Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib
 

Mann und Weib



Die Erzählung

Der Garten-Pavillon

Erstes Kapitel - Die Eulen

Im Frühling des Jahres 1868 lebten in einer schottischen Grafschaft zwei ehrwürdige weiße Eulen.

Sie bewohnten einen verfallenen und verlassenen Garten-Pavillon. Dieser stand in einem Garten, der zu einem unter dem Namen Windygates bekannten Landsitz in Perthshire gehörte.

Windygates lag nach der wohlüberlegten Wahl des Erbauers in jenem Theil der Grafschaft, wo die fruchtbare Ebene in hügeliches Land überzugehen anfängt. Das Herrenhaus war mit Umsicht erbaut und prächtig eingerichtet. Die Ställe waren ein Muster von lustiger Geräumigkeit, und Garten und Park waren eines fürstlichen Besitzers würdig.

Trotz dieser ausgezeichneten Vorzüge gerieth Windygates nicht lange nach seiner Erbauung in Verfall. Der Fluch eines Prozesses lag auf dem Hause und den dazu gehörigen Ländereien. Länger als zehn Jahre umfing ein endloser Rechtsstreit den Landsitz enger und enger mit seinen unbarmherzigen Armen und machte denselben nicht nur unbewohnbar, sondern auch völlig unnahbar. Das Haus war geschlossen. Der Garten wurde zu einer von üppigem Unkraut überwucherten Wildniß. Der Garten-Pavillon ward von Schlingpflanzen fast erdrückt und den Schlingpflanzen folgten die Nachtvögel.

Jahrelang lebten die Eulen ungestört auf dem Grund und Boden, den sie kraft des ältesten aller bestehenden Rechte, der Besitzergreifung, erworben hatten. Den Tag über saßen sie in feierlichem Schweigen mit geschlossenen Augen in dem kühlen Dunkel, mit welchem der Epheu sie umgab. Mit Anbruch der Dämmerung gingen sie auf ihr eigentliches Geschäft. In weiser Verbrüderung flogen sie geräuschlos über die friedlichen Gartenwege hin, sich den Stoff für ihre Mahlzeit zu suchen. Einmal jagten sie wie ein Hühnerhund über ein Feld hin und stürzten sich auf eine nichts Böses ahnende Maus; ein andermal flogen sie zur Abwechselung gespensterhaft über die schwarze Oberfläche eines Teiches hin und erbeuteten einen Barsch. In ihrer Nahrung nicht wählerisch, nahmen sie auch mit Ratten und Insecten fürlieb; es gab aber Momente, stolze Momente in ihrem Leben, wo sie einen schlafenden Vogel zu fangen wußten. In solchen Fällen erfüllte sie das Gefühl der Ueberlegenheit über die kleinen Vögel, welches die großen überall empfinden, mit einem Behagen, dem sie durch heiseres Gekreisch in der Stille der Nacht Ausdruck gaben.

So verlebten die Eulen Jahre lang die Tage in glücklichem Schlaf, die Nächte in Erbeutung ihrer Nahrungsmittel. Sie hatten sich gleichzeitig mit den Schlingpflanzen in den Besitz des Garten-Pavillons gesetzt, folglich bildeten die Schlingpflanzen einen wesentlichen Bestandtheil der Verfassung des Garten-Pavillons, und folglich waren die Eulen die Wächter dieser Verfassung. Es giebt menschliche Eulen, die ebenso raisonniren, wie unsere Nachtvögel, und die ihnen nicht nur in dieser Beziehung, sondern auch in Betreff des Schnappens nach kleineren schlafenden Vögeln wunderbar gleichen.

Die Verfassung des Garten-Pavillons hatte bis zum Frühjahr 1868 bestanden, als sich plötzlich die ruchlosen Tritte der Neuerung dem Platze näherten, und die ehrwürdigen Privilegien der Eulen zum ersten Mal einen Angriff erfuhren.

Uneingeladen erschienen zwei ungefiederte zweibeinige Wesen an den Pforten des Garten-Pavillons, nahmen die verfassungsmäßigen Schlingpflanzen in Augenschein und sprachen zu einander: »Die Schlingpflanzen da müssen herunter,« blickten in das entsetzliche Tageslicht und sprachen: »das muß hineindringen,« kamen überein, daß das morgen geschehen müsse und gingen wieder fort.

Und die Eulen sprachen: »Haben wir das Sommerhaus darum Jahrelang mit unserer Gegenwart beehrt, daß das entsetzliche Tageslicht nun doch endlich auf uns eindringe? Mylords und meine Herren vom Hause der Gemeinen, die Verfassung ist in ihren Grundfesten erschüttert!«

Sie faßte eine Resolution in diesem Sinn, wie es bei ihresgleichen gebräuchlich ist. Und darauf schlossen sie in dem Bewußtsein treuer Pflichterfüllung wieder ihre Augen.

Noch in derselben Nacht beobachteten sie bei ihrem Fluge über die Felder mit Schrecken ein Licht an einem der Fenster des Hauses. Was hatte das Licht zu bedeuten?

Es bedeutete erstens, daß der Prozeß endlich sein Ende erreicht hatte, zweitens, daß der Eigenthümer von Windygates der Geld brauchte, beschlossen hatte, dasselbe zu vermiethen, und drittens, daß sich ein Miether gefunden hatte und daß das Haus im Begriff stand, von innen und außen wieder in Stand gesetzt zu werden. Die Eulen erhoben, während sie über die dunklen Feldwege dahinflogen kreischend ihre Stimme. Der Fang einer Maus mißlang ihnen.

Am nächsten Morgen wurden die bei ihrer Ueberwachung der Verfassung in tiefen Schlaf versunkenen Eulen durch Stimmen ungefiederter Wesen, die rund um sie her erschallten aus ihrem Schlummer aufgeschreckt. Unter Protest öffneten sie die Augen und sahen Zerstörungswerkzeuge gegen die Schlingpflanzen gerichtet. Bald hier, bald dort bahnten diese Werkzeuge dem Tageslicht einen Weg in den Garten-Pavillon. Aber die Eulen waren dem großen über sie hereinbrechenden Ereigniß gewachsen. Mit zu Berge stehendem Gefieder schrieen sie: »Keine Ergebung!« Die ungefiederten Wesen aber arbeiteten ruhig weiter und antworteten mit dem Rufe: »Reform!« Die Schlingpflanzen wurden unbarmherzig herabgerissen; das entsetzliche Tageslicht drang heller und heller hinein. Die Eulen hatten kaum Zeit gehabt, eine neue Resolution des Inhalts zu fassen, daß sie fest zur Verfassung ständen, als ein Sonnenstrahl ihnen von außen her blendend in die Augen drang und sie in eiligem Fluge den nächsten schattigen Platz aufsuchen ließ. Hier blieben sie blinzelnd sitzen, während das Gartenhaus von dem erdrückenden Schlinggewächs gesäubert, das verfaulte Holzwerk erneuert und dem ganzen in feuchtem Dunkel verfallenden Gemäuer wieder frische Luft und heiteres Tageslicht zugeführt wurde. Und als die Menschen sich es nun betrachteten und sprachen: »so wird es gehen!« schlossen die Eulen in frommer Erinnerung an das ehemalige Dunkel ihre Augen und antworteten: »Mylords und meine Herren vom Hause der Gemeinen, die Verfassung ist in ihren Grundfesten erschüttert!«



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Zweites Kapitel - Die Gäste

Wer hatte die Umgestaltung des Garten-Pavillons angeordnet?

Der neue Miether von Windygates Und wer war dieser?

Der Leser mag sich selbst überzeugen.

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Im Frühling 1868 war, wie wir gesehen haben, der Garten-Pavillon der trübselige Aufenthaltsort eines Eulenpaars gewesen. Im Herbst desselben Jahres war er der anmuthige Sammelpunkt einer aus Herren und Damen, den Gästen des Miethers von Windygates, bei einem Gartenfeste bestehenden Gesellschaft.

Die Scene war beim Beginn des Festes so lieblich anzuschauen, wie heiteres Sonnenlicht, weibliche Schönheit und muntere Bewegung es nur machen können.

Im Innern des Garten-Pavillons hob sich die anmuthige Eleganz der bunten weiblichen Sommertoiletten von dem finstern Hintergrunde trübseliger moderner Herrenkleidung leuchtend ab. Von dem Garten-Pavillon aus sah man durch drei bogenförmige Oeffnungen hindurch über einen saftig grünen Rasen hinweg auf Blumenbeete und Gebüsch, und weiterhin durch eine in den Bäumen künstlich hergestellte Lichtung auf ein großes, die Aussicht abschließendes steinernes Haus, an dessen Vorderseite eine Fontaine plätscherte, deren Wasserstrahlen im Sonnenlicht bunt erglänzten.

Die ganze Gesellschaft war eben in einem oft von hellem Gelächter unterbrochenen heiteren und lebhaften Geplauder begriffen, als eine laute, das Gesumme der Gäste übertönende Stimme, Schweigen gebot. Im nächsten Augenblick trat eine junge Dame an die Schwelle des Garten-Pavillons und überschaute die Menge der Gäste, wie ein commandirender General ein Regiment überschaut, das er Revue passiren läßt.

Die junge Dame schien nicht im Mindestens verlegen, sie war hübsch und nach der neuesten Mode gekleidet. Ihre Stirn überdeckte ein Hut in Form eines Tellers. An ihrem Hinterkopf erhob sich ein weit aufgeblähter Ballon von hellbraunem Haar. Ueber ihre Brust ergoß sich ein wahrer Wasserfall von Perlen. Iu ihren Ohren glänzten ein Paar den lebendigen Originalen zum Erschrecken ähnlich sehende Käfer. Ihre enganliegenden Röcke glänzten im schönsten Himmelblau. Ihre Fußgelenke schimmerten durch die Hülle gestreifter Strümpfe hindurch. Ihre Schuhe waren sogenannte »Watteaus,« mit Hacken von einer Höhe, bei deren Anblick Männer schaudern.

Die junge Dame, die sich so der Gesamtheit der Gäste präsentirte, war Miß Blanche Lundie. Die ehemals rosige, kleine Blanche, die der Leser bereits aus dem Vorspiel kennt, war jetzt achtzehn Jahr alt, in einer ausgezeichneten gesellschaftlichen Stellung, reich, von lebhaftem Temperament und sehr wechselnden Neigungen, mit einem Worte, ein Kind unserer Zeit, mit den Vorzügen und Fehlern unserer Tage und mit einer Grundlage von echten Gesinnungen und wahrem Gefühl.

»Ruhig lieben Leute, wenn ich bitten darf,« rief Fräulein Blanche, »wir müssen uns für das Croquet-Spiel in zwei Parteien theilen; an die Arbeit, an die Arbeit.«

Nach diesen Worten trat eine zweite Dame aus der Menge der Gäste hervor, und antwortete der jungen Dame, die eben gesprochen hatte, mit einem vorwurfsvollen Blick und in einem Tone wohlwollenden Protestes.

Diese Dame war hoch gewachsen, kräftig gebaut und etwa fünf und dreißig Jahre alt; in ihrer Erscheinung boten sich den auf sie gerichteten Blicken eine grausame Adlernase, ein eigensinniges spitzes Kinn, prächtige schwarze Haare und gleichfarbige Augen, eine glänzende, sorgfältige Toilette und eine lässige Grazie in der Bewegung, die im ersten Augenblick etwas Anziehendes, aber bei längerer Betrachtung etwas unaussprechlich Monotones und Ermüdendes hatte. Das war die zweite Lady Lundie, nach viermonatlicher Ehe jetzt die Wittwe des verstorbenen Sir Thomas Lundie, mit andern Worten die Stiefmutter Blanche’s und die beneidenswerthe Besitzerin von Haus und Garten von Windygates.

»Liebes Kind,« sagte Lady Lundie, »Worte bedeuten etwas, selbst im Munde eines jungen Mädchens, nennst Du das Croquet-Spiel eine Arbeit?«

»Sie wollen es doch wohl nicht Vergnügen nennen?« rief eine ernst ironische Stimme aus dem Hintergrunde des Garten-Pavillons.

Die Gäste traten vor diesem letzten Sprecher zurück, der inmitten der modernen Gesellschaft ein Bild vergangener Zeiten darbot.

Das Wesen dieses, Mannes zeichnete sich durch eine geschmeidige Anmuth und Höflichkeit aus, die unserm heutigen Geschlecht abhanden gekommen zu sein scheinen. Seine Toilette bestand aus einer viel gefalteten weißen Cravatte, einem dicht zugeknöpften blauen Frack und nankingenen Kniehosen nebst entsprechenden Gamaschen; einem für unsere Augen lächerlichen Anzuge. In seiner bequemen Art zu reden gab sich eine unabhängige Art zu denken und eine hochentwickelte feine Gabe satyrischer Repliken kund, die bei der heutigen Generation gleich sehr gefürchtet und unbeliebt ist; er war von kleiner und schmächtiger Gestalt, mit einem schönen weißen Kopf und funkelnden schwarzen Augen; um seine Lippen spielte ein humoristischer Zug; an dem einen Bein hatte er einen Klumpfuß, trug aber dieses körperliche Gebrechen wie seine Jahre mit heiterm Muthe. In der Gesellschaft war er bekannt als Besitzer eines elfenbeinernen Spazierstockes mit einer in der Krücke desselben angebrachten Schnupftabaksdose, und gefürchtet wegen seines Hasses der modernen Institutionen, dem er zu passender und unpassender Zeit Luft machte, indem er immer dieselbe verhängnißvolle Neigung kund gab, geschickt die schwächsten Punkte der Gegner zu treffen. Das war Sir Patrick Lundie, der Bruder des verstorbenen Baronets Sir Thomas und nach dessen Tode der Erbe der Titel und Güter desselben. ——

Blanche nahm weder von dem Vorwurf ihrer Mutter, noch von dem Commentar ihres Onkels Notiz, deutete vielmehr auf einen Tisch, auf dein Croquet-Bälle und Hämmer bereit lagen, und lenkte die Aufmerksamkeit auf das Spiel zurück. »Ich führe die eine Seite an, meine Damen und Herren,« nahm sie wieder auf und Lady Lundie führt die andere Seite. Wir wählen unsere Spieler abwechselnd.« »Mama ist die ältere und muß daher auch zuerst wählen.« Mit einem Blick auf ihre Stieftochter, der so viel bedeutete als »wenn ich nur dürfte, würde ich dich in die Kinderstube schicken« drehte sich Lady Lundie um und ließ ihre Blicke über die Gäste hinschweifen Sie war offenbar bereits mit sich einig, welchen Spieler sie berufen wollte »Ich wähle zuerst Miß Silvester,« sagte sie mit einer besonders scharfen Betonung des Namens. Bei diesen Worten theilte sich die Menge abermals und hervortrat die uns bereits bekannte Anne Silvester. —— Fremden, die sie heute zum ersten Male sahen, erschien sie als eine einfache, schmucklos in Weiß gekleidete junge Dame in der Blüthe ihrer Jahre. Langsam trat sie vor die Dame des Hauses hin.

»Das ist ja ein reizendes Mädchen,« flüsterte einer der fremden Gäste einem der Freunde des Hauses zu; »wer ist sie?« Der Freund erwiderte flüsternd »,Miß Lundies Gouvernante, weiter nichts.«

Der Fremde sah die beiden Damen an und flüsterte wieder: »Da ist etwas nicht in Ordnung zwischen der Dame und der Gouvernante.«

Der Freund sah gleichfalls auf, die beiden Frauen und antwortete mit einem sehr ausdrucksvollen Worte: »Offenbar.«

Es giebt Frauen, deren Einfluß auf die Männer ein unergründliches Geheimniß für weibliche Beobachter ist.

Die Gouvernante gehörte zu diesen Frauen. Sie hatte die Reize, aber nicht die Schönheit ihrer unglücklichen Mutter geerbt.

Wenn man sie nach dem Maßstabe berühmter weiblicher Schönheiten und Illustrationen an den Schaufenstern der Kunsthändler beurtheilth so konnte das Erkenntniß nur dahin lauten: »sie hat keinen einzigen regelmäßigen Zug im Gesicht.« Auch hatte die ganze Erscheinung nichts besonders Bemerkenswerthes, so lange sie im Zustande der Ruhe verharrte. Sie war von gewöhnlicher Größe, nicht besser gebaut, als die meisten jungen Mädchen; Haar und Teint waren weder hell noch dunkel, sondern von einer indifferenten Farbe; noch schlimmer, sie hatte in ihrer Gesichtsbildung positive Mängel, ein nervöses Zucken des einen Mundwinkels verzog die Lippen, sobald sie sich bewegten; eine nervöse Unsicherheit des Blickes an derselben Seite des Gesichts kam einem Schielen sehr nahe, und doch, trotz dieser unbestreitbaren Mängel, war sie eines jener furchtbaren weiblichen Wesen, die über die Herzen der Männer und den Frieden der Familie nach Willkür gebieten.

Sie brauchte sich nur zu rühren und sie entwickelte in jeder ihrer Bewegungen etwas so unsagbar Reizendes, daß Jedermann sich nach ihr umschaute, seine Unterhaltung mit dem Nachbar unterbrach und sie beobachtete. Wenn sie bei Einem saß und sich mit Einem unterhielt, so übten der zuckende Mundwinkel und die Unsicherheit des Blickes in dem sanften grauen Auge einen eigenthümlichen Zauber, welcher körperliche Mängel in Schönheit verwandelte, die Sinne gefangen nahm, die Nerven dessen, den sie zufällig berührte, zucken und sein Herz höher schlagen machte.

Alles das widerfuhr wohlverstanden nur Männern, die Augen der Frauen gelangten bei ihrem Anblick zu ganz ganz anderen Resultaten. Die beobachtende Dame pflegte sich an die nächste weibliche Freundin zu wenden und im Tone aufrichtigen Mitleids mit dem andern Geschlecht zu sagen: »Was können die Männer nur an ihr finden.«

Die Augen der Frau vom Hause und die Augen der Gouvernante begegneten sich mit offenbarem Mißtrauen. Wenigen Beobachtern hatte entgehen können, was jener Fremde und der Freund des Hauses Beide bemerkt hatten, daß hier etwas unter der Oberfläche gähre.

Miß Silvester ergriff zuerst das Wort.

»Besten Dank, Lady Lundie,« sagte sie, »ich möchte lieber nicht mitspielen.«

Lady Lundie erwiderte mit einem Ausdruck äußerster Ueberraschung, der die Grenzen des gesellschaftlich Erlaubten überschritt und in scharfem Ton:

»Wirklich, ich muß gestehen, da wir doch Alle hier zusammen gekommen sind, um zu spielen, finde ich das auffallend; fehlt Ihnen etwas, Miß Silvester?«

Das zarte, bleiche Gesicht Miß Silvester? erröthete, aber sie war sich ihrer Pflicht als Dame und als Gouvernante bewußt, fand sich in das unvermeidliche und hielt so für dieses Mal das gute Einvernehmen äußerlich aufrecht.

»O, mir fehlt eigentlich nichts,« antwortete sie, »ich fühlte mich nur diesen Morgen nicht ganz wohl, aber ich werde mitspielen wenn Sie es wünschen.«

»Ich wünsche es!« entgegnete Lady Lundie.

Miß Silvester trat bei Seite, stellte sich an eine der Eingangsthüren des Gartenhauses und erwartete das Weitere, indem sie ihre Blicke mit sichtlicher innerer Unruhe, die sich durch das Heben ihres Busens deutlich kundgab, über den Rasen schweifen ließ.

Jetzt war die Reihe an Blanche, den nächsten Spieler zu wählen. Mit einem etwas unsicheren Blick überschaute sie die Gäste, bis ihr Auge auf einen Herrn in der vordersten Reihe fiel. Er stand neben Sir Patrick, ein echter Repräsentant der jetzt lebenden Generation, wie Sir Patrick der Repräsentant einer vergangenen Generation war.

Der moderne junge Mann war jung und blond, hoch gewachsen und kräftig; der Scheitel seines gelockten, blonden Haares fing in der Mitte der Stirn an und ging über den Hinterkopf bis zum Nacken hinunter. Seine Züge waren so vollkommen regelmäßig und so vollkommen unintelligent, wie menschliche Züge es nur sein können. Der Ausdruck seines Gesichts war der einer wunderbar unerschütterlichen Ruhe. Die Muskeln seiner kräftigen Arme waren durch die Hülle seines leichten Sommerrockes hindurch sichtbar; er hatte eine breite Brust, eine feine Taille und stand fest auf seinen Füßen. Mit einem Wort, er war ein prachtvolles, vom Scheitel bis zur Sohle zur höchsten Entwickelung seiner physischen Kräfte gelangtes menschliches Thier. Das war Mr. Geoffrey Delamayn, gemeiniglich der »Ehrenwerthe« genannt, eine Bezeichnung, die er in mehr als einer Hinsicht verdiente. Er war erstens »ehrenwerth« als der zweite Sohn des uns aus dem Vorspiel bekannten Advocaten, der jetzt Lord Holchester hieß; er war zweitens »ehrenwerth« als der Erringer des höchsten Siegespreises, welcher bei dem gegenwärtigen Erziehungs-System des modernen Englands erreicht werden kann, er hatte bei einem »Universitäts Wettrudern« den Preis davon getragen. Wenn man hinzunimmt, daß ihn nie Jemand etwas anders als eine Zeitung lesen gesehen, und daß er niemals eine Wette refüsirt hatte, so werden diese Züge zur Schilderung dieses ausgezeichneten jungen Engländers für jetzt genügen. Blanches Augen blieben sehr natürlich auf ihm haften, und sie wählte ihn als den ersten Spieler auf ihrer Seite: »Ich wähle Mr. Delamayn.«

Kaum hatte sie den Namen ausgesprochen, als die Röthe von Miß Silvester’s Gesicht verschwand und einer tödtlichen Blässe Platz machte. Sie schien den Garten-Pavillon verlassen zu wollen, hielt aber plötzlich inne und legte die eine Hand auf die Lehne einer neben ihr befindlichen Gartenbank; ein hinter ihr stehender Herr, der die Hand betrachtete, sah wie sich dieselbe so krampfhaft und gewaltsam zusammenballte, daß der Handschuh auf derselben platzte. Der Herr merkte sich das wohl und fand in diesem Zug den Beweis eines furchtbar leidenschaftlichen Temperament. Inzwischen beobachtete Mk. Delamayn sonderbarer Weise dasselbe Verfahren, zu welchem vor ihm Fräulein Silvester ihre Zuflucht genommen hatte, auch er suchte sich dem gemeinschaftlichen Spiel zu entziehen.

»Vielen Dank,« sagte er, »Sie würden mir eine noch größere Freude erweisen, wenn Sie einen andern Herrn wählen wollten, ich spiele nicht gern.«

Vor fünfzig Jahren würde man diese einer Dame ertheilte Antwort als eine nicht zu entschuldigende Impertinenz betrachtet haben, nach den gesellschaftlichen Regeln unserer Tage wurde die Antwort als ein Beweis einer liebenswürdigen Offenheit beifällig aufgenommen.

Die Gesellschaft lachte, aber Blanche wurde ungeduldig.

»Interessiren Sie sich denn für gar nichts Anderes, als für gewaltsame Körperübungen, Mr. Delamayn,« fragte sie in scharfem Ton, »muß es durchs aus ein Wettrudern oder ein Wettlaufen sein? wenn Sie etwas wie Geist besäßen, so würden Sie das Bedürfniß empfinden, sich ein wenig Ruhe zu gönnen; nun haben Sie zwar keinen Geist, aber Muskeln, warum wollen Sie diesen nicht auch ein wenig Ruhe gönnen?«

Die Spitzen von Blanche’s scharfem Witz glitten aber an Mr. Delamayn völlig ab.

»Wie es Ihnen gefällig ist,« erwiderte er mit unerschütterlichem Gleichmuth, »nehmen Sie es mir nicht übel, ich bin hier in Gesellschaft von Damen, die mich nicht rauchen lassen wollen und ich vermisse meine Pfeife schmerzlich, ich dachte ich könnte mich einen Augenblick davon machen und ein paar Züge thun, aber wenn Sie es wünschen, will ich auch spielen.«

»O bitte, rauchen Sie doch ja,« erwiderte Blanche, »ich werde einen Anderen wählen, ich will Sie gar nicht.«

Dem »ehrenwerthen« jungen Manne sah man an, wie sehr ihn diese Antwort erfreute.

Die ungestüme junge Dame wandte ihm den Rücken zu und sah sich nach den Gästen an der andern Seite des Pavillons um. »Wen soll ich wählen?« fragte sie sich selbst.

Ein junger Mann mit einer von der Sonne gebräunten Haut, der in Ausdruck und Wesen etwas von einem Seemann hatte, trat schüchtern auf sie zu und sagte flüsternd: »Wählen Sie mich.«

Auf Blanche’s Gesicht riefen diese Worte ein reizendes Lächeln hervor; allem Anschein nach war der dunkle junge Mann sehr gut bei ihr angeschrieben.

»Sie?« sagte sie kokett, »Sie verlassen uns ja in einer Stunde.«

Er wagte sich noch einen Schritt näher und sagte: Ich komme übermorgen wieder.«

»Aber Sie spielen ja so schlecht?«

»Ich könnte mich aber bessern, wenn Sie es mich lehren wollten!«

»Glauben Sie? dann will ich es mit Ihnen versuchen.«

Sie wandte sich mit heiterer Miene zu ihrer Stiefmutter und sagte: »ich wähle Mr. Arnold Brinkworth!«

Abermals schien hier in einem den Gästen unbekannten Namen etwas zu liegen, was gleichwohl einen besonderen Eindruck, dieses Mal nicht auf Miß Silvester, sondern auf Sir Patrick hervorbrachte. —— Er sah Mr. Brinkworth plötzlich mit einem Ausdruck von Interesse und Neugierde an, und würde, hätte nicht die Frau vom Hause in diesem Augenblicke seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, unfehlbar mit dem jungen Manne gesprochen haben. Die Reihe war an Lady Lundie, ihrerseits einen zweiten Spieler zu wählen. Ihr Schwager war für sie eine wichtige Person, und sie hatte ihre besonderen Gründe, sich bei dem Haupte der Familie beliebt zu machen. Sie setzte die ganze Gesellschaft in Erstaunen, als sie Sir Patrick zu ihrem Mitspieler erwählte.

»Mama,« rief Blanche, »wo denkst Du hin? Sir Patrick spielt gewiß nicht mit, Croquet war ja zu seiner Zeit noch gar nicht erfunden.«

Sir Patrick gestattete der jungen Generation nie, eine verletzende Bemerkung über seine Zeit zu machen, ohne dieser Generation mit gleicher Münze heimzuzahlen.

»Zu meiner Zeit,« sagte er zu seiner Nichte gewendet, »erwartete man von den Leuten, daß sie zu einer Gesellschaft, wie diese, einige liebenswürdige Eigenschaften mitbringen würden, in neuerer Zeit habt Ihr aber solche Anforderungen aufgegeben; das ist,« bemerkte der alte Herr, indem er einen der Croquethämmer vom Tische nahm, »eines der Erfordernisse des Erfolgs in der modernen Gesellschaft und hier,« fügte er hinzu, indem er einen Ball in die Hand nahm, »ist ein anderes; man lernt so lange man lebt, ich spiele mit.«

Lady Lundie, die gegen jede ironische Bemerkung gefeit war, lächelte anmuthig und sagte: »Ich wußte, daß Sir Patrick mir zu Gefallen mitspielen würde.«

Sir Patrick verneigte sich verbindlich.

»Lady Lundie,« antwortete er, »meine Gedanken sind für Sie kein Geheimniß und liegen offen vor Ihnen.«

Zum Erstaunen aller noch nicht vierzigjährigen Gäste gab er diesen Worten einen besonderen Nachdruck. Indem er die Hand aufs Herz legte und einen Vers citirte, sagte er: »Ich darf mit Dryden ausrufen: »Alt wie ich bin, für Frauenlieb’ nicht mehr gemacht, Fühl’ ich doch immer noch der Schönheit Macht.«

Lady Lundie war durch diese Galanterie ersichtlich beleidigt.

Mr. Delamayn ging noch einen Schritt weiter, mit der Miene eines Mannes, der sich gebieterisch berufen fühlt, eine Pflicht zu erfüllen, nahm er das Wort und sagte: »Das hat Dryden nicht gesagt, darauf lasse ich meinen Kopf.«

Mit Hilfe seines elfenbeinernen Spazierstockes drehte sich Sir Patrick rasch um und sah Mr. Delamayn scharf in’s Gesicht.

»Wollen Sie Dryden besser kennen als ich?« sagte er.

Der »ehrenwerthe« Geoffrey antwortete bescheiden: »Ich glaube wohl, denn ich habe drei Mal mit ihm um die Wette gerudert und wir haben uns zusammen auf’s Rudern eingeübt.«

Sir Patrick sah mit einem bitter triumphirenden Lächeln umher.

»Dann erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie mit einem Manne um die Wette gerudert haben, der vor ungefähr zweihundert Jahren gestorben ist.«

Mr. Delamayn wandte sich mit unverhohlenem Erstaunen an die ganze Gesellschaft.

»Was will der alte Herr,« fragte er. »Ich spreche von Tom Dryden vom Corpus-Chrifti-College, jeder Mensch auf der Universität kennt ihn.«

»Und ich,« entgegnete Sir Patrick, »spreche von dein Dichter John Dryden, den ersichtlich nicht Jeder auf der Universität kennt.«

Mr. Delamayn antwortete ganz ernsthaft: »Auf mein Ehrenwort, von dem habe ich mein Leben lang noch nichts gehört.«

Er lächelte und zog seine Rosenholzpfeife aus der Tasche.

»Haben Sie vielleicht ein Zündholz?« fragte er den alten Herrn in dem unbefangen freundlichsten Tone.

Sir Patrick aber antwortete in einem durchaus nicht freundlichen Tone: »Ich rauche nicht, Sir.«

Herr Delamayn sah ihn an, ohne im mindesten beleidigt zu sein.

»Sie rauchen nicht?« wiederholte er, »dann Begreife ich nicht, wie Sie Ihre Mußestunden hinbringen.«

Sir Patrick machte der Unterhaltung ein Ende.

»Das muß Ihnen allerdings unbegreiflich sein,« sagte er mit einer sehr leichten Verbeugung.

Während dieses»kleine Scharmützel vor sich ging, hatte Lady Lundie das Spiel arrangirt und die Gesellschaft, Spieler wie Zuschauer, fing an, sich nach dem Rasen hinzubewegen.

Sir Patrick hielt seine Nichte, die im Begriff war, sich in Gesellschaft des dunklen jungen Mannes« gleichfalls in den Garten zu begeben, zurück und sagte: »Laß Mr. Brinkworth bei mir, ich habe mit ihm zu reden.«

Blanche ertheilte demgemäß ihre Ordre Mr. Brinkworth wurde verurtheilt, bei Sir Patrick zu bleiben, bis sie seiner bei dem Spiel bedürfen würde.

Mr. Brinkworth war erstaunt, aber er gehorchte.

Während dieser Ausübung eines Actes der Autorität von Seiten Blanche’s begab sich etwas Bemerkenswerthes an der anderen Ecke des Garten-Pavillons. Mrs. Silvester benutzte die durch die allgemeine Bewegung nach dem Rasen hin verursachte Verwirrung, um dicht an Mr. Delamayn heranzutreten.

»In zehn Minuten,« flüsterte sie ihm zu, wird der Gartenpavillon leer sein, dann triff mich dort.«

»Der ehrenwerthe Geoffrey fuhr zusammen und sah sich verstohlen nach den Gästen in seiner Nähe um.

»Glaubst Du, daß wir da unbeachtet sein werden?« flüsterte er leise.

Die Lippen des Mädchens zitterten, es war schwer zu sagen, ob vor Zorn oder vor Furcht.

»Ich bestehe darauf,« antwortete sie, und verließ ihn.

Mr. Delamayn blickte ihr mit zusammengezogenen Augenbrauen nach und verließ auch seinerseits den Garten-Pavillon.

Der Rosengarten hinter dem kleinen Gebäude war in diesem Augenblick ganz leer; Geoffrey zündete seine Pfeife an und verbarg sich hinter den Rosen. Er rauchte in raschen, ungeduldigen Zügen; in der Regel war er für seine Pfeife ein äußerst milder Herr; wenn er den vertrauten Diener hetzte, so war das bei ihm ein sicheres Zeichen innerer Aufregung.



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Drittes Kapitel - Die Entdeckung

So waren denn nur noch zwei Personen im Garten-Pavillon Sir Patrick und Amold Brinkworth.

»Mr. Brinkworth«, fing der alte Herr an, »ich habe bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, mich mit Ihnen zu unterhalten und da Sie, wie ich höre, uns noch heute verlassen wollen, würde ich auch später keine Gelegenheit finden, mit Ihnen zu reden. Ich muß mich Ihnen zunächst vorstellen. Ihr Vater gehörte zu meinen vertrauten Freunden, wollen Sie, als sein Sohn, sich ebenfalls zu meinen Freunden zählen?« Dabei reichte er ihm die Hand und nannte seinen Namen. Arnold schlug sofort in die dargereichte Hand ein.

»Sir Patrick,« sagte er warm, »wenn mein armer Vater Ihren Rath befolgt hätte, würde er es sich zweimal überlegt haben, bevor er sein Vermögen beim Rennen verspielt hätte.....«

»Und er wäre vielleicht noch jetzt unter uns, und nicht als Verbannter in einem fremden Lande gestorben,« sagte Sir Patrick, den von Arnold begonnenen Satz vollendend »Reden wir nicht mehr davon, sondern von etwas Anderem.«

»Lady Lundie hat mir kürzlich über Sie geschrieben sie theilte mir mit, daß Ihre Tante gestorben sei und Ihnen ihr Gut in Schottland hinterlassen habe. Ist dem wirklich so, dann wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück.«

Aber warum sind Sie hier zum Besuch, statt auf Ihrem Gute nach dem Rechten zu sehen? Freilich ist es nur dreiundzwanzig Meilen von hier entfernt und Sie wollen wohl noch heute mit dem nächsten Zuge hinreisen? Recht so! Wie, und dann wollen Sie übermorgen wiederkommen? Aber warum denn das? Vermuthlich fesselt Sie etwas hier? Sie sind sehr jung, Sie sind Versuchungen aller Art ausgesetzt. Sind Sie denn ein leidlich verständiger Mensch? Wenn Sie einen soliden Grund von gesundem Menschenverstand haben, so verdanken Sie das nicht Ihrem armen Vater! Sie müssen noch ganz jung gewesen sein, als er die Aussichten seiner Kinder zerstörte. Womit haben Sie Ihre Zeit seitdem hingebracht? Was war Ihre Beschäftigung, als das Testament Ihrer Tante Sie für Lebenszeit zu einem Müßiggänger machte?«

Diese Fragen hatten etwas Inquisitorisches, aber Arnold beantwortete sie, ohne einen Augenblick zu zaudern und sprach mit einer Einfachheit, durch die er sich sofort Sir Patricks Herz gewann.

»Ich war auf der Schule zu Eton, als die Verluste meines Vaters ihn ruinirten; ich mußte die Schule verlassen und mir selbst mein Brot verdienen, und ich habe das sauer genug bis zu diesem Tage gethan. Ich habe auf Kauffahrteischiffen als Seemann gedient.«

»Kurz, Sie haben das Unglück wie ein braver Kerl getragen und das Ihnen zugefallene Glück reichlich verdient«, entgegnete Sir Patrick, »geben Sie mir die Hand, Sie gefallen mir! Sie sind nicht wie die andern jungen Leute in unsern Tagen; ich will Sie bei Ihrem Vornamen nennen, aber Sie dürfen das nicht erwidern und mich Patrick nennen wollen, denn ich bin zu alt dazu. —— Nun, wie gefallen Sie sich hier? Was ist meine Schwägerin für eine Art Frau und wie finden Sie das ganze Haus?«

Arnold brach in lautes Lachen aus.

»Das sind sonderbare Fragen aus Ihrem Munde an mich gerichtet, Sie sprechen ja, als ob Sie hier fremd wären!«

Sir Patrick drückte auf die Feder in der Krücke seines elfenbeinernen Spazierstockes. Ein kleiner goldener Deckel flog auf und es zeigte sich eine kleine im Innern verborgene Schnupftabacksdose. Er nahm eine Prise und lachte satyrisch in sich hinein über eine ihm durch den Kopf fahrende Idee, die er seinem jungen Freunde mitzutheilen nicht für nöthig hielt.

»Sie finden, daß ich wie ein Fremder rede«, nahm er wieder auf, »das bin ich auch. Lady Lundie und ich stehen in freundschaftlichem brieflichen Verkehr, aber wir gehen verschiedene Wege und sehen uns so selten wie möglich.«

»Meine Lebensgeschichte«, fuhr der liebenswürdige alte Herr mit einer reizenden Offenheit fort, welche alsbald alle Schranken der Verschiedenheit des Alters und Standes zwischen ihm und Arnold hinwegräumte, »ist nicht ohne Aehnlichkeit mit der Ihrigen, obgleich ich alt genug wäre, Ihr Großvater zu sein.«

»Ich verdiente mir mein Brod als schottischer Advocat, als sich mein Bruder zum zweiten Male verheirathete. Als er starb, ohne einen Sohn zu hinterlassen, avancirte ich plötzlich in der Welt wie Sie. Hier bin ich zu meinem eigenen aufrichtigen Bedauern als der jetzige Baronet, Ja, ja, zu meinem aufrichtigen Bedauern. Alle Arten von Verantwortlichkeit, an die ich nie gedacht hatte, werden mir jetzt aufgebürdet, ich bin das Haupt der Familie, der Vormund meiner Nichte. Ich muß hier bei diesem Gartenfeste erscheinen und fühle mich, unter uns gesagt, so vollständig aus meinem Element gerissen, wie es ein Mensch nur sein kann. Unter all’ diesen eleganten Leuten finde ich keinen einzigen, der mir gefällt »— Kennen Sie irgend Jemand hier?«

»Ich habe einen Freund hier in Windygates, der ebenfalls diesen Morgen angekommen ist,« antwortete Arnold, —— »Geoffrey Delamayn!«

Bei diesen Worten erschien Miß Silvester in der Thür des Garten-Pavillons. Ihr Gesicht überflog etwas wie Verdruß, als sie den Platz besetzt fand, sie verschwand unbemerkt und schlüpfte wieder zu den Spielenden hin.

Jetzt sah Sir Patrick den Sohn seines alten Freundes auf einmal mit dem Ausdruck vollständiger Enttäuschung an.

»Die Wahl Ihres Freundes überrascht mich etwas,« sagte er.

Arnold faßte die Worte arglos als eine Aufforderung zu einer näheren Mittheilung auf. »Ich bitte um Vergebung«, sagte er, »die Sache hat durchaus nichts Ueberraschendes. Wir waren vor Jahren Schulkameraden in Eton, und seitdem begegneten wir uns einmal, als ich mit meinem Schiffe und Geoffrey mit seiner Yacht fuhr. Geoffrey hat mir das Leben gerettet, Sir Patrick«, fügte er mit einer Stimme und einem Blick hinzu, in dem sich die höchste Bewunderung für seinen Freund aussprach»»wenn er mich nicht gerettet hätte, so wäre ich bei einem Schiffsunfall um’s Leben gekommen! War das nicht ein guter Grund, ihn zu meinem Freunde zu machen?«

»Das kommt ganz darauf an, wie hoch Sie Ihr Leben schätzen.«

»O«, antwortete Arnold, »natürlich sehr hoch!«

»Wenn das der Fall ist, so sind Sie allerdings Mr. Delamayn zu Dank verpflichtet und in seiner Schuld ——«

»Die ich nicht wieder abtragen kann.«

»Die Sie aber noch einmal mit Zinsen abtragen werden, wenn ich mich noch irgend wie auf menschliche Charaktere verstehe«, entgegnete Sir Patrick in einem sehr zuversichtlichen Tone.

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als Delamayn —— gerade wie kurz vorher Miß Silvester —— in der Thür des Garten-Pavillons erschien; auch er verschwand unbemerkt, wie Miß Silvester, aber sehr Verschieden von den Empfindungen dieser, fühlte sich der »ehrenwerthe« Geoffrey bei der Entdeckung, daß der Pavillon besetzt sei, sichtlich erleichtert.

Dieses Mal hatte Arnold die Sprache und den Ton Sir Patrick’s richtig aufgefaßt und unternahm eifrig die Vertheidigung seines Freundes.

»Sie sagen das in einem etwas bittern Tone,« bemerkte er, »was hat Geoffrey Ihnen zu Leide gethan?«

»Mir zu Leide gethan? er hat die Prätension zu existiren«, antwortete Sir Patrick »Erschrecken Sie nicht, ich spreche im Allgemeinen. Ihr Freund ist das Muster eines jungen Engländers unserer Tage und ich liebe diese Gattung nicht. Ich habe keinen Sinn für, den Enthusiasmus, mit dem man sie als ein herrliches nationales Product feiert, weil sie groß und stark ist, und das ganze Jahr hindurch kalte Sturzbäder nimmt, ohne sich Schaden zu thun. Nach meiner Ansicht werden die rein physischen Eigenschaften, welche die Engländer mit den Wilden und Thieren theilen, viel zu hoch geschätzt, und die schlimmen Resultate jener falschen Bewunderung fangen schon an, sich zu zeigen; wir sind geneigter als je, Allem, was in unsern nationalen Sitten roh ist, die Zügel schießen zu lassen, und Alles zu entschuldigen, was in unsern nationalen Handlungen gewaltsam und brutal ist. Lesen Sie doch unsre beliebtesten Schriftsteller, gehen Sie an die öffentlichen Vergnügungsorte, Sie werden überall auf eine Abnahme der Achtung vor den feineren Sitten des civilisirten Lebens und auf eine wachsende Bewunderung alles Oberflächlichen stoßen.«

Arnold hörte dem alten Herrn mit unverhohlenem Erstaunen zu: er hatte die unschuldige Veranlassung bieten müssen, Sir Patric’s Gemüth von einem Protest gegen eine Richtung unserer Zeit zu befreien, den er schon lange mit sich herum getragen hatte.

»Wie heiß nehmen Sie die Sache, Sir Patrick!« sagte Arnold mit rückhaltslosem Erstaunen.

Sir Patrick nahm sich sofort wieder zusammen.

»Beinahe so heiß,« erwiderte er, »wie die Leute, die bei einem Wettrudern in lauten Jubel ausbrechen oder sich in die Lectüre ihres Wettbuches vertiefen. Ja, ja, zu meiner Zeit ereiferten wir uns so leicht über viel geringfügigere Dinge! —— Doch lassen Sie uns von etwas Andern reden.«

»Ich weiß nichts Ungünstiges über Ihren Freund Delamayn, aber mich verdrießt die Dreistigkeit," rief Sir Patrick, wieder auf seine Betrachtungen zurückkommend, »mit der man es heutzutage überall aussprechen hört, diese körperlich gesunden Menschen müßten auch ohne Weiteres sittlich gesunde Menschen sein. Die Zeit wird lehren, ob diese dreiste Behauptung begründet ist oder nicht.

»Sie wollen also nach einem flüchtigen Besuch auf Ihrem Gute wieder hierherkommen? Ich kann nur wiederholen, daß das für einen Gutsbesitzer ein höchst sonderbares Verfahren ist. Was zieht Sie denn hierher?«

Noch bevor Arnold antworten konnte, rief ihn Blanche vom Rasen her; er erröthete und schickte sich eifrig an, dem an ihn ergangenen Rufe zu folgen.

Sir Patrick nickte mit dem Kopfe, wie Jemand, der eine ihn völlig befriedigende Antwort erhalten hat. »Oh,«, sagte er, »dahin fühlen Sie sich gezogen!«

Arnold’s Leben als Seemann hatte ihn in den Sitten und Gebräuchen des festen Landes sehr unbewandert gelassen. Statt ruhig auf den Scherz einzugehen, wurde er betroffen und ein tiefes Roth überflog sein Gesicht.

»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte er in gereiztem Tone.

Sir Patrick klopfte dem Seemann mit seiner weißen runzeligen Hand auf die Wange.

»Das haben Sie allerdings gethan, mein lieber Freund, und zwar in einer feurigen Sprache!«

Der kleine goldene Deckel in der Krücke seines Stockes sprang wieder auf und der alte Herr belohnte sich für diese treffende Antwort mit einer Prise.

In diesem Augenblick erschien Blanche »Mr. Brinkworth«, sagte sie, »Sie kommen gleich an die Reihe und Du kommst schon jetzt, lieber Onkel.«

»Gott sei mir gnädig! ich habe gar nicht mehr an das Spiel gedacht« Er sah sich um und fand seinen Hammer und seinen Ball noch auf dem Tische liegen. »Wo sind die modernen Ersatzmittel für Conversation?« rief er aus. »Da sind sie!« Und mit diesen Worten nahm er den Hammer wie einen Regenschirm unter den Arm und warf den Ball vor sich her, daß er dem Rasen zurollte »Wer mag Wohl«, sagte er bei sich, als er munter hinaus humpelte, »der erste Narr gewesen sein, der das Leben für eine ernste Sache erklärte! Da steh’ ich alter Thor mit einem Fuße im Grabe und die dringendste Frage, die mich diesen Augenblick beschäftigt, ist: »Werde ich meinen Ball durch die Ringe bringen?«

Arnold und Blanche blieben allein! Unter den persönlichen Vorzügen, welche die Natur den Frauen gewährt hat, giebt es keine beneidenswertheren, als die, am reizendsten auszusehen, wenn sie dem Mann ihrer Neigung gegenüberstehen. Als Blanche’s Augen, nachdem Sir Patrick den Gartenpavillon verlassen hatte, sich Arnold zuwandten, konnte selbst die abscheuliche Entstellung eines mächtigen Chignons und eines tellerartigen Hutes den dreifachen Reiz der Jugend, der Schönheit und der Zärtlichkeit, die aus ihren Augen strahlten, nicht schmälern; Arnold sah sie an und empfand bei dem Gedanken, daß er mit dem nächsten Zuge fortgehen und sie in der Gesellschaft von mehr als einem Bewunderer seines Alters zurücklassen müsse, eine Besorgniß, die ihm bisher noch nicht aufgestiegen war. In den vierzehn Tagen, die er unter demselben Dache mit Blanche verlebt hatte, war die Ueberzeugung in ihm reif geworden, daß sie das reizendste Geschöpf auf der Welt sei. Vielleicht, dachte er, würde sie es gar nicht so übel nehmen, wenn er ihr das sagte und er beschloß, es ihr in diesem günstigen Augenblick zu sagen. Aber wer hat je die Tiefe des Abgrundes gemessen, der zwischen Absicht und Ausführung liegt? Arnold’s Entschluß zu reden, war so fest, wie ein Entschluß nur sein kann und was wurde daraus? Zur Schande der menschlichen Schwäche sei es gesagt —— nichts als Schweigen.

»Sie scheinen nicht ganz wohl zu sein, Mr. Brinkworth«, sagte Blanche »Wovon hat Sir Patrick mit Ihnen gesprochen? Mein Onkel erprobt seinen Witz an Jedermann, haben Sie ihm auch als Zielscheibe dienen müssen?«

Arnold glaubte eine Gelegenheit gefunden zu haben, zwar in weiter Ferne, aber doch eine Gelegenheit. Sir Patrick ist ein gefährlicher alter Herr«, antwortete er; »gerade in dem Augenblick, als Sie eintraten, hat er mir ein Geheimnis; vom Gesicht abgelesen!« Arnold hielt inne, faßte sich aber ein Herz und ging gerade auf sein Ziel los. »Ich möchte wohl wissen«, fragte er geradezu, »ob Sie dieselbe Gabe besitzen, wie Ihr Onkel.«

Blanche verstand ihn auf der Stelle. Hätte sie Zeit gehabt, so würde sie sich wahrscheinlich seiner angenommen und ihn Schritt für Schritt sanft an sein Ziel geleitet haben, aber in höchstens zwei Minuten war Arnold an der Reihe zu spielen.

»Er will mir einen Antrag machen«, sagte Blanche bei sich, »und da hat er eine Minute Zeit dazu; er soll es in dieser Minute thun.«

»Wie!« rief sie aus, »meinen Sie, daß die Gabe des Errathens ein Familienerbtheil ist?«

Arnold stürzte sich Hals über Kopf auf die nächstliegende Antwort. »Ich wünschte, dem wäre so.«

Blanche sah wie ein Bild des Erstaunens aus »Wenn Sie in meinem Gesicht lesen könnten, was Sir Patrick darin gelesen hat« —— er hätte den Satz nur zu vollenden brauchen und die Sache wäre gethan gewesen, aber die Liebesleidenschaft gefällt sich darin, sich selbst tückischer Weise Hindernisse in den Weg zu legen. —— Gerade in diesem ungelegenen Augenblick wurde Arnold von einer plötzlichen Schüchternheit ergriffen und hielt in der denkbar ungeschicktesten Weise inne.

Blanche hörte vom Rasen her den Schlag des Hammers auf den Ball und das, Lachen der Gesellschaft über die Ungeschicklichkeit Sir Patricks. Die kostbarsten Secunden eilten dahin; sie hätte Arnold wegen seiner entsetzlichen Zaghaftigkeit schlagen mögen.

»Nun»sagte sie ungeduldig, »was soll ich denn in Ihrem Gesichte lesen?«

Arnold setzte noch einmal an und sagte: »Sie sollen darin lesen, daß ich ein bischen Aufmunterung brauche.«

»Von mir?«

»Ja wohl, von Ihnen.«

Blanche sah über ihre Schultern weg hinaus in den Garten. Der Garten-Pavillon stand auf einer kleinen Anhöhe, zu welcher Stufen führten. Die Spieler auf dem Rasen unten waren hörbar, aber nicht sichtbar. Jeden Augenblick konnte Jemand ganz unerwartet erscheinen. Blanche horchte, aber kein nahender Schritt war zu vernehmen. Jetzt war es wieder still, und dann erklang wieder ein Schlag des Hammers auf den Ball und dann ein allgemeines Händeklatschen. Sir Patrick war eine priviligirte Person, man hatte ihm vermuthlich erlaubt, das Spiel noch einmal zu versuchen, und er war bei dem zweiten Versuch glücklicher gewesen. Dadurch war ein kleiner Aufschub entstanden.

Blanche sah Arnold wieder an.

»Nun wohl, ich ermuthige Sie«, flüsterte sie, »das heißt,« fügte sie mit dem unvertilgbaren weiblichen Instinct der Selbstvertheidigung hinzu, »in den gehörigen Grenzen!«

Arnold setzte zum letzten Mal an und dieses Mal mit Erfolg. »Nun also. Ich liebe Sie, und zwar —— grenzenlos.«

Es war geschehen, die Worte waren ausgesprochen! Er hatte ihre Hand ergriffen, aber wieder zeigte sich die Tücke der Leidenschaft Kaum war das Bekenntniß, das Blanche so sehnlich erwartet hatte, den Lippen —— ihres Geliebten entfahren, als sie schon dagegen protestirte; sie versuchte, ihre Hand aus der seinigen zu befreien, und hieß Arnold sie in Ruhe zu lassen. Arnold hielt sie aber nur um so fester. »Versuchen Sie es doch nur, mich ein Bischen lieb zu haben«, bat er, »ich liebe Sie so sehr.«

Wer hätte einer solchen Werbung widerstehen können, wohl gemerkt, wenn man den Werbenden selbst liebte und wenn man sicher war, im nächsten Augenblick wieder gestört zu werden.

Blanche gab es auf, sich loszumachen und sah ihren jungen Seemann lächelnd an.

»Haben Sie diese Art, Liebeserklärungen zu machen, im Seedienste erlernt?« fragte sie schalkhaft.

Arnold aber ließ sich in der ernsthaften Verfolgung seines Zweckes nicht irre machen.

»Ich will wieder Seemann werden, wenn ich Sie erzürnt habe.«

Blanche hatte eine zweite Dosis Aufmunterung bereit.

»Zorn ist eine schlimme Leidenschaft, Mr. Brinkworth«, antwortete sie ernsthaft, »und ein wohlerzogenes junges Mädchen hat keine schlimmen Leidenschaften.«

In diesem Augenblick ließ sich ein Ruf nach Mr. Brinkworth vom Rasen her vernehmen. Blanche versuchte es, ihn hinaus zu schieben, aber Arnold war unbeweglich.

»Sagen Sie doch etwas mich zu ermuntern, ehe ich fortgehe«, bat er, »ein einziges Wort genügt.«

Blanche schüttelte mit dem Kopf. Jetzt war sie seiner sicher und konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihn zu quälen.

»Ganz unmöglich«, rief sie, »wenn Sie noch mehr Aufmunterung haben wollen, müssen Sie mit meinem Onkel reden.«

»Ich will mit ihm reden. Sagen Sie ja.«

Blanche versuchte zum zweiten Mal, ihn hinauszuschieben.

»Gehen Sie jetzt und geben Sie sich Mühe, den Ball durch die Ringe zu bringen.«

Sie hatte beide Hände auf seine Schultern gelegt; ihre Wangen waren den seinigen ganz nahe, sie war unwiderstehlich. Arnold faßte sie um den Leib und küßte sie. —— Jetzt war es nicht nöthig, ihn gewaltsam zu entfernen, damit er seinen Ball durch die Ringe bringe, er hatte ihn schon durchgebracht! Blanche stand sprachlos da. Arnold’s letzter Versuch in der Kunst, Liebeserklärungen zu machen, hatte ihr den Athem benommen und bevor sie sich noch wieder erholte, wurden herankommende Fußtritte deutlich vernehmbar. Arnold drückte sie noch einmal an sich und lief hinaus.

Sie sank auf den nächsten Stuhl und schloß die Augen im Gefühl einer glückseligen Verwirrung —— ——

Die Fußtritte kamen näher. Blanche öffnete die Augen und sah Anne Silvester Vor sich stehen und sie ansehen. Sie sprang auf und Anne um den Hals.

»Du weißt nicht, was geschehen ist«, flüsterte sie; »wünsche mir Glück, er hat sich erklärt, er ist auf ewig mein.« —— Alle schwesterliche Liebe und alles schwesterliche Vertrauen langer Jahre gaben sich in ihrer Umarmung und dem Ton ihrer Worte kund. Die Herzen der Mütter konnten sich jemals nicht näher gestanden haben, als es die Herzen der Töchter allem Anschein nach thaten, und doch, wenn Blanche in diesem Augenblick Anne angesehen hätte, würde es ihr nicht entgangen sein, daß Anne’s Gedanken sich mit etwas ganz Anderem als mit ihrer kleinen Liebesgeschichte beschäftigten.

»Du weißt doch, von wem ich rede«, fuhr sie fort, nachdem sie einen Augenblick auf eine Antwort gewartet hatte.

»Mr. Brinkworth?«

»Natürlich, wer sollte es sonst sein!«

»Und Du bist wirklich glücklich, mein Engel?«

»Glücklich«, wiederholte Blanche »Im strengsten Vertrauen, ich könnte vor Freuden Purzelbäume schlagen! Ich liebe ihn, ich liebe ihn, ich liebe ihn!« rief sie, mit kindischer Freude die Worte wiederholend Sie wurden mit einem tiefen Seufzer erwidert. Blanche sah Anne scharf in’s Gesicht und fragte mit plötzlich veränderter Stimme: »Was hast Du?«

»Nichts!«

Blanche hatte aber zu gut beobachtet, um sich mit dieser Antwort abfertigen zu lassen.

»Du hast allerdings etwas«, sagte sie, »fehlt Dir Geld«, fügte sie nach einer kurzen Ueberlegung hinzu, »Rechnungen zu bezahlen? Ich habe reichlich Geld, Anne, ich kann Dir leihen, was Du brauchst!«

»Nein, liebes Kind.«

Blanche war empfindlich Zum ersten Mal, so Lange sie denken konnte, war Anne etwas zurückhaltend gegen sie gewesen.

»Ich sage Dir alle meine Geheimnisse, warum verbirgst Du mir etwas? Weißt Du wohl, daß Du nun schon seit einiger Zeit besorgt und unglücklich aussiehst? Vielleicht magst Du Mr. Brinkworth nicht leiden! ——" Nein, Du magst ihn? Ist es denn meine Heirath? —— Das wird es sein! Du denkst, wir müssen uns trennen? —— als ob ich ohne Dich leben könnte! —— Natürlich mußt Du, wenn ich mit Arnold verheirathet bin, bei uns leben, das versteht sich ja ganz von selbst, nicht wahr?«

Anne trat plötzlich zurück und wies auf die Treppe hin: »Da kommt Jemand, sieh’ nur!«

Die ankommende Person war Arnold.

Blanche war an der Reihe zu spielen und er hatte sich erboten, sie zu holen.

Blanche’s Aufmerksamkeit, die bei andern Gelegenheiten leicht abzulenken war, blieb dieses Mal fest an Anne haften. »Du bist ja gar nicht Du selbst? Und ich muß den Grund wissen«, sagte sie, »ich will bis heute Abend warten, dann mußt Du auf mein Zimmer kommen und mir erzählen, was Dich quält! Sieh doch nicht so aus, Du mußt es mir erzählen und da hast Du einen Kuß.«

Sie ging mit Arnold und fand ihre ganze Munterkeit wieder, sobald sie ihn ansah.

»Nun, haben Sie Ihren Ball durchgebracht?«

»Ach! was kümmern mich die Bälle! Ich habe das Eis zwischen mir und Sir Patrick gebrochen.«

»Was? Vor der ganzen Gesellschaft!

»Natürlich! Ich habe mit ihm verabredet, ihn hier zu sprechen.«

Lachend gingen sie die Treppe hinunter zu den Spielenden.

Anne, die im Garten Pavillon allein blieb, ging langsam nach dem Hintergrunde desselben. An einem der Seitenwände hing ein Spiegel mit einem geschnitzten Holzrahmen Sie blieb stehen, sah hinein und schauderte bei dem Anblick ihres Spiegelbildes. »Ist der Augenblick gekommen«, sagte sie, »wo selbst Blanche in meinem Gesicht liest, was mit mir ist?« —— Dann aber wandte sie sich plötzlich von dem Spiegel ab und rang mit einem Verzweiflungsschrei die Hände und lehnte den Kopf gegen die Wand.

In diesem Augenblick erschien an der Schwelle der Thür eine männliche Gestalt. Es war Geoffrey Delamayn!



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Viertes Kapitel - Die Beiden

Er trat einen Schritt vor und blieb dann stehen,

Ganz in Gedanken versunken hörte Anne ihn nicht und rührte sich nicht.

»Ich bin gekommen, weil Du darauf bestanden hast«, sagte er von ihrer Erscheinung betroffen, »aber bedenke wohl, daß wir hier nicht sicher sind.«

Bei dem Klange seiner Stimme drehte sich Anne nach ihm um. Als sie langsam aus dem Hintergrunde des Garten-Pavillons herkam, trat in ihrem Gesicht eine plötzliche Veränderung des Ausdrucks hervor, welche eine sonst nicht bemerkbare Aehnlichkeit mit ihrer Mutter erkennen ließ. Wie die Mutter in vergangenen Tagen den Mann, der sie verleugnete, angeblickt hatte, so blickte jetzt die Tochter Geoffrey Delamayn an: mit derselben furchtbaren Ruhe und demselben furchtbaren Ausdruck der Verachtung!«

»Nun«, begann er, »was hast Du mir zu sagen?«

»Geoffrey Delamayn«, sagte sie, »Du gehörst zu den Großen dieser Welt, Du bist der Sohn eines Edelmannes, Du bist schön, Du bist beliebt in Deinen Clubs; Du hast Zutritt zu den besten Häusern in England, aber bist Du nicht bei alledem noch etwas Anderes? Bist Du nicht auch ein Feigling und ein Schurke dazu?«

»Er fuhr zusammen, öffnete die Lippen um zu sprechen, hielt aber ein und machte einen nicht sehr glücklichen Versuch die Sache wegzulachen »Komm, komm«, erwiderte er, »bleibe ruhig!«

Ihre bis jetzt zurückgehaltene Leidenschaft fing an hervorzubrechen »Ruhig bleiben soll ich?« wiederholte sie; »von allen Menschen bist Du wohl der letzte, der ein Recht hätte mich zur Selbstbeherrschung zu ermahnen. Wie schwach muß Dein Gedächtniß sein; hast Du die Zeit vergessen, wo ich thöricht genug war zu glauben, daß Du mich liebtest? Und war ich nicht wahnsinnig genug zu glauben, daß Du Dein Versprechen halten könntest?«

Er wiederholte den Versuch über die Sache zu lachen.

»Wahnsinnig ist nicht der richtige Ausdruck, Anne.«

»Wenn ich an meine Verblendung zurückdenke, so kann ich sie mir nicht erklären, ich verstehe mich selbst nicht! Was konnte ich an Dir finden, das auf mich eine solche Anziehungskraft ausübte?« fragte sie im Tone geringschätziger Verwunderung.

Sein unerschütterlicher Gleichmuth war selbst gegen diese Angriffe stichfest. Er steckte die Hände in die Tasche und sagte: »Ich weiß es wahrhaftig nicht!«

Sie wandte sich von ihm weg; diese offene brutale Antwort hatte sie nicht beleidigt, aber diese Antwort drängte ihr das grausame Bewußtsein auf, daß sie Niemanden als sich selbst für die Lage zu tadeln habe, in der sie sich in diesem Augenblick befand. Sie wollte ihn nicht merken lassen, wie schwer dieses Bewußtsein und die Erinnerung an vergangene Tage auf ihr laste. Es war eine traurige Geschichte, an die sich diese Erinnerungen knüpften.

Bei Lebzeiten ihrer Mutter war Anne das lieblichste liebenswürdigste Kind gewesen. Später unter der Obhut der Freundin ihrer Mutter, waren ihre Mädchenjahre so harmlos und glücklich verlaufen, daß es scheinen konnte, als ob die in ihr schlummernden Leidenschaften niemals erwachen würden.

So hatte sie fortgelebt, bis sie zur Jungfrau herangereift war, um dann, als sich ihr Leben zu seiner schönsten Blüthe entfaltet hatte, es in einen einzigen verhängnißvollen Augenblick an den Mann, der jetzt vor ihr stand, wegzuwerfen —— ——

Mie war das möglich gewesen? —— Sie hatte ihn mit andern Augen angesehen, als sie ihn jetzt ansehen mußte, sie hatte ihn gesehen als den Helden einer Wettruderfahrt, als den Sieger in einem Kampfe, in welchem Kraft und Geschicklichkeit den Ausschlag gaben, und der ganz England in Begeisterung versetzte, sie hatte ihn als den Mittelpunkt des Interesses, als das Ideal der Begeisterung und des Beifalls der Massen gesehen. Sein waren die Arme, deren Muskeln in den Zeitungen verherrlicht wurden; er war der erste unter den Helden, der als der Stolz und die Blüthe Englands von zehntausend jubelnden Kehlen begrüßt wurde. In diese Atmosphäre des glühendsten Enthusiasmus der Vergötterung der physischen Kraft nun denke man sich ein Mädchen versetzt. Darf man da verständiger und billiger Weise erwarten, daß sie sich kaltblütig fragt: »welchen moralischen und intellectuellen Werth hat das Alles?« Und noch dazu, wenn dieser Mann, der Gegenstand der allgemeinen Vergötterung ihr vorgestellt wird, wenn er Geschmack an ihr findet und sie vor allen Anderen auszeichnet?!

Jetzt stand sie da, von dem Bewußtsein ihres Geheimnisses gemartert, des schrecklichen Geheimnisses, welches sie vor dem unschuldigen Mädchen, an dem sie mit schwesterlicher Zärtlichkeit hing, verbarg. Erst jetzt, wo es zu spät war, durchschaute sie den Mann und erkannte sie seinen ganzen Unwerth. Erst jetzt, wo sie nur von ihm Rettung vor Schande erhoffen konnte, mußte sie sich fragen, was liebenswerth an einem Manne sei, der sie so behandeln konnte, wie er es eben jetzt that.

Es entstand eine Pause peinlichen Schweigens im Garten-Pavillon. Aus der Ferne erklang das heitere Lärmen der Spielenden auf dem Rasen. Draußen muntere Stimmen, Lachen aus jugendlichen Kehlen, das Stoßen des Hammers auf den Ball, —— drinnen ein Weib, das die bitteren Thränen des Kummers und der Schmach zurückdrängt —— und ihr gegenüber ein Mann, der kein Hehl daraus macht, daß er ihrer überdrüssig ist.

Endlich raffte sie sich auf, sie war die Tochter ihrer Mutter und trug einen Funken des mütterlichen Muthes in sich; ihre Zukunft hing von dem Ausgange dieser Zusammenkunft ab. Sie durfte, da ihr weder Bruder noch Vater zur Seite stand, einen letzten Versuch an sein besseres Ich nicht unterlassen; sie drängte ihre Thränen gewaltsam zurück und sagte in milderem Tone:

»Seit drei Wochen bist Du jetzt auf dem Landsitz Deines Bruders, nicht zehn Meilen von hier entfernt, Geoffrey, und nicht ein einziges Mal bist Du herübergeritten, um mich zu sehen! Du wärest auch heute nicht gekommen, wenn ich nicht in einem Billet an Dich, darauf bestanden hätte; habe ich eine solche Behandlung von Dir verdient?«

Sie hielt inne. Er antwortete nicht.

»Hörst Du mich nicht?« fragte sie vortretend und Ihre Stimme erhebend.

Er schwieg noch immer.

Das überstieg das Maß des Ertragbaren. Die Vorzeichen eines Unwetters wurden deutlich auf ihrem Gesicht erkennbar. Er kam dem Ausbruch desselben mit eiserner Stirne zuvor. Während ihn der Gedanke an diese Zusammenkunft, vorhin im Rosengarten unbehaglich gestimmt hatte, war er jetzt, wo er ihr gegenüberstand, wieder vollkommen Herr seiner selbst. Er hatte Gemüthsruhe genug, sich zu erinnern, daß er seine Pfeife nicht wieder in ihr Etui gesteckt hatte, Gemüthsruhe genug, diese Versäumniß in aller Gelassenheit nachzuholen, bevor er sich mit etwas Anderem beschäftigte. Er zog das Etui aus der einen und die Pfeife aus der andern Tasche.

»Fahre fort, ich höre!«

Sie schlug ihm die Pfeife ans der Hand. Wenn sie Kraft genug besessen hätte, würde sie ihn selbst auf den Boden des Garten-Pavillons niedergestreckt haben.

»Wie darfst Du es wagen, mich so zu behandeln?« brach sie heftig aus, »Dein Benehmen ist niederträchtig, vertheidige es, wenn Du es kannst.«

Er mochte gar keinen Versuch, sich zu vertheidigen. Mit dem Ausdruck einer unverhohlenen Besorgniß blickte er aus seine am Boden liegenden Pfeife, die ihn 10 Schilling gekostet hatte! »Ich will erst meine Pfeife vom Boden aufnehmen«, sagte er.«

Sein Gesicht erheiterte sich, er sah schöner aus als je, als er den kostbaren Gegenstand unversehrt fand und wieder in sein Etui steckte. »Wie gut«, sagte er bei sich, »daß sie mir die Pfeife nicht zerbrochen hat.«

»Ich appellire an Dein eigenes gesundes Urtheil«, sagte er jetzt in ruhigem und verständigem Tone, »wozu nützt es, daß Du Dich so heftiger Ausdrücke gegen mich bedienst; wünschest Du, daß die da Draußen Dich hören? Aber so seid Ihr Frauen Alle; man kann es anfangen wie man will, man bemüht sich vergebens, Euch ein bischen Vorsicht beizubringen.«

Hier hielt er inne und erwartete eine Antwort Von ihr.

Sie ihrerseits aber forderte ihn auf, fortzufahren.

»Sieh’«, sagte er, »Du hast gar keinen Grund, mir zu zürnen; ich will ja mein Wort nicht brechen, aber was kann ich thun, ich bin nicht der älteste Sohn meines Vaters, sondern hänge ganz und gar von ihm ab und stehe schon ohnedies auf schlechtem Fuße mit ihm; siehst Du jetzt, wie die Sache liegt? Du bist eine Dame, das weiß ich recht gut, aber Du bist doch nur eine Gouvernante. Es ist so gut in Deinem Interesse wie in meinem, wenn ich warte, bis mein Vater für mich gesorgt hat, mit einem Wort, wenn ich Dich jetzt heirathe, bin ich ein ruinirter Mensch.«

Diesmal blieb sie ihm die Antwort nicht schuldig.

»Du Schurke, und wenn Du mich nicht heirathest, bin ich ein zu Grunde gerichtetes Mädchen.«

»Was willst Du damit sagen?«

»Das weißt Du! Sieh mich nicht so an.«

»Wie kann ich ein Mädchen, das mich einen Schurken schilt, anders ansehen?

Plötzlich aber änderte sie ihren Ton.

Das in jedem Menschen schlummernde Element der Bestialität, zu dessen Bewältigung die Erziehung grade« dieses Mannes am Wenigsten geeignet gewesen war, fing an, sich in dem Ausdruck seiner Augen und in seiner Stimme leise zu zeigen.

Es war klar, daß Einer von Beiden nachgeben mußte.

Für das Weib stand am meisten auf dem Spiel und sie war es daher, die sich fügte.

»Sei nicht so hart gegen mich«, bat sie, »ich will auch nicht hart gegen Dich sein.«

»Der Zorn hat mich überwältigt, Du kennst meine heftige Gemüthsart, es thut mir leid, daß ich mich vergessen habe!«

»Geoffrey! meine ganze Zukunft liegt in Deiner Hand, willst Du mir nicht Gerechtigkeit angedeihen lassen?«

Sie trat nahe an ihn heran und legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Hast Du mir kein Wort zu sagen?«

Keine Antwort, nicht einmal ein Blick.

Sie wartete noch einen Augenblick, dann aber ging wieder eine merkwürdige Veränderung mit ihr vor.

Sie wandte sich um und ging langsam auf die Thür des Garten-Pavillons zu.

»Es thut mir leid, daß ich Sie gestört habe, Mr. Delamayn, ich will sie nicht länger incommodiren.«

Er sah sie an. Sie hatte die Worte in einem Tone gesprochen, den er an ihr nicht kannte; in ihren Augen leuchtete ein unheimliches Feuer.

Mit, einer plötzlichen und gewaltigen Bewegung streckte er die Hand nach ihr aus und hielt sie zurück.

»Wo willst Du hin?« fragte er.

Ihm gerade in’s Gesicht sehend, antwortete sie:

»Wohin seht viele junge Mädchen vor mir gegangen sind, fort aus dieser Welt!«

Er zog sie sanft an sich heran und sah ihr scharf in’s Auge. Selbst sein Verstand reichte hin, zu erkennen, daß er sie aufs Aeußerste gebracht hatte.

»Du willst Dir das Leben nehmen?«

»Ja, das will ich!«

Er ließ ihren Arm los.

»Bei Gott!« sagte er, »sie meint es wirklich!«

In dieser Gewißheit schob er einen der im Garten.Pavillon stehenden Stühle mit dem Fuß zu sich heran und sagte in rohem Ton:

»Setze Dich.«

Sie hatte ihm Furcht eingeflößt, und Furcht ist ein Gefühl, dass Männer seines Schlages selten befällt und das sie, wenn es sie einmal beschleicht, durch lautes und brutales Wesen zu übertäuben suchen.

Sie that, wie er ihr geheißen hatte.

»Hast Du mir kein Wort zu sagen?« fragte er mit einem Fluch.

»Nein!«

unbeweglich saß sie da und unbekümmert um den Ausgang.

Er ging einen Augenblick auf und ab, kam zurück und schlug mit der Hand zornig auf die Lehne seines Stuhls.

»Was willst Du?«

»Du weißt, was ich will.«

Er ging wieder auf und ab.

Es blieb ihm nichts übrig, als seinerseits nachzugehen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, daß sie in ihrer Verzweiflung etwas thäte, was ein ungeheures Aussehen machen würde und seinem Vater zu Ohren kommen könnte.

»Höre Anne«, sagte er plötzlich, ich habe Dir eine Proposition zu machen.«

Sie sah zu ihm auf.

»Was meinst Du zu einer heimlichen Ehe?

Ohne etwas zu fragen oder irgend einen Einwand zu erheben, antwortete sie ebenso kurz, wie er es gethan hatte: »ich erkläre mich mit einer heimlichen Ehe einverstanden!«

Auf der Stelle fing er wieder an zu zögern.

»Ich muß gestehen, ich weiß nicht, wie sich die Sache machen läßt.«

Hier unterbrach sie ihn. »Aber ich weiß es.«

»Was«, rief er argwöhnisch, »Du hast schon selbst an die Sache gedacht?«

»Ja«

»Und schon einen Plan entworfen? Warum hast Du mir das nicht früher gefragt?«

Sie antwortete stolz: »Weil es an Dir war, zuerst zu reden.«

»Nun gut, ich habe ja zuerst gesprochen, erklärst Du Dich mit einem kurzen Aufschub einverstanden?«

»Nein, nicht einen Tag« erwiderte sie in höchst entscheidendem Tone.

»Wozu denn die große Eile?«

»Kannst Du nicht sehen? Hast Du Augen?« fragte sie leidenschaftlich. Kannst Du nicht hören? Siehst Du nicht, wie Lady Lundie mich beobachtet? Hörst Du nicht, wie sie mit mir spricht? Sie hat bereits Verdacht geschöpft. Ich muß jeden Augenblick gewärtig sein, mit Schimpf und Schande von hier entlassen zu werden.«

Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken und blickte aus ihre im Schooße ruhenden Hände.

»Und Blanche, murmelte sie mit wiederausbrechenden Thränen, die sie dieses Mal nicht zurückhielt, »Blanche, die zu mir aufblickt, die mich liebt, die mir an eben dieser Stelle, vor wenigen Augenblicken sagte, daß ich bei ihr leben müsse, wenn sie verheirathet sein würde.«

Plötzlich erhob sie sich von ihrem Sitz und ihre Augen waren wieder trocken; der Ausdruck der Verzweiflung stand von Neuem in ihrem bleichen, abgehärmten Gesicht zu lesen.

»Laß mich! was sind alle Schrecken des Todes im Vergleich zu meinem Leben.«

Sie maß ihn vom Scheitel bis zur Sohle mit einem einzigen Blick der Verachtung. Mit dem lautesten und festesten Tone, der ihr zu Gebote stand, sagte sie:

»Würdest Du in meiner Lage nicht den Muth haben zu sterben, Geoffrey?«

Geoffrey sah hinaus auf den Rasen.

»Still, man wird Dich hören!«

»Laß sie mich hören! Wenn ich sie nicht mehr zu hören brauche, was liegt mir daran!«

Er zwang sie, sich wieder zu setzen. Im nächsten Augenblicke würde man sie draußen, trotz allen Lärmens und Gelächters der Spielendem haben hören müssen.

»Sage mir nur, was Du von mir willst und ich bin bereit Alles zu thun, nur sei verständig. Ich kann Dich doch heute nicht mehr heirathen?

»Warum nicht?

»Rede doch nicht solchen Unsinn, Haus und Garten hier sind voll von Gästen, wie ist es möglich?«

»Es ist möglich; ich habe darüber nachgedacht seit wir hier sind, ich habe Dir etwas vorzuschlagen. willst Du mich anhören oder nicht?«

»Sprich leise!«

»Willst Du mich anhören oder nicht?«

»Es kommt Jemand!«

»Willst Du mich anhören oder nicht?«

»Hole der Teufel Deinen Eigensinn, ich will Dich anhören!«

Diese Worte hatte sie ihm abgerungen; das war die Antwort, die sie haben mußte, die einzige, die ihr noch Hoffnung übrig ließ.

Kaum hatte er sich bereit erklärt sie anzuhören, als sie wieder für die dringende Nothwendigkeit empfänglich wurde, einer Entdeckung durch eine beliebige dritte Person, die in den Garten-Pavillon geschlendert kommen mochte, vorzubeugen.

Sie erhob den Finger zum Zeichen des Schweigens und horchte hinaus, was draußen auf dem Rasen vorgehe. Man hörte den dumpfen Aufschlag des Hammers auf die Balle nicht mehr, das Spiel war zu Ende.

Im nächsten Augenblick hörte sie ihren Namen rufen; noch einen Augenblick und eine ihr bekannte Stimme sagte: »Ich weiß wo sie ist, ich will sie holen.«

Sie wandte sich gegen Geoffrey und deutete auf den Hintergrund des Garten-Pavillons. »Ich bin an der Reihe zu spielen, Blanche kommt, um mich zu holen. Watte da hinten, ich will ihr auf der Treppe entgegengehen.« Mit diesen Worten ging sie hinaus.

Es war ein kritischer Augenblick. Eine Entdeckung wäre für beide Theile gleich verhängnißvoll gewesen.

Geoffrey hatte bei der Schilderung seines Verhältnisses zu seinem Vater nicht übertrieben; Lord Holchester hatte zweimal seine Schulden bezahlt und hatte dann erklärt, ihn nicht wiedersehen zu wollen. Wenn er sich noch einmal etwas zu Schulden kommen ließ, mußte er einer Enterbung gewärtig sein.

Anne’s Weisung folgend suchte er jetzt einen Ausweg, für den Fall, daß es ihm nicht gelingen sollte aus der Vorderthür zu entkommen. In der hintern Wand war eine Thür angebracht, deren sich die Domestiken zu bedienen hatten, wenn Picknicks oder Thee-Gesellschaften im Garten-Pavillon gegeben wurden.

Die Thür öffnete sich nach außen und war verriegelt. Mit seiner Riesenkraft war das leicht zu überwinden, er stemmte sich mit der Schulter gegen die Thür und öffnete sie auf diese Weise gewaltsam. In dem Augenblick aber fühlte er eine Hand auf seinem Arm. Anne stand allein hinter ihm.

»Es kann bald kommen, daß Du diese Thür nöthig hast«, sagte sie beim Anblick der offenen Thür, ohne irgend ein Erstaunen zu äußern, jetzt hast Du sie nicht nöthig. Ich habe einen Stellvertreter beim Spiel gefunden und habe Blanche gesagt, ich sei nicht wohl. Setze Dich. Ich habe uns einen Aufschub von fünf Minuten verschafft und muß denselben bestens benutzen. Nach Verlauf dieser fünf Minuten wird Lady Lundie’s Argwohn sie hierherführen um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Jetzt mach’ die Thüre zu;" sie setzte sich und deutete auf einen neben ihr stehenden Stuhl.

»Komm zum Schluß«, sagte er ungeduldig, »was willst Du?«

»Wir können uns noch heute heimlich verheirathen, höre mich an und ich will Dir sagen wie.«



Kapiteltrenner


Fünftes Kapitel - Der Plan

Sie ergriff seine Hand und fing an mit der ganzen Ueberredungskunst die ihr zu Gebote stand: »Eure Frage, Geoffrey, bevor ich beginne. Lady Lundie hat Dich zu einem längeren Besuch auf Windygates eingeladen, nimmst Du die Einladung an oder kehrst Du noch heute Abend zu Deinem Bruder zurück?«

»Ich kann heute Abend nicht zurück, sie haben mein Zimmer einem Gaste gegeben, ich muß hierbleiben, mein Bruder hat es absichtlich so eingericht. Ja Julius hilft mir, wenn ich in Noth bin und setzt mich nachher zurecht; er hat mich hergeschickt, um eine Familienpflicht zu erfüllen, Einer muß ja höflich gegen Lady Lundie sein und ich bin das Opfer.«

An dieses letzte Wort knüpfte sie an. »Gieb Dich nicht zu diesem Opfer her«, sagte sie. »Entschuldige Dich bei Lady Lundie und sage, Du seiest genöthigt zu Deinem Bruder zurückzukehren.«

»Warum?«

»Weil wir Beide noch heute Windygates verlassen müssen.«

Dagegen hatte er zweierlei einzuwenden. Wenn er Windygates heute verließ, so entging ihm eine Gelegenheit einen Anspruch auf Geldunterstützung von Seiten seines Bruders zu gewinnen, und wenn er gar in Gesellschaft von Anne fortging, so sahen ihn die Leute und ihr Gerede konnte leicht seinem Vater zu Ohren kommen.

»Wenn ich mit Dir fortgehe«, sagte er, »so kann ich nur meinen und Deinen Aussichten für die Zukunft Valet sagen.«

»Du sollst auch nicht mit mir fortgehen«, erklärte sie, wir wollen Windygates Einer nach dem Andern verlassen und Du zuerst.«

»Es wird aber großes Geschrei und Aufsehen im Hause machen, wenn man Dich vermißt.«

»Wenn das Croquet-Spiel vorbei ist, soll getanzt werden und ich tanze nicht und man wird mich nicht vermissen. Ich werde Zeit und Gelegenheit finden, mich auf mein Zimmer zurückzuziehen; ich werde einen Brief für Lady Lundie zurücklassen und einen Brief«, fügte sie mit zitternder Stimme hinzu — —»einen Brief für Blanche Unterbrich mich nicht; ich habe dieses, wie alles Andere wohl bedacht, was ich in meinen Briefen vorgeben werde, wird in wenigen Stunden wahr sein. Ich werde sagen, daß ich heimlich verheirathet sei und daß mich eine plötzlich erhaltene Nachricht nöthige, zu meinem Mann zu gehen. Das wird großen Aufruhr im Hause geben, das weiß ich recht gut, aber sie werden keine Veranlassung haben, mir nachzuschicken, wenn ich unter dem Schutze meines Mannes stehe. Was Dich persönlich betrifft, hast Du keine Entdeckung zu befürchten, und nichts zu thun, was nicht vollkommen sicher und leicht wäre. Warte hier eine Stunde, nachdem ich fortgegangen sein werde, um Aufsehen zu vermeiden, und dann folge mir!«

»Dir folgen?« unterbrach sie Geoffrey, »wohin?«

Sie zog ihren Stuhl näher an ihn heran und flüsterte ihm zu: »Noch einem kleinen, einsamen Gebirgsgasthof, vier Meilen von hier.«

»Einem Gasthof?«

»Warum nicht?«

»Ein Gasthof ist ein öffentlicher Ort!«

Sie konnte eine sehr natürliche Regung der Ungeduld nicht unterdrücken, beherrschte sich aber sogleich und fuhr wieder fort: »Der Ort, von dem ich rede, ist der einsamste Platz der ganzen Umgegend, man hat keine Späheraugen dort zu fürchten, gerade deshalb habe ich ihn gewählt. Der Gasthof liegt fernab von der Eisenbahn, fernab von der Landstraße, er wird von einer respectablen Schottin gehalten.«

»Respectable Schottinnen, welche Gasthöfe halten«, unterbrach sie Geoffrey, »geben jungen Damen, die allein reisen, keine Herberge; die Wirthin wird Dich nicht aufnehmen.«

Dass war ein trefflicher Einwand, verfehlte aber seine Wirkung. Ein Weib, das entschlossen ist sich zu verheirathen, ist gegen die Einwendungen der ganzen Welt gewaffnet.

»Ich habe Alles und auch das bedacht«, sagte sie, »ich werde der Wirthin erzählen, daß ich auf meiner Hochzeitsreise begriffen sei und daß mein Mann in der Nähe eine Bergpartie mache.«

»Das wird sie ohne Zweifel glauben«, antwortete Geoffrey.

»Sie braucht es gar nicht zu glauben, wenn Du mir nur folgst und nach Deiner Frau fragst, so wird meine Erzählung nachträglich wahr; sie kann die argwöhnischste Person von der Welt sein, so lange ich mit ihr allein bin, in dem Augenblick aber, wo Du erscheinst, ist dieser Argwohn beseitigt. Ueberlasse es mir, meine Rolle zu spielen, die die schwerere ist, und übernimm Du nur die Deinige.«

Es war für ihn unmöglich, »Nein« zu sagen; sie hatte ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, er versuchte es mit einem neuen Bedenken, um nur nicht »Ja« sagen zu müssen.

»Ich hoffe Du weißt, wie wir mit unserer Heirath zu Stande kommen sollen; alles was ich sagen kann, ist, daß ich das nicht weiß.«

»Du weißt es, Du weißt ja daß wir hier in Schottland sind! Du weißt auch sehr gut, daß es hier weder irgend welcher Förmlichkeit, noch eines Aufschubs bei einer Heirath bedarf. Mein Plan sichert meine Aufnahme im Gasthof und macht es Dir leicht, ohne Verdacht zu erregen, später zu folgen. Für das Uebrige müssen wir dann selbst sorgen. Ein Mann und ein Mädchen, die sich in Schottland heirathen wollen, haben sich nur die nöthigen Zeugen zu verschaffen und die Sache ist gethan. Wenn die Wirthin uns nachher die Täuschung entgelten lassen will, kann sie es in Gottes Namen thun, wir werden inzwischen Trotz ihrer unseren Zweck erreicht haben.«

»Bürde mir nicht die ganze Last der Verantwortlichkeit aus«, erwiderte Geoffrey. »Ihr Weiber geht immer mit dem Kopf durch die Wand. Wenn wir nun wirklich verheirathet sind, so werden wir uns doch gleich wieder trennen müssen, und wie sollten wir wohl die Sache geheim halten?«

»Natürlich gehst Du wieder zu Deinem Bruder zurück, als ob nichts vorgefallen wäre, und ich gehe nach London.«

»Und was willst Du dort anfangen?

»Habe ich Dir nicht schon gesagt, daß ich Alles bedacht habe? In London, wo meine Mutter Sängerin war, werde ich mich an einige ihrer alten Freundinnen wenden. Alle Leute sagen mir, daß ich eine schöne Stimme habe, die nur der Ausbildung bedarf, und ich will sie ausbilden. Ich kann mir auf respectable Weise meinen Unterhalt als Sängerin verschaffen und für die Zeit meiner Studien habe ich mir Geld genug erspart und die Freundinnen meiner Mutter werden mich um ihretwillen unterstützen.«

So spiegelte sich ihr selbst unbewußt in ihrem neuen Lebensplan, einer künstlerischen Carriere, das ehemalige Leben ihrer Mutter wieder. Aller Anstrengungen, sie daran zu verhindern, ungeachtet, wählte jetzt die Tochter die künstlerische Laufbahn der Mutter und hier stand, wenn auch aus anderen Motiven und unter anderen Umständen, die Tochter tm Begriff, das traurige Beispiel der unregelmäßigen irischen Heirath ihrer Mutter durch eine schottische Heirath nachzuahmen und hier war, merkwürdig genug, der Mann, der für diese Heirath verantwortlich war, der Sohn jenes Mannes, der die Ungültigkeit der irischen Heirath entdeckt und dem Gatten die Mittel an die Hand gegeben hatte, ihre Mutter von sich zustoßen. —— »Meine Anne, mein anderes Ich, sie trägt nicht den Namen ihres Vaters, sondern den Meinigen, sie ist Anne Silvester, wie ich es war. Wird sie auch enden, wie ich?« —— Die Antwort aus diese Frage, auf diese letzten Worte, die den Lippen der sterbenden Mutter entflohen waren, sollte nicht lange auf sich warten lassen. Durch alle Wechsel und Wandlungen der Jahre hindurch trat das Verhängniß, daß die Zukunft für Anne Silvester in ihrem Schooße barg, rasch an sie heran.

»Nun!« nahm sie wieder auf, bist Du mit Deinen Einwendungen zu Ende, wirst Du mir endlich eine bestimmte Antwort geben?«

Schon hatte er, noch ehe sie ausgesprochen, einen anderen Einwand in Bereitschaft. »Wie, wenn die Zeugen im Gasthof mich kennen und die Sache auf diese Weise meinem Vater zu Ohren käme?« —— »Wie, wenn Du mich zu einem verzweifelten Entschluß bringen solltest? —— unterbrach sie ihn aufspringend »In diesem Fall soll Dein Vater sicher die Sache erfahren, das schwör ich Dir.«

Auch er erhob sich und trat einige Schritte zurück, sie aber folgte ihm Schritt für Schritt.

In demselben Augenblick hörte man Händeklatschen auf dem Rasen, offenbar hatte Jemand einen vortrefflichen Wurf gethan, der das Spiel entschied. Es war zu befürchten, daß Blanche jeden Augenblick wiederkommen, und sehr wahrscheinlich, daß Lady Lundie, nun das Spiel zu Ende war, sich nach Anne umsehen würde.

Anne brachte die Verhandlung zur Entscheidung, ohne einen Augenblick länger zu verlieren.

»Geoffrey Delamayn«, sagte sie, »Du hast eine heimliche Heirath vorgeschlagen und ich habe meine Zustimmung dazu gegeben; bist Du jetzt bereit oder nicht, mich nach diesem, Deinem eigenen Vorschlage zu heirathen?«

»Gieb mir eine Minute Bedenkzeit.«

»Nicht einen Augenblick! jetzt zum letzten Mal, ja oder nein?«

Auch jetzt noch konnte er sich nicht entschließen »ja« zu sagen, aber er that eine Frage, die einer Bejahung gleich kam, indem er wild ausrief: »Wo liegt der Gasthof?«

Sie legte ihren Arm in den seinigen und flüsterte rasch: »Schlage den Weg zur Rechten ein, der zur Eisenbahn führt, folge dem Wege über die Haide und dem Fußpfad über den Hügel. Das erste Haus, auf das Du dann stößt, ist der Gasthof. Hast Du verstanden?«

Er nickte mit einem verdrossenen Zucken der Augenbrauen und nahm seine Pfeife wieder aus der Tasche.

»Laß mir die Pfeife dieses Mal in Ruhe«, sagte er, als er ihren Blick gewahr wurde. »Ich bin außer mir und wenn ein Mann außer sich ist, muß er rauchen. Wie heißt der Gasthof?

»Craig-Fernie!«

»Nach wem soll ich fragen?

»Nach Deiner Frau!«

»Und wenn man bei Deiner Ankunft nach Deinem Namen fragt?«

»Wenn ich einen Namen nennen muß, so werde ich mich statt Miß Silvester, Mrs. Silvester nennen. Ich werde auf jede Weise zu vermeiden suchen, irgend einen Namen zu nennen, und Du mußt Dich in Acht nehmen, Dich nicht zu versprechen und nur nach Deiner Frau fragen. Willst Du sonst noch etwas wissen?«

»Allerdings!«

»Nun, was denn? Aber bitte rasch!«

»Wie soll ich erfahren, daß Du von hier fort bist?«

»Wenn Du in einer halben Stunde, nachdem ich Dich verlassen haben werde, nichts wieder von mir hörst, so kannst Du sicher sein, daß ich fort bin.«

Zwei in Unterhaltung begriffene Stimmen wurden jetzt am Fuße der Treppe vernehmlich. Es waren die Stimmen Lady Lundie’s und Sir Patrick’s. Anne deutete auf die Hinterthür des Garten-Pavillons, ließ Geoffrey durch dieselbe entschlüpfen und hatte sie eben wieder zugezogen, als Lady Lundie und Sir Patrick an der Schwelle erschienen.



Kapiteltrenner


Sechstes Kapitel - Der Freier

Lady Lundie wies bedeutungsvoll aus die Thür hin und flüsterte Sir Patrick in? Ohr:

»Haben Sie bemerkt? Miß Silvester hat eben Jemand fortgehen lassen.«

Sir Patrick sah absichtlich nach der verkehrten Seite hin und erklärte in der höflichsten Weise von der Welt, nichts bemerkt zu haben.

Lady Lundie trat in den Garten-Pavillon. Argwöhnischer Haß gegen die Gouvernante war in unzweideutigen Zügen auf ihrem Gesicht zu lesen. Argwöhnisches Mißtrauen gegen das vorgebliche Unwohlsein der Gouvernante sprach vernehmlich aus jedem Tone ihrer Stimme.

»Darf ich fragen, Miß Silvester, ob es Ihnen besser geht?«

»Nein, es geht mir nicht besser, Lady Lundie!«

»Wie sagen Sie?«

»Ich sage, es geht mir nicht besser.«

»Und doch scheinen Sie im Stande, sich zu bewegen, ich bin nicht so glücklich; wenn ich unwohl bin, muß ich liegen.«

»Ich will Ihrem Beispiele folgen, Lady Lundie. Wenn Sie die Güte haben wollen, mich zu entschuldigen, werde ich auf mein Zimmer gehen und mich zu Bett legen.«

Sie war unfähig weiter zu reden. Die Zusammenkunft mit Geoffrey hatte sie völlig erschöpft, sie hatte nicht die Kraft nicht, der kleinlichen Bosheit dieser Frau zu widerstehen, nachdem sie die brutale Gleichgültigkeit jenes Mannes über sich hatte ergehen lassen müssen. Sie fühlte, daß ihre Thränen, die sie mit Gewalt zurückhielt, im nächsten Augenblick hervorbrechen würden. Sie wartete daher Lady Lundies Antwort nicht ab, sondern verließ ohne Weiteres den Garten-Pavillon.

Lady Lundie machte ihre glänzenden schwarzen Augen weit auf. Sie wandte sich an Sir Patrick, der auf seinen elfenbeinernen Stock gestützt, ein Bild ehrwürdiger Unschuld dastand und auf den Rasen hinausblickte.

»Darf ich Sie fragen, Sir Patrick, ob Sie, nach Dem, was ich Ihnen bereits über Miß Silvester’s Benehmen erzählt habe, in ihrem jetzigen Betragen etwas Auffallendes finden?«

Der alte Herr drückte auf die Feder an der Krücke seines Stockes und antwortete in der galanten Weise einer früheren Zeit:

»Ich finde in keinem Verfahren eines Mitgliedes Ihres bezaubernden Geschlechtes etwas Auffallendes.« Dabei verneigte er sich und nahm eine Prise. Mit einer gleich zierlichen Bewegung der Hand schüttelte er die verschütteten Körner vom Zeigefinger und Daumen ab, blickte wieder nach dem Rasen und schien vertiefter als je in das Spiel der jungen Leute.

Lady Lundie aber ließ sich nicht irre machen und war fest entschlossen, ihrem Schwager eine ernste Meinungsäußerung zu entlocken. Aber ehe sie noch wieder reden konnte; erschienen Arnold und Blanche zusammen am Fuße der Treppe des Garten-Pavillons.

»Und wann soll der Ball anfangen?« fragte Sir Patrick, indem er dem jungen Paare entgegenhumpelte und eine Miene machte, als ob er das lebhafteste Interesse an der Antwort dieser Frage finde.

»Das wollte ich gerade Mama fragen,« antwortete Blanche »Ist sie drinnen bei Anne und geht es Anne besser?«

In diesem Augenblick trat Lady Lundie hervor und übernahm die Antwort selbst auf diese Frage. »Miß Silvester hat sich auf ihr immer zurückgezogen.«

»Haben Sie wohl bemerkt, Sir Patrick, daß diese halb gebildeten Leute fast immer, so oft sie unwohl sind, auch grob werden?«

Blanches freundliches Gesicht erröthete »Wenn Du Anne für eine halb gebildete Person hältst, so stehst Du mit dieser Meinung ganz allein; mein Onkel stimmt darin mit Dir gewiß nicht überein.«

Sir Patricks lebhaftes Interesse an der ersten Quadrille hatte etwas wahrhaft Beunruhigendes. »Sage mir, liebes Kind, wann fängt der Ball an?«

»Je eher, je besser« schaltete Lady Lundie ein, »ehe Blanche Zeit hat, noch weiter mit mir über Miß Silvester zu streiten!«

Blanche sah ihren Onkel an.

»Fangt doch an, fangt doch an, und verliert keine Zeit,« erwiderte eifrig Sir Patrick, indem er mit seinem Stock auf das Haus wies.

»Gewiß, lieber Onkel, Alles was Du wünschest!«

Mit dieser an ihre Stiefmutter gerichtete Malice zog sich Blanche zurück.

Arnold, der bis jetzt schweigend am Fuß der Treppe gewartet hatte, sah zu Sir Patrick bittend auf. Der Zug, der ihn zu seinem ererbten Gut bringen sollte, ging in weniger als einer Stunde ab und er hatte sich Blanche’s Vormund noch nicht in der Eigenschaft eines Bewerbers um Blanche’s Hand vorgestellt. Sir Patrick’s Gleichgültigkeit gegen alle an ihn erhobenen Ansprüche an sein Familien-Interesse schien unerschütterlich. Da stand er auf seinen Stock gestützt, ein schottisches Lied vor sich hinsummend und neben ihm stand Lady Lundie entschlossen, ihn nicht zu verlassen, bis sie ihn dahin gebracht haben würde, die Gouvernante mit ihren Augen zu sehen. und nach ihrer Auffassung zu beurtheilen.

Sie ließ sich durch Sir Patricks Summen und Arnold’s ängstliches Warten nicht irre machen und nahm einen neuen Anlauf. Ihre Feinde behaupteten, es sei kein Wunder, daß der arme Sir Thomas wenige Monate nach seiner Verheirathung gestorben sei, und du lieber Gott, bisweilen haben unsere Feinde doch Recht.

Ich muß Ihnen noch einmal wiederholen, Sir Patrick, daß ich ernste Ursache habe, zu zweifeln, ob Miß Silvester eine passende Gesellschaft für Blanche ist. Die Gouvernante ist offenbar zurückhaltend, sie weint oft, wenn sie allein ist, sie geht in ihrem Zimmer auf und ab, wenn sie schlafen sollte, sie besorgt ihre Briefe selbst auf die Post und —— ist seit einiger Zeit außerordentlich ungezogen gegen mich. Es ist da etwas nicht ganz in Ordnung. Ich muß nothwendiger Weise Schritte in dieser Angelegenheit thun und es scheint mir schicklich, daß ich diese Schritte mit Ihrer Genehmigung, als Haupt der Familie, thue.«

»Ich lege meine Autorität mit Vergnügen in Ihre Hände, Lady Lundie.«

»Sir Patrick, ich bitte Sie, nicht zu vergessen, daß ich ernst rede und eine ernsthafte Antwort erwarte.«

»Beste Lady, fordern Sie was Sie wollen und es steht Ihnen zu Gebote. Aber seit ich meine Advocatur aufgegeben, habe ich keine ernsthafte Antwort mehr gegeben. In meinem Alter,« fügte Sir Patrick hinzu, indem er seiner Antwort schlau eine allgemeinere Wendung zu geben wußte, »giebt es nichts Ernsthafteres als Unverdaulichkeit. Ich sage mit jenem Philosophen: »Das Leben ist für die Denkenden eine Komödie und für die Fühlenden eine Tragödie.«

Er ergriff die Hand seiner Schwägerin und küßte sie: »Liebste Lady Lundie, warum sich mit Gefühlen abgeben!«

Lady Lundie, die sich niemals in ihrem Leben mit Gefühlen befaßt hatte, schien bei dieser Gelegenheit eigensinnig entschlossen etwas zu fühlen. Sie war beleidigt und zeigte es deutlich.

»Sir Patrick,« sagte sie, »wenn mich nicht Alles täuscht, so werden Sie sich ehestens in der Nothwendigkeit befinden, zuzugeben, daß Miß Silvester’s Benehmen über allen Scherz hinausgeht.«

Mit diesen Worten verließ sie den Garten-Pavillon und beförderte auf diese Weise Arnold’s Interesse, indem sie endlich Blanche’s Vormund allein ließ.

Das war eine vortreffliche Gelegenheit. Die Gäste hatten sich sämtlich nach dem Hause zurückgezogen; es war keine Unterbrechung zu befürchten. Arnold trat ein.

Sir Patrick setzte sich, von Lady Lundie’s Abschiedsworten völlig unberührt, ruhig im Garten-Pavillon nieder, ohne seinen jungen Freund zu bemerken und dachte bei sich: »Hat es jemals zwei Frauen gegeben, die nicht versucht hätten, einen Mann in ihren Streit hineinzugehen? Aber laß sie es nur versuchen, mich hineinzuziehen! Es soll ihnen nicht gelingen.«

Arnold trat einen Schritt vor und machte sich bescheiden bemerklich: »Ich hoffe, ich störe nicht?«

»Durchaus nicht! —— Du lieber Gott, wie ernsthaft der Junge aussieht! Wollen Sie mich auch als Haupt der Familie sprechen?«

In der That war das Arnold’s sehr entschiedene Absicht, aber er begriff, daß wenn er das in diesem Augenblicke zugestanden hätte, Sir Patrick aus einem ihm nicht verständlichen Grund es abgelehnt haben würde, ihn anzuhören.

»Er antwortete vorsichtig: »Ich habe Sie um eine vertrauliche Unterredung vor meiner Abreise gebeten und Sie waren so gut mir dieselbe zuzusagen.«

»O, ganz gewiß, ich erinnere mich, wir waren damals Beide höchst ernsthaft mit Croquetspielen beschäftigt und es war schwer zu sagen, wer von uns Beiden sich am Ungeschicktesten dabei benahm. Nun hier bin ich und stehe Ihnen mit meiner ganzen Erfahrung zu Diensten. Ich habe Sie nur vor einer Sache zu Warnen, reden Sie nicht zu mir als dem Haupte der Familie; ich habe diese Würde in Lady Lundie’s Hände niedergelegt.«

Er sprach halb im Scherz, halb im Ernst. Der Scherz gab sich in dem humoristischen Zug um seine Lippen kund.

Arnold wußte nicht recht, wie er das Gespräch auf Blanche bringen sollte, ohne Sir Patrick an seine Verantwortlichkeit als Haupt der Familie zu erinnern und ohne sich zur Zielscheibe von Sir Patrick’s Witz zu machen. In diesem Dilemma beging er gleich zu Anfang einen Fehler: er zauderte!

»Lassen Sie sich Zeit,« sagte Sir Patrick, »sammeln Sie Ihre Gedanken; ich kann warten, ich kann warten.«

Arnold sammelte seine Gedanken und beging einen zweiten Fehler. Er beschloß sehr vorsichtig zu Werke zu gehen. Unter den obwaltenden Umständen und einem Manne wie Sir Patrick gegenüber, war das vielleicht der unüberlegteste Entschluß, den er hatte fassen können; es war die Geschichte von der Maus, die es versucht, die Katze zu überlisten.

»Sie haben die große Güte gehabt, mir Ihre Erfahrungen zu Gebote zu stellen,« fing er an, »ich bitte um Ihren Rath ——«

»Den ich Ihnen auch geben kann, wenn Sie sitzen; nehmen Sie Platz.«

Seine scharfen Augen folgten Arnold mit einem Ausdruck malitiösen Entzückens.

»Meinen Rath, sagt der Patron da,« dachte Sir Patrick, »und meint —— meine Nichte.«

Arnold setzte sich, von Sir Patrick beobachtet, mit der wohlbegründeten Besorgniß nieder, daß er von hier nicht wieder aufstehen werde, ohne von Sir Patrick’s scharfer Zunge empfindlich gelitten zu haben.

»Ich bin noch ein junger Mensch« fuhr er, sich unruhig auf seinen Stuhl hin und her bewegend, fort, »und ich fange ein neues Leben an.«

»Ist an Ihrem Stuhl etwas nicht in Ordnung? Fangen Sie doch Ihr neues Leben behaglich an, —— nehmen Sie sich einen anderen Stuhl.«

»Der Stuhl ist ganz in Ordnung, Sir Patrick; würden Sie ——«

»Ob ich Ihnen rathen würde, in diesem Fall Ihren Stuhl zu behalten? Gewiß!«

»Nein, ich meine, ob Sie mir rathen würden ——«

»Lieber Freund, ich warte ja nur darauf Ihnen zu rathen. Aber ganz gewiß ist an Ihrem Stuhl etwas nicht in Ordnung; nehmen Sie sich doch einen andern.«

»Bitte, Sir Patrick, lassen Sie den Stuhl. Sie bringen mich aus der Fassung! —— Was ich von Ihnen zu wissen wünsche —— es ist vielleicht eine sonderbare Frage ——«

»Das kann ich nicht sagen, bevor ich sie gehört habe,« entgegnete Sir Patrick; »aber nehmen wir an es sei eine sonderbare Frage, oder noch stärker, wenn Ihnen das vielleicht die Sache erleichtert, nehmen wir an, es sei die sonderbarste Frage, die je, so lange die Welt steht, ein Mensch an den andern gerichtet hat!«

»Die Frage ist die!« platzte Arnold heraus, »ich möchte mich verheirathen!«

»Das ist keine Frage,« antwortete Sir Patrick, »das ist eine Erklärung! Sie sagen, Sie möchten sich verheirathen, ich antworte: Nun gut, und damit ist die Sache zu Ende.«

Arnold fing es an zu schwindeln »Würden Sie mir rathen, mich zu verheirathen?« bat er in kläglichem Tone; »das wollte ich sagen!«

»So, das ist der Zweck Ihrer Unterredung mit mir, ob ich Ihnen rathen würde zu heirathen? Wie? ——«

Die Katze, die dieses Mal die Maus gepackt hatte, ließ das unglückliche kleine Geschöpf einen Augenblick wieder los, um ihr Zeit zu gönnen, Athem zu schöpfen. —— Sir Patrick’s Benehmen verlor plötzlich jede Spur von Ungeduld, die er bisher vielleicht leise geäußert hatte und wurde so vollkommen behaglich und zutraulich, wie nur möglich. Er drückte aus die Feder seiner Krücke und nahm mit außerordentlichem Eifer und Genuß eine Prise. —— »Also, ob ich Ihnen rathen würde zu heirathen,« wiederholte Sir Patrick. »Bei der Beantwortung dieser Frage können wir zwei Wege einschlagen, Mr. Brinckworth. Wir können die Sache kurz oder wir können sie sehr weitläufig behandeln. Ich würde für die kürzere Behandlung stimmen. Was sagen Sie dazu?«

»Ich stimme Ihnen völlig bei, Sir Patrick!«

»Seht gut! Darf ich mit einer Frage in Betreff Ihres früheren Lebens beginnen?«

»Gewiß!«

»Sehr gut! Haben Sie während Ihres Dienstes auf der Handelsmarine einige Erfahrungen über Ankäufe am Lande gesammelt?«

Arnold sah ihn betroffen an. Der Zusammenhang dieser Frage mit dem Gegenstand, um den es sich für ihn handelte war für ihn völlig unerfindlich. Er antwortete mit unverhohlenem Erstaunen: »Allerdings, sehr viele Erfahrungen.«

»Ich komme zur Sache,« fuhr Sir Patrick fort,«wundern Sie sich nicht, ich komme schon zur Sache! Wofür hielten Sie den Puderzucker, den Sie bei den Gewürzkrämern am Lande kauften?«

»Wofür ich ihn hielt?« wiederholte Arnold »Nun ich hielt ihn eben für Puderzucker!«

»Dann heirathen Sie in Gottes Namen,« erwiderte Sir Patrick, »Sie sind einer der wenigen Männer, die dieses Experiment mit einiger Aussicht auf Erfolg versuchen können.«

Die Plötzlichkeit dieser Antwort versetzte Arnold völlig den Athem. Die Kürze seines ehrwürdigen Freundes hatte etwas Elektrisirendes; er starrte ihn noch verwunderter an, als vorhin.

»Verstehen Sie mich nicht?« fragte Sir Patrick.

»Ich verstehe nicht, was der Puderzucker mit meiner Heirath zu thun hat?«

»Das sehen Sie nicht?«

»Durchaus nicht!«

»Dann will ich es Ihnen sagen,« fuhr Sir Patrick fort, indem er die Beine übereinander schlug und sich auf seinem Sitz behaglich zurecht rückte.

»Sie gehen also in einen Gewürzkrämer-Laden und kaufen Puderzucker. Sie nehmen denselben, weil Sie ihn für Puderzucker halten, in der That aber ist es gar kein Zucker; es ist ein gefälschtes Gemisch, das aussieht wie Zucker. Sie verschließen Ihre Augen gegen diese unangenehme Wahrheit und schlucken Ihr verfälschtes Gemisch mit verschiedenen Speisen hinunter und vertragen sich so mit Ihrem vermeintlichen Zucker aufs Beste. Verstehen Sie mich jetzt?«

»Ja,« erwiderte Arnold, dem die Sache völlig dunkel war, »jetzt verstehe ich Sie!«

»Sehr gut,« fuhr Sir Patrick fort, »nun gehen Sie in einen Heirathsladen und nehmen sich eine Frau; Sie nehmen sie, in der Meinung, daß sie schönes blondes Haar, einen ausgezeichneten Teint, eine angenehme Körperfülle hat und daß sie gerade groß genug ist, diese Fülle zu tragen. Sie führen sie in Ihr Haus und Sie machen die Entdeckung, daß es dieselbe Geschichte wie beim Zucker ist! Ihre Frau ist ein verfälschter Artikel, ihr blondes Haar ist gefärbt, ihr vortrefflicher Teint ist geschminkt, ihre Körperfülle ist ausgestopft und drei Zoll ihrer Größe kommen auf die Hacken an den Schuhen. Sie machen die Augen zu und verschlucken Ihre verfälschte Frau, wie Sie Ihren verfälschten Zucker verschluckt haben. —— Ich wiederhole Ihnen, Sie sind einer der wenigen Männer, die ein Heirathsexperiment mit Aussicht aus Erfolg unternehmen können.« Mit diesen Worten schlug er seine Beine wieder auseinander und sah Arnold scharf an.

Endlich hatte dieser die Lection begriffen. Er gab den hoffnungslosen Versuch auf, Sir Patrick zu überlisten und ging, es mochte jetzt daraus entstehen, was da wollte, direct mit seiner Werbung um Sir Patrick’s Nichte vor.

»Das mag ganz wahr sein bei einigen jungen Damen, fing er an, ich kenne aber eine nahe Verwandte von Ihnen, auf die nichts von dem, was Sie von den Frauen im Allgemeinen gesagt haben, paßt.«

Das hieß auf die Sache direct losgehen. —— Sir Patrick nahm diese Offenheit Arnold’s beifällig auf und zeigte es, indem er auch seinerseits ohne Umschweife auf die Sache einging.

»Ist dieses weibliche Phänomen etwa meine Nichte?« fragte Sir Patrick. »Woher wissen Sie, wenn ich fragen darf, daß meine Nichte kein verfälschter Artikel ist, wie alle anderen Frauen?«

Arnold’s Entrüstung löste das letzte Band, das seine Zunge noch gefesselt gehalten hatte, er platzte mit den drei viel bedeutenden Worten heraus: »Ich liebe sie!«

Sir Patrick lehnte sich wieder behaglich in seinen Sessel zurück und streckte seine Beine bequem von sich, indem er sagte: »Das ist die überzeugendste Antwort, die ich je in meinem Leben gehört habe.«

»Ich rede in völligem Ernst,« erwiderte Arnold, der jetzt nichts als sein Ziel im Auge hatte. »Stellen Sie mich auf die Probe.«

»O! die Probe ist sehr leicht gemacht« Er sah Arnold an, ohne einen sarkastischen Zug um Augen und Lippen unterdrücken zu können. »Meine Nichte hat einen sehr schönen Teint und Sie halten diesen Teint für echt?«

»So gewiß, wie ich an die Schönheit des blauen Himmels da glaube.«

»So,« erwiderte Sir Patrick, »dann sind Sie wohl noch nie von einem Regen überrascht worden. Meine Nichte hat wunderbar schönes Haar, sind Sie überzeugt, daß das Alles ihr eigenes ist?«

»So schönes Haar kann auf gar keinem anderen weiblichen Kopf gewachsen sein.«

»Mein lieber Arnold, Sie scheinen eine viel zu geringe Vorstellung von dem Umfange und den Hülfsquellen des Handels mit künstlichen Haaren zu haben. Sehen Sie sich die Schaufenster der Friseure an, wenn Sie nächstens nach London kommen. Aber weiter, was halten Sie denn von der Gestalt meiner Nichte?«

»Nun, gegen diese wollen Sie doch kein Bedenken erheben. Jeder Mensch, der Augen im Kopf hat, kann sehen, daß es die lieblichste Gestalt von der Welt ist.«

Sir Patrick lachte in sich hinein und schlug die Beine wieder übereinander.

»Ganz gewiß ist sie das! Aber »die lieblichste Gestalt« ist ja auch die gewöhnlichste Sache von der Welt. Schlecht gerechnet sind hier heute vierzig Damen anwesend. Jede von diesen Damen hat eine schöne Gestalt. Der Preis dieser Gestalten ist verschieden und wenn eine besonders reizend ist, so können Sie darauf schwören, daß sie aus Paris kommt. Warum sehen Sie mich so verwundert an? Als ich Sie fragte, was Sie von der Gestalt meiner Nichte halten, meinte ich, wie viel Sie auf Rechnung der Natur und wie viel auf Rechnung des Fabrikanten setzen! Wohl gemerkt, ich weiß es nicht! Wissen Sie es?«

»Ich verbürge mich für jeden Zoll.«

»Daß er aus einem Laden’kommt?«

»Nein, daß er echter Natur ist.«

Sir Patrick sprang auf; endlich hatte er seiner satyrischen Laune Genüge gethan. »Wenn ich jemals einen Sohn bekomme,« dachte er bei sich, »so schicke ich ihn« zur See.« Er ergriff Arnold’s Arm, zum Zeichen, daß er entschlossen sei, der Ungewißheit des armen jungen Mannes ein Ende zu machen, mit den Worten: »Wenn ich überhaupt im Stande bin ernsthaft zu sein, so ist jetzt der Moment dazu gekommen. Ich bin von der Aufrichtigkeit Ihrer Neigung überzeugt. Alles, was ich von Ihnen weiß, spricht zu Ihren Gunsten und weder gegen Ihre Familie noch gegen Ihre Stellung ist das Mindeste einzuwenden; wenn Sie Blanche’s Jawort haben, so haben Sie das meinige anch.« ——

Arnold versuchte es, seiner Dankbarkeit Ausdruck zu geben. Sir Patrick aber wehrte ihm und fuhr fort: »Und merken Sie wohl, das nächste Mal, wenn Sie etwas, von mir wollen, reden Sie ohne Umschweife und versuchen Sie nicht wieder mich zu mystificiren und ich will Ihnen versprechen, es gegen Sie auch zu unterlassen. Das wäre abgemacht. —— Nun aber noch ein Wort von Ihrer Reise nach Ihrem Gute. Eigenthum gewährt nicht nur Rechte, sondern legt uns auch Pflichten auf, lieber Arnold. Wenn wir die letzteren nicht erfüllen, kommt bald die Zeit, wo die ersteren uns bestritten werden. Ich interessire mich jetzt noch lebhafter als früher für Sie und ich muß darauf halten, daß Sie Ihre Pflichten erfüllen Es ist also abgemacht, daß Sie noch heute Windygates verlassen, um auf Ihrem Gut nach dem Rechten zu sehen. —— Wissen Sie schon, wie Sie gehen?«

»Ja, Sir Patrick,« Lady Lundie hat die Güte gehabt, ihr Gig für mich zu beordern, das mich rechtzeitig für den nächsten Zug nach der Station bringen soll.«

»Wann werden Sie bereit sein?«

Arnold sah nach seiner Uhr.

»In einer viertel Stunde!«

»Gut, versäumen Sie die Zeit nicht, aber nicht so eilig, Sie haben noch Zeit genug, mit Blanche zu sprechen, wenn ich mit Ihnen fertig bin. Sie scheinen mir eben kein sehr dringendes Verlangen zu haben, sich nach Ihrem Gute umzusehen!«

»Ich habe ein sehr dringendes Verlangen Blanche nicht zu verlassen, daß ist das Wahre an der Sache!«

»Ach was Blanche! Blanche ist nicht Geschäft. Wie ich höre, haben Sie eines der schönsten Häuser Ihrer Gegend in Schottland; wie lange wollen Sie dort bleiben?«

»Ich habe mich, wie ich Ihnen bereits bemerkte, so eingerichtet, daß ich übermorgen wieder in Windygates sein werde.«

»Da sieh’ mir Einer den Menschen! hat einen Palast, der zu seinem Empfange völlig bereit steht und will sich nur einen einzigen Tag darin aufhalten.«

»Ich will mich gar nicht darin aufhalten, ich werde bei meinem Verwalter wohnen. Ich muß nur morgen dort sein, um einem Diner, das ich meinen Pächtern gebe, beizuwohnen. Wenn das vorbei ist, so liegt nichts in der Welt vor, was mich abhalten könnte, wieder zu kommen. Das hat mir mein Verwalter selbst in seinem letzten Briefe geschrieben.«

»Ja, wenn Ihr Verwalter Ihnen das geschrieben hat, ist kein Wort mehr darüber zu sagen.«

»Ach, machen Sie keine Einwendungen dagegen, daß ich wiederkomme, Sir Patrick, bitte, machen Sie keine! Ich verspreche Ihnen, daß ich in meinem neuen Hause wohnen will, wenn erst Blanche dasselbe mit mir bewohnen wird. Wenn Sie nichts dagegen haben, theile ich Blanche auf der Stelle mit, daß Alles, was mir gehört, auch ihr gehören soll.«

»Gemach, gemach! Sie reden ja, als wären Sie schon mit ihr verheirathet.«

»Ist es denn nicht so gut, als wäre ich es bereits? Was ist jetzt noch im Wege?«

Während er diese Frage that, fiel der von dem hereinströmenden Sonnenlicht sich scharf abhebende Schatten einer von der Seite des Garten-Pavillons herkommenden Person auf die Schwelle desselben. Im nächsten Augenblick folgte dem Schatten der Körper in der Gestalt eines Reitknechts in voller Livré. —— Der Mann war offenbar ganz fremd hier; er fuhr zurück und zog den Hut, als er die beiden Herren im Garten-Pavillon gewahr wurde.

»Was wünschen Sie?« fragte Sir Patrick.

»Ich bitte um Verzeihung, ich bin von meinem Herrn hierher geschickt.«

»Wer ist Ihr Herr?«

»Herr Delamayn!«

»Meinen Sie Herrn Geoffrey Delamayn?« fragte Arnold.«

»Nein, Herrn Julius Delamayn! Ich komme vom Hause meines Herrn mit einer Botschaft für Herrn Geoffrey Delamayn hergeritten.«

»Können Sie ihn nicht finden?«

»Man hat mir gesagt, ich würde ihn hier treffen, aber ich bin hier fremd und weiß nicht wohin ich gehen soll.« Er hielt inne und zog eine Karte aus der Tasche. —— »Mein Herr sagte, es sei sehr wichtig, daß ich diese Karte sofort abgebe! Haben Sie wohl die Güte, meine Herren, mir zu sagen, wo Herr Geoffrey Delamayn sich aufhält?

Arnold wandte sich an Sir Patrick, »ich habe ihn nicht gesehen, haben Sie ihn gesehen?«

»Gerochen habe ich ihn!« antwortete Sir Patrick. »So lange ich in dem Garten-Pavil1on bin, herrscht hier ein sehr abscheulicher Tabaksgeruch der mich auf sehr unangenehme Weise an Ihren Freund erinnert.«

Arnold ging lächelnd zur Thür hinaus. »Wenn Sie mit Ihrer Nase auf der rechten Spur find, Sir Patrick, so wollen wir ihn schon finden!«

Er blickte umher und rief laut: »Geoffrey!«

Eine Stimme aus dem Rosengarten antwortete: »Halloh!«

»Du wirst verlangt, komm her!«

Geoffrey schlenderte, die Hände in den Taschen, die Pfeife im Munde verdrossen heran. »Wer verlangt nach mir?«

»Ein Reitknecht Deines Bruders!«

Die Antwort schien den trägen und verdrossenen Athleten zu elektrisiren. Mit raschen Schritten ging er auf den Garten-Pavillon zu und redete den Reitknecht an, noch ehe dieser ein Wort hatte sagen können; mit dem Ausdruck des Entsetzens und der Verzweiflung rief er aus: »Um’s Himmelswillen, hat Ratcatcher einen Rückfall gehabt?«

Sir Patrick und Arnold sahen einander starr vor Staunen an.

»Das beste Pferd im Stalle meines Bruders!« rief Geoffrey erklärend und zugleich an ihre Theilnahme appellirend »Ich habe den Kutscher schriftlich instruirt und Medicin auf drei Tage bereiten lassen. Ich habe ihm zur Ader gelassen« fuhr Geoffrey mit zitternder Stimme fort, »ich habe ihm selbst gestern zur Ader gelassen.«

»Bitte um Verzeihung« fiel hier der Reitknecht ein.«

»Warum bittest Du mich um Verzeihung? Wo ist Dein Pferd, ich will nach Hause reiten und dem Kutscher die Knochen im Leibe zerschlagen. Wo ist Dein Pferd?«

»Verzeihen Sie, es handelt sich nicht um Ratcatcher, der ist ganz wohl.«

»Der ist ganz wohl? Was willst Du denn?«

»Ich habe eine Botschaft in Betreff Ihres Herrn Vater.«

Geoffrey zog sein Schnupftuch heraus und wischte sich offenbar sehr erleichtert den Schweiß von der Stirn: »Ich habe geglaubt, es handle sich um Ratcatcher,« sagte er aufathmend und blickte Arnold dabei lächelnd an. Er steckte die Pfeife wieder in den Mund und fachte die verglimmende Tabaksasche wieder an. "»Nun,« fuhr er, da die Pfeife wieder im Gange war, mit beruhigter Stimme fort, »was ist mit meinem Vater?«

»Ein Telegramm von London. Schlimme Nachrichten von seiner Lordschaft.« Mit diesen Worten überreichte der Reitknecht die Karte seines Herrn.

Geoffrey las auf derselben die folgenden Worte von der Hand seines Bruders: »Ich habe nur einen Augenblick Zeit, eine Zeile auf meine Karte zu kritzeln, unser Vater ist gefährlich krank! Er hat verlangt, sein Testament zu machen, Du mußt mit dem nächsten Zug mit mir nach London gehen, triff’ mich an der Station!« —— Ohne ein Wort an einen der drei Anwesenden, die ihn Alle schweigend beobachteten, zu richten, sah Geoffrey nach der Uhr. Anne hatte ihm gesagt, er solle eine halbe Stunde warten und möge annehmen, daß sie fortgegangen sei, wenn er in dieser Zeit nichts von ihr gehört haben werde. Diese Zeit war vorüber und er hatte nichts von ihr gehört, ihre Flucht aus dem Hause war also glücklich bewerkstelligt. Anne Silvester mußte in diesem Augenblick auf dem Wege nach dem Gebirgs-Gasthof sein.



Kapiteltrenner


Siebentes Kapitel - Die Schuld

Arnold war der Erste, der das Schweigen brach.

»Ist Dein Vater ernstlich krank?«

Geoffrey reichte ihm statt jeder Antwort die Karte.«

Sir Patrich der, so lange über den Rückfall Ratcatcher’s verhandelt wurde, ruhig in einer Ecke gestanden und satyrische Betrachtungen über die Sitten und das Wesen der modernen englischen Jugend angestellt hatte, trat jetzt wieder heran und betheiligte sich an der Unterhaltung.

Lady Lundie hätte anerkennen müssen, daß er bei dieser Angelegenheit sprach und handelte, wie es dem Haupte der Familie zukam.

»Habe ich recht verstanden, daß Herrn Delamayn’s Vater gefährlich krank ist?« fragte er Arnold.

»Gefährlich krank in London«, antwortete dieser. »Geoffrey muß Windygates mit mir zugleich verlassen. Der Zug, mit dem ich gehe, trifft den Zug, mit welchem Geoffrey und sein Bruder weiter reisen wollen, bei der Zweigstation. Ich verlasse ihn auf der zweiten Station von hier.«

»Haben Sie mir nicht gesagt, daß Lady Lundie Sie in ihrem Gig nach der Station schicken wolle?«

»Ja!«

»Wenn der Diener kutschirt, wird nicht Platz genug im Wagen für Drei sein.«

»Da thäten wir also wohl besser um einen andern Wagen zu bitten,« bemerkte Arnold.

Sir Patrick sah nach seiner Uhr. Es war keinen Zeit mehr übrig, einen andern Wagen anspannen zu lassen.

Zu Geoffrey gewandt, sagte er:

»Können Sie kutschiren, Herr Delamayn?«

Noch immer in seinem unerschütterlichen Stillschweigen verharrend, antwortete Geoffrey durch ein Kopfnicken.

Ohne von der unschicklichen Art dieser Antwort Notiz zu nehmen, fuhr Sir Patrick fort: »Ja diesem Falle könnten Sie das Gig getrost dem Bahnhofs-Inspector anvertrauen; ich will dem Diener sagen, daß er Sie nicht zu fahren braucht.«

»Erlauben Sie mir, Ihnen diese Mühe abzunehmen, Sir Patrick,« sagte Arnold.

Sir Patrick lehnte dies mit einer Handbewegung ab, und sagte, wieder zu Geoffrey gewendet, mit immer gleicher Höflichkeit: »Die Gastfreundschaft macht es uns in diesem Falle zur Pflicht, Herr Delamayn, Ihre Abreise auf jede Weise zu beschleunigen. Lady Lundie ist mit ihren Gästen beschäftigt, ich selbst muß dafür sorgen, daß Ihre Abreise keinen unnöthigen Aufschub erleide.« Sir Patrick verneigte sich und verließ den Garten-Pavillon.

Als Arnold mit seinem Freunde allein war, drückte er ihm seine Theilnahme ans. »Es thut mir sehr leid, Geoffrey! Ich hoffe Du kommst noch zur rechten Zeit nach London.« Er hielt inne und fand in Geoffrey’s Ausdruck etwas wie eine sonderbare Mischung von Zweifel und Verworrenheit, von Verdruß und Trauer, welches man nicht auf Rechnung der Nachricht, die er erhalten, setzen konnte. Er wechselte wiederholt die Farbe; er kaute mit nervöser Ungeduld an seinen Nägeln, sah Arnold an, als wolle er reden und wandte sich dann schweigend wieder ab.

»Betrübt Dich noch sonst etwas, Geoffrey, außer den schlimmen Nachrichten über Deinen Vater?« fragte Arnold.

»Ich bin in des Teufels Küche,« antwortete Geoffrey.

»Kann ich etwas für Dich thun?«

»Anstatt aller Antwort, erhob Geoffrey seine gewuchtige Hand und gab Arnold einen freundlichen Schlag auf die Schulter, der in ihm eine gewaltige Erschütterung hervorbrachte. —— —— —— Arnold stellte sich aber fest auf seine Füße und wartete ruhig das Weitere ab.

»Hör’ mal!« alter Junge, fing Geoffrey an.

»Nun?«

»Erinnerst Du Dich noch, als Du mit dem Bote im Hafen von Lissabon umschlugst?«

Arnold stutzte. Wenn er sich in diesem Augenblick der ersten Begegnung mit dem alten Freunde seines Vaters erinnert hätte, so würde ihm ohne Zweifel die Prophezeihung Sir Patrick’s eingefallen sein, daß er früher oder später seine Schuld gegen den Mann, der ihm das Leben gerettet hatte, mit Zinsen werde abzutragen haben. Er aber erinnerte sich nur lebhaft jenes Unfalls mit dem Boot. In dem Gefühl seiner Dankbarkeit und in der Unschuld seines Herzens, empfand er die Frage seines Freundes beinahe wie einen Vorwarf, den er nicht verdient habe. »Glaubst Du ich könnte je vergessen,« rief er warm aus, »daß Du mir das Leben gerettet hast?«

Jetzt wagte es Geoffrey, seinem Ziel um einen Schritt näher zu treten. »Eine Freundschaft ist der andern werth, sagte er, nicht wahr?«

Arnold ergriff seine Hand. »Sag mir nur,« fuhr er eifrig fort, was ich für Dich thun kann.«

»Du reisest heute nach Deinem neuen Gut, nicht wahr?«

»Ja.«

»Kannst Du das bis morgen aufschieben?«

»Wenn ich Dir damit einen wichtigen Dienst leisten kann, gewiß!«

Geoffrey sah sich nach der Schwelle des Garten-Pavillons um, um sich zu vergewissern daß sie allein seien.

»Du kennst doch die Gouvernante hier, nicht wahr?" flüsterte er Arnold zu.

»Miß Silvester? —— Ja.«

»Ich habe da eine kleine unangenehme Geschichte mit Miß Silvester und es giebt keinen andern Menschen, der mir in diesem Augenblick helfen könnte, als Du!«

»Du weißt, daß Du auf mich rechnen kannst; um was handelt es sich?«

»Das ist nicht so leicht zu sagen! Nun, Du bist ja auch kein Heiliger, nicht wahr und wirst doch natürlich die Sache für Dich behalten! Also höre: ich habe gehandelt, wie ein verdammter Narr, ich habe das Mädchen herumgebracht!«

Arnold, der ihn plötzlich verstanden, trat einen Schritt zurück. »Um Gottes Willen Geoffrey, Du willst doch nicht sagen?«

»Jawohl, höre nur, das ist noch gar nicht das Schlimmste, sie hat das Haus verlassen!«

»Das Haus verlassen?«

Jawohl, für immer verlassen! Sie kann nicht wieder zurückkommen.«

»Warum nicht?««

»Weil sie der Alten hier geschrieben hat! Die verwünschten Weiber thun so etwas nie halb. Sie hat geschrieben, sie wäre heimlich verheirathet und zu ihrem Mann gegangen und dieser Mann —— bin ich, noch nicht verheirathet, verstehst Du wohl? aber ich habe ihr versprochen, sie zu heirathen und mich zunächst heimlich nach einem vier Meilen von hier gelegenen Wirthshause zu begeben. Wir haben abgemacht, daß ich ihr noch heute dahin folgen und mich mit ihr verheirathen solle. Das geht jetzt nicht an! Während sie da oben in dem Wirthshause auf mich wartet, muß ich nach London jagen. Nun muß ihr durchaus Jemand mittheilen was vorgefallen ist, oder sie wird des Teufels und die ganze Geschichte kommt heraus. Ich kann Niemandem hier im Hause vertrauen und bin verloren, wenn Du, mein alter Junge, mir nicht hilfst!«

Arnold machte eine Bewegung des Entsetzens.

»Geoffrey, um’s Himmels willen, das ist ja die verzweifelste Geschichte, die mir je in meinem Leben vorgekommen ist.«

Geoffrey war darin ganz mit ihm einverstanden. »Schlimm genug, um Einen den Kopf verlieren zu machen, nicht wahr? Wenn ich nur ein Glas Bier hätte!«

Er zog aus reiner Gewohnheit die Pfeife aus der Tasche; »Hast Du ein Zündholz?« fragte er.

Arnold war mit sich zu beschäftigt, um diese Frage zu hören.

»Denke nicht, daß ich Deines Vaters Krankheit leicht nehme,« sagte er in ernstem Ton, »aber ich kann nicht leugnen, daß das arme Mädchen mir in diesem Falle doch vorzugehen scheint.«

Geoffrey sah ihn ganz erstaunt an: »Vorzugehen?« —— —— —— Du denkst doch nicht, daß ich so unvernünftig sein werde mich der Gefahr auszusetzen von meinem Vater enterbt zu werden? Nicht für die beste Frau auf der Welt.«

Arnold hatte seit Jahren eine große Bewunderung für seinen Freund, für einen Mann, der im Rudern, im Boxen, im Ringen und Springen und vor Allem im Schwimmen excellirte, wie wenig andere Menschen in England, aber die Antwort machte doch einen sehr unangenehmen Eindruck auf ihn, zum Unglück für Arnold nur auf einen Augenblick.

»Du mußt das am besten wissen,« antwortete er etwas kühl, »was kann ich für Dich thun?«

Geoffrey ergriff seinen Arm, plump, wie er Alles anfaßte, aber in freundschaftlicher und zutraulicher Weise.

»Komm, sei ein guter Kerl, gehe hin und sage ihr, was vorgefallen ist. Wir fahren hier weg, als wenn wir Beide nach der Eisenbahn wollten. Ich setze Dich bei dem Fußweg ab und Du kannst mit dem Abendzuge nach Deinem Gute reisen, das macht Dir ja weiter keine Ungelegenheiten und Du erweist einem alten Freund einen wahren Dienst. Du läufst keine Gefahr entdeckt zu werden; ich kutschire, wir haben keinen Diener bei uns, der die Sache verrathen könnte.«

Selbst in Arnold dämmerte jetzt eine Ahnung davon auf, daß er wahrscheinlich seine Dankschuld schon jetzt mit Zinsen abzutragen im Begriff stehe, wie Sir Patrick es vorausgesagt hatte. »Was soll ich ihr sagen?« fragte er, »ich fühle mich verpflichtet Alles zu thun, was in meinen Kräften steht, um Dir zu helfen, aber was soll ich ihr sagen?«

Die Frage war unstreitig sehr berechtigt und nicht leicht zu beantworten.

Welchen Gebrauch ein Mensch unter irgend welchen Umständen von seinen Muskeln zu machen habe, das wußte Niemand besser als Geoffrey Delamayn, was aber ein Mensch unter irgend welchen Umständen zu sagen habe, um sich aus einer Verlegenheit zu ziehen, das wußte Niemand weniger als er.

»Sagen?« wiederholte er, »nun, ich wäre ganz außer mir und so weiter, Du weißt wohl. O, warte mal, sag’ ihr, sie solle bleiben, wo sie ist, bis ich ihr schreibe.«

Arnold zauderte. Obgleich dessen, was man Weltklugheit nennt, vollkommen unkundig, so ließ ihn doch sein angeborenes Zartgefühl die große Schwierigkeit der Stellung, die ihm sein Freund aufzubürden im Begriff stand, klar erkennen.

»Denke einen Augenblick nach und Du wirst finden, daß Du mir da ein sehr unbequemes Geheimniß anvertraut hast. Vielleicht habe ich Unrecht, ich habe nie mit einer ähnlichen Angelegenheit zu thun gehabt, aber mir scheint, daß wenn ich mich dieser Dame als Deinen Boten vorstelle, ich sie einer furchtbaren Demüthigung aussetze. Soll ich hingeben und ihr in’s Gesicht sagen: »ich weiß, was Sie vor den Augen der ganzen Welt verbergen möchten,« und soll sie sich das von mir sagen lassen?«

»Ach was,« rief Geoffrey, »sie kann mehr vertragen als Du glaubst, ich wollte, Du hättest mit angehört, wie sie mich gequält hat! Nein, guter Junge, Du verstehst nichts von Frauen, das große Geheimniß der Behandlung der Frauen besteht darin, sie wie eine Katze am Nacken zu packen.«

»Ich, kann ihr nicht eher vor die Augen treten, bevor Du sie nicht schriftlich von der Sache unterrichtet hast. Ich schrecke vor keinem Opfer für Dich zurück, aber hol’s der Kuckuck, Du mußt doch begreifen, in welche Lage Du mich bringst, Geoffrey. Ich bin Miß Silvester fast ganz fremd, ich kann ja gar nicht wissen, wie sie mich aufnehmen wird, ob sie mich meine Bestellung nur wird ausrichten lassen.«

Diese letzten Worte machten Geoffrey für Amold’s Bedenken zugänglicher; die Schwierigkeit, daß Arnold vielleicht nicht zu Worte kommen würde, leuchtete Geoffrey ein. »Vielleicht thue ich doch besser, zu schreiben, haben wir noch Zeit in’s Haus zu gehen?«

Das Haus»ist voll von Leuten und wir haben keine Minute Zeit. Schreibe gleich hier mit einem Bleistift.

»Worauf soll ich schreiben?

»Einerlei, auf die Karte Deines Bruders.«

Geoffrey nahm den Bleistift, den Arnold ihm reichte und betrachtete sich die Karte. Die von seinem Bruder geschriebenen Zeilen bedeckten die Karte völlig, es war kein Fleckchen frei darauf; er durchsuchte seine Tasche und zog einen Brief heraus, jenen Brief, auf welchen Anne in ihrer Unterhaltung Bezug genommen, in welchem sie darauf bestanden hatte, daß er bei dem Gartenfest in Windygates erscheine. Das wird gehen, es ist Anne’s eigener Brief an mich; auf der vierten Seite ist noch Platz. Wenn ich ihr schreibe, fragte er plötzlich gegen Arnold gewendet, versprichst Du es ihr zu bringen? Gieb mir die Hand darauf. Er streckte Arnold die Hand entgegen, die ihm einst das Leben gerettet hatte, und Arnold schlug, jener Rettung eingedenk, ein und gab ihm das Versprechen.

»Schön, mein Junge! wie Du hinkommst, sage ich Dir unterwegs im Wagen. Beiläufig eins darf ich nicht vergessen, Du darfst in dem Gasthof nicht Deinen Namen nennen und darfst nicht nach’ ihrem Namen fragen.«

»Nach wem soll ich denn fragen?«

»Ja, das ist es gerade, sie will sich dort, weil die Leute sie sonst vielleicht nicht aufnehmen würden, als Frau präsentiren.«

»Ich verstehe.«

»Und will ihnen, um die Sache für uns Beide leicht zu machen, verstehst Du, sagen, daß sie ihren Mann sehr bald erwarte und wenn ich selbst hätte hingehen können, würde ich bei der Ankunft nach »meiner Frau« gefragt haben, nun gehst Du statt meiner ——«

»Und ich muß bei meiner Ankunft auch nach »meiner Frau« fragen, wenn ich Miß Silvester nicht Unannehmlichkeiten aussetzen will!

»Dagegen hast Du doch nichts, nicht wahr?«

»Durchaus nicht! was ich den Leuten im Gasthof sage, ist mir ganz einerlei, aber ich scheue die Begegnung mit Miß Silvester.«

»Deswegen sei unbesorgt, das will ich schon in Ordnung bringen.«

Er trat an den Tisch und schrieb rasch ein paar Zeilen, dann hielt er inne und überlegte. »Wird das genügen?« fragte er sich selbst; »nein!»ich muß ihr wohl noch ein bischen schmeicheln.« Er überlegte wieder, fügte eine Zeile hinzu und schlug vergnügt mit der Faust auf den Tisch. »Das wird gehen! Lies Du selbst Arnold, das ist wahrhaftig nicht so übel!«

Arnold las das Billet, ohne wie es schien, die Befriedigung seines Freundes über den Inhalt zu theilen.

»Etwas kurz!«

»Habe ich denn Zeit, es länger zu machen?«

»Vielleicht nicht, aber mache doch wenigstens Miß Silvester begreiflich, daß Du keine Zeit hast mehr zu schreiben. Der Zug geht in weniger als einer halben Stunde. So gieb doch am Schluß die Zeit an, wann Du schreibst.«

»Gut, meinetwegen auch das Datum!«

Er fügte die gewünschte Zeitangabe hinzu und konnte eben noch Arnold das so verbesserte Schreiben überreichen, als Sir Patrick wieder zu ihnen trat um ihnen anzuzeigen, daß das Gig bereit und daß kein Augenblick zu verlieren sei.

Geoffrey sprang auf; Arnold zauderte noch; »ich muß aber doch Blanche noch sehen, ich kann Blanche nicht verlassen, ohne ihr Lebewohl gesagt zu haben, wo ist sie?«

Sir Patrick wies lächelnd auf die Treppe hin, Blanche war ihm auf dem Fuße gefolgt.

Arnold lief auf der Stelle zu ihr hin.

»Sie müssen fort?« sagte sie traurig.

»Ich komme in zwei Tagen wieder,« flüsterte Arnold, »die Sache ist ganz in Ordnung, Sir Patrick ist zufrieden.«

Sie hielt ihn am Arm fest. Dieser eilige Abschied vor Zeugen schien nicht nach Blanches Geschmack zu sein. »Sie versäumen den Zug« rief Sir Patrick.

Geoffrey ergriff Arnold am Arm, den Blanche festhielt und zog ihn buchstäblich mit sich fort. Beide waren schon im Gebüsch verschwunden, ehe Blanche’s Entrüstung sich noch gegen ihren Onkel Luft machen konnte.

»Warum geht Mr. Brinkworth mit diesem rohen Menschen?« fragte sie.

»Mr. Delamayn muß wegen der Krankheit seines Vaters nach London reisen. Du magst ihn nicht?«

»Ich hasse ihn!«

Sir Patrick wurde nachdenklich »Sie ist ein junges achtzehnjähriges Mädchen,« dachte er bei sich, »und ich bin ein alter Siebziger. Sonderbar, daß wir überall in unsern Ansichten, noch sonderbarer, daß wir in unserer Abneigung gegen Herrn Delamayn übereinstimmen.« Er blickte wieder auf Blanche Sie saß, den Kopf auf die Hände gestützt, schweigend und in Gedanken versunken am Tisch. Sie dachte an Arnold, aber trotz der so heiteren Aussichten, die sich ihm und ihrer öffneten, waren ihre Gedanken nichts weniger also heiter.

»Aber Blanche, Blanche!« rief Sir Patrick. »Du thust ja wahrhaftig, als mache er eine Reise um die Welt; Du dummes Ding, er kommt ja: übermorgen wieder!«

»Ich wollte, er wäre nicht mit dem Menschen fortgegangen,« sagte Blanche; »ich wollte, der Mensch wäre nicht sein Freund.«

»Na, na! Der Mensch ist ein roher Patron, das gebe ich zu; aber was thut denn Das? Sie trennen sich ja schon auf der zweiten Station. Komm wieder in den Saal mit mir; »Du mußt Dir Deine Gedanken weg tanzen!«

»Nein!« antwortete Blanche, »ich habe keine Lust zum Tanzen; ich will hinauf gehen und mit Anne über die Sache reden.«

»Das wirst Du wohl bleiben lassen,« sagte plötzlich eine dritte Stimme.

Onkel und Nichte blickten erstaunt auf und sahen Lady Lundie an der Schwelle stehen.

»Ich verbiete Dir, den Namen dieser Person in meiner Gegenwart wieder auszusprechen,« fuhr Lady Lundie fort. »Sir Patrick, ich habe es Ihnen vorher gesagt, wenn Sie sich gefälligst erinnern wollen, daß mit der Angelegenheit dieser Gouvernante nicht zu spaßen sei; meine schlimmsten Befürchtungen sind eingetroffen, Miß Silvester hat das Haus verlassen.«



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Achtes Kapitel - Aufruhr im Hause

Es war noch früh am Nachmittag, als die Gäste von Lady Lundie’s Gartenfest anfingen, in allen Ecken die Köpfe zusammenzustecken und sich gegenseitig in der Ansicht zu bestärken, daß etwas ganz Ungewöhnliches passirt sein müsse. Blanche hatte unerklärlicher Weise die Herren, mit denen sie zum Tanzen engagirt war, im Stich gelassen. Lady Lundie war ebenso unerklärlicher Weise aus dem Ballsaal verschwunden. Blanche war gar nicht, Lady Lundie mit einem gezwungenen Lächeln und offenbar sehr verstimmt wieder erschienen und hatte zu ihrer Entschuldigung vorgegeben, daß sie nicht ganz wohl sei; auf dieselbe Weise hatte sie Blanche’s Abwesenheit, wie auch die etwas vorzeitige Entfernung Miß Silvester’s vom Croquetspiel entschuldigt. Ein Witzling unter den Herren erklärte, die Sache komme ihm vor, wie die Declination eines Verbums: ich bin nicht wohl, Du bist nicht wohl, er ist nicht wohl, und so weiter. Auch Sir Patrick, man denke nur, der gesellige Sir Patrick, hatte sich von der übrigen Gesellschaft getrennt und humpelte in dem einsamsten Theile des Gartens ganz allein auf, und ab. Und nun die Domestiken —— die Sache war schon bis zu den Domestiken gedrungen ——, sie versuchten es wie ihre Herrschaften, in allen Ecken die Köpfe zusammenzustecken. Die Hausmädchen erschienen, wo Hausmädchen nichts zu thun haben, Thüren wurden auf und zugeschlagen und Kleider huschten auf den Treppen und in den oberen Stockwerken unruhig hin und her. Datist etwas nicht in Ordnung, das ist sicher! »Wir thäten besser uns zu entfernen, liebes Kind, laß den Wagen vorfahren.« — »Liebe Louise, tanze nicht mehr, Papa will fort.« —— »Adieu, Lady Lundie!« —— Besten Dank für den angenehmen Tag!« —— »Wie schade, daß Blanche nicht wohl ist.« —— »Es war ein reizendes Fest«

So machten sich die, Gäste mit den bei solchen Gelegenheiten üblichen nichts sagenden Redensarten vor dem Ausbruche des Sturmes aus dem Staube.

Auf diesen Moment hatte Sir Patrick bei seiner einsamen Wanderung in dem Garten nur gewartet. Er konnte sich jetzt der ihm zugemutheten Verantwortlichkeit nicht mehr entziehen. Lady Lundie hatte ihm ihren festen Entschluß mitgetheilt, Anne#s- Spur zu verfolgen und, natürlich nur im Interesse der Sittlichkeit, herauszubringen, ob sie wirklich verheirathet sei oder nicht! Blanche, die schon von der Aufregung des Tages sehr angegriffen war, brach bei der Nachricht von Anne’s Verschwinden in ein hysterisches Weinen aus und bildete sich ihre eigene Ansicht über Anne’s Flucht aus dem Hause. Anne würde ihre Heirath nicht vor Blanche geheim gehalten, ihr nicht einen so förmlichen Brief geschrieben haben, wenn sich Alles wirklich so einfach verhielt, wie sie es sie glauben machen wollte. Anne mußte von irgend einer Seite her sehr schlimme Nachrichten erhalten haben und Blanche war nicht minder entschlossen als Lady Lyndie ihre Spur zu verfolgen, um sie wo möglich selbst aufzusuchen und ihr nach Kräften beizustehen.

Sir Patrick, den beide Frauen in ihr Vertrauen gezogen hatten, sah voraus, daß Beide, seine Schwägerin und seine Nichte, wenn sie nicht zurückgehalten würden, Jede auf ihre Weise sich zu sehr unvorsichtigen Handlungen hinreißen lassen würden, die zu den unangenehmsten Folgen führen könnten. Es bedurfte an diesem Nachmittage entschieden der Autorität eines Mannes in Windygates, und Sir Patrick konnte sich der Erkenntniß nicht Verschließen, daß er diese Autorität ausüben müsse. »Es läßt sich viel für und viel gegen ein Junggesellenleben sagen«, dachte der alte Herr bei sich, als er in dem entlegensten Theil des Gartens, in welchen er sich zurückgezogen hatte, auf und ab humpelte und öfter als gewöhnlich auf die Feder in der Krücke seines elfenbeinernen Stockes drückte. »So viel ist aber gewiß, die verheiratheten Freunde eines Junggesellen können ihn zwar nicht verhindern, ein Junggesellenleben zu führen, aber was sie können und was sie nach Kräften zu thun bemüht sind, ist dafür zu sorgen, daß er seines Junggesellenlebens nicht froh werde.« Die Betrachtung Sir Patricks wurde durch das Nahen eines Dieners unterbrochen, den er schon vorher angewiesen hatte, ihm von dem Fortgang der Begebenheiten im Hause laufenden Bericht zu erstatten.

»Sie sind Alle fort, Sir, Patrick!« sagte der Diener.

»Gottlob Simpson!« Also jetzt haben wir nur noch mit den Logirgästen im Hause zu thun?«

»Nur mit diesen, Sir Patrick!«

»Und diese Logirgäste sind lauter Herren, nicht wahr?«

»Lauter Herren, Sir Patrick!«

»Auch gut, Simpson. Nun muß sich aber zuerst mit Lady Lundie sprechen. ——«

Giebt es wohl einen Entschluß, der an Festigkeit dem gleich käme, mit welchem eine Frau sich vornimmt, die Schwächen einer anderen von ihr gehaßten Frau aufzudecken?

Sir Patrick fand Lady Lundie damit beschäftigt, eine Untersuchung nach demselben Princip anzustellen, welches die Polizei beim Verschwinden einer Person beobachtet. Wer war die letzte Person, welche die Verschwundene gesehen hatte? Wer war der letzte Dienstbote, der Anne Silvester gesehen hatte? Vernommen wurden zunächst die männlichen Dienstboten vom Kellermeister bis zum Stalljungen herab; dann kamen die weiblichen Dienstboten an die Reihe, von der hochgestellten Köchin bis herab zu dem kleinen Mädchen, welches das Unkraut in dem Garten ausjätete. Lady Lundie war in ihrem Verhör gerade bis zu einem kleinen Groom gekommen, als Sir Patrick zu ihr trat.

»Liebe Schwägerin erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß wir in einem freien Lande leben und daß Sie durchaus kein Recht haben, den Schritten Miß Silvester’s von dem Augenblicke an, wo sie Ihr Haus verlassen hat, nachzuspüren.«

Lady Lundie schlug die Augen mit frommem Schauder zur Zimmerdecke auf und sah aus wie eine Märtyrerin der Pflicht!

»Nein«, Sir Patrick, so darf ich als eine christliche Frau die Sache nicht ansehen, diese unglückliche Person hat unter meinem Dache gewohnt, ist Blanche’s Gesellschafterin gewesen und ich bin verantwortlich, moralisch verantwortlich für ihr Thun. Ich gäbe die Welt darum, wenn ich die Sache so leicht nehmen könnte, wie Sie, aber nein, das darf ich nicht! Ich muß wenigstens mir im Interesse der guten Sitte und zur Beruhigung meines Gewissens Sicherheit darüber verschaffen, daß sie wirklich verheirathet ist, ehe ich mein Haupt diesen Abend niederlege.«

»Ein Wort, Lady Lundie.«

»Nein«, wiederholte Lady Lundie mit dem Ausdruck der sanftesten Entschiedenheit, »Sie haben vielleicht, von einem weltlichen Gesichtspunkte aus betrachtet, Recht; aber ich kann die Sache nicht aus diesem Gesichtspunkte ansehen, das widerstrebt meinem ganzen Wesen!«

Dabei wandte sie sich mit feierlichem Ernst wieder zu dem Diener.

»Du weißt, Jonathan, wohin Du kommst, wenn Du die Unwahrheit redest.«

Jonathan war ein wohlgenährter kleiner Müßiggänger, aber sehr rechtgläubig und antwortete:

»Jawohl, gnädige Frau, in die Hölle.«

Sir Patrick begriff, daß ein fernerer Widerspruch von seiner Seite in diesem Augenblick ganz vergeblich sein würde und faßte den weisen Entschluß, mit seiner Einmischung ruhig zu warten, bis Lady Lundie ihre Untersuchung beendigt haben würde; gleichzeitig aber beschloß er, —— da es bei der augenblicklichen Stimmung Lady Lundie’s unmöglich war, vorauszusehen, wessen sie fähig sein würde, wenn ihre Nachforschungen unglücklicherweise erfolgreich sein sollten, —— im Interesse aller Betheiligten, die nöthigen Maßregeln zu ergreifen, um das Haus für die nächsten vierundzwanzig Stunden von den Gästen zu säubern; »Gestatten Sie mir nur eine Frage, Lady Lundie« nahm er wieder auf, »die Lage der Herren, die hier zu Gaste sind, ist bei den jetzigen Vorgängen keine sehr angenehme. Wenn Sie sich damit begnügt hätten, keine weitere Notiz von dem Vorgefallenen zu nehmen, würde Alles sehr gut gegangen sein; wie die Sachen aber jetzt stehen, glauben Sie nicht, daß es für alle Theile angenehm sein würde, wenn ich Ihnen die Pflicht Ihre Gäste zu unterhalten, abnähme?«

»Unter der Voraussetzung, daß Sie es als Haupt der Familie thun«, erwiderte Lady Lundie.

»Als Haupt der Familie«, bestätigte Sir Patrick.

»Dann nehme ich Ihr Anerbieten dankbar an.«

»Bitte, bitte, es geschieht sehr gerne.« Sir Patrick verließ das Zimmer während das Verhör mit Jonathan seinen Fortgang nahm.

Sir Patrick und sein Bruder, der verstorbene Sir Thomas, waren sehr verschiedene Wege im Leben gegangen und hatten sich seit ihrer frühesten Jugend wenig gesehen. Sir Patricks Erinnerung wandte sich in diesem Augenblick einer längst vergangenen Zeit zu und erfüllte ihn mit Zärtlichkeit für das Andenken seines Bruders. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem Seufzer leise vor sich hin: »Armer Tom, armer Tom!«

Als er durch die Vorhalle ging, hielt er einen ihm begegnenden Diener an, um nach Blanche zu fragen.

»Fräulein Blanche hat sich mit ihrer Kammerjungfer in ihrem Zimmer eingeschlossen.

Eingeschlossen? dachte Sir Patrick, das ist ein schlimmes Zeichen, da werde ich noch mehr zu hören bekommen!

Während er noch darüber nachdachte, fiel ihm ein, daß er zunächst die Gäste des Hauses aufzusuchen habe. Ein sicherer Instinkt leitete ihn nach dem Billardzimmer. Hier fand er die Gäste zu einem feierlichen Conseil versammelt und in der Berathung darüber begriffen, was sie anfangen sollten. In zwei Minuten hatte Sir Patrick sie wieder in gute Stimmung versetzt: »Was meinen Sie zu einer Jagdpartie für morgen, meine Herren?« fragte er.

Alle Anwesenden, gleichviel ob Jäger oder nicht, erklärten sich zustimmig.

»Sie können«, fuhr Sir Patrick fort, »von hier oder von einem zu Windygates gehörigen Jagdschlößchen abfahren, das jenseits der Haide im Walde liegt. Das Wetter sieht für Schottland ziemlich sicher aus und wir haben Pferde genug im Stall. Es wird Ihnen nicht verborgen geblieben sein, meine Herren, daß unerwartete Dinge sich im Hause meiner Schwägerin zugetragen haben. Sie bleiben natürlich Lady Lundie’s Gäste, gleichviel, ob Sie hier oder im Jagdschlößen wohnen. Treffen Sie also Ihre Wahl. Was ziehen Sie für die nächsten vierundzwanzig Stunden vor: Das Haus oder das Schlößchen?«

Alle ohne Ausnahme, auch die an Rheumatismus Leidenden nicht ausgenommen, antworteten wie aus einem Munde: »Das Jagdschlößchen.«

»Sehr gut«, fuhr Sir Patrick fort, »lassen Sie uns feststellen, daß wir heute Abend nach dem Jagdschlößchen hinüberreiten und die Jagd auf der Haide morgen in aller Frühe versuchen. Wenn die Zustände im Hause es mir gestatten, werde ich mir ein besonderes Vergnügen daraus machen, Sie zu begleiten, sollte es mir aber unmöglich sein, so wollen sie mich heute Abend entschuldigen und es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich von Lady Lundie’s Verwalter vertreten lasse.«

Allgemeine Zustimmung.

Sir Patrick überließ die Gäste ihrem Billardspiel und ging nach dem Stall, um die nöthigen Anordnungen zu treffen.

Inzwischen verhielt Blanche sich in den oberen Räumen des Hauses unheimlich ruhig, während Lady Lundie in den unteren Räumen ihre Untersuchung fortsetzte. Nach Jonathan, dem letzten männlichen Dienstboten im Hause, kam die Reihe an den Kutscher den ersten männlichen Dienstboten außer dem Hause, und so fort bis hinunter zu dem Stalljungen. Da das Verhör der männlichen Dienstboten nicht den mindesten Erfolg hatte, ging Lady Lundie ohne Weiteres zu dem Verhör der weiblichen Dienstboten über. Sie klingelte und ließ die Köchin Hester Dethridge kommen. Eine sehr eigenthümliche Person trat in’s Zimmer. Aeltlich, und gemessen, äußerst sauber und respectabel in ihrer Erscheinung, das graue Haar glatt unter der weißen Haube zurück gestrichen, mit tief eingesunkenen Augen, eine Person, die beim ersten Anblick den Eindruck großer Vertrauenswürdigkeit machte, der man aber bei genauerer Betrachtung ansah, daß das Geheimniß schrecklicher Leiden auf ihr laste; diesen Eindruck empfing man aus dem unerschütterlich starren Blick, den man allmälig gewahr wurde, aus der todesähnlichen Ruhe, die sie nicht einen Augenblick verließ. Ihre Lebensgeschichte war, soweit man sie kannte, sehr traurig. In Lady Lundie’s Dienst war sie zu der Zeit, als Erstere sich mit Sir Thomas verheirathete, getreten; das ihr vom Pfarrer ihres Dorfes ertheilte Zeugniß besagte, daß sie an einen unverbesserlichen Trunkenbold verheirathet gewesen sei und daß sie, so lange derselbe gelebt, furchtbar von ihm zu leiden gehabt habe. Es hatte selbst jetzt, wo sie Wittwe war, sein Bedenkliches, sie in Dienst zu nehmen! Bei einer der vielen Gelegenheiten, wo sie von ihrem Manne körperlich mißhandelt worden war, hatte er ihr einen Schlag versetzt, der von sehr verhängnisvoller Wirkung auf ihr Nervensystem werden sollte. Wochenlang hatte sie bewußtlos dagelegen und war, als sie sich wieder erholte, der Sprache völlig beraubt gewesen; dazu kam, daß sie zuweilen ein sehr sonderbares Wesen hatte und daß sie bei der Annahme eines Dienstes es zur ausdrücklichen Bedingung machte, in einem Zimmer allein zu schlafen. Dagegen sprach es sehr zu ihren Gunsten, daß sie mäßig, höchst rechtlich und eine der besten Köchinnen in England war. Diese letztere Eigenschaft hatte Sir Thomas bestimmt, den Versuch mit ihr zu machen und er fand auch, daß er niemals in seinem Leben so gut gegessen habe, als seit dem Tage, wo Hester Dethridge die Leitung seiner Küche übernommen hatte. Nach seinem Tode blieb sie im Dienst seiner Wittwe. Lady Lundie war weit entfernt, ihre Köchin gern zu haben, man konnte sich eines unangenehmen Argwohns gegen diese Person nicht erwehren, über den sich Sir Thomas hinweggesetzt hatte, gegen den aber Alle, die für die Wichtigkeit eines guten Diners weniger empfänglich waren, als Sir Thomas, sieh unmöglich gleichgültig verhalten konnten. Die über den Zustand Hester’s consultirten Aerzte erklärten, daß sie sich durch gewisse physiologosche Erscheinungen zu der Annahme berechtigt glauben, saß die Person ihre Stummheit nur aus Gründen, sie selbst am besten wissen müsse, simulire; sie weigerte sich hartnäckig, das Alphabet der Taubstummen zu erlernen, weil sie, wie sie erklärte, wohl stumm, aber nicht taub sei. Man versuchte es, sie, da sie unzweifelhaft hörte, durch List dahin zu bringen, sich ihrer Sprache zu bedienen; aber umsonst! Man bemühte sich auch, ihr Antworten auf Fragen in Betreff ihrer Vergangenheit zu Lebzeiten ihres Mannes zu entlocken, aber sie weigerte sich ein für allemal, darüber Rede zu stehen. Von Zeit zu Zeit wurde sie von einem sonderbaren Drang ergriffen, sich einen freien Tag außerhalb des Hauses zu machen; wurde ihr die Erlaubniß dazu versagt, so weigerte sie sich, irgend etwas im Hause zu thun; drohte man ihr dann mit Entlassung, so verneigte sie sich mit einer Miene, die zu sagen schien: »Kündigen Sie mir, wenn es Ihnen beliebt, und ich gehe.« Zu wiederholten Malen hatte Lady Lundie sich begreiflicher Weise schon vorgenommen, eine solche Person nicht im Hause zu behalten, aber sie hatte diesen Entschluß bis jetzt nicht zur Ausführung gebracht. Eine Köchin, die eine vollkommene Meisterin in ihrer Kunst ist, die keinen Nebenverdienst sucht, die nichts vergeudet, die niemals in Streit mit den übrigen Dienstboten geräth, die nichts Anderes als Thee trinkt, der man ungezählt Summen Geldes anvertrauen kann, ist nicht leicht zu ersetzen. Wir Alle lassen uns in dieser Welt von Personen und Dingen vielerlei gefallen und so ließ sich auch Lady Lundie viel von ihrer Köchin gefallen. Hester Dethridge lebte so zu sagen, am Rande der Entlassung, hatte aber bis jetzt noch immer ihren Platz behauptet, ihre freien Tage bekommen, wenn sie darum gebeten hatte, was übrigens nicht oft vorkam und hatte, wohin sie auch mit der Familie reisen mochte, immer in einem verschlossenen Zimmer allein geschlafen.

Hester Dethridge näherte sich langsam dem Tisch, an welchem Lady Lundie saß; am Gürtel ihres Kleides hatte sie eine Schiefertafel mit einem Griffel hängen, deren sie sich bediente um solche Antworten zu ertheilen, die sie nicht durch eine Handbewegung oder ein einfaches Nicken oder Schütteln des Kopfes auszudrücken vermochte. Sie nahm Tafel und Griffel in die Hand und wartete mit steinerner Ergebenheit auf die Fragen ihrer Herrin. Lady Lundie eröffnete das Verhör mit der Eingangsfrage der sie sich bei allen übrigen Dienstboten bedient hatte: »Wissen Sie, daß Miß Silvester das Haus verlassen hat?« Die Köchin nickte mit dem Kopfe.

»Wissen Sie, wann das geschehen ist?«

Die Köchin nickte abermals und dass war die erste bejahende Antwort, die Lady Lundie erhalten hatte. Eifrig ging sie zur nächsten Frage über. Haben Sie Miß Silvester gesehen, als sie das Haus verließ?

Die Köchin nickte zum dritten Male.

»Und wo?«

Hester Dethridge schrieb langsam, in für eine Person ihres Standes merkwürdig festen und regelmäßigen Schriftzügen auf die Tafel die Worte: »Auf dem Wege der zur Eisenbahn führt, in der Nähe des Pachthofes der Mrs. Chew!«

»Was hatten Sie auf dem Pachthofe zu thun?«

Hester Dethridge schrieb: »Ich brauchte Eier für die Küche und etwas frische Luft für mich selbst.«

»Hat Miß Silvester Sie gesehen?«

Die Köchin schüttelte den Kopf.

»Nahm sie den Weg, der nach der Eisenbahn führt?«

Die Köchin schüttelte abermals den Kopf.

»Ging Miß Silvester weiter nach der Haide zur?«

Hester nickte mit dem Kopfe.

»Was that sie, als sie auf die Haide kam?«

Hester schrieb: »Sie schlug den Fußweg ein, der nach Craig Fernie führt.«

Lady Lundie sprang in großer Aufregung auf. Es gab nur ein einziges Haus, in welches eine Fremde in Craig Fernie gehen konnte.

»Also in den Gasthof?« rief Lady Lundie »Dahin ist sie also gegangen?«

Hester Dethridge rührte sich nicht.

Lady Lundie that eine letzte vorsichtige Frage mit den Worten: »Haben Sie irgend Jemandem davon etwas mitgeiheilt?«

Hester nickte.

Darauf war Lady Lundie nicht gefaßt gewesen. Sie dachte nicht anders, als Hester müsse sie mißverstanden haben. »Ich frage, ob Sie Jemandem etwas davon mitgetheilt haben?«

Hester nickte abermals.

»Jemand, der Sie wie ich befragte?«

Hester nickte zum dritten Male.

»Und das war?«

Hester schrieb auf ihre Tafel: »Miß Blanche.«

Lady Lundie fuhr entsetzt zurück bei der Entdeckung, daß Blanches Entschluß, Anne Silvester’s Spur zu verfolgen, allem Anscheine nach eben so fest sei, wie der ihrige. Ihre Stieftochter agirte also im Geheimen und auf eigene Verantwortlichkeit. Die Art, wie Miß Silvester das Haus verlassen hatte, empfand Lady Lundie als eine tödtliche Beleidigung. Als eine von Grund aus rachsüchtige Natur hatte sie fest beschlossen, jeden irgend compromittirenden Umstand in dem Geheimniß der Gouvernante herauszubringen und dem etwaigen Ergebniß ihrer Nachforschungen, natürlich nur aus reinstem Pflichtgefühl, die größtmögliche Verbreitung in ihrem Freundeskreise zu verschaffen. Wenn aber Blanche, wie es den Anschein hatte, in einer ganz entgegengesetzten Weise und nur im Interesse von Anne Silvester verfuhr, so war das Gelingen von Lady Lundie’s Bemühungen offenbar unmöglich. Was sie zunächst und zwar augenblicklich zu thun hatte, war, Blanche wissen zu lassen, daß sie von ihren Schritten unterrichtet sei und ihr streng zu untersagen sich ferner in die Sache zu mischen. Lady Lundie klingelte zwei Mal, was soviel bedeutete, als daß ihre Kammerjungfer erscheinen solle. Dann wandte sie sich wieder zu der Köchin die immer noch mit derselben steinernen Ruhe, ihre Schreibtafel in der Hand die Befehle ihrer Herrin erwartete. »Sie haben Unrecht gethan«, sagte Lady Lundie strenge, »ich bin Ihre Herrin, Sie haben mir Rede zu stehen!«

Hester Dethridge verneigte sich zum Zeichen ihrer Anerkennung des eben ausgesprochenen Princips.

Lady Lundie empfand diese Verneigung sofort als eine unpassende Unterbrechung. »Aber Miß Blanche ist nicht Ihre Herrin«, fuhr sie im scharfen Tone fort, »Sie sind sehr zu tadeln, daß Sie Miß Blanche’s Fragen über Miß Silvester beantwortet haben.«

Hester Dethridge schrieb, von diesem Vorwurf vollkommen unberührt, ihre Rechtfertigung in zwei ferneren Sätzen auf die Tafel: »Ich hatte keinen Befehl, Miß Blanche nicht zu antworten; ich bewahre Niemandes Geheimnisse, als meine eigenen.«

Durch diese Antwort war die seit Monaten schwebende Frage der Entlassung Hester Dethridges auf einmal entschieden. »Sie sind eine impertinente Person, ich habe es lange genug mit Ihnen ausgehalten und will es nicht länger, wenn Ihr Monat zu Ende ist gehen Sie.« Mit diesen Worten entließ Lady Lundie Hester Dethridge aus ihrem Dienste.

Nicht die leiseste Veränderung zeigte sich in dem finster-ruhigen Gesichtsausdruck Hester’s. Sie verneigte sich abermals zum Zeichen, daß sie das über sie verhängte Urtheil verstanden habe, ließ ihre Tafel herabhängen, drehte sich um und verließ das« Zimmer. Diese Person, die lebend und arbeitend auf der Welt umherging, war, soweit menschliche Interessen in Betracht kamen, so völlig außer allem Zusammenhang mit der Welt, als hätte sie eingesargt in ihrem Grabe gelegen.

In dem Augenblick, wo Hester das Zimmer verließ, trat Lady Lundie’s Kammerjungfer ein.

»Gehen Sie zu Miß Blanche und bitten Sie diese zu mir zu kommen, warten Sie einen Augenblick« —— sie hielt inne und ging mit sich zu Rath. Blanche konnte sich weigern, sich die Einmischung ihrer Mutter gefallen zu lassen, es konnte möglicher Weise nothwendig werden, die Autorität ihres Vormundes in Anspruch zu nehmen.

»Wissen Sie, wo Sir Patrick augenblicklich ist?

»Ich hörte Simpson sagen daß Sir Patrick nach den Ställen gegangen sei, gnädige Frau!«

»Lassen Sie Sir Patrick durch Simpson sagen, ich bäte ihn freundlichst gleich zu mir zu kommen.«

Eben waren die Vorbereitungen für die Abreise nach dem Jagdschlößchen getroffen und es fragte sich nur noch, ob Sir Patrick die Gesellschaft würde begleiten können, als der Diener mit der Botschaft seiner Herrin erschien.

»Wollen Sie mir eine viertel Stunde Zeit gönnen, meine Herren?« fragte er. »Nach Verlauf dieser kurzen Frist werde ich bestimmen können, ob ich mitgehen kann oder nichts« Es versteht sich von selbst, daß die Gäste sich bereit erklärten zu warten; die Jüngeren unter ihnen brachten als Engländer natürlich die kurze Muße damit zu, darauf Zu wetten, ob Sir Patrick sich werde losmachen können, oder ob man ihn im Hause festhalten werde; auf das letztere wurde Zwei gegen Eins gewettet.

Genau nach Verlauf einer viertel Stunde erschien Sir Patrick wieder. Die häuslichen Verhältnisse hatten das blinde Vertrauen, welches Jugend und Unerfahrenheit auf ihre Macht gesetzt hatten, getäuscht, Sir Patrick hatte sich frei gemacht.

»Die Dinge sind soweit in Ordnung«, sagte Sir Patrick, »daß ich im Stande bin, mit Ihnen zu gehen. Es giebt zwei Wege nach dem Jagdschlößchen; der eine längste führt an dem Gasthof von Craig Fernie vorüber; ich muß Sie bitten, diesen Weg mit mir zu nehmen. Dort muß ich auf einige Augenblicke absitzen um im Gasthof mit Jemanden ein kurzes Wort zu reden. Sie reiten inzwischen ruhig weiter.«

Es war Sir Patrick gelungen, Lady Lundie und auch Blanche zu beruhigen, und zwar Beide durch das feste Versprechen, das er Jeder von ihnen besonders gegeben hatte, statt ihrer nach Craig-Fernie zu gehen und persönlich dort Anne Silvester aufzusuchen. Ohne Weiteres bestieg er nun ein Pferd und die Jagdpartie verließ unter seiner Anführung Windygates.



Kapiteltrenner


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