Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Sechster Band - Fünftes Kapitel
 

Armadale



Fünftes Kapitel.

Midwinter, dem Bashwood’s Verlegenheit nicht entging, wie er sofort die Veränderung in dessen äußerer Erscheinung bemerkt hatte, sprach zuerst.

»Ich sehe, ich habe Sie überrascht«, sagte er. »Sie haben sich wohl nach Jemand anders umgesehen? Haben Sie Nachricht von Allan? Ist er schon auf dem Heimwege?«

Die Frage nach Allan, die doch in diesem Augenblicke bei Midwinters Beziehungen zu jenem so ganz natürlich war, trug nur zur Erhöhung von Bashwood’s Verlegenheit bei. Da er nicht wußte, wie er sich aus dieser kritischen Stellung ziehen sollte, nahm er einfach seine Zuflucht zum Leugnen.

»Ich weiß nichts von Mr. Armadale, ach Gott, Sir, nein, ich weiß gar nichts von ihm«, antwortete er ohne Noth hastig und eifrig. »Willkommen in England, Sir«, fuhr er fort, in seiner ängstlichen, geschwätzigen Manier zu einem andern Thema überspringend. »Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie im Auslande waren. Es ist so lange, daß wir das Vergnügen —— daß ich das Vergnügen gehabt habe. Hat es Ihnen auf dem Continente gefallen, Sir? Ach, so von den unsern verschiedene Sitten, so verschieden, ja, ja, ja, so ganz verschieden! Werden Sie jetzt wieder lange in England bleiben?«

»Das weiß ich nicht«, entgegnete Midwinter. »Ich habe» meine eigentlichen Pläne aufgeben und ganz unerwartet nach England kommen müssen.« Er hielt inne und fügte dann leiser hinzu: »Eine ernstliche Sorge hat mich hierher geführt; ehe ich von dieser Sorge nicht befreit bin, weiß ich nicht, was ich vornehmen werde.

Das Licht einer Gaslaterne fiel bei diesen Worten auf sein Gesicht, und erst jetzt bemerkte Mr. Bashwood, daß Midwinter höchst angegriffen und überhaupt traurig verändert aussah.

»Das thut mir leid, Sir, sehr, sehr leid. Könnte ich Ihnen vielleicht irgendwie von Nutzen sein ——« brachte Bashwood vor, theils einigermaßen unter dem Einflusse seiner ängstlichen Höflichkeit, theils in Erinnerung an das, was in früheren Tagen Midwinter für ihn in Thorpe-Ambrose gethan hatte.

Midwinter dankte ihm und wandte sich wehmüthig ab. »Leider werden Sie mir kaum etwas helfen können, Mr. Bashwood, nichtsdestoweniger aber bin ich Ihnen für Ihr Anerbieten sehr verbunden.« Er schwieg und sann eine Weile nach. »Wenn sie nun nicht krank wäre? Wenn ihr anderes Unheil zugestoßen sein sollte?« sprach er zu sich selbst und kehrte sein Gesicht wieder dem Verwalter zu. »Hat sie ihre Mutter verlassen, dann dürfte ihre Spur wohl zu finden sein, wenn man sich in Thorpe-Ambrose erkundigte.«

Augenblicklich war Bashwood’s Neugier erweckt. Um Miß Gwilt’s Willen interessierte ihn jetzt das ganze weibliche Geschlecht.

»Eine Dame, Sir?« fragte er. »Sehen Sie sich nach einer Dame um?«

»Nach meiner Frau«, antwortete Midwinter einfach.

»Sie sind verheirathet, Sir?« rief Bashwood aus. »Verheirathet, seitdem ich zum letzten Male das Vergnügen hatte, Sie zu sehen? Darf ich mir die Freiheit nehmen zu fragen ——«

Unbehaglich schlug Midwinter die Augen nieder.

»Sie haben die Dame vordem gekannt«, sagte er; »ich habe Miß Gwilt geheirathet.«

Der Intendant fuhr zurück, wie er vor einer auf seinen Kopf gerichteten geladenen Pistole zurückgefahren sein würde. Seine Augen stierten, als hätte er plötzlich den Verstand verloren, und das nervöse Zittern, dem er unterworfen war, durchbebte ihn vom Kopf bis zu den Füßen.

»Was haben Sie?« fragte Midwinter. Keine Antwort erfolgte.

»Was liegt denn so Erschreckliches darin«, fuhr er etwas ungeduldig fort, »daß Miß Gwilt meine Frau ist?«

»Ihre Frau?« wiederholte Bashwood verblüfft. »Mrs. Armadale!« Mit einer gewaltsamen Anstrengung hielt er sich im Zaume und sagte nichts weiter.

War der Verwalter starr vor Erstaunen gewesen, so war es jetzt Midwinter nicht weniger, wie sich auf seinem Gesichte deutlich ausprägte. Der Name, unter welchem er seine Frau heimlich geheirathet hatte, war über die Lippen des Mannes gegangen, dem er zuletzt von allen Menschen in der Welt sein Geheimniß anvertraut haben würde! Er nahm Mr. Bashwood beim Arme und führte ihn nach einer minder belebten Gegend des großen Bahnhofs, als die war, wo sie bisher mit einander gesprochen hatten.

»Sie haben so eben meine Frau erwähnt und im selben Athem von Mrs. Armadale gesprochen«, sagte er. »Was meinten Sie damit?«

Wiederum keine Antwort. Ganz unfähig, mehr zu begreifen, als daß er sich in eine ernste Verwickelung hineingezogen sah, die ihm ein vollständiges Geheimniß war, suchte sich Mr. Bashwood von dem Griffe loszumachen, der seinen Arm festhielt, allein umsonst.

Streng wiederholte Midwinter seine Frage. »Ich frage Sie noch einmal«, sprach er, »was wollten Sie damit sagen?«

»Nichts, Sir! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich habe nichts damit gemeint!« Er fühlte, wie die Hand seinen Arm fester packte, er sah, selbst im Dunkel des abgelegenen Winkels, in dem sie standen, daß Midwinter’s Jähzorn aufzulodern begann und nicht mit ihm zu spaßen war. Die Gefahr, die ihm drohte, gab ihm das einzige Mittel in die Hand, welches ein feiger Mensch bereit zu haben pflegt, wenn er sich gezwungen sieht, einer plötzlichen Bedrängniß die Spitze zu bieten, die Lüge. »Ich wollte nur sagen«, stotterte er heraus und strengte sich in Verzweiflung an, Blick und Rede den Anstrich der Vertraulichkeit zu geben, »daß Mr. Armadale überrascht sein würde ——«

»Sie sagten Mrs. Armadale!«

»Nein, Sir, auf mein Ehrenwort, auf mein heiliges Ehrenwort, Sie irren sich; wahrhaftig, Sie irren sich! Ich sagte Mr. Armadale. Wie hätte ich denn auch anders sagen können? Bitte, lassen Sie mich jetzt gehen; ich bin pressiert; ich versichere Ihnen, ganz entsetzlich pressiert!«

Midwinter hielt ihn noch einen Augenblick fest und entschloß sich in diesem Augenblick, was er zu zu thun habe.

Wie es sich in der That verhielt, hatte er angegeben, daß Sorge um seine Frau das Motiv gewesen, welches ihn zur Rückreise nach England veranlaßt, eine Sorge, die ihm natürlich hatte kommen müssen, weil er auf einmal länger als eine Woche ohne Nachricht von ihr geblieben war, nachdem sie ihm vorher jeden zweiten oder dritten Tag geschrieben hatte. Der erste unbestimmt-schreckliche Argwohn, daß ihr Schweigen einen andern Grund haben könne als Unfall oder Krankheit, hatte ihn plötzlich mit eisiger Kälte durchschauert, sowie er hörte, daß Bashwood den Namen Mrs. Armadale mit dem Gedanken an seine Frau in Verbindung brachte. Kleine Unregelmäßigkeiten in ihren Briefen, die ihm bis dahin nur eigenthümlich erschienen waren, fielen ihm jetzt wieder ein und dünkten ihm ebenfalls verdächtig. Bis jetzt hatte er den Gründen Glauben geschenkt, die sie ihm angab, als sie ihn ersuchte, seine Briefe an ein gewisses Postbureau zu adressieren, ohne ihm eine bestimmte Wohnung zu nennen. Nunmehr dünkten ihm auch diese Gründe nichts als bloßer Vorwand zu sein. Bis jetzt war er willens gewesen, bei seiner Ankunft in London blos an dem einzigen Orte nach ihr zu forschen, der ihm einen Faden zu ihrer Auffindung darbot, in dem Hause, das sie ihm als die Wohnung ihrer Mutter bezeichnet hatte. Nunmehr beschloß er, aus einem Motiv, das er sich selbst nicht weiter zu erklären wagte, das aber jede andere Erwägung seines Geistes überwand, vor allen Dingen das Räthsel zu lösen, wie Bashwood in ein Geheimniß hatte eingeweiht werden können, das ein eheliches Geheimniß zwischen ihm und seiner Frau war. An einen Mann von Bashwood’s Art und Weise und Bashwoods gegenwärtiger Gemüthsverfassung sich deshalb direct zu wenden, wäre offenbar ein fruchtloses unternehmen gewesen. So war denn Midwinter die Waffe der Täuschung buchstäblich in die Hand gezwungen worden. Er ließ Bashwood’s Arm los und acceptirte dessen Erklärung.

»Verzeihen Sie«, sagte er; »ich zweifle nicht mehr, daß ich falsch gehört habe. Bitte, schreiben Sie meine Heftigkeit meiner großen Sorge und Erschöpfung zu. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend.«

Der Bahnhof war mittlerweile fast ganz leer geworden, die mit dem Zuge gekommenen Passagiere waren alle im Wartesaale des Zollhauses bei der Revision ihres Gepäcks versammelt. Es war mithin nichts Leichtes, ostensibel sich von Bashwood zu verabschieden und in Wahrheit ihn doch im Auge zu behalten. Allein Midwinter’s frühere Zigeunerexistenz hatte ihn mit dergleichen Kriegslisten vertraut gemacht, wie er sie jetzt in Anwendung bringen mußte. An der Reihe der leeren Waggons hinab schreitend, öffnete er die Thür von einem derselben, als wolle er nach einem darin zurückgelassenen Gegenstande sehen, und entdeckte, wie Bashwood der Droschkenlinie zueilte, die auf der andern Seite des Perrons aufgestellt war. Im Nu war auch Midwinter hindurch und um die lange Wagenreihe herum, sodaß er vom Perron aus nicht gesehen werden konnte. Im Augenblick, wo Bashwood in die erste Droschke durch den rechten Wagenschlag stieg, glitt Midwinter rasch in die zweite Droschke durch den linken. »Doppelte Taxe«, sagte er dem Kutscher, »wenn Sie den Wagen vor uns nicht aus dem Gesichte verlieren und ihm folgen, wohin er auch fährt. Eine Minute später befanden sich beide Droschken bereits auf ihrer Tour aus dem Bahnhofe hinaus.

Im Wachhäuschen am Thor saß der Beamte und notierte die Bestimmungsorte der vorüberrollenden Wagen. Midwinter hörte, daß sein Kutscher »Hampstead!« rief, als er am Fenster des Beamten vorbeikam.

»Warum nannten Sie Humpstead?« fragte er, als sie sich außerhalb des Bahnhofs befanden.

»Weil der Mann vor mir Hampstead genannt hat, Sir«, antwortete der Kutscher.

Immer und immer wieder auf ihrem langen Wege nach der nordwestlichen Vorstadt fragte Midwinter, ob das Cab noch in Sicht sei. Wieder und immer wieder antwortete der Mann: »Gerade vor uns.«

Es war zwischen neun und zehn Uhr, als der Kutscher endlich die Pferde anhielt. Midwinter stieg aus und sah die Droschke vor ihnen vor einer Hausthür warten. Sobald er sich überzeugt hatte, daß der andere Kutscher wirklich der von Bashwood genommene war, zahlte er die versprochene Belohnung und entließ seine eigene Droschke.

Ein paarmal ging er vor dem Hause auf und nieder. Der unbestimmte fürchterliche Verdacht, der auf dem Bahnhofe in ihm aufgestiegen war, hatte inzwischen eine feste Gestalt angenommen, vor der er sich entsetzte Ohne den Schatten eines plausiblen Grundes zu haben, mußte er an der Treue seiner Frau blind zweifeln und ebenso blind argwöhnen, daß Bashwood dabei die Rolle des Unterhändlers spiele. In purem Schrecken vor seiner krankhaften Einbildung beschloß er sich die Nummer des Hauses und den Namen der Straße zu notieren, in welcher er sich eben befand, und dann, um seiner Frau Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sofort sich nach der Wohnung zu verfügen, die sie ihm als die Adresse ihrer Mutter angegeben hatte. Er hatte sein Notizbuch aus der Tasche genommen und ging der Straßenecke zu, als er den Kutscher bemerkte, der Bashwood gefahren hatte, wie derselbe ihn mit einem Ausdruck von forschender Ueberraschung ansah. Sofort kam ihm der Gedanke, die Gelegenheit zu benutzen und den Droschkenkutscher auszufragen. Er zog eine halbe Krone aus seinem Portemonnaie und gab sie dem Mann, der bereitwillig seine Hand ausstreckte.

»Ist der Herr, den Sie von der Bahn gefahren haben, in das Haus dort gegangen?« fragte er.

»Ja, Sir.«

»Haben Sie ihn nach Jemand fragen hören, als die Thür aufgemacht wurde?«

»Er fragte nach einer Dame, Sir. Mrs. ——« Der Mann überlegte. »Es war kein gewöhnlicher Name; ich würde ihn gleich wiedererkennen, wenn er mir genannt würde.«

»War es Midwinter?«

»Nein, Sir.«

»Armadale?«

»Richtig, der war’s. Mrs. Armadale.«

»Sie sind sicher, daß es Mrs. und nicht Mr. war?«

»So sicher, wie ein Mann sein kann, der nicht besonders darauf Acht gegeben hat.«

Der Zweifel, welcher in dieser letzten Antwort lag, bestimmte Midwinter, die Sache auf der Stelle ins Klare zu bringen. Er stieg die Stufen vor dem Hause hinan. Als er die Hand erhob, um die neben der Thür angebrachte Klingel zu ziehen, überwältigte ihn momentan seine heftige Aufregung; ein eigenthümliches Gefühl, als springe etwas von seinem Herzen nach seinem Kopfe, machte ihn schwindeln. Er mußte sich am Treppengeländer festhalten und, das Gesicht der frischen Abendluft preisgebend, warten, bis der Anfall vorüber war. Dann erst schellte er.

»Ist« ——« er wollte nach Mrs. Armadale fragen, als ihm das Dienstmädchen die Thür geöffnet hatte, aber er brachte den Namen trotz aller Anstrengung nicht über die Lippen — »ist Ihre Herrin zu Hause?« fragte er.

»Ja, Sir.«

Das Mädchen wies nach einem Hinterzimmer und führte ihn zu einer alten Dame mit verbindlichen Manieren und einem hellen Augenpaar.

»Das ist ein Mißverständniß«, sagte Midwinterr. »Ich wollte zu ——« Noch einmal versuchte er den Namen auszusprechen, und nochmals war er außer Stande, ihn über seine Lippen zu bringen.

»Mrs. Armadale?« half ihm die alte Dame lächelnd ein.

»Ja.«

»Führe den Herrn hinauf, Jenny.«

Das Mädchen ging mit ihm ins erste Stock.

»Soll ich einen Namen melden?«

»Nein, keinen Namen.«

Mr. Bashwood war eben erst mit seinem Rapport über das auf dem Bahnhofe Vorgefallene fertig, seine stolze Gebieterin saß noch sprachlos da von dem Schlag, der sie plötzlich getroffen hatte, als sich die Thür des Zimmers aufthat und ohne ein Wort vorheriger Meldung Midwinter auf der Schwelle erschien. Er that einen Schritt in das Gemach hinein und schloß mechanisch hinter sich die Thür. In tiefstem Schweigen stand er da und seinem Weibe gegenüber, es vom Kopf bis zu den Füßen mit einem forschenden Blicke ansehend, der fürchterlich war in seiner unnatürlichen Selbstbeherrschung.

In tiefstem Schweigen erhob sie ihrerseits sich von ihrem Stuhle. In tiefstem Schweigen stand sie hoch aufgerichtet auf dem Kaminteppich ihrem Gatten in Wittwenkleidung gegenüber.

Er trat einen Schritt näher zu ihr heran, blieb dann aber stehen und zeigte mit seinem magern braunen Finger auf ihre Kleidung.

»Was soll das bedeuten?« fragten, ohne seine fürchterliche Selbstbeherrschung zu verlieren und ohne seine ausgestreckte Hand zu bewegen.

Bei dem Klange seiner Stimme hörte das rasche Wogen ihres Busens, welches bis jetzt das einzige äußere Zeichen der sie quälenden Todesangst gewesen war, mit einem Male auf. In undurchdringlichem Schweigen, athemlos stand sie da, als hätte seine Frage ihr den Todesstoß versetzt und seine zeigende Hand sie versteinert.

Er trat noch einen Schritt näher und wiederholte seine Worte noch leiser und gelassener als vorher.

Noch ein Augenblick des Schweigens, noch ein Augenblick der Unbeweglichkeit, und sie wäre vielleicht gerettet gewesen. Aber ihre verhängnißvolle Charakterstärke trug schließlich über die Katastrophe ihres und seines Geschicks den Sieg davon. Bleich und ruhig, hager und alt, begegnete sie der entsetzlichen Krisis mit einem furchtbaren Muthe und sprach die unwiderruflichen Worte, welche ihm ins Gesicht hinein ihn verleugneten.

»Mr. Midwinter«, sagte sie in unnatürlich hartem und unnatürlich scharfem Tone, »Unsere Bekanntschaft berechtigt Sie schwerlich solchergestalt zu mir zu sprechen.« Das waren ihre Worte, die sie sprach, ohne ihre Augen, die starr auf den Boden geheftet waren, zu ihm zu erheben. Als sie ihre Antwort gegeben hatte, schwand auch der letzte Schein von Farbe aus ihrem Gesichte.

Eine Pause trat ein. Noch immer unverwandt sie ansehend, suchte Midwinter sich in seinem Geiste die Sprache zurecht zu legen, welcher sie sich gegen ihn bedient hatte. »Sie nennt mich Mr. Midwinter«, flüsterte er langsam. »Sie spricht von unserer Bekanntschaft.« Er hielt inne und sah sich rings im Zimmer um. Jetzt erst bemerkten seine umherschweifenden Augen Mr. Bashwood; er gewahrte, daß der Verwalter am Kamine stand und ihn zitternd ansah.

»Ich habe Ihnen früher einmal einen Dienst geleistet«, sagte er, »und Sie haben mir damals gesagt, sie seien kein undankbarer Mensch. Sind Sie so dankbar, daß Sie mir antworten wollen, wenn ich Sie etwas frage?«

Er hielt wieder etwas inne. Bashwood stand noch immer zitternd am Kamine und fixierte ihn schweigend.

»Ich bemerke«, fuhr Midwinter fort, »daß Sie mich ansehen. »Ist etwa eine Veränderung mit mir vorgegangen, von der ich selbst nichts weiß? Sehe ich vielleicht Dinge, die Sie nicht sehen? Höre ich Worte, welche Sie nicht hören? Sehe ich aus oder spreche ich wie ein Mann, der von Sinnen gekommen ist?«

Wiederum hielt er inne und wiederum brach Niemand das Schweigen. Seine Augen begannen zu funkeln und das wildheiße Blut, das er von seiner Mutter geerbt hatte, stieg ihm langsam und dunkel in die aschfarbenen Wangen.

»Ist das Weib da«, fragte er, »dasselbe, welches Sie einst als Miß Gwilt gekannt haben?«

Noch einmal nahm seine Frau ihren verhängnißvollen Muth zusammen, noch einmal sprach sie ihre verhängnißvollen Worte.

»Sie zwingen mich, Ihnen zu wiederholen«, sagte sie, »daß Sie unsere Bekanntschaft zur Anmaßung verleitet und daß Sie vergessen, was Sie mir schuldig sind!«

Mit einer wilden Wuth, die Bashwood’s Lippen einen Angstschrei entlockte, drehte er sich nach ihr um.

»Bist Du mein Weib oder bist Du es nicht?« fragte er, die Zähne zusammenbeißend.

Zum ersten Male richtete sie ihre Augen auf ihn. Die ganze Hölle der eigenen Verzweiflung ihrer verlorenen Seele sprach aus dem trotzigen Blick, mit dem sie ihn fest ansah.

»Ich bin nicht Ihr Weib«, sprach sie.

Er taumelte zurück, während seine Hand wie die eines im Dunkeln tappenden Menschen nach etwas tastete, woran er sich halten könne. Schwer lehnte er sich endlich an die Wand des Zimmers und starrte das Weib an, das an feinem Herzen geruht und ihn jetzt ins Gesicht hinein verleugnet hatte.

Von Entsetzen getroffen schlüpfte Bashwood an ihre Seite. »Gehen Sie da hinein!« flüsterte er, indem er sie an die Flügelthür zu ziehen suchte, die ins anstoßende Zimmer führte. »Um Gotteswillen machen Sie schnell! Er bringt Sie sonst um!l«

Sie stieß den alten Mann mit. ihrer Hand zurück, sah ihn an mit plötzlich aufleuchtendem Gesicht und antwortete ihm mit Lippen, um die sich langsam ein fürchterliches Lächeln legte.

»Lassen Sie ihn mich umbringen!« sagte sie.

Als diese Worte über ihre Lippen kamen, stürzte Midwinter mit einem Schrei, der durch das Haus gellte, von der Wand aus sie zu. Die Wuth eines Wahnsinnigen flammte aus seinen gläsernen Augen und griff nach ihr mit seinen drohenden Händen. Bis auf Armeslänge kam er an sie heran, dann blieb er plötzlich stehen und das dunkle Roth erstarb aus seinem Gesichte Seine Augenlider senkten sich, seine ausgestreckten Hände zitterten und fielen hilflos herab. Er fiel um wie eine Leiche und lag wie ein Todter in den Armen des Weibes, welches ihn verleugnet hatte.

Sie kniete aus den Teppich nieder, legte seinen Kopf auf ihre Kniee und umklammerte den Arm Bashwood’s, der zu ihrer Hilfe herbeigeeilt war, fest wie eine Schraube. »Gehen Sie zum Doctor«, sagte sie, »und halten Sie die Leute im Hause fern, bis er kommt.« Aus ihren Augen und aus ihrer Stimme sprach etwas, das Jedem gerathen haben würde, ihr stillschweigend zu gehorchen. Stillschweigend gehorchte Bashwood und eilte aus dem Zimmer.

Im Augenblicke, wo sie allein war, hob sie Midwinter von ihren Knieen in die Höhe. Mit beiden Armen ihn umfangend, legte die unglückliche sein lebloses Gesicht an das ihre und wiegte ihn an ihrem Busen in einem Uebermaß von schmerzlicher Liebe, für welche es keine erleichternden Thränen gab, in einer leidenschaftlichen Reue, die sich mit Worten nicht schildern läßt. Schweigend hielt sie ihn an ihrer Brust, schweigend bedeckte sie seine Stirn, seine Wangen, seine Lippen mit Küssen. Kein Laut entschlüpfte ihr, bis sie draußen hastige Schritte die Treppe herauskommen hörte. Dann entrang sich ein leiser Jammerschrei ihrem Munde, als sie ihn zum letzten Male ansah und seinen Kopf wieder auf ihre Kniee legte, ehe die Fremden eintraten.

Zuerst kamen die Hauswirthin und Bashwood; der Arzt, ein in derselben Straße wohnender Chirurg, folgte ihnen auf dem Fuße. Der Schrecken und die Schönheit ihres Gesichts, als sie aufblickte, nahmen ihn für den Augenblick so ausschließlich in Anspruch, daß er erstaunt stehen blieb. Sie mußte ihn erst heranwinken und ihm den Bewußtlosen zeigen, ehe sich seine Aufmerksamkeit von ihr ab und dem Kranken zuwandte.

»Ist er todt?« fragte sie.

Der Wundarzt schaffte Midwinter auf das Sopha und ließ die Fenster öffnen. »Es ist eine Ohnmacht«, sprach er, »nichts weiter.«

Bei dieser Antwort verließ sie ihre Kraft zum ersten Male. Sie seufzte tief auf und lehnte sich, eine Stütze suchend, an den Kaminsims. Bashwood war der Einzige, der bemerkte, daß sie vor Erschöpfung umzusinken drohte. Er führte sie nach einem Lehnstuhl ans andere Ende des Zimmers und überließ der Wirthin, dem Arzte die erforderlichen Belebungsmittel darzureichen.

»Wollen Sie hier warten, bis er wieder zu sich kommt?« flüsterte der Verwalter, zitternd nach dem Sopha blickend.

Die Frage weckte sie aus ihrer Betäubung zum Gefühle ihrer Lage, zum Bewußtsein der Nothwendigkeiten, welche diese Lage ihr erbarmungslos auflegte. Mit einem tiefen Seufzer sah sie nach dem Sopha, überlegte einen Augenblick und beantwortete Bashwoods Frage mit einer solchen ihrerseits.

»Ist das Cab noch unten, mit dem Sie vom Bahnhofe gekommen sind?«

»Ja.«

»Fahren Sie sogleich ans Thor des Sanatoriums und warten Sie dort, bis ich selbst komme.«

Mr. Bashwood zögerte. Sie heftete die Augen auf ihn und trieb ihn mit einem einzigen Blicke aus dem Zimmer.

»Der Herr kommt zu sich Madame«, sagte die Wirthin, als Bashwood hinaus war. »Eben hat er wieder geathmet.«

Sie nickte blos, stand aus und überlegte von neuem, blickte zum zweiten Male nach dem Sopha und ging dann durch die Flügelthür in ihr Schlafzimmer.

Bald war die körperliche Wiederherstellung des Kranken gesichert. Vor der Hand blieb jetzt nichts mehr zu thun übrig, als zu warten und ihn allmälig zum Bewußtsein des Geschehenen kommen zu lassen.

»Wo ist sie?« waren die ersten Worte, die er zu dem Arzte und der Wirthin sagte, welche ihn sorglich beobachtete.

Die Wirthin klopfte an die Flügelthür, erhielt aber keine Antwort. Sie ging hinein und fand das Zimmer leer. Auf dem Toilettentische lag ein kleiner Streifen Papier und darauf das Honorar für den Doctor. Das Papier enthielt die nachstehenden, offenbar in großer Eile geschriebenen Zeilen: »Nach dem, was vorgefallen, kann ich heute Nacht unmöglich hier bleiben. Morgen will ich wiederkommen, mein Gepäck zu holen und zu bezahlen, was ich Ihnen schulde.«

»Wo ist sie?« fragte Midwinter wieder, als die Wirthin allein in das Wohnzimmer zurückkam.

»Fort, Sir.«

»Das glaube ich nicht.«

»Wenn Sie Ihre Handschrift kennen, Sir«, antwortete die alte Dame, einigermaßen über den ihr gemachten Vorwurf der Unwahrheit pikiert, und überreichte ihm den Papierstreifen, »so werden Sie dem da vielleicht glauben.«

Er sah auf das Papier. »Verzeihen Sie«, sagte er, ihr das Billet zurückgebend. »Von ganzem Herzen bitte ich Sie um Verzeihung.«

Es war etwas in seinem Gesicht, als er dies sprach, was die Aufregung der alten Dame mehr als beschwichtigte, ein plötzliches Mitleid mit dem Manne, der sie beleidigt hatte, überkam sie. »Ich fürchte, dem Allem liegt ein entsetzlicher Kummer zu Gründe«, sagte sie einfach. »Haben Sie etwas an die Dame zu bestellen, wenn sie wiederkommt?«

Midwinter erhob sich und stützte sich einen Augenblick auf das Sopha. »Ich will morgen selbst meine Botschaft«bringen«, sagte er; »ehe sie Ihr Haus verläßt, muß ich sie sehen«

Der Arzt begleitete den Patienten bis aus die Straße. »Darf ich Sie nach Hause geleiten?« fragte er freundlich. »Sie thaten besser, nicht zu Fuße zu gehen; es ist so weit. Sie dürfen sich nicht überanstrengen, dürfen sich heute Abend nicht erkälten.«

Midwinter nahm seine Hand und dankte ihm. »Ans Gehen und an kalte Nächte bin ich gewöhnt, Sir«, sagte er, »und ermatte nicht leicht, selbst wenn ich so angegriffen und erschöpft aussehe wie jetzt. Wenn Sie mir den nächsten Weg zeigen wollen, der aus dieser Straße ins Freie führt, denke ich, die Stille des Landes und die Stille der Nacht sollen mir gut thun. Morgen habe ich Schweres zu vollbringen«, setzte er leise hinzu, »und ich glaube, ich kann nicht ruhen noch schlafen, als bis ich darüber ernstlich nachgedacht habe.«

Der Arzt begriff, daß er es mit keinem gewöhnlichen Mann zu thun hatte. Ohne weitere Bemerkungen beschrieb er Midwinter den einzuschlagenden Weg und sagte ihm an seinem Hause gute Nacht.

Wieder allein, blieb Midwinter stehen und blickte schweigend zum Himmel auf. Dieser hatte sich aufgeklärt und die Sterne waren erschienen, die Sterne, die ihn damals zuerst sein Zigeunerherr kennen gelehrt hatte. Zum ersten Male dachte er in wehmüthiger Sehnsucht an seine Knabentage zurück. »Ach das alte liebe Leben!« dachte er schmerzlich. »Heute erst weiß ich, wie glücklich es war!«

Er raffte sich auf und schritt ins Freie hinaus, in die Einsamkeit und Dunkelheit, die jenseits der Straße sich vor ihm öffneten.

»Heute hat sie ihren Gatten verleugnet«, sagte er mit erglühendem Gesicht; »morgen soll sie ihren Herrn kennen lernen.«


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