Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Salzland - Sechsundfünfzigstes Kapitel - Der Morgen
 

Mann und Weib



Sechsundfünfzigstes Kapitel - Der Morgen

Wann quält uns der Kummer über unwiderbringlich Verlorenes am schreckIichsten? Wann erblicken wir die unsichere Zukunft in den schwärzesten Farben? Wann erscheint uns das Leben am werthlosesten, und wann wünschen wir den Tod am sehnlichsten herbei? In den schrecklichen Morgenstunden, wo die Sonne in ihrer ganzen Pracht aufgeht, wo die Vögel den neugebornen Tag mit ihrem Gesang begrüßen.

Anne erwachte in dem fremden Bette und schaute in dem von der Morgensonne beleuchteten fremden Zimmer umher.

Der Regen, der während der Nacht gefallen war, hatte nachgelassen. Die Sonne stand wieder unbewölkt an dem klaren Herbsthimmel. Anne stand auf und öffnete das Fenster; die frische Morgenluft drang mit ihrem erquickenden Hauch in das Zimmer. Nah und fern lag über der Gegend dieselbe freundliche Ruhe. Anne schaute zum Fenster hinaus. Ihr Geist war wieder klar, ihr Gemüth hatte seine Fassung wieder gewonnen, sie konnte wieder denken, wieder fühlen, sie konnte der einzigen noch übrigen Frage, welche der unbarmherzige Morgen ihr jetzt aufdrängte: »Wie wird das alles werden?« scharf in’s Gesicht sehen.

Morgen.

Gab es noch eine Hoffnung für sie, eine Hoffnung, daß sie selbst etwas für sich würde thun können? Was kann eine verheirathete Frau für sich thun? Sie kann ihr Unglück, vorausgesetzt, daß dasselbe von einer gewissen Beschaffenheit ist an die Oeffentlichkeit bringen und kann sich, wenn sie das gethan hat, allein mit der Gesellschaft abfinden. Weiter vermag sie nichts.

Gab es eine Hoffnung für sie, daß Andere noch etwas würden für sie thun können? Blanche konnte ihr schreiben, konnte vielleicht sogar, wenn Anne’s Mann es erlaubte, sie besuchen, das war aber auch Alles. Sir Patrick hatte ihr beim Abschied die Hand gedrückt und ihr zugeflüstert, sie möge auf ihn vertrauen. Er war der beste, zuverlässigste Freund, aber was konnte er thun? Gab es doch Dinge, die ihr Mann nach dem Gesetze zu thun berechtigt war, bei deren bloßen Gedanken ihr das Blut in den Adern erstarrte. Konnte Sir Patrick sie dagegen schützen? Lächerlicher Gedanke! Das Gesetz, und die Gesellschaft würden vielmehr ihren Gatten in seinen ehelichen Rechten schützen. Gesetz und Gesellschaft hatten nur eine Antwort für sie, wenn sie Schutz von ihnen verlangte: »Du bist sein Weib.«

Keine Hoffnung auf Rettung weder durch sich selbst noch durch Andere, auf der weiten Welt keine Rettung, keine! Ihr blieb nichts übrig, als im Vertrauen auf die göttliche Grube, im Vertrauen auf eine bessere Welt das Ende abzuwarten.

Sie nahm aus ihrem Koffer ein kleines, durch häufigen Gebrauch sehr abgegriffenes Gebet- und Andachtsbuch, das einst ihrer Mutter gehört hatte. Sie setzte sich mit demselben an’s Fenster und las darin. Jetzt war die Aehnlichkeit ihrer Lage mit der ihrer Mutter noch frappanter geworden. Beide waren sie an Männer verheirathet, von welchen sie gehaßt wurden, an Männer, deren Interesse sie auf Geldheirathen mit anderen Frauen hinwies, an Männer, deren einziger Wunsch und einziger Zweck es war, sich von ihren Frauen loszumachen. Sonderbar! auf wie verschiedenen Wegen Mutter und Tochter beide demselben Schicksale entgegen geführt worden waren; nur die Frage, ob die Aehnlichkeit ihrer Schicksale sich auch bis auf den Ausgang erstrecken würde, war noch unentschieden. »Ob ich wohl«, fragte sie sich, an die letzten Augenblicke ihrer Mutter denkend, »in Blanche’s Armen sterben werde?«

Unter solchen Gedanken war ihr die Zeit vergangen, ohne daß sie des allmälig im Hause erwachten Lebens inne geworden wäre. Erst die vor ihrer Thür ertönende Stimme der Magd brachte sie wieder zu dem Bewußtsein der Gegenwart.

»Der Herr wünscht, daß Sie herunterkommen, Madame!«

Anne stand sofort auf und legte das kleine Andachtsbuch bei Seite.

»Ist das Alles, was Sie mir bestellen sollen?« fragte sie, indem sie die Thür öffnete.

»Ja, Madame.«

Sie folgte dem Mädchen hinunter, indem sie sich der sonderbaren Worte erinnerte, die Geoffrey am Abend zuvor in Gegenwart der Dienstboten an sie gerichtet hatte. Sollte sie jetzt erfahren, was mit diesen Worten eigentlich gemeint war? Dass mußte sich bald zeigen.

»Was immer für Prüfungen mir beschieden sein mögen«, dachte sie bei sich, »ich will sie tragen, wie weine Mutter sie getragen haben würde.«

Die Magd öffnete die Thür des Speisezimmers. Das Frühstück stand auf dem Tisch; Geoffrey stand am Fenster; Hester Dethridge hatte sich zum Aufwarten bereit an die Thür postirt.«

Als Anne eintrat, kam ihr Geoffrey mit einem freundlich lächelnden Ausdruck, wie sie ihn noch nie an ihm wahrgenommen hatte, entgegen und bot ihr die Hand. Sie hatte, als sie das Zimmer betrat, auf Alles gefaßt zu sein geglaubt. Auf einen solchen Empfang aber war sie nicht gefaßt, sprachlos stand sie da und sah ihn an. Auch Hester sah ihm, nachdem sie auf Anne beim Eintreten einen raschen Blick geworfen hatte, fest in’s Gesicht und wandte, solange Anne im Zimmer blieb, das Auge nicht wieder von ihm ab.

Nach einer Pause brach er wieder das Schweigen, mit Worten, deren Ton wie der einer ihm fremden Stimme klang, und mit einer unheimlichen Zurückhaltung, wie sie früher nie an ihm beobachtet hatte.

»Willst Du Deinem Mann nicht die Hand geben«, fragte er, »wenn Dein Mann Dich darum bittet?«

Mechanisch legte sie ihre Hand in die seinige, aber er fuhr zusammen und ließ die Hand auf der Stelle wieder fahren.

»Gott, wie kalt!« rief er aus.

Seine eigene Hand glühte und zitterte fortwährend. Er wies auf einen Stuhl am oberen Ende des Tisches hin.

»Willst Du Thee machen?« fragte er.

Mechanisch hatte sie ihm die Hand gereicht, mechanisch trat sie jetzt einen Schritt vor, stand aber dann wieder still.

»Möchtest Du lieber allein frühstücken?« fragte er.

»Wenn Du nichts dagegen hast«, antwortete sie mit schwacher Stimme, »würde ich es vorziehen.«

»Warte einen Augenblick, ich habe Dir noch etwas zu sagen, bevor Du gehst.«

Sie wartete. Er besann sich offenbar auf Etwas, das er vorbereitet hatte, bevor er sprach. »Ich habe«, fing er an, »die ganze Nacht Zeit gehabt, mit mir zu Rathe zu gehen, Und die Nacht hat nun einen neuen Menschen aus mir gemacht. Ich bitte Dich wegen dessen, was ich gestern Abend gesagt habe, um Verzeihung. Ich war gestern meiner selbst nicht mächtig und sprach Unsinn. Bitte vergiß das und vergieb es mir. Ich will ein Anderer werden und mein bisheriges Betragen wieder gut machen. Ich will versuchen ein guter Ehemann zu werden. In Gegenwart von Mrs. Dethridge bitte ich Dich, mir diesen Versuch möglich zu machen, ich will Deiner Neigung keine Gewalt anthun. Wir sind einmal verheirathet, wozu nützt es, das zu beklagen? Bleibe hier, wie Du es gestern wolltest, unter Deinen eigenen Bedingungen. Jetzt will ich Dich nicht länger zurückhalten, ich bitte Dich nur, Dir die Sache zu überlegen. Guten Morgen.«

Er sprach diese merkwürdigen Worte wie ein Schuljunge, der eine schwere Lection aufsagt, die Augen auf den Boden geheftet und mit den Fingern fortwährend verlegen einen Knopf an seiner Weste auf- und zuknöpfend. Anne ging wieder hinaus. Auf dem Vorplatz mußte sie stehen bleiben und sich gegen die Wand lehnen. Seine unnatürliche Höflichkeit war ihr fürchterlich gewesen, seine wohütberlegte Versicherung seiner Reue hatte sie mit Entsetzen erfüllt. Noch nie, selbst in den Momenten seiner wildesten Wuthausbrüche, wo er sich der niedrigsten Ausdrücke gegen sie bedient, hatte sie einen solchen Schauder vor ihm empfunden, wie eben jetzt. Hester Dethridge folgte ihr und schloß die Thür hinter sich. Sie sah Anne scharf in’s Gesicht und hielt ihr die Tafel entgegen, nachdem sie auf dieselbe die Worte geschrieben hatte: »Glauben Sie ihm?«

Anne stieß die Tafel von sich und eilte die Treppe hinauf. Sie schloß die Thür und sank in einen Stuhl. »Er bereitet etwas gegen mich vor«, sagte sie sich, »was mag es sein?«

Ein ihr ganz neues Gefühl physischer Furcht ließ sie davor zurückschrecken, diese Frage weiter zu verfolgen. Es befiel sie eine Angst, die sie fast ohnmächtig machte; sie trat an’s offene Fenster. In demselben Augenblick erscholl die Glocke an der Pforte. Argwöhnisch gegen Jedermann und gegen Jedes, wie sie in diesem Augenblicke war, schien es ihr nicht gerathen, sich blicken zu lassen. Sie trat etwas vom Fenster zurück und blickte durch die Vorhänge hinaus. Ein Livreediener, der einen Brief in der Hand hielt, trat durch die Pforte. In dem Augenblick, wo er unter Anne’s Fenster vorüberging, sagte er zu der Magd, die ihm geöffnet hatte: »Ich komme von Lady Holchester, ich muß Mr. Delamayn auf der Stelle sprechen.« Sie gingen in’s Haus.

Kurz darauf ging der Diener wieder fort. Nach einer kleinen Weile wurde an Anne’s Thür geklopft Sie zauderte. Das Klopfen wiederholte sich, und das stumme Gemurmel Hester Dethridge’s wurde von draußen vernehmbar. Anne öffnete die Thür, Hester trat mit dem Frühstück ein und deutete auf einen Brief, der auf dem Frühstücksbret lag. Der Brief war von Geoffrey’s Hand an Anne adressirt und enthielt die folgenden Worte:

»Mein. Vater ist gestern gestorben. Bestelle Dir schriftlich Deine Trauerkleider, der Bursche soll das Billet besorgen. Du brauchst nicht selbst nach London zu gehen, sondern kannst Dir Jemanden aus dem Laden her beordern.«

Anne ließ den Brief, ohne aufzublicken in ihren Schooß fallen. Im demselben Augenblick hatte Dethridge verstohlen ihre Tafel zwischen das Billet und Anne’s Augen geschoben, darauf standen die Worte: »Seine Mutter kommt heute. Sein Bruder ist telegraphisch von Schottland herbeigerufen. Gestern Abend war er betrunken, jetzt trinkt er wieder. Ich weiß, was das zu bedeuten hat. Geben Sie Acht, Madame, geben Sie Acht.«

Anne machte ihr ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Hester ging hinaus und zog die Thür nach sich, ohne sie jedoch zu schließen. Wieder klingelte es an der Pforte. Wieder trat. Anne an’s Fenster. Diesmal war es nur der Bursche, der kam, seine Ordres für den Tag entgegen« zu nehmen. Kaum war er in den Garten getreten, als ihm der Postbote auf dem Fuße folgte; Eine Minute später vernahm sie Geoffrey’s Stimme auf dem Vorplatz und gleich darauf die schweren Tritte, mit denen er die Treppe hinaufstieg. Anne eilte an die Thür um die Riegel vorzuschieben, aber noch ehe sie die Thür hatte schließen können, stand Geoffrey vor ihr. »Hier ist ein Brief für Dich«, sagte er, indem er es ängstlich vermied, die Schwelle des Zimmers zu betreten. »Ich denke nicht daran, Deinen Neigungen Gewalt anzuthun, ich bitte Dich nur, mir zu sagen, von wem der Brief ist.«

Seine Haltung war dabei von derselben ergebenen Höflichkeit wie vorher, aber sein unaussgesprochenes Mißtrauen gegen sie verrieth sich in seinen Blicken. Sie warf einen Blick. auf die Adresse.

»Der Brief ist von Blanche«, antwortete sie.

Leise setzte er seinen Fuß zwischen Thür und Thürpfosten und wartete, bis sie Blanche’s Brief gelesen hatte.

»Darf ich den Brief sehen?« fragte er, und steckte dabei seine Hand durch die Thür.

Anne hatte ihre Widerstandskraft verloren. Sie reichte ihm das offene Schreiben. Der Brief war sehr kurz. Nach einigen herzlichen Worten beschränkte er sich geflissentlich darauf; den Zweck, zu welchem er geschrieben war, anzugeben. Blanche wünschte Anne am Nachmittage des heutigen Tages in Begleitung ihres Onkels zu besuchen; sie fragte vorher an, um sicher zu sein, Anne zu Hause zu finden. Das war Alles. Der Brief war ersichtlich unter Sir Patricks Aufsicht geschrieben.

Geoffrey gab ihn ihr zurück, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.

»Nachdem mein Vater gestern gestorben ist«, sagte er, »kann meine Frau keine Besuche annehmen, bevor er begraben ist. Ich will Deinen Neigungen keine Gewalt anthun, ich sage nur, ich kann vor erfolgtem Begräbniß, außer Mitgliedern meiner Familie, keinen Besuchern den Zutritt zu uns gestatten. Sage Deiner Freundin das in einer Zeile, die der Bursche besorgen kann.«

Mit diesen Worten verließ er sie.

Eine Berufung auf die Schicklichkeit konnte in dem Munde Geoffrey Delamayn’s nur zweierlei bedeuten. Entweder war, was er gesagt hatte, ein roher Hohn gewesen, oder er hatte dabei einen Hintergedanken gehabt. Wollte er den Tod seines Vaters als Vorwand benutzen, seine Frau von allem Verkehr mit der Außenwelt abzuschneiden? Hatte er noch unausgesprochene Gründe, den Verkehr Anne’s mit ihren Freunden zu fürchten? Die Zeit verging und Hester Dethridge erschien wieder, um zu melden, daß der Bursche auf Anne’s Ordres im Betreff ihrer Trauertoilette und auf ihr Billet an Mr. Arnold Brinkworth warte. Anne schrieb die Ordres und das Billet. Als sie damit fertig war, drängte sich abermals die furchtbare Tafel zwischen ihr Schreibpapier und ihre Augen, mit den erbarmungslos warnenden Worten: »Er hat die Pforte abgeschlossen. Wenn geklingelt wird, sollen wir uns den Schlüssel von ihm holen. Er hat an eine Frau geschrieben die nach der Adresse Mrs. Glenarm heißt. Er hat wieder Branntwein getrunken. Grade wie mein Mann, nehmen Sie sich in Acht.«

So war also der einzige Ausgang aus den das Haus rings umgebenden Mauern verschlossen, war es ihren Freunden untersagt, sie zu besuchen, war sie gefangen in Einzelhaft und der Kerkermeister war ihr Mann. Noch waren nicht vierundzwanzig Stunden vergangen, seit sie das Haus betreten hatte, und schon war es dahin gekommen. Und was würde weiter geschehen?«

Mechanisch trat sie wieder an’s Fenster. Der Anblick der Außenwelt, das gelegentliche Vorüberfahren eines Wagens übte eine belebende Wirkung auf sie. In diesem Augenblick ging der Bursche durch den Vordergarten, im Begriff seine Besorgungen in London auszurichten. Geoffrey ging mit thut, um die Pforte zu öffnen und rief ihm, als er ihn hinausgelassen hatte, nach: »Vergiß die Bücher nicht.«

Die Bücher! Was für Bücher? Für wen? Die geringste Kleinigkeit erweckte jetzt Anne’s Verdacht. Noch Stunden lang verfolgte sie der Gedanke an diese Bücher. Geoffrey schloß die Pforte wieder ab und ging nach dem Haus zurück; unter Anne’s Fenster blieb er stehen und rief sie. Sie sah zum Fenster hinaus. »Wenn Du frische Luft und Bewegung wünschen solltest«, sagte er, »so steht der Hintergarten ganz zu Deiner Disposition.« Dann steckte er den Pfortenschlüssel in die Tasche und ging wieder in’s Haus.

Nach einigem Schwanken beschloß Anne von Geoffrey’s Erlaubniß Gebrauch zu machen. In ihrem Zustande banger Ungewißheit wurde ihr der Aufenthalt in ihren vier Mauern völlig unerträglich. Selbst wenn hinter dem anscheinend harmlosen Vorschlag, den Geoffrey ihr gemacht hatte, eine ihr gestellte Falle lauern sollte, so widerstrebte es ihr doch weniger, sich dieser Gefahr auszusetzen, als darüber brüten zu müssen. Sie setzte ihren Hut auf und ging in den Garten hinab. Es begegnete ihr durchaus nichts Bemerkenswerthes, Geoffrey ließ sich nicht blicken. Anne hielt sich auf- und abgehend, in dem Theile des Gartens, der von dem Fenster des Speisezimmers am weitesten ablag. Aus dem Garten zu entkommen war für eine Frau einfach unmöglich. Abgesehen von der Höhe der Mauer waren sie, ihrem ganzen Umfange nach, oben mit Glasscherben bedeckt. Eine kleine, wahrscheinlich für den Gärtner bestimmte Thür in der das äußerste Ende des Hintergartens abschließenden Mauer, war verriegelt und verschlossen. Kein Haus war in der Nähe. Ländereien von Gemüsegärtnern umgaben den Garten auf allen Seiten. Im neunzehnten Jahrhundert, und in der unmittelbaren Nähe einer großen Hauptstadt war Anne von jedem Verkehr mit der Außenwelt so vollständig abgesperrt, wie wenn sie todt gewesen wäre. Nach Verlauf einer halben Stunde wurde die im Garten herrschende Stille durch das Geräusch rollender Wagenräder auf der Landstraße und ein Klingeln an der Pforte unterbrochen. Anne hielt sich dicht an der Rückseite des Hauses, entschlossen sich die Chance, mit dem Besuchenden, es mochte sein wer es wollte, zu sprechen, nicht entgehen zu lassen.

Bald darauf vernahm sie durch das offene Fenster Stimmen im Speisezimmer, die Stimme Geoffrey’s und die einer Frau: Wer mochte das sein? Doch nicht Mrs. Glenarm? Nach einer Weile wurde die Stimme der Besuchenden plötzlich lauter: »Wo ist sie?« rief sie, »ich wünsche sie zu sehen.« Anne ging sofort an die Hinterthür des Hauses, und fand sich hier einer Dame gegenüber, die ihr völlig fremd war:

»Sind Sie die Frau meines Sohnes?« fragte die Dame.

»Ich bin seine Gefangene«, antwortete Anne.

Lady Holchester’s bleiches Gesicht wurde noch bleicher. Es war klar, daß Anne’s Antwort einen Verdacht bei ihr bestätigt hatte, der bereits durch die Unterhaltung smit ihrem Sohne erweckt worden war.

»Was wollen Sie damit sagen?« flüsterte sie.

In diesem Augenblick ließen sich Geoffrey’s schwere Fußtritte im Speisezimmer vernehmen.

Es war keine Zeit mehr zu einer Erklärung, Anne flüsterte nur noch die Worte:

»Lassen Sie meine Freunde wissen, was ich Ihnen gesagt habe.«

Geoffrey erschien an der Thür des Speisezimmers.

»Nennen Sie mir einen Ihrer Freunde«, erwiderte Lady Holchester.

»Sir Patrick Lundie.«

Geoffrey hörte diese Antwort und fragte: »Was ist mit Sir Patrick Lundie?«

»Ich wünsche Sir Patrick Lundie zu sprechen«, antwortete seine Mutter, »und Deine Frau kann mir sagen, wo er zu finden ist.«

Anne verstand sofort, daß Lady Holchester gesonnen sei, ihren Auftrag an Sir Patrick Lundie auszurichten. Sie nannte seine Londoner Adresse. Lady Holchester schickte sich an fortzugehen; ihr Sohn hielt sie zurück.

»Laß uns die Sache in’s Reine bringen, bevor Du gehst«, sagte er. »Meine Mutter«, fuhr er gegen Anne gewandt fort, »meint, es sei nicht viel Aussicht vorhanden, daß wir Beiden gut mit einander leben. Bitte, sag Du ihr selbst, wie es damit steht. Was habe ich Dir beim Frühstück gesagt? Habe ich nicht gesagt, ich wolle versuchen Dir ein guter Ehemann zu sein? Habe ich nicht in Mrs. Dethridges Gegenwart gesagt, ich wolle wieder gut machen, was ich gegen Dich gefehlt habe?«

Er wartete, bis Anne seine Fragen bejahend beantwortet hatte und wandte sich dann wieder an seine Mutter.

»Nun, was denkst Du jetzt?«

»Lady Holchester schien nicht geneigt diese Frage zu beantworten. »Noch diesen Abend«, sagte sie zu Anne, »sehen Sie mich wieder oder sollen von mir hören.«

Geoffrey versuchte es, seine unbeantwortet gebliebene Frage zu wiederholen. Als aber seine Mutter ihn scharf ansah, vermochte er ihren Blick nicht zu ertragen und senkte sofort die Augen. Mit ernster Miene grüßte sie Anne und zog ihren Schleier über das Gesicht. Schweigend begleitete ihr Sohn sie bis an die Ausgangspforte Anne kehrte, zum ersten Mal seit ihrem Erwachen an diesem Tage, etwas erleichtert auf ihr Zimmer zurück.

»Seine Mutter ist unruhig«, dachte sie bei sich, »es muß eine Veränderung eintreten. »Und diese Veränderung sollte noch an demselben Abend eintreten.


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