Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Windygates - Neunundzwanzigstes Kapitel - Aufgegeben
 

Mann und Weib



Neunundzwanzigstes Kapitel - Aufgegeben

Sir Patrick verbrachte eine unbehagliche Frühstücksstunde, Blanche’s Abwesenheit war ihm verdrießlich und Anne Silvester’s Brief gab ihm zu denken. Er las die kurzen Zeilen wieder und wieder. Der wahre Sinn des Briefes konnte nur der sein, daß Anne entschlossen war, sich durch ihre Flucht für das Glück Blanches zu Opfern. Um demselben nicht im Wege zu stehen, hatte sie sich für immer von Blanche getrennt. Was bedeutete das und wie ließ es sich mit Anne’s Lage vereinigen, wie Mrs. Inchbare während seines Besuches in Craig-Fernie sie ihm geschildert hatte? Der ganze Scharfsinn und die ganze Erfahrung Sir Patrick’s reichten nicht hin, ihm auch nur den Schatten einer Antwort auf diese Frage« an die Hand zu geben. Während er noch über den Brief nachdachte, traten der Arzt und Arnold zusammen in’s Frühstückszimmer.

»Haben Sie schon von Blanche gehört?« fragte Arnold aufgeregt.

»Sie ist in keiner Gefahr, Sir Patrick, das Schlimmste ist vorüber«, fiel der Arzt ein, noch bevor Sir Patrick sich an ihn wenden konnte. »Das Interesse, das Herr Brinkworth an der jungen Dame nimmt läßt ihn die Sache ein wenig übertreiben. Ich habe auf Lady Lundies Bitte Miß Blanche besucht und ich kann Sie versichern, daß augenblicklich nicht die geringste Ursache zur Besorgniß vorhanden ist; Miß Lundie hat einen nervösen Anfall gehabt, der dem einfachsten Hausmittel gewichen ist. Die einzige Sorge, die Ihnen aus diesem Zustande erwächst, betrifft ihre künftige Behandlung, ihr Gemüth ist offenbar von einem Schmerz afficirt, den zu lindern und zu beseitigen nicht meine, sondern die Sache ihrer Freunde ist. Wenn Sie ihre Gedanken von dem peinlichen Gegenstand, der sie beschäftigt, welcher Art er auch immer sein möge, ablenken, so thun Sie Alles was nöthig ist.«

Mit diesen Worten ergriff der Arzt eins auf dem Tisch liegendes Zeitungsblatt und schlenderte damit in den Garten, indem er Sir Patrick und Arnold allein zurückließ.

»Haben Sie das gehört?« sagte Sir Patrick.

»Glauben Sie, daß er Recht hat?« fragte Arnold.

»Recht? Glauben Sie, daß Jemand durch falsche Diagnosen seine Berühmtheit erlangen könnte? Sie gehören der neuen Generation an, mein lieber Arnold. Ihr könnt alle einen berühmten Mann anstarren, ohne einen Schatten von Ehrfurcht vor seinem Ruhm zu haben. Wenn Shakespeare heute wieder erstünde und sich in einer Unterhaltung über dramatische Poesie ausspräche, so würde der erste Beste, der ihm bei Tische gegenüber säße, mit seiner abweichenden Ansicht so wenig zurückhalten, als wenn er mir oder Ihnen gegenüber säße, von Ehrfurcht ist bei uns keine Rede mehr, die gegenwärtige Generation hat sie zu Grabe getragen, ohne einen Gedenkstein auf das Grab zu setzen. Soviel davon, jetzt lassen Sie uns wieder auf Blanche zurückkommen. Ich vermuthen Sie wissen, was der peinliche Gegenstand ist, der auf ihrem Gemüthe lastet. Miß Silvester hat unsere Bemühungen ihre Spur zu verfolgen, zu Schanden gemacht Blanche hat gestern Abend aus einer Depesche der Edinburgher Polizei erfahren, daß wir unsern Zweck verfehlt haben und hat heute Morgen diesen Brief erhalten,« dabei schob er Arnold Anne’s Brief über den Frühstückstisch zu.

Arnold las den Brief und gab ihn ohne ein Wort zu sagen Sir Patrick zurück.

Mit dem Streit, den Arnold auf der Haide mit Geoffrey gehabt hatte, zusammengehalten ließ der Brief keine andere Erklärung für ihn zu, als daß Geoffrey Anne verlassen habe.

»Nun?« fragte Sir Patrick, »verstehen Sie, was das bedeutet?«

»Ich begreife jetzt Blanche’s Verzweiflung«, lautete Arnold’s ganze Antwort. Es war klar, daß ein weiterer Aufschluß, den er hätte geben können, selbst wenn er sich dazu für berechtigt gehalten hätte, Sir Patrick unter den gegenwärtigen Umständen für die Verfolgung Anne’s doch nicht von dem geringsten Nutzen gewesen sein würde. Unglücklicher Weise lag keine Versuchung für Arnold vor, das Schweigen, das er bis jetzt beobachtet hatte, zu brechen und selbst wenn eine solche Versuchung an ihn herangetreten wäre, würde er ihr unfehlbar widerstanden haben, denn niemals war seine Widerstandsfähigkeit so stark gewesen, wie eben jetzt. Zu den beiden wichtigen Motiven, die bis jetzt seine Zunge gefesselt hatten, der Achtung für Anne’s Ruf und dem Widerstreben, Blanche etwas über die Täuschung mitzutheilen, die er in dem Wirthshaus gegen sie zu üben genöthigt gewesen war, zu diesen beiden gewichtigen Motiven kam jetzt noch ein drittes hinzu. Ein Vertrauensbruch gegen Geoffrey mußte jetzt, nachdem ihn dieser persönlich beleidigt hatte, nur um so nichtswürdiger erscheinen. Der gemeinen Rache, deren sich dieser falsche Freund von ihm versah, war eine so edle Natur wie Arnold völlig unfähig. Niemals waren seine Lippen fester geschlossen; als in diesem Augenblick, wo seine ganze Zukunft davon abhing, daß Sir Patrick erfuhr, welche Rolle Arnold bei den früheren Ereignissen in Craig-Fernie gespielt hatte.

»Ja, ja«, nahm Sir Patrick wieder auf, »Blanche’s Trauer ist begreiflich genug, aber nach diesem Bericht scheint es fast, als wenn meine Nichte das Verschwinden des unglücklichen Mädchens zu verantworten hätte. Können Sie mir erklären, was Blanche damit zu thun hat?«

»Ich? Blanche selbst ist ganz außer Stande, sich die Sache zu erklären, wie sollte ich es können!«

Diese seine Antwort war vollkommen aufrichtig gemeint. Arnold hatte die, unbestimmte Besorgniß, die Anne über die Lage empfunden, in die sie und Arnold sich unschuldiger Weise im Gasthof versetzt fanden, seinerseits nicht getheilt. Er hatte nicht Acht darauf gegeben, ihre Bedenken nicht einmal verstanden. Die ganz natürliche Folge davon war, daß nicht der leiseste Verdacht des Beweggrundes, von welchem geleitet Anne handelte, jetzt in ihm aufstieg.

Sir Patrick steckte den Brief in seine Brieftasche und gab jeden ferneren Versuch, sich denselben zu erklären verzweifelt auf. »Genug und mehr als zuviel, im Dunkeln getappt«, sagte er, »nur Eines ist mir nachdem was mir diesen Morgen mit Blanche erlebt haben, klar: wir müssen uns die Situation, in die Miß Silvester uns gebracht hat, gefallen lassen. Von diesem Augenblicke an werde ich jeden weiteren Versuch ihre Spur zu verfolgen, aufgeben.«

»Das wird eine schreckliche Enttäuschung für Blanche sein, Sir Patrick.«

»Das leugne ich nicht, wir müssen das eben ertragen.«

»Wenn Sie überzeugt sind, daß nichts weiter geschehen kann, so müssen wir das allerdings.«

»Ich bin nichts weniger als fest überzeugt, lieber Arnold. Es giebt noch zwei Chancen, Aufschluß über die Sache zu erlangen, die ganz unabhängig von Allem sind, was Miß Silvester thun kann, uns im Dunkeln zu halten.«

»Warum wollen wir denn diese Chancen nicht versuchen, Sir Patrick? Es ist doch hart, Miß Silvester jetzt, wo sie sich in einer so traurigen Lage befindet, fallen zu lassen.«

»Wir können ihr nicht gegen ihren eigenen Willen helfen«, antwortete Sir Patrick, »und wir dürfen nach dem nervösen Anfall, den Blanche diesen Morgen gehabt hat, nicht die Gefahr laufen, sie der Aufregung einer ferneren Ungewißheit auszusetzen. Bei dieser ganzen Angelegenheit habe ich das Interesse meiner Nichte im Auge gehabt, und wenn ich jetzt meinen Plan ändere und es ablehne, Blanche durch neue Versuche, die möglicherweise wieder fehlschlagen können, noch mehr aufzuregen, so findet dies seinen Grund darin, daß ich auch jetzt nur ihr Interesse im Auge habe; das ist mein einziges Motiv. Wie viele Schwächen ich auch haben mag, die Ambition, mich als geheimer Polizei-Agent auszuzeichnen, gehört nicht dazu. Vom Standpunkt der Polizei aus ist der Fall durchaus kein verzweifelter, aber ich gebe ihn nichtsdestoweniger um Blanche’s willen auf. Anstatt sie zu ermuntern, diesem melancholischen Gegenstande noch weiter nachzuhängen, müssen wir die, uns von unserem ärztlichen Freund an die Hand gegebenen Mittel, zur Anwendung zu bringen suchen.«

»Wie wolle« wir das anfangen?« fragte Arnold.

Ein leiser Anflug von Humor zeigte sich bei diesen Worten wieder auf Sir Patricks Gesicht. »Bietet sich ihr bei dem Gedanken an die Zukunft nichts, was sie angenehmer beschäftigen könnte, als der Verlust ihrer Freundin?« fragte er. »Sie, mein junger Freund, sind bei dem Mittel, mit dem wir Blanche heilen wollen, persönlich interessirt, Sie sind eine der Medicinen die wir ihr verschreiben müssen; können Sie nicht errathen, was ich meine?«

Arnold sprang auf und strahlte vor Freude.

»Vielleicht haben Sie etwas dagegen, daß die Sache so eilig betrieben wird«, bemerkte Sir Patrick.

»Ich etwas dagegen? Wenn Blanche nur will, ich bin bereit, sie gleich jetzt, sobald sie herunter kommt, in die Kirche zu führen.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Arnold Brinkworth«, erwiderte Sir Patrick trocken, »mögen Sie immer so bereit sein die Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen. Setzen Sie sich wieder und seien Sie vernünftig. Das äußerst Mögliche, wenn Blanche will, wie Sie es nennen, und wenn wir die Advokaten dahin bringen können, das Nöthige zu besorgen, wäre, daß Sie sich in drei Wochen oder in einem Monate verheirathen!«

»Was haben denn die Advocaten dabei zu thun?«

»Mein lieber Freund, wir haben es hier nicht mit einer Romanheirath, sondern mit der unromantischsten Angelegenheit von der Welt zu thun. handelt sich hier um einen jungen Mann und eine junge Dame, die beide reich sind, die nach ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrem Charakter zu einander passen, und von denen der Eine mündig ist und die Andere sich mit der vollen Zustimmung ihres Vormundes verheirathet. Was folgt aus diesem ganz prosaischen Zustand der Dinge? Natürlich Advocaten und Contracte.«

»Lassen Sie uns in die Bibliothek gehen, Sir Patrick, und ich will den Contract bald genug aufsetzen. Ich brauche nur ein Stückchen Papier und einen Tropfen Dinte:

»Hiemit vermache ich mein ganzes Vermögen bis auf den letzten Heller meiner lieben Blanche.«

»Ich unterschreibe das, klebe eine Oblate auf den Bogen und drücke mit dem Finger auf die Oblate, schreibe noch darunter: »»Ich erkläre das Vorstehende für meinen letzten Willen««, und die Sache ist gethan.«

»Glauben Sie wirklich? Sie sind ein geborener Gesetzgeber, Sie schaffen und codificiren Ihr eigenes System in einem Athem. Moses-Justinjan-Mahomed, geben Sie mir Ihren Arm. Es ist doch in dem, was Sie eben gesagt haben, ein Atom von Verstand. Ihre Aufforderung, mit Ihnen in die Bibliothek zu gehen, ist ein der Erwägung werther Vorschlag. Haben Sie zufällig unter anderen Ueberflüssigkeiten des Lebens auch so etwas wie einen Advokaten an der Hand?«

»Ich habe deren zwei, einen in London und einen in Edinburgh.«

»Wir wollen den Nächstwohnenden nehmen, weil wir eilig sind. Wer ist Ihr Advokat in Edinburgh? Pringle in Pittstreet? Sie können keinen besseren haben. Setzen Sie sich hin und schreiben Sie ihm. Sie haben mir das Resüme Ihres Heirathscontracts, mit der Kürze eines alten Römers gegeben. Ich werde mich doch wahrhaftig nicht von einem Dilettanten in der Abdovokatur überflügeln lassen. Hören Sie nun auch mein Resümé: Sie sind gerecht und großmüthig gegen Blanche, Blanche ist gerecht und großmüthig gegen Sie, und Sie Beide vereinigen sich, gerecht und großmüthig gegen Ihre Kinder zu sein. Das ist das Muster eines Ehecontractes und so müssen Ihre Instructionen an Pringle in Pittstreet lauten. Können Sie allein mit dem Brief zu Stande kommen? Nein, natürlich nicht; nun, strengen Sie sich ein wenig an, legen Sie sich die in Betracht kommenden Punkte der Reihe nach zurecht! Sie wollen sich verheirathen. Sie sagen mit wem, Sie fügen hinzu, daß ich der Vormund der Dame bin, Sie nennen den Namen und die Adresse meines Advocaten in Edinburg, Sie schreiben Ihre Instructionen klar und in möglichster Kürze nieder und überlassen die Details Ihrem juristischen Rathgeber, Sie verweisen die Advokaten auf einander, Sie bitten, daß die Entwürfe der Contracte so rasch wie möglich ausgefertigt werden und geben als Ihre Adresse Windygates-House an. Das sind die Hauptpunkte. Können Sie damit zu Stande kommen? O, über die junge Generation, o, über die Fortschritte, die wir in diesem erleuchteten Zeitalter machen! Sehen Sie, Sie können Blanche heirathen und sie glücklich machen und die Bevölkerung vermehren und das Alles, ohne einen guten Brief schreiben zu können. Da kann man wirklich nur wie der Gelehrte Bevoriskius, als er zum Fenster hinaus sah und sich die Zärtlichkeit der Sperlinge betrachtete, sagen: Wie gnädig ist der Himmel gegen seine Geschöpfe. —— Nehmen Sie nur die Feder zur Hand, ich will Ihnen dictiren.«

Das geschah, und Sir Patrick überlas den Brief, genehmigte ihn und warf ihn selbst in den Briefkasten. Hierauf verbot er Arnold auf das Strengste, ohne seine ausdrückliche Genehmigung, mit seiner Nichte von der Heirath zu sprechen.

»Es muß noch Jemand anders, außer Blanche und mir seine Zustimmung geben«, sagte er.

»Lady Lundie?«

»Allerdings. Genau genommen bin ich der Einzige, der gefragt zu werden braucht, aber meine Schwägerin ist Blanche’s Stiefmutter, sie ist für den Fall meines Todes zur Vormünderin ernannt und hat ein Recht der Conrtoisie, wenn nicht ein gesetzliches Recht befragt zu werden. Möchten Sie es selbst thun?«

Arnold machte ein klägliches Gesicht und sah Sir Patrick in trübseliger Verzweiflung an.

»Was, Sie können nicht einmal mit einer so nachgiebigen Dame, wie Lady Lundie, reden? Sie sind vielleicht ein sehr brauchbarer Mensch zur See gewesen, aber auf dem Lande ist mir nie ein hülfloseres Wesen vorgekommen; machen Sie, daß Sie in den Garten zu den anderen Sperlingen hinauskommen; Jemand muß Lady Lundie gegenübertreten und wenn Sie es nicht wollen, muß ich es schon für Sie thun.«

Er schob Arnold zur Thür hinaus und stützte sich nachdenklich auf die Krücke seines Stockes. Jetzt wo er allein war, schwand der Ausdruck der Munterkeit von seinem Gesicht. Seine Kenntniß von Lady Lundies Character ließ ihn voraussehen, daß es keine leichte Sache sein werde, ihre Genehmigung zu einer Beschleunigung von Blanchcks Heirath zu erlangen.

»Ich denke mir«, murmelte Sir Patrick vor sich hin, »mein armer Bruder Tom muß wohl gewußt haben, wie sie zu nehmen ist, aber ich möchte wohl wissen, wie er es angefangen hat. Ja, wenn sie die Frau eines Maurers gewesen wäre, sie ist gerade eine von den Frauen, die nur durch eine regelmäßige und kräftige Application der Fäuste ihrer Männer, vollkommen in Ordnung gehalten werden können, aber Tom war kein Maurer und ich begreife nicht recht, wie er es angefangen hat.« Nach einer Weile ernsten Nachdenkens über diese Sache gab Sir Patrick die Lösung des Problems als über menschliche Kräfte gehend, auf. »Es muß gethan sein«, schloß er, »und mein Mutterwitz muß mir dabei durchhelfen.« In dieser resignirten Gemüthsverfassung humpelte er zur Bibliothek hinaus und klopfte an die Thür von Lady Lundie’s Boudoir.


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