Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Vierter Band - Zweites Kapitel
 

Armadale



Zweites Kapitel.

Zwei Uhr kam heran und Pedgift junior stellte sich pünktlich ein. Seine Lebhaftigkeit vom Morgen hatte sich gänzlich verloren; er begrüßte Allan mit seiner gewohnten Höflichkeit, doch ohne sein gewohntes Lächeln, und als der Oberkellner erschien, sich seine Instructionen zu erbitten, ward er augenblicklich mit Worten entlassen, wie sie in diesem Hotel noch nie von Pedgift’s Lippen gehört worden: »Nichts für jetzt.«

»Sie scheinen nicht bei Laune zu sein«, sagte Allan »Können wir keine Auskunft erlangen? Kann Ihnen Niemand etwas über das Haus in Pimlico mittheilen?«

»Drei verschiedene Personen haben mir darüber Mittheilungen gemacht, Mr. Armadale, und alle drei haben sie dasselbe gesagt«

Allan schob begierig seinen Sessel näher an den seines Gefährten heran. Die Reflexionen, die er seit seinem Scheiben von Pedgift gemacht, hatten nicht zu seiner Beruhigung beigetragen. Jene seltsame Verbindung, so leicht fühlbar und so schwer zu verfolgen, zwischen der Schwierigkeit, sich von Miß Gwilt’s Familienangelegenheiten zu unterrichten, und der Schwierigkeit, die Dame aufzufinden, die sich für Miß Gwilt verbürgt, welche bereits seine Gedanken beschäftigt, hatte sich nach und nach darin immer fester gesetzt. Er fühlte sich von Zweifeln gequält, die er weder zu begreifen noch auszudrücken im Stande war. Eine Neugier erfüllte ihn, welche zu befriedigen er sich halb sehnte, halb fürchtete.

»Ich muß Sie leider mit ein paar Fragen behelligen, Sir, ehe ich zur Sache kommen kann«, sagte Pedgift junior. »Ich möchte mich nicht in Ihr Vertrauen eindrängen, ich möchte nur in einer scheinbar sehr unangenehmen Sache den Weg klar vor mir sehen. Haben Sie nichts dawider, mir zu sagen, ob außer Ihnen noch Andere bei diesen Nachfragen betheiligt sind?«

»In der That sind noch Andere dabei betheiligt«, erwiderte Allan. »Ich sehe keinen Grund, Ihnen dies zu verhehlen.«

»Ist außer dieser Mrs. Mandeville noch eine andere Person Gegenstand Ihrer Nachforschungen?« fuhr Mr. Pedgift fort, sich noch etwas tiefer in das Geheimniß einschleichend.

»Ja; dieselben betreffen allerdings noch eine andere Person«, antwortete Allan mit einigem Widerstreben.

»Ist diese Person eine junge Dame, Mr. Armadale?«

Allan erschrak. »Wie kommen Sie dazu, das zu errathen?« begann er; dann schwieg er plötzlich, als es bereits zu spät war. »Legen Sie mir keine weiteren Fragen vor«, sagte er dann. »Ich verstehe mich schlecht darauf, einem schlauen Menschen, wie Sie, auszumachen, und ich bin gegen Andere in Ehren verpflichtet, die Einzelheiten der Sache für mich zu behalten«

Pedgift junior hatte offenbar für seinen Zweck´genug gehört. Er zog seinerseits seinen Sessel näher zu Allan heran. Er war sichtlich aufgeregt und verlegen, aber die Macht der Gewohnheit ließ sein geschäftsmäßiges Wesen bald wieder die Oberhand gewinnen. »Ich bin mit meinen Fragen zu Ende, Sir, und habe jetzt meinerseits etwas zu sagen. In Abwesenheit meines Vaters sind Sie vielleicht freundlichst geneigt, mich als Ihren rechtlichen Rathgeber zu betrachten. Wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, so thun Sie keinen Schritt weiter in diesen Nachforschungen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« unterbrach ihn Allan.

»Es ist wohl möglich, Mr. Armadale, daß der Fiakerkutscher trotz seiner entschiedenen Behauptung sich geirrt hat. Ich empfehle Ihnen sehr, diesen Irrthum als ausgemacht anzunehmen und damit die Sache fallen zu lassen.«

Diese Warnung war gut gemeint, kam aber zu spät. Allan that dasselbe, was an seiner Stelle neunundneunzig von hundert Leuten gethan haben würden —— er wies den Rath von der Hand.

»Nun, Sir«, sagte Pedgift junior; »wenn Sie darauf bestehen, so müssen Sie es hören.«

Er beugte sich zu Allan hin und flüsterte ihm das, was er von dem Hause in Pimlico und den darin wohnenden Leuten gehört, ins Ohr.

»Machen Sie mir keinen Vorwurf, Mr. Armadale«, setzte er, nachdem die Worte gesprochen worden,«hinzu. »Ich wollte Sie schonen.«

Allan ertrug den Schlag, wie alle großen Schläge ertragen werden —— stillschweigend. Sein erster Impuls hätte ihn seine Zuflucht zu der Ansicht über die Aussage des Kutschers nehmen lassen, die ihm so eben anempfohlen worden war, wenn ihm nicht ein erschwerender Umstand unerbittlich in den Weg getreten wäre. Miß Gwilt’s unzweifelhaftes Widerstreben, sich über ihr vergangenes Leben auszulassen, stieg unabweislich in seiner Erinnerung auf, als indirecte, aber fürchterliche Bestätigung des Zeugnisses, welches die Person, die sich für Miß Gwilt verbürgt, mit dem Hause in Pimlico in Verbindung brachte. Nur ein Schluß drängte sich seinem Geiste auf, der Schluß, zu dem Jeder hätte kommen müssen, nachdem er gehört, was Allan so eben vernommen, und wenn er nicht mehr wußte, als Allan bekannt war. Ein elendes gefallenes Weib, das in seiner äußersten Noth nach der Hilfe von schändlichen Geschöpfen gegriffen hat, die in verbrecherischen Heimlichkeiten bewandert sind, das sich vermittelst einer gefälschten Empfehlung wieder in anständige Gesellschaft und eine achtbare Beschäftigung eingeschmuggelt hat und dessen Stellung ihm jetzt die fürchterliche Nothwendigkeit beständiger Verheimlichung und beständigen Betrugs hinsichtlich seiner Vergangenheit auferlegte —— so stellte sich die schöne Erzieherin zu Thorpe-Ambrose Allan’s Augen dar.

Falsch oder wahr? Hatte sie sich durch gefälschte Empfehlung wieder in anständige Gesellschaft und achtbare Beschäftigung eingeschmuggelt? Ja. Legte ihre. Stellung ihr die fürchterliche Nothwendigkeit beständiger Verheimlichung und beständigen Betrugs hinsichtlich ihres frühem Lebens auf? Ja. War sie das beklagenswerthe Opfer eines unbekannten Mannes, für das Allan sie hielt? Nein, ein solches beklagenswerthes Opfer war sie nicht. Der Schluß, den Allan zog, der Schluß, der sich ihm nach den ihm vorliegenden Thatsachen aufdrängte, war nichtsdestoweniger von allen Schlüssen derjenige, welcher der Wahrheit am fernsten lag. Die wahre Geschichte von Miß Gwilt’s Beziehungen zu dem Hause in Pimlico und den Leuten, die dasselbe bewohnten, einem Hause, von dem ganz richtig angegeben worden, daß es schändliche Geheimnisse barg, und Leuten, die mit Recht als solche bezeichnet waren, welche sich in beständiger Gefahr befinden, den Arm des Gesetzes zu fühlen, war eine Geschichte, die erst durch die bevorstehenden Ereignisse an den Tag kommen sollte, eine Geschichte, bei weitem weniger empörend und dennoch bei weitem entsetzlicher, als Allan oder Allan? Gefährte sich träumen ließ.

»Ich wollte Sie gern schonen, Mr. Armadale«, wiederholte Pedgift. »Vor allem lag mir daran, Ihnen, wenn es irgendwie zu vermeiden sei, nicht weh zu thun.«

Allan sah auf und machte eine Anstrengung, sich zu fassen. »Sie haben mir entsetzlich weh gethan«, sagte er. »Sie haben mich förmlich zu Boden geschmettert. Aber das ist nicht Ihre Schuld. Ich sollte vielmehr fühlen, daß Sie mir einen Dienst geleistet haben, und ich werde es fühlen, sobald ich mich wieder etwas erholt habe. Doch eins«, fügte er nach einem kurzen schmerzlichen Nachsinnen hinzu, »muß sofort zwischen uns abgemacht werden. Der Rath, den Sie mir so eben ertheilten, war sehr freundlich gemeint, und es war der beste, den Sie mir geben konnten. Ich will denselben dankbar annehmen. Wenn Sie mir die Liebe erzeigen wollen, reden wir nie wieder davon, und ich bitte Sie, auch nie irgend einer andern Person davon zu sagen. Wollen Sie mir das versprechen?«

Pedgift gab das Versprechen mit ersichtlicher Aufrichtigkeit, doch ohne seine gewohnte Sicherheit. Die Bekümmerniß in Allan’s Gesicht schien ihm zu Herzen zu gehen. Nach einem Augenblicke ihm sonst sehr wenig eigenthümlichen Zögerns verließ er rücksichtsvoll das Zimmer.

Als sich Allan allein sah, ließ er sich Schreibmaterialien bringen und nahm den von der Majorin erhaltenen verhängnißvollen Empfehlungsbrief an Mrs. Mandeville aus seinem Taschenbuche.

Ein Mann, der die Folgen zu bedenken und mit Ueberlegung zu handeln gewohnt gewesen, hätte sich in Allan’s gegenwärtiger Lage gewiß einigermaßen im Unklaren befunden, welches Verfahren jetzt das für ihn mindeste, schwierige und gefährliche sein möchte. Doch Allan, der sich bei jeder Gelegenheit vom Impulse des Moments leiten ließ, handelte auch in dieser kritischen Lage nach demselben. Obgleich seine Zuneigung zu Miß Gwilt nichts mit dem tiefen Gefühle gemein hatte, für das er sie in aller Ehrlichkeit gehalten, so hatte jene doch in ungewöhnlichem Grade seine Bewunderung gewonnen, und es war kein gewöhnlicher Kummer, mit dem er ihrer jetzt gedachte. Sein einziger alles Andere überwiegender Wunsch in diesem kritischen Augenblicke war der männliche, barmherzige Wunsch, die unglückliche, die seine Achtung verloren, ohne darum ihre Ansprüche auf schonende Nachsicht und schützendes Mitleid einzubüßen, vor Bloßstellung und Untergang zu bewahren.

»Ich kann nicht nach Thorpe-Ambrose zurückkehren; ich getraue mich nicht, sie wiederzusehen oder zu sprechen. Aber ich kann ihr trauriges Geheimniß, bewahren, und ich will’s!« Mit diesem Gedanken im Herzen machte Allan sich an die erste Pflicht, die ihm jetzt oblag, die Pflicht, an Mrs. Milroy zu schreiben. Hätte er eine höhere geistige Begabung und einen klarem Blick besessen, so würde dieser Brief ihm nicht leicht geworden sein. So aber berechnete er die Folgen nicht und sah deshalb keine Schwierigkeiten. Sein Instinct mahnte ihn, sofort die Stellung aufzugeben, die er augenblicklich der Majorin gegenüber einnahm, und was dieser Instinkt ihm unter den obwaltenden Umständen eingab, schrieb er so schnell nieder, als seine Feder es nur auf dass Papier zu tragen vermochte.

»Dunn’s Hotel, Convent-Garden.
Dienstag.

Verehrte Frau! Entschuldigen Sie mich, wenn ich nicht, wie ich versprach, schon heute nach Thorpes-Ambrose zurückkehre. Unvorhergesehene Umstände nöthigen mich, noch in London zu bleiben. Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß es mir nicht gelungen, Mrs. Mandeville zu sehen, aus welchem Grunde ich Ihren Auftrag nicht auszuführen im Stande bin; deshalb stelle ich Ihnen mit vielen Entschuldigungen den mir gegebenen Empfehlungsbrief wieder zu. Ich hoffe, Sie werden mir zum Schlusse zu sagen gestatten, daß ich Ihnen für Ihre Güte sehr verbunden bin und diese nicht weiter in Anspruch zu nehmen wage.

Aufrichtig der Ihre

Allan Armadale.«

Mit diesen arglosen Worten gab Allan der Frau, in welche er noch immer kein Mißtrauen setzte, die Waffe in die Hand, die sie gesucht.

Sobald der Brief mit seiner Einlage einmal versiegelt und adressiert war, hatte Allan volle Muße, an sich selbst und seine Zukunft zu denken. Während er müßig dasaß und mit seiner Feder auf dem Löschpapier zeichnete, füllten sich seine Augen zum ersten Male mit Thränen, Thränen, an denen das Weib, das ihn hintergangen, keinen Antheil hatte. Sein Herz war zu seiner verstorbenen Mutter zurückgekehrt. »Wäre sie am Leben gewesen«, dachte er, »ihr hätte ich vertrauen können und sie würde mich getröstet haben.« Es war nutzlos, bei dem Gedanken zu verweilen; er wischte sich also die Thränen aus den Augen und wandte seine Gedanken mit der krankhaften Resignation, die wir alle kennen, lebenden und gegenwärtigen Dingen zu.

Mit ein paar Zeilen setzte er Mr. Bashwood in Kenntniß, daß seine Abwesenheit von Thorpe-Ambrose wahrscheinlich etwas länger dauern werde und daß er alle etwaigen Instructionen, die unter den gegenwärtigen Umständen nothwendig sein dürften, durch den älteren Pedgift erhalten solle. Als dies geschehen und die Briefe zur Post gegeben waren, kehrten seine Gedanken nochmals zu ihm selbst zurück. Die Zukunft lag abermals leer vor ihm und harrte der Ausfüllung, und sein Herz wandte sich abermals widerstrebend von ihr ab und suchte seine Zuflucht in der Vergangenheit.

Diesmal tauchten außer dem Bilde seiner Mutter noch andere in seinem Geiste auf. Lebendig und heftig erwachte das eine prädominirende Interesse seiner ersten Jugendzeit in ihm: er dachte ans Meer; er dachte an seine Yacht, welche müßig in dem Fischerhafen seiner westlichen Heimat lag. Die alte Sehnsucht erfaßte ihn, wieder das Plätschern der Wellen zu hören, das Schwellen der Segel zu sehen und das Schiff, das er mit eigenen Händen erbaut, wieder unter sich schaukeln zu fühlen. Mit seinem gewohnten Ungestüm erhob er sich, um sich den Eisenbahnfahrplan bringen zu lassen und mit dem nächsten Zuge nach Sommersetshire abzureisen, als die Furcht vor den Fragen, die Mr. Brock ihm verlegen, und die Ahnung von der Veränderung, die dieser an ihm wahrnehmen dürfte, ihn wieder auf seinen Sessel zwang. »Ich will schreiben«, dachte er, »und die Yacht neu auftakeln und herrichten lassen, und dann warten, bis Midwinter mit mir kommen kann« Er seufzte, indem er seines abwesenden Freundes gedachte. Noch nie hatte er die Leere, die Midwinters Abwesenheit in sein Leben gebracht, so schmerzlich empfunden wie jetzt in der trostlosesten aller menschlichen Einsamkeiten, der Einsamkeit eines Fremden in London, der in einem Hotel allein sitzt.

Nach einer Weile sah Pedgift herein, sich wegen der Störung entschuldigend. Allan fühlte sich zu verlassen und zu freundlos, um die Rückkunft seines Gefährten nicht dankbar willkommen zu heißen. »Ich werde nicht sogleich nach Thorpe-Ambrose heimreisen«, sagte er. »Ich denke eine kleine Weile in London zu bleiben. Hoffentlich werden Sie bei mir bleiben können?« Pedgift war, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, durch die vereinsamte Lage, in welcher der Besitzer der großen Güter von Thorpe-Ambrose in diesem Augenblicke vor ihm erschien, gerührt. Während seines ganzen Verkehrs mit Allan hatte er seine Geschäftsinteressen noch nie so sehr aus den Augen verloren wie jetzt.

»Sie thun vollkommen recht, Sir, hier zu bleiben. London ist der rechte Ort, Sie zu zerstreuen«, sagte Pedgift heiter. »Alle Geschäftssachen sind mehr oder weniger elastisch, Mr. Armadale; ich werde die meinigen etwas ausdehnen und Ihnen mit dem größten Vergnügen Gesellschaft leisten. Wir befinden uns beide auf der richtigen Seite der Dreißig, Sir —— lassen Sie uns davon profitieren. Was meinen Sie dazu, wenn wir zeitig zu Mittag speisten, dann ins Theater gingen und uns morgen nach dem Frühstück die große Industrieausstellung im Hyde-Park ansehen? Wenn wir nur wie Kampfhähne leben und uns unausgesetzt den öffentlichen Ergötzlichkeiten widmen, werden wir in größter Geschwindigkeit das mens sanna in corpore sano der Alten erreichen. Erschrecken Sie nicht über das Citat, Sir. Nach den Geschäftsstunden schäkere ich gern ein wenig mit meinem Latein und erhöhe meine Sympathien dafür durch gelegentliches Studium der heidnischen Schriftsteller unter dem Beistande eines Lehrers. —— William, wir speisen um fünf Uhr, und da die Sache heute besonders wichtig, so will ich selber mit dem Koch reden.«

Der Abend verging, der folgende Tag verging, der Donnerstag kam und brachte Allan einen Brief. Die Aufschrift zeigte Mrs. Milroy’s Handschrift, und schon die Form der Anrede ließ Allan ahnen, daß etwas nicht war, wie es sein sollte.

»Parkhäuschen, Thorpe-Ambrose.
Mittwoch.

»Sir, so eben habe ich Ihr geheimnißvolles Schreiben erhalten. Dasselbe hat mich nicht nur überrascht, es hat mich wirklich beunruhigt Nachdem ich Ihnen in der freundschaftlichsten Weise entgegengekommen, sehe ich mich plötzlich aus das unbgreiflichste und, wie ich hinzufügen muß, aus das unhöflichste von Ihrem Vertrauen ausgeschlossen. Es ist mir völlig unmöglich, die Sache da ruhen zu lassen, wo Sie dieselbe haben fallen lassen. Der einzige Schluß, den ich aus Ihrem Briefe zu ziehen vermag, ist der, daß irgendwie mein Vertrauen mißbraucht worden ist und daß Sie weit mehr wissen, als Sie mir mitzutheilen geneigt sind. Im Interesse meiner Tochter ersuche ich Sie, mich von den Umständen in Kenntniß zu setzen, die Sie verhindert, Mrs. Mandeville zu sehen, und Sie bewogen haben, das unbedingte Versprechen Ihres Beistandes zurückzunehmen, welches Sie mir in Ihrem Briefe vom letzten Montag gaben.

Bei dem Zustande meiner Gesundheit ist es mir nicht möglich, mich in eine lange Correspondenz einzulassen. Ich muß jedem etwaigen Einwande von Ihrer Seite vorbeugen und Alles, was ich überhaupt zu sagen habe, in meinem gegenwärtigen Briefe sagen. Für den Fall, den ich nur höchst ungern in Betracht ziehe, daß Sie sich weigern sollten, die Bitte zu erfüllen, die ich so eben an Sie gerichtet habe, muß ich Sie benachrichtigen, daß ich es für meine Pflicht gegen meine Tochter halte, mir eine vollständige Aufklärung über diese unangenehme Geschichte zu verschaffen. Höre ich nicht mit umgehender Post und zu meiner völligen Befriedigung von Ihnen, so sehe ich mich genöthigt, meinem Gatten mitzutheilen, daß sich Dinge ereignet haben; die uns rechtfertigen, wenn wir die Achtbarkeit der Person, die uns Miß Gwilt empfohlen hat, einer sofortigen Prüfung unterwerfen. Und wenn er mich nach meiner Quelle fragt, werde ich ihn an Sie beweisen.

Ihre gehorsame Dienerin

Anne Milroy.«

Also ließ die Majorin die Maske fallen und ihr Opfer mit Muße die Schlinge betrachten, in der sie es gefangen hatte. Allan hatte so unbedingt und aufrichtig an Mrs. Milroy’s Ehrlichkeit geglaubt, daß ihr Brief ihn einfach verblüffte. Er hatte das vage Bewußtsein, daß man ihn in irgend einer Weise hintergangen habe und daß Mrs. Milroy’s nachbarliches Interesse an ihm durchaus nicht das gewesen sei, als was es auf seiner Oberfläche erschienen war; weiter sah er nichts. Die Drohung, sich an den Major zu wenden, von der Mrs. Milroy in frauenhafter Unkenntniß der Männernatur den größten Effect erwartet hatte, war die einzige Stelle des Briefes, die Allan mit einiger Genugthuung laß anstatt Beunruhigung gewährte sie ihm Erleichterung. »Wenn es durchaus einen Streit geben muß«, dachte er, »so wird es jedenfalls ein Trost sein, ihn mit einem Manne auszufechten.«

Fest in seinem Entschlusse, die unglückliche zu schützen, deren Geheimnis er entdeckt zu haben wähnte, setzte Allan sich hin, um der Majorin seine Entschuldigungen zu machen. Nachdem er drei höfliche Erklärungen in dichter Marschordnung hinter einander aufgestellt hatte, zog er sich vom Schlachtfelde zurück.

»Er bedaure außerordentlich, Mrs. Milroy beleidigt zu haben. Jegliche Absicht, Mrs. Milroy beleidigen zu wollen, liege ihm ganz fern. Er habe die Ehre, Mrs. Milroy’s ergebenster Diener zu sein.« Allan’s übliche Kürze in der Briefstellerei hatte ihm noch nie bessere Dienste geleistet als bei dieser Gelegenheit. Hätte er im Gebrauch der Feder nur etwas größere Geschicklichkeit besessen, so würde er dem Feinde jedenfalls noch größere Macht gegen sich in die Hände gegeben haben, als derselbe bereits hatte.

Der Zwischentag verging, aber schon der folgende Morgen brachte die Verwirklichung von Mrs. Milroy’s Drohung in Gestalt eines Briefes von ihrem Gatten. Der Major schrieb weniger förmlich, als seine Gemahlin geschrieben hatte, doch waren seine Fragen unbarmherzig direct.

»Parkhäuschen. Thorpe-Ambrose.
Freitag, den 11. Juli 1851.

»Werther Herr! Als Sie mir vor einigen Tagen die Ehre Ihres Besuchs schenkten, richteten Sie hinsichtlich meiner Erzieherin, Miß Gwilt, eine Frage an mich, die mir damals etwas seltsam erschien und, wie Sie sich vielleicht erinnern, eine momentane Verlegenheit zwischen uns herbeiführte.

Heute Morgen bin ich an unser Gespräch über Miß Gwilt wieder in’ einer Weise erinnert worden, die mich in das größte Erstaunen versetzt hat. Um mich deutlich auszudrücken, Mrs. Milroy unterrichtet mich, daß Miß Gwilt verdächtig ist, uns durch eine gefälschte Empfehlung hintergangen zu haben. Als ich über eine so außerordentliche Mittheilung meine Verwunderung zu erkennen gab und um unverzügliche Beweise für dieselbe bat, vernahm ich zu meinem noch größeren Erstaunen, daß ich mich wegen aller Einzelheiten an Niemand anders als an Mr. Armadale zu wenden hätte. Vergebens habe ich Mrs. Milroy um weiteren Aufschluß ersucht; sie beharrt bei ihrem Schweigen und verweist mich an Sie.

Unter diesen außerordentlichen Umständen sehe ich mich, um allen Parteien gerecht zu werden, genöthigt, gewisse Fragen an Sie zu richten, die ich so klar wie möglich zu stellen suchen will und von denen ich nach meiner bisherigen Bekanntschaft mit Ihnen überzeugt bin, daß Sie dieselben Ihrerseits offen beantworten werden.

Ich bitte erstens um Erlaubniß, Sie fragen zu dürfen, ob Sie Mrs. Milroy’s Behauptung, daß Sie sich von gewissen Einzelheiten unterrichtet haben, die Miß Gwilt oder die Dame betreffen, welche Miß Gwilt empfahl, und über die ich in vollkommener Unwissenheit bin, als richtig anerkennen. Zweitens, wenn Sie die Wahrheit von Mrs. Milroy’s Angabe zugeben, ersuche ich Sie, mir mitzutheilen, wie Sie diese Einzelheiten erfahren haben. Zum Dritten und Letzten erlaube ich mir, Sie zu fragen, worin diese Einzelheiten bestehen.

Wenn es irgend einer Rechtfertigung für diese Fragen bedarf, was ich einzig und allein als eine Sache der Höflichkeit Ihnen gegenüber einräumen will, so muß ich Sie daran erinnern, daß das Kostbarste, was ich besitze, meine Tochter, Miß Gwilt’s Obhut anvertraut ist und daß Mrs. Milroy’s Angabe Sie allem Anscheine nach in die Lage setzt, mir sagen zu können, ob unser Vertrauen gerechtfertigt ist oder nicht.

Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß ich, da bis jetzt nichts geschehen ist, was den geringsten Argwohn in mir gegen Miß Gwilt oder die Dame begründet, die sie empfahl, warten werde, bis ich Ihre Antwort, der ich mit umgehender Post entgegensehe, erhalten, ehe ich gegen Miß Gwilt ein Wort von der Sache erwähne.

Getreu der Ihre

David Milroy.«

Dieser durchsichtig offene Brief machte sofort der Verwirrung, die bisher in Allan’s Geiste geherrscht, ein Ende; er erkannte die Schlinge, in der er gefangen worden, wie er sie bisher noch nicht erkannt hatte. Mrs. Milroy hatte ihn offenbar zwischen zwei Alternativen gestellt, die Alternative, sich in eine falsche Stellung zu bringen, wenn er sich weigerte, die Fragen ihres Gatten zu beantworten, und jene andere, feigerweise seine Verantwortlichkeit durch die eines Weibes zu decken, wenn er dem Major geradezu gestand, daß seine eigene Gattin ihn hintergangen habe. Wie immer handelte Allan auch in dieser heiklen Lage, ohne zu zögern. Sein Versprechen, die Correspondenz zwischen Mrs. Milroy und ihm geheim zu halten, band ihn noch immer, wie schmachvoll sie selbst dasselbe auch mißbraucht hatte. Und sein Entschluß, sich durch keine Rücksicht von der Welt dazu verleiten zu lassen, Miß Gwilt zu verrathen, stand so fest wie je. »Vielleicht habe ich wie ein Narr gehandelt«, dachte er, »aber mein Wort werde ich nicht brechen, und nicht die Ursache sein, daß das unglückliche Geschöpf wieder in die Welt hinausgestoßen wird.«

Er schrieb einen ebenso ungekünstelten und kurzen Brief an den Major, wie er schon an dessen Gattin geschrieben hatte. Er versicherte ihm, wie schwer es ihm ankomme, einem Freunde und Nachbar eine Enttäuschung zu bereiten. Doch bleibe ihm diesmal keine andere Wahl. Die Fragen, die der Major ihm vorlege, seien der Art, daß er sie nicht beantworten könne. Ersei nicht sehr gewandt in Erklärungen und hoffe, der Major werde ihn deshalb entschuldigen, wenn er sich solchergestalt ausdrücke und weiter nichts hinzufüge.

Die Post am Montag brachte die Erwiderung des Majorin welche die Correspondenz schloß.

»Parkhäuschen. Thorpe Ambrose.
Sonntag.

»Sir! Ihre Weigerung, auf meine Fragen zu antworten, die selbst nicht einmal von einem Schatten einer Entschuldigung für ein solches Benehmen begleitet ist, kann nur in einer Weise gedeutet werden. Sie ist nicht nur eine stillschweigende Anerkennung der Richtigkeit von Mrs. Milroy’s Angabe, sondern auch ein stillschweigender Vorwurf für den Charakter meiner Erzieherin. Aus Gerechtigkeit gegen eine Dame, die sich unter dem Schutze meines Daches befindet und die mir nicht die geringste Veranlassung zu einem Verdachte gegeben, werde ich jetzt Miß Gwilt unsern Briefwechsel zeigen und ihr die Unterhaltung, die ich über diesen Gegenstand mit Mrs. Milroy gehabt habe, in deren Gegenwart wiederholen.

Noch ein Wort hinsichtlich unserer zukünftigen gegenseitigen Beziehungen und ich bin zu Ende. Meine Ansichten über gewisse Dinge sind wahrscheinlich die Ansichten eines altmodischen Mannes. Zu meiner Zeit hatten wir ein Ehrengesetz, nach dem wir unsere Handlungen regulierten. Diesem Gesetz zufolge unterlag ein Mann, der heimliche Nachfragen über eine Dame anstellte, zu der er nicht in der Beziehung eines Vaters, Gatten oder Bruders stand, der Verpflichtung, sein Benehmen vor Andern zu rechtfertigen, und wenn er dieser Verpflichtung auswich, verzichtete er damit auf die Stellung eines Gentleman. Es ist sehr wohl möglich, daß diese alterthümliche Ansicht nicht mehr existiert, aber in meinen Jahren ist es zu spät, sich noch zu neumodischern Ansichten zu bekehren. Da wir in einem Lande und zu einer Zeit leben, wo das einzige Ehrengericht das Polizeigericht ist, so liegt mir ganz besonders daran, mich in diesem Punkte unseres Verkehrs mit der größten Mäßigung auszudrücken. Gestatten! Sie mir deshalb blos die Bemerkung, daß unsere Ansichten von dem Benehmen, das einem Gentleman geziemt, ernstlich von einander abweichen, und erlauben Sie mir deshalb noch die Bitte hinzuzufügen, daß Sie sich in Zukunft für mich und meine Familie als einen Fremden betrachten wollen.

Ihr gehorsamster Diener

David Milroy.«

Der Montagmorgen, an dem sein Client den Brief des Majors erhielt, war der schwärzeste, der noch in Pedgift’s Kalender vermerkt stand. Als Allan’s erster Zorn über den verächtlichen Ton verraucht war, in dem sein Freund und Nachbar ihn verurtheilt hatte, verharrte er dennoch in einem Zustande der Niedergeschlagenheit, aus dem keine Bemühungen seines Gefährten ihn für den Rest des Tages herauszureißen vermochten. Da er sich sehr natürlicherweise jetzt, wo seine Verbannung ausgesprochen, seinen frühem Verkehr mit den Bewohnern des Parkhäuschens vergegenwärtigte, so gedachte er Neelie’s schmerzlicher und reuiger, als er es bisher noch gethan. »Hätte sie, anstatt ihres Vaters, mir die Thür verschlossen«, war der bittere Gedanke, mit dem Allan jetzt in die Vergangenheit zurückblickte, »so hätte ich kein Wort dagegen sagen können; ich würde gefühlt haben, daß mir Recht geschehe.«

Der nächste Tag brachte abermals einen Brief, diesmal einen willkommenem und zwar von Mr. Brock.

Allan hatte vor einigen Tagen wegen der Neutakelung der Yacht nach Sommersetshire geschrieben. Beim Empfange des Briefes war der Pfarrer —— wie er sich in seiner Unschuld einbildete —— beschäftigt gewesen, seinen ehemaligen Zögling vor dem Weibe zu schützen, das er in London beobachtet hatte und das, wie erwähnte, ihm jetzt bis in seine Heimat gefolgt sei. Mrs. Oldershaw’s Stubenmädchen hatte, nach den ihr ertheilten Instructionen handelnd, Mr. Brock vollständig mystificirt. Alle fernere Besorgniß des Pfarrers hatte sie eingeschläfert, indem sie ihm —— als Miß Gwilt —— ein schriftliches Versprechen gegeben hatte, sich niemals, weder persönlich noch schriftlich, an Mr. Armadale zu wenden! Fest überzeugt, daß er endlich den Sieg errungen, beantwortete der arme Mr. Brock Allan’s Brief in der heitersten Stimmung, drückte einige begreifliche Verwunderung darüber aus, daß Allan Thorpe-Ambrose verlassen wolle, versprach jedoch mit größter Bereitwilligkeit die Neutakelung der Yacht anzuordnen und bot auf das herzlichste die Gastfreiheit seines Pfarrhauses an.

Dieser Brief heiterte Allan wunderbar auf. Er gab ihm ein neues Interesse, das mit seinem seitherigen Leben in Norfolk gar nichts gemein hatte. Schon begann Allan die Tage zu zählen, die bis zu der Rückkehr seines Freundes noch verstreichen mußten. Es war jetzt Dienstag. Kehrte Midwinter, wie er versprochen hatte, in vierzehn Tagen von seiner Fußreise zurück, so mußte er am Sonnabend in Thorpe-Ambrose anlangen. Wenn er dem Reisenden dorthin einen Brief entgegensandte, so konnte Midwinter noch an demselben Abend in London sein, und ging Alles gut, so waren sie schon, ehe noch eine Woche verlief, wieder zusammen in der Yacht auf dem Wasser.

Der folgende Tag verging, ohne, zu Allan’s Erleichterung, irgend welche Briefe zu bringen. Die Stimmung des jungen Pedgift verbesserte sich mit der seines Clienten. Um die Essenszeit spielte er auf das mens sana in corpore sano der Alten an und ertheilte dem Oberkellner königlichere Befehle denn je.

Der Donnerstag kam und mit ihm der unglückselige Briefträger mit ferneren Neuigkeiten aus Norfolk. Nunmehr erschien ein Correspondent auf dem Schauplatze, der sich bisher noch nicht darauf gezeigt hatte, und Allan’s Pläne wegen seines Besuche in Sommersetshire waren augenblicklich über den Haufen geworfen.

Zufällig war an diesem Morgen Pedgift junior zuerst am Frühstückstische. Als Allan hereintrat, verfiel er wieder in seine Geschäftsmanier und überreichte seinem Gönner mit einer in schauerlichem Schweigen ausgeführten Verbeugung einen Brief.

»Für mich?« fragte Allan, instinctmäßig vor einem neuen Correspondenten zurückweichend.

»Für Sie, Sir, von meinem Vater«, antwortete Pedgift, »einem Schreiben an mich eingelegt. Vielleicht gestatten Sie mir, um Sie auf etwas ein wenig Unangenehmes vorzubereiten, den Vorschlag zu machen, daß wir ein besonders gutes Diner bestellen und, wenn man nicht etwa heute Abend eine neue deutsche Oper gibt, den Abend melodiös in der Oper beschließen.«

»Ist in Thorpe-Ambrose etwas passiert?« fragte Allan.

»Ja, Mr. Armadale; es ist etwas in Thorpe-Ambrose passiert.«

Mit Ergebung setzte sich Allan nieder und las den Brief.

»Hochstraße, Thorpe-Ambrose.
Den 17. Juli 1851.

(In Ptivatsachen und im Vertrauen)

Geehrtester Herr! Ich kann es mit meiner Sorge für Ihre Interessen nicht vereinigen, wenn ich Sie noch länger in Unwissenheit lasse über gewisse in der Stadt und der Umgegend in Umlauf gesetzte Gerüchte, die, wie ich zu sagen bedaure, Sie betreffen.

Die erste Andeutung von einer Unannehmlichkeit drang am vorigen Montag zu mir. Es hieß in der ganzen Stadt, daß im Hause des Majors Milroy mit der neuen Gouvernante etwas passirt sei, worein Mr. Armadale verwickelt sei. Ich achtete nicht weiter darauf, weil ich es für eine jener Klätschereien hielt, an denen wir hier beständig Ueberfluß haben und die den Bewohnern dieses höchst respectabeln Ortes so unentbehrlich sind wie die Luft, welche sie athmen.

Am Dienstag aber erschien die Sache in einem neuen Lichte. Aus untrüglichster Quelle wurden die interessantesten Einzelheiten verbreitet. Am Mittwoch erfuhr die umwohnende Gentry die Sache und nahm allgemein die Ansicht an, welche die Stadt darüber ausgesprochen hatte. Heute hat die öffentliche Meinung ihren Höhepunkt erreicht, und ich sehe mich genöthigt, Sie von dem zu unterrichten, was sich zugetragen hat.

Um von vorn zu beginnen, so wird behauptet, daß vorige Woche zwischen Ihnen und Major Milroy eine Correspondenz stattgefunden, in der Sie einen starken Verdacht gegen Miß Gwilt’s Achtbarkeit ausgesprochen, ohne Ihre Beschuldigung deutlich zu erklären und, obschon dazu aufgefordert, Beweise für Ihre Beschuldigung beizubringen. Hierauf scheint es der Major für seine Pflicht erachtet zu haben, seiner Erzieherin unter Versicherung seiner eigenen festen Ueberzeugung von ihrer Achtbarkeit von dem Geschehenen Mittheilung zu machen, damit sie sich in Zukunft nicht beklagen könne, daß er ihr in einer ihren Ruf betreffenden Sache irgend etwas verheimlicht habe. Sehr großmüthig von dem Major; aber Sie werden sogleich sehen, daß Miß Gwilt noch großmüthiger war. Nachdem sie dem Major in der bescheidensten Weise ihren Dank ausgedrückt, bat sie ihn um die Erlaubniß, seinen Dienst verlassen zu dürfen.

Ueber die Gründe, welche die Gouvernante zu diesem Schritte hatte, erzählt man sich Verschiedenes.

Die autorisierte, von den umwohnenden Honoratioren angenommene Version ist die, daß Miß Gwilt erklärt habe, sie könne aus Gerechtigkeit gegen sich selbst und gegen die höchst achtbare Dame, die sie empfohlen, sich nicht herablassen, ihren Ruf wider die vagen Verunglimpfungen eines Mannes zu vertheidigen, der ihr verhältnißmäßig fremd sei. Zu gleicher Zeit könne sie unmöglich so verfahren, wenn sie nicht eine Freiheit ihres Thuns und Lassens besitze, wie diese mit ihrer abhängigen Stellung als Erzieherin völlig unvereinbar sei. Aus diesem Grunde fühle sie sich gezwungen, ihre Stelle aufzugeben. Indem sie dies thue, sei sie indeß ebenso entschlossen, nicht etwa durch ein Fortgehen aus der Gegend zu Mißdeutungen ihrer Beweggründe Anlaß zu geben. Wie unbequem ihr dies immer sein möge, sie wolle so lange in Thorpe-Ambrose bleiben, bis die Beschuldigungen ihres Charakters klarer ausgesprochen worden seien, und diese dann, sowie sie eine deutliche Gestalt angenommen, öffentlich zu widerlegen.

Dies die Haltung, welche die hochherzige Dame mit vortrefflichem Effect auf die öffentliche Meinung unserer Gegend angenommen hat. Offenbar liegt es aus irgend einem Grunde in ihrem Interesse, aus ihrer Stellung, nicht aber aus der Gegend hier zu scheiden. Am vorigen Montag hat sie ein billiges Logis in der Vorstadt bezogen und am selben Tage schrieb sie vermuthlich an die Dame, die sich für sie verbürgt hat, denn gestern lief von dieser ein Brief an den Major ein, der voll tugendhafter Entrüstung war und die umständlichsten Nachforschungen forderte. Dieser Brief ist öffentlich gezeigt worden und hat Miß Gwilt’s Stellung außerordentlich befestigt. Sie wird jetzt als eine wahre Heldin betrachtet. Der »Mercur von Thorpe-Ambrose" hat einen Leitartikel über sie, worin er sie mit der Jungfrau von Orleans vergleicht. Man hält es für wahrscheinlich, daß ihrer am nächsten Sonntag in der Predigt Erwähnung geschieht. Wir zählen fünf starkgeistige Damen in der Umgegend und alle fünf haben ihr ihren Besuch gemacht. Ein Ehrenzeugniß ward vorgeschlagen, auf Miß Gwilt’s eigenes Ersuchen indeß wieder aufgegeben, und jetzt werden allseitige Versuche gemacht, ihr Beschäftigung als Musiklehrerin zu verschaffen. Schließlich habe ich die Ehre eines Besuchs von der Dame selbst genossen, bei welcher Gelegenheit sie mir mit dem lieblichsten Wesen von der Welt zu wissen that, daß sie Mr. Armadale nicht tadle und ihn nur als unschuldiges Werkzeug in den Händen übelwollender Leute betrachte. Ich war ihr gegenüber wohl auf meiner Hut, denn ich traue Miß Gwilt nicht besonders und ich habe meinen Advocatenverdacht über den Beweggrund, der ihrem augenblicklichen Verhalten zu Grunde liegt.

Bis hierher habe ich ohne Anstand, ohne Verlegenheit geschrieben, mein lieber Herr. Die Sache hat aber unglücklicherweise sowohl eine ernste als eine lächerliche Seite, und ich muß, ehe ich meinen Brief schließe, so ungern ich es thue, von jener reden.

Es scheint mir ganz unmöglich zu sein, daß Sie in einer Weise von sich reden lassen, wie man jetzt von Ihnen spricht, ohne persönlich etwas in der Sache zu thun. Leider haben Sie sich hier zahlreiche Feinde gemacht, und unter diesen steht mein College Mr. Darch obenan. Ueberall hat er einen von Ihnen etwas unvorsichtig abgefaßten Brief in Betreff der Vermiethung des Parkhäuschens an Major Milroy, anstatt an ihn selbst, umhergezeigt, und dieser Brief hat dazu beigetragen, die öffentliche Meinung noch mehr gegen Sie zu stimmen. Es wird geradezu behauptet, daß Sie aus den unehrenhaftesten Beweggründen nach Miß Gwilt’s Familienangelegenheiten spioniert, daß Sie aus einem Ihnen nicht zum Lobe gereichenden Zwecke ihren Ruf zu beflecken und ihr den Schutz zu entziehen gesucht hätten, den sie unter Major Milroy’s Dache genossen, und daß Sie, aufgefordert, den Verdacht, den Sie auf den Ruf eines schutzlosen Weibes geworfen, durch Beweise zu rechtfertigen, ein Schweigen beobachtet hätten, das Sie in der Achtung aller Ehrenmänner verdamme.

Ich hoffe, es bedarf durchaus keiner Versicherung von meiner Seite, daß ich diesen schändlichen Gerüchten nicht den mindesten Glauben schenke. Doch sind dieselben zu weit verbreitet und werden zu allgemein als wahr angenommen, als daß wir sie mit Verachtung behandeln dürften. Ich ersuche Sie deshalb dringend, unverzüglich hierher zurückzukehren und mit mir, als Ihrem Rechtsfreunde, die nothwendigen Maßregeln zur Vertheidigung Ihres guten Namens zu treffen. Ich habe mir seit meiner Unterredung mit Miß Gwilt über diese Dame meine eigene Ansicht gebildet, die ich nicht dem Papiere anvertrauen will. Es genüge, wenn ich sage, daß ich zur Beschwichtigung der verleumderischen Zungen Ihrer Nachbarn ein Mittel vorzuschlagen habe, für dessen Erfolg ich mit meinem Rufe als Sachwalter einzustehen bereit bin, wenn Sie mich nur durch Ihre Anwesenheit und Ihre Autorität unterstützen wollen.

Vielleicht trägt es dazu bei, Ihnen die Nothwendigkeit Ihrer Rückkehr darzuthun, wenn ich erwähne, was von Jedermann über Sie gesagt wird. Ihre Abwesenheit wird —— ich erröthe, es auszusprechen —— dem niedrigsten aller Beweggründe zugeschrieben. Es heißt, Sie blieben in London, weil Sie in Thorpe-Ambrose sich zu zeigen fürchteten.
Ich verbleibe,

mein werther Herr,
Ihr ergebenster Diener

A. Pedgift Senior.

Allan war alt genug, um den Stachel zu fühlen, der in dem letzten Satze des Briefes lag. In einem Grade von Entrüstung der Pedgift junior einen ganz neuen Einblick in seinen Charakter verschaffte, sprang er auf.

»Wo ist der Fahrplan?« schrie er. »Mit dem nächsten Zuge muß ich nach Thorpe-Ambrose zurück! Geht dieser nicht sogleich ab, so werde ich einen Extrazug nehmen. Ich muß und will zurückfahren und frage nicht nach den Kosten!«

»Gesetzt, wir schickten meinem Vater eine telegraphische Depesche, Sir?« sagte der verständige Pedgift. »Das ist die schnellste Art und Weise, Ihren Gefühlen Ausdruck zu geben, und zugleich die wohlfeilste.«

»Das ist wahrt« sagte Allan. »Ich danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnert. Telegraphiren Sie! Sagen Sie Ihrem Vater, er möge Jeden in Thorpe-Ambrose in meinem Namen einen Lügner heißen. Mit großen Buchstaben, Pedgift, schreiben Sie’s mit großen Buchstaben!«

Pedgift lächelte und schüttelte den Kopf. Wäre er auch mit keiner andern Sorte der menschlichen Natur bekannt gewesen, mit der, welche in kleinen Provinzialstädten wohnt, war er vollkommen vertraut.

»Das wird nicht den geringsten Eindruck auf sie machen, Mr. Armadale«, bemerkte er ruhig. »Sie werden darum nur noch ärger lügen. Wenn Sie die ganze Stadt in Aufruhr bringen wollen, so wird eine einzige Zeile dazu genügen. Für fünf Schillinge menschlicher Arbeit und elektrischen Fluidums —— ich beschäftige mich nach den Geschäftsstunden ein wenig mit den Wissenschaften —— soll eine Bombe in Thorpe-Ambrose platzen!« Er zeigte die Bombe bei diesen Worten auf einem Streifen Papier: »A. Pedgift junior an A. Pedgift Senior. — Verbreite im ganzen Orte das Gerücht, daß Mr. Armadale mit dem nächsten Zuge kommt!«

»Mehr Worte«, sagte Allan, ihm über die Schulter blickend. »Machen Sie’s stärker.«

»Ueberlassen Sie das meinem Vater, Sir«, entgegnete der kluge Pedgift »Mein Vater ist am Orte, und die Gewalt seiner Rede ist etwas ganz Erstaunliches.« Er klingelte und sandte die Depesche ab.

Jetzt, da etwas gethan war, begann Allan allmälig seine Fassung wiederzugewinnen. Nochmals durchlief er Mr. Pedgift’s Brief und überreichte ihn dann dessen Sohne.

»Können Sie errathen, wie mich Ihr Vater in den Augen der Nachbarschaft zu rechtfertigen gedenkt?« fragte er.

Pedgift der Jüngere schüttelte sein weises Haupt. »Mir scheint, daß sein Plan so oder so mit seiner Meinung von Miß Gwilt zusammenhängt, Sir.«

»Ich möchte wissen, wie er von ihr denkt«,sagte Allan.

»Es sollte mich nicht überraschen, Mr. Armadale«, erwiderte Pedgift junior, »wenn seine Ansicht, sobald Sie dieselbe hören, Sie einigermaßen in Erstaunen setzte. Mein Vater hat große juristische Erfahrungen bezüglich der Schattenseiten des weiblichen Geschlechts und seinen Beruf in Old-Bailey studirt.«

Allan fragte nicht weiter. Er schien dem Gegenstande, nachdem er ihn selbst zur Sprache gebracht, jetzt auszuweichen. »Lassen Sie uns etwas thun, um die Zeit zu tödten«, sagte er. »Wir wollen einpacken und die Rechnung bezahlen.«

Sie packten ein und bezahlten die Rechnung. Die Stunde kam und der Zug, fuhr endlich nach Norfolk ab.

Während die Reisenden sich auf der Rückfahrt befanden, ward ein etwas längeres Telegramm als das Allan’s in der entgegengesetzten Richtung auf den Drähten an ihnen vorbei von Thorpe-Ambrose nach London geblitzt. Es war in Chiffern abgefaßt und lautete verdolmetscht folgendermaßen:

»Lydia Gwilt an Maria Oldershaw.

Gute Nachrichten! Er kommt zurück. Ich denke eine Zusammenkunft mit ihm zu haben. Alles läßt sich vortrefflich an. Liegt, da ich das Parkhäuschen verlassen, habe ich keine spionierenden Frauenaugen zu fürchten und kann gehen und kommen, wie mir’s beliebt. Glücklicherweise ist Mr. Midwinter aus dem Wege. Noch verzweifle ich nicht daran, Mrs. Armadale zu werden. Was sich immer ereignen mag, verlaß Dich darauf, daß ich mich von London fern halten werde, bis ich die Gewißheit habe, nicht von Spionen bis zu Deinem Hause verfolgt zu werden. Ich habe durchaus keine Eile, Thorpe-Ambrose zu verlassen. Zuvor will ich an Miß Milroy Vergeltung üben.«

Bald nachdem diese Depesche in London in Empfang genommen war, langte Allan wieder zu Hause an. Es war Abend. Pedgift junior hatte ihn soeben verlassen, und Pedgift Senior sollte in einer halben Stunde in Geschäften bei ihm erscheinen.


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