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Antonina oder der Untergang Roms



Band 3

Erstes Buch.

(»—— das Volk starb ohne Hilfe; bei dem Mangel
an Hütern der göttlichen und menschlichen Gesetze
hatten die Verbrecher die Oberhand und begingen
ungestört Räubereien und alle möglichen anderen
Excesse; den Kranken fehlte es an der gehörigen
Pflege, denn es fehlte an Pflegern; ——«)

»—— la gente moriva senza rimedio; mancati i cu-
stodi delle leggi si divine. che umane, gli scele-
rati le conculcavano, commettendo rapine e ogni
altro eccesso liberamente; i pazienti mancavano
della debita cura, per mancanza di chi gli assi-
stesse;——«
Martinelli:
»Osservazioni sopra ll Decameron di
Giovanni Boccacci.«

Kapitel I.
Die Rückkehr durch die Mauerspalte.

Stumm und gleichgültig heftete der Wächter auf der durchbrochenen Mauer seine Augen auf die östlichen Wolken, als sich dieselben langsam in der anbrechenden Dämmerung erhellten. So trostlos auch das Aussehen des trüben, nebeligen Morgens war, bot er doch von allen den verschmachtenden Soldaten umgebenden Gegenständen das willkommenste Ziel für sein mattes Auge. Wenn er auf die Stadt hinter ihm zurückblickte so sah er ein ödes Gebeinhaus der Hungersnoth und des Todes. Blickte er auf den leeren Raum außerhalb der Mauern hinab, so sah er die Leiche des Gefährten seiner Wache, der von den Qualen des Hungers, die er die Nacht über gelitten, zum Wahnsinn getrieben, sich von der Zinne hinabgestürzt hatte, um einen willkommenen Tod am Fuße der Mauer zu finden. Hungrig und verzweifelnd lehnte der Wächter auf den Festungswerken, auf denen hinzuschreiten er jetzt nicht Kraft genug mehr besaß und um deren Vertheidigung er sich nicht länger kümmerte, indem er sich, nach der Nahrung sehnend, die zu erlangen er keine Hoffnung hatte, anf seinem einsamen Posten die graue Dämmerung beobachtete.

Während er noch so damit beschäftigt war, wurde das düstere Schweigen, welches ihn umgab, plötzlich von dem Tone herabstürzenden Gemäuers am innern Fuße der Mauer unterbrochen, worauf schwache Bitten um Gnade und Befreiung folgten, die seltsam mit unzusammenhängenden Ausdrücken der Herausforderung und des Triumphs, von einer zweiten Stimme gemischt, zu seinem Ohre aufstiegen. Er, wendete langsam den Kopf und sah, als er hinabblickte, auf dem Boden unter ihm ein junges Mädchery welches mit einem Greise rang, der es, nach dem Pincischen Thore, zu schleppte.

Auf einen Moment begegnete das Auge des Mädchens dem gleichgültigen Blicke des Wächters und sie erneuerte, mit einer letzten Anstrengung ihrer Kräfte und heftigerem Flehen ihr Hilfegeschrei, aber der Soldat bewegte sieh weder, noch antwortete er. Bei seiner Erschöpfung konnte ihn jetzt kein Anblick weiter berühren, als der Anblick von Nahrung. Er war, gleich den übrigen Bewohnern der Stadt, in die schwere Betäubung des Hungers versunken —— selbstsüchtig, gleichgültig, verthiert geworden. Kein Unglück vermochte, ihn niederzuschlagen, keine Abscheulichkeit ihn anzuspornen. Der Hunger hatte alle Bande der Gesellschaft zerrissen, hatte unter seinen belagerten Mitbürgern jedes menschliche Gefühl abgestumpft und er hungerte gleich ihnen.

Als die Bitten des Mädchens um Schutz jetzt schwächer und immer schwächer an sein Ohr schlugen, machte er daher keinen Versuch, seine matten Glieder zu bewegen. Er sah sie mit stumpfem, mechanischem Blicke hinweg schleppen, bis sie eine Biegung des Pfades am Fuße des Monte Pincio seinen Augen verbarg. Dann kehrten seine Augen langsam wieder zu dem bewölkten Himmel, zurück, welcher der Gegenstand. seiner früheren Betrachtung gewesen war, und sein Geist versank wieder in seine alte, peinlich, zwecklose Zerstreutheit, als ob kein Ereigniß kaum einen Augenblick vorher die geschwächten Fähigkeiten desselben angeregt hätte.

Wenn er in dem Augenblicke, wo das erste Licht der Dämmerung erschien, durch eine geheimnißvolle Kraft befähigt worden wäre, von der Zinne, auf welcher er seine müde Wacht hielt, nach den inneren Grundlagen der Mauer hinabzublicken, so hätte sich ihm dann ein Anblick bieten müssen, welcher selbst seines träge Beobachtungsfähigkeit zu starrer Aufmerksamkeit und unwillkürlicher Ueberraschung aufgeregt haben würde.

Zwischen zackigen Massen von morschem Mauerwerk bald aufwärts, bald abwärts gewunden, hier in die Schatten dunkler Schlünde versunken, dort über den Wölbungen aufsteigender Bögen heraustretend, würden sich die dunkeln, unregelmäßigen Gänge, welche Ulpius durch die morsche Mauer gebrochen hatte, seinen Augen gezeigt haben —— nicht bloß in öder Einsamkeit, nicht nur von den dem Orte angehörigen Kriechthieren bevölkert, sondern in allen ihren labyrinthischen Verschlingungen von Menschengestalten durchmessen. Er würde den wilden, entschlossenen Heiden wahrgenommen haben, wie er sichern, langsamen Ganges durch Dunkelheit und über Hindernisse schritt und das junge Mädchen, das durch sein unglückliches Schicksal in seine Gewalt geliefert worden war, gleich einem, seinem Willen gehorchenden Hunde nachzog. Er hätte dann sehen können, wie ihre halb ohnmächtige Gestalt zuweilen auf den höheren Stellen des Ganges lag, während ihr furchtbarer Führer vor ihr in eine Vertiefung hinabstieg und sich dann wendete, um sie nach einer noch finsteren und niedriger gelegenen Tiefe nachzuziehen —— zuweilen in flehender Bitte auf den Knieen, während ihre Lippen sich noch einmal mit einer letzten verzweifelnden Bitte bewegten und ihre Glieder, in der höchsten Anstrengung den unbarmherzigen Händen ihres Führers zu entgehen, bebten. Bei allem, was sich ihm entgegenstellte, würde dabei in jeder Handlung des Heiden die gleiche wilde Hartnäckigkeit sichtbar gewesen sein, die ihn fortwährend in seinem wahnsinnigen Entschlusse bewirkte, sein Opfer durch die Mauer mit sich zu ziehen, ihn stets mit seltsamem Instinkte über jedes Hinderniß hinwegführte, und ihn von jeder Gefahr aus seinem Pfade befreite, bis sie ihn triumphierend mit seiner, sich noch in seiner Macht befindenden Gefangenen hinausbrachte, und er wieder die verödeten Straßen betreten und sich unter die hungernden Bürger von Rom mischen konnte.

Und welche Hoffnung hatte Antonina nun, wo sie nach Gefahr und Noth wieder in ihrer Heimathstadt stand, ihre letzte Freistätte unter dem Dache ihres Vaters zu erlangen und ihren einzigen Trost in dem Versuche zu finden, die Liebe ihres Vaters wieder zu erringen? Sobald der Heide die durchbrochene Mauer hinter sich hatte, schien auch jede mit derselben verknüpfte Erinnerung in seinem Gedächtnisse verschwunden zu sein. An die Stelle seiner verlorenen Geisteskräfte war wieder eine eben so öde Wüste getreten, wie diejenige, welche sie in der Nacht überzogen hatte, wo er im Garten des Bauernhauses an dem Grabe des jungen Häuptlings stand. Er ging, ohne etwas zu beobachten, ohne zu denken, ohne Ziel oder Hoffnung und nur von einer geheimnißvollen Unruhe getrieben, vorwärts, vergaß dabei sogar Antoninens Gegenwart, hielt aber immer noch mechanisch ihre Hand fest und schleppte sie hinter sich her, ohne zu wissen wohin.

Aber auch sie machte keinen weiteren Versuch, um sich zu befreien. Sieh hatte gesehen, wie der Wächter auf der Mauer von ihren Bitten unbewegt blieb, sie hatte gesehen, wie die Mauern des väterlichen Hauses immer weiter vor ihren sehenden Augen zurückwichen, also sie Ulpius mitleidlos von der fernen Thür desselben weiter und weiter zog und sie verlor die letzte schwache Hoffnung auf das Wiedersehen, den letzten geringen Wunsch zu leben, über dem schwer auf ihrem Geiste. lastenden Gefühle ihrer. Hilflosigkeit. Ihr Herz war von dem jungen Krieger erfüllt, der erschlagen worden war, und von ihrem Vater, von welchem sie sich in der Stunde seines Zorns getrennt hatte, während sie jetzt schwach den Schritten des Heiden folgte und sich in ihrer höchsten Verzweiflung der schnellen Erschöpfung und dem Tode anheim gab.

Sie wendeten sich von dem Pincischen Thore ab und gelangten, auf den Campus Martius und hier zeigte sich das Aussehen der belagerten Stadt und die Lage ihrer unglücklichen Einwohner vollkommen und furchtbar ihren Blicken. Auf dem herrlichen Plage, der einst von geschäftigen Menschen erfüllt gewesen war, welche in jeder Richtung hin und her eilten, wie sie ihre verschiedenartigen Bestimmungen oder Launen führen mochten, waren jetzt keine zwanzig sich bewegenden Gestalten zu entdecken. Diese Wenigen, welche noch die Kraft oder die. Entschlossenheit besaßen auf dem größten Platze Rom’s umherzuschreiten, gingen unablässig mit in das Leere gerichteten hohlen Augen und auf den Mund gepreßten, abgemagerten Händen« einzeln, mißtrauisch, stumm, wüthend, wie eingekerkerte Tollhäusler rastlos, wie in der Ruhe gestörte Gespenster auf einem Friedhofe, auf und ab.

Von dieser Art waren die Bürger, welche sich noch auf dem Campus Martius bewegten; auf ihrem Pfade lag, überall; wohin sie sich wenden mochten, die grausige Menge der Sterbenden und Todten —— die bereits getroffenen Opfer der Pest, welche sich jetzt in der angesteckten Stadt erhoben und dem Hunger in seinem Werke der Verödung und des Todes angeschlossen hatte. Um die öffentlichen Brunnen, in denen das Wasser noch eben so kühlend und süß aufsprudelte, wie in der Sommerzeit des Wohlstands und Friedens, hatte sich hauptsächlich die ärmere Bevölkerung des belagerten Rom zum Sterben zusammengedrängt. Einige besaßen noch Kraft genug, um gierig am Rande der steinernen Becken zu trinken, über welche Andere —— mit in das Wasser getauchten Köpfen und Schultern —— todt, und ertrunken lagen, durch ihre Schwäche unfähig, sich nach dem ersten Zuge zurückzuziehen. Kinder stiegen über die Leichen ihrer Eltern, um bis an den Rand des Brunnens zu gelangen —— Eltern stierten blödsinnig auf die im Wasser, in welches sie unbeklagt, und ohne Beistand zur finden, gesunken waren, bald steigenden bald sinkenden Körper ihrer Kinder.

Auf anderen Theilen des Platzes an den offenen Thoren der Theater und Hyppodromen in den ungehüteten Vorhallen der Paläste und Bäder lagen die mißfarbigen Körper derjenigen, welche gestorben waren ehe sie die Brunnen erreichen konnten, —— besonders von Frauen und Kindern —— in entsetzlichen Kontrast von dem, Verlassen Hausrath der Ueppipgkeit und den bei Seite geworfenen Erfindungen des Lasters umgeben —— von vergoldeten Ruhebetten, —— von eingelegten Tischen —— von Juwelen besetzten Karniesen —— von obscönen Gemälden und Statuen —— von prächtig gebundenen, buntbemalten Manuskripten üppiger Lieder, die noch auf ihren gewohnten Plätzen an den hohen Marmorwänden hingen. Weiterhin in den Nebengassen und den abgelegenen Höfen, wo die Leiche des Krämers auf seinem leeren Ladentische ausgestreckt lag, wo der Soldat der Stadtwache erschöpft niedergesunken war, ehe er das Ende seiner Stunde erreicht hatte, wo der reiche Kaufmann von der Pest betroffen auf den letzten Ueberbleibseln widerlicher Nahrung lag, welche ihm sein Gold verschafft hatte, konnte man den Räuber und Mörder sehen, wie sie bald gierig das um sie her liegende Aas verschlungen, bald todt auf die Leichen niedersanken, welche sie vor kaum einem Augenblicke geplündert hatten.

Ueber das ganze Schauspiel in der Nähe, wie in der Ferne, so weit es sieh auch erstrecken mochte, was auch die Schrecken waren, welche es zeigte, breitete sich eine todte, unnatürliche Stille. Kein Laut war zu hören, die Lebenden waren eben so still wie die Todten, Verbrechen, Leiden, Verzweiflung waren gleich stumm. Die Trompete war nicht mehr im Wachhause zu hören, die Glocke ertönte nicht mehr von der Kirche, —— selbst der dichte, nebelige Regen, welcher jetzt aus den schwarzen, unbeweglichen Wolken niedersank, und die Umrisse entfernter Gebäude und die Zinnen der umfangreichen Paläste in kalte, Schatten hüllte, fiel geräuschlos auf den Boden nieder. Der Himmel besaß keinen Wind, die Erde kein Echo, die Alles durchdringende Verödung entsetzte das Auge, die öde Stille lastete dumpf auf dem Ohre —— es war eine Scene, als ob die letzte, noch übrige Stadt einer erschöpften Welt geräuschlos im Ur-Chaos zurücksinke.

Durch diese Atmosphäre der Finsterniß und des Todes, auf diesen Pfaden der Pest und des Hungers, Keinen betrachtend, von Keinem betrachtet, schritt der Heide langsam mit seiner Gefangenen nach dem, dem Monte Pincio gegenüberliegenden Theile der Stadt. Selbst jetzt noch erhellte kein Strahl des Gedankens die stumpfen Geisteskräfte des Ulpius er schritt gedankenleer vorwärts und das dem Sinken nahe Mädchen folgte ihm müde und matt.

In ihrem, aus körperlicher Schwäche und geistiger Verzweiflung gemischten Stumpfsinn sprach sie kein Wort, erhob weder den Kopf, noch blickte sie zur einen oder andern Seite. Sie hatte jetzt sogar aufgehört, den kräftigen, kalten Druck der Hand des Heiden zu fühlen. Schattenhafte Visionen, von überweltlichen Sphären in zauberische Schönheit gekleidet und mit seligen Geistern in ihrer alten irdischen Form bevölkert, in denen eine lange, den Tod nicht kennende Existenz glatt und träumerisch, ohne eine Spur von der Zeit oder eine Befleckung vom Schmerze, dahinzog, thaten sich ihrem Geiste auf. Sie verlor alle Erinnerung an Leiden und Unrecht, alle Besorgniß vor Gefahr, vor dem Wahnsinnigen, in dessen Händen ihr Schicksal lag, und so bewegte sie sich langsam vorwärts, wie sie der Wille des Heiden führte, ohne ihre gegenwärtige Gefahr zu bemerken und ohne wegen des ihr bevorstehenden Schicksals besorgt zu sein.

Sie kamen an dem großen kreisförmigen Gebäude des Pantheons vorüber, betraten die langen, engen Straßen, welche an das Ufer des Flusses führen, und gelangten endlich an den Rand des Tiber —— dicht bei der kleinen Insel, welche sich noch in der Mitte seiner Wellen erhebt —— hier blieb der Heide mechanisch zum ersten Male stehen und lenkte gedankenlos seine trüben, wie vom Traume befangenen Augen auf die Aussicht vor ihm, wo die Mauern sich von ihrer gewöhnlichen Richtung plötzlich nach Außen bogen und den Janiculum-Hügel, welcher mit seiner unregelmäßigen Gebäudemasse auf dem entgegengesetzten Ufer des Flusses aufstieg, umschlossen.

Bei dem plötzlichen Uebergange von der Thätigkeit zur Ruhe erschlafften die überreizten Kräfte, welche bisher die Glieder Antoninens mit einer unnatürlichen Ausdauer begabt hatten. Sie sank hilflos und stumm nieder; ihr Kopf neigte sich dem harten Boden zu, wie einem willkommenen Kissen, fand aber keine Stütze, da der der eiserne Griff, mit welchem der Heide ihre Hand faste, eben so unnachgiebig wie bisher blieb. So gebrechlich er euch war, schien er doch in diesem Augenblicke nichts davon zu wissen, daß seine Gefangene jetzt an seiner Seite niederhing. Jeder mit ihr in Verbindung stehende Gedanke, jede Erinnerung an seine Stellung zu ihr im Hause ihres Vaters war seinem Gedächtnisse entschwunden. Ueber sein körperliches Wahrnehmungsvermögen schien eine noch dunklere Blindheit herabgesunken zur sein, seine Augen rollten langsam, von einer Seite der vor ihm ausgebreiteten Aussicht zur andern, erblickten aber nichts, seine keuchenden Athemzüge rangen sich voll und schnell empor, seine eingesunkene Brust hob sich, als sei eine tiefe, furchtbare Qual in ihr eingekerkert —— offenbar war eine neue Krisis seines Wahnsinns nahe.

Iu diesem Augenblicke erschien eine von den Räuberhorden —— eine Schaar von den verzweifelten Verbrechern der Hungersnoth und Pest, die noch in der Stadt nach Beute suchten, in der Straße. Ihre zitternden Hände griffen nach ihren Waffen und ihre abgezehrten Gesichter erhellten sich, als sie den Heiden und das Mädchen erblickten. Als sie ihnen aber näher kamen, sahen sie in den Gestalten der Beiden auf den ersten Blick genug, um ihre Hoffnung, ihnen Beute oder Nahrung abzunehmen, zu verzichten. Auf einen Augenblick blieben sie bei ihren bei ihren beabsichtigten Opfern stehen, als überlegten sie, ob sie dieselben, um des bloßen Mordes willen, ermorden sollten, doch der Anblick von zwei verstohlen, ein tiefer in der Straße gelegenes Haus verlassenden Weibern, die einen mit zerrissenen Gewändern bedeckten Korb trugen erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie wendeten sich augenblicklich ab, um den Trägerinnen des Korbes zu folgen und von Neuem blieben Ulpius und Antonina allein am Ufer des Flusses zurück.

Der Anblick der Mörder war, wie jedes andere Schauspiel oder Ereigniß in der Stadt, nicht im Stande gewesen, die Geistesfähigkeiten des Ulpius anzuregen. Er hatte sie weder angeblickt, noch war er vor ihnen geflohen, als sie ihn umringten, aber jetzt, wo sie fort waren, wendete er langsam den Kopf der Richtung zu, in welcher sie sich entfernt hatten. Sein Auge schweifte über die nassen Steine der Straße, über zwei in geringer Entfernung von einander auf ihnen ausgestreckte Körper, über die Gestalt einer Sklavin, die verlassen an der Mauer eines von den Häusern lag und ihre letzten Kräfte aufbot, um von dem trüben Regenwasser zu trinken, welches in der Rinne neben ihr hinablief, immer noch blieben aber seine Augen ohne Verständniß desjenigen, auf was sie trafen. Der nächste Gegenstand, welcher zufällig seine kindische Beachtung erregte, war ein verlassener Tempel. Auf dieses einsame Gebäude heftete er augenblicklich seinen Geist, —— es war dazu bestimmt eine neue und warnende Scene in dem düsteren Trauerspiele seines dem Ende nahen Lebens zu eröffnen.

Auf seinem Wege durch die Stadt war er achtlos an vielen Tempeln vorüber-gekommen, deren Lage weit auffallender, deren Bauart weit imposanter war als dieser. Das Gebäude besaß weder besondere Ausdehnung noch außerordentliche Schönheit. Seine schmalen Säulenhallen und sein dunkler Thorweg waren geeigneter, das Auge abzustoßen, wie es einzuladen; aber es besaß eine Anziehungskraft, die mächtiger war, wie alle Herrlichkeiten der Baukunst und alle Großartigkeit der Lage, um in ihm die umherschweifenden Geisteskräfte zu fixieren, deren strengere und höhere Zwecke jetzt auf ewig verschwunden waren, es war dem Serapis geweiht, —— dem Essen, welcher der Gegenstand seiner ersten Anbetung und der Begeisterung seines letzten Versuches für die Wiederherstellung seines Glaubens gewesen war. Das Bild des Gottes mit dem von einer Schlange umschlungenen dreiköpfigen Ungeheuer, gehorsam unter seiner Hand, war über der Vorhalle ausgehauen. Welche Fluth von Empfindungen auf den verödeten Geist des Heiden in dem Augenblicke einströmten, wo er das lange geliebte, wohlbekannte Bild des egyptischen Gottes erblickte, verrieth auf einige Zeit äußerlich nicht das mindeste Zeichen. Seine moralische Gefühllosigkeit schien nur noch tiefer zu werden, als sich sein Blick jetzt mit starrer Aufmerksamkeit auf die Vorhalle des Tempels heftete. So blieb er unbeweglich stehen, als ob ihn das, was er sah, versteinert und an den Boden geheftet habe, als die Wolken, welche sich mit dem vorrückenden Morgen in immer tieferer Schwärze zusammengezogen hatten, um noch, von Elektricität erfüllt, das Gewitter von der vorigen Nacht fortzusetzen, plötzlich über seinem Haupte einen lauten Donnerschlag entluden.

Bei diesem warnenden Tone schrak er, als ob derselbe das übernatürliche Zeichen gewesen wäre, welches er erwartet hatte, um sich erwecken zu lassen —— als ob es in einem kurzen Augenblicke die Erinnerung an alles das, was er in der vergangenen Gewitternacht so entschlossen versucht, erweckt hatte, zu augenblicklich Munterkeit auf. Sein Gesicht erhellte sich, seine Gestalt richtete sich auf, er ließ Antoninens Hand fallen, erhob seinen Arm in rasendem Triumph zu dem zornigen Himmel, schwankte dann vorwärts und sank am Fuße der Tempeltreppe auf die Kniee nieder.

Welche Erinnerungen an seinen Weg durch die Mauer an dem Monte Pincio und die demselben gefolgten Mühen und Gefahren sich auch, als ihm der Donner ins Ohr schallte, in seinem Gedächtniß belebt haben mochten, so waren sie doch jetzt eben so sehnell verschwunden, wie sie sich erhoben, und hatten seinem Erinnerungsvermögen Freiheit gelassen, sich den Seenen zuzuwenden, welche das Serapisbild zurückzurufen am geeignetsten war. Erinnerungen an seine jugendlichen Freuden im Tempel von Alexandrien, an seinen Jünglingsenthusiasmus, an die Triumphe seiner ersten Mannesjahre blitzten, zwar zusammenhanglos und schwankend, aber strahlend, herrlich berauschend, vor seinem halbzerstörten Geiste auf. Thränen, die ersten, welche er seit seiner glücklichen Jugend vergossen hatte, folgten einander schnell auf seinen welken Wangen. Er drückte entzückt seine heiße Stirn. Er klopfte mit seiner vertrockneten Hand auf die kalten nassen Stufen vor ihm. Er flüsterte athemlose Ausrufungen, er hauchte ein seltsames, liebkosendes Murmeln aus. Er warf sich in seinem jubelnden Entzücken an den Mauern des Tempels nieder, wie ein Hund, der seinen verlorenen Herrn wiedergefunden hat und sich liebkosenden dessen Füße schmiegt. So verbrecherisch er auch war, bot doch diese Freude in seiner Erniedrigung, dieser Stolz in seiner elenden Isolation von der Menschheit, einen mitleiderregenden Anblick.

Nach einiger Zeit veränderte sich seine Stimmung. Er stand auf, seine zitternden Glieder spannten sich in Jugendkraft, als er die Tempel-stufen erstieg und in den Eingang des Gebäudes gelangte. Er wendete sich auf einen Augenblick um und schaute hinaus auf die Straße, ehe er das Heiligthum seiner krankhaften Phantasie erreiehte. Für ihn erglänzte jetzt der wolkenumzogene Himmel über ihm mit den Strahlen des sonnigen Orients. Die sich vor ihm ausbreitenden leichenerfüllten Straßen von Rom waren von hohen Bäumen verschönert und von glücklichen Gestalten bevölkern und auf den dunkeln Fließen unter ihm, wo noch die Leichname lagen, für die er kein Auge besaß, sah er bereits die Priester des Serapis mit seinem verehrten Lehrer, seinem geliebten Macrinus an der Spitze, ihm entgegen ziehen und ihn in den Hallen des egyptischen Gottes bewillkommnen. Visionen, wie diese, zogen herrlich an den Augen des Heiden vorüber, während er so triumphierend auf den Stufen des Tempels stand, und erleuchteten mit Mittagshelligkeit die düsteren Gewölbe desselben, als er sich nach kurzem Verweilen von der Straße abwendete und durch die Thür des Heiligihums verschwand.

Der Regen strömte stärker als vorher herab, der einmal erweckte Donner erschallte jetzt in tiefen häufigen Schlägen, als sich Antonina vom Boden erhob und in der Erwartung, daß die gefürchtete Gestalt des Ulpius ihren Augen begegnen müsse, umsah. Aus der Straße war kein lebendes Wesen zu erblicken, die verstoßene Sklavin lehnte noch an der Mauer des Hauses, wo sie zuerst erblickt worden war, als der Heide in die Nähe des Tempels gelangte, jetzt aber war sie todt. Die Räuberbanden waren verschwunden. Nach allen Richtungen hin, so weit das Auge reichte, herrschte eine ununterbrochene Stille.

In dem Augenblicke, wo Ulpius Antoninens Hand losgelassen hatte, war sie hilflos und resignirt, aber nicht so weit erschöpft, daß sie alle Kraft der Empfindung oder alle Fähigkeit zum Denken verloren hatte, auf den Boden gesunken. Während sie auf dem kalten Pflaster der Straße lag, verfolgte ihr Geist immer noch die Visionen eines baldigen Todes und eines nach demselben kommenden ruhigen Lebens im Tode, in einer andern Welt; als aber die langsamen Augenblicke vergingen und keine rauhe Stimme in ihr Ohr schallte, keine mitleidlose Hand sie vom Boden aufriß, keine Unheil verkündenden Schritte in ihrer Nähe hörbar wurden, trat allmälig eine Verwandlung in ihren Gedanken ein. Der Instinkt der Selbsterhaltung lebte langsam in ihr wieder auf, und als sie sieh aufrichtete, um auf das düstere Schauspiel um sie her zu blicken, regte sie die Aussicht auf ungestörte Flucht und gegenwärtige Sicherheit, welche ihr durch die Einsamkeit der Straße geboten wurde, gleich einer ermuthigenden Stimme, gleich einem unerwarteten Versprechen der Hilfe an.

Ihr Wahrnehmungsvermögen für äußere Einflüsse stellte sich wieder ein; sie fühlte den Regen, welcher ihre Gewänder durchnäßte, es schauderte ihr bei, dem Donner, welcher über ihrem Haupte rollte; sie bemerkte mit Entsetzen die vor ihr auf den Steinen liegenden Leichen. Sie wurde von einem unwiderstehlichen Verlangen belebt, von dieser Stelle zu fliehen, dem trostlosen Schauspiele, welches sie erblickte, zu entrinnen, selbst wenn sie durch die Anstrengung erschöpft, in der nächsten Straße zusammensinken müßte. Langsam erhob sie sich —— ihre Glieder zitterten vor Schwäche, aber sie gelangte auf ihre Füße. Sie schwankte, dem Flusse den Rücken zukehrend, vorwärts, schritt verwirrt zwischen langen Reihen verlassener Häuser dahin und kam vor einem öffentlichen Garten an, in welchem ein kleines Sommerhaus lag, dessen verödete Vorhalle ihr einen Versteck und ein Obdach gewährte. Hier suchte sie daher Zuflucht, kauerte in den dunkelsten Winkel des Gebäudes und verbarg ihr Gesicht in den Händen, wie um die traurigen, wiewohl veränderten Scenen, welche sie umgaben, auszuschließen.

Qualvolle Gedanken und Erinnerungen wirbelten jetzt schwindelnd in ihrem Kopfe herum. Alles, was sie gelitten hatte, seit sie von Ulpius ans dem Bauernhause in der Vorstadt fortgeschleppt worden war —— die nächtliche Wanderung über die Ebene —— der furchtbare Weg durch die Mauer —— belebten sich jetzt in ihrem Gedächtnisse im Gemisch mit jetzt zum ersten Male erweckten formlosen Ideen von der Pest und Hungersnoth, welche die Stadt verödeten, und plötzlich erweckter Besorgniß, daß Goiswintha ihr immer noch mit dem Messer in der Hand durch die einsamen Straßen folgen könne, während sich, über alle diese wechselnden Quellen der Pein und des Entsetzens die Todesscene des jungen Häuptlings wie ein kaltes Gewicht auf ihr schweres Herz legte. Der feuchte Rasen seines Grabes schien noch an ihre Brnst zu drücken, sein letzter Kuß bebte noch aus ihren Lippen, sie wußte, obgleich sie nicht auf dieselben hinabzuschauen wagte, daß noch die Flecken seines Blutes ihre Gewänder färbten.

Mochte sie sich aber bemühen aufzustehen und ihre Flucht fortzusetzen, oder wieder in der Vorhalle niedersinken und sich auf einen bittern Augenblick darein ergeben, durch Goiswinthens Messer umzukommen, wenn Goiswintha in der Nähe wäre, oder wieder in die Hände des Ulpius zu fallen, wenn Ulpius ihr bis zu ihrem Zufluchtsort nachspüren sollte, so wurde sie bei alledem doch nie von dem niederschmetternden Gefühl verlassen, daß sie ihres geliebten Beschützers auf ewig beraubt —— daß der Freund ihrer kurzen Tage des Glückes für sie auf ewig verloren —— daß Hermanrich, der sie vor dem Tode bewahrt hatte, in seiner Jugend und Kraft an ihrer Seite ermordet worden war. Seit dem Morde im Bauernhause, befand sie sich jetzt zum ersten Male allein, und jetzt erst fühlte sie das volle Gewicht ihres Unglücks, und wußte wie trostlos das Leichentuch war, welches sich über jede Bestrebung ihres künftigen Lebens ausbreitete.

So dauernd und fast ewig auch die Wucht ihrer Verödung jetzt geworden zu sein schien, sollte sie doch durch Gefühle einer zarteren Wehmuth und eines resignirteren Schmerzes ersetzt werden. Die angeborene, unschuldige Charakterstärke, welche sie unter der Strenge ihrer Jugenderziehung geduldig und unter den Prüfungen, die von der Verbannung aus dem Hause ihres Vaters an auf sie einstürmten, hoffnungsvoll gemacht, die sie nicht eher verlassen hatte, als bis sich die furchtbaren Scenen der verflossenen Mord- und Todesnacht in triumphierendem Grausen vor ihren Augen erhoben, und die selbst da nur betäubt, aber nicht zerstört worden war, sollte jetzt wieder ihren heilenden Einfluß auf ihr Herz gewinnen. Während sie in ihrem einsamen Zufluchtsorte kauerte, belebte sich plötzlich die Hoffnung, die Sehnsucht nach der Wiederkehr zu ihrem Vater und seiner Liebe, welche sie auf dem Grabe des jungen Häuptlings bewegt und ihr die letzten Anstrengungen, um sich zu befreien, eingegeben hatte, als sie von Ulpius durch den Gang in der durchbrochenen Mauer geschleppt worden war, von Neuem.

Sie erhob sich und blickte auf die verödete Stadt und den Sturmhimmel hinaus, jetzt aber mit milden, furchtlosen Augen. Ihre Erinnerungen an die Vergangenheit sänftigten sich in ihrem jugendlichen Kummer, ihre Gedanken für die Zukunft wurden geduldig, ernst und heiter. Das Bild ihres ersten und jetzt einzigen Beschützers ihrer alten, trauten Heimath, ihrer Garteneinsamkeit auf dem Monte Pincio breiteten sich schimmernd, wie Ruheplätze für ihr müdes Herz, vor ihrer Phantasie aus. Sie stieg die Stufen des Sommerhauses hinab, ohne Besorgniß vor ihren Freunden zu hegen, ohne an ihrer Entschlossenheit zu zweifeln, denn sie kannte den Leuchtthurm, welcher sie jetzt in ihrem Laufe leiten sollte. Ihre Augen erfüllten sich mit Thränen, als sie in den Garten hinaustrat, aber ihr Schritt schwankte nicht, ihre Züge verloren nie den Ausdruck von stillem, mit milder Hoffnung vereinigtem Schmerze. So gelangte sie wieder auf die gefahrvollen Straßen und begann vor sich hin-flüsternd:

»Mein Vater! mein Vater»als ob in diesen einfachen Worten die Hand, welche sie führen und die Vorsehung, welche sie bewahren solle, enthalten sei, ihren einsamen Gang nach dem Monte Pincio.

Es war ein rührendes, schönes, ja erhabenes Schauspiel, wenn man dieses junge Mädchen betrachtete, das erst seit wenigen Stunden auf gefahrvollen Pfaden und durch verbrecherische Hände aus Scenen befreit worden war, die mit Verrath begonnen hatten, um im Tode zu enden, und jetzt entschlossen und allein durch die Straßen einer großen, von Allem, was es in menschlicher Pein Qualvolles und im menschlichen Verbrechen Abstoßendes giebt, überzogenen Stadt dahinschritt. Es war ein herrlicher Beweis von der kräftigen Herrschaft über die Welt und ihre Gefahren, womit die einfachste Zuneigung das schwächste Wesen bewaffnen kann, wenn man bemerkte, wie sie so über alle Schrecken der Verödung und des Todes, welche ihren Pfad umstellten, erhaben, ihren Weg verfolgte, und unbewußter Weise in dem leise geflüsterten Vaternamen, welcher immer noch von Zeit zu Zeit von ihren Lippen fiel, den reinen Zweck entdeckte, welcher sie aufrecht erhielt —— den festen Heldemuth, welcher die Gefahren ihres Pfades hinwegräumte. Die Stürme des Himmels entluden sich über ihrem Haupte, die Verbrechen und Leiden Rom’s verdunkelten ihren Pilgerweg, aber sie schritt festen Fußes durch alles bin, wie ein himmlischer Geist, der in der strahlenden Unverletzlichkeit seiner göttlichen Sendung und seiner heiligen Gedanken über das irdische Gebiet hinwallt —— wie ein Lichtstrahl, der in der Kraft seiner eignen Schönheit die Stürme und Finsterniß einer fremden Sphäre durcheilt.

Von Neuem betrat sie den Campus Martius, von Neuem kam sie an den öffentlichen Brunnen vorüber, die noch immer unnatürlicher Weise zu Betten für die Sterbenden und Gräbern für die Todten dienten. Von Neuem durchschritt sie die Straßen, wo die stärkeren Mitglieder der hungernden Einwohnerschaft in grimmigem Schweigen und ungeselliger Absonderung hin und her schwankten. Kein Wort wurde an sie gerichtet, kaum ein Blick auf sie gelenkt, als sie so ihren einsamen Pfad verfolgte. Sie war einsam unter den Einsamem verlassen unter den Verlassenen.

Der Räuber sah, wenn er an ihr vorüberkam, daß sie für seine beutesüchtige Hand eben so werthlos war, wie die Aermsten von den sterbenden Bürgern um ihn her. Der schwach seinen Palasthallen zuschwankende Patrizier wich ihr aus, wie einer neuen Bewerberin um das Almosen, welches er jetzt nicht mehr geben konnte, und beschleunigte seinen Schritt, sobald sie sich ihm näherte. Unbeschützt, aber doch unbelästigt aus ihrer Einsamkeit und von ihren bitteren Erinnerungen hinweg der Freistätte, der Liebe ihres Vaters zueilend, wie sie als Kind vor ihren ersten Besorgnissen des Schmerzes, der Zuflucht in ihres Vaters Armen zugeeilt sein würde, gelangte sie endlich an den Fuß des Monte Pincio —— stieg die Straßen hinauf, welche sie in ruhigen alten Tagen so oft betreten hatte.

Die Thore und Nebengebäude von Vetranio’s Palaste boten, als sie daran vorüber kam, einen auffallenden ominösen Anblick. Hinter den hohen Stahlgittern, welche das Gebäude beschützten schwankten und strauchelten die vom Hunger erschöpften Sklaven des Senators unter vollen Weingesäßen, die sie sich nach den innern Gemächern zu tragen bemühten. Von den Balkonen hingen bunte Teppiche herab, die Statuen der Marmorfronte waren mit Epheuguirlanden bekränzt. Mitten in der belagerten Stadt und in sündigem Hohn der Hungersnoth und Pest, von welcher Hütten wie Palaste verheert wurden, gingen in diesem Hause die Zurüstungen für ein glänzendes Fest vor sich.

Ohne den auffallenden Anblick, welcher ihr in Vetranio’s Palaste geboten wurde, zu beachten, mit unverwandt nach einer einzigen Gegend gerichteten Augen, mit in jedem Augenblicke schneller und schneller eilenden Schritten näherte sich Antonina dem Vaterhause, aus welchem sie in Furcht verbannt worden war und nach welchem sie in Schmerz zurückkehrte. Noch ein Augenblick der Anstrengung, der alle anderen Gefühle verdrängenden Erwartung, und sie gelangte an die Gartenthür!

Sie strich das vom Regen über ihre Stirn gespülte schwere Haar zurück, sie warf einen schnellen Blick um sich, sie sah das Fenster ihres Schlafgemachs, wo noch der alte einfache Vorhang an seinem gewohnten Platze schwebte, sie erblickte die wohlbekannten Bäume, die sorgfältig gepflegten Blumenbeete, welche jetzt welk unter dem Gewitterhimmel dastanden. Ihr Herz pochte zum Zerspringen, der Athem schien ihr plötzlich in der Brust zu stocken, als sie den Gartenweg betrat und die Stufen des Hauses erstieg.

Die Thür war nur angelehnt; mit einer letzten Anstrengung stieß sie dieselbe auf und stand wieder, ungestützt und unbewillkommnet, aber doch von Hoffnung auf Trost, Verzeihung und Liebe erfüllt —— in ihrem ersten und letzten Heiligthume —— in den Mauern ihres Vaterhauses!



Kapitel II.
Vater und Kind.

So verödet es auch dem äußern Anblicke an dem Morgen, von welchem wir jetzt schreiben, zu sein scheint, ist Numerian’s Haus doch nicht unbewohnt. In einem von den Schlafgemächern liegt der Herr des Hauses auf seinem Bette, ohne daß Jemand an seiner Seite wacht. Als wir ihn zuletzt auf unserer Schaubühne erblickten, war er unter die hungernde Gemeinde in der St. Johannes Laterankirche gemischt, und suchte unter der Verwirrung der öffentlichen Nahrungsaustheilung während der ersten Stufen des Unglücks des belagerten Rom noch immer nach seinem Kinde. Seit jener Zeit hat er sich viel gemüht und gelitten und jetzt sind endlich die Tage der lange hinausgeschobenen Erschöpfung, die Stunden hilfloser Einsamkeit, vor denen er in so steter Furcht geschwebt hat, endlich erschienen.

Von der ersten Zeit der Belagerung an, blieb er, —— während Alles, was ihn in der Stadt umgab, düster, immer finsterere und finsterere Veränderungen durchschritt, während die Hungersnoth in Pest und Tod überging, während mit jedem folgenden Tage die menschlichen Hoffnungen und Vorsätze sich allmälig verminderten und schwächer wurden, stets von demselben Zwecke beseelt —— war er der Einzige unter seinen Mitbürgern, auf welchen sein äußerliches Ereigniß gut oder schlimm, Hoffnung oder Furcht erregend einwirken konnte.

In allen Straßen Roms, zu jeder Stunde, unter allen Klassen des Volks sah man ihn fortwährend die gleiche hoffnungslose Aufgabe verfolgen. Als der Pöbel wüthend in die öffentlichen Getreidemagazine brach, um sich der letzten Kornvorräthe zu bemächtigen, die für die Reichen aufgespeichert worden waren, stand er an den Thüren und beobachtete die Herauskommenden. Als ganze Häuserreihen von Allem außer den Todten verlassen wurden, erblickte man ihn innerhalb derselben, wie er von Fenster zu Fenster ging und jedes Zimmer nach seinem verlorenen Schatze durchsuchte. Als sich einige wenige Bewohner der Stadt in den ersten Tagen der Pest zu dem fruchtlosen Versuche vereinigten, die auf den Straßen umherliegenden Leichen über die hohen Mauern zu werfen, mischte er sich unter sie, um die starren Gesichter der Todten anzublicken. An einsamen Orten, wo Eltern, die noch nicht jedes liebevolle Gefühl verloren hatten, ein sterbendes Kind von der wüsten Straße unter den Schutz eines Daches trugen, wo die noch ihren Pflichten getreue Gattin in stummer Verzweiflung den letzten Athemzug ihres Gatten bewachte, sah man ihn an ihnen vorübergleiten und sie einen kurzen Augenblick mit aufmerksamen, kummervollen Augen betrachten. Nirgends, wohin er auch gehen, was er auch sehen mochte, verlangte er Theilnahme oder bewarb er sich um Hilfe. Er ging seines Weges als Pilger auf einem einsamen Pfade, als unbeachteter Bewerber um ein Gut, um dessen Mitgenuß sich kein Anderer kümmern konnte.

Als sich die Hungersnoth in der Stadt fühlbar zu machen begann, schien er ihre Annäherung nicht zu bemerken, er machte keinen Versuch sich im Voraus mit Lebensmitteln auf ein paar Tage zu versorgen. Wenn er den ersten öffentlichen Vertheilungen von Nahrungsmitteln beiwohnte, so geschah es nur, um unter der ihn umgebenden Menge das Suchen nach seinem Kinde fortzusetzen. Er hätte mit den ersten schwachen Opfern des Hungers umkommen müssen, wenn ihn nicht auf seinen einsamen Wanderungen einige von den Mitgliedern der Gemeinde getroffen hätten, die in früheren Zeiten seine Frömmigkeit und Beredtsamkeit gesammelt hatte.

Von diesen Personen, deren Bitten, sein hoffnungsloses Suchen einzustellen, er stets mit der gleichen festen, geduldigen Weigerung beantwortet, wurde er sorgfältig auf seinen Wegen beobachtet und seine Bedürfnisse aufmerksam befriedigt. Von jeder Portion von Nahrungsmitteln, die sie zusammenzubringen vermochten, wurde ohne Ausnahme stets ein Antheil nach seiner Wohnung gebracht. Sie erinnerten sich ihres Lehrers in der Stunde seiner Niedergeschlagenheit, wie sie ihn früher in den Tagen seiner Kraft verehrt hatten; sie bemühten sich eben so eifrig, sein Leben zu erhalten, wie sie sich bestrebt hatten, von seinen Belehrungen Vortheil zu ziehen. Einst hatten sie ihm als Schüler gehorcht, jetzt waren sie ihm als Kinder dienstbar.

Aber diese, wie alle anderen Werke der Menschenliebe, brachte die Hungersnoth langsam aber sicher zum Aufhören. Die von der Gemeinde aufgespeicherten Nahrungsvorräthe wurden Unheil verkündend mit jedem Tage geringer. Als die Pest ihre düsteren Spuren zu zeigen begann, wurde die Anzahl Derjenigen welche ihren bekümmerten Lehrer in seiner Wohnung aufsuchten, oder ihn durch die verödeten Straßen folgten, immer geringer.

Jetzt nahmen, wie die Nahrung, welche ihn so erhalten, und die Wachsamkeit, welche ihn so beobachtet hatte, geringer wurde, auch die schwer geprüften Kräfte des unglücklichen Vaters schneller und immer schneller ab. Jeden Morgen waren beim Aufstehen seine Schritte schwächer sein Herz wurde ihm schwerer in der Brust, seine Wanderungen durch die Stadt wurden weniger und immer weniger entschlossen und kürzten sich immer mehr ab. Endlich verließen ihn die Kräfte gänzlich, die letzten noch existierenden Mitglieder seiner Gemeinde fanden ihn, als sie sich seiner Wohnung mit den letzten Ueberbleibseln von Nahrung, welche sie besaßen, näherten, an seinem Gartenthore erschöpft ausgestreckt, liegen. Sie trugen ihn auf sein Bett, legten ihre Liebesgaben neben ihn hin, ließen einen aus ihrer Zahl bei ihm, um ihn vor Räubern und Mördern zu schützen, und verließen verzweiflungsvoll das Haus.

Einige Tage lang blieb der Hüter getreulich auf seinem Posten, bis die Leiden des Hungers seine Wachsamkeit überwältigten, In der Furcht daß er in seiner, äußersten Noth versucht werden könne, das Wenige, was noch von den geringen Mundvorräthen des Greises vorhanden war, zu berauben, floh er aus dem Hause, um, auf den Straßen Nahrungsmittel, wie Ekel erregend sie auch sein mochten, zu suchen und von jetzt an war Numerian schutzlos in seiner einsamen, Wohnung geblieben.

Als wir ihn das erste Mal auf der Bühne dieses Buches erblickten, war er ein Mann von strengen Vorsätzen, von unermüdlicher Energie, ein muthiger Reformator, der allen Hindernissen, welche sich seinem Wege entgegenstellten, Trotz bot, ein triumphierender Lehrer, der Jeden, welcher seine Worte anhörte nach Belieben leitete, ein Vater, der stolz, die künftige Stellung betrachtete, welche er für sein Kind bestimmt hatte. Ganz anders erschien er jetzt. Für seinen Ehrgeiz, verloren, gebrochenen Geistes, hilflosen Körpers, von seiner Tochter durch seine eigne That getrennt, lag er in todtähnlicher Lethargie auf seinem unbewachten Bett. Der kalt durch sein geöffnetes Fenster wehende Wind erregte in seinem erstarrten Körper keine Empfindungen —— der Becher mit Wasser und die geringen Ueberbleibsel von grober Nahrung standen seiner Hand nahe, aber er besaß nicht die Aufmerksamkeit, sie zu unterscheiden. Seine offenen Augen blickten fest nach Oben, und doch lag er da, wie in tiefem Schlaf versunken, oder wie bereits dem Grabe geweiht, außer wenn von Zeit zu Zeit seine Lippen sich langsam in einem sich lang peinlich heraufwiegenden Athemzuge bewegten oder die Fieberhitze seine hohle Wange mit jeden Augenblick wechselnden Farben überzog.

Während er so dem äußern Anscheine nach, zwischen Leben und Tod zu schweben schien, bewahrten seine Geistesfähigkeiten im Innern immer noch eine schwache Lebenskraft. Durch keine äußere Einwirkung angeregt und von dem zügelnden Verstande nicht beherrscht, erschufen sie jetzt eine seltsame, räthselhafte Vision, die ihm handgreiflich wie ein wirkliches Ereigniß vorkam.

Es schien ihm, als liege er nicht in seinem eigenen Gemache, sondern in einer räthselhaften Welt, die mit einer für seine schmerzenden Augen unaussprechlich beruhigenden und milden Zwielichtatmosphäre erfüllt war. Durch dieses sanfte Licht hin konnte er in langen Zwischenräumen schattenhafte Vorstellungen der Scenen verfolgen, welchen er bei dem Suchen nach seinem verlorenen Kinde beigewohnt hatte. Die düstere Gefühle erweckenden Straßen, die den unbegrabenen Leichen überlassenen, einsamen Häuser, welche er durchforscht hatte, erschienen und verschwanden vor ihm in feierlicher Reihenfolge, und von Zeit zu Zeit hörte er, wenn eine Erscheinung verschwand, und ehe die andere vor ihm aufstieg, in weiter Ferne einen Ton wie von sanften Frauenstimmen, die in ernsten, feierlichen Klängen flüsterten, »Die Nachsuchung ist in Buße, in Geduld, in Gebet geschehen und nicht vergeblich gewesen. Die Verlorene wird zurückkehren —— die Geliebte wird Dir wieder gegeben werden.«

So währte die Vision, wie sie begonnen hatte, eine lange Zeit. Bald gingen die Scenen, durch welche er gewandert war, langsam an seinen Augen vorüber, bald murmelten die sanften Stimmen mitleidig in sein Ohr. Endlich verschwanden die Ersteren und die Letzteren verstummten, dann erfolgte ein langer, traumloser Zwischenraum und dann wurde das graue, ruhige Licht langsam an einer Stelle heller und aus dieser sah er die Gestalt seines verlorenen Kindes auf sich zuschreiten.

Sie kam an seine Seite, sie beugte sich liebend über ihn, er sah ihre Augen mit ihrem alten, geduldigen, kindergleichen Ausdrucke kummervoll auf ihn herabblicken. Sein Herz lebte zu einer Empfindung unaussprechlicher Zerknirschung, zu Gefühlen sehnsüchtiger Liebe und schmerzlicher Hoffnung auf, die Rebe war ihm wieder gegeben, er flüsterte bebend:

»Kind! Kind! ich habe in bitterem Weh das Unrecht bereut, welches ich Dir gethan, ich habe Dich in meiner Einsamkeit auf Erden den langen Tag und die dunkle Nacht hindurch gesucht, und jetzt hat Dich der barmherzige Gott gesendet, um mir zu verzeihen! ich habe Dich geliebt, ich habe um Dich geweint.«

Seine Stimme erstarb, denn jetzt belebten sich seine äußeren Gefühle von Neuem. Er fühlte wie warme Thränen auf seine Wange niederträufelten, er fühlte, wie zarte Arme ihn umschlangen, er hörte den liebevoll wiederholten Ruf:

»Vater sprich zu mir, wie Du es gewohnt warst, —— liebe mich, Vater, und vergieb mir, wie Du mich geliebt und mir verziehen hast, als ich ein kleines Kind war!«

Der Klang der wohlbekannten Stimme, die stets liebevoll und ehrerbietig zu ihm gesprochen, die ihn das letzte Mal in Tönen verzweifelnder Bitte angeredet, die er kaum je wieder auf Erden zu vernehmen gehofft hatte, durchdrang sein ganzes Wesen wie erweckende Musik in der Todtenstille der Nacht. Seine Augen verloren ihren starren, geistesleeren Ausdruck, er richtete sich plötzlich auf dem Lager empor, er sah, daß das als Vision Begonnene in Wirklichkeit ausgegangen war, daß sein Traum sich als unmittelbarer Vorläufer seiner Erfüllung erwiesen hatte, daß ihm seine Tochter wirklich wiedergegeben war, und sein Kopf senkte sich und er zitterte und weinte in der überwältigenden Fülle der Dankbarkeit und des Entzückens an ihrer Brust.

Während einiger Augenblicke bemühte sich Antonina, die mit dem entschlossenen Heldenmuthe der Liebe die sich ihr aufdrängenden Empfindungen des Schreckens und der Furcht beschwichtigte, ihren dem Erlöschen nahen Vater zu trösten und ihm beizustehen. Das Entsetzen drückte sie fast zu Boden, als sie bedachte, daß er jetzt wo sie nach Schmerz und Gefahr ihn endlich wieder erlangt hatte, in ihren Armen das Leben aushauchen könne. Aber selbst jetzt noch verließ sie ihre Entschlossenheit nicht gänzlich. Die letzte Hoffnung ihres kurzen, bitteren Lebens war jetzt die, ihren Vater der Welt zurückzugeben und sie hielt sich mit der Ausdauer der Verzweiflung daran fest.

Sie beruhigte ihre Stimme, während sie ihn anredete, sie beschwor ihn sich zu erinnern, daß seine Tochter zurückgekehrt sei, um über ihn zu wachen, um seine gehorsame Schülerin zu sein, wie in früherer Zeit. Vergebliches Mühen! Selbst während die Worte über ihre Lippen gingen, erschlafften seine Arme, womit er sie an sich gedrückt hatte, wurde sein Kopf schwerer auf ihrer Brust. In der Verzweiflung des Augenblickes riß sie sich von ihm los und blickte um sich, die Hälfe zu suchen, welche zu leisten Keiner in ihrer Nähe war. Der Becher mit Wasser, die letzten Ueberbleibsel von Speise lenkten ihren Blick auf sich. Mit schnellen Instinkte ergriff sie dieselben. In diesen geringfügigen Resten lag Hoffnung, Erfolg, Rettung. Sie drückte ihm die Nahrung in den Mund, sie benetzte mit dem Wässer seine vertrockneten Lippen, seine fieberheiße Stirn. Während eines Augenblickes entsetzlicher Ungewißheit sah sie ihn noch bewußtlos, dann stellten sich die Lebensfunktionen wieder ein; seine Augen öffneten sich und hefteten sich gierig auf die elende Nahrung vor ihm. Er verschlang sie heißhungrig, er leerte den Wasserbecher bis auf den letzten Tropfen, er sank, wieder auf das Lager zurück. Aber jetzt bewegte sich das erstarrte Blut von Neuem in seinen Adern. Sein Herz schlug weniger und weniger schwach, —— er war gerettet. Sie sah es, als sie sich über ihn beugte —— gerettet von dem verlorenen Kinde in der Stunde der Heimkehr! Es war eine Empfindung von entzücktem Triumph und Dankbarkeit, die keine schmerzlichen Erinnerungen in ihrem glänzenden, plötzlichen Entstehen zu verbittern vermochten! Sie kniete, fast ihren eigenen Gefühlen erliegend, neben dem Bette nieder. Auf dem Grabe des jungen Kriegers hatte sie ihr Herz in Qual und Kummer zum Hinnnel erhoben und jetzt schüttete sie an der Seite ihres Vaters ihre ganze Seele in bebenden Stoßgebeten der Dankbarkeit und Hoffnung vor dem Schöpfer aus!

So blieben Vater und Tochter lange. —— Jener langsam wieder zum Besitz des Lebens und der Kräfte gelangend, die noch in seinem geschwächten Körper vorhanden waren, diese noch von ihrem allumfassenden Dankbarkeitsgefühle erfüllt. Und nun ließ auch, wie der Morgen dem Mittag zueilte, der Sturm allmälig nach, langsam und feierlich rollten die mächtigen Gewitterwolken auseinander und der heitere blaue Himmel zeigte sich durch ihre phantastischen Risse. Die kleiner werdenden Regentropfen fielen leicht und silbern auf die Erde nieder, und Wind und Sonnenschein zogen stoßweise über die pestvergiftete Atmosphäre von Rom. Noch schimmerten die Sonnenstrahlen, von den fliegenden Wolkenschatten gemildert, weich in die Fenster von Numerian’s Gemach. Sie spielten wärmend und neubelebend wie Auferstehungs- und Hoffnungsboten des Himmels, dem sie angehörten auf seinen abgezehrten Zügen. Das Leben schien sich unter ihrem erfrischendem milden Einflusse von Neuem anzuregen. Nochmals richtete er sich auf und wendete sich seinem Kinde zu und jetzt klopfte sein Herz in gesunder Freude und seine Arme umschlossen es, nicht in der Hilflosigkeit der Schwäche, sondern in der Bewillkommnung der Liebe.

Seine Worte fielen, als er sie anredete, anfänglich fast unartikuliert von seinen Lippen —— sie vermengten sich in verworrene Ausdrücke der Zärtlichkeit, der Reue, des Dankes gegen Gott. Der ganze Enthusiasmus seines Charakters, die ganze schlummernde Liebe für sein Kind, welche jahrelang durch seine religiöse Strenge unterdrückt, oder durch seinen Ehrgeiz von ihrem Gegenstande abgelenkt gewesen war, gelangte endlich zum Ausbruch.

Antonina lag zitternd und stumm in seinen Armen und versuchte umsonst seine Liebkosungen und seine bewillkommnenden Worte zu erwidern. Erst jetzt erkannte sie, wie tief die Liebe ihres Vaters zu ihr war; sie fühlte wie fremd seiner wahren Natur die Strenge gewesen sei, welche er in ihrem früheren Verkehr angenommen hatte und das schnelle Einströmen neuer Gefühle und alter Erinnerungen, welche das entzückende Erstaunen der Entdeckung zur Folge hatte, sah sie sich der Sprache beraubt. Sie vermochte nur begierig und athemlos seinen Worten zu tauschen. So stammelnd und verworren dieselben auch klangen, waren es doch Worte der Liebkosung, wie sie noch nie von ihm gehört, es waren Worte, wie sie seine Mutter je an ihrem Kinderbette gesprochen hatte und sie sanken göttlich tröstend, wie Boten der Verzeihung von Engellippen in ihr Herz.

Allmälig wurde Numerian's Stimme ruhiger. Er erhob seine Tochter in seinen Armen und heftete seine aufmerksamen, mitleidigen Augen liebevoll auf ihr Gesicht.

»Zurückgekehrt! zurückgekehrt!« murmelte er, »Um nie wieder zu scheiden! Zurückgekehrt, schön und geduldig, gütiger und liebevoller als je. Liebe mich und verzeihe mir, Antonina! Ich habe Dich in bitterer Einsamkeit und Verzweiflung gesucht. Betrachte mich nicht wie ich war, sondern wie ich bin. Es gab Tage, wo Du ein Kind warst, wo ich keinen Gedanken hatte, als wie ich Dich lieben und erfreuen könne, und jetzt sind diese Tage wieder gekommen! Wir werden Freunde und frohe Genossen finden, wir werden das Glück überall hintragen, wo man uns sieht. Du sollst keine strengen Aufgabenbücher mehr lesen, Du sollst Dich nie wieder von mir trennen, Du sollst süße Musik auf der Laute spielen, Du sollst Dich mit Blumen, die ich Dir pflücken werde, bekränzen, Gottes Segen geht von Kindern, wie Du, aus —— er ist mir zu Theil geworden —— er hat mich von den Todten erweckt. Meine Antonina soll mich lehren wie man ihn verehrt, wie ich es ihr einst gelehrt habe. Sie soll des Morgens und Abends für mich beten und wenn sie nicht daran denkt, wenn sie schläft, so werde ich leise an ihr Bett kommen und über ihr wachen, damit sie, wenn sie die Augen aufschlägt mich erblickt. Es sind die Augen meines mir wiedergegebenen Kindes. Es gibt auf Erden nichts, was mir Frieden und Glück verkünden könnte, wie sie!«

Er hielt einen Augenblick inne und blickte auf ihr ihm zugewendetes Gesicht. Seine Züge trübten sich dabei ein wenig und er nahm ihr noch vom Regen feuchtes und verwirrtes langes Haar in seine Hände und drückte es an seine Lippen, an sein Gesicht, an seine Brust. Dann, als er sah, daß sie zu sprechen versuchte, als er die Thränen erblickte, welche jetzt ihre Augen erfüllten, zog er sie dichter an sich und fuhr hastig in leiseren Tönen fort.

»Still, still! kein Schmerz, keine Thräne mehr; sage mir nicht, wohin Du gewandert bist —— sprich nicht von dem, was Du gelitten hast, denn würde nicht jedes Wort für mich ein Vorwurf sein? und Du bist gekommen, um mir zu verzeihen und nicht um mit Vorwürfe zu machen! Zwinge mir nicht von Deinen Lippen die Erinnerung daran auf, daß ich es war, der Dich verstieß, laß uns nur daran denken, daß wir einander wieder gegeben sind, laß uns daran denken, daß Gott meine Reue angenommen und mir meine Sünde verziehen hat, indem er meinem Kinde zurückzukehren gestatten. Oder wenn wir von den vergangenen Tagen der Trennung sprechen müssen so erzähle mir von den Tagen, die Dich ruhig und sicher gefunden haben, erfreue mich Durch die Erzählung, daß nicht bloß Gefahr und Schmerz in dem bitteren Schicksale vorhanden war, welches mein sündiger Zorn meinem eignen Kinde bereitet hatte! Sage mir, daß Du in der Stunde Deiner Flucht sowohl Beschützer wie Feinde gefunden hast —— daß nicht Alle hart gegen Dich gewesen sind, wie ich —— daß diejenigen, welche Dir um Obdach und Schutz gebeten, Dein Gesicht, als eine Bitte um Wohlthätigkeit und Güte, von Freunden, die sie lichten, betrachtet haben! Erzähle mir nur von Deinen Beschützern, Antonina, denn darin wird Trost liegen und Du bist gekommen, um mich zu trösten.«

Während er auf ihre Antwort wartete, fühlte er, wie sie an seiner Brust erbebte, sah er, wie ein Schauder über ihre Gestalt hinzuckte. Die Verzweiflung in ihrer Stimme drang kalt in sein Herz, wiewohl sie nur die einfachen Worte entgegnete:

»Es gab Einen!« —— und dann weiter zu sprechen unfähig verstummte.

»Ist er nicht in der Nähe?« fuhr er hastig fort. »Warum ist er nicht da? Wir wollen ihn ohne Zögern suchen. Ich muß mich in meiner Dankbarkeit vor ihm demüthigen. Ich muß ihm zeigen, daß ich es werth war, daß mir meine Antonina zurückgegeben wurde.«

»Er ist todt!« schluchzte sie, in die sie umfassend die Arme niedersinkend, als die Erinnerung an die letzte Nacht sich wieder in allen ihren Schrecken ihrem Gedächtniß aufdrängte. »Man hat ihn an meiner Seite ermordet. O Vater, Vater! er hat mich geliebt! er würde Dich beschützt und geehrt haben.«

»Möge ihn der allbarmherzige Gott unter die seligen Engel aufnehmen und ihn unter den heiligen Märtyrern ehren!« rief der Vater, indem er seine thränenvollen Augen flehend emporrichtete. »Möge sein Geist, wenn er noch die Dinge auf Erden wahrnehmen kann, wissen, daß sein Name neben dem meines Kindes in meinem Herzen eingeschrieben sein wird, daß ich an ihn wie an einen geliebten Gefährten denken und um ihn trauern werde, wie um einen mir entrissenen Sohn!.«

Er schwieg und blickte auf Antonina nieder, die noch ihre Züge vor ihm verbarg. Beide fühlten, daß das, was sie gesprochen, ein neues Band gegenseitiger Liebe uns sie gewunden hatte, aber Beide schwiegen.

Während dieser Pause schweiften die Gedanken Numerian’s von den Gegenständen ab, welche ihn bisher in Anspruch genommen hatten. Die wenigen, krummervollen Worte, welche seine Tochter gesprochen hatte, waren hinreichend gewesen, um die Fülle der Freude aus seinem Herzen zu verbannen, und ihn von der beglückten Betrachtung der Gegenwart den düsteren Erinnerungen an die Vergangenheit zuzulenken. Mit seiner Dankbarkeit und Hoffnung vermischten sich jetzt unbestimmte Zweifel und Befürchtungen und unwillkürlich kehrten seine. Gedanken zu dem zurück, was er gern auf ewig vergessen haben würde —— zu dem Morgen, wo er Antoninen aus dem Hause vertrieben hatte.

Grundlose Besorgnisse der Rückkehr des verrätherischen Heiden und des Wüstlings, welchem er sich verkauft hatte, sobald sie hören würden, daß ihr Opfer zurückgekehrt sei, die verzweifelnde Ueberzeugung von seiner Hilflosigkeit und Gebrechlichkeit stiegen erschreckend in seinem Geiste auf. Seine Augen schweiften unstät im Zimmer umher, seine Hände schlossen sich zitternd um die Gestalt seiner Tochter, dann ließ er sie plötzlich los, sprang wie von einem panischen Schrecken geschlagen auf und rief:

»Die Thüren müssen geschlossen werden —— Ulpius kann in der Nähe sein —— der Senator kann zurückkehren. —— Er versuchte das Zimmer zu verlassen, aber seine Kräfte reichten zu dieser Anstrengung nicht aus, er lehnte sich, um sich zu stützen an die Wand, wiederholte athemlos: »Schließe die Thüren! —— Ulpius! Ulpius!« und winkte Antoninen hinabzusteigen.

Sie gehorchte ihm zitternd. In der Erinnerung an ihren Weg durch die Mauer und die furchtbare Reise durch die Straßen von Rom, theilte sie die Besorgnisse ihres Vaters und stieg daher eiligst hinab.

Die Thür war halb offen, wie sie dieselbe beim Eintreten in das Haus gelassen. Ehe sie dieselbe hastig schloß und verriegelte, warf sie noch einen Blick auf die Straße. Die abgezehrten Gestalten der Sklaven bewegten sich noch mit den fest1ichen Vorbereitungen für Vetranio’s Palast beschäftigt hin und her und hier und da lagen einige gespensterhafte Wesen auf dem Boden und betrachteten sie mit schwächlichem Erstaunen. In allen andern Theilen der Straße besaß noch die Todesstille des Hungers ihre Herrschaft.

Antonina eilte wieder zu ihrem Vater, um ihm zu versichern, daß sie seinen Geboten gehorcht habe und daß sie jetzt vor allem Eindringen von außen sicher seien. Während ihrer kurzen Abwesenheit war aber vor dem Geiste des alten Mannes eine neuere und ominösere Aussicht auf Unglück getreten. Als sie in das Zimmer trat sah sie daß er auf sein Bett zurückgekehrt war und die kleine hölzerne Schale, welche seinen letzten Vorrath an Nahrung enthalten hatte, jetzt aber leer war, vor sich hielt. Er richtete, als er sie eintreten hörte, kein Wort an sie, seine Züge waren starr von Schrecken und Verzweiflung, und während er auf die leere Schale hinabblickte, murmelte er vor sich hin:

»Es war die letzte Nahrung, die sich noch hier befand und ich war es, der sie verbraucht bat! Die Thiere des Waldes tragen ihren Jungen Nahrung zu, und ich habe nur einem Kinde den letzten Bissen geraubt!«

Augenblicklich drängte sich die über der ersten Freude des Wiedersehens vergessene Trostlosigkeit ihrer Lage wieder mit entsetzender Lebhaftigkeit vor Antoninens Geist. Sie versuchte ihrem Vater Trost und Hoffnung zuzusprechen, aber die furchtbare Wirklichkeit der Hungersnoth in der Stadt trat jetzt handgreiflich vor sie hin und hielt die eiteln Worte des Trostes auf ihren Lippen zurück. Mitten in dem noch volkreichen Rom, angesichts der sie umgebenden Felder, wo die gütige Sonne stündlich die Vegetation der fruchtbaren Erde ihrer Reife mehr und mehr zuführte, wo Aecker und Magazine ihre reichlichen Vorrathe erkennen ließen, blickten Vater und Tochter jetzt einander an, eben so unfähig ihre erschöpften Mundvorräthe zu ersehen, als ob sie schiffbrüchig auf einem Floß in einem unbekannten Meere umhergeworfen würden, oder auf eine wüste Insel verbannt wären, deren Produkte von verpesteten Winden verwelkt waren und um deren dürre Küsten zerstörende Gewässer von der Art flossen, wie sie über den »Städten der Ebene« hingerollt sind.

Die Stille, welche lange im Zimmer geherrscht hatte, die bitteren Reflexionen, welche noch immer den verzweifelnden Vater und die geduldige Tochter sprachlos erhielten, wurden endlich durch eine hohle, traurige Stimme von der Straße unterbrochen»welche folgende Worte ausrief:

»Ich, Publius Dalmatius, Bote des römischen Senats verkünde, daß der Präfekt um die Straßen, von den Todten zu reinigen, dreitausend Sesterzien für jede zehn Leichen geben wird, welche über die Mauern geworfen werden. Dies ist die Verfügung des Senats.«

Die Stimme schwieg, aber es antwortete ihr kein Laut des Beifalls, kein Summen der Aufregung des Volkes. Nach einiger Zeit vernahm man sie nochmals aber schwächer, da der Bote weiter gegangen war und das Dekret in einer andern Straße ausrief und dann sank das Schweigen wieder entsetzlicher und allgemeiner als vorher über Alles herab.

Jedes Wort der Ankündigung hatte, sowohl als sie aus der Ferne wiederholt, wie als sie vor seinem Fenster gesprochen wurden, Numerian’s Ohren erreicht. Sein bereits in Verzweiflung versinkender Geist wurde mit einem eben so unwiderstehlichen Zauber auf das, was er von der Wehe verkündenden Stimme des Herolds gehört hatte, geheftet, wie der, welcher das Auge des bereits schwindelnden Reisenden auf dem Gipfel einer Klippe dem Schauspiele der klaffenden Schluchten unter ihm zulenkt. Als die Töne der Proklamation endlich ganz und gar verklungen waren, ließ der unglückliche Vater die leere Schale, welche er bis jetzt mechanisch vor sich gehalten hatte, fallen, blickte schreckerfüllt auf seine Tochter und stöhnte vor sich hin:

»Die Leichen sollen über die Mauern geworfen, die Todten den Winden des Himmels anheimgegeben werden! —— In der Stadt ist für uns keine Hilfe mehr! O Gott! Gott! —— sie kann sterben! —— ihre Leiche kann hinausgeworfen werden wie die Uebrigen und ich den Anblick davon erleben!«

Er erhob sich plötzlich von dem Ruhebette; seine Vernunft schien auf einen Augenblick erschüttert zu sein, als er auf das Fenster zuschwankte und rief:

»Speise!, Speise! —— Ich will mein Haus und Alles was es enthält, für einen Bissen Speise dahingeben. Ich habe nichts, um mein Kind zu ernähren, —— es wird, morgen noch vor mir verhungert sein, wenn ich keine Speise erhalte. Ich bin ein Bürger von Rom —— ich fordere von dem Senate Hilfe. ——»Speise! Speise!«

So fuhr er fort in immer leiser werdenden Tönen aus dem Fenster zurufen, aber keine Stimme antwortete ihm theilnehmend oder verhöhnend. Von dem ganzen Volke, das sich jetzt in zunehmender Zahl auf der Straße vor Vetranio’s Palast, versammelt hatte, wendete sich kein Einziger, um ihn auch nur anzublicken. Seit, vielen Tagen schon hatte man fruchtlose Forderungen, wie die seine, unbekümmert zu jeder Stunde und in jeder Straße von Rom, bald in deliriösem Geschrei die Luft durchschallend, bald in dem legten, stammelnden Murmeln der Erschöpfung und Verzweiflung gehört.

So hätte Numerian lange um Hilfe und Mitleid bei einem Volke flehen können, welches aufgehört hatte, die eine zu gewähren und das andere zu fühlen, jetzt aber näherte sich ihm seine Tochter, zog ihn sanft seinem Bett zu und sagte in milden, aber feierlichen Tönen:

»Erinnere Dich, Vater, daß Gott die Raben ausgesendet hat, um Elias mit Speise zu versehen, und das Oelkrüglein der Wittwe von ihm gefüllt worden ist. Er wird uns nicht verlassen, denn er hat uns einander wiedergegeben und mich nicht hierher gesendet, um in der Huugersnoth umzukommen, sondern um über Dich zu wachen!«

»Gott hat die Stadt und Alle, die sie enthält, verlassen,« antwortete er verzweiflungsvoll; »der Engel der Vernichtung hat unsere Straßen betreten und der Tod folgt ihm wie sein Schatten! An diesem Tage, wo sich uns Beiden Hoffnung und Glück aufzuthun schien, ist unsere kleine Haushaltung dem Verderben geweiht worden. Junge wie Alte, Müde und Wachsame liegen auf den Straßen umher, —— der Hunger hat sie alle bezwungen —— der Hunger wird uns bezwingen —— es gibt keine Hilfe, keine Rettung mehr! Ich, der ich geduldig für die Wohlfahrt meiner Tochter gestorben sein würde, muß jetzt in Verzweiflung sterben und sie freundlos in der weiten öden, gefahrvollen Welt in der traurigen Stadt der Pein, des Schreckens, des Todes zurücklassen —— die der Feind von außen bedroht und die im Innern von Hunger und Pest verwüstet wird! O Antonina! Du bist nur auf kurze Zeit zu mir zurückgekehrt, der Tag unserer zweiten Trennung naht heran.«

Auf einige Augenblicke senkte sich sein Haupt und Schluchzen erstickte seine Stimme, dann erhob er sich mühsam von Neuem. Achtlos gegen Antoninens Bitten versuchte er wieder das Zimmer zu durchschreiten, aber nur um nochmals seine schwachen Kräfte unzulänglich zu finden, um ihn aufrecht zu erhalten. Als er keuchend auf einen Stuhl zurücksank, nahmen seine Augen einen wilden, Unnatürlichen Ausdruck an —— Verzweiflung des Geistes und Körperschwäche hatten sich vereint, um seine Kräfte aus den Fugen zu treiben. Als sich ihm seine Tochter erschrocken näherte, um ihn zu beschwichtigen und ihm Beistand zu leisten, winkte er ihr unmuthig zurück und begann mit dumpfer, heiserer, eintöniger Stimme zu sprechen, indem er die Hand fest auf seine Stirne preßte und seine Augen unablässig von einem Gegenstande, von einem Theile des Zimmers zum andern schweifen ließ.

»Höre Kind, höre!« begann er hastig. »Ich sage Dir, daß im Hause und in ganz Rom keine Nahrungsmittel vorhanden sind! Wir sind belagert —— der Feind hat uns die Getreidemagazine in den Vorstädten und die Kornfelder auf den Ebenen genommen —— in der Stadt herrscht eine große Hungersnoth —— diejenigen, welche noch essen, genießen seltsame Speisen, bei deren Nennung es dem Menschen übel wird. Ich würde selbst solche zu erlangen suchen, aber ich habe nicht Kraft genug, um hinaus aus die Straßen zu gehen, und sie andern mit der Spitze der Schwertes abzuringen! Ich bin alt und schwach und mein Herz ist gebrochen ich werde zuerst sterben und meine gute, liebe Tochter, die ich so lange gesucht und die ich als mein einziges Kind geliebt habe, vaterlos zurücklassen!«

Er schwieg einen Augenblick, nicht um auf die Worte der Ermuthigung und Hoffnung zu hören, welche Antonina mechanisch an ihn richtete, sondern um seine zerstreuten Gedanken zu ordnen, um seine ihn verlassenden Kräfte zu sammeln. Seine Worte wurden schneller und seine Züge ließen eine plötzlich erwachte Energie und Eindringlichkeit des Ausdruckes wahrnehmen, als ob ihm ein neuer Plan vor den Geist getreten sei und nach einer Pause fuhr er folgendermaßen fort:

»Wenn aber auch mein Kind verwaist, wenn ich auch in der Stunde sterben werde, wo ich mich am meisten sehnte für sie zu leben, so darf ich sie doch nicht hilflos zurücklassen, ich werde sie unter meine Gemeinde senden, die mich verlassen hat, die aber, wenn sie hört, daß ich todt bin, Reue fühlen und Antoninen — um meinetwillen aufnehmen wird. Höre mich an —— höre, höre! Du mußt ihnen sagen, daß sie sich an Alles erinnern, was ich ihnen einst von meinem Bruder enthüllt habe, von dem ich in meinen Knabenjahren geschieden bin, von meinem Bruder, den ich seitdem nie wieder gesehen habe. Er kann noch am Leben sein —— vielleicht ist er zu finden, —— man muß nach ihm suchen, denn er würde für die Vaterlose ein Vater und für die Unbehütete ein Schützer sein. Vielleicht ist er jetzt in Rom —— vielleicht ist er reich und mächtig vielleicht hat er Nahrung, die er entbehren kann und ein Haus, welches gegen alle Feinde und Fremde gut ist. Achte auf meine Worte, Kind! In den letzten Tagen habe ich viel an ihn gedacht, ich habe ihn im Träumen gesehen, wie ich ihn zum letzten Male in meines Vaters Hause sah. Er war glücklicher und wurde mehr geliebt als ich, und ich verließ meine Eltern in Neid und Haß und trennte mich von ihm. Du hast davon nichts gehört, aber Du mußt es jetzt hören, damit Du, wenn ich todt sein werde, weißt, daß Du einen Beschützer hast, den Du aufsuchen kannst. Ich nahm meines Bruders Lebewohl im Zorne auf und floh mein Vaterhaus —— jene Tage waren mir einst wohl erinnerlich, aber jetzt wird mein Gedächtniß für Alles stumpf —— lange Jahre des Drängens und Treibens gingen vorüber und ich habe ihn nie gesehen und Menschen von vielen Nationen sind meine Genossen gewesen, aber er war nicht unter ihnen. Dann wurde mir viel Kummer zu Theil und ich bereute und lernte Gott fürchten, und ging nach dem Hause meines Vaters zurück. Seitdem sind Jahre vergangen, wie viele weiß ich nicht. Ich hätte sie zählen können, als ich mit ihm, —— mit meinem früheren Freunde bei der St. Peterskirche sprach, wie wir, ehe die Stadt belagert wurde, auf den Sonnenuntergang hinausblickten und von den früheren Tagen unserer Genossenschaft redeten. Jetzt aber verläßt mich das Gedächtniß, der Hunger und Tod, von dem wir mit Trennung bedroht werden. verdunkelt meine Gedanken, aber höre mich, höre mich geduldig, —— um Deinetwillen muß ich fortfahren.

»Mein Vaterhaus war verschwunden, als ich ankam, um es wieder zu sehen, andere Häuser standen an dem Orte, wo meines Vaters Haus gewesen war, Niemand konnte mir etwas von meinen Eltern und meinem Bruder sagen; dann kehrte ich. zurück und meine früheren Genossen wurden meinen Augen verhaßt. Ich verließ sie und sie verfolgten mich mit Haß und Spott. —— Höre, höre! ich ging heimlich und bei Nacht mit Dir fort, um ihnen zu entrinnen und meine Besserung vollkommen zu machen, wo sie nicht in der Nähe sein würden, um mich daran zu hindern, und wir reisten viele Tage lang weiter, bis wir nach Rom kamen und ich nahm dort meine Wohnung; aber ich fürchtete, daß meine Genossen, die ich verabscheute, mich wieder entdecken und verfolgen könnten und in der neuen Stadt meines Wohnens nannte ich mich mit einem andern Namen, als demjenigen, welchen ich trug, und so wußte ich, daß jede Spur von mir verloren gehen und ich vor Menschen, an die ich jetzt nur wie an Feinde dachte, sicher sein würde. Gehe hin! geh schnell! —— bringe Deine Schreibtafel und schreibe die Namen, welche ich Dir nennen werde, nieder, denn dadurch wirst Du Deinen Beschützer entdecken, wenn ich gestorben bin! Sage ihm nicht, Du seist das Kind Numerian’s, er kennt den Namen nicht. Sage, Du seist die Tochter Cleander’s, seines Bruders, der in der Sehnsucht starb, ihm wieder gegeben zu werden. Schreibe schreibe sorgfältig, Cleander —— das war der Name, den mir mein Vater gab, —— das war der Name, den ich trug, bis ich meinen bösen Genossen entfloh und ihn aus Furcht vor ihrer Verfolgung veränderte! Cleander! schreib und erinnere Dich: Cleander! Ich habe in Träumen gesehen, daß mein Bruder entdeckt werden wird. Ich werde ihn nicht entdecken, aber Du wirst ihn finden! Deine Schreibtafel! Deine Schreibtafel, schreibe seinen Namen und, den meinen, —— er heißt: ——«

Er hielt plötzlich inne. Seine, zwischen Erstarrung und Belebung schwankenden, von den Prüfungen, welche sie überstanden hatten, erschütterten aber nicht überwältigten Geisteskräfte, sammelten sich plötzlich, nahmen wieder etwas von ihrem gewohnten Gleichgewichte an und erwachten zu einem Gefühle ihrer eignen Abschweifung. Seine unbestimmten Enthüllungen aus seinem früheren Leben —— die der Leser als seine im ersten Bande erzählten Mittheilungen, gegen den flüchtigen Landmann, über denselben Gegenstand, ähnlich erkennen wird, traten jetzt in aller ihrer Zusammenhanglosigkeit und Nutzlosigkeit vor ihm. Sein Gesicht nahm einen niedergeschlagenen Ausdruck an, er seufzte bitterlich vor sich hin:

»Die Vernunft beginnt mich zu verlassen! -— meine Urtheilskraft, die mein Kind führen —— meine Standhaftigkeit, die es aufrecht erhalten sollte, verläßt mich! —— wie soll sie meinen Bruder finden, der mir seit meinen Knabenjahren verloren ist! Gegen die Hungersnoth, wovon wir bedroht werden, kann ich Dir nur eitle Worte bieten! schon sinken ihre Kräfte, ihr Gesicht auf das ich zu blicken liebte, erbleicht vor meinen Augen! Gott sei uns gnädig! —— Gott sei uns gnädig!«

Er kehrte schwach auf sein Lager zurück, der Kopf sank ihm auf die Brust; von Zeit zu Zeit ging ein leises Stöhnen über seine Lippen, aber er sprach nichts weiter:

So tief auch die Erschöpfung war, in welcher er sich jetzt befand, war es doch für Antoninen weniger peinlich sie zu erblicken, als die zusammenhangslosen Enthüllungen zu hören, welche vor kaum einem Augenblicke seinen Lippen entfallen waren, und die, wie sie in ihrem Erstaunen und Schrecken gefürchtet hatte, die entsetzlichen Zeichen des Umsturzes der Vernunft ihres Vaters sein konnten. Als sie sich wieder neben ihm niederließ, fühlte sie mit Beben, daß ihre eigene Ermüdung nahe daran war, sie zu überwältigen, aber sie fuhr fort mit ihrer wachsenden Verzweiflung zu ringen, bemühte sich fortwährend, nur aus Fähigkeit zum Leiden und Aussichten der Erlösung zu sinnen.

Die Minuten zogen jetzt traurig durch das trübe Schweigen hin, die schwachen Lüftchen erhoben sich und verschwanden in langen Zwischenräumen, wie man es an den durch das offene Fenster herein dringenden Lufthauche erkennen konnte. Die Sonnenstrahlen erglänzten und trübten sich abwechselnd, wie die Wolken in lustiger Reihenfolge über das Antlitz des Himmels zogen. Die Zeit schritt streng in ihrem bestimmten Gange vorwärts und die Natur bewegte sich ruhig; durch die ihr zugewiesenen Grenzen der Veränderung; aber immer noch beschäftigten ihren Geist keine Hoffnungen, keine rettenden Pläne, nichts als dunkle Erinnerungen und schmerzliche Erwartungen.

Schon senkte sich ihr müdes Haupt dem Boden zu, —— schon schienen Bewußtsein und Stärke und der Schmerz selbst, in einem traumlosem todtähnlichen Schlafe unterzugehen, als sich plötzlich ein letzter Gedanke, dessen Verbindung und Grund sie nicht zu ersehen vermochte, in ihr erhob, und sie belebte, erweckte, begeisterte. Sie sprang auf.

»Der Garten, Vater, der Garten»rief sie athemlos, —— erinnere Dich an die Nahrung, die unten in unserm Garten wächst! Tröste Dich, wir haben noch Mundvorräthe! Gott hat uns nicht verlassen!«

Er erhob bei ihren Worten den Kopf; seine Züge nahmen einen noch traurigeren und hoffnungsloseren Ausdruck an; er blickte mit ominösem Schweigen auf sie und legte seine zitternden Finger auf ihren Arm, um sie zurückzuhaltem als sie hastig das Zimmer zu verlassen versuchte.

»Verbiete mir nicht, mich zu entfernen!« bat sie ängstlich, »mir ist jeder Winkel des Gartens bekannt, denn in glücklicheren Tagen war er mein Besitzthum —— unsere letzten Hoffnungen beruhen auf dem Garten und ich muß ihn ohne Säumen durchsuchen.«

»Habe Geduld mit mir,« fügte sie mit leisem wehmüthigen Tönen hinzu; »habe Geduld mit mir, theurer Vater, bei dem, was ich jetzt thun möchte. Ich habe, seit wir von einander geschieden sind, einen bitteren Schmerz erlitten, welcher sich dunkel und schwer an alle meine Gedanken hängt. Für mich gibt es keinen Trost mehr, als das Vorrecht für Dein Wohlergehen zu sorgen. —— Meine einzige Hoffnung auf Glück liegt in der Beschäftigung, um Dich zu unterstützen.«

Die Hand des Greises legte sich, während sie ihn anredete, schwerer auf ihren Arm, als sie aber schwieg, sank sie von demselben nieder und er neigte mit sprachloser Fügung in ihren Willen das Haupt. Einen Augenblick verweilte sie noch und sah ihn eben so stumm an, wie er selbst war, im nächsten verließ sie mit hastigem ungewissen Schritten das Zimmer.

Als sie in den Garten gelangte, schlug sie, ohne es selbst zu wissen, den Pfad ein, welcher nach der Bank führte, wo sie einst gern insgeheim auf ihrer Laute gespielt, nach den fernen Bergen hinaus-geblickt hatte, die in der warmen Atmosphäre ruhten, welche die Sommerabende über ihre blaue Kette ergossen. Wie beredt sprach die kleine Stelle, von den stillen Ereignissen, die jetzt aus ewig verschwunden waren, von den Hoffnungen, den glücklichen Beschäftigungen welche sich mit dem Tage, der sie verzeichnet, erheben und gleich diesem Tage vergehen, um nie wieder als dieselben zurückzukehren! —— die das Gedächtniß allein aufzubewahren vermag, wie sie waren, und die das Herz nur in veränderter Form wieder aufnehmen kann, wo sie der Gegenwart des Gefährten, des Verfalles des entschwundenen Augenblickes beraubt sind, der den Zauber der Vergangenheit bildete und die Unvollkommenheit des Gegenwärtigen ausmacht.

Zart und dicht gedrängt waren die Erinnerungen, die die Gegenstände im Garten heraufbeschworen, als die trübe Herrin desselben wieder auf ihr kleines Gebiet blickte. Sie sah die Bank, wo sie sich nie wieder mit den gleichen Gefühlen zum Singen niedersetzen konnte, wie sie einst ihre Musik begeistert hatten —— sie sah die welken Blumen, die sie nie wieder mit demselben kindergleichen Genusse an der Arbeit zu pflegen vermochte, welche dieselbe in früheren Stunden erheitert hatte! So jung sie auch noch war, konnten doch die Empfindungen der vergangenen Jugendtage nie wieder belebt werden, wie sie einst existierten! Sie waren wie Gewässer aufgequollen und Gewässern gleich hinweg geströmt, um nie wieder zu ihrer Quelle zurückzukehren. Gedanken an diese vergangenen Jahre —— an den jungen Krieger, der kalt unter der Erde lag, —— an den entmuthigten Vater, der hoffnungslos im oberen Zimmer trauerte, legten sich dicht an ihr Herz, als sie sich von ihren Blumenbeeten abwendete —— nicht wie in frühem Tagen, um ihr Glück zur Musit ihrer Laute ausströmen zu lassen, sondern um mühsam nach Mitteln zur Erhaltung des Lebens zu suchen.

Als sie sich über die Stellen des Gartens niederbeugte, wo sie wußte, daß Früchte und Gemüse von ihrer eignen Hand gepflanzt worden waren, wurde sie von ihren Thränen fast blind gemacht —— sie strich dieselben hastig aus den Augen und blickte sich begierig um.

Ach! Andere hatten das Feld abgeerntet, von welchem sie Ueberfluß gehofft hatte.

In den ersten Tagen der Hungersnoth war Namerian’s Gemeinde in den Garten gekommen und hatte für ihn gesammelt, was derselbe enthielt. Seine köstlichsten Produkte waren eben so gut erschöpft, wie seine gewöhnlichsten. Auf der kahlen Erde lagen welke Blätter, und nackte Zweige schwankten über ihnen in der Luft. Sie wanderte von Pfad zu Pfad und suchte unter den Dornen und Disteln umher, welche bereits dem verlassenen Garten das Aussehen einer Ruine gaben; sie erforschte seine verborgensten Winkel mit der peinlichen Ausdauer der Verzweiflung, aber überall, wohin sie sich wenden mochte, breitete sich die gleiche Unfruchtbarkeit um sie aus. Auf der einst fruchtbaren Fläche, welche sie mit so freudigem Glauben an ihre Hilfsquellen betreten hatte, waren nur noch einige halb verdorbene Wurzeln zu finden, die vergessen unter verschlungenem Unkraut und verwelkten Blumen lagen.

Sie sah, als sie die Wurzeln einsammelte, daß sie kaum für eine spärliche Mahlzeit hinreichend waren und kehrte langsam nach dem Hause zurück. Kein Wort entfloh ihr, keine Thräne floß über ihre Wangen, als sie die Stufen wieder hinaufstieg —— Hoffnung, Furcht, Denkkraft, ja das Bewußtsein selbst, waren in ihr von dem ersten Augenblicke an betäubt, wo sie entdeckt hatte, daß im Garten, wie im Hause, die letzten Aussichten auf Hilfe von der unerbittlichen Hungersnoth geraubt worden waren.

Sie trat in das Zimmer und ging mit den verdorbenen Wurzeln in den Händen mechanisch auf ihren Vater zu. Während ihrer Abwesenheit waren seine Geistes und Körperkräfte der Ermattung gewichen, —— er lag in einem tiefen, schweren Schlafe. Ihr Geist fühlte eine schwache Erleichterung, als sie sah, daß die schlimme Notwendigkeit, das Fehlschlagen der Hoffnungen, die sie selbst erweckt hatte, zu gestehen, ihr noch auf einige Zeit erspart blieb. Sie kniete neben Numerian nieder und glättete sanft das Haar auf seiner Stirn, —— dann zog sie die Gardine über das Fenster, denn sie fürchtete selbst, daß das hereinwehende Lüftchen ihn aufwecken könne. Eine seltsame, geheimnißvolle Freude über die Idee, ihren Vater jeden Augenblick der Zeit und jedes Theilchen der Kraft zu weihen, die ihr noch geblieben sein mochte, eine bereitwillige Ergebung in den Tod, in das Sterben für ihn, breitete sich über ihr Herz aus und trat an die Stelle aller andern Wünsche und Gedanken.

Sie bewegte sich jetzt mit einer vorsichtigen Stille, welche nichts unterbrechen konnte, durch das Zimmer, sie bereitete ihre Wurzeln mit einer geduldigen Aufmerksamkeit, die nichts abzulenken vermochte, zur Speise. Durch das tiefe Elend ihrer Lage, ihrem frischem Schmerze und ihrer gegenwärtigen Besorgniß entrissen, konnte sie noch instinktmäßig die einfachen Geschäfte der Gattin und Tochter verrichten, wie sie es unter einem friedlichen Volke und in einer behaglichen Familie gethan haben würde. So überleben sich die erstgeborenen Neigungen des Herzens, die Erschöpfung aller der stürmischen Gefühle, aller aufstrebenden Gedanken späterer Jahre, die den Geist zu beschäftigen, aber nie gänzlich auszufüllen im Stande sind.

So spricht ihre freundliche, vertraute Stimme, wenn der Lärm der streitenden Leidenschaften verklungen ist, wieder ruhig und stützend, wie in alter Zeit, wo der Geist sich in den Grenzen seiner angeborenen Einfachheit sicher bewegte und das Herz noch in der reinen Stille seiner ersten Ruhe lag.

Das letzte, kärgliche Maß von Nahrung war bald bereitet, es war, als sie es kostete, bitter und unschmackhaft, —— das Leben konnte selbst bei den Kräftigsten, kaum durch so geringe Nahrung bewahrt werden, aber sie setzte dieselbe so sorgfältig bei Seite, als ob es die feinste Leckerei des reichlichsten Mahles gewesen wäre.

Während ihrer einsamen Beschäftigung hatte sich nichts verändert —— ihr Vater schlief noch, auf der Straße herrschte noch das frühere düstere Schweigen. Sie stellte sich an das Fenster und zog theilweise den Vorhang bei Seite, um die warmen Lüfte von außen auf ihrer kalten Stirn spielen zu lassen. Dieselbe unnennbare Resignation, dieselbe unnatürliche Ruhe, welche seit ihrem Eintreten in das Zimmer über ihre Kräfte herabgesunken war, überzog dieselben auch jetzt noch. Die sie umgebenden Gegenstände vermochten ihre Aufmerksamkeit nicht anzuregen, alle Erinnerungen und Ahnungen waren in ihrem Geiste zum Stillstande gekommen. Auf ihren Zügen herrschte Marmorstarrheit; mitunter schweiften ihre Augen mechanisch von der Speise neben ihr, auf ihren schlummernden Vater, als ihre einzige Idee in seinem Dienste zu wachen, bis die schwachen Pulse des Lebens den letzten Schlag gethan haben würden, abwechselnd auflebte und schwächer wurde —— sonst aber waren an ihr keine Zeichen körperlichen Lebens oder geistiger Thätigkeit mehr zu erblicken. Es gab Momente, wo sie, wenn man sie in dem halbverdunkelten Zimmer mit ihren blassen, ruhigen Zügen, mit ihrer, in kalte weiße Gewänder gehüllten, bewegungslosen Gestalt neben dem Bette, auf welchem ihr Vater ruhte, erblickt hatte, ausgesehen haben würde, wie eine von den frommen Büßerinnen der Urkirche, die zum Wachen im Hause der Trauer bestimmt, durch das Erscheinen des Todes ein ihrer heiligen Vigilie überrascht worden wäre.

Die Zeit verfloß —— die monotonen Stunden des Tages schritten wieder der Nacht zu und Pest und Hungersnoth verkündeten ihr Verstreichen aus den vom Unglück geschlageiieti Straßen und Plätzen Roms. Für Vater und Kind war der Sand im Stundenglase dem Verrinnen nahe und keines von Beiden bemerkte dessen Verminderung. Der Schläfer ruhte immer noch und die Wächterin an seiner Seite wachte fortwährend —— aber jetzt lenkte sich ihr matter Blick unwillkürlich durch den Ton von Stimmen angezogen, die endlich von Zeit zu Zeit von der Straße aufstiegen, hinab auf das Licht der Fackeln und Lampen, die in dem großen Palaste des Senators sichtbar wurden, als sich die Sonne allmälig zum Horizonte senkte und die feurigen Wolken des Abends in den Dünsten der vorschreitenden Nacht erloschen. Sie blickte fest auf das Schauspiel unter und vor ihr hinab, aber selbst jetzt noch bewegten sich weder ihre Glieder, noch wurde der bewegungslos feierliche Friede ihrer Züge gestört.

Das weiche, kurze Zwielicht senkte sich auf die Erde und ließ den kalten Mond erblicken, der einsam am sternenlosen Himmel schwebte, —— dann stieg, auf das blasse Zeichen seines Erscheinens leise die Finsterniß auf, und umschloß langsam die Stadt des Todes.



Kapitel III.
Das Banket des Hungers.

Von allen Prophezeihungen trifft wohl keine seltener ein, als die, welche wir uns am leichtesten erlauben, wenn wir die Einwirkung äußerer Ereignisse auf den Charakter der Menschen vorher sagen wollen. Keine Form unserer Vermuthungen trügt häufiger, als solche Bemühungen, im Voraus den Einfluß der Umstände auf das Benehmen nicht nur Anderer, sondern sogar unserer selbst abzuschätzen. Das Ereigniß tritt ein und Menschen, die wir aus dem Gesichtspunkte betrachten, welcher uns unsere frühere Beobachtung derselben gewährt, handeln unter dem Einflusse desselben, wie lebende Widersprüche ihres eignen Charakters. Der Freund unsers täglichen, geselligen Verkehrs im Leben und der Lieblingsheld unserer historischen Studien, setzen uns glei sehr in Erstaunen, übertreffen oder täuschen unsere Erwartungen gleich stark. Wir erkennen es als eben so vergeblich, für die willkürlichen Widersprüche in dem Charakter der Menschen einen Grund vorauszusehen, wie demselben eine Grenze anzuweisen.

Wiewohl aber, das Aufstellen von Vermuthungen über das künftige Benehmen Anderer unter bevorstehenden Ereignissen nur zu oft an den Tag legt, wie trügerisch unsere weisesten Erwartungen sind, so ist doch die Betrachtung der Art dieses Benehmens nachdem es stattgefunden hat, ein nützlicher Gegenstand unserer Wißbegier und kann vielleicht sogar zu einer fruchtbaren Quelle von Belehrungen gemacht werden. Gleichartige Ereignisse, die einander in verschiedenen Perioden folgen, werden durch die stets wechselnden Wirkungen, welche sie auf den menschlichen Charakter ausüben, von Einförmigkeit befreit und erlangen durch dieselben neue Wichtigkeit. So finden wir in Bezug auf das große Ereigniß, auf welches sich unsere Erzählung gründet, in der Belagerung von Rom, als einen bloßen historischen Vorfall betrachtet, nur wenig, wodurch es sich bedeutend von irgend einer frühem Belagerung der Stadt unterschiede —— dasselbe Streben nach Ruhm und Rache, Reichthum und Gewalt, welches Alarich vor die Mauern der Stadt führte, hatte vor ihm auch andere Eroberer hergezogen. Beobachten wir aber die Wirkung des gothischen Einfalles in Italien auf die Bewohner seiner Hauptstadt, so finden wir reichlichen Stoff zu neuen Betrachtungen und unbegrenztem Erstaunen.

Wir erblicken als überraschendes Beispiel der Widersprüche im menschlichen Charakter, das Schauspiel eines ganzen, bereits von dem höchsten Gipfel des Nationalruhmes, zu den niedrigsten Tiefen der Nationalentartung, herabgesunkenen Volkes, welches an seiner Thür von einem übermächtigen fremden Einfalle bedroht wird und doch trotz allem was die weit verbreitete Niedrigkeit seines früheren Charakters uns hätte erwarten lassen sollen, seinen Feinden, um der Ehre des römischen Namens willen, den es seit Jahrhunderten entehrt hatte, mit unbeugsamer Hartnäckigkeit Widerstand leistet. Wir sehen Männer, die bisher selbst das Wort Patriotismus verlacht haben, jetzt entschlossen für ihr Vaterland dem Hungertode entgegen gehen; die vor keiner Schurkerei zurückbebten, um Reichthum zu erlangen, jetzt anstehen, ihren übel erworbenen Gewinn zum Erkaufen des wichtigsten aller Genüsse —— ihrer eignen Sicherheit und des Friedens anzuwenden. Man könnte aus allen Klassen, von den niedrigsten bis zu den höchsten, Beispiele der unahnbaren Wirkung ziehen, welche das Ereigniß der Belagerung Roms auf die Bewohner der Stadt übte, wenn wir dieselben aber hier mittheilen wollten, würde der Fortgang unserer gegenwärtigen Erzählung eine zu lange Unterbrechung erleiden müssen. Wenn wir über einen solchen Gegenstand auf Einzelheiten eingehen sollen, so darf es nur in einem Falle geschehen, welcher mit den wirklichen Erfordernissen unserer Geschichte im klaren Zusammenhange steht und ein solcher Fall ist gegenwärtig in dem Benehmen des Senators Vetranio unter dem Einflusse der äußersten Leiden, von welchen die Blockade Roms durch die Gothen begleitet wurde, zu finden.

Wer, könnte man fragen, —— wenn man den früheren Charakter dieses Mannes, seine Frivolität, sein üppiges Verlangen nach ununterbrochenen Genuß und Behag1ichkeit, seinen Schrecken vor der leisesten Annäherung des Schmerzes oder Unglücks kennt, —— könnte sich ihn als fähig vorstellen, geringschätzig alle Aussichten auf gegenwärtige Sicherheit und künftiges Wohlseim die ihm seine unbegrenzte Macht und sein ungeheurer Reichthum selbst in einer von Hungersnoth verheerten Stadt hätte verschaffen können, von sich zurückzuweisen und plötzlich mit dem Entschlusse das Leben in dem Augenblicke als werthlos aufzugeben, wo es nichts mehr den ruhigen Fortgang früherer Jahre besaß, den höchsten Gipfelpunkt der verbrecherischen Verzweiflung zu besteigen! Und doch war er jetzt zu diesem Entschlusse gelangt und hatte, was noch außerordentlicher erscheint, andere patricische Standesgenossen gefunden, die sich ihm bei der Ausführung desselben anschlossen.

Der Leser wird sich seiner phantastischen Ankündigung von der bevorstehenden Orgie gegen den Präfekten Pompejanus, während des ersten Theiles der Belagerung entsinnen, diese Ankündigung sollte jetzt ausgeführt werden.

Vetranio hatte seine Gäste zum Banket des Hungers geladen. Eine auserwählte Anzahl von den Senatoren der großen Stadt wollten ihren Muth dadurch an den Tag legen, daß sie als die Genußmenschen starben, als welche sie gelebt hatten, daß sie verächtlich alle Aussichten auf das Verhungern, wie der gemeine Haufen, an einer täglich geringer werdenden Quantität widerlicher Nahrung von sich warfen, daß sie in Weinfluthen ertränkt und von dem Feuer des reichsten Palastes von Rom beschienen, triumphierend ein beengtes, genußloses Leben verließen.

Man hatte die Absicht gehabt, über diesen rasenden Entschuß das tiefste Geheimniß zu bewahren, die ungeheure Katastrophe gleich einem Wunder des Himmels auf die noch übrigen Bewohner der Stadt hereinbrechen zu lassen, aber die mit der Organisation des Selbstmörderbankets beauftragten Sklaven, waren mit Wein zu ihrer Aufgabe geneigt gemacht worden und hatten in der Sorglosigkeit des Rausches, das innerhalb der Palastmauern Gehörte mitgetheilt. Die Neuigkeit ging von Mund zu Mund. Die Aussicht, den brennenden Palast und den trunkenen Selbstmord seiner verzweifelten Gäste zu erblicken, war hinreichend, um selbst die erstarrte Neugier des verhungernden Pöbels zu beleben.

Am angesetzten Abend schleppte das Volk seine matten Glieder aus allen Theilen der Stadt dem Monte Pincio zu. Viele starben unterwegs, Viele gaben den Entschluß, sich bis ans Ziel des Weges zu begeben, auf und suchten mürrisch in den leeren Häusern am Wege ein Obdach, Viele fanden Gelegenheit zum Raube und Verbrechen, welche sie von ihrem Bestimmungsorte ablockten, —— aber Viele verharrten in ihrem Vorsatze und die Lebenden schleppten die Sterbenden mit, die Verzweifelten trieben die Feigen in boshaftem Scherze vor sich hin, bis sie vor die Palastthore gelangten. Ihre, von der Straße aufsteigenden, Stimmen hatten die dem Erlöschen nahen Geisteskräfte Antoninens aufgeschreckt, wenn auch nicht belebt, und dort auf den breiten Pflastersteinen lagen diese Bürger einer fallenden Stadt, eine Gemeinde der Pest und Sünde —— eine verhungernde, grausige Schaar.

Der durch die zunehmende Finsterniß glänzender hervortretende Mond erleuchtete jetzt die Straßen vollkommen und enthüllte auf engem Raume ein wechselndes, eindrucksvolles Schauspiel.

Die eine Seite der Straße, in welcher Vetranio’s Palast stand, war an beiden Enden, so weit das Auge bei Nacht reichen konnte, mit den Hainen und Nebengebäuden, die zur Wohnung des Senators gehörten, besetzt. Die Gärten des Palastes gingen am höheren, von dem Pincischen Thore entfernteren Theile der Straße auf einem breiten Bogen über dieselbe und dehnten sich nach rückwärts bis zu den Bäumen des kleinen Gartens am Hause Numerian’s hin. Mit diesem Hause in einer Linie, aber durch einen schmalen Zwischenraum getrennt, stand eine lange Reihe von Gebäuden, die stockwerkweise an verschiedene Bewohner vermiethet waren und sieh zu einer ungeheuren Höhe erhoben, denn im alten Rom, wie im modernen London, konnten die Baumeister in Folge der hohen Bodenpreise einer übervölkerten Stadt einem Hause nur dadurch Geräumigkeit verschaffen, daß sie seine Höhe unbehaglich vergrößerten. Jenseits dieser Miethshäuser sah man die Bäume, welche einen andern Patrizierpalast umgaben und über dieselben hinaus machte die Straße einen plötzlichen Bogen und es war in gerader Linie außer den nebeligen, unbestimmten Gegenständen der Fernsicht nichts mehr zu erblicken.

Das ganze Aussehen der Straße vor Vetranio’s Palast würde, wenn die zurückstoßenden Gruppen, die sich jetzt darin gebildet hatten, weggefallen wären, zu der Stunde, von welcher wir jetzt schreiben, ausnehmend schön gewesen sein. Die herrliche symmetrische Fronte des Palastes selbst, mit ihrer graziösen Reihe von langen Säulenhallen und kolossalen Statuen, im Contraste mit dem malerisch unregelmäßigen Aeußern der gegenüberliegenden Wohnung Numerian’s und der hohen Häuser, in deren Nähe die weichen undeutlichen Laubmassen, welche an den oberen Enden der Straße mit einander parallel dahin liefen und durch den schwebenden Garten über dem Wege, auf welchem eine Gruppe hoher Pinien ihre gigantischen Häupter gegen den durchsichtigen Himmel abzeichneten, begrenzt und verbunden waren, das glänzende Licht, welches aus den bunt behangenen Fenstern Vetranio’s auf die Straße herabströmte und im unmittelbaren Gegensatz der ruhige Mondschein, von welchem die Fernsicht erhellt wurde —— alles dies zusammengenommen bildete ein Gewölbe, in welchem sich Natur und Kunst in den köstlichsten Proportionen mischten, —— ein Gemälde, dessen unaussprechliche Poesie und Schönheit in jeder anderen Nacht das Auge hätte bezaubern und den leichtsinnigsten Geist erheben können. Jetzt aber, wo es von hohläugigen, hungerbetagten und von Krankheit entstellten Volksgruppen überdeckt, wo es in dumpfen Zwischenräumen durch Schreie der Bitte, der Herausforderung und Verzweiflung belebt wurde, schienen seine glänzendsten Schönheiten der Natur und Kunst nur mit bitterem Spott das menschliche Elend, welches ihr Glanz erblicken ließ, zu beleuchten.

Mehr als hundert Menschen, —— meist aus den untersten Volksklassen, waren vor der dem Untergang geweihten Wohnung des Senators zusammengedrängt. Einige von ihnen gingen langsam in der Straße auf und ab und ihre Gestalten glitten schattenhaft und feierlich durch das sie umgebende Licht, aber bei weitem die größte Zahl lag aus dem Steinpflaster vor Numerians Palaste und den Thorwegen der hohen Häuser in seiner Nähe. Von dem grellen Lichte aus den Palastfenstern beleuchtet, nahmen diese in den verzerrten Stellungen des Leidens und der Verzweiflung zusammengedrängten Gruppen ein furchtbares, gespensterhaftes Aussehen an. Ihre eingeschrumpften Gesichter, ihre zerrissene Kleidung, ihre hier am Boden liegenden, dort halb erhobenen hagern Gestalten waren in ein gleichmäßiges rothes Licht getaucht. Hoch über ihnen an den Fenstern der hohen jetzt in jedem Stockwerke von Todten erfüllten Häuser zeigten sieh einige Gestalten —— die erkauften Hüter der Sterbenden in den Gemächern —— die sich vorwärts beugten, um auf den Palast gegenüber zu schauen, und deren abgemagerte Gesichter vom hellen Mondlichte mit einem bleichen Glanze übergossen wurden. Zuweilen hörte man ihre Stimmen spöttisch der Volksmasse unter ihnen zurufen, die festen, stählernen Thore des Palastes aufzubrechen und den vollen Weinbecher von den Lippen seines Herrn zu reißen. Zuweilen antworteten die auf der Straße Befindlichen mit Verwünschungen, die im wilden Gemisch mit den Wehklagen von Frauen und Kindern, dem Stöhnen der von der Pest ergriffenen und der Bitten der Verhungerten um Almosen und Hilfe an die hinter den Palastgittern hin und her gehenden Sklaven, emporstiegen.

In den Pausen, wo der Tumult der schwachen Stimmen theilweise schwieg, hörte man ein dumpfes, regelmäßiges, klopfendes Geräusch, welches diejenigen hervorbrachten, welche auf ihrem Wege nach dem Palaste trockene Knochen gefunden hatten und sie an geschützten Stellen auf dem Pflaster zerpochten, um dieselben zur Nahrung zu verwenden. Der Wind, welcher den Tag über erfrischend gewesen war, hatte mit Sonnenuntergang umgeschlagen und fegte jetzt in heißen, schwachen Stößen pestbeladen von Osten her langsam über die Straße hin.

Theile der zerlumpten Kleidung, von auf dem Boden liegen den Gestalten, die ihm am meisten ausgesetzt waren, schwebten langsam hin, und her, wie vom Tode auf der dem Ergeben nahen Citadelle des Lebens aufgepflanzte Paniere. Er zog heiß und mephitisch, wie von dem Hauche der wüthenden und schlechten Worte, welche er in die Bankethalle der leichtsinnigen Gäste des Senators trug, vergiftet, durch die offenen Fenster des Palastes. Ueber solche Scenen, wie die sich jetzt unter ihm ausbreitenden, getrieben, nahm er von ihnen eine Unheil verkündende Bedeutsamkeit an —— er schien, wie eine aus den glühenden Tiefen des Erdmittelpunktes hervorgetriebene Atmosphäre zu wehen, und düstere Verkündigungen einer ungeheuren Convulsion in dem ganzen Gebäude der Natur über die Menschen erfüllte, traurige Straße zu hauchen.

So sah es vor dem Palaste aus und dies waren die Zuschauer, welche sich in düsterer Erwartung des Unterganges der Wohnung des Senators versammelt hatten. Mittlerweile nahte im Innern des Gebäudes der Anfang der Todesorgie.

Die Sklaven, die während der Noth in der belagerten Stadt mit vollkommener Straflosigkeit in ihrem gewohnten unbedingten Gehorsam gegen ihren Herrn erschlafft waren, hatten sich ausbedungen, daß es ihnen, sobald ihre vorbereitenden Arbeiten beendigt sein würden, freistehen solle, ihre eigene Sicherheit zu Rathe zu ziehen und den dem Verderben geweihten Palast zu verlassen.

Schon konnte man einige von den Schwächsten und Furchtsamsten von ihnen durch die Hinterthüren in den Garten hinaus eilen sehen, wie Ingenieure, die eine Pulverleitung angezündet hatten und entflohen, ehe die Explosion ausbrach. Diejenigen von den Dienstleuten welche noch im Palaste geblieben waren, beschäftigten sich noch größentheils mit Trinken aus den Weingefäßen, die man ihnen vorgesetzt hatte, um ihre Kräfte bis zum letzten Augenblicke zu bewahren.

Der Hohn des Festes war selbst bis auf ihre Gewänder ausgedehnt worden. Grüne, von kirschrothen Gürteln zusammengehaltene Livreen bekleideten ihre abgezehrten Körper. Sie tranken im tiefsten Schweigen. Unter ihren Reihen war nicht der mindeste Schein von Lustigkeit oder Berauschung zu erblicken. Verwirrt, zusammengehäuft, wie um sich gegenseitig Schutz zu gewähren, warfen sie von Zeit zu Zeit scharfe Blicke des Argwohns und der Besorgniß auf sechs bis acht von den höheren Dienern des Palastes, die am äußern Ende der von ihren Kameraden eingenommenen Halle auf und ab gingen, und von Zeit zu Zeit bis an die Vorderthüren des Gebäudes schritten, wo sie verstohlene Zeichen mit einigen Mitgliedern der Menge auf der Straße austauschten. Es waren unbestimmte Gerüchte von einer geheimen Verschwörung im Umlaufe, die einige von den ersten Sklaven, und eine Anzahl von Bösewichtern unter dem Volke, eingegangen sein sollten, um alle Bewohner des Palastes zu ermorden, sich der Schätze desselben zu bemächtigen, den Gothen die Stadtthore zu öffnen und in der Verwirrung beim Plündern von Rom mit ihrer Beute zu entfliehen.

Bis jetzt war noch nichts Bestimmtes entdeckt, aber die wenigen Diener, die sich von den Uebrigen abgesondert hielten, wurden von allen ihren Kameraden beargwöhnt, und jetzt von diesen beim Weine mit ängstlichen Augen beobachtet. So verschieden auch die Scene unter den noch im Palaste gebliebenen Sklaven von dem Anblicke des auf der Straße befindlichen Volkes war, verkündete doch das Eine, wie das Andere, in seiner Art mit gleicher Düsterkeit ein bevorstehendes Unglück.

Die große Bankethalle des Palastes war jetzt zwar zum Feste gerüstet, hatte aber ein verändertes Unheil verkündendes Aussehen angenommen.

Die massiven Tische liefen noch immer von üppigen Ruhebetten umgeben, wie in früheren Zeiten durch die ganze Länge des Zimmers, auf ihrer glänzenden Oberfläche war aber keine Spur von Speise zu erblicken. Kostbare Vasen, Flaschen und Trinkbecher bedeckten mit Wein gefüllt allein die festliche Tafel. Von der Decke hingen tief zehn große Lampen herab, die der Anzahl der versammelten Gäste, der einzigen, herbeizuschaffenden Vertreter der Hunderte von Festgenossen, welche in den jetzt auf ewig vergangenen glänzenden Nächten auf Vetranio’s Kosten geschmaust hatten, entsprachen. An dem unteren Ende des Zimmers, der Hauptthür gegenüber, hing ein dicker schwarzer Vorhang, der zum Verbergen eines dahinter befindlichen geheimnißvollen Gegenstandes bestimmt zu sein schien. Vor dem Vorhange brannte eine kleine, gelbe Glaslampe auf einer hohen vergoldeten Stange und rund umher war an den Wänden und über einen Theil des Tisches eine bunte, wirre Masse von kostbaren. Gegenständen aufgehäuft; die Alle von mehr oder weniger brennbarer Natur und mit wohlriechenden Oelen besprengt waren. Hunderte von Ellen prächtig bunter Stoffe, Rollen über Rollen von Manuskripten glänzende Kleidungen von jeder Farbe, Spielereien, Werkzeuge, unzählige Hausrathgegenstände von seltenen schön eingelegten Hölzern, waren nachlässig durch einander an den Wänden des Zimmers hingeworfen worden und erhoben sich bis nahe an die Decke.

Auf allen Theilen der Tische, welche nicht von den Weingefäßen eingenommen waren, lagen goldene, Juwelen besetzte Zierrathen, die das Auge durch ihren Strahlenglanz blendeten, während in außerordentlichem Contrast mit der so grenzenlos entwickelten Pracht in einer der oberen Ecken der Halle ein alter hölzerner, mit einem groben Tuche bedeckter Tisch erschien, auf welchem ein paar Schüsseln von gemeinem Töpfergeschirr gestellt waren, die ein Gemisch von gekochter Kleie und eingesalzenem Pferdefleisch enthielten. Der widerliche Geruch, welcher sich aus diesem seltsamen Gemisch hätte erheben können, war von den verschiedenen im Zimmer verbreiteten Wohlgerüchen verdrängt, die im Verein mit dem durch die Fenster von der Straße hereinkommenden heißen Winde, eine so drückende und schwächende Atmosphäre erzeugten, daß sie trotz ihrer künstlichen Lockungen für den Geruchssinn der Luft eines Kerkers oder den Ausdünstungen eines Sumpfes glich.

Die auffallende Veränderung in dem gegenwärtigen Aussehen der Bankethalle war nur ein schwaches Abbild der Verschlimmerung in dem Aeußern des Festgebers und seiner Gäste. Vetranio lag in einen Scharlachmantel gehüllt, an der Spitze der Tafel. Eine gestickte Serviette mit purpurnen Quasten und Franzen, die durch goldene Ringe mit einander verbunden waren, hing über seine Brust und seine Arme waren von silbernen und elfenbeinernen Armbändern umschlossen. Die Gewänder waren jedoch Alles, was man noch von dem früheren Menschen erblickte. Sein Kopf war wie altersschwach vorwärts gebeugt, seine abgezehrten Arme schienen kaum das Gewicht der an ihnen schimmernden Zierrathen tragen zu können. Seine Augen hatten einen wilden unstäten Ausdruck angenommen und eine Todtenblässe überzog die einst runden jovialen Wangen, welche in früheren Zeiten so viele Frauen mit eigennützigem Entzücken geküßt hatten. Sowohl dem Gesicht, wie dem Benehmen nach, war der elegante Genußmensch seit der Bekanntschaft, die wir am Hofe von Ravenna mit ihm gemacht haben, gänzlich zum Schlimmeren verändert. Von den übrigen acht Patriziern, die auf den Ruhebetten theilweise ausgelassen und leichtsinnig, theilweise düster und abgestumpft, um ihren veränderten Wirth lagen, hatten Alle ohne Ausnahme, gleich ihm, in der Prüfung der Belagerung, der Hungersnoth und Pest gelitten. Dies waren die Mitglieder der Versammlung, welche durch neun der von der Decke herabhängenden brennenden Lampen vertreten wurden. Die zehnte und letzte Lampe verkündete die Anwesenheit noch eines Gastes, der von den übrigen etwas entfernt lag.

Dieser sehnte war bucklig, sein knochiges, mageres Gesicht stand in einem abstoßenden Mißverhältnisse mit seinem winzigen Körper, der in ein weites, grellfarbiges Gewand gehüllt, doppelt verächtlich aussah. Der niedrigsten Hefe des Pöbels entsprungen, hatte er sich allmälig durch seine Geschicklichkeit in groben Possenreissereien und seine Bereitwilligkeit, den schlimmsten Lastern Aller zu fröhnen, die sich seiner zu bedienen Lust hatten, in die Gunst Höherstehender gedrängt. Da er während der Belagerung den größten Theil seiner Gönner verloren hatte, und sich von allen Seiten dem Hungertode Preis gegeben sah, war er jetzt als letztes Hilfsmittel um die Erlaubniß eingekommen, an dem Banket des Hungers Theil zu nehmen, es durch eine letzte Schaustellung seiner Lustigmacherei zu erheitern und mit seinen Herrn zu sterben, wie er mit ihnen gelebt hatte, als der Sklave der Schmarotzer und der Nachahmer ihrer niedrigsten Laster und schlimmsten Verbrechen.

Zu Anfange der Orgie hörte man außer dem Klappern der Weinbecher, dem leisen unterbrochenen Flüstern der Zecher und den von der Straße durch das Fenster heraufdringenden undeutlichen Stimmen des Volkes nur wenig. Die Gäste wurden jetzt durch das Verzweifelte ihres Bundes, da die Ausführung desselben wirklich begonnen hatte, unwillkürlich in Beklemmung versetzt. Als endlich ein Verstummen aller Töne eingetreten war —— als sich eine vorübergehende Ruhe über den äußern Lärm gebreitet hatte, —— als die Weinbecher geleert und auf einen Augenblick niedergesetzt worden waren, ehe sie wieder gefüllt wurden, —— stand Vetranio schwach auf, verkündete mit einem spöttischen Lächeln, daß er im Begriff sei, eine Leichenrede über seine Freunde und sich selbst zu halten, und deutete auf die Wand unmittelbar hinter sich, als einen zur Erweckung des Erstaunens oder der Heiterkeit seiner mürrischen Gäste geeigneten Gegenstand.

An dem obern Theile der Wand waren verschiedene kleine Statuen von Bronce und Marmor befestigt, die alle den Eigenthümer des Palastes darstellten und mit goldenen Platten behängt waren. Unter ihnen erblickte man das Verzeichniß der Einkünfte seiner Güter in verschiedenartigen Farben auf weißes Pergament geschrieben und unter diesem war in schwachen unregelmäßigen Zügen kein geringerer Gegenstand als seine eigene Grabschrift auf den Marmor eingegraben. Sie kann folgendermaßen übersetzt werden:

Steh Wanderer!
Wenn Du ehrerbietig die Freuden des Geschmack« ge-
nossen hast,
so verweile bei den Ruinen dessen was einst ein Palast
War.
Und lies mit Achtung auf diesem Steine
die Grabschrift
des Senators Vertranio.

Er war der Erste, der eine gute Nachtigallensauce erfand,
Sein kühner und schaffender Geist vervollkommnete
die Kochkunst
und würde sie noch mehr vervollkommnet haben.
Aber zum Unglück für die Interessen der Wissenschaft
lebte er in den Tagen, wo die gothischen Barbaren
die kaiserliche Hauptstadt
belagern.

Der Hunger
ließ ihm keine Stoffe mehr zu Experimenten des
Geschmackes
und die Pest beraubte ihn der Köche, die er hätte auf-
klären können.
Auf allen Seiten von der Gewalt widriger Umstände
gehemmt,
fand er sein Leben von keinem weiteren Nutzen
für
die kulinarischen Interessen Roms;

Er rief seine erwählten Freunde zum Beistande herbei,
trank gewissenhaft jeden Tropfen Wein, der noch in
seinem Keller war,
entzündete den Scheiterhaufen für sich und seine Gäste
in der Bankethalle seines eigenen Palastes
und starb, wie er gelebt hatte,
als ein patriotischer
Cato
der Gastronomie seines Vaterlandes!

»Seht« rief Vetranio, indem er triumphierend auf die Grabschrift deutete, —— »seht in jeder Zeile jener beredten Worte zugleich das Siegel meiner entschlossenen Anhänglichkeit an das uns hier vereinigende Bündniß und die Begründung meines gerechten Anspruches auf die Ehrerbietung der Nachwelt, für die nützlichste der Künste, die ich zum Wohle meines Geschlechts geübt habe! Lest, Freunde —— Brüder —— Mitmärtyrer des Ruhms -— und freut Euch, während Ihr lest, mit mir über die Stunde unsers Scheidens von dem entweihten Schauplatze, der es nicht mehr verdient, daß man auf ihm die Spiele des Lebens feiert! Hört mich jedoch, ehe das Fest seinen Fortgang nimmt, an, —— ich halte meine letzte Rede, als Richter unserer Leichenspiele, als Wirth bei dem Banket des Hungers!«

»Wer möchte gemein unter dem langsamen Drucke des Hungers erliegen, oder den Untergang von dem blitzenden Stahl des Schwertes der barbarischen Eroberer finden, wenn sich seiner Wahl ein Tod, wie der unsrige, bietet? Wenn der Wein schimmernd fließt, um das Gefühl in Vergessenheit zu begraben und ein Palast mit seinen Schätzen zugleich die Schaubühne des Gelags und den glänzenden Scheiterhaufen darbietet? Die großen Philosophen von Indien, die begeisterten Gymnosophisten —— starben, wie wir sterben werden! Calanus vor Alexander, Zamarus vor Augustus zündeten das Feuer an, welches sie verzehren sollte. Wir wollen ihr ruhmvolles Beispiel befolgen! An unsern Körpern werden keine Würmer zehren, bei unsern Begräbnissen werden keine gemietheten Klageweiber ein mißtöniges Geheul erheben, von dem ewigen Feuer gereinigt, werden wir Feinden und Freunden triumphierend entschwinden —— als Wunder für die Erde, als herrliche Vision für die Götter selbst!«

»Ist jetzt ein Lebenstag mehr oder weniger für uns von Wichtigkeit? Nein, unsere Bestrebungen können sich nur dem leichtesten und herrlichsten Tode zuwenden.«

»Unter unserer Zahl befindet sich jetzt kein Einziger, der sich noch weiter mit den Sorgen der Existenz befassen möchte! —— «

»Hier, zu meiner Rechten, liegt mein schätzbarer Genosse bei tausend früheren Festen, Furius Balburius Placidus, der, wenn wir auf dem Lucriner See fuhren, sich über unerträgliche Leiden zu beklagen pflegte, wenn sich eine Fliege anf seinen vergoldeten Sonnenschirm niederließ, der sich nach einem Lande Kimmerischer Finsterniß sehnte, wenn ein Sonnenstrahl die seidenen Schirmdächer seiner Gartenterrasse durchdrang und der sich jetzt mit dem geringsten seiner Sklaven, um einen Bissen Pferdefleisch balgt und die prächtigsten von seinen Villen für einen Korb mit erbärmlichen Broden dahingehen würde!«

»O, Furius Balburius Placidus, was kann Dir das Leben noch weiter nützen?«

»Dort, zu meiner Linken, erkenne ich das veränderte, wiewohl noch ausdrucksvolle Gesicht des entschlossenen Thascius —— desjenigen, der einen Sklaven mit hundert Peitschenhieben züchtigt, wenn ihm nicht augenblicklich, nachdem er es befohlen, sein warmes Wasser gebracht wurde, —— er, der durch seine erhabene Verachtung gegen jedes Mitglied des Menschengeschlechts, mit Ausnahme seiner selbst, einst zu den größten Philosophen gehörte —— selbst er wandert jetzt unbedient in seinem Palaste umher und fällt dem Plebejer, der ihm ein Maß erbärmlicher Kleie verkauft, schmeichelnd zu Füßen!«

»O, bewundernswürdiger Freund, o, richtig berechnender Thascius, sage, ob es in Rom noch etwas gibt, wodurch Du Deine Reise nach den elisäischen Feldern noch verschieben möchtest.«

»Weiterhin am Tische sehe ich, während meiner Rede mit heftigem Trinken beschäftigt, Deine einst volle, runde Gestalt, o, Marcus Moecius Moemmius! Du, der Du einst gewohnt warst, Dich über die Länge Deines Namens zu freuen, weil er Deine Freunde in den Stand setzte, um so mehr zu trinken, wenn sie einen Becher auf jeden Buchstaben desselben leeren wollten. Sage mir, welche Bankethalle Dir außer dieser jetzt noch offen steht? und was sollte Dich, der Du so trostlos in der Stadt Deiner Triumphe zurückgeblieben bist, abgeneigt machen unser festliches Beisammensein als Dein letztes Gelage auf Erden zu betrachten!«

»Auch Du, spaßhafter Buckliger, Fürst der Schmarotzer, unskrupulöser Reburrus, wo kann Dir Deine Lustigmacherei jetzt noch einen Trunk erquickenden Weins verschaffen, außer bei diesem Banket? Deine Herren haben Dich dem Düngerhaufen, auf dem Du geboren bist, wieder überlassen! Du wirst nicht mehr für sie schmeicheln, wenn sie borgen, oder grob sein, wenn sie bezahlen.«

»Du wirst keine Anklagen der Giftmischerei oder Zauberei mehr schmieden, um ihre lästigen Gläubiger ins Gefängniß zu bringen. O, dienstfertiger Sykophant, Deine Beschäftigung ist zu Ende.«

»Trinke, so lange Du kannst und überlaß dann Deinen Cadaver dem Kothe in welchen er gehört.«

»Und Ihr, meine fünf übrigen Freunde, die ich da es mich nicht nach weiterer Zögerung gelüstet, zusammen anreden will —— denkt an die Tage, wo der Verdacht einer ansteckenden Krankheit, bei irgend einem Eurer Gefährten hinreichend war, um Euch selbst von dem Liebsten derselben loszureißen, wo die Sklaven, die aus ihren Palasien zu Euch kamen, lange Waschungen bestehen mußten, ehe sie sich Euch nähern durften und bedenkt bei der Erinnerung daran, daß die meisten von uns, vielleicht wir Alle, die wir heute hier zusammen kommen, schon von der Pest angesteckt sind und dann sagt, welchen Vortheil es gewährt, sich nach der Verlängerung eines Lebens zu sehnen, welches Euch nicht mehr gehört?«

»Nein, meine Freunde, meine Brüder im Banket, Ihr fühlt, daß es Thorheit wäre, fortzuleben, wenn das Leben werthlos geworden ist, Ihr könnt nicht vor dem erhabenen Entschlusse. durch welchen wir mit einander verbunden sind, zurückbeben —— ich thue Euch schon durch den Zweifel Unrecht!«

»Erlaubt mir jeßt vielmehr Eure Beachtung auf einen würdigern Gegenstand zu lenken, —— auf die Nennung der festlichen Ceremonien, welche den Gang des Bankets bezeichnen werden. Sobald diese Aufgabe erfüllt ist, schließe ich mich Euch wieder zu der letzten Huldigung vor der Gottheit unseres geselligen Lebens, dem Gotte des Weines an!«

»Es ist Euch, die Ihr in den Tischgebräuchen des Alterthums gelehrt seid, nicht unbekannt, daß es bei Einigen von den Alten gewöhnlich war, daß ein Meister der Philosophie, als Lehrer, wie als Gast, bei ihren Festen den Vorsitz führte. Ich habe dafür Sorge getragen. diesen Gebrauch wieder zu beleben, und wie diese unsere Versammlung in ihrer heroischen Absicht nicht ihres Gleichen hat, so war es auch mein Bestreben zu ihr eine, sowohl als Lehrer, wie als Gast unvergleichliche Person einzuladen. Durch eine originelle Idee angefeuert, von meinen Sklaven unbemerkt, und nur von meinem Sängerknaben dem treuen Glyco, unterstützt, ist es mir gelungen, hinter jenen schwarzen Vorhang einen Genossen unseres Gelags zu bringen, wie Ihr noch keinen gehabt habt —— dessen Erscheinen im rechten Augenblicke Euch unwiderstehliches Erstaunen einflößen muß, und dessen Reden —— nicht bloß menschlicher Weisheit —— von den mitternächtlichen Geheimnissen der Gruft eingegeben sein werden. Neben mir auf diesem Pergamente liegt das Formular der Fragen, welche Reburrus, sobald der Vorhang zurückgezogen sein und, an das Orakel der Mysterien anderer Sphären richten soll!«

»Vor Euch seht Ihr in diesen Gefäßen Alles, was noch von dem Inhalte meiner einst wohlversehenen Keller enthalten ist und was ich dem Gaumen meiner Gäste bieten kann! Wir sitzen bei dem Banket des Hungers und an der bachanalischen Tafel findet kein gröberer Genuß, als der des begeisternden Weines Zulaß. Sollte aber Einer von uns in seinen letzten Augenblicken schwach genug sein, seine Lippen mit Nahrung zu beflecken, wie sie nur des Gewürmes der Erde würdig ist, so möge er den erbärmlichen kleinen Tisch, das Sinnbild der erbärmlichen kargen Speise, welche ihn bedeckt, dort in der Dunkelheit hinter mir aufsuchen. Dort wird er —— im Ganzen kaum für das ärmlichste Mahl eines Menschen hinreichend —— die letzten Bissen der erbärmlichsten Nahrung finden, wie sie noch im Palaste vorhanden sind. Was mich betrifft, so steht mein Entschluß fest, —— nur der köstliche Weinbecher soll sich meinen Lippen nähern! Ueber mir sind die zehn Lampen, die der Anzahl meiner hier versammelten Freunde entsprechen. Eines nach dem andern, wie uns der Wein überwältigt, werden diese brennenden Bilder des Lebens von den Gästen verlöscht werden, welche der Flüssigkeit noch nicht erlegen sind und der Letzte von ihnen wird seine Fackel an der letzten Lampe anzünden und das Banket zu Ende bringen und seinen glänzenden Schluß feiern, indem er den Scheiterhaufen meiner Schätze, welcher dort an meinen Palastmauern aufgehäuft ist, in Brand steckt.«

»Wenn mich meine —— Kräfte eher verlassen sollten, als Euch die Eueren, so schwört —— mir, daß derjenige, welcher von Euch noch im Stande sein wird, den Becher an seine Lippen zu erheben, nachdem er den Händen der Uebrigen entfallen ist, den Scheiterhaufen anzünden will! Schwört es bei Eueren verlorenen Geliebten, Eltern verlorenen Freunden, Eueren verlorenen Schätzen und bei Eueren eigenen, den Freuden des Weines und der Reinigung des Feuers geweihten Leben.«

Als Vetranio mit blitzenden Augen und geröthetem Gesicht auf sein Lager zurücksank, erhoben sich seine Genossen, von dem bereits getrunkenem Weine angefeuert den Becher in der Hand und wendeten sich ihm zu. Ihre mißtönig gemischten Stimmen sprachen zusammen den Eid aus und dann wendeten sich, als sie ihre früheren Lagen wieder annahmen, ihre Augen in glühender Erwartung dem schwarzen Vorhange zu.

Sie hatten den düsteren sarkastischen Ausdruck im Auge Vetranio’s, als derselbe von seinem versteckten Gaste sprach, bemerkt, sie wußten, daß der Bucklige Reburrus unter seinen übrigen belustigenden Fähigkeiten noch die Bauchrednerei verstand, und sie vermutheten die Gegenwart der häßlichen und grotesken Bildsäule eines heidnischen Gottes oder Dämons in der verborgenen Nische, welchen die Gauckelei des Parasiten mit der Kraft der Rede begaben sollte. Sie erwarteten gotteslästerliche Kommentare über Leben, Tod und Unsterblichkeit. Vetranio bemerkte das allgemeine Verlangen nach dem Zurückziehen des Vorhanges, er winkte den Gästen mit der Hand Schweigen zu und rief gebieterisch:

»Die Stunde ist noch nicht gekommen, es muß mehr getrunken werden, es müssen mehr Libationen verschüttet worden sein, ehe das Geheimniß des Vorhangs offenbart wird.«

»He, Glyco,« fuhr er zu dem Sängerknaben gewendet, der schweigend in das Zimmer getreten« war, fort; »jetzt ist der Augenblick gekommen. Stimme Deine Leier und singe meine letzte Ode, die ich an Dich gerichtet habe. Die Reize der Dichtkunst mögen den Vorsitz über das Fest des Todes führen.«

Der Knabe trat zitternd vor. Sein einst von der Röthe der Gesundheit strahlendes Gesicht war farbloß und eingefallen, seine Augen hefteten sich mit einem Blicke starren Entsetzens auf den starren Vorhang, seine Züge zeigten deutlich die Gegenwart einer geheimen furchtbaren Erinnerung an, die alle seine übrigen Fähigkeiten und Wahrnehmungskräfte erstickt hatte. Er wendete fortwährend und fast wie schuldbewußt sein Gesicht von dem seines Herrn ab und stand —— ein schwaches gefallenes Wesen, ein trauriges Schauspiel schlecht an gewandter Gelehrigkeit und entwürdigter Jugend, —— an Vetranio’s Lager.

Den Pflichten seines Berufes getreu, ließ er jedoch seine magern zitternden Finger über die Leier streifen und spielte mechanisch die Einleitung der Ode. Während der aufmerksamen Stille, die jetzt eingetreten war, drang jedoch das wirre Geräusch von dem Volke auf der Straße deutlicher in den Banketsaal und in diesem Augenblicke erhob sich über Alle —— rauh, rasend, entsetzlich —— die Stimme eines Mannes.

»Sprecht mir nicht von aus dem Palaste kommenden Wohlgerüchen!« schrie sie —— »faule Dünste strömen daraus herab! —— Seht, sie senken sich erstickend über mich. Sie baden Himmel und Erde und die Menschen, die sich um uns bewegen, in grausigem, grünen Lichte!«

Hierauf unterbrachen ihn andere schrille, wilde Männer- und Weiberstimmen: ——

»Ruhe, Darus, Du erweckst die Todten um Dich her! verbirg Dich in der Finsterniß, Du bist von der Pest getroffen, Deine Haut ist verschrumpft, Dein Zahnfleisch ist zahnlos. Wenn der Palast angezündet wird, so sollst Du in die Flammen geworfen werden. Damit Dein verfaulter Leichnam gereinigt wird.«

»Singe!« rief Vetranio wüthend, als er den Schauder bemerkte, welcher den Körper des Knaben durchlief und ihn sprachlos erhielt —— »schlage die Leier an, wie Timotheus vor Alexander! ersticke das Bellen der Köter, die auf der Straße auf unsern Abfall warten, durch wohlklingende Töne!«

Der entsetzte Knabe begann schwach und mit häufigen Unterbrechungen sein Lied, zu dessen heidnischer Philosophie das wilde anhaltende Gelärme der stöhnenden Stimmen vor dem Hause eine schaurige Begleitung lieferte. Er lautete ungefähr so:

An Glyco.

Was, Glyco, soll Dein Blumenkranz
Wie bald verbleicht sein bunter Glanz
Zu Staub und todtem Wust.
Doch schneller noch verweht im Wind
Das erdgebor’ne Himmelskind,
Die Freud’ in unsrer Brust!

Die Wolke, die am Himmel zieht,
Die warm im Sonnenschein erglüht,
Und plötzlich dann vergeht;
Sie ist des Menschenlebens Bild,
Das heut das Wohlsein fröhlich schwillt
Und morgen schon verweht!

Wie Blinde tappen wir umher,
Beherrscht vom blinden ungefähr,
Das spöttisch uns verlacht.
Doch zu verlassen diese Welt,
Wenn sie uns einst nicht mehr gefällt,
Das steht in unsrer Macht!

Ist der wohl klug, der träge sinnt
Bis seines Lebens Sand verrinnt,
Wenn’s seine Lust verliert?
Nein, wenn der äußre Glanz verschwand,
So werft das Spielzeug aus der Hand,
So leicht wie Ihr’s geführt!

»Auf Glycos Gesundheit! einen vollen Becher auf den Sänger, der vom Himmel auf die Erde herabgekommen ist!« riefen die Gäste, sobald die Ode zu Ende war, indem sie ihre Weinbecher ergriffen und dieselben bis auf den letzten Tropfen leerten.

Ihr trunkener Beifallsruf drang jedoch nicht bis in das Ohr, für welches derselbe bestimmt war. Die Stimme des Knaben hatte beim Singen des letzten Verses der Qde plötzlich einen schrillen, fast schaurigen Ton angenommen, war dann plötzlich wieder bei den letzten wenigen Roten fast unhörbar geworden und jetzt, als die Zuhörer sich ihm mit beifälligen Blicken zuwendeten, sahen sie ihn kalt, starr und tonlos vor sich stehen. Im nächsten Augenblicke verzerrten sich seine Züge, sein ganzer Körper sank, wie von einem inneren Krampf zerrissen, zusammen —— er fiel schwer auf den Boden nieder. Die Gäste näherten sich ihm mit schwankendem Gange und hoben ihn in ihren Armen auf. Seine Seele hatte die Fesseln des Lasters zersprengt, in welche sie von andern geschlagen worden war, die Stimme des Todes hatte dem Sklaven der großen Despotin, Sünde, zugeflüstert: »sei frei!«

»Wir haben den Schwan seine eigne Leichenhymne singen hören,« sagte der Patrizier Placidus, indem er mit trunkenem Mitleid von der Leiche des Knaben zu dem Gesichte Vetranio’s aufblickte, welches jetzt einen unwillkürlichen Ausdruck von Schmerz und Reue wahrnehmen ließ.

»Unser Wunder der Schönheit und Götterknabe der Melodie ist vor uns nach den elisäischen Feldern gegangen!« murmelte der bucklige Reburrus in rauhen sarkastischen Tönen.

Während der kurzen Stille, die jetzt eintrat, wurden die Stimmen von der Straße, an welche sich nun das Geräusch nahender Schritte auf dem Pflaster schloß, wieder deutlich hörbar.

»Etwas Neues! etwas Neues!« riefen die frischen Hilfstruppen, der schon vor dem Palaste versammelten Schaar. »Haltet Euch zusammen, wenn Ihr auf Euer Leben noch Werth legt! Es sind einzelne Bürger von fremden Männern in einsame Straßen gelockt worden und nie wieder zum Vorschein gekommen. In einem Fleischerladen hat man Krüge von frischgesalzenem Fleisch gefunden, die von keinem Thiere in der Stadt kommen konnten, da keines mehr lebt. Bleibt bei einander! bleibt bei einander!«

»Die Leiche meines armen Knaben soll von keinem Kannibalen unter dem Pöbel entweiht werden»rief Vetranio, der sich jetzt aus seiner kurzen Lethargie des Schmerzes aufraffte. »Komm, Thascius! Marcus! die Ihr noch stehen könnt, wir wollen ihn auf den Scheiterhaufen tragen. Er ist zuerst gestorben, seine Gebeine sollen zuerst zu Asche werden!«

Der Körper wurde nach dem unteren Ende des Zimmers getragen und quer über den Tisch, an den schwarzen Vorhang und zwischen die Haufen von gewebten Stoffen und Hausrath gelegt, die dort an den Wänden aufgethürmt waren. Als die Gäste wieder aus ihre Plätze zurück schwankten, rief Vetranio, der an der Seite des Leichnams zurückgeblieben war, indem er ein kleines Weingefäß in seine zitternden Hände nahm, in Tönen wilden Triumphes:

»Die Stunde ist gekommen, das Banket des Hungers ist zu Ende, das Banket des Todes hat begonnen! Aus die Gesundheit des Gastes hinter dem Vorhange! Schenkt ein! Trinkt! seht!«

Er that einen tiefen Zug aus der Vase und zog die schwarze Draperie über sich bei Seite. Den berauschten Gästen entfloh ein Schrei des Schreckens und Erstaunens, als sie, in dem jetzt vor ihre Augen tretenden Raume, die weißgekleidete Leiche eines alten Weibes auf einem hohen schwarzen Throne, mit ihnen zugekehrtem Gesicht und künstlich unterstützten, wie strafend über den Bankettisch ausgestreckten Armen, erblickten.

Die gelbe Glaslampe, welche hoch über dem Körper brannte, warf ein grelles flackerndes Licht auf denselben. Die Augen standen! offen, die Kinnlade war herabgefallen das lange graue Haar hing schwer zu beiden Seiten der weißen hohlen Wangen herunter.

»Seht!« rief Vetranio auf die Leiche deutend, »seht meinen geheimen Gast! Wer eignet sich besser zum Vorsitze beim Banket des Todes, als die Todten? Ich habe Glyeo zur Hilfe gezwungen, von der freundlichen Nacht umhüllt, mich der ersten Leiche bemächtigt, die auf der Straße vor mir lag, und dort, von Allen ungeahnt, das passend sie Idol unserer Verehrung und den Philosophen bei unserm Feste hingesetzt! —— Noch eine Gesundheit auf die Königin des Todesgelages, auf die Lehrerin der Geheimnisse unsichtbarer Welten, die davon erlöst, unbegraben zu verwesen, mit den Senatoren von Rom in den geweihten Flammen untergehen wird! Auf die Gesundheit der Todten ehe sie die mystischen Enthüllungen beginnt! Schenkt ein —— trinkt!«

Durch das Beispiel ihres Wirthes angefeuert, von ihrem vorübergehenden Grausen zurückgekommen und durch die tolle Lustigkeit des Gelages bereits entflammt, sprangen die Gäste von ihren Ruhebetten auf und entsprachen Vetranio’s Aufforderung mit bachantischem Geschrei.

Die Seene näherte sich in diesem Augenblicke dem Uebernatürlichen. Die wilde Unordnung der schätzebeladenen Tische, der aus umgestürzten Gefäßen auf den Boden strömende Wein, die hell und ruhig die Verwirrung unter ihnen beleuchtenden Lampen, die feurigen Gebärden, die erhitzten Gesichter der Zechen wie dieselben in rasendem Triumphe die juwelenbesetzten Pokale über ihren Köpfen schwangen und dabei der entsetzliche grausige Anblick am unteren Ende des Saales, —— der schwarze Vorhang, das einsam auf seiner hohen Stange brennende Licht, die auf dem festlichen Tische liegende Knabenleiche, neben der der Herr des Hauses stand und gleich einem bösen Geiste spöttisch aufwärts nach dem weißgekleideten Körper des Weibes deutete, der sich in seiner Unnatürlichen Lage über Alle erhob, mit seinen ausgestreckten dürren Armen, mit seinen sich zu bewegen scheinenden Zügen, über die das schwache flackernde Licht der Lampe spielte —— Alles dies zusammen-genommen, bildete eine Combination von Gegenständen, welche aussahen, als ob sie kaum der Erde angehörten und deren Wirkung man eher malen, als beschreiben kann. Es war die Verkörperung der Vision eines Zauberers, —— eine Apokalypse der über die letzten Ueberreste der Sterblichkeit in den Hallen des Todes triumphierenden Sünde.

»An Deine Aufgabe, Reburrus!« rief Vetranio, als der Lärm sich gelegt hatte; »gehe unverzüglich an Deine Fragen! sieh den Lehrer, mit dem Du zu sprechen hast! lies das Pergament in Deiner Hand sorgfältig durch —— frage! frage laut —— Du sprichst zu einer apathischen Leiche.«

Der Buckelige hatte schon vor dem Sichtbarwerden des Leichnams eine Zeitlang an dem einen Ende des Banketsaales, dem schwarz verhangenen Raume gegenüber, gesessen und die Liste von Fragen und Antworten durchgesehen, die den Dialog bildeten, welchen er mit Hilfe seiner Bauchrednerkunst, mit der geschändeten Todten halten sollte. Als der Vorhang zurückgezogen wurde, hatte er aufgeblickt und das Schauspiel, welches sich hinter demselben aufthat, mit einem Lachen brutalen Spottes begrüßt, worauf er sofort zu der Durchsicht des ihm anvertrauten blasphemistischen Formulars zurückgekehrt war. In dem Augenblicke, wo Vetranio seinen Befehl an ihn richtete, stand er auf, schwankte der Leiche zu, eröffnete, als er in ihre Nähe gekommen war, das Gespräch und begann in lauten höhnischen Tönen:

»Sprich, erbärmliches Ueberbleibsel gebrechlicher Sterblichkeit.«

Er hielt, nachdem er das letzte dieser Worte gesprochen, inne, und blickte, da er eine Stellung eingenommen, von wo das Licht der Lampe die steinernen Züge des Leichnams deutlich erkennen ließ, trotzig zu demselben auf. Plötzlich aber kam eine furchtbare Veränderung über ihn, das Manuscript entsank seiner Hand, sein mißgestalteter Körper zitterte und schwankte und ein kreischender Schrei des Wiedererkennens, der eher dem Heulen eines wilden Thieres, als einer Menschenstimme glich, entfloh seinen Lippen.

Im nächsten Augenblicke, als die Gaste aufsprangen, um ihn zu befragen oder zu verspotten, wendete er sich ihnen langsam entgegen.«So verzweifelt und berauscht sie auch waren, schreckte sie doch sein Blick in das tiefste Schweigen. Sein Gesicht war eben so bleich, wie das der Leiche über ihm —— große Schweißtropfen rannen auf demselben herab, wie Regen —— seine trockenen, glühenden Augen schweiften wild über die entsetzten Gesichter vor ihm, er streckte seine geballten Fäuste gegen sie aus und murmelte mit einem tiefen, stöhnenden Flüstern:

»Wer hat das gethan? —— meine Mutter! meine Mutter!«

Als diese wenigen Worte, von furchtbarer Bedeutung, wenn auch einfacher Form, in die Ohren derjenigen, welche er anredete, fielen, blickten die noch nicht ganz in Gefühllosigkeit Versunkenen einander für den Augenblick fast ernüchtert und sprachlos an. Jetzt hörte man nicht einmal mehr das Klappern der Weinbecher auf dem Bankettische, —— man vernahm nichts, als die noch immer bald anschwellenden, bald leiser werdenden Töne der Stimmen des Schreckens, des Spottes und der Pein von der Straße her und die heiseren convulsivischen Laute des Buckeligen, der noch von Zeit zu Zeit ausrief: »Meine Mutter! meine Mutter!«

Endlich redete Vetranio, der sich zuerst wieder erholte, den entsetzten und entarteten Elenden vor sich in Tönen an, die unwillkürlich bebten und gezwungen herauskamen:

»Wie, Reburrus!« rief er, »bist Du schon bis zum Wahnsinn betrunken, daß Du die erste Leiche, die ich zufällig auf der Straße gefunden und hierher gebracht habe, Deine Mutter nennst? War es, um von Deiner Mutter zusprechen, die wir, mag sie nun todt oder lebend sein, weder kennen, noch um die wir uns kümmern, daß Du hier zugelassen bist? Sohn der Dunkelheit und Erbe der Lumpen, was gehen uns Deine plebejischen Eltern an?« fuhr er fort, indem er seinen Becher wieder füllte und sich zu erheucheltem Zorn aufreizte. »Geh ohne Säumen an Dein Gespräch, wenn Du nicht aus dem Fenster geworfen werden willst, damit Du Dich unter den Pöbel, zu dem Du gehörst, mischen kannst.«

Der Buckelige beantwortete die Drohungen des Senators weder mit einem Worte, noch mit einem Blicke. Für ihn war die Stimme der Lebenden durch die Gegenwart der Todten erstickt. Die Vergeltung, welche ihm zu Theil geworden war, hatte sein moralisches Leben getroffen, wie ein Blitz sein physisches niedergeschmettert haben würde. Seine Seele rang in Folterqualen, als er an das furchtbare Schicksal dachte, welches die todte Mutter zum Gerichte über den entarteten Sohn herbeigeführt —— welches die Hand des Senators gelenkt hatte, ahnungslos die Leiche der mißhandelten Mutter zum Gegenstande der verbrecherischen Lustigmacherei des ruchlosen Sohnes gerade am Ende seiner sündigen Laufbahn zu machen. Sein früheres Leben stieg vor ihm zum ersten Male, wie ein häßliches Gespenst, wie ein Alp des Schreckens, der Schmach und des Verbrechens vor ihm auf. Er schwankte, sich an der Wand hintastend, als ob mitternächtliche Finsterniß seine Augen geschlagen hatte, das Zimmer entlang und kauerte an dem offenen Fenster nieder. Unter ihm erhoben sich die Unheil verkündenden Stimmen von der Straße, um ihn breitete sich der dem Verderben geweihte Prunk seiner Herren aus. Vor ihm stand die strafende Erscheinung der Leiche.«

Er würde nur kurze Zeit an seinem Zufluchtsorte unbelästigt geblieben sein, wenn die Aufmerksamkeit Vetranio’s und seiner Gäste nicht durch ein neues Ereigniß von ihm abgelenkt worden wäre. Sie hatten heftig getrunken, um jede Erinnerung an die so eben gesehene Katastrophe zu ertränken, und drei von den Zechern waren bereits den schlimmsten Folgen eines Excesses, welchen ihre geschwächten Körper nicht mehr ertragen konnten, erlegen. Einer nach dem Andern fiel in kurzen Zwischenräumen bewußtlos auf sein Ruhebett zurück und in dem Maße, wie sie kampfuntüchtig wurden, verlöschte man die drei ihnen zunächst brennenden Lampen. Für ihre übrigen Gefährten, mit Ausnahme Vetranio’s und der beiden zu seiner Rechten und Linken lehnenden Patrizier schien die gleiche, schnelle Beendung der Orgie in Aussicht zu stehen. Jene drei bewahrten noch den Schein der Fassung, auf ihren Gesichtern war jedoch bereits eine ominöse Verwandlung eingetreten. Der Ausdruck wilder Lustigkeit und Leichtsinnigkeit war von ihren Zügen verschwunden —— sie beobachteten einander schweigend mit wachsamen argwöhnischen Augen und Jeder berührte, wenn er seinen Weinpokal füllte, bedeutsam die Fackel, mit welcher der letzte Trinker den Scheiterhaufen anzünden sollte. Mit dem Abnehmen der Zahl ihrer Rivalen und dem Verlöschen einer Lampe nach der andern, erlangte auch der Wettstreit um die höchste selbstmörderische Würde ein mächtiges Interesse, über welchem alle übrigen Zwecke und Absichten in Vergessenheit geriethen. Die Leiche am Fußende des Bankettisches und der in seiner Verzweiflung am Fenster kauernde Elende blieben jetzt gleich unbeachtet. In dem verwirrten und verthierten Geiste der Gäste herrschte nur noch ein Gefühl, —— die bange Erwartung, welche dem Ausgange eines tödtlichen Kampfes vorangeht.«

Bald aber wurde von dem Buckeligen die Aufmerksamkeit erweckt, welche ihm sonst vielleicht nie wieder zu Theil geworden sein würde, als er, von dem Geiste der Reue in seinem Innern bewegt, mit stöhnender Stimme eine seltsame Beichte der Entartung und Sünde ablegte, die an Keinen gerichtet, von seinem Bewußtsein oder Willen unabhängig, aus den Tiefen seiner zu Boden gedrückten Seele hervordrang. Er richtete sich halb auf und heftete seine eingesunkenen Augen auf die Leiche, während von seinen Lippen die Worte fielen:

»Es war das letzte Mal, daß ich sie lebend erblickte, als sie sich mir einsam und schwach und arm auf der Straße näherte und mich anflehte, in den Tagen ihres Greisenalters und ihrer Einsamkeit zu ihr zurückzukehren und mich zu erinnern, wie sie mich in meiner Kindheit gerade meiner Mißgestalt wegen geliebt, wie sie mich auf den Straßen von Rom bewacht hatte, damit mich Keiner unterdrücken oder verspotten möge! Die Thränen liefen über ihre Wangen herab, sie kniete auf dem harten Pflaster vor mir nieder und ich, der ich sie wegen ihrer Armuth verlassen hatte, um mich in Palästen zum Sklaven der verfluchten Reichen zu machen, warf ihr Geld zu, wie einer Bettlerin, die mich langweilte, und ging weiter! Sie starb trostlos —— ihr Körper lag unbegraben da, und ich wußte es nicht! Der Sohn, der die Mutter verlassen hatte, sah sie nicht eher wieder, als bis sie sich dort vor ihm erhob —— rächend, entsetzlich, leblos! ein Anblick des Todes, welcher ihn nie wieder verlassen wird! Wehe, wehe dem in seiner Mißgestalt Verfluchten, dem durch die Leiche seiner Mutter Verfluchten!«

Er schwieg und fiel sprachlos wieder zu Boden. Der tyrannische Thascius betrachtete ihn mit von trunkenem Zorne verfinstertem Gesicht, ergriff eine leere Vase, und schwang sie in seiner geschwächten Hand, um sie auf die am Boden liegende Gestalt des Buckeligen zu schleudern, als sich wieder ein einzelner Schrei —— der eines Weibes, über den zunehmenden Stimmenaufruhr auf der Straße erhob und kreischend und durchdringend den Banketsaal durchschallte. Der Patrizier verschob, als er hinhörte, die Ausführung seiner Absicht und lauschte mechanisch mit der halb verdummten, halb schlauen Aufmerksamkeit des Rausches.

»Hilfe! Hilfe!« kreischte die Stimme unter den Palastfenstern. »Er folgt mir immer noch, er hat mein todtes Kind in meinen Armen angefallen! Als ich mich auf den Boden darüber warf, sah ich ihn die Gelegenheit abwarten, um es bei den Gliedern unter mir vorzuziehen! —— Hunger und Wahnsinn waren in seinen Augen —— ich trieb ihn zurück —— ich floh —— er folgt mir immer noch! —— rettet uns! rettet uns!«

In diesem Augenblicke wurde ihre Stimme plötzlich durch wildes Geschrei und heranstürmende Schritte erstickt, woraus ein furchtbarer Lärm von schweren Schlägen folgte, die an mehreren Punkten gegen die Stahlgitter vor dem Palastthoren gerichtet waren. Zwischen den Schlägen, die in regelmäßigen Zwischenräumen langsam und gleichzeitig geführt wurden, konnte man die wüthenden Bösewichter, die ihre letzten Kräfte dazu aufs Aeußerste anstrengten, einander athemlos zuschreien hören: —— »Schlagt stärker! schlagt länger! die Hinterthore werden vor uns von unseren Kameraden bewacht, die an unserer Stelle zur Plünderung des Palastes eingelassen worden sind. Wer an der Beute Theil haben will, möge kräftig zuschlagen! Die Steine sind zu Euern Füßen, die Eingangsthüren geben nach.«

Mittlerweile wurde ein wirrer Lärm von schwer auffallenden Füßen und streitenden Stimmen aus den unteren Gemächern des Palastes vernehmlich. Thüren wurden mit Heftigkeit geschlossen und geöffnet —— Geschrei und Verwünschungen hallten in den hohen steinernen Gängen wieder, die von den Sklavengemächern nach der Haupttreppe führten; der Verrath zeigte sich in dem Gebäude eben so offen, wie sich von Außen in dem Sturme auf die Thore noch die Gewaltthätigkeit wahrnehmen ließ. Die ersten Sklaven waren nicht ohne Grund von ihren Genossen beargwöhnt worden, die Banden der Plünderung und des Mordes hatten sich in dem Hause der Ausschweifung und des Todes organisiert, ihre auserwählten Anhänger von der Straße waren insgeheim durch die Gartenthüren eingelassen worden und hatte sie zum Schutz vor dem Eindringen Anderer verbarrikadiert und Wachen daran gestellt —— den dem Tode geweihten Senatoren nahte ein anderes Ende, als das, welches sie sündiger Weise für sich selbst bereitet, von den Sklaven, die sie bedrückt und den Plebejern, die sie verachtet hatten.

Beim ersten Lärme des Sturmes von Außen und der ersten Wahrnehmung der Verrätherei im Innern sprangen Vetranio, Thascius und Marcus von ihren Ruhebetten auf, während die übrigen Gäste, zum Denken, wie zum Handeln gleich unfähig, in stumpfer Bewußtlosigkeit daliegend, ihr Schicksal erwarteten. Diese drei waren die Einzigen, welche die sie bedrohende Gefahr begriffen und forderten, vom Weine zum Wahnsinn getrieben, in ihrer rasenden Verzweiflung, den ihnen drohenden Tod heraus.

»Horcht, er kommt! der Pöbel, der sich gegen unsere Herrschaft aufgelehnt hat!« rief Vetranio verächtlich. »Er will das Leben nehmen, welches wir verschmähen, und die Schätze, die wir aufgegeben haben. Die Stunde ist gekommen! ich werde hingehen und den Scheiterhaufen anzünden, der unsere Mörder der gemeinschaftlichen Vernichtung mit uns weiht!«

»Halt!« rief Thascius, indem er ihm die Fackel aus der Hand riß; »zuerst muß der Eingang geschützt werden, wenn nicht die Sklaven hier sein sollen, ehe die Flammen entzündet sind! Laßt uns alles Bewegliche, Ruhebetten, Tische, Leichen vor die Thür werfen!«

Mit diesen Worten stürzte er auf die schwarz verhangene Nische zu, um durch das Ergreifen der Weiberleiche seinen Genossen das Beispiel zu geben, er hatte jedoch kaum die Hälfte des Zimmers durchmessen, als der Buckelige, der ihm unbemerkt gefolgt war, von hinten auf ihn einsprang, mit einem kreischenden Schrei seine Finger in die Kehle des Patriziers schlug und ihn zerfleischt und besinnungslos auf den Boden schleuderte.

»Wer wagt es den Körper, der mein ist, anzurühren!« kreischte der mißgestaltete Elende, indem er sich von seinem Opfer erhob und mit seinen blutbefleckten Händen Vetranio und Marcus bedrohte, die verblüfft und für den Augenblick unschlüssig, ob sie zuerst ihren Kameraden rächen oder die Thür verbarrikadieren sollten. »Der Sohn wird die Mutter retten! Ich gehe um sie zu begraben! Buße! Buße!«

Er sprang bei diesen Worten auf den Tisch, zerriß mit unwiderstehlicher Kraft die Stricke, womit die Leiche an den Tisch befestigt war, nahm sie in seine Arme und befand sich im folgenden Augenblicke an der Thür. Mit wildem, unartikulirtem Geschrei, halb der Pein und halb des Trotzes riß er sie auf und wollte eben hinabsteigen, als ihm am oberen Ende der Treppe die Mörderbande begegnete, welche mit blanken Schwertern und lodernden Fackeln zu ihrem Raub und Mordwerke heraneilte. Er stand vor ihnen —— seine verzerrten Glieder waren so fest gegen den Boden gestemmt, als rüste er sich mit einem Satze bis an den Fuß der Treppe hinabzuspringen —— die Leiche war hoch erhoben, ihre gespenstischen Züge waren ihnen zugewendet und ihre nackten Arme noch ausgestreckt, wie sie es über den Bankettisch gewesen waren, ihr graues Haar flatterte rückwärts und vermischte sich mit dem seinen —— in dem ungewissen Licht der Fackeln, welches roth und flackernd auf ihm und seiner furchtbaren Last spielte, sah es aus, als ob die Todte und der Lebende in eine monströse Gestalt zusammengefügt wären.

Die Mörder standen einen Augenblick zusammengedrängt bewegungslos auf der Treppe; das Rache- und Wuthgeschrei erstarb auf ihren Lippen und sie starrten mechanisch mit stieren Blicken auf das grausige Bollwerk, welches sich ihrem Eindringen auf die Opfer, die sie so leicht überraschen zu können, erwartet hatten, entgegenstellte —— im nächsten Augenblick bemächtigte sich ihrer ein abergläubischer Schrecken, als der Buckelige sich plötzlich auf sie zu bewegte, um hinabzusteigen, schien die Leiche, wie es ihren von Entsetzen geblendeten Augen vorkam, auf dem Punkte zu stehen, sich einen Weg Durch ihre Reihen zu brechen. Mit ihrem Eindringen in den Palast unbekannt, und mit neubelebter, sklavischer Furcht glaubend, daß sie das gespenstische Erzeugniß der magischen Beschwörungen der Senatoren über ihnen sei, wendeten sie sieh wie von einem Entschlusse getrieben und flohen die Treppe hinab. Der Lärm ihrer Schreie wurde schwächer und schwächer, als sie durch die geheimen Pforten auf der Rückseite des Gebäudes dem Garten zueilten dann wurde das schwere regelmäßige Auftreten des Buckeligen, als er ihnen durch die einsamen Gänge mit seiner Todeslast nachschritt, in entsetzlicher Deutlichkeit hörbar, dann verklang und erstarb auch dieser Ton und man hörte in dem Banketsaale nur noch das scharfe Klirren der immer noch von der Straße aus gegen die Stahlgitter geführten Streiche.

Jetzt wiederholten sich aber auch diese immer seltener, das feste Metall widerstand siegreich den äußersten Anstrengungen des erschöpften Pöbels, welcher es bestürmte, die Streiche wurden schnell schwächer und die Zahl derjenigen, welche sie führten, geringer; bald verminderten sie sich bis auf drei einander nach langen Pausen folgende, bald auf einen von tiefen verzweifelten Verwünschungen begleiteten und dann senkte sich eine Grabesstille auf den Palast und die Straße, wo vor wenigen Augenblicke noch solcher Lärm und Verwirrung das nächtliche Echo aufgeschreckt hatte.

Im Banketsaale ging diese schnelle Reihenfolge von Ereignissen, —— die auf einige Minuten zusammengedrängten Wunder —— an Vetranio und Marcus vorüber, wie Visionen, welche ihre Augen erblickten, die aber von ihrem Geiste weder aufgenommen noch begriffen wurden. Starr in ihrer hartnäckigen Gleichgültigkeit verharrend, von dem Schauspiele der ihnen drohenden, aber unschädlichen, entsetzlichen aber schnell vorübergehenden Gefahren, die sie umgaben, betäubt, bewegte von den Senatoren keiner eine Muskel, sprach Keiner ein Wort und diese Stille dauerte von der Periode an, wo Thascius dem Angriffe des Buckeligen unterlegen war, bis zu dem, wo der letzte Streich gegen die Palastgitter und die letzte Stimme aus der Straße verstummt waren. Dann lenkte sich der wilde Strom trunkenen Jubels, welcher während dieses kurzen Zwischenraumes unterbrochen gewesen war, wieder doppelt heftig in sein altes Bett. Sobald die warnenden, entsetzlichen Scenen, die sie erblickt hatten, vorüber waren, für dieselben bewußtlos, wendete sich Einer dem Andern mit einem Blicke triumphierender Leichtfertigkeit zu:

»Horcht!« rief Vetranio, »der Pöbel draußen ist bis zum letzten Augenblicke schwach und feig und gibt seine erbärmlichen Anstrengungen, meine Palastthore zu erbrechen, auf. Seht, unser Bankettisch ist immer noch vor dem Eindringen der empörten Sklaven geheiligt und mein Gast von den Todten hat sie vor sich hingetrieben, wie ein Hund die Heerde Schafe! Sprich Marcus, habe ich nicht wohl daran gethan, die Leiche an den Fuß unseres Bankettisches zu bringen? Welche Wunder hat sie nicht gethan, als sie der rasende Reburrus wie ein Panier der Heerschaaren des Todes vor uns her gegen die feigen Sklaven trug, deren passendstes Erbtheil die Unterdrückung und deren einziges Gefühl die Furcht ist! Seht, es steht uns frei das Banket, wie wir es beabsichtigt hatten, fortzusetzen und zu beenden! Die Götter selbst sind eingeschritten, um uns in Sicherheit über die übrigen Sterblichen, die wir verachten, zu erheben! Noch eine Gesundheit auf unsern geschiedenen Gast, der unter den Auspicien des allmächtigen Zeus das Werkzeug unserer Erlösung war.«

Von allen Zechern entsprach Marcus allein Vetranio’s Aufforderung. Diese beiden, —— die letzten noch kampffähigen Streiter des Gelages, gingen, nachdem sie ihre Pokale auf die vorgeschlagene Gesundheit geleert hatten, langsam zu beiden Seiten des Zimmers hinab, blickten verächtlich auf ihre bewußtlosen Genossen nieder und verlöschten alle Lampen, bis auf die beiden über ihren Ruhebetten brennenden. Hierauf kehrten sie wieder nach dem oberen Ende des Tisches zurück und nahmen ihre Plätze wieder ein, um sie nicht eher zu verlassen, als bis der Todeskampf entschieden und der Augenblick zum Anzünden des Scheiterhaufens gekommen sein würde.

Die Fackel lag zwischen ihnen, und neben ihnen standen die letzten Gefäße mit Wein. Die tiefe wieder im Palast herrschende Stille wurde durch kein Wort von ihren Lippen unterbrochen. Mit düster forschend auf einander gehefteten Augen leerten sie langsam und regelmäßig ihre Becher. Die Orgie, welche bisher ein Schauspiel brutaler Entartung und wilder Lust geboten hatte, nahm jetzt, wo sie sich bloß auf zwei Männer beschränkte, an denen die eben erlebten Schreckensscenen gleich eindruckslos vorübergegangen waren und die mit einander wetteiferten, wem der höchste Grad der Entartung zu Theil werden sollte, —— ein Aussehen kaum menschlichen Frevels an, sie wurde zu einem Kampfe um eine satanische Ueberlegenheit in der Sünde.

Eine Zeitlang war auf den Gesichtern der Nebenbuhler um den Selbstmord nur geringe Veränderung zu erblicken. Sie waren aber jetzt bis zu dem äußersten Punkte des Excesses gelangt, wo der Wein entweder als sein eigenes Gegengift wirkt, oder die Pulse des Lebens todtähnlich erstickt. Für beide nahte die Krisis des Kampfes und der Erste, über welchen sie hereinbrach, war Marcus. Vetranio bemerkte wie eine dunkle purpurne Röthe sein bisher blasses, fast farbloses Gesicht überzog. Seine Augen dehnten sich plötzlich weit auf, er rang nach Athem. Die Weinvase, aus der er mit einer letzten Anstrengung seinen Becher zu stillen versuchte, rollte aus seiner Hand auf den Boden. Er richtete sich halb auf und blickte seinen Genossen leichenstarr an, im nächsten Momente aber sank er ohne Wort oder Seufzer rückwärts auf sein Lager nieder.

Der Kampf der Nacht war entschieden. Der Wirth des Bankets und Herr des Palastes blieb allein aufgespart, um das Eine zu beenden und den Andern anzuzünden.

Ein boshaft triumphierendes Lächeln zog über Vetranio’s Lippen, als er jetzt aufstand und die letzte außer seiner eignen noch brennenden Lampe verlöschte. Sobald dies geschehen war, ergriff er die Fackel. Seine Augen schweiften, als er dieselbe erhob, träumerisch über seine prunkend aufgestellten Schätze und die Gestalten seiner todten oder bewußtlosen patrizischen Zechgenossen, die durch seine That im Feuer untergehen sollten. Das Bewußtsein seiner feierlichem nächtlichen Einsamkeit in seinem, dem Verderben geweihten Palaste begann wechselnde, lebhafte Eindrücke auf seinen Geist hervorzubringen, der jetzt unter der physischen Reaktion, die eben das Ausschweifende des nächtlichen Excesses in ihm hervorbrachte, wieder einen Theil seines gewohnten Scharfsinns erlangt hatte. Sein Gedächtniß begann in wirrer Reihenfolge die Scenen heraufzurufen, mit welchen das Gebäude, das er eben zu vernichten im Begriff stand, zu weit oder nahe zurückliegenden Perioden verbunden gewesen war. In dem einen Augenblicke stellte sich der Pomp früherer Gelage, die joviale Versammlung von seitdem entfernten oder gestorbenen Gästen vor ihn hin, in dem andern schien er wieder seine geheime Entfernung aus seinem Palaste in der Nacht von seinem letzten Feste, seine verstohlene Rückkehr mit der aus der Straße heraufgeschleppten Leiche, seine Mühe beim Aufrichten derselben hinter dem schwarzen Vorhange und dem Schreiben des Dialogs, der von dem Buckeligen hatte gesprochen werden sollen, durchzuspielen. Bald wendeten sich seine Gedanken den geringfügigsten Umständen der Verwirrung und dem Schrecken unter den Mitgliedern seiner Haushaltung zu, als sich die erste Noth der Stadt fühlbar zu machen begann; bald kehrten sie ohne deutlichen Zusammenhang oder Grund plötzlich zu dem Morgen zurück, wo er die einsamsten Pfade seines Gartens durcheilt hatte, um mit dem Verräther Ulpius an Numerian’s Gartenthür zusammenzutreffen. Von Neuem wurde das Bild Antoninens, das sich, seit das Original seinen Augen entschwunden war, so oft vor seine Einbildungskraft gestellt hatte, deutlich und wie handgreiflich vor ihm sichtbar. Er dachte an sie, wie sie zu seinen Knieen dem Klange seiner Laute lauschte —— wie sie verwirrt und entsetzt in seinen Armen erwachte —— wie sie verzweifelnd vor dem Grimme ihres Vaters floh wie sie jetzt nur zu gewiß todt in ihrer Schönheit und Unschuld unter den tausend Opfern der Hungersnoth und Pest dalag.

Diese und andere Gedanken, welche einander mit Sturmeseile in seinem Geiste folgten, brachten in der Todesabsicht, die sie aufhielten, keine Veränderung hervor. Sein Zögern beim Anzünden der Fackel war der bewußtlose Verzug des in seinem Entschlusse festen Selbstmörders, ehe er den Giftbecher an seine Lippen hebt, —— wo das Leben als etwas Vergangenes vor ihm aufsteigt, und er einen furchtbaren Augenblick lang auf der dunkeln Schwelle zwischen der Gegenwart und Zukunft steht —— nicht mehr der Pilger der Zeit, —— noch nicht der Erbe der Ewigkeit.

So stand der einsame Herr des großen Palastes in der dämmernd erleuchteten Halle, umgeben von den Opfern, die er vor sich dem Tode zu gejagt hatte, und so sprachen die geheimnißvollen Stimmen seiner letzten irdischen Gedanken in seinem Innern. Allmälig wurden sie leiser, endlich hörten sie ganz auf und Stille und Oede legten sich wie dunkle Schleier über seinen Geist. Er schrak wie aus einem Traume erweckt auf, er fühlte wieder die Fackel in seiner Hand und von Neuem wurde in seinen Augen der Ausdruck wilder Verzweiflung sichtbar, als er dieselbe, ohne zu beben, an der Lampe über sich anzündete.

Der Thau sank rein auf die befleckte Erde nieder, der leichte Morgenwind sang seine leise Dämmerhymmne im Laube an die Macht, welche ihn hervorgerufen; die Nacht war verblichen und der Morgen bereits aus ihr geboren, als Vetranio mit der brennenden Fackel in der Hand auf die angehäuften Brennstoffe zuschritt.

Schon hatte er den größten Theil des langen Zimmers durchmessen, als plötzlich ein schwaches Geräusch von Schritten die eine nach dem Palastgarten führende und mit dem unteren Ende der Bankethalle durch eine kleine Thür mit eingelegtem Elfenbein in Verbindung stehende Treppe heraufstiegen, seine Aufmerksamkeit erregte. Er zauderte in seinem Todesbeginnen und lauschte auf den langsam und regelmäßig näher kommenden Ton, der so schwach er auch war, doch in dem öden Schweigen, welches ihn umgab, geheimnißvoll eindringlich an sein Ohr schlug. Mit hoch über den Kopf, gehaltener Fackel heftete er seine Augen in gespannter Erwartung auf die Thür, sie öffnete sich und vor ihm stand die Gestalt eines jungen weißgekleideten Mädchens. Auf einen Moment blickte er es mit verwirrten Augen an, im nächsten sank die Fackel aus seiner Hand und glimmte unbeachtet auf dem Marmorboden fort —— es war Antonina.

Ihr Gesicht war von einer seltsamen durchsichtigen Blässe überzogen —— ihre einst weichen runden Wangen hatten ihre mädchenhafte Schönheit der Form verloren, ihr unaussprechlich wehmüthiger, hoffnungsloser, milder Ausdruck warf eine einfache geistige Feierlichkeit über ihre ganze Erscheinung. Sie war für den ausschweifenden Senator eine ganz Andere, furchtbar Andere geworden, als das Wesen seiner früheren Bewunderung, aber in ihren verzweifelten Augen war noch genug von dem alten Blicke der Sanftmuth und Geduld vorhanden, der alle Qual und Furcht überlebt hatte, um sie selbst so, wie sie jetzt war, mit ihrem früheren Wesen in Verbindung zu erhalten. Sie stand als ein schwaches hilfloses Geschöpf in dem Gemache der Ausschweifung und des Selbstmordes, zwischen dem Scheiterhaufen und dem verzweifelten Manne, der ihn anzuzünden gelobt hatte, aber gewaltig war der Einfluß ihrer Gegenwart in einem solchen Augenblicke und in einer solchen Gestalt, als rettender, tadelnder, mit der Allmacht des Himmels zur Umschmelzung der Pläne des Menschen bewaffneter Geist.

Eingeschüchtert und mit Erstaunen, als erblicke er eine Erscheinung des Grabes, schaute Vetranio auf das junge Mädchen, welches er mit der am wenigsten selbstsüchtigen Leidenschaft, die er je gehegt, geliebt hatte, die mit dem aufrichtigsten Kummer, den er je gefühlt, schon längst als verloren und todt beklagt worden war, die er jetzt in dem Augenblicke, wo er sich dem Tode weihen wollte, verändert, trostlos, flehend —— mit Empfindungen die ihn in sprachloser Verwunderung und selbst Furcht erhielten, vor sich stehen sah.

Während er noch stumm auf sie blickte, hörte er sie in leisen wehmüthigen, stehenden Tönen zu sich sprechen, die nach den Stimmen des Schreckens und der Verzweiflung, die sich die Nacht über um ihn erhoben hatten, auf sein Ohr fielen, wie Töne, die noch nie an dasselbe gerichtet worden waren.

»Numerian, mein Vater, erliegt dem Hunger,« begann sie; »wenn ihm keine Hilfe gewährt wird, so stirbt er vielleicht noch vor Sonnenaufgang. Du bist reich und mächtig. Ich komme zu Dir, da ich außer seinem Leben jetzt nichts mehr habe, wofür ich leben möchte, um Nahrung für ihn zu erbitten!«

Sie hielt, für den Augenblick unfähig weiter zu sprechen, inne und heftete ihre Augen sehnsüchtig auf des Senators Gesicht. Dann, als sie sah, daß er sich umsonst bemühte ihr zu antworten, senkte sich ihr Kopf auf ihre Brust nieder und ihre Stimme sank noch leiser, indem sie fortfuhr.

»Ich habe die lange Nacht hindurch, die jetzt vergangen ist, unter Kummer und Schmerz nach Geduld gerungen; meine Augen waren schwer und mein Geist war schwach; ich würde gern in meiner Einsamkeit und Schwäche meinen Geist an Gott, der ihn geschenkt, zurückgegeben haben, wäre es nicht meine Pflicht gewesen, jetzt für mein und meines Vaters Leben zu ringen, da ich ihm, nachdem ich alles Andere verloren, zurückgegeben bin! Ich konnte weder denken noch mich bewegen, noch weinen als ich auf Deinen Palast herauf schaute und die Stunden der Finsterniß durchwachte und durchharrte, aber als der Morgen graute, wurde Last auf meinem Herzen leichter. Ich gedachte, daß der Palast, den ich vor mir sah, der Deine war, und wenn auch die Thore geschlossen waren, wußte ich doch, daß ich ihn durch Deinen Garten, der an meines Vaters Land stößt, erreichen konnte. Ich hatte in Rom Keinen, bei dem ich um Mitleid zu bitten wußte, als Dich und ich habe mich daher schnell aufgemacht, ehe mich meine Schwäche überwältigte. Ich gedachte, daß ich von Deinen Händen viel Elend erlitten, aber hoffte, daß Du mich um das, was ich geduldet, bedauern würdest, wenn Du mich wieder sähest. Ich bin müde und matt durch den Garten gekommen. Es dauerte lange, ehe ich mich hierher fand, willst Du mich eben so hilflos, wie ich gekommen bin, wieder zurücksenden? Du hast mir zuerst gelehrt, meinem Vater ungehorsam zu sein, indem Du mir die Laute gabst, wirst Du Dich jetzt weigern mir zu helfen und ihn zu unterstützen? Er ist Alles, was mir in der Welt geblieben ist! Habe Erbarmen mit ihm! habe Erbarmen mit mir

Von Neuem blickte sie in Vetranio’s Gesicht auf, seine bebenden Lippen bewegten sich, aber noch immer drang aus ihnen kein Laut. Auf seinen Zügen herrschte noch immer der Ausdruck der Verwirrung und der Verschüchterung, als er langsam nach dem oberen Ende des Bankettisches deutete. Für sie war diese einfache Handlung beredter, als es alle Reden gewesen sein würden. Sie lenkte ihre schwachen Schritte augenblicklich der von ihm angedeuteten Richtung zu.

Er sah sie im Lichte der einzigen noch brennenden Lampe stark in der beschirmenden Begeisterung ihrer guten Absicht zwischen den Körpern seiner Selbstmordgenossen hindurchgehen, ohne auf ihrem Pfade zu verweilen. Als sie an das obere Ende des Zimmers gelangt war, nahm sie eine Flasche Wein von dem Tische und von dem hölzernen Gestell dahinter die Schüssel mit Nahrung, welche die Gäste des Todesbankets verschmäht hatten. Hierauf kehrte sie augenblicklich wieder zu der Stelle zurück, wo Vetranio noch immer stand. Hier hielt sie einen Augenblick an, als wolle sie noch einmal sprechen, ihre Stimme wurde aber von ihren Empfindungen erstickt. Aus den Quellen, die die Verzweiflung und das Leiden vertrocknet hatte, flossen die lange eingekerkerten Thränen, auf das Gebot der Dankbarkeit und Hoffnung, noch einmal wieder hervor. Sie blickte eben so stumm wie der Senator zu ihm auf, und der Ausdruck, welchen sie in diesen« Augenblicke zeigte, war dazu bestimmt, —— in seinem Gedächtnisse zu bleiben, so lange er dieses selbst noch hatte. Darauf entfernte sie sich mit schwankenden, hastigen Schritten auf dem Wege, den sie beim Kommen eingeschlagen hatte, und er blieb von Neuem in dem großen Palaste, den sein schlimmer Einfluß über den Willen Anderer zu einem Gebeinhause gemacht hatte, allein.

Er machte keinen Versuch, ihr zu folgen oder sie zurückzuhalten, als sie ihn verließ. Die Fackel glimmte noch neben ihm aus dem Boden, aber er beugte sich nicht hinab, um sie aufzuheben; er sank von dem, was er erblickt hatte, betäubt auf ein leeres Ruhebett nieder. Das, was weder Bitten noch Drohungen, noch grimmiger, gewaltsamer Widerstand bei ihm zu bewirken vermocht haben würden, hatte das Erscheinen Antoninens hervorgebracht Es hatte ihn gezwungen, in dem Augenblicke der Ausführung seines Todesplanes innezuhalten. Er erinnerte sich, wie sie von dem ersten Tage an, wo er sie gesehen, einen geheimnißvollen Einfluß auf seinen ganzen Lebensgang geübt, wie sein Streben, sie zu besitzen, seine Beschäftigungen geändert und seine Unterhaltungen unterbrochen hatte, wie alle seine Energie und sein ganzer Reichthum nicht im Stande gewesen waren, sie zu entdecken, als sie aus ihres Vaters Hause floh, wie die ersten Gefühle der Reue, die er je gekannt hatte, durch sein Bewußtsein des Antheils, den er an der Herbeiführung ihres unglücklichen Schicksals gehabt, verursacht worden waren. Als er sich Alles dies ins Gedächtniß zurückrief, als er bedachte, daß sie, wenn sie sich ihm zeitiger genähert haben würde, von dem trunkenen Lärm seiner Genossen erschreckt, zurückgetrieben worden sein würde, und wäre sie später gekommen, seinen Palast in Flammen gefunden hätte. Als er zu gleicher Zeit an ihre plötzliche Gegenwart in dem Banketsaale dachte, während er sie für todt gehalten hatte, und wo ihr Erscheinen in dem Augenblicke des Anzündens des Palastes den unwiderstehlichsten Einfluß auf seine Handlungen geübt hatte, durchbebte ihn das unbestimmte Gefühl abergläubischer Furcht, welches instinktmäßig im Geiste aller Menschen existiert, aber bis her in dem seinen noch nie erweckt worden war. Seine Augen hefteten sich auf die Thür, durch die sie sich entfernt hatte, als erwarte er ihre Rückkehr. Ihr Schicksal schien bedeutsam mit dem seinen verflochten zu sein, —— sein Leben schien sich auf ihr Gebot zu bewegen, sein Tod auf dasselbe zu warten. In den Empfindungen, welche jetzt seine Körperkräfte unthätig erhielten, lag keine Reue, keine moralische Reinigung, —— er war für den Augenblick von einer geistigen Lähmung geschlagen.

Die rastlosen Augenblicke zogen weiter und weiter und immer noch verschob er die Vollendung des Verderbens, welches die Orgie der Nacht begonnen hatte. Allmälig wurde es heller und das Licht des Tages beschien in warmer Schönheit die kalten, in der stummen Halle ausgestreckt daliegenden Körper und trübte den schwachen Schein der verglimmenden Lampe, kein schwanzer Rauch, keine rothe, verzehrende Feuergluth stieg auf, um den hellen Schein des Morgens zu verdunkeln, kein Flammengebraus unterbrach die murmelnde Ruhe der Natur, oder schreckte die auf dem Straßenpflaster liegenden, erschöpften Auswürflinge aus ihrem schweren Schlafe auf. Der herrliche Palast stand in seinen festen Grundlagen noch unerschüttert da, die Zierrathen seiner Säulenhallen und seine Statuen schimmerten, wie vor Alters, in den Strahlen der aufgehenden Sonne, und immer noch hing die Hand des Herrn, welcher geschworen hatte, ihn zu vernichten, wie sich selbst, müßig ohne die Fackel, die bereits zu unschädlicher Asche zu seinen Füßen ausgeglimmt war, herab.



Kapitel IV.
Die letzten Versuche der Belagerten.

Wir kehren auf die Straße, vor dem Palaste zurück. Die unheilvollen Wirkungen der Belagerung waren schwer auf die herabgesunken, welche die Nacht über dort gelegen hatten. Von der lärmendem wüthenden Menge des vorigen Abends war jetzt nicht einmal mehr ein Ton zu vernehmen. Einige, die von Erschöpfung und Bewußtlosigkeit in ihrem Hungerparoxismus ergriffen worden waren, lagen mit halb in den Mund gepreßten Händen da, als hätten sie in ihrem heißhungrigen Wahnsinne versucht, von ihrem eigenen Fleische zu zehren, Andere erhoben von Zeit zu Zeit matt ihre schweren Augen und beachteten auf dem gegenwärtigen äußersten Punkte ihrer Leiden nicht mehr das Gebäude, dessen Vernichtung zu erblicken sie sich versammelt hatten, sondern erwarteten eine phantastische Verwirklichung der Träume von reichgedeckten Tischen und schneller Hilfe; die das Delirium des Hungers und der Krankheit wie im Spotte vor ihnen heraufbeschworen hatte.

In Kurzem und ehe sich noch die Sonne hoch über den Horizont erhoben hatte, wurde die Aufmerksamkeit der Wenigen unter dem Volke, die noch einige Wahrnehmungsfähigkeit für äußere Ereignisse bewehrten, auf das Erscheinen eines unregelmäßigen Zuges gelenkt, welcher zum Theil aus Bürgern, zum Theil aus Senatsbeamten bestand und von zwei Männern angeführt wurden, die langsam von dem nach dem Innern der Stadt führenden Ende der Straße herankamen. Der Zug hielt vor Vetranio’s Palaste an, und jetzt vernahmen diejenigen Mitglieder der Menge, welche noch nicht gänzlich von der Hoffnung verlassen waren, die erfreuliche Nachricht, daß der Zug, welchen sie erblickten, ein Friedenszug und die beiden Anführer desselben der Spanier Basilius, ein Provinzialstatthalter und Johannes, der oberste kaiserliche Notar, zu Gesandten ernannt seien, um einen Vertrag mit den Gothen abzuschließen.

Als diese Nachricht erschal1te, standen Männer, die bisher der geringsten Bewegung unfähig erschienen waren, mühsam, aber entschlossen auf und drängten sich um die beiden Gesandten, wie um zwei, sie von der Knechtschaft und dem Tode zu befreien, vom Himmel herabgestiegene Engel. Mittlerweile hatten sich einige von den Senatsbeamten, da sie die vorderen Thore des Palastes verschlossen fanden, nach den Garteneingängen aus der Rückseite des Gebäudes, verfügt, um Einlaß bei dem Besitzer zu erlangen« Die Abwesenheit Vetranio’s und seiner Freunde von den Regierungsberathungen war ihrem Widerwillen über den hartnäckigen, nutzlosen Widerstand, den man noch den Gothen leistete, zugeschrieben worden. Seht, wo man sich zur Unterwerfung entschlossen hatte, war es sowohl für räthlich, wie für leicht gehalten worden, sie peremtorisch zu ihren Pflichten zurückzurufen. Außer diesem Grunde, um das Innere des Palastes aufzusuchen, hatten die Diener des Senats dort noch einen andern Auftrag zu verrichten. Der weit herumgekommene Entschluß Vetranio’s und seiner Genossen, sich in dem Delirium einer letzten Orgie durch Feuer umzubringen, der so lange man die dringenden Gefahren der Stadt hatte berücksichtigen müssem unbeachtet geblieben war, wurde jetzt zu einer Quelle von Besorgniß und Aengstlichkeit für die geschäftsführenden Mitglieder des römischen Senats, seit ihr Geist von einem Theile der Veranwortlichkeit, welche auf ihnen gelastet hatte, durch ihren Entschluß, sich um den Frieden zu bewerben, befreit worden war.

Die jetzt nach dem Palaste gesendeten Personen erhielten demnach den Auftrag, seine Zerstörung zu verhindern, wenn dies wirklich beabsichtigt worden war, so wie die darin Befindlichen auf ihre Plätze im Senatshause zurückzurufen. In wiefern sie, zu der Zeit ihres Eindringens in, den Banketsaal ihre doppelte Sendung auszuführen vermochten, kann sich der Leser leicht berechnen. Sie fanden Vetranio noch immer auf dem Platze, welchen er eingenommen hatte, seit er von Antoninen verlassen worden war. Durch ihr Kommen aus der Betäubung aufgeschreckt, welche bisher auf ihm gelastet hatte, kehrte sein verzweifelter Vorsatz wieder zurück und er machte einen Versuch, die noch schwach brennende Lampe von ihrem Orte herabzureißen, und allem Eindringen zum Trotz den Scheiterhaufen anzuzünden. Seine bereits aufs Aeußerste angespannten Kräfte verließen ihn jedoch, er fiel, ohnmächtige Drohungen des Trotzes und der Rache ausstoßend, bewußtlos in die Arme der Senatsbeamten, welche ihn zurückhielten. Einer von ihnen wurde, während seine Collegen in dem Palaste zurückblieben, augenblicklich wieder fortgeschickt, um sich mit den Anführern des Zuges auf der Straße in Vernehmen zu setzen. Nachdem er seinen Bericht abgestattet hatte, trennten sich die beiden Gesandten von dem sie begleitenden Zuge und begaben sich langsam und nur von wenigen erwählten Dienern gefolgt —— eine traurige, entwürdigte Gesandtschaft von dem Volke, welches der östlichen und westlichen Welt einst seine Herrschaft, seine Gebräuche und selbst seine Sprache aufgezwungen hatte —— hinaus, um mit den Barbaren, die von ihren Vätern geknechtet worden waren, einen schmachvollen Frieden zu erhandeln.

Nach der Entfernung der Gesandten begaben sich alle noch der Anstrengung fähigen Zuschauer nach dem Forum, um dort ihre Rückkehr abzuwarten und trafen daselbst Mitglieder der niedrigen Volksklasse aus andern Theilen der Stadt. Man wußte, daß die erste Nachricht von dem Resultate der Gesandtschaft auf diesem Platze gegeben werden würde, und in ihrer eifrigen Begier, sie zu hören, in dem peinlichen Verlangen ihrer letzten Erlösungshoffnung schien selbst der Tod auf eine Zeitlang in seinem verderblichen Gange durch die Reihen der Belagerten gehemmt worden zu sein. In Schweigen und Besorgniß zählten sie die trägen Augenblicke des Verzugs und sahen mit bangem Blicke die Schatten kürzer und kürzer werden, als sich die Sonne allmälig am Himmel bis zum Mittagspunkt erhob.

Endlich nach einer Abwesenheit, welche von endloser Dauer zu sein schien, kamen die Gesandten wieder in die Stadt. Als sie bei ihrer Rückkehr durch das Volk schritten, sprach weder der Eine noch der Andere, aber ihre Blicke des Entsetzens und der Verzweiflung waren für Jeden, der sie sah, beredt genug —— ihre Sendung war mißlungen.

Eine Zeitlang schien kein Mitglied der Regierung Entschlossenheit genug zu besitzen, um aufzutreten und das Volk über die erfolglose Gesandtschaft anzureden. Nach einem langen Zwischenraume trat jedoch der Präfekt Pompejanus selbst, theilweise von den selbstsüchtigen Bitten seiner Freunde getrieben, theilweise auch von der kindischen Prunkliebe, die bei allen seinen jetzigen Aengsten und Besorgnissen noch nicht verschwunden war, bewegt, auf einen von den unteren Balkonen des Senatshauses, um die unter ihm stehende Volksmasse anzureden.

Die erste Magistratsperson von Rom war nicht mehr die pomphafte, stattliche Person, deren Eindringen bei Vetranio zu Anfange der Belagerung, im zweiten Bande beschrieben worden ist —— das wenige überflüssige Fleisch, welches sein Gesicht noch zeigte, hing um dasselbe her, wie ein schlecht angepaßtes Gewand, sein Ton war weinerlich geworden, er hatte die rednerischen Gebärden, mit welchen er seine früheren Ansprachen reichlich auszuschmücken gewohnt gewesen, alle aufgegeben, und von dem ursprünglichen Menschen war jetzt nichts mehr vorhanden, als der Bombast seiner Sprache und die unverschämte Selbstgefälligkeit seines Eigenlobs, die jetzt im verächtlichen Kontrast mit seiner niedergeschlagenen Haltung und seiner entmuthigenden Erzählung von Entwürdigung und Niederlage hervortrat.

»Ihr Männer von Rom, möge Jeder von Euch in seiner Person die heroischen Tugenden eines Regulus oder Cato üben,« begann der Präfekt »Es steht nicht in unserer Macht, einen Vertrag mit den Barbaren zu schließen. Die Geißel des Reiches, Alarich selbst befehligt das Heer der Eroberer. Vergeblich waren die würdevollen Vorstellungen des ernsten Basilius, fruchtlos war die überredende Rhetorik des schlauen Johannes, bei dem blutdürstigen, ruhmredigen Gothen! Als die Gesandten vor ihn gelassen wurden, verbreiteten sie sich, um ihn zu einer Kapitulation zu schrecken, mit klugem und lobenswerthem Patriotismus, über die Erfahrenheit der Römer im Gebrauch der Waffen, ihre Kriegsbereitschaft und ihre ungeheure Anzahl innerhalb der Stadtmauern. Ich erröthe die Antwort des Barbaren zu wiederholen. Er lachte unmäßiger und antwortete: Je dicker das Gras steht, desto leichter läßt es sich mähen! Ohne sich schrecken zu lassen, sprachen die Gesandten mit veränderter Taktik gutmüthig von ihrer Bereitwilligkeit, einen Frieden zu erkaufen. Bei diesem Vorschlage überstieg seine Unverschämheit alle Grenzen barbarischer Anmaßung: »Ich werde die Belagerung nicht eher aufgeben,« rief er, »als bis mir alles Gold und Silber in der Stadt, alle Waaren darin und alle Sklaven aus den nördlichen Ländern ausgeliefert sind.« »Was, o König, willst Du uns denn lassen?« fragten unsere entsetzten Gesandten. »Euer Leben»antwortete der unerbittliche Gothe. Als sie dies hörten, gerieth selbst der entschlossene Basilius und der weise Johannes in Verzweiflung. Sie verlangten Zeit, um sich mit dem Senat in Vernehmen zu setzen und verließen das feindliche Lager ohne Verzug. Dies war das Ende der Gesandtschaft, dies die anmaßende Verruchtheit des barbarischen Feindes.«

Hier hielt der Präfekt aus Schwäche und Mangel an Athem inne. Seine Rede war jedoch noch nicht zu Ende. Er hatte das Volk durch seine Erzählung desjenigen, was den Gesandten zugestoßen war, muthlos gemacht, er ging jetzt daran, es durch die Mittheilung eines ihm selbst begegneten Umstandes zu trösten, und fuhr nach einiger Zeit fort.

»Aber selbst jetzt noch, ihr Bürger von Rom, brauchen wir nicht zu verzweifeln! Es bleibt uns noch eine Aussicht auf Befreiung und diese Aussicht ist von mir entdeckt worden. Ich hatte das Glück, während der Abwesenheit unserer Gesandten einige Männer, aus Toskana zu treffen, die wenige Tage vor dem Anfange der Belagerung nach Rom gekommen waren und die von einem Plane zur Befreiung der Stadt sprachen, den sie nur dem Präfekten mittheilen wollten. Da ich stets für das öffentliche Wohl besorgt bin und zum Vortheile meines Amtes von Seiten Fremder Trotz biete, gewährte ich diesen Leuten eine geheime Unterredung Sie erzählten mir ein erstaunliches, wunderbares Ereigniß. Die Stadt Neveia, die, wie Ihr alle wißt, auf der direkten Straße der Barbaren lag, als diese nach Rom marschierten, wurde vor ihren Räuberbanden durch einen furchtbaren Gewittersturm beschützt. Dieser Sturm entstand nicht, wie Ihr vielleicht denken werdet, aus einem zufälligen Kampfe der Elemente, sondern wurde durch die ausdrückliche Einmischung der Schutzgottheiten der Stadt auf die Köpfe der Feinde geschleudert, nachdem die Einwohner in ihrer Gefahr wieder zu ihrer alten Religion zurückgekehrt waren und Jene angerufen hatten. So sagten die Männer von Toskana und solche fromme Hilfsmittel, wie die von dem Volke von Neveia angewendeten, empfahlen sie dem Volke von Rom! Ich meinestheils gestehe Euch, daß ich an ihren Plan glaube. Das Alterthum unserer früheren Religion ist meinen Augen immer noch ehrwürdig; die Gebete der Priester unseres neuen Glaubens haben zu unserm Besten noch keine Wunder bewirkt, ahmen wir daher das Beispiel der Bewohner von Neveia nach und schleudern wir durch die Macht unserer Gebete die Donner Jupiters auf das barbarische Lager! Laßt uns unsere Erlösung von der mächtigen Einwirkung der Götter erwarten, welche unsere Väter verehrt haben und die das Verlassen ihrer Tempel durch unser jetziges Unglück rächen. Ich gehe, um ohne Verzug dem Bischofe Innocentius und dem Senate die öffentliche Ausübung feierlicher Opferceremonien auf dem Capitole vorzuschlagen! Ich verlasse Euch in der freudigen Ueberzeugung, daß die durch unsere zurückgekehrte Treue für ihre Altäre beschwichtigten Götter den übernatürlichen Schutz, welchen sie den Einwohnern einer Provinzialstadt gewährt haben, dem römischen Volke nicht versagen werdend!«

Dem merkwürdigen Vorschlage des Präfekten, die Stadt durch den öffentlichen Glaubensabfall der Belagerten von der Belagerung zu befreien, folgte kein Ton der Billigung oder der Mißbilligung. Als er verschwand, wendete sieh die Zuhörerschaft wortlos ab. Eine allgemeine Verzweiflung überwältigte sich ihnen selbst die letzten Kräfte der Uneinigkeit und des Verbrechens, sie fügten sich mit der düsteren Gleichgültigkeit von Wesen, in denen alle menschlichen Empfindungen, alle menschlichen Leidenschaften, die guten sowohl, wie die bösen, erloschen waren, in ihr Schicksal. Der Präfekt entfernte sich um dem Bischofe einer christlichen Kirche die Rückkehr zum Heidenthume vorzuschlagen, aber weder die Regierung noch das Volk machte einen nutzbringenden Versuch, um Hilfe zu erlangen.

Und so neigte sich auch dieser Tags trauriger und unglücklicher und noch mehr mit Gefahr, Elend und Pein beladen, als alle diesem vorhergegangenen, seinem Ende zu.

Der folgende Tag dämmerte herauf, aber auf dem Capitol waren keine Vorbereitungen zu den Ceremonien der alten Religion zu erblicken. Der Senat und der Bischof nahmen Anstand, sich der Verantwortlichkeit auszusetzen, eine öffentliche Wiederherstellung des Heidenthums zu autorisieren, während die Bürger, die alle himmlische, wie irdische Hoffnung auf Hilfe verloren hatten, gegen Alles, was um sie her vorging, so achtlos wie die Todten blieben. In Rom befand sich ein Mann, dem es vielleicht gelungen sein würde, ihre matten Kräfte zum Glaubensabfalle aufzuregen, aber wo war er und womit beschäftigte er sich?

Jetzt, wo die Gelegenheit, für welche er eine lange Existenz des Leidens, der Entwürdigung und des Verbrechens hindurch entschlossen, wenn auch vergebens, gearbeitet hatte, sich lockender und günstiger, als selbst er in seinen wildesten Träumen von Erfolg je zu hoffen gewagt, von selbst darbot —— wo war jetzt Ulpius? verborgen vor allen menschlichen Augen gleich einem giftigen Kriechthiere in seinem Verstecke in dem verlassenen Tempel, bald um seine Idole in wüthendem Wahnsinn rasend, bald in blödsinniger Anbetung vor ihnen ausgestreckt —— für die Interessen seiner Religion in der Krisis ihres Schicksals schwächer als das schwächste Kind, welches verhungernd durch die Straße kroch, —— das Opfer seiner eigenen bösartigen Machinationen gerade in dem Augenblicke, wo sie ihn zum Triumphe hätten führen können —— der Gegenstand der schlimmsten irdischen Wiedervergeltung der, durch welche die Gottlosen vermittelst ihrer eignen Sünden in ihren Plänen verhindert, verurtheilt und bestraft werden.

Es vergingen noch drei Tage. Der Senat, dessen Mitgliederzahl in der Pest schnell abnahm, verwendete die Zeit auf unnütze Berathungen oder schwieg finster. Jeden Morgen blickten die müden Wächter in der vergeblichen Hoffnung, die lange versprochenen Legionen von Ravenna auf Rom zu marschieren zu sehen, von den Mauern hinab und jeden Morgen faßten die Verheerung und der Tod unter den unglücklichen Belagerten festen Fuß. Endlich am vierten Tage gab der Senat alle Hoffnung auf fernern Widerstand auf und beschloß sich zu unterwerfen, was auch die Folgen davon sein mochten. Es wurde bestimmt, daß eine zweite Gesandtschaft aus dem ganzen geschäftsführenden Senate bestehend und von einem bedeutenden Gefolge begleitet, zu Alarich gehen solle, daß man noch einen Versuch machen wolle, ihn zu bewegen, statt seiner die Besiegten in das Verderben stürzenden Forderungen weniger härtete zu stellen, und wenn dies mißlang, die Thore zu öffnen und in Verzweiflung die Stadt und das Volk seiner Gnade anheim zu geben.

Sobald sich der Zug, dieser letzten römischen Gesandtschaft auf dem Forum bildete, vermehrte sich ihre Zahl fast augenblicklich trotz allen Widerstandes, durch diejenigen unter dem Volke, welche noch im Stande waren, ihren schwachen, kranken Körper zu bewegen und die, auf dem Gipfel der Verzweiflung angelangt, beschlossen hatten, auf jede Gefahr hin das Oeffnen der Thore zu benutzen und aus der Stadt der Pestilenz in welche sie eingemauert waren, zu fliehen, mochten sie nun unter den Schwertern der Gothen umkommen oder beistandslos im freien Felde verschmachten. Alle Fähigkeit, die Ordnung aufrecht zu erhalten, war längst schon verschwunden, die wenigen um die Senatoren versammelten Soldaten machten einen. vergeblichen Versuch das Volk zurück zutreiben und stellten dann jeden weiteren Widerstand gegen dessen Willen ein.

Schwach und schweigend bewegte sich jetzt der niedergeschlagene Zug auf den breiten Straßen hin, die so oft unter dem Schmettern kriegerischer Musik und dem Beifallsgeschrei der Menge von den Triumphzügen des siegreichen Rom betreten worden waren, und auf jeder Straße schlossen sich ihm unterwegs abgezehrte Gestalten aus dem Volke wie Gespenster an. Unter diesen befanden sich, als die Gesandtschaft dem Pincischen Thore nahte, zwei, aus deren Schicksale in der gefallenen Stadt unsere Aufmerksamkeit besonders gerichtet gewesen ist, die herbeieilten, um mit ihren Leidensgefärhrten hinauszuziehen. Zur Erklärung ihrer Anwesenheit auf dem Schauplatze —— wenn eine solche Erklärung nöthig ist —— müssen wir auf einen Augenblick von dem Fortgange der Ereignisse während der legten Belagerungstage zu dem Morgen abschweifen, wo Antonina sich aus Vetranio’s Palaste entfernte, um mit ihrem Vorrathe an Nahrung und Wein nach dem Hause ihres Vaters zurückzukehren.

Der Leser kennt bereits aus ihrer eigenen kurzen und einfachen Darstellung die Geschichte der letzten Stunden ihrer traurigen Nachtwache an der Seite ihres erliegenden Vaters und die Beweggründe, welche sie bestimmten, den Palast des Senators aufzusuchen und verzweiflungsvoll denjenigen um Beistand zu bitten, dessen sie sich nur als des ausschweifenden Vernichters ihrer Ruhe unter dem Dache ihres Vaters erinnerte. Es ist daher jetzt am geeignetsten, ihr auf ihrem Rückwege durch den Palastgarten zu folgen. Außer ihr betrat kein lebendes Geschöpf die berasten Pfade, auf welchen sie mit schwankenden Schritten hineilte, die Pfade, welche sie sich undeutlich erinnerte zuerst durchwandert zu haben, als sie sich in vergangenen Tagen herauswagte, um den fernen Klängen der Laute Vetranio’s zu folgen. Trotz ihrer unbestimmten, schwer auf ihr lastenden Gefühle der Einsamkeit und des Kummers blieb diese Erinnerung ihrem Geiste schmerzlich gegenwärtig und vermischte sich auf unerklärliche Weise mit den dunkeln traurigen Besorgnissen, die ihr Herz beim Vorwärtseilen erfüllten, bis sie wieder die Wohnung ihres Vaters betrat und jetzt, als sie sich von Neuem seinem Lager näherte, verschwand jedes andere Gefühl über der niederdrückenden Besorgniß, daß sie, aller ihrer Ausdauer und ihres Erfolges auf ihrem Wege kindlicher Liebe ungeachtet, doch zu« spät zurückgekehrt sein könne.«

Der Greis lebte noch, —— seine matten Augen öffneten sich froh gegen sie, als sie ihn aufweckte um die Schätze von dem Bankettische des Senators zu genießen. Die elende Nahrung, welche die selbstmörderischen Gäste verschmäht hatten und das einzige Gefäß mit Wein, welches sie leichtsinnig auf einen Zug geleert haben würden, wurden von dem Vater sowohl wie von dem Kinde als rettendes und stärkendes Unterhaltungsmittel für viele Tage betrachtet. Nachdem sie von ihrem geringen Vorrathe so viel verzehrt hatten, als sie wagten, wurden die Ueberbleibsel sorgfältig aufbewahrt. Es war das letzte Zeichen und Versprechen des Lebens, welches sie erwarten konnten, der geringe, aber kostbare Vorrath, in welchem sie allein das Unterpfand ihrer ferneren Bewunderung vor den Qualen des Hungers und der Trennung des Todes auf einige Tage erblickten.

Und jetzt, wo sie ihren geringen Vorrath von Speise und Wein gleich einem Leuchtthurme der Rettung vor sich sahen, breitete sich über ihren Geist eine tiefe, traumartige Heiterkeit —— der Schlaf der unterdrückten und ermatteten Kräfte. Unter ihrem geheimnißvollen, beruhigenden Einflusse verblichen alle Eindrücke der Trauer und des Elends in der Stadt, der sie umgebenden grausigen Beweise der anhaltenden Belagerung vor ihrem Wahrnehmungsvermögen, wie nebelhaft zurück weichende Gegenstände, die dem Auge in weiter Ferne entschwinden. Allmälig begannen, als sich der Tag der ersten erfolglosen Gesandtschaft neigte, ihre Gedanken sanft zu der Welt vergangener Ereignisse zurückzuströmen, welche im Laufe der Zeit in Vergessenheit versunken waren. In Antoninens Gedächtnisse lebten die ersten Erinnerungen an ihre früheste Kindheit wieder auf und vermischten sich dann seltsam mit den Tränenvollen Andenken an die letzten Worte und Blicke des jungen Kriegers, der an ihrer Seite das Leben ausgehaucht hatte und mit ruhigen feierlichen Gedanken, daß der geliebte Geist aus der Sphäre der Schatten erlöst, jetzt in der Nähe des stillen Gartengrabes schweben möge, wo sie ihre bittersten Thränen der Einsamkeit und des Kummers vergessen hatte, oder daß er sich in unsichtbarer, seliger Gegenwart um sie bewegen könne, während sie zu den Füßen ihres Vaters saß und ihre irdische Trennung beklagte.

In den so erweckten Empfindungen lag weder Bitterkeit noch Pein —— sie beruhigten und reinigten das Herz, durch welches sie hinzogen. Sie konnte jetzt dem Greise zum ersten Male ihre Tage der Abwesenheit von ihm, die kurzen Freuden und langen Schmerzen ihrer Stunden der Verbannung erzählen, ohne in ihrer traurigen Geschichte innehalten zu müssen. Zuweilen lauschte ihr Vater ihren Worten mit trüber sprachloser Aufmerksamkeit oder forderte sie, wenn sie schwieg, zum Trost und zur Hoffnung auf, wie sie ihn unter seiner Gemeinde hatte sprechen hören, als er noch stark in seinem Entschlüsse war, Alles für die Reformation der Kirche aufzuopfern. Zuweilen gab er sich dem Einflusse seiner Gedanken hin, wie sich dieselben zu vergangenen Zeiten wendeten, und enthüllte ihr wieder die wechselnden Ereignisse seines frühem Lebens, nicht wie das erste Mal mit schwankender Stimme und unstäten Augen, sondern mit einer Ruhe des Tones und einem Zusammenhange der Darstellung die ihr das Zweifeln an der seltsamen überraschenden Erzählung, welche sie hörte, verbot. Nochmals sprach er von dem Bilde seines verlorenen Bruders, welches noch so vor seinem Geiste stand, wie da, wo er sich in seiner Jugend von ihm getrennt hatte, von dem Lande, welches er in späteren Jahren verlassen, von dem Namen, den er aus Cleander in Numerian verwandelt, um seine frühem Gefährten irre zu leiten, wenn sie ihn noch verfolgen sollten, und von der glühenden Sehnsucht, wieder den Genossen seiner ersten Heimath zu erblicken, was jetzt, wo ihm seine Tochter wieder gegeben, wo keine andere irdische Bestrebung als diese, mehr unbefriedigt war, am Schlusse seines Lebens der letzte Wunsch seines Herzens blieb.

Dies war der Verkehr, in welchem Vater und Tochter die Stunden ihrer kurzen Gnadenfrist des gegen die Stadt ihrer Wohnung ergangenen Urtheils des Hungers zubrachten, so lebten sie so zu sagen in einem stillen Zwischenraume der Existenz, in einer ruhigen Pause zwischen der Mühe, die in der schweren Arbeit des Lebens vorüber ist, und derjenigen, welche noch kommen soll.

Aber das»Ziel dieser kurzen Tage der Ruhe nach langen Leiden und Kummer nahten schnell. Der kleine Speisevorrath nahm eben so eilig ab, wie diejenigen, welche vorher in banger Furcht zusammengebracht worden waren, und am Morgen der zweiten Gesandtschaft zu Alarich war sowohl das Gefäß mit Wein, als die Schüssel mit Nahrung, geleert; der kurze Traum der Sicherheit war vergangen und verschwunden, die entsetzliche Wirklichkeit des Kampfes um das Leben war, wieder in ihre Rechte getreten!

Wo oder von wem konnten sie jetzt Hilfe verlangen? Die Belagerung dauerte immer noch fort, die so eben genossenen Speisereste waren die letzte Nahrung, die sieh auf dem Tische des Senators befunden, hatte, wenn sie den Palast wieder aufgesucht hätten, so würden sie sich dem Mißlingen, vielleicht gar der Beleidigung als Resultat einer zweiten Bitte um Hilfe, wo alle Macht, dieselbe zu gewähren, jetzt nur zu sicher verschwunden war, ausgesetzt haben. Dies waren die Gedanken Antoninens, als sie die leere Schüssel wieder an ihren früheren Ort, stellte, aber sie drückte dieselbe in Worten nicht aus. Sie sah mit Grausen, daß derselbe Ausdruck der Verzweiflung, ja fast der Raserei, welcher die Züge ihres Vaters am Tage ihrer Heimkehr zu ihm entstellt hatte, wieder auf denselben herrschte. Abermals schwankte er dem Fenster zu und murrte in seiner bitteren Muthlosigkeit gegen die trügerische Sicherheit und Hoffnung, die ihn während der wenigen letzten Tage für die Interessen seines Kindes müßig erhalten hatten. Als er jetzt aber auf die belagerte Stadt hinausblickte, sah er das Volk unten auf der Straße, so schnell es die ausgemergelten Glieder tragen wollten, einhereilen, um sich der Gesandtschaft anzuschließen. Er hörte wie Einer den, Andern aufmunterte, die letzte Gelegenheit zu benutzen, um durch die geöffneten Thore dem Schrecken der Hungersnoth und Pest zu entgehen und wurde von der rücksichtslosen Verzweiflung angesteckt, welche seine Leidensgefährten von einem Ende Roms bis zum andern ergriffen hatte.

Er wendete sich augenblicklich zu seiner Tochter, erfaßte ihre Hand und zog sie aus dem Zimmer, indem er ihr befahl, mit ihm zu kommen und sich der Flucht der Bürger anzuschließen, ehe es zu spät sei. Durch seine Worte und Handlungen erschreckt, bemühte sie sich, wahrend sie gehorchte, vergebens, ihm die Furcht vor den Gothen einzuflößen, welche ihr von ihrer eigenen bitteren Erfahrung eingegeben wurde, seit ihr einziger Beschützer unter ihnen erkaltet in seinem Grabe lag. Bei Numerian wie bei dem übrigen Volke wurden alle Besorgnisse, alle Zweifel, jede Anwendung der Vernunft von der einen Idee überwältigt, dem Verderben bringenden Gebiete von Rom zu entfliehen.

So mischten sie sich unter die Menge, die sich, von Furcht getrieben, der Gesandtschaft angeschlossen hatte, und folgten ihren Reihen so gut sie konnten. Die Sonne schien hell von dem heitern blauen Himmel herab, der Wind trug die schmetterndem drohenden Töne der Trompeten aus dem gothischen Lager in die Stadt, als das Pincische Thor den Gesandten und ihrem Gefolge geöffnet wurde. Die Menge versuchte sich in Masse hinter ihnen hinaus zu drängen, jetzt aber bewegte sie sich in einem engeren Raume und fand bei einer bedeutenden Verstärkung der Stadtbesatzung Widerstand. Nach einem kurzen Ringen war sie überwältigt und die Thore wurden geschlossen. Einigen von den Kräftigsten und den Gesandten Nächsten gelang es, diesen zu folgen, der größte Theil blieb jedoch auf der inneren Seite des Thores zurück und drängte sich in seiner Ungeduld und Verzweiflung dicht an dasselbe wie Gefangene, die ihre Befreiung erwarten oder aus ihrem Gefängnisse brechen wollen.

Zu den Letzteren gehörten die Schwächsten der Schwachen —— Numerian und Antonina, die durch die sie umgebende Menge eingeengt, sowohl von der Flucht aus der Stadt, wie von der Rückkehr nach Hause abgesperrt waren.



Band 3

Zweites Buch.

O promesse! o manace! o ténébreux mystére!

ou sont les traits, que tu lances,
Grand-Diu, dans ton juste Courroux?
N’es-tu plus le Dieu jaloux?
N’es—tu plus le Dieu des vengeances?
Racine.

Kapitel I.
Das Grab und das Lager.

Während sich die zweite und letzte Gesandtschaft des Senats nach dem Zelte des Gothenkönigs begibt, während die Straßen Roms außer den Todten von Allen verlassen sind und die lebende Einwohnerschaft sich in sprachloser Erwartung hinter den Schranken des Pincischen Thores zusammengedrängt hat, haben wir Gelegenheit unsern Blick einem Orte zuzuwenden, von welchem er lange entfernt gewesen ist, einen Besuch in dem Bauernhause der Vorstadt zu machen und nochmals das Grab Hermanrich’s zu betrachten.

Die Stille des hellen warmen Tages ist um den abgelegenen Pfad, der zu dem kleinen Gebäude führt, am reinsten. Hier steigt der Duft wilder Blumen er quickend von dem wallendem Grase auf, das einschläfernde monotone Summen des Insektenlebens durchzieht die laue, ruhige Luft, die hier und da von den dicht belaubten Bäumen aufgefangenen Sonnenstrahlen fallen in unregelmäßigen hellen Flecken auf den schattigen Boden, und außer den Vögeln, die mitunter singend durch die Luft ziehen, zeigt sieh auf dem stillen Plätzchen kein lebendes Wesen, bis wir das Gitterpförtchen, welches in den Garten führt, erreichen und auf das, was im Innern desselben vorgeht, blicken. Hier zeigt sich die Gestalt eines einsamen Weibes, welches auf dem kleinen kreisförmigen Fußpfade, den seine eignen, ausdauernden Schritte bereits deutlich ausgetreten haben, langsam um den berasten Hügel wandert, welcher das Grab des Häuptlings bezeichnet.

Eine Zeitlang beschreibt sie ihren engen Kreis mit einer mechanischen Regelmäßigkeit, als, ob sich jenseits dieses schmalen Raumes eine Schranke erhebe, die sie für immer verhindere, den Fuß auf die Erde darüber hinauszusetzen. Endlich bleibt sie auf der dem Pförtchen nächsten Stelle stehen, macht einige Schritte auf dasselbe zu, geht dann wieder zurück und beginnt ihren einförmigen Gang von Neuem, worauf sie, ihre Runde wieder unterbrechend, sich endlich von den Umgebungen des Grabes losreißt, durch die Thür geht, und dem Pfade nach der Landstraße folgend, sich langsam nach den östlichen Grenzen des gothischen Lagers begibt. Der starre, gespenstische unweibliche Ausdruck ihrer Züge bezeichnet sie als dasselbe Weib, welches wir jüngst als die Meuchlerin in dem Bauernhause erblickt haben; außer dem aber ist sie kaum wieder zu erkennen. Ihr sonst kräftiger, aufrechter Körper ist gebeugt und hager, ihr Haar flattert in verwirrten weißen Locken um ihr runzelvolles Gesicht. Alle rauhe Majestät ihrer Gestalt ist verschwunden, nichts bewiese, daß es noch Goiswintha ist, die den Schauplatz ihres Verbrechens heimsucht, wenn nicht der ingrimmige Ausdruck auf ihrem Gesichte zeigte, daß das böse Herz im Innern in seinem Durst nach Vernichtung und Rache noch nicht nachgelassen hat.

Seit der Zeit, wo wir sie zum letzten mal erblickten, als sie in der Gefangenschaft der Hunnen von der Leiche ihres Verwandten fortgeführt wurde, war das Bauernhaus beständig das Ziel ihrer Wanderungen aus dem Lager, die erwählte Zufluchtsstätte gewesen, wo sie einsam über ihren rachsüchtigen Wünschen brütete.

Alarich hatte es für zu kleinlich gehalten, ein Weib, welches er für wahnsinnig hielt, die weder für das Heer, noch für ihn persönlich von Bedeutung war, wegen einer Abwesenheit von den Zelten der Gothen zu bestrafen, und sie unmuthig entlassen, als sie vor ihn geführt wurde. Die Soldaten, die zurückgekehrt waren, um die Leiche ihres Häuptlings im Garten des Bauernhauses zu begraben, fanden Mittel, sie insgeheim von der Liebesthat zu benachrichtigen, welche sie auf ihre eigne Gefahr ausgeführt hatten, über dies hinaus aber blieb Keiner von ihren früheren Gefährten weiter mit ihr im Verkehr.

Alle ihre Handlungen unterstützten den schnell gefaßten Glauben Jener, daß ihr Geist in Verwirrung gerathen sei und Andere vermieden sie, wie sie Jene vermied. Man stellte ihr täglich ihre Nahrung an einen gewissen Ort im Lager, wie einem Thiere, welches zu wild ist, um von der Hand des Menschen gepflegt zu werden, und zu gewissen Perioden kehrte sie heimlich von ihren Wanderungen zurück, um es zu holen. Ihr Obdach für die Nacht war nicht das Obdach ihres Volkes vor den Mauern, ihre Gedanken waren nicht Jener Gedanken. Verwittwet, kinderlos, freundlos, die Meuchlerin ihres letzten Verwandten, bewegte sie sich abgesondert in ihrer eignen geheimen Welt der inneren Oede, Einsamkeit und des Verbrechens.

Mit der düsteren einsiedlerischen Existenz, welche sie jetzt führte, hatte aber weder Wahnsinn noch Reue über ihren Antheil an dem Tode Hermanrich’s etwas zu schaffen. Von dem Augenblicke an, wo der junge Krieger seine Achtlosigkeit für die Feindschaft seiner Nation und das seiner Familie widerfahrene Unrecht mit dem Tode gebüßt hatte, dachte sie an ihn nur noch als ein weiteres Opfer, dessen Schmach und Verderben sie an den Römern mit römischen Blut vergelten müsse, und reifte, ihre Rachepläne mit einer finsteren Entschlossenheit, welche Zeit, Einsamkeit und körperliche Schwäche nicht zu stören vermochten.

Sie konnte stundenlang in stiller Nacht oder am hellen Mittag um das Grab des Kriegers schreiten und ihre rachsüchtigen Gedanken nähren, bis eine grimmige Freude über ihren voraussichtlichen Triumph ihre Schritte beschleunigte und ihre spähenden Augen erglänzen ließ. Dann trat sie in das Haus, zog das Messer aus seinem Versteck in ihren Gewändern und strich es langsam auf dem Heerde hin und her, wo sie den Häuptling mit eigener Hand verstümmelt hatte und vor welchem er ohne Beben den Schwertern der Hunnen entgegengetreten war. Zuweilen stand sie, wenn Finsterniß auf die Erde herabgesunken war, wie eine drohende, Unheil verkündende Erscheinung auf dem Grabe selbst und sang stöhnend in den stöhnenden Wind Bruchstücke von alten nordischen Legenden, deren Inhalt stets von Pein und Verbrechen, von Foltern in Kerkerhöhlen und Tod durch das vernichtende Schwert sprach, und vermischte mit ihnen die dunkle Geschichte von dem Gemetzel zu Aquileja, und ihre zornigen Racheschwüre gegen die Bewohner von Rom. Der Fourageur hörte, wenn er auf seinem späten Heimwege nach dem Lager an dem Bauernhause vorüber kam, die rauhen mißtönigen Klänge ihres Gesanges und beschleunigte seinen Schritt. Der dreiste Bauer des platten Landes, der sich unter dem Schleier der Nacht näherte, um aus der Ferne auf das gothische Lager zu blicken, sah, wenn er in die Gegend des Gartens kam, ihre schattenhafte drohende Gestalt und floh erschreckt die unheimliche Stätte. Weder Fremder noch Freund störte ihre schaurige Einsamkeit. Die Gegenwart des Verbrechens und der Grausamkeit verletzte ungestört das Heiligthum welches einst der Zärtlichkeit und Liebe geweiht, einst der Aufenthalt der Schönheit und Jugend gewesen war.

Jetzt ist aber der Garten einsam, der Geist des Bösen ist von dem Grabe geschieden, die Schritte Goiswinthens haben dieselben Pfade nach der Vorstadt betreten, auf welchen der junge Goethe einst so sehnsüchtig dem Asyl seiner Liebe zugeeilt war, und schon erheben sich vor ihren Augen, finster, nahe und verhaßt, die Mauern von Rom. An diesen nutzlosen Bollwerken der gefallenen Stadt wandert sie jetzt hin, wie sie früher schon oft gewandert ist und wartet auf das Oeffnen der lange geschlossenen Thore. Folgen wir ihrem Gange.

Ihre Aufmerksamkeit war jetzt bloß auf die starken Mauern geheftet, während sie langsam an den gothischen Zelten hin nach der Lagerabtheilung am Pincischen Thore schritt. Dort angelangt wurde sie durch eine rund umher herrschende, ungewohnte Bewegung und Verwirrung aus ihrer Apathie geweckt. Sie blickte auf das Zelt Alarich’s und sah vor demselben die abgezehrten, gebeugten Gestalten derjenigen, die sich der Gesandtschaft angeschlossen hatten, und die ihren Urtheilsspruch von dem Anführer der nordischen Heerschaaren erwarteten.

In wenigen Augenblicken erfuhr sie aus den Worten der um diesen Theil des Lagers versammelten Gothen, daß es das Pincische Thor war, welches den bittenden Römern den Ausgang verstattet hatte und daher aller Wahrscheinlichkeit nach auch wieder geöffnet werden würde, um sie in die Stadt zurückzulassen. Mit diesem Gedanken begann sie die Zahl der besiegten Feinde, welche Um das Zelt des Königs versammelt waren, zu berechnen und fügte dann im Geiste diejenigen zu derselben, welche bei der Zusammenkunft im Innern zugegen sein mochten, wobei sie sich mechanisch näher nach dem wüsten Raume vor den Stadtmauern zurückzogen.

Allmälig wendete sie sich der Stadt näher zu. Sie verwirklichte sich einen kühnen Vorsatz, einen Entschluß, den sie während der Tage und Nächte ihrer einsamen Wanderungen längst schon mit sich herumgetragen hatte.

»Die Reihen der Gesandtschaft,« murmelte sie mit tiefem nachdenklichem Tone, »sind dicht gedrängt. Wo ihrer Viele sind, da herrscht Verwirrung und Hast, sie gehen zusammen und kennen ihre eigne Zahl nicht, sie bemerken nicht, ob unter ihnen einer mehr oder weniger ist.«

Sie blieb stehen. Seltsame, düstere Veränderungen der Farbe und des Ausdrucks gingen über ihr gespenstisches Gesicht. Sie zog den blutigen Helmschmuck ihres Gatten, welcher sie seit dem Todestage desselben nie verlassen hatte, aus ihrem Busen, ihr Gesicht erbleichte als sie denselben ansah, mit einem entsetzlichen Ausdrucke der Wuth und Verzweiflung, plötzlich blickte sie wild und trotzig zu der Stadt hinauf, als ob die hohen Mauern vor ihr tödtliche Feinde wären, gegen die sie sich im letzten Kampfe gestellt habe.

»Die Gatten- und Kinderlose wird Dein Blut trinken!« rief sie, indem sie ihre magere Hand gegen Rom ausstreckte, »wenn auch die Heere ihres Volkes ihre Rache für Säcke mit Silber und Gold an Dein Volk verkaufen! Ich habe in meiner Einsamkeit darüber nachgedacht und ein meinen Träumen davon geträumt, ich habe geschworen, daß ich nach Rom gehen, und wenn auch unter Tausenden allein, meine gemordeten Verwandten rächen würde. Seht, jetzt will ich meinen Eid erfüllen! Du blutbefleckte Stadt der Feiglinge und Verräther, der Feinde Schutzloser und Mörder der Schwachen. Du, die Du die Mörder meines Gatten und die Meuchler meiner Kinder nach Aquileja gesendet hast, ich warte nicht länger vor Deinen Mauern. Heute werde ich mich, Alles wagend, unter Deine zurückkehrenden Bürger mischen und mit den Römern in die Thore von Rom dringen! Den Tag über will ich schlau und wachsam in Deinen einsamen Orten liegen, um mich bei Nacht als geheime Dienerin des Todes hervorzuschleichen. Ich will Deinen Jungen und Schwachen an unbewachten Orten auflauern, ich will allein in der Finsterniß der Nacht Deinen Unbeschützten das Leben rauben, ich will Deine Kinder umbringen, wie ihre Väter zu Aquileja die Kinder der Gotben umgebracht haben! Dein Pöbel wird mich entdecken und gegen mich aufstehen, er wird mich in Stücke reißen und meinen zerfleischten Körper auf dem Pflaster der Straße mit Füßen treten, aber es wird geschehen, nachdem ich das Blut, das zu vergießen ich geschworen, unter meinem Messer fliehen gesehen habe. Meine Rache wird vollständig und Qualen und Tod mir Gäste, die ich bewillkommne, und Befreier sein, die ich erwarte.«

Von Neuem hielt sie inne —— der wilde Triumph des Fanatismus auf dem brennenden Scheiterhaufen loderte in ihrem Gesichte auf —— plötzlich fielen ihre Augen wieder auf den befleckten Helmschmuck und ihr Ausdruck wurde verzweifelt und ihre Stimme leise und stöhnend, als sie fortfuhr:

»Ich bin meines Lebens müde, wenn die Rache geübt ist, werde ich aus diesem irdischen Gefängnisse befreit werden —— in der Welt der Schatten werde ich meinen Gatten sehen und meine Kleinen werden sich wieder um meine Knie sammeln. Die Lebenden haben an mir keinen Theil, ich sehne mich nach den Geistern, die in den Hallen der Todten wandeln.«

Einige Minuten lang richtete sie noch ihren Blick thränenlos und stumm auf den Helmschmuck. Bald aber lebte der Einfluß des schlimmen Geistes in aller seiner Stärke wieder auf, sie erhob plötzlich den Kopf, blieb auf einen Augenblick in tiefe Gedanken versunken und begann dann schnell nach der Richtung, aus welcher sie gekommen war, zurückzugeben.

Zuweilen flüsterte sie leise:«Ich muß es thun, ehe mir die Zeit vorübergeht, mein Gesicht muß versteckt und meine Kleider müssen gewechselt werden. Dort in den Häusern muß ich suchen und schnell suchen.«

Zuweilen wiederholte sie ihre Rachedrohungen, ihre Ausrufe des Triumphs über ihren rasenden Vorsatz. Bei der Wiederholung desselben erinnerte sie sich an Antoninen und jetzt verdunkelte ein blutdürstiger Aberglaube ihre Gedanken und verlieh ihren Worten einen unbestimmten träumerischen Charakter.

Wenn sie jetzt sprach, so murmelte sie vor sich hin, daß das Opfer, welches ihr zweimal entgangen war, noch am Leben sein, daß die übernatürlichen Einflüsse, welche die alten Gothen am Tage der Vergeltung oft geleitet hatten, auch sie leiten noch den Streich ihrer Waffe, —— den letzten Streich, ehe sie entdeckt und getödtet werden würde —— mitten in das Herz des Mädchens lenken könnten.

Dergleichen Gedanken erhoben sich wirr und dunkel in schneller Folge in ihrem Innern, mochte sie ihnen aber in Wort und Gebärde Ausdruck geben, oder sie mit Schweigen unterdrücken, so schwankte oder zauderte sie doch nie in ihrem schnellen Gange. Ihre Kräfte waren für Alles gestählt und ihr starker Wille gestattete ihnen keinen Augenblick der Erschlaffung.

Sie gelangte in eine abgelegene Straße der verödeten Vorstadt, blickte sich um, ob sie unbeobachtet sei und trat in eines von den Häusern, die beim Nahen der Belagerer von ihren Bewohnern verlassen worden waren. Sie schritt schnell durch die äußern Hallen, bis sie endlich in eines von den Schlafgemächern gelangte und hier fand sie unter andern beider Flucht zurückgelassenen Besitzthümer den den Vorrath von Kleidern und Wäsche, welche der Eigenthümerin des Zimmers gehört hatte.

Aus diesem wählte sie ein römisches Gewand, einen Obermantel und Sandalen, Alles von der gemeinsten Farbe und Qualität, die sie finden konnte, wickelte diese Dinge auf ihren geringsten Umfang zusammen und verbarg sie unter ihren eigenen Gewändern. Hierauf kehrte sie, Allen, die sie unterwegs antraf, ausweichend, nach dem Zelte des Königs zurück, bog aber, als sie in die Nähe desselben gelangte, vorsichtig nach der Richtung von Rom ab und begab sich in ein auf halbem Wege zwischen der Stadt und dem Lager stehendes verfallenes Gebäude. In diesem Versteck legte sie ihre Verkleidung an und zog den Mantel dicht um ihren Kopf und ihr Gesicht und von diesem Punkte aus beobachtete sie ruhig, wachsam, entschlossen, die Hand an dem Messer unter ihrem Gewande und mit die Namen ihres ermordeten Gatten und ihrer hingeschlachteten Kinder murmelnden Lippen, die Straße nach dem Pincischen Thore.

Dort wollen wir sie auf kurze Zeit verlassen und in das Zelt Alarich’s treten, während noch der Senat vor dem Herrn des Reichs um Gnade und Frieden bittet.

In dem Augenblicke, von welchem wir schreiben, hatte die Gesandtschaft bereits ihre Vermittlungsfähigkeiten erschöpft. Wie es schien, ohne den Anführer der Gothen von seinem ersten mitleidslosen Entschlusse, das Lösegeld von Rom auf die Höhe jedes werthvollen Besitzthums, welches die Stadt enthielt, festzusetzen, abbringen zu können.

In dem großen Zelte war jetzt eine kurze Stille eingetreten. An dem einen Ende desselben standen in eine unregelmäßige Gruppe zusammengedrängt, die erschöpften niedergeschlagenen Mitglieder des Senats mit denjenigen von ihren Begleitern, welchen man verstattet hatte, ihnen vor Alarich zu folgen. An dem andern erblickte man die stattlichen Gestalten des Gothenkönigs und der Krieger, die ihn als Kriegsrath umgaben. Der freie Raum in der Mitte des Zeltes war mit umherverstreuten Waffen bedeckt, die die Vertreter der beiden Nationen von einander trennten und so zufällig, aber doch handgreiflich die grimmige Feindseligkeit versinnbildlichten, welche die Völker des Nordens in früheren Jahren von denen des Südens getrennt hatte und sie noch auf lange Jahre hinaus trennen sollte.

Der Gothenkönig stand etwas vor seinen Kriegern, auf sein großes, schweres Schwert gelehnt da. Sein festes Auge wanderte von einem der niedergeschlagenen Senatoren zum andern und erforschte mit kaltem, grausamem Scharfblick jedes Zeichen- der Entwürdigung welches das Leiden auf ihre äußere Erscheinung geprägt hatte. Ihre beschmutzten Gewänder, ihre bleichen Wangen, ihre zitternden Glieder erfuhren alle der Reihe nach die kaltblütige sarkastische Betrachtung des Eroberers.

So erniedrigt und gedemüthigt sie auch waren, befanden sich unter den Gesandten doch auch Einige, die die ihnen auf diese Weise stumm und vorsätzlich zugefügte Kränkung gerade wegen ihrer Hilflosigkeit um so bitterer fühlten. Sie bewegten sich unbehaglich auf ihren Stellen und flüsterten in leisen bitteren Tönen mit einander. Endlich erhob Einer von ihnen seine niedergeschlagenen Augen und unterbrach die Stille. Der alte Römergeist, welchen lange Jahre der freiwilligen Beschäftigung mit Kleinlichem und der Weichlichkeit noch nicht gänzlich entwürdigt hatte, röthete sein blasses abgezehrtes Gesicht, indem er folgendermaßen sprach:

»Wir haben gebeten, wir haben angeboten, wir haben versprochen —— mehr können Menschen nicht thun! Von unserm Kaiser verlassen und von Pest und Hunger zu Boden gedrückt, bleibt uns jetzt nichts mehr übrig, als unter den Mauern von Rom in nutzlosem Widerstand unterzugehen. Es stand in Alarich’s Macht, durch Mäßigung gegen die Unglücklichen einer berühmten Nation ewigen Ruhm zu erringen, aber er hat es vorgezogen, die Plünderung einer herrlichen Stadt und die Unterjochung eines leidenden Volkes zu versuchen. Wenn aber auch Zerstörung seine Rache sättigt und Plünderung seine Schätze vernichtet, so möge er sich doch erinnern, daß der Tag der Vergeltung kommen wird. Es gibt noch Soldaten im Reiche und Helden, die sie zuversichtlich in die Schlacht führen werden, Wenn auch die Leichen ihrer Landsleute geschlachtet in den Straßen des geplünderten Rom um sie her liegen.«

Ein momentaner Ausdruck des Zornes und der Entrüstung zeigte sich auf Alarich’s Zügen, als er diese kühnen Worte vernahm, wurde aber fast augenblicklich wieder durch ein spöttisches Lächeln ersetzt.

»Wie! Ihr habt noch Soldaten, vor denen der Barbar für seine Eroberungen zittern muß —— wo sind sie? Sind sie auf dem Marsche oder im Hinterhalte oder verstecken sie sich hinter festen Mauern oder haben sie sich auf dem Wege nach dem gothischen Lager verirrt? — Ha, hier ist einer von ihnen!« rief er auf einen geschwächten, waffenlosen Krieger des Senats zutretend, der unter seinem zornigen Blicke erbebte; »kämpfe, Mann!« fuhr er lauter fort, »kämpfe für das kaiserliche Rom, so lange es noch Zeit ist! Du hast Dein Schwert verloren, nimm das meine und sei wieder ein Held!«

Mit rauhem Gelächter, welches von den Kriegern hinter ihm wiederholt wurde, warf er seine schwere Waffe nach dem elenden Gegenstande seiner Sarkasmen. Der Griff schlug schwer an die Brust des Mannes, er schwankte und fiel hilflos zu Boden. Das Gelächter der Gothen verdoppelte sich, jetzt aber stimmte ihr Anführer demselben nicht bei. Sein Auge leuchtete in triumphierendem Spott, als er, auf den niedergestreckten Römer blickend, rief:

»So fällt der Süden unter dem Schwerte des Nordens! So soll sich das Reich vor dem Scepter des Gothen beugen! Sagt, wenn Ihr auf diesen Römer vor uns blickt, ob unsere Beleidigungen nicht gerächt sind? Sie sterben nicht im Kampfe unter unsern Schwertern, sie leben, um unser Mitleid anzuflehen wie Kinder, die sich vor der Ruthe fürchten.«

Er schwieg. Sein massives, edles Gesicht nahm allmälig einen nachdenklichen Ausdruck an. Die Gesandten thaten ein paar Schritte vorwärts —— vielleicht um eine letzte Bitte zu stellen, vielleicht auch um sich in Verzweiflung zu entfernen, aber er winkte ihnen gebieterisch zu schweigen und stehen zu bleiben. Der Durst des Habgierigen nach gegenwärtiger Beute und das hohe Streben des Eroberers nach künftigem Ruhme traten jetzt in seinem Innern in heftigen Conflikt Er schritt aus die Oeffnung des Zeltes zu, schob den Fellvorhang bei Seite und blickte stumm auf Rom hinaus. Die blendende Majestät der Tempel und Paläste der herrlichen Stadt, die sich in den Strahlen der unbewölkten Sonne leuchtend vor ihm erhoben, hielt sein Auge lange gefesselt. Allmälig erfüllten Träume künftiger Herrschaft unter jenen einzig dastehenden Gebäuden, die jetzt bloß sein Wort erwarteten, um verheert und vernichtet zu werden, seine Seele, und retteten die Stadt vor seinem Zorne. Er wendete sich wieder den Gesandten zu und sprach mit erhabener Stimme und einem Blicke wie ein Wesen aus einer höheren Sphäre:

»Wenn der gothische Eroberer in Italien regiert, so sollen die Paläste der frühem Herrscher als Wohnungen für ihn vorhanden sein. Ich werde ein niedrigeres Lösegeld bestimmen, ich werde Rom verschonen.«

Unter den Kriegern hinter ihm erhob sich Gemurr. Ihr Anführer versagte ihnen zum ersten Male die Plünderung und Zerstörung, welche sie begierig erwartet hatten. Als ihre murmelnden Vorstellungen sein Ohr erreichten, heftete Alarich augenblicklich streng seine Augen auf sie, wiederholte in ruhigen, gebietenden Tönen: »Ich werde ein niedrigeres Lösegeld bestimmen, ich werde Rom verschonen!« und blickte forschend in die Gesichter seiner wilden Untergebenen. Ihren Lippen entfiel kein Wort, welches eine andere Ansicht verrathen hätte, in ihren Reihen zeigte sich keine Geberde des Unmuthes, sie bewahrten ein tiefes Schweigen, als der König wieder auf die Gesandten zutrat und fortfuhr:

»Ich setze das Lösegeld der Stadt auf fünftausend Pfund Gold, auf dreißigtausend Pfund Silber ——« hier hielt er plötzlich inne, als denke er weiter über das, was er verlangen solle,nach.

Die Herzen des Senats, die auf einen Augenblick durch Alarich’s unerwartete Verkündigung, daß er seine Forderungen mäßigen wolle, erleichtert worden waren, sanken wieder, als sie an den von ihm verlangten Tribut dachten und sich ihres erschöpften Schatzes erinnerten. Aber es war jetzt keine Zeit mehr, Einwendungen oder Zögerungen zu machen und sie antworteten, obgleich sie nicht wußten, woher sie die Mitte! zur Erfüllung ihres Versprechens nehmen sollten, einstimmig:

»Das Lösegeld soll gezahlt werden.«

Der König blickte sie wie erstaunt an, daß Leute, die er aller Freiheit der Wahl beraubt hatte, es noch wagten, eine solche zu behaupten, indem sie aussprachen, daß sie Bedingungen annähmen, welche sie nicht abzulehnen wagten. Der spöttische Geist belebte sich wieder von Neuem in ihm, als er so auf die hilflose, gedemüthigte Gesandtschaft blickte, und er lachte nochmals, als er, halb zu der stummen Schaar von Kriegern hinter ihm gewendet, fortfuhr:

»Das Gold und Silber sind bloß die ersten Theile des Tributs, meine Leute sollen mit mehr als dem Reichthum des Feindes belohnt werden. Ihr Römer habt unsere rauhen Bärenfelle und schweren Rüstungen verlacht, Ihr sollt uns in Eure Festgewänder kleiden. Ich füge zu dem Gold und Silber Eures Lösegeldes viertausend seidene Gewänder und dreitausend Stücke Purpurtuch. Meine Barbaren sollen nicht mehr Barbaren sein, ich werde Patrizier, Epikuräer, Römer aus ihnen machen!«

Die Mitglieder der unglücklichen Gesandtschaft blickten, als er inne hielt, mit stummer Bitte an die Gnade des triumphierenden Eroberers auf, aber sie sollten nicht so leichten Kaufes von dem Begehren seiner Habgier und Verachtung loskommen.

»Halt!« rief er, »ich will mehr haben —— noch mehr haben! —— Ihr seid ein Volk von Schwelgern —— wir wollen es Euch in Euern Gastmählern gleichthun, wenn wir Euch Eurer Festkleider entledigt haben. Zu dem Gold, dem Silber, der Seide und dem Tuche will ich noch mehr fügen, dreitausend Pfund Pfeffer, Eure kostbare Waare, die mit Eurem üppigen Reichthume in fernen Ländern gekauft ist! — seht zu, daß Ihr dieses Gewicht mit den übrigen Theilen des Lösegeldes bis auf das letzte Korn hierher bringt. Das Fleisch unserer Thiere soll uns gewürzt werden. wie Euch das Fleisch der Euern!« [Pfeffer war eine Lieblingswürze der kostbarsten römischen Speisen. - Gibbon.]

Er wendete sich mit den letzten Worten kurz von den Senatoren ab. Einige neigten mit stummer Resignation die Häupter, Andere Belebte, —— mit der Gedankenlosigkeit von durch das, was sie in der jetzt beendeten Zusammenkunft gesehen und gehört hatten, der Besinnung beraubten Menschen, —— unglücklicher Weise die Erinnerung an die gebrochenen Verträge früherer Jahre von Neuem, und sie fragten mechanisch, in den Ausdrücken der alten Friedensformulare, welche Bürgschaft der Belagerer für die Bezahlung seiner Forderungen verlange.

»Bürgschaft!« rief Alarich heftig, indem er sofort wieder in seine strengere Stimmung versank; »seht dort die künftige Bürgschaft der Gothen für die Treue Roms!« und er warf den Zeltvorhang bei Seite und deutete stolz auf die langen Zeltreihen seines Lagers, die sich um Alles, was von den Mauern der gefallenen Stadt sichtbar war, erstreckten.

Die Gesandten erinnerten sich der Niedermetzelung der Geißeln zu Aquileja und die Umgehungen der Tributzahlungen, welche in früheren Jahren versprochen worden waren, und blickten schweigend Durch die Oeffnung des Zeltes.

»Erinnert Euch an die Bedingungen!« fuhr Alarich mit warnendem Tone fort, »und gedenkt an meine Bürgschaft für die schnelle Zahlung des Lösegeldes! So sollt Ihr noch eine Zeitlang in Sicherheit leben und wieder schmausen und spielen und lustig sein, so lange Euch noch Euer Reich gehört. Geht —— ich habe gesprochen —— es ist genug.«

Er wendete sich ohne ein weiteres Wort von den Senatoren ab und der Vorhang des Zeltes fiel hinter ihnen zu, als sie hinausgingen.

Die Verhandlung war vorüber, das Endurtheil gesprochen und die Zeit gekommen, um hinzugehen und ihm zu gehorchen.

Die Nachricht, daß endlich die Bedingungen des Friedens bestimmt seien, erfüllten die vor dem Zelte wartenden Römer mit einem Entzücken, welches weder durch Erinnerungen an die Vergangenheit, noch durch Ahnungen für die Zukunft vermindert wurde. Durch die sie im Lager umgebenden Gothen, an der Ausführung ihrer verzweifelten Absicht, nach dem platten Lande zu entfliehen, verhindert, von den Thoren, durch welche sie sich vorwitzig gedrängt hatten, von der Rückkehr nach Rom abgeschlossen, in ihrer Hilflosigkeit dem brutalen Hohne des Feindes ausgesetzt, während sie in langer peinlicher Ungewißheit auf den Schluß der gefahrvollen Verhandlung zwischen Alarich und dem Senate warteten, hatten sie den äußersten Gipfel des Leidens erstiegen und sich ohne Ausnahme der Verzweiflung ergeben und die Nachricht von dem abgeschlossenen Vertrage erklang in ihren Ohren also wie ein Versprechen der Erlösung. Unter die keine Ueberlegung verstattende Ekstase ihrer Freude über die Aussicht auf das Ende der Blockade mischte sich keine von den Besorgnissen, die die ungeheure Höhe des geforderten Tributs im Geiste ihrer Vorgesetzten erweckt hatte. Sie erhoben sich mit einem Geschrei der Ungeduld und des Entzückens um nach der Stadt zurückzukehren, aus der sie in Schrecken geflohen waren. Sie schmiegten sich gleich Hunden an die Gesandten und selbst an die wilden Gothen. Bei ihrer Entfernung von Rom hatten sie mechanisch einige Regelmäßigkeit in ihrem Zuge bewahrt, jetzt aber eilten sie ohne Auszeichnung des Platzes oder Disciplin des Marsches dahin und Senatoren, Soldaten und Plebejer waren in einen wirren Haufen zusammengedrängt.

Kein Einziger von ihnen bemerkte in seiner neugeborenen Sicherheit das verfallene Gebäude an der Straße, kein Einziger von ihnen beachtete die dicht umhüllte Gestalt, welche sich aus demselben hervorstahl um sich ihnen anzuschließen und sich bald mit leisem Schritte und bedecktem Gesicht in ihre dichtesten Reihen mischte. Die Aufmerksamkeit der Gesandten wurde noch gänzlich von ihren Ahnungen der Unmöglichkeit, das Lösegeld zusammenzubringen, in Anspruch genommen, die Augen ihrer Begleiter waren nur auf das Pincische Thor geheftet; ihre Ohren standen keinem Tone, als ihren eigenen Ausrufungen des Entzückens offen. Es hätte sich jetzt nicht nur ein verkleideter Fremder, sondern viele ungefragt und unbemerkt ihrem lärmenden Zuge anschließen können.

So traten sie hastig wieder in die Stadt, wo sich Tausende von geschwächten Augen anstrengten, um auf sie zu blicken, und Tausende von aufmerksamen Ohren sogen ihre frohe Nachricht aus dem gothischen Lager ein. Dann hörte man auf allen Seiten die Töne hysterischen Weinens und blödsinnigen Lachens, die leisen Seufzer der Schwachen, die als Opfer ihrer plötzlichen Freude starben und das wirre Durcheinander sprechen der Kräftigen, die alle Noth überlebt hatten und endlich ihre Erlösung vor Augen sahen. Immer noch stumm und ernst zogen die Gesandten jetzt langsam auf ihrem Rückwege nach dem Forum durch die Menge, welche sich zu beiden Seiten vor ihnen öffnete. Feinde, Freunde und Fremde —— Alle, die die schonungslose Hungersnoth bisher in ihren Interessen und Sympathien getrennt hatte, waren jetzt durch die Erwartung baldiger Hilfe gleich einer einzigen Familie verbunden.

Unter der Menge befand sich aber ein Wesen, welches in seinen unenthüllten Empfindungen allein unter den jubelnden Tausenden, die es umgaben, stand. Die Frauen und Kinder, die mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt auch bloß an Goiswinthen vorbeigingen, sahen nicht die begierige wilde Aufmerksamkeit in ihren Augen, welche sie verfolgten, bis sie aus dem Gesichtskreise verschwanden. Innerhalb der Thore wartete die Fremde und Feindin unbemerkt auf das dem Verräther günstige Dunkel der Nacht. Wo sie zuerst gestanden hatte, als sie von der dichten Menge eingeschlossen worden war, da blieb sie auch stehen, als die übrigen langsam weiter gingen und der Raum um sie her frei wurde. Aber unter dieser äußerlichen Ruhe und Stille lauerten die wildesten Leidenschaften, die je gegen die schwachen Schranken des menschlichen Willens gewüthet haben, selbst die starre Fassung Goiswinthens war erschüttert, als sie sich innerhalb der Mauern von Rom erblickte.

Es war kein argwöhnischer Blick auf sie geworfen worden, kein Mitglied der Menge hatte sich ihr genähert, um sie zurückzuweisen, als sie mit den verdachtlosen Bürgern um sie her durch das Thor schritt. Durch die sorglose Sicherheit ihrer Feinde eben so wirksam vor der Entdeckung geschützt, wie durch die List ihrer Verkleidung, stand sie auf den Straßen von Rom, wie sie sich es gelobt hatte, fern von den Heeren ihres Volkes, allein als Bluträcherin da.

Es war kein Traum, keine flüchtig kriegerische Vision. Das Messer befand sich in ihrer Hand, die Straßen dehnten sich vor ihr aus, die lebenden Wesen, welche dieselben erfüllten waren Römer; der Tag neigte sich bereits dem Abend zu, das Nahen ihrer Rache war eben so gewiß, wie das Nahen der Finsterniß, welche dieselbe zur freien Ausübung bringen sollte. Ein wilder Jubel trieb ihr das Blut schneller durch die Adern, während sie an die furchtbaren Pläne des geheimen Mordes und der Rache dachte, die jetzt sie, ein einzelnes Weib der schutzlosen Bevölkerung einer ganzen Stadt in Todfeindschaft gegenüberstellte.

Als ihre Augen langsam über die Menge hinschweiften, als sie an die Zeit dachte, die noch vergehen konnte, ehe sie Entdeckung und Tod —— das Märtyrerthum in der Sache des Blutes, welches sie erwartete und herausforderte, ereilen würde, zitterten ihre Hände unter ihrem Gewande und sie wiederholte flüsternd:

»Gatte, Kinder —— Bruder —— fünf Morde müssen gerächt werden! Gedenke an Aquileja! gedenke an Aquileja!«

Plötzlich hefteten sich, wie sie so von einer Gruppe des nach Hause ziehenden Volkes zur andern blickte, ihre Augen auf einen Gegenstand, sie trat schnell vorwärts, hielt sich dann wieder mit Gewalt zurück und mischte sich unter eine noch dichte Gruppe, indem sie fest fortwährend auf eine Stelle hinstarrte. Sie sah das ihren Händen zweimal —— im Lager und in dem Bauernhause —— entrissene Opfer, auf den Straßen von Rom zum dritten Male in ihrer Gewalt. Die zuletzt erwartete Möglichkeit der Rache war diejenige, welche sich zuerst eingestellt hatte. Ein unbestimmtes drückendes Gefühl von abergläubischer Ehrfurcht vermischte sich mit dem Triumphe ihres Herzens, eine übernatürliche Hand schien sie mit verderblicher Eile über jedes sterbliche Hinderniß hinweg auf den Gipfelpunkt ihrer Rache zu führen.

Sie versteckte sich hinter das Volk, sie beobachtete das Mädchen von dem entferntesten Punkte aus, aber längeres Verbergen war jetzt vergeblich —— ihre Augen hatten einander getroffen. Das Gewand war, als sie plötzlich vorwärts schritt, zurückgefallen und in diesem Augenblicke hatte sie Antonina gesehen.

Numerian der langsam mit seiner Tochter durch die Menge schritt, fühlte, wie ihre Hand die seine fester Umfaßte, und sah ihre Züge plötzlich erstarren. Aber die Veränderung dauerte nur einen Augenblick. Ehe er sprechen konnte, erfaßte sie ihn am Arme und zog ihn mit convulsivischer Energie vorwärts, dann hörte er sie in fast unartikulirtem leisen, athemlosen ihrer gewöhnlichen Stimme unähnlichen Tönen rufen:

»Sie ist dort! dort hinter uns! —— um mich zu tödten, wie sie ihn getödtet hat! —— Nach Hause! nach Hause!«

Schon durch lange Schwäche, natürliche Gebrechlichkeit und das rauhe Drängen der Menge erschöpft, durch Antonina’s Blicke und Bewegungen und die erschreckende Mittheilung von einer unbekannten Gefahr, die ihm in ihrem abgebrochenen Entsetzensrufe kund geworden war, in Verwirrung gesetzt, war Numerians erster Antrieb der, das ihn umgebende Volk um Schutz und Hilfe zu bitten. Selbst wenn er ihnen aber den Gegenstand seines Schreckens unter der bunten Menge aus allen Nationen hätte zeigen können, würde seine Aufforderung unbeantwortet geblieben sein. Von allen Folgen der furchtbaren Entbehrungen, die die Belagerten erlitten hatten, war keine gewöhnlicher als die Art von Verstandesverwirrung, welche so lebhafte Visionen von Gefahren, Feinden und Tod erzeugt, daß diejenigen, welche sie erblicken, gegen die Schöpfung ihres eignen Deliriums um Hilfe flehen. Die Meisten von denjenigen, an, welche Numerian seine Bitte richtete, gingen also vorüber, ohne Notiz davon zu nehmen. Einige sagten ihm nachlässig, er möge sich erinnern, daß jetzt keine Feinde mehr da seien, —— daß die Tage des Friedens herannahten —— und daß eine gute Mahlzeit, die er bald zu genießen erwarten könne, die einzige Hilfe für einen Hungernden wäre.

Zu jener Zeit des Schreckens und der Leiden, die sich jetzt ihrem Ende zuneigte, sah Keiner etwas Ungewöhnliches in der Verwirrung des Vaters und dem Entsetzen des Kindes, sie setzten also ihre schwache Flucht unbeschützt fort und Goiswinthens Schritte folgten ihnen. Sie hatten bereits den Monte Pincio zu ersteigen begonnen,als Antonina plötzlich stehen blieb und zurück blickte. Die Straße unter ihr war noch von vielen Menschen angefüllt, aber ihre Augen drangen, von der Gefahr geschärft, unter dieselben ein und unterschieden schnell das weite Gewand und die hohe Gestalt, welche immer noch in gleicher Entfernung von ihnen war und stehen blieb, wie sie stehen geblieben waren. Auf einen Augenblick schaute das Mädchen mit dem wilden, hilflosen Stieren des Schreckens in das Gesicht ihres Vaters, im nächsten warnte sie aber der geheimnißvolle Instinkt der Selbsterhaltung, welcher mit dem Instinkt der Furcht zugleich existiert —— der das schwächste Thier mit List begabt, um seine Flucht so sicher als möglich zu machen, und an die Stelle der Vernunftreflexion und des Entschlusses tritt, wenn alle diese aus dem Geiste verbannt sind —— vor dem verderblichen Irrthum, der Verfolgerin zu gestatten, ihr bis nach ihrem Hause nachzuspüren.

»Nicht dort! nicht dort!« ächzte sie schwach, als Numerian sie den Abhang hinauf führen wollte. »Sie wird uns sehen, wenn wir in die Thür treten —— durch die Straßen, o Vater, wenn Du retten mich! Auf den Straßen können wir von ihr abkommen —— Die Wachen, das Volk sind dort, —— zurück! —— zurück!«

Numerian bebte, als er den Schrecken in ihren Blicken und Gebärden bemerkte, aber es war vergeblich, sie zu fragen oder ihr Widerstand zu leisten. Nur Gewalt konnte sie zurückhalten —— weder Befehle noch Bitten konnten ihr mehr entlocken als den athemlosen Ausruf:

»Weiter, Vater! weiter, wenn Du mich retten willst!«

Sie war jeder Empfindung außer der Furcht, jeder Anstrengung außer der der Flucht unfähig.

Sich drehend und wendend und stets mit dem gleichen schnellen Schritte vorwärts eilend, gingen sie mechanisch durch die Winkelstraßen, die an das Flußufer führten, immer noch aber folgte die Bluträcherin dem Opfer, beständig wie der Schatten dem Körper, wachsam und unermüdlich wie ein Bluthund auf einer warmen Führt!

Und jetzt hörte selbst der Klang der väterlichen Stimme auf in den Ohren der Tochter vernehmbar zu sein, sie fühlte nicht mehr den Druck seiner Hand, bemerkte selbst seine Gegenwart an ihrer Seite nicht mehr. Endlich blieb sie schwach zusammensinkend, verwirrt wieder stehen und blickte zurück.

Die Straße, welche sie erreicht hatten, war sehr still und öde, nur an ihrem fernsten Ende sah man zwei Sklaven gehen. So lange sie im Gesichtskreise waren, zeigte sich auf der andern Seite kein lebendes Geschöpf, sobald sie sich aber entfernt hatten, schlich ein Schatten über das Pflaster einer Säulenhalle in der Ferne und im nächsten Augenblicke erschien Goiswintha auf der Straße.

Die Sonne brannte grell auf ihre dunkle Gestalt, als sie stehen blieb und einen Augenblick umher spähte. Sie that einen Schritt vorwärts und Antonina sah weiter nichts. Von Neuem wendete sie sich, um ihre hoffnungslose Flucht fortzusetzen und von Neuem bereitete sich ihr Vater, der als die geheimnißvolle Ursache ihres Schreckens nur ein einziges Weib bemerkte, welches ihnen zwar folgte, aber keinen Versuch machte, sie anzuhalten oder auch nur anzureden, an allen übrigen Möglichkeiten, ihre Rettung zu bewirken, verzweifelnd, sie bis ans Ende zu begleiten. Immer vollständiger fesselte der Schrecken jetzt ihre Geisteskräfte, während sie bewußtlos ihren schnellen Weg durch die nach dem Tiber führenden Straßen fortsetzte. Nicht Numerian, —— nicht Rom —— nicht das Tageslicht einer großen Stadt standen vor ihren Augen —— es war der Sturm, die Ermordung, die Nacht in dem Bauernhause, welche sie jetzt wieder durchlebte.

Die schnelle Flucht und die unablässige Verfolgung wurden fortgesetzt, als ob keine je ihr Ende erreichen solle, aber der Schluß des Schauspieles war dessen ungeachtet nahe.

Während des eiligen Durchschreitens der Straßen hatte sich Numerian’s Geist allmälig von seinem ersten Erstaunen und Schrecken erholt und endlich bemerkte er die Nothwendigkeit augenblicklichen entschiedenen Handelns, so lange es noch Zeit war, Antoninen vor dem Sinken unter dem Uebermaße ihrer eignen Furcht zu retten. Wiewohl eine furchtbare unbestimmte Ahnung des Unheils und Todes sein Herz erfüllte, wurde doch sein Entschluß sofort auf jede Gefahr hin, das dunkle Geheimniß naher Gefahr zu durchdringen, welches die Worte und Handlungen seiner Tochter andeuteten, nicht wankend, denn er wurde von dem einzigen Beweggrunde erweckt, der kräftig genug war, um alle Energie seiner früheren Jahre, die noch nicht Durch Leiden und Gebrechlichkeit vernichtet war, neu zu beleben die Erhaltung seines Kindes. In seinen trüben Augen blitzte noch etwas von der früheren Festigkeit und Kraft des unerschrockenen Reformators der Kirche auf, als er jetzt stehen blieb, Antoninen in seine Arme schloß und sie in ihrer Flucht aufhielt.

Sie rang, um zu entrinnen, aber es war schwach und nur auf einen Augenblick. Kraft und Bewußtsein begannen sie zu verlassen. Sie machte keinen Versuch, zurückzublicken, sie fühlte in ihrem Herzen, daß Goiswintha noch hinter ihr sei und wagte die entsetzliche Ueberzeugung nicht mit ihren Augen zu bestätigen. Ihre Lippen bewegten sich, aber sie drückten eine andere, vergebliche Bitte aus.

»Hermanrich, o Hermanrich!« war Alles, was sie jetzt murmelten. Sie waren an die lange Straße gekommen, die am Ufer des Tiber hinlief. Das Volk hatte sich entweder in seine Behausungen zurückgezogen oder sich nach dem Forum begeben, um sich nach der Zeit zu erkundigen, wo das Lösegeld bezahlt werden würde. Außer Goiswinthen war Niemand zu erblicken, als sich Numerian umsah und Jene kam, nachdem sie die leere Straße sorgfältig durchforscht, mit schnelleren Schritten auf sie zu.

Auf einen Augenblick sah sie der Vater fest an, und in diesem Augenblicke war sein Entschluß gefaßt. Eine Treppe zu seinen Füßen führte nach der schmalen Thür eines kleinen Tempels, der das ihm zunächstliegende Gebäude war. Da er nicht wußte, ob nicht Goiswintha bei ihrer unablässigen Verfolgung insgeheim von Genossen unterstützt wurde beschloß er Antoninen wenigstens auf einige Zeit in diese Zufluchtsstätte zu bringen, während er, vor derselben stehend, das Weib nöthigen würde, seine Absicht auszusprechen, wenn es ihm selbst bis dorthin folgte. Im nächsten Moment hatte er mit dem erschöpften Mädchen an seiner Seite die Stufen zu ersteigen begonnen. Oben angelangt führte er es vor sich in die Thüre und blieb an der Schwelle stehen, um sich wieder umzuschauen.

Goiswintha war nirgends zu erblicken.

Numerian ließ sich durch das plötzliche Verschwinden des Weibes nicht zu dem Glauben bewegen, daß sie sich aus der Straße entfernt habe, sondern beharrte auf seinem Entschlusse seine Tochter nach einem Ruheorte zuführen, wo sie sich augenblicklich sicher fühlen und daher am leichtesten wieder ihre Fassung erlangen könne, und zog Antoninen mit sich in den Tempel. Dort verweilte er einen Augenblick, ehe er sich entfernte, um von der Vorhalle aus die Straße zu beobachten.

Das Licht in dem Gebäude war trübe —— es fiel nur durch eine kleine Oeffnung im Dache und durch die schmale Thür ein, wo es durch die äußere Säulenhalle verdunkelt wurde. In dem dämmernden Innern lag ein formloser Haufen von dunkeln, schwer aussehenden Gegenständen aus dem Boden und erhob sich hoch bis fast an die Decke. Von unregelmäßiger Form in seltsamer Unordnung über einander geworfen, zum größten Theile von dunkler Farbe, hier und da aber doch in metallischem Glanze schimmernd, besaß diese Masse von Gegenständen ein geheimnißvolles, unbegrenztes, überraschendes Aussehen. Es war unmöglich, auf den ersten Blick zu entdecken, welcher Art die Gegenstände waren, —— oder zu errathen, zu welchem Zwecke sie auf dem Fußboden eines verlassenen Tempels zusammengehäuft sein konnten. Von dem Augenblicke an, wo sie zuerst Numerians Aufmerksamkeit erregt hatten, wurde er unwillkürlich davon angezogen und ein schwaches, unerklärliches, unbestimmtes, scheinbar grund- und zweckloses Beben des Verdachts schlug emsig an sein Herz.

Er hatte einen Schritt vorwärts gethan, um den verborgenen Raum hinter der zusammengehäuften Masse zu untersuchen, als seinem weiteren Vordringen durch den Anblick eines Mannes, der hinter demselben hervorkam, Einhalt gethan wurde. Der Fremde war in das wallende purpurgesäumte Gewand und die weiße Stirnbinde der heidnischen Priester gekleidet. Ehe der Vater oder die Tochter sprechen, ja selbst ehe sie sich bewegen konnten, um sich zu entfernen, trat er zu ihnen heran, legte Beiden eine Hand auf die Schulter und blickte sie, ohne ein Wort zu reden an.

In dem Augenblicke, wo er sich näherte, erhob Numerian seine Hand, um ihn zurückzustoßen und heftete dabei, als eben ein Lichtstrahl von der Thüre her über das Gesicht des Fremden hinzog, seine Augen auf dasselbe. Sein Arm blieb starr ausgestreckt, sank dann an seiner Seite nieder und der Ausdruck des Schreckens auf dem Gesicht des Kindes spiegelte sich so zu sagen auf dem Gesicht des Vaters ab. Keines von Beiden bewegte sich unter der Hand des Tempelbewohners, als er sie schwer auf Beide legte und Beide standen stumm wie er selbst vor ihm da.



Kapitel II.
Der Tempel und die Kirche.

Es war Ulpius. Der Heide hatte sich in der Haltung und im Gesicht eben so sehr verändert, wie in seiner Kleidung. Er stand fester und straffer da. Eine bräunliche Farbe hatte sein Gesicht überzogen, seine sonst so eingesunkenen und glanzlosen Augen waren jetzt weit offen und von dem grellen Scheine des Wahnsinns erhellt. Es schien als ob seine Körperkräfte sich neu gestählt hätten, während sich seine Geistesfähigkeiten dem Untergange zuneigten.

Kein Menschenauge hatte je erblickt, durch welche geheimen widerlichen Mittel er die Hungersnoth überlebt, mit welcher Unnatürlichen Kost er die Forderungen des unerbittlichen Hungers befriedigt hatte, aber dort in seinem düsteren Asyle hatte der Wahnsinnige und Auswürfling gelebt und sich bewegt und plötzlich und seltsam gestärkt, nachdem die Bewohner der Stadt alle ihre vereinten Hilfsquellen erschöpft, vergeblich alle ihre vereinten Reichthümer verschwendet hatten und zu Tausenden um ihn her dahin gewelkt und gestorben waren.

Es vergingen mehrere Minuten und immer noch standen ihm Vater und Tochter stumm gegenüber, blickten ihn immer noch mit stieren, unbewegten Augen an. Seine Gegenwart übte auf sie einen lähmenden Zauber. Die bei Antoninen, als sie ihre übel gewählte Zufluchtsstätte betraten, gelähmte Bewegungskraft war jetzt auch bei Numerian unterdrückt, aber bei ihm hatte kein Gedanke an die Feindin auf der Straße in diesem Augenblicke an dem unwiderstehlichen Einflusse Theil, welcher ihn vor dem Feinde im Tempel bewegungslos erhielt. Es war ein Gefühl tieferen Entsetzens, denn jetzt, wo er die häßlichen Züge des Heiden erblickte, wo er das Priestergewand und die Binde, die längst schon durch die feierlichsten Gesetze verboten waren, sah, nahm er nicht nur den Verräther wahr, der so erfolgreich gegen das Glück seines Hauses complottirt hatte, sondern auch den Wahnsinnigen —— den Moralisch-Aussätzigen, der ganzen menschlichen Familie, —— den lebenden Körper und die todte Seele, —— den des göttlichen Lichtes des Lebens, welches der sterbliche Mensch mit den Engeln Gottes theilt, beraubten.

Er hielt Antoninen noch immer fest, aber es geschah vollkommen mechanisch. Allem äußern Anscheine nach war er eben so hilflos, wie sein hilfloses Kind, als Ulpius langsam seine Hand von Beider Schulter nahm, sie trennte, ihre Hände mit seinen kalten knochigen Fingern umschloß und zu sprechen begann.

Seine Stimme war tief und feierlich, aber seine Worte schienen in ihrem harten wechsellosen Tone keine menschliche Empfindung auszudrücken. Seine Augen versanken, statt sich, während er redete zu erhellen, wieder in dumpfe, geistesleere Bewußtlosigkeit. Bei ihm schien die Verbindung zwischen der Rede und der sie begleitenden und erläuternden Thätigkeit des Blickes, welche man bei allen Menschen bemerkt, verloren zu sein. Es war furchtbar, das todtenähnliche Gesicht zu erblicken und in demselben Moment die lebende Stimme zuhören.

»Sieh da, die Frommen kommen in den Tempel!« murmelte der Heide, »die guten Diener der mächtigen Religion versammeln sich auf den Ruf des Priesters. Aus den fernen Provinzen, wo die Feinde der Götter die geheiligten Haine entweihen, versammelt sich das zerstreute Volk des Nachts, um zum Tempel des Serapis zu reisen. Anbetende Tausende knieen in den hohen Vorhallen, während im Innern in der geheimen Halle, wo das Licht dämmerig ist, wo die Luft um die athmenden Götter auf ihren goldenen Fußschemeln bebt, liest der Hohepriester Ulpius die Geschicke der Zukunft, die vor seinem Auge aufgerollt sind, gleich einem Buche.«

Als er schwieg und ohne die Hände seiner Gefangenen loszulassen, dieselben fest anblickte, erglänzten seine Augen von Neuem, drückten aber keine Wiedererkennung des Vaters oder der Tochter aus. Das Delirium seiner Einbildungskraft hatte ihn nach dem Tempel in Alexandrien geführt, die Tage waren aufs Neue erschienen, wo sein Ruhm den Gipfelpunkt erreicht hatte, wo die Christen vor ihm als ihrem grimmigsten Feinde bebten und die Heiden ihn als ihre letzte Hoffnung umgaben.

Die Opfer seines frühem, vergessenen Verraths waren für ihn nur zwei von der Menge der Andächtigen, die durch den Ruf seiner Beredtsamkeit, durch die triumphierende Notorietät seiner Macht, die Anhänger des alten Glaubens zu beschützen, angelockt wurden.

Aber nicht immer gab sich sein Wahnsinn auf diese Weise kund. Es gab Augenblicke, wo er sich bis zu Entsetzen erregender Raserei erhob. Dann bildete er sich ein, daß er wieder die stürmenden Christen von den Mauerzinnen des belagerten Tempels herabschleudere —— in jener längst vergangenen Zeit, wo das Heiligthum des Serapis von dem Bischof von Alexandrien der Zerstörung geweiht worden war. Sein Wuthgeschrei. seine rasenden Verwünschungen des Trotzes waren weithin durch die feierliche Stille des pestgeschlagenen Rom zu hören. Diejenigen, welche während der schrecklichsten Tage der gothischen Blockade verhungert auf dem Steinpflaster vor dem kleinen Tempel niedersanken, wenn sie daran vorüber zu gehen versuchten, boten einige grausige Wirklichkeit des Todes, die die Träume des Wahnsinnigen von Schlacht und Kampf verkörperten. Die das Leben verhauchenden Opfer des Hungers auf der Straße hörten über ihnen seine Stimme, die sie als Christen mit rasenden Flüchen überschüttete, über sie als von seiner Hand gefallene, besiegte Feinde triumphierte und seine eingebildeten Anhänger ermahnte, die eben Erschlagenen auf die Todten unterhalb zu schleudern, bis die Leichen der Tempelbelagerer als Schranken gegen ihre lebenden Kameraden um die Mauern aufgehäuft sein würden. Zuweilen verherrlichte er in seinem Delirium die blutigen Ceremonien des heidnischen Aberglaubens, dann entblößte er seine Arme und schrie laut nach dem Opfer, er beging dunkle, namenlose Abscheulichkeiten, denn auch jetzt lagen die Todten und Sterbenden vor ihm, um die Schatten seiner schlimmen Gedanken zu verkörpern und Pest und Hunger lieferten ihm wie Geschöpfe seines Willens das Opfer für den Altar in die Hände.

Zu anderen Zeiten, wenn der Anfall der Tobsucht vorüber war, und er keuchend in der finstersten Ecke des Tempels lag, nahm sein Wahnsinn eine andere trauernde Form an. Seine Stimme wurde leise und klagend, die Trümmer seines umherschweifenden Gedächtnisses schwammen weit, weit zurück auf dem dunkeln Gewässer der Vergangenheit und seine Zunge sprach Fragmente von Worten und Phrasen aus, die er an den Knieen seines Vaters gemurmelt —— kindische Abschiedswünsche, die er in seiner Mutter Ohr gehaucht —— unschuldige besorgte Fragen, die er an Macrinus den Hohenpriester gerichtet hatte, als er zu Alexandrien in den Dienst der Götter getreten war. Seine jugendlichen Träumereien —— die sanfte Redeweise und die Poesie der Gedanken seiner ersten Jugendtage wurden jetzt durch die unerforschlichen, unwillkürlichen Einflüsse seiner Krankheit in seinen gebrochenen Worten neu belebt, in seinem trostlosen Greisenalter des Wahnsinns und Verbrechens erneuert, in unbewußtem Spotte von seinen Lippen ausgehaucht, während noch der Schaum an ihnen hing und die letzten Blitze der Raserei noch seine Augen erhellten.

Diese unnatürliche Ruhe der Sprache und Lebhaftigkeit der Erinnerung, dieser verrätherische Schein nachdenklicher wehmüthiger Fassung dauerte oft ununterbrochen lange Perioden hindurch fort, aber früher oder später stellte sich die plötzliche Veränderung ein, die trügerische Kette der Gedanken zerriß in einem Augenblicke, das Wort blieb unbeendet, die müden Glieder schnellten krampfhaft zu erneuter Thätigkeit auf, und wie der Traum der Gewaltthätigkeit zurückkehrte, und der Traum des Friedens verschwand, schwelgte der Wahnsinnige von Neuem in seiner Wuth und wanderte, wie ihn seine Visionen führten, in seinem Tempelheiligthume umher und wenn die Nacht am dunkelsten und der Tod in Rom am geschäftigsten war unter den Sterbenden in verödeten Häusern und den Leblosen auf den stummen Straßen herum.

Aber es gab andere spätere Ereignisse seiner Existenz, die sich nie in seinem Innern belebten. Das alte vertraute Bild des Serapis, welches ihn, als er wieder nach Rom kam, in den Tempel gezogen hatte, zehrte in sich und in den mit ihm verknüpften Erinnerungen alles was noch von seinen gelähmten Geisteskräften in Thätigkeit geblieben war, auf. Seine Verrätherei in Numerians Hause, sein Durchbrechen der geborstenen Mauer, seine zermalmende Zurückweisung im Zelte Alarich’s beschäftigte seine umherschweifenden Gedanken auf keinen Augenblick. Die Wolken, welche seinen Geist umschleierten, öffneten sich, um ihm kurze Blicke auf die Mühen und Triumphe seiner frühem Laufbahn zu gewähren, aber sie umhüllten alle späteren Tage seines traurigen Lebens mit undurchdringlicher Finsterniß. Dies war das Wesen, dessen Willen durch ein räthselhaftes Schicksal Vater und Kind jetzt verfallen waren —— dies die einsame hoffnungslose Abscheu erregende Existenz des schlauen, mitleidslosen Verräthers ihrer früheren Tage!

Seit er zu sprechen aufgehört hatte, war der kalte leichenähnliche Druck seiner Hand allmälig stärker geworden und er hatte angefangen, langsam und forschend von einer Seite zur andern zu blicken. Wenn diese Veränderung die nahe Rückkehr seines Tobparoxismus bezeichnet hätte, so würde Numerians und Antoninens Leben im nächsten Augenblicke verloren gewesen sein, aber er verkündete weiter nichts als die Erneuerung der hohen unbestimmten Ideen von Berühmtheit und Erfolg, von priesterlicher Ehre und Einfluß, von dem Glanze und der Herrlichkeit der Götter, welche ihm seine letzten Worte eingegeben hatte. Er machte eine plötzliche Bewegung und zog die Opfer seiner gefährlichen Laune um einige Schritte tiefer in das Innere des Tempels, und führte sie dann dicht zu der hohen Zusammenhäufung von Gegenständen, welche Numerians Augen beim Eintritt in das Gebäude zuerst auf sich gelenkt hatten.

»Kniet nieder und betet an!« rief der Wahnsinnige heftig, indem er seine Hände wieder auf ihre Schultern legte und sie auf den Boden niederdrückte. »Ihr steht vor den Göttern, Ihr befindet Euch vor ihrem Hohenpriester!«

Der Kopf des Mädchens sank vorwärts und sie verbarg ihr Gesicht in den Händen, aber ihr Vater blickte zitternd an der Zusammenhäufung hinaus. Seine Augen hatten sich unmerklich an das Dämmerlicht des Tempels gewöhnt und er sah jetzt die Gegenstände, welche die sich vor ihm erhebende Masse bildeten, deutlicher. Hunderte von Götterbildern aus Gold, Silber und Holz, —— viele aus dem letzteren Material von mehr als Lebensgröße, Thronhimmel, Gewänder, Möbel, Werkzeuge, Alle von altheidnischer Form waren unordentlich durch einander, volle fünfzehn Fuß hoch zusammengehäuft. In dem Aussehen der Masse lag etwas zugleich Abschreckendes und Groteskes. Die monströsen Gestalten der Götzen mit ihren roh geschnitzten Draperien und symbolischen Waffen lagen in der wildesten Verschiedenartigkeit der Stellung da und zeigten die auffallendsten Ungewöhnlichkeiten der Umrisse, besonders in den höheren Theilen der Masse, wo sie offenbar durch die Hand, welche den Haufen zusammengebracht hatte, vom Boden aus hinaufgeworfen worden waren. Die mit den Bildern und dem Hausrath vermengten Draperien waren bald schlangenartig um sie gewickelt, bald hingen sie auf den Boden nieder und bewegten sich langsam und feierlich in den Winden, welche durch die Tempelthür hiereindrangen. Die unregelmäßig in der Masse verstreuten kleineren goldenen und silbernen Gegenstände schimmerten aus derselben hervor wie glühende Augen, während der Haufen selbst an einem solchen Orte im dämmernden Lichte erblickt, wie ein großes, mißgestaltetes Ungeheuer«— die düstere Verkörperung des blutigsten Aberglaubens des Heidenthums, das Erzeugniß feuchter Lüfte und geil wuchernden Ruins, des Schattens und der Finsterniß verfluchter pesthauchender Einsamkeit —— aussah!

Selbst in ihrer Lage besaß die Zusammenhäufung so gut wie in den Gegenständen, aus welchen sie zusammengesetzt war, ein Unheil verkündendes Aussehen, ihre nach dein Gipfel zu breiter werdende Masse hing gegen die Thür hin furchtbar über, es schien als könne eine einzige Hand sie aus ihrem ungewissen Gleichgewichte bringen und sie augenblicklich in einer zusammenhängenden Masse zu Boden stürzen.

Es waren viele mühselige Stunden vorübergegangen und lange geheime Arbeit daraus verwendet worden, um diese schwankende, gespenstische Masse aufzurichten, aber sie war das Werk einer einzigen Hand. Allnächtlich war der Heide in die verlassenen Tempel der umliegenden Straßen gedrungen und hatte sie ihres Inhalts beraubt, um sein Lieblingsheiligthum zu bereichern. Die Entfernung der Statuen von ihren bestimmten Orten, die bei einem Geringern Heiligthumsschändung gewesen sein würde, war in seinen Augen das hohe Privilegium des Hohenpriesters allein. Er hatte schwere Lasten getragen und starke Befestigungsmittel auseinandergerissen und stundenlang durch dieselben finsteren Straßen gekeucht, ohne bei seiner Ausgabe zu verziehen. Er hatte Schätze und Statuen über einander gehäuft, er hatte die Basis dieser kostbaren, geheiligten Masse verstärkt und ihren Gipfel erhöht. Er hatte mit einer Geduld und Ausdauer, die kein Mißlingen, keine Ermüdung zu überwältigen vermochte, diesen neuen babylonischen Thurm, den er sich bis zum Olympus des Tempeldaches zu führen sehnte, ausgebessert und neugebaut, wenn derselbe zerfallen und zusammengestürzt war. Es war der liebste Zweck seiner heidnischen Träume, sich mit unzähligen Gottheiten zu umgeben, so wie unzählige Andächtige zu versammeln, das Heiligthum seiner Wohnung zu einem mächtigen Pantheon, so wie zu einem Punkte der Vereinigung für die verstreuten Gemeinden der heidnischen Welt zu machen. Dies war der grenzenlose Ehrgeiz, in welchem sich sein Wahnsinn zum wüthendsten Fanatismus anschwellte, und als er jetzt neben seinen knieenden Gefangenen aufrecht dastand, blickten seine flammenden Augen mit ehrerbietiger Scheu auf seine Idole, er erhob seine Arme in feierlichem verzückten Triumphe und ergoß an dem barbarischen Altare, welchen seine ununterstützten Kräfte errichtet hatten, in leisen Tönen seine wilden durcheinander gemengten, fragmentarischen Gebete aus.

Welche Wirkung seine verwirrten wilden Ausrufungen auch auf Numerian machen mochten, so blieben sie doch von Antonina unbemerkt, ja selbst ungehört, denn jetzt, wo die Stimme des Wahnsinnigen sich zu einem Flüstern herabsenkte und während sie alle Gegenstände um sich her, vor ihren Augen verbarg, erwachten ihre Sinne zu Tönen im Tempel, die sie noch nie wahrgenommen hatte.

Der schnelle Strom des Tiber bespülte die Grundmauern auf der einen Seite des Gebäudes, in welchem das einschläfernde Rieseln des Wassers mit merkwürdiger Deutlichkeit zu hören war. Außerdem schlug aber noch ein anderer lauterer Ton an das Ohr. An dem Dache des Tempels hingen noch Reihen von kleinen vergoldeten Glöckchen, die ursprünglich theilweise zur Zierde, theilweise aber auch dazu dort angebracht worden waren, um durch das Geräusch, welches sie, wenn sie vom Winde bewegt wurden, machten, die Vögel am Niederlassen auf dem geweihten Gebäude abzuhalten. Die Klänge dieser Glöckchen waren silbern und hoch; bald, wenn der Wind stark war, klangen sie munter und anhaltend zusammen, bald, wenn er sank, waren ihre Töne schwach, einzeln und unregelmäßig und in ihrer reinen metallischen Weichheit fast klagend. Wie sich aber auch ihr Ton unter dem launischen Einflusse des Windes verändern mochte, so schien er doch stets innerhalb des Tempels wunderbar mit dem leisen ewigen Rauschen des Flusses gemischt zu sein, welches selbst die geringsten Pausen in dem angenehmen Läuten der Glöckchen ausfüllte und selbst während derselben seine sanfte monotone Harmonie hörbar werden ließ.

In dieser ungewohnten Combination von Klängen, lag, wenn man sie in dem gewölbten Innern des kleinen Gebäudes vernahm, etwas seltsam Einfaches, Bezauberndes und Geistiges. Je länger man sie anhörte, desto vollkommener verlor der Geist die Erinnerung an ihren eigentlichen Ursprung und bildete sich allmälig immer wildere und wildere Phantasien aus ihnen, bis die Glöckchen mit ihrem leisen Geläute seligen Stimmen eines himmlischen Stromes zu gleichen, leicht auf seinen klaren Wellen dahin getragen zu werden und über die ihnen zumurmelnden Gewässer zu jubeln schienen.

Trotz der Gefahr ihrer Lage und des Schreckens, welcher sie noch sprachlos an den Boden heftete, war auf Antoninen der Eindruck der seltsamen gemischten Musik des Flusses und der Glöckchen, da sie dieselben zum ersten Male hörte, mächtig genug, um alle ihre übrigen Empfindungen in momentaner Verwunderung und Zweifel aufzulösen. Sie zog ihre Hände vom Gesicht und blickte mechanisch nach der Thür als ob sie sich einbilde, daß die Klänge von der Straße kämen.

Eben als sie dorthin blickte, überzog die untergehende Sonne zwischen zweien von den äußeren Säulen, die den Tempel umgaben, hereinfallend, die glatten Fließen vor dem Eingange mit einem hellen Glanze. In dem warmen milden Lichte flog müde ein Schwarm von Insekten umher und ihr schwaches, eintöniges Summen ließ das über allen äußeren Dingen ruhende vollkommene Schweigen eher noch tiefer erscheinen, als daß es dasselbe unterbrochen hätte. Bald aber sollte eine Veränderung in der Ruhe des stillen Ortes eintreten, es war während Antonina noch hinschaute, kaum eine Minute vergangen, als sie über das sonnige Pflaster einen dunkeln Schatten herangleiten sah, denselben Schatten, den sie erblickt hatte, als sie auf ihrer Flucht stehen geblieben war, um sich in der leeren Straße umzusehen. Zuerst wurde er langsam länger und immer länger, dann blieb er stehen, dann entfernte er sich und verschwand eben so allmälig, wie er herangekommen war, und dann war es dem Mädchen als höre sie einen schwachen Ton von Schritten, die sich in dem seitlichen Säulengange, nach dem den Fluß überschauenden Theile des Gebäudes, zurückzogen.

Ein leiser Schreckensschrei rang sich von ihren Lippen, als sie gegen ihren Vater hin zurücksank, aber er blieb unbeachtet. Die Stimme des Heiden hatte in der Zwischenzeit ihren hohlen lauten Ton wieder angenommen, er hatte Numerian vom Boden erhoben, sein starker, kalter Griff, der bis in das Herz des Greises zu dringen schien und ihn wie mit einem bösen Zauber hilf- und bewegungslos festhielt, war an seinem Arme ——

»Hört es! »Hört es!« rief der Wahnsinnige, indem er seine freie Hand ausstreckte, als rede er eine große Menschenmenge an. »Ich befördere diesen Mann zu einem Diener des Hohenpriesters! Er ist aus einem fernen Lande nach dem Heiligthume gekommen, er ist vor dem Altare der Götter gelehrig und gehorsam, das Los seines künftigen Lebens ist geworfen, seine Wohnung soll bis zum Tage seines Todes im Tempel sein. Er soll vor mir in weißen Gewändern dienen und das dampfende Rauchfaß schwingen und das Opfer zu meinen Füßen tödten.«

Er hielt inne. Ein düsterer, entsetzlicher Ausdruck trat in seine Augen, als das Wort Opfer über seine Lippen ging. Er murmelte zweifelnd vor sich hin:

»Das Opfer! ist die Stunde des Opfers schon gekommen?« und sah sich nach der Eingangsthüre um.

Die Sonne schien noch hell auf das äußere Steinpflaster, die Insekten kreisten noch langsam in dem milden Lichte, kein Schatten war jetzt sichtbar, man hörte keine fernen Schritte, man vernahm nichts als die frohe Musik des rieselnden Wassers und der läutenden Silberglöckchen. Einige Augenblicke lang schaute der Heide ängstlich nach der Straße hinaus, ohne ein Wort zu sprechen oder einen Muskel zu bewegen. Die Tobwuth war nahe daran, sich seiner wieder zu bemächtigen als der Gedanke an das Opfer durch seinen verdunkelten Geist zuckte, aber das Eintreten derselben verzögerte sich abermals. Er wendete langsam den Kopf nach dem Innern des Tempels.

»Noch scheint die Sonne hell in den äußeren Höfen,« murmelte er leise; »noch ist die Stunde des Opfers nicht erschienen! komm!« fuhr er lauter fort, indem er Numerians Arm schüttelte; »es ist Zeit, daß der Diener des Tempels die Opferstätte erblickt und vor Sonnenuntergang das Opfermesser schärft! Steh auf Sklave und folge mir!«

Bis jetzt hatte Numerian weder gesprochen noch einen Fluchtversuch gemacht. Die bisherigen Ereignisse waren, wiewohl es eine Zeitlang gedauert hat, sie zu beschreiben, in einer so kurzen Periode vorübergegangen, daß er sich noch nicht von dem ersten betäubenden Schrecken der Begegnung mit dem Heiden hatte erholen können. Jetzt aber fühlte er trotz seiner Verschüchterung, daß der Augenblick des Ringens um Freiheit gekommen war.

»Laß mich los! Wir wollen gehen! —— zwischen uns kann keine Gemeinschaft mehr existieren!« rief er mit dem rücksichtslosen Muthe der Verzweiflung, indem er Antoninens Hand ergriff und sich von dem Wahnsinnigen loszumachen rang. Die Anstrengung war aber vergeblich —— Ulpius hielt ihn nur um so fester und lachte triumphierend.

»Was!« rief er, »der Diener des Tempels ist vor dem Hohenpriester in Schrecken! und fürchtet sich an der Opferstätte zu wandeln? Fürchte nichts, Sklav!

Der Mächtige, der über Leben und Tod und Zeit und Zukunft herrscht, ist freundlich gegen den Diener seiner Wahl! Vorwärts! vorwärts! nach dem Orte der Finsterniß und des Todes, wo ich allein allmächtig bin und alle anderen Geschöpfe, die zittern und gehorchen! An Deine Aufgabe Schüler! Mit Sonnenuntergang muß das Opfer gekrönt sein!«

Er blickte auf Numerian, als er sich anschickte ihn vorwärts zu ziehen und ihre Augen begegneten einander. In seiner stolz gebietenden Gebärde und dem wilden Triumph seines Blickes sah der Vater nur in noch phantastischerer Form denselben Ausdruck und dieselbe Stellung wiederholt, welche er am Morgen, wo er sein Kind verloren, an dem Heiden erblickt hatte. Alle Umstände jener Unglücksstunde, das leere Schlafgemach, die verbannte Tochter, —— der Triumph des Verräthers —— die Qual des Verrathenen stürmten auf seinen Geist herein und erhoben sich vor seinen Augen mit den lebhaften Farben eines Gemäldes; er rang nicht weiter, seine geistigen und körperlichen Widerstandskräfte waren gleich zermalmt. Er machte einen Versuch Antoninen von sich zu stoßen, als wollte er, des verborgenen Feindes außerhalb vergessend, sie zur Flucht durch die offene Thür anspornen, so lange noch die Aufmerksamkeit des Wahnsinnigen nicht auf sie gelenkt war. Außer dieser letzten Anstrengung des starken Instinktes der Vaterliebe schien aber jeder andere Gedanke in ihm erstorben zu sein.

Umsonst hatte er sich bemüht, das Kind von dem Schicksale zu befreien. welches dem Vater bevorstehen mochte —— für sie war die Furcht vor dem dunkeln Schatten auf dem Pflaster stärker als alle übrigen Besorgnisse. Sie schmiegte sich jetzt noch dichter an ihren Vater und hielt seine Hand noch fester. Als der Heide also in das Innere des Tempels schritt, war es nicht bloß Numerian, der ihm nach der Opferstätte folgte, sondern auch Antonina.

Sie begaben sich hinter die aufgehäuften Götterbilder. Auf der Rückseite der Masse zeigte sich eine hohe Zwischenwand von vergoldetem und eingelegtem Holze, die bis zur Decke hinaufreichte und den äußern Raum des Tempels von dem inneren trennte. Eine niedrige Oeffnung, die durch geschnitzte Thüren gleich denen auf der Vorderseite des Gebäudes geschützt wurde, war in der Abtheilungswand angebracht, durch diese trat jetzt Ulpins mit seinem Gefangenen in den Raum jenseits derselben.

Dieses Gemach war bedeutend kleiner als die erste Halle des Tempels, welche sie so eben verlassen hatten. Die Decke wie der Boden gingen schief hinab und hier war das Rieseln der Tiberwellen ihnen deutlicher hörbar als in der äußeren Abtheilung des Gebäudes. In dem Augenblicke, wo sie hineintraten, war der Ort sehr finster, der Haufen von Götterbildern fing sogar das wenige Licht auf, welches durch den schmalen Eingang hätte fallen können, aber die dichte Finsterniß wurde bald zerstreut. Ulpins zog Numerian hinter sich nach der linken Seite der Abtheilung, er warf eine Art von hölzernen Laden zurück und augenblicklich strömte ein blendender Lichtstrahl durch eine kleine in diesem Theile des Tempels angebrachte kreisförmige Oeffnung.

Jetzt wurde am untern Ende des Gemachs eine weit aufklaffende Höhlung in der Mauer sichtbar, die hoch genug war, um einen Menschen aufrecht einzulassen, die aber fast perpendikular zu einer unteren Räumlichkeit hinabführte, welche man nicht zu sehen vermochte, da kein Licht von diesem steilen, künstlichen Abgrund heraufkam, in dessen Dunkelheit sich das Auge verlor, nachdem es auf einige Fuß von der Oeffnung eingedrungen war.

Am Fuße des so sichtbar gewordenen Raumes sah man den Anfang einer Treppe, welche offenbar tief in die Höhlung hinabführte. Auf den steil abfallenden Wänden, die sie von allen Seiten umgrenzten, waren in den glänzenden Farben der alten Fresken Darstellungen der Gottheiten der Mythologie gemalt. Sie befanden sich alle in Stellungen, als ob sie in die Höhlung hinabstiegen und Allen folgten Nymphengestalten mit Blumenguirlanden in den Händen, schöne Vögel und andere ähnliche Bestandtheile der Opferceremonien des Heidenthums. Der abstoßende Contrast zwischen den glänzenden und graziösen Gestalten der Fresken und dem gefährlichen, düsteren Aussehen der Höhle, welche sie zierten, erhöhte die entsetzliche Bedeutsamkeit des Charakters des ganzen Gebäudes auf das Merkwürdigste. Seine frühere sündige Anwendung schien unverlöschlich auf jedem Theile davon eingeschrieben zu sein, wie vergangene Verbrechen und Qualen unverwischbar auf dem menschlichen Antlitz verzeichnet bleiben, der Geist sog davon Schrecken erregende Ideen von tödtlichem Verrath, von geheimen Abscheulichkeiten, von furchtbaren Verfeinerungen der Tortur, die kein uneingeweihtes Auge je erblickt hatte und denen Widerstand zu leisten, keine menschliche Entschlossenheit je kräftig genug gewesen war.

Aber die so empfangenen Eindrücke wurden nicht bloß durch das, was man in der Höhle und um dieselbe erblickte, sondern auch durch das, was die Ohren dort vernahmen, hervorgebracht. Der Wind drang in einiger Entfernung und durch eine Oeffnung, welche nicht zu sehen war, herein und wurde, wie es schien auf seinem Wege aufgefangen, denn er pfiff in schrillen langgezogenen Tönen nach dem Eingange des Schlundes herauf, zuweilen brachte er aber auch einen andern und noch näheren Ton hervor, der dem Klirren von einer Menge kleiner, heftig gegen einander schlagender, metallischer Substanzen glich. Das Geräusch des Windes, sowie das Rauschen des Tiber schienen aus einer größeren Entfernung zu kommen, als mit dem geringen Umfange des hinteren Tempeltheiles und der Nähe des Flusses an seinen niedrigen Grundmauern verträglich war. Offenbar erreichte die Höhlung erst dann ihren Ausgang, nachdem sie rückwärts unter dem Gebäude in seltsam verwickelten Gängen oder Kellerlabyrinthen hingegangen war, die in alten Zeiten als Kerker für Lebende- oder Gräber für Tode erbaut sein mochten.

»Die Opferstätte —— aha! die Opferstätte! rief der Heide triumphierend, als er Numerian an den Eingang der Höhle zog und feierlich in das Dunkel hinab deutete.

Der Vater blickte in den finsteren Schlund hinab, ohne sich jetzt weiter zu Antoninen umzuwenden, ohne sich zu bewegen, um den Freiheitskampf zu erneuern. Die irdischen Neigungen und Hoffnungen beginnen in seinem Herzen zu verbleichen —— er betete. Die feierlichen Worte der christlichen Gottesanrufung fielen in leisen murmelnden Tönen am Orte des Götzendienstes und Blutvergießens von seinen Lippen und mischten sich mit den unzusammenhängenden Ausrufungen des Wahnsinnigen, der ihn gefangen hielt und jetzt seine glimmenden Augen auf die Höhlung heftete und in dem düsteren fesselndem Zauber, welchen sie selbst auf ihn übte, beinahe die Gefangenen, die er noch an ihrer Mündung festhielt, vergaß.

Der einzige Lichtstrahl, den die kreisförmige Oeffnung in der Mauer hereinließ, fiel wild und phantastisch auf die sehr verschiedenen Gestalten der Drei, als dieselben so vereint vor dem unter ihnen aufgähnenden Abgrunde standen. Rund um sie her lag Alles im Schatten. An dem Orte des Unheils herrschte kein Licht, als der eine helle Strahl, welcher auf die gespenstische Gestalt des Ulpius, der noch in die Dunkelheit hinab deutete, auf die starren Züge Numerian’s der in der Bitterkeit der Todeserwartung betete, und über die zarte jugendliche Gestalt Antoninens hereinströmte die sich zitternd an ihren Vater schmiegte. Es war ein feierliches Schauspiel, an welchem die Erde keinen Theil zu haben schien.

Unterdessen zeigte sich der Schatten, welchen das Mädchen auf dem Pflaster vor der Tempelthür bemerkt hatte, dort wieder von Neuem, aber nicht um sich zurückzuziehen, wie das erste Mal, denn im Augenblicke darauf trat Goiswintha leise in das äußere Gemach des Gebäudes, welches die ersten Eingetretenen verlassen hatten. Sie schlich um die Aufhäufung von Götzens bildern, blickte in den inneren Raum des Tempels und sah die drei Gestalten dort in dem Lichtstrahle düster und bewegungslos vor der Mündung des Abgrundes stehen. Ihr erster Blick heftete sich auf den Heiden, dem sie instinkmäßig mißtraute und ihn fürchtete und dessen Zweck bei der Gefangenhaltung des Vaters und der Tochter sie nicht zu errathen vermochte. Der zweite fiel auf Antoninen.

Die Stellung des Mädchens war eine geschützte. Noch immer ihres Vaters Hand haltend, war sie theilweise durch seinen Körper gedeckt und stand, ohne es zu bemerken, unter dem Arme des Heiden, den derselbe erhoben hatte, um Numerians Schulter zu erfassen. Goiswintha bemerkte dies, erinnerte sich daran, daß Antonina ihr schon zweimal entgangen war, sie zauderte einen Augenblick und begann darauf mit vorsichtigem Schritte und gerunzelter Stirn wieder nach der Eingangsthür des Tempels sich zurückzuziehen.

»Noch nicht —— die Zeit ist noch nicht gekommen!« murmelte sie, als sie sich wieder in ihren frühem Versteck begab, »sie stehen, wo das Licht auf ihnen ruht —— das Mädchen ist bewacht und geschützt —— die beiden Männer sind noch neben ihr. Der Augenblick der That ist noch nicht gekommen —— der Streich des Messers muß sicher und fest sein! Fest, denn diesmal muß sie von meiner Hand sterben! —— sicher, denn ich habe außer der Rache an ihr noch andere zu üben! Ich, die ich seit der Nacht, wo ich von Aquileja entrann, geduldig und schlau gewesen bin, will geduldig und schlau bleiben. Wenn sie über die Schwelle tritt, so tödte ich sie im Herausgehen, wenn sie im Tempel bleibt ——«

Bei dem letzten Worte hielt Goiswintha inne und blickte nach oben. —— Die untergehende Sonne warf ihren feurigen Glanz auf ihr hageres Gesicht und ihr Auge strahlte wild in dem vollen Lichte.

»Die Dunkelheit ist nahe!« fuhr sie fort, »in den finsteren Hallen des Tempels wird die Nacht dicht und schwarz sein, ich werde sie sehen, während sie mich nicht erblicken soll! —— Die Dunkelheit naht, die Rache ist sicher! Sie preßte die Lippen auf einander, hüllte sieh enger in ihr Gewand und fuhr fort zu wachen und zu warten, wie sie bisher entschlossen gewacht und gewartet hatte.

Der Römer und die Gothin, die Gegensätze im Geschlecht, in der Nation und dem Schicksal —— der Wahnsinnige, der im Tempel von dem blutigen Aberglauben des Heidenthums träumte, und die Mörderin, die außerhalb über den Aussichten auf Blutvergießen brüte, waren jetzt zu einer von Beiden umgekehrten, geheimnißvollen Gleichheit der Erwartung verbunden —— die Stunde, wo die Sonne vom Himmel verschwand, war für Beide die Stunde des Opfers.

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Im Gange der Ereignisse ist jetzt eine momentane Pause eingetreten. Später zu erzählende Vorfälle machen es nöthig, den Zwischenraum zu benutzen, um den Leser mit der eigentlichen Natur und dem Zwecke der Höhlung in der Tempelwand, deren äußeres Aussehen wir bereits beschrieben haben, bekannt zu machen.

Die bezeichnende Eigenthümlichkeit im Gebäude der heidnischen Religion läßt sich am Passendsten mit der bezeichnenden Eigenthümlichkeit mit dem Bau der heidnischen Tempel bezeichnen. Beide waren dazu bestimmt, das Auge nur durch den äußern Effekt anzuziehen, welcher bei beiden die falsche, trügerische Abspiegelung des inneren Wesens war. Im Tempel ließ man dem Volke, wenn es unter dem langen Säulengange anbetete, oder von der Straße aus die hohen Vorhallen erblickte, sich die entsprechende Majestät und Symmetrie des Innern des Gebäudes denken, und gestattet es ihm nicht, zu entdecken, wie sehr es die glänzenden Erwartungen täuschte, welche das Aeußere einzuflößen so sehr geeignet war, wie wenig die dunkeln engen Hallen der Idole die geheimen Gewölbe und düsteren Raume im Stillen die Versprechungen der hohen Treppen, des breiten Pflaster, der massiven, im Sonnenglanze leuchtenden Säulen des Aeußeren erfüllte. So wurde auch in der Religion der Andächtige durch den Glanz von Prozessionen, die Pracht der Augurien, die Poesie des Glaubens angelockt, welcher seine heimathlichen Wälder mit scherzenden Dryaden und die Quellen, aus denen er trank, mit ihren schützenden Najaden bevölkern, der dem Berge und See, der Sonne, dem Monde und den Sternen, allen Dingen um und über ihm ihre phantastische Allegorie oder ihre anmuthige Legende von Schönheit und Liebe verlieh. Ueber dies hinaus ließ man aber seine erste Bekanntschaft mit seiner Religion nicht gehen, hiermit endete seine Einweihung. Man ließ ihn in Unwissenheit über die dunkeln, gefahrvollen Tiefen, welche unter der glatten anziehenden Oberfläche lauerten; man ließ ihn glauben, daß das, was gezeigt wurde, nur das Vorspiel der künftigen Entdeckung der Schönheit, die in den Gebräuchen des Heidenthums verborgen lag, sei; man ließ ihm nicht die erbärmlichen Betrügereien, die abscheulichen Orgien, die widerlichen Beschwörungen, die blutigen, insgeheim ausgeführten Menschenopfer erblicken, die das wahre Wesen der schönen äußern Gestalt bildeten. Der erste Anblick des Tempels täuschte sein Auge nicht weniger, als sein erster Eindruck von der Religion seinen Geist verblendete.

Mit den verborgenen, schuldbefleckter Mysterien des Heidenthums stand die Höhlung, vor welcher sich jetzt Ulpius mit seinen Gefangenen befand, in genauer Verbindung.

Die Menschenopfer, welche bei den Römern gebracht wurden, waren von zwei Arten, öffentliche und geheime. Die ersteren kamen in den frühen Jahren der Republik jährlich vor, wurden später verboten, von Augustus, der seine Kriegsgefangenen am Altare des Julius Cäsar opferte, wieder belebt und dann —— wiewohl unter nachfolgenden Regierungen zu besonderen Zwecken zuweilen erneuert, in der letzten Periode des Kaiserreichs als Theile der Ceremonien des Heidenthums gänzlich aufgegeben.

Die geheimen Opfer, welche mit den Mysterien der Mythologie in Verbindung standen und vor der beaufsichtigenden Regierung verborgen gehalten wurden, blieben weit länger im Gebrauche und dauerten wahrscheinlich bis zum allgemeinen Erlöschen des Heidenthums in Italien und den Provinzen. Es waren eine, Menge von den verschiedenartigsten Behältnissen zur Darbringung menschlicher Opfer in den verschiedenen Theilen des Reiches vorhanden, in den menschenerfüllten Stadien so gut wie in seinen einsamen Wäldern —— und eines von den merkwürdigsten und am längsten bewahrten war die große Höhlung in der Mauer des Tempels, welche Ulpius zu seinem Versteck in Rom gewählt hatte.

Das kellerartige Gewölbe war nicht bloß als versteckter Ort für die Handlung des Opfers und die Leiche des Geopferten erbaut worden. Die Art seiner Konstruktion war durch einen blutigen Kunstgriff verwickelter gemacht worden, indem man in der Höhlung selbst das Werkzeug der Opferung anbrachte, indem man es so zu sagen nicht bloß zum Behälter, sondern auch zum Verschlingen seiner menschlichen Beute machte. Am Fuße der hinableitenden Treppe —— von welcher, wie wir bereits erwähnt haben, nur der obere Theil von dem Eingange im Tempelgemach aus sichtbar war, hatte man die eherne Gestalt eines Drachen angebracht.

Der Körper des Ungeheuers, der der Treppe gegenüber fast im rechten Winkel aus der Mauer hervorragte, wurde nach allen Richtungen hin durch stählerne Federn bewegt, welche mit einer der unteren Stufen und mit einem im Rachen der Gestalt angebrachten Schwerte, welches die Zunge des Drachen darstellte, in Verbindung standen. Die Wände rückten um die Stufen, wenn man sich dem Drachen näherte, so zusammen, daß sie kaum einen menschlichen Körper hindurch ließen. Beim leisesten Drucke auf die Stufe, mit welcher die Feder zusammenhing, schoß der Körper des Ungeheuers vorwärts und das Schwert drang aus seinem Rachen augenblicklich in einer solchen Höhe über den Stufen hervor, daß es die hinabsteigende Person an einer tödtlichen Stelle durchbohren mußte. Die hierauf durch ihre eigene Schwere vom Schwerte herabfallende Leiche stürzte durch eine, röhrenartige Oeffnung unter dem Drachen, die in den Stufen oberhalb entgegengesetzter Richtung hinlief, hinab und gelangte an ein von den Wellen des Tiber, der unter den gewölbten Grundlagen des Tempels hinströmte, bespültes Eisengitter. Zu diesem Gitter gelangte man durch einen geheimen, von der Vorderseite des Gebäudes hinabführenden unterirdischen Gang, in welchem der Opferpriester sich der Leiche bemächtigen, Gewichte daran beseitigen, das Gitter öffnen und sie in den Fluß stürzen konnte, wo sie nie wieder von menschlichen Augen erblickt wurde.

In den Tagen, wo dieses Zerstörungswerkzeug zu dem Zwecke diente, wofür der furchtbare Scharfsinn ihrer Erfinder sie erbaut hatte, waren ihre hauptsächlichsten Opfer junge Mädchen. Mit Blumen bekränzt und in weiße Gewänder gekleidet, wurden sie dadurch verlockt, daß man sie mit reichen Opfergaben versah und ihnen sagte, daß der einzige Zweck, weshalb man sie die Stufen hinab sende der sei, die die Wände zierenden Bilder, welche wir einige Seiten weiter oben beschrieben haben, zu verwirklichen, indem sie ihre Gaben am Altare des Gottes unten, darbrächten.

Zur Zeit, von welcher wir schreiben, war der Drache schon seit vielen Jahren —— seit dem ersten Verbote des Heidenthums nicht mehr mit seiner gewohnten Beute genährt worden. Die seinen Körper bildenden Schuppen verrosteten allmählig und wurden von der Feuchtigkeit locker gemacht und brachten, wenn sie von dem Winde bewegt wurden, der von unten zu ihnen herauf drang, das klirrende Geräusch hervor, welches, wie wir bereits erwähnt haben, von Zeit zu Zeit am Munde der Höhlung hörbar wurde. Da aber die Federn, welche die tödtliche Wirkung der ganzen Maschine verursachten innerhalb derselben und bedeckt angebracht waren, so hatten sie der langsamen Einwirkung der Zeit und Vernachlässigung widerstanden und waren immer noch eben so vollkommen wie sonst geeignet, den tödtlichen Zweck, für welchen sie bestimmt waren, zu erfüllen.

Das endliche Schicksal des ehernen Drachen war das Schicksal der Religion, deren blutigsten Aberglauben er verkörperte, er fiel vor den unwiderstehlichen Fortschritten des Christenthums.

Kurz nach der Zeit unserer Erzählung wurde, da das Innere des Gebäudes, in welchem er sich befand, durch einen später zu erzählenden Vorfall gelitten hatte, das Aeußere abgetragen, um in seinen Säulen Materialien für eine Kirche zu liefern. Die Höhlung in der Mauer wurde von einem Mönche untersucht, der beider Zerstörung anderer heidnischer Tempel zugegen gewesen war und sich erboten hatte, ihren Inhalt zu entdecken. Mit einer Fackel in der einen Hand und einer eisernen Stange in der andern, stieg er die Treppe hinab und sondirte unterwegs die Wände und Stufen vor sich her. Zum ersten und letzten Male drang das Schwert unschädlich aus dem Rachen des Ungeheuers, als der Mönch mit seiner Eisenstange die verderbliche Stufe berührte, ehe er auf dieselbe trat. An demselben Tage noch wurde die Maschine zerschlagen und in den Tiber geschleudert, wohin ihre Opfer in früherer, Zeit geworfen worden waren.

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Es sind einige Minuten vergangen, seit wir den Vater und die Tochter neben dem Heiden vor dem Eingange der Höhlung verlassen haben und bis jetzt scheint noch keine Veränderung in der Lage der Drei eingetreten zu sein. Schon aber wird, während Ulpius in die Höhlung zu seinen Füßen hinabblickt, seine Stimme lauter und seine Worte werden vernehmlicher. Grausige Erinnerungen, die mit dem Orte in Verbindung stehen, beginnen sein träges Gedächtnis aufzuregen, die Finsterniß des Vergessens von seinen Gedanken zu heben.

»Sie gehen hier hinab, tief hinab!« rief er, in die Tiefen der Höhlung deutend, »und steigen nie wieder zum Lichte über der Erde auf. Unten wacht der große Vernichter und erblickt ihr Nahen in der Finstersniß! Horch, das Zischen seines Athems gleicht dem Klirren von Waffen in einem tödtlichen Kampfe!«

In diesem Augenblicke bewegte der Wind die lockeren Schuppen des Drachen. Auf einen Moment blieb Ulpius stumm und lauschte dem von ihnen hervorgebrachten Geräusche. Zum ersten Male zeigte sich auf seinem Gesicht ein Ausdruck des Schreckens. Sein Gedächtniß belebte von Neuem dunkel die Umstände seiner Entdeckung der tödtlichen Maschinerie in dem Gewölbe, als er seinen einsamen Aufenthalt im Tempel genommen, als er mit der verworrenen Erinnerung an die mysteriösen Gebrauche und Beschwörungen, die geheimen Opfer, die er in Alexandrien mit angesehen und ausgeführt hatte, erfüllt, den unterirdischen Gang, welcher zu dem eisernen Gitter unterhalb des Drachen führte, gefunden und verfolgt hatte.

Als sich der Wind wieder legte und damit das Klirren des Metalls aufhörte, begann er diesen Erinnerungen in Worten Ausdruck zu verleihen und sie in langsamen feierlichen Tönen vor sich hin zu erzählen.

»Ich habe den Vernichter gesehen. Der Unsichtbare hat sich mir offenbart,« murmelte er. »Ich stand an den eisernen Gittern, die ruhelosen Wellen rangen und kämpften unter meinen Füßen, als ich hinauf in den Ort der, Finsterniß blickte. Eine Stimme rief mir zu: —— Nimm Licht und siehe mich von oben! Nimm Licht! nimm Licht! Sonne, Mond und Sterne gaben dort kein Licht! aber in der Stadt brannten Lampen in den Häusern der Todten, als ich bei nächtlicher Weile an ihnen vorüberging, und die Lampe gab Licht, als Sonne, Mond und Sterne keines gaben!

Von den obersten Stufen blickte ich hinab und sah den Gewaltigen in seinem goldenen Glanze und näherte mich nicht, sondern schaute und lauschte in Furcht. Dann ertönte wieder die Stimme! —— ich vernahm wieder die Worte: Opfere mir insgeheim, wie Deine Brüder opfern! Gib mir die Lebenden, wo die Lebenden sind, und die Todten, wo die Todten! Die Luft kam kalt herauf und die Stimme schwieg, und die Lampe glich Sonne, Mond und Sternen, sie gab kein Licht in der Stätte der Finsterniß.«

Während er noch sprach, klirrten wieder die metallenen Schuppen in der Höhlung, denn der Wind war mit dem vorrückenden Abend stärker geworden.

»Horch! Das Zeichen zum Opfer« rief der Heide plötzlich, gegen Numerian gewendet, »Horch, Sklave, die Lebenden und die Todten sind in unserm Bereich. Der Athem des Unsichtbaren trifft sie auf der Straße und im Hause —— sie schwanken auf den Wegen und fallen auf den Tempelstufen nieder. Wenn die Stunde kommt, so wollen wir hinausgehen und sie suchen. Unter meiner Hand gehen sie in das Gewölbe hinab, gleichviel, ob todt oder lebend, sie fallen hindurch auf das eiserne Gitter, wo das Wasser springt und sich freut, sie zu empfangen. Es ist mein Amt, sie oben zu opfern, und das Deine, sie unten zu erwarten, das Gitter aufzuheben und sie dem Flusse zum Verschlingen zu geben. Die Todten fallen zuerst, die Lebenden, die von dem Vernichter getödtet werden, folgen ihnen!«

Hier hielt er plötzlich inne. Sein Auge siel jetzt zum ersten Mal wieder auf Antoninen, deren Dasein er bisher völlig vergessen zu haben schien. Ein widerliches Lächeln der Schlauheit und Zufriedenheit veränderte augenblicklich den ganzen Charakter seines Gesichts, als er sie ansah und sich dann bedeutsam nach der Höhlung umschaute.

»Hier ist Eine!« flüsterte er Numerian zu, indem er sie am Arme ergriff —— »halte sie fest —— die Stunde ist nahe!«

Numerian hatte während seiner Reden achtlos dagestanden, als er aber Antoninen berührte, war schon die Gebärde genug, um den Vater von Neuem zu, wenn auch hoffnungslosem, Widerstande aufzustacheln. Er schüttelte Ulpius Hand von dem Arme des Mädchens und zog sich mit ihr athe1nlos, wachsam zweifelnd, nach der Seitenwand hinter ihm zurück.

Der Heide lachte mit stolzer Zufriedenheit.

»Mein Sklave gehorcht mir und ergreift die Gefangene —— er erinnert sich, daß die Stunde nahe ist, und läßt sie nicht los. Komm fuhr er fort; »komm hinaus in die Vorhalle! —— Es ist Zeit, daß wir auf noch mehrere Opfer warten, bis die Sonne untergeht. Der Vernichter ist mächtig und muß Gehorsam finden.«

Er ging zu der Thür, welche in den ersten Raum des Tempels führte, und wartete dann auf Numerian, der jetzt zum ersten Male, von Ulpius getrennt, an der Stelle, welche er zuletzt eingenommen hatte, verharrte und sich ängstlich umsah. Es war keine Aussicht des Entrinnens zu erblicken —— die Mündung der Höhle auf der einen Seite und die Thür in der Scheidewand auf der andern, waren die einzigen Ausgänge des Gemaches. Er hatte keine Hoffnung weiter, als die, dem Heiden in die große Halle des Tempels zu folgen, sich sorgfältig von ihm entfernt zu halten und eine Gelegenheit zur Flucht durch die Hauptthür abzuwarten. »Die, als er sie das letzte Mal erblickt hatte, so verödete Straße konnte jetzt mehr Beweise davon, daß sie bewohnt war, gewähren. Es konnten Bürger oder Soldaten. vorbeigehen und in den Tempel gerufen werden —— es konnte Hilfe in der Nähe sein.

Als er mit Antoninen hinaus ging, zogen dergleichen Gedanken schnell durch den Geist des Vaters, ohne in diesem Augenblicke von der Erinnerung an die Fremde, die ihnen vom Pincischen Thore her gefolgt war, oder die Apathie des hungernden Volkes, wenn es zur Hilfe eines Andern aufgefordert wurde, begleitet zu werden. Da der Wahnsinnige sah, daß man ihm folgte, wie er es befohlen hatte, ging er vor ihnen auf die zusammengehäuften Götzenbilder zu; jetzt aber trat eine seltsame, plötzliche Veränderung in seiner Haltung ein. Er war bisher mit dem Schritte eines jungen, kräftigen, entschlossenen Mannes gegangen, jetzt aber schleppte er einen Fuß hinter dem andern so langsam und peinlich her, als ob er eine tödtliche Wunde erhalten hätte. Er schwankte mit größerer Gebrechlichkeit, als sie seinem Alter eigenthümlich war, der Kopf sank ihm auf die Brust und er stöhnte und murmelte unartikuliert in leisem, langgezogenem Winseln.

Er war bis neben die Zusammenhäufung auf halbem Wege nach der Thüre des Tempels gelangt, als Numerian, der mit spähenden Augen die plötzliche Veränderung seines Benehmens beobachtet hatte, die Verstellung vergaß, welche noch von der größten Wichtigkeit sein konnte, sich seinem ersten Antriebe hingab, hastig mit Antoninen vorwärts eilte und den Versuch machte, an dem Heiden vorüber-zueilen und zu entfliehen. In demselben Augenblicke blieb aber Ulpius stehen, taumelte, streckte convulsivisch seine Hände aus, ergriff Numerian am Arme und schwankte mit ihm gegen die Seitenwand des Tempels. Die Finger des gequälten Elenden schlossen sich, als ob sie sich nie wieder öffnen sollten —— schlossen sich wie mit dem letzten starren Griffe eines Ertrinkenden.

Seit vielen Tagen und Nächten hatte er sich unablässig unter der unbarmherzigen Tyrannei seines Wahnsinns abgemüht, seinen Götteraltar höher und höher aufgebaut und an der Opferstätte seine heidnischen Gebete gesprochen, und jetzt, in dem Augenblicke, wo er in seinem grausamen Zwecke am triumphierendsten war, wo sein eingebildeter Sklave und sein eingebildetes Opfer ihm am hilflosesten zu Befehl waren —— jetzt, wo sich seine aufs Aeußerste gespannten Fähigkeiten bis zum höchsten Gipfelpunkte erhoben hatten, bemächtigte sich seiner der lange ausgebliebene Paroxismus, der der Vorläufer seiner Ruhe, seiner einzigen Ruhe war, die ihm sein furchtbares Schicksal gestattete —— einer Veränderung —— der bereits beschriebenen wehmüthigen Veränderung —— in der Form seines Wahnsinns. In den seltenen Zeiträumen, wo er schlief, war sein Schlummer weder Bewußtlosigkeit noch Ruhe, es war eine Anhäufung von häßlichen Träumen —— seine Zunge sprach, seine Glieder bewegten sich, wenn er schlummerte, so gut, wie wenn er wachte. Nur wenn seine Visionen von dem Stolze der Macht, den wüthenden Kämpfen und kühnen Entschlüssen seiner reiferen Jahre, seinen dämmernden, stillen, wachen Träumen von seinen Jugendtagen wichen, ruhten seine müden Geisteskräfte und sein Körper mit ihnen in der bewegungslosen Ermattung völliger Abspannung. Dann, wenn seine Lippen noch Worte murmelten, glichen sie dem Murmeln eines glücklichen Kinderschlafes, denn die unschuldigen Reden seiner Kindheit, welche sie dann neu belebten, schienen auf eine Zeit lang die schuldlose Ruhe seiner Kindheit mit zu bringen.

»Geh! geh! —— fliehe, so lange Du noch kannst!« —— flüsterte Numerian indem er Antoninens Hand los ließ und nach der Thür deutete; aber zum zweiten Male weigerte sich das Mädchen, einen Schritt vorwärts zu thun. Kein Schrecken, keine Gefahr im Tempel vermochte auch nur auf einen Augenblick die Erinnerung an die Nacht im Bauernhause in der Vorstadt zu verbannen. Sie wendete fortwährend den Kopf dem offenen Eingange zu, heftete ihre Augen in der unablässigen Wachsamkeit des Entsetzens auf denselben und flüsterte verstört:

»Goiswintha! Goiswintha!«

Die Finger des Heiden hielten ihn noch starr und todtenähnlich umfaßt, er lehnte an der Wand, als ob das Leben und die Bewegung ihm für immer entflohen seien. Der Paroxismus war vorüber; sein erst vor einem Augenblicke noch verzerrtes Gesicht befand sich jetzt in Ruhe, aber es war eine Ruhe, die man nur mit Scheu anblicken konnte. Thränen flossen langsam aus seinen halbgeschlossenen Augen über seine runzeligen Wangen hinab, Thränen, die nicht der Ausdruck geistiger Pein waren —— denn auf seinen Lippen spielte ein bedeutungsleeres, unveränderliches Lächeln —— sondern der bloße mechanische Ausbruch der physischen Schwäche, welche die so eben vergangene Krisis zurückgelassen hatte. Auf seinen Zügen war nicht die leiseste Spur des Denkens oder der Wahrnehmung zu erblicken, sein Gesicht war das eines Blödsinnigen.

Numerian, der ihn auf einen Augenblick betrachtet hatte, schauderte zusammen und wendete, vor dem sich ihm bietenden Schauspiele zurückbebend, die Augen ab. Es stand ihm jedoch eine noch schwerere Prüfung seiner Festigkeit bevor, die er nicht vermeiden konnte.

In Kurzem wurde die Stimme des Heiden von Neuem hörbar; jetzt aber waren ihre Töne schwach, kläglich, fast kindisch, und die Worte, welche sie aussprachen, ruhige Worte voll Liebe und Sanftmuth, die von solchen Lippen und an einem solchen Orte furchtbar zu hören waren.

Der Tempel und Alles, was sieh darin befand, verschwand aus seinen Augen wie aus seinem Gedächtnisse. Von den furchtbaren übernatürlichen Einwirkungen seiner Krankheit beherrscht, schritt der Wahnsinnige in einem Augenblicke durch das dunkle Thal der Pilgerschaft seines Lebens nach dem lange verlassenen Gebiet seiner Jugendheimath zurück. Während er körperlich als Auswürfling der Vernunft und Menschheit an dem Schauplatze seiner letzten Verbrechen stand, lag er im Geiste in den Armen seiner Mutter, wie er dort gelegen hatte, ehe er nach dem Tempel von Alexandrien gegangen war, und sein Herz sprach mit dem ihren, und seine Augen blickten auf sie, wie sie geblickt hatten, ehe der verderbliche Ehrgeiz seines Vaters Mutter und Kind anf ewig getrennt hatte.

»Mutter! —— komm zurück, Mutter!« flüsterte er! »ich habe nicht geschlafen, ich sah Dich, als Du herein tratest und an meinem Bette saßest und über mir weintest, als Du mir den Kuß gabst. Kommt zurück und bleibe bei mir sitzen; ich gehe fort, weit fort, und werde Deine Stimme vielleicht nie wieder hören! —— Wie glücklich würden wir sein, Mutter, wenn ich immer bei Dir bleiben könnte, aber mein Vater will, daß ich nach dem Tempel in einem andern Lande gehe und dort lebe, um Priester zu werden und seinem Willen muß ich gehorchen. Ich komme vielleicht nie wieder zurück, aber wir werden einander nicht vergessen. Ich werde Deiner Worte gedenken, die Du sprachest, wenn wir glücklich zusammen zu reden pflegten«, und Du wirst Dich meiner erinnern.«

Ulpius hatte kaum die ersten Worte gesprochen, als Antonina plötzlich fühlte, wie der ganze Körper ihres Vaters an ihrer Seite erbebte. Sie lenkte ihr Auge von der Thüre ab, auf welche es bisher geheftet gewesen war, und blickte ihn an. Die Hand des Heiden war von seinem Arme herabgesunken, es stand ihm frei, sich zu entfernen, zu fliehen, wie er sich vor wenigen Minuten noch gesehnt hatte, und doch bewegte er sich nicht. Seine Tochter berührte ihn, redete ihn an, aber er wendete sich weder um, noch antwortete er. Es war nicht bloß das Erstaunen über den plötzlichen Uebergang von der Raserei des Verbrechens zu dem Murmeln der Liebe in der Rede des Heiden —— es war nicht bloß die Ueberraschung, von ihm in seinem Wahnsinn Enthüllungen über sein früheres Leben zu hören, die in den Tagen seiner verrätherischen Dienstbarkeit im Hause auf dem Monte Pincio nie über seine Lippen gekommen waren, die Numerians Inneres so mit heiliger Scheu erfüllte und seinen Gliedern die Bewegung raubte, es lag in Allem, was er hörte, mehr als dies. Diese Worte schienen für immer sein Schicksal bestimmt zu haben. Seine voll auf das Gesicht des Wahnsinnigen gerichteten Augen waren vom Entsetzen weit ausgerissen, seine tiefen, stöhnenden, convulsivischen Athemzüge mischten sich während des darauf folgenden Augenblickes der Stille mit dem Lauten der Glöckchen über ihm und dem Rieseln des Wassers unter ihm der beschwichtigenden Musik des Tempels, die am heitern Schlusse des Tages ihre frohe Abendhymne spielte.

»Wir werden uns daran erinnern, Mutter —— wir werden uns daran erinnern und in unserer Erinnerung glücklich sein!« fuhr Ulpius leise fort. »Mein Bruder, der mich liebt, wird Dich lieben, wenn ich fort bin, Du wirst in meinem kleinen Garten wandeln und an mich denken, wenn Du die Blumen anblickst, die wir in den Abendstunden zusammen gepflanzt und begossen haben, wenn der Himmel herrlich anzuschauen und die Erde um uns her in stiller Ruhe war! Höre, Mutter, und küsse mich! Wenn ich nach dem fernen Lande komme, so werde ich dort einen Garten machen, wie meinen Garten hier, und dieselben Pflanzen pflanzen, die wir hier gepflanzt haben, und des Abends werde ich hinausgehen und ihnen zu der Stunde Wasser geben, wo Du daheim hinausgehst, um meine Blumen zu begießen, und so wird es, wenn wir einander auch nicht wieder sehen, doch eben so gut sein, als ob wir zusammen im Garten arbeiten, wie wir es jetzt thun.«

Das Mädchen heftete immer noch ihren aufmerksamen Blick auf ihren Vater. Seine Augen zeigten noch den gleichen starren Ausdruck des Entsetzens, aber er wischte jetzt mit eigenen Händen mechanisch und wie seiner unbewußt, den Schaum ab, welchen der Paroxismus an den Lippen des Wahnsinnigen zurückgelassen hatte, und unter den Seufzern, die ihm entstehen, konnte sie Worte hören wie: »Gott und Herr! —— Barmherzigkeit! Gott und Herr! Du, der mir ihn so zurückgegeben hast —— so —— schlimmer als todt! —— Gnade! Gnade!«

Das Licht auf dem Steinpflaster der Vorhalle des Tempels wurde sichtlich schwächer —— die Sonne war untergegangen.

Zum dritten Male sprach der Wahnsinnige, aber seine Töne verloren ihre Weichheit, sie wurden klagend, unaussprechlich wehmüthig, seine Träume aus der Vergangenheit veränderten sich bereits:

»Lebe wohl, Bruder, lebe wohl auf Jahre, auf Jahre« rief er; »Du hast mir nicht die Liebe gegeben, die ich Dir gab, nicht an mir lag die Schuld, daß mich unser Vater am meisten liebte und mich ausgewählt hat, um nach dem Tempel gesendet und ein Priester am Altar der Götter zu werden. Nicht an mir lag die Schuld, daß ich nicht an Deinen Lieblingsspielen theilnahm und mich nicht den Gefährten anschloß, die Du aussuchtest —— es war unsers Vaters Wille, daß ich nicht leben sollte, wie Du lebtes und ich gehorchte ihm! Du hast im Zorne mit mir gesprochen und Dich in Geringschätzung von mir abgewendet, aber lebe wohl, Cleander, lebe nochmals wohl in Verzeihung und Liebe!«

Er würde vielleicht noch mehr gesprochen haben, aber seine Stimme wurde von einem langen Schmerzensschrei erstickt, der aus Numerians Lippen drang und mißtönig im Tempel widerhallte, als er mit dem Gesicht nach dem Boden zu den Füßen des Heiden niedersank.

Das dunkle, entsetzliche Geschick hatte sich erfüllt! Der Enthusiast für das Rechte und der Fanatiker für das Unrecht, Derjenige der sich gemüht hatte, die Kirche zu reformieren, und Der, welcher sich gemüht hatte, den Tempel wieder herzustellen, der Herr, der den Diener in seinem Hause aufgenommen und ihm vertraut, und der Diener, der in jenem Hause das Vertrauen des Herrn verrathen hatte, die beiden Charakter, die bisher in dem hohen Widerspruche des Guten und Bösen von einander getrennt gewesen waren, schlugen jetzt in entsetzlicher Berührung zusammen als Brüder, die ihr Leben aus einer Quelle gesogen, die als Kinder unter dem gleichen Dache gelebt hatten! Nicht in der Stunde, wo der gute Christ dem heimathlos in Rom umherwandernden verlassenen Heiden beigestanden hatte, enthüllte sich das Geheimniß, kein zufälliges Wort, welches dasselbe verrathen hätte, wurde ausgesprochen, als der Betrüger den Wohlhäter, den er zu täuschen complottirte, die erlogene Geschichte seines Lebens erzählte oder als am ersten Morgen der Belagerung die Macinationen des Dieners über das Vertrauen des Herrn den Sieg davon trugen —— es war aufgespart geblieben, um in den Worten des Deliriums, in den Greisenjahren des Wahnsinns enthüllt zu werden, wo Derjenige, welchem er es entdeckte, dessen, was er sprach, völlig unbewußt, und seine Augen für das wahre Wesen alles dessen, was er sah, blind geworden waren, wo die irdischen Stimmen, die ihn einst vielleicht zur Reue, zum Erkennen und zur Liebe hätten zurückrufen können, für diese Laute geworden waren, die, keine Bedeutung besaßen, wo durch ein furchtbares, entsetzliches Schicksal die ganze zermalmende Last der Enthüllung auf den Bruder fiel, der für den wahren Glauben gearbeitet hatte, eher von demjenigen getheilt zu werden, der für den falschen gewirkt!

Aber die in der Zeit gesprochenen Urtheile gehen von dem Tribunal jener Ewigkeit aus, auf welche die Geheimnisse des Lebens gerichtet sind und in welcher sie offenbar werden sollen —— sie warten weder auf menschliche Gelegenheiten, noch halten sie sich an die menschliche Gerechtigkeit, sondern sprechen zur Seele in der Sprache der Unsterblichkeit, die in der jetzigen Welt vernommen und in der künftigen ausgelegt wird.

Auf einen Augenblick selbst für die Erinnerung todt, daß Goiswintha noch außerhalb des Tempels auf eine günstige Gelegenheit warten könne, Verzweifelnd ihren Vater rufend und sich vergebens bemühend, ihn vom Boden aufzuheben, entsann sich Antonina in der sie zu Boden beugenden Prüfung des Augenblickes der Enthüllungen aus Numerians früheren Leben nicht, die ihr in den Tagen, wo die Hungersnoth in Rom auf ihrem höchsten Gipfel stand, gemacht worden waren. Der Name Cleander, welchen damals ihr Vater als denjenigen genannt, welchen er abgelegt hatte, als er sich von den Genossen seiner sündigen Wahl getrennt, ging unbeachtet an ihrem Ohr vorüber, als ihn der Heide in seiner Bewußtlosigleit aussprach. Sie erblickte in dem ganzen Auftritte nur eine neue Drohung der Gefahr, eine nene Vision des Schreckens, die Unheil verkündender war, als alle, welche sie bisher wahrgenommen hatte.

So dicht auch die Finsterniß war, mit welcher die beschwichtigenden, unwillkürlichen Erinnerungen an die Vergangenheit die Wahrnehmungskraft des Heiden umhüllt hatten, so schien sie doch der durchdringende Schmerzensschrei des Vaters wie ein plötzlicher Lichtstrahl durchdrungen zu haben. Die halbgeschlossenen Augen des Wahnsinnigen öffnen sich plötzlich und heften sich Anfangs träumerisch auf den Altar der Götzen. Er bewegte seine Hände vor sich hin und her, als theile er die Falten eines schweren Schleiers, welcher seine Sehkraft verdunkeln, aber seine umherschweifenden Gedanken nahmen bis jetzt noch nicht ihre alte Richtung auf die Grausamkeit und das Verbrechen an. Als er wiederum sprach, wurden ihm seine Worte zwar noch von den Träumen aus seinem frühem Leben eingeflößt, jetzt aber von seinem früheren Leben im Tempel von Alexandrien. Seine Ausdrücke waren abgerissener, unzusammenhängender als früher, dessen ungeachtet aber fuhren sie fort, dieselben Beweise der geheimnißvollen instinktmäßigen Lebhaftigkeit der Erinnerung zu entwickeln, welche das Resultat der plötzlicher Veränderung der Natur seines Wahnsinns war.

Seine Reden schweiften immer noch, als ob die Worte absichtslos und seiner unbewußt herauskamen über den Ereignissen seiner jugendlichen Einweihung in den Dienst der Götter hin und verwirrten zwar ihre Reihenfolge, bewahrten aber doch ihr Wesen, wie sie bereits im ersten Buche in der Geschichte seiner Lehrzeit im Tempel erzählt worden sind.

Bald blickte er in seiner Einbildung wieder von dem Gipfel des Serapistempels auf die schimmernde Fläche des Nil und das weit ausgedehnte Land um denselben. Bald schritt er stolz neben seinem Oheim Macrinus, dem Hohenpriester, durch die Straßen von Alexandrien; bald wanderte er bei Nacht in Neugier und Schauern durch die dunkeln Kellergewölbe und unterirdischen Gänge des Heiligthums, bald lauschte er erfreut auf die freundlichen Begrüßungen das ermuthigende Lob des Macrinus bei ihrer ersten Zusammenkunft. Aber bei diesem Punkte und während er auf diesem Anlasse verweilte, verdunkelte sich seine Erinnerung von Neuem, sie bemühte sich vergebens die Umstände wieder zurückzurufen welche das höchste Zeugniß der Theilnahme des Hohenpriesters an seinem Schüler und des Wunsches, ihn völlig mit seinem neuen Beschützer und seinen neuen Pflichten eins zu machen, begleiteten, als er diese Gefühle dadurch kundgegeben hatte, daß er dem zitternden Knaben die Auszeichnung eines seiner eigenen Namen verlieh.

Und hier müssen wir uns des Hauptgliedes in der räthselhaften Kette von Ereignissen erinnern, welche sich verbunden hatte, um die Brüder als Brüder getrennt zu halten, nachdem sie einander als Männer begegnet waren —— daß Beide aus weit verschiedenen Gründen im späteren Leben die Namen abgelegt, welche sie im Vaterhause getragen hatten, daß während der Eine sich durch seine eigene That und zu seinen besonderen Zwecken aus Cleander, dem Genossen der Leichtsinnigen und Verbrecherischen, in Numerian den Prediger des Evangeliums und Reformator der Kirche verwandelt, der Andere durch das ausdrückliche aufmunternde Gebot seines Lehrers Macrinus, des Hohenpriesters, aus dem Knaben Emilius der Schüler Ulpius geworden war.

Während sich der Heide noch fruchtlos bemühte sich die Ereignisse, welche sich auf seine Namensveränderung nach der Ankunft in Alexandrien bezogen, in’s Gedächtniß zurückzurufen und gegen die Wucht der Vergessenheit, welche auf seinen Gedanken lastete, ankämpfend, zum ersten Male bemühte, sich von der Wand zu entfernen, an der er bisher gelehnt hatte, während sich Antonina noch vergebens bestrebte, ihren Vater zur Erinnerung an die furchtbaren Erfordernisse des Augenblicks zurückzurufen und er ausgestreckt zu den Füßen des Heiden dalag —— wurde der Eingang des Tempels von Neuem durch die Gestalt Goiswinthens verdunkelt. Sie stand, eine dunkle unbestimmte Gestalt, in dem schwächer werdenden Lichte auf der Schwelle und blickte spähend in das von tiefen Schatten umhüllte Innere des Gebäudes. Als sie die veränderten Stellungen des Vaters und der Tochter bemerkte, stieß sie einen unterdrückten Ruf des Triumphes aus. Ehe aber noch der Laut ihren Lippen entflohen war, hörte sie ein Geräusch auf der Straße hinter ihr, oder glaubte sie ein solches zu vernehmen. Selbst jetzt wurde sie nicht von ihrer Wachsamkeit und Schlauheit, ihrem tödtlichen berechnenden Entschlusse, mit unerschütterlicher Geduld die gelegene Zeit zu erwarten, um überlegt und ungestraft den Streich führen zu können, verlassen Sie wendete sich augenblicklich zurück, trat auf die oberste Stufe der Tempeltreppe, blieb dort auf einige Augenblicke stehen und schaute wachsam auf dem freien Raume vor ihm umher.

Aber in jenen wenigen Augenblicken hatte sich die Scene im Gebäude abermals verändert.

Während der Wahnsinnige noch zwischen dem Rückfall in die Tobwuth und dem Verharren unter dem Einflusse der ruhigeren Stimmung, in welcher er vorzeitig gestört worden war, schwankte, erblickte er Goiswintha, als ihre Annäherung plötzlich den Eingang des Tempels verdunkelt. So schnell vorübergehend auch ihre Gegenwart war, so gab sie doch für ihn die Anwesenheit einer Gestalt ab, die er noch nicht erblickt hatte, die in einer fremdartigen Stellung zwischen dem Schatten im Innern und dem schwachen Lichte von Außen stand. Es war eine neue Gestalt, die sich seinen Augen bot, während sie sich anstrengten, ihre gewohnte Beobachtungsfähigkeit wieder zu erlangen, und die Macht dieses neuen Anblickes auf ihn war von augenblicklicher allgewaltiger Wirkung.

Er schrak verwirrt auf, wie Einer, der plötzlich aus einem tiefen Schlafe erwacht; auf einen Augenblick lief ein heftiger Schauder durch seinen ganzen Körper, dann spannte sich derselbe wieder in seiner früheren unnatürlichen Kraft an, der Dämon wüthete in seinem Innern mit erneuter Gewalt, als er sein Gewand, das von den zu seinen Füßen liegenden Numerian festgehalten wurde, aus dessen schwacher Hand losriß und auf die über einander gehäuften Idole zuschreitend, seine Hände in feierlicher Entschuldigung ausstreckte.

»Der Hohepriester hat vor dem Altar der Götter geschlafen,« rief er laut; »aber sie haben mit ihrem Geliebten Geduld gehabt; ihr Donner hat ihn nicht für sein Verbrechen getroffen. Jetzt kehrt der Diener zu seinem Dienste zurück —— die Mysterien des Serapis beginnen.«

Numerian lag noch gebrochenen Geistes ausgestreckt da. Er faltete langsam seine Hände, und seine Stimme wurde jetzt vernehmlich, als er in leisen erstickten Tönen nach oben flehte, als ob seine letzte Hoffnung auf Bewahrung seiner eigenen Vernunft in unablässigem Gebete liege.

»Gott, Du bist der Gott der Gnade, sei gnädig gegen ihn!« murmelte er. »Du, der Du die Reue annimmst, gewähre ihm Reue. Wenn ich Dir zu irgend einer Zeit ohne Tadel gedient habe, so rechne ihm den Dienst an, schütte die Gefäße Deines Zornes über mich aus! ——

»Horch, die Trompete bläst zum Opfer!« unterbrach ihn die kreischende Stimme des Heiden, als dieser sich vom Altar abwendete und seine Hände in rasender Inspiration ausstreckte. »Das Rauschen der Musik und die Stimme des Jubels steigen von den höchsten Berggipfeln auf. Der Weihrauch dampft und die Tänzer kreisen unter den Säulen des Tempels und rund um dieselben her! Der Opferstier ist fleckenlos, seine Hörner sind vergoldet, Kranz und Binde schmücken sein Haupt, der Priester steht bis auf den Gürtel nackt vor ihm —— er schüttet die Libation aus dem Becher, das Blut strömt über den Altar! Auf, aus, reißt mit dampfenden Händen das Herz heraus, so lange es noch warm ist. Die Zukunft liegt in den zuckenden Eingeweiden vor Euch, blickt sie an und lest! lest!’«

Während jener Worte war Goiswintha in den Tempel getreten, die Straße war noch einsam, es war keine Hilfe nahe!

Sie schritt nicht sogleich auf Antoninen zu, sondern verbarg sich in die Nähe der Thür hinter einem Vorsprunge des Haufens der Götterbilder und wartete, bis Ulpius sich von Antoninen, vor der er in diesem Augenblicke stand, abwenden würde. Sie war aber nicht unbemerkt eingetreten, Antonina hatte sie wieder erblickt und jetzt kam die Bitterkeit des Todes, wenn Junge unbeschützt in ihrer Jugend sterben, über das Mädchen und sie rief an Numerians Seite knieend mit leiser klagender Stimme:

»Ich muß sterben, Vater, ich muß sterben wie Hermanrich gestorben ist. Siehe auf zu mir und sprich zu mir, ehe ich sterbe.« Ihr Vater betete immer noch, er hörte nichts, denn sein Herz blutete noch zur Sühne am Altar seiner Jugend Heimath, und seine Seele sprach noch mit ihrem Schöpfer. Die Stimme, welche auf die ihre folgte, war die Stimme des Ulpius.

»O schön sind die Gärten um die heiligen Altäre und schön die Bäume, die die glänzenden Heiligthümer beschatten!« rief er entzückt in seinen neuen Visionen. »Sieh, der Morgen steigt herauf, die Geister des Lichts werden mit einem Opfer bewillkommnet. Die Sonne geht hinter dem Berge unter und die Strahlen des Abends zittern unter dem Messer des anbetenden Priesters. Der Mond und die Sterne scheinen hoch oben am Firmamente und die Genien der Nacht werden in den stillen Stunden mit Blut begrüßt.«

Als er innehielt, hörte man wieder die Klage Antoninens, in immer leiser werdenden Tönen:

»Ich muß sterben! Vater, ich muß sterben!« und mit ihr murmelten die stehenden Klänge Numerians.

»Gott der Gnade, erlöse die Hilflose und verzeihe den Bekümmerten! Herr des Gerichts, verfahre mild mit Deinen Dienern, die gesündigt haben! und mit Beiden in widersprechender Verbindung verbreitete die seltsame Musik des Tempels noch immer ihre beschwichtigenden Klänge —— das Rieseln des laufenden Wassers und das leise Lauten der Glöckchen.

»Betet an!«— Kaiser, Armen, Völker! verherrlicht und betet mich an!« schrie der Wahnsinnige in Donnertönen des Triumphes und Befehls, als sein Auge zum ersten Male die zu seinen Füßen ausgestreckte Gestalt Numerians erblickte. »Betet den Halbgott an, der mit den Göttern durch den Menschen unbekannte Sphären zieht. Ich habe das Stöhnen der Unbegrabenen gehört, die an den Ufern des Sees der Todten umherwandeln —— betet an! Ich habe auf den Fluß geblickt, dessen schwarzer Strom in seinem Laufe durch die Höhlen ewiger Nacht braust und brüllt! —— betet an! - Ich habe die Furien von Schlangen auf den runzeligen Hälsen peitschen sehen, und bin ihnen gefolgt, da sie ihre Fackeln über die leidenden Geister schwangen. Ich habe unbewegt in dem Orkanaufruhr der Hölle gestanden —— betet an! betet an! betet an!«

Er wendete sich wieder nach dem Altare der Idole um und forderte seine Götter auf, seine Gottwerdung zu verkünden, und in dem Augenblicke, wo er sich bewegte, sprang Goiswintha vorwärts.

Antonina kniete mit von der Thüre abgewendetem Gesicht da, als sie die Meuchlerin an ihrem langen Haar ergriff und das Messer in ihren Hals stieß. Die stöhnenden Töne des Mädchens, welches sein nahes Schicksal beklagte, schlossen mit einem schwachen Aechzen, es streckte seine Arme aus und fiel vorwärts über den Körper seines Vaters.

Im wilden Triumph des Augenblickes erhob Goiswintha den Arm, um den Stoß zu wiederholen, aber in diesem Moment sah sich der Wahnsinnige um.

»Das Opfer! das Opfer!« schrie er und sprang mit einem Satze wie ein wildes Thier nach ihrer Kehle. Sie stieß, ohne ihn zu treffen, mit den Messer nach ihm, während er seine langen Nägel in ihr Fleisch einschlug und sie rückwärts auf den Boden schleuderte. Dann stieß er ein rasendes Triumphgeschrei aus, stellte seinen Fuß auf ihre Brust und spie die unter ihm Liegende an.

Die Berührung der Leiche des Mädchens, als sie auf ihn niederfiel, der kurze aber furchtbare Tumult des Angriffes, welcher fast über hinwegging —— das schrille betäubende Geschrei des Wahnsinns erweckte Numerian aus seinem Traume verzweifelnder Erinnerung, riß ihn aus seinem stehenden Gebete —— er blickte auf.«

Das Schauspiel, welches seinen Augen begegnete, war eines von denjenigen, welche jede Fähigkeit, außer der des mechanischen Handelns erstickt, vor welcher der Gedanke aus dem Geiste des Menschen verschwindet, das Wort auf seinen Lippen erstirbt, der Ausdruck auf seinem Gesicht gelähmt wird. Der Anblick der entsetzlichen Katastrophe schien Grabeskälte auf Numerians Gestalt zu hauchen, seine Augen waren verglast und geistesleer, seine Lippen geöffnet und starr, selbst die Erinnerung an die Entdeckung seines Bruders schien in seinem Innern verschwunden zu sein, als er sich über seine Tochter herabbeugte und ein abgerissenes Stück ihres Kleides um ihren Hals band. Die seelenlose, gedankenlose, gespenstische Stille des Todes schien sich auf seine Züge geprägt zu haben, als er, ohne sich jetzt seiner Schwäche oder seines Alters zu erinnern, mit ihr in seinen Armen sich erhob, einen Augenblick bewegungslos vor der Thür stand und sich langsam nach Ulpius umsah. Dann ging er mit schweren regelmäßigen Schritten vorwärts. Der Fuß des Heiden stand immer noch auf Goiswinthens Brust, als der Vater an ihm vorüberkam, sein Blick war immer noch auf sie geheftet. Aber sein Triumphgeschrei hatte sich gestillt, er lachte und murmelte unzusammenhängend vor sich hin.

Der Mond erhob sich sanft, hell und ruhig über der stillen Straße, als Numerian mit seiner Tochter in den Armen die Tempeltreppe hinabstieg und nach einer kurzen Pause der Verwirrung und des Zweifels instinktmäßig seinen langsamen Weg auf der verlassenen Straße hin nach Hause einschlug. Bald darauf erblickte er im Mondlichte am Ende der langen Straße eine kleine Gruppe von Menschen, die in einem ruhigen regelmäßigen Zuge auf ihn zuschritten. Als sie näher kamen, sah er, daß Einer von ihnen ein offenes Buch hielt, daß ein Anderer an seiner Seite ein Crucifix trug und daß Andere ihm mit gefalteten Händen und niedergeschlagenen Augen folgten und dann nach einiger Zeit trug ihm der Abendwind die langsam und ehrerbietig gesprochenen Worte zu:

»Wisse denn, daß Gott weniger von Dir verlangt, als Deine Missethat verdient?«

»Kannst Du durch Suchen Gott finden? Kannst Du den Allmächtigen erforschen?«

Jetzt wurde der Wind schwächer und die Worte undeutlich, aber der Zug bewegte sich immer noch vorwärts. Als er näher und näher kam, hörte man wieder deutlich die Stimme des Lesers:

»Wenn Gottlosigkeit in Deiner Hand ist, so wirf sie von Dir, und laß sie nicht! in Deinen Hütten wohnen.«

»Denn dann wirst Du Dein Gesicht ohne Flecken erheben, ja, Du wirst beständig sein und keine Furcht haben.«

»Denn dann wirft Du Deine Noth vergessen und ihrer gedenken wie Flüsse, die verrinnen.«

»Und Dein Alter soll heller sein als der Mittag, Du sollst leuchten, Du sollst sein wie der Morgen.«

Der Leser hielt inne und schloß das Buch, denn jetzt war Numerian auf sie gestoßen und sie sahen ihn stumm im hellen Mondscheine vor sich stehen, wie er seine Tochter in seinen Armen trug und ihr Kopf über seine Schulter herabhing.

Unter denjenigen, welche sich um ihn versammelt hatten, befanden sich Einige, deren Züge er zu einer andern Zeit als die der noch lebenden Mitglieder seiner früheren Gemeinde erkannt haben würde. Die Prozession, welcher er begegnet war, bestand aus den wenigen aufrichtigen Christen in Rom, die sich nach der Veröffentlichung der Nachricht, daß Alarich die Friedensbedingungen bewilligt habe, versammelt hatten, um eine Wallfahrt durch die Stadt anzustellen, und den hoffnungslosen Versuch zu machen, durch Vorlesen aus der Bibel und Ermahnungen das leichtsinnige Volk zu einem Gefühl der Zerknirschung über seine Sünden in frommer, Dankbarkeit für seine nahe Erlösung von den Schrecken der Belagerung zu erwecken.

Jetzt aber, als Numerian vor ihnen stand, ließ er weder durch ein Wort, noch durch einen Blick merken, daß er einen von den ihn Umgebenden kenne. Auf alle an ihn gerichteten Fragen antwortete er durch hastige Bewegungen, welche Niemand begreifen konnte. Alle Versprechungen der Hilfe und des Schutzes, womit ihn seine frühem Anhänger im ersten Ausbruche ihres Kummers und Mitleids überhäuften, erwiderte er nur mit dem gleichen dumpfen gedankenlosen Blicke. Erst als sie ihn von seiner Last befreiten und sich sanft anschickten, das bewußtlose Mädchen nach ihrem Vaterhause zurückzutragen, begann er zu sprechen, und bat sie in schwachen, stehenden Tönen, ihm unterwegs ihre Hand halten zu lassen, damit er der Erste sei, der ihren Puls fühlen könnte —— wenn er sich noch bewegte.

Sie kehrten aus dem Wege, aus welchem sie gekommen waren, zurück, —— es war ein bekümmerter langsamer Zug! Unterwegs öffnete der Leser das heilige Buch von Neuem und dann erhoben sich durch die beschwichtigende himmlische Ruhe »der ersten Nachtstunde die Worte:

»Selig ist der Mensch, den Gott strafet; darum weigere Dich der Züchtigung des Allmächtigen nicht;

»Denn er verletzet und verbindet, er verwundet und seine Hand heilet.«



Kapitel III.
Die Vergeltung.

Wie im Leben eines Jeden die guten und bösen Leidenschaften, so zu sagen, zu beiden Seiten seines Weges aufgestellt sind, und er ihre Resultate in den Handlungen seiner Mitmenschen betrachten, seine Aufmerksamkeit, während sie noch von dem Schauspiele des Edeln und Tugendhaften angezogen wird, plötzlich durch den entgegengesetzten Anblick des Gemeinen und Verbrecherischen angeregt sieht, so wird auch im Verlaufe dieser Erzählung, welche das Spiegelbild des Lebens sein will, der Leser, der so weit mit uns gegangen ist und jetzt vielleicht geneigt wäre, dem kleinen Zuge andächtiger Christen weiter zu folgen, neben dem bekümmerten Vater hinzuwandern und mit ihm die Hand seines unglücklichen Kindes zu halten, doch den Bedingungen der Geschichte gemäß aufgefordert, aus einige Zeit zu der Betrachtung ihrer dunkleren Stellen der Sünde und des Schreckens zurückzukehren —— er muß wieder den Tempel betreten, aber er wird es zum letzten Male thun.

Die Scene vor dem Altare der Götter schritt schnell ihrem unheilschwangern Gipfelpunkte zu.

Die Raserei des Heiden hatte sich durch ihre eigne Wuth erschöpft, sein Wahnsinn nahm eine ruhigere und gefährlicher Gestalt an, sein Auge wurde schlau und argwöhnisch, in allen seinen Handlungen gab sich eine versteckte Ueberlegtheit und Wachsamkeit kund. Er nahm jetzt langsam seinen Fuß von Goiswinthens Brust und erhob zu gleicher Zeit seine Hände, um sie zurückzuschmettern, wenn sie einen Versuch zum Entfliehen machen sollte. Da er sah, daß sie noch von ihrem Falle bewußtlos dalag, verließ er sie, begab sich nach einer von den Ecken des Tempels, nahm aus ihr einen dort liegenden Strick, kehrte zurück und band ihr die Arme auf den Rücken. Der Strick schnitt tief durch die Haut des Handgelenkes, der Schmerz gab ihr das Bewußtsein wieder, sie litt in ihrem eignen Körper die Pein an derselben Stelle wo sie sie dem jungen Häuptling im Bauernhause jenseits der Vorstadt zugefügt hatte.

In der folgenden Minute fühlte sie, wie sie auf den Boden hin tiefer in das Innere des Gebäudes geschleift wurde. Der Wahnsinnige zog sie zu dem äußern Thore der Scheidewand, befestigte das Ende des Strickes an dasselbe und ließ sie hier allein. Dieser Theil des Tempels war in völlige Finsterniß eingehüllt, ihr Angreifer richtete kein Wort an sie, sie konnte nicht einmal die Umrisse seiner Gestalt erkennen, aber sie hörte ihn immer noch in heiseren, einförmigen Tönen, die bald nahe, bald wieder fern erklangen, vor sich hin lachen.

Sie gab sich verloren —— sie glaubte vorzeitig den Qualen und dem Tode geweiht zu sein, die sie erwartet hatte, bis jetzt aber verminderte sich ihre männliche Entschlossenheit und Energie noch nicht. Gerade die scharfe Pein, welche ihr die Banden an ihren Handgelenken verursachten, erregte eine heftige Körperanstrengung, um ihr Widerstand zu leisten und stählte dadurch ihre eisernen Nerven. Sie schrie weder um Hilfe, noch bat sie den Heiden um Mitleid. Der finstere Fatalismus, welchen sie von ihren wilden Voreltern ererbt hatte, hielt sie in einem selbstmörderischen Stolze aufrecht. Bald wurde das Gelächter, welches Ulpius hören ließ, während er sich langsam im Dunkeln des Tempels hin und her bewegte, von dem Klange ihrer tiefen, ächzenden, aber doch festen Stimme übertönt, als sie ihre letzten Worte sprach, —— Worte, gleich den wilden, stolzen Todesliedern der alten Gothen, wenn sie verlassen auf dem blutigen Schlachtfelde starben oder gebunden, der Viper und Natter zur Beute, in tiefe Kerker geworfen wurden. So sprach sie:

»Ich habe geschworen, mich zu rächen! Als ich fortging von Aquileja mit dem Kinde, das todt und mit dem, das verwundet war, als ich die hohe Mauer bei nächtlicher Zeit erkletterte und das Brausen der Wellen am Strande hörte, wo ich die Todten begrub, als ich in Finsterniß über die nackte Haide und durch den einsamen Wald wanderte, als ich die pfadlosen Seiten des Berges erkletterte und meine Zuflucht in der Höhle am Ufer des dunkeln Sees lag.

»Ich habe geschworen, mich zu rächen! Als die Krieger sich mir auf ihrem Marsche näherten und das Schmettern der Trompeten und das Klirren der Rüstungen in meine Ohren erschallte, als ich meinen Bruder Hermanrich, einen mächtigen Häuptling an der Seite des Königs in dem erobernden Heere begrüßte, als ich mein letztes Kind wie die übrigen todt sah, und wußte, daß es fern von dem Lande seines Volkes und den andern, die die Römer vor ihm erschlagen hatten, begraben werden würde.

»Ich habe geschworen, mich zu rächen! Als das Heer vor Rom lag, und ich mit Hermanrich am nebeligen Abend dastand, und auf die hohen Mauern der Stadt schaute, als die Tochter des Römers eine Gefangene in unserm Zelte war und ich sie betrachtete, wie sie auf meinen Knieen lag, als um ihretwillen mein Bruder ein Verräther wurde und meine Hand vom Streiche zurückhielt, als ich ungesehen in das einsame Bauernhaus ging, um mit meinem Messer sein Urtheil zu erfüllen, als ich ihn zu meinen Füßen den Tod eines Abtrünnigen sterben sah, und wußte, daß es eine Römerin war, die ihn von seinem Volke fortgelockt und gegen die Gerechtigkeit der Rache verblendet hatte.

»Ich habe geschworen mich zu rächen, als ich um das Grab des Häuptlings ging, der der Letzte meines Stammes war, als ich allein von dem Heere meines Volkes in der Stadt der Mörder meiner Kinder stand, als ich den Schritten der Tochter des Römers, die mir zweimal entronnen war, nachspürte, wie sie durch die Straße floh, als ich geduldig unter den Säulen des Tempels wachte und wartete, bis die Sonne untergegangen und das Opfer unbeschirmt und der Augenblick des Todesstreiches gekommen war.

»Ich habe geschworen, mich zu rächen! und mein Eid ist erfüllt —— das noch blutige Messer trieft von ihrem Blute —— die Hauptrache ist geübt! —— Die Uebrigen, die erschlagen werden sollten, bleiben für Andere und nicht für mich! Denn nun gehe ich zu meinem Gatten und meinen Kindern, jetzt naht die Stunde, wo ich in der Donnerwelt der Schatten mit ihren Geistern wohnen und in dem Thale der ewigen Ruhe bei ihnen meine Stätte aufschlagen werde. Die Nornen haben es gewollt —— es ist genug!«

Ihre Stimme bebte und wurde schwach, als sie die letzten Worte sprach —— der Schmerz, der in ihre Handgelenke einschneidenden Stricke überwältigte endlich ihre Besinnung und besiegte trotz allen Widerstandes ihre hartnäckige Standhaftigkeit.

Eine Zeitlang sprach sie noch in Zwischenräumen,, aber ihre Reden waren abgebrochen und unzusammenhängend. In dem einen Augenblicke rühmte sie sich noch, ihrer Rache, in einem andern jubelte sie in der eingebildeten Betrachtung des noch vor ihr liegenden Körpers des Mädchens und ihre Hände zuckten in ihren Banden und strengten sich an, sich wieder des Messers zu bemächtigen und von Neuem zuzustoßen. Bald aber hörten ihre Lippen gänzlich auf, noch weiter einen Ton von sich zu geben, außer den lauten starken Athemzügen, welche bewiesen, daß sie noch Bewußtsein und Leben besaß.

Unterdessen war der Wahnsinnige in das innere Gemach des Tempels getreten, und hatte den Laden über die Oeffnung in der Mauer gezogen, durch welche beim Eintreten Numerians und Antoninen’s das Licht gefallen war. Selbst der schwarze Schlund, welcher die Mündung der Drachenhöhle bildete, war jetzt mit allen übrigen Gegenständen in der dichten Finsterniß verschwunden. Keine Dunkelheit, wie groß sie auch sein mochte, war aber im Stande, die Sinne des Heiden im Tempel zu verwirren, von dem er in seinen ruhelosen Wanderungen bei Nacht wie bei Tage jeden Winkel besuchte. Wie durch einen geheimnißvollen Gesichtssinn geführt, verfolgte er, ohne sich zu irren, seinen Weg bis zum Eingange der Höhle, kniete dort nieder, legte seine Hände auf die erste von den Stufen, über welche man hinabstieg, lauschte athemlos und aufmerksam auf die aus dem Abgrund aufsteigenden Töne —— lauschte unbeweglich wie eine der Erde nicht angehörende Gestalt —— gleich einem Zauberer, der auf eine Stimme von den Orakeln der Hölle wartet —— gleich seinem Geiste der Nacht, der hinabblickt in die Eingeweide der Erde und die Geheimnisse der unterirdischen Schöpfung, die Riesenpulse der Bewegung und Wärme bewacht, die die belebenden Triebfedern der Welt sind.

Der Wind pfiff stoßweise wild und klagend herauf der Fluß sprudelte gegen das eiserne Gitter unter ihm an, die lockern Schuppen des Drachen klirrten, als sie die Nachtluft erreicht und diese Klänge glichen für ihn noch der Sprache seiner Götter, die ihn mit furchtbarem Entzücken erfüllte und ihn in der entsetzlichen Entwürdigung seines Wesens gleichsam eine neue Seele einflößten. Er lauschte und lauschte noch immer. Bruchstücke von wilden Phantasien, das vergebliche Sehnen des enterbten Geistes, sein göttliches Geburtsrecht unbeschränkten Denkens wieder zu erlangen, durchzuckten ihn jetzt und hielten ihn still und sprachlos an der Stelle, wo er kniete, fest.

Endlich hörte er aber durch die düstere Stille des Gemaches, wie sich die Stimme Goiswinthen’s von Neuem erhob und in heisem wilden Tönen laut nach Licht und Hilfe rief. Die Qual des Schmerzes und der Ungewißheit, das furchtbare Gefühl der Finsterniß und Stille, des einsamen Gefesseltseins und langsamer Pein hatte endlich das bewirkt, was keine offene Gefahr, keine gewöhnliche Drohung des gewaltsamen Todes hätte hervorbringen können, sie wich der Furcht und Verzweiflung —— sie sank unter einer lähmenden, abergläubischen Furcht zu Boden. Das Elend, welches sie Andern zugefügt, schnellte vergeltend auf sie selbst zurück, als sie im Bewußtsein der ersten Empfindung hilflosen Schreckens, die sie je gefühlt hatte, zusammenschauderte.

Ulpius erhob sich augenblicklich von der Höhle und schritt durch die Finsterniß gerade auf die Thür der Scheidewand zu, aber er ging an seiner Gefangenen vorüber, ohne einen Augenblick bei ihr zu verweilen, begab sich nach dem äußern Tempelgemache und begann auf dem Boden nach dem Messer umherzutappen, welches das Weib fallen gelassen hatte, als er es band. Er lachte abermals vor sich hin, denn der Geist des Bösen flüsterte ihm einen neuen Plan ein, verlockte ihn zu einer mitleidlosen Verfeinerung der Grausamkeit und des Truges.

Er fand das Messer, kehrte damit zu Goiswinthen zurück und zerschnitt den Strick, der ihre Handgelenke fesselte. Dann, als sie im Gefühl der ersten Linderung ihrer Schmerzen schwieg, flüsterte er ihr leise in’s Ohr:

»Folge mir und entrinne!«

Von der Dunkelheit und dem Geheimnisse, wovon sie umgeben war, verwirrt und entmuthigt, strengte sie vergebens ihre Augen an, um die Finsterniß zu durchdringen, als sie Ulpius hinter sich in das zweite Gemach zog. Er stellte sie an die Mündung der Höhle und hier bemühte sie sich zu sprechen, aber nur leise unartikulirte Laute kamen aus ihren kraftlosen Sprachwerkzeugen. Noch immer war kein Licht vorhanden, noch immer dauerte und wuchs die brennende nagende Pein an ihren Handgelenken, die sich nur auf einen Augenblick gelindert hatte, als der Strick durchschnitten worden war und noch immer fühlte sie die Gegenwart des unsichtbaren Wesens an ihrer Seite, das keine Finsterniß blind machen konnte und welches nach Willkür band und löste.

Von Natur heftig und entschlossen, verzweifelt und unversöhnlich, war sie ein furchtbares Zeugniß der erniedrigenden Macht des Verbrechens, als sie jetzt dastand, geschwächt durch die Last ihrer eigenen rächerischen Schuld, die sich erhoben hatte, um sie in der Stunde ihres Stolzes zu zermalmen —— durch die Einwirkung der Finsterniß, deren Gefahren Unschuldige und Schwache schon oft Trotz geboten haben —— durch die Ungewißheit, deren Pein sie widerstanden —— durch den Schmerz, den sie geduldig ertragen haben.

»Geh hinab, die steilen Stufen tief hinab und entfliehe!« flüsterte der Wahnsinnige in leisen berückenden Tönen. »Die Finsterniß oben führt zum Lichte unten. Geh hinab, weit hinab!«

Er ließ sie bei diesen Worten los. Sie zauderte zitterte und bebte zurück. Von Neuem aber wurde sie vorwärts gedrängt und von Neuem hörte sie das Flüstern:

»Die Finsterniß oben führt unten zum Lichte! Geh hinab! geh weit hinab!«

Die Verzweiflung gab ihr die Festigkeit zu gehen und die Furcht die Hoffnung, zu entrinnen. Ihre wunden Arme zitterten, als sie dieselben jetzt ausstreckte und zu beiden Seiten nach den Wänden der Höhlung tastete —— die Schrecken des Todes in tiefer Finsterniß von unsichtharen Händen und das letzte sehnsüchtige Verlangen, das Licht des Himmels von Neuem zu erblicken, waren am stärksten in ihr, als sie langsam und vorsichtig die verderbliche Treppe hinabzusteigen begann.

Jetzt sank der Heide wieder in seine frühere Stellung am Munde der Höhlung und lauschte athemlos. Es schienen zwischen jedem Schritte Minuten zu vergehen, als sie tiefer und tiefer hinabkam. Plötzlich hörte er sie wie von panischem Schrecken über die Finsterniß ergriffen, stöhnend ausrufen:

»Licht! Licht! O, ist das Licht!«

Er stand auf und streckte seine Hände aus, um sie zurückzuschleudern, wenn sie einen Versuch zur Rückkehr machen sollte, aber sie stieg von Neuem abwärts. Zweimal hörte er ihren Fuß schwer auf den Stufen auffallen —— dann trat ein Zwischenraum tiefer Stille ein —— dann hallte ein scharfes, knirschendes metallisches Klirren schneidend durch die Höhlung, worauf aus ferner Tiefe das Geräusch eines dumpfen schweren Falles schwach hörbar wurde —— und dann hörte man wieder die alten bekannten Klänge des Ortes, die weiter keine Unterbrechung erfuhren. Der Drache hatte sein Opfer erhalten!«

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Der Wahnsinnige stand auf der Vortreppe des heiligen Gebäudes und blickte auf die Straße hinaus, die vor ihm im hellen italienischen Mondenschein schimmerte. In seinem Geiste war keine Erinnerung an Numerian und Antonina und die frühem Ereignisse im Tempel vorhanden. Er sann unvollkommen und mit einem vagen Stolze und Triumph über das Opfer nach, welches er im Heiligthume des ehernen Drachen gebracht hatte. In diesem geheimen Jubel blieb er unthätig und in seine unsteten Gedanken versenkt und zögerte, in die unterirdischen Gänge zu treten, welche zu dem eisernen Gitter führten, wo Goiswinthens Leiche von den Wellen bespült dalag und nur seine Hand erwartete, um in den Fluß geworfen zu werden, welcher alle frühem Opfer verschlungen hatte.

Seine hohe einsame Gestalt wurde von dem Mondschein erleuchtet, welcher durch die Säulen der Vorhalle einfiel, seine weiten Gewänder bewegten sich langsam um ihn im Winde, als er fest und aufrecht vor der Thür des Tempels stand. Er glich eher dem gespenstischen Genius des geschiedenen Heidenthums, als einem lebenden Menschen. So leblos er aber auch erschien, war sein scharfes Auge doch immer noch auf der Wacht, wurde immer noch von dem rastlosen Argwohne des Wahnsinns geleitet. Eine Minute nach der andern verging ruhig und bis jetzt zeigte sich seinen schnellen Blicken noch nichts, als der verödete Weg und die hohen düsteren Häuser, die ihn auf beiden Seiten begrenzten. Bald sollte er jedoch durch von diesen weit verschiedene Gegenstände angezogen werden, durch Gegenstände, die die Stille der ruhigen Straße mit dem Tumult der Thätigkeit und des Lebens aufschreckten.

Er blickte immer noch aufmerksam auf die begrenzte Aussicht, wobei er sich unbestimmt Goiswinthens todtbringendes Hinabsteigen in die Höhlung vorstellte und triumphierend an ihren todten Körper dachte, der jetzt auf dem Gitter darunter lag, als rother Fackelschein der die Reinheit des mondhellen Pflasters, auf welchen er geworfen wurde, zu beflecken schien, seinem Auge sichtbar wurde.

Das Licht zeigte sich an demjenigen Ende der Straße, welches nach den bevölkerteren Theilen der Stadt führte und ließ bald eine Schaar von vierzig bis fünfzig Menschen unterscheiden, welche sich dem Tempel näherten. Der Heide blickte sie aufmerksam an, wie sie immer näher und näher kamen. Die Versammlung bestand aus Priestern, Soldaten und Bürgern. Die Priester trugen Fackeln, die Soldaten waren mit Hämmern, Brecheisen und anderen ähnlichen Werkzeugen versehen oder beugten sich unter der Last großer, mit Eisen beschlagener Kisten, dicht hinter denen das Volk ging, als ob es sie mit eifersüchtiger Sorge bewachte. Vor diesem seltsamen Zuge schritten zwei Männer —— ein Priester und ein Soldat —— in ziemlicher Entfernung her. Auf ihren blassen, vom Hunger ahgezehrten Gesichtern zeigte sich ein Ausdruck der Ungeduld und des Triumphs, als sie sich mit schnellen Schritten dem Tempel nahten.

Ulpius bewegte sich nicht von der Stelle, heftete aber, als sie näher kamen, seine durchdringenden Augen auf sie. Nicht umsonst stand er jetzt wachsam und drohend vor dem Eingange seines dunkeln Heiligthums. Er hatte die ersten Entwürdigungen gesehen, womit das gefallene Heidenthum überhäuft worden war, und jetzt sollte er die letzten erblicken, alle seine Körper- und Geisteskräfte, sein Knabenglück, seinen Jugendenthusiasmus, seinen Mannesmuth und im Greisenalter seine Vernunft auf dem Altare seiner Götter geopfert und jetzt sollten sie von ihm, so einsam verbrecherisch, wahnsinnig er schon für ihre Sache geworden war, noch mehr als alles dies verlangen! Der Senat hatte den Spruch erlassen, welcher die Schätze in den Tempeln Roms der gesetzlichen Plünderung weihte.

Die Regierung der Stadt, die ein durch frühere Erpressungen verarmtes Volk beherrschte und nur einen erschöpften Schatz vermutete, hatte umsonst unter allen gewöhnlichen Hilfsquellen nach den Mitteln gesucht, um das von Alarich als Preis des Friedens geforderte schwere Lösegeld zu bezahlen. Die einzige Möglichkeit, der Forderung zu entsprechen; welche noch vorhanden war, bestand darin, die heidnischen Tempel der Masse von Juwelen besetzten Zierrathen und Utensilien, der köstlichen Gewänder, der goldenen und silbernen Götterbilder zu entkleiden, welche sie, wie man wußte, noch enthielten, und die unter dem geheimnißvollen erblichen Einflusse des Aberglaubens, dessen Macht zu zerstören, die längste Arbeit der Wahrheit ist, unberührt und von dem Volke, wie von dem Senat geachtet geblieben waren, selbst nachdem die Religion, welche sie vertraten, vom Gesetz geächtet und von der Nation aufgegeben war.

Dieses letzte Auskunftsmittel, um Rom von der Blockade zu befreien, war fast eben so schnell angenommen worden, als man daran gedacht hatte. Die Ungeduld, womit das verhungernde Volk die augenblickliche Einsammlung des Lösegelds verlangte, gestattete nur wenig Zeit zur Ueberlegung, die Soldaten wurden mit den nöthigen Werkzeugen für die ihnen übertragene Aufgabe versehen, einige auserwählte Mitglieder des Senats, um zu sehen, daß sie die öffentliche Beute ehrlich einsammelten und die Priester der christlichen Kirchen erboten sich, den Zug durch ihre Gegenwart zu heiligen, und erleuchteten mit ihren Fackeln jedes geheime Gemach der Tempel, in welchem Schätze enthalten sein konnten. Noch am Ende des Tages, augenblicklich nachdem sie gestattet worden war, begann man hastig diese seltsame Forschung nach dem Lösegelde. Schon war viel gesammelt worden. Man hatte werthvolle Votivgaben von den Altären gerissen, wo sie so lange ungestört gehangen hatten, verborgene Schatzkisten mit heiligen Geräthen waren entdeckt und aufgebrochen, Götterbilder ihrer kostbaren Zierrathen entkleidet und von ihren massiven Piedestalen gerissen worden, und jetzt war der Zug der Geldsucher an den Ufern des Tiber hin in die Nähe des kleinen Serapistempels gekommen und eilte vorwärts, um ihn ebenfalls jedes werthvollen Gegenstandes, welchen er enthielt, zu berauben.

Der Priester und der Soldat forderten ihre Genossen hinter ihnen auf, herbeizueilen, als sie jetzt den Tempelstufen gegenüber angelangt waren, und in diesem Augenblicke sahen sie im bleichen Mondlichte über sich, die gespenstische einsame Gestalt des Ulpius —— die Erscheinung eines Heiden in den prächtigen Gewändern seines Priesterstandes —— von den Gräbern zurückgerufen, um vor dem Altare seiner Götter den Händen der Räuber Einhalt zu thun, stehen.

Der Soldat ließ seine Waffe fallen und weigerte sich, an allen Gliedern zitternd, weiter zu gehen. Der Priester, ein hoher, strenger, abgezehrter Mann, ging jedoch waffenlos und Unerschrocken voran. Er bezeichnete sich feierlich mit dem Kreuze, als er langsam die Stufen hinaufstieg, heftete seine Augen fest auf den Wahnsinnigen, der ihn ebenfalls anstarrte und rief mit rauher unbewegter Stimme:

»Mensch oder Dämon! im Namen Christi, den Du leugnest, weiche zurück!«

Auf einen Moment wendete der Heide, als ihm der Priester näher kam, die Augen ab und blickte auf die schnell heraneilenden Bürger und bewaffneten Soldaten. Seine Finger schlossen sich um den Griff von Goisminthens Messer, welches er bis jetzt locker in der Hand gehalten hatte, indem er in leisen gepreßten Tönen ausrief:

»Aha, die Belagerung! Die Belagerung des Serapis!« Der Priester, der jetzt mit ihm auf der gleichen Stufe stand, streckte seinen Arm aus, um, ihn zurückzustoßen und erhielt in demselben Augenblicke den Stoß des Messers. Er schwankte, erhob seine Hand nochmals, um seine Stirn mit dem Kreuze zu bezeichnen, und rollte todt auf das Straßenpflaster hinab.

Der Soldat, der in abergläubischem Schrecken bewegungslos einige Fuß weit von der Leiche entfernt dastand, rief seine Gefährten zur Hilfe herbei. Ulpius schleuderte herausfordernd seine blutige Waffe unter sie, als sie vereint an den Fuß der Tempeltreppe heranliefen, trat in das Gebäude und verschloß das Thor mit Riegeln und Ketten.

Jetzt hörte das um die Leiche des Priesters stehende Volk den Wahnsinnigen in seiner Raserei rufen, als habe er eine große Versammlung von Anhängern um sich, das geschmolzene Blei und den glühenden Sand hinabzuschütten, jede an die Mauer gelehnte Sturmleiter zurückzuschleudern, jeden Gefangenen zu ermorden, der beim Ersteigen der Mauern ergriffen werde —— und als sie von der Straße aus zu dem Gebäude hinaufblickten, sahen sie in Zwischenräumen durch die Balken der geschlossenen Thür die Gestalt des Heiden schnell und schattenhaft vorübereilen. Seine Arme waren ausgestreckt und sein langes, graues Haar und seine weißen Gewänder flatterten hinter ihm, als er den Tempel durchkreuzte und sein wildes heidnisches Kriegsgeschrei wiederholte. Das geschwächte abergläubische Volk erzitterte —— ein auf einem Wirbelwind reitendes Gespenst würde für ihre Augen nicht entsetzlicher gewesen sein.

Aber die Priester unter der Menge waren durch den Mord eines von ihren Brüdern zum Zorne aufgestachelt worden und belebten den Muth der sie Umgebenden von Neuem. Selbst das Geschrei des Ulpius wurde jetzt vom Tone ihrer auf’s höchste erhobenen Stimmen übertäubt, die Allen, welche ihnen die Treppe hinauffolgen und in den Tempel eindringen würden, himmlische und irdische Belohnungen —— die Seligkeit, Geld, Absolution, Standeserhöhung —— versprachen.

Durch die Worte der Priester angereizt und allmählig durch ihre Menge von Selbstvertrauen erfüllt, ergriffen, die Kühnsten munter dem Volke einen am Flusse liegenden Balken und stürmten, indem sie sich desselben wie eines Sturmbockes bedienten, auf das Thor ein. Sie waren aber vom Hunger geschwächt, die Nothwendigkeit, die Tempelstufen zum Angriff hinaufzusteigen, gestattete ihnen nicht, einen Anlauf zu nehmen; das Eisen erzitterte, als sie daran schlugen, aber die Angeln blieben eben so fest, wie die Schlösser. Sie schickten sich eben an, den Versuch zu wiederholen, als eine furchtbare Erschütterung —— ein Krachen, als ob das ganze schwere Dach des Gebäudes eingefallen wäre, sie entsetzt auf die Straße zurücktrieb.

Durch den Anblick der Bewaffneten, der Priester und der sie begleitenden Volksmenge, die gegen sein Heiligthum anrückten, wieder zu den Tagen zurückgerufen, wo er den großen Tempel des Serapis zu Alexandrien gegen Feinde von ähnlichem Aeußerem jedoch weit überlegener Zahl vertheidigt hatte, und in der Neubelebung dieser blutigsten Visionen seines Wahnsinns überzeugt, daß er immer noch von seinen Anhängern in seiner früheren geweihten Feste unterstützt, den christlichen Fanatikern Widerstand leiste, bewies der Heide, als er sich jetzt durch die ihn umgebende Dunkelheit bewegte, nichts von seiner gewohnten List und Vorsicht. Er eilte hin und her, munterte seine eingebildeten Anhänger auf, und gab sich seinen Träumen von Schlacht und Sieg hin, wobei er alles, was der Tempel enthielt, gänzlich vergaß. Auf seinem wilden Laufe um den Altar der Idole blieb sein Gewand hängen und wurde von den hervorragenden Gegenständen an einer Ecke desselben zerrissen. Die ganze Masse schwankte, fiel aber noch nicht. Einige von den kleineren Götterbildern, die zu oberst lagen, fielen jedoch auf den Boden und mit ihnen stürzte eine Statue des Serapis, welche sie bisher theilweise getragen hatten, —— eine schwere monströse Gestalt, die in Menschengröße aus Holz geschnitzt und mit Gold, Silber und Edelsteinen besetzt war, zu den Füßen des Heiden nieder. Dies war aber Alles —— das äußere Material des unsicheren Gebäudes war nur an einem Punkte abgelöst worden —— der Haufen selbst war noch an seinem Orte geblieben.

Der Wahnsinnige nahm das Serapisbild auf seine Arme und eilte blind mit demselben nach der Thür der Scheidewand, welche in den zweiten Raum führte. In diesem Augenblicke hallte der Stoß des ersten Angriffs an dem Thor im Gebäude wieder. Sobald er es vernahm, schrie er:

»Zum Ausfall! zum Ausfall! Diener des Tempels, die Götter und der Hohepriester führen Euch an!« stürzte, das Idol immer noch vor sich haltend, direkt auf den Eingang zu und stieß heftig an den hinteren Theil, der Anhäufung.

Die aus ihrem Gleichgewicht gebrachte schwere Masse von Bildern und Geräthen aus vielen Tempeln erhielt das Uebergewicht, schwankte, theilte sich und stürzte gegen das Thor und die Wände zu beiden Seiten desselben an. Ulpius wurde durch den unteren Theil des Hauses, welcher, als der obere umstürzte, gegen die Scheidewand zurückgetrieben worden war, gelähmt und blutend zu Boden geschlagen, seine Wuth aber durch den krachenden Ruin um ihn her nur noch größer. Er rang sich wieder zu einer aufrechten Stellung auf, erstieg den Gipfel der gefallenen Masse, die sich jetzt mit den Seiten über den Boden des Gebäudes ausbreitete, aber an dem einen Ende durch die Scheidewand und an dem andern durch die gegenüberliegende Mauer und das Thor eingeengt wurde und rief, die Serapisbildsäule immer noch in seinen Armen haltend, laut die Diener des Tempels auf, mit ihm die höchsten Zinnen zu ersteigen und das geschmolzene Blei auf die Belagerer herabzuschütten.

Die Priester waren wieder die Ersten, welche sich, nachdem man die Erschütterung in dem Gebäude gehört hatte, demselben näherten. Der Kampf um den Besitz des Tempels hatte für sie den Charakter eines heiligen Kriegs gegen Heidenthum und Magie, eines geweihten Kampfes, angenommen, den die Kirche, um ihres Dieners willen, der beim Beginn des Kampfes als Märtyrer gefallen war, bestehen müsse. Starke in ihrer fanatischen Kühnheit, rückten sie einmüthig bis dicht an das Thor heran. Einige von den kleineren Götzen der umgestürzten Masse waren durch die Gitterbalken gedrängt worden, hinter denen man die großen Idole, die zerbrochenen Massen von Geräthen, die langen Gewänder und köstlichen Stoffe erblickte, die alle in dem wildesten Durcheinander gleich, einem von einem Erdbeben aufgehäuften Chaos dalagen.

Ueber ihnen und weiter nach Innen sah man durch die oberen Zwischenräume des Thores undeutlich den unteren Theil von dem Gewande des Heiden, der, mit seinem Idol in den Armen, gebietend auf dem Gipfel seines umgestürzten Altars dastand.

Die Priester fühlten sich ihres Triumphes augenblicklich gewiß, als sie den Grund der Erschütterung erkannten, welche in dem Tempel gehört worden war. Einer von ihrer Zahl bemächtigte sich einer kleinen, durch die Zwischenräume hinaus auf das Pflaster gefallenen Statue, hielt sie, dem unter ihm stehenden Volke vor und rief triumphierend:

»Kinder der Kirche, das Räthsel ist gelöst! Werthvollere Götzenbilder als dieses liegen zu Hunderten in dem Tempel. Es ist kein Dämon, sondern ein Mensch, ein einziger Mensch, der uns noch im Innern Trotz bietet, ein Räuber, der die Römer um das Lösegeld ihres Lebens berauben will! —— Die Beute aus vielen Tempeln liegt um ihn, erinnert Euch, daß je näher wir diesem Orte kamen, die Ueberreste des Götzendienstes, die wir sammelten, immer seltener wurden, daß Schätze, die Euch gehören, Schätze, die Euch von der Hungersnoth befreien sollen, von dem Mörder unseres frommen Bruders geraubt worden sind und dort zu seinen Füßen zerstreut liegen. —— An das Thor! Wieder an das Thor! Diejenigen, welche das Thor einbrechen, erhalten Absolution für alle ihre Sünden.«

Abermals wurde der schwere Balken aufgehoben, abermals wurde das Thor bestürmt und abermals stand es fest —— es war jetzt von dem gefallenen Haufen verstärkt, verbarrikadirt worden. Es schien hoffnungslos zu sein, den Versuch zu machen, sie ohne eine Verstärkung von Menschen, ohne gegen sie die schwersten Wurfgeschosse, die stärksten Maschinen des Kriegs anzuwenden, niederzubrechen.«

Das Volk ließe ein Wuthgeschrei erschallen, als es jetzt aus dem Tempel das hohle Lachen des über dessen Niederlage triumphierenden Wahnsinnigen vernahm. Die Worte des Priesters hatten zugleich ihre abergläubischen Befürchtungen beschwichtigt und die tödlichen Leidenschaften erweckt, welche der Aberglaube erzeugt. Einige aus der Menge eilten nach dem nächsten Wachthause, um Beistand herbeizuholen, aber der größte Theil drängte sich dicht um den Tempel und überschüttete theils den Räuber der öffentlichen Beute mit ohnmächtigen Verwünschungen, theils schloß er sich den Priestern an, um ihn zur Ergebung aufzufordern. Aber der Lärm dauerte nicht lange, er wurde plötzlich durch die Stimme eines Mannes unter der Menge gestillt, welcher die Uebrigen laut aufforderte, den Tempel anzuzünden.

Die Worte waren kaum gesprochen, als sie auch triumphierend auf allen Seiten wiederholt wurden.

»Zündet den Tempel an!« schrie das Volk wüthend, »verbrennt ihn über dem Kopfe des Räubers —— macht einen Schmelzofen, um das Gold und Silber für unsern Bedarf zusammen zu schmelzen! —— Zündet den Tempel an! Zündet den Tempel an!«

Die Eifrigsten unter der Menge, welche sich jetzt durch aus allen Theilen der Stadt herbeigekommene Leute bedeutend verstärkt hatte, traten in die Häuser hinter ihnen und kehrten in wenigen Minuten mit allen brennbaren Stoffen, die sie zusammenzubringen vermochten, zurück.

In der kürzesten Zeit war ein zwei bis drei Fuß hoher Scheiterhaufen an dem Thore aufgerichtet und Soldaten und Volk drängten sich mit Fackeln herbei, um ihn anzuzünden. Der Priester, welcher vorher gesprochen hatte, winkte ihnen jedoch zurück.

»Wartet!« rief er, »das Schicksal seines Körpers hängt vom Volke ab, das Schicksal seiner Seele aber von der Kirche!«

Hierauf wendete er sich zu dem Tempel und rief feierlich und streng dem Wahnsinnigen zu:

»Deine Stunde ist gekommen! Bereue, beichte und rette Deine Seele!«

»Schlagt zu! schlagt zu!« antwortete die tobende Stimme von innen; »schlagt zu, bis kein Christ mehr lebt. Sieg, Serapis! Sieg! —— Seht sie stürzen von unsern Mauern! Sie krümmen sich blutend auf der Erde unter uns. Es gibt keine Religion, als die Religion der Götter! Schlagt zu! schlagt zu!«

»Zündet an!« rief der Priester; »seine Verdammniß komme über sein eigenes Haupt! Anathema! Maranatha! er sterbe verflucht!«

Die trocknen Brennstoffe wurden auf allen Punkten zugleich angezündet —— es war das erste Auto-da-fe, eine Ketzerverbrennung im fünften Jahrhundert! Als sich die Flammen erhoben, trat das Volk zurück und beobachtete ihr schnelles Umsichgreifen. Die in einer Reihe vor dem Feuer stehenden Priester streckten ihre Hände drohend gegen den Tempel aus und sprachen zusammen den schaurigen Bannfluch der römischen Kirche.

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Das vor dem Tempel angezündete Feuer hatte die Götzenbilder in seinem Innern ergriffen. Ulpius stand nicht mehr aus seinem umgestürzten Altar, sondern auf seinem Scheiterhaufen und die Bildsäule, welche er umfaßt hielt, war der Brandpfahl, an welchen er sich selbst gebunden hatte. Eine anfänglich düstere, rothe Gluth wurde unter ihm jetzt immer heller und heller, schnelle, geräuschlose Flammen stiegen und fielen und erhoben sich von Neuem auf verschiedenen Punkten, so daß sie das Innere des Tempels mit einem flackernden, wechselnden Licht erhellten. Die dunkeln finstern Gestalten der Götzen schienen sich zu bewegen und zu zucken, wie gepeinigte lebende Wesen, als sie das Feuer und der Rauch abwechselnd erkennen ließ und verhüllte. Eine Todtenstille hatte jetzt das Gesicht und die Gestalt des Heiden überzogen, als er fest auf die Gottheiten seiner Religion hinabblickte, welche unter ihm auf seine Vernichtung hinwirken. Seine Wange —— die Wange, welche in der Kindheit an seiner Mutter Brust geruht hatte, war an die vergoldete Brust des Serapis, seines Herrn im Leben, seines Kissens im Tode —— gedrückt.

»Ich steige! ich erhebe mich mit meinen Göttern, denen ich gedient habe, zur Welt des Lichtes!« murmelte er; »der Glanz ihres Angesichts gleicht einem flammenden Feuer, der Rauch ihres Athems erhebt sich um mich wie Weihrauchduft! Ich diene in den Tempeln der Wolken und die Herrlichkeit des ewigen Sonnenscheins umglänzt mich, während ich anbete —— ich steige auf, ich steige auf!«

Der Rauch wirbelte in schwarzen Massen über seinen Kopf, die brausende Stimme des sich schnell verbreitenden Feuers umtobte ihn, die Flammen leckten an seinen Füßen in die Höhe —— seine Gewänder entzündeten sich und verbreiteten eine strahlende Helle, als sich der Scheiterhaufen unter ihm öffnete.

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Der Streit zwischen dem Tempel und der Kirche war beendet —— die Priester und das Volk hatten einen weiteren Kreis um das dem Untergang geweihte Gebäude gebildet, alles Brennbare in demselben: war ausgebrannt, Rauch und Flammen brachen jetzt nur in Zwischenräumen durch die Thore und allmählig hörten beide auf sich zu zeigen. Jetzt trat das Volk näher an den Tempel heran und fühlte, als es hereinblickte, die Hitze des Hochofens, welchen es selbst entzündet hatte.

Die Eisenthore waren rothglühend —— von der großen Masse hinter ihnen, die an einigen Stellen immer noch hell loderte und von ihrer eignen Hitze erzitterte, stieg langsam ein dünner durchsichtiger Dunst zu dem jetzt vom Rauch geschwärzten steinernen Dache des Gebäudes empor. Die Priester sahen sich begierig nach der Leiche des Heiden um, sie erblickten zwei dunkle verkohlte Gegenstände, die eng mit einander verbunden in einem Aschenhaufen nahe am Thore an einer Stelle lagen, wo sich das Feuer schon erschöpft hatte, aber es war unmöglich, zu unterscheiden, welcher der Mensch und welcher der Götze sei.

Während die Flammen noch wütheten, hatte man die Nothwendigkeit, sich Mittel zum Eindringen in den Tempel zu verschaffen, nicht übersehen. Jetzt waren passende Werkzeuge zum Aufbrechen des Thores bei der Hand und schon begann das Volk seine Eimer in den Tiber zu tauchen und auf Alles, was noch Spuren von Feuer blicken ließ, Wasser zu schütten. Bald waren alle Hindernisse aus dem Wege geräumt, die Soldaten drängten sich mit Spaten in das Gebäude, traten in den schwarzen wässerigen Aschenschlamm, welcher das bedeckte, was einst der Altar der Götzen gewesen war, warfen die Asche und die unverzehrt gebliebenen steinernen Bildsäulen auf die Straße hinaus und gruben in dem, was zurückblieb, wie in einem neuen Bergwerke nach dem Gold und Silber, welches das Feuer nicht zu zerstören vermochte.

Der Heide hatte mit seinen Götzen gelebt, war mit seinen Götzen untergegangen und wurde jetzt hinausgeworfen wie sie. Die Soldaten mischten, als sie die schwarzen Ruinen seines Altars bruchstückweis herausgruben, ihn ebenfalls in Bruchstücken darunter. Das Volk, welches die ihnen zugeworfenen Abfälle in den Fluß schleuderte, warf mit dem, was noch von seinen Göttern vorhanden war, auch das von ihm Gebliebene hinein. Und als der Tempel verlassen worden war, als die Bürger alle Schätze, die sie zusammenbringen konnten, hinweggetragen hatten, als von Allem, was sie verbrannt, nur einige Aschenhaufen mehr übrig waren, verwehte der Nachtwind die Asche des Ulpius mit der Asche der Gottheiten, denen er gedient hatte!



Kapitel IV.
Die Vegilie der Hoffnung.

Vor uns thut sich jetzt ein neuer Anblick auf. Die rauhen Pfade, auf welchen wir bisher gewandelt sind, werden ebener, je näher wir ihrem Ziele kommen, Rom, das so lange dunkel und düster vor unsern Augen dagelegen hat, erhellt sich endlich wie eine Landschaft, wenn der Regen vorüber ist und die ersten Strahlen des wiederkehrenden Sonnenscheins durch die sich trennenden Wolken leuchten. Es sind einige Tage vergangen und in diesen Tagen haben die Tempel alle ihre Reichthümer hergegeben, die besiegten Römer haben die Gnade der triumphierenden Barbaren erkauft, das Lösegeld der gefallenen Stadt ist bezahlt.

Noch lagert sich das gothische Heer um die Mauern, aber die Thore stehen offen, in den Vorstädten sind Märkte für Lebensmittel errichtet, auf dem Flusse zeigen sich Boote und auf der Landstraße Wagen, die mit Mundvorräthen beladen, den Weg nach Rom einschlagen. Alle von den Bürgern noch zurückgehaltenen geheimen Schätze werden jetzt für Nahrung dahingegeben, die Verkäufer, welche den Markt halten, machen eine reiche Ernte, aber die Hungrigen werden gespeist, die Schwachen beleben sich von Neuem, ein Jeder ist zufrieden.

Wir befinden uns am Ende des zweiten Tages, seit die Gothen den freien Verkauf von Mundvorräthen gestattet und die Erlaubniß, aus der Stadt zu geben, gegeben haben. Die Thore sind für die Nacht geschlossen und das Volk kehrt mit Nahrungsmitteln beladen, ruhig nach seinen Wohnungen zurück. Seine Augen begegnen nicht mehr auf jeder Straße den furchtbaren Spuren der Pest und Hungersnoth, die Leichen sind fortgeschafft worden und die Kranken werden behütet und unter Obdach geschafft. Rom ist von seinen Flecken gereinigt und die Tugenden des häuslichen Lebens beginnen da, wo sie erst existiert hatten, eine neue ThätigkeiL Der Tod hat jede Familie gelichtet, aber die Ueberlebenden versammeln sich wieder in der geselligen Halle —— ja selbst die Verbrechen die niedrigsten Auswürflinge der Gesellschaft, nehmen für eine Zeitlang harmlos am Genusse der ersten Wohlthaten des Friedens Theil.

Den Bürgern nach ihren Häusern zu folgen, in ihren Gedanken, Worten und Thaten die Wirkung aufzusuchen, welche ihre Befreiung von dem Schrecken der Blokade auf sie gemacht hat, —— in dem Volke einer ganzen Stadt, welches jetzt so zu sagen,nach einer tiefen Ohnmacht wieder zu sich kommt, die wechselnden Formen der ersten Lebenssymptome aller Klassen, der Guten und Schlechten, Reichen und Armen zu betrachten würde an sich selbst schon Stoff genug für einen Roman vom höchsten menschlichen Interesse, für ein sich aufs Spannendste durch seltsame, verwickelt mit einander im Contrast stehende Scenen bewegendes Drama der Leidenschaften geboten haben. Unsere Aufmerksamkeit wird aber jetzt nicht von einer getheilten Quelle der Theilnahme in Anspruch genommen, sondern von einem Individuum auf sich gelenkt, wir geben alle Bemerkungen über die allgemeine Masse der Bevölkerung auf, um uns auf Numerian und Antoninen allein zu beschränken, um nochmals in die kleine Wohnung auf dem Monte Pincio zu treten.

Das Gemach, wo der Vater und die Tochter während der Zeit der Blockade zusammen die Qualen des Hungers erlitten hatten, bot jetzt ein ganz anderes Aussehen dar, als dasjenige, welches dasselbe zu der Zeit besessen hatte, wo wir die Beiden das letzte Mal darin erblickten. Die früher nackten Wände waren jetzt mit reichen dichten Tapeten bedeckt und das einfache Lager und der ärmliche Tisch früherer Tage mit dem Ueppigsten und Volllommensten, was es in jener Zeit von Hausrath gab, vertauscht. An dem einen Ende des Zimmers waren drei Frauen nebst einem kleinen Mädchen mit der Zubereitung einiger Gerichte von Obst und Gemüsen beschäftigt, am andern befanden sich zwei Männer im leisen ernsten Gespräch und blickten sich von Zeit zu, Zeit ängstlich nach einem aus der dritten Seite des Zimmers befindlichen Bette um, auf welchem Antonina ausgestreckt lag, während Numerian schweigend bei ihr machte. Goiswinthens Messer war tief eingedrungen, bis jetzt aber noch ihre Mörderabsicht noch nicht erfüllt.

Die Augen des Mädchens waren geschlossen, ihre Lippen waren von der Mattigkeit des Leidens getrennt, eine von ihren Händen lag nachlässig und unbeweglich auf dem Knie ihres Vaters. Ein leiser in seiner Schwäche betrübender Ausdruck des Schmerzes zeigte sich auf ihrem bleichen Gesicht und von Zeit zu Zeit entfloh ihr ein langgezogener zitternder Seufzer, —— die 1etzte, rührende Kundgebung der Natur von ihrer eignen Schwäche.

Der Greis heftete, während er neben ihr saß, einen verlangenden, forschenden Blick auf sie; zuweilen erhob er seine Hand und bewegte leise und mechanisch die langen Locken ihres Haares, welche zerstreut auf dem Kopfkissen umherlagen, hin und her, aber er wendete sich nie, um mit den übrigen Personen im Zimmer in Verkehr zu treten, er saß da, als ob er nichts sähe als die vor ihm ausgestreckte Gestalt seiner Tochter und nichts höre als das schwache Geräusch ihrer Athemzüge dicht an seinem Ohre.

Es war jetzt dunkel geworden und eine von der Decke herabhängende Lampe verbreitete ein mildes, gleichmäßiges Licht im Zimmer. Die verschiedenen Personen, welche sich darin befanden, besaßen auf ihren Gesichtern nur geringe Spuren von Gesundheit und Kraft, die man mit dem Aeußern des verwundeten Mädchens in Kontrast hätte setzen können, Alle hatten die Heimsuchung der Hungersnoth erlitten und Alle waren schwach und hilflos gleich ihr. Ueber der Scene lag eine eigenthümliche unbeschreibliche Harmonie; selbst die Stille der höchsten Erwartung und der zitternden Hoffnung, welche sich in Numerian’s Benehmen ausdrückte, schien sich in den Handlungen der ihn Umgebenden in der Ruhe, mit welcher die Frauen ihre Beschäftigung vor nahmen, in dem leiseren und leiseren Flüstern abzuspiegeln, in welchem die Männer ihr Gespräch fortsetzten.

In der Luft des ganzen Gemachs lag ein gewisses Etwas, welches ein Gefühl von der feierlichen überirdischen Stille gab, die wir mit der abstrakten Idee der Religion verknüpfen.

Von den beiden im Flüstertone mit einander sprechenden Männern, war einer der Patrizier Vetranio, der andere ein berühmter römischer Arzt.

Sowohl das Gesicht, wie das Benehmen des Senators gaben einen traurigen Beweis davon ab, daß die Orgie in seinem Palaste ihn für sein ganzes zukünftiges Leben verändert hatte. Er sah aus, wie das, was er war, ein für immer in Constitution und Charakter veränderter Mann. In seinen Augen erblickte man einen starren Ausdruck von Aengstlichkeit und Besorgniß, seine abgezehrte Gestalt wurde von Zeit zu Zeit durch nervöse, unwillkürliche Zuckungen entstellt; es lag klar am Tage, daß die lähmende Wirkung der Orgie, welche seine Gefährten hinweggerafft hatte, bis zum Ende seiner Existenz bei ihm beharren würde. In seinem Wesen war keine Spur mehr von seiner nachlässigen Ruhe, seiner behaglichen patrizischen Zutraulichkeit zu sehen, als er jetzt dem Gespräche seines Gefährten lauschte. Seinem Leben schienen Jahre hinzugefügt worden zu sein, seit er bei dem Gastmahle des Hungers den Vorsitz geführt hatte.

»Ja,« sagte der Arzt, ein kalter, ruhiger Mann, der viel redete, aber alle seine Worte mit nachdrücklicher Ueberlegtheit aussprach, »ja, wie ich Ihnen schon gesagt habe, war die Wunde an sich nicht tödlich. Wenn die Klinge des Messers nach vorn und nach innen zu in den Hals gedrungen wäre, so hätte sie sogleich nach dem Stoße sterben müssen. Es ist aber rückwärts und nach außen gegangen, die großen Gefäße sind verschont geblieben, es ist kein Lebenstheil berührt worden.«

»Und doch beharrst Du auf Deiner Erklärung, daß Du an ihrem Aufkommen zweifelst?« rief Vetranio mit leisem, wehmüthigem Tone.

»Das thue ich,« fuhr der Arzt fort, »sie muß an Geist und Körper erschöpft gewesen sein, als sie den Streich erhielt. Ich habe sie sorgfältig beobachtet, ich weiß es. Die Wirkung der Wunde findet keinen Widerstand an der natürlichen Gesundheit und Kraft der Jugend; ich habe alte Menschen an Verletzungen sterben sehen, von welchen die Jungen wieder genesen, weil das Leben in ihnen seine Widerstandsfähigkeit verliert, sie befindet sich in der Lage der Alten.«

»Die Andern sind vor mir gestorben und sie wird vor mir sterben. Ich werde Alles — Alles verlieren!« seufzte Vetranio bitterlich vor sich hin.

»Die Hilfsmittel unserer Kunst sind erschöpft!« fuhr Jener fort, »es bleibt nichts mehr zu thun, als sorgfältig zu wachen und geduldig zu warten. Der Kampf zwischen Leben und Tod wird sich in wenigen Stunden entscheiden, bis jetzt befinden sich beide Mächte im Gleichgewicht.«

»Ich werde Alles —— Alles verlieren,« wiederholte der Senator wehmüthig, als ob er die letzten Worte nicht gehört habe.

»Wenn sie stirbt,« sagte der Arzt in wärmerem Tone, denn Vetranio’s gänzliche Niedergeschlagenheit hatte unwillkürlich sein Mitleid erregt, »wenn sie stirbt, so kannst Du Dich wenigstens erinnern, daß Du Alles gethan hast, was geschehen konnte, um ihr Leben zu retten. Ihr in seinem Stumpfsinn und Alter hilfloser Vater vermochte nichts zu thun, als da zu sitzen und bei ihr zu wachen, wie er Tag um Tag gesessen und gewacht hat, aber Du hast nichts geschont, nichts vergessen. Was ich für sie verlangte, das hast Du herbeigeschafft, die Tapeten an den Wänden und das Bett, aus dem sie ruht, gehören Dir; die ersten frischen Lebensmittel von den wiedereröffneten Märkten sind von Dir herbeigebracht worden; ich hatte Dir gesagt, daß sie unablässig an das denke, was sie gelitten hatte, daß es nöthig sei, sie gegen ihre eigenen Erinnerungen zu bewahren, daß die Gegenwart von Frauen in ihrer Nähe gute Wirkung haben könne, daß ein zuweilen im Zimmer erscheinendes Kind ihre Phantasie beruhigen, sie bewegen dürfte, auf das zu blicken, was vorfiele, statt an das zu denken, was vorgefallen war, Du hast sie ausgesucht und herbei gesendet! Ich habe Väter gesehen, die um ihre Kinder, Liebhaber, die um ihre Geliebten weniger besorgt waren, als Du um dieses Mädchen.«

»Mein Schicksal liegt in ihr,« unterbrach ihn Vetranio, indem er sich abergläubisch nach der zarten Gestalt auf dem Lager umwendete; »Ich weiß nichts von den Mysterien, welche die Christen ihren Glauben nennen, aber ich glaube jetzt an die Seele, ich glaube jetzt, daß eine Seele das Schicksal einer andern enthält, und daß ihre Seele das Schicksal der meinen umfaßt.«

Der Arzt schüttelte spöttisch den Kopf. Sein Beruf hatte seine Philosophie geschaffen, er war ein so glühender Materialist, wie es Epicur nur immer gewesen sein konnte.

»Höre,« sagte Vetranio; »seit ich sie kenne, ist in meinem ganzen Wesen eine Veränderung eingetreten, es war, als ob ihr Leben mit dem meinen verknüpft sei! Ich hatte auf sie keinen andern Einfluß, als einen Einfluß zum Schlimmen, ich liebte sie, und sie wurde schutzlos aus ihrem Vaterhause getrieben; ich sendete meine Sklaven aus, um Rom Tag und Nacht zu durchsuchen —— ich strengte alle meine Kräfte an, ich verschwendete meinen Reichthum, um sie zu entdecken, und zum ersten Male mißlang mir das, was ich unternommen hatte. Ich fühlte, daß sie durch mich verloren —— todt sei! Tage vergingen, das Leben lastete schwer auf mir, die Hungersnoth stellte sich ein. Du weißt, auf welche Art ich meine Laufbahn schließen wollte, das Gerücht von dem Gastmahle des Hungers ist zu Dir gedrungen, wie zu anderen. Ich stand allein in meinem, dem Untergange geweihten Palaste da, die Freunde, die ich zu ihrem Untergange verlockt hatte, lagen lebloß um mich her, die Fackel, welche unsern Scheiterhaufen anzünden, uns aus dieser uns zum Ekel gewordenen Welt befreien sollte, war in meiner Hand, ich schritt triumphierend auf die angehäuften Brennstoffe zu, um die vernichtenden Flammen zu entzünden, als sie vor mir stand —— sie, die ich als verloren gesucht und als todt betrauert hatte. Eine starke Hand schien mir die Fackel aus der Hand zu reißen, sie sank zu Boden. Antonina entfernte sich wieder, aber ich besaß nicht die Kraft, die Fackel aufzuheben, ihr Blick war immer noch vor mir, ihr Gesicht, ihre Gestalt, sie selbst schien fortwährend zwischen der Fackel und mir zu wachen.

»Als die Beamten des Senats in den Palast traten, fanden sie mich noch an dem Orte stehen, wo wir einander begegnet waren!

»Wieder vergingen Tage; ich blickte auf die Straße hinaus und dachte an meine Genossen, die ich in den Tod gelockt, und an meinen Schwur, ihr Schicksal zu theilen, den ich nie erfüllt hatte. Ich würde mir den Dolch ins Herz gestoßen haben, aber ihr Gesicht stand vor mir, meine Hände waren gebunden.

»Zu jener Stunde sah ich sie zum zweiten Male, sah ich sie verwundet, gemeuchelt an mir vorübertragen! Sie hatte mich einmal —— sie hatte mich zweimal gerettet! Ich wußte, daß mir jetzt die Aussicht geboten war, ihr Gutes zu thun, nachdem ich ihr Böses zugefügt hatte; nachdem es mir mißlungen war, sie zu entdecken, als sie verschwand, sie jetzt zu retten, wo ihr der Tod drohte; nachdem ich den Tod meiner Freunde an meinem eigenen Tische überlebt, das Leben unter meinem Einflusse neu erwachen zu sehen! Dies waren meine Gedanken —— dies sind noch meine Gedanken —— Gedanken, die ich nur, seit ich sie gesehen, gehegt habe. Weißt Du jetzt, weshalb ich glaube, daß ihre Seele das Schicksal der meinen umfaßt, siehst Du mich geschwächt, zerrüttet, vor der Zeit alt geworden, siehst Du, daß meine Freunde verloren, meine frischen Jugendgefühle auf ewig verschwunden sind, und kannst Du jetzt nicht begreifen, daß ihr Leben mein Leben ist, daß, wenn sie stirbt, der einzige gute Zweck meines Lebens verloren ist? daß ich Alles verliere, wofür ich von nun an noch lebe? —— Alles, Alles!«

Als er die letzten Worte sprach, öffneten sich die Augen des Mädchens zur Hälfte und wendeten sich matt ihrem Vater zu. Sie machte einen Versuch, ihre Hand liebkosend von seinem Knie zu seinem Halse zu erheben, aber ihre Kraft war selbst für diese geringe Bewegung nicht hinreichend. Die Hand war erst um wenige Zoll erhoben, als sie auch wieder in ihre frühere Lage zurücksank, über ihre Wange rollte langsam eine Thräne, als sie wieder ihre Augen schloß, sie sprach jedoch kein Wort.

»Sieh,« sagte der Arzt, indem er auf sie deutete »der Strom des Lebens ist auf seiner tiefsten Ebbe angelangt, wenn er wieder fluthen soll, so muß es diesen Abend geschehen.«

Vetranio antwortete nicht, er sank auf einen Sessel nehen ihm nieder und bedeckte sein Gesicht mit seinem Gewande. Der Arzt begann, als er die Lage des Senators erblickte und das sonderbare, hastige Bekenntniß überdachte, welches so eben an ihn gerichtet worden war, zu zweifeln, daß sein Gönner nach den Auftritten, welche er in der letzten Zeit durchgemacht hatte, noch bei gesundem Verstande sei. War auch der Mann der Wissenschaft ein Philosoph, so hatte er doch nie die äußeren Symptome der ersten Einwirkung guter und reiner Einflüsse zur Erhebung eines herabgesunkenen Geistes bemerkt, er hatte nie die Zeichen der Rede und Gebärde beobachtet, welche den Fortschritt der geistigen Umwälzung andeuten, während die alte Natur sich mit der neuen vertauscht —— dergleichen Gegenstände der Betrachtung waren für ihn nicht vorhanden —— er berührte sanft Vetranio’s Schulter.

»Steh’ auf!« sagte er, »laß uns gehen! Bei ihr sind Diejenigen, welche sie am besten bewachen können. Wir können nichts weiter thun, als warten und hoffen. Mit dem frühesten Morgen wollen wir zurückkehren.«

Er gab einer von den Krankenwärterinnen noch einige letzte Aufträge und verließ dann in Begleitung des Senators, der, ohne weiter ein Wort zu sprechen, mechanisch aufstand, um ihm zu folgen, das Zimmer.

Von jetzt an wurde die Stille nur zuweilen durch ein Flüstern und den Ton leichter, schneller, hin und her gehender Schritte unterbrochen. Dann wurden die kühlenden, stärkenden Tränke, welche für die Nacht bereitet worden waren, in die Becher gegossen und die Frauen traten zu Numerian, wie, um ihn anzureden, aber er winkte ihnen, sobald er sie erblickte, unmuthig zurück, und dann entfernten auch sie sich, um in einem benachbarten Zimmer zu warten, bis man sie wieder rufen würde.

Im Wesen des Vaters, als er in der Kammer der Krankheit, welche in wenigen Stunden zur Kammer des Todes werden konnte, allein zurückblieb, veränderte sich nichts. Er saß neben Antoninen, bewachte sie und berührte von Zeit zu Zeit die verstreuten Locken ihres Haares, wie er es bisher gethan hatte. Es war eine helle Sternennacht, die frische Luft des milden Winterklimas des Südens wehte sanft über die Erde hin, die große Stadt wurde allmälig still, mitunter hörte man auf den Hauptstraßen rufende Stimmen und aus dem gothischen Lager erklangen munter die fernen Töne kriegerischer Musik, als die Schildwachen auf ihre Posten gestellt wurden, bald aber verklangen auch diese Töne und die Stille Roms glich der Stille um das Lager des verwundeten Mädchens.

Einen Tag nach dem andern und eine Nacht nach der andern hatte Numerian seit dem Mordanfalle im Tempel seinen Platz an der Seite seiner Tochter bewahrt. Jede vorüberziehende Stunde fand ihn noch in seine lange Hoffnungswache versenkt, sein Leben schien durch den einen Gegenstand, welchen er jetzt in Banden hielt, in seinem Laufe aufgehalten zu sein. In den kurzen Zwischenräumen, wo ihn bei seiner traurigen Wache die Müdigkeit übermannte, bemerkten die ihn Umgebenden, daß sein Gesicht selbst während seines kurzen traumerfüllten Schlummers stets nach der einen Richtung, dem Kopfende des Bettes, gewendet blieb, als ob er dort durch einen unwiderstehlichen Einfluß, durch eine mächtige Gewalt angezogen werde, die sich selbst in der tiefsten Ruhe des Bewußtseins, der schwersten Ermüdung des überladenen Geistes und des matten sinkenden Herzens fühlbar machte. Er unterhielt, außer durch Zeichen, keinen Verkehr mit den ihn umgebenden Freunden, er schien mit ihnen weder zu hoffen, zu zweifeln, noch zu verzweifeln, alle seine Fähigkeiten waren angespannt, um nur an einem einzigen Punkte zu fibriren und in jeder andern Richtung dumpf und unempfänglich.

Nur zweimal hatte man ihn mehr als die einfachsten, kürzesten Worte sprechen hören. Das erste Mal, wie Antonina, als sie nach ihrer Verwundung wieder zum Bewußtsein gelangte, den Namen, Goiswinthens aussprach, antwortete er eifrig durch wiederholte Erklärungen, daß von nun an nichts mehr zu befürchten sei, da er die Mörderin, als er den Tempel verlassen, todt unter dem Fuße des Heiden gesehen habe. Das zweite Mal, wo von ihm unvorsichtiger Weise das in Rom verbreitete Gerücht von dem Verbrennen eines unbekannten heidnischen Priesters im Tempel des Serapis mit ungeheuren Schätzen vor ihm erwähnt wurde, sah man den alten Mann zusammenschrecken und schaudern, und hörte ihn für die Seele beten, welche jetzt vor dem furchtbaren Richterstuhle stehe, über eine vergebliche Wiedergabe und eine zu spät gemachte Entdeckung Murmeln, über die um ihn immer dichter werdenden Schrecken, über vergeblich erweckte Hoffnungen und entsetzlichere Verluste, als je ein menschliches Wesen erlitten, stöhnen, flehen, daß das Kind, das legte, was ihm noch von Allem geblieben sei, verschont werden möge, und noch viele andere Worte, die sich auf ähnliche Gegenstände bezogen, und die von Allen, welche sie anhörten, nur für die Phantasien eines Geistes angesehen wurden, dessen höhere Fähigkeiten durch Schwäche und Kummer zu Boden gedrückt waren.

Bereits war eine lange Stunde der Nacht vergangen, seit man Vater und Kind beisammen gelassen hatte, und in dem trüben Zimmer war kein Wort, keine Bewegung bemerklich geworden, als aber die zweite Stunde begann, öffneten sich wieder die Augen des Mädchens und sie bewegte sich peinlich auf ihrem Lager.

Gewohnt, die Bedeutung ihrer leisesten Gebärden auszulegen, stand Numerian auf und brachte ihr einen von den stärkenden Tränken, die für sie bereit gestellt worden waren. Nachdem sie getrunken hatte, und ihre Augen den in stummer, wehmüthiger Frage auf sie gehefteten Blicken ihres Vaters begegnet waren, schlossen sich ihre Lippen und nahmen einen Ausdruck an, wie denjenigen, welchen sie stets getragen hatte, wenn sie als Kind ihr Gesicht zu ihm hinauf hielt, um einen Kuß zu verlangen. Der traurige Kontrast zwischen dem, was sie jetzt war, und dem, was sie früher gewesen, ging über die passive Standhaftigkeit, die geduldige Resignation des gebrochenen alten Mannes —— der leere Becher sank aus seinen Händen, er kniete neben dem Lager nieder und stöhnte laut.«

»O Vater, Vater!« lispelte die schwache, klagende Stimme über ihm, »ich sterbe! Wir wollen bedenken, daß unsere Zeit des Beisammenseins kürzer und kürzer wird, und sie so glücklich verleben, wie wir können!«

Er erhob sein Haupt und blickte, wie, als ob das letzte Scheiden schon vorüber wäre, zu ihr auf.

»Ich habe versucht, bescheiden und dankbar zu leben,« seufzte sie schwach, »ich habe mich gesehnt, auf Erden mehr Gutes zu thun, als ich verrichtet habe! Du wirst mir aber jetzt verzeihen, Vater, wie Du mir stets verziehen hast! Du bist mein ganzes Leben lang geduldig mit mir gewesen, geduldiger, als ich es je verdient habe. Aber ich besaß keine Mutter, die mir lehrte, Dich zu lieben, wie ich sollte, die mir lehrte, was ich jetzt weiß, wo mein Tod nahe ist, mir Zeit und Gelegenheit verschwunden sind.«

»Still! still!« flüsterte der Greis erschrocken, »Du wirst leben! Gott ist gut und weiß, daß wir genug gelitten haben. Gegen uns ist der Fluch der letzten Trennung nicht gesprochen! Lebe! lebe!«

»Vater!« sagte das Mädchen zärtlich, »wir haben ein Etwas in uns, welches selbst der Tod nicht trennen kann. In jener Welt werde ich immer noch an Dich denken, wenn Du an mich denkst! Ich werde Dich sogar sehen, wenn ich nicht mehr hier bin, wenn Du Dich sehnst, mich zu sehen! Wenn Du allein ausgehst und unter den Bäumen auf der Gartenbank sitzest, wo ich zu sitzen pflegte, —— wenn Du auf die fernen Ebenen und Berge hinausschaust, auf die ich zu blicken pflegte, —— wenn Du bei Nacht in der Bibel liesest, in der wir zusammen gelesen haben, und an Antoninen denkst, —— wenn Du bekümmert zur Ruhe gehst, dann werde ich Dich sehen, Dann wirst Du fühlen, daß ich auf Dich niederschaue, Du wirst ruhig und getröstet sein selbst neben meinem Grabe, denn Du wirst nicht an den Körper denken, welcher darin ist, sondern an den Geist, der Dich erwartet, wie ich oft hier aus Dich gewartet habe, wenn Du fort warst und ich wußte, daß der Abend Dich wieder heim bringen würde.«

»Still! Du wirst leben! Du wirst leben!« wiederholte Numerian mit denselben leisen, wirren Tönen. In diesen wenigen einfachen Worten lag die Kraft, welche ihn noch aufrecht erhielt, sie waren die Nahrung einer Hoffnung, die in Pein geboren und in Verzweiflung gepflegt worden waren.

»O wenn ich leben könnte! für wie-viel habe ich noch zu leben, wenn ich nur noch wenige Tage leben könnte!« sie bemühte sich, ihren Kopf zu ihrem Vater hinzuneigen, denn die Worte begannen schwach und immer schwächer von ihren Lippen zu fallen —— die Erschöpfung überwältigte sie von Neuem. Sie verweilte jetzt auf einen Augenblick bei dem Namen Hermanrich’s, bei dem Grabe im Garten der Vorstadt und kehrte dann wieder zu dem Gedanken an ihren Vater zurück. Die letzten schwachen Töne, welche sie aussprach, waren an ihn gerichtet, und ihr Inhalt athmete immer nach Trost und Hoffnung.

Der Greis beugte sich über sie und sah bald, wie sich ihre Augen wieder schlossen —— die unschuldigen, milden Augen, welche selbst jetzt noch ihren alten Ausdruck bewahrten, während das Gesicht blaß und hager wurde —— und Dunkelheit und Nacht sanken nochmals auf seine Seele.

»Sie schläft,« murmelte er, als er seine wachende Haltung neben ihrem Bett wieder annahm; »man nennt den Tod einen Schlaf, aber auf ihrem Gesicht ist kein Tod!«

Die Nacht rückte vor. Gegen Mitternacht traten die Wärterinnen wieder in das Zimmer, verwundert, daß ihre Gegenwart noch nicht verlangt worden sei. Sie erblickten die feierliche, ungestörte Ruhe auf dem abgezehrten Gesicht des Mädchens, die unermüdliche Aufmerksamkeit Numerian’s der noch in derselben Stellung neben ihr saß, —— und gingen wieder leise hinaus, ohne auch nur flüsternd ein Wort zu sprechen. Schon in dem Aussehen des Zimmers, wo der vernichtende Tod mit der zierenden Jugend und Schönheit im furchtbaren Kampfe lag, während die Augen eines einzigen alten Mannes, einsam den Fortschritt des Kampfes beobachteten, lag etwas Ernstes und Tiefeindringliches.

Der Morgen kam. Mit ihm aber noch keine Veränderung. Einmal, als die das Zimmer erhellende Lampe beim Herannahen der Dämmerung auslöschte, war Numerian aufgestanden und hatte aufmerksam das Gesicht seiner Tochter betrachtet —— er glaubte in diesem Augenblicke, daß sich ihre Züge bewegt hätten, aber er sah, daß ihn das Flackern des verlöschenden Lichts auf ihnen getäuscht hatte; noch war keine Veränderung eingetreten. Er hielt sein Ohr auf einen Augenblick dicht an ihre Lippen und nahm dann wieder seinen früheren Ort ein, von welchem er sich nicht mehr bewegte. Der langsame Strom seines Blutes schien stehen geblieben zu sein, er wartete wie ein Mensch mit seinem Kopfe auf dem Block wartet, ehe das Beil niederfällt, wie eine Mutter wartet, um zu hören, daß der Athem des Lebens ihr neugeborenes Kind durchdrungen hat.

Die Sonne erhob sich strahlend am unbewölkten Himmel. Als die frische, scharfe Luft des Morgens in ihrem stärkeren Scheine wärmet wurde, traten die Frauen wieder in das Zimmer und zogen den Vorhang und den Laden theilweise vom Fenster zurück. Die Strahlen des neuen Lichtes fielen hell und herrlich auf das Gesicht des Mädchens, der leise Wind bewegte die leichteren Locken ihres Haares. Einst würde sie dies erweckt haben, jetzt aber wurde sie davon nicht gestört.

Bald darauf hörte man unten in der Halle durch die halb offene Thür des Zimmers die Stimme des Kindes, welches mit den Frauen in das Haus gekommen war. Das kleine Geschöpf stieg langsam die Treppe hinauf und sang sein stammelndes Morgenlied vor sich hin. Vor ihm her kam eine zahme Taube, die auf dem Lebensmittelmarkte vor den Mauern, gekauft, aber als Spielzeug und Liebling des Kindes von seiner Mutter verspart worden, war. Der Vogel flatterte girrend in das Zimmer, ließ sich am Kopfende des Lagers nieder und begann dort seine Federn zu putzen. Die Frauen waren von der Erstarrung des alten Mannes angesteckt worden und machten keine Bewegung, um dem Kinde zu gebieten, sich zu entfernen oder die Taube von ihrem Orte zunehmen —— sie wachten gleich ihm. Aber die sanften, lockenden Töne des Vogels waren eben so machtlos für das Ohr des Mädchens, wie der Sonnenstrahl für ihr Gesicht,— — noch immer wachte sie nicht auf.

Das Kind trat ein, hielt in seinem Liede inne und kletterte an dem Bette hinauf. Es hielt der Taube eine von seinen kleinen Händen hin, damit diese sich darauf niederlassen möge, legte die andere leicht auf Antoninens Schulter und drückte seine frischen, rosigen Lippen auf die verblichene Wange des Mädchens.

»Ich und mein Vogel sind gekommen, um heute Antoninen gesund zu machen,« sagte es ernsthaft.

Die stillen, schwergeschlossenen Augenlider bewegten sich; sie zitterten, gingen auf, schlossen sich und gingen dann wieder auf. Die Augen besaßen einen schwachen, träumerischen, bewußtlosen Blick. Aber Antonina lebte —— Antonina war endlich zu einem Tage auf Erden erwacht! Der starre Blick ihres Vaters blieb immer noch auf sie geheftet wie Anfangs, auf seinem Gesicht herrschte aber Oede, war jeder Schein der Empfindung und des Lebens verschwunden. Als die Frauen auf Antoninen und dann wieder auf ihn blickten, begannen sie zu weinen. Das Kind setzte leise sein Morgenlied fort, und richtete es bald an das verwundete Mädchen, bald an die Taube.

In diesem Augenblicke traten Vetranio und der Arzt ein. Der Letztere ging auf das Bett zu, nahm das Kind von demselben herab und betrachtete Antoninen aufmerksam. Endlich sagte er halb zu Numerian gewendet, halb zu sich sprechend:

»Sie hat lange, tief bewegungslos, fast ohne zu athmen geschlafen —— einen Schlaf, der Allen, die ihn sahen, wie der Tod vorkam!«

Der Greis antwortete nicht; aber die Frauen bestätigten es eifrig.

»Sie ist gerettet!« fuhr der Arzt fort, indem er das Bett gemächlich verließ und Vetranio anlächelte, »Ihr müßt sie aber noch viele Tage lang gut in Acht nehmen.«

»Gerettet! gerettet»wiederholte das Kind freudig, indem es die Taube im Zimmer frei ließ und zu Numerian lief, um auf seine Kniee zu klettern. Der Vater blickte nieder, als die klare, junge Stimme in seinem Ohr erschallte, die in seinem Herzen so lange vertrockneten Freudenquellen wallten wieder auf, als er die kleinen Hände bittend zu sich erheben sah, sein graues Haupt senkte sich, —— er weinte.

Auf ein Zeichen des Arztes wurde das Kind aus dem Zimmer geführt. Alle darin Zurückgebliebenen bewahrten eine Stille tiefer, feierlicher Bewegung. Man vernahm nichts, als das unterdrückte Schluchzen des alten Mannes und die schwachem sich entfernenden Töne der Kinderstimme, das noch sein Morgenlied sang, und jetzt bildete ein freudig fortwährend wiederholtes Wort den ganzen Text der Musik. Es hieß:

»Gerettet! gerettet!«



Schluß.
»Ubi thesaurus, ibi cor.«

Kurz nach der Eröffnung der Lebensmittelmärkte außerhalb der Thore von Rom brachen die Gothen ihr Lager vor der Stadt ab und marschierten nach Toskana, wo sie sich in Winterquartiere legten. Die Unterhandlungen, welche Alarich mit dem Hofe und der Regierung zu Ravenna anknüpfte, wurden von dem Sieger mit schlauer Mäßigung und von den Besiegten mit verblendetem Uebermuthe geführt und endeten mit einer Wiederaufnahme der Feindseligkeiten. Rom wurde von den Barbaren ein zweites und drittes Mal belagert. Bei dem letzteren Anlasse wurde ie Stadt geplündert, ihre Paläste verbrannt, ihre Schätze weggenommen und nur die Denkmäler der christlichen Religion verschont. Unsere Erzählung hat es aber nicht weiter mit den Gothen zu thun, die Verbindung mit ihnen, in welcher sie bis jetzt stand, schließt mit dem Ende der ersten Belagerung von Rom. Wir können die Aufmerksamkeit des Lesers nicht weiter für historische Ereignisse in Anspruch nehmen. Unser kleines, zu seiner Unterhaltung aufgeführtes Schauspiel ist vorüber. Wenn er jedoch für Antoninen einige Theilnahme gefühlt und noch bewahrt, so wird er sich nicht weigern, uns zu folgen und ehe wir scheiden, wieder auf sie zu blicken.

Es war mehr als ein Monat vergangen, seit sich das Belagerungsheer in seine Winterquartiere zurückgezogen hatte, als mehrere Bürger von Rom sich auf der Ebene außerhalb der Mauern versammelten, um eines der ländlichen Feste der alten Zeit zu begeben, die von den Italienern unserer Tage, wenn auch mit verschiedenen Gebräuchen, doch mit derselben Heiterkeit noch immer gefeiert werden.

Die Stelle war ein ebenes Grundstück vor dem Pincischen Thore, welches auf der Rückseite einen dichten Pinienhain hatte und nach Norden zu über das flache Land der Umgegend von Rom schaute. Die Personen welche sich hier zusammen gefunden hatten, gehörten meist der unteren Klasse an. Ihre Belustigungen bestanden im Tanzen, der Musik, Kraft und Glücksspielen, und was für Leute, die vor Kurzem erst eine Hungersnoth überstanden hatten, das Wichtigste war, reichlichem Essen und Trinken, langer, ernstlicher, extasischer Beschäftigung der Kinnladen und der Zunge.

Unter der Versammlung befanden sich einige Individuen, die durch ihre Kleidung und Manieren wenigstens äußerlich über die allgemeine Masse erhoben wurden. Diese Personen gingen an verschiedenen Stellen des Platzes nicht als Theilnehmer, sondern als Beobachter der Spiele zusammen auf und ab. Einer von ihnen blieb jedoch, wohin er sich auch wenden mochte, vereinzelt. Er hielt einen offenen Brief in der Hand, den er von Zeit zu Zeit ansah, und schien gänzlich von seinen Gedanken in Anspruch genommen zu werden. Diesen Mann können wir sowohl seiner selbst wegen, als auf in Bezug auf die Eigenthümlichkeit seiner zufälligen Lage vortheilhaft erwähnen, denn er war der Lieblingsdiener der früheren Freuden Vetranio’s —— der »industriöse Carrio«

Der Freigelassene, —— den wir unsern Lesern das letzte Mal im zweiten Bande vorstellten, als er seinem Herrn die Abfälle, welche er während der Hungersnoth für die Consumtion im Palaste zusammengebracht hatte, aufwies —— hatte in der letzten Zeit eine bedeutend höhere Stellung im Vertrauen Vetranio’s erhalten. Bei der Organisation des Gastmahls des Hungers hatte er sich kluger Weise enthalten, den geringsten Wunsch blicken zu lassen, sich aus der Katastrophe zu retten, in welche sich zu stürzen der Senator und seine Freunde entschlossen gewesen waren. Er begab sich an einen sichern Ort, wo er das Ende der Orgie erwartete und erschien, als er fand, daß ihr unerwarteter Ausgang seinen Herrn noch am Leben und seiner Dienste bedürftig ließ, von Neuem als treuer Diener, der bereit war, seine gewohnten Beschäftigungen mit unvermindertem Eifer wieder aufzunehmen.

Nach der Zerstreuung seiner Dienerschaft während der Hungersnoth und der allgemeinen Verwirrung, die, als die Blockade aufgehoben wurde, in den socialen Verhältnissen Roms eintrat, fand Vetranio in seiner Nähe, außer Carrio, Keinen, auf den er sich verlassen konnte —— und er verließ sich auf ihn. Dieses Vertrauen war übrigens nicht unverdient. Der Mann war egoistisch und habsüchtig genug, aber eben diese Eigenschaften verbürgten seine Treue gegen seinen Herrn, so lange dieser Herr die Gewalt zu strafen und die Fähigkeit zu belohnen bewahrte.

Der Brief, welchen Carrio in der Hand hielt, war ihm nach einer, Vetranio gehörigen Villa, am Strande der Bai von Neapel, von welcher er eben zurückgekehrt, zugekommen, und von dem Senator selbst in Rom geschrieben. Die Einleitung dieser Zuschrift schien den Freigelassenen nur wenig zu interessieren —— er enthielt Lobeserhebungen über den Fleiß, womit er das Landhaus für die sofortige Bewohnung durch seinen Eigenthümer eingerichtet hatte, und sprach das Verlangen seines Herrn aus, Rom so schnell als möglich zu verlassen, um in völliger Ruhe leben und die stärkende Seeluft athmen zu können, wie es die Aerzte gerathen hatten. Der letzte Theil des Briefes war es, welchen Carrio las, und immer wieder las, und dann mit ungewohnter Aufmerksamkeit und Geistesanstrengung überdachte.

Er lautete, wie folgt:

»Ich habe Dir jetzt eine Aufgabe anzuvertrauen,
»welche Du mit der größten Treue ausführen wirft,
»wenn Du auf meine Gunst Werth legst, oder den
»Reichthum achtest, von welchen( Du Deine Belohnung
»erhalten kannst. Als Du Rom verließest, lag die
»Tochter Numerians in Todesgefahr —— sie ist seitdem
»genesen. Fragen, die ich ihr vorgelegt, haben mich
»mit einem großen Theile ihrer Geschichte, welche mir
»bisher fremd war, bekannt gemacht, und bewogen
»aus besonderen Gründen, ein Bauernhaus mit seinen
»Ländereien jenseits der Vorstädte zu kaufen. (Der
»Umfang des Gutes und seiner Lage sind auf dem
»Pergament, welches hier beiliegt, verzeichnen) Der
»Bauer, welcher das Gut früher bewirthschaftete, hat
»die Hungersnoth überlebt und wird fortfahren, es für
»mich zu bewirthschaften. Es ist aber mein Wunsch,
»daß der Garten und Alles, was er enthält, zur un-
»beschränkten Verfügung Numerians und seiner Tochter
»bleiben soll, die oft dorthin kommen werden und dort
»von nun an als meine Stellvertreter und mit meiner
»Gewalt bekleidet betrachtet werden müssen. Du wirst
»Deine Zeit in die Beaufsichtigung der wenigen Sklaven,
»welche ich während meiner Abwesenheit im Palast
»zurücklasse, und des Bauers und seiner Arbeiter, die
»ich auf das Gut gesetzt habe, theilen, und mir für
»die gehörige Verrichtung Deiner Pflichten sowohl,
»wie Derjenigen unter Dir, verantwortlich sein. ——
»Sei versichert, daß Du durch die gute Erfüllung dieses
»Auftrages in diesen, wie in allen andern Dingen
»Deinen eignen Vortheil befördern wirst.«

Der Brief schloß damit, daß der Freigelassene angewiesen wurde, an einem gewissen Tage nach Rom zurückzukehren, und sich zu einer gewissen Stunde nach einem Bauernhause zu begeben, wo er seinen Herrn treffen werde, der ihm noch weitere Aufträge zu ertheilen habe und das neu erworbene Eigenthum zu besuchen gedenke, ehe er seine Reise nach Neapel antrete.

Die Verblüffung, mit welcher Carrio die oben angeführte Stelle in dem Briefe seines Herrn las, war ungeheuer. Da er sich der Umstände erinnerte, welche Vetranio’s frühere Verbindung mit Antoninen und ihrem Vater begleitet hatte, würde ihn der bloße Umstand des Ankaufes eines Gutes, um einer ohne Zweifel zufälligen Laune des Mädchens zu schmeicheln, nur wenig in Erstaunen gesetzt haben. Daß diese Handlung aber die sofortige Trennung des Senators von Numerians Tochter zur Folge haben, und sie weiter nichts von dem Gute gewinnen sollte, welches offenbar auf ihren Antrieb gekauft worden war, als die Gewalt über einen kleinen Garten, und daß dabei doch die Unverletzlichkeit dieses werthlosen Privilegiums in so ernsthaften Ausdrücken und mit so gebieterischem Tone, wie sie der Senator noch nie angewendet hatte, verordnet wurde —— dies waren Widersprüche, welche aller Scharfsinn Carrio’s nicht in Einklang zu bringen vermochte. Der Mann war im Laster geboren und erzogen, das Laster hatte ihn genährt, gekleidet, frei gemacht, ihm in seiner kleinen Sphäre Ruf und Gewalt verliehen —— er lebte in ihm, wie in der Atmosphäre, welche er athmete; wenn man ihm eine Handlung zeigte, die sich nur auf einen Grundsatz reiner Rechtlichkeit bezog, so stellte man ihm ein Problem, welches er nicht zu lösen vermochte, und doch ist es in einer Beziehung unmöglich, ihn für gänzlich schlecht zu erklären. Er war mit allen Unterschieden zwischen Gutem und Bösem unbekannt und dachte aus völliger Unfähigkeit, das Rechte einzusehen, unrecht.

Wie sehr ihn aber auch seine Instruktionen verblüffen mochten, so befolgte er sie doch jetzt, wie er sie auch in späteren Tagen zu befolgen fortfuhr, buchstäblich. Wenn es eine Kunst ist, seinem eigenen Vortheil zu dienen, so gebührte dem Carrio eine erste Professur in dieser Kunst: Er kam nicht nur pünktlich, sondern sogar vor der bestimmten Zeit in das Bauernhaus, rief den ehrlichen Landmann und dessen Arbeiter vor sich und erklärte ihnen alle Umstände der Gewalt, womit ihn sein Gönner bekleidet hatte, mit einer geläufigen, peremtorischen Feierlichkeit, die seine einfachen Zuhörer in Verwirrung setzte, und einen tiefen Eindruck auf sie machte. Er fand Numerian und Antoninen im Garten, als er in denselben trat.

Das Mädchen war seit ihrer Genesung täglich in einer Sänfte dorthin getragen worden und ihr Vater ihr gefolgt. Sie trennten sich jetzt nie mehr, der Greis erinnerte sich, als seine erste allumfassende Besorgniß um sie sich beruhigt hatte, wieder deutlicher der entsetzlichen Entdeckung im Tempel und der noch entsetzlichern Katastrophe, welche ihr gefolgt war und suchte in der Gegenwart seines Kindes beständige Zuflucht vor den Schrecken des Andenkens.

Der Freigelassene beobachtete während seines Gesprächs mit dem Vater und der Tochter einmal ausnahmsweise eine unwillkürliche und ungeheuchelte Ehrerbietung, aber er faßte sich kurz, und ließ sie fast augenblicklich wieder allein.

So arm und hilflos sie auch waren, flößten sie ihm doch Ehrfurcht ein, sie blickten, dachten und sprachen wie Wesen, die mit einer andern Natur begabt waren, als er, sie verknüpften sich auf ihm unbekannte Weise mit dem Geheimnisse des Grabes im Garten —— er würde in der Gegenwart des Kaisers selbst gefaßt gewesen sein, in der ihren aber war es ihm unbehaglich. Er begab sich also nach der ihn mehr ansprechenden Scene des ländlichen Festes, welches in der unmittelbaren Nachbarschaft des Bauernhauses gehalten wurde, um die Ankunft seines Patrons zu erwarten und sich von Neuem durch die Lesung des Briefes Vetranio’s zu verblüffen.

Die Zeit war jetzt nahe, wo der Freigelassene nach seinem angewiesenen Posten zurückkehren mußte. Er rollte sorgfältig seinen Instruktionsbrief zusammen, betrachtete einige Minuten lang die Unterhaltungen, welche bisher seine Aufmerksamkeit so wenig erregt hatten, wendete sich dann um, und begab sich durch den Pinienhain auf den Rückweg.

Wir wollen ihm folgen.

Beim Verlassen des Haines führte ein Fußpfad über einige Felder nach dem Bauernhause, —— dort angekommen, zauderte Carrio einen Augenblick und ging dann langsam weiter, um das Naben seines Herrn, auf dem nach der Landstraße führenden Wege, zu erwarten. An diesem Punkte wollen wir uns von ihm trennen, um durch das Gitterpförtchen in den Garten zu treten.

Die Bäume, Blumenbeete und Rasenplätze, befanden sich alle noch in ihren frühem Verhältnissen. Es war, seit wir den Ort zuletzt gesehen, nichts hinzu gefügt oder hinweggenommen worden, auf Hermanrich’s Grabe zeigte sich jedoch eine Veränderung. Der Rasen auf demselben war erneuert und auf dem Pfade, welchen Goiswintha’s Schritte ausgetreten hatten, eine Kante von kleinen immer grünen Sträuchern darum gepflanzt worden. An dem einen Ende des Hügels war ein weißes Marmorkreuz errichtet, —— die kurze lateinische Inschrift darauf bedeutete: »Betet für die Todten!«

Die Sonne schien ruhig auf das Grab und auf Numerian und Antonina, die neben demselben saßen. Zuweilen, wenn die Lustigkeit des ländlichen Festes lauter wurde, erreichte sie dieselbe in schwachen, leisen Klängen, zuweilen hörten sie die Stimmen der Arbeiter auf den benachbarten Feldern, die bei ihrer Arbeit mit einander sprachen. Außer diesen waren aber keine Töne laut genug, um unterschieden werden zu können. Noch immer lagen auf den Gesichtern des Vaters und der Tochter, der Ausdruck von Trauer und Schwäche, welchen Kummer und Leiden hinterlassen, aber auch Resignation und Frieden erschienen auf denselben, —— Resignatiom die durch die harte Belehrung des Schmerzes vervollkommnet wurde, und Frieden, der dadurch um so reiner ward, daß ihn das Eine dem Andern mitheilte, gleich der starken, unsterblichen Liebe, aus welcher er erwuchs.

In dem Blicke und der Haltung des Mädchens, als sie jetzt dasaß und an den jungen Krieger dachte, der für ihre Vertheidigung und Liebe gestorben war, und die Sträucher dichter um das Grab zog, lag jetzt ein Ausdruck, welcher, so verändert sie auch war, doch in einer andern Form an die alte Poesie und Ruhe erinnerte, die ihre Existenz erfüllt hatte, als wir sie zum er en Male beim Singen, zur Musik ihrer Laute, im Garten auf dem Monte Pincio erblickten. Als sie auf die Umgebungen des Bauernhauses blickte, waren ihre Gedanken nicht die des Entsetzens und der Verzweiflung. Ihr Schmerz war keiner von denen, die egoistisch vor Allem zurückbeben, was die Erinnerung an die Todten belebt —— für sie war ihr Einfluß auf das Gedächtniß ein angenehmer und beschützender, der dem frömmsten Leben einen besseren Zweck und den reinsten Gedanken eine edlere Natur gab.

So saßen sie am Grabe —— trübe, aber zufrieden, bereits wegemüde auf der Wallfahrt des Lebens, aber doch darein ergeben, weiter zu reisen, wenn sie konnten, als ein ungewöhnlicher Lärm, das Geräusch von rollenden Rädern und ein verwirrtes Stimmengemisch auf dem Wege hinter ihnen hörbar wurde. Sie blickten sich um und sahen, daß Vetranio sich ihnen allein durch die Gartenthür näherte.

Er kam langsam auf sie zu, das schleichende Gift, welches ihm das Gastmahl des Hungers eingeflößt hatte, gab deutlich seine Gegenwart in ihm kund, als der helle Sonnenschein auf sein abgezehrtes Gesicht fiel. Er lächelte freundlich, als er Antoninen anredete, aber die starken Empfindungen, welche dieses Lächeln verhüllen sollte, verriethen sich in seiner bebenden Stimme.

»Dies ist auf Jahre unsere letzte Begegnung —— vielleicht ist es auf lebenslang,« sagte er. »Ich zögere beim Beginn meiner Reise, aber Dich als Schutzengel der Stelle zu erblicken, die Dir auf Erden am kostbarsten ist —— als Herrin des Wenigen, was ich Dir hier gebe« —— er hielt einen Augenblick inne und deutete auf das Grab, worauf er fortfuhr, — »Du kannst nie wissen, ich kann nie sagen, welche Sühne ich Dir schuldig bin. Bedenke nur, daß ich in der Erinnerung an Dich, eine Begleiterin in die Einsamkeit mitnehme, wohin ich mich begebe. Sei fernerhin um meinetwillen ruhig, gut und glücklich und vergiß, während Du den Senator früherer Tage vergiebst, des Freundes nicht, der jetzt von Dir scheidet, Lebewohl!«

Er hielt ihr seine Hand hin, eine Röthe überzog die Wange des Mädchens, als sie einige unartikulierte Worte der Dankbarkeit murmelte, sich über dieselbe beugte und sie an ihre Lippen drückte. Vetranio’s Herz klopfte schnell, die Gebärde belebte von Neuem ein Gefühl, welches er nicht zu hegen wagte, —— aber er blickte auf das bleiche, niedergeschlagene Gesicht vor sich am Grabe, das sich trübe neben ihm erhob, und unterdrückte es von Neuem.

Noch einen Augenblick säumte, er, um ein Lebewohl mit dem Greise auszutauschen, dann wendete er sich schnell ab, schritt durch die Thür und war ihren Augen entschwunden.

Antoninens Thränen fielen schnell auf das Gras, als sie wieder ihren Platz einnahm. Als sie von Neuem den Kopf erhob und sah, daß ihr Vater sie anblickte, schmiegte sie sich dicht an ihn und legte einen von ihren Armen um seinen Hals, während der andere allmälig an ihrer Seite niedersank, bis ihre Hand die obersten Blätter der um das Grab wachsenden Sträucher berührte.

Sollen wir noch länger in dem Garten verweilen? Nein! Für uns, wie für Vetranio ist es jetzt Zeit, zu scheiden! So lange noch der Friede um die Mauern von Rom wacht, so lange die Herzen des Vaters und der Tochter nach den Prüfungen, die sie erschüttert haben, noch zusammen in Sicherheit ruhen, wollen wir den Schauplatz verlassen. Hier, wenigstens ruht die Geschichte, welcher wir über ein dunkles, stürmisches Gebiet gefolgt sind, auf einem ruhigen Felde und hier sei es uns vergönnt, uns von ihr zu trennen.

So wandert der Reisende, welcher den Lauf eines Flusses verfolgt, den Tag über unter den Felsen und Abgründen, zwischen welchen er von seiner stürmischen Quelle herfließt und hält, wenn der Abend kommt, an und ruht da aus, wo das Ufer grasig und die Strömung ruhig ist.


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