Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Der Garten-Pavillon - Achtes Kapitel - Aufruhr im Hause
 

Mann und Weib



Achtes Kapitel - Aufruhr im Hause

Es war noch früh am Nachmittag, als die Gäste von Lady Lundie’s Gartenfest anfingen, in allen Ecken die Köpfe zusammenzustecken und sich gegenseitig in der Ansicht zu bestärken, daß etwas ganz Ungewöhnliches passirt sein müsse. Blanche hatte unerklärlicher Weise die Herren, mit denen sie zum Tanzen engagirt war, im Stich gelassen. Lady Lundie war ebenso unerklärlicher Weise aus dem Ballsaal verschwunden. Blanche war gar nicht, Lady Lundie mit einem gezwungenen Lächeln und offenbar sehr verstimmt wieder erschienen und hatte zu ihrer Entschuldigung vorgegeben, daß sie nicht ganz wohl sei; auf dieselbe Weise hatte sie Blanche’s Abwesenheit, wie auch die etwas vorzeitige Entfernung Miß Silvester’s vom Croquetspiel entschuldigt. Ein Witzling unter den Herren erklärte, die Sache komme ihm vor, wie die Declination eines Verbums: ich bin nicht wohl, Du bist nicht wohl, er ist nicht wohl, und so weiter. Auch Sir Patrick, man denke nur, der gesellige Sir Patrick, hatte sich von der übrigen Gesellschaft getrennt und humpelte in dem einsamsten Theile des Gartens ganz allein auf, und ab. Und nun die Domestiken —— die Sache war schon bis zu den Domestiken gedrungen ——, sie versuchten es wie ihre Herrschaften, in allen Ecken die Köpfe zusammenzustecken. Die Hausmädchen erschienen, wo Hausmädchen nichts zu thun haben, Thüren wurden auf und zugeschlagen und Kleider huschten auf den Treppen und in den oberen Stockwerken unruhig hin und her. Datist etwas nicht in Ordnung, das ist sicher! »Wir thäten besser uns zu entfernen, liebes Kind, laß den Wagen vorfahren.« — »Liebe Louise, tanze nicht mehr, Papa will fort.« —— »Adieu, Lady Lundie!« —— Besten Dank für den angenehmen Tag!« —— »Wie schade, daß Blanche nicht wohl ist.« —— »Es war ein reizendes Fest«

So machten sich die, Gäste mit den bei solchen Gelegenheiten üblichen nichts sagenden Redensarten vor dem Ausbruche des Sturmes aus dem Staube.

Auf diesen Moment hatte Sir Patrick bei seiner einsamen Wanderung in dem Garten nur gewartet. Er konnte sich jetzt der ihm zugemutheten Verantwortlichkeit nicht mehr entziehen. Lady Lundie hatte ihm ihren festen Entschluß mitgetheilt, Anne#s- Spur zu verfolgen und, natürlich nur im Interesse der Sittlichkeit, herauszubringen, ob sie wirklich verheirathet sei oder nicht! Blanche, die schon von der Aufregung des Tages sehr angegriffen war, brach bei der Nachricht von Anne’s Verschwinden in ein hysterisches Weinen aus und bildete sich ihre eigene Ansicht über Anne’s Flucht aus dem Hause. Anne würde ihre Heirath nicht vor Blanche geheim gehalten, ihr nicht einen so förmlichen Brief geschrieben haben, wenn sich Alles wirklich so einfach verhielt, wie sie es sie glauben machen wollte. Anne mußte von irgend einer Seite her sehr schlimme Nachrichten erhalten haben und Blanche war nicht minder entschlossen als Lady Lyndie ihre Spur zu verfolgen, um sie wo möglich selbst aufzusuchen und ihr nach Kräften beizustehen.

Sir Patrick, den beide Frauen in ihr Vertrauen gezogen hatten, sah voraus, daß Beide, seine Schwägerin und seine Nichte, wenn sie nicht zurückgehalten würden, Jede auf ihre Weise sich zu sehr unvorsichtigen Handlungen hinreißen lassen würden, die zu den unangenehmsten Folgen führen könnten. Es bedurfte an diesem Nachmittage entschieden der Autorität eines Mannes in Windygates, und Sir Patrick konnte sich der Erkenntniß nicht Verschließen, daß er diese Autorität ausüben müsse. »Es läßt sich viel für und viel gegen ein Junggesellenleben sagen«, dachte der alte Herr bei sich, als er in dem entlegensten Theil des Gartens, in welchen er sich zurückgezogen hatte, auf und ab humpelte und öfter als gewöhnlich auf die Feder in der Krücke seines elfenbeinernen Stockes drückte. »So viel ist aber gewiß, die verheiratheten Freunde eines Junggesellen können ihn zwar nicht verhindern, ein Junggesellenleben zu führen, aber was sie können und was sie nach Kräften zu thun bemüht sind, ist dafür zu sorgen, daß er seines Junggesellenlebens nicht froh werde.« Die Betrachtung Sir Patricks wurde durch das Nahen eines Dieners unterbrochen, den er schon vorher angewiesen hatte, ihm von dem Fortgang der Begebenheiten im Hause laufenden Bericht zu erstatten.

»Sie sind Alle fort, Sir, Patrick!« sagte der Diener.

»Gottlob Simpson!« Also jetzt haben wir nur noch mit den Logirgästen im Hause zu thun?«

»Nur mit diesen, Sir Patrick!«

»Und diese Logirgäste sind lauter Herren, nicht wahr?«

»Lauter Herren, Sir Patrick!«

»Auch gut, Simpson. Nun muß sich aber zuerst mit Lady Lundie sprechen. ——«

Giebt es wohl einen Entschluß, der an Festigkeit dem gleich käme, mit welchem eine Frau sich vornimmt, die Schwächen einer anderen von ihr gehaßten Frau aufzudecken?

Sir Patrick fand Lady Lundie damit beschäftigt, eine Untersuchung nach demselben Princip anzustellen, welches die Polizei beim Verschwinden einer Person beobachtet. Wer war die letzte Person, welche die Verschwundene gesehen hatte? Wer war der letzte Dienstbote, der Anne Silvester gesehen hatte? Vernommen wurden zunächst die männlichen Dienstboten vom Kellermeister bis zum Stalljungen herab; dann kamen die weiblichen Dienstboten an die Reihe, von der hochgestellten Köchin bis herab zu dem kleinen Mädchen, welches das Unkraut in dem Garten ausjätete. Lady Lundie war in ihrem Verhör gerade bis zu einem kleinen Groom gekommen, als Sir Patrick zu ihr trat.

»Liebe Schwägerin erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß wir in einem freien Lande leben und daß Sie durchaus kein Recht haben, den Schritten Miß Silvester’s von dem Augenblicke an, wo sie Ihr Haus verlassen hat, nachzuspüren.«

Lady Lundie schlug die Augen mit frommem Schauder zur Zimmerdecke auf und sah aus wie eine Märtyrerin der Pflicht!

»Nein«, Sir Patrick, so darf ich als eine christliche Frau die Sache nicht ansehen, diese unglückliche Person hat unter meinem Dache gewohnt, ist Blanche’s Gesellschafterin gewesen und ich bin verantwortlich, moralisch verantwortlich für ihr Thun. Ich gäbe die Welt darum, wenn ich die Sache so leicht nehmen könnte, wie Sie, aber nein, das darf ich nicht! Ich muß wenigstens mir im Interesse der guten Sitte und zur Beruhigung meines Gewissens Sicherheit darüber verschaffen, daß sie wirklich verheirathet ist, ehe ich mein Haupt diesen Abend niederlege.«

»Ein Wort, Lady Lundie.«

»Nein«, wiederholte Lady Lundie mit dem Ausdruck der sanftesten Entschiedenheit, »Sie haben vielleicht, von einem weltlichen Gesichtspunkte aus betrachtet, Recht; aber ich kann die Sache nicht aus diesem Gesichtspunkte ansehen, das widerstrebt meinem ganzen Wesen!«

Dabei wandte sie sich mit feierlichem Ernst wieder zu dem Diener.

»Du weißt, Jonathan, wohin Du kommst, wenn Du die Unwahrheit redest.«

Jonathan war ein wohlgenährter kleiner Müßiggänger, aber sehr rechtgläubig und antwortete:

»Jawohl, gnädige Frau, in die Hölle.«

Sir Patrick begriff, daß ein fernerer Widerspruch von seiner Seite in diesem Augenblick ganz vergeblich sein würde und faßte den weisen Entschluß, mit seiner Einmischung ruhig zu warten, bis Lady Lundie ihre Untersuchung beendigt haben würde; gleichzeitig aber beschloß er, —— da es bei der augenblicklichen Stimmung Lady Lundie’s unmöglich war, vorauszusehen, wessen sie fähig sein würde, wenn ihre Nachforschungen unglücklicherweise erfolgreich sein sollten, —— im Interesse aller Betheiligten, die nöthigen Maßregeln zu ergreifen, um das Haus für die nächsten vierundzwanzig Stunden von den Gästen zu säubern; »Gestatten Sie mir nur eine Frage, Lady Lundie« nahm er wieder auf, »die Lage der Herren, die hier zu Gaste sind, ist bei den jetzigen Vorgängen keine sehr angenehme. Wenn Sie sich damit begnügt hätten, keine weitere Notiz von dem Vorgefallenen zu nehmen, würde Alles sehr gut gegangen sein; wie die Sachen aber jetzt stehen, glauben Sie nicht, daß es für alle Theile angenehm sein würde, wenn ich Ihnen die Pflicht Ihre Gäste zu unterhalten, abnähme?«

»Unter der Voraussetzung, daß Sie es als Haupt der Familie thun«, erwiderte Lady Lundie.

»Als Haupt der Familie«, bestätigte Sir Patrick.

»Dann nehme ich Ihr Anerbieten dankbar an.«

»Bitte, bitte, es geschieht sehr gerne.« Sir Patrick verließ das Zimmer während das Verhör mit Jonathan seinen Fortgang nahm.

Sir Patrick und sein Bruder, der verstorbene Sir Thomas, waren sehr verschiedene Wege im Leben gegangen und hatten sich seit ihrer frühesten Jugend wenig gesehen. Sir Patricks Erinnerung wandte sich in diesem Augenblick einer längst vergangenen Zeit zu und erfüllte ihn mit Zärtlichkeit für das Andenken seines Bruders. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem Seufzer leise vor sich hin: »Armer Tom, armer Tom!«

Als er durch die Vorhalle ging, hielt er einen ihm begegnenden Diener an, um nach Blanche zu fragen.

»Fräulein Blanche hat sich mit ihrer Kammerjungfer in ihrem Zimmer eingeschlossen.

Eingeschlossen? dachte Sir Patrick, das ist ein schlimmes Zeichen, da werde ich noch mehr zu hören bekommen!

Während er noch darüber nachdachte, fiel ihm ein, daß er zunächst die Gäste des Hauses aufzusuchen habe. Ein sicherer Instinkt leitete ihn nach dem Billardzimmer. Hier fand er die Gäste zu einem feierlichen Conseil versammelt und in der Berathung darüber begriffen, was sie anfangen sollten. In zwei Minuten hatte Sir Patrick sie wieder in gute Stimmung versetzt: »Was meinen Sie zu einer Jagdpartie für morgen, meine Herren?« fragte er.

Alle Anwesenden, gleichviel ob Jäger oder nicht, erklärten sich zustimmig.

»Sie können«, fuhr Sir Patrick fort, »von hier oder von einem zu Windygates gehörigen Jagdschlößchen abfahren, das jenseits der Haide im Walde liegt. Das Wetter sieht für Schottland ziemlich sicher aus und wir haben Pferde genug im Stall. Es wird Ihnen nicht verborgen geblieben sein, meine Herren, daß unerwartete Dinge sich im Hause meiner Schwägerin zugetragen haben. Sie bleiben natürlich Lady Lundie’s Gäste, gleichviel, ob Sie hier oder im Jagdschlößen wohnen. Treffen Sie also Ihre Wahl. Was ziehen Sie für die nächsten vierundzwanzig Stunden vor: Das Haus oder das Schlößchen?«

Alle ohne Ausnahme, auch die an Rheumatismus Leidenden nicht ausgenommen, antworteten wie aus einem Munde: »Das Jagdschlößchen.«

»Sehr gut«, fuhr Sir Patrick fort, »lassen Sie uns feststellen, daß wir heute Abend nach dem Jagdschlößchen hinüberreiten und die Jagd auf der Haide morgen in aller Frühe versuchen. Wenn die Zustände im Hause es mir gestatten, werde ich mir ein besonderes Vergnügen daraus machen, Sie zu begleiten, sollte es mir aber unmöglich sein, so wollen sie mich heute Abend entschuldigen und es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich von Lady Lundie’s Verwalter vertreten lasse.«

Allgemeine Zustimmung.

Sir Patrick überließ die Gäste ihrem Billardspiel und ging nach dem Stall, um die nöthigen Anordnungen zu treffen.

Inzwischen verhielt Blanche sich in den oberen Räumen des Hauses unheimlich ruhig, während Lady Lundie in den unteren Räumen ihre Untersuchung fortsetzte. Nach Jonathan, dem letzten männlichen Dienstboten im Hause, kam die Reihe an den Kutscher den ersten männlichen Dienstboten außer dem Hause, und so fort bis hinunter zu dem Stalljungen. Da das Verhör der männlichen Dienstboten nicht den mindesten Erfolg hatte, ging Lady Lundie ohne Weiteres zu dem Verhör der weiblichen Dienstboten über. Sie klingelte und ließ die Köchin Hester Dethridge kommen. Eine sehr eigenthümliche Person trat in’s Zimmer. Aeltlich, und gemessen, äußerst sauber und respectabel in ihrer Erscheinung, das graue Haar glatt unter der weißen Haube zurück gestrichen, mit tief eingesunkenen Augen, eine Person, die beim ersten Anblick den Eindruck großer Vertrauenswürdigkeit machte, der man aber bei genauerer Betrachtung ansah, daß das Geheimniß schrecklicher Leiden auf ihr laste; diesen Eindruck empfing man aus dem unerschütterlich starren Blick, den man allmälig gewahr wurde, aus der todesähnlichen Ruhe, die sie nicht einen Augenblick verließ. Ihre Lebensgeschichte war, soweit man sie kannte, sehr traurig. In Lady Lundie’s Dienst war sie zu der Zeit, als Erstere sich mit Sir Thomas verheirathete, getreten; das ihr vom Pfarrer ihres Dorfes ertheilte Zeugniß besagte, daß sie an einen unverbesserlichen Trunkenbold verheirathet gewesen sei und daß sie, so lange derselbe gelebt, furchtbar von ihm zu leiden gehabt habe. Es hatte selbst jetzt, wo sie Wittwe war, sein Bedenkliches, sie in Dienst zu nehmen! Bei einer der vielen Gelegenheiten, wo sie von ihrem Manne körperlich mißhandelt worden war, hatte er ihr einen Schlag versetzt, der von sehr verhängnisvoller Wirkung auf ihr Nervensystem werden sollte. Wochenlang hatte sie bewußtlos dagelegen und war, als sie sich wieder erholte, der Sprache völlig beraubt gewesen; dazu kam, daß sie zuweilen ein sehr sonderbares Wesen hatte und daß sie bei der Annahme eines Dienstes es zur ausdrücklichen Bedingung machte, in einem Zimmer allein zu schlafen. Dagegen sprach es sehr zu ihren Gunsten, daß sie mäßig, höchst rechtlich und eine der besten Köchinnen in England war. Diese letztere Eigenschaft hatte Sir Thomas bestimmt, den Versuch mit ihr zu machen und er fand auch, daß er niemals in seinem Leben so gut gegessen habe, als seit dem Tage, wo Hester Dethridge die Leitung seiner Küche übernommen hatte. Nach seinem Tode blieb sie im Dienst seiner Wittwe. Lady Lundie war weit entfernt, ihre Köchin gern zu haben, man konnte sich eines unangenehmen Argwohns gegen diese Person nicht erwehren, über den sich Sir Thomas hinweggesetzt hatte, gegen den aber Alle, die für die Wichtigkeit eines guten Diners weniger empfänglich waren, als Sir Thomas, sieh unmöglich gleichgültig verhalten konnten. Die über den Zustand Hester’s consultirten Aerzte erklärten, daß sie sich durch gewisse physiologosche Erscheinungen zu der Annahme berechtigt glauben, saß die Person ihre Stummheit nur aus Gründen, sie selbst am besten wissen müsse, simulire; sie weigerte sich hartnäckig, das Alphabet der Taubstummen zu erlernen, weil sie, wie sie erklärte, wohl stumm, aber nicht taub sei. Man versuchte es, sie, da sie unzweifelhaft hörte, durch List dahin zu bringen, sich ihrer Sprache zu bedienen; aber umsonst! Man bemühte sich auch, ihr Antworten auf Fragen in Betreff ihrer Vergangenheit zu Lebzeiten ihres Mannes zu entlocken, aber sie weigerte sich ein für allemal, darüber Rede zu stehen. Von Zeit zu Zeit wurde sie von einem sonderbaren Drang ergriffen, sich einen freien Tag außerhalb des Hauses zu machen; wurde ihr die Erlaubniß dazu versagt, so weigerte sie sich, irgend etwas im Hause zu thun; drohte man ihr dann mit Entlassung, so verneigte sie sich mit einer Miene, die zu sagen schien: »Kündigen Sie mir, wenn es Ihnen beliebt, und ich gehe.« Zu wiederholten Malen hatte Lady Lundie sich begreiflicher Weise schon vorgenommen, eine solche Person nicht im Hause zu behalten, aber sie hatte diesen Entschluß bis jetzt nicht zur Ausführung gebracht. Eine Köchin, die eine vollkommene Meisterin in ihrer Kunst ist, die keinen Nebenverdienst sucht, die nichts vergeudet, die niemals in Streit mit den übrigen Dienstboten geräth, die nichts Anderes als Thee trinkt, der man ungezählt Summen Geldes anvertrauen kann, ist nicht leicht zu ersetzen. Wir Alle lassen uns in dieser Welt von Personen und Dingen vielerlei gefallen und so ließ sich auch Lady Lundie viel von ihrer Köchin gefallen. Hester Dethridge lebte so zu sagen, am Rande der Entlassung, hatte aber bis jetzt noch immer ihren Platz behauptet, ihre freien Tage bekommen, wenn sie darum gebeten hatte, was übrigens nicht oft vorkam und hatte, wohin sie auch mit der Familie reisen mochte, immer in einem verschlossenen Zimmer allein geschlafen.

Hester Dethridge näherte sich langsam dem Tisch, an welchem Lady Lundie saß; am Gürtel ihres Kleides hatte sie eine Schiefertafel mit einem Griffel hängen, deren sie sich bediente um solche Antworten zu ertheilen, die sie nicht durch eine Handbewegung oder ein einfaches Nicken oder Schütteln des Kopfes auszudrücken vermochte. Sie nahm Tafel und Griffel in die Hand und wartete mit steinerner Ergebenheit auf die Fragen ihrer Herrin. Lady Lundie eröffnete das Verhör mit der Eingangsfrage der sie sich bei allen übrigen Dienstboten bedient hatte: »Wissen Sie, daß Miß Silvester das Haus verlassen hat?« Die Köchin nickte mit dem Kopfe.

»Wissen Sie, wann das geschehen ist?«

Die Köchin nickte abermals und dass war die erste bejahende Antwort, die Lady Lundie erhalten hatte. Eifrig ging sie zur nächsten Frage über. Haben Sie Miß Silvester gesehen, als sie das Haus verließ?

Die Köchin nickte zum dritten Male.

»Und wo?«

Hester Dethridge schrieb langsam, in für eine Person ihres Standes merkwürdig festen und regelmäßigen Schriftzügen auf die Tafel die Worte: »Auf dem Wege der zur Eisenbahn führt, in der Nähe des Pachthofes der Mrs. Chew!«

»Was hatten Sie auf dem Pachthofe zu thun?«

Hester Dethridge schrieb: »Ich brauchte Eier für die Küche und etwas frische Luft für mich selbst.«

»Hat Miß Silvester Sie gesehen?«

Die Köchin schüttelte den Kopf.

»Nahm sie den Weg, der nach der Eisenbahn führt?«

Die Köchin schüttelte abermals den Kopf.

»Ging Miß Silvester weiter nach der Haide zur?«

Hester nickte mit dem Kopfe.

»Was that sie, als sie auf die Haide kam?«

Hester schrieb: »Sie schlug den Fußweg ein, der nach Craig Fernie führt.«

Lady Lundie sprang in großer Aufregung auf. Es gab nur ein einziges Haus, in welches eine Fremde in Craig Fernie gehen konnte.

»Also in den Gasthof?« rief Lady Lundie »Dahin ist sie also gegangen?«

Hester Dethridge rührte sich nicht.

Lady Lundie that eine letzte vorsichtige Frage mit den Worten: »Haben Sie irgend Jemandem davon etwas mitgeiheilt?«

Hester nickte.

Darauf war Lady Lundie nicht gefaßt gewesen. Sie dachte nicht anders, als Hester müsse sie mißverstanden haben. »Ich frage, ob Sie Jemandem etwas davon mitgetheilt haben?«

Hester nickte abermals.

»Jemand, der Sie wie ich befragte?«

Hester nickte zum dritten Male.

»Und das war?«

Hester schrieb auf ihre Tafel: »Miß Blanche.«

Lady Lundie fuhr entsetzt zurück bei der Entdeckung, daß Blanches Entschluß, Anne Silvester’s Spur zu verfolgen, allem Anscheine nach eben so fest sei, wie der ihrige. Ihre Stieftochter agirte also im Geheimen und auf eigene Verantwortlichkeit. Die Art, wie Miß Silvester das Haus verlassen hatte, empfand Lady Lundie als eine tödtliche Beleidigung. Als eine von Grund aus rachsüchtige Natur hatte sie fest beschlossen, jeden irgend compromittirenden Umstand in dem Geheimniß der Gouvernante herauszubringen und dem etwaigen Ergebniß ihrer Nachforschungen, natürlich nur aus reinstem Pflichtgefühl, die größtmögliche Verbreitung in ihrem Freundeskreise zu verschaffen. Wenn aber Blanche, wie es den Anschein hatte, in einer ganz entgegengesetzten Weise und nur im Interesse von Anne Silvester verfuhr, so war das Gelingen von Lady Lundie’s Bemühungen offenbar unmöglich. Was sie zunächst und zwar augenblicklich zu thun hatte, war, Blanche wissen zu lassen, daß sie von ihren Schritten unterrichtet sei und ihr streng zu untersagen sich ferner in die Sache zu mischen. Lady Lundie klingelte zwei Mal, was soviel bedeutete, als daß ihre Kammerjungfer erscheinen solle. Dann wandte sie sich wieder zu der Köchin die immer noch mit derselben steinernen Ruhe, ihre Schreibtafel in der Hand die Befehle ihrer Herrin erwartete. »Sie haben Unrecht gethan«, sagte Lady Lundie strenge, »ich bin Ihre Herrin, Sie haben mir Rede zu stehen!«

Hester Dethridge verneigte sich zum Zeichen ihrer Anerkennung des eben ausgesprochenen Princips.

Lady Lundie empfand diese Verneigung sofort als eine unpassende Unterbrechung. »Aber Miß Blanche ist nicht Ihre Herrin«, fuhr sie im scharfen Tone fort, »Sie sind sehr zu tadeln, daß Sie Miß Blanche’s Fragen über Miß Silvester beantwortet haben.«

Hester Dethridge schrieb, von diesem Vorwurf vollkommen unberührt, ihre Rechtfertigung in zwei ferneren Sätzen auf die Tafel: »Ich hatte keinen Befehl, Miß Blanche nicht zu antworten; ich bewahre Niemandes Geheimnisse, als meine eigenen.«

Durch diese Antwort war die seit Monaten schwebende Frage der Entlassung Hester Dethridges auf einmal entschieden. »Sie sind eine impertinente Person, ich habe es lange genug mit Ihnen ausgehalten und will es nicht länger, wenn Ihr Monat zu Ende ist gehen Sie.« Mit diesen Worten entließ Lady Lundie Hester Dethridge aus ihrem Dienste.

Nicht die leiseste Veränderung zeigte sich in dem finster-ruhigen Gesichtsausdruck Hester’s. Sie verneigte sich abermals zum Zeichen, daß sie das über sie verhängte Urtheil verstanden habe, ließ ihre Tafel herabhängen, drehte sich um und verließ das« Zimmer. Diese Person, die lebend und arbeitend auf der Welt umherging, war, soweit menschliche Interessen in Betracht kamen, so völlig außer allem Zusammenhang mit der Welt, als hätte sie eingesargt in ihrem Grabe gelegen.

In dem Augenblick, wo Hester das Zimmer verließ, trat Lady Lundie’s Kammerjungfer ein.

»Gehen Sie zu Miß Blanche und bitten Sie diese zu mir zu kommen, warten Sie einen Augenblick« —— sie hielt inne und ging mit sich zu Rath. Blanche konnte sich weigern, sich die Einmischung ihrer Mutter gefallen zu lassen, es konnte möglicher Weise nothwendig werden, die Autorität ihres Vormundes in Anspruch zu nehmen.

»Wissen Sie, wo Sir Patrick augenblicklich ist?

»Ich hörte Simpson sagen daß Sir Patrick nach den Ställen gegangen sei, gnädige Frau!«

»Lassen Sie Sir Patrick durch Simpson sagen, ich bäte ihn freundlichst gleich zu mir zu kommen.«

Eben waren die Vorbereitungen für die Abreise nach dem Jagdschlößchen getroffen und es fragte sich nur noch, ob Sir Patrick die Gesellschaft würde begleiten können, als der Diener mit der Botschaft seiner Herrin erschien.

»Wollen Sie mir eine viertel Stunde Zeit gönnen, meine Herren?« fragte er. »Nach Verlauf dieser kurzen Frist werde ich bestimmen können, ob ich mitgehen kann oder nichts« Es versteht sich von selbst, daß die Gäste sich bereit erklärten zu warten; die Jüngeren unter ihnen brachten als Engländer natürlich die kurze Muße damit zu, darauf Zu wetten, ob Sir Patrick sich werde losmachen können, oder ob man ihn im Hause festhalten werde; auf das letztere wurde Zwei gegen Eins gewettet.

Genau nach Verlauf einer viertel Stunde erschien Sir Patrick wieder. Die häuslichen Verhältnisse hatten das blinde Vertrauen, welches Jugend und Unerfahrenheit auf ihre Macht gesetzt hatten, getäuscht, Sir Patrick hatte sich frei gemacht.

»Die Dinge sind soweit in Ordnung«, sagte Sir Patrick, »daß ich im Stande bin, mit Ihnen zu gehen. Es giebt zwei Wege nach dem Jagdschlößchen; der eine längste führt an dem Gasthof von Craig Fernie vorüber; ich muß Sie bitten, diesen Weg mit mir zu nehmen. Dort muß ich auf einige Augenblicke absitzen um im Gasthof mit Jemanden ein kurzes Wort zu reden. Sie reiten inzwischen ruhig weiter.«

Es war Sir Patrick gelungen, Lady Lundie und auch Blanche zu beruhigen, und zwar Beide durch das feste Versprechen, das er Jeder von ihnen besonders gegeben hatte, statt ihrer nach Craig-Fernie zu gehen und persönlich dort Anne Silvester aufzusuchen. Ohne Weiteres bestieg er nun ein Pferd und die Jagdpartie verließ unter seiner Anführung Windygates.


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