Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus - Erster Band - Achtes Kapitel
 

Die Heirat im Omnibus



Achtes Kapitel.

Wir waren einige Zeit lang ohne Aufenthalt weiter gerollt, als die Begleiterin der jungen Dame eine Bemerkung an sie richtete. Sie verstand das Gesagte nicht recht und hob den Schleier, während ihr dieselben Worte wiederholt wurden.

Wie pochte mein Herz in diesem Augenblicke!

Ich hörte beinahe die Schläge desselben, als ihr Gesicht sich enthüllte und mir in die Augen strahlte.

Sie war brünett, ihr Haar, ihre Augen und ihr Teint waren brauner als dies bei Engländerinnen der Fall zu sein pflegt. So viel ich nach ihrer Physiognomie und ihren sichtbaren Formen urtheilen konnte, zählte sie ungefähr zwanzig Jahre.

Ihre Züge trugen schon das Gepräge einer gewissen Reife, der Ausdruck des Gesichts aber war noch der eines jungen Mädchens, denn es war darin nichts Ausgesprochenes oder scharf Markirtes zu bemerken. Wenn sie sprach, so schlummerte das Feuer ihrer großen schwarzen Augen. Wenn sie schwieg, so war dieses wollüstige Schmachten der schwarzen Augen nur vorübergehend und ungewiß.

Das Lächeln, welches ihre vollen Lippen —— Andern wären sie vielleicht zu voll erschienen —— umspielte, besaß, so zu sagen, Gelüste von Beredsamkeit, hielt sich aber in Schranken.

Bei den Frauen giebt es stets Etwas, was gleichsam unvollendet geblieben zu sein scheint. Man sollte meinen, ihre physische Natur stehe in der Erwartung einer zweiten moralischen Schöpfung. Die Keime künden sich schon an, aber es ist der Liebe vorbehalten, sie zu entwickeln —— die Mutterschaft, wenn sie kommt, erfüllt diese Aufgabe noch besser.

Während ich sie so ansah, dachte ich an den lebhaften« Glanz, der ihre runde, zartbraune Wange bekleiden würde, wenn dieses unbestimmte Colorit sich hier festsetzte. Ich bedachte, daß, wenn dieser noch unbestimmte und schwankende Ausdruck ihrer Physiognomie sich ein wenig mehr accentuirte, sie dann strahlend schön werden würde. Ich fühlte mit Einem Worte, daß ihre Schönheit vollkommen erblühen würde, wenn sie die ersten Worte des Mannes, den sie liebte, hören, und den ersten Kuß von ihm empfangen würde.

Da ich fortwährend die Augen auf sie geheftet hielt, während sie mir gegenüber sitzend mit ihrer Begleiterin sprach, so begegneten sich unsere Augen.

Es war der rasche Austausch eines Blickes, aber das Gefühl, welches man in einem raschen Augenblicke empfindet, macht oft den Gedanken eines ganzen Lebens aus, und diese Minute schuf das neue Leben meines Herzens.

Die junge Dame zog ihren Schleier sofort wieder herab. Ihre Lippen bewegten sich wie unwillkürlich, während sie diese Bewegung machte. Trotz ihres Schleiers glaubte ich zu sehen, daß dieses leichte Zucken der Lippen in, ein Lächeln ausging.

Aber wenn auch ihr Schleier herabgezogen war, so gab es doch noch eine Menge andere Dinge, welche meinen Blick gefesselt hielten.

Ich bewunderte den kleinen gestickten Spitzenkragen, welcher ihren anbetungswürdigen Hals umschloß, ihre da, wo ihr Shawl herabgefallen war, sichtbare schlanke, aber schon gut entwickelte Büste verrieth ein bewunderungswürdiges Ebenmaß des Baues. Ihr Wuchs war anmuthig und die kleinen Schmucksachen, die sie trug und die an und für sich sehr gewöhnlich waren, erhielten doch eben durch ihren Besitz die Bedeutung werthvoller Schätze.

Alles Dies konnte ich trotz des Schleiers betrachten, alles Dies konnte ich mit den Augen verschlingen.

Der Schleier! Gelingt es ihm wohl, dem Manne, der ein weibliches Wesen wirklich liebt, viel von diesem zu verbergen?

Wir waren beinahe an der äußersten Grenze der Omnibuslinie angelangt, als die beiden Damen halten ließen und ausstiegen. Ich folgte ihnen klüglich, indem ich mich in einiger Entfernung hinter ihnen hielt.

Der Weg, den wir eingeschlagen, war nicht sehr besucht; aber wenn er es auch in höherem Grade gewesen wäre, so würde ich doch trotz der Entfernung, in welcher ich mich hielt, sie niemals aus den Augen verloren haben und nicht in Gefahr gewesen sein, eine andere Person für sie zu halten. Schon fühlte ich, so fremd sie für mich auch noch war, daß ich selbst von Weitem im Stande sein würde, sie bloß an ihrem Gange zu erkennen.

Die beiden Damen gingen immer weiter, bis wir eine Vorstadt erreichten, die aus noch ganz neuen Häusern bestand, zwischen welchen sich hier und da noch wüste Stellen mit aufgehäuften Baumaterialien befanden. Wir sahen um uns herum Nichts als Entwürfe zu Straßen, zu Rundtheilen, zu freien Plätzen, zu Kaufläden, zu Gärten.

Endlich blieben die beiden Damen auf einem dieser neuen Plätze stehen und zogen an der Thür eines der neuesten dieser neuen Häuser die Klingel.

Die Thür öffnete sich und meine Angebetete verschwand mit ihrer Begleiterin. Dieses Haus stand beinahe ganz allein. Es hatte keine Nummer, trüg aber die Inschrift: »Nordvilla«. Der Platz, der unvollendet war, wie alles Uebrige in dieser Gegend, hieß Hollyoak Square.

Dies war Alles, was sich für dieses Mal wahrnahm. Der öde, wüste Anblick in dieser Umgebung berührte mich unangenehm. Ich war sicher, das Haus wiederzufinden, und wußte, daß es ihre Wohnung war; denn als die Thür sich öffnete, hatte ich mich genugsam genähert, um sie fragen zu hören, ob Jemand in ihrer Abwesenheit dagewesen wäre.

Für den Augenblick mußte mir dies genügen. Ich fühlte das Bedürfniß mich von meiner Aufregung zu erholen und meine Gedanken zu sammeln. Ich verließ daher Hollyoak Square sofort und ging, einen Spaziergang in Regents Park zu machen, dessen nördlicher Theil sehr nahe war.

War ich verliebt? Wirklich und aufrichtig verliebt in ein junges Mädchen, dem ich zufällig in einem Omnibus begegnet war? Oder gehorchte ich bloß einer augenblicklichen Laune? War es nur jugendliches Feuer und übereilte Bewunderung eines schönen Gesichts?

Dies waren die Fragen, welche ich damals nicht beantworten konnte, denn ich fühlte, daß meine Ideen verworren und meine Geisteskräfte in ihrer Ausübung gestört waren. Ich begann weiter zu gehen und träumte am hellen Tage, denn ich hatte keine deutliche Wahrnehmung außer der Erinnerung an die schöne Unbekannte.

Je mehr ich mich bemühen, zu überlegen, jene Gleichheit des Temperaments, jene Freiheit des Geistes wiederzugewinnen, die ich besaß, als ich an diesem Morgen unser Haus verlassen, desto weniger erlangte ich meine Selbstbeherrschung wieder.

Es giebt zwei Umstände, in welchen der klügste und weiseste Mann sich von seinen ersten Regungen hinreißen läßt, ehe er überlegt.

Der eine dieser Umstände ist, wenn er sich zum ersten Male von einem Weibe beherrscht fühlt, und der andere, wenn zum ersten Male ein Weib ihn beleidigt hat.

Ich weiß nicht, seit wie lange ich in dem Park umher spazierte und meinen Träumen nachhing, als es endlich auf der Uhr einer benachbarten Kirche Drei schlug.

Nun fiel mir ein, daß ich meiner Schwester versprochen hatte, sie um zwei Uhr zu unserem Spazierritte abzuholen; ich brauchte aber wenigstens eine halbe Stunde, um unser Haus zu erreichen.

Zum ersten Male war ich einem meiner Schwester gegebenen Versprechen untreu geworden.

Die Liebe hatte mich noch nicht egoistisch gemacht, wie sie mehr oder weniger mit allen Männern und Frauen thut. Aergerlich über die Nachlässigkeit, deren ich mich so nach schuldig gemacht, beschleunigte ich doch meinen Schritt. Der Groom führte mißlaunig und mürrisch mein Pferd noch vor dem Hause hin und her. Clara’s Pferd war wieder in den Stall zurückgeführt worden.

Ich trat in das Haus und erfuhr, daß Clara, nachdem sie eine Stunde auf mich gewartet, mit einer Freundin ausgegangen sei und erst zur Stunde des Diners zurückkehren werde.

Es war kein Mensch weiter im Hause als die Dienerin. Alles erschien mir öde, leer und abschreckend. Das ferne Rollen der Wagen in den benachbarten Straßen schlug düster und unheimlich an mein Ohr. Ich fuhr zusammen und ward ärgerlich über eine Thür, die in den Dienerstuben unter mir mehrmals nach einander geöffnet und wieder zugeschlagen ward.

Niemals war mir die Luft von London so schwer zu athmen erschienen als an diesem Tage.

Krampfhaft aufgeregt ging ich im Zimmer auf und ab.

Ein Mal lenkte ich meine Schritte nach meinem Arbeitscabinet, kehrte aber wieder um, noch ehe ich es betreten hatte.

An Lesen oder Schreiben war für den Augenblick nicht zu denken. Der Wunsch, nach Hollyoak Square zurückzukehren, erwachte jede Minute mit neuer Kraft in mir. Warum? Ich wollte versuchen, die junge Dame wiederzusehen oder wenigstens zu erfahren, wer sie wäre. Ich kämpfte —— ja ich gestehe es offen und redlich —— ich kämpfte gegen diesen Wunsch.

Ich versuchte, mich selbst zu verhöhnen, mich einfältig und lächerlich zu finden. Dann bemühte ich mich, an meine Schwester zu denken, an das Buch, welches ich schrieb —— mit Einem Worte, an alles Andere, nur nicht an meine Begegnung von diesem Nachmittage.«

Je mehr ich aber diese Erinnerung entfernen wollte, desto mehr beherrschte sie mich und verknüpfte alle meine anderen Ideen. Die Sirene lockte mich; jeder Kampf war vergeblich.

Ich verließ das Haus, indem ich mich heuchlerischer Weise selbst überredete, ich wolle bloß eine phantastische Neugier befriedigen, einen launenhaften Wunsch, den Namen der jungen Dame zu erfahren, und daß ich sodann, anstatt mir den« Kopf zu zerbrechen, wie ich seit einigen Stunden that, über meinen Leichtsinn und diese frivole Idee lachend wieder nach Hause zurückkommen würde.

Ich kam vor dem Hause wieder an. Die Marquisen waren der großen Hitze wegen vor allen Fenstern der Facade herabgelassen. Der erst halb angelegte Garten war enge und die Sonne versengte ihn.

Auf dem Square herrschte dieselbe Einsamkeit, aber jene schwere, lastende Einsamkeit, wie man sie nur aus dem Square oder freien Platze einer Vorstadt findet.

Ich ging den Platz hinauf und hinab und fühlte mich entschlossen, ihn nicht zu verlassen, bevor ich ihren Namen erfahren hatte.

Während ich mir den Kopf—— zersann, um ein Mittel zur Befriedigung dieses Wunsches zu finden, bewog ein gellender Pfiff, der in dem Schweigen dieser Umgegend doppelt hell klang, mich, die Augen aufzuheben.

Ein Laufbursche, eine jener Verkörperungen der frühreifen Schlauheit, der eingefleischten Unverschämtheit und witzigen Frechheit, welche nur in großen Städten heranwachsen können, kam mit einem leeren Korbe am Arme auf mich zu.

Ich sagte ihm, er solle sich nähern und mit mir sprechen. Augenscheinlich war er aus der Nachbarschaft und konnte mir vielleicht von Nutzen sein.

Seine ersten Antworten, die er in ziemlich schleppendem, zögerndem Tone gab, unterrichteten mich, daß sein Herr einer der Lieferanten für die »Nordvilla« war.

Jetzt gab ihm nun einen Schilling, um ihn zu bestimmen, auf die wichtigeren Fragen zu antworten, die ich ihm zu stellen hatte.

Er sagte mir, der Herr des Hauses heiße Sherwin und die Familie bestünde bloß aus Mr. und Mistreß Sherwin und dem jungen Fräulein, ihrer Tochter.

Zuletzt verlangte ich von diesem Burschen Auskunft über Das, was ich vor allen Dingen zu erfahren wünschte, und fragte ihn daher, ob er wisse, welchem Stande oder welcher gesellschaftlichen Stellung Mr. Sherwin angehöre.

Seine Antwort verschloß mir den Mund und die Lust zu weiteren Fragen verging mir! Mr. Sherwin hatte ein großes Modewaarengewölbe in —— street! Der Bursche nannte mir die Nummer ebenso wie die Seite der Straße, wo dieses Gewölbe sich befand.

Dann fragte er mich, ob dies Alles wäre, was ich wissen wolle.

Ich besaß nicht mehr Kraft genug, auch nur vier Worte zu sprechen. Ich gab ihm bloß durch einen Wink zu verstehen, daß er gehen könne und daß er mir genug gesagt habe.

Genug? Wenn er mich nicht belogen hatte so war es mehr als zu viel—— ein Modewaarengewölbe —— die Tochter eines Modewaarenhändlers! War ich noch verliebt? Ich dachte an meinen Vater, an den Namen, den ich trug, und dies Mal, obschon ich die Frage hätte beantworten können, wagte ich es doch nicht.

Wenn aber dieser Bursche sich geirrt hatte? Ich beschloß, die mir von ihm gegebene Adresse aufzusuchen und mich durch mich selbst von der Wahrheit zu überzeugen. Als ich an dem bezeichneten Orte angelangt war, sah ich richtig das Kaufgewölbe Der Name Sherwin stand über der Thür Es blieb mir nun nur noch eine Möglichkeit Dieser Sherwin und der Sherwin von Hollyoak Square konnten ganz verschiedene Individuen sein.

Ich trat in das Modewaarenmagazin, um Etwas zu kaufen. Während der Commis, an welchen ich mich wendete, seine Waaren vor mir ausbreitete, fragte ich ihn, ob sein Principal in Hollhoak Square wohne.

Er schien über diese Frage ein wenig zu erstaunen, dann antwortete er mir bejahend.

»Ich kannte früher einen Mr. Sherwin,« sagte ich und schmiedete mit diesen Worten die ersten Glieder einer langen Kette von Lügen, die mich später knechten und herabwürdigen sollten; »einen Mr. Sherwin, der gegenwärtig, wie ich gehört habe, in der Umgegend von Hollyoak Sauare wohnen soll. Er war unverheirathet und ich weiß nicht, ob mein Freund und Ihr Principal eine und dieselbe Person sind« ——

»Das ist wohl nicht möglich, Sir. Unser Pricipal ist »verheirathet und hat eine Tochter, die in dem Rufe« steht, ein sehr schönes junges Mädchen zu sein, Sir.«

Und der Commis schmunzelte, indem er diese letzten Worte sprach. Niemals war mir ein Schmunzeln widerwärtiger und verletzender gewesen.

Endlich hatte ich so nach die so sehr begehrte Auskunft erlangt. Margarethe! ich wußte sogar ihren Namen! Margarethe! Bis jetzt war dies ein Name, den ich nicht sonderlich liebte. Gegenwärtig empfand ich eine Art Schrecken, als ich mich auf der Wiederholung desselben ertappte, und fand in dem Klange dieser Buchstaben eine neue Poesie, von der ich noch keine Idee gehabt hatte.

War es denn Liebe? Eine reine, eine ernste Liebe? Liebte ich in so hohem Grade, daß ich die Tochter eines Modewaarenhändlers zu heirathen wünschte, die ich eine Viertelstunde lang im Omnibus gesehen und der ich während einer zweiten viertel stunde bis an ihre Wohnung nachgeschlichen war?

Dies war etwas Unvernünftiges und Unmögliches. Ich empfand, ich weiß nicht welchen seltsamen Widerwillen, nach Hause zurückzukehren und in diesem Augenblicke meinen Vater und meine Schwester wiederzusehen.

Ich ging daher langsam wieder fort, aber nicht in der Richtung nach unserem Hause, als ich einem alten Universitätsfreunde meines Bruders begegnete, mit dem ich auch bekannt war —— einem stets heitern jungen Manne, der fortwährend seinem Vergnügen nachging.

Er redete mich sofort mit geräuschvoller Herzlichkeit an. Ich sollte ihn begleiten und mit ihm in seinem Club dinieren, wo er mir delikaten Burgunder und von einem Koch ersten Ranges bereitete Gerichte vorsetzen wollte.

Er wünschte sich mit mir ein wenig über Ralph lustig zu machen, eben so wie über dessen neue Geliebte, diese Frau von reifem Alter, welche es unternommen hatte, einen ordentlichen Mann aus ihm zu machen!

Ganz gewiß war dies Stoff genug zu einer heiteren Unterhaltung! War es nicht sogar ein Süjet zu einer neuen Pantomime, wie Harlekin Don Juan, sich, wie gewöhnlich, in alle Arten Händel verwickelte und Madame Colombine Moralität ihm fortwährend auf den Fersen folgte und ein großes Pasde decorum tanzte, um ihm schlimme Geschichten zu ersparen?

Ja wohl, ich mußte mitgehen! Ich sollte nur an den Burgunder und an die lustige Unterhaltung über Ralph denken! Rasch, rasch! —— warum wollte ich so lange zaudern?

Wenn die Gedanken, die noch schwer auf meinem Gemüthe lasteten, von einer vorübergehenden und ich weiß nicht wie lange dauernden bizarren Melancholie erzeugt waren, so sah ich mich jetzt dem Manne gegenüber, dessen Gesellschaft sie am sichersten zerstreuen mußte.

Ich beschloß daher, den Versuch zu machen, und nahm seine Einladung an.

Beim Diner bemühte ich mich, mich auf dasselbe Niveau mit ihm zu erheben und eben so viel Heiterkeit und Laune zu entwickeln.

Ich trank viel mehr Wein als gewöhnlich, aber es war vergebens. Die lustigen Worte erstarben mir auf den Lippen. Der Burgunder überreizte mich, hauchte mir aber keine fröhliche Laune ein.

Das Bild der braunen Schönheit, welche ich am Morgen gesehen, behauptete die Oberherrschaft über meine Gedanken. Ich stand fortwährend unter der Macht der gleichzeitig unheilvollen und bestrickenden Eindrücke des Morgens. Ich verzichtete auf den Kampf. Ich wünschte allein zu sein.

Mein Freund bemerkte bald, daß meine erzwungene Heiterkeit erschlaffte. Er that Alles, was er konnte, um mich wieder zu ermuntern, bemühte sich, für Zwei zu sprechen, ließ noch mehr Wein bringen, aber Alles war vergebens.

Endlich machte er gähnend und seine getäuschte Erwartung kaum verhehlend mir den Vorschlag, in’s Theater zu gehen. Ich entschuldigte mich, indem ich Unwohlsein vorschützte, und gab ihm zu verstehen, daß ich für meine Gewohnheit zu viel getrunken hätte. Er lachte, ließ aber dabei ein wenig Verachtung hindurch schimmern und verließ mich, um allein ins Theater zu gehen, indem er ohne Zweifel bei sich selbst sagte, daß er mich noch eben so unzugänglich und ungesellschaftlich fände, als er mich einige Jahre auf der Universität gekannt.

Sobald wir uns trennten, fühlte ich Erleichterung und beinahe Freude. Meine Unentschlossenheit bemächtigte sich meiner wieder.

Ich that einige Schritte auf der Straße vorwärts und eben so viele rückwärts, dann gebot ich allen meinen Bedenklichkeiten Schweigen, überließ meinen Neigungen die Sorge, mich zu führen, wie sie wollten, und nahm zum dritten Male an diesem Tage den Weg nach Hollyoak Square.

Der schöne Sommerabend neigte sich zur Dämmerung. Die glühende Sonne stand tief an dem wolkenlosen Horizonte, und als ich den Square betrat, überzog die wonnige Stunde, welche der Nacht vorangeht, den Himmel mit ihrem violetten Schimmer.

Ich näherte mich dem Hause.

Sie stand am Fenster, welches weit geöffnet einen hoch an dem Fensterladen hängenden Vogelkäfig sehen ließ.

Sie stand diesem Käfig gegenüber und ließ ihren armen gefangenen Kanarienvogel nach einem Stückchen Zucker schmachten, welches sie ihm bald da, bald dort durch die Zwischenräume seines Käfiggitters bot, aber alle Mal wieder zurückzog.

Der Vogel flatterte und hüpfte in seinem Gefängnisse, um den Zucker zu erhaschen, und zwitscherte dabei, als ob er seiner Herrin dadurch das Vergnügen beweisen wollte, welches dieses Spiel ihm machte.

Ha, wie reizend war sie! Ihr über den Wangen empor gekämmtes das Ohr freilassendes schwarzes Haar bildete hinten weiter Nichts als eine einfache Rolle von dichten Flechten, ohne Schmuck irgend einer Art. Sie trug ein dicht am Halse anschließendes weißes Kleid, welches auf der Brust eine Menge Falten bildete.

Der Käfig war so hoch aufgehängt, daß sie da durch genöthigt ward, den Kopf ein wenig emporzurichten. Sie lachte heiter und fröhlich wie ein Kind, und fuhr fort, mit ihrem Zuckerstückchen hin und herzufahren. Jeden Augenblick nahmen ihr Kopf und ihr Hals eine neue anbetungswürdige Biegung an und bei jeder Veränderung ihrer Stellung traten die harmonischen Umrisse ihres Gesichts besser hervor.

Ich hielt mich hinter einem Pfeiler der Gartenthür versteckt und schaute hin, indem ich kaum zu athmen oder mich zu bewegen wagte, aus Furcht, daß sie ihr Fenster schließen möchte, wenn ich mich blicken ließe.

Nach noch einigen Minuten faßte der Kanarienvogel den Zucker mit dem Schnabel.

Da, Mimi!« rief sie fröhlich; »endlich hast Du es und wirst es sicherlich nicht wieder hergeben«

Sie blieb noch einige Augenblicke ruhig stehen und heftete die Augen auf den Käfig. Dann richtete sie sich auf der Fußspitze empor, machte ihrem Vogel ein schelmisches Schmollmäulchen und verschwand in dem Innern des Zimmers.

Die Sonne sank immer tiefer hinab. Die Schatten der Dämmerung begannen sich auf dem öden Square auszubreiten; fern und nahe wurden die Gaslaternen angezündet.

Die Leute, welche das Bedürfnis; fühlten, etwas frische Luft im Freien zu schöpfen, gingen einer nach dem andern oder paarweise an mir vorüber oder kehrten wieder in ihre Wohnungen zurück und ich blieb noch immer in der Nähe des Hauses, in der Hoffnung, sie wieder an ihrem Fenster zu sehen, aber sie kam nicht wieder zum Vorscheine.

Endlich brachte ein Diener Lichter in das Zimmer und schloß die Gardinen .

Einsehend, daß es vergeblich sein würde, länger zu bleiben, verließ ich nun den Square.

Heiter kehrte ich nach Hause zurück. Der Eindruck, den die erste Begegnung gemacht, hatte sich während des kurzen Augenblicks, wo ich die Schöne wiedergesehen, vervollständigt.

Vergeblich waren jetzt die Betrachtungen der Klugheit. Ja, ich versuchte nicht einmal, mich gegen diesen neuen Hang zu waffnen. Ich überlieferte mich dem Zauber, der auf mich wirkte. Ich dachte nicht mehr an die Folgen, wie ich am Morgen daran gedacht hatte. Meine Pflichten —— die mir eingeprägten Grundsätze —— die Vorurtheile meines Vaters Alles verschwand vor meiner Liebe, Alles war vergessen u»m dieser Liebe willen, die ich aus Dankbarkeit für die neuen und reichen Gefühle, welche sie in mir erweckte, liebkosend in mein Herz aufnahm.

Ich kehrte nach Hause zurück, ohne über Etwas weiter nachzudenken als über die Mittel, die ich ersinnen müßte, um meine Angebetete den nächstfolgenden Tag wiederzusehen und sie zu sprechen. Ich murmelte leise ihren Namen, selbst während ich die Hand auf das Schloß meines Arbeitscabinets legte.

Kaum war ich eingetreten, so fuhr ich unwillkürlich zusammen und blieb stumm vor Erstaunen stehen. Clara war da! Der erste Blick, der ich auf meine Schwester warf, mußte der eines Verbrechers sein, welcher sich entdeckt sieht.

Sie stand vor meinem Bureau und heftete die Blätter meines Manuscripts zusammen, welche bis jetzt verworren durcheinander in einer Schublade gelegen hatten. Noch denselben Abend sollte sie einem großen Balle beiwohnen, der, ich weiß nicht mehr wo gegeben ward.

Sie trug eine Toilette von hellblauem Krepp —— mein Vater sah sie gern in dieser Farbe —— und eine weiße Blume war in ihrem hellbraunen Haare befestigt.

Sie stand in dem von meiner Lampe geworfenen milden Lichtkreise und hatte die Augen über die Blätter hinweg, welche sie eben geordnet, auf die Thür geheftet.

Ihr schmales, zartes Gesicht erhielt durch die reizende, duftige Toilette, welche sie gewählt, etwas noch Zarteres. Ihr Teint besaß die matteste Farbe, ihr Antlitz athmete beinahe die ruhige, reine Heiterkeit einer Bildsäule.

Welch’ ein Contrast mit jenem andern lebensvollen Gemälde, welches ich bei Sonnenuntergang gesehen!

Die Erinnerung an das Versprechen, welches ich nicht erfüllt, kehrte wieder in mein Gedächtniß zurück und ich fühlte mich sehr verlegen, während sie mir mit einem sanften Lächeln das Manuscript darreichte, wie um mich aufzufordern, es anzusehen.

Mit dieser Erinnerung kehrte die peinlichen Gedanken zurück, welche mich einige Stunden früher so grausam gemartert hatten. Ich wollte einen sichern, festen Ton annehmen, aber ich fühlte die Nutzlosigkeit meines Bemühens, als ich zu ihr sagte:

»Wirst Du mir verzeihen, Clara, Dich heute um Deinen Spazierritt gebracht zu haben? Ich fürchte, daß die Entschuldigung, die ich deshalb vorbringen kann, eine ungenügende ist und ——«

»Nun, dann suche Dich doch nicht zu entschuldigen, Sidney, oder warte, daß unser Vater der Sache eine gute parlamentarische Wirkung gebe, wenn er heute Nacht aus dem Unterhause heimkehrt. Sieh’ wie ich alle diese Papiere schön geheftet habe! Sie waren aber auch in so große Unordnung gerathen, daß ich fürchtete, es könnten einige davon verloren gehen.«

»Weder diese Blätter noch Der, welcher sie geschrieben, sind der Hälfte der Mühe würdig, welche Du Dir damit gegeben hast; aber es thut mir aufrichtig leid, daß ich mein Wort nicht gehalten habe. Ich begegnete einem alten Universitätsfreunde——am Morgen hatte ich auch Geschäfte zu besorgen —— wir speisten dann zusammen —— ich konnte es ihm nicht gut abschlagen ——«

»Aber, Sidney, wie bleich Du bist! Bist Du unwohl?«

»Nein, es war mir bloß ein wenig zu warm; das ist Alles.«

»Ist Dir Etwas zugestoßen?——Wenn ich Dich frage, so geschieht es in der Voraussetzung, daß ich Dir von einigem Nutzen sein könnte —— wenn Du vielleicht wünschest, daß ich heute Abend zu Hause bleibe ——«

»Durchaus nicht, liebe Clara; ich wünsche Dir auf dem Balle alle möglichen Triumphe.«

Sie schwieg einen Augenblick, dann heftete sie ihre klaren Augen ernster als gewöhnlich und mit ziemlich unruhiger Miene auf mich.

Forschte sie in meiner Seele und entdeckte sie hier jene kaum gebotene Liebe, welche schon ein Herz für sich in Anspruch nahm, in welchem meine Zuneigung zu meiner Schwester bis jetzt ungetheilt geherrscht hatte?

Die Liebe! Liebe zu der Tochter eines Krämers! Dieser Gedanke kehrte unaufhörlich in mir zurück, während Clara mich ansah, und gleichzeitig entsann ich mich einer Maxime, welche mein Vater so oft meinen Bruder Ralph eingeschärft hatte: »Vergiß niemals, daß Dein Rang nicht Dir gehört und daß Du nicht damit machen darfst, was Du willst. Er gehört uns und unsern Kindern, Du hast die Pflicht, ihnen denselben zu bewahren, wie ich ihn Euch bewahrt habe.«

»Ich glaubte,« hob Clara in schüchternem Tone als vorher wieder an, »daß ich wohlthun würde, einen Blick in Dein Zimmer zu werfen, ehe ich auf den Ball ginge, und nachzusehen, daß Alles hier in guter Ordnung sei, wenn es Dir vielleicht einfiele,diese Nacht zu schreiben. Ich hatte eben noch Zeit dazu, während Mistreß ***, die mich begleitet, noch oben mit ihrer Toilette zu thun hat. Vielleicht aber fühlst Du Dich nicht aufgelegt, heute Abend zu arbeiten?«

»Ich werde es wenigstens versuchen.«

»Kann ich Dir vielleicht in irgend Etwas nützlich sein? Vielleicht sähest Du es gern, wenn ich mein Bouquet in Deinem Zimmer zurückließe? Diese Blumen haben einen ungemein frischen Wohlgeruch. Ich kann mir mit leichter Mühe ein anderes verschaffen. Sieh’ nur die Rosen an, meine weißen Lieblingsrosen, die mich alle Mal an meinen Garten erinnern, an unsern alten Bart, den ich so sehr liebe.«

»Ich danke Dir, Clara, ich glaube aber, dieses Bouquet nimmt sich in Deiner Hand besser aus als auf meinem Tische«

»Gute Nacht, Sidney.«

»Gute Nacht«

Sie lenkte ihre Schritte nach der Thür, drehte sich um und lächelte. als ob sie Etwas sagen wollte. Sie bezwang sich jedoch und heftete eine Minute lang bloß ihren Blick auf mich. Das begonnene Lächeln verschwand sofort aus ihrem Antlitze und derselbe Ausdruck von Unruhe malte sich darin.

Leise verließ sie das Zimmer. Einige Minuten später schlug das Rollen des Wagens, der sie mit ihrer Begleiterin nach dem Balle führte, an mein Ohr und verhallte dann in der Ferne.

Ich war allein im Hause —— allein für die Nacht.


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