Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Salzland - Siebenundfünfzigstes Kapitel - Der Vorschlag
 

Mann und Weib



Siebenundfünfzigstes Kapitel - Der Vorschlag

Gegen Abend fuhr Lady Holchester’s Wagen wieder vor. Drei Personen saßen darin, Lady Holchester, ihr ältester Sohn«, jetzt Lord Holchester und Sir Patrick Lundie.

»Wollen Sie im Wagen warten, Sir Patrick«, fragte Julius, »oder wollen Sie mit hineingehen?«

»Ich will warten. Wenn Sie finden sollten, daß ich ihr irgend nützen kann, schicken Sie, bitte, sofort nach mir. Inzwischen vergessen Sie nicht, den von mir angegebenen Vorschlag zu machen. Das ist der einzige sichere Weg, die wahre Gesinnung Ihres Bruders in dieser Angelegenheit zu ergründen.«

Der Diener hatte geklingelt, ohne daß etwas darauf erfolgt wäre. Während er zum zweiten Male klingelte, richtete Lady Holchester eine Frage an Sir Patrick.

»Haben Sie mir,« fragte sie, »für den Fall, daß ich Gelegenheit haben sollte, die Frau meines Sohnes allein zu sprechen, irgend etwas an sie aufzutragen?«

Sir Patrick zog ein kleines Billet aus der Tasche.

»Würden Sie die Güte haben, gnädige Frau, ihr das zu geben?«

In dem Augenblick, wo Lady Holchester das Billet zu sich nahm, wurde die Pforte von der Magd geöffnet.

»Vergessen Sie nicht ——«, wiederholte Sir Patrick sehr nachdrücklich, »wenn ich ihr irgendwie nützlich sein kann. Denken Sie nicht an mein Verhältniß zu Mr. Delamayn, sondern schicken Sie ohne Weiteres zu mir.«

Julius und seine Mutter wurden in das Wohnzimmer geführt. Die Magd berichten, daß der Herr hinausgegangen sei, um sich niederzulegen, aber sogleich herunterkommen werde. Beide, Mutter und Sohn, waren zu aufgeregt, um zu reden. Julius ging unruhig im Zimmer auf und ab. Einige Bücher, die auf einem Tisch in der Ecke lagen, zogen seine Aufmerksamkeit auf sich, vier schmutzige, fettige Bände, aus deren einem ein Papierstreifen hervorguckte, auf welchem die Worte standen »Ergebenst von Perry.« Julius öffnete den Band. Es war das unter dem Namen »The Nengate Calender« erscheinende abscheuliche Magazin von englischen Criminalgeschichten. Julius zeigte es seiner Mutter.

»Eine Probe von Geoffreys literarischem Geschmack«, sagte er mit einem traurigen Lächeln.

Lady Holchester machte ihm ein Zeichen, das Buch wieder an seinen Platz zu legen.

»Du hast Geoffretys Frau schon einmal gesehen, sticht wahr?« fragte sie.

Dieses Mal lag in ihrem Ton, als sie von Anne sprach, keine Spur von Geringschätzung. Der Eindruck, den ihr Besuch bei Geoffrey diesen Morgen auf sie hervorgebracht hatte, ließ ihr Geoffrey’s Frau mit schweren Familiensorgen eng verknüpft erscheinen. Vielleicht daß sie Anne noch immer um Mrs. Glenarm’s willen nicht gern hatte, aber verachten konnte sie dieselben nicht mehr.

»Ich habe sie in Swanhaven gesehen«, erwiderte Julius. »Ich muß Sir Patrick darin Recht geben, daß sie den Eindruck einer der Theilnahme sehr würdigen Person macht.«

»Was hat Dir Sir Patrick diesen Nachmittag bezüglich Geoffrey’s gesagt, als ich das Zimmer verlassen hatte?«

»Dasselbe was er Dir bereits gesagt hatte. Er erklärte, daß er die Lage Beider hier für eine sehr beklagenswerthe halte, und sprach die Ueberzeugung aus, daß sehr dringende Gründe für uns vorhanden seien, uns sofort in’s Mittel zu legen.«

»Julius, Sir Patrick denkt noch etwas anderes.«

»Das hat er meines Wissens nicht ausgesprochen.«

»Wie kann er es uns gegenüber aussprechen?«

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Geoffrey trat ein. Julius reichte ihm die Hand, und beobachtete ihn dabei scharf. Seine Augen waren mit Blut unterlaufen, sein Gesicht hoch geröthet, seine Zunge schwer, seine ganze Erscheinung die eines Menschen, der zu viel getrunken hat.«

»Nun!« redete er seine Mutter an, »was führt Dich wieder her?«

»Julius hat. Dir einen»Vorschlag zu machen«, antwortete Lady Holchester. »Ich bin mit diesem Vorschlag einverstanden, und bin deshalb mit ihm hergekommen.«

Geoffrey wandte sich gegen Julius mit den Worten:

»Was kann ein reicher Mann wie Du, von einem armen Teufel wie ich es bin, wollen?«

»Ich möchte Dir Gerechtigkeit widerfahren lassen, Geoffrey, wenn Du es mir möglich machst, indem Du mir auf halbem Wege entgegen kommst. Hat unsere Mutter Dir von dem Testament unseres Vaters gesagt?«

»Ich weiß, daß für mich in dem Testament kein Heller ausgesetzt ist, und habe es nicht anders erwartet; fahre fort.«

»Du irrst Dich; das Testament setzt etwas für Dich ans. Ein Codicill zu dem Testament bedenkt Dich mit einer ansehnlichen Rente. Unglücklicherweise ist unser Vater gestorben ohne dieses Codicill zu unterzeichnen. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich das Codicill als für mich bindend betrachte. Ich bin bereit für Dich zu thun, was mein Vater für Dich thun wollte, und verlange dafür nur eine Concession von Dir.«

»Und die wäre?«

»Du lebst hier sehr unglücklich mit Deiner Frau, Geoffrey?«

»Wer sagt das? Ich leugne es.«

Julius legte seine Hand sanft auf den Arm seines Bruders und sagte: »Nimm eine so ernste Angelegenheit nicht leicht, Geoffrey. Deine Heirath ist in jedem Sinne des Worts ein Unglück, nicht nur für Dich, sondern auch für Deine Frau. Ihr könnt unmöglich zusammen leben; ich bin hergekommen, Dich aufzufordern, in eine Trennung zu willigen. Wenn Du das thust, so erhältst Du die Dir in dem ununterzeichneten Codicill ausgesetzte Rente. Was sagst Du dazu?«

Geoffrey machte seinen Arm von der Hand seines Bruders los und antwortete:

»Ich sage: Nein!«

Zum ersten Mal mischte sich Lady Holchester in die Unterhaltung mit den Worten:

»Das großmüthige Anerbieten Deines Bruders hätte eine bessere Antwort verdient.«

»Meine Antwort«, wiederholte Geoffrey, »ist, Nein!«

Seine Hände geballt auf den Knieen haltend und vollkommen unzugänglich für Alles, was seine Mutter und sein Bruder ihm sagen konnten, saß er zwischen Beiden da.

»In Deiner Lage«, sagte Julius, »ist eine Ablehnung meines Anerbietens reine Tollheit; ich nehme sie nicht an.«

»Das kannst Du halten, wie Du willst. Mein Entschluß steht fest. Ich will nicht, daß meine Frau mich verläßt; sie bleibt hier.«

Der brutale Ton, in welchem er diese Worte sprach, beleidigte Lady Holchester.

»Nimm Dich in Acht«, sagte sie, »Dein Benehmen zeugt nicht nur von dem größten Undank gegen Deinen Bruder, sondern drängt mir einen Verdacht auf; Du hast für Deine Handlungsweise Motive, die Du vor uns verbirgst.«

Geoffrey wandte sich gegen seine Mutter, mit einer plötzlichen Wildheit im Ausdruck, die Julius veranlaßte aufzuspringen. Im nächsten Augenblick senkte Geoffrey die Blicke wieder zu Boden. Der böse Geist, von dem er besessen war, schien wieder gebannt.

»Ich verberge ein Motiv vor Euch?« wiederholte er mit gesenkten Blicken und schwerer Zunge. »Ihr könnt mein Motiv, wenn Ihr Lust habt, in den Straßen laut ausrufen lassen. Ich liebe sie.«

Bei diesen Worten blickte er auf. Lady Holchester wandte ihr Gesicht ab, es schauderte sie vor ihrem eigenen Sohn. Das Einsehen, das ihr Geoffrey’s Worte einflößten, war so überwältigend, daß selbst das eingewurzelte Vorurtheil gegen Anne, welches Mrs. Glenarm ihr beigebracht hatte, völlig davor wich. In diesem Augenblick fühlte sie sich ganz von der Empfindung des Mitleids für Anne beherrscht.

»Das arme Geschöpf« rief Lady Holchester.

Geoffrey that als fühle er sich durch diese Worte verletzt. »Kein Mensch soll meine Frau bemitleiden. Mit diesen Worten eilte er auf den Vorplatz hinaus und rief laut: »Anne, komm’ herunter!«

Sofort vernahm man ihre sanfte Stimme und ihre leichten Fußtritte auf der Treppe. Als sie in’s Zimmer trat, ging ihr Julius entgegen, ergriff ihre Hand und hielt sie mit sanftem Drucke fest. »Wir haben hier einen kleinen Familiendisput«, sagte er, indem er es versuchte ihr Muth einzuflößen »und Geoffrey ereifert sich dabei, wie gewöhnlich!«

Geoffrey wandte sich trotzig gegen seine Mutter und sagte: »Sieh’ sie an! Sieht sie aus, als ob sie Hunger litte? Ist sie schlecht gekleidet? Trägt sie die Spuren von Schlägen?« Dann fuhr er gegen Anne gewandt fort: »Sie sind hergekommen uns eine Trennung vorzuschlagen, sie glauben Beide, ich hasse Dich. Ich hasse Dich nicht. Ich bin ein guter Christ. Ich verdanke es Dir, daß ich in dem Testament meines Vaters übergangen bin; ich vergebe Dir das! Ich verdanke es Dir, daß mir die Chance entgangen ist, eine Frau mit einem jährlichen Einkommen von zehntausend Pfund zu heirathen; auch das vergebe ich Dir! Ich bin nicht der Mann, der eine Sache halb thut. Ich habe Dir gesagt, ich wolle es versuchen Dir ein guter Ehemann zu sein, und was ich gegen Dich gefehlt habe, wieder gut zu machen. Nun, ich bin so gut wie mein Wort; und was geschieht? Man insultirt mich. Meine Mutter und mein Bruder kommen her und bieten mir Geld an, um mich zu bewegen, mich von Dir zu trennen. Hol’ der Henker das Geld. Ich will Niemandem verpflichtet sein, ich will mir selbst mein Brod verdienen. Pfui! über die Leute, die sich zwischen Mann und Weib eindrängen! Pfui! sage ich und nochmals Pfui!«

Anne, der diese Aeußerungen Geoffrey’s unerklärlich waren, sah ihre Schwiegermutter an und fragte:

»Haben Sie eine Trennung zwischen uns vorgeschlagen!«

»Allerdings; und zwar unter den vorteilhaftesten Bedingungen für meinen Sohn. Haben Sie irgend etwas dagegen einzuwenden?«

»O, Lady Holchester, bedarf es dieser Frage an mich? Was sagt er dazu?«

»Er lehnt es ab.«

»Lehnt es ab?«

»Jawohl", sagte Geoffrey, »und ich bleibe dabei. Ich beharre bei dem, was ich Dir diesen Morgen gesagt habe. Ich will es versuchen, Dir ein guter Ehemann zu sein, und was ich gegen Dich gefehlt habe, wieder gut zu machen.«

Er hielt einen Augenblick inne und fügte dann hinzu, was er als seinen letzten Grund angegeben hatte: »Ich liebe Dich.«

Während er diese Worte sprach, begegneten sich ihre Blicke Julius fühlte plötzlich, wie Anne’s Hand die seinige fest umschloß. Der verzweifelte Druck der zarten, kalten Finger, der flehende Ausdruck des Entsetzens, in den sich ihr sanftes, feines Gesicht ihm zuwandte, sprachen beredter als es Worte vermocht hätten: »Lassen Sie mich diesen Abend nicht einsam und freundlos hier.«

»Und wenn Ihr Beide hier bis zum jüngsten Tage bliebet«, sagte Geoffrey, »so würdet ihr doch nicht mehr aus mir herausbringen. Ich habe Euch mein letztes Wort gesagt.«

Mit diesen Worten setzte er sich mit verdrossener Miene in eine Ecke des Zimmers, und zeigte in seiner ganzen Haltung, wie sehnlich er den Moment erwarte, wo Mutter und Bruder ihn verlassen würden. Die Situation war höchst bedenklich. Jeder Versuch, diesen Abend noch weiter mit ihm über die Sache zu diskutiren, wäre ganz hoffnungslos gewesen. Eine Anrufung von Sir Patricks Vermittlung wäre für Geoffrey nur eine Veranlassung zu einem neuen leidenschaftlichen Ausbruch geworden. Andererseits erschien es als ein Gebot der einfachsten Humanität, die hilflose Frau, nach dem was vorgefallen war, nicht zu verlassen, ohne einen neuen Versuch gemacht zu haben, ihr beizustehen. Julius ergriff den einzig noch übrigen Ausweg aus dieser schwierigen Lage, den einzigen eines so ehrenwerthen und feinfühlenden Mannes würdigen Ausweg.

»Wir wollen die Sache heute Abend auf sich beruhen lassen, Geoffrey«, sagte er. »Aber ich bin, ungeachtet alles dessen, was Du gesagt hast, doch nicht weniger entschlossen, morgen auf den Gegenstand zurück zu kommen. Es würde mir viele Unbequemlichkeiten, eine zweite Fahrt aus der Stadt hierher und dann eine beschleunigte Rückfahrt, um meine Geschäfte nicht zu versäumen, ersparen, wenn ich heute Nacht hier bleiben könnte. Hast Du ein Bett für mich?«

Anne dankte ihm mit einem raschen Blick, der mehr sagte, als Worte es vermocht hätten.

»Ein Bett für Dich?« wiederholte Geoffrey, und stand im Begriff die Frage zu verneinen, als er sich noch eines Anderen besann. Seine Mutter und seine Frau beobachteten ihn scharf, und seine Frau wußte, daß das über ihnen befindliche Zimmer ein Fremdenzimmer war. »Jawohl«, fuhr er in einem anderen Tone und seine Mutter ansehend fort, »oben ist ein leeres Zimmer, das kannst Du bekommen, wenn Du willst. Du wirst finden, daß ich morgen noch ganz derselben Meinung bin, aber das ist Deine Sorge. Bleib hier, wenn es Dir Spaß macht; ich habe nichts dagegen, mir ist’s einerlei. Willst Du seine Lordschaft unter meinem Dach schlafen lassen«, fügte er gegen seine Mutter gewandt hinzu, »fürchtest Du nicht, daß ich dabei eine Absicht habe, die ich vor Dir verberge?« Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er gegen Anne gewandt fort: »,Sag’ der alten Stummen, daß sie das Bett macht. Sag’ ihr, wir hätten einen lebendigen Lord im Hause, sie solle uns was ausgesucht Feines zum Abendbrot schicken.«

Dabei brach er in ein gewaltiges, erzwungenes Lachen aus. In dem Augenblick; wo Anne hinausgehen wollte, erhob sich Lady Holchester und sagte:

»Ich werde nicht mehr hier sein, wenn Sie wieder herein kommen, lassen Sie mich Ihnen gute Nacht wünschen!« Dabei reichte sie Anne die Hand und gab ihr unbemerkt Sir Patricks Billet. Anne ging hinaus. Ohne ein Wort weiter mit Geoffrey zu reden, winkte Lady Holchester Julius, ihr seinen Arm zu geben. »Du hast edel gegen Deinen Bruder gehandelt«, sagte sie im Fortgehen zu ihm, »Julius, Du bist mein einziger Trost und meine einzige Hoffnung.« Geoffrey folgte ihnen, den Schlüssel in der Hand, bis zur Pforte.

»Sei nicht ängstlich«, flüsterte Julius seiner Mutter zu. »Ich will schon dafür sorgen, daß er heute Abend« nicht mehr trinkt, und werde Dir morgen bessere Nachrichten von ihm bringen. Du mußt Sir Patrick auf der Heimfahrt Alles erklären.« Er half seiner Mutter in den Wagen und kehrte mit Geoffrey in’s Haus zurück, nachdem dieser die Pforte wieder verschlossen« hatte. Schweigend gingen sie neben einander her.

Julius hatte es— seiner Mutter nicht eingestehen wollen, daß er sich in Wahrheit nichts weniger als ruhig fühlte. So sehr er von Natur dazu geneigt war, allen Dingen die beste Seite abzugewinnen, so wenig vermochte er doch, das, was Geoffrey an diesem Abend gesagt und gethan hatte, anders als mit besorgtem Gemüthe zu betrachten. Er war fest überzeugt, daß Geoffrey in seinem gegenwärtigen Verhältniß zu seiner Frau, zu einem uneingestandenen, verwerflichen Zweck eine wohl einstudirte Rolle spiele. Zum ersten Male erlebte er es, daß bei Geoffrey nicht das pekuniäre Interesse alle anderen Rücksichten überwog. Sie kehrten in’s Wohnzimmer zurück.

»Was willst Du trinken?« fragte Geoffrey.

»Nichts.«

»Was, Du willst nicht ein Glas Branntwein und Wasser mit mir trinken?«

»Nein, Du hast schon Branntwein und Wasser genug getrunken!«

Nachdem sich Geoffrey einen Augenblick mit zusammengezogenen Brauen in dem Spiegel betrachtet hatte; stimmte er plötzlich Julius bei.

»Ich sehe wirklich so aus«, sagte er; »das wollen wir bald wieder in Ordnung bringen.«

Er ging hinaus und erschien gleich darauf wieder, den Kopf mit einem nassen Handtuch umwickelt.

»Was willst Du anfangen, bis die Frauenzimmer Deine Schlafstube in Ordnung gebracht haben? Hier kann Jeder thun, wozu er Lust hat. Ich bin jetzt sehr darauf aus, an meiner Bildung zu arbeiten; ich bin ein ganz anderer Mensch geworden, seit ich verheirathet bin. Thu’ Du was Du magst —— ich werde lesen.«

Er trat an den Seitentisch, ergriff die Bände des Newgate-Kalender und reichte Julius einen davon; dieser gab ihm das Buch sofort mit den Worten zurück:

»Sind das« die Bücher, aus denen Du Deine Bildung schöpfst? Schlechte Handlungen in schlechtem Englisch erzählt, sind eine in jedem Sinne des Wortes schlechte Lectüre, Geoffrey.«

»Für mich gut genug. Was weiß ich von gutem Englisch?«

Mit diesem offenen Bekenntniß, welches die überwiegende Mehrzahl seiner Schul- und Universitätskameraden getrost hätten unterschreiben können, ohne dem gegenwärtigen Zustande der englischen Erziehung im Mindesten zu nahe zu treten, rückte Geoffrey seinen Stuhl an den Tisch und fing an, in einem der Bände seines Magazins von Criminalprocessen zu lesen. Auf dem Sopha lag eine Abendzeitung Julius nahm dieselbe zur Hand und setzte sich damit seinem Bruder gegenüber an den Tisch. Es fiel ihm auf, daß Geoffrey bei seiner Lectüre einen besonderen Zweck zu verfolgen schien. Anstatt von vorn anzufangen, durchblätterte er das« Buch und knickte einige Blätter ein, bevor er zu lesen begann. Wenn Julius, statt seinem Bruder gegenüber zu sitzen, ihm über die Schulter hätte blicken können, würde er gesehen haben, daß Geoffrey alle leichteren Criminalfälle unberücksichtigt ließ und sich für seine Lectüre nur die Fälle von schwerem Mord vermerkte.


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