Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos
 

Namenlos



Fünfzehntes Buch

Das Ende. In Aarons Anbau.

Erstes Capitel.

Am siebenten Juni erhielten die Reeder des Kauffahrteischiffes DELIVERANCE die Nachricht, daß das Schiff Plymouth berührt habe, um Passagiere ans Land zu setzen, und dann die Heimreise nach dem Hafen von London fortgesetzt habe. Fünf Tage später war das Fahrzeug in dem Flusse und wurde in die Ostindischen Werften geschleppt.

Nachdem Capitain Kirke am Lande das Geschäft, für das er mit seiner Person haftete, abgemacht hatte, traf er brieflich die nöthigen Anordnungen, um seines Schwagers Pfarrhaus in Suffolk am Siebzehnten des Monats zu suchen. Wie gewöhnlich in solchen Fällen erhielt er nun eine Liste von Aufträgen, welche er am Tage vor seiner Abfahrt von London für seine Schwester zu besorgen hatte. Einer von diesen Aufträgen führte ihn in die Nähe von Camden-Town. Er fuhr von der Werfte dahin und machte sich, als er den Wagen fortgeschickt hatte, auf, in der Richtung nach Süden gegen New-Road wieder zurück zu gehen.

Er war nicht gut mit der Gegend bekannt, und seine Aufmerksamkeit schweift wie er so seines Weges fürbaß ging, immer weiter und weiter ab. Seine Gedanken, angeregt durch die Aussicht auf das Wiedersehen der Schwester, waren zurückgewandert bis zu dem Abend, wo er von ihr ging und das Haus zu Fuße verließ. Der Zauber, der damals so stark auf ihn gewirkt hatte, hatte während aller späteren Ereignisse seine Macht über ihn behauptet. Das Gesicht, das ihn auf der einsamen Landstraße verfolgt hatte, hatte ihn auch auf der einsamen See verfolgt. Das holde Weib, das ihm wie ein Traumbild bis an die Thür seiner Schwester gefolgt, war ihm —— ein Theil seiner Gedanken, ein Theil seines Geistes —— bis auf den Deck seines Schiffes gefolgt. Durch Sturm und Windstille auf der Fahrt hinaus, durch Sturm und Windstille auf der Fahrt nach heim war sie bei ihm gewesen. In dem unentwirrbaren Gewühl des Londoner Straßenlebens war sie jetzt bei ihm. Er wußte, was die erste Frage sein würde, wenn er seine Schwester und deren Knaben gesehen haben würde.

—— Ich will sehen, ob ich von etwas Anderem sprechen kann; dachte er; aber wenn Lieschen und ich allein sind, so wird es doch herauskommen wider meinen Willen. ——

Die Notwendigkeit, seine Schritte jetzt solange anzuhalten, bis eine Wagenreihe an einem Uebergange vorüber war, weckte ihn aus seinen Träumereien auf. Er sah sich in einer augenblicklichen Verwirrung um. Die Straße war ihm fremd, er hatte sich verirrt.

Der erste Fußgänger, den er fragte, schien eben nicht viel Zeit zu verlieren zu haben, um ihn ordentlich zurechtzuweisen. Indem er ihn eilig bedeutete, auf die andere Seite der Straße zu gehen, die erste Straße rechts, an welche er käme, einzuschlagen und dann wieder nachzufragen, eilte derselbe ohne Weiteres hinweg und wartete nicht einmal den Dank ab.

Kirke folgte seinen Andeutungen und schlug die Straße zur rechten Hand ein. Die Straße war kurz und eng, die Häuser auf beiden Seiten waren von der geringern Art. Er sah auf, als er an der Ecke vorüberkam um zu sehen, wie die Gegend hieße. Sie hieß »Aarons Anbau«.

Tief unten auf der Seite des »Anbaues«, längs der er selber ging, war ein kleiner Haufe müßiger Leute, der um zwei Wagen herum stand, die beide vor der Thür ein und desselben Hauses vorgefahren waren. Kirke näherte sich dem Haufen, um irgend einen höflichen Mann unter demselben, welcher dies Mal so viel Zeit hätte, ihm Rede zu stehen, nach dem Wege zu fragen. Als er zu den Droschken kam, fand er eine Frau, welche sich mit den Kutschern herumstritt, und hörte so viel, daß er daraus abnahm, wie man aus Versehen nach zwei Droschken geschickt hatte, während nur eine gebraucht wurde.

Die Hausthür stand offen, und als er nun daran vorüberkam, übersah er ohne Mühe die ganze Flur über die Köpfe der Leute hinweg, die vor ihm standen.

Der Anblick, den seine Augen da hatten, hätte doch ja vor den Augen der Vorübergehenden verborgen bleiben sollen. Er sah ein zerlumptes Mädchen mit einem erschrockenen Gesicht bei einem alten Stuhle stehen, der in die Mitte der Flur gerückt war, und eine Frau auf dem Stuhle halten, welche zu schwach und hilflos war, um sich selbst aufrecht zu erhalten, eine Frau, offenbar im letzten Grade der Krankheit, die, als der Streit vor der Thür beendigt war, in einer der Droschken fortgeschafft werden sollte. Ihr Haupt sank in Ohnmacht, als er den ersten Blick auf sie warf, und ein alter Shawl, der es bedeckte, war nach vorn gefallen, so daß er den obern Theil ihres Gesichtes verbarg. Ehe er wieder wegsehen konnte, erhob das Mädchen das sie unterstützte, den Kopf und legte den Shawl wieder zurecht. Diese Bewegung ließ ihr Gesicht einen Augenblick nur frei sehen, ehe ihr Haupt wieder auf die Brust zurücksank. In dem Augenblick aber erkannte er das Weib, dessen Schönheit die ihn unablässig verfolgende Erinnerung seines Lebens war, dessen Bild in seinen Gedanken kaum fünf Minuten vorher gelebt hatte! ——

Die Erschütterung der doppelten Wahrnehmung, des Wiedererkennens des Gesichtes und des Anblickes der damit vor gegangenen schrecklichen Veränderung, machte ihn sprachlos und starr. Die stete Geistesgegenwart, die ihm in allen Lebenslagen zur Seite gestanden, ließ ihn zum ersten Male im Stich. Die ärmliche Straße, der zerlumpte Pöbelhaufe um die Thür schwammen vor seinen Augen. Er fuhr zurück und faßte, um sich zu ermuntern, nach dem kalten Eisengeländer vor dem nächsten Hause hinter sich.

—— Wohin schaffen sie denn die Frau? hörte er ein Weib dicht neben sich fragen.

—— In das Krankenhaus, wenn man dieselbe aufnehmen. will, war die Antwort, und in das Armenhaus, wenn man nicht will.

Diese fürchterliche Antwort machte ihn wieder aufspringen. Er bahnte sich seinen Weg durch die Menge und trat ins Haus.

Das Mißverständniß auf der Straße außen war ausgeglichen worden, und eine von den Droschken war weggefahren. Als er über die Schwelle der Thür schritt, stand er den Leuten gerade gegenüber, welche sie wegschafften. Der Kutscher, der geblieben war, befand sich auf der einen Seite des Stuhles, und das Weib, das mit den beiden Kutschern sich herumgestritten hatte, auf der andern Seite. Sie hoben sie eben in die Höhe, als Kirke’s hohe Gestalt die Thür verdunkelte.

—— Was macht Ihr da mit der Dame? frug er.

Der Kutscher sah auf mit der unverschämten Antwort in den Blicken, ehe sein Mund dieselbe aussprach. Aber das Weib, schneller als er, sah die unterdrückte Regung in Kirke’s Angesicht und ließ den Stuhl einen Augenblick los.

—— Kennen Sie dieselbe vielleicht, Sir? frug das Weib hastig. Sind Sie einer von ihren Verwandten?

—— Ja, sagte Kirke ohne Zaudern.

—— Es ist nicht meine Schuld, Sir, bat das Weib unter dem Blicke, den er auf sie heftete, zusammenschreckend. Ich würde ruhig gewartet haben, bis ihre Verwandten sie gefunden hätten, wahrlich, das ist wahr!

Kirke antwortete nicht. Er drehte sich um und sprach mit dem Kutscher.

—— Gehen Sie hinaus, sagte er, und schließen Sie die Thür hinter sich zu. Ich will Ihnen sofort Ihr Geld schicken.

—— Aus welchem Zimmer des Hauses nahmt Ihr sie, als Ihr sie hier herunter brachtet? fuhr er fort, wieder zu dem Weibe gewandt.

—— Aus dem ersten Stock nach hinten, Sir.

—— Zeigt mir den Weg dahin.

Er beugte sich nieder und hob Magdalene auf seine Arme. Ihr Haupt ruhte sanft an der Brust des Seemanns, ihre Augen sahen verwundert in das Gesicht des Seemanns. Sie lächelte und flüsterte ihm wie geistesabwesend zu. Ihr Geist war zu alten Zeiten daheim gewandert, und ihre ersten gebrochenen Worte zeigten, daß sie sich wieder als Kind auf den Armen ihres Vaters dachte.

—— Armer Papa, sagte sie sanft, warum siehst Du so traurig aus? Armer Papa!

Das Weib ging in das Hinterzimmer des ersten Stocks voraus. Es war sehr klein und ärmlich ausstaffiert. Aber das kleine Bett war sauber, und die wenigen Sachen in der Stube waren ordentlich gehalten. Kirke legte sie zärtlich auf das Bett. Sie faßte eine von seinen Händen mit ihren brennenden Fingern.

—— Mach die Mamma nicht traurig über mich, sagte sie. Schicke Nora.

Kirke versuchte sanft seine Hand loszumachen, aber sie hielt sie nur noch fester. Er setzte sich an das Bett, um zu warten, bis es ihr gefiele, ihn loszulassen. Das Weib stand in einer Ecke des Zimmers und sah auf sie und weinte. Kirke beobachtete sie aufmerksam.

—— Sprecht, sagte er nach einer Pause, mit leiser ruhiger Stimme. Sprecht in ihrem Beisein und sagt mir die Wahrheit.

Mit vielen Worten, unter vielem Schluchzen sprach das Weib.

Sie hatte ihr erstes Stockwerk vor vierzehn Tagen an die Dame vermiethet. Die Dame hatte die Miethe von einer Woche bezahlt und sich Gray genannt. Sie war in den ersten drei Tagen von früh bis Abends aus gewesen und war jedes Mal mit kläglich müden und enttäuschten Blicken wiedergekommen. Das Weib im Hause hatte geargwöhnt, daß sie davongegangen und sich unter einem angenommenen Namen vor ihren Freunden verberge, und daß sie an den drei Tagen, an denen sie so lange abwesend war und wo sie so niedergeschlagen aussah beim Zurückkommen, vergeblich versucht habe, Geld zu bekommen oder eine Stellung zu finden. Wie das auch sein möge, am vierten Tage sei sie krank geworden, abwechselnd mit Frost- und Fieberanfällen. Am fünften Tage war sie noch schlimmer, und am sechsten war sie bald zu schläfrig, bald zu aufgeregt, als daß sie mit sich sprechen ließ. er Apotheker, der in jenem Stadtviertel als Arzt thätig war, war gekommen und hatte sie angesehen und gesagt, daß es ein böses Fieber sei. Er hatte einen »salzigen Trank« zurückgelassen, den das Weib im Hause aus seiner Tasche bezahlt und ohne Erfolg angewendet habe. Sie hatte den einzigen Koffer, den die Dame bei sich gehabt, durchsucht und nur einiges nothwendiges Leinenzeug, keine Kleider, keinen Schmuck, nicht ein Stück von einem Briefe, welches nützlich sein könnte, um ihre Verwandten zu entdecken, aufgefunden. —— Zwischen dem Wagniß, sie unter diesen Umständen zu behalten, und der Grausamkeit, eine kranke Frau auf die Straße zu setzen, hätte die Wirthin selbst nicht geschwankt. Sie würde sie gern bei sich behalten haben, wenn Aussicht auf die Genesung bei der Dame dagewesen und wenn zu verhoffen gewesen wäre, daß ihre Verwandten sich ihrer annahmen. Allein vor noch nicht einer halben Stunde sei ihr Mann, der sie verlassen habe und der nie in ihr Haus käme, außer um ihr das Geld zu nehmen, gekommen, um ihr wie gewöhnlich die paar sauer erworbenen Pfennige wegzunehmen. Sie sei genöthigt gewesen, ihm zu sagen, daß für das erste Stock kein Zins eingegangen sei und daß wahrscheinlich keiner eher eingehen werde, als bis die Dame wiederhergestellt oder ihre Verwandten sie aufgefunden hätten. Als er Das gehört habe, habe er ohne Erbarmen darauf bestanden, daß die Dame Knall und Fall gehen solle. War doch das Krankenhaus da, um sie aufzunehmen, und wenn dasselbe ihr seine Thür verschließen würde, so war es mit dem Armenhaus zunächst zu versuchen Wenn sie nicht binnen einer Stunde außer dem Hause todte, so drohte er zurückzukommen und sie selber fortzuschaffen. Sein Weib wußte zu gut, daß er roh genug war, um auch wirklich nach seinen Worten zu handeln, und so war ihr nichts Anderes übrig geblieben, als eben so zu handeln, wie sie gethan, um der Dame selber willen.

Das Weib erzählte seine ergreifende Geschichte mit allem Anschein, als ob es selbst aufrichtig sich dessen schäme. Gegen den Schluß zu fühlte Kirke das Umklammern der brennenden Finger um seine Hand nachlassen. Er sah wieder auf das Bett zurück. Ihre müden Augen fielen zu, und mit ihrem Gesicht immer noch zu dem Seemanne gewandt, sank sie in Schlummer.

—— Ist Jemand in dem vorderen Zimmer? frug Kirke flüsternd. Kommen Sie herein, ich habe Ihnen Etwas zu sagen.

Das Weib folgte ihm durch die Verbindungsthür zwischen den beiden Zimmern.

—— Wie viel ist sie Ihnen schuldig? frug er weiter.

Die Wirthin nannte die Summe. Kirke legte dieselbe vor sie auf den Tisch.

—— Wo ist Ihr Mann? war seine nächste Frage.

—— Er wartet in dem Gasthofe, bis die Stunde um ist.

—— Sie können ihm das Geld mitnehmen, oder auch nicht, wie Sie es für gut finden, sagte Kirke ruhig. Ich habe Ihnen, so weit Ihr Mann in Frage kommt, nur Eines zu sagen. Wenn Sie wünschen, daß ich ihm alle Knochen im Leibe zerbreche, so lassen Sie ihn in das Haus kommen, so lange ich noch darin bin. —— Halt! Ich habe noch Etwas zu sagen. Wissen Sie von einem Arzte in der Nähe, auf den man sich verlassen könnte?

—— In der Nähe nicht, Sir. Aber ich kenne einen eine halbe Stunde Weges von uns.

—— Nehmen Sie die Droschke vor der Thür, und wenn Sie ihn zu Hause finden, so bringen Sie ihn gleich darin mit her. Sagen Sie ihm, ich warte hier, um seine Meinung zu hören über einen sehr schweren Fall. Er soll gut bezahlt werden und Sie ebenfalls. Machen Sie schnell!

Das Weib verließ das Zimmer. Kirke setzte sich nieder, um ihre Rückkehr zu erwarten. Er hielt die Hände vors Gesicht und suchte sich die seltsame und rührende Lage klar zu machen, in die ein Augenblick ihn gebracht hatte.

Versteckt in den schmutzigen Nebengassen von London unter einem falschen Namen, verstoßen, ohne Freunde und Helfer, dem Mitleid fremder Leute preisgegeben infolge einer Krankheit, die sie darnieder geworfen an Leib und Seele, so mußte er sie wiedersehen, die Frau, die seinem Geiste eine neue Welt der Schönheit erschlossen hatte, die Frau, die durch einen Blick die Liebe in ihm entzündet hatte! Was für ein entsetzliches Mißgeschick hatte sie so grausam getroffen, sie so tief gebeugt! Welche geheimnißvolle Macht hatte ihn in der Stunde ihrer höchsten Noth an den Zufluchtsort ihrer Armuth und Verzweiflung geführt?

—— Wenn es bestimmt ist, daß ich sie noch im Leben wiedersehen soll, so werde ich sie wiedersehen.

Diese Worte kamen ihm wieder bei, jene merkwürdigen Worte, die er beim Abschied zu seiner Schwester gesagt hatte. Mit diesem Gedanken in seiner Seele war er gegangen, wohin ihn seine Pflicht gerufen. Monde auf Monde waren vergangen, Tausende und aber Tausende von Meilen, die sich über die nie rastenden Gewässer hingezogen, waren während desselben durchmessen worden. Und durch diesen Zeitraum und über die Wellen des Weltmeeres hinweg, Tag für Tag und Nacht für Nacht, wie die Winde des Himmels wehten und das wackere Schiff sich vor ihnen her arbeitete, war er der Bestimmung, die seiner harrte, näher gerückt, er war blindlings und willenlos auf das Zusammentreffen auf der Schwelle dieser elenden Thür hingetrieben. —— ——

—— Was hat mich hierher gebracht! sagte er flüsternd. Die Gnade des Zufalls? Nein! Die Gnade des Höchsten!

Er wartete nicht achtend des Ortes, nicht achtend der Zeit, bis der Klang Von Schritten auf der Treppe plötzlich zwischen ihn und seine Gedanken trat. Die Thür ging auf, und der Arzt wurde ins Zimmer geführt.

—— Dr. Merrick! sagte die Wirthin indem sie einen Stuhl für ihn hinstellte.

—— Mr. Merrick, sagte der Fremde, ruhig lächelnd, indem er den Stuhl nahm. Ich bin kein Arzt, ich bin Wundarzt mit unbeschränkter Praxis.

Ob Arzt oder Wundarzt, es war Etwas in seinem Gesicht und seiner Art und Weise, was Kirke auf den ersten Blick sagte, daß dies der rechte Mann sei.

Nach wenigen einleitenden Worten von beiden Seiten schickte Mr. Merrick die Wirthin in die Kammer, um nachzusehen, ob seine Patientin wach sei oder schlafe. Die Frau kam wieder und sagte, sie sei »so zwischen Beidem mitten drin, wieder aufgeregt und in Fieberhitze«. Der Arzt ging sogleich in die Kammer, indem er der Frau ihm zu folgen und die Thür hinter sich zuzumachen hieß.

Eine lange Zeit verging, ehe er wieder in das Vorderzimmer trat. Als er wieder erschien, sprach sein Gesicht statt seiner, ehe eine Frage gestellt werden konnte.

—— Ist es eine ernste Krankheit, sagte Kirke, indem er seine Stimme senkte und die Augen auf das Gesicht des Arztes heftete.

—— Es ist eine gefährliche Krankheit, sagte Mr. Merrick mit Nachdruck auf dem Worte.

Er zog seinen Stuhl näher zu Kirke hin und sah ihn aufmerksam an.

—— Darf ich Ihnen einige Fragen verlegen; welche nicht rein medicinischer Art sind? frug er.

Kirke nickte.

—— Können Sie mir sagen, was sie für ein Leben gehabt, ehe sie in dies Haus gekommen und erkrankt ist.

—— Ich kann es unmöglich wissen. Ich bin eben nach langer Abwesenheit nach England zurückgekehrt.

—— Wußten Sie, daß sie hierher kam?

—— Ich erfuhr es nur zufällig.

—— Hat sie keine weiblichen Verwandten? Keine Mutter? Keine Schwester? Niemand außer Ihnen, der sich ihrer annehmen könnte?

—— Niemand, bevor ich ihre Verwandten ausfindig gemacht, Niemand außer mir selbst.

Mr. Merrick versank in Schweigen. Er sah Kirke noch aufmerksamer an und dachte:

—— Sonderbar. Er ist hier allein und hat für sie zu sorgen, und ist dies Alles, was er weiß?

Kirke sah den Zweifel auf dessen Angesicht und ging unmittelbar auf diesen Punkt los, ehe noch ein Wort weiter zwischen ihnen gesprochen wurde.

—— Ich sehe, daß meine Stellung hier Sie überrascht, sagte er ruhig. Wollen Sie dieselbe einfach als die Stellung eines Verwandten, die Stellung ihres Bruders oder ihres Vaters ansehen, bis ihre Verwandten ausfindig gemacht werden?

Seine Stimme zitterte, und er legte ergriffen seine Hand auf den Arm des Arztes.

—— Ich habe dies Vertrauen für mich beansprucht, sprach er, und Gott ist mein Zeuge, ich werde desselben nicht unwerth sein!

Das arme müde Haupt lag, als er diese Worte sprach, wieder an seiner Brust, und die fiebernden Finger klammerten sich wieder um seine Hand.

—— Ich glaube Ihnen, sagte der Arzt mit Wärme. Ich halte Sie für einen rechtschaffenen Mann. —— Um Ihnen und mir selber Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, lassen Sie mich Ihnen sagen, daß die, eben Von mir gethanen Fragen nicht von bloßer Neugier eingegeben wurden. Keine gewöhnliche Ursache kommt hier in Frage, um zu erklären, wodurch mein Kranker auf das Siechlager geworfen wurde. Sie hat irgend welche schreckliche und geistige Leiden durchzumachen gehabt und ist unter der Last derselben zusammengebrochen. Es würde mir von Nutzen gewesen sein, wenn ich erfahren hätte, welcher Art jene Leiden waren und auch, wie lange oder wie kurze Zeit verging, ehe sie ihnen erlag. In dieser Hoffnung sprach ich.

—— Als Sie mir sagten, daß es eine gefährliche Krankheit sei, sprach Kirke, meinten Sie da Gefahr für ihren Geist oder für ihr Leben?

—— Für Beides, versetzte Mr. Merrick Ihr ganzes Nervensystem ist zerrüttet, alle gewöhnlichen Verrichtungen ihres Gehirns sind in dem Zustande völliger Erschöpfung. Ich kann Ihnen von der Art der Krankheit keine deutlichere Erklärung geben, als diese, das Fieber, welches die Leute im Hause erschreckt, ist lediglich die Folge davon. Die Ursache ist, was ich Ihnen gesagt habe. Sie kann auf dem Bette Wochen auf Wochen liegen, indem sie abwechselnd aus einem Zustande des Phantasierens in einen der Ruhe übergeht. Sie dürfen sich keine Sorge machen, wenn ihr Schlaf weit über die natürliche Zeit hinaus dauert. Jener Schlaf ist ein besseres Heilmittel, als ich verordnen kann, und Nichts darf ihn stören. Alles, was unsere Kunst thun kann, ist, sie zu überwachen, ihr mit Reizmitteln zu helfen und abzuwarten, was die Natur thun wird.

—— Muß sie hier bleiben? Ist keine Hoffnung, daß wir im Stande sind, sie an einen bessern Ort zu bringen?

—— Für den Augenblick keine Hoffnung. Sie ist bereits gestört worden, wie ich höre, und sie befindet sich darum auch schon schlechter. Selbst wenn sie besser wird, wenn sie wieder zu sich selber kommt, würde es ein gefährliches Beginnen sein, sie zu früh zu bewegen, die geringste Aufregung oder Beunruhigung würde gefährlich für sie sein. Sie müssen aus dieser Wohnung machen, was zu machen ist. Die Wirthin hat meine Weisungen, und ich will eine gute Wärterin zu ihrer Beihilfe senden. Es läßt sich nicht mehr thun. So weit ihr Leben in eines Menschen Hand gegeben ist, ist dasselbe in Ihre Hände eben so gut, als in die Meinigen gegeben. Alles kommt auf die Pflege an, die sie unter Ihrer Einleitung in diesem Hause hat.

Mit diesen Worten zum Abschied stand er auf und verließ das Zimmer.

So allein gelassen, schritt Kirke an die Verbindungsthür, und leise daran pochend sagte er der Wirthin, daß er mit ihr sprechen wolle.

Er war nach seiner Unterredung mit dem Arzte viel gefaßter, hatte sein früheres entschlossenes Wesen schon mehr wiedergefunden, als vor der Unterredung. Ein Mann, der in der künstlichen gesellschaftlichen Atmosphäre lebte, die dieser Mann niemals geathmet hatte, würde die weltliche Seite der Lage schmerzlich empfunden haben, deren Neuheit und Sonderbarkeit, die ernste unmittelbare Schwierigkeit, die sie ihm auferlegte, die zahllosen Mißdeutungen in der Zukunft, zu welchen sie Anlaß geben konnte. Kirke dachte mit keinem Gedanken an die Lage. Er sah Nichts als die Pflicht, die sie ihm auferlegte, die Pflicht, die ihm die Abschiedsworte des Arztes klar vor die Seele gestellt hatten. Alles hing ab von der Pflege, die sie unter seiner Aufsicht in diesem Hause fand. Das war seine Aufgabe, und er handelte sofort, ohne sich zu bedenken, darnach, gerade wie er in einem dringenden Falle an Bord seines Schiffes mit Frauen und Kindern verfahren wäre. Er frug die Wirthin in kurzen, scharfen Sätzen. Die einzige Veränderung bei ihm lag in dem leiseren Tone seiner Stimme und in dem ängstlichen Blicke, den er von Zeit zu Zeit auf das Zimmer warf, in dem sie lag.

—— Verstehen Sie, was der Arzt zu Ihnen gesagt hat?

—— Ja, Sir.

—— Das Haus muß ruhig sein. Wer wohnt in dem Hause?

—— Nur ich und meine Tochter, Sir, wir wohnen in den Erdgeschoßzimmern. Die Zeiten sind schlecht gewesen seit Mariä Verkündigung. Beide Zimmer hier über diesem stehen leer.

—— Ich werde sie beide nehmen und die beiden Zimmer hier unten ebenso. Kennen Sie einen thätigen, raschen, zuverlässigen Mann, der Gänge für mich besorgen kann?

—— Ja, Sir. Soll ich gehen...?

—— Lassen Sie Ihre Tochter gehen. Sie dürfen das Haus nicht verlassen, bevor die Wartefrau kommt. Schicken sie den Boten nicht herauf. Menschen von dieser Classe treten zu schwer auf: ich will hinuntergehen und ihn an der Thür empfangen.

Er ging hinunter, als der Bote kam, und schickte ihn zuerst nach Feder, Tinte und Papier. Der zweite Auftrag des Mannes war, daß er eine Person suchen mußte, welche das Geräusch vorbeirollender Wagenräder auf der Straße durch Ausstreuen von Lohe vor dem Hause dämpfen konnte. Als dies ausgeführt war, erhielt der Bote zwei Briefe, um sie zur Post zu schaffen. Der erste war an Kirke’s Schwager gerichtet. Er erzählte demselben in kurzen deutlichen Worten, was vorgefallen war, und überließ es ihm, die Nachricht seiner Frau beizubringen, wie er es für gut fände. Der zweite Brief war an den Wirth des Hotels in Aldborough gerichtet. Magdalenens angenommener Name auf Northsteinvilla war der einzige Name, unter dem sie Kirke kannte, und die einzige Möglichkeit, ihre Verwandten zu ermitteln, die ihm einfiel, war, daß er ihre vermeintlichen Verwandten, Oheim und Tante, mittelst Nachforschungen von Aldborough aus ausfindig machte.

Gegen Ende des Nachmittags kam eine anständige Frau in den mittleren Jahren ins Haus mit einem Briefe von Mr. Merrick Sie war dem Arzt bekannt als eine zuverlässige und gewissenhafte Person, welche seine eigene Frau gepflegt hatte, und sie würde, schrieb er, bisweilen durch eine Dame unterstützt, welche zu einer religiösen Schwesterschaft in dem Stadtviertel gehöre, und deren wärmstes Mitgefühl in dem beregten Falle lebendig geworden sei. Gegen acht Uhr des Abends werde der Arzt selber vorkommen und nachsehen, daß der Kranken Nichts abgehe.

Die Ankunft der Wärterin und der Trost, daß sie zuverlässig sei, gaben endlich Kirke Luft, an sich selber zu denken. Sein Gepäck lag fertig gepackt da, für seine für den andern Tag beabsichtigte Reise nach Suffolk. Es war nur nöthig, dasselbe von dem Gasthofe nach der Wohnung in Aarons Anbau schaffen zu lassen. Er hielt auf seinem Wege nach dem Gasthofe nur ein Mal an, um in einen Spielzeugladen in einem der großen Durchgänge zu schauen. Die Kinderschiffe in dem Fenster erinnerten ihn an seinen Neffen.

’— Mein kleiner Namensvetter wird sehr betrübt sein, wenn er mich morgen nicht sieht, dachte er. Ich muß es bei dem Knaben wieder gut wachsen, indem ich ihm Etwas von seinem Oheim sende. Er ging in den Laden und kaufte eins von den Schiffen. Es wurde in seiner Gegenwart in eine Kiste gelegt, verpackt und mit Adresse versehen. Er legte eine Karte auf das Verdeck des Kinderschiffleins, ehe der Deckel der Kiste zugenagelt wurde, worauf die Worte standen:

Ein Schiff für den kleinen Seemann und vom großen Seemann einen herzlichen Gruß dazu.

—— Kinder haben es gern, wenn man an sie schreibt, beste Frau, sagte er wie zur Entschuldigung zu der Dame hinter dem Ladentische. Schicken Sie die Kiste, so schnell sie können, —— es liegt mir daran, daß der Knabe sie morgen bekommt.

Gegen die Abenddämmerung hin kam er mit seinem Gepäck nach Aarons Anbau zurück. Er zog seine Stiefeln in der Flur aus und trug feinen Koffer selber hinauf, indem er, als er am ersten Stock vorbeikam anhielt, um seine Nachfragen anzustellen. Mr. Merrick war gerade da und konnte ihm Rede stehen.

—— Sie war munter und redete irre, sagte er, ein paar Minuten vorher. Allein wir sind so glücklich gewesen, sie zur Ruhe zu bringen, und sie schläft jetzt.

—— Sind ihr keine Worte entschlüpft, Sir, welche dazu verhelfen könnten, ihre Verwandten ausfindig zu machen?

Der Arzt schüttelte mit dem Kopfe.

—— Wochen und Wochen können noch vergehen, sagte er, und die Geschichte des armen Kindes kann immer noch ein verschlossenes Geheimniß für uns alle sein. Wir können nur abwarten.

So endigte der Tag, der erste von den vielen, die da kommen sollten.



Kapiteltrenner

Zweites Capitel.

Das warme Sonnenlicht des Juli sanft durch einen grünen Fenstervorhang scheinend,.. ein offenes Fenster mit frischen Blumen, die auf dem Gesims standen,.. ein fremdes Bett in einem fremden Zimmer,.. eine riesige Gestalt weiblichen Geschlechts, wie ein Traumgebilde von Mrs. Wragge aufragend an der einen Seite des Bettes und versuchend, in die Hände zu schlagen,.. eine andere Frau —— eine Fremde —— diese Hände festhaltend, ehe sie Geräusch machen konnten,.. eine milde klagende Stimme —— wieder wie ein Traum von Mrs. Wragge, die das Schweigen mit folgenden Worten brach...

—— Sie kennt mich, werthe Frau, sie kennt mich, wenn ich mich nicht freuen kann, so wird es mein Tod sein!

Das waren die ersten Seufzer, die ersten Töne, für welche nach sechs Wochen der Bewußtlosigkeit Magdalene plötzlich und wunderbar erwachte.

Nach einem Weilchen wurden die sichtbaren Dinge wieder düsterer, und die Töne sanken in Schweigen. Schlaf, der barmherzige Bruder, Umfaßte sie und lullte sie ein zur Ruhe.

Einen Tag weiter, und schon waren die Erscheinungen deutlicher, die Töne lauter. Noch einen weiter, und sie hörte eine Männerstimme durch die Thür herein fragen nach Kunde von dem Krankenzimmer. Die Stimme war ihr fremd, sie war immer noch aus Vorsicht leise und von demselben ruhigen Tone. Sie frug nach ihr am Morgen, wenn sie erwachte, am Mittag, wenn sie Speise zu sich nahm, des Abends, ehe sie sich wieder zur Ruhe zurecht legte.

—— Wer ist so besorgt um mich?

Das war der erste Gedanke, den ihr Geist stark genug war zu fassen.

—— Wer ist so besorgt um mich? ——

Noch wenige Tage weiterhin, und sie konnte mit der Wärterin an ihrem Bette reden, sie konnte auf die Fragen eines ältlichen Herrn antworten, der weit mehr von ihr wußte, als sie selbst von sich wußte, und welcher ihr sagte, daß es Mr. Merrick, der Arzt sei. Sie konnte, gestützt von Kissen, im Bette aufsitzen, sich darüber wundernd, was mit ihr geschehen war und wo sie war. Sie konnte eine wachsende Neugier empfinden ob jener ruhigen Stimme, welche von draußen durch die Thür herein immer nach ihr fragte, Morgens, Mittags und Abends.

Noch einen Tag Aufschub, und Mr. Merrick frug sie, ob sie stark genug sei, eine alte Freundin zu sehen. Eine demüthige Stimme, welche sich von hoch oben herab vernehmen ließ, sagte:

—— Ich bins nur.

Der Stimme folgte die fabelhafte leibliche Erscheinung von Mrs. Wragge mit ganz verschobener Haube und nur einem Schuh (der andere befand sich im nächsten Zimmer).

—— Ach, seht her, seht her! schrie Mrs. Wragge in voller Ausgelassenheit und sank mit einem Krach, der das Haus erschütterte, an Magdalenens Bette aus die Kniee. Gott stärke sie, sie ist wahrlich schon wohlauf genug, um über mich zu lachen. »Hurrah, Jungens, Hurrah....« Ich bitte Sie um Entschuldigung, Doctor, mein Benehmen ist nicht fein, ich weiß es wohl. Es ist mein Kopf, Sir; ich bin’s nicht. Ich muß mir irgendwie Luft machen, sonst würde mir der Kopf bersten...

Kein zusammenhängender Satz,um auf irgend eine Frage zu antworten, konnte aus Mrs. Wragge den Morgen herausgebracht werden. Sie erhob sich von einem Gipfel der Sprachverwirrung auf den andern und endigte ihren Besuch unter dem Bette, indem sie blindlings nach ihrem zweiten Schuh herumsuchte.

Der Morgen kam, und Mr. Merrick versprach, daß sie den Tag darauf auch einen alten Freund sehen sollte. Am Abend, als die fragende Stimme sich nach ihr wie gewöhnlich erkundigte und die Thür ein paar Zoll weit geöffnet wurde, um die Antwort zu geben, antwortete sie mit schwacher Stimme selbst für sich:

—— Ich befinde mich besser, ich danke Ihnen.

Es trat eine augenblickliche Stille ein, und dann gerade, als die Thür wieder geschlossen wurde, sank jene Stimme zu einem Flüstern herab und sagte feurig:

—— Gott sei Dank!

Wer war er? Sie hatte Alle gefragt, und Niemand wollte es ihr sagen. Wer war er nur?...

Der nächste Tag kam, und sie hörte ihre Thür leise öffnen. Rasche Schritte trippelten ins Zimmer, eine kleine flinke Gestalt näherte sich dem Bette. War es wieder ein Traum? Nein! Da war er mit seiner immergrünen Wirklichkeit, mit dem weich von den Lippen strömenden Redeflusse, mit dem zuckenden Zuge von Humor, der in seinen verschiedenfarbenen Augen flackerte, da war er, kecker, aufschwatzender, anständiger, als je, in einem Anzuge von glänzendem Schwarz mit fleckenloser weißer Binde und einer fröhlich hervorsprossenden Krause, der nie erröthende, der unverwüstliche, der unveränderliche Wragge!

—— Kein Wort, mein liebes Kind! sagte der Hauptmann und setzte sich in seiner alten vertraulichen Art bequem an ihrem Bette zurecht. Ich werde das Sprechen allein übernehmen, und ich denke, daß eine für diesen Zweck geeignetere Person unmöglich aufzufinden sein dürfte. Ich bin wirklich erfreut, aufrichtig erfreut, wenn ich ein so augenscheinlich hier unabwendbares Wort gebrauchen darf, Dich wiederzusehen und zu sehen, wie es Dir besser geht. Ich habe oft an Dich gedacht, ich habe Dich oft vermißt, ich habe oft zu mir selbst gesagt... doch gleichviel, was ich gesagt habe... Man mache die Bühne frei und lasse den Vorhang fallen über die Vergangenheit. Dum vivimus, vivamus! [So lange wir das Leben haben, laßt es uns genießen.] Verzeih den Zopf einer lateinischen Redewendung, mein Kind und sage mir, wie ich aussehe? Bin ich oder bin ich nicht das Bild eines wohlhabenden Mannes?

Magdalene versuchte ihm zu antworten. Die Wortsindfluth des Hauptmanns kam aber augenblicklich wieder hereingestürzt.

—— Strenge Dich nicht selber an, sagte er. Ich will alle Deine Fragen an Deiner Statt stellen. —— Wo ich gesteckt habe? —— Warum ich so merkwürdig wohl aussehe? Und wie in aller Welt ich meinen Weg zu diesem Hause gefunden habe? —— Liebes Kind, ich bin, seitdem wir uns zuletzt gesehen, damit beschäftigt gewesen, meine alten Berufsgewohnheiten allmählich zu ändern. Ich bin von der moralischen Bewirthschaftung zur medicinischen Bewirthschaftung übergegangen. Früher machte ich meine Rechnung auf das Mitgefühl des Publikums, jetzt mache ich sie auf den Magen des Publikums. Magen und Mitgefühl, Mitgefühl und Magen —— sieh Beiden fest ins Gesicht, wenn Du über die Fünfzig hinaus bist, und Du wirst zugeben, daß sie beinahe auf Eins hinauskommen. Wie dem auch sein mag, hier stehe ich, so unglaublich es auch scheinen mag, endlich als ein vermögender Mann. Die Gründer meines Vermögens sind drei an der Zahl. Ihre Namen sind: Aloe,, Scammonium (Windenharz) und Gummigutti. Mit einem Worte, ich lebe von einer Pillensorte. Ich legte mir, wie Du Dich erinnerst, durch meine Geschäftsbeziehungen zu Dir einiges Geld zurück. Ich legte noch Etwas dazu in Folge des glücklichen Ablebens — requiescat in peace! [ Friede ihrer Seele!] —— der Verwandten von Mrs. Wragge, von welcher, wie ich Dir früher erzählte, meine Frau einmal Etwas zu erwarten hatte. Sehr gut. Was denkst Du nun wohl, das ich that? Ich Verwandte mein ganzes Capital mit einem kühnen Wurfe zu Ankündigungen und kaufte meine Spezereien und meine Pillenschachteln auf Borg. Der Erfolg liegt jetzt vor Deinen Augen. Hier stehe ich, eine große finanzielle Thatsache. Hier stehe ich in Kleidern, die wirklich bezahlt sind, mit einem Guthaben im Buche des Banquiers, mit meinem Diener in Livree und meinem Gig vor der Thür, zahlungsfähig, Glück machend, beliebt —— und alles Das Dank einer gewissen Pille.

Magdalene lächelte. Das Gesicht des Hauptmanns nahm einen Ausdruck von schalkhaftem Ernst an, er fah aus, als gäbe es auch eine ernste Seite der Frage und als wollte er dieselbe zunächst hervorheben.

—— Es gibt hier nichts zu lachen für das Publikum, mein Kind, sagte er. Die Leute können meiner und meiner Pillen nicht entrathen, sie müssen uns nehmen. Es gibt keine einzige Form in der ganzen Mannigfaltigkeit der Ankündigungem die ein Mensch erlassen kann, die ich nicht in diesem Augenblick dem unglücklichen Publikum gegenüber anwendete. Leih Dir die letzte neue Novelle, und siehe, ich bin bereits darinnen auf dem Umschlage des Buches. Laß Dir das letzte neue Musikstück holen: in dem Augenblicke, wo Du die Blätter aufschlägst, falle ich daraus Dir entgegen. Nimm einen Cab: ich fliege roth zum Fenster herein. Kaufe eine Büchse Zahnpulver im Kräutergewölbe, ich springe Dir auf der Verpackung blau in die Augen. Zeige Dich im Theater, ich flattere gelb auf Dich hernieder. Die bloßen Titel meiner Anzeigen sind ganz unwiderstehlich. Laß mich nur einige ans der Ausgabe von letzter Woche anführen:

Titel mit Sprichwort:
Eine Pille zu rechter Zeit
schützet oft vor Schmerz und Leid.


Gemüthlicher Titel:
Entschuldigen Sie. wie stehts mit Ihrem Magen?

Patriotischer Titel:
Welches sind die drei Merkmale einen wahren Engländers?
—— sein Herd. seine Heimath und seine —— Pille.


Titel in Gestalt eines Kindergesprächs:
—— Mamma, mir ist nicht wohl.
—— Was fehlt Dir, mein Püppchen?
—— Ich mochte eine kleine Pille.


Titel in Gestalt einer geschichtlichen Anekdote:
Neue Entdeckung in den Quellen der englischen
Geschichte. Als die Prinzen [d. h. die Söhne Eduards.] im Tower erstickt wurden, sammelte ihr treuer Diener alle von ihnen hinterlassenen kleinen Besitzstücke. Unter diesen rührenden Kleinigkeiten, die den armen Kindern theuer waren, fand er eine zinnerene Büchse. Sie enthielt die Pille jener Zeit. Ist es erst nöthig zu sagen. wir weit jene Pille unter ihrer modernen Nachfolgerin stund. welche Prinz und Bauer. einer so gut als der Andere, erhalten kann?


Und so weiter und so weiter.

—— Der Ort, wo meine Pille gemacht wird, ist an sich eine Ankündigung. Ich habe einen von den größten Läden in London inne. Hinter einem Ladentische, welcher für das Publikum durch schimmernde Wände von Tafelglas sichtbar ist, stehen vierundzwanzig junge Leute mit weißen Schürzen, welche die Pille anfertigen. Hinter einem andern Tische sind vierundzwanzig junge Leute in weißen Cravatten beschäftigt, die Schachteln zu machen. Im Hintergrunde des Ladens sind drei ältere Comtoiristen thätig, die umfänglichen Geldgeschäfte, welche mit der Pille gemacht werden, in drei ungeheure Bücher einzutragen. Ueber der Thür steht mein Name mit Bildniß und Namenszug, vergrößert in kolossalen Verhältnissen und umgeben von dem Motto des Geschäfts in fließenden Buchstaben:

Nieder mit den Doktoren!

—— Sogar Mrs. Wragge trägt ihr Scherflein zu dieser wunderbaren Unternehmung bei. Sie ist »die berühmte Frau«, welche ich aus unbeschreiblichen Schmerzen von jeder Beschwerde unter der Sonne geheilt habe. Ihr Bildniß ist auf allen Umschlägen gestochen mit folgender Unterschrift darunter:

Ehe diese Kranke die Pille nahm, hätte man sie wie eine Feder wegblasen können. Sehe man sie dafür jetzt an!!!

—— Endlich aber kommt das Beste, mein liebes Kind. Die Pille ist die Ursache, daß ich mich zu diesem Hause gefunden habe. Meine Obliegenheit bei dem bereits erwähnten wunderbaren Unternehmen ist, das Vereinigte Königreich in einem Gig zu durchstreifen und aller Orten Agenturen zu errichten. Während ich nun eine dieser Agenturen gründete, hörte ich von einem gewissen Freunde, der eben erst nach einer langen Seereise in England gelandet war. Ich bekam seine Adresse in London, er wohnte in diesem Hause. Ich besuchte ihn sofort und war betroffen durch die Nachricht von Deiner Krankheit. —— Das ist in kurzen Worten die Geschichte von meiner wirklich bestehenden Verbindung mit britischer Arzneikunde, und so kommt es, daß Du in gegenwärtigem Augenblicke auf diesem leibhaften Stuhle sitzen siehst Deinen wie immer aufrichtig ergebenen Freund und Oheim, Horatio Wragge.

In diesen Worten brachte der Hauptmann seine Darstellung, soweit sie ihn selber anging, zum Abschluß. Er sah immer aufmerksamer auf Magdalene, je näher er dem Schlusse kam. Gab es eine geheime Bedeutung, die sich an seine letzten Worte knüpfte, die nicht gleich offen am Tage lag? Allerdings Sein Besuch im Krankenzimmer hatte einen tieferen Zweck, und diesem Zweck war er nun nahe gekommen.

Als Hauptmann Wragge die Umstände schilderte, unter denen er mit Magdalenens gegenwärtiger Lage bekannt geworden sei, hatte er mit seiner gewöhnlichen Geschicklichkeit einen weiten Bogen geschlagen um die äußersten Grenzen der Wahrheit. Der Hauptmann hatte, angereizt durch den Umstand, daß ein öffentlicher Scandal in Verbindung mit Noël Vanstones Verheirathung oder mit seinem Tode, der in den Zeitungen angekündigt worden, ausgeblieben war, sich bei seinen Streifzügen in den östlichen Marken des Landes vor ungefähr vierzehn Tagen nach Aldborough zurück gewagt, um daselbst eine Agentur für den Verkauf seiner wunderthätigen Pille zu errichten. Niemand hatte ihn erkannt außer der Wirthin des Hotels, welche sofort darauf bestand, daß er ins Haus trete und Kirkes Brief an ihren Mann lese. Denselben Abend schon war Hauptmann Wragge in London und schloß sich mit dem Seemann auf dem Zimmer des zweiten Stockes in Aaron’s Straßenhäusern ein.

Die ernste Natur der Lage, die nicht wegzuleugnende Gewißheit, daß Kirke vergeblich sich abmühen werde, Magdalenens Familie ausfindig zu machen, wenn er nicht vorher wußte, wer sie eigentlich war, hatte den Hauptmann entschieden, wenigstens einen Theil der Wahrheit zu enthüllen. Indem er sich weigerte, auf Einzelheiten einzugehen, aus Familienrücksichten welche Magdalene bei ihrer Wiederherstellung nach Gefallen erklären könne, setzte er Kirke durch die Mittheilung in Erstaunen, daß die verlassene Frau, die er gerettet und welche er bis zu dieser Stunde immer nur als Miss Bygrave gekannt hatte, keine andere als die jüngere Tochter von Andreas Vanstone war. Die Entdeckung von Seiten Kirkes, daß er dem Vater mit dem jungen Offizier in Canada genau bekannt gewesen, war natürlich auf die Enthüllung von Magdalenens wahrem Namen gefolgt. Ein vierzehn Tage später, als die Genesung der Kranken dem Arzte die ernste Schwierigkeit bereitete, den Fragen Stand halten zu müssen, welche Magdalene sicherlich an ihn richten würde, war wie gewöhnlich der Scharfsinn des Hauptmanns auf ein Auskunfsmittel verfallen.

—— Die Wahrheit können Sie ihr nicht sagen, sprach er, ohne schmerzliche Erinnerungen an ihren Aldborougher Aufenthalt zu erwecken, auf die ich nicht näher eingehen darf. Geben Sie gerade jetzt noch nicht zu, daß Mr. Kirke sie nur als Miss Bygrave von Nordsteinvilla kannte, als er sie in diesem Hause fand. Erzählen Sie ihr dreist, daß er gewußt habe, wer sie sei und daß er das Gefühl hatte —— das er haben mußte —— als ob er ein angestammtes Recht darauf habe, ihr Beistand zu leisten, so wahr er seines Vaters Sohn sei.

—— Ich selber bin, wie ich Ihnen bereits mitgetheilt, fuhr der Hauptmann an seiner alten Behauptung wirklicher Blutsverwandtschaft festhaltend fort, ein weitläuftiger Verwandter der Combe-Ravener Familie, und falls niemand Anderes zur Hand ist, um Ihnen über diese Schwierigkeit hinweg zu helfen, so stehe ich Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.

Es war allerdings niemand Anderes zur Hand, und der Fall war dringend. Wenn fremde Personen die Verantwortung über sich genommen hätten, so hätten sie unwissentlich die Wunden früherer Erinnerungen wieder aufreißen können, deren Erneuerung vielleicht ihr Tod gewesen wäre. Nähere Verwandte konnten, falls sie zu früh am Bette erschienen, denselben beklagenswerthen Erfolg haben. Die Wahl lag so: es galt entweder, sie durch Unbeantwortet lassen ihrer Fragen zu reizen und zu beunruhigen, oder sich dem Hauptmann Wragge zu vertrauen. Nach der Ansicht des letzteren war das zweite Uebel das kleinere. Darum saß jetzt der Hauptmann an dem Bette Magdalenens, indem er den ihm anvertrauten Auftrag ausführte.

Ob sie wohl die Frage that, auf welche leicht und unvermerkt bei ihr hinzuarbeiten Hauptmann Wragges heimliche Absicht bei seinen einleitenden Worten war?

Allerdings Sobald sein Schweigen ihr die Möglichkeit gab, zu Worte zu kommen, that sie die Frage.

—— Wer war derjenige Ihrer Freunde, der mit im Hause wohnte?

—— Du solltest ihn eigentlich eben so gut als ich kennen, sprach der Hauptmann. Er ist der Sohn von einem Kriegskameraden Deines seligen Vaters von Canada aus, als derselbe mit seinem Regiment in Amerika stand. Deine Wangen brauchen nicht roth zu werden. Wenn sie es doch werden, gehe ich fort.

Sie war überrascht, aber nicht aufgeregt. Hauptmann Wragge hatte damit angefangen, sie für eine ferne Vergangenheit zu interessieren, die sie nur vom Hörensagen kannte, ehe er sich auf das heikle Gebiet ihrer eigenen Lebenserinnerungen wagte.

Einen Augenblick später ging sie zu ihrer nächsten Frage über:

—— Wie war sein Name?

—— Kirke, fuhr der Hauptmann fort. Hörtest Du nie von seinem Vater, Major Kirke, Commandant des Regiments in Canada? —— Hörtest Du nie davon, daß dieser Major Deinem Vater aus einer großen Verlegenheit half, wie nur der beste Kamerad und Freund es thun kann?

Ja. Sie hatte eine dunkle Erinnerung, daß sie Etwas über ihren Vater und einen Offizier gehört hatte, welcher sehr gut gegen ihn gehandelt habe, als er noch ein junger Mann war. Aber sie konnte nicht so lange rückwärts in die Vergangenheit blicken. ——

—— War Mr. Kirke arm?

Selbst Hauptmann Wragges Scharfsinn wurde durch diese Frage in Verlegenheit gesetzt. Er gab auf gut Glück die Antwort:

—— Nein, sagte er, nicht arm.

Ihre nächste Frage zeigte an, was sie gedacht hatte.

—— Wenn Mr. Kirke nicht arm war, wie kam es, daß er in einem solchen Hause wohnte?

—— Sie hat mich in die Falle gelockt, dachte der Hauptmann. Es gibt nur einen Weg, um wieder herauszukommen: ich muß ihr eine zweite Gabe Wahrheit verabreichen.

—— Mr. Kirke entdeckte Dich hier durch einen Zufall, fuhr er laut fort, wie Du krank und nicht eben gut verpflegt warest. Es war Jemand nöthig, der sich Deiner annahm, so lange Du nicht im Stande warst, allein fertig zu werden. Warum nicht Mr. Kirke? Er war der Sohn von Deines Vaters altem Freunde, was beinahe eben soviel heißt, als Dein eigener alter Freund. Wer hatte eher das Recht, nach einem ordentlichen Arzt zu schicken und eine ordentliche Wärterin anzunehmen, —— wenn ich selber nicht zur Stelle war, um Dich mit meiner wunderthätigen Pille zu curiren? —— Gemach, gemach, Du darfst den Schooß meines pikfeinen schwarzen Rockes nicht so geradezu fassen.

Er legte ihre Hand wieder aufs Bett, aber sie ließ sich auf diese Art nicht irre machen. Sie bestand darauf, noch eine Frage zu thun.

Wie kam es, daß Mr. Kirke sie kannte?

Sie selber hatte ihn nie gesehen, hatte in ihrem Leben nicht von ihm gehört.

—— Sehr möglich, sprach der Hauptmann. Ist denn aber das ein Grund, wenn Du ihn nicht gesehen hast; daß er Dich nicht gesehen haben kann.

—— Wann sah er mich?

Hauptmann Wragge verkorkte seine Wahrheitsgaben sofort wieder, ohne einen Augenblick zu zögern.

—— Vor einiger Zeit, mein Kind. Wann? Kann ich Dir nicht genau sagen.

—— Nur ein einzig Mal?

Hauptmann Wragge ersah sofort seine Gelegenheit zu einer neuen Gabe Wahrheit.

—— Ja, sprach er, nur ein Mal.

Sie dachte ein wenig nach. Die nächste Frage enthielt den gleichzeitigen Ausdruck zweier Gedanken und kostete ihr daher einige Anstrengung.

—— Er sah mich nur einmal, sagte sie, und ersah mich vor einiger Zeit. —— Wie kam es, daß er sich meiner gleich erinnerte, als er mich hier fand?

—— Aha! sagte der Hauptmann. Jetzt hast Du den Nagel ans den Kopf getroffen. Du kannst unmöglich mehr erstaunt sein als ich darüber, daß er sich Deiner erinnert hat. Laß Dir einen guten Rath geben, mein Kind. Wenn Du wohl genug bist, um aufzustehen und Mr. Kirke zu empfangen, so sieh zu, wie diese Deine schlaue Frage für seine Ohren klingt, und besteht darauf, daß er Dir selber antwortet.

Indem der Hauptmann sich auf diese gescheite Art aus der Klemme half, machte er sich plötzlich wieder auf die Beine und nahm seinen Hut.

—— Warten Sie noch! bat sie. Ich will Sie fragen...

—— Kein Wort mehr, sagte der Hauptmann. Ich habe Dir für eines ganzen Tag genug zu denken gegeben. Meine Zeit ist um, und mein Gig wartet draußen. Ich bin unterwegs, um die Umgegend wie gewöhnlich zu bereisen. Ich bin unterwegs, um das Feld der Magenbeschwerden des Publikums mit der dreifachen Pflugschaar von Aloe, Scammonium und Gummigutti zu beackern.

Er blieb auf einmal stehen und drehte sich in der Thür um.

—— Beiläufig einen Gruß von meiner unglückseligen Frau. Wenn Du Mrs. Wragge erlauben willst, daß sie wiederkommen und Dich besuchen darf, so verspricht sie, das nächste Mal ihren Schuh nicht wieder zu verlieren. Ich meinestheils glaube ihr nicht. Was sagst Du dazu? Soll sie kommen?

—— Jawohl, wann es ihr beliebt, sagte Magdalene. Wenn ich je wieder wohlauf bin, darf da die gute Mrs. Wragge kommen und bei mir bleiben?

—— Gewiß, mein Kind. Wenn Du Nichts dawider hast, so will ich sie vorläufig mit ein paar tausend Abdrücken ihres eigenen Bildnisses in Roth, Blau und Gelb versehen: Man hätte selbige Kranke wie eine Feder wegblasen können, ehe sie die Pille nahm. —— Schaut sie dafür jetzt an! Sie verzettelt ihr Bildniß gewiß überall umher, wo sie auch ist, und die befriedigendsten Erfolge zu Gunsten der Anzeige müssen unausbleiblich daraus erwachsen. Halte mich nicht für eine Krämerseele, ich verstehe nur die Zeit, in der ich lebe. ——

Er blieb im Hinausgehen noch einmal stehen und wandte sich noch einmal in der Thüre um.

—— Du bist ein ausgezeichnet gutes Kind gewesen, sagte er, und Du verdienst eine Belohnung dafür. Ich will Dir, ehe ich gehe, zu guter Letzt einen Wink geben. —— Hast Du die letzten paar Tage Jemanden vor der Thür nach Dir fragen hören? —— Oh, ich sehe schon, daß Du gehört hast. Ein Wort ins Ohr, mein Kind. Es ist Mr. Kirke.

Er trippelte vom Bette fort, so hastig wie immer Magdalene hörte, wie er sich selber der Wartefrau anzeigte, ehe er die Thür zuschloß.

—— Wenn Sie je darnach gefragt werden, sagte er in vertraulichem Flüstern, mein Name ist Wragge, und die Pille ist zu haben in hübschen Schachteln, Preis dreizehn ein halb Penny, die Stempelsteuer mitgerechnet. Nehmen Sie ein paar Exemplare des Bildes der kranken Frau, die man wie eine Feder hätte wegblasen können, ehe sie die Pille nahm, und die Sie nun einfach ersucht werden jetzt einmal anzuschauen. Vielen Dank. Guten Morgen!

Die Thüre schloß sich, und Magdalene war wieder allein. Sie fühlte sich nicht allein, Hauptmann Wragge hatte ihr einen neuen Stoff zum Denken hinterlassen. Stunden auf Stunden verweilte ihr Geist mit Verwunderung bei Mr. Kirke, bis der Abend kam, und sie durch die halbgeöffnete Thür wieder seine Stimme hörte.

—— Ich danke Ihnen sehr, sagte sie zu ihm, ehe die Wärterin auf seine Fragen antworten konnte, ich danke recht sehr, recht sehr für alle Ihre Güte gegen mich.

—— Sehen Sie zu, daß Sie bald gesund werden, antwortete er freundlich. Sie werden mich übermäßig glücklich machen, wenn Sie sehen, bald gesund zu werden.

Den nächsten Morgen fand Mr. Merrick sie voll Ungeduld, das Bett zu verlassen und sich auf das Sopha im vorderen Zimmer schaffen zu lassen. Der Arzt sagte, er glaube, sie wolle eine Veränderung haben.

—— Ja, versetzte sie, ich will Mr. Kirke sehen.

Der Arzt willigte ein, daß sie den andern Tag fortgeschafft werden solle; aber er verbot ihr bis zum Tage nachher die weitere Aufregung, daß sie etwa Jemanden sähe. Sie versuchte, sich dagegen zu verwahren; aber Mr. Merrick ließ sich nicht abbringen. Sie versuchte, als er fort war, die Wärterin dazu zu bereden, die Wärterin war auch nicht dahin zu bringen.

Am nächsten Tage hüllte man sie in Tücher und schaffte sie auf das Sopha und machte ihr ein kleines Bett darauf zurecht, auf dem Tische nahe dabei waren einige Blumen und eine Nummer von einer illustrierten Zeitung. Sie frug augenblicklich, wer dies hierher gesetzt habe. Die Wärterin, welche einen warnenden Blick vom Arzte nicht bemerkt hatte, sagte, Mr. Kirke habe geglaubt, sie liebe die Blumen, und die Bilder in der Zeitung machen ihr vielleicht Freude. Nach dieser Antwort ließ sich nun ihr Verlangen, Mr. Kirke zu sehen, nicht länger mehr aufhalten. Der Arzt verließ das Zimmer, um ihn zu holen.

Sie sah verlangend nach der Thür. Ihr erster Blick auf ihn, als er hereinkann machte sie innerlich zweifelhaft, ob sie diese hohe Gestalt, dieses offene, sonnverbrannte Gesicht zum ersten Male in ihrem Leben sah. Aber sie war zu schwach und zu aufgeregt, um ihre Erinnerungen bis nach Aldborough zurück zu verfolgen. Sie gab den Versuch auf und sah ihn nur an. Er blieb am Fuße des Sophas stehen und sagte ein paar Worte. Sie bat ihn, näher zu treten, und reichte ihm ihre abgezehrte Hand. Er faßte sie zärtlich in die seinige und setzte sich zu ihr. Sie schwiegen Beide still. Sein Gesicht sprach ihr von dem Kummer und dem Mitgefühl, welches sonst sein Schweigen ihr beinahe verborgen gehalten hätte. Sie hielt noch immer seine Hand jetzt mit Bewußtsein so beharrlich fest, wie an jenem Tage, wo er sie fand. —— Ihre Augen schlossen sich nach einem schwachen Versuche, mit ihm zu sprechen, und die Thränen rollten langsam über ihre eingefallenen weißen Wangen.

Der Arzt gab Kirke ein Zeichen, zu warten und ihr Zeit zu lassen. Sie faßte sich ein wenig und sah ihn an.

—— Wie freundlich sind Sie gegen mich gewesen, murmelte sie. Und wie wenig habe ich es verdient....

—— Still, still! sagte er. Sie wissen nicht, wie glücklich ich darüber war, daß ich Ihnen helfen konnte.

Der Klang seiner Stimme schien ihr wieder Kraft und Muth zu verleihen. Sie lag da und sah ihn mit lebhafter Theilnahme, mit einer Dankbarkeit an, welche ungekünstelt sich über alle von der Sitte aufgerichteten Schranken zwischen Herr und Dame hinwegsetzte.

— Wo sahen Sie mich, sagte sie plötzlich, ehe Sie mich hier fanden?

Kirke zögerte. Mr. Merrick kam ihm zu Hilfe.

—— Ich verbiete Ihnen, ein Wort über das Vergangene an Mr. Kirke zu richten, schlug sich der Arzt ins Mittel, und ich verbiete auch Mr. Kirke, Ihnen ein Wort darüber zu sagen. Sie beginnen heute ein neue Leben, und die einzigen Erinnerungen, die ich gutheiße, sind nur die Erinnerungen von fünf Monaten zurück.

—— Sie sah den Arzt an und lächelte.

—— Ich muß ihn Etwas fragen, sagte sie und wandte sich wieder an Kirke. Ist es wahr, daß Sie mich nur ein einziges Mal gesehen haben, ehe Sie in dieses Haus kamen?

—— Vollkommen wahr!

Er gab diese Antwort mit einem plötzlichen Wechsel der Farbe, was sie augenblicklich entdeckte Ihre glänzenden Augen sahen noch aufmerksamer auf ihn, als sie die nächste Frage that.

—— Wie kam es, daß Sie mich wiedererkanntem nachdem Sie mich nur ein Mal gesehen?

Seine Hand schloß sich, ohne daß er es wußte, enger um die ihrige und drückte sie zum ersten Male. Er versuchte zu antworten und blieb beim ersten Worte stecken.

—— Ich habe ein gutes Gedächtnis..., sagte er zuletzt und sah plötzlich von ihr weg mit einer Verwirrung, die seiner gewöhnlichen Selbstbeherrschung so unähnlich war, daß der Arzt und die Wärterin Beide es bemerkten.

Jeder Nerv in ihrem Körper fühlte den nur einen Augenblick dauernden Druck seiner Hand mit der Feinfühligkeit, welche den ersten ordentlichen Schritt zur Genesung begleitet. Sie sah sein Wechseln der Farbe, sie hörte seine stammelnden Worte mit der zarten Empfänglichkeit ihres Geschlechts und ihres Alters, welche durch richtige Ahnung die Wahrheit herausfühlt. In dem Augenblick, wo er von ihr wegsah, zog sie ihm leise die Hand weg und wandte ihren Kopf gegen das Kissen.

—— Ist es möglich? dachte sie mit der Unruhe wonniger Furcht in ihrem Herzen, mit der Gluth wonniger Verwirrung auf ihren Wangen. Ist es denn möglich?...

Der Arzt gab Kirke wieder ein Zeichen. Er verstand es und erhob sich sogleich. Die augenblickliche Fassungslosigkeit auf seinem Gesicht und in seiner Art und Weise waren beide verschwunden. Er war innerlich erfreut, daß er sein Geheimniß glücklich bewahrt habe, und in dem wohlthuenden Gefühl dieser Ueberzeugung war er wieder zu, sich selber gekommen.

—— Leben Sie wohl bis morgen, sagte er, als er das Zimmer verließ.

—— Leben Sie wohl, antwortete sie, ohne ihn anzusehen.

Mr. Merrick nahm den Stuhl, den Kirke verlassen hatte, und legte seine Hand an ihren Puls.

—— Gerade, wie ich fürchtete, bemerkte er, um die Hälfte zu stark.

Sie machte hastig ihre Hand frei.

—— Lassen Sie mich! sagte sie, indem sie zurückfuhr. Ich bitte, berühren Sie mich nicht!

Mr. Merrick überließ in guter Laune der Wärterin seinen Platz.

—— Ich will in einer halben Stunde wieder kommen, flüsterte er, und sie ins Bett schaffen. Lassen sie dieselbe nicht sprechen. Zeigen Sie ihr die Bilder in der Zeitung und halten Sie sie so ruhig als möglich.

Als der Arzt wieder kam, meldete die Wärterin, daß die Zeitung nicht benöthigt gewesen sei. Die Ausführung der Kranken war musterhaft gewesen. Sie war durchaus nicht unruhig gewesen und hatte nicht ein Wort gesprochen.

Die Tage vergingen, und die Zeit wurde immer länger bemessen, welche der Arzt ihr in dem vorderen Zimmer zuzubringen erlaubte. Sie war alsbald im Stande, das Bett auf dem Sopha zu entbehren, sie konnte angekleidet werden und unterstützt von Kissen in einem Lehnstuhle aufrecht sitzen. Ihre Freistunden von dem Schlafgemach bildeten das große Ereigniß jedes ihrer Lebenstage. Es waren die Stunden, die sie in Kirkes Gesellschaft hinbrachte.

Sie hatte jetzt ein doppeltes Interesse an ihm, das Interesse an dem Manne, dessen schützende Fürsorge ihren Geist und ihr Leben gerettet, dann aber das Interesse an dem Manne, dessen theuerstes und heiligstes Herzensgeheimniß sie entdeckt hatte. Allmählich wurden sie so ungezwungen und vertraut mit einander wie alte Freunde, allmählich machte sie sich all ihr Uebergewicht zu Nutze und wußte sich unvermerkt die genaueste Kenntniß seines Wesens und Charakters zu verschaffen.

Ihre Fragen waren endlos. Alles und Jedes, was er ihr von sich und seinem Leben erzählen konnte, wußte sie von ihm zart und unvermerkt herauszulocken, er, der am Wenigsten selbstbewußte aller Männer, wurde in ihren geschickten Händen ein Egoist. Sie fand seinen Stolz auf sein Schiff heraus und wirkte ohne Bedenken darauf hin. Sie veranlaßte ihn, über die schönen Eigenschaften des Schiffes zu reden, von großen Dingen, die das Schiff in schweren Zeiten gethan habe, zu sprechen, wie er in seinem Leben noch nie mit einer lebenden Seele gesprochen hatte: Sie wußte ihn über geheime Seefahrerleiden und unaussprechliche Seefahrerfreuden auszuhören, die er nicht einmal seinem eigenen Steuermann offenbart hatte. Sie beobachtete sein strahlendes Gesicht mit dem wonnigen Gefühl des Triumphs und schürte noch das Feuer. Sie verleitete ihn, alle Rücksicht auf Zeit und Ort zu vergessen und in der Hitze des Gesprächs einen so herzhaften Schlag auf den zweifüßigen kleinen Miethsbewohnertisch zu führen, als ob er das feste Balkenwerk der Schiffsbrüstung vor sich gehabt hätte. Seine Verlegenheit bei der Entdeckung, wie er sich selbst vergessen hatte, ergötzte sie insgeheim, sie hätte gern vor Vergnügen aufgeschrien, als er darob zum Tode erschrocken sich fragte, was er nur in aller Welt gedacht habe?!

Zu anderen Zeiten zog sie ihn von dem Verweilen bei den Reizen seines Lebens ab und veranlaßte ihn, von dessen Gefahren zu reden, den Gefahren jener eifersüchtigen Herrscherin, der See, welche so viele von seines Gleichen verschlungen hatte, welche ihn so wunderbar in Unschuld und Unkenntniß ob der Welt auf dem Lande gehalten hatte. Zwei Mal hatte er Schiffbruch gelitten. Unzählige Male waren er und alle bei ihm in dem Rachen des Todes gewesen, und er war doch um ein Haar dem Untergange entgangen. Er zeigte sich anfangs stets wenig bereit, von dieser düsteren und schrecklichen Seite seines Lebens zu sprechen. Erst wenn sie auf geschickte Weise ihn angeregt und in seiner Unterhaltung durch allerhand kleine Redekünste darauf hingearbeitet hatte, vergaß er sich und erzählte ihr doch von den Schrecknissen des großen Oceans. Sie saß das und lauschte mit athemlosem Interesse und sah ihn mit athemlosem Erstaunen an, wenn jene fürchterlichen Geschichten, die durch die einfache Sprache, in der sie erzählt wurden, doppelt lebhaft vor ihre Seele traten, eine nach der andern über seine Lippen kamen. Die edle Unkenntniß, in der er sich betreffs seines Heldenmuthes über sich selbst befand, die kunstlose Bescheidenheit, mit der er die Thaten seiner unerschrockenen Ausdauer, seines aufopfernden Muthes beschrieb ohne einen Gedanken daran, daß sie etwas mehr seien, als bloße Pflichterfüllungen, zu denen er durch den Beruf, den er erwählt, angehalten sei, erhoben ihn in ihrer Achtung so unermeßlich hoch über sie, daß sie unruhig und ungeduldig wurde, bis sie das Götterbild, das sie selbst aufgerichtet, wieder umgestürzt hatte. Bei diesen Gelegenheiten geschah es, daß sie sehr streng alle jene kleinen vertraulichen Aufmerksamkeiten erheischte, welche Frauen in ihrem Umgange mit Männern so werthvoll sind.

—— Diese Hand, dachte sie mit einem geheimen Wonnegefühl, indem sie den Gedanken verfolgte, während Kirke ganz nahe bei ihr war, diese Hand, welche den Ertrinkenden vom Tode errettet hat, rückt mir meine Kissen so zärtlich, daß ich es kaum weiß, wenn sie bewegt werden. Diese Hand, welche meuterische Matrosen ergriffen und lediglich durch Körperstärke zu ihrer Pflicht zurück gezwungen hat, mischt meine Limonade und schält mein Obst zarter und sauberer, als ich es kaum selber thun könnte. Ach, wenn ich ein Mann wäre, wie gern würde ich ein Mann wie dieser sein!

Sie ließ aber nie ihre Gedanken, so lange er zugegen war, über diesen Punkt hinausschweifen. Nur wenn die Nacht sie getrennt hatte, wagte sie ihre Gedanken verweilen zu lassen bei der aufopfernden Hingebung, welche sie so barmherzig gerettet hatte. Kirke wußte wenig, wie sie während der ruhigen Stunden, welche vergingen, ehe sie in Schlaf sank, in der Stilleinsamkeit ihres Kämmerleins seiner dachte. Keine Ahnung kam ihm in den Sinn von dem Einflusse, den er über sie ausübte, von dem neuen Geiste, den er in das neue Leben hauchte, das in der ersten Frische seines wiedererwachten Bewußtseins so empfänglich für Eindrücke war.

—— Sie hat Niemanden, der sie erheitert, das arme Kind, pflegte er traurig allein sitzend auf seinem kleinen Zimmer im zweiten Stock zu denken. Wenn ein rauher Gesell, wie ich, ihr helfen kann, die trägen Stunden hinwegzutändeln, bis ihre Verwandten hierher kommen, soll sie recht gern Alles haben, was ich ihr nur erzählen kann.

Er war jetzt verstimmt und unruhig, so oft er allein war. Allmählich nahm er die Gewohnheit an, lange einsame Abendspaziergänge zu machen, wo Magdalene dachte, er schlafe schon. Einmal ging er plötzlich bei Tage aus, in Geschäften, wie er sagte. Es war Etwas zwischen ihm und Magdalenen vorgefallen den Abend zuvor, was dieselbe veranlaßt hatte, ihm ihr Alter zu sagen.

—— Zwanzig am letzten Geburtstage! dachte er. Zwanzig von einundvierzig!... Eine leichte Zahl zum Abziehen, so leicht, wie sie mein kleiner Neffe sich nur wünschen könnte!

Er ging auf die Werften und schaute mit bitterem Lächeln auf die Schiffe hin.

—— Ich darf nicht vergessen, wie ein Schiff gemacht ist, sagte er. Es wird nicht lange mehr dauern, so bin ich wieder bei der alten Arbeit....

Als er die Werft verließ, besuchte er einen alten Seekameraden, der Verheirathet war. Im Laufe des Gesprächs frug er, wie viel älter sein Freund sei, als seine Frau. Es waren sechs Jahre Unterschied dazwischen.

—— Der Unterschied ist wohl gerade groß genug? sagte Kirke.

—— Ja, sagte der Freund. Vollkommen genug. Schaust Du Dich endlich auch nach einer Frau um? Sieh zu, daß Du ein reifes Weib Von fünfunddreißig bekommst, das ist Dein Fahrwasser, Kirke, so weit ich es beurtheilen kann.

Die Zeit verstrich schnell und leicht, die Zeit, wo sie so glücklich genas, die Zeit, wo er anfing, mißtrauisch zu werden.

Eines Morgens in der Frühe überraschte Mr. Merrick Kirke durch einen Besuch auf dessen kleinem Zimmer im zweiten Stock.

—— Ich kam gestern zu der Ueberzeugung, sagte der Arzt, indem er jählings gleich von der Hauptsache anfing, daß Ihre Kranke endlich stark genug ist, daß wir es nunmehr recht gut darauf ankommen lassen können, uns mit ihren Verwandtem in Verbindung zu setzen. Ich habe demnach den Faden, den uns der wunderliche Kauz, Hauptmann Wragge, in die Hand gegeben, verfolgt. Sie erinnern sich, daß er uns gerathen, uns an Mr. Pendril, den Advocaten, zu wenden? —— Ich besuchte Mr. Pendril, vor zwei Tagen und wurde von ihm nicht sehr bereitwillig, wie ich merkte, an eine Dame Namens Miss Garth verwiesen. Ich hörte genug von ihr, um mich zu überzeugen, daß wir eine kluge Vorsicht gebraucht haben. Es ist eine sehr,sehr traurige Geschichte, und halte mich verbunden,, zu sagen, daß ich dem armen Mädchen da unten viel zu Gute halten will. Ihre einzige Verwandte auf der Welt ist ihre ältere Schwester. Ich habe gerathen, daß die Schwester erst ihr schreiben und dann, wenn der Brief kein Unheil anrichtet, in ein oder zwei Tagen selber kommen soll. Ich habe die Adresse nicht gegeben, um zu verhindern, daß ohne meine Erlaubniß Besuche gemacht werden. Alles, was ich gethan habe, ist daß ich mich erboten habe, den Brief zu besorgen, und werde ihn, wenn ich zurückkomme, wahrscheinlich zu Hause vorfinden. Können Sie zu Hause bleiben, bis ich mein Diener damit hergeschickt habe? Es ist nicht die geringste Aussicht vorhanden, daß ich ihn selber bringen kann. Alles was Sie zu Thun haben, ist, eine Gelegenheit abzupassen, wo sie nicht im Vorderzimmer ist, und den Brief irgend wohin zu legen, wo sie ihn sehen kann, wenn sie hereinkommt. Die Handschrift auf der Adresse wird ihr schon alles sagen, ehe sie noch den Brief erbricht. Sagen Sie ihr Nichts davon, sorgen Sie, daß die Writhin in der Nähe ist und auf den ersten Ruf da sein kann, und überlassen Sie sich selbst. Ich weiß, ich kann Ihnen vertrauen, daß Sie meine Weisung befolgen werden, und darum bitte ich eben Sie, daß Sie dies Übernehmen. —— Sie sehen heute Morgen nicht guter Laune aus. Natürlich genug. Sie sind gewohnt, im Freien zu leben,Capitän, und Sie fangen an diesem engen Hause sich unbehaglich zu fühlen.

—— Darf ich Sie etwas fragen, Doctor? —— Fühlt sie sich in diesem engen Hause ebenfalls unbehaglich? Wenn ihre Schwester kommt, wird dieselbe sie mit fortnehmen?

—— Ganz entschieden, wenn man meinem Rathe folgt. Sie wird stark genug sein, um in einer Woche oder noch nicht einmal so lange fortgeschafft zu werden. —— Guten Tag. —— Sie sind gewiß und wahrhaftig in sehr übler Stimmung, und Ihre Hand fühlt sich fieberheiß an. Nur Sehnsucht nach dem blauen Wasser,Capitän, Sehnsuch nach dem blauen Wasser!

Mit diesem Ausspruch ging der Arzt heiter hinweg.

In einer Stunde kam der Brief an. Kirke nahm ihn mit Widerstreben von der Wirthin in Empfang, fast rauh und ohne ihn anzusehen. Als er sich überzeugt, daß Magdalene noch mit dem Anziehen beschäftigt war, und er der Wirthin die Nothwendigkeit klar gemacht, daß sie, des Rufes gewärtig, sich in der Nähe verhalte, ging er augenblicklich die Treppe hinunter und legte den Brief auf den Tisch im Vorderzimmer.

Magdalene hörte den Ton des wohlbekannten Schrittes auf der Flur.

—— Ich werde gleich fertig sein, rief sie ihm durch die Thür zu.

Er antwortete nicht; er nahm seinen Hut und ging fort. Nach einem augenblicklichen Zögern wandete er sich nach Osten und besuchte die Reeder, welche seine Dienste benutzten, auf ihrem Comptoir in Cornhill.



Kapiteltrenner

Drittes Capitel.

Magdalenes erster Blick im leeren Zimmer zeigte ihr den Brief auf dem Tische. Die Aufschrift machte ihr, wie der Arzt es ausgesagt, im demselben Augenblicke, wo sie den Brief sah, Alles kund.

Nicht ein Wort entschlüpfte ihr. Sie saß am Tische, bleich und still mit dem Briefe auf dem Schoße. Zwei Mal versuchte sie ihn zu öffnen, und zwei Mal legte sie ihn wieder weg. Die Vergangenheit kam ihr nicht allein in den Sinn, als sie die Schrift ihrer Schwester sah, die Furcht vor Kirke kam zugleich mit ihr.

—— Mein vergangenes Leben! dachte sie. Was wird er von mir denken, erführe er mein vergangenes Leben?...

Sie machte einen neuen Versuch und erbrach den Brief. Ein anderer Brief fiel ihr aus dem Umschlage entgegen, der auch an sie gerichtet, aber von einer ihr nicht bekannten Handschrift war. Sie legte den zweiten Brief bei Seite und las die Zeilen, welche Nora geschrieben hatte.

Ventor
auf der Insel Wright,
den 24.Aug.

Theuerste Magdalene!

Wenn Du diesen Brief liest, so denke, wir seien nur seit gestern getrennt gewesen, und banne aus Deiner Seele, wie ich es mit der meinigen gemacht habe, die Vergangenheit und , was dazu gehört, hinweg.

Man hat mir auf das Bestimmteste verboten, Dich aufzuregen oder Dich durch einen langen Brief zu ermüden. Habe ich Unrecht, wenn ich Dir sage, daß ich das glücklichste Wesen unter der Sonne bin? Ich hoffe doch nicht; denn ich kann das Geheimnis nicht für mich behalten.

Meine Geliebte, bereite Dich auf die größte Ueberraschung vor, die ich Dir je bereitet habe. Ich bin verheirathet. —— Heute ist es erst eine Woche, seitdem ich meinen alten Namen abgelegt habe, eine Woche, seit ich die glückliche Gattin von Georg Bartram auf St. Crux bin.

es stand anfangs unserer Verheirathung Hindernisse entgegen; einige davon waren meine eigene Schuld. Zum Glück wußte mein Gatte von Anfang, daß ich ihn doch liebte; er gab mir zum zweiten Male Gelegenheit, ihm das zu sagen, nachdem ich schon die erste verloren hatte, und wie Du siehst, war ich das Mal so gescheit, mir sie zu Nutze zu machen. Du solltest eigentlich ganz genau in diese meine Verheirathung eingeweiht werden, denn Du bist die Ursache derselben. Wenn ich nicht nach Aldborough gegangen wäre, um die letzte Spur von Dir zu verfolgen, wenn George nicht zur selben Zeit durch Umstände, die Dich mit betreffen, dorthin geführt worden wäre: so hätten wir, mein Gatte und ich, uns nie begegnet. Wenn wir auf unsere ersten Eindrücke von einander zurückblicken, sehen wir auf Dich zurück.

Ich muß mein Versprechen halten, Dich nicht zu ermüden, ich muß —— recht traurig und gegen meinen Willen —— zum Abschluß eilen. Geduld! —— Geduld! —— Bald werde ich Dich sehen. George und ich kommen nach London, um Dich nach Ventor mit uns heim zu nehmen. Dies ist meines Gatten Einladung sowie die meinige. Glaube ja nicht, Magdalene, daß ich ihn eher zum Manne nahm, als bis ich ihn gelehrt hatte, so von Dir zu denken, wie ich selbst, meine Wünsche, meine Hoffnungen zu theilen. Ich könnte, ach, noch so viel mehr über George sagen, wenn ich meine Gedanken und meiner Feder freien Lauf lassen dürfte. Aber ich muß Miss Garth auf ihren besonderen Wunsch einen offenen Raum lassen, um die letzte Seite dieses Briefes auszufüllen, und ich darf nur ein einziges Wort, Dich zu benachrichtigen, daß ich noch eine Ueberraschung für Dich in Bereitschaft habe, die ich mir Vorbehalte, bis wir persönlich zusammenkommen. Versuche nicht, zu errathen, was es ist.Du könntest ein Menschenalter hindurch rathen und nicht näher kommen, als Du jetzt der Entdeckung der Warheit bist.

Deine

Dich liebende Schwester,
Nora Bartram.

Zusatz von Miss Garth.
Theures Kind!

Wenn ich jemals meine alte zärtliche Erinnerung an Dich verloren hätte, so würde ich dieselbe jetzt wieder in mir fühlen, jetzt, wo ich weiß, daß es Gott gefallen hat, Dich uns in seiner Gnade wieder zu schenken vom Rande des Grabes weg! Ich füge diese Zeilen dem Briefe Deiner Schwester hinzu, weil ich nicht gewiß weiß, ob Du ganz so im Stande bist, wie ich denke, ihren Vorschlag anzunehmen. Sie hat kein Wort über ihren Gatten gesagt, das nicht vollkommen wahr ist. Allein Mr. Bartram ist Dir fremd, und wenn Du glaubst, daß Du leichter und angenehmer unter den Flügeln Deiner alten Lehrerin und Erzieherin Dich erholen kannst, als unter dem Schutze Deines neuen Schwagers, so komm erst zu mir und sei versichert, daß ich Nora schon wegen der Aenderung in ihrem Plane zur Ruhe sprechen werde. Ich habe mir den Verkauf eines kleinen Landsitzes zu Shanklin gesichert, der nahe genug bei Deiner Schwester ist, daß Du dieselbe sehen kannst, so oft Du willst, und weit genug entfernt, wenn Du allein zu sein wünschest. Schicke mir eine einzige Zeile, ehe wir uns treffen, und sage Ja oder Nein, ich schreibe dann sofort nach Shanklin mit der nächsten Post.

Immerdar

Deine herzlich getreue
Harriet Garth.

Der Brief fiel Magdalenen aus der Hand. Gedanken, welche ihr nie in den Sinn gekommen waren, keimten jetzt darinnen auf.

Nora, deren Muth unter unverdienter Trübsal nur von dem Entschlusse der Entsagung eingegeben war, Nora die ruhig ihr hartes Loos hingenommen hatte, die von Anfang bis zuletzt an keine Rache gedacht und sich zu keiner Täuschung herabgelassen hatte: Nora hatte das Ziel erreicht, das alle Schlauheit, alle Entschlossenheit und alle Tollkühnheit ihrer Schwester nicht zu erreichen im Stande gewesen waren. Offen und ehrlich mit Liebe auf der einen und Liebe aus der andern Seite hatte Nora den Mann geheirathet, der das Combe-Raven-Vermögen besaß, und Magdalenens eigener Anschlag, dasselbe wieder zu erlangen, hatte den Weg gebahnt zu dem Ereignisse, das die beiden jetzigen Eheleute zusammen geführt hatte.

Als das Licht der überwältigenden Entdeckung in ihrem Geiste aufging, wurde der alte Kampf erneuert, und das Gute und Böse stritten noch ein Mal in ihr um den Besitz ihrer Seele; aber dies Mal mit verstärkter Macht, mit dem neuen Geiste, der in ihr neues Leben gekommen, mit dem edlern Gefühl, das mit dem Wachsen ihrer Dankbarkeit gegen den Mann gewachsen war, der sie gerettet hatte, auf Seiten ihres guten Engels. Alle höheren Triebe ihrer Natur, die von Anfang bis zuletzt sie nie ungestraft hatten Fehler begehen lassen, welche sie vor und nach ihrer Verheirathung mit Gewissensbissen heimgesucht hatten, wie sie kein ursprünglich herzloses und ursprünglich verderbtes Weib fühlen kann, alle edleren Elemente ihres Charakters gewannen ihre Macht über sie wieder in dem entbrennenden Kampfe und gaben ihr Kraft, ohne Zucken und Murren der Enthüllung, die sich vor ihren Blicken aufthat, ins Auge zu sehen.

Allmählich fiel es ihr im Lichte ihres unsterblichen Lebens wie Schuppen von den Augen, die Wahrheit erhob sich aus der Asche erstorbener Leidenschaften, aus der Gruft begrabener Hoffnungen. Als sie wieder auf den Brief sah, als sie die Worte noch einmal las, welche ihr sagten, daß die Wiedererlangung des verlorenen Vermögens das Werk ihrer Schwester sei, nicht das ihrige, —— hatte sie alle kleinen Bitterkeiten und alle gemeinen Regungen niedergekämpft, konnte sie in ihres geheimsten Herzensgrunde nur sich sagen:

—— Nora hat es verdient!

Der Tag rückte vor. Sie saß in ihre Gedanken versunken und achtete nicht des zweiten Briefes, den sie noch nicht geöffnet hatte, bis Kirke zurück kam.

Er blieb auf dem Treppenvorsprung draußen stehen und frug, indem er die Thür nur ein wenig öffnete, ohne ins Zimmer zu treten, ob sie Etwas brauche, das er ihr senden könne. Sie bat ihn, näher zu treten. Sein Gesicht sprach Müdigkeit und Verstimmung aus, er sah älter denn je aus.

—— Haben Sie den Brief für mich auf den Tisch hergelegt? frug sie.

—— Ja. Ich legte ihn auf des Arztes Geheiß dahin.

—— Der Arzt sagte Ihnen wohl, daß er von meiner Schwester wäre? —— Sie kommt, mich zu besuchen und auch Miss Garth kommt, mich zu besuchen. Sie werden Ihnen besser, als ich es vermag, für alle Ihre Güte gegen mich danken.

—— Ich habe kein Recht auf ihren Dank, anwortete er herb. Was ich gethan habe, that ich für Sie, nicht um ihretwillen.

Er wartete ein wenig und sah sie an. Sein Gesicht würde ihn in diesem Blicke verrathen haben, seine Stimme hätte ihn in den nächsten Worten, die er sprach, verrathen, wenn —— sie nicht schon die Wahrheit errathen gehabt hätte.

—— Wenn Ihre Verwandten und Freunde hierher kommen, fuhr er fort, werden sie Sie wohl mit fortführen an einen bessern Ort, als dieser ist?

—— Sie können mich an keinen Ort mit fortnehmen, sagte sie sanft, von dem ich so denken werde, wie von dem, wo Sie mich fanden. Sie können mich zu keinem theureren Freunde führen, als zu dem, der mir das Leben gerettet hat.

Es trat ein augenblickliches Stillschweigen ein.

—— Wir sind hier sehr froh gewesen. fuhr er fort in leiseren und immer leiseren Tönen. Sie werden mich nicht vergessen, wenn ich Ihnen Lebewohl gesagt habe?

Sie erbleichte, als diese Worte über seine Lippen kamen, verließ plötzlich ihren Stuhl und kniete an dem Tische nieder, daß sie zu ihm hinauf ins Gesicht sehen und ihn nöthigen konnte, in das ihrige zu schauen.

—— Warum reden Sie davon? frug sie. Wir nehmen doch noch nicht Abschied von einander, wenigstens jetzt nicht.

—— Ich dachte . . . . begann er.

—— Nun?

—— Ich dachte, Ihre Verwandten kämen hierher...

Sie unterbrach ihn eifrig.

—— Denken Sie, ich würde mit Jemand fortgehen, sagte sie, sogar mit der liebsten Verwandten auf Erden, die ich habe, und Sie hier lassen, ohne zu wissen und mich darum zu bekümmern, ob ich Sie jemals wieder sähe?

—— Ach, Das können Sie doch nicht von mir denken! rief sie aus, indem ihr heiße Thränen in die Augen traten. Sie denken doch Das gewiß nicht von mir!

—— Nein, sagte er, ich habe nimmer ungerecht oder unwürdig von Ihnen gedacht, kann nimmer so denken.

Ehe er ein Wort hinzusehen konnte, verließ sie den Tisch so plötzlich, wie sie sich demselben genähert hatte, und kehrte zu ihrem Stuhle zurück. Er hatte unbewußterweise in Ausdrücken geantwortet, welche sie an die bittere Nothwendigkeit gemahnten, die noch zu erfüllen war, die Notwendigkeit, ihm die Geschichte ihrer Vergangenheit zu erzählen. Nicht ein Gedanke, ihm diese Geschichte vorzuenthalten, kam ihr in den Sinn.

—— Wird er mich noch lieben, wenn er die Wahrheit weiß, wie er mich jetzt liebt?...

Dies war ihr einziger Gedanke, als sie jetzt unmittelbar und ohne Zagen auf den Gegenstand einzugehen versuchte.

—— Wir wollen meine eigenen Empfindungen ganz bei Seite lassen, sprach sie. Es giebt einen Grund, daß ich nicht von hier fortgehe, bis ich erst die Gewißheit habe, Sie wieder zu sehen. Sie haben einen Anrecht, das stärkste Anrecht —— zu wissen, wie ich hierher kam, was meine Freunde noch nicht wissen, und wie es kam, daß Sie mich so weit herabgesunken fanden.

—— Ich mache kein Anrecht geltend, sagte er hastig. Ich wünsche Nichts zu erfahren, dessen Erzählung Ihnen das Herz schwer macht.

—— Sie haben immer Ihre Pflicht gethan, antwortete sie mit einem matten Lächeln. Lassen Sie mich Sie zum Muster nehmen, wenn ich kann, und sehen, ob ich die meinige erfüllen kann.

—— Ich bin alt genug, um Ihr Vater sein zu können, sagte er mit Bitterkeit. Eine Pflicht ist leichter in meinem, denn in Ihrem Alter gethan.

Er hatte immer sein Alter im Sinne, so daß er glaubte, auch sie dächte stets daran. Sie hatte nie mit einem Gedanken daran gedacht. Die Anspielung, die er aber darauf machte, brachte sie keinen Augenblick von dem Gegenstande ab, von dem sie mit ihm sprach.

—— Sie wissen nicht, wie sehr ich Ihre gute Meinung von mir hoch halte, sprach sie und rang innerlich mit Entschlossenheit, um ihren sinkenden Muth aufrecht zu erhalten. Wie kann ich Ihre Güte verdienen, wie kann ich fühlen, daß ich Ihrer Achtung werth bin, bevor ich Ihnen nicht mein Inneres eröffnet habe? Ach, machen Sie mich nicht noch muthloser in meiner elenden Schwäche! Helfen Sie mir, daß ich Ihnen die Wahrheit sage, zwingen Sie mich, sie zu sagen, um meinetwillen, wenn nicht um Ihretwillen.

Er wurde tief gerührt durch die innige Aufrichtigkeit dieser Bitte.

—— Gut, Sie sollen es erzählen, sprach er; Sie haben Recht, ich Unrecht.

Er wartete ein wenig und dachte nach.

—— Würde es Ihnen leichter fallen, frug er mit einer zarten Schonung für sie, es lieber schriftlich zu thun, als mündlich?

Sie faßte den Vorschlag begierig auf.

—— Weit leichter, erwiderte sie. Ich kann meiner gewiß sein, kann sicher sein, Ihnen Nichts zu verbergen, wenn ich es schreibe.

—— Schreiben Sie mir aber Ihrerseits nicht! fügte sie plötzlich hinzu.

Sie sah mit dem angeborenen weiblichen Scharfblick sofort die Gefahr und das Mißliche vor Augen, das daraus entstehen konnte, wenn sie ganz ihren Einfluß als Weib aus den Händen gab.

—— Warten Sie, bis wir wieder beisammen sind, und sagen Sie mir mündlich, was Sie davon denken.

—— Und wo soll ich es Ihnen sagen?

—— Hier, sagte sie eifrig. Hier, wo Sie mich hilflos fanden, hier, wo Sie mich ins Leben zurück gerufen, hier, wo ich Sie zuerst kennen gelernt habe. Ich kann die härtesten Worte, die Sie mir sagen, ertragen, wenn Sie mir nur dieselben auf dieser Stube sagen. Es ist unmöglich, daß ich länger als einen Monat wegbleiben kann, ein Monat wird hinreichen und mehr als Das. Wenn ich zurückkomme...

Sie hielt verlegen inne.

—— Ich denke an mich selbst, sprach sie, wo ich nur an Sie denken sollte. Sie haben selbst Ihre Beschäftigungen und selber Freunde. Werden Sie sich für uns entscheiden? Werden Sie sagen, wie es werden soll?

—— Es soll so werden, wie Sie es wünschen. Wenn Sie in vier Wochen zurückkommen, werden Sie mich hier finden.

—— Wird es Ihnen kein Opfer in Ihrer Bequemlichkeit und Ihren Plänen kosten?

—— Es wird mir Nichts kosten, als eine Reise zurück in die Hauptstadt, versetzte er.

Er stand auf und nahm seinen Hut.

—— Ich muß jetzt gleich fort; setzte er hinzu sonst komme ich nicht mehr zur rechten Zeit.

—— Haben Sie sich wohin verabredet? sagte sie und hielt ihm ihre Hand entgegen.

Ja, antwortete er ein wenig trübe. Es ist eine Verabredung.

So leise dieser Schatten von Traurigkeit in seiner Art und Weise angedeutet war, so machte ihr Dies doch schon Kummer. Indem sie alle anderen Sorgen über die eine, ihn zu erheitern, vergaß, faßte sie sanft die Hand, welche er ihr gab.

—— Wenn Das ihm die Wahrheit nicht sagen wird, dachte sie, so thut es Nichts.

Es sagte ihm allerdings die Wahrheit nicht; aber es nöthigte ihm eine Frage auf, die er sich vordem noch nicht vorzulegen gewagt hatte.

—— Ist es Dankbarkeit oder Liebe, die so zu mir spricht? frug er sich... Wenn ich nur ein jüngerer Mann wäre, so könnte ich beinahe hoffen, daß es Liebe ist....

Jene furchtbare Abzugssumme, welche ihm zuerst an dem Tage, wo sie ihm ihr Alter sagte, vor die Seele getreten war, fing an ihn aufs Neue zu beunruhigen, als er das Haus verließ. Er zog auf seinem ganzen Wege nach dem Comptoir der Reeder in Cornhill alle Augenblicke bei sich die Zwanzig von der bösen Einundvierzig ab.

Als Magdalene sich wieder allein sah, trat sie an den Tisch, um die Zeile Antwort zu schreiben, um welche Miss Garth sie ersuchte, und dankbar das ihr von dieser Seite gemachte Erbieten anzunehmen.

Der zweite Brief, welchen sie bei Seite gelegt und außer Acht gelassen hatte, war das Erste, was ihr, als sie ihren Platz verließ, in die Augen fiel. Sie erbrach ihn sofort und sah, da sie die Hand nicht kannte, nach der Unterschrift. Zu ihrem unendlichen Erstaunen erwies sich der Brief als von niemand Anderes kommend, denn —— vom alten Mr. Clare!

Der Brief des Philosophen ließ alle gewöhnlichen Formen der Ueberschrift weg und ging ohne Einleitung irgend welcher Art sofort in folgenden unzweideutigen Worten auf die Sache selbst ein.

Ich habe neue Nachrichten für Dich von dem verachtungswürdigen Schurken, meinem Sohn; Hier folgen dieselben in den kürzest möglichsten Worten.

Ich habe Dir immer gesagt, wenn Du Dich erinnern kannst; Frank ein erbärmlicher Kriecher sei. Die allererste Spur, die nach seinem Entweichen aus dem Hause seiner Prinzipale in China wieder von ihm aufgefunden wurde, stellt ihn in diesem Charakter dar. Wohin denkst Du, daß er sich zunächst wandte? Er schleicht sich verborgen hinter ein Paar Mehlfässer aus ein von Hong-Kong nach London heimfahrendes englisches Kauffahrteischiff ein.

Der Name des Schiffes war: »DELIVERANCE«, und der Commandant desselben war ein Capitain Kirke. Anstatt wie ein Mann von Tact zu handeln und Frank über Bord zu werfen, war Capitain Kirke thöricht genug, auf dessen Geschichte zu hören. Der machte alles Mögliche aus seinen Mißgeschicken, Das kannst Du Dir denken. Er sei halb verhungert, er sei ein in einem fremden Lande verlorener Engländer seine einzige Aussicht nach Hause zu kommen, sei gewesen, in den Schutz eines englischen Schiffes zu kriechen, und Das habe er denn auch vor zwei Tagen in Hong-Kong gethan. Das war seine Geschichte. Jeder andere Schlingel an Franks Stelle würde von einem andern Capitain die neunschwänzige Katze bekommen haben. Er, der von Niemand bemitleidet zu werden verdiente, Frank wurde, wie sich bei diesem Burschen von selbst versteht, sogleich gehätschelt und bedauert. Der Capitain faßte ihn bei der Hand, die Mannschaft bemitleidete ihn, und die Reisenden schlugen ihn zusprechend auf die Schulter. Er wurde beköstigt, herausstaffirt und mit dem Reisegeld nach Hause beschenkt. Das ist soweit Glück genug, wirst Du sagen. Nichts der Art, noch nicht Glück genug für meinen erbärmlichen Sohn.

Das Schiff legte am Cap der guten Hoffnung an. Unter den anderen thörichten Handlungen des Capitain Kirke, war auch noch die, daß er dort eine weibliche Reisende an Bord nahm, nicht etwa eine junge Frau, nein, die ältliche Witwe eines reichen Colonisten. Ist es erst nöthig zu sagen, daß dieselbe sofort das innigste Interesse an Frank und seinen Mißgeschicken nahm? Brauche ich Dir erst zu erzählen, was folgte? Schau zurück auf die Laufbahn meines sauberen Sohnes, und Du wirst bemerken, daß allemal Das, was folgte, mit dem vorhergehenden übereinstimmte. Er verdiente nicht die Theilnahme Deines armen Vaters; aber wohl besaß er dieselbe. Er verdiente Deine Neigung nicht; aber er besaß sie doch. Er verdiente nicht die beste Stelle in einem der ersten Comptoirs Londons, er verdiente nicht eine ebenfalls vortreffliche Aussicht in einem der besten Handelshäuser in China, er verdiente nicht Beköstigung, Ausstaffirung und freie Heimfahrt, und er bekam doch Alles. Endlich noch das Beste; er verdiente sogar nicht eine Frau zubekommen, die alt genug war, seine Großmutter zu sein, und doch hat ers auch dazu gebracht! Vor noch nicht fünf Minuten warf ich seine Hochzeitskarten ins Kamin und warf den Brief, der mit ihnen kam, ins Feuer. Die letzte Mittheilung welche dieser Brief enthielt, ist, daß er und seine Frau sich nach einem Hause und einem Gut umsehen, um dasselbe zu pachten. Denk an meine Worte! Frank wird eines der schönsten Güter in England haben, einen Sitz, im Hause der Gemeinen wird als selbstverständlich folgen, und einer von den Gesetzgebern dieses eselgerittenen Landes wird sein —— mein Schlingel.

Wenn Du das tactvolle Mädchen bist, für das ich Dich allerzeit gehalten habe, so hast Du schon längst gelernt, Frank nach seinem wahren Werthe zu schätzen, und die Nachricht, die ich Dir schicke, wird Dich nur noch in Deiner Verachtung für ihn bestärken; Ich wünschte nur, Dein seliger Vater hätte diesen. Tag erlebt! So oft ich auch meinen alten Kameraden vermißt habe, so bitter habe ich seinen Verlust noch nie empfunden, als da wo Franks Hochzeitskarten und Brief in mein Haus kamen. Immerdar Dein Freund, wenn Du einen brauchst.

Francis Clare.

Eine augenblickliche Störung ihrer Ruhe ausgenommen, welche durch das Vorkommen von Kirke’s Namen in Mr. Clare’s sonderbarer Geschichte erfolgte, las Magdalene den Brief ohne Unterbrechung von Anfang bis zu Ende durch. Die Zeit, wo er sie hätte aufregen können, war vorüber, die Schuppen waren ihr längst von den Augen gefallen. Mr. Clare selber würde sich nur gefreut haben, wenn er die ruhige Verachtung auf ihrem Gesichte hätte beobachten können, als sie seinen Brief weglegte. Der einzige ernste Gedanke, den er ihr kostete, betraf Kirke. Die oberflächliche und geringschätzige Art, in welcher er ihr von den Reisenden an Bord seines Schiffes Erwähnung gethan hatte, ohne einen von denselben auch nur mit Namen zu nennen, zeigte ihr, daß Frank Stillschweigen bewahrt haben mußte über das einst zwischen ihnen bestandene Verlöbniß. Das Geständnis dieser entschwundenen Täuschung war also ihr überlassen vor ihm abzulegen in der Geschichte ihrer Vergangenheit, welche sie, wie sie sich gelobt hatte, ohne Rückhalt darlegen wollte.

Sie schrieb an Miss Garth und schickte den Brief sofort zur Post.

Der nächste Morgen brachte eine Zeile zur Antwort. Miss Garth hatte geschrieben, um sich den Landsitz zu Shanklin zu sichern, und Mr. Merrick hatte eingewilligt, daß Magdalene dahin abginge. Nora sollte die Erste sein, die in dem Hause ankäme, und Miss Garth sollte folgen mit einem bequemen Wagen, um die Genesende zur Eisenbahn zu fahren. Jede nöthige Anordnung sei für sie getroffen worden, die Anstrengung der Reise sei die einzige, die sie selber zu machen haben werde.

Magdalene las den Brief mit dankerfülltem Herzen; aber ihre Gedanken schweiften hinweg davon und folgten Kirke auf seiner Rückkehr nach der Hauptstadt. Was war das für ein Geschäft, das ihn am Morgen dorthin geführt hatte? Und warum hatte die zwischen ihnen stattgefundene Verabredung ihn genöthigt, wieder nach der Stadt zu gehen —— zum zweiten Male an einem und demselben Tage?

War es vielleicht ein Geschäft, das sich auf die Schifffahrt bezog? Setzten ihm seine Principale zu, wieder zu Schiffe zu gehen.



Kapiteltrenner

Viertes Capitel.

Die erste Aufregung der Begegnung zwischen den Schwestern war vorüber. Die ersten lebhaften Eindrücke halb süßer, halb schmerzlicher Art hatten sich ein wenig gemildert, und Nora und Magdalene saßen Hand in Hand, Jedes von ihnen von der stillen Fülle seligen Glückes hingerissen.

Magdalene war die Erste, welche wieder Worte fand.

—— Du hast mir Etwas zu sagen, Nora?

—— Ich habe Dir tausend Dinge zu erzählen, meine Liebe, und Du hast tausend Dinge mir zu erzählen. —— Oder meinst Du vielleicht die andere Ueberraschung, von der ich Dir in meinem Briefe schrieb?

—— Ja wohl. Es muß mich sehr nahe angehen, sonst hättest Du es wohl schwerlich gleich in Deinem ersten Briefe erwähnt?

—— Es geht Dich sehr nahe an. Du hast von George’s Haus in Essex gehört? Du mußt wenigstens den Namen St. Crux kennen? —— Warum fährst Du dabei zusammen, meine Liebe? —— Ich fürchte, Du bist jetzt kaum stark genug für neue Ueberraschungen?

—— Vollkommen stark genug, Nora. Ich habe Dir ebenfalls Etwas von St. Crux zu sagen. —— Ich habe meinerseits eine Ueberraschung für Dich.

—— Willst Du es mir jetzt sagen?

—— Jetzt nicht. Du sollst es erfahren, wenn wir an der See sind, Du sollst es erfahren, ehe ich die freundliche Einladung annehme, die mich nach Deines Gatten Hause ruft.

—— Was kann es denn sein? Warum erzählst Du es nicht gleich?

—— Du gabst mir oft das Beispiel der Geduld, Nora, in früheren Zeiten —— willst Du mir jetzt wieder mit gutem Beispiele vorangehen?

—— Von ganzem Herzen. Soll ich auch zu meiner eigenen Geschichte zurückkehren? —— Ja? —— Dann will ich gleich darauf zurückkommen. Ich erzählte Dir, daß St. Crux das Haus meines George in Essex ist, das Haus, das er von seinem Oheim erbte. Da er wußte, daß Miss Garth den Ort gern sehen mochte, hinterließ er, als er nach des Admirals Tode verreiste, daß sie und ihre Freunde, die mit ihr kämen, willkommen sein sollten, wenn sie während seiner Abwesenheit zufällig in die Nähe kommen sollten. Miss Garth und ich und eine große Gesellschaft von Mr. Tyrrels Freunden befanden uns nicht lange nach George’s Abreise in der Nachbarschaft. Wir waren alle eingeladen gewesen, das Vomstapellaufen von Mr. Tyrrels neuer Yacht von der Werfte des Schiffszimmermeisters in Wivenhoe in Essex mit anzusehen. Als das Stapellaufen vorbei war, kehrte der Rest der Gesellschaft nach Colchester zurück, um zu Mittag zu speisen. Miss Garth und ich richteten es aber ein, daß wir in denselben Wagen zusammenkamen, mit Niemand weiter, als meine beiden kleinen Pfleglinge zur Gesellschaft. Wir gaben dem Kutscher seine Weisung und fuhren nach St. Crux. Wir wurden sofort, als Miss Garth ihren Namen nannte, eingelassen und im ganzen Hause umher geführt. Ich weiß nicht, wie ich es Dir beschreiben soll, es ist das seltsamste Haus, das ich in meinem Leben sah....

—— Versuche nicht, es zu beschreiben, Nora. Fahre lieber mit Deiner Geschichte fort.

—— Sehr gut. Meine Geschichte führt mich geradewegs in eines von den Gemächern auf St. Crux, ein Gemach, ungefähr so lang, als Eure Straße hier; so öde, so schmutzig und so entsetzlich kalt, daß ich bei der bloßen Erinnerung fröstele. Miss Garth war dafür, es sofort zu verlassen, je eher, je lieber, und das war auch meine Meinung. Aber die Haushälterin weigerte sich, uns fortzulassen, ehe wir erst ein sonderbares Zimmergeräthe, das einzige an dem unheimlichen Orte, gesehen hätten. Sie nannte es, glaube ich, einen Dreifuß. (Es ist ja hier Nichts dabei, liebe Magdalene, Du brauchst nicht unruhig zu werden, ich versichere Dich, Du brauchst nicht unruhig zu werden!) Jedenfalls war es ein wunderliches dreibeiniges Ding, das eine große Schale mit Kohlenasche auf der Spitze trug. Es wurde, wie uns die Haushälterin erzählte, von allen Sachverständigen als eine wunderbare Ciselirarbeit betrachtet, und sie wies namentlich auf die Schönheit eines Musters hin, das auf der Innenseite der Schale herumlief, mit lateinischen Denksprüchen darauf, besagend, ich weiß, nicht mehr, was. Ich fühlte nicht das geringste Interesse an dem Dinge, was mich betraf, aber ich sah die Zierath genauer an, um der Haushälterin den Willen zu thun. Um die Wahrheit zu sagen, war sie mit ihrer auswendig gelernten Vorlesung über getriebene Arbeiten herzlich langweilig, und während sie sprach, stand ich da und rührte müßig die federweiße Asche hin und her mit meiner Hand, indem ich that, als ob ich zuhörte, im Geiste aber hundert Meilen weit von ihr entfernt war. Ich weiß nicht, wie lange oder wie kurze Zeit ich mit der Asche gespielt, da trafen meine Finger auf ein Stück zusammengedrücktes Papier, das tief in ihr drin stak. Als ich es aus Licht brachte, war es ein Brief, ein langer Brief von einer gedrängten, engen Handschrift. —— Du hast meine Geschichte schon errathen, Magdalene, ehe ich sie endigen kann! Du weißt so gut, als ich, daß der Brief, den meine tändelnden Finger fanden, der Geheimartikel war... Halte Deine Hand auf, meine Liebe. Ich habe George’s Erlaubniß, Dir ihn zu zeigen: da ist er!

Sie drückte den Geheimartikel ihrer Schwester in die Hand. Magdalene nahm ihn von ihr gleichgültig hin.

—— Du! sagte sie, indem sie in der Erinnerung alles Dessen, was sie selber vergeblich gewagt hatte, alles Dessen, was sie vergeblich auf St. Crux gelitten hatte... Du hast ihn gefunden?

—— Ja, sagte Nora fröhlich. Der Artikel hat es gerade nicht anders gemacht, als alle andere Dinge, die verloren wurden. Suche nach denselben, und sie bleiben unsichtbar. Laß sie ruhen, und sie offenbaren sich selber! Du und Dein Anwalt, Magdalene, Ihr hattet Beide Recht, zu vermuthen, daß Dein Interesse bei dieser Entdeckung keines von gewöhnlicher Art war. Ich erspare Dir, alle unsere Verhandlungen und Erkundigungen, nachdem ich das zerknitterte Papier aus der Asche hervorgeholt hatte, anzuhören. Es endigte damit, daß an Georges Advocaten geschrieben und George selbst vom Festlande heimgerufen wurde. Miss Garth und ich sprachen ihn sogleich nach seiner Rückkunft, und er that, was Keines von uns konnte, er löste das Geheimniß des Artikels, der in der Kohlenasche verborgen gelegen hatte. Admiral Batram, mußt Du wissen, war sein ganzes Leben hindurch Anfällen von Nachtwandeln ausgesetzt. Er war nicht lange vor seinem Tode nachtwandelnd betroffen worden, gerade in der Zeit, wo er sich über diesen selbigen Brief da, den Du da in der Hand hast, den Kopf voll Sorgen hatte, George’s Meinung ist, daß er in seinem Schlafe geglaubt haben müsse, er thäte Etwas, was er sonst im wachen Zustande lieber gestorben wäre, ehe er es gethan hätte, nämlich er vernichte den Geheimartikel. Das Feuer war nicht lange zuvor in der Schale angezündet gewesen, und er sah es ohne Zweifel in seinem Traumzustande noch brennen. Dies war George’s Erklärung der sonderbaren Lage des Briefes, als ich ihn fand. Die Frage, was nun mit dem Briefe geschehen sollte, kam dann zunächst daran und war für eine Frau keine leichte Sache zum Verstehen. Aber ich beschloß, dies zu leisten, und ich leistete es, weil es ja Dich anging.

—— Laß mich meinerseits auch damit fertig werden, sagte Magdalene. Ich habe einen besonderen Grund, um zu wünschen, so viel von diesem Briefe zu erfahren, als Du selbst. Was hat derselbe für Andere ausgerichtet? Und was soll er für mich ausrichten?

—— Meine liebe Magdalene, wie sonderbar siehst Du ihn an, wie sonderbar sprichst Du davon! So werthlos es auch erscheinen mag, dies Stück Papier gibt Dir ein Vermögen.

—— Ist mein einziger Anspruch auf das Vermögen der, den dieser Brief mir gibt?

—— Ja; der Brief ist Dein einziger Anspruch. Soll ich versuchen, Dir es in ein paar Worten deutlich zu machen? An sich betrachtet hätte der Brief nach der Meinung des Advocaten zu einem Streitpuncte werden können, obschon ich glaube, daß George nimmer seine Einwilligung zu einem solchen Vorgehen gegeben hätte. Mit der Nachschrift aber betrachtet, die Admiral Bartram dazu gefügt hat (Du wirst die Zeilen sehen, wenn Du unter die Unterschrift auf der dritten Seite schauest), wird er gesetzlich so gut als moralisch für die Vertreter des Admirals bindend. —— Ich habe nun meinen geringen Vorrath juristischer Worte erschöpft und muß in meiner Sprache, nicht in der des Advocaten, fortfahren, das Ende der Geschichte einfach zu verfolgen. Alles Geld fiel zurück an Mr. Noël Vanstone’s Nachlaßmasse, noch ein juristisches Wort, —— mein Wortschatz ist reicher, als ich dachte —— aus einem auf der Hand liegenden Grunde: weil dieselbe nicht im Sinne von Mr. Noël Vanstone’s Weisung behandelt worden war. Wenn Mrs. Girdlestone noch gelebt hätte, oder wenn George mich einige Monate früher geheirathet hätte, so würde der Erfolg ein ganz anderer gewesen sein. So wie die Sache jetzt steht, ist die Hälfte des Geldes bereits unter die nächste Verwandtschaft von Mr. Noël Vanstone getheilt worden, das heißt auf gut Deutsch, unter meinem Mann und seine arme bettlägerige Schwester, die das Geld eines Tages, um erst dem Advocaten den Willen zu thun, annahm, den andern Tag aber es großmüthig wieder zurückgab, um nun auch ihren Willen zu haben. Soviel betreffs der einen Hälfte der Verlassenschaft. Die andere Hälfte, meine Liebe, ist ganz Dein. —— Wie seltsam sich Alles fügt, Magdalene! Es sind erst zwei Jahre, wo Du und ich noch enterbte Waisen waren, und wir theilen jetzt doch trotz alledem und alledem unseres seligen Vaters Vermögen unter uns!

—— Warte ein wenig, Nora. Unsere Theile kommen auf sehr verschiedene Art auf uns.

—— Wirklich? Mein Theil kommt durch meinen Mann auf mich. Deiner kommt auf Dich...

Sie hielt verlegen inne und wechselte die Farbe.

—— Vergib mir, meine einzige Liebe! sprach sie, indem sie Magdalenens Hand an ihre Lippen führte. Ich habe Vergessen, an was ich nicht hätte erinnern sollen. Ich habe Dir unbedacht Kummer gemacht!

—— Nein, sagte Magdalene, Du hast mir Muth gemacht.

—— Muth gemacht?

—— Du sollst sehen.

Mit diesen Worten stand sie ruhig vom Sopha auf und ging an das offene Fenster. Ehe Nora ihr folgen konnte, hatte sie den Geheimartikel in Stücke zerrissen und auf die Straße geworfen.

Sie kam auf das Sopha zurück und legte ihr Haupt mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung an Nora’s Busen.

—— Ich will meinem vergangenen Leben Nichts schuldig bleiben, sprach sie. Ich habe es von mir geworfen, wie ich diese Papierfetzen von mir geworfen habe. Alle Gedanken und alle dahin gehörende Hoffnungen sind für immer bei Seite geworfen!

—— Magdalene! Mein Mann wird nie zulassen, ich selber werde nie zulassen...

—— Stille, stille! Was Dein Gatte für Recht befindet, Nora, wollen wir, Du und ich, auch für Recht befinden. Ich will von Dir nehmen, was ich nimmer genommen hätte, wenn es dieser Brief mir gegeben hätte. Das Ende, von dem ich geträumt, ist eingetroffen. Nichts ist anders worden, als die Stelle, die, wie ich einst geglaubt hatte, wir zu einander einnehmen sollten. Es ist besser so, wie es ist, meine Liebe, weit besser, so wie es ist! So legte sie zuletzt ihre alte Verblendung und ihr altes Wesen als Opfer von sich ab. So trat sie ein neues und edleres Leben an.

* * * * * * * * * * *

* * * * * * * * * *

Ein Monat war vergangen. Die Herbstsonne schien glänzend sogar in den dunklen Straßen, und die Uhren in Der Nachbarschaft schlugen gerade Zwei, als Magdalene allein zu dem Hause in Aarons Anbau zurückkehrte.

—— Wartet er auf mich? frug sie besorgt, als die Wirthin sie hereinführte.

Er wartete im Vorderzimmer.

Magdalene schlich leise die Treppe hinauf, und pochte an.Er rief zerstreuten und gleichgültigen Tones: Herein! indem er offenbar dachte, es sei nur der Diener, der in das Zimmer zu treten wünsche.

—— Sie erwarteten mich kaum so bald? sagte sie, indem sie auf der Schwelle sprach und dort inne hielt, um sich an seiner Ueberraschung zu weiden, als er aufsprang und sie ansah.

—— Die einzigen Spuren der Krankheit, die noch auf ihrem Gesichte sichtbar waren, hinterließen eine Zartheit in seinen Umrissen, welche ihre Schönheit nur noch erhöhte. Sie war einfach in Musselin gekleidet. Ihr einfacher Strohhut hatte keinen andern Schmuck, als das weiße Band, mit welchem es spärlich besetzt war. Sie hatte in in ihren besten Tagen nicht lieblicher ausgesehen, als sie jetzt aussah —— wo sie mit einem kleinen Blumenkörbchen, das sie mit vom Lande heim gebracht hatte, auf den Tisch zuging und ihm ihre Hand reichte.

Er sah ängstlich und sorgenvoll aus, als sie ihn näher betrachtete Sie unterbrach seine ersten Fragen und Glückwünsche, um ihn zu fragen, ob er, seit sie zusammen Abschied genommen, die ganze Zeit in London geblieben, ob er nicht auch einmal weggegangen sei, um seine Familie, in Suffolk zu besuchen? —— Nein, er war seitdem immer in London gewesen. Er sagte ihr nie, daß das hübsche Pfarrhaus in Suffolk keine von jenen Beziehungen zu ihr selbst bot, an welchen die armen vier Wände in Aarons Anbau so reich waren Er sagte nur, er sei immer in London gewesen.

—— Ich möchte gern wissen, frug sie, indem sie ihm aufmerksam ins Gesicht sah, ob Sie auch so froh? sind, mich wieder zu sehen, als ich es bin, Sie wieder zu sehen?

—— Vielleicht bin ich es aus eine andere Weise doch noch mehr, antwortete er mit einem Lächeln.

Sie legte Hut und Schleier ab. und setzte sich wieder einmal in ihren Armstuhl.

—— Ich glaube, die Straße ist recht häßlich, sagte sie, und glaube auch, Niemand kann leugnen, daß das Haus sehr klein ist. Und doch, und doch, es ist Einem, als wenn man wieder daheim wäre. Setzen Sie sich hierher, wo Sie sonst immer saßen, und erzählen Sie mir Etwas von sich. Ich möchte gern Alles wissen, was Sie gethan haben, Alles, was Sie gedacht haben, seitdem ich fort gewesen...

Sie versuchte die endlose Reihe von Fragen wieder anzufangen, durch die sie gewohnt war ihn unvermerkt zum Sprechen zu bringen. Aber sie brachte sie weit weniger natürlich, weit weniger geschickt, als sonst heraus. Ihre einzige alles überwiegende Sorge beim Eintritt in das Zimmer war keine kleine. Nach Verlauf einer Viertelstunde, welche in erzwungenen Fragen von der einen und widerstrebenden Antworten von der andern Seite hinging, wagte sie sich endlich an den gefährlichen Gegenstand näher heran.

—— Haben Sie die Briefe erhalten, welche ich Ihnen von meinem Aufenthalte an der See schrieb? frug sie plötzlich, indem sie zum ersten Male wegsah.

—— Ja, sagte er, alle.

—— Haben Sie sie gelesen?

—— Jeden derselben, und zwar mehr als ein Mal.

Ihr Herz schlug, als sollte sie ersticken. Sie hatte ihr Versprechen tapfer gehalten. Die ganze Geschichte ihres Lebens von der Zeit ihres häuslichen Unglücks auf Combe-Raven bis dahin, wo sie den Geheimartikel vor den Augen ihrer Schwester vernichtet hatte, war ganz ihm vorgelegt worden. Nichts, was sie gethan, sogar Nichts was sie gedacht hatte, war seiner Kenntnißnahme vorenthalten worden. Gleich wie er ein gethanes Gelöbniß ihr gegenüber ausgeführt hätte, so führte sie das Gelöbniß ihm gegenüber aus. Sie hatte nicht gewankt in dem Entschlusse dies zu thun, und jetzt schwankte sie wegen der einen entscheidenden Frage, die zu thun sie hierher gekommen war. So stark der Wunsch auch in ihr war, zu wissen, ob sie ihn gewonnen oder verloren hätte, die Furcht vor der Entscheidung war in diesem Augenblick doch noch stärker. Sie wartete und zitterte, sie wartete und sagte Nichts weiter.

—— Darf ich mit Ihnen von Ihren Briefen sprechen? frug er. Darf ich Ihnen sagen...

Wenn sie ihn angeschaut hätte, als er diese wenigen Worte sprach, so würde sie ihm auf dem Gesichte angesehen haben, was er über sie dachte. Sie würde, so unschuldig er auch in seiner Weltkenntniß war, gesehen haben, daß er den unschätzbaren Werth, die all verklärende Tugend eines Weibes, das die Wahrheit sagt, erkannt hatte. Aber sie hatte nicht den Muth, ihn anzusehen, keinen Muth, ihre Augen von ihrem Schooße zu erheben.

—— Jetzt nur nicht gleich, sagte sie leise. Nicht gleich, nachdem wir uns wieder gesehen haben.

Sie stand rasch von ihrem Stuhle auf und ging ans Fenster, wandte sich wieder ins Zimmer und näherte sich dem Tische, nicht weit davon, wo er saß. Die Schreibmaterialien, die zerstreut um ihn lagen, gaben ihr einen Vorwand, den Gegenstand des Gesprächs zu wechseln, und sie ergriff denselben sofort.

—— Schrieben Sie eben an einem Briefe, frug sie, als ich hereintrat?

—— Ich dachte darüber nach, versetzte er. Es war nicht ein Brief, den man, ohne erst reiflich nachgedacht zu haben, schreiben kann.

Er stand auf, als er ihr geantwortet, um die Schreibmaterialien zusammenzulesen und wegzulegen.

—— Warum sollte ich Sie stören? sagte sie. Warum soll ich Ihnen nicht ein wenig helfen? Ist es ein Geheimniß?

—— Nein, kein Geheimnis«.

Er zögerte, als er ihr antwortete. Sie errieth sofort die Wahrheit.

—— Ist es über Ihr Schiff?

Er wußte freilich nicht, daß sie in ihrer Abwesenheit noch immer des Geschäftes eingedenk war, daß er, wie er meinte, ihr verborgen gehalten habe. Er wußte freilich nicht, daß sie bereits gelernt hatte, eifersüchtig auf sein Schiff zu sein.

—— Will man, daß Sie zu Ihrem alten Leben zurückkehren? fuhr sie fort. Will man, daß Sie wieder in See gehen? Müssen sie jetzt sogleich Ja oder Nein sagen?

—— Sogleich.

—— Wenn ich nun nicht gekommen wäre, wie ich doch that, würden Sie Ja gesagt haben?

Sie legte unwillkürlich ihre Hand auf seinen Arm, indem sie alle minder wichtigen Erwägungen in ihrer athemlosen Spannung zurückdrängte, seine nächsten Worte zu vernehmen. Das Geständniß seiner Liebe schwebte ihm schon auf den Lippen; aber er drängte es noch immer zurück.

—— Ich habe keine Sorge um mich selbst, dachte er. Aber wie kann ich gewiß sein, ihr nicht das Herz schwer zu machen.

—— Würden Sie Ja gesagt haben? wiederholte sie.

—— Ich war ungewiß, antwortete er, ich war ungewiß über Ja und Nein.

Ihre Hand drückte stärker auf seinen Arm, ein plötzliches Zittern ergriff sie in jedem Nerv, sie konnte nicht länger an sich halten. Ihr ganzes Herz flog ihm entgegen in, den nächsten Worten.

—— Waren Sie ungewiß um meinetwillen?...

—— Ja, sagte er. Nehmen Sie mein Bekenntniß für das Ihrige, ich war ungewiß um Ihretwillen....

Sie sagte Nichts weiter, sie sah ihn nur an. In diesem Blicke aber that sich endlich die Wahrheit ihm kund, den nächsten Augenblick lag sie in seinen Armen und vergoß selige Thränen der Freude, ihr Gesicht an seiner Brust verbergend.

—— Verdiene ich denn auch mein Glück? murmelte sie, indem sie endlich die eine Frage that. Ach, ich weiß, wie die armseligen Leute, die niemals gefehlt und nie gelitten haben, mir antworten würden, wenn ich sie fragen würde. Wenn sie meine Geschichte kennen, würden sie die Reizung vergessen und nur an die Beleidigung denken, sie würden sich an meine Sünde anklammern und alle meine Leiden übersehen. Sie aber sind nicht Einer von Leuten? Sagen Sie mir, ob Sie einen Schatten von Mißtrauen noch in sich haben. Sagen Sie es mir, wenn Sie zweifeln, ob der einzige theure Zweck meines künftigen Lebens für mich der ist, Ihrer würdig zu leben! Ich bat Sie, zu warten und mich zu sehen, ich bat Sie, wenn mir eine harte Wahrheit gesagt werden müßte, es mir hier mit Ihrem eigenen Munde zu sagen. Sag es mir, mein Geliebten mein Gemahl! sag es mir jetzt!

Sie schaute auf, immer noch an ihn geschmiegt, wie sie an der Hoffnung ihres bessern Lebens festhielt

—— Sage mir die Wahrheit! wiederholte sie.

—— Mit meinem eignen Munde?

—— Ja! antwortete sie schnell, Sage, was Du von mir hältst, mit Deinen eignen Lippen.

Und er beugte sich zu ihr hernieder und —— küßte sie.



E N D E



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