Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Erstes Buch - Auf Combe-Raven in Somersetshire - Neuntes Capitel
 

Namenlos



Neuntes Capitel.

Drei Monate vergingen. Während dieser Zeit verblieb Frank in London, kam seinen neuen Obliegenheiten nach und schrieb von Zeit zu Zeit versprochenermaßen an Mr. Vanstone, um ihm über sich selber Bericht zu erstatten.

Seine Briefe athmeten nicht etwa Begeisterung über seine kaufmännischen Beschäftigungen. Er schilderte sich als fort und fort herzlich schwach in Betreff der Zahlen. Er sei nun auch mehr denn je mit sich klar, —— jetzt wo es doch leider zu spät sei, —— daß er das Baufach dem Handel vorziehe. Trotz dieser seiner inneren Ueberzeugung, trotz der Kopfschmerzen, welche ihm das Sitzen auf einem hohen Schreibstuhle und das fortwährende Blicken über die Contobücher in ungesunder Luft verursache, trotz seines Mangels an Gesellschaft, seiner hastigen Frühstücke, seines schlechten Tisches in Speisehäusern sei, seine Sorgfalt im Dienst streng regelmäßig und sein Fleiß am Pulte unermüdlich. Man möge nur an den Vorstand der Abtheilung, in der er arbeite, sich wenden, wenn man eine Bestätigung dieser seiner Angaben haben wollte. Das war der allgemeine Sinn seiner Briefe, und Franks Adressat und Franks Vater waren über ihn in ihrer Meinung so weit auseinander, wie gewöhnlich. Mr. Vanstone nahm seine Briefe hin als eben soviel Beweise von der stetigen Entwickelung eines betriebsamen Strebens bei dem Schreiber derselben. Mr. Clare aber nahm seinen Standpunct gerade in der ihn kennzeichnenden entgegengesetzten Richtung.

—— Diese Londoner Menschen, sagte der Philosoph, machen mit solchen Schlingeln nicht viel Federlesens. Sie haben Frank einmal fest bei den Ohrläppchen gefaßt, er kann sich nicht vom Flecke rühren, und er macht nun aus der Noth eine Tugend.

Der Zeitraum von drei Monden als Probezeit für Frank in London vergingen in dem Hauswesen auf Combe-Raven weniger heiter als gewöhnlich.

Als der Sommer näher und näher rückte, wurde Mrs. Vanstones Lebensmuth trotz der kräftigen Anstrengungen die sie machte, um sich zu bezwingen, von Tage zu Tage geringer.

—— Ich thue mein Möglichstes, sagte sie zu Miss Garth; ich möchte meinem Gatten und den Kindern ein Beispiel von Fröhlichkeit geben, aber ich fürchte den Juli. ——

Noras geheime Sorgen um ihre Schwester machten sie selber, je weiter das Jahr vorrückte, noch ernster und unmittheilsamer als gewöhnlich. Sogar Mr. Vanstone verlor, als der Juli herankam, etwas von seiner gewöhnlichen geistigen Spannkraft. In der Gegenwart seiner Gattin nahm er sich zwar äußerlich zusammen, aber bei allen anderen Gelegenheiten hatte sich ein merklicher trüber Schatten auf seine Stirn gelagert und sein Benehmen verändert. Magdalene vollends war, nachdem Frank weggegangen war, so verändert, daß sie die allgemeine Gedrücktheit der Geister nur noch vermehrte, statt sie zu verscheuchen. Alle ihre Bewegungen waren langsam geworden, alle ihre gewöhnlichen Beschäftigungen wurden mit derselben lebensmüden Gleichgültigkeit betrieben, und sie brachte ganze Stunden einsam auf ihrem Zimmer zu. Das Interesse an ihrer Erscheinung erlitt empfindliche Einbuße, da sie sich nicht mehr in heitere Farben und mit Sorgfalt kleidete. Ihre Augen verloren ihre Beweglichkeit, ihre Nerven wurden reizbar, ihre Farbe veränderte sich auch zusehends nicht zum Besten: kurz, sie wurde sich und Allen um sie herum zur Last und zum Ueberdruß. —— So tapfer nun auch Miss Garth gegen diese wachsenden Schwierigkeiten im Hause ankämpfte, so litt doch ihr frischer Muth unter dieser Anstrengung. Ihre Gedanken kehrten öfterer und öfterer zu dem Märzmorgen zurück, wo der Herr und die Frau vom Hause nach London abgereist waren und wo das erste ernste Ereigniß seit einer Reihe von Jahren seine Schatten auf das Stillleben der Familie geworfen hatte. Wann sollten jene Schatten wieder weichen? Wann sollten jene Wolken, die den Umschwung hervorgebracht hatten, hinwegziehen und der Sonnenschein vergangener glücklicherer Tage bei ihnen wieder einkehren? ——

Der Lenz und der Frühsommer gingen vorüber. Der gefürchtete Julimonat kam mit seinen windstillen Nächten, seinen unbewölkten Morgen und seinen schwülen Tagen.

Am 15. des Monats ereignete sich Etwas, das Jedermann, nur nicht Nora, in Erstaunen setzte Zum zweiten Male ohne den geringsten in die Augen springenden Grund, zum zweiten Male ohne eine vorausgehende Anzeige oder Andeutung erschien Frank urplötzlich wieder im Hause seines Vaters!

Mr. Clares Lippen öffneten sich schon, um die Rückkehr seines Sohnes mit dem alten Liede vom »schlechten Schilling« zu begrüßen, schlossen sich aber wieder, ohne ein Wort vorzubringen. Es war in Franks Wesen eine auffallende Ruhe und Sicherheit, welche zu erkennen gab, daß er dies Mal ganz andere Nachrichten zu bringen hatte, als die von seiner Entlassung. Er beantwortete seines Vaters sardonisch forschenden Blick durch die sofortige Erklärung, daß ihm diesen Morgen auf dem Comtoir ein sehr wichtiger Antrag zu seinem künftigen Besten gemacht worden sei. Sein erster Gedanke sei gewesen, die Einzelheiten desselben brieflich zu melden, allein die Geschäftstheilhaber hätten bei besserer Ueberlegung gemeint, die nothwendige Entscheidung sei doch rascher zu erreichen durch eine persönliche Unterredung mit seinem Vater und seinen Freunden. Er habe daher seine Feder bei Seite gelegt und sich sofort auf die Eisenbahn gesetzt.

Nach dieser einleitenden Angabe ging Frank auf den Antrag selber, welchen seine Principale ihm gemacht hatten, näher ein, zeigte aber durch seine Mienen an, daß er denselben in jeder Hinsicht im Lichte einer kaum überwindlichen Schwierigkeit betrachte.

Die große Firma in der City von London hatte in Beziehung auf ihren Mitarbeiter eine Beobachtung gemacht, welche der Entdeckung aufs Haar ähnlich sah, die sich dem Baumeister in Bezug auf seinen Schutzbefohlenen aufgedrängt hatte. Bei dem jungen Manne war, wie sie es höflich ausdrückten, ein besonderes Reizmittel um ihn aufzustacheln, nöthig. Seine Principale hatten nun, indem sie dadurch ihrer Verpflichtung gegen den Herrn, welcher Frank empfohlen hatte ——, am Besten nachzukommen glaubten die Sache sorgfältig in Erwägung gezogen und waren zu dem Schluß gekommen, daß der einzige Erfolg versprechende Weg, Mr. Francis Clare nützlich zu verwenden, eine Entsendung desselben in einen andern Welttheil wäre.

In Folge dieser Entscheidung wurde ihm nun der Vorschlag gemacht, in das Haus ihres Geschäftsfreundes in China einzutreten und dort fünf Jahre zu bleiben, um sich an Ort und Stelle mit dem Theehandel und dem Seidengeschäft vollständig vertraut zu machen. Nach Ablauf dieser Zeit sollte dann er wieder in das Hauptgeschäft in London eintreten. Wenn er in China diese Gelegenheit gut benutzen würde, so käme er dann zwar noch immer als junger Mann zurück, allein geschickt für seine einträgliche Vertrauensstelle und zu der Aussicht berechtigt, in nicht ferner Zeit bei der Begründung eines eigenen Geschäfts von dem Hause unterstützt zu werden. Solches waren die neuen Aussichten, welche —» um Mr. Clares Gedankengang zu folgen »— sich dem immer widerwilligen, immer unbehilflichen, immer Undankbaren Frank jetzt aufdrängten. Es war keine Zeit zu verlieren. Die entscheidende Antwort mußte »Montag, den 20.« auf dem Comtoir sein; die Correspondenten in China mußten mit Post vom selbigen Tage Avis erhalten, und Frank sollte entweder dem Briefe mit erster Gelegenheit nachfolgen, oder auf diese Stelle zu Gunsten eines mehr Unternehmungslust zeigenden jungen Mannes Verzicht leisten.

Mr. Clares nahm diese Nachricht von außerordentlicher Tragweite in einer Weise auf, die in Erstaunen setzte. Die ruhmvolle Perspective von seines Sohnes Verbannung nach China schien ihm den Kopf schwindelig gemacht zu haben. Das feste Postament seiner Philosophie brach unter ihm zusammen, die gesellschaftlichen Vorurtheile gewannen wieder Einfluß auf seinen Geist. Er faßte Frank beim Arme und begleitete ihn nach Combe-Raven in höchst eigener Person und in der erstaunlichen Eigenschaft als Besucher dieses Hauses.

—— Da bin ich mit meinem Schlingel, sagte Mr. Clare, ehe die erstaunte Familie zu Worten kommen konnte. Hören Sie Alle hier seine Geschichte Sie hat mich zum ersten Male in meinem Leben mit der Anomalie seines Daseins wieder ausgesöhnt.

Frank erzählte nun kleinmüthigen Tones die chinesische Aussicht zum zweiten Male und versuchte, daran seinen eigenen Anhang von allerhand Aussetzungen und Bemängelungen zu knüpfen. Sein Vater unterbrach ihn gleich beim ersten Worte, zeigte mit einer keinen Widerspruch duldenden Miene nach Südosten —— von Somersetshire geradwegs nach China —— und sagte, ohne sich einen Augenblick zu besinnen:

—— Gehe!

Mr. Vanstone, welcher sich betreffs seines jungen Freundes schon in goldnen Zukunftsträumen sonnte und wiegte, stimmte von ganzem Herzen, wie ein Echo ein in jenes einsylbige Verdict. Mrs. Vanstone, Miss Garth, sogar Nora selbst sprachen in demselben Sinne. Frank war über diese schlechterdings einstimmige Harmonie der Meinungen, die er nicht erwartet hatte, versteinert, und Magdalene war zum ersten Male in ihrem Leben in Verlegenheit, was sie sagen und was sie thun sollte.

Was aber das wirkliche Ergebniß anlangte, so begann und endigte die Sitzung des Familienrathes mit der allgemeinen Meinung, daß Frank gehen sollte. Mr. Vanstones Gedankengang war aber durch die plötzliche Ankunft des Sohnes, den unerwarteten Besuch des Vaters und die Nachrichten, die sie Beide mitbrachten, so in Verwirrung gerathen, daß er sich für eine Verschiebung der Angelegenheit auf so lange, bis die nothwendigen mit der Abreise seines jungen Freundes verknüpften Anordnungen im Einzelnen erwogen wären, aussprach.

—— Wollen wir die Sache nicht lieber beschlafen? sagte er. Morgen werden unsere Köpfe ein wenig ruhiger und morgen wird auch noch Zeit genug sein, um aller Ungewißheit ein Ende zu machen.

Sein Vorschlag ward gern angenommen, und alle weiteren Verhandlungen wurden nun bis zum nächsten Tag ausgesetzt.

Jener nächste Tag sollte aber mehr Dinge zur Entscheidung bringen, als sich Mr. Vanstone träumen ließ.

Den andern Morgen früh nahm Miss Garth, nachdem sie den Thee wie gewöhnlich selbst bereitet hatte, ihren Sonnenschirm und ging in den Garten spazieren. Sie hatte schlecht geschlafen und dachte nun, einige Minuten draußen in frischer Luft zugebracht, bevor die Familie sich zum Frühstück einfände, würden sie für den Verlust ihrer Nachtruhe entschädigen.

Sie wanderte bis zur äußersten Grenze des Blumengartens und kehrte auf einem andern Wege um, welcher hinter einem zierlichen Lusthäuschen weg, das die Aussicht von einem Punkte der Lichtung über die Felder beherrschte, zurück führte. Ein kleines Geräusch, vergleichbar und doch auch wieder nicht vergleichbar dem Zirpen eines Vogels berührte ihr Ohr, wie sie an der Seite des Lusthäuschens ankam. Sie ging vorn herum nach dem Eingange zu, sah hinein und erblickte —— Magdalene und Frank ganz dicht und traulich bei einander sitzend. Zu Miss Garths Schrecken war Magdalenens Arm ganz unverkennbar deutlich um Franks Hals geschlungen und, was noch schlimmer war, die Stellung ihres Gesichts in dem Augenblick der Entdeckung zeigte außer allem Zweifel, daß sie eben dem Opfer des chinesischen Handels den ersten und köstlichsten Trost gespendet hatte, den ein Weib einem Manne gewähren kann. In deutlichen Worten, sie hatte gerade Frank einen Kuß gegeben. ——

Gegenüber einem solchen außerordentlichen Falle, wie er ihr jetzt entgegen trat, fühlte Miss Garth instinctmäßig, daß alle gewöhnlichen Tadelsworte hier nicht mehr am Platze wären.

—— Ich glaube, bemerkte sie, zu Magdalenen gewandt, mit der unbarmherzigen Selbstbeherrschung einer Dame in den mittleren Jahren, welche aus eigener Erfahrung vom Küssen durchaus keinen Anhalt für ihr Verhalten in diesem Falle hatte, —— ich glaube, Sie werden, welcherlei Entschuldigungen Sie auch in Ihrer schamlosen Dreistigkeit vorbringen mögen, doch nicht in Abrede stellen können, daß meine Pflicht mich nöthigt, Das, was ich eben gesehen habe, Ihrem Vater mitzutheilen?

—— Ich will Ihnen die Mühe ersparen, erwiderte Magdalene mit Fassung. Ich will es ihm selbst mittheilen.

Mit diesen Worten sah sie sich nach Frank um, welcher in einer Ecke des Lusthäuschens stand, drei Mal so rath- und hilflos als gewöhnlich.

—— Du sollst erfahren, was geschieht, sagte sie mit ihrem hellen Lächeln. Und Sie ebenfalls —— setzte sie für Miss Garth noch besonders hinzu, als sie auf dem Rückwege zum Frühstücke vor der Gouvernante vorbei wandelte.

Die Augen von Miss Garth folgten ihr voll Unwillen. Frank ersah sich seinerseits diese günstige Gelegenheit, um sich flugs hinweg zu schleichen.

Unter diesen Umständen konnte einer ehrbaren Frau weiter Nichts übrig bleiben als —— zu schaudern. Miss Garth legte denn auch in der That solchergestalt ihre Verwahrung ein und ging dann ins Haus zurück.

Als das Frühstück vorüber war, und nun Mr. Vanstones Hand eben in die Tasche glitt, um die Cigarrentasche zu suchen, erhob sich Magdalene mit einem bedeutsamen Blick auf Miss Garth und folgte ihrem Vater in die Flur.

—— Papa, sagte sie, ich habe diesen Morgen mit Dir V— allein zu sprechen.

—— Ei, ei, erwiderte Mr. Vanstone Worüber denn, liebes Kind?

—— Ueber...., Magdalene zögerte, suchte nach einem passenden Ausdruck und fand ihn. Ueber Geschäfte ——, sagte sie.

Mr. Vanstone nahm seinen Gartenhut von dem Tische in der Flur, schlug seine Augen in stummem Erstaunen auf und suchte in seinem Geiste die beiden ausbündig verschiedenartigen Ideen, Magdalene auf der einen und Geschäft auf der andern Seite, in Verbindung zu bringen, aber vergebens. Er gab es auf und ging in den Garten.

Seine Tochter nahm ihn beim Arme und wandelte mit ihm nach einem schattigen Sitze in einer entsprechenden Entfernung vom Hause. Sie stäubte die Bank, bevor ihr Vater sich darauf setzte, mit ihrer kleinen seidenen Schürze ab. Mr. Vanstone war an einen solchen außerordentlichen Aufwand von Aufmerksamkeit wie dieser gar nicht gewöhnt. Er setzte sich nieder und sah erstaunter aus, als je. Magdalene nahm sofort ihren Platz auf seinem Knie ein und legte ihr Haupt an seiner Schulter zurecht.

—— Bin ich schwer, Papa? fragte sie.

—— Ja, meine Liebe, das bist Du, aber nicht zu schwer für mich, sagte Mr. Vanstone. Laß meinetwegen Deinen Lockvogel los, wenn Dir's so gefällt. Nun? Was mag das wohl für ein Geschäft sein?

—— Es beginnt mit einer Frage.

—— So, in der That? Das überrascht mich nicht. Ein Geschäft mit Deinem Geschlecht, meine Liebe, beginnt alle Mal mit Fragen. Also nur zu.

—— Papa, hast Du die Absicht mich jemals heirathen zu lassen?

Mr. Vanstones Augen wurden weiter und weiter. Die Frage hatte nach seinem eigenen Ausdruck ihn förmlich verblüfft.—— Das ist ein Geschäft zum Närrisch werden! sagte er. Wie, Magdalene, was hast Du Dir in Deinen wunderlichen Kopf gesetzt?

—— Ich weiß es noch nicht genau, Papa. Willst Du mir auf meine Frage antworten?

v— Ich will, wenn ich es kann, meine Liebe; Du setzt mich da schön in Verwirrung. Gut, ich weiß nicht. .. Ja, ich glaube, ich muß Dich wohl eines Tages heirathen lassen, wenn wir einen guten Ehemann für Dich finden können. Wie heiß Dein Gesicht ist! Heb es doch auf und laß die Luft es anwehen. Du willst nicht? Gut —— mache es wie Du willst. Wenn über Geschäfte sprechen so viel ist, als Deine Wangen an meinem Bart reiben, so habe ich Nichts dagegen zu sagen. Nur zu, liebes Kind. Was ist die nächste Frage? Komm zum Hauptpunkte!

Sie war ein zu gescheidtes Mädchen, als daß sie etwas der Art gethan hätte. Sie ging um den entscheidenden Punct herum und berechnete dabei ihre Entfernung aus die Breite eines Haares.

—— Wir waren gestern Alle samt und sonders sehr überrascht, nicht wahr, Papa? Frank ist wunderbar glücklich, nicht wahr?

—— Er ist das glücklichste Thier, das mir jemals im Leben vorgekommen ist, meinte Mr. Vanstone: allein, was hat Das mit Deinem Geschäft zu thun? Ich muß sagen, Du machst Deinen eigenen Weg, Magdalene. Ich will des Teufels sein, wenn ich mich daraus zurecht finde!

Sie ging dem Punkte ein wenig näher.

—— Wird er wohl in China sein Glück machen? sagte sie. Es ist aber doch ein sehr weiter Weg, nicht wahr? Bemerktest Du, Papa, wie Frank gestern traurig und muthlos aussah?

—— Ich war von der Nachricht so überrascht, sagte Mr. Vanstone, und so verwundert über den Anblick von meines alten Clares scharfer Nase innerhalb meines Hauses, daß ich nicht sehr Acht gab. Jetzt bringst Du mich wieder darauf, ja. Ich glaube nicht, daß Frank sein eigenes Glück mit günstigen Augen ansah, durchaus nicht mit günstigen Augen.

—— Wunderst Du Dich darüber, Papa?

—— Ja wohl, meine Liebe, in der That, so ist es.

—— Hältst Du es nicht für hart, fortgeschickt zu werden aus fünf Jahre, um unter verhaßten Wilden Dein Glück zu machen und Deine Freunde daheim auf diese ganze lange Zeit aus den Augen zu verlieren? Denkst Du nicht, daß Frank uns schmerzlich vermissen wird? Hörst Du, Papa, denkst Du nicht?

—— Sachte, Magdalene! Ich bin ein wenig zu alt, daß mich diese Deine langen Arme zum Spaß erdrosseln . . . . . Du hast Recht, mein Herz. Nichts in der Welt ist ohne Schattenseite Frank wird allerdings seine Freunde in England vermissen, das läßt sich nicht leugnen.

—— Du hast Frank immer geliebt. Und Frank liebte Dich auch immer.

—— Ja, ja ein guter Kerl; ein ruhiger guter Junge. Frank und ich sind immer gut mit einander ausgekommen.

—— Ihr seid immer wie Vater und Sohn zusammen gewesen, ist Das nicht wahr?

—— Ja wohl, meine Liebe.

—— Vielleicht wirst Du es noch härter empfinden, wenn er fort ist, als jetzt?

—— Wahrscheinlich ich will es nicht verreden.

—— Vielleicht wirst Du dann wünschen, wäre er doch lieber in England zurück geblieben. Warum sollte er auch nicht eben so gut in England zurück bleiben und gut thun, als wenn er nach China ginge?

—— Mein Kind, er hat keine Aussichten in England. Ich wollte es ihm wohl zu seinem Besten wünschen. Ich wünsche dem Jungen alles Gute und von ganzem Herzen.

—— Darf ich ihm auch von ganzem Herzen Gutes wünschen, Papa?

—— Gewiß, meine Liebe, Deinem alten Spielkameraden, warum nicht? ... Was soll Das? Der Herr behüte mich, warum weint das Mädchen auf einmal? Man könnte denken, Frank würde auf Lebenszeit transportiert Du Gänschen! Du weißt doch so gut als ich selber, daß er nur nach China geht, um sein Glück zu machen.

—— Er braucht ja aber gar nicht sein Glück zu machen er kann was Besseres thun.

—— Den Teufel kann er! Wie denn, ich wäre doch begierig zu wissen wie?

—— Ich fürchte mich, es Dir zusagen. Ich fürchte, Du wirst mich auslachen. Willst Du mir versprechen, nicht zu lachen?

—— Alles was Du willst, meine Liebe. Ja, ich verspreche es Dir. Nun gut, heraus damit! Was soll Frank Besseres thun?

—— Er soll mich heirathen...

Wenn die Sommerlandschaft, welche sich damals vor Mr. Vanstones Augen urplötzlich in eine fürchterliche Winteransicht verwandelt hätte, wenn die Bäume alle ihre Blätter verloren und die grünen Fluren sich in einem Augenblicke mit Schnee bedeckt hätten: würde sein Antlitz schwerlich ein größeres Staunen ausgedrückt haben, als es aussprach, wie seine Tochter stammelnd jene letzten vier Worte sagte. Er versuchte, sie anzusehen, aber sie wehrte ihm beharrlich den Weg dazu, sie verbarg ihr Gesicht über seiner Schulter. War es ihr Ernst? Seine Wangen, fort und fort von ihren Thränen benetzt, antworteten statt ihrer. Es trat eine lange Pause und Stillschweigen ein; sie wartete —— mit ungewöhnlicher Geduld, sie wartete, bis er sprechen werde. Er erhob sich und sprach nun diese Worte:

—— Du überraschest mich, Magdalene; Du überraschest mich mehr, als ich sagen kann.

Bei dem veränderten Tone seiner Stimme, welcher sich zu ruhigem väterlichen Ernst verdüstert hatte, schlangen sich Magdalenens Arme noch enger als vorher um ihn.

—— Habe ich Dich unangenehm überrascht, Papa? —— fragte sie furchtsam. O sage nicht, daß ich Dich so überrascht habe! Wem soll ich denn mein Geheimniß offenbaren, wenn nicht Dir? Laß ihn nicht fortgehen, laß ihn nicht, ja nicht! Du wirst ihm das Herz brechen. Er fürchtet sich, es seinem Vater zu sagen, er, fürchtet sogar, Du möchtest böse auf ihn werden. Es ist Niemand da, der für uns sprechen kann, .... außer mir. Ach, laß ihn nicht fort! Thue es nicht um seinetwillen und sie flüsterte die nächsten Worte mit einem Kuß —— thu es nicht um meinetwillen!

Das milde Angesicht ihres Vaters wurde traurig, er seufzte und klopfte ihr zärtlich auf die schönen Wangen.

—— Sei nur stille, mein Kind, sagte er leise, sei stille.

Sie wußte nicht, wie ihm jedes ihrer Worte, jede ihrer Handlungen mehr Aufklärung geben mußte. Sie hatte ihn von ihrer Kindheit bis auf diesen Tag zu ihrem natürlichen Spielkameraden gemacht. Sie hatte im Kinderröckchen mit ihm herum gespielt, sie hatte sich im Mädchenkleide mit ihm herumgeschäkert. Er war niemals lange genug von ihr getrennt gewesen, daß die Veränderungen im Aeußern seiner Tochter seine Aufmerksamkeit erregt hätten. Seine ungekünstelte väterliche Theilnahme für sie hatte ihn glauben gemacht, daß sie ein höher aufgeschossenes Kind als andere sei, weiter hatte er sich Nichts träumen lassen. Und nun kam auf einmal in einem jähen Athem versetzenden Augenblicke die Ueberzeugung über ihn, daß sie ein Weib geworden. —— Er fühlte es an dem Sturme ihres gegen seine Brust gedrückten Busens, an dem nervösen Zittern ihrer Arme, die sie um seinen Hals geschlungen hielt. Die Magdalene seines unschuldigen Umganges —— ein Weib mit der Hauptleidenschaft seines Geschlechts, ein Weib, dessen Herz schon vergeben!

—— Hast Du lange darüber nachgedacht, meine Theure? fragte er, sobald er so viel Fassung gewonnen hatte, um wieder sprechen zu können. Bist Du darüber im Reinen ...?

Sie beantwortete die Frage, noch ehe er sie vollendet hatte.

—— Ich ..., ob ich ihn liebe? sagte sie. Ach welche Worte könnten mein Ja so ausdrücken, wie ich es sagen möchte! Ich liebe ihn ——!

Ihre Stimme wurde weich und zitterte, und ihre Antwort endigte in einem Seufzer.

—— Ihr seid sehr jung. Du und Frank, meine Liebe, seid Beide sehr jung.

Da hob sie zum ersten Male ihr Haupt von seiner Schulter empor. Gedanke und Wort kamen ihr in einem und demselben Augenblicke.

—— Sind wir viel junger, als Du und Mamma waret? fragte sie unter Thränen lächelnd.

Sie versuchte ihr Haupt wieder an die alte Stelle zu legen, aber als sie diese Worte sprach, faßte sie ihr Vater um die Brust, nöthigte sie, bevor sie es verhindern konnte, ihm ins Gesicht zu sehen und küßte sie in einem plötzlichen Zärtlichkeitsausbruche, der ihr aufs Neue die Thränen stromweis in die Augen trieb.

—— Nicht viel junger, mein Kind, sagte er mit tiefer gebrochener Stimme, —— nicht viel junger, als Deine, Mutter und ich waren.

Er hielt sie von sich ab, erhob sich von dem Sitze und wandte den Kopf schnell zur Seite.

—— Warte hier und beruhige Dich; ich will hinein gehen und mit Deiner Mutter sprechen.

Seine Stimme zitterte bei diesen letzten Worten, und er verließ sie, ohne sich ein einziges Mal umzusehen.

Sie wartete, wartete peinlich lange, und er kam nicht zurück. Zuletzt trieb sie die wachsende Angst ihm ins Haus nachzufolgen. Eine neue Bangigkeit machte ihr Herz erbeben, als sie zaghaft der Thür näher und näher kam. Niemals hatte sie so die Tiefen des einfachen Charakters ihres Vaters geschaut, aufgeregt, wie sie jetzt durch ihr Bekenntniß waren. Sie fürchtete sich vor der nächsten Begegnung mit ihm. Sie wanderte leise in der Flur hin und her mit einer ihr an sich selbst ganz neuen Schüchternheit, mit einer Angst vor der Begegnung und Ansprache ihrer Schwester oder Miss Garths, welche sie nervös aufgeregt auf das leichteste Geräusch im Hause achten ließ. Die Thür des Morgenzimmers öffnete sich, als sie gerade den Rücken gewendet hatte. Sie hielt jählings ihre Schritte an, als sie sich umsah und ihren Vater in der Halle erblickte: ihr Herz schlug schneller und schneller, und sie fühlte, wie sie erbleichte Ein zweiter Blick auf ihn, wie er näher zu ihr kam, beruhigte sie wieder. Er war ja wieder ruhig, obgleich nicht so heiter als gewöhnlich. Sie bemerkte, daß er ihr mit einer zuvorkommenden Milde in Wesen und Sprache begegnete, welche mehr seiner Art und Weise gegenüber ihrer Mutter, als seinem gewöhnlichen Verhalten gegen sie selbst, ähnlich war.

—— Geh hinein, meine Liebe, sagte er, indem er die Thür, die er eben hinter sich zugemacht, vor ihr öffnete. Erzähle Deiner Mutter Alles, was Du mir erzählt hast und noch mehr, wenn Du noch mehr zu sagen hast. Sie ist darauf mehr vorbereitet, als ich es war. Wir wollen Dies heute in Ueberlegung ziehen, Magdalene, und morgen sollst Du, soll Frank erfahren, was wir beschließen.

Ihre Augen leuchteten auf, als sie in sein Gesicht schauten und darin bereits die Entscheidung lasen, und strahlten in der doppelten Innigkeit ihrer Weiblichkeit und ihrer Liebe. Glücklich und schön in ihrer überströmenden Seligkeit, führte sie seine Hand an ihre Lippen und ging ohne Zagen in das Morgenzimmer. Dort hatten die Worte ihres Vaters ihr bereits den Weg bereitet, dort war der erste jähe Eindruck der Ueberraschung bereits vorüber und überwunden, und nur die angenehme Seite derselben war geblieben. Ihre Mutter war auch einmal in ihrem Alter gewesen und konnte also wissen, wie heiß sie Frank liebte. So dachte sie in ihren Gedanken über die ihrer harrende Unterredung, und sie hatte, außer daß ein gewisser ungewöhnlicher Zug von Zurückhaltung in Mrs. Vanstones erstem Empfange lag, richtig geahnt. Nach einer kleinen Weile wurden der Mutter Fragen immer zutraulicher und ungezwungener, wie sie die süßen, unvergessenen Erinnerungen des Mutterherzens ihr eingaben, sie lebte in den Antworten der Tochter noch einmal ihre eigenen jungen Tage voll Hoffnung und Liebe durch!

Den andern Morgen wurde die hochwichtige Entscheidung in Worten kund gethan. Mr. Vanstone nahm seine Tochter in das Zimmer der Mutter mit hinauf und legte ihr das Ergebniß der gestrigen Berathung und der über Nacht hinterdrein gekommenen Ueberlegung vor. Er sprach mit Voller Herzlichkeit und Fassung, aber mit weniger und ernsteren Worten als sonst. Dabei hielt er während der ganzen Unterredung die Hand seiner Gattin zärtlich in der seinigen.

Er zeigte Magdalenen an, daß weder er noch ihre Mutter sich berechtigt hielten, ihre Neigung für Frank zu tadeln.

Sie war zum Theil vielleicht eine natürliche Folge ihrer kindlichen Vertraulichkeit mit ihm gewesen, zum Theil aber auch die Wirkung des engern Zusammenseins Beider, welches die Theateraufführung nothwendig herbeigeführt hatte. Zugleich war es nun die Pflicht ihrer Aeltern, diese Neigung nach beiden Seiten, ernstlich um ihrer, der Tochter, selber willen ernst zu prüfen, da ja ihr künftiges Glück ihre eigene höchste Sorge war, dann auch um Franks willen, da sie verpflichtet waren, ihm Gelegenheit zu bieten, sich des auf ihn gesetzten Vertrauens würdig zu zeigen. Sie waren sich Beide bewußt, daß sie für Frank ein starkes Vorurtheil hatten. Das wunderliche Wesen seines Vaters hatte den jungen Mann zum Gegenstand ihres Mitleids und ihrer Fürsorge gemacht, schon von seinen frühesten Jahren an. Er und seine jüngeren Brüder hatten ja bei ihnen die Stellen derjenigen ihrer eigenen Kinder eingenommen, welche sie durch den Tod verloren hatten. Obgleich sie der festen Ueberzeugung waren, daß ihre gute Meinung von Frank wohlbegründet sei, so war es doch im Interesse des Glückes ihrer Tochter nothwendig geboten, die Richtigkeit dieser Meinung durch Feststellung gewisser Bedingungen und Anberaumung eines Jahres Aufschub zwischen der beabsichtigten Verheirathung und dem gegenwärtigen Zeitpunkte ernst auf die Probe zu stellen.

Während dieses Jahres sollte Frank auf dem Comtoir in London bleiben, indem man seine Principale zuvor benachrichtigte, daß Familienverhältnisse ihn verhinderten ihr Anerbieten der Stelle in China anzunehmen. Er sollte dieses Zugeständniß nur unter gewissen Bedingungen als eine Berücksichtigung der Neigung zwischen Magdalene und ihm selbst ansehen. Wenn er während des Probejahrs das auf ihn gesetzte Vertrauen nicht zu rechtfertigen wissen werde, welches Mr. Vanstone vermocht hatte, die ganze Verantwortung für Franks künftige Aussichten ohne Vorbehalt auf sich zu nehmen, so sollte von demselben Augenblicke an von dem Heirathsprojecte keine Rede mehr sein. Wenn aber andernfalls der Erfolg, welchen Mr. Vanstone mit Vertrauen erwartete, wirklich einträte, wenn Franks Prüfungsjahr seinen Anspruch auf das kostbarste Vertrauen, das man in seine Hände legen konnte, bewiese: dann sollte Magdalene selbst ihn mit Allem, was ein Weib hat und besitzt, belohnen, und die Zukunft, welche seine gegenwärtigen Principale ihm als den Lohn eines fünfjährigen Aufenthalts in China in Aussicht gestellt hätten, schon nach Jahresfrist durch den Brautschatz seiner jungen Frau verwirklicht werden. . . .

Als der Vater dieses Bild von der Zukunft entwarf, konnte Magdalene den Ausbruch ihrer Dankbarkeit nicht länger zurückhalten. Sie war tief gerührt, —— ihre Worte kamen aus dem tiefsten Grunde ihres Herzens. Mr. Vanstone wartete, bis seine Tochter und seine Gattin sich wieder gefaßt hatten, und fügte dann die letzten Worte der Erklärung hinzu, welche er noch zu geben hatte.

—— Du wirst es begreiflich finden, meine Liebe, sagte er, daß ich nicht annehmen kann, Frank solle unthtäig von den Mitteln und auf Kosten seiner Frau leben? Mein Plan ist, daß er das Interesse benutzen soll, welches seine gegenwärtigen Principale an ihm nehmen. Ihre Geschäftskenntniß in der City wird bald eine gute Theilhaberstelle zu seiner Verfügung stellen, und Du wirst ihm das Geld dazu geben, sich in das Geschäft einzukaufen. Ich werde dazu als Summe die Hälfte Deines Vermögens feststellen, meine Liebe, die andere Hälfte werde ich für Dich selber anlegen. Wir werden am Ende des Jahres Alle hoffentlich noch bei Leben und Gesundheit sein, —— und hier sah er zärtlich seine Gattin an —— ja wohl, Alle bei Leben und Gesundheit. Aber wenn ich auch hinüber wäre, Magdalene, so soll Das keinen Unterschied machen. Mein letzter Wille, der bereits lange, ehe ich entfernt daran dachte, einen Schwiegersohn zu bekommen, gemacht ist —— theilt mein Vermögen in zwei gleiche Theile. Ein Theil gehört Deiner Mutter, und die andere Hälfte ist ganz unter meine Kinder getheilt. Du wirst einen Theil an Deinem Hochzeitstage erhalten, und Nora wird den übrigen bekommen, wenn sie heirathet, und zwar aus meiner Hand, wenn ich noch lebe, und kraft meines letzten Willens, wenn ich todt bin. Nun, nun, keine düsteren Gesichter! sagte er einen Augenblick seine gewöhnliche gute Laune wiedergewinnend. Deine Mutter und ich denken noch lange zu leben und Frank als großen Kaufherrn zusehen. Ich will es Dir jetzt überlassen, meine Liebe, den Sohn über unsere treuen Pläne zu unterrichten, während ich hinüber zum Nachbar gehe...

Er stockte, seine Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen, und er blickte zögernd seitwärts auf Mrs.Vanstone.

—— Was willst Du beim Nachbar, Papa? fragte Magdalene, nachdem sie vergeblich darauf gewartet hatte, daß er seinen Satz selber beendigen werde.

Ich muß doch Franks Vater zu Rathe ziehen, erwiderte er. Wir dürfen nicht vergessen, daß Mr. Clares Zustimmung noch fehlt, um die Angelegenheit vollends zu erledigen. Und da die Zeit drängt und wir nicht wissen können, welche Schwierigkeiten er vielleicht machen wird, so muß ich ihn je eher je besser aufsuchen.

Er gab diese Antwort m leisem, verändertem Tone, und erhob sich von seinem Stuhle in einer halb widerwilligen, halb hoffnungslosen Weise, wie Magdalene mit geheimer Besorgniß bemerkte.

Sie sah fragend nach ihrer Mutter hin. Allem Anscheine nach war Mrs Vanstone durch die an ihm vorgegangene Veränderung ebenfalls erschreckt. Sie sah ängstlich und unruhig aus; sie wandte ihren Kopf nach dem Sophakissen weg und drehte sich so plötzlich, als wenn sie Schmerzen hätte.

—— Bist Du nicht wohl, Mamma? fragte Magdalene.

—— Ganz wohl, meine Liebe, sagte Mrs. Vanstone kurz und scharf, ohne sich umzudrehen. Laß mich ein wenig allein —— ich bedarf nur der Ruhe.

Magdalene ging mit ihrem Vater hinaus.

—— Papa! flüsterte sie ängstlich, als sie zusammen die Treppe hinunter stiegen, Du denkst doch nicht, daß Mr. Clare Nein sagen werde?

—— Das kann ich zum Voraus nicht wissen! antwortete Mr. Vanstone. Ich hoffe, er wird Ja! sagen.

—— Es ist doch ein Grund vorhanden, warum er anders sprechen sollte, nicht wahr?

Sie stellte diese Frage furchtsam, während er seinen Hut und Stock nahm, und that, als überhörte er sie. ungewiß, ob sie dieselbe wiederholen sollte oder nicht, begleitete sie ihn in den Garten auf seinem Gange zur Wohnung von Mr. Clare. Er ließ sie auf dem freien Platze still stehen und schickte sie nach dem Hause zurück.

—— Du hast Nichts auf Deinem Kopfe, mein Kind, sagte er. Wenn Du in dem Garten sein mußt, so vergiß nicht, wie heiß die Sonne ist, komm nicht ohne Deinen Hut heraus.

Er ging. Sie wartete ein wenig und sah ihm nach. Sie vermißte das gewöhnliche Schwenken seines Stockes, sie sah seinen kleinen schottischen Dachshund, der hinter ihm drein gelaufen kam, kläffend und bellend, ohne daß er davon Notiz nahm. Er war niedergeschlagen, er war auffallend niedergeschlagen und zerstreut. Was sollte Das heißen?


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte