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Der Mondstein



Neunzehntes Capitel.

Nachdem meine Herrin uns verlassen, hatte ich Muße, mich wieder um Sergeant Cuff zu bekümmern. Ich fand ihn in einem behaglichen Winkel der Halle sitzend, in seinem Notizbuch blätternd und nach seiner Gewohnheit mit den Mundwinkeln zuckend.

»Machen Sie Notizen über unsern Fall?« fragte ich.

»Nein,« antwortete der Sergeant, »ich sehe nach, wo ich zunächst engagirt bin.«

»O!« rief ich. »Sie halten also die Sache hier für beendigt?«

»Ich halte dafür,« antwortete Sergeant Cuff, »daß Lady Verinder eine der gescheitesten Frauen in England ist. Ich halte ferner dafür, daß es sich viel mehr der Mühe lohnt, eine Rose anzusehen, als einen Diamanten. Wo ist der Gärtner, Herr Betteredge?«

Ueber die Mondstein-Angelegenheit war kein Wort weiter aus ihm herauszubringen. Er hatte alles Interesse an seiner eigenen Untersuchung verloren und beharrte in seinem Verlangen nach dem Gärtner. Eine Stunde später hörte ich sie im Treibhause abermals über die wilde Rose laut disputiren.

Inzwischen lag es mir ob, mich zu vergewissern, ob Herr Franklin aus seinem Entschluß beharre, uns mit dem Nachmittagszuge zu verlassen. Sobald er von dem Verlaufe und dem Ergebniß der Conferenz in Mylady’s Wohnzimmer hörte, war er auf der Stelle entschlossen, die Nachrichten aus Frizinghall abzuwarten. Diese sehr natürliche Modification seiner Pläne, welche bei gewöhnlichen Menschen keine besonderen Folgen haben würde, führte, wie sich bald zeigen sollte, in Herrn Franklin’s Fall eine bedenkliche Wirkung herbei. Sie gab ihm eine Anzahl müßiger Stunden, während deren alle ausländischen Seiten seines Charakters Zeit hatten, nach Belieben hervorzutreten.

Bald als italienischer, bald als deutscher und bald als französischer Engländer schlenderte er von einem Wohnzimmer in das andere, wußte von nichts zu reden, als von der ihm von Fräulein Rachel widerfahrenen Behandlung, und hatte Niemanden, gegen den er sich darüber aussprechen konnte, als mich. So fand ich ihn z. B. in der Bibliothek vor der Karte von Italien sitzen und unfähig, mit seinem Verdruß etwas Anderes anzufangen, als über denselben zu sprechen.

»Ich bin mir verschiedener würdiger Bestrebungen bewußt, Betteredge, aber was soll ich jetzt mit ihnen beginnen? Ich bin voll von schlummernden guten Eigenschaften, wenn Rachel mir nur zu ihrer Erweckung die Hand hätte bieten wollen!«

Er entwarf eine so beredte Schilderung seiner eigenen vernachlässigten Vorzüge und äußerte sich selbst so kläglich über diese Schilderung, als er damit zu Ende war, daß ich durchaus nicht wußte, wie ich ihn trösten sollte, als mir plötzlich einfiel, daß hier der Fall der heilsamen Anwendung einer Stelle aus Robinson Crusoe vorliege. ich humpelte nach meinem Zimmer hin und humpelte mit dem unsterblichen Buche in der Hand wieder zurück. Aber Niemand war mehr in der Bibliothek!. Die Karte von Italien starrte mich an und ich starrte sie wieder an. Ich ging in’s Wohnzimmer. Da lag sein Schnupftuch auf dem Boden zum Beweise, daß er hineingeschlendert war, aber das Zimmer war leer und das war ein Beweis, daß er wieder hinausgeschlendert war. Ich ging in’s Eßzimmer und fand dort Samuel mit einem Bisquit und einem Glas Sherry damit beschäftigt, schweigend und forschend in die leere Luft zu blicken. Vor einer Minute hatte Herr Franklin heftig geklingelt und eine kleine, leichte Erfrischung verlangt. Als Samuel dieselbe in höchster Eile und noch bevor die oben angezogene Glocke unten ausgeklungen hatte, herbeibrachte, war Herr Franklin verschwunden. Ich ging in’s Morgenzimmer und da fand ich ihn endlich. Er stand am Fenster und malte mit dem Finger Hieroglyphen auf die beschlagenen Scheiben.

»Ihr Sherry steht für Sie bereit, Herr Franklin,« sagte ich zu ihm. Aber eben so gut hätte ich eine der vier Wände des Zimmers anreden können; er war so tief in den grundlosen Abgrund seiner eigenen Grübeleien versenkt, daß ihn nichts herauszureißen vermochte. »Wie erklären Sie Rachel’s Benehmen, Betteredge?« war die einzige Antwort, die ich auf meine Anrede erhielt. Da ich nicht sofort eine passende Erwiederung zur Hand hatte, so holte ich meinen Robinson Crusoe in der festen Ueberzeugung hervor, daß wir die gewünschte Erklärung in demselben würden gefunden haben, wenn wir nur lange genug danach gesucht hätten. Herr Franklin schlug den Robinson Crusoe zu und gab sofort einen Erguß von deutsch-englischem Kauderwelsch zum Besten.

»Warum soll man das Buch nicht ansehen?« sagte er, als ob ich etwas dagegen eingewendet hätte. »Warum in aller Welt wollen Sie die Geduld verlieren, Betteredge, wenn Geduld Alles ist, dessen man zur Erforschung der Wahrheit bedarf? unterbrechen Sie mich nicht. Rachel’s Benehmen ist vollkommen verständlich, wenn Sie ihr nur die einfache Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen, sich zuerst auf den objectiven, demnächst auf den subjektiven und endlich zum Schluß auf den objectiv-subjectiven Standpunkt zu stellen. Was wissen wir? Wir wissen, daß der Verlust des Mondsteins am vorigen Donnerstag-Morgen sie in einen Zustand nervöser Aufregung versetzt hat, von dem sie sich noch nicht wieder erholt hat. Können Sie gegen diese Anwendung des objectiven Standpunkts etwas einwenden? Gut, —— also unterbrechen Sie mich nicht. Da sie sich demnach in einem Zustand nervöser Aufregung befindet, wie können wir erwarten, daß sie sich gegen irgend Jemand in ihrer Umgebung so benehmen sollte, wie sie es unter anderen Umständen gethan haben würde? Indem wir so von innen nach außen argumentiren, wohin gelangen wir? Wir gelangen zu dem subjectiven Standpunkt. Bestreiten Sie die Berechtigung dieses Standpunktes, wenn Sie können. Gut —— was ergiebt sich daraus? Guter Gott’ natürlich ergiebt sich daraus die objektiv-subjective Erklärung! Genau genommen ist Rachel nicht sie selbst, sondern eine andere Person. Soll ich mir etwas daraus machen, von einer anderen Person grausam behandelt zu sein? Sie sind zwar recht unvernünftig Betteredge, aber das können Sie doch nicht von mir erwarten. Was ist also das schließliche Ergebniß? Das schließliche Ergebniß ist, Eurer verfluchten englischen Bornirtheit und Befangenheit zum Trotz, daß ich vollkommen glücklich und zufrieden bin. Wo ist der Sherry?«

Mein Kopf war nachgerade in einem Zustand, der mich ungewiß darüber ließ, ob er mir oder Herrn Franklin gehöre. In diesem beklagenswerthen Zustand that ich drei, wie ich glaube, objektive Dinge. Ich holte Herrn Franklin seinen Sherry, ich zog mich auf mein Zimmer zurück und tröstete mich mit der beruhigendsten Pfeife Taback, die ich in meinem ganzen Leben geraucht zu haben mich erinnere.

Daß der Leser aber nur nicht glaube, ich wäre so leichten Kaufs mit Herrn Franklin fertig geworden. Als er wieder aus dem Morgenzimmer in die Halle hineinschlenderte, nahm er seinen Weg durch die Domestikenräume, roch meine Pfeife und erinnerte sich auf der Stelle, daß er einfältig genug gewesen sei, um Fräulein Rachel’s willen das Rauchen auszugeben. Im Nu kam er mit seiner Cigarrendose zu mir hereingestürzt und war sofort wieder bei seinem unerschöpflichen Gegenstand, aber dieses Mal in seiner scharfsinnigen, witzigen, ungläubigen französischen Weise.

»Geben Sie mir Feuer, Betteredge Ist es zu begreifen, daß ein Mensch so lange wie icb geraucht haben kann, ohne dahinter zu kommen, daß die Cigarrendose ein vollständiges System für die Behandlung der Frauen in sich birgt? Merken Sie genau auf und ich will es Ihnen in zwei Worten beweisen. Sie nehmen sich eine Cigarre, Sie versuchen sie und finden sie nicht nach ihrem Geschmack. Was thun Sie? Sie werfen Sie weg und nehmen eine andere. Nun achten Sie auf die Nutzanwendung. Sie wählen sich ein Mädchen, Sie versuchen es mit ihr und sie bricht Ihnen das Herz. Narr! Zieh Dir eine Lehre aus Deiner Cigarrendose. Wirf das Mädchen weg, und versuche es mit einer anderen.«

Ich schüttelte den Kopf dazu. Gewiß außerordentlich scharfsinnig aber meine eigene Erfahrung sprach dagegen. »Als meine Selige noch lebte,« sagte ich, »fühlte ich mich oft versucht, Herr Franklin, es mit Ihrer Philosophie zu versuchen. Aber das Gesetz zwingt uns, unsere Cigarre aufzurauchen, wenn wir sie uns einmal angezündet haben.« Ich begleitete diese Bemerkung mit einer entsprechenden Handbewegung. Herr Franklin brach in Lachen aus und wir waren lustig wie ein paar Schuljungen, bis die Reihe wieder an eine neue Seite seines Charakters kam. —— So verliefen die Dinge zwischen meine jungen Herrn und mir, während der Sergeant und er Gärtner sich über die Rosen stritten bis zu dem Augenblick, wo die Nachrichten von Frizinghall kamen.

Der Ponywagen war schon eine gute halbe Stunde, bevor ich ihn zu erwarten gewagt hatte, wieder da. Mylady hatte beschlossen, für jetzt noch in dem Hause ihrer Schwester zu bleiben. Der Groom überbrachte zwei Briefe von seiner Herrin, den einen an Herrn Franklin und den andern an mich.

Herrn Franklin schickte ich seinen Brief in die Bibliothek, welchen Zufluchtsort er wieder schlendernd aufgesucht hatte. Meinen eignen Brief las ich in meinem Zimmer. Eine Anweisung, welche beim Oeffnen herausfiel, überzeugte mich, noch ehe ich von dem Inhalt des Briefes Kenntniß genommen hatte, daß die Entlassung des Sergeanten Cuff von seiner Verpflichtung, die Nachforschung in Betreff des Mondsteins zu leiten, eine abgemachte Sache sei.

Ich schickte in’s Treibhaus und ließ dem Sergeanten sagen, daß ich ihn auf der Stelle zu sprechen wünsche.

Er kam alsbald, ganz voll von seiner Unterhaltung mit dem Gärtner über die wilde Rose, und erklärte, daß ihn nie ein so eigensinniger Mensch wie Herr Begbie vorgekommen sei. Ich bat ihn, solche Kleinigkeiten jetzt auf sich beruhen zu lassen und seine volle Aufmerksamkeit einer wahrhaft ernsten Angelegenheit zuzuwenden. Erst jetzt wurde er den Brief in meiner Hand gewahr. »Ah,« sagte er in einem matten Tone, »Sie haben Nachrichten von Mylady. Betreffen dieselben mich in irgend einer Weise, Herr Betteredge?«

»Urtheilen Sie selbst, Sergeant.« Darauf trug ich ihm den Brief, so gut es mir möglich war, vor; derselbe lautete wie folgt:

»Mein lieber Gabriel! Ich ersuche Sie, Sergeant Cuff zu benachrichtigen, daß ich mein ihm gegebenes Versprechen erfüllt habe. Das Ergebniß in Betreff Rosanna’s ist Folgendes: Fräulein Verinder erklärt feierlich daß sie von dem Augenblick an, wo Rosanna zuerst mein Haus betrat, niemals ein Wort im Geheimen mit dem unglücklichen Mädchen gesprochen habe. In der Nacht, wo der Diamant verloren ging, ist sie keinen Augenblick, auch nicht zufällig mit ihr zusammen gewesen, und am Donnerstag Morgen, wo das Haus zuerst durch die Nachricht von dem Verlust des Edelsteins alarmiert wurde, bis zu dem heutigen Sonnabend Nachmittag, wo Fräulein Verinder uns verlassen hat, hat kein Verkehr irgend welcher Art zwischen ihnen stattgefunden. Das Vorstehende war das Ergebnis; meiner plötzlichen und kurzen Mittheilung von Rosanna’s Selbstmord an meine Tochter.«

Bei diesem Punkte angelangt, blickte ich auf und fragte Sergeant Cuff, was er bis jetzt von dem Briefe denke?

»Es würde Sie nur verletzen,« antwortete Sergeant Cuff, »wenn ich Ihnen meine Meinung sagen wollte. Fahren Sie fort, Herr Betteredge,« sagte er mit einem Gleichmuth, der Einen hätte zur Verzweiflung bringen können, »fahren Sie fort!«

Es fiel mir ein, daß dieser Mensch noch eben vorher die Frechheit gehabt hatte, sich über den Eigensinn unseres Gärtners zu beklagen, und ich verspürte nicht übel Lust, in andern Ausdrücken als denen meiner Herrin fortzufahren. Dieses Mal jedoch behielt mein Christenthum die Oberhand. Ich fuhr ohne Weiteres in dem Vortrage von Myladys Brief fort:

»Nachdem ich also in der Weise, wie der Polizeibeamte es für wünschenswerth bezeichnet, an das Gewissen meiner Tochter appellirt hatte, sprach ich demnächst mit ihr, wie meine Ueberzeugung es mir eingab, Eindruck auf sie zu machen. Noch bevor meine Tochter mein Haus verlassen, hatte ich sie bei zwei verschiedenen Gelegenheiten im Vertrauen darauf aufmerksam gemacht, daß sie sich dem unleidlichsten und erniedrigendsten Verdacht aussetze Ich habe ihr jetzt in den bestimmtesten Ausdrücken erklärt, daß meine Befürchtungen eingetroffen sind.

Ihre mit der feierlichsten Versicherung der Wahrheit hierauf gegebene Antwort ist so klar wie möglich. Erstens ist sie keinem Menschen in der Welt im Geheimen Geld schuldig, zweitens ist der Diamant augenblicklich nicht in ihrem Besitz und ist es, seit sie ihn am Mittwoch Abend in ihr Schränkchen legte, keinen Augenblick gewesen.

Weiter gehen die vertraulichen Mittheilungen meiner Tochter nicht. Meiner Frage, ob sie das Verschwinden des Diamanten zu erklären im Stande sei, setzt sie ein hartnäckiges Schweigen entgegen. Die Gewährung meiner dringenden Bitte, sich um meinetwillen auszusprechen, lehnt sie unter Thränen ab. »»Der Tag wird kommen, wo Du erfahren wirst, warum ich den Verdacht unbekümmert auf mir lasten lasse und warum ich selbst Dir gegenüber schweige. Ich habe vieles gethan, wofür ich das Mitleid meiner Mutter verdiene, nichts, dessentwegen sie für mich zu erröthen brauchte.« Das sind die Worte meiner Tochter.

Nach dem, was zwischen dem Polizeibeamten und mir vorgegangen ist, wünsche ich, daß er, obgleich ein Fremder, so gut wie Sie von den Erklärungen Fräulein Verinder’s in Kenntnis; gesetzt werde. Lesen Sie ihm diesen Brief vor und händigen ihm dann die einliegende Anweisung ein. Indem ich auf jeden ferneren Anspruch auf seine Dienste verzichte, habe ich nur noch hinzuzufügen, daß ich von seiner Redlichkeit und seiner Einsicht überzeugt, aber mehr als je davon durchdrungen bin, daß die Umstände ihn in dem vorliegenden Falle in Verhängnißvoller Weise irre geleitet haben.«

Damit schloß der Brief. Bevor ich Sergeant Cuff die Anweisung überreichte, fragte ich ihn. ob er noch irgend etwas zu bemerken habe.

»Es gehört nicht zu meinen Berufspflichten, Herr Betteredge,« antwortete er, »Bemerkungen über einen Fall zu machen, mit dem ich nichts mehr zu thun habe.«

Ich warf ihm die Anweisung über den Tisch zu. »Glauben Sie denn an diesen Theil von Mylady’s Brief?« rief ich empört aus.

Der Sergeant sah die Anweisung an und zog seine bösen Augenbrauen zum Zeichen der Anerkennung von Mylady’s Liberalität in die Höhe.

»Diese Anweisung,« sagte er, »bekundet eine so generöse Schätzung des Werths meiner Zeit, daß ich mich zur Dankbarkeit verpflichtet fühle. Ich werde mich im rechten Augenblicke des Betrages dieser Anweisung zu erinnern wissen, »Herr Betteredge.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte ich.

Mylady hat die Sache für den Augenblick sehr geschickt beigelegt,« erwiderte der Sergeant. »Aber diese Familiengeschichte gehört zu denen, die plötzlich wieder ausbrechen, wenn man es am wenigsten erwartet. Es wird noch viel Arbeit für die geheime Polizei in dieser Mondstein-Angelegenheit geben, mein lieber Herr Betteredge, bevor viele Monate in’s Land gegangen sind.«

Wenn diese Worte und die Art, wie er sie sprach, irgend eine Bedeutung hatten, so konnte es nur diese sein: Der Brief meiner Herrin hatte bei ihm die Ueberzeugung hervorgerufen, daß Fräulein Rachel verhärtet genug sei, den stärksten Berufungen an ihr Gewissen und an ihr Herz zu widerstehen und daß sie ihre eigene Mutter —— guter Gott! unter welchen Umständen! —— mit einer Reihe von abscheulichen Lügen hintergangen habe. Ich weiß nicht, was andere Leute an meiner Stelle dem Sergeanten erwiedert haben würden. Ich antwortete ihm mit folgenden einfachen Worten:

»Sergeant Cuff, ich betrachte Ihre letzte Bemerkung als eine Insulte gegen Mylady und ihre Tochter.«

»Betrachten Sie sie lieber als eine Warnung für sich selbst, Herr Betteredge, und Sie werden der Wahrheit näher kommen.«

Aufgeregt und zornig, wie ich war, schloß mir die höllische Vertraulichkeit, mit welcher er diese Worte sprach, den Mund.

Ich trat an’s Fenster, um etwas Fassung zu gewinnen. Der Regen hatte nachgelassen und im Hofe stand —« Niemand anders, als der Gärtner Herr Begbie, der draußen auf die Fortsetzung des Disputs über die wilde Rose mit Herrn Cuff wartete.

»Meine Empfehlungen an den »Sergeanten,« sagte Herr Begbie zu mir, sobald er meiner ansichtig wurde; wenn er etwa zu Fuß nach der Station geht, so bin ich gern bereit, ihn zu begleiten.«

»Was!« rief der Sergeant hinter mir, »sind Sie noch nicht überzeugt?«

»Den Teufel auch, überzeugt!» antwortete Herr Begbie.

»Nun, so will ich zu Fuß nach der Station gehen!« erwiderte der Sergeant.

»Wir wollen uns beim Pförtnerhause treffen,« entgegnete Herr Begbie.

Der Leser weiß, wie zornig ich noch eben gewesen war —— aber da bleibe mal Einer zornig, wenn er so unterbrochen wird. Sergeant Cuff bemerkte alsbald die Veränderung in meiner Stimmung und verbesserte sie noch durch ein Wort zu rechter Zeit. »Kommen Sie! kommen Sie!« sagte er, »warum wollen Sie meine Ansicht über den Fall anders behandeln. als Mylady es thut? Warum wollen Sie nicht mit ihr annehmen, daß die Umstände mich in verhängnißvoller Weise irre geleitet haben?«

Alles eben so behandeln zu dürfen, wie Mylady, war ein Privilegium, das mir selbst um den Preis einer Nachgiebigkeit gegen Sergeant Cuff nicht zu theuer erkauft schien. Ich kühlte mich langsam bis zu meiner gewöhnlichen Temperatur ab. Ich betrachtete jede andere als Mylady’s oder meine eigene Ansicht über Fräulein Rachel mit gründlicher Verachtung Das einzige, was ich nicht über mich vermochte, war, den Gegenstand des Mondsteins ganz fallen zu lassen! Mein eigener gesunder Menschenverstand hätte mich mahnen sollen, die Sache auf sich beruhen zu lassen; das weiß ich recht gut —— aber die Tugenden der heutigen Generation waren zu meiner Zeit noch nicht erfunden. Sergeant Cuff hatte einen wunden Punkt bei mir berührt, und so tief ich ihn auch verachtete, der wunde Punkt schmerzte doch. Das Ende vom Liede war, daß ich auf Umwegen das Gespräch wieder auf Mylady’s Brief zu bringen wußte. »Ich für meine Person finde mich durch Mylady’s Brief vollkommen befriedigt,« sagte ich; »aber gleichviel! Fahren Sie fort, als ob es noch möglich wäre, mich von der Richtigkeit Ihrer Ansicht zu überzeugen. Sie sind der Meinung, daß man Fräulein Rachel nicht aufs Wort glauben dürfe und behaupten, wir würden noch von dem Mondstein zu hören bekommen. Begründen Sie Ihre Ansicht, Sergeant!« warf ich zum Schluß leicht hin, »begründen Sie Ihre Ansicht!«

Statt sich gekränkt zu fühlen, ergriff Sergeant Cuff meine Hand und schüttelte sie, daß mir die Finger weh thaten.

»Ich betheuere vor Gott,« sagte dieser sonderbare Beamte feierlich, »ich würde morgenden Tages eine Stelle als Diener in einem Hause annehmen, wenn ich hoffen könnte, an Ihrer Seite zu leben, Herr Betteredge Wenn man sagen wollte, daß Sie so harmlos sind, wie ein Kind, so würde man damit den Kindern ein Compliment machen, welches die wenigsten von ihnen verdienen. Nein, nein! Wir wollen unseren Streit nicht wieder aufnehmen. Sie sollen es leichter von mir erfahren, als Sie denken. ich möchte kein Wort mehr über Mylady oder Fräulein Verinder sagen, aber um Ihretwillen kann ich ja wohl schon einmal eine Prophezeihung wagen. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Sie mit dem Mondstein noch nicht fertig sind. Jetzt will ich Ihnen zum Abschied noch drei Dinge nennen, welche sich künftig ereignen werden und die sich, wie ich glaube, Sie mögen es wollen oder nicht, Ihrer Aufmerksamkeit aufdrängen werden.»

»Fahren Sie fort!« sagte ich, nicht im mindesten erschrocken und so leichten Muthes wie je.

»Erstens,« sagte der Sergeant, »werden Sie etwas von den Yollands hören, wenn der Postbote Rosanna’s Brief nächsten Montag in Cobb’s Hole abgegeben haben wird.«

Bei diesen Worten ward mir zu Muthe, als ob er mich mit einem Eimer kalten Wassers übergösse Fräulein Rachel’s Versicherung ihrer Unschuld hatte ja Rosanna’s Benehmen, ihre Anfertigung eines neuen, das Verstecken des alten befleckten Nachthemdes und alles übrige, was sie gethan hatte, noch völlig unerklärt gelassen.

»Zweitens,« fuhr der Sergeant fort, »werden Sie wieder von den drei Indiern hören, und zwar von ihrem Erscheinen in der Nachbarschaft, wenn Fräulein Rachel hier in der Gegend bleibt; oder von ihrem Auftreten in London, wenn Fräulein Rachel dorthin geht.«

Da ich alles Interesse an den drei Jongleurs verloren hatte und mich von der Unschuld meines jungen Fräuleins fest überzeugt hielt, so nahm ich diese zweite Prophezeihung sehr leicht. »Das wären also zwei von den drei Dingen, die passiren sollen,« sagte ich. »Und nun das dritte?«

»Drittens und letztens,« sagte Sergeant Cuff, »werden Sie früher oder später etwas von jenem Geldverleiher in London hören, den ich mir bereits zweimal zu erwähnen erlaubt habe. Geben Sie mir Ihre Brieftasche und ich will Ihnen seinen Namen und seine Adresse notiren, so daß kein Mißverständniß entstehen kann, wenn meine Prophezeihung eintrifft.«

Er schrieb demgemäß auf ein weißes Blatt meiner Brieftasche »Herr Septimus Luker, Middleser-Place, Lambeth, London.«

»Das,« sagte er, indem er auf die Adresse deutete, »sind die letzten Worte in Betreff des Mondsteins, mit denen ich Sie für jetzt behelligen werde. Die Zeit wird lehren, ob ich Recht oder Unrecht habe. Inzwischen nehme ich für Sie, mein lieber Herr Betteredge, eine aufrichtige persönliche Neigung mit hinweg, welche, glaube ich, uns beide gleich sehr ehrt. Sollten wir uns nicht wieder sehen, bevor ich mich von den Geschäften zurückziehe, so rechne ich auf Ihren Besuch in einem kleinen Hause in der Nähe von London, auf das ich mein Auge gerichtet habe. Da sollen Sie Graswege in meinem Garten finden, Herr Betteredge, das verspreche ich Ihnen. Und was die weiße Moosrose betrifft ——«

»Den Kukuk auch, Sie sollen es wohl bleiben lassen, weiße Moosrosen zu ziehen, wenn Sie sie nicht auf die wilde Rose pfropfen!« rief eine Stimme zum Fenster hinein.

Wir drehten uns Beide um. Da stand der unverwüstliche Herr Begbie, der es vor ungeduldigem Verlangen nach der Fortsetzung des Disputs nicht länger an der Eingangspforte hatte aushalten können. Der Sergeant drückte mir die Hand und schoß noch ungeduldiger als der Gärtner pfeilschnell zum Zimmer hinaus.

»Fragen Sie ihn nach der Moosrose, wenn er zurückkommt und sehen Sie zu, ob ich ihn nicht aus seinen jetzigen Verschanzungen herausgetrieben habe!« rief der große Cuff mir jetzt zum Abschied in’s Fenster hinein.

»Meine Herren« sagte ich, indem ich ihren Eifer zu mäßigen suchte, wie ich es schon einmal gethan hatte, »Über die Moosrosenfrage läßt sich für beide Ansichten Vieles sagen.« Ich hätte eben so gut mit einem Stein reden können. Im hitzigsten Gefecht über die Rosen, in dem auf beiden Seiten kein Pardon erbeten und keiner gegeben wurde, gingen sie davon. Das Letzte, was ich von ihnen sah, war, daß Herr Begbie seinen eigensinnigen Kopf schüttelte und daß Sergeant Cuff ihn am Arm gefaßt hielt, als ob er sein Gefangener wäre. Ja, ja! ich muß gestehen, ich konnte mich, trotz meines Hasses gegen den Sergeanten, doch einer Neigung zu ihm nicht erwehren.

Mag sich der Leser diesen Widerspruch erklären wie er kann. Er wird mich mit samt seinen Widersprüchen bald los werden. Wenn ich nun noch über Herrn Franklin’s Abreise erzählt habe, würde ich mit meinem Bericht über die Ereignisse des Sonnabend zu Ende sein. Und wenn ich demnächst verschiedene merkwürdige Dinge erzählt haben werde, welche sich im Laufe der kommenden Woche zutragen, so wird der von mir übernommene Theil der Geschichte erledigt sein und ich werde meine Feder derjenigen Person überreichen, die nach mir an die Reihe kommt. Wenn meine Leser des Lesens dieser Geschichte so überdrüssig sind, wie ich des Schreibens derselben, du lieber Gott! wie froh werden wir bald beide sein!


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