Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Siebentes Buch - Zu Aldborough in Suffolk - Zehntes Capitel
 

Namenlos



Zehntes Capitel.

Nach seiner Rückkehr nach Amsee führte Mr. Noël Vanstone die Weisungen über sein Verhalten für den ersten der fünf Tage mit unverbrüchlicher Genauigkeit aus. Ein schwaches Lächeln der Verachtung zeigte ich auf Mrs. Lecounts Lippen, während die Geschichte von Mr. Bygraves Versuch, falsche Bilder als Originale zu verkaufen, aufgetischt wurde; allein sie gab sich nicht die Mühe, ein einziges Wort darüber zu verlieren, als sie zu Ende war.

—— Gerade wie ich es vorausgesagt habe! dachte Mr. Noël Vanstone, indem er listig ihr Gesicht bewachte, —— sie glaubt kein Wort davon!

Den Tag darauf fand die Begegnung auf der Promenade statt. Mr. Bygrave nahm seinen Hut ab, Mr. Noël Vanstone aber sah weg. Die Gebärde der Ueberraschung und der Zornesblick gelangen dem Hauptmann vortrefflich, aber sie verfehlten schlechterdings ihren Zweck, Mrs. Lecount zu täuschen.

—— Ich fürchte, Sir, Sie haben heute Mr. Bygrave beleidigt, bemerkte sie mit feinem Spott. Zum Glück für Sie ist er ein trefflicher Christ, und ich kann Ihnen recht gut prophezeien, daß er Ihnen schon morgen vergeben wird.

Mr. Noël Vanstone war gescheidt genug, sich auf keine Antwort einzulassen; abermals freute er sich innerlich über seinen Scharfblick; noch einmal triumphierte er über seinen verschmitzten Freund.

Bis hierher waren die Weisungen des Hauptmanns zu klar und einfach gewesen, um von irgend Jemand mißverstanden zu werden. Aber nunmehr wurden sie um so verwickelter, je weiter die Zeit vorrückte, und so beging denn Mr. Noël Vanstone am dritten Tage in seiner Verlegenheit einen kleinen Fehler. Als er nämlich das nothwendige Ueberdrüssig sein Aldboroughs und das daraus folgende Verlangen nach Ortsveränderung ausgesprochen hatte, begegnete er, wie er erwartet hatte, dem eilends vorgebrachten Vorschlage der Haushälterin, welcher einen Besuch auf St. Crux empfahl. Dadurch nun, daß er den so gegebenen Rath sogleich beantworten, machte er seinen ersten Fehler. Anstatt seinen Entschluß bis zum nächsten Tage aufzuschieben, nahm er Mrs. Lecounts Rath an dem Tage an, wo er ihm ertheilt wurde.

Die Folgen dieses Irrthums waren nicht von großem Belang. Die Haushälterin nahm, sich nur einen Tag früher, als berechnet worden war, vor, ihren Herrn zu überwachen, eine Folge, welcher bereits durch jene kluge Vorsichtsmaßregel entgegengearbeitet wurde, das Verbot an Mr. Noël Vanstone, daß er keinerlei Beziehungen zu Nordsteinvilla unterhalten solle. Da, Mrs. Lecount wie Hauptmann Wragge vorhergesehen an der Willensaufrichtigkeit ihres Herrn, nämlich daran, daß er durch die Wegreise nach St. Crux alle Verbindung mit den Bygraves abrechnen wollte, zweifelte, so stellte sie die Richtigkeit oder Falschheit des Eindruckes, den sie von der ganzen Sache erhalten hatte, dadurch aus die Probe, daß sie wachsam etwaigen Anzeichen einer geheimen Verbindung von der einen oder der andern Seite her nachspürte.

Die gespannte Aufmerksamkeit, mit der sie bisher beobachtet hatte, wer auf Nordsteinvilla aus- und einginge, wurde nun ganz und gar auf ihren Herrn übertragen. Für den Rest jenes dritten Tages ließ sie ihn nicht einen Augenblick aus den Augen, sie ließ keiner dritten Person, welche in das Haus kam, unter keinerlei Vorwand auch nur auf eine Minute die Möglichkeit, mit ihm allein zu sein. Von Zeit zu Zeit schlich sie sich in der Nacht an die Thür seines Zimmers, um zu horchen und sich zu vergewissern, ob er zu Bette wäre, und vor Sonnenaufgang den Morgen darauf war der Küstenwächter der seine Runde machte, überrascht, an einem der oberen Fenster von Amsee beschäftigt mit ihrer Arbeit eine Dame zu sehen, welche so früh ausgestanden war, als er selbst.

Am vierten Morgen kam Mr. Noël Vanstone zum Frühstück herunter, indem er sich des Fehlers bewußt war, den er den Tag vorher begangen hatte. Das naheliegende Verhalten, um Zeit zu gewinnen, war, daß er erklärte, sein Entschluß sei noch nicht entschieden. Er gab diese Erklärung kühnlich ab, sowie die Haushälterin ihn frag, ob er heute abreisen wolle. Abermals machte Mrs. Lecount keine Bemerkung, und wieder zeigten sieh die Zeichen und Spuren ihres Unglaubens auf ihrem Gesichte. Schwanken in seinen Plänen und Vorhaben war ihr bei ihrem Herrn durchaus nichts Seltenes. Aber bei dieser Gelegenheit glaubte sie, daß sein launenhaftes Benehmen bloß angenommen sei, um zur Anknüpfung von Verbindungen mit Nordsteinvilla Zeit zu gewinnen, und sie beobachtete ihn daher von Neuem mit verdoppelter und verdreifachter Wachsamkeit.

Den Morgen kamen keine Briefe an. Gegen Mittag änderte sich das Wetter und wurde schlecht, und der Gedanke, wie gewöhnlich auszugehen, mußte aufgegeben werden. Stunde auf Stunde hielt Mrs.Lecount, während ihr Herr in einem der Wohnzimmer saß, in dem andern Wache, die Thür in der Flur geöffnet und mit der ganzen Aussicht auf Nordsteinvilla durch das entsprechende Seitenfenster, an welchem sie Posto gefaßt hatte. Kein verdächtiges Zeichen ließ sich bemerken, kein verdächtiger Klang berührte ihr Ohr. Als der Abend herankam, war das Zögern ihres Herrn zu Ende. Er war ärgerlich über das Wetter, er haßte den Ort, er sah noch mehr verhaßte Begegnungen mit Mr. Bygrave vorher und war darum entschlossen, morgen in der ersten Frühe nach St. Crux zu reisen. Die Lecount sollte zurückbleiben, um die Seltenheiten einzupacken, mit den Kaufleuten abrechnen und den Tag darauf zum Admiral nachfolgen. Die Haushälterin ward durch den Ton und die Art und Weise, wie er diese Befehle gab, ein wenig verdutzt Er hatte, wie sie sehr gut selber wußte, keine Verbindung irgendwelcher Art mit Nordsteinvilla gepflogen, und doch schien er entschlossen, Aldborough bei der ersten Gelegenheit zu verlassen. Zum ersten Mal war sie ungewiß, ob sie ihren Schlußfolgerungen länger glauben sollte. Sie erinnerte sich, daß ihr Herr über die Bygraves geklagt hatte, ehe dieselben nach Aldborough zurückkehrten, und Sie wußte noch recht gut, daß ihre Ungläubigkeit sie schon einmal auf falsche Fährte gebracht hatte, als das Erscheinen des Reisewagens an der Thür bewiesen hatte, daß sogar Mr. Bygrave einmal die Wahrheit gesprochen hatte.

Doch aber beschloß Mrs. Lecount mit unablässiger Vorsicht bis Zuletzt zu handeln. In jener Nacht entfernte sie, als die Thüren geschlossen waren, insgeheim die Schlüssel von der Vorderthür und von der Hinterthür Sie öffnete dann leise ihr Kammerfenster und setzte sich daran, angethan mit Hut und Mantel, um sich nicht zu erkalten. Mr. Noël Vanstones Fenster war auf derselben Seite des Hauses, wie das ihrige. Wenn Jemand in der Dunkelheit kam, um von dem Garten unten herauf mit ihm zu sprechen, so war es so gut, als spräche er mit der Haushälterin. In allen Puncten bereit, jede Form geheimen Einverständnisses, welche die List erfinden konnte, zu vereiteln, machte Mrs. Lecount die ruhige Nacht hindurch. Als der Morgen kam, schlich sie sich die Treppe hinab, ehe das Mädchen aufgestanden war, brachte die Schlüssel wieder an ihre Plätze und nahm wieder ihre Stellung im Wohnzimmer ein, bis Mr. Noël Vanstone am Frühstückstische erschien. Hatte er seinen Entschluß geändert? Nein. Er wollte nicht mit der Post zur Eisenbahn fahren, wegen der Kosten, allein er war so fest als je in seinem Entschluß nach St. Crux zu gehen. Er wünschte, daß ein Platz, im inneren des Wagens für ihn in der Morgens abgehenden Kutsche belegt werde. Argwöhnisch bis auf die Letzt, schickte Mrs. Lecount den Bäckerburschen, um den Platz zu bestellen. Er war ein öffentlicher Bote, und Mr. Bygrave konnte daher nicht vermuthen, daß er einen Privatauftrag ausführte, —— dachte sie.

Die Kutsche fuhr bei Amsee vor. Mrs. Lecount sah ihren Herrn seinen Sitz einnehmen und überzeugte sich, daß die drei anderen inneren Plätze von Fremden besetzt waren. Sie frug den Kutscher, ob die inneren Platze, die noch nicht alle besetzt waren, auch bereits ihre volle Passagierzahl hätten. Der Mann antwortete bejahend. Er hatte zwei Herren in der Stadt zu holen, und die Anderen würden ihre Plätze am Gasthofe einnehmen. Mrs. Lecount wandte sofort ihre Schritte nach dem Gasthofe und zog auf der Promenade gerade gegenüber auf einer Stelle, wo sie bis zuletzt die Kutsche beim Abfahren sehen konnte, auf Posten. Zehn Minuten später rasselte diese vorbei, außen und innen voll, und die Haushälterin überzeugte sich mit eigenen Augen, daß weder Mr. Bygrave selber, noch Jemand von Nordsteinvilla unter den Reisenden war.

Es war nur noch eine Vorsichtsmaßregel zu beobachten, und Mrs. Lecount versäumte dieselbe nicht. Mr. Bygrave hatte ohne Zweifel die Kutsche bei Villa Amsee verfahren sehen. Er konnte einen Wagen miethen und ihr auf gut Glück bis zur Eisenbahn folgen. Mrs. Lecount blieb in Sicht des Gasthofes, des einzigen Ortes, wo Wagen zu bekommen waren, wohl noch eine halbe Stunde und wartete die Dinge ab, die da kommen sollten. Es fiel jedoch Nichts vor, es erschien kein Wagen; und so war denn eine Verfolgung Mr. Noël Vanstones nicht mehr menschenmöglich. Der lange Druck auf Mrs. Lecounts Geist ließ endlich nach. Sie verließ ihren Sitz auf der Promenade und kehrte in besserer Stimmung als gewöhnlich nach Hause zurück, um auf Amsee die Anstalten des Aus- und Wegzugs vorzunehmen.

Sie setzte sich allein in das Wohnzimmer und schöpfte tief und vergnüglich Athem. Die Berechnungen des Hauptmann Wragge hatten ihn nicht betrogen. Der Beweis mittels ihrer eigenen fünf Sinne hatte schließlich den Sieg davon getragen über die Ungläubigkeit der Haushälterin und sie mit ihren Vermuthungen buchstäblich gerade in das entgegengesetzte Extrem getrieben.

Indem Mrs. Lecount die Vorkommnisse der letzten drei Tage nach ihrer eigenen Wahrnehmung erwog und indem sie sich vergegenwärtigte, wie der erste Gedanke, nach St. Crux zu gehen, von ihr selbst vorgebracht worden und ihr Herr einerseits keine Gelegenheit gehabt, andererseits gar nicht die Neigung gezeigt hatte, die Familie auf Nordsteinvilla in Kenntniß zu setzen, daß er ihren Vorschlag angenommen habe, konnte sie sich füglich nicht verhehlen, daß auch nicht ein einziges Stückchen guten Grundes übrig blieb, um den Argwohn von Verrätherei auch jetzt noch festzuhalten. Und wenn sie nun ferner die Reihenfolge der Ereignisse in dem gewonnenen neuen Lichte betrachtete, so konnte sie nirgends einen Widerspruch, nirgends eine Lücke bemerken. Der Versuch, die unechten Bilder für echte auszugeben, stimmte ganz zu dem Charakter eines Mannes, wie Mr. Bygrave. Der Unwille ihres Herren über den Versuch ihn zu täuschen, sein offen ausgesprochener Argwohn, daß Miss Bygrave daher Mitwisserin war, seine Enttäuschung betreffs der Nichte, seine verächtliche Behandlung des Oheims auf der Promenade, sein Ueberdrüssig sein des Ortes, welches der Schauplatz seiner allzu raschen Vertraulichkeit mit Fremden gewesen war, und diesen Morgen seine Bereitheit, ihn zu verlassen: alles Dies drängte sich dem Geiste der Haushälterin aus einem triftigen Grunde als wirkliche unverfängliche Thatsachen auf. Ihre Augen hatten Mr. Noël Vanstone Aldborough verlassen sehen, ohne für die Bygraves eine einzige Spur zu hinterlassen, oder auch nur zu versuchen eine zu hinterlassen, die sie verfolgen könnten.

Bis hierher führten ihre Schlußfolgerungen die Haushälterin, —— aber nicht weiter. Sie war aber ein zu gescheidtes Weib, als daß sie dem Zufall und dem blinden Glücke ihre Zukunft vertraut hätte. Ihres Herrn veränderlicher Sinn konnte wieder umschlagen. Ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen konnte Mr.. Bhgrave Gelegenheit geben, den begangenen Mißgriff wieder gut zu machen und auf geschickte Weise die verlorene Stelle in der Achtung Mr. Noël Vanstones wieder zu gewinnen. Mußte Mrs. Lecount sich gestehen, daß die Umstände sich doch schließlich unleugbar zu ihren Gunsten gestaltet hatten, so war sie nichtsdestoweniger überzeugt, daß die Sicherheit ihres Herrn in Zukunft durch kein anderes Mittel auf die Dauer außer Frage gestellt werden konnte, als durch die rücksichtslose Entlarvung der Ränkeschmiede, die sie von Anfang an angestrebt hatte und die sie entschlossen war, noch immerzu erstreben.

—— Ich erheitere mich immer zu St. Crux, dachte Mrs. Lecount, indem sie ihre Rechnungsbücher aufschlug und die Rechnungen der Kaufleute ordnete. Der Admiral ist ein Gentleman, das Haus ist fein, der Tisch ausgezeichnet Keine Frage! Hier in diesem Hause bleibe ich allein, bis ich das Innere von Miss Bygraves Kleiderschrein gesehen habe.

Sie packte ihres Herrn Sammlung von Seltenheiten in ihre verschiedenen Kisten ein, befriedigte die Kaufleute und ließ unter ihrer Leitung im Laufe des Tages die Ueberzüge über die Möbel legen. Als der Abend hereinbrach, ging sie aus, um Kundschaft einzuziehen über das Feindeslager, und schlich sich unter dem Schutze der Dunkelheit in den Garten von Nordsteinvilla. Sie sah das Licht in dem Fenster des Wohnzimmers und die Lichter in den Fenstern des zweiten Stocks ganz wie gewöhnlich. Nach einem augenblicklichen Zögern stahl sie sich an die Hausthür und probierte geräuschlos den Thürklopfer von außen. Derselbe drehte das Schloß auf, wie sie nach ihrer Erfahrung von der Beschaffenheit der Häuser in Aldborough und anderen Badeorten erwartet hatte; aber die Thür ging darum noch nicht auf. Die Thür war mißlich genug von innen verriegelt. Nachdem sie diese Entdeckung gemacht, ging sie um das Hans herum nach der Hinterthüre und überzeugte sich, daß die Thür auf jener Seite ebenso verwahrt war.

—— Verriegeln Sie nur, Mr. Bygrave, Ihre Thür so fest als Sie wollen, sagte die Haushälterin, indem sie sich wieder auf die Promenade zurück schlich, Sie können doch den Eingang zur Tasche Ihres Dienstmädchens nicht verriegeln. Das beste Schloß, das Sie haben, wird allemal durch einen goldenen Schlüssel geöffnet.

Sie ging heim zu Bett. Das unansgesetzte Wachen und Beobachten, die unablässige Aufregung der letzten zwei Tage hatten sie sehr erschöpft.

Den nächsten Morgen stand sie um sieben Uhr auf. Eine halbe Stunde später sah sie den pünktlichen Mr. Bygrave, wie sie ihn bereits an so vielen Morgen vorher zur selben Zeit gesehen hatte —— seine Handtücher unterm Arm aus dem Gartenthore von Nordsteinvilla treten und seine Schritte nach einem Kahne lenken, der am Ufer auf ihn wartete. Schwimmen war eine von den vielen Leibesübungen, in denen der Hauptmann Meister war. Er wurde jeden Morgen in die See hinaus gerudert und nahm mit Wonne sein Bad inmitten der tiefblauen Fluth. Mrs. Lecount hatte bereits die gewöhnlich für diese Erfrischung aufgewendete Zeit auf ihrer Wacht abgemessen und so herausgebracht, daß von dem Augenblicke an, wo er am Ufer einstieg, bis zu dem Augenblicke, wo er wiederkam, gewöhnlich eine volle Glockenstunde verging.

Während dieser Zeit hatte sie nie einen andern Bewohner von Nordsteinvilla das Haus verlassen sehen. Das Mädchen war ohne Zweifel in der Küche beschäftigt, Mrs. Bygrave lag wahrscheinlich noch im Bette, und Mr. Bygrave —— wenn sie ja zu einer so frühen Stunde schon auf war —— hatte vielleicht Weisung, in der Abwesenheit ihres Oheims das Haus nicht zu verlassen. Die Schwierigkeit, dem Uebelstande von Magdalenens Anwesenheit im Hause zu begegnen, war schon seit einigen Tagen die einzige Klippe, an welcher alle Schlauheit der Mrs. Lecount bis jetzt gescheitert war.

Sie saß am Fenster noch eine Viertelstunde, nachdem das Boot des Hauptmanns das Ufer verlassen hatte, sich abmühend im Geiste, die Augen aus Gewohnheit immer fest auf die Thür von Nordsteinvilla geheftet. Sie saß da und dachte nach, was für eine Entschuldigung sie an ihren Herrn von Aldborough aus schreiben könnte, um den Aufschub ihrer Abreise zu für einige Tage rechtfertigen: da that sich die Thür des Hauses, das sie bewachte, plötzlich auf, und Magdalene selbst erschien im Garten. Es war keine Verwechselung möglich, es waren ihre Gestalt und ihr Anzug. Sie that ein paar hastige Schritte nach dem Gartenthor, hielt dann an und ließ den Schleier ihres Gartenhutes nieder, als ob schon das helle Morgenlicht zu stark für sie wäre, eilte auf die Promenade und stürzte dann in der Richtung nach Norden vorwärts in solcher Hast oder in einer solchen geistigen Spannung, daß sie durch die Gartenthür ging, ohne sie wieder hinter sich zu schließen.

Mrs. Lecount fuhr von ihrem Stuhle auf und glaubte einen Augenblick ihren Augen nicht trauen zu dürfen. Hatte die Gelegenheit, welche sie herbeizuführen vergebens bemüht gewesen war, sich jetzt wie von selbst ihr geboten? Hatte sich das Blatt zuletzt zu ihrem Gunsten gewendet, nachdem das Glück ihr so hartnäckig und so lange zuwider gewesen war? Es war kein Zweifel, der Wind hatte sich gedreht, wie das Volk spricht [»her luck had turned.«]. Sie griff eilends nach Hut und Mantille und ging nach Nordsteinvilla, ohne sich einen Augenblick zu bedenken. Mr. Bygrave draußen auf dem Meere, Miss Bygrave ausgegangen, Mrs. Bygrave und das Dienstmädchen, Beide zu Hause und Beide leicht zu behandeln: diese Gelegenheit durfte nicht unbenutzt vorübergehen, das Wagniß verlohnte sich sehr der Mühe ins Werk gesetzt zu werden!

Diesmal war die Hausthür leicht zu öffnen, Niemand hatte sie nach Magdalenens Weggange wieder verriegelt. Mrs. Lecount schloß die Thür leise, horchte einen Augenblick im Gange und hörte nur an dem Geräusch, wie das Mädchen in der Küche mit seinen Töpfen und Tiegeln handthierte.

—— Wenn mein Glückstern mich geradewegs in Miss Bygraves Zimmer führt, dachte die Haushälterin, wie sie sich geräuschlos die Treppe hinaufschlich, so finde ich wohl den Weg zu ihrem Kleiderschranke, ohne Jemand aufzustören.

Sie versuchte die Thür zunächst nach vorn im Hause auf der rechten Seite des Treppenaufganges. Der launenhafte Zufall hatte sie schon wieder im Stich gelassen. Das Schloß war gesperrt. Sie versuchte die Thür gegenüber zu ihrer linken Hand. Die nach ihrer Größe wohlgeordnet in einer Reihe stehenden Stiefel und die Rasiermesser auf dem Waschtisch zeigten ihr sofort an, daß sie noch nicht das rechte Zimmer gefunden hatte. Sie kehrte um nach der rechten Seite des Treppenaufgangs, ging einen kleinen Gang entlang, der nach dem Hinterhause führte, und versuchte eine dritte Thür. Die Thür ging auf, und in einem Augenblicke standen sich die beiden schnurstracks zuwiderlaufenden Gegensätze irdischer Weiblichkeit von Angesicht zu Angesicht gegenüber, Mrs. Wragge und Mrs. Lecount!

—— Ich bitte zehntausendmal um Verzeihung! sprach Mrs. Lecount mit der vollendetsten Selbstbeherrschung.

—— Gott schütze uns und behüte uns! schrie Mrs. Wragge in der kläglichsten Verwirrung.

Die beiden Ausrufe wurden in demselben Augenblicke ausgestoßen, und in derselben Frist nahm Mrs. Lecount bereits das Maß von ihrem Opfer. Nichts von der geringsten Wichtigkeit entging ihr. Sie bemerkte das orientalische Kaschmirkleid, welches halbfertig und halbaufgetrennt auf dem Tische dalag, sie bemerkte den ungeschickten Fuß von Mrs. Wragge, wie er blindlings um ihren Stuhl herumfuhr, um den verlorenen Schuh zu finden; sie bemerkte auch, daß es noch eine zweite Thür außer der Thür, durch die sie hereingekommen, in dem Zimmer gab und einen zweiten Stuhl nahe zur Hand, auf den sie sich vielleicht am Besten in einer freundschaftlichen und vertraulichen Art und Weise niederlassen könnte.

—— Ich bitte Sie, werden Sie nicht böse über meine Zudringlichkeit, ersuchte Mrs. Lecount, indem sie den Stuhl nahm, Mrs. Wragge. Erlauben Sie, mich auszusprechen!

—— Zudem nun die Haushälterin mit ihrer, sanftesten Stimme sprach, indem sie Mrs. Wragge mit einem süßen Lächeln auf ihren schmeichlerischen Lippen und mit zärtlicher Theilnahme in ihren hübschen schwarzen Augen anschaute, brachte sie ihr kleines Lügengewebe zur Einleitung mit einer so natürlichen Wahrheit des Ausdrucks vor, um welche sie der »Vater der Lügen« vielleicht selbst beneidet haben würde. Sie habe von Mr. Bygrave gehört, daß Mrs. Bygrave sehr schwächlich sei, und habe sich daher in ihren mäßigen Stunden auf Amsee, wo sie die Stelle als Haushälterin Mr. Noël Vanstones ausfülle, immer Vorwürfe gemacht, daß sie Mrs. Bygrave nicht ihre Freundschaftsdienste angeboten habe. Sie habe nun von ihrem Herrn, der ohne Zweifel Mrs. Bygrave als einer von den Freunden ihres Gatten und natürlich auch einer Von den Bewunderern ihrer Nichte genugsam bekannt sein werde, Befehl bekommen, heute ihm nachzureisen an den Ort, wohin er sich von Aldborough begeben habe. Sie sei genöthigt, bei guter Zeit aufzubrechen; aber sie könne es vor ihrem Gewissen nimmermehr verantworten, wenn sie fortginge, ohne bei einem Besuche ihren anscheinenden Mangel an freundnachbarlicher Gesinnung entschuldigt zu haben. Sie habe Niemand im Hause gefunden, sei nicht im Stande gewesen, sich dem Dienstmädchen hörbar zu machen und, habe nun angenommen, da sie jenes Zimmer nicht unten gefunden habe, daß Mrs. Bygraves Putzzimmer vielleicht im obern Stock sein möchte. Sie hätte unbedachter Weise eine Zudringlichkeit begangen, über die sie sich aufrichtig schäme, und sie könne sich jetzt nur an Mrs. Bygraves Nachsicht wenden, um bei ihr Entschuldigung und Verzeihung zu erhalten.

Eine weniger umständliche Entschuldigung würde schon Mrs. Lecounts Vorhaben gefördert haben. Sobald Mrs. Wragges sich abmühendes Auffassungsvermögen die Thatsache begriffen hatte, daß ihr unverhoffter Gast eine Nachbarin war, die ihr von Ruf wohlbekannt war, ging ihr ganzes Wesen in Bewunderung auf über Mrs. Lecounts Auftreten als Dame und Mrs. Lecounts trefflich sitzendes Kleid!

—— Welch vornehme Art zu sprechen hat sie! dachte die arme Mrs. Wragge, als die Haushälterin ihren letzten Satz heraus hatte, und ach, so was lebt nicht! wie nett ist sie gekleidet!

—— Ich sehe, ich störe Sie, fuhr Mrs. Lecount fort, indem sie sich geschickt der orientalischen Kaschmirrobe bemächtigte als ein naheliegendes Winkel, um den Zweck, den sie im Auge hatte, zu erreichen. Ich sehe, ich störe Sie, Madame, bei einer Beschäftigung, welche, wie ich aus Erfahrung weiß, die angespannteste Aufmerksamkeit erfordert. Ach, Sie Aermste, Sie trennen das Kleid wieder auf, wie ich sehe, nachdem Sie es gemacht haben! Das ist wieder mein eigener Fall, Mrs. Bygrave. Einige Kleider sind so querköpfig! Manche Kleider scheinen Einem in ebenso vielen Worten zu sagen: »— Nein, Du magst mit mir anfangen, was Du willst, ich werde nicht passen!«

Mrs. Wragge ward durch diese glückliche Bemerkung höchlich überrascht. Sie brach in ein Gelächter aus und schlug ihre großen Hände zusammen in der höchsten Aufregung.

—— Das ists ja eben, was dieses Kleid da immer zu mir gesagt hat, von dem Augenblicke an, wo ich die Scheere daran brachte, rief sie fröhlich aus. Ich weiß wohl, ich habe einen erschrecklich dicken Rücken, aber das macht es nicht. Warum sollte ein Kleid wochenlang in unseren Händen bleiben und dann doch nicht hinten zusammengehen? Es hängt über meine Brust herunter wie ein Sack, wahrhaftig. Sehen Sie, Madame, auf den Saum. Er will nicht sitzen. Es schleppt vorn, und hinten geht es in die Höhe. Es läßt meine Fersen sehen, und —— Gott mags wissen —— ich habe Noth genug mit meinen Fersen, ohne daß es mir zum Vortheil ist, sie zu zeigen!

—— Wollen Sie mir einen Gefallen thun? frug Mrs. Lecount zutraulich. Darf ich es versuchen, Mrs. Bygrave, ob ich vielleicht meine Erfahrung für Sie nutzbar machen kann? Ich denke, unsere Busen, Madame, sind unsere große Schwierigkeit. —— Nun, ist dieses Ihr Busen? Soll ich mit offenen Worten sagen? Dieser Ihr Busen ist ein einziges ungeheures Versehen!

—— Ach, sagen Sie Das ja nicht! schrie Mrs. Wragge flehentlich. Thun Sie's nicht, es ist schade darum! Er ist ein Stück dicker, ich weiß es wohl; aber er ist trotzdem nach einem von Magdalenens Kleidern zugeschnitten.

Sie war viel zu sehr in den Gegenstand des Anzugs vertieft, um zu bemerken, daß sie sich bereits verrathen und Magdalenen bei ihrem wahren Namen genannt hatte. Mrs. Lecounts scharfe Ohren entdeckten das Versehen sofort, als es begangen wurde.

—— So, so! dachte sie. Schon eine Entdeckung. Wenn ich jemals meinem eignen Argwohn nicht mehr getraut hätte, hier ist nun eine achtbare Dame, welche mich jetzt wieder meiner Sache gewiß gemacht hätte.

—— Ich bitte um Entschuldigung, fuhr sie laut fort, sagten Sie, Dies sei zugeschnitten nach einem von den Kleidern Ihrer Nichte?

—— Ja, sagte Mrs. Wragge. Es gleicht ihm, wie ein Ei dem andern.

—— Dann, antwortete Mrs. Lecount mit geschickter Wendung, dann muß etwas sehr falsch sein in dem Schnitt des Anzugs Ihrer Nichte. Können Sie mir ihn zeigen?

—— Der Herr stärke Sie, —— ja wohl! schrie Mrs. Wragge. Gehen Sie hierher, Madamchen, und bringen Sie das Kleid mit, wenn Sie so gut sein wollen. Es wird aus bloßer Schwere herunterrutschen, wenn Sie es auf dem Tische ausbreiten. Es ist Platz genug auf dem Bette hier drin.

Sie öffnete die Verbindungsthür und ging eifrig in das Zimmer Magdalenens voran. Mrs. Lecount warf, indem sie ihr folgte, einen verstohlenen Blick auf ihre Uhr. Niemals vorher war die Zeit so schnell verstrichen, als gerade heute früh! In zwanzig Minuten mußte Mr. Bygrave aus dem Bade zurück sein.

—— Da! sagte Mrs. Bygrave, indem sie den Kleiderschrein aufmachte und ein Kleid von einem der hölzernen Haken herunter nahm, sehen Sie 'mal her! Da sind Falten an ihrem Busen und Falten an meinem gelegt. Sechs auf dem einen und sein halbes Dutzend auf dem andern, und meine sind die Dicksten das ist Alles!

Mrs. Lecount schüttelte bedächtig ihr Haupt und ging dann in solche Einzelheiten und Feinheiten der Kunst des Schneiderns ein, daß sie in weniger denn drei Minuten die gewünschte Wirkung auf die Eigenthümer in der orientalischen Kaschmirrobe hervorbrachte, nämlich dieselbe in die äußerste Verwirrung setzte.

—— Ach, gehen Sie doch! schrie Mrs. Wragge flehentlich, gehen Sie doch nicht weiter! Ich bin meilenweit hinter Ihnen zurück, und mein Kopf hat schon das Summen wieder! Sagen Sie, seien Sie doch so gut, was nun eigentlich gemacht werden soll? Sie sagten eben 'was von dem Schnitt. Vielleicht bin ich zu dick für den Schnitt? Ich kann nicht dafür, wenn ich es bin. Ach, was habe ich darüber geweint, als ich noch ein Mädchen und im Wachsen war, über meine Größe! Sie ist um die Hälfte zu reichlich gemessen, Madamchen, —— messen Sie mich m der Länge oder messen Sie mich in der Breite, ich leugne es nicht —— überal bin ich ein halbmal zu groß.

—— Meine liebe Madame, widersprach Mrs. Lecount, thun Sie sich nicht selber Unrecht! Erlauben Sie mir, Ihnen zu versichern, daß Sie eine achtunggebietende Gestalt haben, eine Minervafigur. Eine majestätische Einfachheit in der Form einer Frau erheischt auch gebieterisch eine majestätische Einfachheit in der Form der Kleidung dieser Frau. Die Gesetze der Kleidung sind classisch, die Gesetze der Kleidung dürfen nicht übers Knie gebrochen werden! Hohe Falten für Venus, Puffen für Juno, glatte Laen für Minerva. Ich möchte Ihnen einen gänzlichen Wechsel des Schnittes vorschlagen. Ihre Nichte hat noch andere Kleider in ihrem Vorrathe. Warum sollen wir nicht auch einen Minervaschnitt darunter finden?

Als sie jene Worte gesprochen hatte, ging sie wieder zum Kleiderschrank zurück.

Mrs. Wragge folgte ihr und nahm die Kleider heraus, eins nach dem andern, indem sie dabei muthlos das Haupt schüttelte. Seidene Kleider kamen zum Vorschein, Musselinkleider traten ans Licht. Das einzige Kleid, welches unsichtbar war und blieb, war das Kleid, nach welchem Mrs. Lecount eben suchte.

—— Das ist der ganze Haufe, sagte Mrs. Wragge. Sie sind wohl gut für Venus und die beiden Andern —— ich hab' sie in Bildern gesehen, es hatte aber meiner Seel' keine von den Dreien ein Stückchen anständige Leinwand auf dem Leibe —— aber sie passen nicht für mich.

—— Gewiß ist doch wohl noch ein Kleid da? sagte Mrs.Lecount, indem sie in den Kleiderschrank zeigte, aber Nichts darin berührte. Sehe ich da nicht hinter dem dunklen Shawl Etwas in der Ecke hängen?

Mrs. Wragge nahm den Shawl weg, und Mrs. Lecount machte die Thür des Kleiderschrankes noch ein wenig weiter auf. Da, nachlässig aufgehängt auf dem innersten Haken, da sah richtig das braune Alpacakleid mit seinen weißen Tupfen und seiner doppelten Frisur hervor!

Die Plötzlichkeit und Vollständigkeit der Entdeckung ließ die Haushälterin, so erfahren sie, auch in der Verstellungskunst war, ihre Vorsicht ganz und gar vergessen. Sie fuhr zusammen —— als sie das Kleid erblickte. Einen Augenblick später wandten sich ihre Augen unruhig nach Mrs. Wragge hin. War ihr Erschrecken bemerkt worden? Es war ganz unbemerkt vorübergegangen. Mrs. Wragges ganze Aufmerksamkeit war auf das Alpacakleid gerichtet: sie starrte es unbegreiflicherweise mit dem Ausdruck des äußersten Entsetzens an.

—— Sie scheinen beunruhigt, Madamchem sagte Mrs. Lecount. Was in dem Kleiderschrank erschreckt Sie denn so sehr?

—— Ich hätte eine ganze Krone aus meinem Beutel drum gegeben, sagte Mrs. Wragge, hätte ich dieses Kleid nicht zu sehen brauchen. Es war mir ganz gut aus dem Sinn geschwunden —— und nun ists wiederkommen!

—— Ich decke es wieder zu! schrie Mrs. Wragge, indem sie den Shawl über das Kleid warf, wie in einem plötzlichen Anfall von Verzweiflung. Wenn ich es länger ansehe so werde ich denken, ich sei wieder aus der Vauxhallpromenade!

Vauxhallpromenade! Jenes Wort verriet Mrs. Lecount, daß sie an der Schwelle einer neuen Entdeckung stehe. Sie warf abermals einen verstohlenen Blick auf ihre Uhr. Es fehlten nur noch knappe zehn Minuten an der Zeit, wo Mr. Bygrave eintreffen mußte; es war nicht eine einzige Minute von den zehn mehr, wo nicht seine Nichte nach Hause zurückkommen konnte. Die Vorsicht rieth Mrs. Lecount zu gehen, um nicht weiter Gefahr zu laufen. Die Neugier fesselte sie aber an die Stelle und gab ihr den Muth, allen Zufällen zu trotzen, bis die Zeit um war. Ihr liebenswürdiges Lächeln begann ein wenig hart zu werden, als sie schmeichlerisch in Mrs. Wragges schwaches Herz sich einschleichen wollte.

—— Sie haben einige unliebsame Erinnerungen an Vauxhallpromenade? sagte sie mit dem mildest denkbaren Tone der Fragestellung in ihrer Stimme. Oder sollte ich vielleicht sagen, unliebsame Erinnerungen an das Kleid, das Ihrer Nichte gehört?

—— Das letzte Mal, daß ich sie in diesem Kleide sah, sagte Mrs. Wragge und sank zitternd auf einen Stuhl, war damals, wo ich vom Einkaufen in der Stadt zurückkam und den Geist erblickte.

—— Den Geist? wiederholte Mrs. Lecount, indem sie in reizendem Erstaunen die Hände zusammenschlug Liebe Madame, verzeihen Sie mir! Gibt es denn dergleichen in der Welt? Wo sahen Sie ihn? Auf Vanxhallpromenade? Erzählen Sie es mir: Sie sind ja die erste Dame, die ich finde, welche einen Geist gesehen hat. Bitte, erzählen Sie es mir!

Sich geschmeichelt fühlend durch die bevorzugte Stellung, welche sie plötzlich in den Augen der Haushälterin gewonnen hatte, gab nun Mrs. Wragge die Geschichte ihres übernatürlichen Erlebnisses ausführlich zum Besten. Die athemlose Spannung, mit welcher Mrs. Lecount ihrer Schilderung von der Kleidung des Gespenstes, Von dem Huschen des Geistes die Treppe hinauf und seinem Verschwinden in der Kammer lauschte, das außerordentliche Interesse, das Mrs. Lecount bezeigte, als sie hörte, daß das Kleid in dem Kleiderschrein dasselbe war, welches Magdalene in jenem schrecklichen Augenblicke, wo der Geist verschwand, trug, ermunterten Mrs. Wragge tiefer und immer tiefer in Einzelheiten einzugehen und ich in ein Wirrsal von gleichzeitigen Nebenumständen zu veriren, welche auf ganze Stunden hinaus keine Aussicht bot, daß sie sich werde wieder herauswickeln können.

Schneller und immer schneller enteilten die unerbittlichen Minuten, näher und näher rückte der verhängnißvolle Augenblick von Mr. Bygraves Rückkehr.

Mrs. Lecount sah zum dritten Male nach der Uhr, dies Mal aber ohne den geringsten Versuch zu machen, selbige Bewegung ihrer Gesellschafterin zu verbergen. Es waren buchstäblich nur noch zwei Minuten übrig, um sich von Nordsteinvilla fort zumachen. Es waren buchstäblich nur noch zwei Minuten übrig, um sich von der Nordsteinvilla fortzumachen. Zwei Minuten reichten hin, wenn kein widriger Zufall eintrat. Sie hatte ja nunmehr das Alpacakleid entdeckt, hatte die ganze Geschichte von dem Erlebniß aus Vauxhallpromenade angehört und, noch mehr als das, sie hatte sich sogar der Hausnummer der Wohnung versichert, deren sich Mrs. Wragge ganz zufällig erinnerte, da sie der Zahl ihrer Lebensjahre entsprach. Alles, was nöthig war zur vollständigen Aufklärung ihres Herrn, hatte sie jetzt ausgeführt. Sogar, wenn Zeit gewesen wäre, noch länger zu verweilen, lag Nichts vor, um das es sich verlohnen sollte, länger zu bleiben.

—— Ich will diese würdige Blödsinnige mit einem Coup d'etat zur Ruhe bringen, dachte die Haushälterin, und dann verschwinden, ehe sie sich erholt hat.

—— Entsetzlich! schrie Mrs. Lecount auf, indem sie die Geistergeschichte durch einen grellen kleinen Schrei unterbrach und zu Mrs. Wragges unsäglichem Erstaunen ohne Weiteres nach der Thür stürzte. ... Sie machen das innerste Mark meines Gebeines erstarren!.... Guten Morgen!

Sie warf gleichgültig die orientalische Kaschmirrobe in Mrs. Wragges umfangreichen Schooß und verließ augenblicklich das Zimmer.

Als sie geschwind die Treppe heruntereilte, hörte sie oben die Thür des Schlafzimmers aufgehen.

—— Was ist das für ein Benehmen? rief eine Stimme ihr aus der Ferne über das Treppengeländer nach. Was wollen Sie damit sagen, daß Sie mir meinen Rock auf diese Art und Weise zuwerfen?

Sie sollten sich 'was schämen! fuhr Mrs. Wragge fort, indem sie aus einem Lamm zur Tigerin wurde, als sie, nach und nach den Umfangs der ihrer Kaschmirrobe angethanenen Beschimpfung ermaß. Sie garstige, fremde Person, Sie sollten sich 'was schämen!

Verfolgt von diesen Abschiedsworten erreichte Mrs. Lescount die Hausthür und öffnete sie unverzüglich. Sie eilte pfeilschnell durch den Garten, ging durch das Thor und befand sich auf der Promenade. Dann aber hielt sie an und sah nach dem Meere hin.

Der erste Gegenstand, den ihre Augen erblickten, war die Gestalt Mr. Bygraves, welche regungslos am Ufer stand, ein steinerner Gast, seine Handtücher auf dem Arme! Ein Blick auf ihn genügte, um sich zu überzeugen, daß er die Haushälterin gesehen hatte, wie sie durch sein Gartenthor gekommen war.

——Indem Mrs. Lecount nun richtig vermuthete, daß Mr. Bygrave erstes Geschäft sein werde, sofort Nachforschungen in seinem Hause anzustellen, setzte sie so ruhig, als ob Nichts vorgefallen wäre, ihren Weg nach Amsee zurück fort. Als sie in das Zimmer trat, wo ihr einsames Frühstück ihrer wartete, war sie überrascht, einen Brief auf dem Tische liegen zu sehen. Sie trat mit einem Ausdruck von Ungeduld heran, um ihn an sich zu nehmen, indem sie bei sich dachte, es möchte eine Kaufmannsrechnung sein, die sie vergessen hätte.

—— Es war der gefälschte Brief aus Zürich. ——


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