Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Ein tiefes Geheimnis - Zweiter Band - Eine Beratung
 

Ein tiefes Geheimnis



Erstes Kapitel

Eine Beratung

Am Morgen nach Mistreß Jazephs Weggange erreichte die Nachricht, daß sie auf Mr. Franklands Befehl aus dem Tigerkopfe wieder fortgeschickt worden, die Wohnung des Doktors von dem Gasthause aus gerade in dem Augenblick, wo er sich zum Frühstück niedersetzte. Da diese Nachricht nicht zugleich von einer genügenden Erklärung der Ursache begleitet war, so wollte Doktor Orridge nicht glauben, daß Mistreß Jazephs Dienst bei Mistreß Frankland wirklich schon sein Ende erreicht habe.

Indessen, obschon er der Nachricht keinen Glauben beimaß, so ward er doch in soweit dadurch beunruhigt, daß er sein Frühstück so schnell als möglich beendete und seinen Morgenbesuch im Tigerkopfe beinahe zwei Stunden vor der Zeit machte, zu welcher seine Patientin ihn gewöhnlich erwartete.

Auf seinem Wege nach dem Gasthause kam ihm einer der Kellner desselben entgegen.

„Ich wollte eben mit einem Auftrage von Mr. Frankland zu Ihnen kommen, Sir“, sagte der Kellner; „er wünscht Sie sobald als möglich zu sprechen.“

„Ist es denn wahr, daß Mistreß Franklands Wärterin vergangene Nacht auf Mr. Franklands Befehl fortgeschickt worden ist ?“ fragte Doktor Orridge.

„Ja, das ist vollkommen wahr, Sir“, antwortete der Kellner.

Der Doktor errötete und fühlte sich sehr unangenehm berührt.

Eins der kostbarsten Dinge, die wir besitzen – besonders wenn wir zufällig dem Stande der Ärzte angehören – ist unsere Würde. Doktor Orridge meinte, man hätte eigentlich erst ihn zu Rate ziehen sollen, ehe man eine von ihm empfohlene Wärterin ohne Weiteres entließ.

Pochte Mr. Frankland vielleicht auf seine Stellung als Gentleman von Vermögen ?

Diese Frage zu entscheiden war jetzt noch nicht möglich, aber schon die Erwägung derselben übte einen unterminierenden Einfluß auf die konservativen Grundlagen von Doktor Orridges Prinzipien. Die Macht des Reichtums kann ungestraft vieles tun, aber sie hat nicht das Recht, der guten Meinung eines Menschen von sich selbst einen praktischen Widerspruch entgegenzusetzen. Niemals hatte der Doktor unehrerbietiger von Rang und Reichtümern gedacht; niemals war er sich bewußt gewesen, mit so absoluter Unparteilichkeit über republikanische Grundsätze nachzudenken, als da er jetzt mürrisch schweigend dem Kellner nach Mr. Franklands Zimmer folgte.

„Wer ist da ?“ fragte Leonard, als er die Tür öffnen hörte.

„Doktor Orridge, Sir“, sagte der Kellner.

„Guten Morgen, Sir“, sagte Doktor Orridge mit selbstbewußter Kürze und Vertraulichkeit.

Mr. Frankland saß mit gekreuzten Beinen in einem Lehnstuhl. Doktor Orridge wählte sorgfältig ebenfalls einen Lehnstuhl und kreuzte, sobald er sich niedergesetzt hatte, die Beine ebenso wie Mr. Frankland. Mr. Franklands Hände staken in den Taschen seines Schlafrocks. Doktor Orridge hatte keine Taschen weiter als in seinen Rockschößen, zu welchen er nicht bequem gelangen konnte. Dafür aber steckte er die Daumen in die Armlöcher seiner Weste und behauptete sich auf diese Weise gegen die insolente Bequemlichkeitsliebe des Reichtums.

Es machte – so merkwürdig beschränkt ist die Sphäre der Wahrnehmung eines Menschen, wenn er seine eigene Wichtigkeit zu verfechten bemüht ist – für ihn keinen Unterschied, daß Mr. Frankland blind und folglich nicht im Stande war, durch das unabhängige Benehmen des Doktors betroffen gemacht zu werden. Die eigene Würde des Doktors ward jedenfalls in seiner eigenen Gegenwart behauptet, und dies war ihm schon genug.

„Ich freue mich, daß Sie so zeitig kommen, Doktor“, sagte Mr. Frankland. „Es hat sich in der vergangenen Nacht etwas sehr Unangenehmes hier ereignet. Ich mußte die neue Wärterin auf der Stelle wieder fortschicken !“

„Wirklich !“ entgegnete der Doktor, indem er Mr. Franklands Gelassenheit eine erheuchelte Gleichgültigkeit entgegenstellte. „Wirklich ?“

„Wenn die Zeit mir erlaubt hätte, zu Ihnen zu schicken und Sie zu Rate zu ziehen, so würde ich dies sehr gern getan haben“, fuhr Leonard fort. „Aber die Sache gestattete keinen Aufschub. Wir wurden alle durch ein heftiges Läuten der Klingel meiner Gattin erschreckt. Ich ward in ihr Zimmer hinaufgeführt und fand sie in einem Zustande der heftigsten Aufregung und Unruhe. Sie sagte mir, sie sei durch die neue Wärterin auf fürchterliche Weise erschreckt worden, erklärte ihre Überzeugung, daß die Frau nicht recht bei Verstande sei und bat mich, sie so schnell als möglich und so freundlich als möglich aus dem Hause zu schaffen. Was konnte ich unter diesen Umständen tun ? Allerdings konnte es scheinen, als hätte ich, indem ich so auf meine eigene Verantwortlichkeit hin handelte, die gebührende Rücksicht auf Sie aus den Augen gesetzt; aber meine Frau war in einem solchen Zustande von Aufregung, daß ich nicht wissen konnte, was die Folge sein würde, wenn ich mich ihr widersetzte oder die Sache hinausschöbe, und nachdem einmal die Schwierigkeit beseitigt war, wollte sie nicht zugeben, daß Sie so spät noch durch einen Ruf hierher gestört würden. Ich bin überzeugt, lieber Doktor, Sie werden diese Erklärung in demselben Geiste aufnehmen, in welchem ich sie Ihnen biete.“

Der Doktor begann ein wenig verlegen auszusehen. Der massive Unterbau seiner Unabhängigkeit begann mürbe zu werden und unter ihm zu wanken. Er war schon wieder nahe daran, an die kultivierten Manieren der reichen Klassen zu denken, seine Daumen glitten mechanisch aus den Armlöchern seiner Weste, und ehe er noch recht wußte, was er tat, stammelte er sich durch die ausgewähltesten Irrgänge einer höflichen, ehrerbietigen Antwort hindurch.

„Sie werden natürlich zu wissen wünschen, was die neue Wärterin gesagt oder getan hatte, daß meine Frau darüber so erschrocken war“, fuhr Mr. Frankland fort. „Ich kann aber hierüber nichts Genaues mitteilen, denn meine Frau war in einem solchen Zustande nervöser Aufregung, daß ich wirklich nicht wagte, ihr eine Erklärung abzuverlangen, und ich habe mit Fleiß auch diesen Morgen noch damit gewartet, bis Sie kämen und mich zu ihr hinauf begleiten könnten. Sie haben sich einer so großen Mühwaltung unterzogen, uns die Dienste dieses unglücklichen Weibes zu verschaffen, daß Sie ein Recht darauf haben, nun, da sie wieder fortgeschickt worden ist, alles zu hören, was gegen sie angeführt werden kann. In Anbetracht der Umstände ist meine Frau heute Morgen nicht so unwohl wie ich fürchtete, daß sie sein würde. Sie erwartet, mich mit Ihnen zu sehen, und wenn Sie mir freundlichst Ihren Arm leihen wollen, so wollen wir sofort zu ihr hinaufgehen.“

Doktor Orridge tat seine bis jetzt gekreuzten Beine sofort voneinander, erhob sich rasch und ging sogar so weit, daß er willkürlich eine Verbeugung machte. Man darf nicht glauben, daß er, während er auf diese Weise handelte, seine Unabhängigkeit kompromittiert und von reichen Leuten in einem allzuhastigen Geiste der Zustimmung und Billigung gedacht hätte. Als er mechanisch seine Verbeugung machte und in diesem Augenblicke vergaß, daß Mr. Frankland gar nicht im Stande war, diese Art Huldigung zu würdigen, dachte er bloß auf die uneigennützigste und abstrakteste Weise an vornehmes Blut – an die feine Lebensart, die demselben gleichsam innewohnte – und an den unergründlichen Wert, der dadurch Worten verliehen ward, welche in dem Munde gewöhnlicher Leute ganz schlicht und alltäglich klingen.

Doktor Orridge besaß – und die Gerechtigkeit gegen ihn verlangt, daß wir dies hier erwähnen – die meisten der Tugenden seines Standes, besonders jene weit verbreitete Tugend, welche die Leute abhält, sich in ihren Meinungen durch persönliche Rücksichten auf ernste Weise bestimmen zu lassen. Wir haben alle unsere Fehler, es ist aber wenigstens ein Trost zu bedenken, wie wenige von unsern liebsten Freunden – um von uns selbst zu schweigen – sich jemals einer solchen Schwäche schuldig machen.

Als man in Mistreß Franklands Zimmer trat, sah der Doktor auf den ersten Blick, daß in ihrem Befinden in Folge der Ereignisse des vergangenen Abends eine Änderung, aber keineswegs zum Guten, eingetreten war. Er bemerkte, daß das Lächeln, womit sie ihren Gatten begrüßte, das matteste und wehmütigste war, welches er je auf ihrem Gesicht gesehen. Ihre Augen sahen trüb und ermüdet aus, ihre Haut war trocken, ihr Puls unregelmäßig. Es war klar, daß sie eine schlaflose Nacht zugebracht und daß ihr Gemüt nicht ruhig war.

Sie beantwortete die Fragen ihres ärztlichen Beistandes so kurz als möglich und brachte das Gespräch dann sofort auf Mistreß Jazpeh.

„Sie haben wohl gehört, was geschehen ist“, sagte sie zu dem Arzte. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie tief es mich bekümmert. Meine Handlungsweise muß Ihren Augen sowohl als denen der armen, unglücklichen Wärterin als die Handlungsweise einer eigensinnigen, gefühllosen Person erscheinen. Ich möchte weinen vor Kummer und Verdruß, wenn ich bedenke, wie unüberlegt ich war und wie wenig Mut ich zeigte. O, Lenny, es ist furchtbar, das Gefühl irgend eines Menschen zu verletzen – diese unglückliche, hilflose Frau aber so zu kränken, wie wir sie gekränkt, ihr so bittere Tränen ausgepreßt, ihr eine solche Demütigung bereitet zu haben – “

„Meine liebe Rosamunde“, unterbrach Mr. Frankland, „Du beklagst die Wirkungen, vergissest aber ganz die Ursachen. Bedenke, in welch einem Zustande von Angst und Schrecken ich dich antraf – ganz gewiß mußte ein Grund dazu vorhanden sein. Bedenke auch, wie fest du die Überzeugung aussprachst, daß die Frau nicht recht bei Sinnen sei. Du hast doch in diesem Punkte deine Ansicht nicht etwa schon geändert ?“

„Eben diese Meinung, Geliebter, hat mich die ganze Nacht gepeinigt und beunruhigt. Ich kann sie nicht ändern; ich fühle mich mehr als je überzeugt, daß es mit dem Verstande des armen Weibes nicht richtig sein kann – und dennoch, wenn ich bedenke, wie gutmütig sie hierher kam, um mir beizustehen, und wie eifrig bedacht sie zu sein schien, sich nützlich zu machen, kann ich nicht umhin, mich meines Argwohns zu schämen. Ich kann nicht umhin, mir Vorwürfe darüber zu machen, daß ich die Ursache ihrer Entlassung gestern abend gewesen bin. Lieber Doktor, bemerkten Sie etwas in Mistreß Jazephs Gesicht oder Benehmen, was Sie bewog zu zweifeln, ob ihr Verstand so gesund sei als er sein sollte ?“

„Durchaus nicht, Mistreß Frankland, sonst würde ich sie nicht hierhergebracht haben. Ich würde mich allerdings nicht gewundert haben zu hören, daß sie plötzlich krank geworden, oder daß sie von einem Nervenkrampf befallen worden sei, oder daß irgend ein kleiner Unfall, der sonst niemanden erschreckt haben würde, sie ernsthaft erschreckt habe; jetzt aber zu hören, daß sie an einer Störung ihrer Geisteskräfte leide, dies überrascht mich, wie ich gestehen muß, nicht wenig.“

„Könnte ich mich geirrt haben !“ rief Rosamunde, indem ihr Blick verlegen und selbst mißtrauisch von dem Doktor auf ihren Gatten schweifte. „Lenny ! Lenny ! Wenn ich mich geirrt habe, dann werde ich mir niemals verzeihen !“

„Aber willst du uns nicht erzählen, liebes Kind, was dich eigentlich bewog zu glauben, sie sei nicht recht bei Verstande ?“ fragte Mr. Frankland.

Rosamunde zögerte.

„Dinge, die in unsern Gedanken groß erscheinen“, sagte sie endlich, „scheinen oft so klein zu werden, wenn wir sie in Worte kleiden. Ich verzweifle fast daran, dir begreiflich machen zu können, welchen guten Grund ich hatte zu erschrecken, und dann fürchte ich, daß ich, indem ich mir selbst Gerechtigkeit widerfahren lasse, vielleicht ungerecht gegen die arme Wärterin bin.“

„Erzähle deine Geschichte nur nach deiner Weise, liebe Rosamunde, und du wirst sie dann gewiß richtig und angemessen erzählen“, sagte Mr. Frankland.

„Und vergessen Sie nicht“, setzte der Doktor hinzu, „daß ich auf meine Meinung von Mistreß Jazeph durchaus kein Gewicht lege. Ich hatte nicht Zeit genug, mir eine solche zu bilden; Ihre Gelegenheiten, diese Person zu beobachten, sind weit zahlreicher gewesen als die meinigen.“

Auf diese Weise ermutigt, erzählte Rosamunde schlicht und einfach alles, was in ihrem Zimmer am vorigen Abend bis zu dem Augenblick geschehen, wo sie die Augen geschlossen und die Wärterin sich ihrem Bett hatte nähern hören. Ehe sie die außerordentlichen Worte wiederholte, welche Mistreß Jazeph ihr ins Ohr geflüstert, machte sie jedoch eine Pause und sah ihren Gatten aufmerksam an.

„Warum hältst du inne ?“ fragte Mr. Frankland.

„Ich fühle mich noch ganz aufgeregt und befangen, Lenny, wenn ich an die Worte denke, welche die Wärterin unmittelbar zuvor, ehe ich die Klingel zog, zu mir sagte.“

„Nun, was sagte sie denn ? War es vielleicht etwas, was du nicht gern nachsagen möchtest ?“

„O nein; es liegt mir im Gegenteil sehr viel daran, es zu wiederholen und zu hören, was es nach deiner Ansicht bedeutet. Wie ich dir soeben erzählte, Lenny, hatten wir von Porthgenna gesprochen und von meiner Absicht, die nördlichen Zimmer zu untersuchen, sobald als ich dorthin käme, und sie hatte viele Fragen in Bezug auf das alte Haus getan, denn sie schien sich, wenn man bedenkt, daß sie doch dort nicht bekannt ist, auf ganz unerklärliche Weise dafür zu interessieren.“

„Nun, und ?“

„Nun, als sie an das Bett trat, kniete sie dicht neben mir nieder und flüsterte plötzlich: „Wenn Sie nach Porthgenna gehen, so hüten Sie sich vor dem Myrtenzimmer.“

Mr. Frankland stutzte.

„Gibt es denn ein solches Zimmer in Porthgenna ?“ fragte er begierig.

„Ich habe nie etwas davon gehört“, sagte Rosamunde.

„Wissen Sie das gewiß ?“ fragte Doktor Orridge. Bis diesen Augenblick hatte er im Stillen die Vermutung gehegt, Mistreß Frankland sei, bald nachdem er sie am Abend zuvor verlassen, eingeschlafen und die Geschichte, welche sie jetzt mit der aufrichtigsten Überzeugung von der Wirklichkeit derselben erzählte, sei in der Tat weiter nichts als eine Reihe von durch einen Traum erzeugten lebhaften Eindrücken.

„Ich weiß gewiß, daß ich niemals von einem solchen Zimmer gehört habe“, entgegnete Rosamunde. „Ich verließ Porthgenna, als ich fünf Jahre alt war und hatte damals nie etwas davon gehört. Mein Vater sprach in spätern Jahren oft von dem Hause, aber ich weiß gewiß, daß er keins der Zimmer bei einem besondern Namen nannte, und ich kann dasselbe von deinem Vater sagen, Lenny, so oft ich, nachdem er das Schloß gekauft, in seiner Gesellschaft war. Überdies mußt du dich doch auch entsinnen, daß, als der Baumeister, den wir hinschickten, um die Gebäude zu besichtigen, dir jenen Brief schrieb, er sich beklagte, daß an den verschiedenen Schlüsseln keine Namen der Zimmer zu finden wären, um sich beim Öffnen der Türen danach richten zu können, und daß ihm auch in Porthgenna selbst niemand hierüber Auskunft geben könnte. Wie könnte ich jemals von dem Myrtenzimmer gehört haben ? Wer hätte mir etwas davon sagen sollen ?“

Doktor Orridge begann eine verlegene Miene zu zeigen. Es schien doch keineswegs so ganz ausgemacht zu sein, daß Mistreß Frankland bloß geträumt hatte.

„Ich habe seitdem an gar nichts weiter gedacht“, sagte Rosamunde in leisem, flüsterndem Tone zu ihrem Gatten. „Ich kann diese geheimnisvollen Worte nicht aus den Gedanken bringen. Fühle an mein Herz, Lenny – es schlägt schon davon, daß ich sie dir wiederhole, schneller als gewöhnlich. Es sind so seltsame, sonderbare Worte. Was meinst du wohl, was sie bedeuten ?“

„Wer ist die Frau eigentlich, die sie gesprochen ? – Dies ist die wichtigste Frage“, bemerkte Mr. Frankland.

„Aber warum sagte sie diese Worte zu mir ? Dies ist es, was ich wissen möchte – dies ist es, was ich wissen muß, wenn ich mich jemals in meinem Gemüt wieder ruhig fühlen soll.“

„Nur sachte, Mistreß Frankland, sachte !“ sagte der Doktor. „Um Ihres Kindes sowohl als um Ihrer selbst willen bitte ich Sie, ruhig zu sein und dieses allerdings sehr geheimnisvolle Ereignis so gelassen zu betrachten wie Sie können. Wenn irgendwelche Bemühungen von meiner Seite über diese seltsame Frau und ihr noch seltsameres Benehmen Licht verbreiten können, so soll es daran nicht fehlen. Ich werde heute wieder bei ihrer Herrin sein, um eins der Kinder zu besuchen, und verlassen Sie sich darauf, ich will auf die eine oder die andere Weise Mistreß Jazeph dahin bringen, daß sie sich näher erklärt. Ihre Herrin soll jedes Wort hören, welches Sie mir erzählt haben, und ich kann Ihnen versichern, sie ist ganz die geradezugehende, offene, entschlossene Frau, welche darauf bestehen wird, daß das Geheimnis sofort aufgeklärt werde.“

Rosamundes trübe Augen gewannen bei diesem Erbieten des Doktors neuen Glanz.

„Ja, gehen Sie sogleich hin, lieber Doktor !“ rief sie. „Gehen Sie sogleich.“

„Ich habe erst noch in der Stadt eine Menge Besuche zu machen“, sagte der Doktor, über Mistreß Franklands Ungeduld lächelnd.

„Nun, so beginnen Sie damit, ohne einen Augenblick zu säumen“, sagte Rosamunde. „Der Kleine ist vollkommen wohl und ich bin auch vollkommen wohl – wir brauchen Sie keinen Augenblick aufzuhalten. Und, lieber Doktor, ich bitte Sie, seien Sie gegen die arme Frau so freundlich und rücksichtsvoll als möglich und sagen Sie ihr, es wäre mir nicht eingefallen, sie fortzuschicken, wenn ich nicht so erschrocken wäre, daß ich nicht gewußt hätte, was ich tat. Sagen Sie ihr auch, wie leid es mir heute tut und sagen Sie –“

„Liebe Rosamunde, wenn die Frau wirklich nicht recht bei Verstande ist, was könnte es dann nützen, sie mit allen diesen Entschuldigungen zu überhäufen ?“ unterbrach Mr. Frankland. „Es wird weit zweckmäßiger sein, wenn der Doktor in unserm Namen ihre Herrin um Entschuldigung bittet und sich gegen diese erklärt.“

„Ja, gehen Sie ! Machen Sie nicht noch hier lange Worte – ich bitte Sie, gehen Sie sogleich !“ rief Rosamunde, als der Doktor auf Mr. Franklands Bemerkung antworten wollte.

„Fürchten Sie nichts – es soll keine Zeit verloren werden“, sagte Doktor Orridge, indem er die Türe öffnete. „Aber vergessen Sie nicht, Mistreß Frankland, ich erwarte, daß Sie Ihren Gesandten, wenn er von seiner Mission zurückkehrt, belohnen, indem Sie ihm zeigen, daß Sie ein wenig ruhiger und gefaßter sind als ich Sie heute morgen finde.“

Mit dieser letzten Mahnung nahm der Doktor Abschied.

„Wenn Sie nach Porthgenna gehen, so hüten Sie sich vor dem Myrtenzimmer“, wiederholte Mr. Frankland nachdenklich. „Das sind sehr seltsame Worte, Rosamunde. Wer kann diese Frau möglicherweise sein ? Sie ist uns beiden vollkommen fremd. Wir sind durch reinen Zufall mit ihr in Berührung gekommen und wir finden, daß sie in Bezug auf unser Haus etwas weiß, wovon wir selbst beide durchaus keine Kenntnis gehabt haben, bis es ihr beliebte zu sprechen.“

„Aber die Warnung, Lenny, die Warnung, die so ausdrücklich und geheimnisvoll an mich gerichtet ward ! Ach, wenn ich doch sofort einschlafen könnte, um nicht eher wieder zu erwachen als bis der Doktor zurückkommt.“

„Liebe Rosamunde, bemühe dich, nicht allzugewiß darauf zu rechnen, daß wir selbst dann Aufklärung erhalten. Die Frau kann sich ja leicht weigern, sich gegen irgend jemand zu erklären.“

„Deute eine solche Täuschung meiner Erwartung auch nicht nur an, Lenny, sonst fühle ich mich versucht aufzustehen und selbst zu ihr zu gehen, um sie zu befragen.“

„Auch wenn du aufstehen und sie befragen könntest, Rosamunde, würdest du es doch vielleicht unmöglich finden, ihr eine Antwort abzulocken. Es ist möglich, daß sie sich vor gewissen Folgen fürchtet, die wir nicht voraussehen können, und in diesem Falle kann ich bloß wiederholen, daß es mehr als wahrscheinlich ist, sie werde sich auf gar keine Erklärung einlassen, oder vielleicht ihre eigenen Worte ganz kaltblütig in Abrede stellen.“

„Dann, Lenny, wollen wir sie selbst auf die Probe stellen.“

„Und wie könnten wir dies tun ?“

„Dadurch, daß wir, sobald ich es im Stande bin, unsere Reise nach Porthgenna fortsetzen, und wenn wir dort sind, keinen Stein umgewendet lassen, bis wir entdeckt haben, ob es in dem alten Hause ein Zimmer gibt, welches zu irgend einer Zeit seines Bestehens unter dem Namen des Myrtenzimmers bekannt war.“

„Und gesetzt, es sollte sich ergeben, daß ein solches Zimmer vorhanden ist ?“ fragte Mr. Frankland, indem er den Einfluß des Enthusiasmus seiner Gattin zu fühlen begann.

„Wenn dies sich ergibt“, sagte Rosamunde, indem ihre Stimme lauter ward und ihr Gesicht von seiner gewohnten Lebhaftigkeit zu strahlen begann, „wie kannst du zweifeln, was dann geschehen werde ? Bin ich nicht ein Weib ? Und ist mir nicht verboten worden, das Myrtenzimmer zu betreten ? Lenny ! Lenny ! Kennst du meine Hälfte der Menschheit so wenig, daß du fragst, was ich in dem Augenblick, wo man das Zimmer entdeckte, tun würde ? Mein guter Lenny, ganz natürlich würde ich sofort hineingehen !“


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