Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Ein tiefes Geheimnis - Zweiter Band - Ein alter Freund und ein neues Projekt
 

Ein tiefes Geheimnis



Achtes Kapitel

Ein alter Freund und ein neues Projekt

Als Sara erklärte, daß der Knabe, welchen sie auf dem Moorland hatte hacken sehen, ihr und ihrem Onkel selbst nach der Poststadt von Porthgenna nachgeschlichen war, hatte sie die buchstäbliche Wahrheit behauptet. Jakob hatte die Spur bis an den Gasthof verfolgt, eine Weile in der Nähe desselben gewartet, um sich zu überzeugen, ob es wahrscheinlich sei, daß sie ihre Reise diesen Abend weiter fortsetzen würden, und war dann nach Porthgenna Tower zurückgekehrt, um diese Meldung zu machen und die versprochene Belohnung in Anspruch zu nehmen.

An demselben Abend widmeten sich die Haushälterin und der Kastellan gemeinschaftlich der Abfassung eines Briefes an Mistreß Frankland, in welchem sie ihr alles berichteten, was von der Zeit an geschehen, wo die Fremden erschienen waren, bis zu dem Augenblick, wo der Gärtnerjunge ihnen bis an die Tür des Gasthauses gefolgt war.

Dieses Schriftstück war reichlich mit den rhetorischen Ausschmückungen Mr. Munders gespickt und – eine notwendige Folge hiervon – als Erzählung übertrieben lang und als Darlegung von Tatsachen hoffnungslos verworren.

Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß der Brief mit allen seinen Mängeln und Abgeschmacktheiten von Mistreß Frankland mit dem tiefsten Interesse gelesen ward. Ihr Gatte und Doktor Orridge, welchen beiden sie den Brief mitteilte, waren darüber ebenso erstaunt, als sie selbst. Obschon die Entdeckung von Mistreß Jazephs Reise nach Cornwall sie bewogen hatte, es innerhalb des Bereichs der Möglichkeit liegend zu betrachten, daß sie in Porthgenna zum Vorschein käme, und obschon Rosamunde ihren Brief an die Haushälterin unter dem Einflusse dieser Idee geschrieben, so war doch weder sie noch ihr Gatte auf eine so schnelle Bestätigung ihres Argwohns vorbereitet wie sie jetzt erhielten.

Ihr Erstaunen aber bei Kenntnisnahme von dem allgemeinen Inhalt des Briefes war wie nichts im Vergleich mit ihrem Erstaunen, als sie an die speziellen Stellen des Briefes kamen, welcher sich Onkel Joseph bezog. Dieses neue Element, welches dem immer dunkler werdenden Geheimnis in Bezug auf Mistreß Jazeph und das Myrtenzimmer durch das Auftreten dieses Ausländers auf der Bühne und durch seinen genauen Zusammenhang mit den außerordentlichen Vorgängen, die in dem alten Schlosse stattgefunden, mitgeteilt ward, äußerte auf alle eine im höchsten Grade verblüffende Wirkung.

Der Brief ward immer und immer wieder gelesen, Satz für Satz kritisch zerlegt, sorgfältig von dem Doktor erläutert, unm die Tatsachen, die er enthielt, von der Masse nichtssagender Worte zu sondern, in welche Mr. Munder sie künstlicher- und langweiligerweise gehüllt, und endlich nach aller Mühe, die man sich gegeben, ihn verständlich zu machen, für das geheimnisvolle und seltsamste Dokument erklärt, welches jemals die Feder eines Sterblichen hervorgebracht.

Der erste praktische Vorschlag, welcher, nachdem der Brief verzweiflungsvoll beiseite gelegt worden, gemacht ward, ging von Rosamunden aus. Sie schlug vor, daß ihr Gatte und sie selbst – natürlich mit Einschluß ihres Söhnchens – sofort nach Porthgenna aufbrechen sollten, um die Diener genau in Bezug auf Mistreß Jazeph und den Ausländer, der sie begleitet, auszufragen und die Lokalitäten der Nordseite des Hauses zu untersuchen, um vielleicht einen Aufschluß über die Lage des Myrtenzimmers zu entdecken, während die Ereignisse noch frisch in der Erinnerung der Zeugen waren.

Der auf diese Weise verteidigte Plan stieß jedoch, obschon er an und für sich ganz vortrefflich war, bei Dokor Orridge aus ärztlichen Gründen auf Widerspruch. Mistreß Frankland hatte sich dadurch, daß sie, als sie das erste Mal das Zimmer verlassen, zu leichtsinnig der Luft ausgesetzt, eine ziemliche Erkältung zugezogen, und der Doktor weigerte sich, ihr vor Ablauf einer Woche Erlaubnis zum Reisen zu erteilen.

Der nächste Vorschlag ging von Mr. Frankland aus. Dieser erklärte, es sei ihm vollkommen klar, daß die einzige Aussicht, das Geheimnis des Myrtenzimmers zu durchdringen, einzig und allein davon abhänge, daß man ein Mittel fände, mit Mistreß Jazeph in Mitteilung zu treten.

Er schlug vor, sich nicht weiter mit irgendetwas zu bemühen, was mit der Durchführung dieser Absicht nicht im Zusammenhang stehe, und stellte den Antrag, daß der Diener, der jetzt in West Winston bei ihnen war – ein Mann, der seit vielen Jahren in seinen Diensten stand und auf dessen Eifer, Tätigkeit und Intelligenz man sich unbedingt verlassen konnte – sofort nach Porthgenna gesendet würde, um die nötigen Nachforschungen zu beginnen und die Lokalitäten auf der Nordseite des Hauses sorgfältig zu untersuchen.

Dieser Rat ward auch sofort befolgt. Noch ehe eine Stunde um war, machter der Diener sich auf den Weg nach Cornwall, gründlich instruiert in Bezug auf das, was er tun sollte und wohl mit Geld versehen, im Fall er es notwendig fand, viel Personen zu Betreibung der erforderlichen Nachforschungen zu verwenden.

Nach einiger Zeit sendete er seinem Herrn einen Bericht über die von ihm getanen Schritte.

Dieser Bericht war aber von im höchsten Grade entmutigender Art. Von Mistreß Jazeph und ihrem Begleiter hatte man von der Poststadt von Porthgenna an jede Spur verloren. Man hatte Nachforschungen nach allen Richtungen hin angestellt, aber keinen einzigen zuverlässigen Aufschluß erlangt. Leute in ganz verschiedenen Ortschaften erklärten, zwei Personen gesehen zu haben, welche der Beschreibung der Frau in der dunkeln Kleidung des alten Ausländers entsprachen; forderte man sie aber auf, die Richtung anzuzeigen, in welcher die beiden Fremden gereist waren, so erhielt man Antworten von der verwirrendsten und widersprechendsten Art.

Man hatte weder Mühe noch Kosten gespart, aber bis jetzt kein Resultat von auch nur dem geringsten Werte erlangt. Ob die Frau und ihr Begleiter nach Osten, Westen, Norden oder Süden gegangen waren, darüber konnte Mr. Franklands Diener in dem gegenwärtigen Stadium der Erörterungen keinerlei Auskunft geben.

Der Bericht über die Untersuchung der nördlichen Zimmer war ebenso wenig befriedigend. Auch hier konnte man nichts von irgendwelcher Bedeutung entdecken. Der Diener hatte ermittelt, daß es zweiundzwanzig Zimmer auf der unbewohnten Seite des Hauses gab – sechs im Erdgeschoß, welche in den verödeten Garten gingen, acht in der ersten Etage und acht über diesen in der zweiten. Er hatte alle Türen von oben bis unten sorgfältig untersucht und war zu dem Schlusse gekommen, daß keine derselben geöffnet worden.

Die Indizien, welche die eigene Handlungsweise der rätselhaften Frau lieferte, führten zu nichts. Sie hatte, wenn man der Aussage der Magd trauen durfte, die Schlüssel auf den Fußboden der Halle fallen lassen. Man fand sie selbst, wie die Haushälterin und der Kastellan versicherten, ohnmächtig oben auf dem Vorplatze der ersten Treppe liegen. Die Tür, welche sich ihr hier gegenüber befand, zeigte von einer damit neuerdings vorgenommenen Eröffnung ebenso wenig eine Spur als die andern Türen der übrigen zweiundzwanzig Zimmer.

Ob das Zimmer, zu welchem sie Zutritt zu erlangen wünschte, eines der acht in der ersten Etage, oder ob sie auf dem Wege nach der höher gelegenen Reihe von acht Zimmern in der zweiten Etage ohnmächtig geworden war, dies ließ sich unmöglich bestimmen.

Die einzigen sichern Schlüsse, welche aus den in dem Hause stattgehabten Ereignissen gezogen werden konnten, waren zwei an der Zahl.

Erstens konnte man mit Gewißheit annehmen, daß die rätselhafte Frau gestört worden, ehe sie im Stande gewesen war, sich der Schlüssel zu bedienen, um in das Myrtenzimmer zu gelangen.

Zweitens ließ sich aus der Stellung, in welcher sie auf der Treppe gefunden ward und aus der Aussage in Bezug auf das Fallenlassen der Schlüssel annehmen, daß das Myrtenzimmer sich nicht in dem Erdgeschoß befand, sondern eins der in der ersten und zweiten Etage befindlichen sechzehn Zimmer war.

Außerdem hatte der Schreiber des Berichts nichts weiter zu melden, ausgenommen, daß er sich erlauben werde, in Porthgenna zu warten, im Fall sein Herr ihm weitere Instruktionen mitzuteilen hätte.

Was war nun zu tun?

Dies war notwendig die erste Frage, welche die Meldung des Dieners von dem erfolglosen Ergebnis seiner Nachforschungen in Porthgenna an die Hand gab.

Wie dieselbe aber zu beantworten sei, dies war nicht sehr leicht zu ermitteln. Rosamunde wußte nichts vorzuschlagen, Mr. Frankland wußte nichts vorzuschlagen, der Doktor wußte nichts vorzuschlagen. Je eifriger alle drei über eine neue Idee nachdachten, desto weniger schien Aussicht vorhanden, daß es ihnen gelingen werde, eine zu finden.

Endlich stellte Rosamunde verzweifelnd den Antrag, den Rat einer vierten zuverlässigen Person zu suchen, und bat ihren Gatten um die Erlaubnis, eine vertrauliche Darlegung des ganzen Sachverhaltes für den Vikar von Long Beckley niederschreiben und demselben übersenden zu dürfen.

Doktor Chennery war ihr ältester Freund und Ratgeber. Er hatte sie beide als Kinder gekannt; er interessierte sich für sie wie ein Vater und er besaß jene unschätzbare Gabe schlichten, klaren, gesunden Menschenverstandes, die ihn als gerade den Mann bezeichnete, welcher am allerwahrscheinlichsten ihnen nicht bloß beistehen könnte, sondern dies auch bereitwillig tun würde.

Mr. Frankland war mit Vorschlage seiner Gattin sofort einverstanden, und Rosamunde schrieb unverweilt an Doktor Chennery, indem sie ihm alles mitteilte, was seit Mistreß Jazephs erster Einführung bei ihr geschehen, und indem sie ihn um seine Meinung hinsichtlich des Verfahrens bat, welches unter den obwaltenden Umständen sich als das ratsamste darstellte.

Mit umgehender Post lief eine Antwort ein, welche Rosamundes Vertrauen auf ihren alten Freund vollkommen rechtfertigte.

Doktor Chennery teilte nicht bloß die Neugier und Spannung, welche Mistreß Jazephs Worte und Benehmen in dem Gemüt seiner Korrespondentin hervorgerufen, sondern hatte auch einen eigentümlichen Plan zur Ermittelung der Lage des Myrtenzimmers vorzuschlagen.

Der Vikar beantwortete seinen Vorschlag dadurch, daß er sich gegen jede weitere Nachforschung nach Mistreß Jazeph erklärte. Nach den Umständen, wie sie ihm erzählt wurden, zu urteilen, meinte er, es werde nur Zeitverschwendung sein, sie ausfindig machen zu wollen.

Demgemäß ließ er diesen Teil des Gegenstandes sofort ruhen und widmete sich der Erwägung der wichtigeren Frage: Wie sollten Mr. und Mistreß Frankland zu Werke gehen, um das Geheimnis des Myrtenzimmers allein und durch sich selbst zu entdecken?

In dieser Beziehung hegte Doktor Chennery eine Überzeugung der stärksten Art und sagte Rosamunden im voraus, daß sie sich auf eine große Überraschung gefaßt machen müsse, wenn er weiter unten darauf zu sprechen käme.

Indem er es nämlich als ausgemacht betrachtete, daß sie und ihr Gatte keine Hoffnung hätte, ausfindig zu machen, wo das fragliche Zimmer sei, wenn sie nicht von jemandem unterstützt würden, der besser als sie mit den alten örtlichen Einrichtungen des Innern von Porthgenna Tower bekannt sei, erklärte der Vikar seine Meinung dahin, daß es nur noch einen einzigen lebenden Menschen gäbe, der ihnen den erforderlichen Aufschluß geben könnte, und dieser Mensch sei niemand anders als Rosamundes griesgrämiger, menschenfeindlicher Onkel Andrew Treverton!

Diese auffällige Meinung unterstützte Doktor Chennery durch zwei Gründe. Erstens war Andrew das einzige noch lebende Mitglied der älteren Generation, welche in Porthgenna Tower zu einer Zeit gelebt, wo alle mit den nördlichen Zimmern zusammenhängenden Traditionen noch frisch in der Erinnerung der Bewohner des Hauses lebten. Die Leute, die jetzt darin wohnten, waren Fremde, welche von Mr. Franklands Vater engagiert worden, und die in früherer Zeit von Kapitän Treverton angenommenen Diener waren gestorben oder zerstreut. Die einzige verlässliche Person, deren Erinnerungen für Mr. und Mistreß Frankland höchstwahrscheinlich von Nutzen sein konnten, war daher unbestreitbar der Bruder des früheren Besitzers von Porthgenna Tower.

Zweitens war die Möglichkeit vorhanden – selbst wenn Andrew Trevertons Gedächtnis nicht ganz zuverlässig war – daß er schriftliche oder gedruckte Aufschlüsse in Bezug auf die Örtlichkeit des Myrtenzimmers besaß. Nach seines Vaters Testament – welches, als Andrew noch ein junger Mann, der eben auf die Universität ging, war, gemacht und weder zu der Zeit seiner Abreise aus England oder später geändert worden – hatte er die ausgewählte alte Sammlung von Büchern in der Bibliothek von Porthgenna geerbt. Gesetzt, daß er diese Erbstücke noch besaß, war es höchstwahrscheinlich, daß sich darunter ein Plan oder eine Beschreibung des Hauses befand, wie es in der vergangenen Zeit war, wodurch dann aller gewünschter Aufschluß an die Hand gegeben ward.

Dies war ein zweiter gewichtiger Grund, zu glauben, daß wenn irgendwo ein Aufschluß über die Lage des Myrtenzimmers existierte, Andrew Treverton der Mann sei, der ihn geben könnte.

Nahm man aber sonach an, daß der griesgrämige, alte Misanthrop der einzige Mensch sei, welchen man mit Nutzen um die gewünschte Belehrung ansehen könnte, so entstand zunächst die Frage, wie man mit ihm in Verbindung treten solle?

Der Vikar wußte recht wohl, daß es nach Andrews unverzeihlich herzloser Handlungsweise gegen ihren Vater und ihre Mutter für Rosamunde unmöglich sei, sich direkt an ihn zu wenden. Dieses Hindernis ließ sich indessen dadurch beseitigen, dass man die erforderliche Mitteilung von Doktor Chennery ausgehen ließ. So gründlich wie der Vikar dem alten Misanthropen persönlich abgeneigt war und so entschieden er auch die Grundsätze desselben mißbilligte, so war er doch gern bereit, im Interesse seiner jungen Freunde von seinen persönlichen Antipathien abzusehen und gab – wenn Rosamunde und ihr Gatte damit einverstanden wären – seine vollkommene Bereitwilligkeit zu erkennen, an Andrew zu schreiben, sich auf ihre frühere Bekanntschaft zu berufen und ihn, als ob es sich um eine altertümliche Kuriosität handelte, um Auskunft in Bezug auf die nördliche Seite von Porthgenna Tower zu bitten, und dabei ganz natürlich die Bitte auszusprechen, ihn von den Namen in Kenntnis zu setzen, unter welchen die einzelnen Zimmer in frühern Zeiten bekannt gewesen wären.

Indem der Vikar dieses Anerbieten machte, gestand er offen, er glaube, es sei keine Aussicht vorhanden, überhaupt eine Antwort auf dies Gesuch zu erhalten, wie sorgfältig er dasselbe auch mit Berücksichtigung der griesgrämigen Eigentümlichkeiten Andrews abfassen möchte.

Indessen, in Erwägung daß bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge eine schwache Hoffnung immer noch besser sei als gar keine, meinte er, es sei wenigstens der Mühe wert, nach dem von ihm vorgeschlagenen Plane einen Versuch zu machen.

Wenn Mr. und Mistreß Frankland ein besseres Mittel ersinnen könnten, um mit Andrew Treverton in Mitteilung zu treten oder wenn sie vielleicht einen andern Weg entdeckt hätten, um die Aufschlüsse, deren sie bedürften, zu erlangen, so sei Doktor Chennery vollkommen bereit, von seinen eigenen Ansichten abzustehen und sich den ihrigen unterzuordnen.

Auf jeden Fall könne er nur mit der Bitte schließen, zu bedenken, daß er das Interesse seiner jungen Freunde wie sein eigenes betrachte und daß jeder Dienst, den er ihnen leisten könnte, ihnen mit Freunden und mit der größten Bereitwilligkeit zur Verfügung stünde.

Eine sehr kurze Erwägung des freundschaftlichen Briefs des Vikars überzeugte Rosamunde und ihren Gatten, daß sie keine andere Wahl hatten, als das Anerbieten, welches dieser Brief enthielt, dankbar anzunehmen.

Die Aussichten waren allerdings gegen den Erfolg des vorgeschlagenen Schrittes, aber waren sie wohl ungünstiger als die Aussichten gegen den Erfolg irgendwelcher auf eigene Faust übernommenen Nachforschungen in Porthgenna? Es war doch wenigstens eine schwache Hoffnung vorhanden, daß Doktor Chennerys Gesuch um Belehrung zu einigen Ergebnissen führen werde, während dagegen durchaus keine Hoffnung vorhanden war, das bloß mit einem Zimmer in Zusammenhang stehende Geheimnis dadurch zu durchdringen, daß man zwei Reihen Zimmer, zusammen nicht weniger als sechzehn an der Zahl, blindlings durchwühlte.

Von diesen Erwägungen bestimmt, schrieb Rosamunde sofort wieder an den Vikar, um ihm für seine freundliche Bereitwilligkeit zu danken und ihn zu bitten, ohnen einen Augenblick Verzug vorgeschlagenermaßen an Andrew Treverton zu schreiben.

Doktor Chennery beschäftigte sich unverweilt mit Abfassung des wichtigen Briefes, indem er Sorge trug, sein Gesuch ausschließlich auf Gründe der Altertumsforschung zu stützen und seine erheuchelte Wißbegier in Bezug auf die Räume von Porthgenna Tower dadurch zu erklären, daß er auf seine Bekanntschaft mit der Familie Treverton und auf das ganz natürliche Interesse an dem alten Gebäude hinwies, mit welchem der Name und die Schicksale dieser Familie in so engem Zusammenhange standen.

Nachdem er auf diese Weise wegen der gewünschten Auskunft an Andrews Jugenderinnerungen appelliert, wagte er noch einen Schritt weiterzugehen und sprach von der alten Bibliothek, indem er bemerkte, daß in derselben sich höchstwahrscheinlich ein Plan oder eine wörtliche Beschreibung des Schlosses befände, die von dem größten Nutzen sein könnte, im Fall Mr. Trevertons Gedächtnis nicht alle nähern Umstände in Bezug auf die Namen und die Lage der nördlichen Zimmer bewahrt hätte.

Zum Schlusse nahm er sich die Freiheit zu erwähnen, daß das Darlehen irgend eines Dokumentes von der Art, wie er angedeutet, oder die Erlaubnis, Auszüge daraus machen zu lassen, als eine große Gefälligkeit anerkannt werden würde, und in einer Nachschrift fügte er hinzu, daß, um Mr. Treverton alle Mühe zu ersparen, ein Bote am Tage nach Abgabe dieses Briefes die Antwort abholen würde, welche es ihm vielleicht beliebte darauf zu geben.

Nachdem der Vikar das Gesuch auf diese Weise unter vielen stillen Befürchtungen in Bezug auf die Ergebnisse desselben fertig gemacht, schob er es in ein Couvert, welches er an seinen Geschäftsagenten in London adressierte, den er bat, es durch eine zuverlässige Person zu besorgen und durch dieselbe am Tage darauf nach der Antwort nachfragen zu lassen.

Drei Tage nach Absendung dieses Briefes – bis zu welcher Zeit man keine Nachricht irgendwelcher Art von Doktor Chennery erhalten – erlangte Rosamunde endlich von ihrem Arzt die Erlaubnis, ihre Reise fortzusetzen.

Mr. und Mistreß Frankland nahmen daher Abschied von Doktor Orridge, versprachen ihm wiederholt, ihn von den Fortschritten, die sie in Bezug auf die Lage des Myrtenzimmers vielleicht machen würden, in Kenntnis zu setzen, kehrten West Winston den Rücken und traten nun zum dritten Male die Reise nach Porthgenna Tower an.


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