Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib
 

Mann und Weib



Fünfter Band.

Fulham

Neunundvierzigstes Kapitel - Der Wettlauf

Ein einsamer Fremder, welcher sich in London umhertrieb, kam auf seinen Wanderungen am Tage des Wettlaufs nach Fulham.

Allmählich fand er sich von dem Strom eines Gedränges leidenschaftlich aufgeregter Menschen umgeben, welche Alle einem und demselben Ziele zueilten, und Alle gleichmäßig mit Abzeichen verschiedener Farben, rosa oder gelb, geschmückt waren. Er ließ sich auf dem Fußwege von dem Strome der Fußgänger weiter treiben, während auf dem Fahrwege ein Wagen sich an den anderen reihte, bis sie alle vor einer Pforte anhielten, an einen dort sitzenden Mann Eintrittsgeld bezahlten, und sich dann in einen großen freien Raum ergossen.

Hier angelangt, blickte der Fremde mit Staunen auf die Scene, die sich seinen Augen darbot. Er sah Tausende von Leuten versammelt, die fast ausschließlich den mittleren und höheren Klassen der Gesellschaft angehörten. Sie saßen und standen um einen großen, offenen Raum herum, theils auf hölzernen Sitzen, die sich amphitheatralisch erhoben, theils auf den Verdecken von abgespannten in Reihen aufgestellten Wagen. Aus der Mitte dieser Versammlung erhob sich ein solcher Lärm durcheinanderwogender Stimmen, wie ihn der Fremde noch nie von irgend einer versammelten Menge in diesem Lande gehört hatte. So weit er von diesem Geschrei etwas verstehen konnte, bestand dasselbe hauptsächlich aus einer immer wiederkehrenden Frage, deren erster Theil in den Worten bestand, »Wer wettet auf ——?« und deren Schluß regelmäßig einer von zwei Namen bildete, die für ausländische Ohren beide gleich unverständlich waren. Als der Fremde dieses merkwürdigen Schauspiels ansichtig wurde, und diese aufgeregten Rufe vernahm, wandte er sich an einen dienstthuenden Polizeibeamten, und fragte denselben in seinem besten Englisch! »Bitte sagen Sie mir, was hat dies Alles zu bedeuten?«

Der Polizeibeamte antwortete: »Norden gegen Süden.«

Der Fremde hatte zwar eine Auskunft, die ihn aber nicht befriedigte. Er deutete auf die versammelte Menge und fragte: »Warum?«

Der Polizeibeamte hielt es unter seiner Würde, seine Worte an einen Mann zu verschwenden, der eine solche Frage thun konnte. Er erhob seinen großen rothen Zeigefinger, mit einem breiten, weißen Nagel an der Spitze, und deutete mit feierlichem Ernst auf einen an der Mauer hinter ihm klebenden gedruckten Anschlagezettel. Der Fremde schlenderte nach dem Anschlagezettel hin.

Nachdem er denselben aufmerksam von Anfang bis zu Ende durchlesen hatte, wandte er sich fragend an einen neben ihm stehenden höflichen Herrn, der sich viel mittheilsamer erwies als der Polizeibeamte. Was unser Freund, der als ein Ausländer keine Vorstellung von der ungeheuren nationalen Wichtigkeit athletischer Wettkämpfe hatte, aus der ihm hier gewordenen Auskunft entnahm, war etwa Folgendes:

Die Farbe des Nordens ist Rosa; die Farbe des Südens ist Gelb. Der Norden stellt vierzehn rosa Männer und der Süden stellt dreizehn gelbe Männer. Das Zusammentreffen von Rosa und Gelb ist eine Festlichkeit. Diese Festlichkeit hat ihren Grund in einer unbezwinglichen nationalen Leidenschaft, Arme und Beine dadurch zu stählen, daß man mit den ersteren Hammer und Criketbälle wirft, und daß man mit den letzteren läuft und springt. Der Zweck der Festlichkeit besteht darin, diese gestählten Glieder in öffentlichen Wettkämpfen zu erproben. Die Folgen dieser Wettkämpfe sind physisch eine um den Preis einer ungeheuren Anstrengung des Herzens und der Lungen erkaufte, außerordentliche Entwickelung der Muskeln; moralisch Ruhm, der im Augenblick des Sieges in dem öffentlichen Applaus seinen ersten Ausdruck und am nächsten Tage in den Zeitungsberichten seine Bestätigung findet. Wer es sich einfallen läßt, mit diesen körperlichen Uebungen für Diejenigen, welche sich ihrer befleißigen, irgend ein körperliches Uebel verknüpft zu sehen oder in den Wettspielen selbst eine moralische Beeinträchtigung jener civilisirenden Einflüsse zu erblicken, von welchen die wahre Größe aller Nationen abhängt —— der ist ein völlig unbegreiflicher, mit seiner Meinung durchaus vereinzelt dastehender Mensch.

Der Fremde mischte sich unter die versammelte Menge und sah sich das sociale Schauspiel, dass sich seinen Blicken darbot, etwas genauer an.

Er hatte dieselben Menschen schon bei anderen Gelegenheiten gesehen, zum Beispiel im Theater, und hatte dort ihre Sitten und Gebräuche mit Staunen und Ueberraschung beobachtet. So oft der Vorhang fiel, zeigten sie ein so geringes Interesse an dem, was sie eben auf der Bühne gesehen hatten, daß sie sich während der Zwischenacte laut mit einander unterhielten.

Bei offener Scene aber nahmen sie das dargestellte Stück, wenn es an die höheren und edleren Regungen des menschlichen Gemüths appellirte, gelangweilt oder mit höhnischen Bemerkungen auf. Nach der vorherrschenden Anschauung dieser Landsleute Shakespeare’s hatte der dramatische Schriftsteller nur zwei Pflichten, sie lachen zu machen und sich so kurz wie möglich zu fassen. Die beiden größten Verdienste eines Bühnenbesitzers in England bestanden, nach dem seltenen Applaus der gebildeten Besucher seines Theaters zu urtheilen, darin, sehr viel Geld für seine Decorationen auszugeben und möglichst viele Balletttänzerinnen zu engagiren.

Und nicht blos im Theater, sondern auch an anderen öffentlichen Orten und in anderen Versammlungen hatte der Fremde, so oft er an das Denkvermögen und an das Herz der eleganten englischen Gesellschaft appellirt, dieselbe stumpfe Apathie und dieselbe stupide Geringschätzung beobachtet. Auf allen Mienen las man deutlich: der Himmel bewahre uns davor an irgend etwas Anderem Vergnügen zu finden, als an groben Scherzen und Scandal, und vor irgend etwas Anderem Respect zu haben, als vor Rang und Geld.

Hier war das Alles anders. Hier zeigte sich das starke Gefühl, das athemlose Interesse, der echte Enthusiasmus, den man anderswo vergebens suchte. Hier standen die stolzen Herren, die es nicht der Mühe Werth fanden den Mund aufzuthun, wenn es sich um einen Kunstgenuß handelte und schrieen sich in unausgesetzten Ausbrüchen fanatischen Beifalls heiser. Hier saßen die zarten Damen, die schon bei der Idee nachdenken und empfinden zu müssen, hinter ihren Fächern gähnten, und wehten, unter ihrer Schminke vor Aufregung erröthend, begeistert mit ihren Schnupftüchern.

Der Fremde betrachtete dieses Schauspiel und suchte sich die Bedeutung desselben, nach den ihm als Bewohner eines civilisirten Landes geläufigen Gesichtspunkten, klar zu machen.

Er war noch mit diesem Versuch beschäftigt, als etwas Neues seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Einige Hürden, welche dazu gedient hatten, den gegenwärtigen, befriedigenden Zustand der Ausbildung der Springkunst unter den höheren Klassen der Gesellschaft, vorzuführen, wurden fortgenommen. Die privilegirten Personen, welche bestimmte Pflichten in dem freien Raum zu erfüllen hatten, sahen sich in demselben um und verschwanden dann einer nach dem andern. Athemlos gespannte Erwartung durchdrang die ganze Versammlung. Offenbar sollte jetzt etwas besonders Interessantes und Wichtiges an die Reihe kommen.

Plötzlich wurde das Schweigen durch ein Hurrahgeschrei des auf der Landstraße außerhalb der Rennbahn stehenden Pöbels unterbrochen. Die Leute sahen sich einander mit aufgeregten Blicken an und riefen »Einer von Ihnen ist da.«

Wieder trat ein allgemeines Schweigen ein, das abermals durch Beifallsgeschrei unterbrochen wurde. Die Leute nickten einander mit dem Ausdruck der Erlösung zu und riefen: »Jetzt sind sie Beide da.« Und dann trat wieder das Schweigen der gespannten Erwartung ein, und alle Augen wandten sich einem bestimmten Punkte des freien Raumes zu an welchem sich ein kleiner hölzerner Pavillon befand, vor dessen offenen Fenster die Jalousien herab gelassen waren und dessen Thür geschlossen war.

Die athemlose Stille der großen Menschenmenge um ihn her machte einen tiefen Eindruck auf den Fremden. Er fing an, ohne selbst zu wissen warum, an dem Vorgange einen lebhaften Antheil zu nehmen. Er fühlte, daß er im Begriff stehe, das englische Volk zu verstehen.

In diesem Augenblick wurde offenbar eine sehr feierlich ernste Ceremonie vorbereitet. Sollte wohl ein großer Redner sich anschicken, das Wort an die versammelte Menge zu richten, oder wollte man die Gedenkfeier eines ruhmwürdigen Ereignisses begehen, oder endlich sollte hier ein Gottesdienst abgehalten werden?

Der Fremde blickte abermals umher, ob er sich nicht irgendwo die gewünschte Auskunft verschaffen könne. Zwei Herren, die in ihrer Erscheinung in Rücksicht auf seine Manieren von den meisten der anwesenden Zuschauer vorteilhaft abstachen, bahnten sich eben in diesem Augenblick, da wo der Fremde stand, langsam einen Weg durch die Menge hindurch. Er fragte dieselben mit respectvoller Höflichkeit, welcher Art die Nationalfeier sei, die eben vorbereitet würde.

Er erhielt die Auskunft, daß ein Paar starker, junger Männer im Begriff stehe, eine gewisse Anzahl von Bahen um den freien Raum herumzulaufen, und zwar zu dem Zweck, um festzustellen, wer von Beiden am schnellsten laufen könne.

Der Fremde erhob Hände und Augen zum Himmel und rief: »O, Du weise Vorsehung! Wer hätte es für möglich gehalten, daß auf Deiner Welt auch Geschöpfe wie diese wandeln?!«

Mit diesem Ausruf wandte er der Rennbahn den Rücken und ging von dannen.

Auf seinem Heimwege wollte der Fremde sich seines Taschentuchs bedienen und gewahrte, daß es fort sei. Er fühlte dann nach seiner Börse und fand, daß auch sie verschwunden sei. Als er wieder in sein Vaterland zurückgekehrt war, wurden wißbegierige Fragen über England an ihn gerichtet. Er hatte nur eine Antwort auf alle diese Fragen: »Die ganze Nation ist mir ein Räthsel. Von allen Engländern sind mir nur die englischen Diebe ganz verständlich.«

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Inzwischen erreichten die beiden Herren, die sich eben ihren Weg durch die Menge gebahnt hatten, eine kleine Thür in der Umzäunung, welche den freien Raum umgab.

Nachdem sie dem bei der Thür aufgestellten Polizeiofficianten eine schriftliche Ordre vorgezeigt hatten, wurde ihnen sofort der Zutritt zu dem geweihten Raum gestattet. Die dicht gedrängten Zuschauer betrachteten sie mit einem aus Neid und Neugierde gemischten Gefühl, und fragten sich, wer sie wohl seien. Waren es Schiedsrichter, die bei dem bevorstehenden Rennen zu fungiren hatten, oder waren es Zeitungsberichterstatter oder Polizeibeamte? Sie waren nichts von alledem. Es waren einfach der uns bereits bekannte Arzt, Mr. Speedwell und Sir Patrick Lundie.

Die beiden Herren gingen nach der Mitte des freien Raumes und sahen sich von hier aus um.

Um den Rasen, auf welchem sie standen, zog sich ein breiter, glatter mit fein gesiebtem Sande und Asche bedeckter Weg und um diesen Weg wieder zog sich das Gehege, um welches sich die Zuschauer schaarten. An den beiden Enden dieses Raumes erhoben sich an der einen Seite die Amphitheater mit ihren Reihen gedrängt voller Bänke, und an den andern Seiten die langen Reihen von Wagen mit Zuschauern von innen und außen. Die Abendsonne schien hell, Licht und Schatten lagen in großen Massen nebeneinander, die bunten Farben der mannigfaltigen Gegenstände bildeten ein harmonisches Ganze. Es war ein glänzender und erfrischender Anblick.

Sir Patrick wandte sich von den Reihen der ihn umgebenden aufgeregten Menge wieder seinem Freunde mit der Frage zu:

»Glauben Sie, daß sich in dieser ungeheuren Menge ein einziger Mensch befindet, den ein ähnlicher Zweifel bewegt, wie der, welcher uns hergeführt hat?«

Mr. Speedwell schüttelte den Kopf.

»Kein einziger von all diesen Zuschauern weiß oder bekümmert sich darum, was dieser Wettkampf die Leute, die ihn unternehmen, kosten kann.«

Sir Patrick blickte wieder umher. »Ich wünschte fast, ich wäre nicht hergekommen,« sagte er. »Wenn dieser elende Mensch ——«

Der Arzt unterbrach ihn mit den Worten: »Lassen Sie Ihre Gedanken nicht unnöthiger Weise bei der trüben Aussicht verweilen, Sir Patrick. —— Die Ansicht die ich mir gebildet habe, entbehrt bis jetzt einer positiven Grundlage. Meine Vermuthungen sind nach meiner Ueberzeugung richtig, gleichwohl fehlt es ihnen an den nöthigen Anhaltspunkten. Der Anschein kann mich getäuscht haben. In dem Organismus Delamayn’s können noch Lebenskräfte schlummern, von denen ich keine Ahnung habe. Ich bin hergekommen, um zu lernen, nicht, um die Erfüllung einer Weissagung zu erleben. Ich weiß, daß seine Gesundheit erschüttert ist, und ich glaube, daß er bei diesem Wettlauf sein Leben riskirt. Halten Sie sich jedoch des Ereignisses nicht für zu gewiß, der Ausgang kann mir Unrecht geben.«

Für den Augenblick ließ Sir Patrick den Gegenstand fallen, er war nicht in seiner gewöhnlichen Laune.

Seit seine Unterhaltung mit Anne ihm die Gewißheit verschafft hatte, daß sie Geoffrey’s legitimes Weib sei, hatte sich ihm die Ueberzeugung aufgedrängt, daß die einzig mögliche Chanee einer glücklichen Zukunft für sie in Geoffrey’s Tod lag. Entsetzlich wie ihm der Gedanke war, hatte ihn derselbe, er mochte dagegen ankämpfen, wie er wolle, überallhin verfolgt. Er ließ seine Blicke über den breiten, mit Asche bestreuten Weg, auf welchem der Wettlauf vor sich gehen sollte, mit dem Bewußtsein schweifen, daß er ein geheimes Interesse an dem Ausgang des Wettlaufs habe, welches unaussprechlich schwer auf ihm lastete. Er versuchte es, die Unterhaltung mit seinem Freunde wieder aufzunehmen und dieselbe auf andere Gegenstände zu lenken. Aber es war eine vergebliche Mühe. Gegen seinen Willen kam er auf den verhängnißvollen Ausgang des bevorstehenden Wettlaufs zurück.

»Wie viele Male«, fragte er, »miissen sie um diesen Raum herum laufen, bevor der Wettlauf zu Ende ist?«

Mr. Speedwell wandte sich an einen Herrn, der in diesem Augenblick auf sie zukam. »Da kommt Jemand«, sagte er, »der uns das sagen kann.«

»Kennen Sie ihn?«

»Er ist mein Patient.«

»Wer ist er?«

»Nach den zwei Läufern die wichtigste Person auf der Rennbahn. Er ist die höchste Autorität, der Schiedsrichter bei dem Wettrennen.«

Der so bezeichnete Herr war ein Mann von mittleren Jahren, mit einem vorzeitig gefurchten Gesicht, mit vorzeitig ergrautem Haar und mit militärischem Anstande, von kuapper Rede und raschen Bewegungen.«

»Der zu durchlaufende Raum«, erwiderte er auf die von Mr. Speedwell an ihn gerichtete Frage, »mißt vierhundert und vierzig Yards oder eine Viertel englische Meile. Jedes Mal herum heißt ein »Lap.« Die Renner müssen sechszehn Laps laufen, um den Wettlauf zu gewinnen. Kurz gesagt, sie müssen vier englische Meilen laufen, das längste Rennen, das bei Wettkämpfen dieser Art vorzukommen pflegt.«

»Läufer von Profession laufen noch länger, nicht wahr?«

»Bedeutend, bei gewissen Gelegenheiten.«

»Pflegen diese Leute lange zu leben?«

»O nein, sie werden selten alt.«

Mr. Speedwell sah Sir Patrick an. Jetzt richtete dieser eine Frage an den Schiedsrichter.

»Sie haben uns eben gesagt, daß die beiden jungen Männer, die sich heute an dem Wettlaufe betheiligen. die längste Strecke laufen werden, die sie jemals zu durchlaufen versucht haben. Sind die Leute, die sich auf solche Dinge verstehen, im Allgemeinen der Ansicht, daß beide junge Männer der ihnen zugemutheten Anstrengung gewachsen sind?«

»Urtheilen Sie selbst, da kommt der Eine.«

Er deutete nach dem Pavillon hin. In demselben Augenblick erscholl aus den Reihen der Zuschauer ein gewaltiges Händeklatschen. Fleetwood, der Kämpfer des Nordens, stieg, mit seinem rosa Abzeichen geschmückt, eben die Stufen des Pavillons herab und betrat dann die Arena.«

Jung, schlank und elegant, mit einer in jeder Bewegung der Glieder sich kundgebenden geschmeidigen Stärke, mit einem freundlichen Lächeln auf seinem entschlossenem jungen Gesicht gewann der Kämpfer des Nordens sofort bei seinem Erscheinen alle Frauenherzen. Ueberall hörte man die Frauen sich auf das Lebhafteste über ihn unterhalten. Die Männer waren weniger aufgeregt, namentlich die, welche sich auf die Sache verstanden. Für diese Sachverständigen erhob sich das sehr ernste Bedenken, ob Fleetwood nicht ein wenig zu fein gebaut sei. Daß er vorzüglich trainirt war, wurde bereitwilligst zugegeben, es fragte sich aber, ob er nicht für einen Lauf von vier englischen Meilen ein wenig zu stark trainirt sei.

Dem Helden des Nordens folgten in die Arena seine Freunde, diejenigen, die auf ihn gewettet hatten, und sein Trainer. Dieser letztere trug eine zinnerne Kanne. »Kaltes Wasser,« erklärte der Schiedsrichter. »Wenn er erschöpft niedersinkt, gießt ihm sein Trainer etwas Wasser in’s Gesicht und richtet ihn damit wieder auf.«

Ein neues Händeklatschen erscholl aus allen Reihen der Zuschauer. Delamayn, der Kämpfer des Südens präsentirte sich mit seinen gelben Farben geschmückt, den Blicken des Publikums.

Das Gesumme der zahllosen Stimmen wurde lauter und lauter, als er auf die Mitte des großen, grünen Platzes zuschritt. Was die Zuschauer für den Augenblick am meisten frappirte, war der außerordentliche Contrast, den die beiden jungen Männer bildeten. Geoffrey war mehr als einen Kopf größer als sein Gegner und in entsprechendem Verhältniß breiter. Die Frauen, welche von dem selbstgewissen Lächeln Fleetwood’s entzückt gewesen waren, fühlten sich Alle mehr oder weniger unangenehm berührt von der verdrossenen Haltung des riesigen Kämpfers des Südens, wie sie sich zeigte, als er langsam mit gesenktem Kopfe und zusammengezogenen Brauen, taub für den ihm gespendeten Beifall, unbekümmert um die auf ihn gerichteten Blicke, mit Niemandem redend, in sich selbst versenkt, seine Zeit abwartete, und an den Reihen der Zuschauer vorüberging. Für die Sachverständigen war seine Erscheinung ein Gegenstand des höchsten Interesses. In derselben fanden sie die Gewähr der Ausdauer, die auch während der letzten schrecklichen halben Meile des Wettrennens aushalten würde, während der flinke leichtfüßige Fleetwood gar nicht mehr weiter können würde. Man hatte sich zugeraunt, daß beim Trainiren Delamayn’s nicht Alles in Ordnung gewesen sei. Und jetzt wo Aller Augen selbst über ihn urtheilen konnten, rief seine Erscheinung doch von einigen Seiten kritische Bemerkungen hervor, die gerade das entgegengesetzte Extrem von dem betrafen, was man an seinem Gegner zu kritisiren gefunden hatte. Das Bedenken im Betreff Delamayn’s war, ob er hinreichend trainirt worden sei. Indessen übten doch seine solide Kraft, die langsame pantherartige Elasticität seiner Bewegungen, und vor Allem sein großer Ruf in der Welt der Muskeln und der Wettspiele ihre Wirkung. Die Wetten, welche, trotz gelegentlicher Schwankungen, doch bis jetzt überwiegend zu seinen Gunsten abgeschlossen waren, blieben auch jetzt, wo er sich dem Publikum präsentirte zu seinen Gunsten fest

»Fleetwoood mag meinetwegen für kürzere Distanzen gut sein aber für einen Lauf von vier englischen Meilen lobe ich mir Delamayn.«

»Glauben Sie, daß er uns sieht?« flüsterte Sir Patrick dem Arzt zu.

»Er sieht Niemanden.«

»Haben Sie aus dieser Entfernung ein Urtheil über seinen Gesundheitszustand?«

»Er ist noch einmal so muskelstark wie der Andere. Sein Rumpf und seine Glieder sind prachtvoll. Mehr aber kann ich über seine Verfassung nicht sagen. Wir sind zu entfernt, um seine Gesichtszüge deutlich erkennen zu können.«

Die durch das Erscheinen der Läufer hervorgerufene lebhafte Unterhaltung der Zuschauer ließ wieder nach, und schweigende Erwartung bemächtigte sich Aller. Einer nach dem Andern, stellten sich die verschiedenen, in officieller Eigenschaft bei dem Rennen fungirenden Personen auf dem Rasen auf, unter ihnen der Trainer Perry, mit seiner Wasserkanne in der Hand, in einer lebhaften, geflüsterten Unterhaltung mit seinem Zögling begriffen, dem er vor dem Beginn des Rennens noch seine letzten Rathschläge ertheilte. Der Arzt des Trainers ließ die Beiden stehen und trat auf Mr. Speedwell zu, um diesen berühmten Collegen respectvoll zu begrüßen.

»Wie ist es ihm gegangen, seit ich in Fulham war?« fragte Mr. Speedwell.

»Ganz vortrefflich, Herr College! Sie haben ihn gerade an einem seiner schlechten Tage gesehen. In den letzten achtundvierzig Stunden hat er wahre Wunder verrichtet.«

»Wird er das Rennen gewinnen?«

Im Geheimen hatte der Arzt dasselbe gethan, was Perry schon vor ihm zu thun für gut befunden, er hatte auch auf Geoffrey’s Gegner gewettet. Oeffentlich war er seinen Farben treu. Mit einem geringschätzigen Blick auf Fleetwood antwortete er, ohne sich einen Augenblick zu besinnen:

»Ja.«

In diesem Augenblick wurde die Unterhaltung durch eine plötzliche Bewegung indem eingehegten Raume unterbrochen. Die Läufer begaben sich eben nach dem für das Ablaufen bestimmten Platz. Der Augenblick des Wettlaufes war gekommen.



Kapiteltrenner


Fünfzigstes Kapitel - Verloren

Die beiden jungen Männer Delamayn und Fleetwood standen Schulter an Schulter da, jeder die markirte Stelle mit seinem Fuß berührend zum Ablaufen bereit. Ein Pistolenschuß war das Signal dazu. Im Moment des Knalles liefen sie ab.

Fleetwood war alsbald voraus, und Delamayn um zwei bis drei Yards hinter ihm. In dieser Weise liefen sie dreimal in die Runde, Beide ihre Kräfte aufsparend, und Beide mit athmloser Spannung von jedem Auge in der Versammlung beobachtet. Die Trainers liefen mit ihren Kannen in den Händen vorund rückwärts über den Rasen hin und her, um an gewissen Stellen ihre Zöglinge zu treffen und sie sich schweigend, genau anzusehen. Die officiellen Personen standen in einer Gruppe zusammen und verfolgten mit ihren Blicken jeden Schritt der Läufer mit dem gespanntesten Interesse. Der Arzt des Trainers der noch immer bei seinem berühmten Collegen stand, gab diesem und dessen Freunde alle nöthigen Erklärungen.

»Während der ersten Meile kann man außer der Haltung der beiden Leute nicht viel sehen.«

»Sie meinen sie gebrauchen absichtlich noch nicht ihre ganze Kraft.«

»Allerdings. Sie versuchen sich erst im Athemholen und im Aufsetzen der Füße. Ein charmanter Läufer der Fleetwood, nicht wahr? Er hält seine Beine ein klein wenig besser grade vor sich und hebt die Hacken nicht ganz so hoch wie unser Mann. Seine Art zu laufen ist die Bessere, das muß ich zugeben. Aber nun beachten Sie, wenn sie an uns vorbeikommen, wer von Beiden die gradeste Linie einhält. Darin ist Delamayn dem Andern überlegen. Er hat einen festeren, sichereren, zuverlässigeren Schritt, und Sie werden sehen, was das sagen will, wenn sie den halben Weg zurückgelegt haben werden.«

So erging sich der Arzt während der drei ersten Rundläufe in Erörterungen über die beiden verschiedenen Gangarten der Läufer —— und zwar in Ausdrücken, die er rücksichtsvoll dem Verständniß von Leuten anpaßte, die der eigentlichen Kunstsprache der Rennbahn nicht kundig waren.

Bei dem vierten Rundlauf, mit andern Worten, bei dem Rundlauf, der die erste Meile vollendete, trat die erste Veränderung in der Stellung der Läufer zu einander ein. Delamayn eilte plötzlich voran, Fleetwood lächelte, als ihn sein Gegner überholte. Delamayn behauptete den Vortritt bis zur Hälfte des fünften Rundlaufs, wo Fleetwood, auf einen Wink seines Trainers, sich wieder der Führung bemächtigte. Mit leichtem Schritt eilte er im Nu an Delamayn vorüber und behauptete die Führung bis an’s Ende des sechsten Rundlaufs.

Beim Beginn des siebenten Rundlaufs übernahm wieder Delamayn die Führung. Einige Augenblicke liefen sie dicht nebeneinander. Dann kam Delamayn wieder zollweise voran und übernahm abermals die Führung. Der erste Ausbruch des Beifalls aus der Mitte der Anhänger des Südens ertönte, als der riesige Läufer, Fleetwood mit seiner eigenen Taktik schlug und ihn in dem kritischen Moment, wo die erste Hälfte des Wettlaufs beinahe ihr Ende erreichte, überholte.

»Es hat beinahe den Anschein, als ob Delamayn wirklich das Rennen gewinnen würde!« beinerkte Sir Patrick.

Der Arzt des Trainer’s vergaß sich einen Augenblick. Von der wachsenden Aufregung der ganzen Versammlung angesteckt, verrieth er die Wahrheit.

»Warten Sie noch ein wenig« sagte er. »Fleetwood hat seine Ordre, ihn vorbeizulassen Fleetwood wartet seine Zeit ab.«

»Sie sehen, Sir Patrick,« bemerkte Mr. Speedwell ruhig, »daß Schlauheit eines der Elemente männlicher Wettkämpfe bildet.«

Am Schluß des siebenten Rundlaufs zeigte Fleetwood, daß der Arzt Recht hatte. Wie ein vom Bogen abgeschossener Pfeil schnellte er an Delamayn vorüber. Am Schluß des achten Rundlaufs war er um zwei Yards voraus; jetzt war das Rennen zur Hälfte vorüber. Die dazu gebrauchte Zeit betrug zehn Minuten und dreiunddreißig Secunden.

Gegen Ende des neunten Rundlaufs ließ Fleetwood wieder ein wenig nach und Delamayn gewann wieder einen Vorsprung. Er behauptete die Führung bis zum Beginn des elften Rundlaufs In diesem Augenblick aber lief Fleetwood plötzlich mit einer triumphirenden Bewegung der erhobenen Hand und dem Ausruf »Hurrah für den Norden!« an Delamayn vorüber. Die Zuschauer wiederholten den Ruf. In dem Grade, wie sich die Wirkung des Laufes auf die Renner geltend zu machen anfing, stieg die Aufregung unter den Zuschauern.

Bei dem zwölften Rundlauf war Fleewood um sechsd Yards voraus. Triumpgeschrei ertönte aus der Mitte der Anhänger des Nordens und wurde durch herausfordernde Rufe des Südens erwidert. Beim nächsten Rundlauf bot Delamayn Alles auf, seinem Gegner wieder näher zu kommen. Beim Beginn des vierzehnten Rundlaufs liefen sie wieder nebeneinander her. Noch einige Yards weiter, und Delamayn war, unter einem Beifallsturmes der ganzen Versammlung, wieder voran. Einige Yards weiter aber, und Fleetwood kam ihm wieder ganz nahe, eilte an ihm vorüber, blieb wieder zurück, kam wieder voran und wurde am Ende des Rundlaufs wieder von Delamayn überholt. Die Aufregung der Zuschauer erreichte ihren höchsten Gipfel, als die Renner, nach Athem schnappend, mit dunkelrothen Gesichtern und keuchender Brust abwechselnd an einander vorübereilten. Hurrahrufen und Flüche wechselten in rascher Folge, Frauen erbleichten und Männer knirschten mit den Zähnen, als der vorletzte Rundlauf anfing.

Im Beginn desselben war Delamayn noch voraus. Aber, noch ehe sechs Yards weiter durchlaufen waren, zeigte es sich, warum Fleetwood sich bei dem vorigen Rundlauf hatte überholen lassen; zum ersten Mal lief er, so rasch er konnte, an seinem Gegner vorüber und electrisirte dadurch die ganze Versammlung. Jetzt wurde es für Jedermann klar, daß Fleetwood Delamayn absichtlich die Führung gelassen, daß er ihn geschickt verleitet hatte, seine ganze Kraft auszugeben und ihn nun erst ernstlich überholt hatte. Delamayn machte mit verzweifelter Entschlossenheit eine neue Anstrengung, die den Enthusiasmus der Versammlung bis zum Wahnsinn steigerte. Während die Stimmen der Menge gewaltig ertönten, während Hüte und Taschentücher auf allen Seiten in der Luft geschwungen wurden, und während der wirkliche Ausgang des Rennens noch für einen letzten Augenblick zweifelhaft war, stieß Mr. Speedwell Sir Patrick an.

»Machen Sie sich darauf gefaßt!« sagte er. »Es ist mit ihm vorbei.«

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen als Delamayn schwankte, sein Trainer übergoß ihn mit Wasser. Er erholte sich, lief noch ein paar Schritte, schwankte dann wieder, stolperte, hielt sich die Hand mit einem heiseren Wuthschrei vor den Mund, biß sich wie ein wildes Thier in das eigene Fleisch und fiel besinnungslos zu Boden.

Ein ungeheures Gewirr von wild durch einander tönenden Rufen erscholl im nächsten Augenblick, indem sich die an einigen Stellen ausgestoßenen Rufe der Angst und Besorgniß mit dem Triumphgesehrei der Anhänger Fleetwood’s mischten, welcher leichten Schrittes weiter lief, um den nun unbestrittenen Sieg zu erringen. Nicht nur in den eingehegten Rau sondern sogar auf die Rennbahn drang die Menge ein. Inmitten des Tumults wurde der am Boden liegende Delamayn auf den Rasen gezogen, wo ihm Mr. Speedwell und der Arzt des Trainers ihren Beistand leisteten. In dem schrecklichen Augenblick, da der Arzt dem Bewußtlosen die Hand auf’s Herz legte, kam Fleetwood, für den seine Freunde und die Polizei einen Weg durch die Menge gebahnt hatten, auf seinem sechszehnten und letzten Rundlauf an der Stelle, wo Delamayn lag, vorüber. War der Besiegte nur ohnmächtig oder todt? Jedermann blickte in höchster Spannung auf die Hand des Arztes.

Der Arzt sah auf und rief nach Wasser und Branntewein zum Besprengen. Das Leben kehrte wieder, Geoffrey hatte das Rennen überlebt. Eben ertönte der letzte Beifallsruf, der Fleetwood’s Sieg begrüßte, als sie Delamayn vom Boden erhoben, um ihn nach dem Pavillon zu tragen. Sir Patrick war der einzige Fremde, dem auf Mr. Speedwell’s Ersuchen der Zutritt zu dem Pavillon gestattet wurde. In dem Augenblick, wo er die Stufen zu demselben hinauf stieg, berührte Jemand seinen Arm. Es war Capitain Newenden.

»Stehen die Doctoren für sein Leben ein?« fragte er. »Ich kann meine Nichte nicht bewegen, die Rennbahn zu verlassen, bis sie darüber beruhigt ist.«

Mr. Speedwell, der die Frage gehört hatte beantwortete sie kurz von der obersten Stufe aus mit den Worten:

»Für den Augenblick, ja.«

Der Capitain dankte ihm und ging wieder fort.

Sie traten in den Pavillon. Hier wurden die nöthigen Belebungsmittel sofort nach Mr. Speedwell’s Anweisung zur Anwendung gebracht.

Da lag der überwundene Athlet. Dem äußeren Ansehen nach eine ruhende, von Kraft strotzende Körpermasse, selbst nachdem sie zusammengebrochen noch ein gewaltiger Anblick, in Wahrheit in Allem, was die innere Lebenskraft begründet, ein schwächeres Geschöpf, als die Fliege die an der Fensterscheibe summte. Langsam flackerte das Lebenslicht wieder auf.

Die Sonne ging unter und die Abenddämmerung brach ein. Mr. Speedwell winkte Perry, ihm in einem Winkel des Zimmers zu folgen.

»In höchsteiis einer halben Stunde wird er hinreichend wieder hergestellt sein, um nach Hause gebracht werden zu können. Wo sind seine Freunde? Hat er nicht einen Bruder?«

»Sein Bruder ist in Schottland, Mr. Speedwell.« ——

»Und sein Vater?«

Perry kratzte sich den Kopf. »Nach Allem was ich hörte, Mr. Speedwell, steht er mit seinem Vater nicht auf dein besten Fuße.«

Mr. Speedwell wandte sich an Sir Patrick. »Wissen Sie irgend etwas von seinen Familienverhältnissen?«

»Sehr wenig, aber ich glaube, was der Mann Ihnen gesagt hat, ist wahr.«

»Lebt seine Mutter noch?«

»So will ich selbst an sie schreiben. Inzwischen muß Jemand ihn nach Hause bringen. Er hat ja eine Menge von Freunden hier, wo sind denn die?«

Bei diesen Worten sah er zum Fenster hinaus. Eine dichte Menschenmasse hatte sich vor dem Pavillon versammelt, um zu hören, wie es mit Delamayn stehe. Mr. Speedwell wies Perry an, hinaus zu gehen und zu sehen, ob er nicht unter den Versammelten ihm von Ansehen bekannte Freunde Delamayn’s finde. Perry zauderte und kratzte sich wieder den Kopf.

»Worauf warten Sie?« fragte Mr. Speedwell in scharfem Tone. »Sie kennen doch seine Freunde von Ansehen, nicht wahr?«

»Ich glaube nicht, daß ich sie draußen finden werde« erwiderte Perry.

»Warum denn nicht?«

»Sie haben doch auf ihn gewettet, Mr. Speedwell, und haben Alle verloren.«

Trotz dieses unwiderleglichen Grundes der Abwesenheit der Freunde Geoffrey’s bestand Mr. Speedwell ganz entschieden darauf, daß Perry hinaus gehen sollte, um in der Menge nach einem Freunde Delamayn’s zu suchen. Der Trainer ging und kehrte alsbald zurück, um zu berichten.

»Sie haben Recht, Mr. Speedwell. Es sind einige von seinen Freunden draußen, die ihn zu sehen wünschen.«

»Lassen Sie zwei oder drei von ihnen herein kommen.«

Es erschienen ihrer drei. Sie starrten Geoffrey an und gaben ihr Mitleid in kurzen, der Rennsprache entnommenen Ausrufen zu erkennen. Zu Mr. Speedwell sagten sie:

Was ist mit ihm los?«

»Seine Gesundheit ist tief erschüttert!«

»Ist er schlecht trainirt?«

»Die Schuld liegt an den athletischen Wettspielen«

»O, danke Ihnen. Guten Abend!«

Mr. Speedwell’s Antwort trieb sie fort, wie Hundegebell eine Heerde Schaafe. Sie ließen Mr. Speedwell nicht einmal Zeit, sie zu fragen, ob einer von ihnen Geoffrey nach Hause bringen wolle.

»Ich will schon für ihn sorgen, Mr. Speedwell«, sagte Perry. »Sie können sich aus mich verlassen.«

»Ich werde auch mit gehen«, fügte der Arzt des Trainers hinzu, »und mich überzeugen, daß er für die Nacht ordentlich versorgt ist.«

Die beiden einzigen Männer, die ihre Wetten dadurch sicher gestellt hatten, daß sie im Geheimen auch auf seinen Gegner gewettet hatten, waren auch die Einzigen die sich bereit erklärten, ihn nach Hause zu bringen.

Sie traten wieder an das Sopha heran, auf welchem er lag. Seine mit Blut unterlaufenen Augen rollten schwer und unsicher umher, wie wenn sie etwas suchten. Seine Blicke hefteten sich einen Augenblick auf den Arzt, kehrten sich aber dann wieder ab, richteten sich auf Mr. Speedwell und hafteten auf seinem Gesichte wie festgebannt.

Der Arzt beugte sich über ihn hin und fragte: »Was wünschen Sie?«

Er antwortete keuchend und mit schwerer Zunge ein Wort mühsame nach dem anderen herausbringend: »Muß —— ich —— sterben?«

»Ich hoffe es nicht.«

»Gewiß nicht?«

»Nein.«

Er blickte wieder um sich. Dieses Mal hafteten seine Blicke auf dem Trainer.

Perrh trat dicht an ihn heran. »Was kann ich für Sie thun, Mr. Delamayn?«

Langsam wie vorher antwortete er: »Meine —— Rock —— tasche.«

»Diese, Mr. Delamayn?«

»Nein.«

»Diese?«

Der Trainer fühlte in die Tasche hinein und zog das Wettbuch heraus.

»Was soll damit geschehen, Mr. Delamayn?«

»Lesen.«

Der Trainer öffnete das Tascbenbuch, und schlug die letzten beiden Seiten, auf denen Wetten eingetragen waren auf. Er drehte seinen Kopf ungeduldig auf dem Sophakissen hin und her. Es war klar, daß er sich noch nicht hinreichend wieder erholt hatte, um lesen zu können, was er geschrieben hatte.«

»Soll ich es für Sie lesen, Mr. Delamayn?«

»Ja.«

Der Trainer las hinter einander drei von den eingetragene Wetten aber keine davon war die rechte; sie waren alle erledigt. Bei der vierten rief der schwer Darniederliegende »Halt!« Das war die erste von den eingetragenen Wetten, deren Entscheidung noch von einem künftigen Ereigniß abhing. Die Notiz betraf jene in Windygates gemachte Wette, bei welcher Geoffrey der von dem Arzt geäußerten Ansicht zum Trotz, auf sich selbst gewettet hatte, daß er im nächsten Frühjahr an dem Universitätsrudern theilnehmen werde, und Arnold Brinkworth gezwungen hatte, gegen ihn zu wetten.

»Nun, Mr. Delamayn, was soll hier geschehen?«

Er sammelte mühsam seine Kräfte und antwortete dann mit großer Anstrengung, indem er, wie vorhin, Iangsam ein Wort nach dem andern hervorbrachte:

»Schreiben —— an Bruder —— Julius. —— Bezahlen, —— Arnold —— gewinnt.«

Er ließ die Hand, die er wie zu einer feierlichen Bekräftigung seiner Worte erhoben hatte, wieder sinken, schloß die Augen und versank in einen tiefen Schlaf.

Seien wir gerecht gegen ihn; wenn er auch ein Schurke war der furchtbare Augenblick, wo sein Leben an einem Faden hing, fand ihn treu gegen das Einzige was den Menschen seiner Gattung in unserer Zeit noch heilig ist: gegen die Verpflichtungen des Wettbuchs.

Sir Patrick und Mr. Speedwell verließen die Rennbahn zusammen, nachdem Geoffrey zuvor in seine in der Nähe befindliche Wohnung gebracht worden war. An der Eingangspforte trafen sie Arnold Brinkworth. Er hatte sich während des Rennens in der Menge verborgen gehalten und wollte jetzt allein wieder nach Hause gehen. Die kurze Trennung von Blanche hatte einen ganz andern Menschen ans ihm gemacht. Für die Zeit, die verfließen mußte, bis er seine Frau wiedersehen würde, hatte er sich von seinen Freunden nur die Gunst erbeten, daß man ihm gestatte, sein Schicksal auf seine Weise zu tragen und ihn sich selbst zu überlassen.

Sir Patrich der sich jetzt von dem drückenden Gefühl, das während des Rennens anf ihm gelastet und ihm Schweigen auferlegt hatte, befreit fand, richtete im Nachhausefahren eine Frage an den Arzt, die ihn von dem Augenblick an, wo Geoffrey beim Rennen unterlegen war, beschäftigt hatte.

»Es wird mir schwer«, sagte er, »die Besorgniß zu verstehen, die Sie im Betreff Delamayn’s äußerten als Sie fanden, daß er nur in Folge der Anstrengung ohnmächtig geworden sei. War denn die Sache mehr als eine gewöhnliche Ohnmacht?«

»Ich habe keinen Grund, es jetzt noch zu verheimlichen«, erwiderte Mr. Speedwell; »aber er war ganz nahe daran, einen Schlaganfall zu bekommen.«

»War es das, was Sie besorgten, als Sie damals in Windygates mit ihm sprachen?«

»Das war es, was ich in seinem Gesichte vorauszusehen glaubte, als ich ihn warnte. Ich hatte also bis zu einem gewissen Punkte Recht, unrichtig war meine Schätzung der noch in ihm vorhandenen Lebenskraft. Als er auf der Rennbahn zu Boden fiel, glaubte ich fest, er sei todt.«

»Ist es eine erbliche, paralytische Disposition? Die letzte Krankheit seines Vaters war ähnlicher Art.«

Mr. Speedwell lächelte. »Eine erbliche, paralytische Disposition?« widerholte er. »Dieser Mensch ist nach seiner körperlichen Anlage ein Phänomen von Gesundheit und Kraft —— und steht in der Blüthe seiner Jahre. Eine erbliche, paralytische Disposition hätte vielleicht in dreißig Jahren bei ihm zum Vorschein kommen können. Nur sein Rudern und Rennen während der letzten vier Jahre sind Schuld an dem heutigen Vorfall.«

Sir Patrick erlaubte sich die Bemerkung, Mr. Speedwell müsse diese seine Ansicht, der sein Name ein besonderes Gewicht verleihen werde, zur Warnung für Andere veröffentlichen.

»Das würde völlig vergeblich sein«, erwiderte Mr. Speedwell; »Delamayn ist nicht der Erste, der bei Wettläufen der verderblichen Ueberanstrengung der Lebensorgane erlegen ist. Aber das Publikum hat ein merkwürdiges Talent, diese Unfälle zu vergessen. Es würde sich vollkommen befriedigt erklären, wenn man ihm, als Entgegnung auf meine Bemerkungen, den andern, zufällig glücklich durchgekommenen Läufer vorhielte.«

Sir Patrick war noch immer mit Gedanken an Anne Silvester’s Zukunft beschäftigt. In dieser Ideenverbindung galt seine nächste Frage den Aussichten auf eine Wiederherstellung Geoffrey’s.

»Er wird nie wieder hergestellt werden«, erwiderte Mr. Speedwell; »ein Schlaganfall bedroht ihn beständig, wie ein Damokles-Schwert. Wie lange er noch leben wird, kann ich unmöglich sagen: viel hängt dabei von ihm selbst ab. Bei seiner Verfassung kann ihm jede neue Unvorsichtigkeit jede heftige Gemüthsbewegung aus der Stelle das Leben kosten.«

»Wird er sich«, fragte Sir Patrick«, »wenn nichts Besonderes dazu tritt, so weit wieder erholen, um das Bett verlassen und ausgehen zu können?«

»Gewiß.«

»Ich weiß, daß er für nächsten Sonnabend ein Engagement hat. Halten Sie es für wahrscheinlich, daß er im Stande sein wird, dasselbe einzuhalten?«

»Für ganz wahrscheinlich.«

Sir Patrick schwieg. Wieder sah er Anne’s Gesicht vor sich, wie sie in jenem denkwürdigen Augenblick vor ihm gestanden, als er ihr mittheilte, daß sie Geoffrey’s Frau sei.



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