Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus - Dritter Band - Viertes Kapitel
 

Die Heirat im Omnibus



Viertes Kapitel.

Am nächstfolgenden Morgen kam Ralph nicht wieder zum Vorscheine Ich wartete den ganzen Tag auf ihn; endlich gegen Abend erhielt ich einen Brief.

Mein Bruder meldete mir darin, daß er an Mr. Sherwin geschrieben habe, einfach um ihn zu fragen, ob er seine Tochter wiedergefunden.

Die Antwort auf diese Frage war ihm erst im Laufe des Nachmittags zugegangen und war verneinend. Mr. Sherwin hatte seine Tochter nicht wiedergefunden. Sie hatte das Hospital verlassen, ehe er selbst dort ankam, und Niemand konnte ihm sagen, wohin sie gegangen sei.

Er gestand selbst, daß er in seinen Reden und Gebärden so heftig gewesen, daß man ihm den Zutritt in den Saal, wo Mannion lag, verweigern zu müssen geglaubt. Als er wieder nach Hause gekommen war, hatte er seine Frau in den letzten Zügen liegend angetroffen und am Abende war sie verschieden.

Ralph sagte mir ferner, Sherwins Brief sei der eines Mannes, welcher halb den Verstand verloren habe. Er spreche von seiner Tochter nur in wüthenden Ausdrücken und erkläre, er werde sie bei den noch lebenden Verwandten seiner Frau verklagen, daß sie Schuld an dem Tode ihrer Mutter sei, und rufe die schrecklichsten Verwünschungen auf sein eigenes Haupt herab, wenn er jemals ein Wort mit ihr spreche, selbst wenn er sie auf der Straße verhungern sähe. In einer Nachschrift theilte Ralph mir noch mit, daß; er mich den nächstfolgenden Tag früh besuchen würde, um mit mir die Maßregeln zu verabreden, welche nothwendig seien, um Sherwins Tochter in ihrem gegenwärtigen Schlupfwinkel aufzuspüren.

Jeder Satz seines Briefes enthielt eine Verkündung der herannahenden Krisis und dennoch fehlte es mir eben so an dem Triebe als an der Kraft, mich darauf vorzubereiten. Die abergläubische Ueberzeugung, daß meine Handlungen durch ein Verhängniß bestimmt würden, welches durch keine menschliche Voraussicht geändert werden könne, begann in mir Wurzel zu fassen.

Von diesem Augenblicke an erwartete ich die Ereignisse mit Geduld und in der passiven Haltung der Verzweiflung. Ein Gefühl lebte jedoch in mir, welches Nichts von seiner Stärke verloren hatte. Mit Schrecken und Furcht dachte ich an ein Wiederzusammentreffen mit Mannion Tag für Tag und Stunde für Stunde ward ich von der Angst gefoltert, ihn wieder zum Vorscheine kommen zu sehen.

Mein Bruder kam sehr pünktlich zu der von ihm bestimmten Stunde. Als er mich aufforderte, ihn nach dem Hospitale zu begleiten, entschloß ich mich ohne weiteres Zögern sofort dazu. Während Ralph sich dem Thore näherte, um seine ersten Fragen zu thun, blieb ich allein und schweigend vor diesem düsteren Palaste der Leiden stehen, wo Mannion lag und wohin ihm die schöne und reine Margarethe meiner ersten Liebesträume gefolgt war.

Mein Bruder sprach noch mit dem Portier, als er von einem Herrn erkannt ward, der aus dem Hospitale herauskam und ihn sofort anredete. Ich hörte, Wie Ralph ausrief:

»Bernhard! Jack Bernard! Du in England! —— wer hätte das gedacht!«

»Warum nicht?« ward ihm geantwortet. »Vor sechs Wochen gab das Hotel de Dieu mir alle Zeugnisse über mein chirurgisches Wissen, die ich wünschen konnte, und bloß um meines Vergnügens willen wollte ich nicht in Paris bleiben. Erinnerst Du Dich noch Deiner Spöttereien?« —— Es ist schon lange her. Das letzte Mal, wo wir uns begegneten, war ich für Dich ein sehr unbedeutendes Menschenkind. Wohl an, wir sind nun nach England gekommen, um unsern Aufschwung über den großen Haufen zunehmen und wo möglich unter den Lichtern der Wissenschaft zu glänzen.«

»Willst Du damit sagen, daß Du jetzt bei diesem Hospitale angestellt bist?«

»Wenigstens stehe ich auf der Liste der Chirurgen, die hier beschäftigt sind, und komme alle Tage, die Gott werden läßt, hierher.«

»Dann bist Du gerade der Mann, den wir brauchen, um uns Auskunft geben. He da, Sidney, komm’ doch her, damit ich Dich einem meiner alten Pariser Freunde vorstelle. Mr. Bernard —— mein Bruder —— Du hast mich oft von dem jüngsten Sohne von Sir William Bernard sprechen hören, welcher die Pflege des Körpers der des Geistes vorgezogen hat und gegenwärtig in einem Hospitale thätig ist, während er zu Hause ganz bequem faulenzen könnte. Dieser ist es, der achtungswertheste Arzt und gutmüthigste Kauz unter der Sonne.«

»Und bringst Du Deinen Bruder in das Hospital, damit er meinem gefährlichen Beispiele folge?« fragte Mr. Bernard, indem er mir die Hand drückte.

»Das gerade nicht, Jack. Wir haben aber auch eine Absicht, in der wir hierher gekommen. Kannst Du, zehn Minuten lang mit uns sprechen —— gleich viel wo? Wir wünschen Auskunft in Bezug auf einen Eurer Patienten.«

Er führte uns in ein leeres Zimmer im Erdgeschosse des Gebäudes.

»Laß mich reden,« sagte mir Ralph ins Ohr, als wir uns setzten. »Ich werde Alles zu erfahren wissen. —— Sage. mir, Bernhard,« fing er an, »habt Ihr, nicht einen Kranken Namens Turner hier?«

»Bist Du vielleicht der Freund dieses räthselhaften Menschen? Das ist seltsam! Die Studenten nennen ihn das große Geheimniß von London, und ich fange an zu glauben, daß die Studenten Recht haben, Willst Du ihn sprechen? Wenn er seinen großen grünen Schirm nicht aufhat, sieht er entsetzlich für Jeden aus, der nicht an dergleichen Erscheinungen gewöhnt ist.«

»Nein, nein —— wenigstens mag ich ihn nicht sehen. Mein Bruder hier wünscht es jetzt eben so wenig als jemals. Du mußt wissen, daß gewisse Umstände uns nöthigen, uns nach diesem Manne zu erkundigen, und ich bin überzeugt, daß Du nicht darauf bestehen wirst, sie kennen zu lernen, wenn ich Dir sage, daß es in unserem Interesse liegt, sie geheim zu halten.»

»Allerdings —— Du weißt ——«

»Wohl an, verlieren wir denn kein Wort mehr hierüber. Wir haben uns, indem wir hierher gekommen sind, vorgenommen, von Mr. Turner und den Leuten, die ihn besuchen, so viel als möglich zu erfahren. Ist vorgestern nicht eine Dame dagewesen.

»Ja. Und sie benahm sich, glaube ich, auf sehr seltsame Weise. Ich war nicht zugegen, als sie da war, aber man hat mir gesagt, daß sie mit sehr aufgeregter und unruhiger Miene nach Mr. Turner gefragt habe. Man wies sie in den Victoriasaal, wo er liegt, und als sie hier eintrat, ward sie außerordentlich verlegen, als sie den Saal so voll sah, denn sie ist natürlich an den Anblick eines solchen Hospitals nicht gewöhnt gewesen. Wie dem aber auch sei —— vergebens hat die Krankenwärterin ihr das Bett gezeigt, auf welches sie zugehen sollte, sie hat sich geraden Wegs einem andern genähert.«

»Ich verstehe,« sagte Ralph, »ganz so, wie gewisse Frauen in den unrechten Omnibus stürzen, während der richtige sie fast über den Haufen fährt.«

»Ja wohl. Sie hat daher ihren Irrthum —— es war ein wenig dunkel im Saale —— nicht eher entdeckt, als nachdem sie sich schon über einen Unbekannten gebeugt, dessen Gesicht nach der entgegengesetzten Seite hingewendet war —— aber schon war die Krankenwärterin ihr nachgeeilt und führte sie an das richtige Bette. Hier fand, wie man mir erzählt, ein zweiter Auftritt statt. Beim Anblicke des Gesichtes des Patienten war sie, wie die Krankenwärterin versichert, nahe daran, in Ohnmacht zu sinken, aber Turner beruhigte sie in seinem Augenblicke. Er legte seine Hand auf, ihren Arm, flüsterte ihr einige leise Worte zu und sofort ward sie bleich wie ein Leichentuch, ohne sich weiter zu rühren. Das Erste, was er hierauf that, war, daß er ihr ein Zettelchen gab, indem er ihr kaltblütig sagte, sie solle sich an den hier aufgeschriebenen Ort verfügen und, sobald sie ein wenig gefaßter sein würde, in daß Hospsital zurückkommen. Hierauf hat sie sich sofort wieder entfernt, Niemand weiß wohin.«

»Aber dann ist wohl noch Jemand gekommen, um sich nach ihr zu erkundigen, wie?«

»Ja, ein Mann, der sich für ihren Vater ausgegeben und sich benommen hat wie ein Unsinniger. Er kam ungefähr eine Stunde, nachdem die junge Dame sich entfernt, und wollte nicht glauben, daß wir ihm durchaus keine Auskunft über sie geben könnten, und wie zum Teufel sollten wir Etwas wissen? Er stieß gegen diesen Turner —— den er, beiläufig gesagt, Manning oder ungefähr so nannte —— so heftige Drohungen aus, daß wir uns genöthigt sahen, ihm den Zutritt zu verweigern. Turner selbst würde über diesen Gegenstand keine Aufklärung geben, aber ich vermuthe, daß die Wunden, welche er erhalten, das Resultat eines Streites mit dem Vater wegen der Tochter sind —— ein niedlicher Streit muß es gewesen sein, wenn man nach den Folgen urtheilt, welche —— Doch, ich bitte um Verzeihung, Dein Bruder scheint unwohl zu sein. Ich fürchte,« sagte er, sich zu mir wendend, »daß Ihnen die Luft in diesem Zimmer etwas zu dick und zu heiß ist.«

»Nein, durchaus nicht ——.- ich bin aber erst vor Kurzem wieder von einer schweren Krankheit genesen —— ich bitte Sie, fahren Sie fort.«

»Ich habe nur sehr wenig noch hinzuzufügen. Der Vater ging wüthend fort, gerade wie er gekommen war. Die Tochter ist noch nicht wieder zum Vorscheine gekommen. Nach Dem, was mir von der ersten Unterredung mitgetheilt worden, glaube ich jedoch, daß sie kommen wird. Sie muß auch, wenn sie Turner sprechen. will, denn dieser kann bei seinem dermaligen Zustande unter vierzehn Tagen noch nicht ausgehen. Er hat sich durch fortwährendes Briefschreiben geschadet —— neulich befürchteten wir einen Ausbruch von Rothlauf, diese Gefahr ist aber glaube Ich, vorüber.«

»Es liegt uns aber,« sagte Ralph, »sehr viel daran, zu wissen, wo jene Dame jetzt ist oder wo sie wohnt. Wäre es nicht möglich —— wir werden gut bezahlen —— irgend einen gewandten Spion zu bestimmen, ihr von hier bis an ihre Wohnung nachzuschleichen, sobald sie wiederkommt?«

Bernard zögerte einen Augenblick und dachte nach, dann sagte er:

»Ich werde mit dem Portier darüber sprechen, sobald Ihr wieder fortseid —— vorausgesetzt, daß Du mir in Bezug auf das Geldgeschenk welches ich für nothwendig halten werde, freie Hand lässt.«

»In dieser Beziehung gebe ich Dir unbeschränkte Vollmacht, lieber Freund. Kannst Du mir Schreibmaterialien geben? Ich will Dir die Adresse meines Bruders aufschreiben, damit Du ihm die Resultate, sobald Du sie erlangt haben wirst, mittheilst.«

Während Mr. Bernard nach dem andern Ende des Zimmers ging, um die gewünschten Schreibmaterialien zu holen, sagte Ralph leise zu mir:

»Wenn er mir unter meiner Adresse schriebe, so würde Madame *** den Brief sehen. Sie ist die liebenswürdigste Person ihres Geschlechts, aber wenn die schriftliche Anzeige der Wohnung einer Dame an mich adressiert in ihre Hände fiele —— ha! Du verstehst, Sidney! —— Uebrigens wird es Dir leicht sein, mir die Nachrichten, welche Jack Dir schicken wird, sobald Du sie empfangen hast, zu wissen zu thun. Also Muth gefaßt, Alles geht gut.«

Mr. Bernard brachte uns Tinte und Feder. Während Ralph die Adresse aufschrieb, sagte sein Freund zu mir:

»Ich hoffe, Sie werden mich nicht in dem Verdachte haben, mich in Ihre Geheimnisse mischen zu wollen, wenn ich —— in der Voraussetzung, daß es kein rein freundschaftliches Interesse ist, welches Sie veranlaßt, sich mit Turner zu beschäftigen —— Sie auffordere, ihn sehr genau zu überwachen, wenn er das Hospital verlassen wird. Entweder sind in seiner Familie Fälle von Wahnsinn vorgekommen oder die äußerlichen Verletzungen haben nachtheilig auf sein Gehirn eingewirkt. Streng genommen hat er ein Recht darauf, daß man ihn vollkommen frei lasse, weil er im Stande ist, die Aeußerlichkeiten einer vollkommenen Selbstbeherrschung in den gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens zu bewahren. Moralisch aber bin ich fest überzeugt, daß er ein gefährlicher Monomane ist; seine Manie knüpft sich an irgend eine fixe Idee, von welcher er augenscheinlich Tag und Nacht nicht abläßt.«

»Ich wollte etwas Erkleckliches wetten, daß, wenn sein Wahnsinn so weit geht, uns quälen oder schikanieren zu wollen, wir gerade die rechten Leute sind, um ihn einsperren zu lassen,« sagte Ralph »Hier ist die Adresse und nun wollen wir Deine Zeit nicht länger in Anspruch nehmen. Ich habe eine kleine Wohnung in Brompton gemiethet, Jack. Du mußt mit Sidney bei mir speisen, sobald wir mit unserer häuslichen Einrichtung in Stande sein werden.»

Wir verließen das Zimmer. Als wir durch die Hausflur schritten, kam ein Herr auf uns zu und redete Mr. Bernard an.

»Das Fieber jenes Mannes im Victoriazimmer hat sich endlich declarirt,« sagte er. »Heute Morgen sind die unverkennbarsten Symptome zu Tage getreten.«

»Und was zeigen sie an?«

»Einen Typhus von der schlimmsten Art —— daran ist nun nicht länger zu zweifeln. Kommen Sie und sehen Sie ihn an.«

Ich sah Mr. Bernard zusammenzucken und einen raschen Blick auf meinen Bruder werfen. Ralph heftete einen forschenden Blick auf das Gesicht seines Freundes und rief:

»Im Victoriasaal —— sagtest Du nicht so eben ——«

Und er stockte. Der Ausdruck seines Gesichtes änderte sich plötzlich aus seltsame Weise und einen Augenblick später nahm er Mr. Bernard bei Seite und sagte:

»Ich muß Dich fragen, ob das Bett dieses Mannes, dessen Fieber in Typhus übergegangen, dasselbe Bett ist, welches ——«

Die übrigen Worte konnte ich nicht verstehen, denn sie entfernten sich Beide einige Schritte Nachdem sie einige Minuten lang leise mit einander gesprochen, kamen sie wieder auf mich zu.

Mr. Bernard erklärte Ralph verschiedene Theorien über die Ansteckung.

»Nach meiner Ansicht,« sagte er, »oder vielmehr nach der Ansicht derer, deren Meinung ich angenommen, wird die Ansteckung durch die Lunge aufgenommen. Es genügt, die infizierte Atmosphäre, welche sich sofort um den angegriffenen Gegenstand verbreitet, geathmet zu haben, daß die Krankheit sich einer Person mittheile. Vorausgesetzt, daß diese Person dazu im Voraus disponiert ist. Wir wissen, daß diese Prädisposition sich durch moralische Aufregung oder organische Schwäche besonders steigert, in dem Falle aber, von welchem wir so eben sprachen« —— und er sah mich an —— »wiegen sich die Möglichkeiten der Ansteckung und der Nichtansteckung gegenseitig auf. Etwas ganz Bestimmtes läßt sich indessen bei dem Stadium, in welchem der Kranke sich jetzt befindet, noch nicht sagen.«

»Du wirst mir schreiben, sobald Du Etwas erfährst, nicht wahr?« sagte Ralph, indem er ihm die Hand drückte.

»Sofort —— das verspreche ich Dir. Ich habe die Adresse Deines Bruders in der Tasche.«

Wir trennten uns.

Ralph war auf dem Rückwege außerordentlich träumerisch und nachdenklich. An der Thür meiner Wohnung nahm er rasch von mir Abschied, ohne weiter über unsern Besuch in dem Hospitale mit mir zu sprechen. Eine Woche verging und ich erhielt keine Nachricht von Mr. Bernard. Während dieser Zeit sah ich meinen Bruder sehr wenig, denn er war mit der Einrichtung seiner neuen Wohnung beschäftigt.

Gegen das Ende der Woche kam er und meldete mir, daß er London« auf einige Tage verlassen würde. Mein Vater hatte ihn ersucht, auf sein Landgut in der Grafschaft *** zu gehen, um sich mit mehreren Angelegenheiten in Bezug auf die Bewirthschaftung dieses Gutes zu beschäftigen, wovon er in seiner Eigenschaft als künftiger Erbe pflichtmäßig Kenntniß nehmen mußte.

Ralph besaß noch ganz seinen früheren Widerwillen gegen Alles, was Wirthschaftsführung oder Berathung mit Juristen hieß; aus Dankbarkeit für die Güte aber, die mein Vater seit seiner Rückkehr nach England ganz speciell gegen ihn an den Tag legte, hielt er sich verpflichtet, seinen Geschmacksrichtungen ein wenig Gewalt anzuthun. Er glaubte, nicht länger als zwei oder drei Tage abwesend zu sein, empfahl mir aber dringend, ihm zuschreiben, wenn ich während seiner Abwesenheit Nachrichten aus dem Hospitale erhielte.

Im Laufe der Woche besuchte Clara mich zwei Mal. Sie hatte sich wie das erste Mal heimlich von Hause fort geschlichen. Bei jeder Gelegenheit bewies sie mir dieselbe liebreiche Sorgfalt, dasselbe einfache, natürliche Wesen, indem sie sich zugleich bemühte, mir mit dem Beispiele der Heiterkeit voranzugehen und mich zur Hoffnung zu ermuthigen. Mit tiefem Kummer und Befürchtungen, die es mir nicht ganz gelang, ihr zu verbergen, sah ich, daß derselbe Ausdruck von Niedergeschlagenheit und Melancholie, trotz aller ihrer Bemühungen zum Gegentheile, sich in ihren Zügen aussprach. Er hatte sich weder verändert noch vermindert.

Aus Zartgefühl hatte Ralph vermieden, die geheimen Befürchtungen zu vermehren, welche augenscheinlich ihre Gesundheit untergraben, und ihr von unserm Besuche in dem Hospitale, sowie von den von uns seit seiner Rückkehr sonst gethanen Schritten durchaus Nichts mitgetheilt. Ich trug Sorge, während meiner Zusammenkünfte mit ihr dieselbe Discretion zu beobachten. Als sie das dritte Mal kam, sagte sie mir mit einer Traurigkeit, welche sie sich vergebens zu verhehlen bemühte, Lebewohl. Ich war aber weit entfernt, zu glauben, daß der Ton ihrer sanften, lieblichen Stimme zum letzten Male an mein Ohr schlüge, ehe ich mich nach dem Westen Englands begäbe, wo ich jetzt schreibe.

Am Ende der Woche —— es war Sonnabends —— —— verließ ich meine Wohnung frühzeitig am Morgen, um einen Spaziergang zu machen, von welchem ich erst Abends zurückzukehren gedachte.

Die Ahnung anderweitiger Prüfungen und noch tieferer Gemüthsbewegungen hatte mich niemals verlassen. Von dem Tage an, wo ich Ralph nach dem Hospitale begleitet, hatten unbestimmte Gedanken und Vermuthungen, die ich mit Entsetzen wieder zu bannen suchte, nicht aufgehört, mein Gemüth zu belästigen.

Dieser geistige Kampf, diese hartnäckigen Befürchtungen wirkten so nachtheilig auf mich ein, daß meine Gesundheit dadurch in immer ernsterer Weise angegriffen ward. An dem Morgen, von welchem ich spreche, empfand ich, indem ich aufstand, ein Gefühl von unerträglichem Druck. Der Schweiß perlte mir auf der Stirn, obschon der Tag durchaus nicht außerordentlich warm war. Es war mir, als würde die Luft von London mit jeder Minute schwerer zu athmen. Ich hatte starkes Herzklopfen und das Pulsieren meiner Schläfe war förmlich fieberhaft. Es war, als wäre mein Leben in Gefahr, wenn ich nicht sofort ins Freie an irgend einen Ort zu kommen suchte, wo es Schatten und Grün und frisches, fließendes Wasser gab, worauf ich meine Blicke ausruhen lassen konnte« Ich ging daher fort, ohne mir eine bestimmte Richtung vorzuzeichnen, und blieb den ganzen Tag im Freien.

Die Nacht brach ein, als ich die Stadt wieder erreichte. Als die Magd mir die Hausthür meiner Wohnung öffnete, fragte ich sie, ob sie keine Briefe für mich erhalten hätte.

Sie antwortete, es sei am Morgen, gleich nachdem ich das Haus verlassen, einer abgegeben worden, und sie habe ihn auf meinen Tisch gelegt. Auf den ersten Blick, den ich auf diesen Brief warf, sah ich Mr. Bernard’s Namen in der Ecke des Couverts. Ich öffnete es begierig und las Folgendes:

»Freitag, am . . . . .

»Mein werther Herr!

»Auf dem hier beiliegenden kleinen Zettel finden Sie die Adresse der jungen Dame, von welcher Ihr Bruder mit mir sprach, als ich das Vergnügen hatte, Sie im Hospitale zu treffen. Ich bedauere, Ihnen sagen zu müssen, daß die Umstände, unter welchen es mir möglich gewesen ist, mir die gewünschten Aufschlüsse zu verschaffen, von der schmerzlichsten Art gewesen sind. Der Plan, den ich im Voraus entworfen, um nach der Andeutung Ihres Bruders die Wohnung der jungen Dame zu ermitteln, erwies sich als fruchtlos. Sie ist nicht wieder in das Hospital gekommen. Ihre Adresse ward mir diesen Morgen durch Turner selbst gegeben, indem er mich bat, sie in meiner Eigenschaft als Arzt zu besuchen, weil er zu dem, der sie bis jetzt behandelt, nicht genug Vertrauen hat. Verschiedene Ursachen vereinigten sich, um meine Einwilligung in sein Verlangen schwierig und unangenehm zu machen. Da ich aber wußte, daß diese junge Dame bei Ihnen, oder ich sollte wohl vielmehr sagen, bei Ihrem Bruder ein gewisses Interesse erweckt hat, so beschloß ich, keine Zeit zu verlieren, sie zu besuchen und mich mit ihrem ersten Arzte zu besprechen.«

»Ich fand sie von einem der heftigsten Typhusanfälle niedergeworfen, welche mir bis jetzt vorgekommen sind, und ich halte es für meine Pflicht, ohne Umschweife zu gestehen, daß ihr Leben mir in drohender Gefahr zu schweben scheint. Gleichzeitig verlangt die Gerechtigkeit, zu sagen, daß mein College, der sie zuerst in Behandlung gehabt, diese meine Meinung nicht theilt —— nach seiner Ansicht sind noch gegründete Aussichten vorhanden, sie zu retten.

»Daß sie sich den Typhus in dem Hospitale geholt hat, daran ist nicht zu zweifeln. Vielleicht entsinnen Sie sich, daß, wie ich Ihnen erzählte, beim Eintritt in den Krankensaal ihre Aufregung sie aller Herrschaft über sich selbst beraubt zu haben schien und daß sie auf ein Bett zugeeilt war, dem sie sich nicht nähern sollte, ehe die Krankenwärterin Zeit hatte, sie zurückzuhalten. Der Kranke, welcher Gegenstand ihres Irrthums gewesen, als sie Turner vor sich zu sehen glaubte, litt an einem Fieber, dessen Art uns heute allerdings wohl bekannt ist, aber welches sich als Typhus erst am Morgen des Tages deklarierte, wo Sie und Ihr Bruder in dem Hospitale waren. Ohne Zweifel ist die junge Dame, indem sie sich in der Ueberzeugung, daß der Kranke der sei, den sie suche, über ihn neigte, von seinem Dunstkreise sofort angesteckt worden.

»Seitdem die ersten Symptome ihrer Krankheit sich am vergangenen Sonnabende gezeigt haben, ist die Behandlung, welche ihr mein College angedeihen lassen, nach meiner Ansicht eine vollkommen angemessene gewesen. Ich bin heute eine Zeit lang an ihrem Bette geblieben, um sie zu beobachten. Das Delirium, welches mehr oder weniger ein unabänderliches Resultat des Typhus ist, tritt in ihrem Falle ganz besonders zu Tage und giebt sich sowohl in Gebärden als auch in Worten kund. Es ist mir unmöglich gewesen, sie durch eins der Mittel, welche man jetzt in Anwendung bringt, zu beruhigen. So oft ich sie aufgeweckt habe, hat sie nicht aufgehört, Ihren Namen zu nennen und inständig bittend nach Ihnen zu verlangen. Mein College sagt mir, daß sie es schon seit den letzten vierundzwanzig Stunden so getrieben habe. Dann und wann mischt sie auch andere Namen mit dem Ihrigen, nennt aber diese nur mit Entsetzen. Die Hartnäckigkeit, mit welcher sie nach Ihrer Gegenwart verlangt, ist so auffällig, daß ich mich versucht fühle, Sie zu bitten, sich zu ihr zu begeben. Wenn ich dies thue, folge ich nur meinem eigenen Triebe, denn es scheint mir sehr möglich, daß es Ihrer Gegenwart gelingen werde, sie zu beschwichtigen. Wenn Sie jedoch die Ansteckung fürchten, oder wenn Sie aus besonderen Gründen, welche ich weder das Recht, noch den Wunsch habe, zu erfahren, diesem Gesuche nicht willfahren wollen, so bitte ich Sie, ausschließlich Ihr eigenes Gutdünken zur Richtschnur zu nehmen. Nach meiner Meinung vermag keine menschliche Hilfe mehr sie zu retten. Die Aerzte klammern sich aber zuweilen wie Ertrinkende an Strohhalme, und der Strohhalm, den ich erfasse, ist Ihre Gegenwart am Lager der Kranken. Ich habe zuweilen das moralische Mittel anschlagen sehen, wo das medicinische Nichts auszurichten vermochte. deshalb sage ich nochmals: Glauben Sie ja nicht, daß es Ihre Pflicht sei, meiner Aufforderung zu folgen. Ich kann Ihnen mit gutem Gewissen versichern, daß die Pflicht hiermit Nichts zu schaffen hat. Auf jeden Fall ist es nothwendig daß ihre Eltern, oder wenn diese nicht mehr leben, einige ihrer nächsten Verwandten von ihrer Lage in Kenntniß gesetzt werden. Vielleicht kennen Sie ihre Verwandten und sind im Stande, uns diesen guten Dienst zu leisten. Sie stirbt an einem fremden Orte, unter Leuten, welche sie meiden wie die Pest. Ich bin an traurige Scenen dieser Art gewöhnt, aber in der Verlassenheit dieses armen Wesens. liegt etwas wirklich Herzzerreißendes. Auch wenn es sich um weiter Nichts handelte als um ihr Begräbniß, so müßte Jemand von ihrer Bekanntschaft unverweilt zu ihr gerufen werden.

»Morgen werde ich sie zwei Mal besuchen, früh und Abends. Wenn Sie nicht selbst sie besuchen wollen —— und ich sage Ihnen nochmals, daß ich Sie durchaus nicht bereden will, sich in dieser Beziehung Zwang anzuthun —— so haben Sie mir vielleicht in meiner Wohnung irgend eine Mittheilung zu machen.

»Ich verbleibe, mein werther Herr, Ihr ganz gehorsamster Diener

»James Bernard.«

»N. S. Ich öffne meinen Brief wieder, um Ihnen zu melden, daß Turner trotz aller Mahnungen zum Gegentheile das Hospital heute verlassen hat. Schon am vergangenen Dienstage hatte er, wahrscheinlich auf die erste Nachricht von der ernsthaften Erkrankung der jungen Dame, auszugehen versucht, war aber von einem heftigen Schwindel befallen worden und an der Schwelle des Krankensaales zusammengesunken. Dieses zweite Mal jedoch ist es ihm gelungen, das Weite zu gewinnen, nämlich so viel die im Hospitale angestellten Personen im Stande gewesen sind, sich davon zu überzeugen.«

Dieser Brief entsank meinen zitternden Händen. Ich hatte geschaudert vor Entsetzen bei dem Lesen desselben und stellte mir sofort die entsetzliche Frage: »Werde ich, der ich schon den Gedanken, diese Person jemals wiederzusehen, wie eine Besudelung von mir verbannte, die Kraft haben, an ihrem Sterbebette zu stehen, und den Märtyrermuth, welchen es bedürfen wird, sie sterben zu sehen?«

In diesem einzigen Augenblicke furchtbaren Zweifels, wo ich die innere feierliche Stimme hörte, aber nur in diesem Augenblicke, erkannte ich, wie dasselbe Leiden, welches mich niedergebeugt, mich auch zugleich gekräftigt hatte, und ich fühlte, wie der Kummer die Kraft hat, Das, was er zerreißt, auch gleichzeitig zu läutern.

Zurück, weit zurück trat der erste kleinliche und irdische Gedanke an das Uebel, welches sie mir zugefügt, an die Bitterkeit, welche sie über mein Leben ausgegossen An die Stelle dieses Gedankens trat in meinem Herzen eine plötzliche Ruhe ein, welche die Erinnerung an ihre sterbende Mutter zurückführte, und es war mir, als wenn sie mich um Erbarmen für ihre sterbende Tochter anflehte. Noch ein Mal gedachte ich der letzten Klage der armen Mutter hienieden.

Sie lag im Sterben unter Fremdlingen in wahnsinniger Fieberhitze, und von allen Wesen, welche sie gekannt, war das einzige, dessen Anwesenheit an ihrem Lager ihren letzten Augenblicken ein wenig Ruhe bringen und sie sanft und mild auf den Tod vorbereiten konnte, der Mann, den sie ohne Erbarmen betrogen und entehrt, dessen Jugend sie vernichtet, dessen Hoffnungen sie vereitelt hatte. Das Schicksal, welches uns auf seltsame Weise zusammengeführt um uns fürchterlich zu trennen, bereitete uns zuletzt ein noch furchtbareres Wiedersehen.

Mr. Bernard’s Brief war auf die Diele nieder gefallen. Ich hob ihn auf und steckte ihn in ein an meinen Bruder adressiertes Couvert, nachdem ich darunter geschrieben:

»Ich bin hingegangen, um ihre letzten Augenblicke zu versüßen.«

« Mein Entschluß war gefaßt. Sie verlangte nach meiner Nähe, und obschon mein Herz zu brechen drohte, so mußte ich doch diesem Rufe gehorchen.

Ehe ich jedoch meine Wohnung verließ, schrieb ich an ihren Vater, um ihn aufzufordern, sich ebenfalls an ihrem Sterbebette einzufinden. Wenn sein gefühlloses, verstocktes Gemüth nicht erweicht ward, wenn er die gegen sie ausgestoßenen Drohungen und Verwünschungen nicht bereute, dann konnte die Schuld seines Ausbleibens nur ihm allein, aber nicht mir beigemessen werden. Ich wagte nicht, mich allzu genau in Bezug auf die Antwort zu befragen, die er auf meinen Brief geben würde, denn ich erinnerte mich, daß er in dem Briefe an meinen Bruder den Entschluß ausgesprochen, seine Tochter als Ursache des Todes ihrer Mutter zu verstoßen, und selbst jetzt noch glaubte ich ihn wohl im Stande, daß er die Schande seiner eigenen Handlungsweise gegen sein unglückliches Weib auf sein Kind zu wälzen suchen würde.

Nachdem dieser zweite Brief geschrieben war, machte ich mich sofort auf den Weg nach dem Hause, welches Mr. Bernard mir bezeichnet. Zum ersten Male seit den Tagen meines Unglücks fühlte ich Geduld, Ergebung und Festigkeit genug in mir, um allen Prüfungen die Stirn zu bieten. Kein Gedanke an mich selbst, sogar kein Gedanke an die Gefahr, welche Mannion’s warnendes Postscript mich fürchten ließ, erwachte jetzt in mir. Ich fühlte bloß eine süße, heitere, vollständige, wie vom Himmel eingegebene Ruhe, welche durch irdische Gefühle nicht weiter beeinträchtigt werden zu können schien.

Es war eilf Uhr, als ich das Haus erreichte. Eine Frau von ziemlich mürrischem, unsauberem Aussehen öffnete mir die Thür.

Indem ich das Licht aus ihren Händen nahm, gewahrte ich hinter ihr Mr. Bernard.

»Ich fürchte, Sie können Nichts mehr nützen,« sagte er, »aber ich freue mich, daß Sie gekommen sind.«

»Dann ist also keine Hoffnung mehr?«

»Nach meinem Dafürhalten nicht. Turner war heute Morgen hier. Ob sie ihn in ihrem Delirium erkannt hat oder nicht, kann ich nicht sagen —— seine Nähe schien aber ihren Zustand so zu verschlimmern, daß ich befohlen habe, ihn nicht wieder vorzulassen. Gegenwärtig ist Niemand mehr im Zimmer —— wollen Sie sogleich hinausgehen?«

»Spricht sie während ihres Phantasirens noch von mir?«

»Ja wohl, so unaufhörlich wie je.«

»Dann bin ich bereit, Ihrem Rathe zu folgen und mich dem Bette der Kranken zu nähern.«

»Seien Sie überzeugt, daß ich tief fühle, welches Opfer Sie bringen. Seitdem ich an Sie geschrieben, hat das Delirium der Kranken ——« er zögerte —— »mir weit mehr verrathen als Sie, wie ich mir denken kann, wünschen, da ich ja dieser Person vollkommen fremd bin. Ich versichere Ihnen aber, daß die unfreiwillig auf dem Sterbebette enthüllten Geheimnisse für mich, eben so wie für alle Männer meines Berufes heilig sind.«

Er schwieg und drückte mir theilnehmend die Hand. Dann setzte er hinzu:

»Ich bin überzeugt, Sie werden sich für die Prüfung, welcher Sie sich in dieser Nacht unterziehen, hinreichend durch die Gewißheit belohnt finden, die letzten Augenblicke der Unglücklichen versüßt zu haben, und diese Erinnerung wird Ihnen bleiben.«

Ich fühlte die Beweise von Sympathie und Zartgefühl, welche er mir gab, indem er dies sagte, zu lebhaft, als daß ich im Stande gewesen wäre, ihm mit Worten zu danken. Er las aber den Ausdruck meiner Dankbarkeit in meinen Zügen, während er mich aufforderte, mit ihm in das Zimmer der Kranken hinaufzugehen.

Wir traten leise ein. Abermals, und zwar zum letzten Male in dieser Welt, sah ich Margarethe Sherwin vor mir.

Ich hatte sie nicht wieder gesehen seit jener verhängnißvollen Nacht, wo sie wie ein Gespenst vor dem Orte stehen blieb, wo sie ihr Verbrechen begangen. Gott weiß, daß ihr Anblick mir damals das Herz zerriß; aber noch herzzerreißender war es, sie so von Allen verlassen auf dem Sterbebette liegen zu sehen und sie zu betrachten, so wie sie jetzt war.

Mit dem Kopfe nach der Wand gewendet, strich sie sich unaufhörlich und mit krampfhafter Bewegung das lange schwarze Haar aus dem Gesichte und nannte unter den glühenden Visionen des Fiebers unaufhörlich meinen Namen.

»Sidney! Sidney! Sidney! Ich werde ihn rufen, bis er kommt —— Sidney! Sidney! ich bleibe nicht stehen, Du müßtest mich denn umbringen. Sidney! wo ist er? —— Wo? —— wo? —— wo?«

»Hier ist er,« sagte der Arzt, indem er mir das Licht aus den Händen nahm und so hielt, daß es mein Gesicht beleuchten. »Sehen Sie sie an und sprechen Sie mit ihr wie gewöhnlich, wenn sie sich umsehen wird,« sagte er leise zu mir.

Sie rührte sich nicht, ihre Stimme aber, deren Wohllaut früher die Schläge meines Herzens beschleunigte, dieselbe jetzt heisere, rauhe Stimme rief immer schneller und schneller:

»Sidney! Sidney! Man bringe ihn her! man bringe mir Sidney!«

»Hier ist er,« wiederholte. Mr. Bernard laut.

»Sehen Sie ihn doch an!«

Plötzlich drehte sie sich nach uns herum und strich das schwarze Haar auf die Seite, welches ihr über das Gesicht herabhing.

Einen Augenblick lang zwang ich mich, sie anzusehen —— einen Augenblick, während dessen ich ihre vom Fieber abgezehrten Wangen sah, ihre funkelnden, mit Blut unterlaufenen Augen, ihre verzerrten, trockenen, aufgesprungenen Lippen, die krampfhafte Bewegung ihrer Finger.

Ein solcher Anblick aber zerriß mir das Herz —— ich konnte ihn nicht ertragen, sondern wendete das Gesicht ab und bedeckte es mit den Händen.

»Fassen Sie sich,« sagte der Arzt, »jetzt ist sie ruhig. Sprechen Sie mit ihr. Sprechen Sie mit ihr, ehe sie wieder in das Delirium verfällt —— nennen Sie sie bei ihrem Namens.«

»Bei ihrem Namen. Könnten meine Lippen ihn wohl in einem solchen Augenblicke aussprechen?«

»Schnell! schnell!« rief Mr. Bernard. »Machen Sie den Versuch, so lange Sie noch die Gelegenheit dazu haben.«

Mein Gemüth kämpfte die Erinnerungen an die Vergangenheit nieder und ich redete sie an —— mit derselben Sanftheit wie früher, wenn auch nicht in so liebkosendem Tone.

»Margarethe,« sagte ich zu ihr, »Margarethe, Du hast mich zu sehen verlangt —— hier bin ich.«

Sie bewegte die Arme über dem Kopfe und stieß einen durchbohrenden Schrei aus, der unter mattem Aechzen verhallte. Dann wendete sie das Gesicht wieder ab und zog ihr Haar wie einen Schleier darüber hinweg.

»Ich fürchte, ihr Verstand ist gänzlich von ihr gewichen,« sagte der Arzt, »aber machen Sie noch einen Versuch.«

»Margarethe,« hob ich wieder an, hast Du mich vergessen, Margarethe?«

Sie sah mich noch ein Mal an und ihre trockenen hohlen Augen schienen einen mildern Ausdruck anzunehmen und ihre Finger zerrten weniger krampfhaft an ihrem Haar. Dann ließ sie ein mattes, wahnsinniges, entsetzliches Gelächter hören.

»Ja, ja,« sagte sie, »ich weiß, daß er endlich da ist —— ich werde mit ihm machen, was ich will. Gebt mir meinen Hut und einen Shawl, gleichviel welchen. Ein Trauershawl würde jedoch am besten sein, weil wir zum Begräbnisse unsrer Hochzeit gehen. Komm' Sidney, wir wollen wieder in die Kirche gehen und sie dann verlassen, ohne vermählt zu sein. deshalb verlangte ich nach Dir. Wir beunruhigen einander nicht. Robert Mannion liebt mich mehr als Du —— er schämt sich meiner nicht, weil mein Vater Handelsmann ist —— er macht mir nicht weiß, daß er mich liebe und daß er mich trotz des Stolzes seiner Familie heirathen wolle. Komm! komm? Ich werde dem Geistlichen sagen, daß er die Trauungsformel rückwärts lese, dann ist, wie ein Jeder weiß, die Vermählung wieder rückgängig gemacht.«

Als sie diese letzten wahnsinnigen Worte stammelte, ward Mr. Bernard gemeldet, daß Jemand unten an der Treppe ihn erwarte.

Er entfernte sich auf eine Minute und kam dann wieder, um mir zu sagen, daß man seine Hilfe wegen eines plötzlichen Erkrankungsfalles, der keine Minute Aufschub gestatte, in Anspruch nehme.

»Man hat den Arzt, den ich erst hier antraf, vom Lande holen lassen,« sagte er. Es soll, glaube ich, noch heute Abend eine Consultation stattfinden —— wenn aber Etwas vorfällt, so stehe ich zu Diensten. Hier ist die Adresse des Hauses, in welches ich mich jetzt begeben muß ——« er schrieb sie mir auf eine Karte —— »lassen Sie mich holen, wenn Sie meiner bedürfen. Auf jeden Fall werde ich so bald als möglich wiederkommen. Sie scheint schon ein wenig ruhiger zu sein, und wenn Sie noch eine Weile da bleiben, so ist es möglich, daß diese Ruhe sich noch mehr befestigt. Die Wärterin ist unten —— wenn ich hinunterkomme, werde ich ihr sagen, daß sie herausgehen soll. Halten Sie das Zimmer luftig und die Fenster offen, wie sie gegenwärtig sind. Athmen Sie nicht in allzu großer Nähe der Kranken, und Sie haben keine Ansteckung zu fürchten. Sehen Sie, wie ihre Augen sich auf Sie heften. Dies ist das erste Mal, daß ich sie zwei Minuten hinter einander in derselben Richtung blicken sehe. Man sollte beinahe glauben, daß sie Sie erkannt hat. Warten Sie so lange als möglich auf meine Rückkunft. Ich werde nicht länger bleiben, als es unbedingt nothwendig ist.«

Er verließ rasch das Zimmer. Ich drehte mich nach dem Bett herum und sah, daß Margarethe mich immer noch ansah. Während Mr. Bernard mit mir sprach, hatte sie nicht aufgehört, unverständliche Worte vor sich hin zu Murmeln, und fuhr damit noch fort, als die Krankenwärterin eintrat.

Diese machte gleich bei dem ersten Blicke, den ich auf sie warf, einen sehr abstoßenden Eindruck auf mich. Mit einiger Mühe gab ich ihr zu verstehen, daß sie immer wieder hinuntergehen könne und daß ich sie rufen würde, wenn es nothwendig wäre.

Endlich verstand sie mich und verließ langsam das Zimmer.

Die Thür schloß sich hinter ihr und ich blieb allein, um die letzten Augenblicke der Person zu überwachen, welche Schuld an dem nie wieder gutzumachenden Unglücke meines Lebens war.

Aber selbst in dieser schauerlichen Einsamkeit, an diesem Schmerzenslager hörte ich eine innere Stimme, die von Verzeihung sprach. Während die beiden beweglichen Augen mit unheimlicher Hartnäckigkeit meinen leichtesten Bewegungen folgten, gehorchte ich selbst, ich weiß nicht welchem sanften, friedlichen Einflusse, der meinen Muth stützte und kräftigte. Ich saß in der Nähe des offenen Fensters und beurtheilte das Vorschreiten der Nacht nach dem verschiedenen Geräusche, welches sich in den benachbarten Straßen hören ließ. Ich hörte bald nahe bald fern den Widerhall von mehreren Tritten, ein rauhes Murmeln von mehreren Stimmen, welche sich gleichzeitig erhoben. Die Branntweinverkäufer entließen ihre letzten Gäste —— die trunkenen Rotten einer Sonnabendnacht. Mitternacht war vorüber.

Aber all’ dieses Geräusch trunkener Lust und niedriger Schwelgerei ward durch die Stimme der Sterbenden übertäubt Sie sprach jetzt langsamer, deutlicher, aber auch schrecklicher.

»Ich sehe ihn,« sagte sie, indem sie seltsame Gebärden mit den Händen machte, »ich sehe ihn! Aber er ist weit —— er kann unsere Geheimnisse nicht hören und hat keinen Verdacht gegen Dich, wie meine Mutter. Sage mir das nicht wieder von ihm. Ich fühle, wie ich am ganzen Körper zittere. Warum siehst Du mich so an? Du weißt, daß ich Dich liebe, weil ich Dich lieben muß, weil meine Liebe stärker ist als mein Wille. Du bist ein Mann —— Du brauchst mir nicht Schweigen zu gebieten —— ich sage Dir, er kann uns nicht hören.« Aber vergiß nicht. »Ich will meine eigne Equipage haben und wir müssen die Sache geheim halten, bis ich es so weit gebracht habe. Ich will meinen eignen Wagen haben, sage ich Dir, und ich werde hineinsteigen, während mein Vater zu Fuße seinen Geschäften nachgeht. Es kommt Nichts darauf an, wenn die Räder meines Wagens ihn mit Koth bespritzen —— Warum kamst Du auch nicht Zeit genug aus Frankreich zurück, um die ganze Sache zu verhindern? Warum ließest Du mich ihn heirathen? Ich bin für ihn eine sehr gefällige Gattin gewesen, wie er für mich ein sehr gefälliger Ehemann gewesen ist —— ein Ehemann, der ein Jahr wartet —— ha! ha! ha! In die Schule mit dem Manne, der ein Jahr wartet.«

Ich näherte mich ihrem Bette und redete sie wieder in der Hoffnung an, ihre Gedanken allmählich auf bessere Dinge zu führen.

Ich weiß nicht, ob sie mich hörte, aber ihre irren Gedanken nahmen einen andern Weg und ihr Wahnsinn beschwor Scenen herauf, die der letzten Vergangenheit angehörten.

»Betten! Betten!« rief sie, »Betten überall —— ha! diese Menge Kranke und Sterbende —— und dieses Bett. Der Mann, der darin liegt, ist der entsetzlichste von allen. Ha, sein Gesicht ist verstümmelt! Wie entsetzlich sieht es auf dem weißen Kopfkissen! Ist das noch sein Gesicht? Das Gesicht, das keinen Fehler hatte! Nein, nimmermehr! Das ist das Gesicht eines, Dämons —— eines von der Hölle ausgespienen Dämons. Die Brandnarben der Hölle, die Spuren von den Klauen der Teufel sind noch darauf zu sehen. Schafft mich fort von hier. Ich kann mich nicht rühren, so lange dieses Gesicht mir vorschwebt Es schwebt mir unaufhörlich vor, es wird größer —— ha! wie es immer größer wird! —— Wasser! Wasser! Ersäuft mich im Meere! stürzt mich hinunter auf den tiefsten Grund —— weit hinweg von diesem glühenden Gesichte!«

»Beruhige Dich, Margarethe; trinke ein Mal, das wird Dich erfrischen.«

Ich bot ihr ein Glas Limonade, welches fertig zubereitet neben dem Bette stand.«

»Ja, ja, still, wie Du sagst! Wo ist Robert? Robert Mannion? Nicht hier! —— Dann habe ich Dir ein Geheimniß zu offenbaren. Wenn Du heute Nacht nach Hause zurückkehrst, Sidney, und Dein Gebet verrichtest, so bete, daß es donnere und blitze. Bete, daß der Blitz mich treffe und Robert auch. Die Abendgesellschaft bei meiner Tante findet erst in vierzehn Tagen statt, und in vierzehn Tagen wirst Du wünschen, daß wir Beide todt seien —— deshalb wirst Du wohl thun, bei Zeiten um das zu beten, was ich Dir eben sagte. Wir werden schöne Leichen sein —— schmücke meinen Sarg mit Rosen —— mit rothen Rosen, wenn Du deren finden kannst, denn Du weißt, sie erinnern an das scharlachrothe Weib in der Bibel. Scharlachroth —— warum nicht? Es ist dies ja die Farbe, die man in der Welt am keckesten trägt. Robert wird Dir sagen und Deiner ganzen Familie dazu, wie viel Frauen es giebt, die eben so scharlachroth sind als ich. Wenn man tugendhaft ist, so trägt man diese Farbe bei sich im Geheimen und das Laster trägt sie öffentlich —— das ist der einzige Unterschied, sagt er. Rothe Rosen! rothe Rosen! Wirf sie zu hunderten in den Sarg, damit ich dadurch erstickt werde, und dann begrabe mich tief in der finsteren, ruhigen Straße, wo ein Haus mit einer großen Terrasse steht und ein bleiches, zorniges Gesicht beinahe wie das Sidney’s, die Thür fortwährend anschaut. Da werde ich ruhig sein, wo die rothen Rosen blühen —— o, ruhig, ruhig, wo die rothen Rosen blühen!«

Diese letzten Worte sprach sie in langsamem, gemessenem Tone. Es war die ironische Reminiscenz einer Melodie, welche sie in der Nordvilla an Sonntagabenden zum Piano zu singen pflegte.

Die Nacht rückte mittlerweile immer weiter vor. Das mannigfache Geräusch. auf der Straße ward durch immer längere Zwischenräume von Schweigen unterbrochen. bloß dann und wann hörte ich noch das ferne Rollen eines Wagens, oder den hallenden raschen Tritt verspäteter Zecher, welche sich nach ihrer Wohnung begaben, bis endlich der schwere Tritt des seine Runde machenden Polizeimannes allein noch das Schweigen der ersten Morgenstunden störte.

Und die Kranke fuhr immer noch fort zu murmeln, aber der Ton ihrer Stimme ward ein matterer und schläfriger. Mr. Bernard kam noch nicht zurück —— und auch er kam nicht, der Vater der Sterben. Der Brief, der ihn an das Sterbelager seiner Tochter rief, hatte keinen Eindruck auf ihn gemacht.

Aber es fehlte auch noch eine andere Person, für welche dieses Sterbebett heilig sein mußte. Wo war Mannion?

Ich setzte mich wieder an das Fenster, entschlossen, zu warten bis an den Morgen. Ich heftete die Augen mechanisch auf die stieren Blicke der Kranken, die nicht von mir wichen, und versank in die schmerzlichen und feierlichen Betrachtungen, welche die Stunde und der Ort mir eingaben, als Margarethens Gesicht meinen Blicken plötzlich zu entschwinden schien. Ich schrak auf und schaute mich um.

Die Kerze, welche ich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers gestellt, war niedergebrannt, ohne daß ich es bemerkt hatte, und erlosch jetzt in der Dille. Ich eilte, die frische Kerze anzuzünden, welche auf dem Seitentische stand, aber es war zu spät. Der letzte Schimmer erlosch und das Zimmer war in tiefes Dunkel gehüllt.

Während ich unter den verschiedenen Gegenständen, die ich unter den Händen fühlte, nach der Schachtel mit den Schwefelhölzchen tastete, erhob sich Margarethens Stimme von Neuem.

»Unschuldig! unschuldig!«.

Diesen Ruf hörte ich wie eine Klage durch die Finsterniß.

»Ich werde schwören. daß ich unschuldig bin, und mein Vater wird sicherlich auch schwören Unschuldige Margarethe! Ach, welche Unschuld!«

Sie wiederholte diese Worte mehrmals, so daß ich dadurch ganz bestürzt gemacht ward. Ich wußte kaum, was ich berührte.

Plötzlich hielten meine ausgestreckten Hände von selbst still, ohne daß ich begriff, warum. War eine Veränderung in dem Zimmer vorgegangen? Es schien mir, als wenn plötzlich mehr Luft wäre, als ob eine Thür sich geöffnet hätte. Bewegte sich nicht Etwas auf der Diele? Hatte Margarethe ihr Bett verlassen?

Nein, die klagende Stimme sprach noch und ich hörte sie in derselben Entfernung.

Ich lenkte meine Schritte nach dem Fenster, um in einem kleinen Schranke Zündhölzchen zu suchen. Obschon die Nacht sehr finster war, so fiel doch in Folge des Umstandes, daß nicht weit von dem Hause zwei Gaslaternen brannten, ein schwacher Lichtschein in das Zimmer. Ich drehte mich am Fenster herum, um in den Hintergrund des Zimmers zu schauen, und glaubte, einen Schatten an dem Bette hin und her schleichen zu sehen.

»Jagt ihn fort!« rief Margarethe in durchdringendem Tone. »Rasch! rasch! Tödtet ihn. »Er rührt mich an. Er betastet mein Gesicht, um zu sehen, ob ich todt bin.«

Ich eilte auf sie zu und stieß im Dunkel an ein Zimmergeräth. Etwas glitt rasch zwischen dem Bette und mir vorüber, als ich mich dem oberen Ende desselben näherte.

Es war mir, als hörte ich eine Thür schließen. Dann trat einen Augenblick Schweigen ein, und dann, als ich die Hände ausstreckte, stieß meine rechte an den kleinen neben Margarethen stehenden Tisch, und einen Augenblick später fühlte ich die Zündhölzchenbüchse, die ich hierher gestellt.

Während ich ein Hölzchen in Brand setzte, murmelte die Stimme der Kranken ganz nahe an meinem Ohre:

»Das Gesicht! Das verstümmelte Gesicht! Jagt es weg von mir —— rasch, rasch, sagt es weg!«

Als ich das brennende Zündhölzchen dem Lichte näherte, sah ich mich um und bemerkte zum ersten Male, daß in dem entferntesten Winkel des Zimmers es eine zweite Thür gab, die oben mit einem Glasfenster versehen war, welches wahrscheinlich ein inneres Gemach erleuchten sollte. Als ich diese Thür versuchte, überzeugte ich mich sofort, daß sie von innen verschlossen war und daß jenseits derselben Dunkelheit herrschte.

Dunkelheit und Schweigen! Aber war nicht Jemand hier ganz in der Nähe in dieser Dunkelheit und in diesem Schweigen? Mein Argwohn ging sofort in Ueberzeugung über, und schaudernd bedachte ich, daß der Unbekannte, der im Dunkel zwischen dem Bette und mir vorüber geschlichen, gerade dasselbe Individuum sei, dessen Nähe ich wie die eines bösen Geistes in dem Zimmer fürchtete, welches der Tod im Begriffe stand zu heiligen.

Er lauerte also heimlich im Hause. Er war da, um ihre letzten Augenblicke zu belauschen, um ihre letzten Worte zu erlauern, um, wenn er könnte, eine Gelegenheit zu benutzen, in das Zimmer zurückzukehren, welches er durch seine Gegenwart entweihte.

Ich stellte mich in die Nähe der Thür, entschlossen, wenn er sich näherte, ihn auf alle Gefahr von dem Bette hinweg zustoßen.«

Ich weiß nicht, wie lange ich so an der Thür seines Schlupfwinkels stand; aber es mußte einige Zeit vergehen, ehe das Schweigen, welches um mich her herrschte, meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich drehte mich nach Margarethen herum, und in einem Augenblicke wurden alle Gedanken, die so eben in meinem Gemüthe erwacht waren, durch den Anblick, der sich mir darbot, in den Hintergrund gedrängt.

Margarethens Aussehen hatte sich vollständig geändert. Ihre bis jetzt so unaufhörlich sich bewegenden Hände ruhten in vollkommener Unbeweglichkeit auf der Decke. Sogar ihre Lippen zuckten nicht mehr. Der Ausdruck des Gesichts war ein ganz anderer. Die Spuren des Fiebers ruhten noch auf ihren Zügen; aber dennoch war die fieberhafte Aufregung aus ihren Augen entschwunden, die jetzt halb geschlossen waren. Sie athmete noch ein wenig keuchend, aber doch ruhig und langsam. Ich fühlte ihr an den Puls —— die Schläge desselben gingen sanft, warm und regelmäßig.

Was sollte ich aus dieser völligen Umwandlung schließen? Genesung? Wäre es möglich? Sobald dieser Gedanke mein Gemüth durchzuckt hatte, richtete sich jede meiner Geistesfähigkeiten auf die genaue Beobachtung des Gesichts der Kranken, und um Alles in der Welt würde ich mich nicht auch nur einen Augenblick lang von dem Bette entfernt haben.

Der erste Schimmer des Tages dämmerte matt zum Fenster herein, ehe eine andere Veränderung stattfand, ehe ein langer Athemzug sich wie ein Seufzer ihrer Brust entrang und ihre Augen sich langsam öffneten und in die meinen blickten.

Ihr erster Blick war seltsam und ergreifend; denn es war der Blick, der ihr natürlich war, der ruhige Blick, welcher Selbstbewußtsein verräth, der Blick endlich, den ich früher an ihr gekannt. Dies dauerte jedoch nur einen Augenblick. Sie erkannte mich, und ihre scheue, überraschte Miene wich sofort einem Ausdrucke der Scham und der Angst.

Sie war vergebens bemüht, ihre während der ganzen Nacht so thätig gewesenen und jetzt so trägen Finger zu bewegen.

Ein schwaches bittendes Aechzen entschlüpfte ihren Lippen, und sie drehte langsam den Kopf herum, so daß mein Gesicht ihren Blicken entzogen ward.

»O mein Gott, mein Gott,« murmelte sie leise und in kläglichem Tone, »ich habe ihm das Herz gebrochen, und dennoch ist er gekommen, um mir zu zeigen, wie gut er gegen. mich ist. Sidney, o Sidney! Geh! Dies ist schlimmer als der Tod. Ich bin zu tief gesunken, als daß ich jemals Verzeihung finden könnte! Laß mich sterben! laß mich sterben!»

Ich redete sie an, schwieg aber sofort wieder. Schon beim Tone meiner Stimme verkündete die Verzweiflung ihrer Seele im Kampfe mit dem von Schmerzen erschöpften, gefolterten Körper sich durch gebrochene Worte, wildes Schluchzen und durchbohrendes Geschrei.

Ich sank neben dem Bette auf die Kniee nieder. Jener moralische Muth, der mich mehrere Stunden lang aufrecht gehalten, schwand auf der Stelle. Ich weinte heiße Thränen, während meine Lippen ein flehendes Gebet stammelten. Ich fühlte mich nicht gedemüthigt durch diese Thränen, denn ich wußte, daß ich, als ich sie vergoß, ihr verziehen hatte.

Die Morgendämmerung rückte weiter vor. So wie das Licht des jungen Tages auf das Bett fiel, welches von dem frischen Morgenhauche sanft angeweht ward, so daß die wallenden Locken der Kranken sich zu bewegen begannen, ward ihre Stimme allmählich wieder ruhig, während diese Ruhe sich auch zugleich ihrem Körper mitzutheilen schien. Aber sie wendete das Gesicht nicht ein einziges mal wieder nach mir —— nicht einmal, als schwächere und seltenere Rufe ihr durch ihre Verzweiflung ausgepreßt wurden; nicht einmal, als sie mich mit erlöschender Stimme bat, sie allein sterben zu lassen, wie sie verdiente.

Ich wartete lange, und dann redete ich sie leise an. Ich wartete wieder und horchte auf den Athem, der mit jeder Minute schwächer ging.

Dann sprach ich etwas lauter, aber sie antwortete mir nicht —— sie machte nicht mehr die mindeste Bewegung.

Schlief sie? Ich kannte es nicht sagen! Ein gewisses Etwas hielt mich ab, auf die andere Seite des Bettes zu gehen, um ihr in das Gesicht zu sehen, so wie sie es nach der Wand gekehrt und beinahe in Pfühle verborgen hielt. Das Tageslicht ward immer heller und die Sonne begann zu scheinen.

Ich hörte einen raschen Tritt auf der Straße. Dieser Tritt machte gerade unter dem Fenster Halt, und eine Stimme, die ich erkannte, rief mich beim Namen.

Ich neigte mich hinaus. Es war Mr. Bernard, welcher zurückkam.

»Ich konnte nicht eher kommen,« sage er. »Der Fall war ein verzweifelter, und ich wagte nicht, meinen Kranken zu verlassen. Auf dem Kaminsimse werden Sie einen Schlüssel finden. Werfen Sie mir ihn herunter, und ich werde mir selbst aufschließen. Ich hatte den Leuten beim Fortgehen gesagt, daß sie die Thür nicht verriegeln sollten.«

Ich that, wie er mir hieß. Als er in das Zimmer trat, war es mir, als wenn Margarethe sich ein wenig rührte, und ich gab ihm mit der Hand ein Zeichen, daß er kein Geräusch machen solle.

Er schaute nach dem Bette, ohne Ueberraschung zu verrathen, und fragte mich leise, wann und wie diese Veränderung eingetreten sei.

Ich sagte es ihm mit kurzen Worten und fragte ihn, ob er auch in anderen Fällen dergleichen Veränderungen beobachtet habe.

»Allerdings,« antwortete er, habe ich viele eben so vollständige und außerordentliche Veränderungen gesehen, welche Hoffnung erweckten, die ich aber niemals habe in Erfüllung gehen sehen. Die, deren Zeuge Sie gewesen sind, ist stets ein schlimmes Symptom.«

Trotz dieser Worte schien es aber immer noch, als ob er fürchtete, sie aufzuwecken, denn er sprach sehr leise und näherte sich dem Bette so behutsam als möglich.

Plötzlich in dem Augenblicke, wo er der Kranken den Puls, fühlen wollte, unterbrach er sich, schaute nach der Glasthür, horchte aufmerksam und sagte, als ob er mit sich selbst spreche:

»Es war mir, als hörte ich Jemanden sich in diesem Zimmer bewegen; doch wahrscheinlich täusche ich mich, denn es kann noch Niemand im Hause aufgestanden sein.«

»Hierauf neigte er sich ein wenig über Margarethen und strich ihr behutsam das Haar auf die Seite, welche ihre Stirn bedeckte.

»Stören Sie sie nicht,« murmelte ich »sie schläft —— ganz gewiß schläft sie.«

Er machte eine Pause, ehe er antwortete. Dann sah ich seine Hand ihr Herz suchen.

Langsam hob er hierauf die Bettdecke empor und bedeckte ihr damit das ganze Gesicht.

»Ja, sie schläft,« sagte er in ernstem Tone, »sie schläft um nie wieder zu erwachen —— sie ist todt.«

Ich wendete schweigend das Gesicht hinweg, denn meine Gedanken waren in diesem Augenblicke nicht die Gedanken, welche ein Mensch gegen den andern aussprechen kann.

»Für einen Mann von Ihrem Alter ist dies ein sehr trauriger Auftritt,« hob er in theilnehmendem Tone an, indem er einen Schritt vom Bette zurücktrat, »aber Sie haben ihn gut ertragen. Ich freue mich, daß Sie bei einer so harten Prüfung so viel Ruhe gezeigt haben.«

»So vie! Ruhe?«

Ja, in diesem Augenblicke konnte mit Recht von mir gesagt werden, daß ich ruhig sei, denn ich erinnerte mich, daß ich ihr verziehen hatte.


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