Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus - Zweiter Band - Fünftes Kapitel
 

Die Heirat im Omnibus



Fünftes Kapitel

Wir standen »in den letzten Tagen des Herbstes, und schon hatte der Winter, ein rauher, düsterer und trauriger Winter, sich zu zeigen begonnen.

Beinahe fünf Monate waren verflossen, seitdem Clara und mein Vater auf das Land gegangen waren. Welche Mittheilung hatte ich mit ihnen während dieses Zeitraums unterhalten? Ich hatte keins von Beiden wieder gesehen und an meine Schwester bloß geschrieben. Sie vermied sorgfältig, mir auch nur einen Schatten von Vorwurf im Bezug auf meine lange Abwesenheit zu machen, und unterhielt mich bloß von allerlei Einzelheiten im Bezug auf das Landleben, von welchen sie glaubte, daß sie mich interessiren könnten.

Der Ton ihrer, Briefe war liebreich; ja, er schien mir sogar noch liebreicher zu sein als gewöhnlich; die Heiterkeit und süße angeborene Ruhe meiner Schwester waren aber in ihren Briefen nicht zu finden.

Es war leicht zu sehen, daß sie sich oft viel Mühe gab, den lebhaften pikanten Ton wieder zu treffen, der früher ihren Briefen einen so eigenthümlichen Reiz zu geben pflegte; aber das Streben war zu sichtlich, als daß eine Täuschung hierüber möglich gewesen wäre.

Mein Gewissen sagte mir nur zu deutlich, was an dieser Veränderung schuld war. Mein Gewissen sagte mir, was diese Umgestaltung in dem Tone der Briefe Clara's herbeigeführt, weil dadurch alle ihre Lieblingspläne gehemmt und die süßesten Freuden ihres Aufenthalts auf dem Lande vernichtet worden.

Mein Gewissen ermahnte mich, zu bedenken, daß meine Schwester mich erwartete und nach meiner Rückkehr seufzte, und daß Sie Wochen auf Wochen, Monate auf Monate in dieser fortwährend getäuschten Erwartung verfließen sah.

Ich war jetzt Egoist genug, um an meinen eigenen Leidenschaften, an meinen eigenen Interessen, an meiner eigenen Bequemlichkeit zu hängen. Dennoch aber war ich für die Einflüsse, welche mich seit meiner Kindheit geleitet und geführt, noch nicht so todt und unempfindlich, daß ich weder an Clara noch an meinen Vater, noch an das alte Landschloß gedacht hätte, welches so viele reine und glückliche Erinnerungen in mir wach rief.

Zuweilen sogar, in der geliebten Nähe Margarethens, dachte ich an irgend eine Stelle in den Briefen meiner Schwester, welche ihr in meinem Herzen das Uebergewicht wiederzugeben schien, welches sie bis vor Kurzem noch besessen.

Zuweilen verbannte der Gedanke an meine Schwester alle anderen Gedanken, und in dem einsamen Hause in London nahmen meine Betrachtungen oft einen seltsamen Gang. Ich sah mich auf dem Lande an der Seite meiner Schwester reitend, oder wir plauderten ruhig in der alten gothischen Bibliothek des Schlosses, als ob meine neue Liebe und meine Vermählung mit all' ihrem Gefolge von Hoffnungen und Befürchtungen Ereignisse wären, welche nicht stattgefunden, und Interessen, die mich niemals anders bewegt hätten als in meiner Phantasie oder in einem entschwundenen Traume der Nacht.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, faßte ich zwei Mal den Entschluß, mir Verzeihung für meine lange Abwesenheit dadurch zu erwerben, daß ich meinen Vater und meine Schwester auf dem Lande. besuchte, wenn auch nur auf einige Tage —- aber jedes Mal ward mein Entschluß wieder wankend.

Das zweite Mal blieb ich standhaft bei meinem Vorhaben bis an den Bahnhof, wo ich auch wirklich ankam, aber bloß, um mich wieder anders zu besinnen und wieder umzukehren.

Ich hatte endlich über den Schmerz triumphiert, den ich schon bei dem Gedanken empfand, mich auf einige Zeit von Margarethen zu trennen; die eben so lebhafte als unklare Furcht aber, daß ihr, ich weiß nicht was, in meiner Abwesenheit zustoßen könne, bewog mich, meinen Entschluß wieder aufzugeben.

In meinem Herzen schämte ich mich meiner Schwäche, gab ihr aber nichtsdestoweniger nach.

Endlich erhielt ich von Clara einen Brief, der einen Ruf an mich enthielt, welchem ich nicht widerstehen konnte.

»Niemals,« schrieb sie, »habe ich von Dir im Namen Deiner Liebe zu mir verlangt, uns zu besuchen; denn nimmermehr könnte es mir einfallen, mich Deinen Interessen oder Deinen Plänen in den Weg zu stellen. Heute aber bitte ich Dich um Deiner selbst willen, zu uns zu kommen und eine Woche, nicht länger, zu bleiben, dafern du nicht selbst Lust hast, uns Deine Gegenwart länger zu schenken.

»Du erinnerst Dich, daß unser Vater Dir in seinem Zimmer zu London sagte, er glaube, Du habest ein Geheimnis« vor ihm. Ich fürchte, daß dieser Gedanke in seinem Gemüthe Wurzel faßt. Deine lange Abwesenheit bringt ihn auf mancherlei Gedanken. Er sagt Nichts darüber; aber wenn ich Dir schreibe, trägt er mir niemals eine Botschaft an Dich auf, und wenn ich Dich erwähne, so bringt er sofort das Gespräch auf etwas Anderes. Ich bitte Dich daher, komme zu uns und zeige Dich einige Tage lang. Es wird keine Frage an Dich gestellt werden —- in dieser Beziehung sei unbesorgt.«

»Deine Anwesenheit wird eine vortrefflicher Wirkung hervorbringen und das verhindern, was ich, um jeden Preis vermieden zu sehen wünschte —- ein ernstes Zerwürfnis zwischen unserem Vater und Dir. Bedenke lieber Sidney, daß wir in vier bis sechs Wochen in die Stadt zurückkehren werden, und dann würde die Gelegenheit vorbei sein.«

Sobald ich diese Zeilen gelesen hatte, beschloß ich sofort, aufs Land zu reisen, so lange der Eindruck noch frisch in meinem Gemüthe war.

Margarethe sagte, als ich Abschied von ihr nahm, bloß, daß sie mich sehr gern begleiten würde.

Es würde, meinte sie, für sie ein großes Vergnügen sein, ein großes Landschloß zu sehen wie das unsere.

Mr. Sherwin lächelte seiner Gewohnheit gemäß verschmitzt über die vielen Schwierigkeiten, die ich machte, um seine Tochter nur auf eine Woche zu verlassen .

Mistreß Sherwin nahm mich bei Seite, um mir mit einer damals unerklärlich scheinenden Dringlichkeit zu empfehlen, nicht länger abwesend zu bleiben, als ich jetzt meiner Erklärung zufolge beabsichtigte, und Mr. Mannion versicherte mir unter vier Augen, daß ich in meiner Abwesenheit ebenso auf ihn rechnen könne, wie ich bis jetzt gethan, und daß er meine Interessen in der Nordvilla stets auf das Genaueste im Auge behalten würde.

Es war seltsam, daß seine Worte die einzigen waren, welche mich bei dem Abschiede von London beruhigten und befriedigten.

Die Annäherung des Abends verdunkelte schon den kurzen Winternachmittag, als mein Wagen die Grenze unseres Landgutes passierte.

Ich habe stets gern das Land gesehen, wenn der weiße Schnee die Fläche des Bodens deckt. Gern hätte ich dieses Schauspiel am Tage meiner Ankunft auf unserem Landgut genossen; aber in der vergangenen Woche war Thauwetter gewesen. Ueberall um mich her sah ich Nichts als Schmutz, Wassertümpel und Nebel.

Die Luft ging scharf und feucht —— der Schatten des Abends ward dichter und die alten entlaubten Ulmen der Parkallee seufzten im Winde und knarrten über mir, während ich mich dem Hause näherte.

Mein Vater empfing mich auf ceremoniösere Weise als mir lieb war. Ich wußte schon von meiner Kindheit an, was diese Höflichkeit zu bedeuten hatte,— die er gegen seinen eigenen Sohn an den Tag legte. Welche Schlüsse hatte er wohl aus meiner langen Abwesenheit und der Hartnäckigkeit gezogen, mit der ich mein Geheimniß vor ihm bewahrte? Ich konnte es nicht wissen; aber es war klar, daß ich meinen gewohnten Platz in seiner Achtung verloren, und daß ich nicht hoffen konnte, ihn durch einen einwöchentlichen Besuch wieder zu erobern. Das Zerwürfniß, welches meine Schwester fürchtete, hatte zwischen uns schon begonnen.

Der öde Anblick der Natur hatte mich, während ich mich unserer Wohnung näherte, schon kalt angeweht. Der Empfang, den ich von meinem Vater erfuhr, vermehrte meinen Hang zur Melancholie. Ich bedurfte der ganzen liebevollen Wärme, mit der Clara mich bewillkommnete, und des Vergnügens mit dem ich sie mir leise danken hörte, daß ich ihre Bitte so rasch erfüllt, um mich nicht gänzlicher Mutlosigkeit hinzugeben.

In der ersten freudigen Erregung und während ich meine Schwester in meine Arme schloß, bemerkte ich nicht, daß trotz ihrer sanften Worte und ihrer zärtlichen Blicke ihr Gesicht eine Veränderung erfahren hatte, die mir später immer auffälliger ward. Sie schien magerer geworden zu sein, und ihre natürliche Blässe war größer als gewöhnlich. Augenscheinlich hatte sie mit Sorgen und Unruhe zu kämpfen gehabt. War ich die Veranlassung dazu gewesen?

Beim dem Diner herrschte an diesem Abende ein drückender, beengender Zwang. Mein Vater sprach bloß von allgemeinen und alltäglichen Dingen; als ob er es mit einem einfachen, Bekannten zu thun hätte. Als meine Schwester sich entfernte, verließ er ebenfalls das Speisezimmer, um Jemanden zu empfangen, der in Geschäften mit ihm sprechen wollte. Die Gesellschaft der Weinflaschen hatte für mich keinen Reiz, und ich suchte daher Claras in ihrem« Zimmer auf.

Anfangs sprachen wir bloß von den verschiedenen Beschäftigungen, mit denen sie sich seit ihrer Rückehr aufs Land befaßt. Sie scheuete sich ebenso wie ich, den Gegenstand meines langen Verweilens in London zur Sprache zu bringen, und eben so viel Ueberwindung kostete es ihr, mit mir von dem Mißfallen zu sprechen, welches meine lange Abwesenheit in meinem Vater augenscheinlich erweckt hatte. Es bestand deshalb ein gewisser Zwang zwischen und, den Keins von Beiden abzuschütteln wagte.

Ein Zufall indessen, obschon ein an und für sich ganz unbedeutender, nöthigte mich bald, ein wenig mehr Offenheit zu zeigen, indem er mir Gelegenheit gab, mich frei über den Gegenstand auszusprechen, welcher ihre Gedanken vorzugsweise beschäftigte.

Ich saß Clara gegenüber in dem Winkel des Kamins und spielte mit einem Lieblingshunde der mir in das Zimmer gefolgt war. Als ich mich zu dem Thiere herabneigte, machte ein Medaillon, welches Haar von Margarethen enthielt, sich von der Stelle meiner Weste, an der ich es befestigt hatte, los und hing nur noch an dem Schnürchen, welches ich um den Hals geschlungen. Ich beeilte mich, es wieder zu verbergen, aber nicht so schnell, daß nicht Clara mit jener Schnelligkeit des weiblichen Blickes Zeit gehabt hätte, ihre Augen auf diesen Gegenstand als auf etwas Neues zu heften und im Bezug auf den Gebrauch, zu dem es diente, die wahrscheinlichsten Schlüsse zu ziehen.

Ein Ausdruck der Ueberraschung und Freude verklärte ihre Züge. Sie stand auf legte ihre Hand auf meine Schulter, wie um mich zu bewegen, ruhig auf meinem Platze sitzen zu bleiben und sah mich aufmerksam an.

»Sidney, Sidney,« sagte sie, »wenn dies das ganze Geheimniß ist, welches Du uns nicht hast mittheilen wollen, wie freue ich mich dann! Wenn ich aus der Weste meines Bruders ein Medaillon fallen sehe, von dem ich nicht wußte, daß er es trägt.« fuhr sie fort, als sie bemerkte, daß ich zu verworren war, um zu sprechen, und wenn ich diesen Bruder erröthen sehe während er sich beeilt, diesen Gegenstand wieder zu verstecken, so müßte ich nicht Weib sein, wenn ich nicht darüber sofort meine Betrachtungen und Vermuthungen anstellte.«

Sie schwieg. Ich machte einen neuen obschon sehr unglücklichen Versuch, die Sache von der scherzhaften Seite aufzufassen. Ihr Gesicht ward plötzlich nachdenklich und ernst, während sie immer noch die Augen auf mich geheftet hielt. Sie faßte mich sanft bei der Hand und murmelte mir ins Ohr:

»Wenn Du Dich vermählst, Sidney werde ich meine neue Schwester eben so lieben als ich Dich liebe.«

Und sie kehrte auf ihren Platz zurück.

In diesem Augenblick trat die Dienerin ein und brachte den Thee. Diese Unterbrechung verschaffte mir ein paar Minuten Zeit zum Nachdenken. Sollte ich ihr Al1es sagen? Die erste Bewegung sagte Ja; das Nachdenken sagte Nein.

Wenn ich die Wirklichkeit so enthüllte, wie sie war, so wußte ich, daß ich meine Schwester Margarethen vorstellen mußte.

Zu diesem Zwecke hätte ich sie nothwendig in Mr. Sherwins Haus führen und sie der Gefahr aussetzen müssen, sich demselben demüthigenden Zwange zu unterwerfen, in welchen ich mich in meinen Beziehungen zu meiner Gattin fügen mußte.

Ich ward demnach durch verschiedene Gefühle, ganz besonders aber durch meine Eigenliebe, von meiner anfänglichen Absicht wieder abwendig gemacht. Und übrigens mein Schwester in mein Geheimniß einweihen, hieß zugleich Sie in alle Folgen verwickeln, welche die Entdeckung dieses Geheimnisses haben konnte, und unerträglich war mir der Gedanke, sie die Verantwortlichkeit theilen zu lassen, welche auf mir allein lasten sollte.

Sobald wir uns daher allein sahen, sagte ich zu ihr:

»Denke nicht zu schlecht von mir, Clara, wenn ich es Dir frei stelle, aus Dem, was Du gesehen hast, Deine Schlüsse zu ziehen. Ich bitte Dich um weiter Nichts, als daß Du keinem Menschen ein Wort davon sagst. Ich kann jetzt noch nicht sprechen, wie ich zu sprechen wünschte. In wenigen Tagen wirst Du erfahren warum, und mir dann zu meiner Zurückhaltung Glück wünschen. Wirst Du mittlerweile zufrieden sein, wenn ich Dir die Versicherung gebe, daß Du, wenn die Zeit da ist, mein Geheimniß bekannt werden zu lassen, die erste Person sein wirst, die es erfährt, die erste, zu welcher ich Vertrauen haben werde?«

»Da Du meine Neugier nicht ganz ohne Nahrung lässt,« sagte Clara lächelnd, »sondern ihr im Gegentheile erlaubst, vor der Hand sich an ein wenig Hoffnung zu weiden, so glaube ich, obschon ich ein Mädchen bin, Dir Alles Versprechen zu können, was Du wünschest. Ernsthaft gesprochen, Sidney,« fuhr sie fort, »Dein kleines indiscretes Medaillon hat die schwarzen Befürchtungen, deren Ursache Du warst, schon auf so angenehme Weise zerstreut. daß ich mich glücklich schätzen werde jetzt in der Erwartung zu leben, ohne jemals eher wieder von Deinem Geheimnisse zu sprechen, als bis Du mich dazu ermächtigst.«

Hier trat mein Vater in das Zimmer und unser Gespräch ward unterbrochen.

Sein Benehmen hatte sich seit dem Diner, im Bezug auf mich nicht geändert, und blieb auch während der Woche, welche ich bei ihm auf dem Lande verweilte, dasselbe.

Eines Morgens, als wir allein waren, faßte ich Muth und beschloss mich ein wenig auf das gefährliche Terrain zu wagen, um zu wissen, wie ich mich in der Zukunft zu benehmen haben würde.

Nicht so bald aber hatte ich angefangen, auf mein langes Zurückbleiben in London hinzudeuten und versucht, mich zu entschuldigen, als er mich plötzlich unterbrach.

»Ich habe Dir,« sagte er in ernstem und kaltem Tone, »schon vor einigen Monaten gesagt, daß ich auf Deine Ehre zu fest baue, als daß es mir einfallen könnte, Dich mit Argwohn zu beobachten oder mich in Angelegenheiten mischen zu wollen, welches Du vorziehst für Dich zu bewahren. So lange Du nicht vollkommenes Vertrauen zu mir hast und mit vollständiger Aufrichtigkeit mit mir sprechen kannst, mag ich Nichts hören. Dieses Vertrauen hast Du jetzt nicht. Du stockst, wenn Du sprichst und Deine Augen begegnen den meinigen nur mit schlecht verhehlter Verlegenheit. Ich sage Dir nochmals, daß ich Dich bei den ersten Worten deiner unbestimmten Erklärung, die Du wieder an mich richtest, abermals unterbrechen werde. Die Verstellung nährt sich von Entschuldigungen, und ich würde Dir Unrecht thun, wenn ich voraussehen wollte, daß Du einen ernsten Beweggrund hättest, mir gegenüber Gebrauch davon zu machen. Du stehst in einem Alter, wo Du die Verantwortlichkeit für Deine Handlungen tragen mußt und sie eben so gut kennen mußt, wie ich die meinige kenne. Wähle daher sofort und sage mir entweder Alles oder Nichts.»

Nachdem er so gesprochen, blieb er noch einige Minuten im Zimmer, dann verließ er es. In diesem Augenblicke war mir die demüthigende Nothwendigkeit, mich verstellen zu müssen, so peinlich, daß ich ihm Alles gestanden haben würde, wenn ich überzeugt gewesen wäre, daß er diese Qual verstanden und mich beklagt, wenn mir auch nicht verziehen hätte.

Dies war der erste und der letzte Versuch, den ich meinem Vater gegenüber zu machen wagte, um ihm auf dem Wege der Andeutungen und halben Geständnisse die Beschaffenheit meines Geheimnisses zu offenbaren. Was ein muthiges vollständiges Bekenntniß betraf, so hatte ich mich durch eine sophistische Argumentation überredet, daß nur viel Uebles daraus hervorgehen könne. Da ich noch mehrere Monate warten musste, wie ich deren bereits mehrere gewartet, bis mein Glück eine Wirklichkeit würde, warum sollte sich dann nicht das Geheimniß meiner Vermählung solange als möglich bewahren? War es nicht am Besten, wenn ich mich enthielt, es meinem Vater zu entdecken, so lange die Notwendigkeit mich nicht unbedingt dazu zwang, oder die Umstände dafür nicht günstig waren?

Meine Neigung entschied die Frage mit Ja, und eine Entscheidung dieser Art, mochte sie gut oder schlecht sein, war damals vollkommen hinreichend, um mich zu beruhigen.

Was meinen Vater betraf, so blieb daher meine Reise aufs Land vollständig erfolglos. Ich hätte schon am Tage nach meiner Ankunft wieder nach London zurückreisen können, ohne daß seine Meinung sich in irgend einer Beziehung geändert hätte. Nichtsdestoweniger blieb ich die ganze Woche —— um Claras willen.

Wie großes Vergnügen ich auch in dem Umgange mit meiner Schwester fand, so war mein Besuch doch im Ganzen genommen ein schmerzerregender.

Der egoistische Wunsch, wieder bei Margarethen zu sein, den ich nicht ganz unterdrücken konnte, die Kälte meines Vaters, die Nothwendigkeit, sich während der fortwährend unfreundlichen und regnerigen Witterung auf das Zimmer beschränkt zu halten, alles Dies trug in verschiedenem Grade bei das Gefühl der Behaglichkeit nicht in mir aufkommen zu lassen.

Abgesehen von diesen Ursachen aber fühlte ich mich auch gekränkt und gedemüthigt durch den Gedanken, daß ich in meinem eigenen Vaterhause gleichsam ein Fremdling geworden war. Nichts schien mehr dieselbe, Physiognomie zu haben wie früher. Die Zimmer, die alten Diener, die Promenaden, die Hausthiere, Alles schien seit meinem letzten Besuche, seitdem ich es das letzte Mal gesehen, Etwas von seiner eigenthümlichen Pysiognomie verloren zu haben.

Der Theil des Hauses, welchen ich früher vorzugsweise bewohnte, mißfiel mir jetzt, und es kostete mir peinliche Anstrengung, wieder in gewisse Gewohnheiten zu fügen, die mir sonst ganz vertraut, waren. Seit dem letzten Herbste und Winter schien mein Leben sich einen neuen Kanal gebahnt zu haben und nicht wieder auf meinen Befehl in sein altes Bett zurückleiten lassen zu wollen. Kurz, ich fühlte mich fremd in der Heimath.

Sobald die Woche um war, trennten mein Vater und ich uns genau auf dieselbe Weise, wie wir uns wiedergesehen. Als ich von Clara Abschied nahm, machte sie keine Anspielung auf die kurze Zeit meines Verweilens, sondern sagte einfach, daß wir uns bald in London wiedersehen würden.

Augenscheinlich hatte sie die wehmüthigen Eindrücke bemerkt, weiche dieser Besuch in mir zurückgelassen, und war entschlossen, diese neue, aber kurze Trennung unter so lachenden Auspicien als möglich stattfinden zu lassen. Jetzt verstanden wir einander, und dies war für sie ein Grund, mich zu trösten, indem ich sie verließ.

Gleich nach meiner Wiederankunft in London machte ich mich auf den Weg nach der Nordvilla. Es war, sagte man mir, in meiner Abwesenheit Nichts vorgefallen; dennoch aber schien Margarethe mir ein wenig verändert zu sein. Sie war blaß, außerordentlich reizbar und schweigsam, wie ich sie noch nie gesehen. Sie erklärte dies, als ich sie befragte, durch eine gewisse Niedergeschlagenheit, welche ihr gezwungenes Zuhause bleiben während dieser kalten, Nebel- und Regentage bei ihr zur Folge gehabt.

In anderer Beziehung hatte diese Häuslichkeit Nichts von ihrer gewohnten Monotonie verloren.

Mistreß Sherwin saß wie gewöhnlich auf ihrem Platze in dem Salon, und ihr Mann las das Abendjournal in dem Speisesaale bei einem Glase seines alten viel gerühmten Portweins.

Nachdem die ersten fünf Minuten vorüber waren, kehrte ich zu meinen früheren Gewohnheiten mit so leichter Mühe zurück, als ob sie nicht einen einzigen Tag unterbrochen gewesen wären. Ueberall wo meine junge Gattin war, da war fortan meine Heimath, ohne daß ich eine andere haben durfte.

Mr. Mannion kam ziemlich spät mit Geschäftsbriefen, die er Mr. Sherwin vorlegen wollte. Da ich im Begriffe stand, fortzugehen, so ließ ich ihn bitten, auf einen Augenblick aus dem Speisezimmer herauszukommen.

Er hatte niemals eine sehr warme Hand, dies Mal aber fand ich sie, als ich sie angriff, am ihn zu begrüßen, so eisig, daß einen Augenblick lang die meinige buchstäblich durch diese Berührung erstarrte.

Er wünschte mir bloß in alltäglichen Worten Glück zu meiner Rückkehr und sagte ebenfalls, daß in meiner Abwesenheit Nichts vorgefallen sei.

Als er aber diese wenigen Worte sprach, bemerkte ich zum ersten Male eine leichte Veränderung in seiner Miene. Der Ton war dumpfer und leiser und die Artikulation eine raschere als gewöhnlich.

Dieser Umstand in Verbindung mit der außerordentlichen Kälte seiner Hand veranlaßte mich, ihn zu fragen ob er sich wohl fühle. Er antwortete, daß er in meiner Abwesenheit allerdings ein wenig leidend gewesen sei, und zwar in Folge allzu angestrengten Arbeitens. Er entschuldigte sich. sodann, daß er mich wegen der von ihm mitgebrachten Geschäftsbriefe so schnell wieder verlassen müsse, und kehrte mit einer Hast, die ich noch nicht an ihm bemerkt, wieder in das Speisezimmer zu Mr. Sherwin zurück.

Ich hatte sowohl Margarethen als auch Mr. Sherwin bei guter Gesundheit verlassen; bei meiner Rückkunft aber fand ich sie beide unwohl.

Ganz gewiß war in meiner Abwesenheit Etwas vorgefallen, obschon Alle in der Erklärung überein stimmten, daß Nichts geschehen sei. In der Nordvilla schien man jedoch vorübergehenden Unpäßlichkeiten keine große Beachtung zu schenken, denn Mistreß Sherwins schwächliche Gesundheit hatte hier Jedermann an fortwährende Klagen in dieser Beziehung gewöhnt.


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