Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Antonina oder der Untergang Roms - Zweites Buch - Kapitel I. - Das Grab und das Lager
 

Antonina oder der Untergang Roms



Band 3

Zweites Buch.

O promesse! o manace! o ténébreux mystére!

ou sont les traits, que tu lances,
Grand-Diu, dans ton juste Courroux?
N’es-tu plus le Dieu jaloux?
N’es—tu plus le Dieu des vengeances?
Racine.

Kapitel I.
Das Grab und das Lager.

Während sich die zweite und letzte Gesandtschaft des Senats nach dem Zelte des Gothenkönigs begibt, während die Straßen Roms außer den Todten von Allen verlassen sind und die lebende Einwohnerschaft sich in sprachloser Erwartung hinter den Schranken des Pincischen Thores zusammengedrängt hat, haben wir Gelegenheit unsern Blick einem Orte zuzuwenden, von welchem er lange entfernt gewesen ist, einen Besuch in dem Bauernhause der Vorstadt zu machen und nochmals das Grab Hermanrich’s zu betrachten.

Die Stille des hellen warmen Tages ist um den abgelegenen Pfad, der zu dem kleinen Gebäude führt, am reinsten. Hier steigt der Duft wilder Blumen er quickend von dem wallendem Grase auf, das einschläfernde monotone Summen des Insektenlebens durchzieht die laue, ruhige Luft, die hier und da von den dicht belaubten Bäumen aufgefangenen Sonnenstrahlen fallen in unregelmäßigen hellen Flecken auf den schattigen Boden, und außer den Vögeln, die mitunter singend durch die Luft ziehen, zeigt sieh auf dem stillen Plätzchen kein lebendes Wesen, bis wir das Gitterpförtchen, welches in den Garten führt, erreichen und auf das, was im Innern desselben vorgeht, blicken. Hier zeigt sich die Gestalt eines einsamen Weibes, welches auf dem kleinen kreisförmigen Fußpfade, den seine eignen, ausdauernden Schritte bereits deutlich ausgetreten haben, langsam um den berasten Hügel wandert, welcher das Grab des Häuptlings bezeichnet.

Eine Zeitlang beschreibt sie ihren engen Kreis mit einer mechanischen Regelmäßigkeit, als, ob sich jenseits dieses schmalen Raumes eine Schranke erhebe, die sie für immer verhindere, den Fuß auf die Erde darüber hinauszusetzen. Endlich bleibt sie auf der dem Pförtchen nächsten Stelle stehen, macht einige Schritte auf dasselbe zu, geht dann wieder zurück und beginnt ihren einförmigen Gang von Neuem, worauf sie, ihre Runde wieder unterbrechend, sich endlich von den Umgebungen des Grabes losreißt, durch die Thür geht, und dem Pfade nach der Landstraße folgend, sich langsam nach den östlichen Grenzen des gothischen Lagers begibt. Der starre, gespenstische unweibliche Ausdruck ihrer Züge bezeichnet sie als dasselbe Weib, welches wir jüngst als die Meuchlerin in dem Bauernhause erblickt haben; außer dem aber ist sie kaum wieder zu erkennen. Ihr sonst kräftiger, aufrechter Körper ist gebeugt und hager, ihr Haar flattert in verwirrten weißen Locken um ihr runzelvolles Gesicht. Alle rauhe Majestät ihrer Gestalt ist verschwunden, nichts bewiese, daß es noch Goiswintha ist, die den Schauplatz ihres Verbrechens heimsucht, wenn nicht der ingrimmige Ausdruck auf ihrem Gesichte zeigte, daß das böse Herz im Innern in seinem Durst nach Vernichtung und Rache noch nicht nachgelassen hat.

Seit der Zeit, wo wir sie zum letzten mal erblickten, als sie in der Gefangenschaft der Hunnen von der Leiche ihres Verwandten fortgeführt wurde, war das Bauernhaus beständig das Ziel ihrer Wanderungen aus dem Lager, die erwählte Zufluchtsstätte gewesen, wo sie einsam über ihren rachsüchtigen Wünschen brütete.

Alarich hatte es für zu kleinlich gehalten, ein Weib, welches er für wahnsinnig hielt, die weder für das Heer, noch für ihn persönlich von Bedeutung war, wegen einer Abwesenheit von den Zelten der Gothen zu bestrafen, und sie unmuthig entlassen, als sie vor ihn geführt wurde. Die Soldaten, die zurückgekehrt waren, um die Leiche ihres Häuptlings im Garten des Bauernhauses zu begraben, fanden Mittel, sie insgeheim von der Liebesthat zu benachrichtigen, welche sie auf ihre eigne Gefahr ausgeführt hatten, über dies hinaus aber blieb Keiner von ihren früheren Gefährten weiter mit ihr im Verkehr.

Alle ihre Handlungen unterstützten den schnell gefaßten Glauben Jener, daß ihr Geist in Verwirrung gerathen sei und Andere vermieden sie, wie sie Jene vermied. Man stellte ihr täglich ihre Nahrung an einen gewissen Ort im Lager, wie einem Thiere, welches zu wild ist, um von der Hand des Menschen gepflegt zu werden, und zu gewissen Perioden kehrte sie heimlich von ihren Wanderungen zurück, um es zu holen. Ihr Obdach für die Nacht war nicht das Obdach ihres Volkes vor den Mauern, ihre Gedanken waren nicht Jener Gedanken. Verwittwet, kinderlos, freundlos, die Meuchlerin ihres letzten Verwandten, bewegte sie sich abgesondert in ihrer eignen geheimen Welt der inneren Oede, Einsamkeit und des Verbrechens.

Mit der düsteren einsiedlerischen Existenz, welche sie jetzt führte, hatte aber weder Wahnsinn noch Reue über ihren Antheil an dem Tode Hermanrich’s etwas zu schaffen. Von dem Augenblicke an, wo der junge Krieger seine Achtlosigkeit für die Feindschaft seiner Nation und das seiner Familie widerfahrene Unrecht mit dem Tode gebüßt hatte, dachte sie an ihn nur noch als ein weiteres Opfer, dessen Schmach und Verderben sie an den Römern mit römischen Blut vergelten müsse, und reifte, ihre Rachepläne mit einer finsteren Entschlossenheit, welche Zeit, Einsamkeit und körperliche Schwäche nicht zu stören vermochten.

Sie konnte stundenlang in stiller Nacht oder am hellen Mittag um das Grab des Kriegers schreiten und ihre rachsüchtigen Gedanken nähren, bis eine grimmige Freude über ihren voraussichtlichen Triumph ihre Schritte beschleunigte und ihre spähenden Augen erglänzen ließ. Dann trat sie in das Haus, zog das Messer aus seinem Versteck in ihren Gewändern und strich es langsam auf dem Heerde hin und her, wo sie den Häuptling mit eigener Hand verstümmelt hatte und vor welchem er ohne Beben den Schwertern der Hunnen entgegengetreten war. Zuweilen stand sie, wenn Finsterniß auf die Erde herabgesunken war, wie eine drohende, Unheil verkündende Erscheinung auf dem Grabe selbst und sang stöhnend in den stöhnenden Wind Bruchstücke von alten nordischen Legenden, deren Inhalt stets von Pein und Verbrechen, von Foltern in Kerkerhöhlen und Tod durch das vernichtende Schwert sprach, und vermischte mit ihnen die dunkle Geschichte von dem Gemetzel zu Aquileja, und ihre zornigen Racheschwüre gegen die Bewohner von Rom. Der Fourageur hörte, wenn er auf seinem späten Heimwege nach dem Lager an dem Bauernhause vorüber kam, die rauhen mißtönigen Klänge ihres Gesanges und beschleunigte seinen Schritt. Der dreiste Bauer des platten Landes, der sich unter dem Schleier der Nacht näherte, um aus der Ferne auf das gothische Lager zu blicken, sah, wenn er in die Gegend des Gartens kam, ihre schattenhafte drohende Gestalt und floh erschreckt die unheimliche Stätte. Weder Fremder noch Freund störte ihre schaurige Einsamkeit. Die Gegenwart des Verbrechens und der Grausamkeit verletzte ungestört das Heiligthum welches einst der Zärtlichkeit und Liebe geweiht, einst der Aufenthalt der Schönheit und Jugend gewesen war.

Jetzt ist aber der Garten einsam, der Geist des Bösen ist von dem Grabe geschieden, die Schritte Goiswinthens haben dieselben Pfade nach der Vorstadt betreten, auf welchen der junge Goethe einst so sehnsüchtig dem Asyl seiner Liebe zugeeilt war, und schon erheben sich vor ihren Augen, finster, nahe und verhaßt, die Mauern von Rom. An diesen nutzlosen Bollwerken der gefallenen Stadt wandert sie jetzt hin, wie sie früher schon oft gewandert ist und wartet auf das Oeffnen der lange geschlossenen Thore. Folgen wir ihrem Gange.

Ihre Aufmerksamkeit war jetzt bloß auf die starken Mauern geheftet, während sie langsam an den gothischen Zelten hin nach der Lagerabtheilung am Pincischen Thore schritt. Dort angelangt wurde sie durch eine rund umher herrschende, ungewohnte Bewegung und Verwirrung aus ihrer Apathie geweckt. Sie blickte auf das Zelt Alarich’s und sah vor demselben die abgezehrten, gebeugten Gestalten derjenigen, die sich der Gesandtschaft angeschlossen hatten, und die ihren Urtheilsspruch von dem Anführer der nordischen Heerschaaren erwarteten.

In wenigen Augenblicken erfuhr sie aus den Worten der um diesen Theil des Lagers versammelten Gothen, daß es das Pincische Thor war, welches den bittenden Römern den Ausgang verstattet hatte und daher aller Wahrscheinlichkeit nach auch wieder geöffnet werden würde, um sie in die Stadt zurückzulassen. Mit diesem Gedanken begann sie die Zahl der besiegten Feinde, welche Um das Zelt des Königs versammelt waren, zu berechnen und fügte dann im Geiste diejenigen zu derselben, welche bei der Zusammenkunft im Innern zugegen sein mochten, wobei sie sich mechanisch näher nach dem wüsten Raume vor den Stadtmauern zurückzogen.

Allmälig wendete sie sich der Stadt näher zu. Sie verwirklichte sich einen kühnen Vorsatz, einen Entschluß, den sie während der Tage und Nächte ihrer einsamen Wanderungen längst schon mit sich herumgetragen hatte.

»Die Reihen der Gesandtschaft,« murmelte sie mit tiefem nachdenklichem Tone, »sind dicht gedrängt. Wo ihrer Viele sind, da herrscht Verwirrung und Hast, sie gehen zusammen und kennen ihre eigne Zahl nicht, sie bemerken nicht, ob unter ihnen einer mehr oder weniger ist.«

Sie blieb stehen. Seltsame, düstere Veränderungen der Farbe und des Ausdrucks gingen über ihr gespenstisches Gesicht. Sie zog den blutigen Helmschmuck ihres Gatten, welcher sie seit dem Todestage desselben nie verlassen hatte, aus ihrem Busen, ihr Gesicht erbleichte als sie denselben ansah, mit einem entsetzlichen Ausdrucke der Wuth und Verzweiflung, plötzlich blickte sie wild und trotzig zu der Stadt hinauf, als ob die hohen Mauern vor ihr tödtliche Feinde wären, gegen die sie sich im letzten Kampfe gestellt habe.

»Die Gatten- und Kinderlose wird Dein Blut trinken!« rief sie, indem sie ihre magere Hand gegen Rom ausstreckte, »wenn auch die Heere ihres Volkes ihre Rache für Säcke mit Silber und Gold an Dein Volk verkaufen! Ich habe in meiner Einsamkeit darüber nachgedacht und ein meinen Träumen davon geträumt, ich habe geschworen, daß ich nach Rom gehen, und wenn auch unter Tausenden allein, meine gemordeten Verwandten rächen würde. Seht, jetzt will ich meinen Eid erfüllen! Du blutbefleckte Stadt der Feiglinge und Verräther, der Feinde Schutzloser und Mörder der Schwachen. Du, die Du die Mörder meines Gatten und die Meuchler meiner Kinder nach Aquileja gesendet hast, ich warte nicht länger vor Deinen Mauern. Heute werde ich mich, Alles wagend, unter Deine zurückkehrenden Bürger mischen und mit den Römern in die Thore von Rom dringen! Den Tag über will ich schlau und wachsam in Deinen einsamen Orten liegen, um mich bei Nacht als geheime Dienerin des Todes hervorzuschleichen. Ich will Deinen Jungen und Schwachen an unbewachten Orten auflauern, ich will allein in der Finsterniß der Nacht Deinen Unbeschützten das Leben rauben, ich will Deine Kinder umbringen, wie ihre Väter zu Aquileja die Kinder der Gotben umgebracht haben! Dein Pöbel wird mich entdecken und gegen mich aufstehen, er wird mich in Stücke reißen und meinen zerfleischten Körper auf dem Pflaster der Straße mit Füßen treten, aber es wird geschehen, nachdem ich das Blut, das zu vergießen ich geschworen, unter meinem Messer fliehen gesehen habe. Meine Rache wird vollständig und Qualen und Tod mir Gäste, die ich bewillkommne, und Befreier sein, die ich erwarte.«

Von Neuem hielt sie inne —— der wilde Triumph des Fanatismus auf dem brennenden Scheiterhaufen loderte in ihrem Gesichte auf —— plötzlich fielen ihre Augen wieder auf den befleckten Helmschmuck und ihr Ausdruck wurde verzweifelt und ihre Stimme leise und stöhnend, als sie fortfuhr:

»Ich bin meines Lebens müde, wenn die Rache geübt ist, werde ich aus diesem irdischen Gefängnisse befreit werden —— in der Welt der Schatten werde ich meinen Gatten sehen und meine Kleinen werden sich wieder um meine Knie sammeln. Die Lebenden haben an mir keinen Theil, ich sehne mich nach den Geistern, die in den Hallen der Todten wandeln.«

Einige Minuten lang richtete sie noch ihren Blick thränenlos und stumm auf den Helmschmuck. Bald aber lebte der Einfluß des schlimmen Geistes in aller seiner Stärke wieder auf, sie erhob plötzlich den Kopf, blieb auf einen Augenblick in tiefe Gedanken versunken und begann dann schnell nach der Richtung, aus welcher sie gekommen war, zurückzugeben.

Zuweilen flüsterte sie leise:«Ich muß es thun, ehe mir die Zeit vorübergeht, mein Gesicht muß versteckt und meine Kleider müssen gewechselt werden. Dort in den Häusern muß ich suchen und schnell suchen.«

Zuweilen wiederholte sie ihre Rachedrohungen, ihre Ausrufe des Triumphs über ihren rasenden Vorsatz. Bei der Wiederholung desselben erinnerte sie sich an Antoninen und jetzt verdunkelte ein blutdürstiger Aberglaube ihre Gedanken und verlieh ihren Worten einen unbestimmten träumerischen Charakter.

Wenn sie jetzt sprach, so murmelte sie vor sich hin, daß das Opfer, welches ihr zweimal entgangen war, noch am Leben sein, daß die übernatürlichen Einflüsse, welche die alten Gothen am Tage der Vergeltung oft geleitet hatten, auch sie leiten noch den Streich ihrer Waffe, —— den letzten Streich, ehe sie entdeckt und getödtet werden würde —— mitten in das Herz des Mädchens lenken könnten.

Dergleichen Gedanken erhoben sich wirr und dunkel in schneller Folge in ihrem Innern, mochte sie ihnen aber in Wort und Gebärde Ausdruck geben, oder sie mit Schweigen unterdrücken, so schwankte oder zauderte sie doch nie in ihrem schnellen Gange. Ihre Kräfte waren für Alles gestählt und ihr starker Wille gestattete ihnen keinen Augenblick der Erschlaffung.

Sie gelangte in eine abgelegene Straße der verödeten Vorstadt, blickte sich um, ob sie unbeobachtet sei und trat in eines von den Häusern, die beim Nahen der Belagerer von ihren Bewohnern verlassen worden waren. Sie schritt schnell durch die äußern Hallen, bis sie endlich in eines von den Schlafgemächern gelangte und hier fand sie unter andern beider Flucht zurückgelassenen Besitzthümer den den Vorrath von Kleidern und Wäsche, welche der Eigenthümerin des Zimmers gehört hatte.

Aus diesem wählte sie ein römisches Gewand, einen Obermantel und Sandalen, Alles von der gemeinsten Farbe und Qualität, die sie finden konnte, wickelte diese Dinge auf ihren geringsten Umfang zusammen und verbarg sie unter ihren eigenen Gewändern. Hierauf kehrte sie, Allen, die sie unterwegs antraf, ausweichend, nach dem Zelte des Königs zurück, bog aber, als sie in die Nähe desselben gelangte, vorsichtig nach der Richtung von Rom ab und begab sich in ein auf halbem Wege zwischen der Stadt und dem Lager stehendes verfallenes Gebäude. In diesem Versteck legte sie ihre Verkleidung an und zog den Mantel dicht um ihren Kopf und ihr Gesicht und von diesem Punkte aus beobachtete sie ruhig, wachsam, entschlossen, die Hand an dem Messer unter ihrem Gewande und mit die Namen ihres ermordeten Gatten und ihrer hingeschlachteten Kinder murmelnden Lippen, die Straße nach dem Pincischen Thore.

Dort wollen wir sie auf kurze Zeit verlassen und in das Zelt Alarich’s treten, während noch der Senat vor dem Herrn des Reichs um Gnade und Frieden bittet.

In dem Augenblicke, von welchem wir schreiben, hatte die Gesandtschaft bereits ihre Vermittlungsfähigkeiten erschöpft. Wie es schien, ohne den Anführer der Gothen von seinem ersten mitleidslosen Entschlusse, das Lösegeld von Rom auf die Höhe jedes werthvollen Besitzthums, welches die Stadt enthielt, festzusetzen, abbringen zu können.

In dem großen Zelte war jetzt eine kurze Stille eingetreten. An dem einen Ende desselben standen in eine unregelmäßige Gruppe zusammengedrängt, die erschöpften niedergeschlagenen Mitglieder des Senats mit denjenigen von ihren Begleitern, welchen man verstattet hatte, ihnen vor Alarich zu folgen. An dem andern erblickte man die stattlichen Gestalten des Gothenkönigs und der Krieger, die ihn als Kriegsrath umgaben. Der freie Raum in der Mitte des Zeltes war mit umherverstreuten Waffen bedeckt, die die Vertreter der beiden Nationen von einander trennten und so zufällig, aber doch handgreiflich die grimmige Feindseligkeit versinnbildlichten, welche die Völker des Nordens in früheren Jahren von denen des Südens getrennt hatte und sie noch auf lange Jahre hinaus trennen sollte.

Der Gothenkönig stand etwas vor seinen Kriegern, auf sein großes, schweres Schwert gelehnt da. Sein festes Auge wanderte von einem der niedergeschlagenen Senatoren zum andern und erforschte mit kaltem, grausamem Scharfblick jedes Zeichen- der Entwürdigung welches das Leiden auf ihre äußere Erscheinung geprägt hatte. Ihre beschmutzten Gewänder, ihre bleichen Wangen, ihre zitternden Glieder erfuhren alle der Reihe nach die kaltblütige sarkastische Betrachtung des Eroberers.

So erniedrigt und gedemüthigt sie auch waren, befanden sich unter den Gesandten doch auch Einige, die die ihnen auf diese Weise stumm und vorsätzlich zugefügte Kränkung gerade wegen ihrer Hilflosigkeit um so bitterer fühlten. Sie bewegten sich unbehaglich auf ihren Stellen und flüsterten in leisen bitteren Tönen mit einander. Endlich erhob Einer von ihnen seine niedergeschlagenen Augen und unterbrach die Stille. Der alte Römergeist, welchen lange Jahre der freiwilligen Beschäftigung mit Kleinlichem und der Weichlichkeit noch nicht gänzlich entwürdigt hatte, röthete sein blasses abgezehrtes Gesicht, indem er folgendermaßen sprach:

»Wir haben gebeten, wir haben angeboten, wir haben versprochen —— mehr können Menschen nicht thun! Von unserm Kaiser verlassen und von Pest und Hunger zu Boden gedrückt, bleibt uns jetzt nichts mehr übrig, als unter den Mauern von Rom in nutzlosem Widerstand unterzugehen. Es stand in Alarich’s Macht, durch Mäßigung gegen die Unglücklichen einer berühmten Nation ewigen Ruhm zu erringen, aber er hat es vorgezogen, die Plünderung einer herrlichen Stadt und die Unterjochung eines leidenden Volkes zu versuchen. Wenn aber auch Zerstörung seine Rache sättigt und Plünderung seine Schätze vernichtet, so möge er sich doch erinnern, daß der Tag der Vergeltung kommen wird. Es gibt noch Soldaten im Reiche und Helden, die sie zuversichtlich in die Schlacht führen werden, Wenn auch die Leichen ihrer Landsleute geschlachtet in den Straßen des geplünderten Rom um sie her liegen.«

Ein momentaner Ausdruck des Zornes und der Entrüstung zeigte sich auf Alarich’s Zügen, als er diese kühnen Worte vernahm, wurde aber fast augenblicklich wieder durch ein spöttisches Lächeln ersetzt.

»Wie! Ihr habt noch Soldaten, vor denen der Barbar für seine Eroberungen zittern muß —— wo sind sie? Sind sie auf dem Marsche oder im Hinterhalte oder verstecken sie sich hinter festen Mauern oder haben sie sich auf dem Wege nach dem gothischen Lager verirrt? — Ha, hier ist einer von ihnen!« rief er auf einen geschwächten, waffenlosen Krieger des Senats zutretend, der unter seinem zornigen Blicke erbebte; »kämpfe, Mann!« fuhr er lauter fort, »kämpfe für das kaiserliche Rom, so lange es noch Zeit ist! Du hast Dein Schwert verloren, nimm das meine und sei wieder ein Held!«

Mit rauhem Gelächter, welches von den Kriegern hinter ihm wiederholt wurde, warf er seine schwere Waffe nach dem elenden Gegenstande seiner Sarkasmen. Der Griff schlug schwer an die Brust des Mannes, er schwankte und fiel hilflos zu Boden. Das Gelächter der Gothen verdoppelte sich, jetzt aber stimmte ihr Anführer demselben nicht bei. Sein Auge leuchtete in triumphierendem Spott, als er, auf den niedergestreckten Römer blickend, rief:

»So fällt der Süden unter dem Schwerte des Nordens! So soll sich das Reich vor dem Scepter des Gothen beugen! Sagt, wenn Ihr auf diesen Römer vor uns blickt, ob unsere Beleidigungen nicht gerächt sind? Sie sterben nicht im Kampfe unter unsern Schwertern, sie leben, um unser Mitleid anzuflehen wie Kinder, die sich vor der Ruthe fürchten.«

Er schwieg. Sein massives, edles Gesicht nahm allmälig einen nachdenklichen Ausdruck an. Die Gesandten thaten ein paar Schritte vorwärts —— vielleicht um eine letzte Bitte zu stellen, vielleicht auch um sich in Verzweiflung zu entfernen, aber er winkte ihnen gebieterisch zu schweigen und stehen zu bleiben. Der Durst des Habgierigen nach gegenwärtiger Beute und das hohe Streben des Eroberers nach künftigem Ruhme traten jetzt in seinem Innern in heftigen Conflikt Er schritt aus die Oeffnung des Zeltes zu, schob den Fellvorhang bei Seite und blickte stumm auf Rom hinaus. Die blendende Majestät der Tempel und Paläste der herrlichen Stadt, die sich in den Strahlen der unbewölkten Sonne leuchtend vor ihm erhoben, hielt sein Auge lange gefesselt. Allmälig erfüllten Träume künftiger Herrschaft unter jenen einzig dastehenden Gebäuden, die jetzt bloß sein Wort erwarteten, um verheert und vernichtet zu werden, seine Seele, und retteten die Stadt vor seinem Zorne. Er wendete sich wieder den Gesandten zu und sprach mit erhabener Stimme und einem Blicke wie ein Wesen aus einer höheren Sphäre:

»Wenn der gothische Eroberer in Italien regiert, so sollen die Paläste der frühem Herrscher als Wohnungen für ihn vorhanden sein. Ich werde ein niedrigeres Lösegeld bestimmen, ich werde Rom verschonen.«

Unter den Kriegern hinter ihm erhob sich Gemurr. Ihr Anführer versagte ihnen zum ersten Male die Plünderung und Zerstörung, welche sie begierig erwartet hatten. Als ihre murmelnden Vorstellungen sein Ohr erreichten, heftete Alarich augenblicklich streng seine Augen auf sie, wiederholte in ruhigen, gebietenden Tönen: »Ich werde ein niedrigeres Lösegeld bestimmen, ich werde Rom verschonen!« und blickte forschend in die Gesichter seiner wilden Untergebenen. Ihren Lippen entfiel kein Wort, welches eine andere Ansicht verrathen hätte, in ihren Reihen zeigte sich keine Geberde des Unmuthes, sie bewahrten ein tiefes Schweigen, als der König wieder auf die Gesandten zutrat und fortfuhr:

»Ich setze das Lösegeld der Stadt auf fünftausend Pfund Gold, auf dreißigtausend Pfund Silber ——« hier hielt er plötzlich inne, als denke er weiter über das, was er verlangen solle,nach.

Die Herzen des Senats, die auf einen Augenblick durch Alarich’s unerwartete Verkündigung, daß er seine Forderungen mäßigen wolle, erleichtert worden waren, sanken wieder, als sie an den von ihm verlangten Tribut dachten und sich ihres erschöpften Schatzes erinnerten. Aber es war jetzt keine Zeit mehr, Einwendungen oder Zögerungen zu machen und sie antworteten, obgleich sie nicht wußten, woher sie die Mitte! zur Erfüllung ihres Versprechens nehmen sollten, einstimmig:

»Das Lösegeld soll gezahlt werden.«

Der König blickte sie wie erstaunt an, daß Leute, die er aller Freiheit der Wahl beraubt hatte, es noch wagten, eine solche zu behaupten, indem sie aussprachen, daß sie Bedingungen annähmen, welche sie nicht abzulehnen wagten. Der spöttische Geist belebte sich wieder von Neuem in ihm, als er so auf die hilflose, gedemüthigte Gesandtschaft blickte, und er lachte nochmals, als er, halb zu der stummen Schaar von Kriegern hinter ihm gewendet, fortfuhr:

»Das Gold und Silber sind bloß die ersten Theile des Tributs, meine Leute sollen mit mehr als dem Reichthum des Feindes belohnt werden. Ihr Römer habt unsere rauhen Bärenfelle und schweren Rüstungen verlacht, Ihr sollt uns in Eure Festgewänder kleiden. Ich füge zu dem Gold und Silber Eures Lösegeldes viertausend seidene Gewänder und dreitausend Stücke Purpurtuch. Meine Barbaren sollen nicht mehr Barbaren sein, ich werde Patrizier, Epikuräer, Römer aus ihnen machen!«

Die Mitglieder der unglücklichen Gesandtschaft blickten, als er inne hielt, mit stummer Bitte an die Gnade des triumphierenden Eroberers auf, aber sie sollten nicht so leichten Kaufes von dem Begehren seiner Habgier und Verachtung loskommen.

»Halt!« rief er, »ich will mehr haben —— noch mehr haben! —— Ihr seid ein Volk von Schwelgern —— wir wollen es Euch in Euern Gastmählern gleichthun, wenn wir Euch Eurer Festkleider entledigt haben. Zu dem Gold, dem Silber, der Seide und dem Tuche will ich noch mehr fügen, dreitausend Pfund Pfeffer, Eure kostbare Waare, die mit Eurem üppigen Reichthume in fernen Ländern gekauft ist! — seht zu, daß Ihr dieses Gewicht mit den übrigen Theilen des Lösegeldes bis auf das letzte Korn hierher bringt. Das Fleisch unserer Thiere soll uns gewürzt werden. wie Euch das Fleisch der Euern!« [Pfeffer war eine Lieblingswürze der kostbarsten römischen Speisen. - Gibbon.]

Er wendete sich mit den letzten Worten kurz von den Senatoren ab. Einige neigten mit stummer Resignation die Häupter, Andere Belebte, —— mit der Gedankenlosigkeit von durch das, was sie in der jetzt beendeten Zusammenkunft gesehen und gehört hatten, der Besinnung beraubten Menschen, —— unglücklicher Weise die Erinnerung an die gebrochenen Verträge früherer Jahre von Neuem, und sie fragten mechanisch, in den Ausdrücken der alten Friedensformulare, welche Bürgschaft der Belagerer für die Bezahlung seiner Forderungen verlange.

»Bürgschaft!« rief Alarich heftig, indem er sofort wieder in seine strengere Stimmung versank; »seht dort die künftige Bürgschaft der Gothen für die Treue Roms!« und er warf den Zeltvorhang bei Seite und deutete stolz auf die langen Zeltreihen seines Lagers, die sich um Alles, was von den Mauern der gefallenen Stadt sichtbar war, erstreckten.

Die Gesandten erinnerten sich der Niedermetzelung der Geißeln zu Aquileja und die Umgehungen der Tributzahlungen, welche in früheren Jahren versprochen worden waren, und blickten schweigend Durch die Oeffnung des Zeltes.

»Erinnert Euch an die Bedingungen!« fuhr Alarich mit warnendem Tone fort, »und gedenkt an meine Bürgschaft für die schnelle Zahlung des Lösegeldes! So sollt Ihr noch eine Zeitlang in Sicherheit leben und wieder schmausen und spielen und lustig sein, so lange Euch noch Euer Reich gehört. Geht —— ich habe gesprochen —— es ist genug.«

Er wendete sich ohne ein weiteres Wort von den Senatoren ab und der Vorhang des Zeltes fiel hinter ihnen zu, als sie hinausgingen.

Die Verhandlung war vorüber, das Endurtheil gesprochen und die Zeit gekommen, um hinzugehen und ihm zu gehorchen.

Die Nachricht, daß endlich die Bedingungen des Friedens bestimmt seien, erfüllten die vor dem Zelte wartenden Römer mit einem Entzücken, welches weder durch Erinnerungen an die Vergangenheit, noch durch Ahnungen für die Zukunft vermindert wurde. Durch die sie im Lager umgebenden Gothen, an der Ausführung ihrer verzweifelten Absicht, nach dem platten Lande zu entfliehen, verhindert, von den Thoren, durch welche sie sich vorwitzig gedrängt hatten, von der Rückkehr nach Rom abgeschlossen, in ihrer Hilflosigkeit dem brutalen Hohne des Feindes ausgesetzt, während sie in langer peinlicher Ungewißheit auf den Schluß der gefahrvollen Verhandlung zwischen Alarich und dem Senate warteten, hatten sie den äußersten Gipfel des Leidens erstiegen und sich ohne Ausnahme der Verzweiflung ergeben und die Nachricht von dem abgeschlossenen Vertrage erklang in ihren Ohren also wie ein Versprechen der Erlösung. Unter die keine Ueberlegung verstattende Ekstase ihrer Freude über die Aussicht auf das Ende der Blockade mischte sich keine von den Besorgnissen, die die ungeheure Höhe des geforderten Tributs im Geiste ihrer Vorgesetzten erweckt hatte. Sie erhoben sich mit einem Geschrei der Ungeduld und des Entzückens um nach der Stadt zurückzukehren, aus der sie in Schrecken geflohen waren. Sie schmiegten sich gleich Hunden an die Gesandten und selbst an die wilden Gothen. Bei ihrer Entfernung von Rom hatten sie mechanisch einige Regelmäßigkeit in ihrem Zuge bewahrt, jetzt aber eilten sie ohne Auszeichnung des Platzes oder Disciplin des Marsches dahin und Senatoren, Soldaten und Plebejer waren in einen wirren Haufen zusammengedrängt.

Kein Einziger von ihnen bemerkte in seiner neugeborenen Sicherheit das verfallene Gebäude an der Straße, kein Einziger von ihnen beachtete die dicht umhüllte Gestalt, welche sich aus demselben hervorstahl um sich ihnen anzuschließen und sich bald mit leisem Schritte und bedecktem Gesicht in ihre dichtesten Reihen mischte. Die Aufmerksamkeit der Gesandten wurde noch gänzlich von ihren Ahnungen der Unmöglichkeit, das Lösegeld zusammenzubringen, in Anspruch genommen, die Augen ihrer Begleiter waren nur auf das Pincische Thor geheftet; ihre Ohren standen keinem Tone, als ihren eigenen Ausrufungen des Entzückens offen. Es hätte sich jetzt nicht nur ein verkleideter Fremder, sondern viele ungefragt und unbemerkt ihrem lärmenden Zuge anschließen können.

So traten sie hastig wieder in die Stadt, wo sich Tausende von geschwächten Augen anstrengten, um auf sie zu blicken, und Tausende von aufmerksamen Ohren sogen ihre frohe Nachricht aus dem gothischen Lager ein. Dann hörte man auf allen Seiten die Töne hysterischen Weinens und blödsinnigen Lachens, die leisen Seufzer der Schwachen, die als Opfer ihrer plötzlichen Freude starben und das wirre Durcheinander sprechen der Kräftigen, die alle Noth überlebt hatten und endlich ihre Erlösung vor Augen sahen. Immer noch stumm und ernst zogen die Gesandten jetzt langsam auf ihrem Rückwege nach dem Forum durch die Menge, welche sich zu beiden Seiten vor ihnen öffnete. Feinde, Freunde und Fremde —— Alle, die die schonungslose Hungersnoth bisher in ihren Interessen und Sympathien getrennt hatte, waren jetzt durch die Erwartung baldiger Hilfe gleich einer einzigen Familie verbunden.

Unter der Menge befand sich aber ein Wesen, welches in seinen unenthüllten Empfindungen allein unter den jubelnden Tausenden, die es umgaben, stand. Die Frauen und Kinder, die mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt auch bloß an Goiswinthen vorbeigingen, sahen nicht die begierige wilde Aufmerksamkeit in ihren Augen, welche sie verfolgten, bis sie aus dem Gesichtskreise verschwanden. Innerhalb der Thore wartete die Fremde und Feindin unbemerkt auf das dem Verräther günstige Dunkel der Nacht. Wo sie zuerst gestanden hatte, als sie von der dichten Menge eingeschlossen worden war, da blieb sie auch stehen, als die übrigen langsam weiter gingen und der Raum um sie her frei wurde. Aber unter dieser äußerlichen Ruhe und Stille lauerten die wildesten Leidenschaften, die je gegen die schwachen Schranken des menschlichen Willens gewüthet haben, selbst die starre Fassung Goiswinthens war erschüttert, als sie sich innerhalb der Mauern von Rom erblickte.

Es war kein argwöhnischer Blick auf sie geworfen worden, kein Mitglied der Menge hatte sich ihr genähert, um sie zurückzuweisen, als sie mit den verdachtlosen Bürgern um sie her durch das Thor schritt. Durch die sorglose Sicherheit ihrer Feinde eben so wirksam vor der Entdeckung geschützt, wie durch die List ihrer Verkleidung, stand sie auf den Straßen von Rom, wie sie sich es gelobt hatte, fern von den Heeren ihres Volkes, allein als Bluträcherin da.

Es war kein Traum, keine flüchtig kriegerische Vision. Das Messer befand sich in ihrer Hand, die Straßen dehnten sich vor ihr aus, die lebenden Wesen, welche dieselben erfüllten waren Römer; der Tag neigte sich bereits dem Abend zu, das Nahen ihrer Rache war eben so gewiß, wie das Nahen der Finsterniß, welche dieselbe zur freien Ausübung bringen sollte. Ein wilder Jubel trieb ihr das Blut schneller durch die Adern, während sie an die furchtbaren Pläne des geheimen Mordes und der Rache dachte, die jetzt sie, ein einzelnes Weib der schutzlosen Bevölkerung einer ganzen Stadt in Todfeindschaft gegenüberstellte.

Als ihre Augen langsam über die Menge hinschweiften, als sie an die Zeit dachte, die noch vergehen konnte, ehe sie Entdeckung und Tod —— das Märtyrerthum in der Sache des Blutes, welches sie erwartete und herausforderte, ereilen würde, zitterten ihre Hände unter ihrem Gewande und sie wiederholte flüsternd:

»Gatte, Kinder —— Bruder —— fünf Morde müssen gerächt werden! Gedenke an Aquileja! gedenke an Aquileja!«

Plötzlich hefteten sich, wie sie so von einer Gruppe des nach Hause ziehenden Volkes zur andern blickte, ihre Augen auf einen Gegenstand, sie trat schnell vorwärts, hielt sich dann wieder mit Gewalt zurück und mischte sich unter eine noch dichte Gruppe, indem sie fest fortwährend auf eine Stelle hinstarrte. Sie sah das ihren Händen zweimal —— im Lager und in dem Bauernhause —— entrissene Opfer, auf den Straßen von Rom zum dritten Male in ihrer Gewalt. Die zuletzt erwartete Möglichkeit der Rache war diejenige, welche sich zuerst eingestellt hatte. Ein unbestimmtes drückendes Gefühl von abergläubischer Ehrfurcht vermischte sich mit dem Triumphe ihres Herzens, eine übernatürliche Hand schien sie mit verderblicher Eile über jedes sterbliche Hinderniß hinweg auf den Gipfelpunkt ihrer Rache zu führen.

Sie versteckte sich hinter das Volk, sie beobachtete das Mädchen von dem entferntesten Punkte aus, aber längeres Verbergen war jetzt vergeblich —— ihre Augen hatten einander getroffen. Das Gewand war, als sie plötzlich vorwärts schritt, zurückgefallen und in diesem Augenblicke hatte sie Antonina gesehen.

Numerian der langsam mit seiner Tochter durch die Menge schritt, fühlte, wie ihre Hand die seine fester Umfaßte, und sah ihre Züge plötzlich erstarren. Aber die Veränderung dauerte nur einen Augenblick. Ehe er sprechen konnte, erfaßte sie ihn am Arme und zog ihn mit convulsivischer Energie vorwärts, dann hörte er sie in fast unartikulirtem leisen, athemlosen ihrer gewöhnlichen Stimme unähnlichen Tönen rufen:

»Sie ist dort! dort hinter uns! —— um mich zu tödten, wie sie ihn getödtet hat! —— Nach Hause! nach Hause!«

Schon durch lange Schwäche, natürliche Gebrechlichkeit und das rauhe Drängen der Menge erschöpft, durch Antonina’s Blicke und Bewegungen und die erschreckende Mittheilung von einer unbekannten Gefahr, die ihm in ihrem abgebrochenen Entsetzensrufe kund geworden war, in Verwirrung gesetzt, war Numerians erster Antrieb der, das ihn umgebende Volk um Schutz und Hilfe zu bitten. Selbst wenn er ihnen aber den Gegenstand seines Schreckens unter der bunten Menge aus allen Nationen hätte zeigen können, würde seine Aufforderung unbeantwortet geblieben sein. Von allen Folgen der furchtbaren Entbehrungen, die die Belagerten erlitten hatten, war keine gewöhnlicher als die Art von Verstandesverwirrung, welche so lebhafte Visionen von Gefahren, Feinden und Tod erzeugt, daß diejenigen, welche sie erblicken, gegen die Schöpfung ihres eignen Deliriums um Hilfe flehen. Die Meisten von denjenigen, an, welche Numerian seine Bitte richtete, gingen also vorüber, ohne Notiz davon zu nehmen. Einige sagten ihm nachlässig, er möge sich erinnern, daß jetzt keine Feinde mehr da seien, —— daß die Tage des Friedens herannahten —— und daß eine gute Mahlzeit, die er bald zu genießen erwarten könne, die einzige Hilfe für einen Hungernden wäre.

Zu jener Zeit des Schreckens und der Leiden, die sich jetzt ihrem Ende zuneigte, sah Keiner etwas Ungewöhnliches in der Verwirrung des Vaters und dem Entsetzen des Kindes, sie setzten also ihre schwache Flucht unbeschützt fort und Goiswinthens Schritte folgten ihnen. Sie hatten bereits den Monte Pincio zu ersteigen begonnen,als Antonina plötzlich stehen blieb und zurück blickte. Die Straße unter ihr war noch von vielen Menschen angefüllt, aber ihre Augen drangen, von der Gefahr geschärft, unter dieselben ein und unterschieden schnell das weite Gewand und die hohe Gestalt, welche immer noch in gleicher Entfernung von ihnen war und stehen blieb, wie sie stehen geblieben waren. Auf einen Augenblick schaute das Mädchen mit dem wilden, hilflosen Stieren des Schreckens in das Gesicht ihres Vaters, im nächsten warnte sie aber der geheimnißvolle Instinkt der Selbsterhaltung, welcher mit dem Instinkt der Furcht zugleich existiert —— der das schwächste Thier mit List begabt, um seine Flucht so sicher als möglich zu machen, und an die Stelle der Vernunftreflexion und des Entschlusses tritt, wenn alle diese aus dem Geiste verbannt sind —— vor dem verderblichen Irrthum, der Verfolgerin zu gestatten, ihr bis nach ihrem Hause nachzuspüren.

»Nicht dort! nicht dort!« ächzte sie schwach, als Numerian sie den Abhang hinauf führen wollte. »Sie wird uns sehen, wenn wir in die Thür treten —— durch die Straßen, o Vater, wenn Du retten mich! Auf den Straßen können wir von ihr abkommen —— Die Wachen, das Volk sind dort, —— zurück! —— zurück!«

Numerian bebte, als er den Schrecken in ihren Blicken und Gebärden bemerkte, aber es war vergeblich, sie zu fragen oder ihr Widerstand zu leisten. Nur Gewalt konnte sie zurückhalten —— weder Befehle noch Bitten konnten ihr mehr entlocken als den athemlosen Ausruf:

»Weiter, Vater! weiter, wenn Du mich retten willst!«

Sie war jeder Empfindung außer der Furcht, jeder Anstrengung außer der der Flucht unfähig.

Sich drehend und wendend und stets mit dem gleichen schnellen Schritte vorwärts eilend, gingen sie mechanisch durch die Winkelstraßen, die an das Flußufer führten, immer noch aber folgte die Bluträcherin dem Opfer, beständig wie der Schatten dem Körper, wachsam und unermüdlich wie ein Bluthund auf einer warmen Führt!

Und jetzt hörte selbst der Klang der väterlichen Stimme auf in den Ohren der Tochter vernehmbar zu sein, sie fühlte nicht mehr den Druck seiner Hand, bemerkte selbst seine Gegenwart an ihrer Seite nicht mehr. Endlich blieb sie schwach zusammensinkend, verwirrt wieder stehen und blickte zurück.

Die Straße, welche sie erreicht hatten, war sehr still und öde, nur an ihrem fernsten Ende sah man zwei Sklaven gehen. So lange sie im Gesichtskreise waren, zeigte sich auf der andern Seite kein lebendes Geschöpf, sobald sie sich aber entfernt hatten, schlich ein Schatten über das Pflaster einer Säulenhalle in der Ferne und im nächsten Augenblicke erschien Goiswintha auf der Straße.

Die Sonne brannte grell auf ihre dunkle Gestalt, als sie stehen blieb und einen Augenblick umher spähte. Sie that einen Schritt vorwärts und Antonina sah weiter nichts. Von Neuem wendete sie sich, um ihre hoffnungslose Flucht fortzusetzen und von Neuem bereitete sich ihr Vater, der als die geheimnißvolle Ursache ihres Schreckens nur ein einziges Weib bemerkte, welches ihnen zwar folgte, aber keinen Versuch machte, sie anzuhalten oder auch nur anzureden, an allen übrigen Möglichkeiten, ihre Rettung zu bewirken, verzweifelnd, sie bis ans Ende zu begleiten. Immer vollständiger fesselte der Schrecken jetzt ihre Geisteskräfte, während sie bewußtlos ihren schnellen Weg durch die nach dem Tiber führenden Straßen fortsetzte. Nicht Numerian, —— nicht Rom —— nicht das Tageslicht einer großen Stadt standen vor ihren Augen —— es war der Sturm, die Ermordung, die Nacht in dem Bauernhause, welche sie jetzt wieder durchlebte.

Die schnelle Flucht und die unablässige Verfolgung wurden fortgesetzt, als ob keine je ihr Ende erreichen solle, aber der Schluß des Schauspieles war dessen ungeachtet nahe.

Während des eiligen Durchschreitens der Straßen hatte sich Numerian’s Geist allmälig von seinem ersten Erstaunen und Schrecken erholt und endlich bemerkte er die Nothwendigkeit augenblicklichen entschiedenen Handelns, so lange es noch Zeit war, Antoninen vor dem Sinken unter dem Uebermaße ihrer eignen Furcht zu retten. Wiewohl eine furchtbare unbestimmte Ahnung des Unheils und Todes sein Herz erfüllte, wurde doch sein Entschluß sofort auf jede Gefahr hin, das dunkle Geheimniß naher Gefahr zu durchdringen, welches die Worte und Handlungen seiner Tochter andeuteten, nicht wankend, denn er wurde von dem einzigen Beweggrunde erweckt, der kräftig genug war, um alle Energie seiner früheren Jahre, die noch nicht Durch Leiden und Gebrechlichkeit vernichtet war, neu zu beleben die Erhaltung seines Kindes. In seinen trüben Augen blitzte noch etwas von der früheren Festigkeit und Kraft des unerschrockenen Reformators der Kirche auf, als er jetzt stehen blieb, Antoninen in seine Arme schloß und sie in ihrer Flucht aufhielt.

Sie rang, um zu entrinnen, aber es war schwach und nur auf einen Augenblick. Kraft und Bewußtsein begannen sie zu verlassen. Sie machte keinen Versuch, zurückzublicken, sie fühlte in ihrem Herzen, daß Goiswintha noch hinter ihr sei und wagte die entsetzliche Ueberzeugung nicht mit ihren Augen zu bestätigen. Ihre Lippen bewegten sich, aber sie drückten eine andere, vergebliche Bitte aus.

»Hermanrich, o Hermanrich!« war Alles, was sie jetzt murmelten. Sie waren an die lange Straße gekommen, die am Ufer des Tiber hinlief. Das Volk hatte sich entweder in seine Behausungen zurückgezogen oder sich nach dem Forum begeben, um sich nach der Zeit zu erkundigen, wo das Lösegeld bezahlt werden würde. Außer Goiswinthen war Niemand zu erblicken, als sich Numerian umsah und Jene kam, nachdem sie die leere Straße sorgfältig durchforscht, mit schnelleren Schritten auf sie zu.

Auf einen Augenblick sah sie der Vater fest an, und in diesem Augenblicke war sein Entschluß gefaßt. Eine Treppe zu seinen Füßen führte nach der schmalen Thür eines kleinen Tempels, der das ihm zunächstliegende Gebäude war. Da er nicht wußte, ob nicht Goiswintha bei ihrer unablässigen Verfolgung insgeheim von Genossen unterstützt wurde beschloß er Antoninen wenigstens auf einige Zeit in diese Zufluchtsstätte zu bringen, während er, vor derselben stehend, das Weib nöthigen würde, seine Absicht auszusprechen, wenn es ihm selbst bis dorthin folgte. Im nächsten Moment hatte er mit dem erschöpften Mädchen an seiner Seite die Stufen zu ersteigen begonnen. Oben angelangt führte er es vor sich in die Thüre und blieb an der Schwelle stehen, um sich wieder umzuschauen.

Goiswintha war nirgends zu erblicken.

Numerian ließ sich durch das plötzliche Verschwinden des Weibes nicht zu dem Glauben bewegen, daß sie sich aus der Straße entfernt habe, sondern beharrte auf seinem Entschlusse seine Tochter nach einem Ruheorte zuführen, wo sie sich augenblicklich sicher fühlen und daher am leichtesten wieder ihre Fassung erlangen könne, und zog Antoninen mit sich in den Tempel. Dort verweilte er einen Augenblick, ehe er sich entfernte, um von der Vorhalle aus die Straße zu beobachten.

Das Licht in dem Gebäude war trübe —— es fiel nur durch eine kleine Oeffnung im Dache und durch die schmale Thür ein, wo es durch die äußere Säulenhalle verdunkelt wurde. In dem dämmernden Innern lag ein formloser Haufen von dunkeln, schwer aussehenden Gegenständen aus dem Boden und erhob sich hoch bis fast an die Decke. Von unregelmäßiger Form in seltsamer Unordnung über einander geworfen, zum größten Theile von dunkler Farbe, hier und da aber doch in metallischem Glanze schimmernd, besaß diese Masse von Gegenständen ein geheimnißvolles, unbegrenztes, überraschendes Aussehen. Es war unmöglich, auf den ersten Blick zu entdecken, welcher Art die Gegenstände waren, —— oder zu errathen, zu welchem Zwecke sie auf dem Fußboden eines verlassenen Tempels zusammengehäuft sein konnten. Von dem Augenblicke an, wo sie zuerst Numerians Aufmerksamkeit erregt hatten, wurde er unwillkürlich davon angezogen und ein schwaches, unerklärliches, unbestimmtes, scheinbar grund- und zweckloses Beben des Verdachts schlug emsig an sein Herz.

Er hatte einen Schritt vorwärts gethan, um den verborgenen Raum hinter der zusammengehäuften Masse zu untersuchen, als seinem weiteren Vordringen durch den Anblick eines Mannes, der hinter demselben hervorkam, Einhalt gethan wurde. Der Fremde war in das wallende purpurgesäumte Gewand und die weiße Stirnbinde der heidnischen Priester gekleidet. Ehe der Vater oder die Tochter sprechen, ja selbst ehe sie sich bewegen konnten, um sich zu entfernen, trat er zu ihnen heran, legte Beiden eine Hand auf die Schulter und blickte sie, ohne ein Wort zu reden an.

In dem Augenblicke, wo er sich näherte, erhob Numerian seine Hand, um ihn zurückzustoßen und heftete dabei, als eben ein Lichtstrahl von der Thüre her über das Gesicht des Fremden hinzog, seine Augen auf dasselbe. Sein Arm blieb starr ausgestreckt, sank dann an seiner Seite nieder und der Ausdruck des Schreckens auf dem Gesicht des Kindes spiegelte sich so zu sagen auf dem Gesicht des Vaters ab. Keines von Beiden bewegte sich unter der Hand des Tempelbewohners, als er sie schwer auf Beide legte und Beide standen stumm wie er selbst vor ihm da.


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