Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus - Erster Band - Zwölftes Kapitel
 

Die Heirat im Omnibus



Zwölftes Kapitel

Je mehr ich mich unserem Hause näherte, einen desto größeren Widerwillen empfand ich, hier die kurze Zwischenzeit zuzubringen, welche meinen ersten Besuch bei Mr. Sherwin von dem zweiten trennen sollte. Indem ich den Fuß in die Gemächer setzte, verwandelte sich diese Furcht in eine Art geheimnißvolle Scheu.

Ich fühlte mich nicht aufge1egt, die Personen zu sehen, die mir die theuersten auf der Welt waren. Es war ein Trost für mich, zu erfahren, daß mein Vater ausgegangen war. Meine Schwester dagegen war zu Hause. Ein Diener sagte mir, daß sie in diesem Augenblicke in die Bibliothek gegangen sei, und fragte mich, ob er sie von meiner Rückkunft benachrichtigen solle. Ich verbot ihm, sie zu stören, da ich die Absicht hätte, sofort wieder auszugehen.

Ich trat in mein Arbeitscabinet und schrieb an Clara ein kleines Billet, in welchem ich ihr ganz einfach meldete, daß ich zwei Tage auf dem Lande zubringen würde.

Hierauf ging ich in den Stall und ließ unverzüglich mein Pferd satteln. Ich dachte nicht einmal darüber nach, welche Richtung ich einschlagen sollte. Seh war« bloß entschlossen, die zwei Tage, während welcher ich in Ungewißheit bleiben sollte, anderwärts als in unserem Hause zuzubringen und mich weit genug zu entfernen, um nicht in Versuchung zu kommen, das Versprechen, welches ich gegeben; Margarethen nicht zu sehen, zu brechen.

Sobald ich einmal im Sattel saß, überließ ich mein Pferd seinem Instincte und vertiefte mich in die Betrachtungen, wie sie mir durch meine Erinnerungen eine nach der andern an die Hand gegeben wurden.

Das Thier nahm die Richtung, welche es während unseres Verweilens in London am Häufigsten einzuschlagen gewohnt war, nämlich die nördliche Landstraße. Es w«ar schon eine halbe Meile über die letzten Vorstädte hinausgetrabt, als ich daran dachte, zu sehen, in welcher Gegend ich mich eigentlich befände.

Ich machte Halt, warf mein Pferd herum und galoppierte in südlicher Richtung weiter. Ich besaß weder, Muth noch Gleichgültigkeit genug, um an diesem Tage allein die Straße zu passieren, aus welcher Clara und ich so oft unsere Spazierritte gemacht hatten, und vielleicht an einem unserer Lieblingsplätze Halt zu machen.

So ritt ich in Einem Striche bis Ewell, wo ich zu übernachten beschloß. Das Abenddunkel hatte mich schon unterwegs ereilt und es wäre zwecklos gewesen, mein Pferd durch einen weiteren Ritt noch mehr zu ermüden.

Am nächstfolgenden Morgen war ich mit Sonnenaufgang auf den Füßen und brachte den größten Theil des Tages damit zu, daß ich Dörfer, Felder und Wiesen durchstrich.

Während der Nacht bemächtigten sich die Jdeen, die ich seit der letzten Woche aus meinem Gemüthe verbannt, wieder meiner Phantasie. Es waren dieselben düstern Ahnungen, welche den Geist ermüden und belästigen, gerade so wie der Körper zuweilen ein Leiden empfindet, welches ihn niederdrückt und dessen Sitz ungewiß ist.

Fern von Margarethen versuchte ich nicht einmal meine Energie zu Hilfe zu rufen, um gegen diesen moralischen Druck zu reagiren. Ich bemühte mich bloß, die Wirkung desselben durch unaufhörliche Thätigkeit zu neutralisieren. Bald im Schritte, bald im Galopp reitend, gelang es mir aber dennoch nicht, die Ermüdung des Geistes durch die des Körpers zu bändigen, und die Stunden verflossen. Was mir auf dem Herzen lastete, war nicht sowohl die Verpflichtung, das Ende der vorgeschriebenen Frist abzuwarten als vielmehr die Beengung, die ans den Winkelzügen und der gezwungenen Verstellung hervorging, zu der ich mich durch meinen Antrag selbst verurtheilt.

Diesen Abend verließ ich Ewell und machte mich auf den Weg nach Hause, wenigstens bis Richmond, wo ich ziemlich spät am Abende ankam, um hier die Nacht und den Morgens des dritten Tages zuzubringen. Nachchmittags kam ich nach London zurück und begab mich gegen fünf Uhr sofort nach der Nordvilla, ohne erst unser Haus zu betreten.

Derselbe Hang zur Niedergeschlagenheit verfolgte mich. Selbst der Anblick des Hauses in welchem Margarethe wohnte, selbst das Hevannahen der Unterredung, in, welcher mein Schicksal sich entscheiden sollte, war nicht im Stande, meinen Geist aufzurichten und mich aus der Lethargie, in die ich versunken war, zu rütteln.

Als mir dies Mal die Thür des Salons geöffnet ward, traf ich in demselben Master und Mistreß Sherwin, die mich erwarteten. Auf dem Tische, neben dem neu gebackenen Kuchen, stand der Sherry, der mir bei der vorigen Unterredung so wiederholt und dringend angeboten worden war.

Mistreß Sherwin schnitt den Kuchen, als ich eintrat, und ihr Gatte verfolgte die Operation mit kritischem Blicke. Ich sah, wie die mageren, wachsartigen Finges der armen Frau zitterten, indem sie unter dem Blicke ihres Gatten das Messer führte.

»Sehr erfreut, Sie zu sehen, mein werther Herr,« sagte Mr. Sherwin mit gastfreundlichem Lächeln und indem er mir die Hand bot. »Erlauben Sie mir, Ihnen meine bessere Hälfte, Mistreß Sheriwin, vorzustellen.«

Die »bessere Hälfte« erhob sich wie plötzlich aus dem Schlafe auffahrend und machte mir eine Verbeugung, indem sie das Messer in dem Kuchen stecken ließ.

Mr. Sherwin warf ihr sofort einen strengen Blick zu, zog rasch und ungeduldig das Messer aus dem Kuchen und legte es auf den Teller.

Die arme Mistreß Sheriwin! An dem Tage, wo sie mit ihrer Tochter in den Omnibus gestiegen war, hatte ich sie kaum beachtet, und es war, als wenn ich sie jetzt zum ersten Male sähe.

Die Frauen besitzen von Natur weit mehr als die Männer die Gabe, ihre Gemüthsbewegungen mitzutheilen. Eine glückliche Frau verbreitet auf geheimnißvolle Weise die Ausstrahlungen ihres Glückes um sich her und übt einen Einfluß, der sich mit dem eines schönen sonnen hellen Tages vergleichen läßt.

Dagegen ist es eben so wahr, daß die Melancholie eines melancholischen Weibes unabänderlich ansteckend ist, selbst in ihrem Schweigen, und Mistreß Sherwin war eine Frau dieser Art. Ihre krankhaft blasse Gesichtsfarbe, ihre großen, feuchten, sanften ünd hellblauen Augen, ihre schüchterne, unruhige, furchtsame Haltung, das Gemisch von Zögern und krampfhafter unwillkürlicher Lebhaftigkeit, welches sich in jeder ihrer Bewegungen kundgab —— alles Dies waren eben so viele Symptome, welche ein Leben des Zwanges und unaufhörlicher Furcht verriethen, eben so wie einen schwachen, bescheidenen Charakter, obschon derselbe erfüllt sein konnte von edelmüthigen Bestrebungen, die nun verdammt waren, im Schatten eines eingeschüchterten Gewissens zu zittern.

Hier, in diesem Gesichte mit den hohlen Zügen und von durchsichtiger Sanftmuth, in diesen peinlichen Zuckungen und in der gleichsam ruckweisen Lebhaftigteit ihrer Bewegungen, in dem Tone dieser matten, zitternden Stimme entdeckte ich eins jener so ergreifenden Dramen des Herzens, welche steh nicht beschreiben lassen, die aber Scene um Scene und Jahr für Jahr auf dem geheimen Theater des häuslichen Herdes aufgeführt werden; Dramen die ihren Verlauf in dem Dunkel haben, welches immer dichter wird, so wie der Tod langsam, Falte für Falte und Tag für Tag den schwarzen Vorhang fallen läßt, hinter welchem Alles verschwindet.

»Wir haben seit einigen Tagen recht schönes Wetter, Sir,« sagte Mistreß Sherwin mit so schwacher Stimme, daß man sie kaum hörte und indem sie fortwährend aus ihren Gatten einen Blick heftete, dessen unruhiger Ausdruck wahrhaft Mitleid erregend war, als ob sie sich hätte überzeugen wollen, daß es ihr erlaubt sei, diesen wahrhaft erbärmlichen Gemeinplaß zu äußern. »Sehr schönes Wetter, das läßt sich nicht leugnen,« fuhr die arme Frau so schüchtern fort wie ein Kind, welches vor einem Fremden seine erste Lection hersagt.

»Ja, sehr schönes Wetter, Mistreß Sherwin. Ich wollte es auf dem Lande genießen und habe die zwei letzten Tage zu einer Partie in die Umgegend von Ewell verwendet, die ich noch nicht kannte.«

Es trat ein Augenblick des Schweigens ein.

Mr. Sherwin hustete.

Augenscheinlich war dies das im Voraus zwischen den beiden Gatten verabredete Signal, denn Mistreß Sherwin sah ihren Mann plötzlich unverwandt an.

»In Deiner Eigenschaft als Wirthin solltest Du einem Gaste wie diesem Herrn doch ein Glas Wein und ein Stück Kuchen anbieten,« sagte er. »Ich glaube nicht, daß dies Deiner Gesundheit viel schaden würde.«

»Ach, mein Freund, ich bitte um Verzeihung. Aus reiner Zerstreuung habe ich es vergessen.«

Und sie füllte ein Glas Wein mit so zitternder Hand, daß der Wein beinahe daneben geflossen wäre. Obschon ich Nichts bedurfte, so aß und trank ich doch sofort aus Rücksicht für die Verlegenheit der armen Frau. Wenn mir in diesem Augenblicke eine Dosis Medicin geboten worden wäre, so glaube ich, ich würde sie aus demselben Grunde eben so rasch und bereitwillig zu mir genommen haben.

Mr. Sherwin schenkte sich selbst ein Glas voll, hielt es gegen das Licht, wie um das Spiegeln des Weines zu bewundern, und sagte:

»Auf Ihre Gesundheit, Sir; auf Ihre Gesundheit!«

Und er stürzte den Wein mit Kennermiene hinunter und schnalzte dann auf sehr bezeichnende Weise mit der Zunge. Seine Frau, welcher er Nichts anbot, sah ihn während dieser ganzen Zeit mit der ehrerbietigsten Aufmerksamkeit an.«

»Nun, Madame, wollen Sie Nichts genießen?« fragte ich Sie.

»Meine Frau, Sir,« unterbrach mich Mr. Sherwin, »trinkt niemals Wein, und Kuchen kann sie nicht verdauen. Sie hat einen gar so schwächlichen Magen —— einen sehr schlechten Magen. Wohl an, Sir —— trinken wir noch ein Glas —— dieser Sherry ist von dem Hause Sneyd und Comp. bezogen und kommt mich die Flasche sechs Schilling zu stehen —— zu diesem Preise kann man schon Etwas verlangen. Er ist aber auch von der besten Qualität. Wohlan, da Sie nicht mehr trinken wollen, so wollen wir von unserem Geschäfte sprechen. Ha! ha! von unserem Geschäfte —— ich hoffe, es wird Ihnen Vergnügen machen.«

»Mistreß Sherwin hustete. Es war ein kurzer, trockener, schwacher, gleichsam in der Kehle halb unterdrückter Husten.

»Fängst Du schon wieder an?« sagte Mr. Sherwin, indem er sich unwillig nach ihr herumdrehte. »Immer wieder Husten! Sechs Monate lang haben wir den Arzt gehabt und nur erst gestern habe ich ihm die Rechnung bezahlt und dennoch kein gutes Resultat!«

»O ja —— ich fühle mich jetzt weit besser.«

»Nun also, Sir,« hob Mr. Sherwin wieder an, noch am Abende des Tages, an welchem Sie mich,verließen, habe ich mit meiner Tochter gesprochen. Natürlich war sie ein wenig schüchtern und verlegen. Es versteht sich von selbst, daß es in ihrem Alter keine Kleinigkeit ist, sich, und zwar nach einer so kurzen Bekanntschaft, über eine Sache entscheiden zu sollen von welcher das Glück der ganzen Zukunft abhängt.«

Hier drückte Mistreß Sherwin ihr Tuch vor die Augen, aber ohne das mindeste Geräusch zu machen, denn sie hatte sich ohne Zweifel durch lange Praxis die Gewohnheit angeeignet, im Stillen zu weinen. Dennoch aber zog ihr diese Bewegung sofort einen durchbohrenden Blick ihres Mannes zu —— einen Blick, der nichts weniger als theilnehmend war.

»Mein Himmel, welche Nothwendigkeit ist für Dich denn vorhanden, die Sache auf diese Weise aufzufassen?« sagte er im Tone der Entrüstung. »Was ist denn geschehen, daß Du anfängst zu weinen? Margarethe ist nicht krank und auch nicht unglücklich. Wie kannst Du Dich vor diesem Herrn nur so Gebärden! Weit besser hättest Du gethan, wenn Du uns mit einander allein gelassen hättest. Aber alle Mal kommst Du mir bei meinen Geschäften in die Quere und mischest Dich in Dinge, die Dich Nichts angehen.«

Mistreß Sherwin schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, ohne ein einziges Wort zu entgegnen. Ich bemitleidete sie von ganzem Herzen, konnte aber Nichts sagen. nur meinem ersten Impulse Gehör gebend, erhob ich mich, um ihr die Thür zu öffnen, bereute es aber sofort. Bei der Bewegung, die Sie mich machen sah, stieg ihre Verlegenheit so hoch, daß Sie mit dem Fuße an einen Stuhl stieß, und ohne einen Ausruf des Schmerzes vollständig unterdrücken zu können, verließ Sie das Zimmer.

Mr. Sherwin schenkte sich ein zweites Glas ein, ohne auf die Entfernung seiner Gattin im Mindesten zu achten.

»Ich will doch hoffen,« bemerkte ich, »daß Mistreß Sherwin sich nicht Schaden gethan hat?«

»O nein, es lohnt nicht der Mühe, davon zu sprechen. Es ist Nichts als Unbeholfenheit von ihr —— dabei ist sie zuweilen auch ein wenig nervenschwach, weiter ist es Nichts. Sie ist von jeher Nervenschwach gewesen, und, die Ärzte, diese Charlatane, wissen Nichts mit ihr anzufangen. Es ist das freilich sehr schlimm, aber wer kann dafür?«

In diesem Augenblicke sank er trotz meiner Bemühungen, Margaretens Vater in ihm zu achten, mit einem Male auf seinen natürlichen Standpunkt herab.

»Wohl an, Sir,« hob er wieder an, »kommen wir wieder auf den Punkt zurück, wo ich von meiner Frau unterbrochen ward. Also ich sagte Ihnen, meine Tochter sei ein wenig verlegen gewesen. Es versteht sich von selbst, daß ich sie auf alle Vorurteile, die aus einer Verbindung mit Ihnen für sie hervorgehen könnten, aufmerksam gemacht habe, besonders da ich Ihre Familie ja so gut kenne. Gleichzeitig habe ich sie von den —— Schwierigkeiten, die sich entgegenstellen, von der Nothwendigkeit, die Heirath, wenn Sie noch zu Stande kommt, geheim zu halten, unterrichtet. Dann habe ich mit ihr von gewissen Beschränkungen in Bezug auf die Heirath gesprochen, Beschränkungen, die ich als Vater verpflichtet zu sein Glaube auszubedingen, und von welchen ich Sie in wenigen Worten in Kenntniß setzen will, In Ihrer Eigenschaft als Mann von Welt wissen Sie eben so gut als ich, mein werther Herr, daß die jungen Mädchen in Bezugs auf Das, was sie vom dem oder jenem Manne denken, keine klaren, bestimmten Antworten geben. Dennoch aber hat sie mir genug gesagt, um mir zu beweisen, daß Sie Ihre Zeit gut zu benutzen gewußt haben. Ich lasse Ihnen daher volle Freiheit, sich ihr gegenüber zu erklären, denn sie die Arrangements werden durch Sie besser geordnet werden als durch mich. Jetzt wollen wir die vorläufigen Bedingungen feststellen. Ich brauche Ihnen wohl weiter Nichts zu sagen als: Wenn Sie meine Vorschläge annehmen, so nehme ich auch die Ihrigen an. Ich glaube, das beißt sich coulant zeigen —— wie?«

»Sehr coulant, Mr. Sherwin.«

»Nun gut, dann werde ich Ihnen vor allen Dingen sagen, daß meine Tochter jetzt noch zu jung ist, um zu heirathen. Sie hat erst ihr siebzehntes Jahr zurückgelegt.«

»Sie setzen mich in Erstaunen! Ich hätte geglaubt, sie müsse wenigstens zwanzig zählen.«

»Allerdings hält Jedermann sie für älter als sie ist, und ihrem Ansehen nach sollte man es auch glauben. Sie ist körperlich entwickelter als die meisten jungen Mädchen ihres Alters, doch davon handelt es sich jetzt weiter nicht. Die Thatsache steht fest, daß sie noch zu jung ist, um schon jetzt zu heirathen, zu jung vom moralischen Gesichtspunkte, zu jung vom Gesichtspunkte ihrer Ausbildung, zu jung vom Gesichtspunkte ihrer Gesundheit aus betrachtet —— zu jung in jeder Beziehung. Sie können sich denken, daß ich in dieser Beziehung meine Meinung nicht gern ändern möchte, denn es ist in meiner Familie —— in einer Nebenlinie —— schon ein trauriges Beispiel von den verderblichen Folgen einer allzu frühzeitigen Heirath vorgekommen. Alles Das, was ich Ihnen hier sage, hat den Zweck, mich zu rechtfertigen, wenn ich Ihnen eröffne, daß ich in Margarethens Vermählung nicht eher als nach, Ablauf Eines Jahres —— Eines Jahres von heute an gerechnet —— willigen werde. Während dieses Jahres können Sie ihr den Hof machen, ihre Ausbildung wird sich vervollständigen, ihre körperliche Constitution wird kräftiger werden —— Sie verstehen mich, ihre Constitution wird kräftiger werden.«

Ein Jahr sollte ich warten!

Die Liebe wird durch die Nothwendigkeit zahm gemacht und durch die Hoffnung belehrt; trotz dieser beiden Gebieterinnen aber behält—— sie nichtsdestoweniger Etwas von ihrer ersten Natur —— von ihrer Ungeduld und ihren lebendigen Impulsen!

Ein Jahr sollte ich warten! Anfangs schien mir dies eine unendlich lange Prüfung zu sein, welcher ich mich nicht unterziehen könnte; nach wenigen Augenblicken aber sah ich den Aufschub von einer andern Seite an.

Konnte ich nach einem herrlicheren Vorrechte trachten als dem, Margarethen vielleicht jeden Tag, vielleicht mehrere Stunden hintereinander zu sehen? —— War es nicht Glück genug für mich, die Entwickelung ihres Charakters beobachten zu können, ihre schüchterne jungfräuliche Liebe keimen und dann immer mehr zunehmen und sich kräftigen zu sehen, sowie wir einander besser kennen lernten? Als ich hieran dachte unterdrückte ich alles Zögern und antwortete Mr. Sherwin:

»Dies wird allerdings eine ziemlich starke Prüfung für meine Geduld sein, aber nicht für meine Beständigkeit und eben sowenig für die Macht meiner Zuneigung. Warten wir also ein Jahr.«

»So ist’s recht!« entgegnete Mr. Sherwin. »Ich erwartete indessen schon diese Offenheit und Billigkeit von einem so distinguirten jungen Manne wie Sie sind. Jetzt aber kommen wir auf den schwierigsten Punkt. Ich muß nämlich einen gewissen Vorbehalt ——«

Er stockte und fuhr sich mit den Fingern nach allen Richtungen hin im Haare herum. Seine Gesichtsmuskeln zuckten und verzerrten sein Gesicht auf fürchterliche Weise, während. er mich ansah.

»Erklären Sie sich wenn ich bitten darf, Mr. Sherwin. Ich versichere Ihnen, daß Ihr Schweigen einen beengenden Eindruck auf mich macht.«

«Allerdings —— ich verstehe —— Indessen, Sie müssen mir Versprechen, sich durch Das, was ich Ihnen vorschlagen werde, nicht beleidigt zu fühlen.«

»Gewiß nicht.«

»Nun gut. Es kann sonderbar erscheinen, aber auf alle Fälle, das heißt, insoweit Sie selbst und ohne Ihres Vater entscheiden, erachte ich es für unumgänglich nothwendig, daß Ihre Vermählung mit meiner Tochter sofort stattfinde, ohne daß wir Ein Jahr damit warten. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen.«

»Ich muß gestehen, daß dies nicht der Fall ist.«

Er hustete verlegen, ging nach dem Tische und schenkte sich wieder ein Glas Wein ein. Seine Hand zitterte ein wenig. Er stürzt den Wein auf einen Zug hinunter, dann hustete er wieder drei oder vier Mal, ehe er wieder das Wort ergriff.

»Nun denn, meine Meinung ist die: Wenn Sie in Bezug auf sociale Stellung unseres Gleichen wären, wenn Sie mit der formellen Erlaubnis und Zustimmung Ihres Vaters sich um Margarethen bewürben, so würden wir, nachdem Sie in den, Aufschub eines Jahres gewilligt hätten, über alle Punkte einverstanden sein und der Handel wäre von beiden Seiten geschlossen. in Erwägung der Stellung aber, in der Sie sich befinden; kann ich meine Forderung nicht hierauf beschränken, oder mit andern Worten, ich muß noch eine andere Bedingung stellen.«

Ohne Zweifel bemerkte er, daß der Wein ihm dies Zunge geläufig machte, denn er füllte sein Glas zum vierten Male.«

»Sie werden gleich sehen, was ich damit sagen will,« fuhr ser fort. Nehmen wir einmal an, daß Sie, wie wir bereits gesagt, meiner Tochter ein Jahr lang den Hof gemacht haben und daß Ihr Vater es erführe —— wir werden unser Geheimniß natürlich aufs Strengste bewahren, dies versteht sich von selbst, aber dennoch werden Geheimnisse, man weiß nicht wie, zuweilen verrathen —— nehmen wir an, sage ich, daß Ihr Vater hinter die Sache käme und daß die Heirath rückgängig würde. Wenn in einem solchen Falle der Bräutigam demselben Stande angehörte wie die Braut, so würden wir die ganze Sache auseinandersetzen und man würde uns glauben. Was aber würde die Welt in Bezug auf Sie sagen? Würde die Welt wohl glauben, daß Sie die Absicht gehabt, meine Tochter zu heirathen? —— Das ist eben die Frage, die es gilt!«

»Aber dieser Fall würde nicht eintreten. Ich wundere mich, daß Sie die Möglichkeit desselben annehmen. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ——«

»Sie haben ganz Recht —— es ist sehr wahrscheinlich, daß das Geheimniß verschwiegen bleibt. Sie haben mir aber auch, wie Sie sich erinnern werden, bei unserer ersten Unterredung gesagt, daß Ihr Vater, wenn er von diesem Bündnisse erführe, vor keinem Mittel zurücktreten würde, um sich zu widersetzen —— dies sind Ihre eigenen Worte. Da ich nun aber dies weiß, so kann ich, obschon ich das vollkommenste Vertrauen zu ihrer Ehre und zu ihrem festen Vorsatz, Ihr Wort zu ha1ten, habe, mich doch nicht eben so leicht überreden, daß Sie im Voraus bedacht sein werden, sich Allem zu widersetzen, was Ihr Vater thun könnte, wenn er unser Geheimnis entdeckte. Sie wissen ja selbst nicht, welche Mittel er in’s Werk setzen und von welchem Einfluss er uns gegenüber Gebrauch machen würde. Es ist, sagen Sie, nicht wahrscheinlich; daß dergleichen Machinationen stattfinden werden; von dem Augenblicke an aber, wo sie es werden können —— und in Einem Jahre kann viel geschehen —— ist es ganz natürlich, daß ich mich gegen der gleiche Unfälle vorsehe, um die Interessen meiner Tochter sicher zu stellen.«

»Ich bitte Sie, Mr. Sherwin, gehen wir rasch über dieses unmöglichen Hindernisse, die Sie sehen, hinweg. Ich wünsche kurz und gut zu hören, was Sie mir vorzuschlagen haben.«

»Nur sachte, mein werther junger Herr, nur sachte. Mein Vorschlag ißt dieser. Sie werden sich binnen Einer Woche durch eine heimliche Trauung mit meiner Tochter ehelich verbinden, sodann —— ich bitte Sie, nehmen Sie mir Nichts übel —— also angenommen, daß die Trauung« auf dies Weise vollzogen wird, stelle ich dann nur ein einzige Bedingung. Ich verlange nämlich, daß Sie mir ihr Ehrenwort geben, meine Tochter an der Kirchenthür zu verlassen und während des Zeitraums Eines Jahres keinen Versuch zu machen, sie anders zu sehen und zu sprachen als in Gegenwart einer dritten Person. Nach Verlauf dieser Zeit mache ich mich verbindlich sie Ihnen ihre Ihre Frau sowohl de facto als dem Namen nach zu überlassen. Nun, was sagen Sie zu diesem Vorschlage?«

Ich war zu sehr verblüfft als daß ich in diesem Augenblicke im Stande gewesen wäre zu antworten.

Mr. Sherwin fuhr fort:

»Dieser Plan söhnt, wie Sie sehen, alle Interessen miteinander aus. Auf diese Weise beugen wir Allem vor. Wenn irgend ein Unfall sich ereignet, wenn wir entdeckt werden, wohl an, dann kann Ihr Vater Nichts thun, um die Heirath zu verhindern, weil sie ja; schon geschlossen sein wird. Gleichzeitig gewinne ich noch Ein Jahr, um meine Tochter in den schönen Kenntnissen zu vervollkommnen, in welchen ich sie unterrichten lasse, und um ihre Constitution sich kräftigen zu lassen, wie ich schon vorhin bemerkte. Einerseits wird sie dann nicht zu jung heirathen und andererseits wird sie dennoch sich unverweilt vermählen. Bedenken Sie übrigens, wie bequem Sie dadurch in den Stand gesetzt werden, die günstige Gelegenheit zu erlauern und die Sache Ihrem Vater allmählich beizubringen, ohne Furcht vor den Folgen für den Fall, daß er sich ganz unerbittlich zeigen sollte. Bei meiner Ehre, ich glaube dieser Plan verdient Ihren Beifall, er entspricht vollkommen allen Erfordernissen und befriedigt wie sich von selbst versteht, die Wünsche aller Parteien. Ich brauche Ihnen wohl kaum zusagen, daß es ihnen fortwährend freistehen wird, Margarethen zu besuchen, natürlich unter der vorhin erwähnten Beschränkung. Leute, die sich in alles mischen, werden allerdings über Ihre häufigen Besuche allerlei schwatzen; sobald ich aber einmal den Taufscheines in den Händen habe und weiß, daß ich in dieser Beziehung gedeckt bin, so kümmere ich mich um dieses Gerede weiter nicht. Nein, nein! Wir werden unser Geheimnis bewahren und die Leute schwatzen lassen. Es wird nach Verlauf eines Jahres; der Tag kommen, wo sie nicht wenig erstaunen werden. Nun, was sagen Sie dazu? Nehmen Sie sich Bedenkzeit, wenn Sie es wünschen. Erinnern Sie sich dabei, daß ich zu Ihrer Ehre das vollkommenste Vertrauen habe und daß ich meiner Vaterpflicht gemäß handle, welche mir gebietet, die Interessen meiner Tochter richtig zu verstehen.«

Er schwieg, ganz außer Athem von seiner Rede, die er mit außerordentlicher Zungenfertigkeit von sich gegeben hatte.

Andere Männer, die sich von der Liebe hätten weniger beherrschen lassen als ich, würden an meiner Stelle in diesem Vorschlage eine nicht lobenswerthe Forderung, ja sogar eine Art Beleidigung erkannt haben. Noch Andere hätten wahrscheinlich die egoistischen Beweggründe entdeckt, welche zu dieser Forderung Anlaß gegeben, und die unruhige Hast, welche Mr. Sherwin trieb, einen für ihn vortheilhaften Handel fest abzuschließen, damit der andere Theil nicht etwa bereuen und wieder zurücktreten möchte, würde sie betroffen gemacht haben. Ich dagegen sah, nachdem ich mich ein wenig von dem natürlichen Erstaunen, in welches mich diese Worte versetzt, erholt, in diesem seltsamen Plane weiter Nichts als eine Bürgschaft für den Besitz Margarethens und die Gewißheit, meine Liebe um den Preis gleichviel welches Opfers und trotz aller Zufälle und Verzögerungen triumphiren zu sehen.

Als Mr. Sherwin aufgehört hatte zu sprechen, konnte ich weiter Nichts sagen als die Worte: »Ich nehme Ihre Bedingungen an —— ich gehe bereitwillig darauf ein.«

Wie es schien, hatte er nicht erwartet, mich so vollständig und so rasch auf seinen Vorschlag eingehen zu sehen, denn seine Züge verriethen zunächst großes Erstaunen. Bald jedoch erlangte er seine Geistesgegenwart —— jene verschmitzte Geistesgegenwart des Geschäftsmannes —— wieder, erhob sich rasch und schüttelte mir cordial die Hand.

»Ja freue mich« rief er, »ich freue mich sehr, daß wir uns so rasch verständigen und unsere Ideen so gut harmoniren. Trinken wir noch ein Glas! Zum Teufel, nun haben wir hinreichende Veranlassung dazu. Wir wollen einen Toast ausbringen, auf den Sie sich nicht weigern können, Ihr Glas zu leeren. Ihre Gattin soll leben! —— Ich wußte wohl, daß Sie nicht von ihr lassen würden. —— Meine Margarethe soll leben!«

»So nach können wir wohl alle Schwierigkeiten als beseitigt betrachten?« sagte ich, denn ich wünschte lebhaft meine Unterredung mit Mr. Sherwin so schnell als möglich zu Ende zu bringen.

»Ja wohl, die Sache ist abgemacht Ich bitte Sie noch, Ihr Leben mit einer mäßigen Summe zu Gunsten meiner Tochter zu versichern und vielleicht —— bloß der Form wegen —— mir ein schriftliches Versprechen zu geben, daß Sie einen gewissen Theil des Vermögens, in dessen Besitz Sie einmal kommen können, ihr und ihren Kindern vermachen wollen. Sie sehen, daß ich schon im Voraus an die Zeit denke, wo ich Großvater sein werde! ——Doch ersparen wir dies Alles bis auf die nächstes Gelegenheit; wo wir uns wiedersehen, vielleicht in einem oder zwei Tagen.«

»Es steht wohl nun kein Hindernis mehr entgegen, daß ich Miß Sherwin spreche?«

»Durchaus nicht, Sie können Sie sofort sprechen, wenn Sie es wünschen. Kommen Sie mit, lieber Freund, kommen Sie mit.«

Und er führte mich quer über den Corridor bis an das Speisezimmer.

Dieses war mit weniger Luxus aber, vielleicht noch geschmackloser ausgestattet als das, welches wir eben verlassen hatten.

Margarethe saß am Fenster. Es war dasselbe, an welchem ich sie an jenem Abende gesehen, wo ich auf dem Platze vor ihrem Hause nach unserer Begegnung im Omnibus umherirrte. Der Vogelkäfig hing noch an demselben Platze.

Ich bemerkte sofort und mit augenblicklicher Ueberaschung, daß Mistreß Sherwin ziemlich fern von ihrer Tochter am anderen Ende des Zimmers saß, und nahm neben Margarethen Platz.

Sie trug, ein hellgelbes Kleid, welches ihren seinen braunen Teint und ihr prachtvolles schwarzes Haar noch mehr hervorhob. Noch einmal fühlte ich alle meine Zweifel schwinden —— Die Unruhe meines Gewissens und die unklare Gedrücktheit meines Geistes wichen dem Gefühle des Glückes, der Freude der Hoffnung und der Liebe. Als ich sie ansah, war es mir, als wenn mein Herz aus meiner Brust heraus und ihr entgegen hüpfte.

Nachdem Mr. Sherwin etwa fünf Minuten im Zimmer, geblieben war, sagte er einige, Worte zu seiner Frau und verließ uns.

Mistreß Sherwin blieb auf ihrem Platz sitzen, sagte aber Nichts, und ihre Augen hefteten sich kaum ein oder—— zwei Mal auf uns.

Vielleicht war sie mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, vielleicht wollte sie ans reinem Zartgefühl nicht den Anschein haben, als überwachte sie ihre Tochter und mich.

Ich sucht jedoch nicht mir Rechenschaft von den Gefühlen zu geben, welche sie beherrschten. Mir genügte schon, daß mir vergönnt war, mit Magarethen zu sprechen, ohne von Jemandem gestört zu werden —— daß ich ihr endlich ohne Zögern und ohne Rückhalt meine Liebe erklären konnte.

Wie viel hatte ich ihr zu sagen und wie wenig blieb mir an diesem Abende noch Zeit dazu! Die Zeit war ja so kurz, um ihr alle die neuen Gedanken zu erzählen, welche sie in mir erweckt; die persönlichen Opfer, in welche ich um ihretwillen mit Freuden gewilligt; die Pläne für die Zukunft, die ich um ihretwillen entwarf und die sicherlich sich verwirklichten, dafern meine Liebe nur durch Gegenliebe vergolten ward.

Selbst wenn mir ganze Tage zu dieser Unterredung vergönnt gewesen wären, hätte ich doch Alles erschöpfen können, was ich zu sagen hatte, Alles, was die beiden so reichen Quellen —— Jugend und Glück —— in so großer Fülle von liebenden Worten spenden.

Margarethe sprach wenig, aber diese wenigen Worte entzückten mich nicht weniger. Jetzt lächelte sie mich an; sie ließ mich ihre Hand ergreifen und machte keinen Versuch, sie mir wieder zu entziehen.

Der Abend senkte sich immer tiefer herab und begann uns in seine Schatten zu hüllen. Das ruhige, melancholische Antlitz Mistreß Sherwin’s, die immer noch unbeweglich an derselben Stelle saß, ward für unsern Blick immer undeutlicher, denn wir waren durch die ganze Breite des Zimmers von einander getrennt, aber nicht ein einziges Mal dachte ich an die vorrückende Zeit und daran, daß man mich, zu Hause erwartete.

Gern wäre ich die ganze Nacht am Fenster sitzen geblieben mit Margarethen zu Plaudern, ohne die Stunden zu zählen.

Es dauerte jedoch nicht lange, so trat Mr. Sherwin wieder ins Zimmer und rief mich selbst wieder zurück, indem er sich uns näherte, um mit uns zu sprechen. Ich begriff, daß ich nun lange genug geblieben sei und daß man uns für dieses Mal nicht länger beisammen lassen würde. Ich erhob mich daher und nahm Abschied, nicht ohne mir vorher die Stunde bestimmen zu lassen, zu welcher Margarethe den nächstfolgenden Tag sichtbar sein sollte. Mr. Sherwin begleitete mlch ceremoniös bis an die Hausthür.

Alls ich ihn hier verließ. berührte er mich am Arme und sagte in heiter vertraulichem Tone zu mir:

»Kommen Sie morgen eine Stunde früher —— wir wollen mit einander die wegen der Trauung erforderlichen Meldungen bei der Behörde machen. Auf welchen Tag der nächst künftigen Woche wir dieselbe festsetzen, stelle ich ganz in Ihren Willen, denn es kommt mir durchaus nicht zu, Ihnen Vorschriften zu machen. Sie haben also Nichts weiter einzuwenden? —— Sehr gut! Daß von Seiten Margarethens keine Einwendungen erhoben werden, dafür stehe ich. Somit gute Nacht!«


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