Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Antonina oder der Untergang Roms - Zweites Buch - Kapitel VI. - Der wiedergefundene Hüter
 

Antonina oder der Untergang Roms



Kapitel VI.
Der wiedergefundene Hüter.

Das frische Grab bleibt nicht lange unbewacht, der feierlichen Obhut der Einsamkeit und Nacht überlassen. Kaum sind einige Minuten, seit es gegraben ward, verflossen und schon drücken menschliche Tritte seine nachgiebige Oberfläche und ein menschlicher Blick forscht aufmerksam auf seinem kleinen einfachen Hügel umher. Aber es ist nicht Antonina, die er geliebt, es ist nicht Goiswintha, deren Rachsucht ihn eine Verderben gestürzt hat und die jetzt die Erde über der Leiche des jungen Kriegers betrachtet. Es ist ein Fremder und Auswürfling, es ist ein verlorener, entehrtet, sündiger Mann, es ist der einsame, aller Hoffnungen beraubte Ulpius, der jetzt mit gleichgültigen Augen den friedlichen Garten und das beredte Grab betrachtet.

In die Schicksale des Weh’s, welche die Nacht mit sich geführt hat, ist auch der Heide zu seinem Verderben eingeschlossen gewesen. Die Vernichtung, welche den Körper des jungen Mannes, der in der Erde lag, getroffen, hatte den Geist des alten Mannes, welcher auf seinem einfachen Grabe stand, ergriffen. Der Körper des Ulpius mit allen seinen Gebrechen war noch vorhanden, aber der von grausamer Geduld und unbesiegbarer Kühnheit erfüllte Geist, welcher ihn großartig in seinen Ruinen erhellt hatte, war verschwunden. Ueber die lange Qual seines schmerzerfüllten Lebens hatte sich für immer der Schleier des Vergessens seiner selbst gedeckt!

Er war von Alarich entlassen worden, aber nicht nach der Stadt zurückgekehrt, wie man ihm geboten hatte. Die Nacht hindurch war er in den einsamen Vorstädten umhergewandert und hatte unter geheimen entsetzlichen Leiden um die Herrschaft des Geistes gerungen. Dort entfaltete sich die Niederlage aller seiner Hoffnungen von deu Gothen schnell zur Niederlage des ganzen Geistes, welcher seine Bestrebungen erzeugt hatte. Dort hatte endlich die Vernunft die Bande gebrochen, durch welche sie so lange gefesselt, zu falschen Zwecken verwendet, entwürdigt worden war.

Und jetzt hatte er hierhin und dorthin wandernd, den hilflosen Körper, welcher nicht mehr Besitz des gefährlichen Geistes war, nach dem Garten des Bauernhauses geschleppt, in welchem er jetzt stand, und abwechselnd auf den umgeworfenen Rasen des Grabes des Häuptlings und den rothen Schein des Feuers blickte, welches durch die Oeffnung der gesprengten Thür aus dem öden Zimmer herüber leuchtete.

Seine Geistesfähigkeiten wären eher auf immer in Unordnung gerathen, als gänzlich vernichtet; sein Scharfsinn, seine Festigkeit und Schlauheit waren verschwunden, aber ein nutzloses und unlenkbares Ueberbleibsel des Gedächtnisses, eine gewisse Fähigkeit zu vorübergehenden Beobachtungen war ihm noch geblieben. Der schmähliche Umsturz seiner Hoffnungen in dem Zelte Alarich’s, welcher seine Geisteskräfte zu Boden geschmettert hatte, war ihm wie ein nie geschehenes Ereigniß verschwunden, aber er erinnerte sich noch an Bruchstücke seiner früheren Existenz, er bewahrte noch ein unbestimmtes Bewußtsein des Zweckes, welcher sein ganzes Leben beherrscht hatte.

Diese ungeborenen, unzusammenhängenden und ununterstützten Reflexionen schwebten vor seinem verfinsterten Geiste hin und her, wie leuchtende Ausdünstungen über einem Sumpfe, —— steigend und sinkend, harmlos und trügerisch, flackernd und unregelmäßig. Was er noch von der Vergangenheit wußte, daran erinnerte er sich gleichgültig und betrachtete es mit so bedeutungsleerer Neugier, als ob es das im Traume erblickte Schauspiel der Kämpfe und des Unglücks der Hoffnungen eines Andern sei, und handelte unter dem geheimnisvollen Einflusse desselben, dessen Ende und Grund zu entdecken er sich nicht kümmerte. Was die Zukunft betraf, so war sie ein vollkommen leerer Raum für seine Gedanken. Die Gegenwart war eine mißtönige Verbindung körperlicher Müdigkeit mit geistiger Ruhe.

Er zitterte, als er obdachlos unter freiem Himmel dastand. Die Kälte welcher er in den Gewölben der durchspaltenen Mauer Trotz geboten hatte, durch fröstelte in dem Garten des Bauernhauses seinen ganzen Körper. Seine Glieder, die auf dem schwierigen Gange von Rom nach dem Lager der Gothen der Müdigkeit widerstanden hatten, zitterten so, daß er sie auf dem Boden ausruhen lassen mußte. Eine kurze Zeit lang starrte er mit blöden erschreckten Augen auf das offene Gebäude vor ihm, als ob er sich in dasselbe zu treten sehne, aber es nicht wage. Endlich schien die Lockung des rothen Feuerscheines seine Unentschlossenheit zu besiegen, er erhob sich mit Mühe und trat langsam und zaudernd in das Haus.

Er war erst einige-Schritte weit mit leisem Diebsgange geschlichen, er hatte auf einen Augenblick die willkommene Wärme des Zimmers gefühlt, als sein Auge den Körper Antoninens, welcher immer noch bewußtlos auf der Erde lag, erblickte. Er näherte sich ihm mit eifriger Neugier, erhob das Mädchen in seinen Armen und blickte es mit langem strengen Forschen an.

Einige Augenblicke hindurch ging über seine Lippen, erschien auf seinem Gesichte kein Ausdruck des Wiedererkennens, während er mit einer mechanischen, kindlichen Gebärde der Zärtlichkeit ihr verwirrtes Haar auf der Stirn glättete. Während er so beschäftigt war, während die Ueberbleibsel seiner sanften Kindheit sich so entsetzlich im Wahnsinn seines Greisenalters neu belebten, fiel eine Musiksaite, die« um ein Stückchen vergoldeten Holzes gewunden war, aus ihrem Versteck am Busen des Mädchens. Er riß sie vom Boden auf —— es war das Bruchstück ihrer zerbrochenen Laute, welches sie seit der Nacht, wo sie in ihrem unschuldigen Schmerze, in ihrer jungfräulichen Kammer darüber weinte, nie verlassen hatte.

So klein und unbedeutend es auch war, berührte dieses geringfügige Erinnerungszeichen doch die Saite im Geiste des Heiden, welche die allberedte Gestalt und das Antlitz seiner unglücklichen Herrin nicht zu, erreichen vermocht hatte, sein Gedächtniß flog augenblicklich zu dem Garten aus dem Monte Pincio und seinen früheren Pflichten in Numerian’s Hause zurück, sagte ihm jedoch nichts von dem Unglück, welches er seit jener Zeit seinem vertrauensvollen Herrn bereitet hatte. Seine Phantasie zeigte ihm in diesem Augenblicke nur ein Bild, seine Dienstbarkeit im Hause des Christen und als er jetzt auf das Mädchen blickte, konnte er sich nur in dem Lichte ihres wiedergefundenen Hüters betrachten.

»Was thut sie hier mit ihrer Musik?« flüsterte er besorgt. »Dies ist nicht das Haus ihres Vaters und der Garten dort steht nicht auf der Höhe des Hügels.«

Als er neugierig im Zimmer umhersah, erregten plötzlich die rothen Flecken auf dem Boden seine Aufmerksamkeit. Er schien augenblicklich von einem panischen, wahnsinnigen Schrecken ergriffen zu werden. Er stand mit einem Entsetzensschrei auf und eilte mit dem Mädchen in seinem Arme zitternd und athemlos in den Garten hinaus, als ob ihn die Waffe eines Mörders aus dem Hause verscheucht habe.

Die Einwirkung ihrer rauhen Entfernung, der plötzliche Einfluß der frischen, kalten Luft brachte Antoninen wieder in’s Leben und Bewußtsein, als Ulpius, der sie nicht länger zu tragen vermochte, sie gegen den kleinen Erdhaufen legte, welcher das Grab des jungen Häuptlings bezeichnete, ihre Augen öffneten sich wild, ihr erster Blick heftete sich auf die zersprengte Thür und das leere Zimmer. Sie erhob sich vom Boden, that einige Schritte auf das Haus zu, blieb dann starr, athemlos, stumm stehen, wendete sich langsam um und betrachtete den ausgeworfenen Rasen. Das Grab verkündete beredt, wen es enthielt. Sein Harnisch, den die Soldaten mit dem Körper, welchen er in früheren Tagen vertheidigt, zu begraben gedacht hatten, war in der Eile seiner geheimen Beerdigung übersehen worden und lag theilweise mit Erde bedeckt, theilweise dem Anblicke freigegeben —— ein einfaches Denkmal auf einem einfachen Grabe da.

Ihre thränenlosen, weit offenen Augen blickten darauf nieder, als wollten sie jeden Grashalm, jede Erdscholle, womit es umgeben war, zählen. Ihr Haar wehte müssig um ihre Wangen, als es von dem leichten Winde bewegt wurde, über ihr Gesicht zog aber kein Ausdruck, ihre Glieder machten nicht die leiseste Bewegung. Ihr Geist rang und bebte, wie von einer feurigen Last zu Boden gedrückt, aber ihr Herz besaß keine Stimme, und ihr Körper war stumm.

Ulpius war unbemerkt neben ihr stehen geblieben. In diesem Augenblicke bewegte er sich so, daß er gerade vor sie zu stehen kam, und sie blickte plötzlich zu ihm auf. Ein momentaner Ausdruck der Verwirrung und des Argwohns durchhellte die schwere, dumpfe Verzweiflung, welche aus ihren Augen die natürliche weibliche Sanftmuth verscheucht hatte. Sie wendete sich von dem Heiden ab, knieete neben dem Grabe nieder und preßte Gesicht und Busen an den kleinen Rasenaufwurf unter ihr.

Keine Stimme tröstete, kein Arm liebkoste sie, als ihr Geist jetzt die Geheimnisse des Unglücks der langen Nacht zu durchdringen, ihre dunkelsten Tiefen zu erforschen begann. Ununterstützt und unerquickt knieete sie, während die wenigen verbleichenden Sterne von ihren Plätzen am Himmel auf sie herabflimmerten, während sich die erhabene Stille der ruhigen Natur um sie her ausbreitete, an dem Altar des Todes nieder und erhob ihre mit ihrem heiligen Opfer menschlichen Schmerzes beladene Seele zu dem großen Himmel über ihr!

So verharrte sie lange, und als sie sich endlich vom Boden erhob, als sie sich dem Heiden nähernd, ihre thränenlosen, traurigen Augen auf ihn heftete, zuckte er vor ihrem Blicke zusammen, während seine abgestumpften Geisteskräfte vergebens wagen, die frühere mittheilende Kraft, welche sie jetzt für immer verloren hatten, wieder zu erhalten.

Es lebte in seinem Innern weiter nichts mehr, als die Erinnerung, welche der erste Anblick des Lautenbruchstücks erweckt hatte und er flüsterte ihr mit leisem, bittendem Tone zu:

»Komm heim! komm heim! Dein Vater kann vor uns zurückkehren —— komm heim!«

Als die Worte »heim« und »Vater,« jene Penaten der frühesten Existenz des Herzens das Ohr des Mädchens berührten, zuckte mit elektrischer Plötzlichkeit eine Veränderung über das ganze Aeußere desselben.

Sie erhob ihre blassen Hände zum Himmel, ihre ganze weibliche Zärtlichkeit bemächtigte sich wieder ihres Herzens, und als sie nochmals auf dem Grabe niederknieete, stieg ihr Schluchzen hörbar durch die ruhige, duftige Luft auf.

Mit Hermanrich's Leiche unter ihr, mit dem blutbesprengten Zimmer hinter ihr, mit seinem feindlichen Heere und einer von Hungersnoth verwüsteten Stadt vor ihr, gelang es ihr nur durch einen Thränenstrom der heilenden Erleichterung des bedrückten Herzens, sich über die vervielfältigten Schrecken ihrer Lage gerade in dem Augenblicke zu erheben, wo ihre Geisteskräfte und ihr Leben denselben zu erliegen schienen. Sie weinte reichlich und bitterlich auf die liebevolle Muttererde, den geduldigen, freundlichen Boden, welcher einst die leichten Schritte des Ersten eines Geschlechts getragen hatte, das nicht zum Tode erschaffen ist; welcher jetzt in seinen schützenden Armen die Geliebten hält, welche wir dort trauernd zum Schlafe niederlegen, welcher noch bis in seine entferntesten Tiefen aufspringen wird, wenn die sonnenhellen Gestalten wiederkehrender Geister auf seine erneuerte Form herab scheinen und die Liebe in Engelvollkommenheit an dem Punkte wieder aufgenommen wird, wo sie der Tod in sterblicher Schwäche unterbrochen hatte.

»Komm heim! Dein Vater erwartet Dich, komm heim!« wiederholte der Heide, indem er sich langsam entfernte.

Beim Tone seiner Stimme schrak sie auf, Umfaßte seinen Arm mit ihren zitternden Fingern, um ihn zurückzuhalten, und blickte erschreckt in sein runzeliges, geistesleeres Gesicht auf. Jetzt schien sie ihn erst wieder zu erkennen. Furcht und Erstaunen vermischten sich in ihrem Gesicht mit Schmerz und Verzweiflung, als sie zu seinen Füßen niedersank und in Tönen schneidender Bitte stöhnte:

»O Ulpius, —— wenn Du Ulpius bist, habe Mitleid für mich und bringe mich zu meinem Vater! Mein Vater! mein Vater! in der ganzen einsamen Welt habe ich Keinen mehr, als meinen Vater!«

»Warum weinst Du gegen mich über Deine zerbrochene Laute!« antwortete Ulpius mit stumpfsinnigem Lächeln; »ich habe sie nicht zerschlagen.«

»Sie haben ihn erschlagen!« schrie sie untröstlich, ohne auf die Antwort des Heiden zu achten.«Ich sah wie sie gegen ihn ihre Schwerter zogen. Sieh, sein Blut ist an mir, —— an mir! —— an Antoninen, die er beschützt und geliebt hat! Ich habe ihn seitdem nie wieder gesehen, —— er ist unten —— dort unten! unter den Blumen, die ich gezogen um sie für ihn zu pflücken! Sie haben ihn erschlagen und ihn begraben, als ich es nicht wußte! —— oder Du —— Du hast ihn begraben! Du hast ihn unter der kalten Gartenerde verscharrt. Er ist fort! —— ach fort! fort! —— für immer dahin!«

Und sie warf sich wieder mit rücksichtsloser Heftigkeit auf das Grab nieder. Ulpius näherte sich ihr, nachdem er einen Augenblick fest auf sie herabgesehen hatte, und hob sie von der Erde auf.

»Komm!« rief er zornig, »die Nacht schreitet vorwärts, Dein Vater wartet!«

»Die. Mauern von Rom sperren mich von meinem Vater ab! ich werde Hermanrich und meinen Vater nie wieder sehen!« rief sie in Tönen bitterer Pein, als sie steh des ganzen Elends ihrer Lage vollkommener erinnerte und rang, um sich von den Händen des Heiden frei zu machen.

»Die Mauern von Rom!«

Bei diesen Worten öffnete sich der Geist des Heiden einer Fluth dunkler Erinnerungen und die Traumgebilde, welche ihn bis jetzt erfüllt hatten, verschwanden. Er lachte triumphierend.

»Die Mauern von Rom beugen sich meinem Arme,« rief er mit jubelnder Stimme; »ich habe sie mit meiner guten Eisenstange durchbrochen. Ich habe mich mit meiner Laterne durch sie gewunden! Geister schrieen mich an und schlugen mich zu, Boden und grinsten mich in der dichten Finsterniß an, aber ich bin durch die Mauer gelangt! Der Donner rollte um mich, als ich durch die gewundenen Spalten kroch, aber ich habe mich durch sie hingekämpft! Ich bin auf der andern Seite als Sieger herausgetreten! Komm, komm, komm, komm! wir wollen zurückkehren. Ich weiß den Weg selbst in der Finsterniß. Ich wache besser als die Schildwachen. Du sollst auf dem Pfade wandeln, den ich durch das Mauerwerk gebrochen habe!«

Die Züge des Mädchens verloren auf einen Moment ihren Ausdruck des Schmerzes und wurden schreckensstarr, als sie auf seine glühenden Augen blickte und den furchtbaren Verdacht seines Wahnsinns in ihren Geist ziehen fühlte. Sie stand kraftlos, zitternd, widerstandslos da, ohne einen Versuch zu machen, ihn zur Entfernung zu locken oder zum Verweilen zu bewegen.

»Weshalb habe ich meinen Weg durch die Mauer gebrochen,« murmelte der Heide mit leiser, ungewisser Stimme, indem er sich plötzlich zurückhielt, als er eben einen Schritt vorwärts thun wollte, »warum habe ich das starke Mauerwerk niedergerissen und bin hinaus in die dunkle Vorstadt gegangen?«

Er schwieg und rang auf einige Augenblick mit seinen unzusammenhängenden, verwirrten Gedanken, aber eine öde Finsterniß und Vernichtung überdeckte Alarich und das gothische Lager und er mühte sich umsonst, sie zu zerstreuen. Er seufzte bitterlich vor sich hin:

»Es ist fort!« und zog Antoninen, deren Hand er nicht losgelassen hatte, hinter sich nach dem Gartenthore.

»Laß mich los!« schrie sie, als er in den nach der Landstraße führenden Weg bog. »O sei barmherzig und laß mich sterben, wo er gestorben ist!«

»Ruhig! sonst zerreiße ich Dich Glied um Glied, wie ich die Steine aus der Mauer gerissen habe, als ich durch sie ging!« flüsterte er ihr grimmig zu, als sie rang, um ihm zu entgehen, Du sollst mit mir nach Rom zurückkehren, Du sollst den Weg betreten, den ich in dem durchspaltenen Gemäuer gemacht habe.«

Entsetzen, Angst, Erschöpfung überwältigten ihre schwachen Anstrengungen, ihre Lippen bewegten sich halb bittend, und halb nach einem Schrei ringend, aber sie sprach kein hörbares Wort, während sie sich mechanisch vom Heiden an der Hand vorwärts führen ließ.

Sie schritten in dem verbleichenden Sternenscheine auf der kalten, einsamen Straße dahin und durch die öde, verlassene Vorstadt. Starr, gehorsam, willenlos und wie im Traume bewegte sich das geknickte Mädchen neben seinem kaum menschlichen Führer dahin.

Von den Lippen des Heiden strömten unzusammenhängende Ausrufungen, die entsetzlich zwischen kindischer Einfalt und wilder Lasterhaftigkeit wechselten, aber er sprach nicht weiter zu seiner schreckensstarren Gefährtin. So gelangten sie mit schnellem Schritte bis zu den gothischen Linien, wo der Wahnsinnige seinen Schritt langsam werden ließ und gleich einem wilden Thiere, welches sich den Wohnungen der Menschen nähert, stehen blieb, um sich umzuschauen.

Ohne von Antoninen, deren Wahrnehmungskraft selbst hier, im Bereich der zweifelhaften Hilfe der Feinde ihres Volkes, von ihren Schrecken zu vollkommener Unthätigkeit versteinert worden war, gehindert zu werden, schlich der Heide durch die einsamsten Stellen des Lagers und entging, von der geheimnißvollen List der elenden Gefährten seines Leidens geführt, glücklich der Beobachtung der schläfrigen Wachen. Nie von der Finsterniß behindert, obgleich der Mond untergegangen war, stets von dem mit seiner Krankheit verknüpften thierischen Instinkt geleitet, schritt er über den freien Raum zwischen dem feindlichen Lager und der Stadt und gelangte triumphierend an den Steinhaufen, welcher seinen Eingang zu der Mauerspalte bezeichnete.

Einen Augenblick blieb er stehen, wendete sich zu dem Mädchen und deutete stolz auf die dunkle, niedrige Höhlung, in welche er zu dringen im Begriff war. Hierauf zog er ihre halbohnmächtige Gestalt dichter an seine Seite, blickte aufmerksam zu den Zinnen empor, und betrat mit geräuschlosem Fuße, als ob er auf Rasen hinwandelte, mit seinem hilflosen Schützling die düstere Spalte.

Als sie in dem Grunde der Mauer verschwanden, erreichte die Nacht —— die stürmische, ereignißreiche, Verderben bringende! —— ihre letzte Grenze und der halb verhungerte Wächter auf den Festungswerken der belagerten Stadt erhob sich aus den traurigen Gedanken, in die er versunken war, denn er sah, daß der neue Tag im Osten dämmerte.


Vorheriges Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte