Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib
 

Mann und Weib



Swanhaven Lodge.

Vierunddreißigstes Kapitel - Die Saat der Zukunft. Erste Aussaat

»Nicht so groß wie Windygates, aber behaglich, was Jones?«

»Und gemüthlich, Smith, ich bin ganz Ihrer Meinung.«

So lautete das von den beiden Herren Choristen ausgesprochene Urtheil über Mr. Julius Delamayn’s schottisches Landhaus Das Urtheil, das Smith und Jones hier fällten, war unstreitig richtig. Swanhaven Lodge war nicht halb so groß wie Windygates, aber es war zu der Zeit, wo der Grundstein von Windygates gelegt wurde, schon seit zweihundert Jahren bewohnt gewesen und hatte die Vorzüge ohne die Nachtheile seines Alters. Alte Häuser pflegen sich dem Character ihrer Bewohner anzupassen, wie sich alte Hüte den menschlichen Köpfen anpassen. Der Besucher von Swanhaven Lodge hatte beim Fortgehen eine Empfindung, als ob er seine Heimath verließe. Es gehörte zu den wenigen Häusern, die uns, außer unserem eigenen, sympathisch anmuthen. Der Garten war weder an Größe noch an Pracht entfernt mit dem von Windygates zu vergleichen. Aber der Park war schön, weniger sorgfältig angelegt, aber auch weniger monoton als ein gewöhnlicher englischer Park. Der See an der nördlichen Grenze des Gutes war berühmt wegen seiner Schwanenzucht und gehörte zu den Merkwürdigkeiten der Gegend, und die Geschichte des Hauses, die es mit mehr als einem berühmten schottischen Namen verknüpfte, hatte Julius Delamayn selbst geschrieben und illustrirt. Besucher von Swanhaven Lodge erhielten regelmäßig ein Exemplar des Buches, das der Verfasser für seine Freunde hatte drucken lassen. Einer unter zwanzig las es, die Uebrigen erklärten es für höchst »unterhaltend« und begnügten sich damit, die Bilder anzusehen.

Es war der letzte August und in Swanhaven Godge fand das von Mr. und Mrs Delamayn gegebene Gartenfest statt. Smith und Jones, die mit den übrigen Gästen von Windygates in Lady Lundie’s Gefolge erschienen waren, tauschten ihre Ansichten über die Vorzüge des Hauses auf einer Terrasse hinter dem Hause aus. Sie bildeten die Avantgarde der Besucher, die, zu Zweien und Dreien aus dem Empfangszimmer tretend, alle die Schwäne sehen wollten, bevor das Gartenfest seinen Anfang nähme. Julius Delamayn erschien mit dem ersten Detachement, rekrutirte unterwegs Smith und Jones und andere im Garten zerstreute Junggesellen und begab sich nach dem See. Ein Paar Minuten lang blieb die Terrasse leer. Dann erschienen an der Spitze eines zweiten Detachements der Gäste, zwei Damen unter dem alten steinernen Portal, welches dem Eingange an dieser Seite des Hauses zum Schutz diente. Die eine der beiden Dame war eine kleine, bescheidene, angenehme, sehr einfach gekleidete Frau; die andere gehörte zu dem großen und imponirenden Geschlecht der »schönen Frauen« und war prachtvoll gekleidet. Die erste war Mrs. Julius Delamayn, die zweite Lady Lundie.

»Herrlich, herrlich!« rief Lady Lundie, indem sie die alten von Schlingpflanzen umrahmten gothischen Fenster und die in Zwischenräumen aus der Mauer vorspringenden großartigen steinernen Strebepfeiler betrachtete, deren jeder an seiner Basis von einem Kranz von Blumen umgeben war. »Wie schade, daß dieser Genuß Sir Patrick entgeht.«

»Sagen Sie nicht, Lady Lundie, daß Sir Patrick durch Familienangelegenheiten veranlaßt worden sei, nach Edinburgh zu geben?«

»Ja wohl, Geschäfte, Mrs. Delamahn, die mir nichts weniger als angenehm sind. Alle meine Arrangements für den Herbst werden dadurch über den Haufen geworfen; meine Stieftochter wird sich schon nächste Woche verheirathen.«

»So bald schon? Und wer ist der glückliche Bräutigam, wenn ich fragen darf?«

»Mr. Arnold Brinkworth.«

»Der Name kommt mir bekannt vor.«

»Sie haben vermuthlich von ihm als den Erben des schottischen Gutes des verstorbenen Miß Brinkworth gehört?«

»Allerdings! Haben Sie Mr. Brinkworth auch mitgebracht?«

»Ich muß ihn, wie Sir Patrick bei Ihnen entschuldigen, beide sind vorgestern zusammen nach Editiburgh gereist. Die Advocaten haben sich verpflichtet, die Ehecontracte in drei bis vier Tagen in Ordnung zu bringen, wenn eine persönliche Conferenz vorher ermöglicht werden könnte; es betrifft einige formelle Fragen, glaube ich, die sich auf Besitztitel beziehen. Sir Patrick hielt es für den sichersten und raschesten Weg, Mr. Brinkworth mit sich uach Edinburgh zu nehmen, die Geschäfte heute zu erledigen und mit ihrer Rückreise zu warten, bis wir sie morgen auf unserm Wege nach Süden treffen.«

»Sie wollen Windygates bei diesem reisenden Wetter verlassen?«

»Seht ungern. Die Wahrheit ist, Mrs. Delamayn, daß ich durchaus von dem Willen meiner Stieftochter abhänge. Ihr Onkel hat als ihr Vormund volle Autorität über sie und der Gebrauch, den er davon macht, besteht darin, daß er ihr ganz ihren Willen läßt. Erst vorigen Freitag hat sie in die Festsetzung des Tages gewilligt und noch dazu diese späte Einwilligung an die Bedingung geknüpft, daß die Hochzeit in England stattzufinden habe. Reiner Eigensinn, aber was kann ich dabei thun? Sir Patrick fügt sich, Mr. Brinkworth fügt sich, und wenn ich bei der Hochzeit zugegen sein will, muß ich ihrem Beispiele folgen und mich gleichfalls fügen. Ich halte es für meine Pflicht zugegen zu sein und so bleibt mir nichts übrig, als mich zu opfern. Wir reisen morgen nach London.«

»Soll denn Miß Lundie’s Hochzeit in dieser Jahreszeit in London stattfinden?«

»Nein, wir gehen nur über London nach Sir Patrick’s Gut in Kent, das Gut, das zugleich mit dem Titel in seinen Besitz gelangte. An den Platz knüpft sich für mich die Erinnerung an die letzten Tage meines geliebten Gatten. Auch eine schwere Prüfung für mich. Die Hochzeit soll auf dem Schauplatz meines schmerzlichsten Verlustes gefeiert werden. Meine alte Wunde wird am nächsten Montag wieder frisch bluten müssen und das nur deshalb, weil meine Stieftochter eine Abneigung gegen Windygates gefaßt hat.«

»Heute über acht Tage wird also die Hochzeit sein?«

»Jawohl, heute über acht Tage, es waren Gründe vorhanden, die Sache zu beschleunigen, mit denen ich Sie nicht behelligen will. Keine Worte vermögen es auszudrücken, wie sehr ich wünsche, es wäre vorüber. Aber meine liebe Mrs. Delamayn, wie rücksichtsslos von mir, Sie mit meinen Familiensorgen zu belästigen, Sie sind so liebenswürdig und flößen mir so viel Vertrauen ein, das ist meine einzige Entschuldigung. Bitte, lassen Sie mich Sie nun aber nicht länger von Ihren Gästen zurückhalten, so schwer es mir auch wird, mich von diesem reizenden Punkt zu trennen.«

Wo ist Mrs. Glenarm?«

»Ich weiß es wirklich nicht, ich vermißte sie schon, als wir auf die Terrasse traten, Sie wird höchst wahrscheinlich nach dem See gegangen»sein.«

»Haben Sie Lust, sich auch den See anzusehen, Lady Lundie?«

»Ich« schwärme für die Schönheiten der Natur, Mrs Delamayn, besonders für See’n!«

»Wir haben Ihnen überdies etwas zu zeigen, wir haben eine eigenthümliche Schwanenzucht auf dem See; mein Mann ist mit einigen unserer Gäste vorangegangen und ich glaube man erwartet auch uns, sobald die übrigen Gäste unter der Führung meiner Schwester das Haus gesehen haben werden.«

»Und was für ein Haus, Mrs. Delamayn, historische Erinnerungen in jedem Winkel desselben. Nichts gewährt mir so großen Trost, als mich in die Vergangenheit zu flüchten. Wenn ich wieder weit entfernt von diesem lieblichen Orte bin, werde ich Swanhaven Lodge mit seinen verstorbenen Bewohnern bevölkern und mich in die Freuden und Sorgen vergangener Jahrhunderte versenken.«

Während Lady Lundie in dieser Weise ihre Absicht zu erkennen gab, die Bevölkerung vergangener Jahrhunderte zu vermehren, erschienen die letzten von den Gästen, die das alte Haus durchstöbert hatten, unter dem Portal. Unter diesen Nachzüglern befanden sich Blanche und eine Freundin ihres Alters, die sie in Swanhaven Lodge getroffen hatte. Die beiden Mädchen schlenderten Arm in Arm hinter den Uebrigen her und unterhielten sich vertraulich mit einander. Den Gegenstand ihrer Unterhaltung bildete, wie wir wohl kaum zu sagen brauchen, Blanche’s bevorstehende Hochzeit.

»Aber liebe Blanche, warum willst Du Dich nicht in Windygates verheirathen?«

»Ich hasse Windygates, Janet, es knüpfen sich für mich die traurigsten Erinnerungen an diesen Ort, frage mich nicht, worin sie bestehen. Ich lasse es mir auf’s Aeußerste angelegen sein, nicht an dieselben zu denken, ich sehne mich darnach, nichts mehr von Windygates zu sehen. Was meine Hochzeit anlangt, so habe ich es zur ausdrücklichen Bedingung gemacht, daß sie überhaupt nicht in Schottland stattfinden soll.«

»Was hat denn das arme Schottland gethan, um Deine gute Meinung zu verwirken, liebe Blanche?«

»Das arme Schottland, liebe Janet, ist ein Land, wo die Leute nicht wissen, ob sie verheirathet sind oder nicht. Ich weiß das Alles von meinem Onkel und ich kenne Jemand, der das unschuldige Opfer einer schottischen Heirath geworden ist.«

»Ach dummes Zeug, Blanche, Du denkst an weggelaufene Paare und machst Schottland verantwortlich für die Verlegenheiten von Leuten, die die Wahrheit nicht eingestehen dürfen.«

»Ich rede gar kein dummes Zeug, ich rede von der theuersten Freundin, die ich habe; ach wenn Du nur wüßtest!«

»Liebes Kind, vergiß nicht, daß ich eine Schottin bin; ich bleibe dabei, Du kannst Dich gerade so gut in Schottland wie in England verheirathen.«

»Ich hasse Schottland!«

Blanche?«

»Ich bin nie in meinem Leben so unglücklich gewesen wie in Schottland und ich habe kein Verlangen, es je wieder zu sehen. Ich bin entschlossen meine Hochzeit in England in dem lieben alten Hause zu feiern, wo ich meine ersten Mädchenjahre verlebt habe. Mein Onkel ist ganz einverstanden, er versteht mich und weiß meine Gefühle zu würdigen.«

»Willst Du damit sagen, daß ich Dich nicht verstehe und Deine Gefühle nicht zu würdigen weiß? Dann wäre es wohl besser, Blanche, daß ich Dich von meiner Gesellschaft befreite.«

»Wenn Du iu diesem Tone mit mir reden willst, ja!«

»Soll ich mein Vaterland verunglimpfen hören und kein Wort zu seiner Vertheidigung sagen?«

»Ach, Ihr Schotten macht so viel Aufhebens von Eurem Vaterlande.«

»Wir Schotten? Du bist ja selbst von schottischer Abkunft und Du solltest Dich schämen, so zu reden. Guten Morgen, Blanche! Ich wünsche Dir bessere Laune.«

Noch vor einer Minute waren die beiden jungen Damen wie Zwillingsrosen auf einem Stamm gewesen und jetzt trennten sie sich mit gerötheten Wangen, feindseligen Gefühlen und scharfen Worten; wie heiß ist die Gluth der Jugend und wie unendlich zerbrechlich sind weibliche Freundschaften!

Die Schaar der Gäste folgte Mrs. Delamayn an die Ufer des Sees. Einige Minuten später war die Terrasse völlig öde und leer. Dann trat ein einzelner Herr mit einer Blume im Munde, die Hände in den Taschen, langsam in’s Portal hinaus. Es war Geoffrey Delamayn.

Einen Augenblick später erschien eine Dame hinter ihm mit leisen Schritten, so daß er sie nicht hören konnte. Sie war prachtvoll nach der neuesten Pariser Mode gekleidet, auf ihrer Brust prangte als Broche ein großer Diamant von wundervoller Reinheit, der Fächer in ihrer Hand war ein Meisterstück der feinsten, indischen Arbeit. Sie sah aus wie das, was sie war, wie eine Person im Besitz von sehr vielem überflüssigen Gelde, der es aber an einem entsprechenden Ueberfluß an Geist mangelte war die kinderlose junge Wittwe des großen Eisenwerkbesitzers, Mrs. Glenarm. Die reiche Frau klopfte dem starken Mann kokett mit ihrem Fächer auf die Schulter. »O, Sie böser Junge«, sagte sie mit einer etwas gezierten Schalkhaftigkeit in Blick und Wesen, »finde ich Sie endlich hier?«

Geoffrey schlenderte, während die Dame ihm folgte, mit einer barbarischen Geringschätzung aller civilisirten Unterordnung unter das schöne Geschlecht, auf die Terrasse hinaus und sah auf seine Uhr. »Ich hatte ja gesagt, daß ich hierher kommen würde, wenn ich eine halbe Stunde für mich gehabt hätte«, murmelte er, indem er die Blume achtlos zwischen den Zähnen herumdrehte, »ich habe die halbe Stunde gehabt und da bin ich!«

»Kommen Sie denn, um die Gäste zu sehen oder um mich zu sehen?«

Geoffrey lächelte gnädig und drehte die Blume wieder zwischen den Zähnen herum: »natürlich um Sie zu sehen.«

Die Wittwe des Eisenwerkbesitzers ergriff seinen Arm und schaute zu ihm hinauf, wie nur eine junge Frau aufzublicken wagen kann, während das helle Sonnenlicht voll auf ihrem Gesicht spielte.

Die Durchschnittsansicht der Engländer über weibliche Schönheit kann, auf ihren einfachsten Ausdruck zurückgeführt, in die drei Worte, Jugend, Gesundheit und angenehme Fülle zusammengefaßt werden. Die feineren Reize eines intelligenten Ausdrucks klassischer Linien und anmuthiger Formen üben wenig Anziehungskraft auf die überwiegende Mehrheit der Männer in England. Nur dadurch kann man sich die erstaunliche Blindheit erklären, welche, um nur ein Beispiel anzuführen, von zehn Engländern, die Frankreich besuchen, neun bei ihrer Rückkehr behaupten läßt, daß sie weder in noch außerhalb Paris ein hübsches Frauenzimmer gesehn haben. Unser populärer Schönheitstypus entfaltet sich in seiner vollsten materiellen Erscheinung in dem Schaufenster jedes Ladens, in welchem eine illustrirte Zeitung verkauft wird. Dasselbe vollwangige Gesicht, mit demselben faden Lächeln ohne sonstigen Ausdruck, kehrt in allen Arten von Illustrationen Tag für Tag wieder. Wer zu wissen wünschte, wie Mrs. Glenarm aussah, brauchte nur auszugehen und vor irgend einem Buch- oder Zeitungsladen still zu stehen, um sie in der ersten besten Illustration, auf der eine junge Frau figurirt, zu sehen. Die einzige bemerkenswerthe Besonderheit in Mrs Glenarm’s gewöhnlicher und ganz materieller Schönheit, welche einen fein gebildeten Beobachter frappirt haben würde, war die vollkommene Mädchenhaftigkeit ihres Blickes und Wesens. Kein Fremder, der sich mit dieser vierundzwanzigjährigen Wittwe unterhalten hätte, würde es sich haben einfallen lassen, sie anders als »Mein Fräulein« anzureden.

»Gehen Sie so mit einer Blume um, die ich Ihnen gegeben habe? Sie zermalmen sie zwischen den Zähnen, wie ein Pferd! Sie Nichtsnutz!«

»Was das betrifft«, erwiderte Geoffrey, »bin ich ja wirklich mehr Pferd, als Mensch, ich werde bei einem Wettlauf rennen und das Publicum wettet schon auf mich, ganz wie auf ein Pferd.«

»Da hör’ nur Einer, er hat nichts im Kopf als Wetten. Sie große, schwere Maschine ich kann Sie nicht von der Stelle bringen, merken Sie nicht, daß ich wie alle übrigen Gäste nach dem See gehen möchte? Nein, ich lasse Sie nicht los, Sie sollen mich hin bringen!«

»Kann ich unmöglich, muß in einer halben Stunde wieder bei Perry sein.« Perry war der von London verschriebene Lehrer, der früher, als erwartet, eingetroffen und bereits seit drei Tagen in Funktion getreten war.

»Sprechen Sie mir nicht von Perry, diesem ordinären kleinen Patron, schicken Sie ihn weg. Sie wollen nicht? Sind Sie wirklich ein solcher Unmensch daß Sie lieber bei Perry als bei mir sein wollen?«

»Die Weiten stehen fünf gegen vier, liebes Kind, und das Wettlaufen nimmt in einem Monat seinen Anfang.«

»Nun, so gehen Sie in Gottes Namen zu Ihrem geliebten Perry, ich hasse Sie, ich hoffe nur, Sie verlieren beim Wettrennen. Bleiben Sie nur in Ihrem Häuschen und lassen Sie sich gar nicht wieder im Hause blicken und wohlgemerkt, lassen Sie es sich nicht einfallen, wieder zu mir »liebes Kind« zu sagen.

»Nicht einfallen lassen? Ich werde mir noch ganz andere Dinge einfallen lassen. Warten Sie nur noch eine Weile, bis das Wettrennen vorüber ist; dann werde ich es mir einfallen lassen, Sie zu heirathen!«

»Sie? Sie können so alt werden wie Methusalem, wenn Sie darauf warten wollen, daß ich Ihre Frau werde. Sollte Perry nicht eine Schwester haben? Fragen Sie ihn doch einmal, das wäre gerade die rechte Frau für Sie!«

Geoffrey drehte die Blume zwischen den Zähnen herum und sah aus, als ob er diesen Gedanken der Ueberlegung für werth halte.

»Gut!« sagte er, »wenn ich Ihnen damit einen Gefallen thue, will ich gehen und Perry fragen,« und damit ging er, als ob er seinen Vorsatz sogleich ausführen wolle.

Mrs. Glenarm erhob ihre reizende, kleine, von einem rosafarbenen Glacéhandschuh eng umschlossene Hand, legte dieselbe auf den wuchtigen Arm des Athleten und kniff seine eisernen Muskeln, den Stolz und Ruhm Englands, mit Zärtlichkeit. »Was Sie für ein Mann sind!« sagte sie, »in meinem Leben habe ich keinen solchen Mann wie Sie gesehen!« —— Das ganze Geheimniß der Gewalt, die Geoffrey über sie übte, lag in diesen Worten. Sie waren wenig länger als zehn Tage in Swanhaven Lodge zusammen gewesen und in dieser kurzen Zeit hatte er Mrs. Glenarm’s Herz erobert. Am Tage vor dem Gartenfeste hatte er sie, in einem der wenigen müßigen Augenblicke, die Perry ihm gestatten, allein abgefaßt, ihren Arm ergriffen und sie gerade heraus gefragt, ob sie ihn heirathen wolle. Es fehlt nicht an Beispielen von Frauen —— mit allem Respect sei es gesagt —— die sich in zehn Tagen haben werben und gewinnen lassen, aber ein Beispiel von einer Frau, die das bereitwillig eingesteht, soll noch gefunden werden. Auch die Frau des Eisenwerkbesitzers verlangte die strengste Geheimhaltung, bevor sie ihr Jawort gab. Nachdem Geoffrey ihr sein Wort darauf gegeben hatte, zu schweigen, bis sie ihm erlaubt haben werde, zu reden, gab Mrs. Glenarm ihm ohne längeres Zaudern ihr Jawort, die sie —— was wir nicht unerwähnt lassen wollen —— im Laufe der letzten zwei Jahre wenigstens einem halben Dutzend Männern, die sämmtlich Geoffrey in Allem, außer in Schönheit und Körperkraft, überlegen waren, einen Korb gegeben hatte. Alles in der Welt hat seinen Grund und auch dieses hatte seinen guten Grund.

Wie entschieden auch moderne Philosophen in ihren Erörterungen, über das Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander, es leugnen mögen, so ist es darum doch nicht weniger eine durch die ganze Geschichte des Menschengeschlechts bestätigte Wahrheit, daß es die natürliche Neigung jeder Frau ist, in ihrem Mann ihren Herrn zu finden. Seht Euch irgend eine Frau an, die nicht von einem Manne abhängt, und so gewiß Ihr die Sonne an einem wolkenlosen Himmel seht, so gewiß seht Ihr in das Gesicht einer nicht glücklichen Frau. Das Verlangen nach einem Herrn ist das beständige ihr selbst unbewußte Verlangen des Weibes, in dem Besitze eines Herrn findet es allein seine vollständige Ergänzung. In neunundneunzig unter hundert Fällen liegt dieser natürliche Trieb dem sonst unerklärlichen Opfer zu Grunde, das wir so oft von Frauen gebracht sehen, die sich aus freien Stücken an einen ihrer unwürdigen Mann wegwerfen und dieser natürliche Instinct lag auch der sonst unerklärlichen Leichtigkeit zu Grunde, mit welcher Mrs. Glenarm sich Geoffrey hingab. Bis zu der Zeit ihrer Begegnung mit diesem, hatte die junge Wittwe in ihrem Verkehr mit der Welt sich nur als einen privilegirten Tyrannen betrachtet und behandelt gesehen. In den kurzen sechs Monaten ihrer Ehe mit einem Manne, dessen Enkelin sie hätte sein können, brauchte sie nur den Finger auszustrecken, um den bereitwilligsten Gehorsam zu finden. Der verliebte, alte Mann war der willige Sclave jeder Laune seiner begehrlichen jungen Frau. Später, als die Gesellschaft die junge Wittwe ihrer Geburt, ihrer Schönheit und ihres Reichthums wegen dreifach willkommen hieß, war sie, wo sie auch immer erscheinen mochte, der Gegenstand derselben unterwürfigen Bewunderung der zahlreichen Freier, die sich wetteifernd um ihre Hand bewarben. Zum ersten Male in ihrem Leben begegnete sie in Geoffrey Delamayn einem Manne mit eignem Willen. Geoffrey’s augenblickliche Beschäftigung war besonders geeignet, die Frau in die Lage zu bringen, Einfluß auf den Willen des Mannes zu erproben. Während der Zeit, die seit seiner Rückkehr in seines Bruders Haus bis zu der Ankunft des Lehrers verflossen war, hatte Geoffrey schon angefangen, sich der physischen Disciplin, die zu seiner Vorbereitung auf den bevorstehenden Wettlauf erforderlich war, zu unterziehen. Er wußte aus eigener Erfahrung, welche Uebungen er vorzunehmen, welche Stunden er einzuhalten, welchen Versuchungen der Tafel er zu widerstehen habe. Wieder und wieder versuchte es Mrs. Glenarm ihn zu Uebertretungen seiner selbst vorgeschriebenen Disciplin zu verlocken, und wieder und wieder erwies sich der Einfluß, den sie bisher auf Männer auszuüben gewohnt war, unwirksam. Sie mochte sagen und thun was sie wollte, so vermochte sie diesen Mann nicht in seinen Entschlüssen wankend, zu machen. Als dann Perry eintraf, wurde Geoffrey’s trotziger Widerstand gegen jeden Versuch der reizenden, weiblichen Thränen der sich Jedermann sonst gebeugt hatte, unerschütterlicher als je. Mrs Glenarm wurde so eifersüchtig auf Perry als ob Perry ein Weib wäre. Sie wurde wüthend, brach in Thränen aus, ließ sich von andern Männern die Cour machen und drohte das Haus zu verlassen. Alles vergebens. Nicht ein einziges Mal versäumte Geoffrey eine mit Perry getroffene Verabredung, nicht ein einziges Mal trank oder aß er etwas, was sie ihm anbot, wenn Perry es verboten hatte. Es giebt keine menschliche Thätigkeit, die dem Einfluß des weiblichen Geschlechts so feindlich wäre, als die auf athletische Kraftausübung verwandte; es giebt keine Männer, die dem weiblichen Einfluß so völlig unzugänglich wären, als die Männer die ihr Leben mit der Ausbildung ihrer eigenen Körperkraft zubringen. Es kostete Geoffrey nicht die geringste Ueberwindung, Mrs. Glenarm Widerstand zu leisten, und eben dadurch nöthigte er ihr gelegentlich Bewunderung ab und errang sich, ohne darauf auszugehen, ihre Achtung. Sie hing an ihm wie an einem Helden, sie schreckte vor ihm zurück wie vor einer wilden Bestie, sie rang mit ihm, fügte sich ihm, verachtete und bewunderte ihn, Alles in einem Athem, und der Schlüssel zu dem Allen, verwirrt und widersprechend wie es schien, lag in einer einzigen, einfachen Thatsache. Mrs. Glenarm hatte ihren Herrn gefunden.

»Bringen Sie mich nach dem See«, sagte sie, mit einem kleinen bittenden Druck ihrer rosafarbenen Hand.

Geoffrey sah nach seiner Uhr. »Perry,« sagte er, »erwartet mich in zwanzig Minuten!«

»Wieder Perry?«

»Ja!«

Mrs. Glenarm schwang ihren Fächer mit einem plötzlichen Ausbruch der Wuth und zerbrach ihn, indem sie Geoffrey einen empfindlichen Schlag in’s Gesicht versetzte.«

»Da!« rief sie, mit dem Fuße stampfend, »mein armer Fächer zerbrochen, Sie Ungeheuer, Alles um Ihretwillen!«

Geoffrey sammelte ruhig die Bruchstücke des Fächers auf und steckte sie in die Tasche.

»Ich will nach London schreiben und Ihnen einen andern kommen lassen. Kommen Sie, kommen Sie, geben Sie mir einen Kuß und lassen Sie uns wieder gute Freunde sein!«

Er sah sich über die Schulter um, ob sie allein seien, dann hob er sie mit beiden Händen in die Höhe, obgleich sie nichts weniger als leicht war, hielt sie wie ein Kind hoch empor und gab ihr einen lauten, derben Kuß aus beide Wangen.

»Mit bestem Gruße von ihrem treu Ergebenen,« sagte er, brach in lautes Lachen aus und stellte sie wieder auf den Boden.

»Wie dürfen Sie sich so etwas unterstehen!« rief Mrs. Glenarm, »ich werde Mrs. Delamayn um ihren Schutz, bitten, wenn Sie mich aus diese Weise insultiren, und werde es Ihnen nicht vergeben, mein Herr.«

Während sie diese Worte der Entrüstung sprach, warf sie ihm einen Blick zu, der ihre Worte geradezu Lügen strafte. Im nächsten Augenblick lehnte sie sich an seinen Arm und betrachtete ihn zum tausendsten Male mit bewundernden Blicken, als eine, in ihrer Erfahrung von Männern, ganz neue Erscheinung.

»Wie roh Sie sind, Geoffrey,« sagte sie sanft.

Er lächelte über die unabsichtliche Anerkennung seiner Männlichkeit.

Sie sah das Lächeln und machte sofort einen neuen Versuch, die verhaßte Suprematie Perry’s zu bekämpfen.

»Lassen Sie ihn warten« flüsterte die Tochter Evas, entschlossen, Adam zu einem Bisse in den Apfel zu verlocken.

»Kommen Sie, Geoffrey, und lassen Sie dieses eine Mal Perr Perry sein, bringen Sie mich nach dem See.«

Geoffrey sah nach der Uhr. »Perry erwartet mich in einer Viertelstunde,« erwiderte er.

Mrs. Glenarm’s Entrüstung nahm eine neue Gestalt an, sie brach in Thränen aus.

Geoffrey sah sie einen Augenblick mit unverhohlenem Erstaunen an, faßte sie dann bei beiden Armen und schüttelte sie. »Hören Sie doch einmal«, sagte er ungeduldig, »können Sie mich einüben?«

»Ich würde es« gern thun, wenn ich es könnte.«

»Das kann mir nichts helfen. Können Sie mich soweit bringen, daß ich am Tage des Wettlaufs gerüstet bin, Ja oder nein?«

»Nein!«

»Dann trocknen Sie Ihre Thränen und lassen Sie Perry gewähren.«

»Mrs. Glenarm trocknete ihre Thränen und machte einen letzten Versuch, Geoffrey zurückzuhalten. »Ich kann mich so nicht blicken lassen«, sagte sie, »ich bin so aufgeregt, ich weiß nicht, was ich anfangen soll, kommen Sie mit in’s Haus und lassen Sie uns eine Tasse Thee trinken.«

Geoffrey schüttelte den Kopf. »Perry«, sagte er, »verbietet mir am Tage Thee zu trinken.«

»Sie hartherziges Ungeheuer«, rief Miß Glenarm.

»Soll ich den Wettlauf verlieren?« erwiderte Geoffrey.

»Ja!« Mit dieser Antwort verließ sie ihn endlich und eilte in das Haus»zurück.

Geoffrey ging auf der Terrasse auf und ab, überlegte einen Augenblick, stand dann still und blickte durch das Portal, durch welches sich die erzürnte Wittwe seinen Blicken entzogen hatte.

»Zehntausend Pfund jährlich« sagte er, indem er an seine Heirathsaussichten dachte, die er zu gefährden im Begriff stand, »und verflucht leicht verdient«, fügte er hinzu, indem er in’s Haus trat, um Glenarm zu beschwichtigen.

Die beleidigte Wittwe saß auf einem Sopha in einein einsamen Salon. Geoffrey setzte sich neben sie. Sie that, als wolle sie ihn nicht ansehen. »Seien Sie keine Närrin,« sagte er in einem einschmeichelnden Tone. Mrs. Glenarm hielt sich das Taschentuch vor die Augen. Geoffrey zog dasselbe ohne Umstände wieder weg. Mrs. Glenarm stand auf, um aus dem Zimmer zu gehen. Geoffrey hielt sie mit Gewalt zurück. Mrs. Glenarm drohte, die Dienstboten herbeizurufen. Geoffrey entgegnete: »Meinetwegen, ich mache mir nichts daraus, wenn das ganze Haus erfährt, daß ich Sie gern habe.« Mrs. Glenarm sah nach der Thür und flüsterte: »Still um Gottes willen!« Geoffrey legte ihren Arm in den seinigen und sagte: »Kommen Sie mit mir, ich habe Ihnen etwas zu sagen.« Mrs. Glenarm trat zurück und schüttelte den Kopf. Geoffrey legte seinen Arm um ihre Taille und schleppte sie mit sich zum Zimmer und zum Hause hinaus, nicht auf die Terrasse, sondern in der Richtung einer Tannenanpflanzung an der andern Seite des Hauses. Bei der Tannenanpflanzung angelangt, stand er still und hielt der beleidigten Wittwe einen warnenden Finger entgegen. »Sie sind grade die Art von Frau, die mir gefällt,« sagte er, »und es giebt keinen Mann, der so verliebt in Sie wäre, wie ich. Geben Sie es auf, mich mit Perry zu quälen und ich will Ihnen sagen, was ich für Sie thun will. Sie sollen sehen, wie ich einen Sprint mache.« Er trat einen Schritt zurück und heftete seine großen blauen Augen fest auf sie mit einem Blick, der sagte: »Ich gewähre Ihnen eine Gunst, die noch nie einer Frau zu Theil geworden ist.« Sofort gewann die Neugierde bei Mrs. Glenarm die Oberhand.

»Was ist ein Sprint?« fragte sie.

»Ein kurzes Rennen, um zu versuchen, wie rasch ich laufen kann. Es giebt keine lebende Seele in ganz England, außer Ihnen, der ich das sehen lassen würde! Bin ich noch ein Ungeheuer?«

Mrs. Glenarm war zum hundertsten Male wieder gewonnen. Sie sagte sanft: »O Geoffrey, wenn Sie doch immer so sein wollten wie jetzt.« Ihre Augen erhoben sich bewundernd zu den seinigen; aus freien Stücken ergriff sie wieder seinen Arm und drückte ihn sanft.

Geoffrey glaubte schon die zehntausend Pfund in seiner Tasche zu fühlen.

»Lieben Sie mich wieder?« flüsterte Mrs. Glenarm.

»Ob ich sie liebe!« antwortete der Held.

Der Friede war wieder hergestellt und die Beiden gingen mit einander weiter. Sie überschritten die Tannenanpflanzung und gelangten auf ein offenes, sanft gewelltes Terrain. Die letzte Erhöhung senkte sich allmälig in eine an der andern Seite von schützenden Bäumen begrenzte Ebene hinab. Unter den Bäumen befand sich ein freundliches, kleines, steinernes Haus, vor welchem ein geschniegeltes Männchen, die Hände auf dem Rücken, auf- und abging. Diese Ebene war das Uebungsfeld, das Haus der Aufenthaltsort und der geschniegelte kleine Mann, der Lehrer des Helden.

Wenn Mrs. Glenarm Perry haßte, war er allem Anschein nach in keiner Gefahr, sich in Mrs. Glenarm zu verlieben. Als Geoffrey sich mit seiner Begleiterin näherte, blieb der Lehrer stehen und starrte die Dame schweigend an. Die Dame ihrerseits nahm von dem Vorhandensein des Lehrers nicht die mindeste Notiz.

»Wie viel Uhr ist es?« fragte Geoffrey.

Perry sah nach einer Uhr, welche fünftel Secunden angab und antwortete Geoffrey, während er seinen Blick fortwährend fest auf Mrs. Glenarm gerichtet hielt: »Sie haben noch fünf Minuten!«

»Zeigen Sie mir, wo Sie laufen werden, ich bin voll Begierde es mit anzusehen«, sagte die Wittwe eifrig, indem sie Geoffrey’s Arm mit beiden Händen ergriff.

Geoffrey führte sie an einen in geringer Entfernung von dem Häuschen befindlichen Baum, an dem eine kleine Fahne befestigt war. Sie schlüpfte an seiner Seite in leichten Wellenbewegung hin, welche Perry’s Erbitterung auf ihren Höhepunkt zu bringen schienen.

»Stellen Sie sich dahin«, sagte Geoffrey, indem er sie an den kleinen Baum führte, »wenn ich an Ihnen vorüber komme« —— er hielt inne und betrachtete sie mit dem Ausdruck gutmüthigen Mitleids. »Wie, zum Teufel, soll ich Ihnen die Sache begreiflich machen?« fuhr er fort. »Sehen Sie mal, wenn ich an Ihnen vorüber komme, so wird das in einer Bewegung sein, die Sie, wenn ich ein Pferd wäre, Galopp nennen würden. Schweigen Sie, ich bin noch nicht fertig. Sie müssen mir, wenn ich an Ihnen vorbeilaufe, nachsehen, bis dahin, wo die Ecke der Mauer des Häuschens sich mit den Bäumen schneidet. Wenn ich hinter der Mauer Ihren Blicken entrückt bin, so haben Sie mich meine tausend Fuß, von der Fahne an, durchlaufen sehen. Sie können sich glücklich preisen, Perry läßt mich heute einen langen Sprint machen. Sie haben verstanden, daß Sie hier stehen bleiben sollen? Gut, jetzt lassen Sie mich gehen und mein Renncostüm anziehen.«

»Werde ich Sie denn nicht wiedersehen, Geoffrey?«

»Habe ich Ihnen nicht eben gesagt, daß Sie mich laufen sehen werden?«

»Ja!«

»Aber nachher werde ich mit einem Schwamm abgewaschen, gerieben und muß in dem Häuschen ausruhen.«

»Aber Sie kommen doch heute Abend zu uns?«

Er nickte bejahend und ging von dannen.

Perry’s Gesicht trug einen unheilverkündenden Ausdruck, als Geoffrey an der Thür des Häuschen zu ihm trat.

»Ich habe Ihnen eine Frage zu stellen, Mr. Geoffrey« sagte der Lehrer, »wollen Sie mich haben oder nicht?«

»Gewiß will ich Sie haben.«

»Was habe ich Ihnen gesagt, als ich zuerst herkam?« fuhr Perry in strengem Tone fort. »Ich sagte Ihnen, ich wolle es nicht haben, daß irgend Jemand den Uebungen des von mir eingeübten Mannes zusähe. Vielleicht haben alle die Damen und Herren hier beschlossen, Sie zu sehen, ich aber habe beschlossen keinen Zuschauer zu dulden, ich will nicht, daß jemand Anders Ihnen bei Ihrer Arbeit aufpaßt, als ich, ich will nicht, daß jeder Fußbreit gesegneter Erde, die Sie durchlaufen, in den Zeitungen erscheint; kein Mensch außer uns Beiden soll wissen, was Sie vermögen und was Sie nicht vermögen. Habe ich Ihnen das gesagt, Mr. Delamaym oder nicht?«

»Gewiß, gewiß!«

»Habe ich Ihnen das gesagt?«

»Gewiß haben Sie mir das gesagt.«

»Nun, dann bringen Sie mir keine Frauenzimmer hierher, das ist entschieden gegen unsere Abrede und ich will es nicht dulden.«

Jedes andere lebende Wesen, das sich diesen Ton des Vorwurfes gegen Geoffrey erlaubt hätte, würde denselben wahrscheinlich zu bereuen gehabt haben. Aber in Perry#s Gegenwart fürchtete selbst Geoffrey seiner Laune freien Lauf zu lassen. Angesichts des bevorstehenden Wettlaufes durfte selbst der erste und ausgezeichnetste englische Athlet sich nicht einfallen lassen, mit dem ersten und ausgezeichnetsten Lehrer zu spaßen.

»Sie soll nicht wiederkommen,« sagte Geoffrey begütigend, »sie verläßt Swanhaven-odge in zwei Tagen.«

»Ich habe jeden Shilling, den ich besitze, auf Sie gewettet,« fuhr Perry fort, indem er wieder einen zärtlichen Ton annahm, »und ich kann Ihnen sagen, es war mir ein Stich in’s Herz, als ich Sie mit einem Frauenzimmer herkommen sah. Damit betrügt er die Leute, die auf ihn gewettet habest, sagte ich mir«

»Hören Sie auf,« erwiderte Geoffrey, »und helfen Sie mir, Ihr Geld zu gewinnen.« Er stieß die Thür des Häuschens auf, und der Athlet und der Lehrer verschwanden von der Scene.

Nachdem Mrs. Glenarm ein paar Minuten gewartet hatte, sah sie die beiden Männer sich ihr, von dem Häuschen her, wieder nähern. In dem enganliegenden, leichten, elastischem jeder Bewegung nachgehenden Costüm in dass Geoffrey jetzt gekleidet war, und das der gymnastischen Uebung, die er vorzunehmen im Begriff stand, völlig angemessen schien, zeigten sich seine körperlichen Vorzüge von der vorteilhaftesten Seite. Sein Kopf saß stolz und leicht auf seinem festen, weißen, entblößten Hals, die Bewegung seiner gewaltigen Brust, während er die frische Sommerluft in vollen Zügen einathmete, das Spiel seiner leichten feinen Hüften, der elastische Gang seiner starken, wohlgestalteten Beine, gewährten den Anblick des vollendetsten Typus männlicher Schönheit.

Mrs. Glenarm’s Augen verschlangen ihn in schweigender Bewunderung, er sah aus wie ein junger Gott, wie eine belebte Statue »O, Geoffrey!« rief sie sanft aus, während er an ihr vorüberkam.

Er gab ihr keine Antwort und sah sie nicht einmal an; er hatte etwas Anderes zu thun, als auf weibliches Geschwätz zu horchen. Er sammelte sich für die bevorstehende Anstrengung, seine Lippen waren geschlossen, seine Fäuste leicht geballt Perry stellte sich an seinen Posten, finster und schweigend mit der Uhr in der Hand. Geoffrey trat einige Schritte hinter die Fahne zurück, um einen hinreichenden Anlauf zu gewinnen, und wenn er an der Fahne vorbei käme, schon im vollsten Laufe zu sein.

»Also!« rief Perry.

Im nächsten Augenblick flog Geoffrey zu Mrs. Glenarm’s größten Erstaunen vorüber, wie ein von einem Bogen abgeschossener Pfeil. Seine Haltung war tadellos, sein Lauf bewahrte bei der größten Eile die unerläßlichen Bedingungen der Stärke und Festigkeit.

Weiter und weiter entfernte er sich von den Blicken, die seinem Laufe folgten, noch immer leicht über den Boden dahin fliegend, sich noch immer in gerader Linie haltend. Dann aber verschwand der Läufer plötzlich hinter der Mauer des Häuschens und die Uhr des Lehrers wanderte wieder in seine Tasche zurück.

In ihrem Eifer, das Resultat zu erfahren, vergaß Mrs. Glenarm ihre Eifersucht auf Perry »Wie lange hat er gebraucht?« fragte sie.

»Das möchte wohl Mancher noch außer Ihnen gern wissen,« antwortete Perry.

»O, Mr. Delamayn wird es mir schon sagen, Sie grober Mensch!«

»Das hängt davon ab, Madame, ob ich es ihm sage.« Mit diesen Worten eilte Perry in’s Häuschen zurück.

Kein Wort wurde zwischen Beiden gewechselt, während Perry den erschöpften Renner pflegte, bis dieser wieder zu Athem kam. Nachdem Geoffrey sorgfältig abgerieben und wieder mit seinen gewöhnlichen Kleidern angethan war, zog Perry einen bequemen Lehnstuhl aus einer Ecke herbei, in den Geoffrey mehr fiel, als daß er sich hineingesetzt hätte.

Perry fuhr zusammen und sah ihn aufmerksam an.

»Nun?« sagte Geoffrey »wie ist es damit, lang, kurz oder mittelmäßig?«

»Seht: gut!« sagte Perrh.

»Wie lange denn?«

»Wann, sagten Sie, daß die Dame abreisen würde, Mr. Delamayn?«

»In zwei Tagen.«

»Gut, ich werde Ihnen sagen, wie lange Sie gelaufen sind, wenn die Dame fort ist.«

Geoffrey machte keinen Versuch, auf eine sofortige Antwort zu dringen, sondern lächelte nur schwach. Nach einer Pause von weniger als zehn Minuten streckte er die Beine aus und schloß die Augen.

»Wollen Sie schlafen?« fragte Perry.

Geoffrey öffnete die Augen mit einiger Anstrengung wieder. »Nein,« sagte er. Kaum war die Antwort seinen Lippen entschlüpft, als er die Augen wieder schloß.

»Halloh!« sagte Perry vor sich hin, »das gefällt mir nicht,« und trat näher an den Stuhl heran. Geoffrey war eingeschlafen. Perry ließ einen langen, leisen Pfiff ertönen, beugte sich vorüber und legte zwei Finger sanft auf Geoffrey’s Puls. Der Schlag war langsam und schwach, unzweifelhaft der Puls eines erschöpften Menschen. Der Lehrer wechselte die Farbe und ging im Zimmer auf und ab. Er öffnete einen Schrank und nahm aus demselben sein Tagebuch über die Vorkommnisse der vergangenen Jahre. Die Notizen in Betrefs des letzten Males, wo er Geoffrey zu einem Wettlaufen vorbereitet hatte, waren von der genauesten Vollständigkeit. Er schlug den Bericht über die ersten Versuche, »eine Strecke von tausend Fuß zurückzulegen« auf. Die Zeitdauer war kaum ein bis zwei Secunden länger als heute, aber der Zustand nach dem Laufen war äußerst verschieden. Da stand es mir Perrh’s eigenen Worten: »Puls gut, der Mann vortrefflich gelaunt, bereit, wenn ich es zugelassen hätte, die Strecke noch einmal zu durchlaufen.« —— Perry betrachtete sich denselben Mann, wie er heute, ein Jahr später, vor ihm saß, gänzlich erschöpft und auf seinem Stuhl fest eingeschlafen. Er nahm Feder, Tinte und Papier aus dem Schrank und schrieb zwei Briefe, deren beider Adressen er das Wort »vertraulich« hinzufügte. Der erste Brief war an einen Arzt, eine große Autorität bei den Renn-Lehrern der zweite an Perrys Agenten in London, den er als eine vertrauenswürdige Person kannte, gerichtet. Der Brief beauftragte den Agenten, indem er ihm die strengste Geheimhaltung zur Pflicht tauchte, auf Geoffrey’s Gegner beim Wettrennen eine gleich hohe Summe zu wetten, wie Perry aus Geoffrey selbst gewettet hatte. »Wenn Sie irgend etwas auf ihn gewettet haben,« schloß der Brief, »so machen Sie es wie ich, nehmen Sie sich in Acht und schweigen Sie. Da ist wieder Einer unbrauchbar geworden.« Und mit einem Blick auf den schlafenden Mann sagte er bei sich »Er wird den Wettlauf verlieren.«



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Fünfunddreißigstes Kapitel - Die Saat der Zukunft; zweite Aussaat

Und was sagten die meisten Gäste über die Schwäne? Sie sagten: »o, wie viele Schwäne!« und das war Alles was»Leute sagen konnten, die von der Naturgeschichte der Wasservögel nichts wußten.

Und was sagten die Gäste von dem See? Einige sagten: »wie feierlich«, Andere, »Wie romantisch«, wieder Andere aber sagten gar nichts, aber dachten: »Ein trübseliger Anblick.« In diesem Falle traf die Meinung des Haufens wieder einmal das Richtige. Der See lag inmitten eines Tannenwaldes verborgen. Bis auf die Mitte, wo die Sonne das Wasser erreichen konnte, lag der See schwarz unter dem dunkeln Schatten der Bäume da. Die einzige Lichtung in der Tannenpflanzung befand sich an dem untern Ende des See’s; das einzige erkennbare Zeichen seiner Bewegung und seines Lebens war das geisterhafte Hingleiten der Schwäne über die todtenstille Oberfläche des Wassers. »Es war feierlich«, wie einige Ciäste sagten, »es war romantisch«, wie andere sagten, »es war trübselig«, wie andere dachten und nicht sagten.

Die längste Beschreibung würde nichts mehr zu sagen vermögen; enthalten wir uns deshalb jeder weiteren Schilderung. Nachdem die allgemeine Neugierde sich an dem Anblick der Schwäne und des See’s genug gethan hatte, wandten sich die Gäste wieder der Lichtung am untern Ende des See’s zu und bemerkten daselbst einen offenbar künstlichen Gegenstand, der sich in Gestalt eines großen, rothen, zwischen zwei der höchsten Bäume aufgehängten Vorhanges in die Scene eingedrängt hatte und die darüber hinausliegende Aussicht den Blicken entzog. Sie verlangten eine Erklärung des Vorhanges und erhielten von Julius Delamayn zur Antwort, daß das Geheimniß unmittelbar nach dem Eintreffen seiner Frau mit den im Hause zurückgebliebenen Gästen, enthüllt werden solle.

Nach dem Erscheinen von Mrs. Delamayn mit den Nachzüglern stellte sich die ganze Gesellschaft dicht am Ufer des See’s, dem Vorhange gerade gegenüber auf. Julius Delamayn winkte, indem er auf die seidenen Schnüre, die an beiden Enden des Vorhanges herabhingen, zeigte, zwei in der Gesellschaft befindliche kleine Mädchen, die Nichten seiner Frau, zu sich heran. Er bedeutete sie, an den Schnüren zu ziehen und aufzupassen, was es dann geben werde. Die kleinen Kinder zogen mit dem Eifer, den Kinder immer an den Tag legen, wenn es sich um etwas Geheimnißvolles handelt. Der Vorhang ging in der Mitte auseinander und ein lauter Ausruf allgemeinen Erstaunens und Entzückens begrüßte das sich den Blicken darbietende Schauspiel.

Am Ende einer Tannen-Allee breitete ein kühler, grüner Rasenplatz seinen Grasteppich inmitten der umgebenden Anpflanzungen aus. Jenseits des Rasens erhob sich der Boden und hier ließ auf dem ersten Abhang eine liebliche, kleine Fontaine, zwischen grauen alten Granitblöcken ihr Geplätscher vernehmen. Längs der rechten Seite des Rasens stand eine Reihe von Tischen, die mit weißen Servietten und mit Erfrischungen für die Gäste bedeckt waren; an der andern Seite war ein Musikcorps aufgestellt, das in dem Moment, wo der Vorhang auseinander gezogen wurde, seine Weisen zu spielen begann. Wenn das Auge sich von der Tannen-Allee zurückwandte fiel es wieder auf den See, auf dessen Wasser das Sonnenlicht spielte und das Gefieder der dahingleitenden Schwäne in seinem glänzenden Weiß sanft beleuchtete. Das war die reizende Ueberraschung, welche Julius Delamayn seinen Freunden bereitet hatte.

Nur in Momenten wie dieser oder wenn er mit seiner Frau im bescheidenen kleinen Musikzimmer Sonaten spielte, fühlte sich der älteste Sohn Lord Holchester’s äußerst glücklich. Er seufzte im Geheimen über die Pflichten, welche seine Stellung als Landedelmann ihm auferlegte, und er litt schwer unter einem der höchsten Privilegien seines Ranges und seiner Stellung, als unter einem socialen Märtyrerthum der grausamsten Art.

»Jetzt wollen wir zu Tisch gehen nud dann tanzen, das ist das Programm des heutigen Tages. Er ging zu Tisch voran mit den beiden ihm zunächst stehenden Damen, ohne sich im Mindesten darum zu kümmern, ob sie zu den vornehmsten der anwesenden Damen gehörten oder nicht. Zu Lady Lundie’s Erstaunen setzte er sich auch auf den dem Eingange zunächst belegenen Platze, ohne anscheinend irgend welchen Werth darauf zu legen, welchen Platz er bei seinem eigenen Feste einnehme.

Die Gäste folgten seinem Beispiel und setzten sich ebenfalls, ohne nach Vorsitz und Rang zu fragen, wohin es ihnen gefiel. Mrs. Delamayn die immer ein besonderes Interesse für Bräute empfand, nahm Blanche’s Arm. Lady Lundie setzte sich entschlossen an die andere Seite ihrer Wirthin, so daß die drei Damen dicht bei einander saßen.

Mrs. Delamayn that ihr Bestes, um Blanche zum Reden zu ermuntern und Blanche that ihr Möglichstes, die Ermunterung Mrs. Delamayn’s nicht vergeblich erscheinen zu lassen, aber doch gelang der Versuch von beiden Seiten nur kümmerlich, so daß Mrs. Delamayn sich des Gedankens nicht erwehren konnte, daß auf Blanche’s Gemüth etwas Unangenehmes laste, und den Versuch verzweifelnd aufgab, indem sie sich zu Lady Lundie wandte.

Mrs. Delamayn’s Vermuthung war nur zu begründet. Blanche’s Ausbruch schlechter Laune gegen ihre Freundin auf der Terrasse und Blanche’s gegenwärtiger Mangel an Munterkeit und guter Laune waren auf dieselbe Ursache zurückzuführen. Sie verbarg es vor ihrem Onkel und vor Arnold, aber sie war noch so besorgt und unglücklich über Anne wie je und noch immer entschlossen, Sir Patrick mochte sagen und thun was er wollte, die erste Gelegenheit, die Nachforschungen nach ihrer verlorenen Freundin zu erneuern, zu ergreifen.

Inzwischen nahm das Essen und Trinken seinen heitern Fortgang, das Musikcorps spielte seine lustigsten Melodien, und die Diener sorgten dafür, daß die Gläser immer gefüllt waren; an allen Tischen herrschte die ungezwungenste Heiterkeit. Die einzige Unterhaltung, bei welcher die Redenden nicht vollkommen mit einander harmonirten, war die neben Blanche, welche ihre Stiefmutter und Mrs. Delamayn führte.

Unter den Vorzügen Lady Lundie’s nahm die Fähigkeit, unangenehme Entdeckungen zu machen, nicht den letzten Platz ein. Bei der Collation auf dem Rasen verfehlte sie nicht zu bemerken, was alle Uebrigen mit Stillschweigen übergingen, nämlich die Abwesenheit des Schwagers der Wirthin von dem Feste, und noch merkwürdiger, das Verschwinden einer Dame, die für den Augenblick zu den aus längere Zeit weilenden Gästen des Hauses gehörte, mit einem Wort das Verschwinden Mrs. Glenarm’s.

»Irre ich mich«, bemerkte Lady Lundie, indem sie mit ihrer Lorgnette um den Tisch herumsah, »oder fehlt nicht ein Mitglied unserer Gesellschaft? Ich sehe Mr. Geoffrey Delamayn nicht.«

»Geoffrey versprach nachzukommen, aber er ist, wie Sie vielleicht bemerkt haben werden, nicht sehr gewissenhaft in der Erfüllung von Verpflichtungen dieser Art, er opfert Alles seiner Vorbereitung, wir sehen ihn jetzt nur selten.« Nach dieser Antwort versuchte es Mrs. Delamayn, den Gegenstand der Unterhaltung zu verlassen; Lady Lundie aber nahm zum zweiten Mal ihre Lorgnette und sah wieder um den Tisch herum. »Verzeihen Sie«, bemerkte Lady Lundie, aber ist es möglich, daß ich noch einen andern Gast vermiße? Ich sehe Mrs. Glenarm nicht! Sie muß aber doch hier sein. Mrs. Glenarm läßt sich doch nicht für ein Wettlaufen vorbereiten? Sehen Sie sie, ich sehe sie nicht, ich vermißte sie schon als wir auf die Terrasse hinauskamen und habe sie seitdem nicht wiedergesehen, ist das nicht sehr sonderbar liebe Mrs. Delamayn?«

»Unsere Gäste in Swanhaven Lodge haben volle Freiheit zu thun, was ihnen gefällt, Lady Lundie.« Mit diesen Worten hatte Mrs Delamayn, wie sie sich schmeichelte, der Unterhaltung über diesen Gegenstand ein Ende gemacht, aber Lady Lundie’s grenzenlose Neugierde ließ sich selbst durch die deutlichsten Winke nicht irre machen. Höchst wahrscheinlich von der ansteckenden Wirkung der Heiterkeit um sie her fortgerissen, entwickelte Lady Lundie eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit.

Man sollte es nicht für möglich halten, aber es ist nichts desto weniger wahr, daß die majestätische Frau in diesem Augenblick lächelte.

»Darf man eine naheliegende Vermuthung aussprechen?« fragte Lady Lundie in einem scherzenden Ton, der von ihrer sonst so pomphaften Grandezza wunderlich genug alsstach. »Da haben wir auf der einen Seite Mr. Geoffrey Delamayn einen jungen, unverheiratheten Mann und auf der andern Seite haben wir Mrs. Glenarm, eine junge Wittwe. Der junge unverheirathete Mann ist von vornehmer Familie, die junge Wittwe ist reich und beide zu gleicher Zeit geheimnißvoll abwesend von derselben heitern Gesellschaft. O, Mrs. Delamayn, sollte ich mich irren, wenn ich annehme, daß auch Sie binnen Kurzem eine Hochzeit haben werden?«

Mrs. Delamayn’s Gesicht nahm einen etwas) verdrießlichen Ausdruck an. Sie war von ganzem Herzen auf die kleine Verschwörung eingegangen, die man angezettelt hatte, aus Geoffrey und Mrs. Glenarm ein Paar zu machen, aber sie hatte keine Lust, es einzugestehen, daß das rasche Entgegenkommen der Dame, trotz aller Versuche, diese Thatsache zu verbergen es offenbar gemacht hatte, daß die Verschwörung in zehn Tagen zu ihrem Ziele gelangt sei. »Ich bin nicht im Vertrauen der Dame und des Herrn, von dem Sie reden«, antwortete sie trocken.

Ein schwerer Körper ist schwer in Bewegung zu setzen, aber auch schwer wieder zur Ruhe zu bringen, wenn er einmal in Bewegung gebracht ist.

Die etwas schwerfällige Scherzhaftigkeit Lady Lundie’s gehorchte demselben Gesetz, sie beharrte bei ihrer ausgelassenen Heiterkeit. »O, was für eine diplomatische Antwort,« rief sie aus, »ich glaube aber doch, ich kann sie mir deuten. Mein Vögelchen hat mir gesagt, daß ich eine Mrs. Geoffrey Delamayn in London sehen werde und mich würde es wenigstens nicht überraschen, wenn ich in den Fall kommen sollte, Mrs. Glenarm zu gratuliren!«

»Wenn Sie darauf bestehen, sich von Ihrer Einbildungskraft fortreißen zu lassen, Lady Lundie, kann ich Sie nicht daran hindern, ich kann nur um die Erlaubniß bitten, meine Phantasie im Zaume halten zu dürfen.«

Dieses Mal begriff selbst Lady Lundie, daß es klüger sein würde, nichts weiter zu sagen. Sie lächelte und nickte verständnißinnig, höchst zufrieden mit dem von ihr an den Tag gelegten, außerordentlichen Scharfsinn. Wenn man sie in diesem Augenblicke gefragt hätte, wer die geistreichste Frau in England sei, so würde sie innerlich, unbedenklich die Antwort gegeben haben: »Lady Lundie von Windygates.«

Von dem Augenblicke an, wo die Unterhaltung neben ihr sich mit Geoffrey und Mrs. Glenarm zu beschäftigen angefangen hatte und während der kurzen Zeit, wo dieselbe sich um diesen Gegenstand drehte, wurde Blanche eines starken Geruchs nach geistigen Getränken inne, der sich, wie es ihr vorkam, von oben und hinter ihr, in ihrer Nähe verbreitete. Als sie fand, daß der Geruch stärker und stärker wurde, drehte sie sich um, sich zu überzeugen, ob etwa eine Fabrikation von Grog unerklärlicher Weise hinter ihrem Stuhl vorgenommen werde. In dem Augenblick, wo sie sich umdrehte, fielen ihre Augen auf ein Paar zitternder, gichtischer, alter Hände, die ihr eine reichlich mit Trüffeln versehene Geflügelpastete anboten.

»O, meine liebe junge Dame«, flüsterte ihr eine Stimme im Tone der Ueberredung in’s Ohr, »Sie sterben ja in einem Lande des Ueberflusses Hungers. Lassen Sie sich von mir rathen und nehmen Sie von dem besten Gericht, von dieser Geflügelpastete.«

Blanche sah auf; da stand er, der Mann mit dem schlauen Auge, dem väterlichen Wesen und der ungeheuren Nase, Bishopriggs, als wäre er in Spiritus aufbewahrt und —— wartete bei dem Festmahle in Swanhaven Lodge auf. Blanche hatte ihn in jener denkwürdigen Gewitternacht, wo sie Anne im Gasthofe überrascht hatte, nur einen Augenblick gesehen, aber Augenblicke die in Bishopriggs Gesellschaft verbracht waren, prägten sich dem Gedächtniß tiefer ein, als in der Gesellschaft unbedeutender Menschen zugebrachte Stunden. Blanche erkannte ihn auf der Stelle wieder, erinnerte sich sofort, daß Sir Patrick bestimmt erklärt hatte, daß er im Besitz von Anne’s verlorenen Briefe sei, und zog alsbald den Schluß, daß sich ihr mit der Entdeckung Bishopriggs eine Chanee biete, Anne’s Spur zu verfolgen. Ihr erster Gedanke war, ihre Bekanntschaft mit ihm sofort wieder anzuknüpfem aber die auf sie gerichteten Blicke ihrer Nachbarn mahnten sie zu warten. Sie nahm ein wenig von der Pastete und sah Bishopriggs scharf in’s Auge.

Der discrete Mann ließ sich seinerseits durchaus nichts merken, verneigte sich respectvoll und ging mit seiner Schüssel weiter um den Tisch herum.

»Ich möchte wohl wissen ob er den Brief bei sich hat!«

Er hatte nicht nur den Brief bei sich, sondern mehr als das, er war gerade in diesem Augenblick damit beschäftigt, ein Mittel ausfindig zu machen, den Brief vorteilhaft zu verwerthen. Die häuslichen Einrichtungen in Swanhaven Lodge waren nicht der Art, daß eine große Dienerschaft vorhanden gewesen wäre. So oft Mr. Delamayn in den Fall kam, eine große Gesellschaft zu geben, war er in Betreff der Bedienung auf Aushülfe theils von Seiten seiner Freunde, theils aus dem Hauptgasthof in Kirtandrew angewiesen. Bishopriggs, der augenblicklich in Ermangelung einer besseren Stelle als ein überzähliger Kellner in dem dortigen Gasthofe diente, war einer von den Kellnern, die der Gasthof zur Aushülfe bei dem Gartenfeste hergeliehen hatte. Der Name des Herrn bei dem er an diesem Tage aufwarten sollte, hatte ihn sofort frappirt. Er hatte Erkundigungen eingezogen und hatte sich dann behufs weiterer Nachforschungen wieder mit dem Brief beschäftigt, den er von dem Boden des Gastzimmers in Craig-Fernie aufgenommen hatte. Der von Anne verlorene Briefbogen enthielt, wie sich der Leser erinnern wird, zwei Briefe, einen von ihr selbst und einen von Geoffrey unterschriebenen, und beide enthüllten Beziehungen zwischen den Schreibenden, die nicht für das Auge eines Fremden bestimmt waren. Bishopriggs hielt demnach für möglich, daß sich ihm, wenn er Augen und Ohren in Swanhaven Lodge offen hielt, eine Aussicht darbieten möchte, ein Geschäft mit der gestohlenen Correspondenz zu machen, und steckte den Brief, als er Kirkandrew verließ, in die Tasche.

Er hatte Blanche sofort als eine Freundin der Dame im Gasthof zu Craig-Fernie erkannt und sich gesagt, daß man sie vielleicht in dieser Eigenschaft würde verwerthen können, überdies hatte er jedes Wort der Unterhaltung mit angehört, welche Lady Lundie und Mrs. Delamayn in Betreff Geoffrey’s und Mrs. Glenarm geführt hatten. Es hatte noch gute Weile, bis die Gäste sich zurückziehen und die Kellner entlassen werden würden. Bishopriggs hielt sich daher zu der Hoffnung berechtigt, daß er noch Grund haben werde, sich zu dem glücklichen Zufall, der ihn mit den Festlichkeiten in Swanhaven Lodge in Verbindung gebracht hatte, zu gratuliren.

Es war noch früh am Nachmittage, als die heitere Stimmung an einigen Stellen des Eßtisches nachzulassen begann. Die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft, namentlich die Damen, wurden beim Erscheinen des Desserts unruhig. Einer nach dem andern warf sehr verlangende Blicke auf den elastischen Rasen der vor ihnen liegenden Waldwiese. Einer nach dem andern schlug gedankenlos mit den Fingern den Takt zu dem Walzer welchen die Musiker gerade spielten. Als Mrs. Delamayn diese Symptome der Ungeduld gewahr wurde, erhob sie sich vom Tisch, und ihr Mann entsandte eine Botschaft an das Musikcorps. Zehn Minuten später war die erste Quadrille auf dem Rasen im Gange, die Zuschauer waren malerisch gruppirt und die Diener und Kellner, deren man nicht mehr bedurfte, hatten sich zurückgezogen um nun auch ihrerseits den Freuden der Tafel obzuliegen. Die letzte Person, die sich noch am verlassenen Tische zu thun machte, war der ehrwürdige Bishopriggs. Er allein von allen Aufwärtern hatte es möglich gemacht, den Anschein des Aufwartens, mit der heimlichen Befriedigung seines persönlichen Bedürfnisses nach Erfrischungen zu verbinden. Anstatt mit den übrigen Kellnern der Mahlzeit der Diener zuzueilen, ging er um die Tische herum, anscheinend mit dem Wegräumen der Krumen, in der That aber mit dem Leeren der Weingläser beschäftigt. Ganz hingenommen von diesem Geschäft, bemerkte er nicht eher etwas von den herannahenden Schritten einer Dame, als bis er durch die hinter ihm ertönende Stimme derselben aufgeschreckt wurde. Er kehrte sich, so rasch es ihm möglich war, um und sah Miß Lundie vor sich.

»Ich möchte ein Glas frisches Wasser haben«, sagte Blanche, »wollen Sie so gut sein, mir eines von der Quelle zu holen?« und dabei deutete sie auf die am anderen Ende der Lichtung hervorsprudelnde Quelle.

Auf Bishopriggs Gesicht malte sich ein ungeheucheltes Entsetzen »Um Gotteswillen Fräulein« rief er aus, »Sie wollen doch Ihren Magen nicht mit kaltem Wasser beschweren, wenn Wein in Fülle vorhanden ist?«

Blanche warf ihm einen bedeutungssvollen Blick zu.

Langsame Fassungskraft gehörte nicht zu Bishopriggs Schwächen; er ergriff sofort ein Glas, zwinkerte mit seinem einen, sehenden Auge und ging Blanche voran nach der Quelle. Es hatte nichts Auffallendes, daß eine Dame ein Glas Quellwasser verlangte oder daß ein Diener es für sie schöpfte; Niemand nahm daher Anstoß daran und bei dem Spiel des Musikcorps konnte auch Niemand von dem, was an der Quelle gesprochen wurde, etwas hören.

»Erinnern Sie sich meiner von der Gewitternacht im Gasthofe zu Craig-Fernie her?« fragte Blanche.

Bishopriggs hatte gute Gründe, sich nicht zu rasch mit Blanche einzulassen. »Ich sage nicht, daß ich mich Ihrer nicht erinnern kann, Fräulein; welcher Mann möchte einer so hübschem jungen Dame, wie Sie es sind, eine solche Antwort geben.«

Um seinem Gedächtniß zu Hülfe zu kommen, zog Blanche ihre Börse aus der Tasche.

Bishopriggs vertiefte sich in den Anblick der Landschaft und des Wassers, das er als Getränk so gründlich verachtete. »Da läufst Du hin«, sagte er, das Flüßchen anredend, das aus der Quelle entsprang, »deiner eignen Vernichtung in dem See da entgegen eilend; in deinem jetzigen Zustande ist, soviel ich weiß, wenig Gutes an Dir. Du sollst ein Bild des menschlichen Lebens sein, sagen sie, das ist aber nicht wahr. Du bist gar nichts, bis du durch Feuer erwärmt, durch Zucker versüßt und durch Whisky gekräftigt bist und dann bist du Toddy und in dieser Gestalt hat das menschliche Leben allerdings einige Beziehungen zu dir.«

»Seit ich den Gasthof verlassen habe«, fuhr Blanche fort, »habe ich mehr von Ihnen gehört, als Sie vielleicht vermuthen; und bei diesen Worten öffnete sie ihre Börse.

Bishopiggs war ganz Ohr.

»Sie waren sehr freundlich gegen eine Dame in Craig-Fernie«, fuhr sie ernst fort, »ich weiß, daß Sie Ihre Stelle im Gasthofe eingebüßt haben, weil Sie sich zu ausschließlich dieser Dame widmeten, und diese Dame ist meine theuerste Freundin, Mr. Bishopriggs; ich möchte Ihnen dafür danken und Sie bitten, dies von mir anzunehmen.« Das ganze Herz des Mädchens lag in ihrer Stimme und ihren Augen, während sie ihre Börse in die gichtische und gierige Hand des alten Bishoprigg’s leerte.

Ein junges Mädchen mit einer wohlgefüllten Börse ist eine in der ganzen Welt nicht oft vorkommende Erscheinung. In der Regel haben sie, sie mögen übrigens noch so reich seist, all ihr Geld ausgegeben oder doch ihre Börse auf dem Toilettentisch liegen lassen. Blanche’s Börse enthielt einen Sovereign und sechs oder sieben Schillinge in Silber. Als Taschengeld für eine reiche Erbin war dies nicht eben viel, aber als ein Trinkgeld für Bishopriggs war es splendid. Der alte Spitzbube steckte das Geld mit der einen Hand in die Tasche und wischte sich die Thränen der Rührung, die er nicht vergossen hatte, mit der anderen aus den Augen. »Werft Euer Brod in’s Wasser und Ihr werdet es nach vielen Tagen wieder finden!« rief Bishopriggs, das eine Auge fromm gen Himmel gerichtet. »Ja, ja! sagte ich nicht, als ich zuerst jene arme Dame sah, ich fühle wie ein Vater für sie? Es ist wahrhaft merkwürdig, zu sehen, wie die guten Handlungen eines Menschen, ihm schon in dieser Erdenwelt vergolten werden. Wenn ich jemals die Stimme natürlicher Zuneigung in meiner Brust habe reden hören«, fuhr Bishopriggs fort, indem er sein Auge lauernd auf Blanche gerichtet hielt, »so hat sie sich mit Posaunenton in mir vernehmen lassen, als jenes reizende Wesen mich zuerst anredete. Hat sie selbst Ihnen von den geringfügigen Diensten erzählt, die ich ihr zu der Zeit leistete, wo ich in der Sklaverei des Hotels stand?"

»Ja, sie hat es mir selbst erzählt.«

»Dürfte ich es wagen, zu fragen, wo sie sich gegenwärtig aufhält?«

»Das weiß ich nicht, Mr. Bishopriggs, und gerade das macht mich unglücklicher als ich sagen kann. Sie ist fort, und ich weiß nicht wohin!«

»O, o, das ist schlimm und das Ding von einem Ehemann der da einen Tag auf ihrer Schleppe herumtrat und am nächsten Morgen mit Sonnenaufgang sich davon machte, sind sie beide zusammen fortgegangen?«

»Ich weiß nichts von ihm«, erwiderte Blanche, »ich habe ihn nicht gesehen, aber Sie haben ihn gesehen, erzählen Sie mir doch, wie er aussah.«

»Er war ein armseliger schwacher Patron, verstand sich nicht auf ein gutes Glas Sherry, freigebig mit Geld war er, das ist Alles, was man von ihm sagen kann!«

Als Blanche sah, daß es unmöglich sei, von dem Alten irgend eine deutliche Schilderung des Mannes, der mit Anne im Gasthofe gewesen war, zu erhalten, rückte sie dem Hauptgegenstande ihrer Besprechung mit Bishopriggs näher. In ihrer ängstlichen Besorgniß, keinc Zeit zu verlieren, brachte sie ohne Weiteres das Gespräch auf das delicate und kitzliche Thema des verlorenen Briefes. »Ich habe Ihnen noch etwas Anderes zu sagen«, fing sie wieder an, »Meine Freundin hat etwas verloren, während sie im Gasthofe war.«

Die Wolken des Zweifels schwanden von Bishopriggs Gemüth. Die Freundin der Dame wußte also von dem verlornen Brief und noch besser, die Freundin der Dame sah aus, als wolle sie den Brief gern haben.

»Ja, ja!« sagte er, mit allem erforderlichen Anschein von Sorglosigkeit. Das ist wahrscheinlich genug, von der Wirthin abwärts geht es ja im Hotel, seit ich fort bin, alles darüber und drunter. Was hat sie denn verloren?«

»Einen Brief.«

Bishopriggs Auge nahm wieder den Ausdruck lauernder Beobachtung an. Es war für ihn, von seinem Standpunkte aus, eine sehr ernste Frage, ob sich an das Verschwinden des Briefes ein Verdacht des Diebstahls knüpfte.

»Wenn Sie »verloren« sagen, meinen Sie damit gestohlen?«

Blanche war scharfsinnig genug, sofort zu begreifen, daß es nothwendig sei, ihn über diesen Punkt zu beruhigen. »O nein!« antwortete sie, »nicht gestohlen, nur verloren; haben Sie etwas davon gehört?«

»Wie so sollte ich davon gehört haben?« Er sah Blanche scharf an und entdeckte ein augenblickliches Zaudern in ihren Blicken. »Bitte, sagen Sie mir das, liebes Fräulein,« fuhr er fort, indem er vorsichtig der entscheidenden Frage näher trat. »Wenn Sie nach Nachrichten über den verlorenen Brief Ihrer Freundin forschen was bestimmt Sie, sich deshalb an mich zu wenden?«

Diese Worte waren entscheidend. Es ist kaum zu viel gesagt, daß Blanche’s Zukunft von ihrer Antwort auf diese Frage abhing. Wenn sie so viel Geld bei sich gehabt hätte und wenn sie gerade heraus gesagt hätte: »Sie haben den Brief, Mr Bishopriggs, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß kein Mensch Sie weiter darnach fragen soll und ich biete Ihnen zehn Pfund für den Brief«, so würde der Handel aller Wahrscheinlichkeit nach abgeschlossen und in diesem Fall der ganze Lauf der künftigen Ereignisse verändert worden sein. Aber Blanche hatte kein Geld mehr bei sich und in dem Kreise der Gäste von Swanhaven Lodge war Niemand, an den sie sich, ohne sich arger Mißdeutungen auszusetzen, mit der Bitte hätte wenden können, ihr aus der Stelle zehn Pfund im Geheimen zu leihen. Unter dem Drang der gebieterischen Nothwendigkeit gab Blanche alle Hoffnung auf, gegenwärtig an Bishopriggs pecuniäres Interesse zu appelliren, der einzige Weg, ihren Zweck zu erreichen, den sie vor sich sah, war, sich mit dem Einfluß von Sir Patrick’s Namen zu waffnen. Ein Mann an ihrer Stelle würde es für reine Tollheit gehalten haben, so etwas zu wagen, aber Blanche, die sich schon eine unüberlegte Handlung vorzuwerfen hatte, stürzte sich wie ein echtes Weib kopfüber in eine andere Unvorsichtigkeit. Derselbe unüberlegte Eifer, ihren Zweck zu erreichen, der sie dazu gedrängt hatte, Geoffrey, bevor er Windygates verließ, zu befragen, trieb sie fest, ebenso unüberlegt die Verhandlung mit Bishopriggs, den geschickten und erfahrenen Händen Sir Patricks zu entwinden. Die sehnsüchtige schwesterliche Liebe in ihr dürstete nach einer Spur von Anne, ihr Herz flüsterte ihr zu: »wage es!« und —— Blanche wagte es. »Sir Patrick hat mich veranlaßt, zu Ihnen zu gehen«, sagte sie.

Die eben geöffnete Hand Bishopriggs, die bereit war den Brief herauszugeben und die Belohnung dafür zu empfangen, schloß sich auf der Stelle wieder, als Blanche diese Worte aussprach.

»Sir Patrick?« wiederholte er, »o, o, also Sir Patrick haben Sie von der Sache erzählt, so? Das ist ein Herr, der das Gras wachsen hört. Was hat denn Sir Patrick gesagt?«

Blanche bemerkte die Veränderung in Bishopriggs Ton und nahm sich nun, als es zu spät war, auf das Aeußerste zusammen, ihm in vorsichtigen Ausdrücken zu antworten. Sir Patrick«, sagte sie, meinte, Sie könnten den Brief vielleicht gefunden und sich der Sache nicht eher wieder erinnert haben, als bis Sie den Gasthof verlassen hätten.«

Bishopriggs ließ die persönlichen Erfahrungen, die er seiner Zeit an seinem alten Herrn gemacht hatte, im Geiste die Revue passiren und gelangte dabei zu dem vollkommen richtigen Schluß, daß Sir Patricks Ansicht über seine Beziehungen zu dem verschwundenen Briefe, keineswegs so unschuldiger Natur sei, wie Blanche ihm glauben machen wollte. »Der schlaue, alte Fuchs«, dachte er bei sich, »kennt mich besser.«

»Nun?« fragte Blanche ungeduldig, »hatte Sir Patrick Recht?«

»Recht?« erwiderte Bishopriggs rasch, »er ist so weit von der Wahrheit entfernt, wie Sie von Amerika!«

»Sie wissen nichts von dem Briefe?«

»Von dem Brief?« erwiderte er, »was Sie mir darüber sagen ist das Erste, was ich höre?«

Blanche sank der Muth. Hatte sie selbst ihren Zweck vereitelt und zum zweiten Male Sir Patrick den Boden unter den Füßen weggezogen, das war doch nicht möglich! Hier war doch gewiß noch Aussicht vorhanden, daß der Mann vermocht werden konnte, ihrem Onkel das Vertrauen zu schenken, das er zu vorsichtig war einer Fremden zu gewähren. Das einzig Richtige, was ihr nach ihrer Ueberzeugung jetzt noch zu thun übrig blieb, war, den Weg für die Geltendmachung von Sir Patricks überlegenen Einfluß und Sir Patricks überlegene Geschicklichkeit zu bahnen. Mit diesem Zweck im Auge nahm sie die Unterhaltung wieder auf.

»Es thut mir leid, daß Sir Patrick sich in seiner Annahme geirrt hat«, fing sie wieder an. »Meine Freundin wünschte, als ich sie zuletzt sprach, sehnlichst wieder in den Besitz des Briefes zu gelangen, und ich hoffte, von Ihnen etwas darüber hören zu können. Ganz abgesehen davon wünscht Sir Patricks, Sie zu sprechen, und ich benutze diese Gelegenheit, es Ihnen zu sagen. Er hat in dem Gasthof von Craig-Fernie einen Brief für Sie zurückgelassen.«

»Der Brief wird lange genug zu warten haben, wenn er wartet bis ich wieder nach dem Hotel gehe«, erwiderte Bishopriggs.

»In diesem Fall,« entgegnete Blanche rasch, »thäten Sie besser, mir eine Adresse anzugeben, unter welcher Sir Patrick Ihnen schreiben kann. Sie wollen doch nicht, daß ich ihm sage, daß ich Sie hier gesehen habe und daß Sie sich weigerten, mit ihm in Verbindung zu treten.«

»Wie können Sie das auch nur denken, mein Fräulein!« rief Bishopriggs eifrig. »Wenn es etwas giebt, woran ich es um keinen Preis fehlen lassen möchte, so ist es die ehrfurchtsvolle Bereitwilligkeit, Sir Patrick in Allem zu dienen. Ich nehme mir die Freiheit, mein Fräulein, Sie mit dieser kleinen Karte zu belästigen. Es ist traurig genug für mich, in meinem Alter noch nirgends wieder fest etablirt zu sein, aber hier kann Sir Patrick, wenn er meiner bedarf, jederzeit von mir hören.« Dabei reichte er Blanche eine kleine schmutzige Karte, auf der der Name und die Adresse eines Fleischers in Edinburgh stand. »Samuel Bishopriggs«, fuhr er in geschmeidigem Tone fort, »Adresse David Dow, Fleischer Cowgate, Edinburgh. Das ist jetzt mein Patmos, mein Fräulein.«

Blanche fühlte sich, als sie die Karte aus Bishoprigg’s Händen entgegennahm, unaussprechlich erleichtert. Wenn sie sich zum zweiten Mal erlaubt hatte, Sir Patrick’s Stelle zu übernehmen und es ihr wieder nicht gelungen war, ihre Unvorsichtigkeit durch das Resultat zu rechtfertigen, so hatte sie doch dieses Mal die Sache wenigstens dadurch wieder gut gemacht, daß sie ein Mittel aufgefunden hatte, Bishopriggs mit ihrem Onkel in Verbindung zu setzen.

»Sie werden von Sir Patrick hören«, sagte sie, nickte ihm freundlich zu und ging wieder zu den Gästen zurück.

Ich werde von Sir Patrick hören? So, werde ich?« wiederholte Bishopriggs, als er allein war. »Sir Patrick muß nicht weniger als ein Wunder verrichten, wenn er Samuel Bishopriggs in Cowgate in Edinburgh findet.« Er lächelte selbst vergnügt über seine Schlauheit und zog sich an eine einsame Stelle in der Tannenanpflanzung zurück, wo er den gestohlenen Brief einer genauen Prüfung unterziehen konnte, ohne fürchten zu müssen, von irgend einem lebenden Wesen beobachtet zu werden.

Noch einmal hatte die Wahrheit vor dem Hochzeitstage an’s Licht zu dringen gestrebt und noch einmal hatte Blanche unschuldigerweise der Dunkelheit geholfen, die Wahrheit dem Lichte vorzuenthalten.



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Sechsunddreißigstes Kapitel - Die Saat der Zukunft; dritte Aussaat

Nachdem Bishopriggs die Correspondenz zwischen Geoffrey und Anne aufs Neue aufmerksam durchgelesen hatte, legte er sich behaglich unter einen Baum und beschäftigte sich damit, über seine gegenwärtige Lage nachzudenken. Die vorteilhafte Verwerthung des Briefes bei Blanche, gehörte nicht mehr zu den vorhandenen Möglichkeiten. Was die Verhandlung mit Sir Patrick anlangte, so beschloß Bishopriggs sich ebenso fern von Cowgate in Edinburgh wie von Mrs. Inchbare’s Gasthof zu halten, so lange noch die leiseste Hoffnung für ihn vorhanden war, seinen Zweck auf andere Weise zu erreichen. Er wußte, daß kein Mensch den Brief so sicher und unter so erbärmlich billigen Bedingungen von ihm herauszupressen im Stande sein würde, wie sein alter Herr »Ich will mich nicht unter Sir Patricks Daumen bringen,« dachte Bishopriggs, »bis ich es erst mit allen Uebrigen versucht habe.« Wer aber waren die übrigen Personen, die ihm unter diesen Umständen zur Verfügung standen? Er brauchte sich nur der Unterhaltung zwischen Lady Lundie und Mrs. Delamayn, die er bei Tisch mit angehört hatte, zu erinnern, um zunächst zu der Entdeckung wenigstens einer Person zu gelangen, die direct dabei interessirt war, in den Besitz seines Briefes zu kommen. Mr. Geoffrey Delamayn war im Begriff, sich mit einer Dame Namens Mrs. Glenarm zu verheirathen und dieser selbe Mr. Geoffrey Delamayn hatte vor noch nicht vierzehn Tagen, eine für ihn höchst compromittirende Correspondenz mit einer Dame geführt, die sich Anne Silvester unterschrieb.

Welcher Art auch die Stellung dieses Herrn zu den beiden Damen sein mochte, so war es augenscheinlich von höchstem Interesse für denselben, in den Besitz dieses Briefes zu gelangen. Es war also klar, daß das erste, was Bishopriggs zu thun hatte, darin bestand, auf Mittel bedacht zu sein, sich eine persönliche Zusammenkunft mit Geoffrey Delamayn zu verschaffen. Wenn eine solche Zusammenkunft auch zu nichts anderem führte, so würde sie ihm doch ebenfalls zu der Lösung einer wichtigen Frage verhelfen. Die Dame, der Bishopriggs in Craig-Fernie aufgewartet hatte, konnte sehr wohl Anne Silvester sein; war in diesem Fall Mr. Geoffrey Delamayn der Herr, der als ihr Mann im Gasthof gegolten hatte?

Bishopriggs stellte sich mit der größtmöglichen Raschheit wieder auf seine gichtischen Füße und humpelte davon, um die nöthigen Erkundigungen in Betreff der Person des Mr. Delamayn einzuziehen und zwar nicht bei den männlichen Aufwärtern, die darauf bestehen würden, daß er sich zu ihnen geselle, sondern bei den weiblichen Dienstboten, die zur Aufsicht über das leere Hans zurückgelassen waren. Hier wies man ihn alsbald nach dem Häuschen im Walde, machte ihn aber darauf aufmerksam, daß Mr. Geoffrey Delamahy’s Lehrer Niemandem gestatte, den Uebungen seines Patrons zuzusehen und daß man ihn, sobald er sich blicken ließe, ohne Weiteres sofort wieder wegschicken würde. Dieser Mahnung zur Vorsicht wohl eingedenk, machte Bishopriggs, um zu dem Häuschen zu gelangen, einen Umweg, so daß er, unter dem Schutz der hinter dem Häuschen liegenden Bäume, an die Rückseite desselben gelangte. Ein Blick ans Mr. Geoffrey Delamayn war zunächst Alles, was er wollte; wenn er das erlangt hatte, so mochten sie ihn in Gottes Namen wieder wegschicken. Er stand noch zaudernd unter den hinter dem Häuschen liegenden Bäumen, als er eine laute, befehlende Stimme von der vorderen Seite des Hauses her vernahm: »Nun Mr. Geoffrey, es ist Zeit!« Eine andere Stimme antwortete, »Gut!« und nach einer Pause erschien Geoffrey Delamayn auf dem freien Platz und ging auf die Stelle los, von der aus er gewohnt war, seine abgemessene Meile zu laufen. Bishopriggs, der ein paar Schritte weiter vorgegangen war, um sich seinen Mann etwas genauer anzusehen, wurde auf der Stelle von den scharfen Augen des Lehrers entdeckt.

»Halloh!« rief Perry, »was wollen Sie hier?«

Bishopriggs öffnete den Mund, um seine Entschuldigung auszusprechen.

»Wer zum Teufel seid Ihr?« schrie Geoffrey.

Der Lehrer« beantwortete die Frage aus seiner eigenen Erfahrung: »ein Spion, Herr, um Sie bei Ihrer Arbeit zu beobachten.«

Geoffrey erhob seine gewaltige Faust und sprang einen Schritt vorwärts.

Perry aber hielt seinen Patron zurück. »Das dürfen Sie nicht thun, der Mann ist zu alt; seien Sie unbesorgt, der kommt nicht wieder, Sie haben ihm einen furchtbaren Schrecken eingejagt.« Und das war vollkommen wahr. Der Schreck, den Bishopriggs bei dem Anblick von Geoffrey’s Faust empfand, gab ihm die Spannkraft der Jugend wieder. Er lief zum ersten Mal seit zwanzig Jahren und stand, von seinen lahmen Füßen gemahnt, erst wieder still, um Athem zu schöpfen, als er außer Sicht des Häuschens wieder unter den Bäumen angelangt war. Er setzte sich nieder, um auszuruhen und sich zu erholen, mit der tröstlichen Ueberzeugung, daß er wenigstens in einer Beziehung seinen Zweck erreicht habe. Der wüthende Wilde mit den funkensprühenden Augen und der Vernichtung drohenden Faust war ihm vollkommen fremd, mit anderen Worten, er war nicht der Mann, der sich für den Gatten der Dame im Gasthofe zu Craig-Fernie ausgegeben hatte. Aber ebenso gewiß war es, daß er der Mann war, der in die compromittirende Correspondenz, die Bishopriggs in Händen hatte, verwickelt war. Indessen erschien der Versuch, das Interesse, das dieser Mann haben mußte, in den Besitz des Briefes zu gelangen, zu seinem Vorteil auszubauen, nach der eben von Bishopriggs gemachten Erfahrung, vollkommen unvereinbar mit der hohen Achtung, die er für seine eigene Sicherheit empfand. Es blieb ihm also nichts übrig, als eine Unterhandlung mit der einzigen augenblicklich für ihn erreichbaren Person zu eröffnen, die noch außer Geoffrey bei der Sache interessirt war, und diese Person gehörte glücklicherweise zum schwächern Geschlecht. Mrs. Glenarm war in Swanhaven Lodge, sie hatte ein directes Interesse daran, die Frage eines frühern Anspruches eines andern Frauenzimmers an Mr. Geoffrey Delamayn aufgeklärt zu sehen, und sie konnte das nur, indem sie sich in den Besitz der betreffenden Correspondenz setzte. »Gelobt sei Gott für alle seine Gnade,« sagte Bishopriggs, indem er wieder aufstand, »ich kann jetzt zwei Hebel ansetzen und ich glaube, die Dame ist ein angenehmer Hebel, wir wollen erst mit ihr versuchen.« Sofort machte er sich wieder auf den Weg nach dem See, um unter den dort anwesenden Gästen nach Mrs. Glenarm zu suchen.

Die animirte Stimmung der Gesellschaft hatte ihren Höhepunkt erreicht, als Bishopriggs wieder auf dem Schauplatz erschien, und die Zahl der Gäste hatte sich während seiner Abwesenheit gerade um die eine Person vermehrt, der sich zu nähern jetzt sein Hauptzweck war. Mit demüthiger Ergebenheit ließ er sich einen Vorwurf wegen seiner langen Abwesenheit von dem ersten Aufwärter gefallen, beobachtete aber mit seinem einen sehenden Auge fortwährend scharf und machte sich mit dem Umherreichen von Eis und kalten Getränken zu thun. Während er so beschäftigt war, wurde seine Aufmerksamkeit auf zwei Personen gelenkt, die in sehr verschiedener Weise offenbar zu den distinguirtesten unter den anwesenden Gästen gehörten. Die eine war ein lebhaftem aufgeregter, alter Herr, der die unleugbare Thatsache seiner sehr gereiften Jahre hartnäckig, wie ein von der Zeit in Umlauf gesetztes verleumderisches Gerücht behandeln. Er war auf das sorgfältigste geschnürt und wattirt, seine Haare, feine Zähne waren Triumphe der Kunst. Wenn er sich nicht, wie es am meisten der Fall war, mit den jüngsten unter den anwesenden Damen beschäftigte, so bewegte er sich ausschließlich im Kreise der jüngsten Herren. Er versäumte keinen Tanz; zwei Mal kam er dabei der Länge nach auf dem Rasen zu liegen, ließ sich aber dadurch nicht irre machen und tanzte sofort wieder den nächsten Walzer mit einer andern jungen Dame, als ob nichts vorgefallen wäre. Auf seine Frage, wer dieser alte, feurige Herr sei, erfuhr Bishopriggs, daß es ein bei seinen Untergebenen unter dem Namen, »der Tartar« bekannter Marine-Offizier außer Diensten sei, der mit seinem wirklichen Namen »Capitain Newenden« heiße und der letzte männliche Repräsentant einer der ältesten Familien England’s sei. Die zweite Person, die bei dem Ball auf der Waldwiese eine hervorragende Rolle zu spielen schien, war eine Dame. Für Bishoprigg’s Auge war sie ein Wunder von Schönheit, und trug an Seide, Spitzen und Edelsteinen ein kleines Vermögen mit sich herum. Keine der anwesenden Damen war der Gegenstand so ausgesuchter Aufmerksamkeiten von Seiten der Herren, wie dieses bezaubernde Wesen. Sie saß da und fächelte sich mit einem Meisterwerk der Kunst, welches aus einer kleinen Insel von Battist inmitten eines Oceans von Spitzen bestand und die Prätention hatte, ein Taschentuch zu sein. Sie war von einem kleinen Hofstaat von Bewunderern umgeben, die auf ihren leisesten Wink hin eilten, etwas für sie fortzutragen oder herbeizuholen wie gut dressirte Hunde. Bald brachten sie ihr Erfrischungen, die sie nur verlangt hatte, um sie gleich darauf zurück zugeben; bald gaben sie ihr Auskunft über das, was unter den Tänzern vorging, eine Auskunft, nach der sie eifrig verlangt hatte, als sie ihre Boten entsandte, ander sie aber nicht das leiseste Interesse mehr nahm, sobald die Boten zurückkamen. Die ganze Gesellschaft erging sich in den überschwänglichsten Ausdrücken der Theilnahme, wenn sie, um die Ursache ihrer Abwesenheit vom Diner befragt, antwortete: »Ach, meine Nerven,« und Alle erklärten, wenn sie dann ihre Bedenken äußerte, ob sie Recht gethan habe, überall noch in der Gesellschaft zu erscheinen: »Was würden wir ohne Sie angefangen haben?« Auf seine fernere Frage, wer diese bevorzugte Dame sei, erfuhr Bishopriggs, daß sie die Nichte des unwiderstehlichen alten Herrn, das heißt keine geringere sei, als die von ihm so ungeduldig gesuchte Mrs. Glenarm. Trotz seiner außerordentlichen Zuversichtlichkeit war Bishopriggs doch in Verlegenheit, als er sich die Frage verlegen mußte, was er zunächst zu thun habe. Unter den gegenwärtigen Umständen, Unterhandlungen mit Mrs. Glenarm zu eröffnen, war für einen Mann in seiner Stellung durchaus unmöglich. Aber abgesehen davon, war auch die Aussicht; sich in Zukunft dieser Dame in Gewinn bringender Weise zu nähern, gelinde gesagt, von nicht geringen Schwierigkeiten umgeben. Angenommen, er fände ein Mittel, sie über Geoffrey’s Stellung aufzuklären, was würde sie, nachdem sie seine Warnung erhalten hätte, voraussichtlich thun? Sie würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach, an einen der beiden Männer wenden, die ihr am Nächsten standen. Wenn sie sich direct an den Mann wandte, der von ihm beschuldigt wurde, sich mit ihr verheirathen zu wollen, während er bereits mit einem andern Frauenzimmer verlobt war, so würde sich Bishopriggs dem Besitzer der fürchterlichen Faust gegenüber finden, die ihm selbst bei einer entfernten und vorübergehenden Begegnung gerechten Schrecken eingejagt hatte. Wenn sie andererseits ihr Interesse in die Hände ihres Onkels legte, so brauchte Bishopriggs sich den Capitain nur anzusehen, um sich über seine Chance klar zu werden, einem Mann Bedingungen aufzuerlegen, der trotz seiner sechzig Jahre die Welt mit jugendlichen Blicken herausforderte, die Spuren der Zeit an ihm zu entdecken. Was war diesen großen Schwierigkeiten gegenüber zu thun? Das Einzige was ihm zu thun übrig blieb, war, sich Mrs. Glenarm unter dem Schutze der Anonymität zu nähern. In dieser Ueberzeugung beschloß Bishopriggs sich von den Dienstboten Gewißheit darüber zu verschaffen, wohin die Dame sich, von Swanhaven Lodge aus, zunächst zu begeben beabsichtige und nachdem er das erfahren haben würde, sie in anonymem durch die Post beförderten Warnungen auf welche eine Antwort in dem Annoncentheil einer Zeitung erbeten würde, zu reizen. Auf diese Weise würde er seinen Zweck, sie zu beunruhigen, vollkommen erreichen, ohne selbst die mindeste Gefahr zu laufen.

Mrs Glenarm ließ es sich nicht träumen, als ihr einfiel, einen mit Erfrischungen an ihr vorübergehenden Diener anzuhalten, daß der armselige, alte Bursche, während sie ein Glas Limonade von seinem Präsentirbret nahm, darauf bedacht war, vor Ablauf der Woche in der doppelten Eigenschaft »eines Freundes der es gut mit ihr meine« und »eines wahren Freundes« mit ihr in Correspondenz zu treten.

Der Abend rückte vor, immer länger wurden die Schatten der Bäume, immer schwärzer wurde das Wasser des See’s und immer gespenstischer glitten die Schwäne über dasselbe dahin.

Die älteren Gäste dachten daran, nach Hause zu fahren, die jüngeren fingen —— mit Ausnahme von Capitain Newenden —— an, des Tanzens müde zu werden; allmälig übten die Reize des Hauses, seine comfortablen Räume mit ihrem Kerzenlicht und die dort gereichten Getränke, Thee und Kaffee, wieder ihre Macht aus. Einer nach dem Andern, verließen die Gäste die Waldwiese und endlich konnten die armen Musikanten ihren so lange angestrengten Lungen und Fingern wieder Ruhe gönnen.

Lady Lundie mit ihrer Gesellschaft war die Erste, die nach ihrem Wagen verlangte und sich empfahl, indem sie den am nächsten Tage bevorstehenden Aufbruch des ganzen Hanshaltes von Windygates, als Entschuldigungsgrund dafür geltend machte, daß sie mit dem Beispiel des Rückzugs vorangehe.

Eine Stunde später waren die auf längere Zeit zum Besuch in Swanhaven Lodge Weilenden, die einzigen noch übrigen Gäste. Nachdem die Gesellschaft fort war, wurden die gemietheten Kellner von Kirkandrew bezahlt und entlassen.

Auf der Rückfahrt rief das Schweigen Bishopriggs einiges Erstaunen bei seinen Collegen hervor.

»Ich habe an meine eigenen Angelegenheiten zu denken,« lautete die einzige Antwort, mit der er den ihm gemachten Vorstellungen begegnete. Die eigenen Angelegenheiten«, auf die er anspielte, begriffen unter andern Veränderungen seines Planes, auch seine Abreise von Kirkandrew am nächsten Tage, mit Hinterlassung der für vorkommende Fälle bestimmten Adresse bei seinem Freunde in Cowgate, Edinburgh, in sich. Sein nächster Bestimmungsort, den er aber vor Jedermann geheim zu halten gedachte, war Perth.

Die Umgegend dieser Stadt war, nach der Versicherung ihres eigenen Kammermädchens, der Theil von Schottland, nach welchem sich die reiche Wittwe, in zwei Tagen von Swanhaven Lodge aus, zu begeben beabsichtigte. In Perth kannte Bishopriggs mehr als ein Haus, in welchem er darauf rechnen konnte, vorübergehende Beschäftigung zu finden, und von Perth aus wollte er seine ersten anonymen Mittheilungen an Mrs. Glenarm gelangen lassen.

Der Rest des Abends verging sehr ruhig in Swanhaven Lodge. Die Hausgenossen waren nach den Aufregungen des Tages schläfrig und abgespannt. Mrs. Glenarm zog sich zeitig auf ihre Zimmer zurück. Um elf Uhr Abends war Julius Delamayn die einzige noch wachende Person im Hause. Man glaubte ihn in seinem Arbeitszimmer damit beschäftigt, eine Adresse an seine Wähler, in Gemäßheit der ihm von London aus von seinem Vater zugegangenen Instructionen zu entwerfen. In Wahrheit aber spielte er fest, wo ihn Niemand verrathen konnte, im Musikzimmer Etuden auf seiner geliebten Violine.

In dem Gartenhäuschen trug sich an jenem Abend ein geringfügiger Vorfall zu, der aber doch Stoff zu einer Notiz in Perry’s Lehr-Tugebuch lieferte. Geoffrey hatte das später am Tage ausgeführte Exercitium eines, während einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Raume vorgenommenen, möglichst raschen Ganges durchgemacht, ohne eines der Symptome der Erschöpfung zu zeigen, welche sich bei ihm nach der anstrengenden, vorher vorgenommenen Laufübung gezeigt hatten. Perry der, obgleich er im Geheimen gegen seine eigenen Wetten parirt hatte, doch ehrlich bestrebt war, Alles aufzubieten, um seinem Zöglinge am Tage des Wettlaufs, den Sieg zu verschaffen, hatte Geoffrey verboten, heute seinen abendlichen Besuch im Hause zu machen, und hatte ihn früher als gewöhnlich zu Bette geschickt. Der Lehrmeister war allein und eben damit beschäftigt, seine eigenen geschriebenen Lauf-Regeln einer Durchsicht zu unterwerfen und sich zu überlegen, welche Modificationen er am nächsten Tage etwa in der Diät und den Excertien Geoffrey’s eintreten lassen solle, als er durch ein heftiges Stöhnen aus dem Schlafzimmer, in welchem sein Zögling lag, erschreckt wurde. Er ging hinein und sah Geoffrey mit krampfhaft verzogenen Gesichtszügen, geballten Fäusten und dicken Schweißtropfen auf der Stirn, in einer durch die Schreckgestalten eines Traumes hervorgebrachten nervösen Aufregung, auf seinem Lager sich hin und her wälzen. Perry redete ihn an und richtete ihn im Bette auf. Er erwachte mit einem Schrei, starrte seinen Lehrmeister mit entsetzten Blicken an und rief ihm verworrene Worte entgegen. »Wonach sehen Deine gräßlichen Augen über meine Schulter?« rief er aus. »Geh zum Teufel! und nimm Deine höllische Schreibtafel mit Dir!« Perry redete ihn zum zweiten Mal an: »Sie haben von Jemand geträumt, Mr. Delamayn. Aber was haben Sie mit der Schreibtafel?« Geoffrey sah sich im Zimmer um und athmete erleichtert tief auf. »Ich hätte darauf schwören können«, sagte er, »daß sie mich über die Zwergbirnbäume weg ansähe. Aber es ist gut, ich weiß jetzt, wo ich bin Perry, der den Traum für nichts weiter, als für die Folge einer Unverdaulichkeit hielt, gab Geoffrey etwas Branntwein und Wasser zu trinken und verließ ihn dann, um ihn ruhig weiter schlafen zu lassen. Geoffrey, verbat sich in seiner nervösen Angst das Auslöschen des Lichts »Fürchten Sie sich vor der Dunkelheit?« fragte Perry lachend. »Nein« Er fürchtete, er möchte wieder von der stummen Köchin in Windygates-House träumen.



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Vierter Band.

Siebenunddreißigstes Kapitel - Der Vorabend

Es war Vorabend der Hochzeit. Der Ort der Handlung war Sir Patricks Haus in Kent. Die Advocaten hatten ihr Wort gehalten, der Ehecontract war rechtzeitig eingetroffen und schon seit zwei Tagen unterzeichnet. Mit Ausnahme des Arztes und eines der drei Studenten, der anderweitig engagirt war, waren sämmtliche Gäste von Windygates nach Süden übergesiedelt, um der Hochzeit beizuwohnen. Außer diesen Herren befanden sich unter den von Sir Patrick eingeladenen Gästen, einige Damen, die aber Alle zur Familie gehörten und von denen drei als Blanche’s Brautjungfern zu fungiren bestimmt waren. Rechnet man dazu noch ein paar zur Hochzeitsfeier eingeladene Nachbarn, so hat man die Hochzeitsgesellschaft vollständig beisammen.

Sir Patrick’s Haus hatte durchaus nichts architektonisch Bemerkenswerthes. Ham Farm war weder ein so prachtvoller Landsitz wie Windygates, noch hatte es den malerischen und alterthümlichen Reiz von Swanhaven. Es war ein, in einer ganz gewöhnlichen landschaftlichen Umgebung liegender, durchaus gewöhnlicher englischer Landsitz. Eine monotone Behaglichkeit empfing den Eintretenden und eine behagliche Monotonie schaute ihm entgegen, wenn er zum Fenster hinaussah. Es fehlte viel, daß das Leben und die Mannigfaltigkeit, an denen es in Ham Farm mangelte, durch die jetzt dort versammelte Gesellschaft ersetzt worden wären. Noch lange nachher konnte man die Bemerkung hören, daß niemals eine langweiligere Hochzeitsgesellschaft beisammen gewesen sei. Sir Patrick, für den sich keine Jugenderinnerungen an das Haus knüpften, gestand selbst offen ein, daß der Aufenthalt auf seinem Landsitz in Kent seinen Geist bedrücke und daß er seinerseits ein Zimmer in dem Gasthofe des Dorfes vorgezogen haben würde. Er gab sich die redlichste Mühe, sich seine gewohnte, Munterkeit zu erhalten, wurde aber in diesem Bestreben durch die Umstände und durch die ihn umgebenden Personen durchaus nicht unterstützt. Lady Lundie’s Treue gegen das Andenken des verstorbenen Sir Thomas auf dem Schauplatz seiner letzten Krankheit und seines Todes, gab sich beharrlich in einer affectirten Zurückhaltung kund, welche sogar die schwer zu trübende gute Laune Sir Patrick’s aus eine harte Probe stellte. Blanche, die ihr Kummer über Anne noch immer schwer bedrückte war nicht in der Stimmung, an dem letzten Tage ihres Jungfräulichen Lebens ein munteres Gesicht zu zeigen. Arnold, der auf ausdrückliches Verlangen Lady Lundie’s dem Gebot einer albernen Delicatesse zu gehorchen hatte, welches dem Bräutigam untersagt, vor der Hochzeit unter einem und demselben Dache mit der Braut zu schlafen, sah sich dadurch unbarmherzig aus dem gastlichen Hause Sir Patrick’s ausgeschlossen und mußte jeden Abend in das Exil eines Schlafzimmers im Gasthofe wandern. Er unterwarf sich diesem traurigen Loose mit einer Resignation, deren dämpfender Einfluß sich auch auf seine gewöhnliche gute Laune erstreckte. Von den Damen waren die älteren durch Lady Lundie’s aufdringliche Trauer ausschließlich in Anspruch genommen, während die jüngeren ganz in die wichtige Beschäftigung einer fortwährenden, vergleichenden Betrachtung ihrer Hochzeitstoiletten aufgingen. Die beiden Studenten verrichteten wahre Wunder des Billardspiels und in den Pausen wahre Wunder des Gähnens. Smith sagte verzweifelt: »In diesem Hause kann man sich nicht amüsiren, Jones.« Und Jones seufzte sanft zum Zeichen seiner Zustimmung.

An dem Vorabende des Hochzeitstages, einem Sonntage, erreichte die Langeweile natürlich ihren Höhepunkt. Von den vielen Beschäftigungen, denen sich die Menschen an Wochentagen hingeben dürfen, betrachtet die verstockt unchristliche Anschauungsweise, welche in dieser Beziehung bei der anglo-sächsischen Race herrscht, nur zwei als harmlos. Es ist keine Sünde, sich über religiöse Fragen zu streiten, und es ist keine Sünde, über einem religiösen Buche einzuschlafen. Die Damen in Ham Farm brachten den Abend ganz diesen Vorschriften gemäß zu. Die älteren unter ihnen stritten sich sonntagsmäßig über Religionsfragen und die jüngeren waren über der Lectüre von Sonntagsbüchern eingeschlafen. Was die Männer betrifft, so brauchen wir wohl kaum zu bemerken, daß die jüngeren unter ihnen sich die Zeit mit Rauchen vertrieben, wenn sie nicht gähnten, und mit Gähnen, wenn sie nicht rauchten Sir Patrick hielt sich in der Bibliothek auf, wo er alte Briefe sortirte und alte Rechnungen durchsah. Jedermann im Hause fühlte den schweren Druck der unsinnigen gesellschaftlichen Verbote, welche sich die Gesellschaft selbst auferlegt hat. Und doch würde Jedermann im Hause den stärksten Anstoß daran genommen haben, wenn Jemand sich in folgender Weise ausgesprochen hätte: »Ihr wißt, daß Ihr Euch das Joch, unter dem Ihr seufzt, selbst auferlegt habt; Ihr wißt, daß ihr selbst nicht an die Heiligkeit dieses Joches glaubt, warum tragt Ihr es denn?« Das freieste civilisirte Volk der Erde ist das einzige civilisirte Volk, das nicht den Muth hat, dieser Frage grade in’s Gesicht zu sehen.

Der Abend schleppte sich langsam hin, die willkommene Stunde des Schlafengehens rückte näher und näher. Arnold dachte eben daran, wie er bald zum letzten Mal sein einsames Lager im Gasthof aufsuchen würde, als er bemerkte, daß Sir Patrick ihm ein Zeichen gab. Er stand auf und folgte seinem Wirth in das leere Eßzimmer. Sir Patrick schloß sorgfältig die Thür hinter sich. Was hatte das zu bedeuten? Es bedeutete für Arnolds, daß eine vertrauliche Unterhaltung mit ihm, etwas Abwechselung in die Monotonie des langen Abends in Ham Farm bringen würde.

»Ich habe Ihnen«, fing der alte Herr an, »bevor Sie sich verheirathen, noch ein Wort zu sagen, Arnold Erinnern sie sich der Unterhaltung bei Tische gestern, über den Ball in Swanhaven Lodge?«

»Jawohl.«

»Erinnern Sie sich der Bemerkung, die Lady Lundie bei dieser Gelegenheit machte?«

»Sie erzählte mir, was mir völlig unglaublich scheint, daß Geoffrey Delamayn sich mit Mrs. Glenarm verheirathen werde.«

»Ganz richtig, und mir entging es nicht, daß Sie über die Mittheilung meiner Schwägerin erschraken, und als Sie erklärten, daß sie sich unzweifelhaft in diesem Fall durch den Schein habe täuschen lassen, machten Ihr Blick und Ihre Sprache mir den Eindruck eines Mannes, der ein Gefühl der Entrüstung zurückdrängt. Habe ich mich darin geirrt?«

»Nein, Sir Patrick,. Sie haben sich nicht geirrt.«

»Würden Sie etwas dagegen haben, mir den Grund Ihrer Entrüstung mitzutheilen?«

Arnold zauderte.

»Sie fragen sich vermuthlich, was mich bei der Sache interessiren kann?«

Arnold gab mit seiner gewohnten Offenheit die Richtigkeit dieser Vermuthung zu.

»In diesem Fall«, erwiderte Sir Patrick, »thue ich wohl besser, ohne Weiteres fortzufahren, um es Ihnen zu überlassen, selbst den Zusammenhang zwischen Dem, was ich Ihnen zu sagen habe und der Frage, die ich eben an Sie gerichtet habe, herauszufinden. Wenn ich zu Ende sein werde, können Sie dann meine Frage beantworten oder nicht, ganz wie es Ihnen recht scheint. Mein lieber Junge, der Gegenstand, über den ich mit Ihnen zu sprechen wünsche, ist —— Miß Silvester.«

Arnold fuhr zusammen. Sir Patrick sah ihn einen Augenblick an und fuhr dann fort: »Meine Nichte hat ihre Launen und geht in ihrem Urtheil bisweilen fehl. Aber sie hat unter vielen anderen guten Eigenschaften eine, welche das Glück ihres ehelichen Lebens zu begründen ganz geeignet ist und dasselbe, wie ich zuversichtlich hoffe, ganz begründen wird. Um es mit einem sprichwörtlichen Ausdruck zu bezeichnen, Blanche ist treu wie Gold. Wen sie einmal zum Freunde erkoren hat, der kann für immer sicher auf sie rechnen. Merken Sie, wo ich hinaus will? Sie hat sich nicht darüber ausgesprochen, Arnold, aber sie hat nach meiner festen Ueberzeugung von ihrem einmal gefaßten Entschluß, sich mit Miß Silvester wieder zu vereinigen, noch durchaus nicht abgelassen. Eine der ersten Fragen, über die Sie sich übermorgen zu entscheiden haben werden, wird die sein, ob Sie Ihrer Frau gestatten wollen oder nicht, bei ihren Versuchen, sich mit ihrer verlorenen Freundin wieder in Verbindung zu setzen, zu beharren.«

Arnold antwortete völlig rückhaltlos: »Ich beklage Blanche’s Verlust aufrichtig, Sir Patrick. Meine Frau kann bei ihren Versuchen, Miß Silvester wieder aufzufinden, auf meine volle Genehmigung und, soviel in meinen Kräften steht, auch auf meinen vollen Beistand rechnen.«

Er sprach diese Worte in einer Weise, die keinen Zweifel darüber aufkommen lassen konnte, daß sie ihm von Herzen kamen.

»Ich glaube, Sie haben Unrecht«, entgegnete Sir Patrick, »ich fürchte, Sie ermuthigen Blanche dazu, ganz hoffnungslose Bemühungen anzustellen. Ich fürchte, Sie sind ihr dazu behülflich, sich eine Enttäuschung zu bereiten, die über die hellste Zeit ihres Lebens einen dunklen Schatten werfen wird. Indessen, das ist nicht meine, sondern Ihre Sache. Nach Ihrer eben abgegebenen Erklärung scheint mir meine Pflicht in dieser Angelegenheit deutlich genug vorgezeichnet zu sein. Vielleicht kann ich Ihnen bei der Aufsuchung der Spur von Miß Silvester durch gewisse, in meinem Besitz befindliche Mittheilungen behülflich sein?«

»Wenn Sie uns im Beginn über einige Schwierigkeiten hinweghelfen können, Sir Patrick so werden Sie Blanche und mich zum lebhaftesten Dank verpflichten.«

»Gut. Sie erinnern sich wohl, was ich Ihnen eines Morgens in Windygates sagte, als wir über Miß Silvester sprachen?«

»Gewiß, Sie sagten, Sie seien entschlossen, Miß Silvester ihren eigenen Weg gehen zu lassen.«

»Ganz Recht! An dem Abend des Tages, wo ich das« zu Ihnen gesagt hatte, erhielt ich die Nachricht, daß Miß Silvester’s Spur bis Glasgow verfolgt worden sei. Außer der durch diese Mittheilung gegebenen, giebt es noch zwei andere Chancen, ihre Spur aufzufinden, die beide nur erprobt werden können; wenn es gelingt, zwei gleich schwer umgängliche Männer dahin zubringen, zu bekennen, was sie über die Sache wissen. Der eine von diesen Beiden ist ein gewisser Bishopriggs, welcher früher Kellner in dem Gasthof in Craig-Fernie war.«

Arnold fuhr zusammen und wechselte die Farbe. Sir Patrick, dem das nicht entging, theilte Arnold nun die den verlornen Brief Anne’s betreffenden Umstände mit, welche ihn zu dem Schluß geführt hatten, daß der Brief in Bishopriggs Besitz sei. »Ich muß hinzufügen,« fuhr er fort, »daß Blanche unglücklicher Weise Gelegenheit gefunden hat, Bishopriggs in Swanhaven zu sprechen. Als sie und Lady Lundie in Edinburgh mit uns zusammentrafen, theilte sie mir im Geheimen eine Karte mit, welche Bishopriggs ihr gegeben hatte. Er hatte ihr gesagt, daß man unter der auf der Karte angegebenen Adresse von ihm würde hören können —— und Blanche bat mich, bevor wir nach London abreisten, die Richtigkeit der Angabe zu erproben. Ich sagte ihr, daß sie sich einen großen Fehler durch den Versuch habe zu Schulden kommen lassen, sich auf ihre eigene Verantwortlichkeit mit Bishopriggs in Verbindung zu setzen; und ich bereitete sie auf das Ergebniß vor, zudem die Erkundigung, meiner festen Ueberzeugung nach, einzig führen konnte. Sie wollte nicht glauben, daß Bishopriggs sie betrogen habe. Ich sah, daß sie, wenn ich ihren Wunsch nicht erfüllte, die Sache wieder selbst in die Hand nehmen würde und ging daher nach der angegebenen Adresse. Genau wie ich es vorausgesehen, hatte der Mann, dessen Adresse die Karte enthielt, seit Jahren nichts von Bishopriggs gehört und wußte durchaus nichts über seinen jetzigen Aufenthalt. Blanche hatte durch ihr unüberlegtes Handeln nichts erreicht, als daß sie Bishopriggs vorsichtig gemacht und ihm gezeigt hatte, daß es räthlich für ihn sei, sich verborgen zu halten. Wenn Sie ihn künftig einmal treffen sollten, so sagen Sie Ihrer Frau nichts davon und berichten mir sofort darüber. Ich muß es ablehnen, Ihnen beim Aufsuchen von Miß Silvester behülflich zu sein, ich habe aber nichts dagegen, mich bei der Wiedererlangung eines gestohlenen Briefes nützlich zu erweisen. So viel von Bishopriggs. —— Jetzt zu dem Andern.«

»Wer ist denn der?«

»Ihr Freund, Mr. Geoffrey Delamayn.«

Arnold vermochte seine Ueberraschung nicht zu verbergen und sprang auf.

»Meine Mittheilung scheint Sie in Erstaunen zu setzen«, bemerkte Sir Patrick.

Arnold setzte sich wieder und wartete in sprachloser Spannung ab, was Sir Patrick ihm weiter mittheilen werde.

»Ich habe gute Gründe«, fuhr Sir Patrick fort, »mich für überzeugt zu halten, daß Mr. Delamayn über die Situation, in welcher sich Miß Silvester augenblicklich befindet, sehr wohl unterrichtet ist. In welchem persönlichen Verhältniß er zu dieser Situation steht, und wie er in den Besitz seiner Kunde gelangt ist, das habe ich nicht herausbringen können. Meine Entdeckung beginnt und endigt mit der einfachen Thatsache, daß er sich im Besitz dieser Kunde befindet.«

»Darf ich mir eine Frage erlauben, Sir Patrick?«

»Und die wäre?«

»Wie haben Sie Ihre Kundschaft in Betreff Geoffrey Delamayn’s erlangt?«

»Es würde mich viel Zeit kosten, Ihnen das zu erzählen«, antwortete Sir Patrick, »und es ist für unsern Zweck durchaus nicht erforderlich, daß sie es erfahren. Was ich für meine Pflicht halte, ist Ihnen —— wohlgemerkt: im strengsten Vertrauen! —— mitzutheilen, daß die Geheimniße Miß Silvester’s keine Geheimniße für Mr. Delamayn sind. Ich überlasse es Ihnen, welchen Gebrauch Sie von dieser Mittheilung machen wollen. Sie sind jetzt in Betreff Miß Silvester’s genau so gut unterrichtet wie ich. Lassen Sie uns jetzt auf die Frage zurückkommen die ich beim Betreten dieses Zimmers zuerst an Sie gerichtet habe. Ist Ihnen jetzt der Zusammenhang zwischen dieser Frage und dem, was ich Ihnen seither mitgetheilt habe, klar geworden?«

Arnold vermochte diesen Zusammenhang auch jetzt noch nicht recht zu erkennen. Sir Patricks Entdeckung verwirrte ihn ganz und gar. Ohne eine Ahnung davon zu haben, daß er es Mrs. Inchbare’s unvollständiger Beschreibung seiner Person verdanke, der Entdeckung entgangen zu sein, konnte er es nicht begreifen, daß kein Verdacht auf ihn gefallen, während Geoffrey’s Situation theilweise wenigstens bekannt geworden sei.

»Meine Frage war«, nahm Sir Patrick wieder auf, indem er Arnold’s Fassungskraft zu Hilfe zu kommen suchte, »Warum die bloße Mittheilung, daß Ihr Freund wahrscheinlich Mrs. Glenarm heirathen werde, Ihre Entrüstung erregt habe, und Sie zögerten, mir darauf zu antworten. Zögern Sie noch?«

»Es ist nicht leicht für mich, darauf zu antworten, Sir Patrick.«

»Lassen Sie uns die Sache anders fassen. Ich nehme an, daß Ihr Gefühl bei der Mittheilung seinen Grund in einem Ihnen bekannten und uns Anderen unbekannten, vertrauten Verhältniß hat. Ist dieser Schluß richtig?«

»Ganz richtig!«

»Hängt das, was Sie über Mr. Delamayn wissen, mit etwas zusammen, was Sie über Miß Silvester wissen?«

Wenn Arnold sich frei gefühlt hätte, diese Frage zu beantworten, so würde seine Antwort Sir Patricks Verdacht erweckt haben und würde Sir Patricks Entschlossenheit Arnold, noch ehe er an diesem Abend das Haus verließ, unfehlbar zu einem vollständigen Bekenntniß gebracht haben. —— Es war beinahe Mitternacht geworden. Die erste Stunde des Hochzeitstages nahte, als die Wahrheit ihren letzten Versuch machte, an’s Licht zu dringen. Die dunklen Phantome künftiger Sorgen und künftigen Schreckens umstanden beide Männer in diesem Augenblicke. Arnold verharrte in peinlichem Zaudern. Sir Patrick wartete auf seine Antwort.

Die Uhr in der Vorhalle schlug ein Viertel vor Zwölf.

»Ich kann es Ihnen nicht sagen«, erwiderte Arnold.

»Ist es ein Geheimniß?«

»Fühlen Sie sich durch Ihre Ehre verpflichtet, dasselbe zu bewahren?«

»Doppelt durch meine Ehre verpflichtet!«

»Was meinen Sie damit?«

»Ich meine, daß ich mich mit Geoffrey, seit er mich in’s Vertrauen gezogen, überworfen habe; darnach fühlte ich mich doppelt verpflichtet sein Vertrauen zu ehren.«

»Ist die Ursache Ihres Streites auch ein Geheimniß?«

»Ja.«

Sir Patrick sah Arnold fest in? Gesicht. »Ich habe vom ersten Augenblicke an Mißtrauen gegen Mr. Delamayn gefühlt«, sagte er; »antworten Sie mir noch darauf, haben Sie, seit wir zuerst im Garten-Pavillon in Windygates über Ihren Freund sprachen, Grund gehabt zu glauben, daß meine Ansicht über ihn doch am Ende die richtige sein könnte?«

»Er hat mich bitter enttäuscht«, sagte Arnold, »Mehr darf ich nicht sagen.«

»Sie haben sehr wenig Welterfahrung«, fuhr Sir Patrick fort, »und Sie haben eben zugegeben, daß Sie Grund gehabt haben, Ihren Erfahrungen über Ihren Freund zu mißtrauen Sind Sie ganz sicher, daß Sie Recht thun, mir sein Geheimniß vorzuenthalten? Sind Sie fest überzeugt, daß Sie das Verfahren, das Sie diesen Abend beobachten, nie bereuen werden?« Er betonte diese letzten Worte scharf. »Denken Sie nach, Arnold«, fügte er in herzlichem Tone hinzu, »denken Sie nach, ehe Sie antworten.«

»Ich fühle mich durch meine Ehre verpflichtet, sein Geheimniß zu bewahren, kein Nachdenken kann daran etwas ändern.«

»Sir Patrick stand auf und machte der Unterhaltung ein Ende. »Dann sind wir fertig!« Mit diesen Worten reichte er Arnold die Hand, drückte sie herzlich und wünschte ihm gute Nacht.

In die Vorhalle tretend, fand Arnold Blanche allein, nach dem Barometer sehend. Der Barometer zeigte schönes Wetter. »Lieber Schatz«, flüsterte er ihr zu, »gute Nacht zum letzten Mal.« Er umarmte und küßte sie.

In dem Augenblick, wo er sie verließ, ließ Blanche ein kleines Billet in seine Hand gleiten. »Lies das«, flüsterte sie, »sobald Du allein im Gasthofe bist.«

So trennten sie sich am Vorabend des Hochzeitstages.



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Achtunddreißigstes Kapitel - Der Hochzeitstag

Das Wetterglas hielt, was es versprochen hatte; die Sonne schien hell an Blanche’s Hochzeitstage. Um neun Uhr Morgens begann die erste Handlung des Tages, die wesentlich geheimer Natur war. Die Braut und der Bräutigam setzten sich über die geheiligten Schranken der Convenienz hinweg und gestatteten sich, noch ehe der Priester den Segen über sie gesprochen hatte, eine geheime Zusammenkunft in dem Treibhause von Ham Farm.

»Hast Du meinen Brief gelesen, Arnold?«

»Ich bin hergekommen, ihn zu beantworten, Blanche. Aber warum hast Du mir das nicht gesagt, wozu schreiben?«

»Weil ich es so lange aufgeschoben hatte, es Dir mitzutheilen und weil ich nicht wußte, wie Du es aufnehmen würdest, und aus noch vielen anderen Gründen. Einerlei, ich habe nun gebeichtet, ich habe nun kein Geheimniß mehr vor Dir. Noch hast Du Zeit, nein zu sagen, Arnold, wenn Du finden solltest, daß ich außer Dir für Niemanden in meinem Herzen Raum haben dürfe. Mein Onkel sagt, ich sei eigensinnig und habe Unrecht, daß ich Anne durchaus nicht aufgeben will. Wenn Du seiner Meinung bist, so sage das entscheidende Wort, lieber Arnold, bevor Du mich zu Deiner Frau machst.«

»Soll ich Dir sagen, was ich gestern Abend zu Sir Patrick gesagt habe?«

»Im Bezug auf diesen Gegenstand?«

»Ja. Die Beichte, wie Du es nennst, die Du in Deinem allerliebsten Billet machst, war gerade Das, worüber Sir Patrick sich gestern Abend, bevor ich fortging, im Eßzimmer mit mir unterhielt. Er sagte mir, Dein Herz hänge daran, Miß Silvester wieder zu finden und er fragte mich, was ich zu, thun gedenke, wenn wir verheirathet sein würden.

»Und Du sagtest?«

Arnold wiederholte die Antwort, die er Sir Patrick gegeben hatte, mit einer der Gelegenheit angemessenen, glühenden Verschönerung der ursprünglichen Ausdrucksweise —— Blanche bezeugte ihr Entzücken durch einen Kuß, den sie Arnold ohne Erröthen, noch drei Stunden bevor die Sanction von Staat und Kirche ein solches Verfahren von ihrer Seite gebilligt hätte, auf die Lippen drückte.

»Jetzt,« sagte Arnold, »ist die Reihe an mir Feder und Dinte zu ergreifen. Ich, so gut wie du habe einen Brief zu schreiben, bevor wir uns verheirathen, nur mit dem Unterschiede, daß ich bei meinem Briefe Deines Verstandes bedarf.«

»An wen willst Du denn schreiben?«

»An meinen Advocaten in Edinburgh. Ich werde keine Zeit dazu finden, wenn ich es nicht jetzt thue. Wir gehen ja noch heute Nachmittag nach der Schweiz, nicht wahr?«

»Ja.«

»Nun gut, ich möchte Dich völlig beruhigt sehen, mein Engel, bevor wir fortgehen; würdest Du nicht gern die beruhigende Gewißheit mit auf die Reise nehmen, daß, während wir unterwegs sind, die richtigen Leute Miß Silvester’s Spur verfolgen? Sir Patrick hat mir den letzten Ort genannt, bis zu dem man ihre Spur verfolgt hat und mein Advocat wird die richtigen Leute weiter forschen lassen. Komm und hilf mir den Brief abfassen, und die Sache wird bald abgemacht sein.

»O, Arnold, wie kann ich Dich je genug lieben, um Dich dafür zu belohnen!«

»Das werden wir sehen, Blanche, in der Schweiz.«

Kühn drangen sie Arm in Arm in Sir Patricks Arbeitszimmer ein, das, wie sie wußten, zu dieser frühen Stunde vollkommen zu ihrer Verfügung stand. Mit Sir Patrick’s Feder und Papier brachten sie eine Instruction zu Stande, derzufolge die Nachforschungen, welchen Sir Patricks höhere Weisheit ein vorläufiges Ende gemacht hatte, wieder aufgenommen werden sollten. Weder Mühe noch Geld solle von dem Advocaten gespart werden, um sofort die richtigen Maßregeln und zwar zunächst in Glasgow zu«ergreifen, um Anne wieder aufzufinden. Der Bericht über das Resultat selbst solle an Arnold unter Sir Patrick’s Adresse in Ham Farm gerichtet werden.

Als sie den Brief geschrieben hatten, war es zehn Uhr geworden. Blanche verließ Arnold, um sich in ihre bräutlichen Gewänder zu kleiden, nachdem sie ihn abermals gegen alle gute Sitte geküßt hatte.

Die nächsten Handlungen des Tages hatten einen öffentlichen Charakter und entsprachen durchaus dem, was bei solchen Gelegenheiten üblich ist. Dorfjungfrauen streuten Blumen auf den Weg bis an die Kirche und überschickten noch am selben Tage die Rechnung dafür. Dorfburschen zogen die Freudenglocken und betranken sich für das Geld, daß sie dafür bekamen, noch an demselben Abend. Es fehlte nicht an der üblichen und schrecklichen Pause während der Zeit, wo der Bräutigam in der Kirche die Braut zu erwarten hatte, nicht an dem üblichen und erbarmungslosen Anstarren aller weiblichen Zuschauer in dem Augenblick, wo die Braut vor den Altar geführt wurde. Dann kam der vorgängige Blick des Geistlichen auf den Trauschein, als Ausdruck amtlicher Vorsicht, und dann der bedeutungsvolle Blick des Küsters auf den Bräutigam, der denselben im Voraus an die übliche Gratification mahnen sollte. Alle anwesenden Frauen schienen ganz in ihrem natürlichen Elemente zu sein, während alle Männer, die der heiligen Handlung. beiwohnten, sich sehr unbehaglich fühlten.

Endlich begann der Gottesdienst, den man wohl als eine der schrecklichsten Ceremonien bezeichnen kann, der Gottesdienst, welcher zwei menschliche Wesen, die in den überwiegend meisten Fällen so gut wie nichts von ihren beiderseitigen Charakteren wissen, dazu verpflichtet, das Experiment zu wagen, miteinander zu leben, bis der Tod sie trennen wird. Der Gottesdienst, der, wenn nicht in Worten, doch seinem wahren Sinne nach besagt: wagt Euren Sprung in die Finsternis wir sanctioniren ihn wohl, aber wir garantiren ihn nicht.

Der Gottesdienst verlief ohne die mindeste Störung. Die letzten Worte waren gesprochen und das Gebetbuch war geschlossen. Die jungen Eheleute schrieben ihre Namen in das Trauregister ein. Der junge Ehemann wurde beglückwünscht, die junge Frau umarmt und das neuvermählte Paar, dem auf seinem Rückweg noch mehr Blumen gestreut wurden, kehrte nach Hause zurück. Das Hochzeits-Frühstück wurde beschleunigt, die üblichen Toaste wurden abgekürzt. Es war keine Zeit zu verlieren, wenn die jungen Leute noch den Frühzug nach Dover erreichen sollten. Eine Stunde später waren sie im Wagen nach der Eisenbahn - Station abgefahren, nachdem ihnen die Gäste von den Stufen des Hauses aus den Abschiedsgruß zugerufen hatten. Welch’ einer goldenen Zukunft sahen diese beiden jungen, glücklichen, einander zärtlich liebenden, gegen alle kleinlichen Sorgen des Lebens gesicherten Menschen entgegen. Wer hätte bei diesem, mit der Sanction ihrer Familien und unter dem Segen der Kirche verheiratheten Paar denken können, daß gleichwohl die Zeit kommen sollte, wo in der Frühlings-Zeit ihrer Liebe die schreckliche Frage an sie herantreten würde: »Seid Ihr Mann und Weib?«



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Neununddreißigstes Kapitel - Die Wahrheit kommt endlich an den Tag

Zwei Tage nach der Hochzeit, am Mittwoch den neunten September, wurde ein in Windygates eingetroffenes Packet Briefe von Lady Lundie’s Verwalter nach Ham-Farm weiter befördert. Mit einer einzigen Ausnahme waren die Briefe alle entweder an Sir Patrick oder an seine Schwägerin adressirt. Der einzige Brief aber, der eine Ausnahme machte, war an Mr. Arnold Brinkworth gerichtet, Adresse Lady Lundie, Windygates-House, Perthshire, und sorgfältig versiegelt. Als Sir Patrick sah, daß der Brief mit einem Glasgower Poststempel versehen war, betrachtete er die Handschrift auf der Adresse mit einem gewissen Mißtrauen. Sie war ihm unbekannt, rührte aber offenbar von einer weiblichen Hand her.

Lady Lundie saß ihm gegenüber« am Tische. In gleichgültigem Tone sagte er: »Ein Brief für Arnold« und schob ihr ihn über den Tisch hin zu. Lady Lundie nahm den Brief auf, ließ ihn aber, sobald sie die Handschrift angesehen hatte, plötzlich wieder los, als ob sie sich die Finger an demselben verbrannt hätte.

»Wieder die »Person«, rief Lady Lundie »Die »Person« nimmt sich heraus, einen Brief an Arnold Brinkworth unter der Adresse meines Hauses zu schreiben?«

»Miß Silvester?« fragte Sir Patrick.

»Nein!« sagte Lady Lundie, indem sie die Zähne zusammenbiß, »die »Person« kann mich insultiren, indem sie einen Brief unter meiner Adresse abschickt, aber der Name der »Person« soll meine Lippen nicht beflecken selbst nicht in Ihrem Hause, Sir Patrick, auch nicht Ihnen zu Gefallen!«

Das war für Sir Patrick Antwort genug. Nach Allem, was vorgefallen war, nach ihrem Abschiedsbrief an Blanche, schrieb Miß Silvester hier wieder aus freien Stücken an Blanche’s Mann, das war gelinde gesagt, unerklärlich; er nahm den Brief wieder zur Hand und sah ihn noch einmal an. Lady Lundie’s Verwalter war ein Mann, der sehr methodisch zu Werke zugehen pflegte; er hatte auf der Rückseite jedes in Windygates eingetroffenen Briefs den Tag der Ablieferung notirt. Der an Arnold gerichtete Brief war am Montag, den siebenten September, an Arnold’s Hochzeitstage abgegeben worden. Was hatte das zu bedeuten? Es war müßig, weiter danach zu forschen Sir Patrick stand auf, um den Brief in ein Schubfach des hinter ihm stehenden Schreibtisches zu verschließen, aber Lady Lundie that im Interesse der Sittlichkeit Einspruch.

»Sir Patrick!«

»Nun?«

»Halten Sie es nicht für Ihre Pflicht den Brief zu öffnen?«

»Meine verehrte Frau Schwägerin, wie kommen Sie auf einen solchen Gedanken?«

Die tugendhafteste aller lebenden Frauen war um eine Antwort nicht verlegen. »Ich denke«, sagte Lady Lundie, »an Arnold’s sittliche Wohlfahrt.«

Sir Patrick lächelte. Auf der langen Liste jener respectablen Lügen, unter denen wir unsere Neigung, uns wichtig zu machen und uns in die Angelegenheiten Anderer zu mischen, verhüllen, steht die Rücksicht auf die sittliche Wohlfahrt unserer Nebenmenschen obenan. »Wir werden wahrscheinlich in einem oder zwei Tagen von Arnold hören«, sagte Sir Patrick, indem er den Brief in das Schubfach einschloß. »Er soll den Brief haben, sobald ich weiß, wohin ich ihm denselben schicken kann.«

Schon der nächste Morgen brachte Nachrichten von dem jungen Paare. Sie berichteten, daß sie zu selig seien, um sich darum zu bekümmern, wo sie sich aufhielten, so lange sie nur bei einander seien. Die Entscheidung jeder Frage, außer der Frage ihrer Liebe, sei dem Ermessen ihres erfahrenen Couriers überlassen. Dieser verständige und zuverlässige Mann habe erklärt, daß kein vernünftiger Mensch daran denken dürfe, sich im Monat September längere Zeit in Paris aufzuhalten; er habe bestimmt, daß sie auf ihrem Wege nach der Schweiz am zehnten nach Baden-Baden abreisen sollten; bis auf Weiteres seien daher Briefe dorthin zu dirigiren. Wenn Baden dem Courier gefalle, würden sie wahrscheinlich eine Zeitlang dort bleiben, wenn aber der Courier Lust bekommen sollte, in’s Gebirge zu gehen, so würden sie nach der Schweiz weiter reisen; inzwischen habe Arnold kein anderes Interesse, als Blanche und Blanche kein anderes Interesse, als Arnold.

Sir Patrick beförderte sofort Anne Silvester’s Brief an Arnold poste restante nach Baden-Baden. Gleichzeitig wurde ein zweiter an diesem Morgen eingetroffener, an Arnold gerichteter Brief, anscheinend die Zuschrift eines Advocaten und mit dem Poststempel Edinburgh versehen, befördert.

Zwei Tage später hatten alle Gäste Ham-Farm verlassen. Lady Lundie war wieder nach Windygates zurückgekehrt; die übrigen hatten sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreut. Sir Patrick der gleichfalls daran dachte, nach Schottland zurückzukehren, blieb noch eine Woche allein in Ham-Farm, als einsamer Gefangener in seinem eigenen Landhause. Aufgehäufte Geschäftsrückstände, welche sein Verwalter unmöglich allein beseitigen konnte, nöthigten ihn zu diesem verlängerten Aufenthalte. Das war für einen Mann, der keinen Geschmack an der Rebhühnerjagd findet, ein hartes Loos. Sir Patrick vertrieb sich die nicht durch seine Geschäfte in Anspruch genommene Zeit mit Lectüre. Zu Tische kam der Pfarrer einer benachbarten Kirche zu ihm herübergefahren und spielte Abends mit ihm eine Parthie Piquet; sie verabredeten daß sie einen Abend um den andern, einer zu dem andern kommen wollten. Der Pfarrer war ein ausgezeichneter Spieler und Sir Patrick, obgleich ein geborener Presbyterianer, segnete die englische Staatskirche die ein so harmloses Kartenspiel nicht verpönte, aus Herzensgrunde.

Drei weitere Tage verflossen. Die Abwickelung der Geschäfte nahm einen raschen Fortgang und die Zeit von Sir Patricks Rückkehr nach Schottland nahte heran. Die beiden Herren kamen überein, eine letzte Parthie am nächsten Tage im Hause des Pfarrers zu spielen. Aber diese letzte Parthie Piquet zwischen dem Baronet und dem Pfarrer sollte nie gespielt werden. Am Nachmittag des vierten Tages kam Sir Patrick von einer Ausfahrt zurück und fand einen Brief von Arnold vor, der mit der letzten Post gekommen war. Dem äußern Anschein nach war es ein Brief von ungewöhnlich bedenklicher, vielleicht auch von ungewöhnlich interessanter Natur. Arnold war einer der letzten Menschen in der Welt, dem irgend einer seiner Bekannten eine Neigung zu längerer Correspondenz würde zugetraut haben, und doch lag hier ein Brief von ihm, der dreimal so dick und schwer war, wie seine gewöhnlichen Briefe und übrigens augenscheinlich von mehr als gewöhnlicher Wichtigkeit in Betreff seiner Nachrichten. In der einen Ecke des Couverts stand »rasch zu befördern« und in einer andern Ecke stand gleichfalls unterstrichen das Wort »Vertraulich.« »Halloh, was hat das zu bedeuten?!« dachte Sir Patrick. Als er den Brief eröffnete, fielen zwei Einlagen heraus. Er warf einen Blick darauf und sah, daß es die beiden Briefe waren, die er nach Baden-Baden befördert hatte; der Brief, den er in der Hand behielt und der zwei Bogen füllte, war von Arnold selbst. Sir Patrick las diesen Brief zuerst; er war aus Baden-Baden datirt und fing an, wie folgt:

»Lieber Sir Patrick!

»Erschrecken Sie nicht, wenn Sie irgend umhin können, ich bin in schrecklicher Verlegenheit.«

Sir Patrick blickte einen Augenblick von dem Briefe auf. Wenn ein junger Mann aus Baden-Baden schreibt, daß er in einer schrecklichen Verlegenheit ist, wie hat man diese Verlegenheit zu erklären? Sir Patrick zog den unvermeidlichen Schluß, Arnold müsse gespielt haben; Er schüttelte den Kopf und las weiter:

»Ich darf sagen, daß ich, so schrecklich die Sache auch ist, nicht zu tadeln bin und auch sie, die Aermste nicht.«

Sir Patrick hielt wieder inne, »Sie?« Blanche hatte augenscheinlich auch gespielt. Es fehlte nichts, um das Bild vollständig zu machen, als daß der nächste Satz, meldete, daß auch der Courier seinerseits von der unersättlichen Spielwuth ergriffen worden sei. Sir Patrick las weiter:

»Sie werden gewiß nicht von mir verlangen, daß ich die Gesetze hätte kennen sollen und was die arme Miß Silvester betrifft ——«

Miß Silvester? Was hatte denn Miß Silvester damit zu thun und was konnte die Beziehung auf die Gesetze zu bedeuten haben? Sir Patrick hatte den Brief bis hierher stehend gelesen. Bei dem Namen Silvester aber beschlich ihn ein eigenthümliches Mißbehagen. Er konnte sich keine klare Vorstellung von dem machen, was nun folgen werde; ein unbeschreibliches Etwas regte sich in ihm und afficirte seine Nerven derartig, daß er plötzlich die Schwächen seines Alters zu fühlen glaubte. Er war genöthigt, sich niederzusetzen und einen Augenblick inne zu halten, bevor er fortfahren konnte. Der Brief lautete weiter:

»Und was die arme Miß Silvester betrifft, so konnte sie doch, obgleich sie, wie ich mich erinnere, ein unbestimmtes Vorgefühl von der Bedenklichkeit der Situation hatte, da auch sie nicht gesetzeskundig ist, keine Ahnung davon haben, wie die Sache enden würde. Ich weiß kaum, wie ich es anfangen soll, Ihnen die Sache mitzutheilen, ich kann und will es nicht glauben, aber selbst wenn die Sache wahr sein sollte, so bin ich überzeugt, daß Sie einen Ausweg für uns finden werden. Ich werde vor nichts zurückschrecken und Miß Sylvester wird, wie Sie aus ihrem Briefe ersehen werden, gleichfalls vor nichts zurückschrecken, um die Sache in Ordnung zu bringen. Natürlich habe ich meiner geliebten Blanche, die ganz glücklich ist und nicht den leisesten Verdacht hegt, nichts davon gesagt. Alles dies, lieber Sir Patrick, ist, fürchte ich, sehr schlecht geschrieben, aber es hat den Zweck, Sie vorzubereiten und die Dinge von vornherein in das beste Licht zu stellen. Indessen muß die Wahrheit gesagt werden und die Wahrheit ist eine Schmach für das schottische Gesetz. Die Sache ist kurz folgende: Geoffrey Delamayn ist ein noch größerer Schurke, als wofür Sie ihn halten und ich bereue es, wie die Dinge sich jetzt herausgestellt haben, bitter, daß ich an jenem Abende, wo Sie und ich unsere vertrauliche Unterhaltung in Ham-Farm hatten, geschwiegen habe. Sie werden denken, daß ich zwei Dinge in einander mische, aber das thue ich nicht, bitte, bleiben Sie dessen, was ich eben über Geoffrey gesagt habe, eingedenk, und bringen Sie es in Verbindung mit dem, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe. Das Schlimmste kommt noch. Miß Silvester’s einliegender Brief meldet mir die schreckliche Nachricht. Sie müssen wissen, daß ich an dem Tage jenes Gartenfestes in Windygates im Geheimen als Geoffrey’s Bote zu ihr ging. Nun, wie es geschehen sein mag, weiß nur der Himmel, aber es ist Grund zu der Besorgniß vorhanden, daß ich, ohne selbst etwas davon zu wissen, mich im vorigen August im Gasthof zu Craig-Fernie mit Miß Silvester verheirathet habe.«

Der Brief entfiel Sir Patricks Händen. Er sank in seinen Stuhl zurück und war einen Augenblick durch den Schreck völlig betäubt. Bald aber erholte er sich wieder, sprang auf und ging im Zimmer auf und ab, stand dann still, nahm sich zusammen und waffnete sich mit all seiner Willenskraft. Er hob den Brief wieder auf und las den letzten Satz noch einmal. Sein Gesicht überflog eine tiefe Röthe. Er stand auf dem Punkt sich einem nutzlosen Zornesausbruch gegen Arnold zu überlassen, als sein besseres Urtheil ihn noch zu rechter Zeit zurückhielt.

»Ein Narr in der Familie ist genug,« sagte er; »an mir ist es, in dieser schrecklichen Lage um Blanche’s willen, mir den Kopf klar zu halten.« Er hielt abermals inne, um sich seiner eigenen Fassung zu versichern und nahm dann wieder den Brief zur Hand, um zu sehen, was der Schreiber zur Erklärung und Entschuldigung der Sache zu sagen habe. Arnold wußte genug zu sagen, nur wußte er leider nicht, wie er es sagen sollte. Es war schwer zu entscheiden, welche Eigenschaft in seinem Briefe die hervorragendste war, die vollständige Abwesenheit aller klaren Zusammenstellung, oder der vollständige Mangel an jeder Zurückhaltung. Ohne Anfang, Mitte oder Ende erzählte er die Geschichte seiner verhängnißvollen Verbindung mit Anne Silvester’s Angelegenheiten von dem denkwürdigen Tage an, wo Geoffrey Delamayn ihn nach Craig-Fernie geschickt hatte, bis zu dem ebenso denkwürdigen Abende, wo Sir Patrick es vergebens versucht hatte ihm in Hain-Farm die Lippen zu öffnen.

»Ich muß bekennen,« schloß der Brief, »daß, wie die Dinge sich jetzt herausgestellt haben, ich ein Narr gewesen bin, Geoffrey Delamayn’s Geheimniß zu bewahren; Aber wie konnte ich etwas über ihn aussagen, ohne Miß Silvester zu compromittiren. Lesen Sie ihren Brief und Sie werden sehen, was Sie sagt, und wie großmüthig sie mich jeder Verpflichtung entbindet. Es nützt nichts, daß ich sage, es thut mir leid, daß ich, zu rücksichtsvoll war, das Uebel ist geschehen, aber ich werde, wie ich schon vorhin gesagt habe, vor nichts zurückschrecken, um es wieder gut zu machen, nur sagen Sie mir, was der erste Schritt ist, den ich zu thun habe und verlassen Sie sich darauf, daß ich denselben, falls er mich nicht von Blanche trennt, sofort thun werde. In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich, lieber Sir Patrick, Ihr sich in der peinlichsten Verlegenheit befindender

Arnold Brinkworth.«

Sir Patrick faltete den Brief zusammen und betrachtete die beiden auf dem Tische liegenden Einlagen. Sein Auge blickte finster, als er die Hand ausstreckte, um Anne’s Brief aufzunehmen. Der Brief von Arnold’s Advocaten in Edinburgh lag ihm näher; mechanisch griff er daher zuerst nach, diesem. Der Advocat berichtete in Kurze, daß er die nöthigen Nachforschungen in Glasgow mit folgendem Ergebniß angestellt habe. Anne’s Spur war bis zum Schöpfen-Hotel verfolgt worden; dort hatte sie bis Anfang September schwer krank darnieder gelegen. Man hatte erfolglose Anzeigen in den Glasgower Blättern erlassen. Am fünften September endlich war sie soweit wiederhergestellt gewesen, um das Hotel verlassen zu können; man hatte sie an demselben Tage an der Eisenbahnstation gesehen, aber damit war jede Spur von ihr wieder verloren gegangen. Demnächst habe der Advocat, wie er weiter berichtete jedes weitere Verfahren eingestellt und erwarte jetzt eine Instruction von seinem Clienten.

Der Brief blieb nicht ohne Einfluß auf Sir Patrick, indem er ihn veranlaßte weniger hart und rasch über Anne zu urtheilen, als er es zu thun im ersten Augenblick geneigt gewesen war. Schon ihre Krankheit gab ihr das Recht auf ein wenig Sympathie; ihre hilflose Lage, welche sich in den durch die Zeitungen erlassenen Aufrufen so klar und traurig abspiegelte, forderte dringend dazu auf, ihre Fehler, wenn sie deren begangen hatte, milde zu beurtheilen. Ernst aber nicht mehr zornig öffnete Sir Patrick ihren Brief, —— den Brief, welcher einen Zweifel gegen die Gültigkeit der Ehe seiner Nichte erhob.



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Vierzigstes Kapitel - Anne opfert sich

Anne Silvester’s Brief lautete:

»Glasgow, den 5. September.
Lieber Mr. Brinkworth!

Vor etwa drei Wochen versuchte ich es, Ihnen von hier aus zu schreiben, aber in dem Augenblick, wo ich eben die Feder angesetzt hatte, wurde ich plötzlich von einer schweren Krankheit ergriffen, habe von diesem Augenblicke an bis heute hilflos darniedergelegen und war, wie man mir sagt, dem Tode sehr nahe. Vorgestern und gestern fühlte ich mich stark genug, um mich ankleiden zu lassen und kurze Zeit aufzusitzen; heute fühle ich mich noch stärker, ich kann wieder meine Gedanken sammeln. Der erste Gebrauch, den ich von meiner Besserung mache, besteht darin daß sich Ihnen diese Zeilen schreibe. Ich werde Sie voraussichtlich durch meine Mitteilung überraschen, vielleicht erschrecken, aber es giebt kein Mittel, weder für Sie noch für mich, der Sache zu entgehen, es muß geschehen; indem ich darüber nachdenke, wie ich das, was ich Ihnen zu sagen genöthigt bin, am Besten vorbringe, finde ich keinen bessern Weg, als Sie zu bitten, sich eines Tages zu erinnern, den wir Beide Ursache haben bitter zu bereuen, des Tages, an welchem Geoffrey Delamayn Sie zu mir nach dem Gasthof von Craig-Fernie schickte. Vielleicht erinnern Sie sich nicht mehr, wenigstens schien es damals unglülcklicherweise keinen Eindruck auf Sie zu machen, daß ich bei jener Gelegenheit mehr als einmal ein entschiedenes Mißbehagen darüber empfand und zu erkennen gäb, daß Sie mich Vor den Leuten im Gasthofe für Ihre Frau ausgaben. Sie thaten es, weil es nothwendig war, um mir die Erlaubniß zu erwecken, in Craig-Fernie zu bleiben; ich wußte das und doch widerstrebte mir die Sache. Es war mir unmöglich Ihnen zu widersprechen, ohne Sie in die peinlichen Folgen dieses Protestes zu verwickeln und Gefahr zu laufen, einen Scandal zu veranlassen, der Blanche leicht hätte zu Ohren kommen können. Auch das wüßte ich und doch fühlte ich Gewissensbisse, es war ein unbestimmtes Gefühl, ich wußte nichts von der positiven Gefahr in die wir uns selbst brachten, sonst würde ich mich, gleichviel was daraus entstehen mochte, auf der Stelle ausgesprochen haben. Ich hatte, was man ein Vorgefühl nennt davon, daß Ihre Handlungsweise üble Folgen nach sich ziehen könne, das war Alles. Bei dem Andenken meiner geliebten Mutter, bei meinem Vertrauen auf die Gnade Gottes betheure ich, daß sich die Sache so und nicht anders verhält. Sie verließen den Gasthof am nächsten Morgen und wir haben uns seitdem nicht wieder gesehen. Wenige Tage nachdem Sie mich verlassen hatten, vermochte ich meine Einsamkeit nicht länger zu ertragen und ging im Geheimen nach Windygates, wo ich Blanche sprach. Als sie mich auf einige Minuten verlassen hatte, sah ich Geoffrey Delamayn zum ersten Mal, seit ich mich bei Lady Lundie’s Gartenfeste von ihm getrennt hatte, wieder. Er behandelte mich wie eine Fremde, sagte mir, daß er hinter Alles gekommen sei, was zwischen uns im Gasthofe vorgefallen; sagte dann, er habe den Rath eines Rechtskundigen eingeholt, und —— O, Mr. Brinkworth, wie kann ich es aussprechen, wie kann ich die Worte niederschreiben die er dann zu mir sagte, aber es muß geschehen, so schrecklich es auch für mich ist, es muß geschehen, er weigerte sich, mich zu heirathen, weil, wie er sagte, ich schon verheirathet, weil ich Ihre Frau sei.

Jetzt wissen Sie, warum ich Sie bat, sich dessen zu erinnern, was ich fühlte und zu fühlen bekannte, als wir in Craig Fernie zusammen waren. Wenn Sie hart von mir denken und sich hart über mich aussprechen, so habe ich kein Recht, Sie deshalb zu tadeln, ich bin unschuldig und doch ist es mein Fehler.

Mir schwimmt es vor den Augen und die thörichten Thränen drängen sich unwillkürlich vor, ich muß mich unterbrechen und ein wenig ruhen.

Ich habe am Fenster gesessen und die in der Straße vorübergehenden Leute beobachtet, sie sind Alle Fremde aber ihr Anblick wirkt in gewisser Weise beruhigend auf mein Gemüth. Das Geräusch der großen Stadt giebt mir Muth und Kraft fortzufahren. Ich darf es nicht wagen, von dem Manne zu reden, der uns beide betrogen hat. Entehrt und gebrochen wie ich bin, fühle ich doch etwas in mir, was mich über ihn erhebt, Wenn er in diesem Augenblicke reuig zu mir käme und mir Alles böte, was Rang, Reichthum und Ehre der Welt geben können, so würde ich doch sein Weib nicht werden wollen, sondern vorziehen zu bleiben, was ich jetzt bin. Lassen Sie mich von Ihnen und um Blanches willen von mir selbst reden. Ich hätte unzweifelhaft in Windygates auf Sie warten und Ihnen sofort mittheilen sollen, was geschehen war, aber ich war schwach und krank und der Schreck über das, was ich gehört hatte, war so furchtbar, daß ich in Ohnmacht fiel. Als ich wieder zu zu mir kam, ergriff mich bei dem Gedanken an Sie und Blanche ein solches Entsetzen daß ich wie vom Wahnsinn besessen davon eilte und nur darauf bedacht war, mich vor den Blicken der Menschen zu verbergen. Auf dem Wege hierher wurde mein Geist klarer und ruhiger und hier angelangt, that ich, was, wie ich glaube und hoffe, das beste war, das ich thun konnte, ich fragte zwei Advocaten um Rath. Ihre Ansichten darüber, ob wir in Gemäßheit der Gesetze die für diese Dinge in Schottland maßgebend sind, verheirathet seien oder nicht, waren verschieden. Der Eine sagte: »Ja«, der Andere sagte: »Nein«, rieth mir aber, Ihnen auf der Stelle zu schreiben und Sie über Ihre Lage aufzuklären.»Ich versuchte es, noch am selbigen Tage Ihnen zuschreiben, wurde aber dabei, wie Sie bereits wissen krank. Gott sei Dank, daß der dadurch veranlaßte Aufschub nichts zu bedeuten hat. Ich fragte Blanche in Windygates, wann ihre Hochzeit sein werde und sie sagte mir, daß dieselbe nicht Vor Ende Herbst stattfinden würde. Es ist heute erst der fünfte September. Sie haben ja noch Zeit genug vor sich; um unser Aller willen, machen Sie einen guten Gebrauch davon. Was werden Sie thun? Gehen Sie sofort zu Sir Patrick und zeigen Sie ihm diesen Brief, befolgen Sie seinen Rath, gleichviel in welcher Weise ich von demselben betroffen werde. Ich würde Ihre Güte schlecht lohnen, ich würde der Liebe, die ich für Blanche im Herzen trage, wenig gemäß handeln, wenn ich einen Augenblick Bedenken trüge, mich Allem auszusetzen, was in Ihrem und in Blanche’s Interesse etwa nothwendig werden möchte. Sie haben sich in dieser Angelegenheit wahrhaft großmüthig, delicat und gütig benommen, Sie haben mein schmachvolles Geheimniß dessen bin ich gewiß, mit der Treue eines Ehrenmannes der den Ruf einer Frau in Händen hat bewahrt; ich entbinde Sie, lieber Mr. Brinkworth, von ganzem Herzen von jeder Verpflichtung, mein Geheimniß noch länger zu bewahren; ich flehe Sie auf meinen Knieen an, frei die Wahrheit zu verkünden. Ich bin bereit, meinerseits die Sache in jeder durch die Umstände geforderten noch so öffentlichen Weise zu bestätigen. Um jeden Preis machen Sie sich frei und dann, aber nicht eher, schenken Sie Ihre Achtung wieder der unglücklichen Frau, die Sie mit der Last Ihres Kummers beladen und Ihr Leben einen Augenblick mit dem Schatten ihrer Schande verdunkelt hat. Glauben Sie nicht, daß ich mir mit der an Sie gerichteten Aufforderung ein schmerzliches Opfer auferlegte. Für mich handelt es sich nur um die Beruhigung meines Gewissens.

Mich knüpft nichts mehr an das Leben, als die harte Nothwendigkeit des Daseins. Wenn ich jetzt an die Zukunft denke, so überblickt mein Geist die Jahre, die mir noch in diesem Leben beschieden sein mögen; bisweilen wage ich zu hoffen, daß die Gnade Christi, die einst auf Erden für ein schuldiges Weib gleich mir gesprochen hat, auch dereinst nach meinem Tode für meine Seele im Himmel sprechen werde. Bisweilen wage ich zu hoffen, daß ich in einer besseren Welt meine Mutter und Blanches Mutter wiedersehen werde. Ihre Herzen waren zärtlich verbunden wie Schwesterherzen, so lange sie auf Erden wandelten, und sie hinterließen ihren Kindern das Vermächtniß ihrer Liebe. O helfen Sie mir, daß ich, wenn wir uns wiedersehen, mir sagen darf, daß ich nicht umsonst versprochen habe, Blanche eine Schwester zu sein. Jetzt bin ich nur ein Hinderniß für das Glück ihres Lebens, um Gotteswillen opfern Sie mich ihrem Glück, ist das Einzige, um dessentwillen ich noch leben möchte. Ich wiederhole es, an mir ist mir nichts gelegen, ich habe kein Recht darauf, daß irgend welche Rücksicht auf mich genommen werde, und ich wünsche es auch nicht. Sagen Sie die volle Wahrheit in Betreff meiner, und rufen Sie mich so öffentlich, wie es Ihnen gut scheint, auf, die Wahrheit zu bezeugen.

Ich habe wieder eine kleine Pause gemacht und versucht, mir, ehe ich den Brief schließe, zu überlegen, was ich wohl etwa noch zu schreiben haben könnte; ich nichts nichts mehr, außer der Angabe, wo sie mich finden können, wenn Sie wünschen sollten, mir zu schreiben, oder mich zu sprechen. Ehe ich Ihnen dieses mittheile nur noch ein Wort. Es ist mir unmöglich vorauszusehen, was Sie nach Empfang dieses Briefes thun werden, oder was Andere Ihnen rathen werden zu thun. Ich muß es sogar für möglich halten, daß Sie bereits von Geoffrey Delamayn selbst über Ihre Lage aufgeklärt sind; in diesem Fall oder in dem Fall, daß Sie es für richtig halten sollten, Blanche in Ihr Vertrauen zu ziehen, wage ich es Ihnen vorzuschlagen eine Person, der Sie völliges Vertrauen schenken können, damit zu beauftragen, in Ihrem Namen mit mir zu sprechen, oder falls Ihnen das nicht möglich sein sollte selbst in Gegenwart einer dritten Person mit mir zusammenzutreffen. Der Mann, der keinen Anstand genommen hat, uns Beide zu verrathen, würde auch kein Bedenken tragen, uns auch künftig, wo er kann, in der niedrigsten Weise zu verleumden. Um Ihrer selbst willen lassen sie uns wohl beachten, lügnerischen Zungen keine Gelegenheit zu geben, Sie bei Blanche zu verleumden. Hüten Sie sich vor der Gefahr, sich abermals in eine falsche Stellung zu bringen, machen Sie es unmöglich, daß ein ihrer unwürdiges Gefühl in dem liebenden und edlen Herzen Ihres künftigen Weibes erweckt werde. Nachdem ich das geschrieben habe, kann ich Ihnen jetzt sagen, wie Sie mit mir in Verbindung bleiben können, wenn ich von hier fortgereist sein werde. Sie werden auf dem einliegenden Streifen Papier den Namen und die Adresse des zweiten Advocaten finden, den ich in Glasgow consultirt habe; ich habe mit ihm verabredet, daß ich ihn brieflich von, dem nächsten Ort, an den ich mich begeben werde, in Kenntniß setze und daß er diese Mittheilung entweder an Sie oder an Sir Patrick Lundie, sobald Sie persönlich oder schriftlich darum nachsuchen sollten, gelangen lasse. Ich weiß noch selbst nicht, wo ich eine Zuflucht finden werde; nur so viel ist sicher, daß ich in meinem gegenwärtigen schwachen Zustande nicht weit reisen kann. Wenn Sie sich darüber wundern sollten, daß ich überhaupt an Reisen denke, bevor ich mich wieder ganz kräftig fühle, so kann ich Ihnen nur einen Grund angeben, der Ihnen vielleicht excentrisch erscheinen wird. Man hat. mir mitgetheilt, daß in jener Zeit, wo ich todtkrank hier im Hotel lag, Anzeigen in Betreff meiner in Glasgower Blätter erlassen morden sind. Der Kummer hat mich vielleicht krankhaft argwöhnisch gemacht, und so fürchte ich mich vor dem, was geschehen könnte, wenn ich, nachdem mein Aufenthaltsort öffentlich bekannt gemacht worden ist, hier bliebe, und so bin ich, entschlossen, sobald ich dazu fähig. sein werde, im Geheimen abzureisen. Ich werde zufrieden sein, wenn ich an einem stillen Plätzchen auf dem Lande in der Umgebung von Glasgow Ruhe und Frieden finden kann. Sie brauchen sich in Betreff meiner Existenz keine Sorge zu machen, ich habe Geld genug für meine Bedürfnisse, und wenn ich wieder wohl werde, weiß ich mein Brod zu verdienen. Ich trage Ihnen nichts für Blanche auf; ich darf es nicht bevor dies vorüber ist; warten Sie, bis sie Ihr glückliches Weib geworden ist Und geben Sie ihr dann einen Kuß. und sagen, »er kommt von Anne.« Verzeihen Sie mir, wenn Sie konnten, lieber Mr. Brinkworth, ich habe Alles gesagt.

Ihre dankbare
Anne Sylvester.

Sir Patkick legte den Brief mit wahrer Achtung für die Schreiberin nieder; etwas von dem persönlichen Einfluß, den Anne mehr oder weniger auf alle Männer, mit denen sie in Berührung trat, übte, schien sich auch dem alten Advocaten durch das Medium ihres Briefes mitgetheilt zu haben; seine Gedanken wandten sich in einer kaum begreiflichen Weise von der ernsten und drängenden Frage der Stellung seiner Nichte ab, einer Region rein speculativer Fragen in Betreff Anne’s zu.

»Welche thörichte Verblendung hat dieses edle Geschöpf in die Hände eines Menschen wie Geoffrey Delamayn gegeben?« fragte sich Sir Patrick.

Die Meisten von uns haben wohl schon einmal in ihrem Leben einer ähnlichen Frage, wie sie jetzt Sir Patrick außer Fassung brachte, rathlos gegenüber gestanden. Die Erfahrung lehrt uns täglich, daß Frauen sich an ihrer unwürdige Männer wegwerfen, und daß Männer sich Hals über Kopf für ihrer unwürdige Weiber in’s Verderben stürzen. Wir haben das Institut der Ehescheidung neuerdings auch bei uns in England und zwar hauptsächlich deshalb eingeführt, um beiden Geschlechtern die Möglichkeit zu gewähren, die fortwährend so leichtsinnig unter ihnen eingegangenen Verbindungen wieder zu lösen, und doch sind wir bei jedem neuen Beispiel einer solchen leichtsinnigen Verbindung auf’s Neue erstaunt, zu finden, daß der Mann und das Weib sich nicht aus vernünftigen und wohlerwogenen Gründen mit einander für’s Leben verbunden haben. Fragt die besonnensten unter Anne Silvester’s Schwestern, welche vernünftigen Rechtfertigungsgründe sie für die Wahl des Mannes, dem sie Herz und Hand schenkten, hatten, und ihr werdet an diese besonnensten Frauen eine Frage richten, die sie sich niemals selbst vorgelegt haben. Ja noch mehr, befragt Eure eigene Erfahrung und gesteht offen: Konntet Ihr Eure eigene vortreffliche Wahl zu der Zeit da Ihr sie trafet, rechtfertigen? Hättet Ihr Eure Gründe, in dem Augenblick, wo Ihr Euch zuerst gestandet, daß Ihr ihn liebtet, zu Papier bringen können und würden die Gründe, wenn Ihr es gethan hättet, eine strenge Kritik ausgehalten haben?

Sir Patrick sah sich vergebens nach einer genügenden Antwort auf seine Frage um. Auch lag ihm die Beschäftigung mit einer nothwendigeren und unmittelbar practischen Angelegenheit näher. Die Interessen seiner Nichte standen auf dem Spiel. Vor allen Dingen mußte er sich bei dem Pfarrer entschuldigen lassen, damit er den Abend frei behielt, um ungestört überlegen zu können, welche Schritte er Arnold rathen solle, zunächst zu thun.

Nachdem er seinem Piquet-Partner einige Zeilen der Entschuldigung geschrieben hatte, in denen er Familienangelegenheiten als Grund seiner Absage angab, klingelte Sir Patrick.

Der treue, Duncan erschien und sah auf der Stelle an dem Gesicht seines Herrn daß etwas vorgefallen sei.

»Schicke Jemand mit diesem Billet nach dem Pfarrhause«, sagte Sir Patrick, ich kann heute nicht bei dem Pfarrer essen, Du mußt mir ein Hammelkotelett machen lassen.«

»Um Vergebung, Sir Patrick, ist es unbescheiden zu fragen, ob Sie schlimme Nachrichten erhalten haben?«

»Die denkbar schlechtesten Nachrichten, Duncan, Ich kann Dir jetzt nichts Näheres darüber sagen. Bleib’ so nahe, daß Du die Glocke hören kannst, inzwischen aber laß Niemanden mich unterbrechen, selbst den Verwalter würde ich jetzt nicht sprechen können.«

Nachdem er sich die Sache sorgfältig überlegt hatte gelangte Sir Patrick zu der Ueberzeugung, daß es hier keine Wahl gebe, sondern daß er Arnold und Blanche auf der Stelle nach England zurückkommen lassen müsse. Es war von der dringendsten Nothwendigkeit, Arnold über die kleinsten Details in Betreff jedes Umstandes seines Zusammenseins mit Anne Silvester im Gasthof zu Craig-Fernie Gasthof zu befragen. Zu gleicher Zeit schien es um Blanche’s Willen wünschenswerth, sie augenblicklich wenigstens über das, was geschehen war, im Dunkeln zu lassen. Sir Patrick war um einen Ausweg zur Ueberwindung dieser Schwierigkeit nicht verlegen. Er sandte dass folgende Telegramm an Arnold: »Ihren Brief mit Einlagen erhalten, kehren Sie sobald wie möglich nach Ham Farm zurück, halten Sie die Sache noch vor Blanche geheim, sagen Sie als Grund Ihrer Rückkehr, daß die verlorne Spur Anne Silvester’s wieder aufgefunden sei und daß vielleicht Gründe vorhanden seien, die es wünschenswerth machten, daß Sie nach England zurückkehren, bevor irgend etwas Weiteres in der Sache vorgenommen werde.«

Nachdem Duncan mit diesem Telegramm nach der Station abgeschickt worden war, ging Sir Patrick daran sich auszurechnen, bis wann er Arnold frühestens zurückerwarten könne. Arnold erhielt aller Wahrscheinlichkeit nach das Telegramm am nächsten Tage, den siebenzehnten September, in Baden. Drei Tage später konnte er mit Blanche in Ham Farm zurück sein. Diese Frist konnte Sir Patrick dazu benutzen, sich in aller Ruhe zu überlegen, wie er sich der beunruhigenden Sachlage gegenüber zu verhalten haben würde.

Am neunzehnten September erhielt Sir Patrick ein Telegramm des Inhalts, daß er das junge Paar am zwanzigsten spät Abends erwarten könne. Denselben Abend vernahm man das Rollen eines Wagens und Sir Patrick hörte, als er die Thür seines Zimmers öffnete, befreundete Stimmen in der Vorhalle.

»Nun!« rief Blanche, sobald sie seiner ansichtig wurde, ihm entgegen, »ist Anne gefunden?«

»Noch nicht, liebes Kind?«

»Sind Nachrichten von ihr da?«

»Ja!«

»Komme ich früh genug, um Etwas zu nützen?«

»Vollkommen früh genug, Du sollst morgen Alles hören. Geh’ auf Dein Zimmer, lege Deine Reisekleider ab und komm’ so bald wie möglich zum Abendessen hinunter.«

Blanche küßte ihn und ging auf ihr Zimmer.

Die Ehe hatte ihr, wie es ihrem Onkel nach der kurzen Begegnung schien, sehr gut gethan. Ihr Wesen hatte etwas Ruhiges und Festes bekommen und ihr Blick und ihre Haltung waren von einer Grazie, die Sir Patrick früher nicht an ihr gefunden hatte. Arnold seinerseits erschien in einem weniger vorteilhaften Lichte; er war unruhig und besorgt, sein Verhältniß zu Anne Silvester schien schwer auf ihm zu lasten. Sobald seine junge Frau den Rücken gekehrt hatte, wandte er sich flüsternd an Sir Patrick mit den Worten: »Ich wage es kaum, Sie nach dem zu fragen, was mir so schwer auf dem Herzen liegt, ich muß es tragen, wenn Sie mir zürnen sollten, Sir Patrick! Aber sagen Sie mir nur das Eine, giebt es einen Ausweg für uns, haben Sie darüber nachgedacht?«

»Ich bin heute Abend nicht in der Verfassung«, entgegnete Sir Patrick, »die Sache klar und ruhig zu besprechen. Lassen Sie es sich für jetzt genügen, wenn ich Ihnen sage, daß ich die Sache gründlich durchgedacht habe und warten Sie wegen alles Weiteren bis morgen.«

Noch andere in das sich jetzt abspielende Drama verwickelte Personen hatten in den letzten Tagen Veranlassung gehabt, über ihre Angelegenheiten ernstlich nachzudenken.

Zwischen dem siebenzehnten und zwanzigsten September hatte Geoffrey Delamayn Swanhaven-Lodge verlassen, um sich in sein neues Einübungs-Quartier in der Nähe von Fulham, wo der Wettlauf stattfinden sollte, zu begeben. Zu derselben Zeit hatte Capitän Newenden, der auf seiner Reise nach Süden durch London kam, die Gelegenheit benutzt seinen Advocaten zu consultiren. Der Zwecks dieser Consultation war, Mittel ausfindig zu machen, einem anonymen Briefschreiber in Schottland aus die Spur zu kommen, der Mrs. Glenarm durch seine Unverschämten Zuschriften ernstlich beunruhigt hatte.

So fanden sich allmälig die verschiedenen in unser Drama verwickelten Personen in oder bei der großen Stadt ein, in der sie bald Alle zum ersten und letzten Male einander von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen sollten.



Kapiteltrenner


Einundvierzigstes Kapitel - Der Ausweg

Das Frühstück war eben vorüber. Blanche, die einen angenehm müssigen Vormittag vor sich sah, schlug Arnold vor, mit ihr im Garten umherzuschlendern. Der Garten strahlte im hellen Sonnenschein und die junge Frau strahlte im Glanz der heitersten Laune. Sie begegnete dem Auge ihres Onkels als es bewundernd auf ihr ruhte, und erwiderte diese Huldigung mit den verbindlichen Worten:

»Du hast keine Vorstellung davon, lieber Onkel, wie schön es ist, wieder in Ham Farm zu sein.«

»So darf ich also für meine Unterbrechung Eures Honigmondes auf Verzeihung hoffen?« entgegnete Sir Patrick.

»Mehr als das,« antwortete Blanche, »wir sind Dir sehr dankbar dafür. Meine eigene Erfahrung,« fuhr sie mit der Miene einer schon mindestens zwanzig Jahre verheiratheten Matrone fort, »hat mich zu der Ueberzeugung geführt, daß ein auf dem Continent verlebter Honigmonat zu den nationalen Mißbräuchen gehört, die der Reform bedürfen. Wenn zwei Leute in einander verliebt sind —— und ich betrachte eine Ehe ohne Liebe als gar keine Ehe —— wozu bedürfen sie der aufregenden Betrachtung fremder Städte! Ist nicht die Betrachtung eines so neuen Gegenstandes, wie es ein Ehemann ist, aufregend und interessant genug für eine jung verheirathete Frau, und was ist für einen jungen Ehemann wie Arnold der interessanteste Gegenstand der gesammten Schöpfung? Die Alpen? —— Gewiß nicht! Der interessanteste Gegenstand ist seine Frau und die rechte Zeit für eine Hochzeitsreise wäre etwa zehn bis zwölf Jahre nach der Hochzeit, wenn man anfängt, nicht einander überdrüssig zu werden, davon kann ja keine Rede sein, sondern ——— ein bischen zu gut mit einander bekannt zu werden; dann ist die rechte Zeit für ein junges Ehepaar, nach der Schweiz zu reisen, und dann können vielleicht die Alpen einen Eindruck machen. Eine Reihe von Hochzeitsreisen im Herbst des ehelichen Lebens, das wäre mein Vorschlag zur Verbesserung des gegenwärtigen Zustandes. Komm mit mir in den Garten, Arnold, und laß uns berechnen, wie lange es noch dauern wird, bis wir einander überdrüssig werden und der Schönheit der Natur bedürfen, um uns die Langeweile zu vertreiben.«

Arnold warf Sir Patrick einen flehenden Blick zu. Noch war kein Wort in Betreff der ernsten Frage von Anne Silvester’s Brief zwischen ihnen gewechselt worden. Sir Patrick nahm es auf sich, Arnold bei Blanche zu entschuldigen. »Verzeihe mir, Blanche«, sagte er, »wenn ich Dich um Erlaubniß bitte, eine kleine Weile in Dein Monopol auf Arnold einzugreifen; ich habe ihm etwas über seinen Grundbesitz in Schottland mitzutheilen. Willst Du ihn mir überlassen, wenn ich Dir verspreche, ihn so bald wie möglich wieder loszulassen?«

Blanche lächelte gnädig. »Du sollst ihn so lange haben, wie Du willst. —— Da hast Du Deinen Hut«, fügte sie hinzu, indem sie ihn ihrem Manne zuwarf; »ich habe ihn Dir mitgebracht, als ich meinen holte, Du findest mich auf dem Rasen.« Sie nickte freundlich und ging hinaus.

»Lassen Sie mich gleich das Schlimmste hören«, fing Arnold an, sobald Blanche das Zimmer verlassen hatte. »Finden Sie die Sache bedenklich? Trifft mich nach Ihrer Ansicht ein Vorwurf?«

»Ich will Ihre letzte Frage zuerst beantworten. Ja, es trifft Sie nach meiner Ansicht ein Vorwurf, und zwar der, daß Sie es seiner Zeit übernahmen, als Geoffrey Delamayn’s Bote zu Miß Silvester in den Gasthof nach Craig-Fernie zu gehen. Nachdem Sie sich einmal in diese falsche Stellung gebracht hatten konnten Sie später kaum anders handeln, als Sie gethan haben. Niemand kann von Ihnen verlangen, daß Sie das schottische Recht kennen sollen, und als Ehrenmann waren Sie verpflichtet, ein Geheimniß zu bewahren, bei dem der Ruf einer Frau aus dem Spiele stand. Ihr erster und einziger Fehler in dieser Angelegenheit bestand darin, daß Sie sich mit einer Verantwortlichkeit beladen, die allein zu tragen einem andern Manne oblag.«

»Der Mann hat mir das Leben gerettet«, sagte Arnold entschuldigend, »und ich war in dem Glauben, daß ich meinem liebsten Freunde für diesen Dienst einen solchen Gegendienst schuldig sei.«

»Was Ihre andere Frage anlangt«, fuhr Sir Patrick fort, »ob ich Ihre Lage als eine bedenkliche betrachte, antworte ich: Ganz gewiß thue ich das. So lange wir nicht vollkommen sicher sind, daß Blanche nach Recht und Gesetz Ihre Frau ist, ist Ihre Lage mehr als bedenklich, sie ist unerträglich. Ich meinerseits bleibe bei der Ansicht, welche mir zu entlocken, Dank Ihrem ehrenwerthen Schweigen, dem Schurken Delamayn gelungen ist. Ich habe ihm gesagt, was ich jetzt Ihnen sage, daß ihre Worte und Handlungen in Craig-Fernie nach schottischem Recht keine Heirath begründen; aber«, fuhr Sir Patrick fort indem er seinen Finger warnend gegen Arnold erhob, »Sie haben es selbst in Miß Silvester’s Brief gelesen und können es sich jetzt auch als Ergebnis; meiner eigenen Erfahrung gesagt sein lassen, es giebt keine Ansicht eines Einzelnen in dieser Angelegenheit, auf die man sich unbedingt verlassen könnte. Von zweien von Miß Silvester in Glasgow consultirten Advocaten gelangte der eine zu einem meiner Ansicht gerade entgegengesetzten Schlusse, indem er erklärte, daß Miß Silvester und Sie verheirathet seien. Ich halte diese Ansicht für unrichtig aber in unserer Lage haben wir keine andere Wahl, als der von diesem Advokaten vertretenen Ansicht gerade in’s Gesicht zu sehen, mit andern Worten, wir müssen damit anfangen, uns auf das Schlimmste gefaßt zu machen.«

Arnold drückte den Reisehut, den Blanche ihm zugeworfen hatte, in nervöser Aufregung mit beiden Händen zusammen.

»Angenommen, das Schlimmste käme zum Schlimmsten«, fragte er, »was würde geschehen?«

Sir Patrick schüttelte den Kopf. »Die Frage ist nicht leicht zu beantworten ohne auf die juristische Seite der Sache einzugehen,« erwiderte er, »und ich würde Sie nur verwirrt machen, wenn ich das thäte; lassen Sie uns die Frage lieber von der gesellschaftlichen Seite aus betrachten, ich meine in ihren möglichen Wirkungen auf Sie und Blanche und Ihre ungebornen Kinder.«

Arnold drückte den Hut noch krampfhafter zusammen.

»An die Kinder habe ich noch gar nicht gedacht,« sagte er betroffen.

»Nichtsdestoweniger können die Kinder kommen«, bemerkte Sir Patrick trocken. »Nun hören Sie, Sie haben vielleicht daran gedacht, daß der einfachste Ausweg aus unserm gegenwärtigen Dilemma für Sie und Miß Silvester darin bestehen würde, beiderseits das zu bestätigen was, wie wir wissen, die Wahrheit ist, nämlich daß Sie Beide niemals die entfernteste Absicht hatten, einander zu heirathen; aber hüten Sie sich wohl, irgend eine Hoffnung auf ein solches Mittel zu gründen. Wenn Sie darauf rechnen, so rechnen Sie ohne Geoffrey Delamayn. Vergessen Sie nicht, daß er dabei interessirt ist, den Beweis zu erbringen, daß Sie und Miß Silvester Mann und Weib sind. Es können sich Umstände ereignen —— ich will mich nicht dabei aufhalten, sie näher anzugeben —— welche eine dritte Person in den Stand setzen könnten, die Wirthin und den Kellner in Craig-Fernie als Zeugen gegen Sie auftreten zu lassen und zu behaupten, daß Ihre Erklärung sowohl wie die Miß Silvester’s, das Ergebniß eines Einverständnisses zwischen Ihnen Beiden sei. Erschrecken Sie nicht, so etwas ist mehr als einmal vorgekommen; Miß Silvester ist arm und Blanche ist reich, Sie können in die peinliche Lage kommen, als ein Mann hingestellt zu werden, der seine Verheirathung mit einer armen Person verleugnet, um eine reiche Erbin zu heirathen, wobei es wahrscheinlich würde gemacht werden können, daß Miß Silvester sich durch zwei starke Motive bewogen fände, Sie beide in diesem Betrug zu unterstützen, das Motiv eines Anspruchs auf die Ehe mit einem reichen Manne und das Motiv einer durch den Verzicht ihres Anspruchs auf Sie zu erwirkenden Geldentschädigung.

Das ist ein Fall, wie ein Schurke ihn vor Gericht und zwar mit einigem Schein von Wahrheit wohl construiren könnte.«

»Das würden die Gerichte doch wohl nicht zulassen!«

»Die Gerichte lassen sich in Discussion über Alles und mit Jedem ein, welcher die Advocaten für die Aufwendung der erforderlichen Zeit und Mühe bezahlt. Lassen wir diese Seite der Sache jetzt auf sich beruhen. Delamayn kann, wenn er will, ohne Hilfe eines Advocaten Alles in Gang bringen; er braucht es nur zu veranstalten, daß das Gerücht, welches öffentlich behauptet, daß Blanche nicht Ihre gesetzmäßige Frau sei, dieser zu Ohren komme. Glauben Sie, daß sie bei ihrem Temperament uns auch nur einen Augenblick Zeit lassen würde, die Sache aufzuklären? Lassen Sie uns die Angelegenheit aber jetzt von einer andern Seite betrachten. Angenommen, Sie dürften sich dem beruhigenden Gedanken hingeben, daß für den Augenblick Niemandem aus der Sache Ungelegenheiten erwachsen würden, wie können wir wissen, ob sie nicht einmal in Zukunft und zwar unter Umständen wieder auftauchen könnte, Welche die Legitimität Ihrer Kinder zweifelhaft erscheinen lassen würden? Wir haben es mit einem geradezu als skandalös zu bezeichnenden Zustand der Unsicherheit der Gesetze, wir haben es ferner mit einem Manne, der vor nichts zurückschreckt, und wir haben es endlich in Bishopriggs und Mrs. Inchbare mit zwei Leuten zu thun, welche bezeugen können und werden, was zwischen Ihnen und Miß Silvester im Gasthof zu Craig-Fernie vorgefallen ist. Um Blanche’s willen und um Ihrer ungebornen Kinder willen müssen wir der Sache auf der Stelle zu Leibe gehen und sie ein für alle Mal aus der Welt schaffen. Die uns zunächst vorliegende Frage ist: wollen wir die Verhandlungen damit eröffnen, daß wir uns mit Miß Silvester in Verbindung setzen?«

Bei diesem wichtigen Punkte der Unterhaltung wurden sie durch das Wiedererscheinen Blanche’s unterbrochen. Hatte sie zufällig etwas von dem, was gesprochen wurde, gehört?,Nein, es hatte mit dieser Unterbrechung dieselbe Bewandtniß wie mit den meisten derartigen Störungen. Der Müssigang, der an nichts denkt, war gekommen, den Fleiß, dem Alles obliegt, zu stören. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, daß Leute die nichts in der Welt zu thun haben, es nicht ertragen können, ihre Nebenmenschen ununterbrochen beschäftigt zu sehen. Blanche producirte ein neues Exemplar aus Arnold’s Sammlung von Hüten, »Ich habe mir im Garten die Sache durch den Kopf gehen lassen«, sagte sie ganz ernsthaft, »Du siehst in dem braunen Hut mit hohem Kopf, den ich Dir hier bringe, ungleich besser aus, als in dem weißen mit niedrigem Kopf; ich bin nur gekommen die Hüte zu wechseln, weiter nichts.« Sie tauschte den Hut mit dem, den Arnold in der Hand hielt, aus und fuhr, ohne eine Ahnung davon zu haben wie sehr sie störe, fort: »setze den braunen Hut auf wenn Du hinauskommst und komm bald, lieber Arnold. Nun bleibe ich keinen Augenblick länger hier, lieber Onkel, ich möchte Euch um Alles in der Welt nicht unterbrechen.« Sie warf Sir Patrick eine Kußhand zu, lächelte ihrem Manne zu und ging wieder hinaus.

»Wovon sprachen wir zuletzt«, fragte Arnold. »Es ist fatal auf diese Weise unterbrochen zu werden, nicht wahr?«

»Wenn ich mich im mindesten auf weibliche Naturen verstehe«, erwiderte Sir Patrick ruhig, »so wird Ihre Frau den ganzen Morgen auf diese Weise ein- und ausgehen. In höchstens zehn Minuten wird sie nach meiner Ueberzeugung ihre Ansicht in Betreff der ernsten und schwierigen Frage des weißen und braunen Hutes wieder geändert haben. Diese kleinen, sonst allerliebsten Unterbrechungen veranlassen mich doch zu einer ernsten Erwägung. Ich frage mich, würde es nicht klüger sein, wenn wir die Noth zur Tugend machten und Blanche in unser Vertrauen zogen? Was meinen Sie, wenn wir sie zurückriefen und ihr die Wahrheit sagten!«

Arnold fuhr zusammen und wechselte die Farbe. »Das hat doch seine großen Bedenken«, sagte er.

»Mein lieber Freund, bei jedem Schritt auf der Bahn dieser Angelegenheit werden Sie auf große Schwierigkeiten stoßen, früher oder später muß Ihre Frau wissen, was vorgefallen ist. Den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen, ist natürlich Ihre Sache, nicht meine. Ich möchte ihnen nur anheimgeben, ob es Ihnen nicht besser anstehen würde, die Eröffnung aus freien Stücken zu machen, ehe Sie sich zu derselben gezwungen sehen.«

Arnold stand auf, ging im Zimmer auf und ab, setzte sich wieder nieder und sah Sir Patrick mit dem Ausdruck eines völlig rath- und fassungslosen Menschen an. »Ich weiß nicht, was ich thun soll«, sagte er, »die Sache geht über meine Kräfte; zu allem Uebrigen kommt noch, daß ich in Craig-Fernie gezwungen war, Blanche in einer Weise zu hintergehen, die ihr vielleicht als sehr gefühllos und unverzeihlich erscheinen wird.«

»Das klingt ja sonderbar, was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will versuchen, es Ihnen zu erzählen. Erinnern Sie sich, wie Sie nach dem Gasthof kamen, um Miß Silvester zu sprechen? Nun, da ja meine Anwesenheit dort ein Geheimniß bleiben sollte, war ich natürlich genöthigt, mich vor Ihnen zu verbergen.«

»Gewiß! Und als nachher Blanche kam, waren Sie genöthigt, sich vor Blanche zu verstecken, grade wie Sie sich vor mir versteckt hatten!«

»Noch schlimmer! Ein paar Tage später zog mich Blanche in’s Vertrauen; sie erzählte mir von ihrem Besuch im Gasthofe, als wenn mir die Umstände völlig unbekannt wären, sie sprach von dem unsichtbaren Mann der sich auf so sonderbare Weise versteckt habe, ohne die entfernteste Ahnung davon zu haben, daß ich dieser Mann gewesen sei, und ich konnte kein Wort sagen, um sie auf die rechte Spur zu bringen, ich mußte schweigen, wenn ich nicht Miß Silvester verrathen wollte. Was aber wird Blancbe von mir denken, wenn ich es ihr jetzt erzähle? Das ist die Frage.«

Kaum war Blanche’s Name über die Lippen ihres Mannes gekommen, als Blanche auch schon die Prophezeihung Sir Patricks wahr machte, indem sie wieder an der offenen Gartenthür mit dem verworfenen weißen Hut in der Hand erschien. »Seid Ihr noch nicht fertig?« rief sie, »es hut mir schrecklich leid, Euch wieder zu unterbrechen, Onkel, aber diese abscheulichen Hüte Arnold’s fangen an, mich zu plagen. Ich habe mir die Sache nochmals überlegt und da finde ich doch, daß der weiße Hut mit dem niedrigen Kopf ihm besser steht. Laß uns noch einmal wechseln, lieber Arnold Ja, ja, der braune Hut ist abscheulich. Da steht ein Bettler an der Thür, ehe ich mich von den Hüten unglücklich machen lasse, gebe ich dem Bettler den Hut und schaffe mir so die Sache vom Halse. Störe ich Euch sehr? Ich komme Euch gewiß ruhelos vor und ich bin auch wirklich ruhelos, ich weiß nicht, was mir diesen Morgen ist.«

»Ich kann es Dir sagen, liebes Kind«, sagte Sir Patrick in seinem feierlichsten und trockensten Tone, »Du leidest an einer Krankheit, die unter den jungen Damen der guten Gesellschaft sehr verbreitet ist; sie ist völlig unheilbar und heißt: Nichtsthun.«

Blanche machte ihrem Onkel einen kleinen Knix. »Du hättest Dich kürzer ausdrücken können und sagen daß ich Euch im Wege bin.« Sie drehte sich rasch um, stieß den in Ungnade gefallenen braunen Hut vor sich hin auf die Veranda und ließ die beiden Herren wieder allein.

»Ihre Stellung Ihrer Frau gegenüber«, nahm Sir Patrick ernsthaft wieder auf, »ist gewiß eine schwierige.« Er hielt inne; er mußte an den Abend denken, wo er und Blanche sich Mrs. Inchbare’s unbestimmte Schilderung von dem Manne im Gasthofe anschaulich gemacht hatten, indem sie Arnold selbst als einen der hundert unschuldigen Leute genannt hatten, der dieser Schilderung entspräche.

»Vielleicht« fügte er hinzu, »ist die Lage noch schwieriger, als Sie glauben; es würde leichter für Sie und in Blanches Augen ehrenwerther gewesen sein, wenn Sie das unvermeidliche Bekenntniß vor Ihrer Hochzeit gemacht hätten. Ich bin bis zu einem gewissen Punkte dafür, daß sie das nicht gethan haben, sowie für das viel ernstere Dilemma, in welchem Sie sich jetzt Miß Silvester gegenüber befinden, verantwortlich. Wenn ich nicht unschuldiger weise Ihre Heirath mit Blanche beschleunigt hätte, würde Miß Silvester’s vortrefflicher Brief uns vollkommen zeitig genug erreicht haben, um dem Schlimmsten vorzubeugen. Es nützt nichts, dabei jetzt noch länger zu verweilen. Seien Sie getrost Arnold, es ist meine Pflicht, Ihnen einen Ausweg aus diesem Labyrinth zu zeigen, was für Schwierigkeiten auch dabei zu überwinden sein mögen und mit Gottes Hülfe wird es mir gelingen.« Er deutete bei diesen Worten auf einen am andern Ende des Zimmers stehenden Tisch, auf welchem Schreibmaterial lag. »Ich liebe es nicht, mich unmittelbar nach dem Frühstück zu bewegen, wir wollen nicht in die Bibliothek gehen; bringen Sie mir Dinte, Feder und Papier hierher.«

»Wollen Sie an Miß Silvester schreiben?«

»Das ist eine Frage, über die wir uns noch erst einigen müssen. Vorher aber muß ich mich ganz genau über Alles, was sich zwischen Ihnen und Miß Silvester im Gasthof zu Craig-Fernie zugetragen hat, unterrichten und zu diesem Zweck ein förmliches Verhör mit Ihnen vornehmen, als ob Sie mir bei einer gerichtlichen Verhandlung als Zeuge gegenüberstanden.«

Nach dieser Einleitung begann Sir Patrick, den Brief Arnold’s aus Baden in der Hand haltend, sein Verhör.

Arnold beantwortete die an ihn gestellten Fragen der Reihe nach, ruhig und nach bestem Wissen und Gewissen.

Das Verhör nahm seinen ungestörten Fortgang, bis es zu dem Moment gelangte, in welchem Anne Geoffrey Delamayn’s Brief in ihrer Hand zerknittert und entrüstet in die andere Ecke des Zimmers geworfen hatte.

Hier zum ersten Mal tauchte Sir Patrick seine Feder ein, augenscheinlich, um eine Notiz zu machen.

»Seien Sie ja genau«, sagte er, »ich muß Alles wissen, was Sie über den Brief sagen können.«

»Der Brief ist verloren«, sagte Arnold.

»Der Brief ist von Bishopriggs gestohlen!« erwiderte Sir Patrick, »und ist noch augenblicklich in Bishopriggs Händen.«

»Da wissen Sie mehr vom dem Brief als ich«, entgegnete Arnold.

»Das will ich nicht hoffen, ich weiß nicht, was in dem Briefe gestanden hat; wissen Sie es?«

»Ja, wenigstens theilweise!«

»Theilweise?«

»Es waren auf demselben Blatt Papier zwei Briefe geschrieben«, entgegnete Arnold, »einer von Geoffrey Delamayn und das ist der, von dem ich etwas weiß.«

Sir Patrick stutzte, sein Gesicht erheiterte sich und er machte rasch eine kurze Notiz. »Fahren Sie fort«, sagte er eifrig. »Wie kommt es, daß die Briefe auf demselben Blatt Papier geschrieben waren? Erklären Sie mir das!«

Arnold erklärte, daß Geoffrey in Ermangelung eines anderen Papiers seine Entschuldigung an Anne auf die letzte weiße Seite eines Briefes geschrieben habe, den er von Anne erhalten hatte.

»Haben Sie den Brief gelesen?« fragte Sir Patrick.

»Ich hätte ihn lesen können, wenn ich gewollt hätte!«

»Und Sie haben ihn nicht gelesen?«

»Nein«

»Und warum nicht?«

»Aus Delicatesse.«

Selbst Sir Patricks wohlgezogenes Temperament war solcher Zumuthung nicht völlig gewachsen. »Das ist der deplacirteste Act der Delicatesse, der mir je vorgekommen ist«, rief der alte Herr hitzig aus. Aber es nutzt nichts, darüber jetzt noch zu klagen, wenigstens werden Sie doch Delamayn’s Antwort aus Miß Silvester? Brief gelesen haben?«

»Ja, das habe ich.«

»Wiederholen Sie mir den Wortlaut, so gut Sie sich desselben nach so langer Zeit noch erinnern können.«

»Es war sehr kurz«, entgegnete Arnold, »es ist da kaum etwas zu wiederholen. Soviel ich mich erinnere, schrieb Geoffrey, er sei durch die Krankheit seines Vaters genöthigt nach London zu reisen und Miß Silvester möge bleiben, wo sie sei. Im Uebrigen verwies er sie auf mich als aus seinen Abgesandten; das ist Alles, dessen ich mich jetzt noch entsinne.«

»Plagen Sie Ihr Gedächtniß noch. ein wenig, lieber Freund, es ist von der höchsten Wichtigkeit für uns, den Inhalt des Briefes so genau wie möglich zu kennen. Hat Geoffrey in dem Briefe keine Anspielung auf sein Versprechen gemacht, Miß Silvester in Craig-Fernie zu heirathen; hat er nicht versucht, sie durch irgend eine Entschuldigung zu beschwichtigen?«

Arnold mühete sich ab, sich zu besinnen. »Ja«, antwortete er, »Geoffrey hat etwas von gewissenhafter Erfüllung seines Versprechens oder etwas der Art gesagt.«

»Sind Sie dessen gewiß?«

»Ganz gewiß!«

Sir Patrick machte eine weitere Notiz und fragte dann: »War der Brief unterzeichnet?«

»Ja.«

»Und datirt?«

»Ja«

Nach diesen drei bejahenden Antworten strengte Arnold sein Gedächtniß nochmals an. »Warten Sie einen Augenblick, ich erinnere mich noch eines Umstandes; der Brief war nicht nur datirt, sondern auch die Tageszeit war darin angegeben.«

»Wie kam das?«

»Ich rieth Geoffrey dazu. Der Brief war so kurz, daß ich mich schämte, ihn so abzugeben, ich rieth ihm daher, die Tageszeit anzugeben, um Miß Silvester dadurch zu beweisen, wie eilig er sei. Er schrieb die Abgangszeit des Zuges und ich glaube auch die Tageszeit, zu der er den Brief schrieb.«

»Und Sie haben diesen Brief an Miß Silvester im Gasthofe abgegeben, sobald Sie sie sahen?«

»Jawohl.«

Sir Patrick machte eine dritte Notiz und schob das Papier dann höchst befriedigt bei Seite. »Ich hatte immer die Idee, daß dieser verlorne Brief ein wichtiges Document sein müsse«, sagte er, »sonst hätte Bishopriggs ihn nicht gestohlen; wir müssen uns um jeden Preis in den Besitz desselben setzen. Das erste, was wir zu thun haben, ist, glaube ich, an den Glasgower Advocaten zu schreiben und den gegenwärtigen Aufenthalt Miß Silvester’s ausfindig zu machen.«

»Wartet einen Augenblick«, rief eine Stimme von der Veranda her, »vergeßt nicht, daß ich von Baden hergekommen bin, Euch zu helfen.«

Sir Patrick und Arnold sahen Beide auf. Dieses Mal hatte Blanche die letzten zwischen ihnen gewechselten Worte gehört. Sie setzte sich neben Sir Patrick an den Tisch und legte ihre Hand liebkosend auf seine Schulter. »Du hast ganz Recht, Onkel»sagte sie, »ich leide diesen Morgen an der Krankheit des Nichtsthuns. Solltest Du an Anne schreiben wollen, thue es nicht, laß mich statt Deiner schreiben.«

Sir Patrick weigerte sich, ihr die Feder abzutreten. »Die Person«, sagte er, »welche die Adresse Miß Silvester’s kennt, ist ein Advocat in Glasgow, ich schreibe an den Advocaten; wenn er uns mitgetheilt haben wird, wo sie ist, dann, liebe Blanche, wird die Zeit gekommen sein, von Deinen guten Diensten Gebrauch zu machen, um Dir Deine Freundin wieder zu gewinnen.« Er zog das Schreibmaterial noch einmal zu sich heran und begann, indem er Arnold’s Verhör für den Augenblick sistirte, seinen Brief an Mr. Crum.

Blanche bat dringend um eine Beschäftigung. »Kann mir denn Niemand etwas zu thun geben?« fragte sie. »Glasgow ist so weit weg und warten ist so langweilig. Arnold, sitz’ nicht so da und starre mich an, kannst Du denn gar nichts vorschlagen?«

Dieses Mal hatte Arnold ganz unerwarteter Weise eine Abhülfe für Blanches Leiden bei der Hand. »Wenn Du durchaus schreiben willst«, sagte er, »Du bist ja Lady Lundie einen Brief schuldig; vor drei Tagen hast Du einen langen Brief von ihr gehabt und hast noch nicht geantwortet.«

Sir Patrick hielt inne und blickte rasch von seinem Schreibpult auf. »Lady Lundie?« murmelte er fragend.

»Ja«, erwiderte Blanche, »Du hast ganz recht, ich bin ihr einen Brief schuldig und natürlich muß ich ihr sagen, daß wir wieder in England sind. Sie wird nicht wenig aufgebracht sein, wenn sie den Grund unserer Rückkehr erfährt.« Die Aussicht, Lady Lundie in Aufregung zu bringen, schien Blanche’s schlummernde Energie zu wecken. Sie nahm ein Blatt von dem Briefpapier ihres Onkels und fing auf der Stelle an, an Lady Lundie zu schreiben.

Sir Patrick vollendete seinen Brief an den Advokaten, nachdem er Blanche einen Blick zugeworfen hatte, der nichts weniger als Zufriedenheit mit ihrer augenblicklichen Beschäftigung ausdrückte. Als er dann seinen Brief geschlossen und in den Postbeutel gesteckt hatte, gab er Arnold einen Wink, ihm in den Garten zu folgen. Sie gingen zusammen hinaus und ließen Blanche, in den Brief an ihre Stiefmutter vertieft, allein zurück.

»Thut meine Frau da etwas Unrechtes?« fragte Arnold, dem der Blick, welchen Sir Patrick Blanche zugeworfen hatte, nicht entgangen war.

»Ihre Frau ist da beschäftigt, so rasch wie ihre kleinen Finger nur von der Stelle wollen, Unheil anzurichten«

Arnold starrte ihn an. »Sie muß aber doch Lady Lundie’s Brief beantworten«, bemerkte er.

»Unstreitig!«

»Und muß doch Lady Lundie sagen, daß wir in England sind?«

»Auch das bestreite ich nicht!«

»Was haben Sie denn gegen ihr Schreiben?«

Sir Patrick nahm eine Prise und deutete mit seinem elfenbeinernen Stock auf die Biene, die geschäftig im Sonnenschein des Herbstmorgens die Blumenbeete umsummte. »Ich will Ihnen sagen, was ich dagegen habe«, sagte er. »Nehmen Sie an, Blanche erklärte einem zudringlichen Insect, daß der Honig in diesen Blumen durch einen Zufall ganz plötzlich sein Ende erreicht habe. Glauben Sie, daß das Insect dieser Angabe Glauben schenken würde? Nein, es würde sich kopfüber in die nächste Blume stürzen und selbst nachforschen.«

»Nun»?« fragte Arnold.

»Da sitzt Blanche im Frühstückszimmer und erzählt Lady Lundie, daß die Hochzeitsreise in Folge eines unerwarteten Umstandes ihr Ende erreicht hat. Glauben Sie, daß Lady Lundie die Person ist, dieser Angabe Glauben zu schenken? Durchaus nicht! Lady Lundie wird, wie die Biene, sich nicht davon abbringen lassen, selbst nachzuforschen Wie die Sache enden wird, wenn sie die Wahrheit entdeckt und welche Verwickelungen sie noch in eine Angelegenheit bringen kann, die, Gott weiß es, schon verwickelt genug ist, das überlasse ich Ihrer eigenen Phantasie sich auszumalen meine schwache Seherkraft reicht nicht aus, es vorher zu sagen.«

Noch ehe Arnold eine Antwort geben konnte, trat Blanche aus dem Frühstückszimmer wieder zu ihnen. »Ich bin fertig«, sagte sie, »es war ein unangenehmer Brief und ich bin froh, ihn geschrieben zu haben.«

»Du bist fertig mit dem Brief«, bemerkte Sir Patrick, »und das mag Dir angenehm sein, die Sache ist aber damit noch keineswegs zu Ende ——«

»Was meinst Du damit?«

»Ich glaube, Blanche, daß wir mit umgehender Post von Deiner Stiefmutter hören werden.«



Kapiteltrenner


Zweiundvierzigstes Kapitel - Nachrichten aus Glasgow

Nachdem die Briefe an Lady Lundie und an Mr. Crum am Montag expedirt waren, konnte man die Antworten mit der Post am Mittwoch Nachmittag in Ham-Farm erwarten. Inzwischen hielten Sir Patrick und Arnold mehr als eine geheime Conferenz in Betreff der delicaten und schwierigen Frage, ob man Blanche über das Vorgefallene aufklären wolle oder nicht. Der weise ältere Mann redete und der unerfahrene junge Mann hörte zu.

»Ueberlegen Sie sich die Sache«, sagte Sir Patrick, »ich rathe dazu«, und Arnold überlegte sich die Sache und befolgte Sir Patrick’s Rath nicht.

Mögen Alle, welche ihn dafür zu tadeln geneigt sind, sich erinnern, daß er erst seit vierzehn Tagen verheirathet war. Es ist gewiß hart für einen jungen Ehemanm der erst seit so kurzer Zeit im Besitz seiner Frau ist, vor sie als ein Missethäter hintreten und sich selbst eingestehen zu müssen, daß das allzu freigiebige Schicksal ihm neben der angebeteten Frau noch einen Racheengel in den Kauf gegeben habe.«

Am Mittwoch Nachmittag waren alle drei zu Hause und sahen nach dem Postboten aus. Unter den erwarteten Briefen befand sich, ganz wie Sir Patrick es vorausgesehen hatte, ein Brief von Lady Lundie. In Betreff der viel interessanteren von Glasgow erwarteten Nachrichten war nichts eingetroffen. Der Advocat hatte auf Sir Patricks Anfrage nicht mit umgehender Post geantwortet.

»Ist das ein schlechtes Zeichen?« fragte Blanche.

»Es ist nur ein Zeichen, daß etwas vorgefallen ist«, erwiderte ihr Onkel. »Vielleicht erwartet Mr. Crnm noch irgend eine specielle Auskunft, ehe er mir antwortet. Wir müssen also auf die morgende Post hoffen, liebes Kind!«

»Inzwischen öffne doch einmal Lady Lundie’s Brief,« bemerkte Blanche, bist Du gewiß, daß er für Dich und nicht für mich ist?«

Darüber konnte kein Zweifel bestehen, der Brief von Lady Lundie war ominöser Weise an Lady Lundie’s Schwager adressirt.

»Ich weiß, was das zu bedeuten hat«, sagte Blanche, indem sie ihren Onkel, während er den Brief las, scharf mit den Augen fixirte, »Wenn man Anne’s Namen erwähnt, insultirt man meine Stiefmutter; ich habe mich nicht genirt, den Namen zu nennen und folglich ist Lady Lundie von mir tödtlich beleidigt.«

Voreiliges Urtheil der Jugend. Eine Dame, die bei einem Familienereigniß eine würdige Haltung annimmt, ist niemals tödlich beleidigt, sie ist nur tiefbetrübt.

Lady Lundie nahm in dieser Sache eine würdige Haltung an. »Ich weiß recht gut«, schrieb diese höchst achtungswerthe und recht christliche Frau, »daß ich von Anfang an von der Familie meines theuren verstorbenen Gatten als ein Eindringling betrachtet worden bin, aber ich war doch kaum darauf gefaßt, mich von dem Vertrauen der Familie in einem Augenblick ausgeschlossen zu finden, wo es nur zu offenbar ist, daß eine ernste häusliche Katastrophe stattgefunden hat. Ich wünsche durchaus nicht, lieber Sir Patrick, mich aufzudrängen; da ich es jedoch völlig unvereinbar mit der gebührenden Achtung gegen meine eigene Stellung finde, nach dem was vorgefallen ist, mit Blanche zu correspondiren, so wende ich mich an das Haupt der Familie lediglich im Interesse der Schicklichkeit. Erlauben Sie mir, Sie zu fragen, ob Sie es unter Umständen, welche ernst genug,erscheinen, um meine Stieftochter und ihren Gatten von ihrer Hochzeitsreise zurückzurufen, angemessen finden, die Wittwe des verstorbenen Sir Thomas Lundie über die Gründe dieser Rückkehr vollständig im Dunkeln zu halten. Bitte, überlegen Sie sich das wohl, durchaus nicht aus Rücksicht für mich, sondern aus Rücksicht für Ihre eigene Stellung in der Gesellschaft. Neugierde ist, wie Sie wohl wissen, meiner Natur völlig fremd, aber wenn dieser fürchterliche Scandal gleichviel welcher Natur er sein mag, bekannt wird, —— und bekannt wird er, lieber Sir Patrick, unfehlbar werden —— was wird die Welt davon denken, wenn sie nach Lady Lundie’s Ansicht fragt und hören muß, daß Lady Lundie nichts davon gewußt hat. Wie auch Ihre Entscheidung ausfallen möge, ich werde mich nicht davon beleidigt fühlen; ich werde vielleicht verletzt sein, aber darauf kommt ja nichts an. Der kleine Kreis meiner Pflichten wird mich immer eifrig, immer heiter finden, und selbst wenn Sie mich von der Familie ausschließen sollten, werden meine Wünsche doch nichtsdestoweniger ihren Weg nach Ham-Farm finden. Und eine einsame Wittwe wird, füge ich auf die Gefahr hin, ein sarkastisches Lächeln bei Ihnen zu erregen, hinzu, für das Wohlergehen Aller beten.«

«Nun?« fragte Blanche.

Sir Patrick faltete den Brief zusammen und steckte ihn in seine Tasche. »Deine Stiefmutter spricht die besten Wünsche für Dich aus, liebes Kind.« Bei diesen Worten machte er eine anmuthige Verbeugung vor seiner Nichte und ging zum Zimmer hinaus.

»Ob ich es angemessen finde, wiederholte er, nachdem er die Thür hinter sich geschlossen hatte, »die Wittwe des verstorbenen Sir Thomas Lundie im Dunkeln zu lassen? Wenn eine Dame ein wenig gereizt ist, so halte ich es nicht nur für schicklich, sondern für höchst wünschenswerth, dieser Dame das letzte Wort zu lassen.« Er ging in seine Bibliothek und steckte die Strafpredigt seiner Schwägerin in einen Kasten mit der, Aufschrift »Unbeantwortete Briefe.« Nachdem er sich derselben in dieser Weise entledigt hatte, brummte er seine kleine schottische Lieblingsmelodie vor sich hin, setzte seinen Hut ans und ging wieder in den Garten, um sich zu sonnen.

Inzwischen war Blanche keineswegs völlig befriedigt von Sir Patrick’s Antwort; sie wandte sich an ihren Gatten. »Da ist etwas nicht in Ordnung«, sagte sie, »und Onkel verbirgt es vor mir.«

Arnold hätte sich keine bessere Gelegenheit wünschen können, als die, welche sich ihm in diesen Worten darbot, um Blanche die noch immer verschobene Eröffnung der Wahrheit zu machen. Er sah Blanche in die Augen, aber ein unglückliches Verhängniß ließ sie gerade an diesem Morgen besonders reizend erscheinen. Wie würde sie aussehen werden, wenn er die Geschichte von seinem Versteck im Gasthofe erzählte. Arnold war noch sterblich verliebt in sie und Arnold schwieg.

Die Post des nächsten Tages brachte nicht nur den erwarteten Brief von Mr. Crum, sondern gleichzeitig eine unerwartete Glasgower Zeitung. Dieses Mal hatte Blanche keine Ursache, sich darüber zu beklagen, daß ihr Onkel seine Correspondenz vor ihr geheim hielt. Nachdem er den Brief des Advocaten mit einem Interesse und einer Aufregung gelesen hatte, die deutlich zeigten, daß ihn der Inhalt überraschte, überreichte er den Brief Arnold und seiner Nichte. »Das sind schlimme Nachrichten«, sagte er, »wir müssen sie gemeinschaftlich tragen.«

Nachdem Mr. Crum sich zu dem Empfange des Auskunft erbittenden Briefes von Sir Patrick bekannt hatte, fing er an, Alles mitzutheilen, was ihm über Miß Silvester’s Bewegungen von der Zeit her, wo sie das »Schöpfen-Hotel« verlassen hatte, bekannt war. Ungefähr vor vierzehn Tagen hatte er einen Brief. von ihr erhalten, in welchem sie ihm mittheilte, daß sie einen passenden Aufenthaltsort auf einem Dorfe, in der Nähe von Glasgow gefunden habe. Da er sich lebhaft für Miß Silvester interessire, habe Mr. Crum, wie er schrieb, sie einige Tage später besucht und sich überzeugt, daß sie bei respectablen Leuten wohne und so comfortable eingerichtet sei, wie es die Umstände nur irgend erlaubten. Eine Woche lang habe er darauf nichts von der Danke gehört, dann aber wieder einen Brief von ihr erhalten in welchem sie ihm mittheilte, daß sie in der Glasgower Zeitung von demselben Tage etwas gelesen habe, was sie persönlich lebhaft interessire und was sie nöthigen werde, so rasch wie ihre Kräfte es erlaubten, nach Norden zu reisen. Später, wenn sie erst über ihre eigenen Bewegungen genauer unterrichtet sein werde wolle sie wieder schreiben und Mr. Crum wissen lassen, wohin er ihr, falls es nöthig werden sollte, schreiben könne, inzwischen wolle sie ihm nur für seine Güte danken und ihn bitten, Briefe und Botschaften, die etwa für sie eintreffen würden, in Empfang zu nehmen. Seit dem Empfang dieser Mittheilung habe Mr. Crum nichts weiter gehört, er habe die heutige Morgenpost in der Hoffnung abgewartet, daß er vielleicht im Stande sein werde, fernere Nachrichten mitzutheilen. Aber diese Hoffnung sei nicht in Erfüllung gegangen; er berichte nun Alles, was er selbst wisse, und lege ein Exemplar der Zeitung, auf welche Miß Silvester in ihrem Briefe Bezug nehme, für den möglichen Fall bei, daß eine genaue Prüfung derselben Sir Patrick möglicherweise zu ferneren Entdeckungen führen könne. Schließlich verpflichte er sich, wieder zu schreiben, sobald er irgend eine weitere Auskunft mitzutheilen haben werde.

Blanche griff nach der Zeitung und öffnete sie. »Laßt mich sehen«, sagte sie, »ich finde schneller als irgend Jemand, was Anne darin aufgefallen sein kann.«

Rasch ließ sie ihre Augen von Spalte zu Spalte und von Seite zu Seite über das Blatt schweifen, bis sie dasselbe endlich mit dem Ausdruck der Verzweiflung wieder in ihren Schooß sinken ließ.

»Nichts«, rief sie, »in dem ganzen Blatte nichts, wovon ich mir denken kann, daß es Anne interessirt haben könnte. Nichts, was irgend Jemand außer Lady Lundie interessiren könnte«, fuhr sie fort, indem sie die Zeitung ungeduldig minder. Hand von ihrem Schooße hinunterschob.

»Die Nachrichten von Swanhaven Lodge sind also wahr, Arnold, Geoffrey Delamayn heirathet Mrs. Glenarm.«

»Was!« rief Arnold, dem augenblicklich der Gedanke durch den Kopf fuhr, daß das die Nachricht sein müsse, die Anne in dem Blatte gelesen habe.

Sir Patrick warf ihm einen warnenden Blick zu und nahm die Zeitung vom Fußboden auf. »Es ist vielleicht ebenso gut«, sagte er, »daß auch ich dies Blatt einmal durchsehe, liebe Blache, und mich überzeuge, daß Dir nichts entgangen ist.«

Der Bericht, von dem Blanche eben gesprochen hatte, befand sich in einem »Nachrichten aus der vornehmen Welt« überschriebenen Artikel. »Wir können«, hieß es in dem Glasgower Blatt, »die eheliche Verbindung zwischen dem »ehrenwerthen« Geoffrey Delamayn und der liebenswürdigen und ausgezeichneten Wittwe des verstorbenen Mr. Mathew Glenarm, dem ehemaligen Miß Newenden, unsern Lesern als bevorstehend melden; die Hochzeit wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, noch vor Ende des Herbstes in Schottland gefeiert werden und das Hochzeitsfrühstück wird, wie man sich erzählt, eine große und elegante Gesellschaft in Swanhaven Lodge versammeln.«

Sir Patrick reichte Arnold die Zeitung schweigend hinüber. Für jeden, der Anne Silvester’s Geschichte kannte, mußte es klar sein, daß dies die Worte waren, die ihren verhängnißvollen Weg zu ihr, an den Ort ihrer stillen Zurückgezogenheit gefunden hatten. Der Schluß, der sich daraus ziehen ließ, schien kaum weniger klar. Ihre Reise nach dem Norden konnte nur einen Zweck haben. Das verlassene Weib hatte sich, mit dem letzten Rest seiner alten Energie gewaffnet, zu dem verzweifelten Entschluß aufgerafft, der Heirath Mrs. Glenarm’s Einhalt zu thun.

Blanche war die erste, welche das Schweigen brach. »Es ist doch, als ob ein Verhängniß über uns schwebte«, sagte sie, »Alles schlägt fehl, nichts als Enttäuschungen. Sollen Anne und ich uns denn nie wiedersehen?«

Sie sah ihren Onkel an.

Dieses Mal sprach sich in Sir Patricks Wesen nichts von der Heiterkeit aus, die er sonst dem Unglück gegenüber zu bewahren pflegte. »Sie hat«, sagte er, »versprochen, Mr. Crum zu schreiben, und Mr. Crum hat versprochen, uns, sobald er etwas von ihr hört davon zu benachrichtigen. So stehen die Sachen und wir müssen mit so viel Resignation wie möglich darein finden.«

Verdrießlich stand Blanche wieder auf und ging in’s Treibhaus. Als Sir Patrick mit Arnold wieder allein war, machte er keinen Hehl aus dem Eindruck, den Mr. Crum’s Brief auf ihn gemacht hatte.

»Wir dürfen uns darüber nicht täuschen«, sagte er, »daß die Dinge eine sehr ernste Wendung genommen haben. Alle meine Pläne und Berechnungen sind über den Haufen geworfen. Es ist unmöglich vorauszusehen, zu welchem neuen Unheil es führen kann, wenn diese beiden Frauen zusammentreffen, und welchen Akt der Verzweiflung Mr. Delamayn begehen wird, wenn er sich zum Aeußersten getrieben sieht. Wie die Dinge sich jetzt gestaltet haben, gestehe ich offen, nicht zu wissen, was wir thun sollen. Ein großer Presbyterianischer Gottesgelehrter«, sagte er in einem plötzlichen Anflug seiner ironischen Laune hinzu, »erklärte einmal in meiner Gegenwart die Erfindung der Buchdruckerkunst für ein Werk des Teufels. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich geneigt, ihm beizustimmen.«

Bei diesen Worten hatte er die Glasgower Zeitung, welche er vorhin bei Seite gelegt hatte, mechanisch wieder in die Hand genommen. »Was ist das!« rief er, als eine der ersten Zeilen, auf die sein Blick zufällig fiel, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. »Wieder Mrs. Glenarm? Wollen sie die Wittwe des Eisenwerksbesitzers zu einem öffentlichen Charakter machen?«

Wirklich stand der Name der Wittwe zum zweiten Mal gedruckt da und zwar dieses Mal in einem, dem Genre der chronique scandaleuse angehörenden Brief eines besonderen Correspondenten unter der Ueberschrift »Tagesbegebenheiten im Norden.«

Nachdem der Correspondent behaglich über die Aussichten der Jagdsaison, über die Pariser Moden, über den Unfall eines Touristen und über einen scandalösen Austritt in der schottischen Kirche geplaudert hatte, ging er zu der Erzählung eines interessanten Vorfalles über, der sich an eine Heirath in der vornehmen Welt knüpfte »Ungewöhnliches Anfsehen«, schrieb der Correspondent, »habe es in Perth und dessen Umgegend gemacht, daß eine distinguirte Dame der Gegenstand eines anonymen Erpressungs-Versuches geworden sei. Da ihr Name bereits in einer Zuschrift an die Gerichte öffentlich genannt worden sei, so könne es kein Bedenken haben, mitzutheilen, daß die fragliche Dame Mrs. Glenarm sei, auf deren bevorstehende eheliche Verbindung mit dem »ehrenwerthen« Geoffrey Delamayn bereits in einer anderen Spalte dieses Blattes hingewiesen worden ist. Mrs. Glenarm habe, wie es scheint, den Tag nach ihrer Ankunft in dem Hause einer Freundin, in der Nähe von Perth, einen anonymen Brief empfangen; der Brief habe die Warnung enthalten, daß ein ihr selbst vermuthlich unbekanntes Hinderniß ihrer mit Mr. Geoffrey Delamayn bevorstehenden Verbindung im Wege stehe. Dieser Herr, so habe der Brief seine Warnung begründet, habe bereits ein ernstes Verhältniß zu einer andern Dame, und diese Dame werde sich seiner Heirath mit Mrs. Glenarm, mit schriftlichen Veweisen der Berechtigung ihres Anspruchs ausgerüstet, widersetzen. Diese Beweise beständen in zwei, zwischen den Betreffenden gewechselten und von ihnen unterschriebenen Briefen und die Correspondenz stehe Mrs. Glenarm unter folgenden Bedingungen zur Verfügung: Erstens, daß sie einen hinreichend hohen Preis offerire, um den gegenwärtigen Besitzer der Briefe zu bewegen, sich von ihnen zu trennen. Zweitens, daß sie sich dazu verstehe, das Geld in einer Weise zu bezahlen, welche die betreffende Person davor sicher stelle, nicht mit den Gerichten in Conflict zu gerathen. Die Antwort auf diese beiden Vorschläge wurde in Gestalt einer Anzeige in dem Localblatt unter der Adresse! »An einen Freund im Verborgenen« erbeten. Gewisse Wendungen in diesem anonymen Schreiben und ein Paar orthographische Fehler, legten die Vermuthung nahe, daß dieses unverschämte Machwerk von einem Schotten niederen Standes herrührte. Mrs. Glenarm habe das Schreiben sofort ihrem nächsten Verwandten, Capitain Newenden gezeigt, und dieser habe den Rath eines Rechtsfreundes in Perth gesucht. Nach reiflicher Ueberlegung des Falles habe man beschlossen, die verlangte Antwortsanzeige zu erlassen, gleichzeitig aber Maßregeln ergriffen, dem Schreiber des Briefes eine Falle zu stellen, so daß es ihm nicht möglich werden würde, Nutzen aus seinem Erpressungsversuch zu ziehen. Die Schlauheit des »Freundes im Verborgenen, wer er auch sein möge, habe sich aber größer erwiesen, als die Klugheit der Advocaten; mit großem Geschick war er nicht nur dem ersten, sondern auch einem späteren Versuche, ihm eine Falle zu stellen, aus dem Wege gegangen. Mrs. Glenarm hatte darauf einen zweiten und auch noch einen dritten anonymen Brief, den einen noch unverschämter als den andern, erhalten, in welchen der Dame und den für sie thätigen Freunden die Versicherung gegeben wurde, daß sie nur ihre Zeit vergeudeten und den Preis für die Correspondenz unnöthig steigerten. Darauf habe sich Capitain Newenden an die städtischen Behörden gewandt und mit Genehmigung derselben eine Belohnung auf die Entdeckung des Schreibers ausgesetzt. Nachdem auch dieses Verfahren völlig erfolglos geblieben sei, habe, wie man hört, Capitain Newenden unter dem Beistande seiner englischen Advocaten, Vorkehrungen getroffen, die Sache den Händen eines erfahrenen Londoner Polizei-Agenten zu übergeben. Soweit sei, schrieb der Zeitungs-Correspondent, die Sache gediehen, er finde es nur noch erforderlich, hinzuzufügen, daß Mrs. Glenarm, um sich ferneren Unannehmlichkeiten zu entziehen, die Umgegend von Perth verlassen und sich unter den Schutz von Freunden in einen andern Theil der Grafschaft begeben habe.

Mr. Geoffrey Delamayn, dessen Ruf, wie grundloser Weise, fügte der Correspondent in einer Paranthese hinzu, brauche er wohl nicht zu bemerken, angegriffen worden sei, habe, wie man höre, mit dem Ausdruck einer unter den Umständen höchst natürlichen Entrüstung sein lebhaftes Bedauern darüber zu erkennen gegeben, daß er sich nicht in der Lage befinde, Capitain Newenden bei seinen Bemühungen, den anonymen Verläumder in die Hände der Gerechtigkeit zu liefern, behülflich zu sein. Der »ehrenwerthe« Herr sei, wie dem Publicum wohl bekannt, im Begriff, sich für sein bevorstehendes Erscheinen bei einem Wettlaufe scharf trainiren zu lassen und es werde für so wichtig erachtet, bei seiner gegenwärtigen verantwortlichen Stellung jede Gemüthsbewegung von ihm fernzuhalten, daß sein Trainer und seine Freunde es für wünschenswerth hielten, seine Entfernung nach Fulham zu beschleunigen, wo jetzt die Uebungen, durch welche er sich auf den Wettlauf vorbereite, an dem Orte des Wettlaufs selbst fortgesetzt würden.«

»Das Dunkel scheint immer dunkler zu werden,« sagte Arnold.

»Ganz im Gegentheil,« bemerkte Sir Patrick vergnügt, »das Dunkel klärt sich, Dank der Glasgower Zeitung, rasch auf. Miß Silvester ist nach Perth gegangen, um ihren Verlornen Brief wieder zu erlangen.«

»Glauben Sie«, fragte Arnold, indem er auf die Zeitung wies, »daß sie in dem hier erstatteten Bericht ihren verlorenen Brief wieder erkannt haben wird?«

»Gewiß, und noch mehr. Wenn mich nicht Alles trügt, so ist sich Miß Silvester über die Person des anonymen Verfassers der Drohbriefe völlig klar.«

»Wie sollte sie den errathen haben?«

»Sehr einfach; es muß ihr nachgerade, was sie auch früher gedacht haben mag, jetzt der Gedanke gekommen sein, daß der von ihr vermißte Brief nicht verloren, sondern gestohlen ist. Nun kann sie aber nur zwei Leute des Diebstahls für schuldig halten: Mrs. Inchbare oder Bishopriggs. Der Zeitungsartikel hier bezeichnet den Styl der anonymen Briefe als den eines Schotten von geringem Stande, weist also deutlich auf, Bishopriggs als Verfasser hin. Ist Ihnen das klar? Nun gut; nehmen Sie also an, daß Miß Silvester sich wieder in den Besitz des gestohlenen Briefes gesetzt hat, was wird sie aller Wahrscheinlichkeit nach dann thun? —— Sie müßte kein Weib sein, wenn sie sich nicht demnächst, mit ihren schriftlichen Beweisen ausgerüstet, auf den Weg zu Mrs. Glenarm machte. Was sie aber auch thun mag, ob sie uns nun, ohne sich dessen bewußt zu sein, in der Erreichung unseres Zweckes fördert oder hemmt, gleichviel, unser Verfahren ist uns in jedem Falle klar vorgezeichnet Unser Interesse, uns mit Miß Silvester in Verbindung zu setzen, bleibt dasselbe wie ehe wir die Glasgower Zeitung gelesen hatten. Ich schlage vor, daß wir aus den möglichen Fall hin, daß Mr. Crum inzwischen wieder schreibt, bis Sonntag warten; wenn wir bis dahin nichts von ihm hören, werde ich Montag Morgen nach Schottland reisen und sehen, ob ich nicht durch Mrs. Glenarms Vermittlung zu Miß Silvester gelangen kann.«

»Und ich soll hier bleiben?«

»Sie sollen hier bleiben. Jemand muß doch bei Blanche bleiben; muß ich Sie, nachdem sie erst vierzehn Tage verheirathet sind, daran erinnern?«

»Glauben Sie nicht, daß Mr. Crum vor Montag schreiben wird?«

»Es wäre das ein für uns so günstiger Umstand, daß ich es kaum zu hoffen wage.«

»Sie glauben nicht mehr an unser Glück, Sir Patrick!«

»Ich hasse solche Redensarten, lieber Arnold, aber ich muß bekennen, dieses Mal haben Sie mit Ihren Worten meine Stimmung so treffend characterisirt, daß ich mir Ihren Ausdruck schon gefallen lassen muß.«

Aber Arnold ließ sich durch diese Antwort nicht irre machen und sagte: »Für Jeden schlägt früher oder später die Stunde des Glücks und ich glaube fest, daß auch unser Glück noch einmal blühen wird. Wollen Sie wetten, Sir Patrick?«

»Ich wette nie. Das Weiten und die Wartung meiner Pferde überlasse ich meinem Stallknechte.« Mit dieser mürrischen Antwort schloß Sir Patrick für heute die Unterhaltung.

Die Stunden vergingen, und wieder traf zu rechter Zeit die Post ein und entschied zu Arnold’s Gunsten. Sir Patrick’s Mangel an Vertrauen auf die Gunst des Glücks wurde durch die Ankunft eines zweiten Briefes des Glasgower Advocaten, am nächsten Tage practisch widerlegt.

»Ich habe die Ehre, Ihnen mitzutheilen,« schrieb Mr. Crum, »daß ich, nachdem ich meinen Brief nach Ham Farm abgesandt hatte, mit der nächsten Post von Miß Silvester gehört habe. Sie schrieb mir kurz, daß sie sich entschlossen habe, ihren Aufenthalt demnächst in London zu nehmen. Der Grund, welchen sie für diesen Schritt an den sie, als ich sie zuletzt sah, offenbar noch nicht dachte, angiebt, ist die fast gänzliche Erschöpfung ihrer pecuniären Mittel. Sie schreibt weiter: Nachdem sie sich entschlossen habe, sich eine Existenz als Concertsängerin zu gründen, habe sie bereits Schritte gethan, ihr Interesse den Händen eines alten Freundes ihrer verstorbenen Mutter, einem seit lange in London etablirten Concertunternehmer, der selbst früher Musiker von Profession gewesen zu sein scheint und ihr als vertrauenswürdig und respectabel bekannt sei, anzuvertrauen. Ich füge Namen und Adresse dieses Mannes, die sie mir für den Fall aufgiebt, daß ich Veranlassung haben sollte, ihr vor ihrer Niederlassung in London zu schreiben, auf einliegendem Zettel bei. Das ist der wesentliche Inhalt ihres Briefes. Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß derselbe nicht die leiseste Andeutung über den Grund ihrer plötzlichen Abreise von Glasgow enthält.«

Sir Patrick war zufällig allein, als er Crum’s Brief öffnete. Das Erste was er that, nachdem er ihn gelesen hatte, war, daß er den Fahr-Plan der Eisenbahn, welcher in der Vorhalle hing, zu Rathe zog. Nachdem er das gethan hatte, kehrte er in die Bibliothek zurück, schrieb ein kurzes Billet, mit der Bitte um Auskunft, an den Concertunternehmer in London und klingelte. »Miß Silvester wird in London erwartet, Duncan, ich brauche einen discreten Menschen, um mich mit ihr in Verbindung zu setzen.«

Duncan verneigte sich. Sir Patrick übergab ihm das Billet und sagte: »Wenn Du Dich gleich auf den Weg machst, so kannst Du den Zug noch erreichen, begieb Dich sofort nach Deiner Ankunft in London, nach der auf der Adresse dieses Billets angegebenen Wohnung und frage nach Miß Silvester. Wenn sie schon dort ist, richte ihr meine Empfehlung aus und sage ihr, ich würde die Ehre haben, sie in der Angelegenheit des Mr. Brinkworth zu einer von ihr beliebig zu bestimmenden Zeit zu besuchen. Wenn Du Deinen Auftrag rasch ausrichtest, kannst Du noch mit dem letzten Zuge wieder herkommen. Sind Mr. Brinkworth und seine Frau schon von ihrer Spazierfahrt zurück?«

»Nein, Sir Patrick!«

Die Zeit bis zur Rückkehr von Arnold und Blanche benutzte Sir Patrick dazu, Mr. Crum’s Brief zum zweiten Mal anzusehen. Er glaubte nicht recht daran, daß die angebliche Erschöpfung ihrer Geldmittel der wahre Grund von Anne’s Reise nach London sei. Er erinnerte sich, daß Geoffrey sich mit seinem Trainer nach dem in unmittelbarer Nähe von London gelegenen Fulham begeben habe, und fürchtete daher, Anne möge durch einen ernsten Streit mit Mrs. Glenarm zu dem Entschlusse gebracht worden sein, sich direct an Geoffrey zu wenden. In diesem Falle wollte Sir Patrick Miß Silvester seinen Rath und seine Hilfe unbedenklich zur Verfügung stellen. Mit der Geltendmachung ihres Anspruchs gegen den Anspruch Mrs. Glenarm’s stellte sie sich zugleich als unverheirathet hin und diente damit Blanche’s Interessen nicht minder als ihren eigenen. »Ich bin es Blanche schuldig, Anne Silvester zu helfen«, dachte Sir Patrick; »und bin es mir selbst schuldig, Geoffrey Delamayn, wo möglich, einen Tag der Vergeltung zu bereiten.«

Das: Bellen der Hunde im Hof kündigte die Rückkehr des Wagens an. Sir Pakrick ging hinaus, um Arnold und Blanche an der Pforte zu empfangen und ihnen die empfangene Nachricht mitzutheilen.

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Pünktlich wie immer, erschien der discrete Duncan in dem Augenblick, wo er zurückerwartet wurde, mit einem Billet des Concertunternehmers ans London, in welchem derselbe meldete: Miß Silvester sei noch nicht in London eingetroffen, werde aber spätestens am Dienstag der kommenden Woche erwartet. Der Agent habe bereits Weisung von ihr erhalten, jedem ihm etwa von Sir Patrick Lundie zugehenden Auftrag auf das Genaueste auszurichten. Er werde Sorge tragen, daß Sir Patricks Botschaft Miß Silvester unmittelbar nach ihrer Ankunft mitgetheilt werde. Hier war also endlich eine Nachricht, auf die man sich verlassen konnte! Hier eröffnete sich eine Aussicht, Anne wiederzusehen! Blanche strahlte vor Glück. Arnold war zum ersten Mal seit seiner Rückkehr von Baden in bester Laune.

Sir Patrick gab sich große Mühe, sich von der Heiterkeit seiner jungen Freunde anstecken zu lassen, aber diese Bemühung erwies sich zu seinem eigenen Erstaunen als völlig fruchtlos. Trotz der entschieden günstigen Wendung der Dinge und obgleich er der Nothwendigkeit einer in ihrem Erfolge zweifelhaften Reise nach Schottland überhoben und seiner Zusammenkunft mit Anne in wenigen Tagen gewiß war, konnte Sir Patrick gleichwohl den ganzen Abend eine gewisse Niedergeschlagenheit nicht los werden.

»Sie glauben noch immer nicht an unser Glück!« rief Arnold, als er die letzte Partie mit Sir Patrick beendigt hatte und ihm Gute Nacht sagte. »Bessere Aussichten, als sie sich uns für die nächste Woche eröffnen, könnten wir uns doch wahrhaftig nicht wünschen! Wie?«

Sir Patrick legte seine Hand auf Arnold’s Schulter und sagte in seiner komisch, ernsten Weise: »Lassen Sie uns das demüthigende Schauspiel der Thorheit eines alten Mannes mit Nachsicht betrachten. Mir ist zu Muth, als möchte ich Alles, was ich auf der Welt besitze, darum geben, die nächste Woche glücklich überstanden zu haben.«

»Aber, warum denn?«

»Das ist ja eben die Thorheit, lieber Arnold, ich kann Ihnen nicht sagen, warum. Trotz so vieler Gründe, in besserer Laune zu sein als gewöhnlich, kann ich mich einer unvernünftigen, aber unüberwindlichen Mißstimmung nicht erwehren. Woher kommt das? Liegt meiner Stimmung vielleicht unbewußt eine böse Ahnung zu Grunde? Oder beruhet sie nur auf einer vorübergehenden Indisposition meiner Leber? Das»ist die Frage, aber wer soll sie entscheiden? Was ist doch der Mensch für ein elendes Geschöpf, Arnold! Geben Sie mir mein Licht und lassen Sie uns hoffen —— daß meine Leber allein für meine Stimmung verantwortlich sei.«



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