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Der Mondstein



Drittes Capitel.

Die hervorragendste Persönlichkeit unter den Gästen der Tischgesellschaft war Herr Murthwaite.

Bei seinem Wiedererscheinen in England nach seinen Erforschungsreisen hatte die Gesellschaft sich lebhaft für ihn als einen Mann interessirt, der viele gefährliche Abenteuer bestanden hatte und von denselben erzählen konnte. Er stand im Begriff auf den Schauplatz seiner Erlebnisse zurückzukehren und in unerforschte Gegenden vorzudringen. Sein großartig gleichmüthiges Vertrauen auf sein bisheriges Glück und sein Entschluß, dasselbe in neuen Gefahren zu erproben, hatte das erlöschende Interesse seiner Verehrer an ihrem Helden neu belebt. Nach aller Erfahrung mußte er dieses Mal seinen Gefahren erliegen. Man trifft nicht alle Tage einen merkwürdigen Mann bei Tische, mit der Aussicht demnächst von seiner Ermordung zu hören.

Als die Herren im Eßzimmer allein zurückblieben, saß ich neben Herrn Murthwaite. Da die anwesenden Gäste Alle Engländer waren, so brauche ich wohl kaum zu sagen, daß sobald die heilsam, durch die Anwesenheit der Damen gebildete Schranke entfernt war, die Unterhaltung sich nothwendiger Weise um Politik drehte.

In Betreff dieses Alles absorbierenden nationalen Themas bin ich zufällig einer der unpatriotischsten Engländer. Im Allgemeinen kenne ich nichts Trübseligeres und Nutzloseres als eine politische Conversation Als ich einen Blick auf Herrn Murthwaite warf, nachdem die Flaschen zum ersten Mal ihren Rundgang um den Tisch gemacht hatten, fand ich, daß er augenscheinlich meiner Ansicht sei. Sehr geschickt und mit aller schuldigen Rücksicht für seinen Wirth richtete er sich auf ein Mittagschläfchen ein. Es reizte mich, den Versuch zu wagen, ob eine geschickte Anspielung auf den Mondstein ihn wach halten werde, und falls dieser Versuch erfolgreich wäre, zu sehen, was er über die neueste Verwicklung der indischen Verschwörung, wie sie sich in den nüchternen Räumen meines Bureaus enthüllt hatte, dachte.

»Wenn ich mich nicht irre, Herr Murthwaite«, fing ich an, »waren Sie mit der verstorbenen Lady Verinder bekannt und Sie haben sich für die sonderbare Kette von Begebenheiten interessirt, welche zu dem Verlust des Mondsteins führten.«

Der berühmte Reisende erwies mir die Ehre sich sofort zu ermuntern und mich zu fragen, wer ich sei.

Ich setzte ihn von meinen geschäftlichen Beziehungen zu der Herncastle’schen Familie in Kenntniß und vergaß dabei nicht der merkwürdigen Stellung Erwähnung zu thun, die ich dem Obersten und seinem Diamanten gegenüber in früherer Zeit eingenommen hatte.

Herr Murthwaite drehte sich in seinem Stuhle um, so daß er der übrigen Gesellschaft, conservativen wie liberalen, den Rücken kehrte und concentrirte seine ganze Aufmerksamkeit auf mich, den einfachen Advocaten Bruff.

»Haben Sie kürzlich etwas von den Indiern gehört?« fragte er.

»Ich habe allen Grund zu glauben,« antwortete ich, »daß ich Einen von ihnen gestern auf meinem Bureau gesprochen habe.«

Herr Murthwaite war nicht der Mann, sich leicht über etwas zu wundern; aber diese meine Antwort machte ihn augenscheinlich betroffen. Ich erzählte ihm, was Herrn Luker und was mir selbst begegnet war, wie ich es oben geschildert habe.

»Offenbar,« fügte ich hinzu, »hatte der Indier bei seiner Abschiedsfrage einen besonderen Zweck im Auge. Denn was konnte er sonst für ein Interesse daran haben, die Zeit zu kennen, innerhalb deren ein Darlehn nach Landesgebrauch zurückerstattet werden kann?«

»Ist Ihnen wirklich seine Absicht dabei nicht klar, Herr Bruff?«

»Ich muß zu meiner Schande bekennen, daß ich dieselbe wirklich nicht zu durchschauen vermag, Herr Murthwaite.«

Den großen Reisenden schien es zu ergötzen, den Abgrund meiner Dummheit bis in seine tiefsten Tiefen zu sondiren.

»Erlauben Sie mir eine Frage« sagte er. »In welchem Stadium befindet sich augenblicklich die Verschwörung zur Entwendung des Mondsteins?«

»Das vermag ich nicht zu sagen,« erwiderte ich. »Die indische Verschwörung ist mir ein Räthsel.«

»Mein lieber Herr Bruff, die indische Verschwörung kann nur deshalb für Sie ein Räthsel sein, weil Sie sich niemals wirklich bemüht haben, dasselbe zu ergründen. Wollen wir uns die verschiedenen Stadien, welche die Verschwörung von der Zeit an, wo Sie Oberst Herncastles Testament aufsetzten, bis zu dem Moment, wo der Indier aus Ihrem Bureau erschien, durchlaufen hat, einen Augenblick Vergegenwärtigen? In Ihrer Stellung kann es für die Interessen Fräulein Verinder’s von großer Wichtigkeit sein, daß Sie nöthigenfalls einen klaren Ueberblick über diese Angelegenheit haben. Bitte, sagen Sie mir, ob Sie es unter diesen Umständen vorziehen, den Schlüssel zu den Motiven des Indiers selbst zu suchen, oder ob ich Ihnen jedes weitere Nachdenken über die Sache ersparen soll?«

Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich den praktischen Zweck, den er in diesem Moment im Auge hatte, vollkommen zu würdigen wußte und daß ich aus den ersten der beiden mir gemachten Vorschläge einging.

»Nun wohl,« sagte Herr Murthwaite »Fragen wir zuerst nach dem Alter der drei Indier. Ich kann bezeugen, daß sie nach ihrem Aussehen alle Drei von ungefähr gleichem Alter zu sein scheinen, und Sie können selbst darüber urtheilen, ob der Mann, der bei Ihnen war, in der Blüthe der Jahre stand oder nicht. Noch nicht vierzig, nicht wahr? Das glaube ich auch. Also noch nicht vierzig. Nun versetzen Sie sich gefälligst in die Zeit, wo Oberst Herncastle nach England zurückkehrte und wo Sie in das Geheimniß seiner Veranstaltungen zum Schutz seines Lebens gezogen wurden. Sie brauchen die Jahre nicht zu zählen. Ich will nur constatiren, daß diese gegenwärtigen Indier nach ihrem Alter die Nachfolger von drei Indiern sein müssen, welche, — (Alle aus der hohen Kaste der Brahminen, Herr Bruff) seiner Zeit den Obersten hierher verfolgten. Nun wohl. Unsere jetzigen Indier sind ihren Vorgängern gefolgt. Wenn sie sich darauf beschränkt hätten, so würde die Sache keine weitere Nachforschung verdient haben. Aber sie haben mehr gethan. Sie sind in das Complott eingetreten, welches ihre Vorgänger hier in England organisirt hatten. Erschrecken Sie nicht. Das Gewebe des Complotts ist, wie ich fest überzeugt bin, nach unsern Begriffen ein sehr loses. Dasselbe beschränkt sich meiner Meinung nach auf die Mitwissenschaft und die eventuellen Hilfsleistungen jener obscuren Art unserer Landsleute, die in den überwiegend von Ausländern bewohnten Nebengäßchen Londons ihr Quartier aufgeschlagen haben, und auf die geheime Sympathie jener Wenigen ihrer Landsleute und ehemaligen Glaubensgenossen, die ihr Brot in der Befriedigung eines der unzähligen Bedürfnisse der hauptstädtischen Bevölkerung verdienen. Kein sehr furchtbares Comploth wie Sie sehen. Aber immerhin als Ausgangspunkt unserer Betrachtung der Berücksichtigung werth, weil wir im Fortgang derselben vielleicht Veranlassung finden werden, auf diese bescheidene kleine Verschwörung zurückzukommen. Nachdem ich uns so den Weg gebahnt habe, will ich eine Frage an Sie richten, die Sie mir nach Ihren Erfahrungen gewiß werden beantworten können. Welches Ereigniß gab den Indiern die erste Chance, sich des Diamanten zu bemächtigen?«

Ich verstand die Anspielung auf meine Erfahrungen.

»Ihre erste bestimmte Chance,« erwiderte ich, »wurde ihnen durch Oberst Herncastle’s Tod geboten. Ich nehme als selbstverständlich an, daß sie von seinem Tode sofort Kunde erhielten.«

»Ganz gewiß. Und sein Tod bot ihnen, wie Sie sagen, die erste Chance Bis zu jenem Zeitpunkte hatte der Diamant sicher in dem Gewölbe der Bank gelegen. Sie haben das Testament des Obersten verfaßt, in welchem er seiner Nichte den Edelstein vermacht, und die Rechtsgültigkeit des Testaments wurde in gewohnter Weise festgestellt. Als Jurist können Sie keinen Augenblick zweifelhaft über Das sein, was die Indier nach Einholung englischen Raths danach gethan haben werden.«

»Sie werden sich mit einer Copie des Testaments in Doctors Commons versehen haben. sagte ich.

»So ist es. Einer oder der Andere jener obscuren Engländer, von denen ich vorhin sprach, wird ihnen eine solche Copie verschafft haben. Aus dieser Copie ersahen sie, daß der Mondstein der Tochter Lady Verinder’s vermacht sei und daß der ältere Herr Blake oder eine von ihm ernannte Person bestimmt sei, ihn derselben zu überbringen. Sie werden mir zugeben, daß die nöthige Information über Personen in der Stellung Lady Verinder’s und Herrn Blake’s sehr leicht zu erlangen sein mußte. Die einzige Schwierigkeit der Indier konnte nur darin bestehen, daß sie sich zu entscheiden hatten, ob sie den Versuch, sich des Diamanten auf seinem Wege aus dem Gewahrsam der Bank zu bemächtigen, machen, oder ob sie damit warten sollten, bis derselbe nach Lady Verinder’s Hause nach Yorkshire gebracht sein würde. Der zweite Weg mußte offenbar als der sicherere erscheinen und damit haben Sie die Erklärung der Erscheinung der Indier in Frizinghall, wo sie als Jongleurs auftraten und ihre Zeit abwarteten. In London hatten sie selbstverständlich ihre Einrichtungen derart getroffen, daß sie von den sie interessirenden Ereignissen au fait gehalten wurden. Zwei Männer waren beauftragt, der eine, Jedem, der von dem Hause des Herrn Blake nach der Bank ging, zu folgen, und der andere, die niederen männlichen Dienstboten des Hauses mit Bier zu regaliren und sich die Neuigkeiten des Hauses von denselben berichten zu lassen. In Folge dieser sehr einfachen Vorsichtsmaßregeln mußten sie alsbald davon in Kenntniß gesetzt werden, daß Herr Franklin Blake auf der Bank gewesen und daß derselbe die einzige Person im Hause sei, welche Lady Verinder besuchen werde. Was dieser Entdeckung folgte, ist Ihnen ohne Zweifel so gegenwärtig wie mir.«

Ich erinnerte mich, daß Franklin Blake einen der Spione auf der Straße als solchen erkannt, —— daß er in Folge dessen seine Ankunft in Yorkshire um einige Stunden verstirbt, und daß er (Dank dem vortrefflichen Rath des alten Betteredge) den Diamanten in der Bank in Frizinghall niedergelegt hatte, noch ehe die Indier ihn auch nur in der Gegend vermuthet hatten. Alles vollkommen klar bis soweit. Aber wie kam es, daß die Indier, ohne von der letztgedachten Vorsichtsmaßregel Franklin Blake’s unterrichtet zu sein, in dem ganzen Zeitraum bis zu Rachel’s Geburtstag keinen Einbruch in das Haus, von dem sie glauben mußten, daß der Diamant sich darin befinde, versuchten?

Indem ich Herrn Murthwaite diese schwierige Frage vorlegte, fügte ich hinzu, daß ich allerdings von dem kleinen Jungen und der tintenartigen Flüssigkeit und dem übrigen Hokuspokus gehört habe, daß aber eine auf die Annahme eines clairvoyanten Zustandes bei dem Jungen gegründete Erklärung für mich durchaus nichts Ueberzeugendes habe.

»Für mich auch nichts« sagte Herr Murthwaite »Die Clairvoyance ist in diesem Fall nichts als die Entfaltung der Liebhaberei der Indier an übernatürlichen Dingen. Für diese Leute war es eine für uns Engländer völlig unverständliche Belebung und Ermuthigung, ihre mühsamen und gefahrvollen Wanderungen durch dieses Land mit einem gewissen Schimmer des Außerordentlichen und Wunderbaren zu umgeben. Ihr Junge ist unzweifelhaft ein für magnetische Einflüsse empfängliches Subject, und unter diesem Einfluß hat er eben so unzweifelhaft das in dem Geiste der ihn magnetisirenden Person Vorhandene wieder ausgestrahlt. Ich habe die Theorie des Magnetismus geprüft und habe gefunden, daß die Aeußerungen der Magnetisirten niemals die eben angegebene Grenze überschreiten. Die Indier fassen die Sache anders auf; sie glauben ihren Jungen mit der Kraft begabt, Dinge zu sehen, die für ihre Augen unsichtbar sind und, ich wiederhole es, in diesem Wunder finden sie die Quelle eines neuen Interesses an der Verfolgung des Zwecks, der sie vereinigt. Ich erwähne das nur als eine Probe einer merkwürdigen Seite des menschlichen Charakters, die Ihnen völlig neu sein muß. Wir haben bei der uns vor liegenden Untersuchung nichts mit Clairvoyance, Magnetismus oder mit irgend etwas Aehnlichem, an das zu glauben einem praktischen Mann schwer wird, zu thun. Mein Zweck bei der schrittweisen Verfolgung der indischen Verschwörung ist, auf rationellem Wege gewisse Thatsachen auf ganz natürliche Ursachen zurückzuführen. Ist mir das bis jetzt in Ihren Augen gelungen?«

»Vollkommen, Herr Murthwaite! Ich gestehe jedoch, daß ich der rationellen Erklärung der Schwierigkeit, welche ich vorhin die Ehre hatte, Ihnen vorzulegen, mit einiger Ungeduld entgegensehe.«

Herr Murthwaite lächelte. »Das ist,« sagte er, »die von allen Schwierigkeiten am leichtesten zu überwindende. Erlauben Sie mir damit zu beginnen, Ihre Darlegung des Falles als eine vollkommen correcte zu bezeichnen. Die Indier wußten unzweifelhaft nicht, was Herr Franklin mit dem Diamanten gethan hatte, denn wir finden, daß sie den ersten Fehler in der ersten Nacht nach Herrn Blake’s Ankunft in dem Hause seiner Tante begehen.«

»Ihren ersten Fehler?« wiederholte ich.

»Gewiß! Den Fehler, sich bei ihrem Herumlungern vor der Terrasse von Gabriel Betteredge überraschen zu lassen. Indessen hatten sie das Verdienst, ihren Fehler einzusehen, denn, wie Sie wieder richtig bemerken, kamen sie, obgleich sie volle Zeit dazu gehabt hätten, wochenlang nachher nicht wieder nach dem Hause.«

»Und warum, Herr Murthwaite? Das möcht ich eben wissen! Warum?«

»Weil kein Indier sich jemals einer unnöthigen Gefahr aussetzt. Die von Ihnen selbst in Oberst Herncastle’s Testament aufgenommene Clausel belehrte sie, daß der Mondstein an Fräulein Verinder’s Geburtstag in ihr unbeschränktes Eigenthum übergehen solle; nicht wahr? Nun wohl. Sagen Sie selbst, was war der sicherste Weg für Leute in der Lage der Indier? Sollten sie sich des Diamanten zu bemächtigen suchen, so lange sich derselbe unter der Obhut des Herrn Franklin Blake befand, der bereits gezeigt hatte, daß er ihnen auf die Spur zu kommen und sie zu überlisten wußte? Oder sollten sie nicht lieber warten, bis sich der Diamant in den Händen eines jungen Mädchens befände, die ihre unschuldige Freude daran haben würde, den kostbaren Edelstein bei jeder möglichen Gelegenheit zu tragen? Vielleicht verlangen sie einen Beweis der Richtigkeit meiner Behauptung. In dem Benehmen der Indier selbst müssen Sie diesen Beweis finden. Nachdem sie wochenlang gewartet hatten, erschienen sie an Fräulein Verinder’s Geburtstag wieder vor dem Hause, und sie fanden sich für die Präcision ihrer geduldigen Berechnung durch den Anblick des Mondsteins an der Brust von Fräulein Verinder belohnt. Als ich später an jenem Abend die Geschichte des Obersten und des Diamanten erfuhr, war ich so durchdrungen von den Gefahren, in denen Herr Franklin Blake geschwebt hatte —— sie hätten ihn ohne Zweifel angegriffen, wenn er nicht zufälligerweise in Begleitung anderer Leute nach Lady Verinders Hause zurückgeritten wäre —— und so fest überzeugt, daß noch schlimmere Gefahren Fräulein Verinder’s harrten, daß ich den Rath gab, den Plan des Obersten zur Ausführung zu bringen und die Identität des Edelsteins durch Zerschneiden in verschiedene kleine Theile zu vernichten. Wie das merkwürdige Verschwinden desselben in jener Nacht meinen Rath unnütz machte und die indische Verschwörung entscheidend durchkreuzte und wie jede fernere Thätigkeit der Indier am nächsten Tage durch ihre Verhaftung als Vagabunden gelähmt wurde, das Alles wissen sie so gut wie ich. Hier schließt der erste Art der Verschwörung. Bevor wir zu dem zweiten Art übergehen, erlaube ich mir die Frage, ob ich Ihre Schwierigkeit in einer für einen practischen Mann befriedigenden Weise gelöst habe?«

Es war unmöglich zu bestreiten, daß ihm das, Dank seiner überlegenen Kenntniß des indischen Charakters und Dank der Möglichkeit, in der er sich befunden hatte, seit Herncastle’s Tod nicht an hundert andere Testamente denken zu müssen, vollkommen gelungen war.

»So weit wäre also die Sache klar,« fing Herr Murthwaite wieder an. »Die erste Chance, die sich den Indiern dargeboten hatte, sich. des Diamanten zu bemächtigen, war an dem Tage für sie verloren, wo sie in Frizinghall ins Gefängniß gebracht wurden. Wann bot sich ihnen nun eine zweite Chance? Die zweite Chance bot sich ihnen, wie ich zu beweisen im Stande bin, während sie noch im Gefängniß saßen.«

Er zog seine Brieftasche hervor und öffnete dieselbe an einer bestimmten Stelle, bevor er fortfuhr.

»Ich hielt mich zu jener Zeit bei Freunden in Frizinghall auf. Einen oder zwei Tage bevor die Indier ihrer Haft entlassen wurden (ich glaube, es war an einem Montag), kam der Director des Gefängnisses mit einem Briefe zu mir. Derselbe war für die Indier von einer Mrs. Macann abgegeben, bei welcher sie logirt hatten, und war Tags zuvor auf gewöhnlichem Wege durch die Post nach Mrs. Macann Hause befördert worden. Die Gefängnißbeamten hatten bemerkt, daß der Poststempel »Lambeth« lautete und daß die äußere Adresse, wiewohl in correctem Englisch geschrieben, doch eine von der gewöhnlichen Art zu adressiren sonderbar abweichende Gestalt hatte. Beim Eröffnen hatten sie den Brief in einer fremden Sprache geschrieben gefunden, welche sie mit Recht für hindostanisch hielten. An mich wandten sie sich natürlich, um eine Uebersetzung des Briefes von mir zu erbitten. Ich trug eine Abschrift des Originals und meiner Uebersetzung in meine Brieftasche ein und hier haben Sie sie beide.«

Er überreichte mir die offene Brieftasche. Die Copie begann mit der Adresse des Briefes. Sie war in einem fortlaufenden Satze ohne jede Interpunktion geschrieben, wie folgt: »An die drei indischen Männer welche bei der Dame mit Namen Macann in Frizinghall in Yorkshire wohnen.« Darauf folgten indische Lettern und endlich die englische Uebersetzung in folgenden mysteriösen Worten:

»Im Namen des Beherrschers der Nacht, dessen Sitz auf der Antilope ist, dessen Arme die vier Enden der Welt umschlingen.

»Brüder, wendet Euer Antlitz nach Süden und kommt zu mir nach der Straße vielen Geräusches, welche hinabführt zu dem schlammigen Fluß.

»Die Ursache ist folgende:
»Meine eigenen Augen haben ihn gesehen.«

Damit schloß der Brief, ohne Datum oder Unterzeichnung. Ich gab ihn Herrn Murthwaite zurück und gestand, daß dieses sonderbare Specimen indischer Correspondenz mir einigermaßen unverständlich sei.

»Den ersten Satz kann ich Ihnen erklären,« sagte er; »und die Erklärung des Uebrigen finden Sie in dem weiteren Verhalten der Indier. Der Gott des Monds wird in der indischen Mythologie als eine vierarmige auf einer Antilope sitzende Gottheit dargestellt und einer seiner Titel ist: Beherrscher der Nacht. Hier haben wir also schon etwas, das einer indirecten Bezugnahme auf den Mondstein nicht übel ähnlich sieht. Sehen wir nun zu, was die Indier thaten, nachdem die Gefängnißbeamten ihnen den Brief übergeben hatten. An demselben Tage wo sie freigelassen wurden, gingen sie ohne Weiteres nach der Eisenbahnstation und nahmen dort Plätze für den ersten Zug, der nach London ging. Wir bedauerten es in Frizinghall Alle, daß ihre Schritte nicht im Geheimen beobachtet würden. Aber nachdem Lady Verinder den Beamten, der geheimen Polizei entlassen und jeder ferneren Untersuchung über die Ursache des Verlustes des Diamanten Einhalt gethan hatte, durfte sich Niemand anders anmaßen, in der Sache zu handeln. Den Indiern stand bei ihrer Absicht, nach London zu gehen, nichts im Wege, und so reisten sie dahin. Was war die nächste Nachricht, die wir von ihnen erhielten, Herr Bruff?«

»Sie belästigten Herrn Luker,« erwiderte ich, »durch Herumlungern vor seinem Hause in Lambeth.«

»Haben Sie den Bericht über Herrn Luker’s Erscheinen vor dem Polizeirichter gelesen?«

»Ja.«

»Im Laufe seiner Angaben nahm er, wie Sie sich erinnern werden, auf einen fremden von ihm engagirten Arbeiter Bezug, den er eben auf den Verdacht eines versuchten Diebstahls hin entlassen habe, und von dem er gleichfalls argwöhnte, daß er möglicherweise mit den Indiern, welche ihn belästigt hatten, Unter einer Decke stecke. Der Schluß von diesen Angaben auf den Schreiber des Briefes, der sie eben beschäftigt hat, und auf den Schatz in Herrn Lukers Besitz welchen der Arbeiter zu stehlen versucht hatte, ist leicht genug.«

Der Schluß war, wie ich mich anzuerkennen beeilte, zu klar, um besonders hervorgehoben werden zu müssen. Ich hatte niemals daran gezweifelt, daß der Mondstein zu der Zeit, von welcher Herr Murthwaite sprach, seinen Weg in Herrn Luker’s Hände gefunden habe. Das Einzige, was mir dabei unklar geblieben, war, wie die Indier diesen Umstand erfahren hatten? Auch diese Frage, nach meiner Meinung die schwerst zu beantwortende, hatte jetzt, wie alle übrigen, ihre befriedigende Antwort gefunden. Obgleich Jurist, fing ich an einzusehen, daß ich mich blindlings der Führung des Herrn Murthwaite durch das Labyrinth anvertrauen könne, durch das er mich schon bis hierher geleitet hatte. Ich machte ihm darüber mein Compliment, das er seinerseits sehr graziös aufnahm.

»Sie müssen mir aber auch Ihrerseits mit einer Mittheilung an die Hand gehen, bevor wir fortfahren,« sagte er. Irgend Jemand muß den Mondstein von Yorkshire nach London gebracht haben und Jemand muß Geld darauf geborgt haben oder er würde nie in Herrn Luker’s Besitz gelangt sein. Ist in Betreff dieser Person irgend etwas entdeckt worden.«

»Nichts, daß ich wüßte!«

»Ein Gerücht wollte, wenn ich nicht irre, Herrn Godfrey Ablewhite mit der Sache in Verbindung bringen. Wie ich höre, ist er ein renommierter Philantrop, was zu nächst einmal gegen ihn spricht.«

Ich stimmte Herrn Murthwaite darin von ganzem Herzen bei. Gleichzeitig aber fühlte ich mich verpflichtet, ihm —— ohne wie ich wohl kaum zu sagen brauche, Fräulein Verinder’s Namen zu nennen —— mitzutheilen, daß Herr Godfrey Ablewhite in einer über jeden Zweifel erhabenen Weise von allem Verdacht gereinigt sei.

»Nun wohl,« sagte Herr Murthwaite ruhig, »überlassen wir es der Zeit, die Sache aufzuklären. Indessen müssen wir wieder zu den Indiern zurückkehren. Ihre Reise nach London schloß einfach damit, daß sie abermals eine Niederlage erlitten, die Vereitelung ihrer zweiten Chance, sich des Diamanten zu bemächtigen, verdankt man, glaub’ ich, vor Allem der schlauen Umsicht des Herrn Luker, —— der nicht umsonst eine hervorragende Persönlichkeit in dem uralten und gedeihlichen Stande der Wucherer ist! Durch die prompte Entlassung des fraglichen Arbeiters beraubte er die Indier des Beistands, welchen ihr Verbündeter ihnen dadurch geleistet hätte, daß er ihnen den Eintritt in’s Haus verschafft haben würde. Durch den raschen Transport des Mondsteins nach dem Gewölbe seines Banquiers überraschte er die Verschwörer, bevor sie sich aus einen neuen Plan zu seiner Beraubung hätten vorbereiten können. Wie die Indier dann zu einer Kunde von diesem Transport gelangten, und was sie unternahmen, um in den Besitz des Empfangscheins des Banquiers zu gelangen, das sind zu kürzlich geschehene Dinge, als daß es nöthig wäre, dabei länger zu verweilen. Es genüge uns, zu constatiren, daß sie jetzt wissen, daß der Mondstein sich, in dem Gewölbe eines Banquiers unter der allgemeinen Bezeichnung eines kostbaren Juwels deponirt, zum zweiten Mal an einer für sie unerreichbaren Stelle befinde. Und jetzt, Herr Bruff, wo ist die dritte Chance der Indien sich des Diamanten zu bemächtigen, und wann wird dieselbe eintreten?«

In dem Augenblick, wo er diese Frage aussprach, ward mir endlich der Zweck des Besuchs des Indiers auf meinem Bureau klar!

»Ich habe es!« rief ich aus, »die Indier nehmen es für ausgemacht an, wie wir es auch thun, daß der Mondstein verpfändet ist, und suchen nun ohne Zweifel zu erfahren, wann das Pfand frühestens wieder ausgelöst werden kann, weil dieser Zeitpunkt auch der früheste ist, in welchem der Diamant aus dem sichern Gewahrsam der Bank wieder entfernt werden kann.«

»Ich habe Ihnen ja gesagt, Herr Bruff, daß Sie es selbst herausfinden würden, wenn ich Sie auf die rechte Spur führte. In einem Jahre, von dem Tage an, wo der Mondstein verpfändet worden ist, werden die Indier ihre dritte Chance auszubeuten versuchen. Aus Herrn Luker’s eigenem Munde haben sie erfahren, wie lange sie noch warten müssen, und Ihre Autorität ist ihnen Gewähr dafür, daß Herr Luker ihnen die Wahrheit gesagt hat. Wie sollen wir, nach einer wahren Annahme, die ungefähre Zeit bestimmen, wo der Diamant seinen Weg in die Hände des Geldverleihers fand?«

»Soweit ich sehe, gegen Ende des verflossenen Juni,« antwortete ich.

»Und jetzt schreiben wir 1848. Nun wohl. Wenn die unbekannte Person, welche den Mondstein verpfändet hat, ihn nach Verlauf eines Jahres wieder auslösen kann, so wird der Edelstein gegen Ende Juni 1849 sich wieder im Besitz dieser Person befinden. Ich werde um jene Zeit Tausende von Meilen von England und englischen Nachrichten entfernt sein. Aber für Sie möchte es sich der Mühe lohnen, sich dieses Datum zu merken und sich so einzurichten, daß Sie um jene Zeit in London sind.«

»Glauben Sie denn, daß sich dann etwas Entscheidendes ereignen wird?« sagte ich.

»Ich kann Ihnen nur sagen,« antwortete er, »daß ich mich unter den wildesten Fanatikern Central-Asiens für sicherer halten werde, als ich es nach meiner Ueberzeugung wäre, wenn ich mit dem Mondstein in der Tasche aus der Bank träte. Die Indier sind zweimal überlistet worden, Herr Bruff Ich glaube ganz gewiß, daß sie sich nicht zum dritten Mal werden überlisten lassen.«

Das waren die letzten Worte, die er über diesen Gegenstand sprach. Der Kaffee wurde serviert und die Tafel aufgehoben, die Gäste zerstreuten sich im Zimmer und wir Beiden gingen zu den Damen hinauf.

Ich notierte mir das Datum und es ist vielleicht nicht überflüssig meine Erzählung hier mit der Wiederholung dieser Notiz zu schließen:

»Juni 1849. Gegen Ende des Monats Nachrichten von den Indiern erwarten.«

Nachdem ich das gethan habe, überreiche ich die Feder, welche ich zu führen keinen weiteren Anspruch habe, dem mir zunächst folgenden Berichterstatter.


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