sah nach dem Fenster und schüttelte leise den Kopf.

»Ich habe mir nichts aus dem Regen gemacht, als ich noch ein kleiner Bube war und mir mit meinen tanzenden Hunden mein Brod verdiente —— warum sollte ich mir wohl jetzt etwas daraus machen? Es ist ein großer Unterschied, ob ich naß werde, oder Du, Allan. Als ich noch ein Fischerjunge auf den Hebriden war, hatte ich oft wochenlang keinen trockenen Faden auf meinem Leibe.«

»Aber Du bist jetzt nicht aus den Hebriden«, sagte Allan, »und ich erwarte morgen Abend unsere Freunde vom Parkhäuschen. Du kannst erst übermorgen fortgehen. Miß Gwilt wird wieder etwas spielen, und Du weißt, daß Miß Gwilt’s Klavierspiel Dir sehr viel Vergnügen macht.«

Midwinter wandte sich ab, um die Riemen seines Mantellacks zu schnallen. »Wenn ich zurückkehre, gib mir wieder Gelegenheit, Miß Gwilt spielen zu hören«, sagte er gebückt mit seinen Riemen beschäftigt.

»Du hast einen Fehler, mein lieber Junge, und der nimmt immer mehr bei Dir überhand«, sagte Allan in vorstellendem Tone; »wenn Du Dir einmal etwas in den Kopf gesetzt hast, bist Du her halsstarrigste Mensch von der Welt. Man kann Dich nicht bewegen, Vernunft anzunehmen. Wenn Du aber durchaus gehen willst«, fügte Allan plötzlich aufstehend hinzu, als Midwinter schweigend seinen Hut und Stock aufnahm, »so denke ich fast, daß ich mit Dir gehen und es ebenfalls mit ein wenig-Unbequemlichkeit und Beschwerde versuchen will.«

»Mit mir gehen«, wiederholte Midwinter mit einer momentanen Bitterkeit in seinem Tone, »und Miß Gwilt verlassen!«

Allan setzte sich wieder und räumte durch sein bedeutungsvolles Schweigen die Kraft dieses Einwandes ein. Midwinter hielt ihm, ohne noch ein Wort hinzuzufügen, die Hand zum Abschiede hin. Sie waren Beide tief bewegt, und Jeder bemühte sich, dem Andern seine Bewegung zu verhehlen. Allan ergriff die letzte Zuflucht, die seines Freundes Festigkeit ihm noch übrig ließ: er versuchte den Abschiedsaugenblick durch einen Scherz zu erheitern.

»Ich will Dir etwas sagen«, sprach er; »ich beginne zu zweifeln, ob Du wirklich ganz von Deinem Glauben an den Traum geheilt bist. Ich habe Dich im Verdacht, daß Du doch noch von mir fortläufst!«

Midwinter sah ihn an —— ungewiß, ob Allan im Scherz oder im Ernst rede. »Was meinst Du damit?« fragte er.

»Was hast Du mir gesagt«, entgegnete Allan, »als Du mich neulich hier hereinführtest und mir Dein Bekenntniß ablegtest? Was hast Du von diesem Zimmer und von dem zweiten Traumgesicht gesagt? Beim Jupiter!« rief er abermals aufspringend, »jetzt, da ich darauf achte —— dies ist das zweite Traumgesicht! Dort schlägt der Regen ans Fenster —— dort ist der Rasen und der Garten draußen —— hier bin ich, wo ich im Traume stand —— und dort bist Du, wo der Schatten stand. Die ganze Scene vollständig —— draußen sowohl wie hier innen, und diesmal habe ich es herausgefunden.«

In die todten Träume von Midwinter’s Aberglauben kam für einen Augenblick wieder eine Spur von Leben. Er wechselte die Farbe und bekämpfte eifrig, fast zornig Allan’s Schlußfolgerung.

»Nein!« sagte er, indem er auf die kleine Marmorstatue auf der Console deutete, »die Scene ist nicht vollständig —— Du hast, wie gewöhnlich, etwas vergessen. Der Traum hat diesmal —— Gott sei’s gedankt! — Unrecht, völlig Unrecht. In Deinem Traumgesichte lag die Statuette zerbrochen am Boden und Du bücktest Dich ängstlich und zornig zu den Scherben herab. Dort steht die Statue, heil und unverletzt! —— und Du hast nicht die Spur von Zorn im Herzen, wie?« Er faßte Allan leidenschaftlich bei der, Hand. In demselben Augenblicke kam ihm das Bewußtsein, daß er so ernstlich spreche und handele, wie wenn er noch an den Traum geglaubt hätte. Eine schnelle Röthe stieg ihm ins Gesicht und er wandte sich mit verlegenem Schweigen ab.

»Was habe ich Dir gesagt?« sprach Allan mit einem etwas unbehaglichen Lachen. »Jene Nacht auf dem Wrack liegt Dir noch immer so schwer wie je auf dem Herzen.«

»Nichts liegt mir schwer auf dem Herzen«, entgegnete Midwinter ungeduldig; »aber der Ranzen liegt mir schwer auf dem Rücken, und ich verliere meine Zeit. Ich will hinausgehen und nachsehen, ob Aussicht vorhanden, daß es sich aufklärt.«

»Du wirst wiederkommen?« sagte Allan.

Midwinter öffnete die Gartenthür und trat hinaus.

»Ja«, sagte er in seiner gewöhnlichen milden Art, »ich will in vierzehn Tagen zurückkommen Adieu, Allan, und ich wünsche Dir Glück mit Miß Gwilt!«

Er stieß die Glasthür zu und war schon durch den Garten davongeeilt, ehe sein Freund die Thür wieder zu öffnen und ihm zu folgen im Stande war.

Allan stand auf und that einen Schritt dem Garten zu; dann blieb er stehen und kehrte zu seinem Sessel zurück. Er kannte Midwinter hinlänglich, um einzusehen, daß es völlig nutzlos sein würde, ihm folgen oder ihn zurückbringen zu wollen. Er war fort, und es war keine Aussicht vorhanden, daß er ihn früher als in vierzehn Tagen wiedersehen würde. So verging etwa eine Stunde —— noch immer regnete es und der Himmel sah noch immer drohend aus. Ein immer drückenderes Gefühl der Einsamkeit und Niedergeschlagenheit —— das Gefühl von allen andern, das zu begreifen oder zu ertragen seine frühere Lebensweise ihn am allerwenigsten befähigt hatte —— bemächtigte sich Allan’s. In reinem Grausen vor seinem eigenen unwohnlichen einsamen Hause klingelte er nach Hut und Regenschirm und beschloß, im Häuschen des Majors Zuflucht zu suchen.

»Ich hätte wohl eine Strecke mit ihm gehen können«, dachte Allan, noch immer mit Midwinter beschäftigt, während er seinen Hut aufsetzte »Ich hätte dem lieben alten Jungen gern das gebührende Geleit gegeben.«

Er nahm den Regenschirm. Hätte er das Gesicht des Dieners beachtet, der ihm denselben reichte, so hätte er vielleicht einige Fragen an ihn gerichtet und Nachrichten von ihm erhalten, die ihn in seiner gegenwärtigen Gemüthsstimmung interessiert haben dürften.

So aber ging er hinaus, ohne den Mann anzusehen und ohne zu ahnen, daß seine Diener mehr von Midwinter’s letzten Augenblicken in Thorpe-Ambrose wußten, als er selber. Vor kaum zehn Minuten waren der Fleischer und der Gewürzkrämer dagewesen, um den Betrag ihrer Rechnungen in Empfang zu nehmen ——und beide hatten gesehen, wie Midwinter seine Reise begonnen hatte.

Der Gewürzkrämer hatte ihn unsern vom Hause zuerst getroffen, wie er mitten im Regengusse stehen geblieben war und mit einem zerlumpten kleinen Spitzbuben, der Plage der ganzen Nachbarschaft, gesprochen hatte. Die gewohnte Impertinenz des Buben war beim Anblick des Mantelsacks, den der Herr trug, noch frecher, als gewöhnlich hervorgetreten Und was hatte der Herr zur Erwiderung gethan? Er war stehen geblieben, hatte ein trauriges Gesicht gemacht und beide Hände sanft auf die Schultern des Knaben gelegt. Der Gewürzkrämer hatte dies mit eigenen Augen gesehen, und mit seinen eigenen Ohren hatte er ihn sagen hören: »Du armer kleiner Kerl! Ich weiß besser, als die meisten Leute, die einen guten Rock auf dem Leibe haben, wie der Wind und der Regen durch eine zerlumpte Jacke dringen.« Und bei diesen Worten hatte er in seine Tasche gegriffen und die Frechheit des Knaben mit einem Schilling belohnt. »Hier nicht ganz richtig«, sagte der Gewürzkrämer, seine Stirn berührend. »Das ist meine Meinung von Mr. Armadales Freund!«

Der Fleischer hatte ihn später am andern Ende der Stadt gesehen. Abermals war er im Regengusse stehen geblieben —— und zwar diesmal, um nichts Merkwürdigeres als einen alten halbverhungerten Hund zu betrachten, der auf einer Thürschwelle zitterte. »Ich behielt ihn im Auge«, sagte der Fleischer, »und was that er wohl? Er kam herüber in meinen Laden und kaufte ein Stück Fleisch, das für einen Christenmenschen gut genug gewesen wäre. Gut. Er sagt guten Morgen und geht wieder über die Straße und, auf mein Wort, er kniet auf der nassen Thürschwelle nieder, nimmt sein Messer aus der Tasche, zerschneidet das Fleisch und gibt es dem Hunde. Fleisch, sage ich Ihnen nochmals, das für einen Christenmenschen gut genug war, Madame«, schloß der Fleischer zur Köchin gewendet, »ich bin kein harter Mann, aber Fleisch ist Fleisch, und es wird dem Freunde Ihres Herrn recht geschehen, wenn er noch eines Tages Mangel leidet.«

In der Gesellschaft dieser unvergeßlichen alten Sympathien für die alte unvergeßliche Zeit hatte er seinen einsamen Weg angetreten, die Stadt hinter sich liegen lassen und war in dem dichten Regen verschwunden. Der Gewürzkrämer und der Fleischer hatten ihn zuletzt gesehen und ihn beurtheilt, wie alle großen Naturen vom Gewürzkrämer- und Fleischergesichtspunkte aus beurtheilt werden.



Kapiteltrenner

Zehntes Kapitel.

Zwei Tage nach Midwinter’s Abschied von Thorpe-Ambrose schellte Mrs. Milroy, nachdem sie ihre Morgentoilette beendet und ihre Wärterin entlassen, fünf Minuten später abermals auch dieser und fragte die Eintretende ungeduldig, ob die Briefe mit der Morgenpost angelangt seien.

»Briefe?« wiederholte die Wärterin. »Haben Sie nicht Ihre Uhr? Wissen Sie nicht, daß es noch eine gute halbe Stunde zu früh ist, um schon Ihre Briefe verlangen zu können?« Sie sprach mit der vertraulichen Dreistigkeit einer Dienerin, welche die Schwäche und Abhängigkeit ihrer Herrin zu mißbrauchen seit langer Zeit gewohnt war. Mrs. Milroy schien ihrerseits ebenso sehr an das Benehmen ihrer Wärterin gewöhnt. Gelassen ertheilte sie ihre Befehle, ohne von jenem Notiz zu nehmen.

»Wenn der Briefträger kommt«, sagte sie, »so geht Ihr und nehmt ihm die Briefe ab. Ich erwarte einen Brief, den ich schon vor zwei Tagen hätte haben sollen. Unbegreiflich. Ich fange an, die Dienstboten in Verdacht zu haben.«

Die Wärterin lächelte verächtlich. »Wen werden Sie demnächst beargwöhnen?« sagte sie. »So, so! Werden Sie nicht ärgerlich. Ich will heute Morgen ans Pförtchen gehen, sobald geschellt wird, und wir wollen sehen, ob ich Ihnen einen Brief bringen kann, wenn der Briefträger kommt.« Mit diesen Worten, die sie in einem Tone sprach, als ob sie ein eigensinniges Kind beruhige, verließ die Wärterin das Zimmer, ohne zu warten, bis man sie verabschiedete.

Als sie wieder allein war, wandte Mrs. Milroy sich langsam und matt aus ihrem Bette um und ließ das durchs Fenster hereinströmende Licht auf ihr Gesicht fallen.

Dies war das Gesicht eines Weibes, das einst schön gewesen und das hinsichtlich seiner Jahre noch in der Blüte des Lebens stand. Lang dauerndes Körperleiden und beständige Gemüthsbewegung hatten sie zu Haut und Knochen abgezehrt. Das völlige Wrack ihrer Schönheit ward durch ihre verzweifelten Bemühungen, dieses Wrack selbst vor sich selber, vor ihrem Gatten und ihrem Kinde wie vor dem Arzte zu verbergen, dessen Sache es war, die Wahrheit zu ergründen, zu einem entsetzlichen Anblicke gemacht Ihr Kopf, der den größeren Theil seines Haarschmucks verloren, würde weniger schauerlich anzusehen gewesen sein, als die scheußlich jugendliche Perücke, durch welche sie den Verlust zu verbergen suchte. Ihr schlechter Teint und ihre Runzeln hätten einen weniger widerwärtigen Anblick gewährt, als die dicke Kruste von Schminke, die auf ihren Wangen lag, und die weiße Emaille auf ihrer Stirn. Die schönen Spitzen und Stickereien an ihrem Nachtkleide, die Bänder an ihrem Häubchen und die Ringe an ihren hageren Fingern, die alle darauf berechnet waren, das Auge von der Veränderung abzuziehen, die mit ihr vorgegangen war, lenkten vielmehr erst die Aufmerksamkeit auf diese Veränderung, —— hoben sie noch mehr hervor und machten sie durch die Macht des Contrastes nur noch hoffnungsloser und fürchterlicher, als sie in Wirklichkeit war. Ein illustriertes Modejournal, in welchem Frauen durch den freien Gebrauch ihrer Gliedmaßen ihren Putz zur Schau trugen, lag auf dem Bette, von dem sie selbst seit Jahren sich ohne die Unterstützung ihrer Pflegerin nicht hatte bewegen können. Neben dem Journal lag ein Handspiegel so nahe, daß sie ihn leicht erreichen konnte. Nachdem die Wärterin sie verlassen, nahm sie diesen Spiegel in die Hand und betrachtete ihr Gesicht mit einem Interesse und einer Aufmerksamkeit, deren sie sich im achtzehnten Jahre würde geschämt haben.

»Immer älter und älter, immer magerer und magerer!« sagte sie. »Der Major wird bald ein freier Mann sein —— aber zuvor will ich diese rothköpfige Mamsell aus dem Hause schaffen!«

Sie ließ den Spiegel auf die Bettdecke fallen und ballte die Hand, die ihn gehalten hatte. Plötzlich hefteten sich ihre Augen auf ein mit Kreide gezeichnetes kleines Porträt ihres Gatten, das an der Wand ihr gegenüber hing, und betrachteten das Bildchen mit dem kalten, grausam funkelnden Blicke des Raubvogels. »Also Roth ist Dein Geschmack in Deinen alten Tagen, nicht wahr?« sagte sie zu dem Porträt. »Rothes Haar und ein scrophulöser Teint und eine ausgestopfte Figur, und der Gang einer Ballettänzerin und die leichten Finger einer Taschendiebin Miß Gwilt! Miß, mit solchen Augen und einem solchen Gange!« Sie wandte plötzlich den Kopf auf dem Kissen um und brach in ein schneidendes Hohngelächter aus. »Miß!« wiederholte sie einmal über das andere, mit dem giftigen Nachdruck der unbarmherzigsten aller Gestalten menschlicher Verachtung —— der Verachtung eines Weibes für das andere.

Die Zeit, in der wir leben, behauptet, daß kein menschliches Wesen völlig verdammenswerth ist. Giebt es eine Entschuldigung für Mrs. Milroy? Ihre Lebensgeschichte möge diese Frage beantworten.

In ungewöhnlich früher Jugend hatte sie den Major geheirathet und damit sich mit einem Manne vermählt, der alt genug war, um ihr Vater sein zu können —— ein Mann, der zu jener Zeit, und zwar nicht mit Unrecht, in dem Rufe stand, seine gesellschaftlichen Gaben und die Vorzüge seiner persönlichen Erscheinung den Frauen gegenüber aufs Aeußerste ausgebeutet zu haben. Von mittelmäßiger Erziehung und in gesellschaftlicher Stellung ihrem Gatten untergeordnet, hatte sie unter dem Einflusse ihrer geschmeichelten Eitelkeit seine Bewerbungen angenommen und schließlich selbst den Zauber empfunden, den Major Milroy in früheren Tagen auf Frauen ausgeübt hatte, die ihr in geistiger Beziehung unendlich überlegen gewesen waren. Ihn, seinerseits, hatte ihre Hingebung gerührt und außerdem ihre Schönheit, Frische und Jugend angezogen. Bis zur Zeit, wo ihre kleine Tochter, die zugleich ihr einziges Kind blieb, ihr achtes Jahr zurückgelegt, war ihr eheliches Leben ein ungewöhnlich glückliches gewesen. Um diese Zeit traf sie der doppelte Schicksalsschlag, daß die Gesundheit der Gattin zu wanken begann und der Gatte fast sein ganzes Vermögen einbüßte —— und von diesem Augenblicke an hatte das häusliche Glück des Ehepaars in Wirklichkeit ein Ende genommen.

Da er das Alter erreicht, in welchem der Mensch in der Regel unter dem Druck des Schicksals eher zu resignieren, als ihm Widerstand zu bieten pflegt, hatte der Major den kleinen Rest seines Vermögens in Sicherheit gebracht, sich aufs Land zurückgezogen und geduldig in seinen mechanischen Beschäftigungen seinen Trost gesucht. Ein Weib, das ihm an Jahren näher gestanden, oder ein Weib von besserer Erziehung und duldsamerem Gemüthe, als seine Gattin, würde das Verhalten des Majors begriffen und in seiner Ergebung ihren eigenen Trost gefunden haben. Mrs. Milroy aber vermochte in nichts Trost zu finden. Weder ihre Natur noch ihre Erziehung halfen ihr das Unglück mit Ergebung zu ertragen, das sie in der Blüte ihrer Jugend, und in dem höchsten Glanze ihrer Schönheit getroffen hatte. Der Fluch einer unheilbaren Krankheit zerrüttete sie sofort und auf Lebenszeit.

Leiden entwickeln sowohl das verborgene Böse in der menschlichen Natur, wie das verborgene Gute. Das Gute in Mrs. Milroy’s Natur schrumpfte unter dem verderblichen Einflusse zusammen, unter dem das Böse wuchs und sich entfaltete! Von Monat zu Monat ward sie, wie sie physisch schwächer wurde, moralisch schlechter. Alles was niedrig, grausam und falsch in ihr war, wuchs in sicherem Verhältnisse zur Abnahme alles dessen, was einst großmüthig, liebenswerth und wahr an ihr gewesen. Der alte Argwohn, daß ihr Gatte gern wieder in die Unregelmäßigkeiten seines Junggesellenlebens zurückfallen möchte, den sie ihm zur Zeit ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit offen eingestanden, und dessen Grundlosigkeit sie früher oder später stets eingesehen hatte, kehrte ihr jetzt, da ihre Krankheit sie von ihm geschieden, in der Gestalt jenes niedrigen, eifersüchtigen Mißtrauens zurück, das sich so schlau versteckt, das den Zündstoff Atom für Atom zu einem Haufen zusammenträgt und das langsam brennende Feuer der Eifersucht im Herzen entflammt. Kein Beweis, den man Mrs. Milroy jetzt von ihres Gatten tadellosem und harmlosem Leben zu bringen vermochte; keine Berufung auf ihre Selbstachtung oder auf ihre Rücksicht auf ihr jetzt zum Weibe heranreifendes Kind hatte die Macht, die fürchterliche Selbsttäuschung zu verscheuchen, die aus ihrer hoffnungslosen Krankheit erwuchs uud mit derselben zunahm. Gleich allem andern Wahnsinn hatte jene ihre Zeiten der Ebbe und Flut, Zeiten krampfhaften Ausbruchs und Zeiten einer heuchlerischen Ruhe —— aber ob activ oder passiv vorhanden war der Wahn stets. Unschuldige Dienerinnen und tadellose Fremde waren dadurch verletzt worden. Sie hatte die ersten Thränen der Beschämung und des Kummers dadurch in die Augen ihrer Tochter gebracht und die tiefsten Linien damit in das Gesicht ihres Gatten gefurcht. Dies war seit Jahren das geheime Elend des kleinen Haushaltes gewesen —— jetzt sollte es die Schranken des Hauses überschreiten und die bevorstehenden Ereignisse in Thorpe-Ambrose beeinflussen, von welchen die Zukunft Allan’s und seines Freundes betroffen wurde.

Zum richtigen Verständnisse der ernsten Folgen, die Miß Gwilt’s Erscheinen herbeigeführt, bedarf es eines kurzen Hinblickes aus die Lage der Dinge im Parkhäuschen vor der Ankunft der neuen Erzieherin.

Als die Gouvernante, welche seit vielen Jahren in seiner Familie gelebt und deren Alter und Aussehen selbst Mrs. Milroy’s Eifersucht keinen Anhaltspunkt boten, sich verheirathet, hatte der Major die Frage, ob er seine Tochter einer Erziehungsanstalt anvertrauen solle, weit ernstlicher in Erwägung gezogen, als seine Gattin es vermuthete. Einerseits wußte er, daß in seinem Hause Auftritte stattfanden, denen ein so junges Mädchen nicht beiwohnen sollte. Auf der andern aber fühlte er ein unbezwingliches Widerstreben gegen die einzige wirksame Maßregel, seine Tochter sowohl während der Ferien, als während der Schulzeit aus dem Hause zu geben. Nachdem der hierüber in seinem Geiste erwachte Zwiespalt endlich durch den Entschluß, durch die Zeitungen sich eine Erzieherin zu suchen, beigelegt worden war, hatte Major Milroy’s angeborener Hang, Unannehmlichkeiten lieber zu meiden, als ihnen auf halbem Wege entgegen zu gehen, sich wieder in der gewohnten Weise offenbart. So ruhig wie immer hatte er die Augen gegen seine häuslichen Sorgen geschlossen und war, wie er dies schon bei Hunderten von früheren Gelegenheiten gethan, zu der tröstlichen Gesellschaft seiner alten Freundin, der Uhr, zurückgekehrt.

Anders verhielt es sich mit seiner Gattin. Die Möglichkeit, welche ihr Gatte gänzlich außer Acht gelassen, daß nämlich die erwartete neue Erzieherin eine jüngere und anziehendere Person sein könnte, als die alte Gouvernante, die sie verlassen hatte, war das Erste, was Mrs. Milroy vor die Seele trat. Sie hatte indeß nichts gesagt. Während sie im Stillen gewartet und im Stillen ihr eingewurzeltes Mißtrauen genährt, hatte sie ihrem Gatten und ihrer Tochter zugeredet, sie gelegentlich des Picknicks zu verlassen, mit dem ausdrücklichen Vorsatze, diese Abwesenheit zu benutzen, um die neue Erzieherin allein zu sehen. Die Erzieherin hatte sich vorgestellt und das glimmende Feuer von Mrs. Milroy’s Eifersucht war in dem ersten Augenblicke, da sie und die schöne Fremde einander erblickt, in hellen Flammen aufgelodert.

Sowie die Unterredung vorüber, war Mrs. Milroy’s Argwohn augenblicklich und unerschütterlich auf Major Milroy’s Mutter gefallen. Sie wußte sehr wohl, daß der Major sonst Niemanden in London kannte, den er mit den nothwendigen Erkundigungen beauftragen konnte, und daß Miß Gwilt sich als Fremde nur infolge der Aufforderung in der Zeitung um die Stelle beworben hatte. Obgleich sie indeß dies wußte, hatte sie mit der blinden Raserei der blindesten aller Leidenschaften hartnäckig vor allen offen vor ihr liegenden Thatsachen die Augen geschlossen und der letzten all’ der zahlreichen Differenzen zwischen ihr und ihrer Schwiegermutter gedenkend, die damit geendet, daß sie die beiden Damen gänzlich auseinander gebracht hatte, war sie begierig auf den Schluß gefallen, daß sie Miß Gwilt’s Engagement dem rachsüchtigen Wunsche ihrer Schwiegermutter, in ihrem Hause Unheil zu stiften, zuzuschreiben habe. Die Folgerung, welche sogar die Dienstboten, die Zeugen des häuslichen Aergernisses waren, ganz richtig aus der Sache gezogen, daß nämlich die Mutter des Majors, indem sie ihrem Sohne die Dienste einer gut empfohlenen Erzieherin verschafft, es durchaus nicht als einen Theil ihrer Pflicht betrachtet habe, im rein eingebildeten Interesse seiner Gattin auf das Aeußere der Erzieherin Rücksicht zu nehmen —— zu ihr sich zu erheben, war Mrs. Milroy’s Geist einfach unmöglich. Der Entschluß, zu dem sie ihre Eifersucht nach dem Anblicke Miß Gwilt’s jedenfalls getrieben hatte, ward durch die Ueberzeugung, die sich ihrer jetzt bemächtigte, doppelt in ihr bestärkt. Kaum hatte Miß Gwilt die Thür des Schlafzimmers geschlossen, als Mrs. Milroy’s Lippen leise die Worte zischten, »Ehe noch eine Woche über Deinem Haupte verstrichen, wirst Du Deiner Wege gehen, Mylady!«

Von jenem Augenblicke an kannte die bettlägerige Frau die schlaflosen Nächte und langen Tage hindurch keinen anderen Lebenszweck, als aus die Entlassung der neuen Erzieherin hinzuarbeiten.

Sie sicherte sich den Beistand der Wärterin als Spionin —— wie sie sich von ihrer Bedienung schon andere Extradienste verschafft hatte, zu denen diese nicht verpflichtet war —— durch ein Geschenk aus ihrer Garderobe. Die Kleidungsstücke, welche jetzt für Mrs. Milroy nutzlos waren, hatten Stück für Stück in dieser Weise dazu dienen müssen, die Habgier der Wärterin —— die unersättliche Habgier eines häßlichen Weibes nach schönen Kleidern —— zu stillen. Durch das schönste Kleid bestochen, das sie noch bisher erlangt, hatte die Hausspionin ihre geheimen Instructionen entgegengenommen und sich mit einer feilen Freude an ihr geheimes Werk gemacht.

Die Tage vergingen, das Werk ward fortgesetzt —— doch es kam zu keinem Resultate. Herrin und Dienerin hatten es mit einem Weibe zu thun, das ihnen Beiden gewachsen war. Häufiges plötzliches Erscheinen im Wohnzimmer, wenn der Major sich mit der Erzieherin allein darin befand, hatte nicht die unbedeutendste Unschicklichkeit in Worten, Mienen oder Gebärden zwischen ihnen entdecken können. Durch verstohlenes Lauern und Lauschen an der Schlafkammerthür der Gouvernante spürte man auf, daß sie spät in der Nacht Licht brannte und im Schlafe ächzte und mit den Zähnen knirschte —— weiter aber nichts. Sorgfältiges Aufpassen am Tage verhalf zu der Entdeckung, daß sie ihre Briefe regelmäßig selbst auf die Post trug, anstatt dieselben der Hausmagd anzuvertrauen —— und wenn ihre Pflichten sie frei ließen, dann und wann plötzlich aus dem Garten verschwunden und später allein aus dem Park zurückgekehrt war. Ein einziges Mal nur hatte die Wärterin Gelegenheit gefunden, ihr zu folgen, als sie aus dem Garten trat, war aber im Park augenblicklich von Miß Gwilt entdeckt und von dieser mit der unerträglichsten Höflichkeit gefragt worden, ob sie Lust habe, sie auf ihrem Spaziergange zu begleiten. Unbedeutende Umstände dieser Art, die für eine eifersüchtige Frau hinlänglich verdächtig waren, entdeckte man in Hülle und Fülle. Umstände jedoch, die ihr zu einer Klage über den Major ausgiebigen Grund verliehen hätten, fehlten gänzlich. Ein Tag nach dem andern verging, und Miß Gwilt beharrte bei ihrem durchaus schicklichen Betragen und ihrem tadellosen Verhalten zum Major und ihrer Schülerin.

Da sie sich nach dieser Seite hin zurückgeschlagen sah, so versuchte Mrs. Milroy zunächst eine angreifbare Stelle in der Angabe zu finden, welche die Dame, die Miß Gwilt empfohlen, über den Charakter der Erzieherin gemacht hatte.

Nachdem Mrs. Milroy sich vom Major den umständlichen Bericht verschaffte, den er über diesen Gegenstand von seiner Mutter erhalten, las sie das Schreiben einmal über das andere sorgfältig durch, ohne jedoch in irgend einem Theile des Briefes jenen schwachen Punkt zu finden, den sie suchte. Alle die in dergleichen Fällen üblichen Fragen waren gethan und offen und gewissenhaft beantwortet worden. Die einzige Stelle, die möglicherweise einen Angriff zulässig machte, war, nachdem alle praktischen Fragen beseitigt, eine Stelle am Schlusse des Briefes.

»Ich war von Miß Gwilt’s Anmuth und seinem Wesen so sehr frappiert«, lautete diese Stelle, »daß ich, sowie sie das Zimmer verlassen, die erste Gelegenheit ergriff, mich zu erkundigen, wie sie dazu gekommen, Erzieherin zu werden. »Es ist die alte Geschichte«, sagte man mir. »Eine traurige Familiengeschichte, in der sie sich edel benahm. Sie ist eine sehr sensible Person, und es widerstrebt ihr, mit Fremden hierüber zu sprechen —— ein sehr natürliches Widerstreben, das mein Zartgefühl mir stets zu achten gebot. Natürlich hatte ich dasselbe Zartgefühl. Es gehörte ganz und gar nicht zu meiner Pflicht, mich in den geheimen Kummer des armen Geschöpfes einzudrängen, ich hatte nichts weiter zu thun, als das, was ich jetzt gethan habe, um mich zu versichern, daß ich eine fähige und achtbare Person als Erzieherin für meine Enkelin engagierte.«

Nach sorgfältiger Erwägung dieser Zeilen fand sie Mrs. Milroy —— da sie etwas Verdächtiges sehnlich zu finden wünschte —— natürlich verdächtig. Sie beschloß, das Geheimniß von Miß Gwilt’s geheimem Kummer zu ergründen, in der Hoffnung, daraus etwas zu entnehmen, was ihrem Zwecke dienen könnte. Zweierlei Wege standen ihr dabei offen. Sie konnte die Erzieherin direct befragen, oder sich um fernere Auskunft an die Dame wenden, welche Miß Gwilt empfohlen hatte. Die Erfahrung, die sie bei ihrer ersten Unterredung mit Miß Gwilt von deren Talent, mit unbequemen Fragen umzuspringen gemacht hatte, bestimmte sie, den letzteren Weg einzuschlagen. »Ich will mir die Einzelheiten zuerst von jener Dame verschaffen«, dachte Mrs. Milroy, »und dann das Geschöpf selber ausfragen und sehen, ob die beiden Geschichten mit einander übereinstimmen.«

Der um Auskunft bittende Brief hielt sich gewissenhaft an die Sache. Mrs. Milroy begann damit, ihrer Correspondentin mitzutheilen, wie ihr Gesundheitszustand es nothwendig mache, ihre Tochter gänzlich dem Einflusse und der Aufsicht der Erzieherin zu überlassen. Aus diesem Grunde sei ihr mehr noch als den meisten Müttern daran gelegen, sich in jeder Hinsicht gründliche Auskunft über eine Person zu verschaffen, der sie ihr einziges Kind so ausschließlich anvertrauen möchte, und in dieser Sorge hoffe sie, daß die Dame ihr eine Frage verzeihen werde, die nach der vortrefflichen Empfehlung, welche sie Miß. Gwilt gegeben, als eine überflüssige erscheinen dürfe. Nach dieser Vorrede kam Mrs. Milroy sofort zur Sache und ersuchte die Dame, sie von den Umständen zu unterrichten, welche Miß Gwilt genöthigt hatten, eine Gouvernantenstelle zu suchen.

Der also abgefaßte Brief ward noch am nämlichen Tage abgesandt. An dem Morgen, an dem die Antwort fällig war, erschien noch keine. Auch der nächste Morgen brachte keine Antwort. Als der dritte Morgen kam, hatte Mrs. Milroy alle Geduld verloren. Sie hatte ihre Pflegerin vor sich beschieden, wie bereits erzählt, und ihr befohlen, die Briefe der Morgenpost mit eigener Hand dem Postboten abzunehmen. So standen gegenwärtig die Dinge, und aus diesen häuslichen Verhältnissen erwuchs eine neue Reihe von Ereignissen zu Thorpe-Ambrose.

Eben hatte Mrs. Milroy nach ihrer Uhr gesehen und nochmals die Hand nach dem Glockenzuge ausgestreckt, als die Thür sich öffnete und die Wärterin ins Zimmer trat.

»Ist, der Briefträger dagewesen?« fragte Mrs. Milroy.

Ohne zu antworten, legte die Pflegerin einen Brief auf das Bett und wartete mit unverhohlener Neugier die Wirkung ab, welche derselbe auf ihre Herrin hervorbringen würde.

Mrs. Milroy riß das Couvert ab, sowie sie ihn in die Hand nahm. Ein gedrucktes Papier kam zu Tage, das sie schnell bei Seite warf; es enthielt einen Brief, den sie betrachtete, in ihrer eigenen Handschrift! Sie ergriff jetzt das gedruckte Papier. Es war die übliche postamtliche gedruckte Mittheilung, daß ihr Brief im Hause der Person präsentiert worden, an die derselbe adressiert, daß aber diese dort nicht zu finden gewesen sei.

»Etwas nicht in Ordnung?« fragte die Wärterin, eine Veränderung im Gesicht ihrer Herrin wahrnehmend.

Die Frage blieb unbeachtet Mrs. Milroy’s Schreibpult stand auf dem Tische an ihrem Bette. Sie suchte daraus den Brief hervor, den die Mutter des Majors an ihren Sohn geschrieben und wandte sich zu der Seite, welche den Namen und die Adresse der Dame angab, die Miß Gwilt empfohlen hatte. »Mrs. Mandeville, 18. Kingsdown Crescent, Bahswater", las sie mit begierigem Blicke für sich, und sah dann auf das Couvert ihres eigenen zurückgesandten Briefes. Sie hatte keine Versehen gemacht: beide Adressen waren genau dieselben.

»Etwas nicht in Ordnung?« wiederholte die Wärterin, einen Schritt näher ans Bett tretend.

»Gott sei’s gedankt —— ja!« rief Mrs. Milroy mit einem plötzlichen Ausbruche des Frohlockens. Sie warf der Wärterin das postamtliche Circulär zu und schlug im Entzücken ihres erwarteten Triumphes mit ihren beiden dürren Händen auf die Bettdecke »Miß Gwilt ist eine Betrügerin! Miß Gwilt ist eine Betrügerin! Und wenn es mein Tod ist, Rachel, so will ich mich ans Fenster tragen lassen, um sie von der Polizei abführen sehen.«

»Sie hinter ihrem Rücken eine Betrügerin nennen ist Eins, aber zu beweisen, daß sie dies ist, ist ein Anderes«, bemerkte die Wärterin. Während sie sprach hatte sie in ihre Schürzentasche gegriffen und mit einem bedeutungsvollen Blicke auf ihre Herrin einen zweiten Brief herausgenommen.

»Für mich?« fragte Mrs. Milroy.

»Nein«, sagte die Wärterin,, »für Miß Gwilt.

Die beiden Frauen sahen einander an und verstanden sich, ohne ein Wort zu sprechen.

»Wo ist sie?« fragte Mrs. Milroy.

Die Wärterin deutete nach dem Parke zu. »Wieder ausgegangen —— macht wieder einen einsamen Spaziergang vor dem Frühstück.«

Mrs. Milroy winkte der Wärterin, sich zu ihr herabzubeugen »Könnt Ihr ihn öffnen, Rachel?« flüsterte sie.

Rachel nickte.

»Könnt Ihr ihn wieder schließen, sodaß Niemand was davon sieht?«

»Können Sie sich ohne den Shawl behelfen, der zu Ihrem perlgrauen Kleide paßt?« fragte Rachel.

»Nehmt ihn!« sagte Mrs. Milroy ungeduldig.

Schweigend machte die Wärterin den Kleiderschrank auf, schweigend nahm sie den Shawl heraus und schweigend verließ sie das Zimmer. In weniger als fünf Minuten kehrte sie mit dem geöffneten Briefe an Miß Gwilt zurück.

»Ich danke Ihnen für den Shawl, Madam«, sagte Rachel, indem sie den Brief gelassen auf die Bettdecke legte.

Mrs. Milroy betrachtete das Couvert. Dasselbe war in der gewohnten Weise vermittelst Klebegummis geschlossen und durch Anwendung von heißem Wasserdampfe geöffnet worden. Als Mrs. Milroy den Brief herausnahm, zitterten ihre Hände heftig und die weiße Emaille zerbröckelte auf ihrer runzeligen Stirn.

»Meine Tropfen«, sagte sie. »Ich bin fürchterlich aufgeregt, Rachel. Meine Tropfen!«

Rachel reichte ihr die Tropfen und ging dann ans Fenster, um den Park zu überschauen »Uebereilen Sie sich nicht«, sagte sie. »Sie ist noch nirgends zu sehen.«

Mrs. Milroy zögerte noch immer und hielt das wichtige Blatt Papier in der Hand. Sie hätte Miß Gwilt das Leben nehmen können, aber sie zögerte Miß Gwilt’s Brief zu lesen.

»Fühlen Sie sich etwa durch Gewissensskrupel beunruhigt?« fragte die Wärterin in spöttischem Tone. »Erachten Sie es als eine Pflicht, die Sie Ihrer Tochter schulden.«

»Elendes Geschöpf« sagte Mrs. Milroy. Mit dieser Kundgebung ihrer Meinung öffnete sie den Brief.

Dieser war sichtlich in großer Eile geschrieben —— undatiert und nur mit Anfangsbuchstaben unterzeichnet. Er lautete folgendermaßen:

»Diana-Straße.

Meine liebe Lydia!

Der Fiaker wartet vor der Thür und es bleibt mir nur ein Augenblick, um Dir zu sagen, daß ich London auf drei oder vier Tage, vielleicht auf eine Woche, in Geschäftsangelegenheiten verlassen muß. Wenn Du mir schreibst, werden mir Deine Briefe nachgesandt werden. Ich habe den gestrigen empfangen und bin ganz Deiner Ansicht hinsichtlich dei Wichtigkeit, ihn über den heiklen Punkt Deiner persönlichen Geschichte und Familienverhältnisse so lange, wie Du dies mit Sicherheit zu thun im Stande bist, im Dunkeln zu lassen. Je besser Du ihn kennen lernst, desto besser wirft Du Dich für die Art von Geschichte entscheiden können, die Du ihm auftischen darfst. Sobald Du dieselbe einmal erzählt, wirst Du dabei bleiben müssen, —— und da Du dabei bleiben mußt, hüte Dich, sie nicht zu complicirt und zu eilig zu machen. Ich will Dir hierüber noch schreiben und meine Ideen mittheilen. Inzwischen riskiere keine zu häufigen Rendezvous mit ihm im Park. —— Die Deine,

M. O.«

»Nun?P« fragte die Wärterin, sich zum Bette umwendend. »Sind Sie mit dem Briefe fertig?«

»Rendezvous mit ihm im Park?« wiederholte Mrs. Milroy, die Augen auf den Brief heftend »Ihm! Rachel, wo ist der Major?«

»In seinem Zimmer.«

»Das glaube ich nicht!«

»Wie es Ihnen beliebt. Ich muß den Brief und das Couvert haben.«

»Könnt Ihr es wieder schließen, ohne daß sie etwas davon sieht?«

»Was ich öffnen kann, kann ich auch wieder schließen. Sonst noch etwas?«

»Weiter nichts.«

Mrs. Milroy war wieder allein und betrachtete ihren Angriffsplan in dem neuem Lichte, das jetzt auf Miß Gwilt geworfen war.

Die Auskunft, die sie aus dem Briefe an die Gouvernante genommen, wies deutlich aus den Schluß, daß sich eine Abenteuerin in ihr Haus eingeschlichen, und zwar vermittelst einer falschen Empfehlung. Da sie diese Nachricht aber durch eine unehrenhafte Handlung erlangt, die sie unmöglich bekennen durfte, so konnte Mrs. Milroy weder um den Major zu warnen, noch um Miß Gwilt bloßzustellen, Gebrauch von dieser Kenntniß machen. Die einzige brauchbare Waffe, die Mrs. Milroy in den Händen hielt, war ihr eigener zurückgesandter Brief —— und die Frage, welche sie jetzt zu entscheiden hatte, die, in welcher Weise sie diese ihre Waffe am wirksamsten und schleunigsten werde in Anwendung bringen können.

Je länger sie die Sache in Erwägung zog, desto voreiliger erschien ihr das Frohlocken, dem sie sich beim ersten Anblicke ihres zurückgesandten Briefes hingegeben. Daß eine Dame, die eine Erzieherin empfohlen, ihre Wohnung gewechselt, ohne eine Spur von sich oder selbst nur eine Adresse zu hinterlassen, nach der ihre Briefe nachgeschickt würden, war an sich verdächtig genug, um dem Major mitgetheilt zu werden. Aber wie verkehrt ihre Meinung von ihrem Gatten in einigen Beziehungen immer sein mochte —— Mrs. Milroy war mit seinem Charakter sattsam vertraut, um die Gewißheit zu fühlen, daß er, wenn sie ihn von dem Vorgefallenen unterrichtete, sich offen eine Erklärung von der Erzieherin ausbitten würde. Miß Gwilt’s gewandte Schlauheit würde ihr in diesem Falle auf der Stelle eine plausible Antwort in den Mund geben, welche die Parteilichkeit des Majors nur zu bereitwillig annehmen dürfen, und die Gouvernante würde ohne Zweifel keine Zeit verlieren, brieflich ihre Vorkehrungen für das pünktliche Eintreffen aller nothwendigen Bestätigung ihrer Angabe von Seiten ihrer Mitschuldigen in London zu treffen. Bei einem Mann, wie der Major, und einem Weibe, wie Miß Gwilt, bestand der einzig sichere Weg offenbar darin, daß sie für den Augenblick ein strenges Schweigen beobachtete und, ohne Vorwissen der Erzieherin, solche Nachforschungen anstellte, wie sie zur Entdeckung von unstreitbaren Beweisen nothwendig wären. Wem aber konnte Mrs. Milroy in ihrer eigenen Hilflosigkeit die schwierige und gefährliche Aufgabe dieser Nachforschungen anvertrauen? Die Wärterin konnte, selbst wenn sie sich auf dieselbe verlassen durfte, nicht sogleich entbehrt und nicht fortgeschickt werden, ohne daß dadurch Aufmerksamkeit erregt wurde. Gab es in Thorpe-Ambrose oder in London irgendeine andere fähige und zuverlässige Person, die sie dazu verwenden konnte? Mrs. Milroy warf sich in ihrem Bette hin und her und suchte in jedem Winkel ihres Geistes vergebens nach dem erforderlichen Hilfsmittel. »O, wenn ich doch nur eines Menschen habhaft werden könnte, dem ich trauen dürfte!« dachte sie Verzweifelnd. »Wenn ich nur wüßte, wo ich Hilfe suchen könnte!«

In demselben Augenblicke, da dieser Gedanke in ihrem Geiste auftauchte, hörte sie die Stimme ihrer Tochter vor ihrer Thür.

»Darf ich hereinkommen?« fragte Neelie.

»Was willst Du?« entgegnete Mrs. Milroy ungeduldig.

»Ich bringe Dir Dein Frühstück,Mama.«

»Mein Frühstück?« wiederholte Mrs. Milroy erstaunt. »Warum bringt Rachel es nicht, wie gewöhnlich?« sie überlegte einen Augenblick und rief dann in scharfem Tone: »Komm« herein!«



Kapiteltrenner

Elftes Kapitel.

Neelie trat mit dem Präsentirbrett herein, auf dem sie den Thee, die gerösteten Brodschnitten und das Stückchen Butter brachte, die das unveränderliche Frühstück der Kranken ausmachten.

»Was soll das heißen?« fragte Mrs. Milroy, indem sie aufsah und sprach, als ob die unrechte Dienerin in ihr Zimmer gekommen wäre.

Neelie setzte das Präsentirbrett auf den Tisch neben dem Bette nieder. »Ich wünschte so sehr, Dir auch einmal Dein Frühstück zu bringen, Mama«, erwiderte sie, »und bat Rachel, es mir zu überlassen.«

»Komm her«, sagte Mrs. Milroy, »und sage mir guten Morgen.«

Neelie gehorchte Wie sie sich bückte, um ihre Mutter zu küssen, faßte Mrs. Milroy sie am Arm und drehte sie schnell dem Lichte zu. Im Gesichte ihrer Tochter waren deutliche Spuren der Bekümmerniß zu lesen. Augenblicklich fühlte sich Mrs. Milroy von einer tödtlichen Angst durchschauert. Sie glaubte, Miß Gwilt habe entdeckt, daß ihr Brief geöffnet worden sei, und die Wärterin halte sich deshalb fern.

»Laß mich los, Mama«, sagte Neelie, vor dem Griffe ihrer Mutter zurückbebend. »Du thust mir weh.«

»Sage mir, warum Du mir heute Morgen mein Frühstück heraufgebracht hast?« fragte Mrs. Milroy nochmals.

»Ich habe es Dir schon gesagt, Mama!«

»Das hast Du nicht gethan! Du hast einen Vorwand gemacht —— ich sehe dies in Deinem Gesichte. Komm! Was ist’s?«

Neelie’s Entschlossenheit wich der ihrer Mutter. Sie blickte unruhig seitwärts auf die Sachen auf dem Präsentirbrett »Ich habe mich geärgert«, sagte sie mit Mühe, »und mochte nicht im Frühstückszimmer bleiben. Ich wollte zu Dir kommen und mit Dir reden.«

»Geärgert? Wer hat Dich geärgert? Was hat sich zugetragen? Hat Miß Gwilt etwas damit zu schaffen?«

Neelie blickte mit plötzlicher Neugierde und Bestürzung wieder ihre Mutter an. »Mama«, sagte sie. »Du liest meine Gedanken —— Du erschreckst mich förmlich. Es war in der That Miß Gwilt!«

Ehe Mrs. Milroy ihrerseits ein Wort zu sagen vermochte, öffnete sich die Thür und die Wärterin sah herein.

»Haben Sie alles, was Sie wünschen?« fragte sie so gelassen, wie immer. »Miß bestand darauf, heute Morgen Ihr Frühstück heraufzubringen. Hat sie etwas zerbrochen?«

»Geh’ ans Fenster —— ich habe mit Rachel zu reden«, sagte MS. Milroy.

Sowie ihre Tochter den Rücken gewendet, winkte sie die Wärterin ungeduldig zu sich heran. »Ist irgendetwas vorgefallen?« fragte sie flüsternd »Meint Ihr, sie habe uns im Verdacht?«

Die Wärterin wandte sich mit ihrem harten spöttischen Lächeln ab. »Ich sagte Ihnen, es solle geschehen«, erwiderte sie, »und es ist geschehen. Sie hat nicht die Spur von Argwohn» Ich wartete im Zimmer und sah sie den Brief in die Hand nehmen und öffnen.«

Mrs. Milroy athmete erleichtert auf. »Ich danke«, sagte sie laut genug, um von ihrer Tochter gehört zu werden. »Ich brauche weiter nichts.«

Die Wärterin ging, und Neelie kam vom Fenster zurück. Mrs. Milroy faßte ihre Hand und betrachtete sie aufmerksamer und liebevoller als gewöhnlich.

Ihre Tochter interessierte sie heute Morgen, denn ihre Tochter hatte etwas über Miß Gwilt zu sagen.

»Ich glaubte sonst, daß Du hübsch zu werden versprächst, Kind«, sagte sie, die unterbrochene Unterhaltung vorsichtig in der am wenigsten directen Weise wieder aufnehmend. »Aber Du scheinst Dein Versprechen nicht zu halten. Du siehst unwohl und niedergeschlagen aus, —— was fehlt Dir?«

Hätte zwischen Mutter und Kind irgendwelche Sympathie stattgefunden, so würde Neelie vielleicht die Wahrheit bekannt haben Sie hätte vielleicht erwidert: »Ich sehe elend aus, weil mir das Leben verkümmert wird. Ich liebe Armadale und Armadale hat bis vor kurzem mich geliebt. Wir hatten eine einzige kleine Differenz, in der ich zu tadeln war. Ich hätte ihm dies damals gern gesagt und möchte es ihm seitdem fortwährend sagen, aber Miß Gwilt drängt sich zwischen mich und ihn und hindert mich daran. Sie hat uns einander entfremdet —— sie hat ihn umgestimmt und mir entrissen. Er sieht mich nicht mehr an, wie früher, spricht nicht mehr zu mir, wie früher; ist nie mehr allein mit mir; ich kann nicht zu ihm sprechen, wie ich mich zu sprechen sehne, und ich kann nicht an ihn schreiben, denn das würde das Aussehen haben, als wollte ich ihn zu mir zurückbringen. Es ist Alles vorbei zwischen mir und Armadale —— und das ist die Schuld jenes Frauenzimmers. Den ganzen Tag ist Groll zwischen mir und Miß Gwilt, und was ich immer sagen oder thun mag —— sie weiß mich stets ihre Ueberlegenheit fühlen zu lassen und mir zu zeigen daß ich im Unrecht bin. Ehe sie kam, freute ich mich über Alles, was ich in Thorpe-Amhrose sah, und war glücklich. Jetzt macht mir nichts mehr Freude, ich bin über nichts mehr glücklich!« Wäre Neelie je gewöhnt gewesen, ihre Mutter um Rath zu fragen und sich der Liebe ihrer Mutter anzuvertrauen, so hätte sie vielleicht jetzt solche Worte zu ihr gesprochen. So aber füllten sich blos ihre Augen mit Thränen und sie ließ schweigend den Kopf aus die Brust sinken. »Komm!« sagte Mrs. Milroy, welche die Geduld zu verlieren begann. »Du hast mir etwas über Miß Gwilt zu sagen. Was ist es?«

Neelie drängte ihre Thränen zurück und machte eine Gewaltanstrengung um zu antworten. »Sie quält mich auf das unerträglichste Mama; ich kann’s nicht aushalten; ich werde etwas thun ——« Neelie stockte und stampfte zornig mit dem Fuße auf den Boden. »Ich werde ihr etwas an den Kopf werfen, wenn es noch lange in dieser Weise fortgeht! Ich würde ihr schon heute Morgen etwas an den Kopf geworfen haben, hätte ich nicht das Zimmer verlassen. O, bitte, sprich mit Papa! Bitte, erfinde irgendeinen Grund, um sie fortzuschicken! Ich will mich in eine Pension schicken lassen, will Alles in der Welt thun, um Miß Gwilt loszuwerdenl«

Um Miß Gwilt loszuwerden! Bei diesen Worten —— bei diesem Echo ihres Alles überwindenden geheimen Herzenswunsches von den Lippen ihrer Tochter —— richtete Mrs. Milroy sich langsam im Bette auf. Was sollte das heißen? Kam etwa die Hilfe, die sie suchte, gerade aus dem Viertel, wo sie dieselbe am wenigsten gesucht hatte?

»Warum möchtest Du sie loswerden?« fragte sie. »Worüber hast Du Dich zu beklagen?«

»Ueber nichts!« sagte Neelie. »Das ist das Aergerliche an der Sache. Miß Gwilt will mir keinen Grund zur Beschwerde geben. Sie ist ganz unausstehlich; sie bringt mich von Sinnen und ist dabei ein Bild alles Anstands Wahrscheinlich ist es Unrecht aber es ist mir einerlei —— ich hasse sie!«

Mrs. Milroy’s Augen prüften das Gesicht ihrer Tochter, wie sie dasselbe noch nie zuvor geprüft hatten. Augenscheinlich lag etwas unter der Oberfläche —— etwas, das für ihren eigenen Zweck in Erfahrung zu bringen von der allergrößten Wichtigkeit für Mrs. Milroy sein konnte —— das sich noch nicht zu erkennen gab. Sie sah sich sanft und allmählig immer tiefer und tiefer in Neelie’s Seele hineinstehlen und mit immer wärmerem Interesse Neelie’s Geheimniß ausforschen.

»Schenke mir eine Tasse Thee ein, mein Kind«, sagte sie, »und rege Dich nicht auf. Warum sprichst Du darüber mit mir? Warum wendest Du Dich nicht an Deinen Papa?«

»Ich habe mit Papa zu sprechen versucht«, sagte Neelie. »Aber es nützt nichts, er ist zu gut, um einzusehen, welch ein abscheuliches Geschöpf sie ist. Vor ihm nimmt sie stets das beste Betragen an; sie weiß sich ihm stets auf eine oder die andere Weise nützlich zu machen. Ich kann es ihm nicht auseinandersetzen, warum ich diese Abneigung gegen Miß Gwilt hege —— ich kann es auch Dir nicht begreiflich machen —— ich kann es nur selber begreifen.« Sie versuchte den Thee einzuschenken, vergoß denselben aber bei dem Versuche. »Ich will wieder hinunter geben«, rief Neelie in Thränen ausbrechend. »Ich tauge zu gar nichts —— ich kann selbst nicht einmal eine Tasse Thee einschenken!«

Mrs. Milroy ergriff ihre Hand und hielt sie fest. So unbedeutend solche gewesen, hatte doch Neelie’s Anspielung auf die Beziehungen zwischen dem Major und Miß Gwilt rasch die Eifersucht der Mutter erweckt. Der Zwang, den Mrs. Milroy sich bisher angethan, schwand augenblicklich —— schwand sogar in Gegenwart eines sechzehnjährigen Mädchens, das obendrein ihr eigenes Kind war.

»Bleib hier!« sagte sie heftig. »Du bist an den rechten Ort und zur rechten Person gekommen. Fahre fort, auf Miß Gwilt zu schimpfen. Ich höre dies gern —— denn auch ich hasse sie!«

»Du, Mama!« rief Neelie, erstaunt ihre Mutter anblickend.

Einen Augenblick zögerte Mrs. Milroy, ehe sie weiter sprach. Ein letzter Instinkt aus ihrem früheren ehelichen Leben mahnte sie, auf die Jugend und das Geschlecht ihres Kindes Rücksicht zu nehmen. Aber die Eifersucht nimmt auf nichts Rücksicht, weder im Himmel noch auf Erden, auf nichts, als auf sich selbst. Das langsame Feuer der Selbstqual, das Tag und Nacht in der Brust dieses unglücklichen Weibes glühte, schoß sein tödtliches Licht in ihre Augen, während die nächsten Worte langsam und giftig von ihren Lippen fielen.

»Wenn Du Augen im Kopf gehabt, würdest Du. nicht zu Deinem Vater gegangen sein«, sagte sie. »Dein Vater hat seine Gründe dafür, nichts anzuhören, was ihm von Dir oder sonst irgendjemand über Miß Gwilt gesagt wird.«

Manche Mädchen in Neelies Alter würden den geheimen Sinn dieser Worte nicht erkannt haben. Zum Unglück für die Tochter aber hatte diese hinlängliche Erfahrungen über die Mutter gemacht, um diese zu verstehen. Mit erglühendem Gesichte sah Neelie vom Bette zurück. »Mama!« sagte sie, »Du sprichst ganz abscheulich! Der Papa ist der beste, liebste, zärtlichste —— o, ich will’s nicht hören! —— ich will’s nicht hören.«

Mrs. Milroy’s Heftigkeit ließ augenblicklich alle Zügel fahren, und zwar um so mehr, als sie sich wider Willen bewußt war, Unrecht gethan zu haben.

»Du impertinente kleine Närrin!« rief sie wüthend, »meinst Du, ich bedürfe Deiner, damit Du mich an meine Pflichten gegen Deinen Vater erinnerst? Soll ich etwa von einer naseweisen kleinen Creatur, wie Du, lernen, wie ich von Deinem Vater sprechen, von Deinem Vater denken und Deinen Vater lieben und ehren soll? Ich kann Dir sagen, daß es eine große Enttäuschung für mich war, als Du geboren wardst —— ich wünschte mir einen Knaben, Du impertinentes Ding! Wenn Du je einen Mann findest, der einfältig genug ist, Dich zu heirathen, so mag er sich glücklich schätzen. wenn Du ihn nur halb so sehr, ein Viertel so sehr, ein Hunderttausendstel so sehr liebst, wie ich Deinen Vater geliebt habe. Ach, wenn’s zu spät ist, kannst Du weinen; Du kannst zu Deiner Mutter zurückgeschlichen kommen, nachdem Du sie beleidigt hast, und sie um Verzeihung bitten. Du plumpes, vierschrötiges kleines Geschöpf! Ich war weit schöner, als Du jemals werden kannst, zur Zeit, da ich Deinen Vater heirathete —— ich wäre durch Feuer und Wasser gegangen, um Deinem Vater zu dienen! Hätte er mich gebeten, einen meiner Arme abzuschneiden, so würde ich es gethan haben —— ihm zu gefallen, würde ich es gethan haben!« Sie wandte plötzlich ihr Gesicht der Wand, zu —— ihre Tochter, ihren Gatten, Alles vergessend, außer der marternden Erinnerung an ihre verlorene Schönheit. »Meine Arme.« wiederholte sie matt für sich. »Was für Arme ich hatte, als ich jung war!« Sie streifte verstohlen den Aermel ihres Nachtkleides auf und sagte schaudernd: »Und wenn ich sie jetzt ansehe! wenn ich sie jetzt ansehe!«

Neelie fiel am Bette auf die Kniee nieder und barg ihr Gesicht in der Decke. In reiner Verzweiflung, sonst irgendwo Trost und Hilfe zu finden, hatte sie sich ihrer Mutter in die Arme geworfen —— und das hatte so geendet!

»O, Mama«, flehte sie, »Du weißt, daß ich Dich nicht kränken wollte! Ich konnte nicht anders, als Du so von meinem Vater sprachst. O, bitte, bitte, vergib mir.«

Mrs. Milroy wandte sich auf ihrem Kissen wieder um und sah ihre Tochter mit ausdruckslosen, Blicke an. »Dir vergeben?« wiederholte sie, während ihr Geist noch in der Vergangenheit war und sich, wie im finsteren, zur Gegenwart zurück tastete.

»Ich bitte Dich um Verzeihung, Mama —— auf den Knieen bitte ich Dich um Verzeihung. Ich bin so unglücklich, ich sehne mich so sehr nach ein wenig Liebe! Willst Du mir nicht vergeben?«

»Warte ein wenig«, erwiderte Mrs. Milroy, »Ah«, sagte sie nach einer Pause, »jetzt weiß ich! Dir vergeben? Ja, ich will Dir unter einer Bedingung vergeben.« Sie hob Neelie’s Kopf auf und sah ihr prüfend ins Gesicht. »Sage mir, warum Du Miß Gwilt hassest? Du hast Deine Gründe dafür, daß Du sie hassest, und Du hast mir dieselben noch nicht eingestanden.«

Neelie ließ den Kopf wieder sinken. Die dunkle Glut, die sie versteckte, indem sie ihr Gesicht verbarg, theilte sich ihrem Nacken mit. Ihre Mutter sah es und ließ ihr Zeit.

»Sage mir«, wiederholte Mrs. Milroy in sanfterem Tone, »warum hassest Du sie?«

Die Antwort kam widerstrebend und in abgerissenen Worten.

»Weil sie versucht ——«

»Was versucht?«

»Weil sie Jemanden der viel ——«

»Viel was?«

»Der viel zu jung für sie ist ——«

»Gern heirathen möchte?«

»Ja, Mama.«

Mit athemlosen Interesse beugte Mrs. Milroy sich vorwärts und spielte liebkosend mit dem Haar ihrer Tochter.

»Wer ist dies, Neelie?« fragte sie flüsternd.

»Du wirst niemals weiter sagen, daß ich es Dir gesagt habe, nicht wahr nicht, Mama?«

»Niemals! Wer ist es?«

»Mr. Armadale.«

Wird. Milroy lehnte sich in tiefem Schweigen auf ihr Kissen zurück. Das klare Bekenntniß ihrer ersten Liebe, das ihre Tochter mit eigenen Lippen abgelegt, das sofort die ganze Aufmerksamkeit jeder andern Mutter in Anspruch genommen haben würde, beschäftigte sie keinen Augenblick. Ihre Eifersucht, die Alles verdrehte, um es ihren Schlußfolgerungen anzupassen, war eifrig beschäftigt, auch das zu verdrehen was sie soeben gehört hatte. »Eine Verstellung«, dachte sie, »die mein Kind getäuscht hat. Mich aber täuscht dieselbe nich. Ist es wahrscheinlich, daß Miß Gwilt dies gelingen wird?« fragte sie laut. »Zeigt Mr. Armadale irgendwelches Interesse für sie?«

Zum ersten Male sah Neelie zu ihrer Mutter auf. Der schwerste Theil ihres Bekenntnisses war jetzt worüber, sie hatte die Wahrheit von Miß Gwilt gesagt und offen Allan’s Namen ausgesprochen.

»Er legt das unerklärlichste Interesse für sie an den Tag«, sagte sie. »Es ist mir unbegreiflich; eine förmliche Verblendung ist es —— es empört mich, davon zu sprechen!«

»Wie kommst Du dazu, Mr. Armadale’s Geheimnisse zu wissen?« fragte Mrs. Milroy. »Hat er aus allen Leuten in der Welt Dich auserkoren, um sein Interesse für Miß Gwilt auszusprechen?«

»Mich!« rief Miß Neelie entrüstet. »Es ist wahrhaftig schlimm genug, daß er es dem Papa gesagt hat.«

Bei diesem Wiederauftreten des Majors in der Erzählung stieg Mrs. Milroy’s Interesse an der Unterhaltung aufs Höchste. Sie richtete sich abermals vom Kissen auf. »Nimm einen Sessel«, sagte sie. »Setze Dich, Kind, und erzähle mir die ganze Geschichte Jedes Wort, hörst Du? — jedes Wort!«

»Ich kann Dir nur erzählen, Mama, was der Papa mir erzählt hat.«

»Wann?«

»Am Sonnabend. Ich trug dem Papa sein Gabelfrühstück in die Werkstatt und er sagte: »Ich habe soeben einen Besuch von Mr. Armadale gehabt und möchte Dir eine Warnung geben, da ich eben daran denke." Ich sagte nichts, Mama, ich wartete blos. Dann fuhr der Papa fort und sagte mir, Mr. Armadale habe mit ihm von Miß Gwilt gesprochen und Fragen über sie an ihn gerichtet, zu denen Niemand in seiner Stellung berechtigt sei. Der Papa sagte, er habe sich genöthigt gesehen, Mr. Armadale in aller Freundschaft zu ermahnen, ein andermal ein wenig zartfühlender und vorsichtiger zu sein. Ich fühlte mich nicht sehr interessiert, Mama —— es lag mir durchaus gar nichts daran, was Mr. Armadale gesagt oder gethan. Was sollte ich mich darum kümmern!«

»Laß Dich dabei aus dem Spiele«, unterbrach ihre Mutter sie mit Schärfe. »Fahre mit dem fort, was Dein Vater sagte. Was that er, als er von Miß Gwilt sprach? Wie sah er aus?«

»Ziemlich wie gewöhnlich, Mama. Er ging in der Werkstatt auf und ab, und ich nahm seinen Arm und promenierte mit ihm.«

»Ich will nicht wissen, was Du gethan hast«, sprach Mrs. Milroy immer gereizter. »Sagte Dein Vater Dir, was für Fragen Mr. Armadale an ihn gerichtet, oder nicht?«

»Ja, Mama. Er sagte, Mr. Armadale begann mit der Bemerkung, daß er großes Interesse an Miß Gwilt nehme, und fragte dann, ob der Papa ihm irgendetwas über ihre Familienverhältnisse ——«

»Was!!« rief Mrs. Milroy. Das Wort brach fast wie ein Schrei heraus und die weiße Schminke auf ihrem Gesichte platzte in allen Richtungen. »Das sagte Mr. Armadale?« sprach sie, sich immer weiter aus dem Bette heraus beugend.

Neelie sprang auf und suchte ihre Mutter aufs Kissen zurückzulegen.

»Mama!« rief sie aus. »Hast Du Schmerzen? Bist Du krank? Du erschreckst mich!«

»Nichts, nichts, nichts«, sagte Mrs. Milroy. Sie war zu heftig, bewegt, um eine andere als die allergewöhnlichste Entschuldigung zu machen. »Meine Nerven sind heute Morgen sehr gereizt —— kehre Dich nicht daran. Ich will es auf der andern Seite des Kissens versuchen. Fahr’ fort, fahr’ fort! Ich höre Dich, wenn gleich ich Dich nicht ansehe.« Sie wandte ihr Gesicht der Wand zu und ballte ihre zitternden Hände krampfhaft unter der Bettdecke »Ich habe sie!« flüsterte sie für sich. »Ich habe sie endlich!«

»Ich fürchte, ich habe zu viel gesprochen«, sagte Neelie. »Ich fürchte, ich bin zu lange hier geblieben. Soll ich jetzt hinuntergehen, Mama, und später wiederkommen?«

»Fahr’ fort«, wiederholte Mrs. Milroy mechanisch.

»Was hat Dein Vater darauf gesagt? Noch sonst etwas über Mr. Armadale?«

»Nichts weiter, außer, was der Papa ihm zur Antwort gab«, erwiderte Neelie »Papa wiederholte mir seine eigenen Worte, als er mir davon erzählte. Er sagte: »In Ermangelung irgendwelcher freiwilligen Mittheilungen von der Dame selbst über diesen Gegenstand, Mr. Armadale, ist Alles, was ich weiß, oder zu wissen wünsche —— und Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich hinzufüge, Alles, was sonst irgendjemand zu wissen braucht, oder zu wissen wünschen sollte —— daß Miß Gwilt mir eine völlig befriedigende Empfehlung brachte, ehe sie in mein Haus kam? Das war streng, Mama, nicht wahr? Ich habe nicht das geringste Mitleid mit ihm —— er hat es vollkommen verdient. Dann kam des Papas Warnung an mich. Er hieß mich Mr. Armadales Neugier nicht befriedigen, wenn er sich nun etwa an mich wendete. Als ob es wahrscheinlich sei, daß er sich an mich wendete, und als ob ich ihn anhören würde! Das ist Alles, Mama. Nicht wahr, Du glaubst nicht, daß ich Dir alles dies gesagt habe, weil ich Mr. Armadale abhalten möchte, Miß Gwilt zu heirathen? Er mag sie heirathen, wenn es ihm beliebt —— mir ist es einerlei!« sagte Neelie mit einer Stimme, die ein wenig bebte, und mit einem Gesichte, das kaum ruhig genug war, um mit dieser Erklärung ihrer Gleichgültigkeit zu harmonieren. »Alles, was ich will, ist Befreiung von Miß Gwilt als meiner Erzieherin. Ich möchte lieber in, eine Pension geschickt werden. Ja, ich möchte in eine Erziehungsanstalt gehen. Meine Ansicht von Allem ist jetzt eine völlig andere, ich habe nur nicht den Muth, es dem Papa zu sagen. Ich weiß nicht, was mit mir vorgegangen ist —— mir ist, als ob ich zu nichts mehr Muth besäße —— und wenn der Papa mich abends auf den Schooß nimmt und sagt: »Laß uns Plaudern, Neelie", da macht er mich weinen. Wolltest Du ihn wohl darauf vorbereiten, Mama, daß ich andern Sinnes geworden bin und lieber in eine Pension gehen möchte?« Ihre Augen füllten sich mit schweren Thränen und sie bemerkte nicht, daß ihre Mutter sich nicht einmal auf ihrem Kissen umwandte, um sie anzusehen.

»Ja, ja«, « sagte Mrs. Milroy zerstreut. »Du bist ein gutes Mädchen; Du sollst in eine Pension geschickt werden.«

Die grausame Kürze der Erwiderung und der Ton, in dem sie gesprochen ward, sagten Neelie, daß die Aufmerksamkeit ihrer Mutter weit, weit von ihr sei und daß es nutzlos wäre, die Unterhaltung noch ferner fortzusetzen. Ruhig, ohne ein Wort des Vorwurfs wandte sie sich ab. Es war ihr nichts Neues, sich von der Theilnahme ihrer Mutter ausgeschlossen zu sehen. Sie sah ihre Augen im Spiegel an und badete dann ihr Gesicht in kaltem Wasser. »Miß Gwilt soll nicht sehen, daß ich geweint habe«, dachte Neelie, indem sie wieder an das Bett trat, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden. »Ich habe Dich ermüdet, Mama«, sagte sie leise. »Laß mich jetzt gehen, und später wiederkommen, wenn Du ein wenig geruht haben wirst«

»Ja«, antwortete ihre Mutter noch ebenso mechanisch, wie zuvor, »ein wenig später, wenn ich etwas geruht haben werde.«

Neelie verließ das Zimmer. Sowie sie die Thüre hinter sich geschlossen, klingelte Mrs. Milroy, um« die Wärterin zu sich zu bescheiden. Der soeben gehörten Erzählung, jeder vernünftigen Schätzung der Wahrscheinlichkeiten zum Trotz, klammerte sie sich noch immer so fest, wie je, an ihre eifersüchtigen Schlüsse »Mr. Armadale mag ihr glauben, und meine Tochter mag ihr glauben«, dachte das wüthende Weib. »Aber ich kenne den Major und mich kann sie nicht hintergehen!«

Die Wärterin trat ein. »Richtet Euch in die Höhe«, sagte Mrs. Milroy, »und gebt mir mein Schreibpult. Ich will schreiben.«

»Sie sind aufgeregt«, sagte die Wärterin »Sie sind nicht in einem Zustande, um zu schreiben.«

»Gebt mir das Pult«, wiederholte Mrs. Milroy.

»Sonst noch etwas?« fragte Rachel, ihre stereotype Phrase wiederholend indem sie den Schreibkasten aufs Bett stellte.

»Ja. Kommt in einer halben Stunde wieder. Ihr sollt einen Brief für mich nach dem Herrenhaus tragen.«

Die sardonische Gelassenheit der Wärterin versagt ihr für diesmal. »Gerechter Himmels« rief sie im Tone echten Erstaunens. »Was nun? Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie an ——«

»Ich werde an Mr. Armadale schreiben«, fiel ihr Mrs. Milroy ins Wort, »und Ihr werdet den Brief zu ihm tragen und auf die Antwort warten —— und, gebt wohl Acht, keine lebende Seele, außer uns beiden, darf hier im Hause das Geringste hiervon argwöhnen.«

»Warum schreiben Sie an Mr. Armadale?« fragte Rachel. »Und warum darf außer uns beiden Niemand etwas davon wissen?«

»Wartet«, erwiderte Mrs. Milroy, »und Ihr werdet es sehen.«

Die Neugier der Wärterin, die Neugier eines Weibes, hatte keine Lust zu warten.

»Ich will Ihnen mit offenen Augen helfen«, sagte sie, »blindlings aber helfe ich Ihnen nicht.«

»O, wenn ich nur den Gebrauch meiner Glieder hätte!« stöhnte Mrs. Milroy. »Ihr abscheuliches Geschöpf, wenn ich nur ohne Euch fertig werden könnte!«

»Sie haben den Gebrauch Ihres Kopfes«, entgegnete. die unerschütterliche Wärterin, »und Sie sollten es besser wissen, als mir nur zur Hälfte zu trauen.«

Es war eine brutale Antwort, aber eine wahre eine doppelt wahre, nachdem sie Miß Gwilt’s Brief geöffnet. Mrs. Milroy gab nach.

»Was wollt. Ihr wissen?« fragte sie. »Sagt mir das und dann geht.«

»Ich möchte wissen, was Sie an Mr. Armadale schreiben wollen?«

»Von Miß Gwilt.«

»Was hat Mr. Armadale mit Miß Gwilt zu schaffen?«

Mrs. Milroy hielt den Brief empor, der ihr durch das Postamt zurückgesandt worden.

»Bückt Euch«, sagte sie. »Miß Gwilt mag vielleicht an der Thür lauschen. Ich will’s Euch ins Ohr flüstern.«

Die Wärterin bückte sich, indem sie das Auge auf die Thür heftete.

»Ihr wißt, daß der Postbote diesen Brief nach Kingstown Crescent getragen hat?« sagte Mrs. Milroy. »Und Ihr wißt, daß er Mrs. Mandeville nicht mehr dort fand und daß ihm Niemand zu sagen wußte, wohin sie gegangen?«

»Nun?« flüsterte Rachel. »Was dann?«

»Dies. Wenn Mr. Armadale den Brief erhält, den ich ihm zu schreiben im Begriff bin; wird er denselben Weg einschlagen, welchen der Briefträger gegangen ist —— und wir wollen sehen, was sich ereignet, wenn er an Mrs. Mandeville’s Hausthür klopft.«

»Wie bringen Sie ihn bis an die Thür?«

»Ich gebe ihm den Rath, die Dame aufzusuchen, die Miß Gwilt empfohlen hat.«

»Ist er in Miß Gwilt verliebt?«

»Ja.«

»Ach!« sagte die Wärterin, »ich verstehe!«



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