Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Blinde
 

Die Blinde



Erstes Kapitel - Noch einmal mein guter Papa.

Zum Glück war nicht zu befürchten, daß das, Versprechen, welches ich Oscar gegeben hatte, mir eine lange Zeit ängstlichen Anmichhaltens auferlegen werde. Wenn wir nur über die nächsten fünf Tage sicher hinwegkamen konnten wir der Zukunft mit ziemlicher Ruhe entgegensehen. Am letzten Tage des Jahres war Lucilla durch die Testamentsverfügung verpflichtet, nach London zu gehen und ihre drei Monate unter dem Dache ihrer Tante zuzubringen.

In der kurzen Zeit, die bis zu ihrer Abreise verfloß, berührte sie zweimal den heiklichen Gegenstand.

Das erste Mal fragte sie mich, ob ich wisse, was für Arznei Oscar nehme. Ich erklärte, es nicht zu wissen und brachte die Unterhaltung sofort aus einen anderen Gegenstand. Das zweite Mal war sie noch näher daran, die Wahrheit zu errathen. Sie fragte mich, ob ich gehört habe, in welcher Weise die Arznei die Heilung bewirke. Da sie wußte, daß die Zufälle von einer Affection des Gehirns herrührten, war sie begierig, zu erfahren, ob die ärztliche Behandlung nachtheilig auf das Gehirn des Patienten wirken werde. Diese Frage, die ich ihr natürlich nicht hatte beantworten können, richtete sie an beide Aerzte, die sie, da Oscar sie ins Vertrauen gezogen hatte, durch die Erklärung beruhigten, daß die Heilung durch Mittel bewerkstelligt werde, die das Gehirn nicht afficirten. Von diesem Augenblick an war ihre Neugierde befriedigt; andere Dinge nahmen ihr Interesse in Anspruch; sie kam nicht wieder auf den Gegenstand zurück.

Es war abgemacht, daß ich Lucilla nach London begleiten solle; Oscar sollte uns folgen, sobald sein Gesundheitszustand ihm erlauben würde die Reise zumachen. Als Lucilla’s Verlobter hatte er während ihres Aufenthalts in London Zutritt zu dem Hause ihrer Tante. Ich wurde zugelassen auf Lucilla’s Verwendung, welche erklärte, sich nicht drei Monate lang von mir trennen zu wollen, Fräulein Batchford lud mich in einem sehr höflichen Schreiben freundlichst ein, mir es am Tage in ihrem Hause wohl sein zu lassen, und wir kamen, da sie kein zweites Fremdenzimmer hatte, überein, daß ich in einem Gasthause in der Nähe schlafen solle. In demselben Hause sollte auch Oscar wohnen, sobald die Aerzte ihm die Reise nach London erlaubten. Man hoffte jetzt, daß, wenn Alles gut ginge, die Hochzeit nach Verlauf der drei Monate, die Lucilla in London bei Fräulein Batchford zubringen mußte, würde stattfinden können.

Aber drei Tage vor dem für Lucilla’s Reise nach London festgesetzten Terrain wurden diese Pläne, sofern meine Person dabei in Betracht kam, über den Haufen geworfen.

Ich erhielt einen Brief aus Paris mit schlimmen Nachrichten; meine Abwesenheit hatte die denkbar schlechteste Wirkung auf meinen guten Papa geübt. Von dem Augenblick an, wo er sich meinem Einfluß entzogen sah, war er völlig untraitabel geworden. Meine Schwestern versicherten mir, daß die abscheuliche Person, aus deren Netzen ich ihn gerettet hatte, ihn ohne Zweifel schließlich doch dahin bringen werde, sie zu heirathen, wenn ich nicht sofort wieder auf dem Schauplatz erschiene. Was war da zu thun? Nichts, als in meinem einsamen Zimmer in Wuth zu gerathen, mit den Zähnen zu knirschen und alle meine Sachen auf den Boden zu werfen und dann — nach Paris abzureisen.

Lucilla benahm sich äußerst liebenswürdig. Als sie sah, wie aufgebracht und unglücklich ich war, drängte sie mit der zartesten Rücksicht für meine Empfindungen jede Aeußerung des Verdrusses über die Durchkreuzung ihrer Pläne zurück. »Schreiben Sie mir oft«, sagte das reizende Geschöpf, »und kehren Sie so bald wie möglich zu mir zurück.« Ihr Vater brachte sie nach London; zwei Tage vor ihrer Abreise nahm ich im Pfarrhause und in Browndown Abschied und reiste wieder über Newhaven und Dieppe nach Paris.

Ich war durchaus nicht in der Stimmung, es mit diesem Ausbruch der Leidenschaft bei meinem ewig jungen Vater leicht zu nehmen; ich bestand darauf, ihn augenblicklich von Paris fortzubringen und eine größere Reise mit ihm zu machen. Ich hatte mich dieses Mal gegen seine väterlichen Umarmungen gewaffnet; ich war taub gegen den Ausdruck seiner noblen Empfindungen. Er erklärte, er werde unterwegs sterben. Wenn ich jetzt an die Sache zurückdenke, so ergötzt mich meine eigene Grausamkeit. Ich sagte: »En rute, Papa«, packte ihn in den Wagen und reiste mit ihm nach Italien. Während der ganzen Reise von Paris nach Rom verliebte er sich bald in diese, bald in jene schöne Reisende. Der alte Mann war wirklich merkwürdig. In Rom, dieser Brutstätte der Feinde der Menschheit, fand ich ein Mittel, den Urheber meiner Tage moralisch mürbe zu machen. Die ewige Stadt enthält dreihundertundfünfundsechzig Kirchen und ungefähr drei Millionen und fünfundsechzig Bilder. Ich zwang ihn, trotz seiner fünfundsiebzig Jahre, alle diese Bilder und Kirchen zu sehen. Gerade wie ich es vorausgesehen hatte, blieb die beruhigende Wirkung nicht aus. Nachdem ich den guten Papa durch Kirchen und Bilder ganz mürbe gemacht hatte, führte ich ihn als ersten Versuch vor ein Weib von Marmor. Er schlief vor der capitolinischen Venus ein und ich sagte mir, als ich das sah: Jetzt wird es mit ihm gehen, Don Juan ist endlich überwunden!

Lucilla’s Briefe an mich, die anfänglich sehr heiter gewesen waren, lauteten allmählig immer niedergeschlagener. Sie war jetzt schon sechs Wochen von Dimchurchs fort und noch immer gaben Oscars Briefe keine Hoffnung, ihn bald in London zu sehen. Sein Zustand besserte sich zwar, aber nicht so rasch, wie es sein ärztlicher Rathgeber vorausgesagt hatte. Oscar erklärte daher, darauf gefaßt sein zu müssen, daß die Zeit für Lucilla’s Rückkehr ins Pfarrhaus kommen werde, ohne daß er die Erlaubniß erhalten hätte, Browndown zu verlassen. In dieser Aussicht konnte er sie nur dringend bitten, Geduld zu haben und nicht zu vergessen, daß er in seiner Besserung, wenn auch langsam, doch beständig fortschreite. Unter diesen Umständen war Lucilla natürlich sehr verstimmt und niedergeschlagen. Sie habe, schrieb sie mir, seit ihren Kinderjahren noch nie eine so traurige Zeit bei ihrer Tante verlebt wie dieses Mal. Als ich diesen Brief las, war es mir sofort klar, daß da etwas nicht in Ordnung sei; ich stand mit Oscar in fast ebenso lebhafter Correspondenz wie mit Lucilla. Der letzte Brief, den ich von ihm erhalten hatte, widersprach seinem letzten Briefe an Lucilla schnurstracks. In seinem Briefe an mich erklärte er, er gehe seiner Wiederherstellung mit raschen Schritten entgegen; bei seiner jetzigen Kur stellten sich die epileptischen Zufälle in immer längeren Zwischenräumen ein und waren von immer kürzerer Dauer. Es war also klar, daß er Lucilla einen traurigen, mir aber einen sehr ermuthigenden Bericht über seinen Zustand hatte zugehen lassen. Ich sollte es aus Oscar’s nächstem Briefes ersehen, was das zu bedeuten habe. »Ich sagte Ihnen«, schrieb er, »in meinem letzten Briefe, daß die Verfärbung meiner Haut begonnen habe. Der Teint, den Sie einst zu bewundern die Güte hatten, sieht jetzt fahl aschgrau und so todtenähnlich aus, daß ich mich bisweilen, wenn ich mich im Spiegel sehe, vor mir selbst entsetzte. Nach Verlauf von weiteren sechs Wochen wird sich diese Farbe, der Berechnung des Doctors zufolge, in Blauschwarz verwandelt haben, und dann wird die Sättigung, wie er es nennt, vollzogen sein. Weit entfernt, irgend ein unnützes Bedauern darüber zu empfinden, daß ich die Arznei, welche so häßliche Wirkungen hervorbringt, genommen habe, bin ich meinem Höllenstein dankbarer, als es Worte auszudrücken vermögen. Wenn Sie mich nach dem geheimen Grunde dieses meines außerordentlich philosophischen Gleichmuths fragen, so kamt ich Ihnen Denselben in wenigen Worten angeben. Seit zehn Tagen habe ich keine epileptischen Zufälle gehabt, mit anderen Worten, seit zehn Tagen lebe ich im Paradiese. Ich würde mit Freuden einen Arm oder ein Bein hergegeben haben, um des beglückenden Seelenfriedens, der berauschenden Zuversicht auf die Zukunft, deren ich mich jetzt erfreue, theilhaftig zu werden. Und doch hat die Sache eine Schattenseite, die mich auch jetzt noch keine völlige Gemüthsruhe behalten läßt. Wo hat es je in dieser Welt eine Freude gegeben, die nicht den lauernden Keim eines Schmerzes in sich getragen hätte? Ich habe kürzlich eine mir bis dahin unbekannte Eigenthümlichkeit an Lucilla entdeckt, welche mich sehr peinlich berührt hat. Das offene Bekenntniß, welches ich ihr über die Veränderung meines Aeußeren zu machen entschlossen war, ist jetzt eine unendlich viel schwierigere Sache für mich geworden, als ich bei unserer Besprechung dieser Angelegenheit in Browndown vorausgesehen hatte. Haben Sie gewußt, daß Lucilla keine stärkere Antipathie hat, als die rein imaginäre gegen Leute von dunkler Hautfarbe und gegen dunkle Farbe überhaupt? Dieses sonderbare Vorurtheil ist, wie ich mir denke, ein krankhaftes Erzeugniß ihrer Blindheit und ihr selbst ebenso unerklärlich wie Anderen, Aber gleichviel, die Antipathie ist da. Lesen Sie den folgenden Auszug aus einem ihrer Briefe an ihren Vater, welchen dieser mir gezeigt hat und Sie werden nicht überrascht sein, daß ich bei dem Gedanken an die Zeit, wo ich ihr werde sagen müssen, was ich gethan habe, zittere. Sie schreibt an Herrn Finch: »Ich muß Dir leider von einem kleinen Wortwechsel mit meiner Tante erzählen. Die Sache ist jetzt wieder ausgeglichen; wir sind aber doch nicht ganz so gute Freunde mehr wie vorher. Vorige Woche hatten wir Mittagsesellschaft hier und unter den Gästen befand sich ein zum Christenthum übergetretener Indier, den meine Tante sehr gern hat. Bei meiner Toilette hatte ich den unglücklichen Gedanken, das Kammermädchen zu fragen, ob sie den Indier gesehen habe und als sie meine Frage bejahte, den noch unglücklicheren, sie zu fragen, wie er aussähe. Sie schilderte ihn mir als sehr schlank und hager, mit dunkler brauner Hautfarbe und glänzenden schwarzen Augen. Meine verwünschte Einbildungskraft machte sich sofort daran, mir dieses schreckliche Zusammenwirken dunkler Farben auszumalen. Ich mochte dagegen ankämpfen wie ich wollte, ich sah vor meinem inneren Auge ein schreckliches Bild des Indiers, wie eine Art von Ungeheuer in menschlicher Gestalt. Ich hätte eine Welt darum gegeben, wenn ich nicht nöthig gehabt hätte, in den Salon hinunterzugehen; aber meine Tante ließ mich rufen und stellte mir den Indier vor. Kaum fühlte ich, daß er sich mir näherte, als sich auch schon das Dunkel um mich her mit braunen Dämonen bevölkerte. Er ergriff meine Hand; ich gab mir die größte Mühe, mich zu beherrschen, aber ich konnte bei dem besten Willen nicht umhin, zu schaudern und zurückzufahren, als er mich berührte. Die Sache wurde noch schlimmer dadurch, daß er bei Tische neben mir saß. Nach Verlauf von fünf Minuten wimmelte es von langen, hagern schwarzäugigen Geschöpfen, deren Zahl sich mit jedem Augenblicke vermehrte und die mich immer dichter umdrängten. Die Sache endete damit, daß ich genöthigt war, vom Tische aufzustehen und das Zimmer zu verlassen. Als die Gäste alle fort waren, überhäufte mich meine Tante mit Vorwürfen. Ich gab zu, daß mein Benehmen höchst unverständig gewesen sei. Zugleich aber bat ich sie, nachsichtig gegen mich zu sein. Ich erinnerte sie daran, daß ich seit meinem ersten Lebensjahre blind sei und daß ich keine andere Vorstellung davon habe, wie eine Person aussehe, außer die ich mir durch Bilder meiner Phantasie, durch Beschreibung und durch Betastung verschaffen könne. Ich bat sie, doch zu bedenken, daß ich natürlich fortwährend der Gefahr ausgesetzt sei, mir von meiner Phantasie einen Streich spielen lassen zu müssen und daß ich keine Augen habe, mit denen ich sehen könne und die mich, wie sie es bei, anderen Menschen thun, aufklären könnten, wenn ich mir eine falsche Ansicht über Personen und Dinge gebildet habe. Es war Alles vergebens; meine Tante wollte keine Entschuldigung für mich gelten lassen. Durch, ihre Ungerechtigkeit reizte sie mich so, daß ich ihr eine Antipathie vorhielt, an der sie selbst leide und die gerade so lächerlich ist wie die meinige, nämlich die gegen Katzen. Sie, die sehen kann, daß Katzen harmlos sind, schaudert trotzdem und wird bleich, sobald sie sich mit einer Katze in demselben Zimmer befindet. Wenn ich nun meinen unsinnigen Abscheu gegen dunkle Menschen und ihre gegen Katzen zusammenhalte, so möchte ich doch fragen, wer von uns Beiden ein Recht hat, dem Anderen etwas vorzuwerfen?«

So lautete der Auszug aus Lucilla’s Brief an ihren Vater. Dann nahm Oscar wieder auf:

»Ich möchte wissen, ob Sie es jetzt begreiflich finden werden, daß ich meinen Zustand in meinen Briefen an Lucilla so schlimm wie möglich geschildert habe. Das ist die einzige Entschuldigung, die ich dafür vorbringen kann, daß ich nicht zu ihr nach London reise. Trotz meiner Sehnsucht, sie wiederzusehen, kann ich es doch nicht über mich gewinnen, mich der Gefahr auszusetzen, mit ihr in Gegenwart von Fremden zusammenzukommen, welche meine schreckliche Hautfarbe sofort bemerken und ihr verrathen würden. Stellen Sie sich vor, wie sie schaudern und vor meiner Hand zurückfahren würde, wenn ich sie berührte! Nein, nein, ich muß an diesem ruhigen Orte eine Gelegenheit abpassen, wo ich, nachdem ich Zeit genug gehabt, sie für die Enthüllung, wenn sie nothwendig werden sollte, vorzubereiten, ihr mittheilen werde, was sie fürchte ich, erfahren muß und wo kein anderer Zeuge des ersten schmerzlichen Eindrucks, welchen ich auf sie hervorbringen werde, zugegen sein wird als Sie.

Ich habe diesem schon zu langen Schreiben nur noch hinzuzufügen, daß ich Ihnen dieses Alles im strengsten Vertrauen schreibe. Sie haben mir versprochen, meiner Entstellung gegen Lucilla keine Erwähnung zu thun, ehe ich Sie dazu autorisiere. Ich binde Ihnen jetzt dieses Versprechen dringender als je auf die Seele. Die wenigen Menschen hier haben sich alle wie Sie zur Geheimhaltung verpflichtet. Wenn es wirklich unvermeidlich sein sollte sie mit der Wahrheit bekannt zu machen, so darf ich allein auf meine Weise und zu der mir gut scheinenden Zeit sie ihr mitteilen.«

»Wenn sie nothwendig sein sollte« — »wenn es wirklich unvermeidlich sein sollte diese Sätze in Oscar’s Brief überzeugten mich, daß er schon anfing, sich mit der unsinnig trügerischen Vorstellung zu trösten, daß es auf die Dauer möglich sein werde, die widerwärtige Veränderung seines Aeußeren vor Lucilla geheim zu halten. Wenn ich in Dimchurch gewesen wäre, würde mich die Wendung, welche die Dinge jetzt zu nehmen schienen, mit ernsten Besorgnissen erfüllt haben. Aber räumliche Entfernung wirkt sehr eigenthümlich auf die Weise, in welcher wir die Dinge anzusehen pflegen. In Italien betrachtete ich Lucilla’s Antipathien und Oscar’s Skrupel als einer ernsten Erwägung gleich unwerth. Früher oder später, sagte ich mir, würde die Zeit dieses junge Paar schon wieder zur Vernunft bringen, es würde sich heirathen und damit würde die Sache ein Ende haben. Inzwischen fuhr ich fort den guten Papa mit heiligen Familien und Kirchen zu tractiren. O, der arme alte Mann, wie er beim Anblick von Caracci’s und Kirchenkuppeln gähnte! Und wie heilig er mir versprach, sich nie mehr zu verlieben, wenn ich ihn nur wieder nach Paris bringen wolle!

Ein paar Tage nach dem Empfang von Oscars Brief reisten wir nach Hause. Ich ließ meinen jetzt umgewandelten halten Vater seine müden alten Glieder in seinem alten Lehnstuhl ausruhen; ich nahm Abschied in der festen Ueberzeugung, daß er vielleicht noch einer platonischen Liebe zu einer Dame seines Alters, aber sonst keiner Extravaganz mehr fähig sei.

»O, liebes Kind, laß mich ausruhen«, rief er, als ich ihm Lebewohl sagte, »und zeige mir in meinem ganzen Leben kein Bild und keine Kirche wieder!«



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel - Madame Pratolungo kehrt nach Dimchurch zurück.

Ich kam in der letzten Woche vor Lucilla’s Abreise in London an und blieb dort ruhig, bis es Zeit war, sie wieder nach Dimchurch zurück zu geleiten.

Je mehr Lucilla’s Aufenthalt in London sich seinem Ende näherte und je weniger sie daher auf ein Hinkommen Oscar’s drang, desto heiterer wurden Oscar’s Briefe, der nun nicht mehr ein Zusammensein mit Lucilla vor Fremden zu befürchten brauchte und auch Lucilla war in der besten Stimmung und entzückt, mich wieder bei sich zu haben. Wir amüsirten uns während der wenigen Tage in London nach Kräften und genossen Musik in Opern und Concerten in Fülle. Ich kam mit Lucilla‘s Tante vortrefflich aus, bis ich am letzten Tage durch etwas zu einem Bekenntniß meiner politischen Ueberzeugung veranlaßt wurde. Der Schreck, der die alte Dame befiel, als sie dahinter kam, daß ich eine Ausrottung der Könige und Priester und eine allgemeine Wiedervertheilung des Eigenthums in der ganzen civilisirten Welt herbeisehne, läßt sich gar nicht in Worte fassen. Da hatte ich einmal wieder einer elenden Aristokratin Furcht und Zittern eingeflößt. Natürlich war von nun an für mich Fräulein Batchford’s Haus für alle Zukunft verschlossen. Aber Tag wird kommen, wo die Batchford’s der Menschheit keine Thür mehr zu verschließen haben; ganz Europa treibt der Erfüllung des Pratolungo’schen Programms immer näher. Seid guten Muth’s, Ihr, meine Brüder ohne Landbesitz und Ihr, meine Schwestern ohne Geld! Wir werden den Streit noch mit den infamen Reichen auskämpfen! Hoch lebe die Republik!

Anfang April verließen Lucilla und ich die Hauptstadt und kehrten nach Dimchurch zurück.

Je näher wir dem Pfarrhause kamen, je aufgeregter und unruhiger Lucilla in der ungeduldigen Erwartung ihrer Wiedervereinigung mit Oscar wurde, desto mehr bemächtigten sich meines Gemüthes die Besorgnisse, deren ich mich in Italien so leicht entschlagen hatte. Jetzt war meine Einbildungskraft unablässig thätig, sich Bilder auszumalen, entsetzliche Bilder von Oscar als einem veränderten Wesen, als einem Medusenhaupt, das zu furchtbar wäre, als daß menschliche Augen es ertragen konnten. Wo kam er uns entgegen? Am Eingang des Dorfes? Nein. An der Pforte des Pfarrhauses? Nein. In dem stilleren Theil des Gartens, welcher hinter dem Hause lag, stand er allein, unserer wartend.

Lucilla flog mit einem Aufschrei des Entzückens in seine Arme. Ich stand hinter ihnen und sah sie an. O, wie lebhaft erinnere ich mich meines Eindrucks, als ich zuerst die beiden Gesichter neben einander sah! Die Arznei hatte ihre Wirkung gethan Ich sah, wie sie ahnungslos ihre schöne Wange an seine fahle blauschwarze Wange lehnte. Himmel, wie schrecklich drängte sich mir bei dieser ersten Umarmung der Contrast seiner äußeren Erscheinung, wie ich sie zuletzt gesehen hatte, mit seinem jetzigen Aussehen auf. Seine Augen wandten sich mit einem bittenden Ausdruck von ihr zu mir, während er sie in den Armen hielt; sein Blick sagte mir so beredt, was in ihm vorging, als wenn er laut gesagt hätte: »Sie lieben sie ja auch! Ich frage Sieg wäre es nicht grausam, ihr die Wahrheit zu sagen?«

Ich ging auf ihn zu, um ihm die Hand zu reichen. In demselben Augenblick trat Lucilla plötzlich einige Schritte zurück, legte ihre linke Hand auf seine Schulter und fuhr ihm mit der rechten Hand über’s Gesicht. Mir war, als hörte mein Herz auf zu klopfen. Mit ihrem wunderbar feinen Tastsinn hatte sie am Tage meiner Ankunft die dunkle Farbe meines Kleides herausgefunden, sollte ihr dieser feine Tastsinn jetzt ebenso sicher wie damals dazu verhelfen, die Wahrheit an’s Licht zu bringen?

Nachdem sie einmal ihre Finger über sein Gesicht hatte gleiten lassen, hielt sie in einer athemlosen Spannung, deren ich mich von damals her noch so gut erinnerte, einen Augenblick inne; dann fuhr sie ihm ein zweites Mal mit der Hand über das Gesicht, dachte Wieder einen Augenblick nach und wandte sich dann zu mir.

»Was lesen Sie in diesem Gesicht?« fragte sie.

»Ich lese darin, daß ihn etwas druckt. Was ist es?«

Für dieses Mal waren wir gerettet. Die abscheuliche Medizin hatte die Farbe seiner Haut verändert, die Textur derselben aber völlig unberührt gelassen. Ihren Fingerspitzen erschien Oscar’s Gesicht ganz ebenso, wie vor ihrer Abreise. Noch ehe ich Lucilla antworten konnte, sagte Oscar selbst: »Mir ist nichts Schlimmes widerfahren, lieber Engel, meine Nerven sind heute ein wenig aufgeregt und die Freude, Dich wiederzusehen, hat mich einen Augenblick überwältigt, das ist Alles.«

Ungeduldig schüttelte sie den Kopf.

»Nein«, sagte sie, »das ist nicht Alles.« Sie legte ihm die Hand aufs Herz. »Warum schlägt es so heftig?« Sie nahm seine Hand in die ihrige: »Warum ist sie so kalt? Ich muß es wissen, komm hinein!«

In diesem fatalen Augenblick erwies sich der sonst lästigste aller Menschen plötzlich als der willkommenste; der Pfarrer erschien im Garten, um feine von der Reise zurückgekehrte Tochter zu begrüßen und brachte Lucilla durch seine väterlichen Umarmungen und seine mit gewaltiger Stimme hervorgebrachte Anrede auf das Wirksamste zum Schweigen. Natürlich wandte sich die Unterhaltung einem anderen Gegenstande zu. Oscar zog mich bei Seite, so daß man uns nicht hören konnte, während Lucilla’s Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch genommen war.

»Ich habe es wohl gesehen«, sagte er, »wir sehr Sie mein Anblick einsetzte. Sie fühlten sich erleichtert, als Sie fanden, daß Lucilla mit ihrem Tastsinn nichts entdecken könne. Helfen Sie mir die Sache noch zwei Monate lang vor ihr geheim halten und ich will Sie für die beste Freundin erklären, die je ein Mann gehabt hat.«

»Zwei Monate?« wiederholte ich.

»Ja. Wenn sich die Zufälle in zwei Monaten nicht wieder eingestellt haben, so darf ich mich nach der Versicherung des Arztes für völlig geheilt halten und dann können Lucilla und ich uns heirathen.«

»Lieber Freund, wollen Sie Lucilla betrügen?«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Kommen Sie, Sie wissen recht gut, was ich meine. Ist es ehrenhaft, sie erst zur Heirath mit Ihnen zu verlocken und ihr erst nachher etwas von Ihrer Hautfarbe zu sagen?«

Er seufzte tief.

»Ich würde sie mit Abscheu gegen mich erfüllen, wenn ich ihr die Sache gestände. Sehen Sie mich nur an«, rief er aus, indem er seine gespensterhaft blauen Hände verzweiflungsvoll vor sein blaues Gesicht hielt.

Ich war entschlossen, mich auch dadurch nicht bewegen zu lassen.

»Seien Sie ein Mann«, sagte ich, »und bekennen Sie die Sache offen. Heirathen sie Sie denn nur Ihres Gesichtes willen, das sie nie wird sehen können? Nein, um Ihres Herzens willen, das eins mit dem ihrigen ist. Vertrauen Sie ihrem natürlichen gesunden Menschenverstand und noch mehr der treuen Liebe, die sie zu Ihnen hegt; sie wird ihr albernes Vorurtheil als solches erkennen, sobald sie inne wird, daß Sie Gefahr läuft, Sie durch dasselbe zu verlieren.«

»Nein, nein, nein! Denken Sie an den Brief an ihren Vater. Ich würde sie für immer verlieren, wenn ich ihr jetzt etwas von der Sache sagte.«

Ich ergriff seinen Arm und versuchte es, ihn zu Lucilla zu bringen. Sie war eben im Begriff, sich von ihrem Vater loszumachen; sie sehnte sich schon wieder darnach, Oscar’s Stimme zu hören.

Er aber hielt sich hartnäckig zurück. Ich fing an ihm zu zürnen. Im nächsten Augenblick würde ich etwas gesagt oder gethan haben, was mich nachher gereut haben würde, wenn nicht noch, bevor ich die Lippen öffnen konnte, eine neue Unterbrechung gekommen wäre. Der Diener aus Browndown trat in den Garten mit einem Brief für seinen Herrn in der Hand.

»Dieser Brief ist eben mit der Nachmittagspost angekommen, Herr Dubourg«, sagte er. »Es steht, Sofort zu besorgen, darauf, und ich dachte, es wäre besser, wenn ich ihn Ihnen gleich herbrächte.«

Oscar nahm ihm den Brief aus der Hand und sah die Adresse an: »Meines Bruders Handschrift!« rief er aus, »ein Brief von Nugent!« Er öffnete den Brief und that einen Freudenschrei, der Lucilla sofort an seine Seite brachte.

»Was giebt es?« fragte sie eifrig.

»Nugent kommt wieder; Nugent wird in einer Woche bei uns sein. O, Lucilla, mein Bruder kommt, mich in Browndown zu besuchen.«

Er umschlang sie mit seinen Armen und küßte sie in dem ersten Entzücken über den Empfang dieser frohen Nachricht. Sie entriß sich seiner Umarmung, ohne ihm ein Wort zu antworten. Sie ließ ihre armen blinden Augen nach mir suchend umherschweifen.

»Hier bin ich«, sagte ich.

Ungestüm und zornig legte sie ihren Arm in den meinigen. Ich sah, während sie mich nach dem Hause hineinzog, jammervolle Eifersucht in ihren Zügen. Noch nie, so lange sie Oscar kannte, hatte seine Stimme den Ton der Glückseligkeit angeschlagen, den sie eben vernommen hatte. Noch nie hatte sie Oscar’s Herz so auf seinen Lippen gefühlt, wie eben, als er sie in seiner ersten Freude über Nugent’s bevorstehende Rückkehr küßte.

»Kann er mich hören?« flüsterte sie mir zu, als, wir den Rasen verlassen hatten und sie den Kies unter ihren Füßen fühlte.

»Nein. Warum fragen Sie das?«

»Ich hasse seinen Bruder!«



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel - Der Brief des Zwillingsbruders

Ohne eine Ahnung davon zu haben, welch’ einen Sturm er erregt habe, folgte uns der arme Oscar unter der väterlichen Escorte des Pfarrers in das Haus, mit seinem offenen Brief in der Hand.

Gewisse Anzeichen in dem Benehmen meines ehrwürdigen Freundes ließen mich schließen, daß die Ankündigung des Besuches Nugent Dubourgs in Dimchurch, in welcher wir Uebrigen nur die Aussicht auf die Ankunft eines Zwillingsbruders erblickten, von Herrn Finch aus dem Gesichtspunkt der bevorstehenden Ankunft eines Zwillingsvermögens betrachtet wurde. Oscar und Nugent hatten sich in die schöne väterliche Erbschaft getheilt Finch witterte Geld.

»Beruhigen Sie sich«, flüsterte ich Lucilla zu als die beiden Herren uns in das Wohnzimmer folgten; »Ihre Eifersucht auf seinen Bruder ist kindisch. Es ist Raum genug in seinem Herzen für seinen Bruder und für Sie.

Aber sie wiederholte nur hartnäckig, indem sie mich in den Arm kniff: »Ich hasse seinen Bruder!«

»Komm, setze Dich zu mir«, sagte Oscar, indem er an ihre andere Seite trat. »Ich möchte Dir Nugent’s Brief vorlesen, er scheint sehr interessant zu sein; er enthält auch eine Botschaft an Dich.« Oscar, der durch das Interesse an diesen Brief zu sehr absorbirt war, um zu merken, mit welcher verdrossenen Fügsamkeit Lucilla ihm zuhörte, führte sie an einen Stuhl und fing an zu lesen. »Die ersten Zeilen«, erklärte er, »beziehen sich auf Nugent’s Rückkehr nach England und auf seine köstliche Idee, mich auf längere Zeit in Browndown zu besuchen. Dann fährt er fort: Ich fand alle Deine Briefe bei meiner Rückkehr nach Newport. Brauche ich Dir zu sagen, liebster Bruder —«.

Lucilla unterbrach ihn bei diesen Worten, indem sie plötzlich aufstand.

»Was ist Dir?« fragte er.

»Ich mag nicht auf dem Stuhl sitzen.«

Oscar rückte ihr einen Lehnstuhl heran und nahm seinen Brief wieder auf.

Brauche ich Dir zu sagen, liebster Bruder, welchen innigen Antheil ich an Deiner beabsichtigten Heirath nehme; Dein Glück ist mein Glück. Ich fühle mit Dir, ich wünsche Dir Glück; ich sehne mich darnach, meine künftige Schwägerin kennen zu lernen!«

Lucilla stand wieder auf. Oscar fragte sie erstaunt was sie jetzt habe.

»Ich fühle mich nicht behaglich an dieser Seite des Zimmers.«

Sie ging nach der andern Seite des Zimmers. Oscar folgte ihr geduldig mit seinem Brief in der Hand. Er rückte einen dritten Stuhl für sie heran. Sie lehnte denselben ungestüm ab und nahm sich selbst einen andern Stuhl. Oscar nahm seinen Brief wieder auf.

»Wie melancholisch und doch wie interessant daß sie blind ist. Meine amerikanischen Landschaftsskizzen lagen gerade im Zimmer umher, als ich Deinen Brief las. Mein erster Gedanke, als ich Deine traurige Mittheilung las, bezog sich auf meine Skizzen. Ich sagte mir: »Wie unendlich traurig, meine Schwägerin wird meine Arbeiten nie sehen können!« Ein wahrer Künstler denkt immer an seine Arbeiten, lieber Oscar. Laß Dir erzählen, daß ich einige sehr merkwürdige, Studien zu künftigen Bildern mitbringen werde. Sie werden vielleicht nicht so zahlreich sein, wie Du erwartest. Ich verlasse mich lieber aus das in mir wohnende Ideal der Schönheit, als auf reine Abschriften der Natur. In gewissen Stimmungen ist mir die Natur, vom künstlerischen Standpunkte aus gesprochen, gerader im Wege.« Bei diesen Worten hielt Oscar inne und wandte sich an mich. »Wie er schreibt! — Wie? Ich habe es Ihnen ja immer gesagt, Madame Pratolungo, daß Nugent ein Genie sei. Jetzt sehen Sie, daß ich Recht habe. Steh’ nicht auf, Lucilla. Ich will weiter lesen. Da kommt gleich eine so hübsch geschriebene Stelle an Dich.«

Aber Lucilla ließ sich nicht abhalten aufzustehen; sie schien keine Lust zu verspüren, die hübsch geschriebene Bestellung zu hören. Sie ging ans Fenster und pflückte ungeduldig an den Blumen, die vor demselben standen. Oscar sah mit mildem Erstaunen erst mich, dann den Pfarrer an. Der Ehrwürdige Finch, der mit der respectvollsten Aufmerksamkeit zuhörte; welche der Correspondenz eines wohlhabenden Mannes mit einem anderen wohlhabenden Manne gebührt, legte sich ins Mittel, um Oscar ein williges Gehör von Lucilla zu verschaffen.

»Meine liebe Lucilla, suche Deine Ruhelosigkeit zu bemeistern, Du störst unseren Genuß an diesem interessanten Briefe; ich wünsche, daß Du weniger oft Deinen Platz wechseln und dem, was Oscar Vorliest, eine ungetheiltere Aufmerksamkeit zuwenden möchtest.«

»Mich interessirt es nicht, was er vorliest!« Lucilla warf bei dieser unwillkürlich ihr entschlüpften ungraziösen Aeußerung, die sie selbst erschreckte und aufregte, einen der Blumentöpfe am Fenster um. Oscar stellte ihn freundlich wieder auf, indem er verwundert fragte: »Es interessirt Dich nicht? Warte nur noch ein wenig. Du hast Nugent’s Bestellung noch nicht gehört. Höre nur was jetzt kommt: »Sage der zukünftigen Frau Oscar Dubourg mit meinen besten Grüßen (der liebe Junge!), daß sie mir einen neuen Sporn gegeben habe, meine Rückkehr nach England zu beschleunigen.« Nun sage selbst, Lucilla, ist das nicht hübsch ausgedrückt? Bekenne, daß es der Mühe werth ist zu hören, was er über Dich schreibt.«

Sie wandte sich zum ersten Male nach Oscar um; der liebevolle Ton, in dem er diese Worte sprach, besiegte ihren Mißmuth.

»Ich bin Deinem Bruder sehr verbunden und schäme mich dessen, was ich soeben gesagt habe«, antwortete sie sanft, indem sie verstohlen ihre Hand in die seinige legte und ihm zuflüsterte: »Du liebst Nugent so sehr, daß ich fast fürchte, es bleibt kein Raum für mich in Deinem Herzen.«

Oscar war entzückt. »Warte bis Du ihn kennen lernst und Du wirst ihn ebenso lieben wie ich; er nimmt die Leute sofort bei der ersten Bekanntschaft für sich ein; Niemand kann ihm widerstehen.«

Sie hielt noch immer seine Hand in der ihrigen, während sich Trauer und Befangenheit in ihren Zügen malte. Die bewunderungswürdige Neidlosigkeit Oscar’s, sein unbegrenztes Vertrauen in ihre Liebe waren stumme und doch beredte Vorwürfe für sie.

»Fahren Sie fort, lieber Oscar«, sagte der Pfarrer im tiefsten Baß, vermuthlich um Oscar zum Weiterlesen zu ermuthigen. »Was kommt jetzt, mein Junge?«

»Wieder eine interessante Stelle ganz anderer Art«, erwiderte Oscar. »Auf der nächsten Seite des Briefes findet sich etwas Mysteriöses, das sehr geeignet ist, uns in Spannung zu versetzen; Nugent schreibt: »Ich habe hier in Newport die Bekanntschaft eines merkwürdigen Mannes gemacht, eines Deutschen, der sich in den Vereinigten Staaten ein großes Vermögen erworben hat. Er wird England in diesem Frühjahr einen Besuch abstatten und wird mich sofort von seiner Ankunft in Kenntniß setzen. Es wird mir eine besondere Freude sein, ihn mit Dir und Deiner zukünftigen Frau bekannt zu machen und wer weiß, vielleicht werdet Ihr Grund haben, dem glücklichen Zufall, der mir seine Bekanntschaft zugeführt hat, dankbar zu sein. So Viel für heute von meinem neuen Freunde. Näheres berichte ich mündlich.« —

»Dem glücklichen Zufall — der mir seine Bekanntschaft zugeführt hat, dankbar zu sein?« wiederholte Oscar, indem er den Brief zusammenfaltete. »Nugent schreibt so etwas nicht, ohne eine bestimmte Absicht dabei zu haben. Wer mag der deutsche Herr sein?«

Herr Finch sah plötzlich mit dem Ausdruck einer gewissen Bestürzung zu Oscar auf.

»Ihr Bruder erwähnt, daß der Herr sich ein Vermögen in Amerika erworben habe«, sagte der Ehrwürdige Finch, »ich hoffe, er ist kein Börsenmann. Er möchte sonst Vielleicht Ihren Bruder mit dem Geiste der ruhelosen Speculation, die so zu sagen das Nationallaster der Vereinigten Staaten ist, anstecken und Ihr Bruder, der ohne Zweifel eine ebenso edle Natur ist wie Sie —«.

»Viel edler, Herr Finch«, unterbrach ihn Oscar.

»Und auch wie Sie im Besitze bedeutender Mittel ist«, fuhr der Pfarrer in steigendem Enthusiasmus fort.

»War«, erläuterte Oscar. »Jetzt drückt ihn sein Vermögen durchaus nicht mehr.«

»Was!« rief Herr Finch, indem er entsetzt zurückfuhr.

»Nugent hat sein Geld rasch durchgebracht«, fuhr Oscar ruhig fort. »Ich habe ihm das Geld zu der Reise nach Amerika geliehen. Mein Bruder ist eine geniale Natur, Herr Finch, und solche Naturen lassen sich nicht in die alltäglichen Schranken des Hergebrachten eindämmen. Nugent genügt nicht eine bescheidene Art zu leben; er liebt fürstliche Pracht — und Geld ist ihm nichts! Gleichviel! Er wird sich schon ein neues Vermögen mit seinen Bildern erwerben, und bis dahin kann ich ihm mit meinen Mitteln aushelfen.«

Herr Finch erhob sich mit der Miene eines in seinen Erwartungen getäuschten in seinem rückhaltlosen Vertrauen schmählich betrogenen Mannes. Welche Aussichten! Es wollte sich also in der Nähe des Pfarrhauses, in seiner Nähe Jemand niederlassen, der wie er in steter Geldnoth war, der wie er von Oscar Geld borgen werde — und dieser Mann war Oscar’s Bruder!

»Ich kann mich Ihrer leichten Auffassung der Verschwendung Ihres Bruders nicht anschließen«, sagte der Pfarrer, indem er sich im Fortgehen in einem feierlich strengen Ton an Oscar wandte. »Ich beklage und tadle den üblen Gebrauch, welchen Herr Nugent von den ihm von einer allweisen Vorsehung anvertrauten Glücksgütern gemacht hat. Sie werden gut thun, sich die Sache zu überlegen, bevor Sie den verschwenderischen Hang Ihres Bruders durch Darlehen befördern. Was sagt der große Dichter der Menschheit vom Borgen? Der Barde von Avon sagt uns: »Der Borger verliert oft das Geborgte und den Freund dazu.« Lassen Sie sich diese schönen Worte gesagt sein, Qscar. Lucilla hüte Dich vor der Ruhelosigkeit, die ich schon zu tadeln Gelegenheit gehabt habe. Ich muß Sie verlassen, Madame Pratolungo. Ich bin meiner geistlichen Pflicht nicht eingedenk gewesen; meine geistlichen Pflichten harren meiner. Adieu, adieu!«

Er sah uns der Reihe nach mit einem sehr sauern Gesicht an und ging zum Zimmer hinaus. Dieser Bruder Oscar’s, dachte ich bei mir, führt sich gut ein. Erst fühlt sich die Tochter von ihm beleidigt und jetzt folgt der Vater ihrem Beispiel. Schon von der anderen Seite des atlantischen Oceans her übt Herr Nugent Dubourg einen verderblichen Einfluß und stört die Ruhe der Familie, noch ehe er einen Fuß in das Haus gesetzt hat!«

Sonst ereignete sich an diesem Tage nichts Erwähnenswerthes. Wir verbrachten einen sehr langweiligen Abend; Lucilla war verstimmt; ich hatte mich noch nicht an den abschreckenden Anblick von Oscar’s entstelltem Gesicht gewöhnen können und war daher ernst und still. Wer mich an diesem Abend zum ersten Male gesehen hätte, wurde mich nicht für eine Französin gehalten haben.

Am nächsten Tage trug sich ein kleines häusliches Ereigniß zu, welches ich hier verzeichnen muß.

Unser Dimchurcher Doktor, der immer mit seiner Stellung als Arzt in einem obscuren Dorf sehr unzufrieden gewesen war, hatte eine sehr vortheilhafte Stellung in Indien erhalten. Vor seiner Abreise machte er uns einen Abschiedsbesuch. Ich fand eine Gelegenheit, mit ihm über Oscar zu sprechen. Er stimmte mir durchaus darin bei, daß Oscars Versuch, die durch den Höllenstein bewirkte Veränderung seiner Hautfarbe vor Lucilla zu verheimlichen, verkehrt sei. Die Sache würde ihr, sagte er, nicht lange verborgen bleiben. Mit dieser gegen mich allein ausgesprochenen Voraussagung verließ er uns. Der Arzt war, wie ich meine Leser zu erinnern bitte, ein wichtiger Zeuge der ärztlichen Behandlung Oscar’s und sein Abtreten vom Schauplatz daher vielleicht ein für die Zukunft bedeutungsvolles Ereigniß, das ich hier nicht unerwähnt lassen will.

Zwei weitere Tage verflossen, ohne daß sich etwas ereignet hätte. Am Morgen des dritten Tages war die Prophezeihung des Doetors nahe daran, in Erfüllung zu gehen und zwar durch die wandernde Zigeunerin der Familie; unsere komische kleine Jicks. Während Lucilla und ich durch den Garten schlenderten, kam das Kind plötzlich hinter einem Baum hervor auf uns zugesprungen schlang ihre Arme um Oscar’s Beine und begrüßte ihn mit überlauter Stimme als »den blauen Mann«! Lucilla stand sofort still und sagte: »Wen nennst Du »den blauen Mann«?« Jicks antwortete ohne weiteres: »Oscar«. Lucilla nahm das Kind auf den Arm. »Warum nennst Du Oscar »den blauen Mann«,« fragte sie. Jicks deutete auf Oscar’s Gesicht, wandte sich aber dann plötzlich, als ihr Lucillas Blindheit einfiel, an mich, indem sie mir lustig zurief: »Sag’ Du es ihr!« Oscar ergriff meine Hand und warf mir einen flehenden Blick zu. Ich beschloß, mich nicht in die Sache zu mischen. Es war schon schlimm genug, wenn ich mich passiv verhielt, und sie im Dunkeln ließ. Aber ich war entschlossen, mich wenigstens nicht activ bei ihrer Täuschung zu betheiligen. Sie erröthete; sie stellte Jicks wieder auf den Boden und sagte: »Seid Ihr beide stumm? Oscar, ich will es wissen — wie kommst Du zu dem Spitznamen »der blaue Mann«?«

In seiner Rathlosigkeit nahm Oscar seine Zuflucht zu einer Lüge, und was schlimmer war, zu einer plumpen Lüge. Er erklärte, er habe diesen Spitznamen in der Zeit während Lucilla’s Abwesenheit in der Kinderstube erhalten, als er sich einmal, um die Kinder zu amüsiren, als Blaubart verkleidet und dazu das Gesicht blau angemalt habe! Hätte Lucilla die leiseste Ahnung von der Wahrheit gehabt, sie hätte sie jetzt trotz ihrer Blindheit entdecken müssen. Wie die Dinge standen, machte Oscar’s aus Mittheilung sie gereizt und verdrießlich. Ich konnte deutlich sehen, daß es ihr einen inneren Kampf kostete, etwas wie ein Gefühl von Verachtung gegen ihn zu unterdrücken. »Amüsire die Kinder das nächste Mal auf eine andere Art«, sagte sie. »Obgleich ich Dich nicht sehen kann, mag ich doch nichts davon hören, daß Du Dein Gesicht blau angemalt und dadurch entstellt hast.«

Mit diesen Worten verließ sie uns und ging eine Strecke allein; sie fand sich offenbar zum ersten Male, seit sie ihren Verlobten kannte, in ihm getäuscht.«

Er warf mir abermals einen flehenden Blick zu und flüsterte: »Haben sie gehört, was sie von meinem Gesicht sagte?«

»Sie haben sich eine vortreffliche Gelegenheit, ihr die Wahrheit zu sagen, entgehen lassen«, antwortete ich. »Ich glaube, Sie werden die Thorheit und Grausamkeit Ihrer Täuschung noch einmal bitter bereuen.«

Er schüttelte den Kopf, mit dem zähen Eigensinn eines schwachen Charakters.

»Nugent denkt nicht wie Sie«, sagte er, indem er mir den Brief reichte. »Lesen Sie doch einmal jetzt, wo Lucilla es nicht hören kann, diese Stelle.«

Ich stutzte einen Augenblick, ehe ich zu lesen begann. Die Aehnlichkeit der Zwillinge erstreckte sich selbst auf ihre Handschrift. Wenn ich den Brief zufällig irgendwo liegend gefunden hätte, würde ich ihn Oscar als einen von ihm geschriebenen Brief übergeben haben. Die fragliche Stelle lautete:

»Dein letzter Brief hat mich von meiner Sorge für Deine Gesundheit befreit. Ich stimme Dir völlig bei, daß jedes persönliche Opfer, welches Dich von Deinen furchtbaren Zufällen heilen kann, gerechtfertigt erscheint. Was Deine Absicht betrifft, die Veränderung in Deinem Aeußern vor der jungen Dame geheim zu halten, so kann ich nur sagen, daß Du am besten selbst wissen wirst, was Du bei dieser Gelegenheit zu thun hast. Ich muß mich darüber jeder eigenen Ansicht enthalten, bis wir uns wiedersehen«

Ich gab Oscar den Brief zurück.

»Das ist gerade keine sehe lebhafte Billigung Ihres Verfahrens«, sagte ich. »Der einzige Unterschied zwischen Ihrem Bruder und mir ist der, daß er sich sein Urtheil noch vorbehält und daß ich das meinige ausspreche.

»Ich fürchte mich nicht vor meinem Bruder« erwiderte er. »Nugent wird mit mir fühlen und mich verstehen, wenn er die Verhältnisse in Browndown näher kennt. Inzwischen soll mir das nicht wieder passiren.«

Er beugte sich zu Jicks herab. Das Kind hatte sich, während wir sprachen, bequem aufs Gras gelagert und sang sich Stellen aus einem Kinderliede vor. Oscar stellte sie etwas unsanft wieder aus ihre Füße. Er war böser auf sie, wie aus sich selbst.

»Was wollen Sie thun?« fragte ich.

»Ich will zu Herrn Finch gehen und ihn bitten, dafür zu sorgen, daß Jicks nicht wieder in Lucilla’s Garten kommt.«

»Ist denn Herr Finch mit Ihrem Schweigen einverstanden?«

»Herr Finch überläßt es mir völlig, Madame Pratolungo, meine Entscheidung in einer Angelegenheit zu treffen, die Niemand angeht als Lucilla und mich.«

Mit dieser Antwort war mir natürlich die Möglichkeit jeder ferneren Vorstellung abgeschnitten. Oscar ging mit seiner kleinen Gefangenen ins Haus. Jicks trabte neben ihm her, ohne eine Ahnung von dem Unheil, das sie angestiftet und sang wieder einen Vers aus dem Kinderlied. Ich ging zu Lucilla, nachdem ich mit mir selbst über das künftig zu beobachtende Verfahren ins Reine gekommen war. Ich war entschlossen, falls es Oscar gelingen sollte, die Wahrheit vor ihr geheim zu halten, sie vor ihrer Verheirathung, es möge daraus entstehen, was da wolle, selbst über die Sache aufzuklären Wie? Nachdem ich mein Wort gegeben hatte, das Geheimniß zu bewahren? Ja! Denn ich achte ein Versprechen gering, das mich zwingt, falsch gegen eine Person zu sein, die ich liebe.

Zwei weitere Tage verflossen, bevor ein Telegramm in Browndown eintraf. Oscar kam mit seiner Nachricht zu uns in’s Pfarrhaus gelaufen; Nugent war in Liverpool gelandet. Oscar sollte ihn am nächsten Tage in Dimchurch erwarten.



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel - Er setzt uns Alle zurecht

Ich habe bisher unterlassen, einer der Haupttugenden den des Ehrwürdigen Finch Erwähnung zu thun. Er war ein vollendeter Meister in jener besonderen Art der Peinigung unserer Mitmenschen, genannt: »Vorlesen« und er wandte dieses Peinigungsmittel so oft er konnte bei seiner Familie an. Von dem, was wir bei diesen Gelegenheiten litten, will ich schweigen. Es genüge, wenn ich sage, daß es dem Pfarrer einen unaussprechlichen Genuß gewährte, seine eigene prächtige Stimme zu hören.

Wenn die Vorlese-Rage Herrn Finch befiel, gab es kein Mittel, ihm zu entrinnen. Bald unter diesem, bald unter jenem Vorwande kam er mit seinem Buche in der Hand zu uns unglücklichen Frauen hinunter, ließ uns an dem einen Ende des Zimmers Platz nehmen, setzte sich an das andere Ende, öffnete seinen schrecklichen Mund und feuerte stundenlang seine Worte auf uns ab, wie Schüsse nach einer Zielscheibe. Bisweilen las er uns Shakespearesche oder Milton’sche Poesie, bisweilen parlamentarische Reden von Burke oder Sheridan vor. Er mochte aber lesen, was er wollte, er declamirte Alles in derselben lauten und prätentiösen Weise; immer stellte er sein eigenes Ich so durchaus in den Vordergrund und ließ die Dichter oder Redner, die er uns vorzuführen vorgab, so ganz zurücktreten, daß sie jede Spur ihres eigenthümlichen Gepräges verloren und alle nur zu unerträglichen Abbildern des Ehrwürdigen Finch wurden.

Ich datire meine ersten Zweifel an der unerreichbaren Vollendung der Shakespeare’schen Poesie von den Vorlesungen des Pfarrers her und schreibe derselben Veranlassung meinen unversöhnlichen Haß gegen Burke’s Abhandlungen über die politischen und anderen Fragen seiner Zeit zu.

An dem Abende, wo Nugent Dubourg in Browndown erwartet wurde und wo wir besonders wünschten, in Ruhe gelassen zu werden, um Toilette machen und über den erwarteten Besuch im Voraus plaudern zu können, bekam Herr Finch nach dem Thee wieder das Gelüste, seine Familie mit Worten zu beschießen. Dieses Mal wählte er Hamlet als Mittel zur Entfaltung seiner Stimme und erklärte, sein heutiges Leseexercitium vorzüglich zum Besten für meine arme Person unternehmen zu wollen.

»Mein liebes Kind, ich habe es zufällig neulich mit angehört, wie Sie Lucilla etwas vorlasen. Es war ganz artig in seiner Art — wirklich ganz artig. Aber sie werden mir als einem mit der Kunst des Vorlesens sehr vertrauten Manne gestatten, Ihnen zu bemerken, liebe Madame Pratolungo, daß Ihnen ein paar Winke von mir sehr förderlich sein würden. Ich will Ihnen einige Ideen an die Hand geben. Liebe Frau, ich beabsichtige, Madame Pratolungo einige Ideen an die Hand zu geben. Achten Sie gefälligst besonders genau auf meine Pausen und auf meine Behandlung der Stimme am Schluß der Zeilen. Lucilla, die Sache ist von Interesse für Dich, liebes Kind. Madame Pratolungo’s Vervollkommnung im Vorlesen ist eine für Dich wichtige Angelegenheit. Geh’ nicht fort.«

Lucilla und ich waren an jenem Abende gerade Gäste am Tische des Pfarrers. Es war einer der regelmäßig wiederkehrenden Tage, wo wir unsere Seite des Hauses verließen, um uns dem Familienkreise anzuschließen, oder wie Herr Finch es nannte, an der Abendmahlzeit des Seelenhirten Theil nahmen. Seine Zuhörerschaft bestand also aus seiner Frau, seiner ältesten Tochter und mir. Ein Lächeln entsetzlicher Freude überflog das Antlitz Seiner Ehrwürden, als er uns von dem anderen Ende des Zimmers aus mit seinen Blicken überflog und das Feuer seiner Stimme gegen uns eröffnete:

»Hamlet. Erster Art; erste Scene.

Helsingör. Eine Terrasse vor dem Schlosse. Francisco auf dem Posten. Bernardo tritt auf.

Bernardo. »Wer da?«

Francisco. »Nein, antwortet mir, steht und gebt euch kund.«

(Frau Finch schlägt ihren Shawl auseinander, giebt dem Baby die Brust und versucht auszusehen, als erfreue sie sich eines großen geistigen Genusses.)

Folgt eine in tiefem Baß geführte Unterhaltung zwischen Francisco und Bernardo. Bum, bum bum.

»Horatio und Marcellus treten auf«

»He, halt; wer da?«

»Freund dieses Bodens.«

»Und Vasall des Dänen.«

Madame Pratolungo fängt an, den erklärenden Vortrag Shakespeares wie immer in ihren Beinen zu fühlen; sie versucht es, auf ihrem Stuhle zu sitzen. Vergebens! Sie leidet an der ihr aus bitterer Erfahrung schon zur Genüge bekannten Krankheit »Hamletzuckungen.« Bernardo und Francisco, Horatio und Marcellus unterhalten sich. Bumb, bum, bum. »Der Geist von Hamlet’s Vater tritt auf.« Herr Finch macht eine furchtbare Pause. In der unheimlichen Stille hören wir das Saugen des Baby. Frau Finch erfreut sich ihres geistigen Genusses. Madame Pratolungo leidet an nervösen Zuckungen. Lucilla wird von ihr angesteckt und bekommt gleichfalls Zuckungen. Marcellus-Finch fährt fort: »Du bist gelehrt; sprich Du mit ihm, Horatio.« Bernardo-Finch: »Sieht’s nicht dem Könige gleich? Schau’s an, Horatio.«

Lucilla Finch (unterbricht den Dialog): »Papa, es thut mir sehr leid, aber ich habe den ganzen Tag nervöse Kopfschmerzen gehabt; bitte, entschuldige mich, wenn ich einen Gang durch den Garten mache. (Der Pfarrer macht wieder eine Pause und starrt seine Tochter an. Lucilla geht ab.) Horatio sieht den Geist an und nimmt den Dialog wieder auf: »Ganz gleich; es macht mich starr.« Bum, bum, bum.

(Das Baby ist satt; Frau Finch sucht ihr Tuch, Herr Finch hält inne, starrt umher, fährt wieder fort und gelangt zur zweiten Scene.)

Der König, die Königin, Hamlet, Polonius, Laertes, Veltunand, Cornelius, Herren vom Hofe und Gefolge.« (Lauter Ehrwürdige Finche.) O, meine Beine, meine Beine! Bum, bum, bum.

Dritte Scene.

Laertes und Ophelia treten auf.

.

Beide sind Pfarrer von Dimchurch, beide haben tiefe Baßstimmen, beide sind kaum fünf Fuß hoch, blatternarbig und tragen nicht ganz saubere weiße Cravatten. Herr Finch liest weiter und weiter und immer weiter. Frau Finch und Baby schließen gemeinschaftlich die Augen und schlummern; Madame Pratolungo leidet an so furchtbarer nervöser Unruhe in ihren unteren Extremitäten, daß sie nach einem geschickten Chirurgus Verlangen trägt, der sie mit seinem Messer von ihren Beinen befreien könnte.

Herr Finch gelangt in immer tieferen Baßtönen und immer größerer Begeisterung zur

Vierten Scene.

»Hamlet, Horatio und Marcellus treten auf.«

Gerechter Himmel, was höre ich! Kommt uns Hilfe von außen? Höre ich nicht Fußtritte auf dem Vorplatz? Ja! Frau Finch schlägt die Augen auf; sie hat wie ich die Fußtritte gehört und freut sich gleich mir über dieselben. Der Ehrwürdige Hamlet aber hört nichts als seine eigene Stimme. Er beginnt die vierte Scene:

»Die Luft geht scharf, es ist entsetzlich kalt.«

Die Thür öffnet sich. Der Pfarrer fühlt gerade im rechten Augenblick einen für die Scene passenden Luftzug. Er sieht sich um. Wehe dem Eintretendem wenn er dienende Person ist! Aber nein, es sind Gäste! Dem Himmel sei Dankt Gäste. Willkommen, meine Herren, willkommen! Dank Ihnen ist es für heute mit dem Hamlet vorbei. Es treten zwei Personen auf, die sofort berücksichtigt sein wollen, Herr Oscar Dubourg, der seinen von Amerika kommenden Zwillingsbruder, Herrn Nugent Dubourg einführt.

Erstaunen über die außerordentliche Aehnlichkeit Beider war das erste Gefühl, das uns alle Dreie bei ihrem Eintritt ergriff.

Sie waren sich vollkommen ähnlich in Wuchs, Gang, Gesichtsbildung und Stimme. Beide hatten dieselbe Haarfarbe und vollkommen bartlose Gesichter. Oscar’s Lächeln umspielte Nugent’s Lippen. Nugent hatte genau dieselben kleinen, etwas fremdländischen Handbewegungen wie Oscar. Und endlich zeigten Nugent’s Wangen gerade die Hautfarbe, vielleicht eine Nuance dunkler, welche Oscar für immer verloren hatte. Der einzige Unterschied, welcher es möglich machte, sie in dem Augenblicke, wo sie zuerst das Zimmer betraten, von einander zu unterscheiden, der schreckliche Contrast der Hautfarbe zwischen dem Bruder, den die Arznei blau gefärbt hatte, und dem, der noch so war wie ihn die Natur geschaffen hatte, diesen Unterschied war Lucilla zu entdecken unfähig.

»Es freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft zu machen, Frau Finch, ich habe mich lange nach diesem Vergnügen gesehnt; Ihnen, Herr Finch, sage ich meinen besten Dank für alles Freundliche, das Sie meinem Bruder erwiesen haben. Vermuthlich, Madame Pratolungo, erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu reichen. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, daß ich von Ihrem berühmten Gatten gehört habe. O, da ist ein Baby, das Ihrige, Frau Finch? Ist es ein Mädchen oder ein Knabe? Ein schönes Kind, wenn ein Junggeselle sich ein Urtheil darüber erlauben darf. Twi, twi, twi!«

Er zirpte dem Kinde etwas vor, als wäre er der Papa und schnalzte vergnüglich dazu mit den Fingern. Der arme entstellte Oscar blickte mich mit triumphirenden Augen an, die mich zu fragen schienen: »Was habe ich Ihnen gesagt? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß Nugent alle Menschen bei der ersten Begegnung bezaubert?« Das war sehr wahr. Nugent hatte wirklich etwas Unwiderstehliches In seinem Wesen so ganz von Oscar verschieden, glich er ihm nur, wenn er sich ruhig verhielt und war ihm doch in anderer Beziehung wieder so ähnlich. Ich kann ihn nur als ein vervollkommnetes Exemplar seines Bruders bezeichnen. Er hatte die anmuthige Lebhaftigkeit des Geistes und das behagliche gewinnende Selbstvertrauen, welche Oscar fehlten. Und einen wie vortrefflichen Geschmack zeigte er. Er liebte Kinder! Er ehrte das Andenken meines herrlichen Pratolungo! Nugent Dubourg war noch keine halbe Minute im Zimmer, als er schon Frau Finch’s und mein Herz gewonnen hatte.

Von dem Baby wandte er sich zu Herrn Finch und deutete auf den offen auf dem Tisch liegenden Shakespeare.

»Haben Sie den Damen vorgelesen?« fragte er, »ich fürchte wir haben Sie unterbrochen.«

»Bitte recht sehr«, sagte der Pfarrer mit dem Ausdruck der selbstbewußtesten Höflichkeit. »Wir können das ein andermal fortsetzen. Es ist meine Gewohnheit, Herr Nugent, im Familienkreise laut vorzulesen. Als Geistlicher und als Freund von Poesie habe ich seit langer Zeit vielfache Veranlassung gehabt, die Kunst der Declamation zu cultiviren.

»Berzeihen Sie, mein verehrter Herr, Sie haben aber diese Kunst in ganz falscher Weise cultivirt.«

Herr Finch verstummte, wie vom Donner gerührt. In seiner Gegenwart wagte es Jemand, eine eigene Meinung zu haben? Im Wohnzimmer des Pfarrhauses nahm es sich Jemand heraus, den Pfarrer mitten in einem Satze zu unterbrechen? Machte sich der wahnsinnigen Verwegenheit schuldig, ihm als Vorleser mit dem offenen Shakespeare vor sich zu sagen, daß er falsch gelesen habe? »O, wir haben Sie noch gehört, als wir eintraten«, fuhr Nugent mit unerschüttertem Selbstvertrauen in der verbindlichsten Form fort. »Sie haben so gelesen.«

Er nahm den Hamlet zur Hand und las die erste Zeile der vierten Scene: »Die Luft geht scharf, es ist entsetzlich kalt!« mit einer unwiderstehlich komischen genauen Wiedergabe der Deklamation des Herrn Finch.

»So würde Hamlet nicht sprechen. Kein Mann in jener Lage würde die Bemerkung, daß es entsetzlich kalt sei; in bellendem Tone machen. Shakespeare ist vor allen Dingen naturwahr. In welcher Verfassung befindet sich Hamlet in dem Augenblick, wo er sich darauf gefaßt macht, den Geist zu sehen. Er ist nervös und empfindlich gegen die Kälte. Lassen Sie ihn das natürlich äußern, lassen Sie ihn reden wie jeder andere Mensch unter gleichen Umständen. Hören Sie doch einmal, das muß rasch und ruhig gelesen werden: »Die Luft geht scharf«, hier hält Hamlet inne und schauert vor Kälte, prrr! »es ist entsetzlich kalt.« Sehen Sie, so muß man Shakespeare lesen.«

Herr Finch hob den Kopf so hoch, wie es ihm irgend möglich war und schlug mit der flachen Hand auf das offene Buch, daß es einen lauten feierlichen Klang gab.

»Erlauben Sie mir zu sagen, mein Herr«, fing er an.

Nugent unterbrach ihn wieder in der heiterten Laune.

»Sie sind nicht meiner Meinung? Gut. Darüber zu disputiren wäre ganz nutzlos. Ich weiß nicht, wie Sie in dieser Beziehung sind. Ich bin der eigensinnigste, auf seiner Meinung beharrendste Mensch, den es geben kann. Es ist verlorene Zeit, mein verehrter Herr, mich überzeugen zu wollen. Jetzt sehen Sie Einmal das Kind an.« Plötzlich mußte das Kind Nugent’s Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben; er drehte sich auf den Fersen herum und wandte sich an Frau Finch. »Ich nehme mir die Freiheit, zu behaupten Madame, daß es keine unsinnigere Kleidung geben kann, als die man in diesem Lande den kleinen Kindern anzieht. Die drei Hauptfunktionen welche ihr reizendes Kind da verrichtet: Saugen, Schlafen und Wachsen, werden gehemmt. Im gegenwärtigen Augenblick saugt es nicht und schläft nicht, sondern es wächst aus allen Kräften. Und so ist es ihm unter diesen Umständen dringendstes Bedürfniß, seine Glieder nach jeder Richtung hin so frei wie möglich bewegen zu können. Sie lassen es seine Arme nach Herzenslust regen und benehmen ihm die Möglichkeit, mit den Beinen zu stoßen. Sie ziehen ihm ein Kleid an, daß dreimal so lang ist, wie es selbst. Es versucht es wohl, mit den Beinen zu zappeln wie mit den Armen, aber es kann nicht, denn es verwickelt sich mit seinen Zehen in das unglückliche lange Kleid, und was die Natur zu einer Lust für das Kind machen wollte, wird ihm zur Anstrengung. Kann es etwas Absurderes geben? Was geht denn in den Müttern vor? Warum denken sie nicht selbst nach? Lassen Sie sich von mir rathen, Frau Finch, Freiheit herrliche Freiheit für die Beine meines jungen Freundes; Raum, freien Raum für die Füße dieses gepeinigten Säuglings!«

Frau Finch hörte Nugent wie hilflos zu, hob die langen Röcke des Baby empor und sah sie sich an, · starrte Nugent Dubourg mit kläglicher Miene an, öffnete die Lippen um zu reden, besann sich aber dann eines Besseren und heftete ihre wässerigen Augen auf ihren Gatten. Herr Finch machte einen neuen Versuch, seine Würde zur Geltung zu bringen und wollte dieses Mal eine gewaltig satyrische Antwort loslassen.

»Sie müssen mir in Betreff Ihres meiner Frau ertheilten Rathes zu bemerken erlauben, Herr Nugent, daß derselbe von größerem praktischem Gewichte sein würde, wenn er der Rath eines verheiratethen Mannes wäre. Ich möchte Sie daran erinnern.«

»Sie möchten mich daran erinnern, daß mein Rath der eines Junggesellen ist? O, gehen Sie, damit dürfen Sie mir jetzt nicht mehr kommen. Den Einwand hat Doctor Johnson schon vor einem Jahrhundert ein für alle Mal beseitigt. »Mein Herr« sagte er zu Jemand, der so dachte wie Sie, »Sie können einen Tischler, der Ihnen einen schlechten Tisch gemacht hat, schelten, wenn Sie auch selbst keinen Tisch machen können.« Und ich sage zu Ihnen, Herr Finch, ich darf einen Fehler in den Röcken eines Baby tadeln, wenn ich auch selbst kein Baby habe! Finden Sie das nicht überzeugend? Nicht? Nun wohl, nehmen Sie ein anderes Beispiel. Sehen Sie sich Ihr Zimmer hier an. Ich sehe ans den ersten Blick, daß es schlechtes Licht hat. Es hat nur ein Fenster und müßte zwei haben. Braucht man ein praktischer Baumeister zu sein, um das zu entdecken? Dies wäre doch eine absurde Forderung. Sind Sie jetzt überzeugt? Nein? Nehmen Sie ein anderes Beispiel: Was für bedrucktes Papier liegt da auf dem Kaminsims? Luxussteuer? Aha, das geht, das können wir als Beispiel brauchen. Sie sind nicht Mitglied des Unterhauses, Sie sind auch nicht Schatzkanzler. Haben Sie aber darum nicht doch Ihre eigene Meinung? Müssen Sie und ich im Parlamente sitzen, um zu sehen, daß die altersschwache englische Verfassung in den letzten Zügen liegt?«

»Und die junge kräftige Republik ihre ersten Athemzüge thut!« platzte ich nach meiner Gewohnheit, bei jeder möglichen Gelegenheit das Pratolungo-Programm zu verkünden, heraus.

Sofort drehte sich Nugent Dubourg wieder auf den Fersen herum, wandte sich an mich und sagte mir seine Meinung über meine Ansichten, gerade wie er dem Pfarrer seine Meinung über die richtige Art, den Hamlet vorzulesen, und Frau Finch über die zweckmäßigste Art, Baby’s zu kleiden, gesagt hatte.

»Durchaus nicht«, rief er in höchst positivem Tone. »Die junge Republik ist in der politischen Familie das Kind mit dem doppelten Gliedern; geben Sie das Kind auf, Madame, Sie werden es nie zum Manne erziehen.«

Ich versuchte es mit genau demselben Erfolge wie vorher der Pfarrer, meine Ansicht zur Geltung zu bringen und berief mich entrüstet auf die Autorität meines berühmten Gatten.

»Doctor Pratolungo« — fing ich an.

»War ein rechtschaffener Mann«, unterbrach mich Nugent. »Ich bin selbst ein liberaler Fortschrittsmann; ich achte ihn hoch; aber alle aufrichtigen Republikaner haben denselben Mißgriff gemacht, sie glauben an das Vorhandensein eines Gemeinsinnes in Europa. Täuschung! Der Gemeinsinn ist todt in Europa. Gemeinsinn ist eine edle Regung junger Nationen, neuer Völker. In dem selbstsüchtigen alten Europa ist das Privatinteresse an die Stelle des Gemeinsinnes getreten. Ihr Gatte ging, als er die Republik predigte, von der Voraussetzung aus, daß die Republik die Nation erheben werde. Pah! Wenn Sie von mir verlangen, daß ich die Republik annehmen soll, so müssen Sie mir beweisen, daß ich mich dabei selbst erheben kann, dann will ich Sie anhören. Das ist die einzige Kraft, durch welche Sie je hoffen können, republikanische Institutionen in der alten Welt einzuführen.«

Ich war entrüstet über solche Gesinnungen. »Mein berühmter Gatte«, fing ich wieder an.

»Würde lieber gestorben sein, ehe er an die niedrigsten Instincte seiner Mitmenschen appellirt hätte. Vollkommen richtig das war gerade sein Fehler. Darum hat er auch nie etwas aus der Republik machen können. Darum eben ist die Republik in der politischen Familie das Kind mit doppelten Gliedern. Quot erat demonstrandum«, schloß Nugent Dubourg, in dem er mich mit einem liebenswürdigen Lächeln und mit einer leichten ausdrucksvollen Handbewegung abthat, wie wenn er sagen wollte: »Jetzt bin ich mit diesen drei Leuten nach der Reihe fertig geworden; ich bin ebenso zufrieden mit mir wie mit ihnen!«

Sein Lächeln war unwiderstehlich. So sehr ich wünschte, die entwürdigenden Schlüsse, zu denen er gelangt war, zu bestreiten, so hatte ich doch im Augenblick nicht Feuer genug in mir, meine eigene Entrüstung zu nähren. Der Ehrwürdigte Finch saß ingrimmig in einer Ecke und war damit beschäftigt, so gut er konnte, die neue Entdeckung zu verdauen, daß es noch außer dem Pfarrer von Dimchurch einen Mann gäbe, der eine außerordentlich hohe Meinung von sich selbst habe und diese Meinung mit beredtester Zuversicht kund gäbe. Die kurze Pause, die nun entstand, benutzte Oscar, um zum ersten Male das Wort zu er greifen. Bisher hatte es ihm völlig genügt, seinen geistreichen Bruder zu bewundern. Jetzt trat er an mich heran und fragte mich, was aus Lucilla geworden sei.

»Die Magd sagte mir, sie sei hier«, sagte er, »ich möchte ihr Nugent gerne vorstellen.«

Nugent schlang seinen Arm zärtlich um den Hals seines Bruders und drückte ihn an’s Herz.

»Du lieber alter Junge, ich möchte es gerade so gern wie Du.«

»Lucilla hat vorhin das Zimmer verlassen, um einen Gang durch den Garten zu machen«, antwortete ich.

»Ich will sie suchen«, sagte Oscar. »Warte Du hier auf mich, Nugent, ich bringe sie her.«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Noch bevor er die Thür geschlossen hatte, erschien eine der Mägde, um Frau Finch eine vertrauliche Mittheilung über ein häusliches Ereigniß zu machen. Nugent bat diese, als sie an ihm vorüberging, mit komischem Ernst flehentlich, sich doch von Vorurtheilen loszumachen und die Frage der Bahy-Kleidung gründlich zu prüfen. Herr Finch nahm diese zweite Bezugnahme auf den Gegenstand übel. Er erhob sich, um seiner Frau zu folgen:

»Wenn Sie erst einmal verheirathet sind, Herr Nugent«, sagte der Pfarrer in strengem Ton, »werden sie wohl lernen, die Behandlung eines Säuglings der eigenen Mutter zu überlassen.«

»Da sind Sie wieder im Irrthum«, bemerkte Nugent, indem er Herrn Finch mit unveränderter guter Laune bis an die Thür folgte. »Die Vorstellung, die sich ein verheiratheter Mann von einem andern Manne als Ehemann macht, reducirt sich immer auf die Vorstellung, die er von sich selbst hat.«

Als sich die Thür hinter Herrn Finch schloß, wandte er sich zu mir und sagte: »Jetzt sind wir allein, Madame Pratolungo, ich möchte mit Ihnen über Fräulein Finch reden. Wir müssen die Augenblicke, bis sie wieder hereinkommt, benutzen. Oscar hat mir nur geschrieben, daß sie blind sei. Ich interessire mich natürlich für Alles, was die künftige Frau meines Bruders angeht und ganz besonders für das Leiden, mit dem sie unglücklicher Weise behaftet ist. Darf ich fragen, seit wann sie blind ist?«

»Seit ihrem zweiten Lebensjahre«, antwortete ich.

»In Folge eines Unglücksfalls?«

»Nein.«

»Also wohl in Folge eines hitzigen Fiebers oder einer anderen schweren Krankheit?«

Dieses Eingehen auf medizinische Einzelheiten von seiner Seite fing an, mich ein wenig zu befremden.

»Ich habe nie gehört, daß ihre Blindheit die Folge eines hitzigen Fiebers oder einer anderen Krankheit gewesen sei«, erwiderte ich. »Soviel ich weiß, erblindete sie, ohne daß eine für ihre Umgebung erkennbare Ursache vorgelegen hätte.«

Zutraulich rückte er seinen Stuhl etwas näher an mich heran und fragte mich: »Wie alt ist sie?«

Diese Frage kam mir noch befremdlicher vor; er mochte es wohl merken, als ich ihm Lucilla’s Alter sagte. »Unter den obwaltenden Umständen«, erklärte er mir, »habe ich besondere Gründe, welche mich davon zurückhalten, mich mit meinem Bruder oder irgend einem Mitglied der Familie über die Blindheit näher zu unterhalten. Ich muß damit warten, bis ich mit meiner Unterhaltung einen guten praktischen Zweck verbinden kann. Mit Ihnen aber kann ich getrost auf den Gegenstand eingehen. Als sie damals erblindete, hat man doch natürlich kein Mittel zu ihrer Wiederherstellung unversucht gelassen?«

»So wird es wohl sein«, entgegnete ich. »Es ist so lange her, ich habe nie darnach gefragt.«

»So lange her«, wiederholte er und dachte dann einen Augenblick nach.

Seine Reflectionen veranlaßten ihn zu der schließlichen Frage.

»Sie selbst und auch ihre Umgebung haben sich vermuthlich ganz in den Gedanken ergeben, daß sie für Lebenszeit hoffnungslos erblindet sei?«

Anstatt ihm zu antworten stellte ich ihm meinerseits eine Frage. Mein Herz fing an rascher zu schlagen, ohne daß ich wußte warum.

»Herr Nugent Dubourg«, sagte ich, »was bedeuten Ihre Fragen in Betreff Lucilla’s?«

»Madame Pratolungo«, erwiderte er, »sie bedeuten, daß ich etwas erwäge, woran ein Freund von mir mich in Amerika aufmerksam machte.«

»Ist das der Freund, dessen Sie in Ihrem Briefe an Ihren Bruder Erwähnung thaten?«

»Derselbe.«

»Der deutsche Herr, den Sie mit Oscar und Lucilla bekannt machen wollten?«

»Ja.«

»Darf ich fragen, wer er ist?«

Nugent Dubourg fixirte mich scharf, dachte wieder einige Augenblicke nach und antwortete dann: »Es ist der größte lebende Augenarzt.

Im Nu war mir klar, was allen seinen Fragen zu Grunde gelegen hatte.

»Gerechter Gott!« rief ich aus, »Sie werden doch nicht so wahnsinnig sein, zu glauben, daß Lucilla’s Blindheit, nachdem sie einundzwanzig Jahre lang gedauert hat, geheilt werden könne?«

Plötzlich bedeutete er mich durch ein Zeichen zu schweigen. In diesem Augenblick nämlich öffnete sich die Thür und Lucilla trat, gefolgt von Oscar, in’s Zimmer.



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel - Nugent sieht Lucilla.

Der erste Eindruck, den das arme Fräulein Finch auf Nugent Dubourg machte, war ganz derselbe, den sie auf mich gemacht hatte.

»Guter Gott!« rief er aus, »die sixtinische Madonna!«

Lucilla hatte schon durch mich von ihrer außerordentlichen Aehnlichkeit mit der Hauptfigur des berühmten Raphael’schen Bildes gehört; von Nugent’s Bestätigung dieser Aehnlichkeit nahm sie keine Notiz. Kaum aber hatte er zu reden angefangen, als sie ihrerseits, betroffen von der merkwürdigen Aehnlichkeit der Stimme Nugent’s mit der seines Bruders, plötzlich in der Mitte des Zimmers stehen blieb.

»Oscar?« fragte sie in einem etwas gereizten Tone, »stehst Du hinter oder vor mir?«

Oscar lachte und antwortete hinter ihr stehend: »Hier bin ich.«

Sie wandte sich nach der Stelle, wo Nugent gesprochen hatte, und sagte, indem sie Nugent schüchtern anredete: »Es ist wunderbar, wie Ihre Stimme der Oscar’s gleicht. Gleicht Ihr Gesicht dem seinigen auch so völlig? Darf ich mich selbst von Ihrer Aehnlichkeit überzeugen? Ich vermag es nur auf eine Weise, durch Betastung.«

Oscar trat vor und stellte einen Stuhl für seinen Bruder neben Lucilla hin.

»Sie hat Augen in ihren Fingerspitzen«, sagte er. »Setze Dich hin, Nugent, und laß sie Dir mit ihrer Hand über das Gesicht fahren.«

Nugent gehorchte ihm schweigend. Jetzt, nachdem der erste überraschende Eindruck vorüber war, beobachtete ich, daß eine merkliche Veränderung in seinem Benehmen eintrat.

Nach und nach bemächtigte sich seiner ein unnatürlicher Zwang. Seine sonst so beredte Zunge wußte nichts zu sagen und statt seiner so ungezwungenen Manieren beschlich ihn jetzt ein verlegenes ungeschicktes Wesen. Mehr als je glich er seinem Bruder, als er sich auf den Stuhl setzte, um sich Lucilla’s Untersuchung zu unterwerfen. Sie hatte im ersten Moment, wie mir schien, einen Eindruck auf ihn gemacht, auf den er nicht gefaßt gewesen war und der ihn derart in Verwirrung brachte, daß er nicht sogleich Herr darüber zu werden vermochte. Seine Augen blickten sie wie verzaubert an, er wurde abwechselnd bleich und roth, sein Athem wurde hörbar rascher, als ihre Finger sein Gesicht berührten.

»Was ist Dir?« fragte Oscar indem er ihn überrascht ansah.

»Nichts«, antwortete er in dem leisen abweisenden Ton eines Menschen, der im Geheimen seinen eigenen Gedanken nachgeht.

Oscar sagte nichts weiter. Lucilla fuhr mit der Hand zu wiederholten Malen über Nugent’s Gesicht. Er ließ es sich mit ernster Miene und ohne sich zu rühren gefallen, im schärfsten Gegensatz zu dem gesprächigem lebhaften, jugendlichen Wesen, das er noch vor einer halben Stunde gezeigt hatte.

Lucilla brauchte viel längere Zeit, ihn zu untersuchen, als sie bei mir gebraucht hatte.

Während die Untersuchung ihren Fortgang nahm, hatte ich Muße, über das nachzudenken, was vor Lucilla’s Eintritt in Betreff ihrer Blindheit zwischen Nugent und mir verhandelt worden war. Ich hatte jetzt meine völlige Gemüthsruhe wieder gewonnen und war im Stande, mich zu fragen, was die kühne Idee dieses jungen Menschen in der That werth sei. Lag es im Bereich der Möglichkeit, daß ein so zarter Sinn, wie das Gesicht, nachdem er einundzwanzig Jahre lang geschlummert hatte, wie durch ein Wunder wieder erweckt werden könne? Eine solche Annahme erschien mir unmöglich. Wenn die geringste Hoffnung vorhanden gewesen wäre, meinem armen lieben Kinde den Segen des Augenlichtes wieder zu verschaffen, würden sachverständige Leute schon vor Jahren den Versuch einer solchen Wiederherstellung gemacht haben. Ich schämte mich, daß ich mich einen Augenblick lang durch den neuen Gedanken, welchen Nugent mir mitgetheilt hatte, so heftig hatte aufregen lassen. Jetzt war ich wahrhaftig entrüstet, daß er mich durch die eitelste aller Hoffnungen so nutzlos in Verwirrung gesetzt hatte. Als das einzige Verständige erschien es mir, diesen leichtfertigen und unbeständigen jungen Menschen zu ermahnen, seine verrückte Idee in Betreff Lucilla’s für sich zu behalten und mir selbst diese Idee ein für alle Male aus dem Kopfe zu schlagen.

Eben hatte ich diesen verständigen Entschluß gefaßt, als meine Aufmerksamkeit durch Lucilla’s Stimme, welche mich bei meinem Namen rief, wieder auf das gelenkt wurde, was in dem Zimmer vorging.

»Die Aehnlichkeit ist merkwürdig«, sagte sie. »Aber doch glaube ich eine Verschiedenheit zwischen beiden herauszufinden.«

In der That bestand die einzige Verschiedenheit zwischen beiden in ihrer Hautfarbe und im Benehmen, zwei Verschiedenheiten, welche beide mehr oder weniger nur durch das Auge wahrnehmbar erscheinen mußten.

»Und welchen Unterschied finden Sie?« fragte ich.

Langsam kam sie mit einer ängstlich verwirrten Miene wie brütend auf mich zu.

»Ich kann es nicht erklären«, antwortete sie nach einer längeren Pause.

Als Lucilla sich von Nugent abwandte, stand er von seinem Stuhl auf. Plötzlich ergriff er in einer derb zufahrenden Weise die Hand seines Bruders und sprach mit demselben in einem sonderbar aufgeregten sich fieberhaft überstürzenden Tone.

»Mein lieber Junge«, sagte er, »jetzt nachdem ich sie gesehen habe, gratulire ich Dir noch herzlicher als zuvor. Sie ist reizend, sie ist einzig. Oscar! Wenn Du es nicht wärst, ich könnte Dich fast beneiden.«

Oscar!« strahlte vor Wonne. Die Meinung seines Bruders galt ihm mehr als die aller übrigen Menschen. Noch ehe er ein Wort antworten konnte, verließ ihn Nugent ebenso plötzlich, wie er auf ihn zugetreten war, trat an’s Fenster und blickte hinaus.

Lucilla hatte seine Worte nicht gehört, sie stand noch immer mit derselben Miene brütend da. Offenbar quälte und ängstigte sie das unerklärliche Problem der Aehnlichkeit der beiden Brüder. Ohne daß ich irgend etwas gesagt hätte, was sie zu einer weiteren Aeußerung über den Gegenstand hätte veranlassen können, wiederholte sie hartnäckig ihre Behauptung.

»Ich sage Ihnen noch einmal, ich merke eine Verschiedenheit zwischen beiden«, wiederholte sie, »obgleich Sie mir nicht zu glauben scheinen.«

Ich legte mir diese mit einem Ausdruck von Unbehaglichkeit vorgebrachte Behauptung dahin aus, daß es ihr mehr darauf ankomme, sich selbst als mich zu überzeugen. In ihrem Zustande der Blindheit war es doppelt und dreifach unangenehm für sie, die beiden Brüder nicht voneinander unterscheiden zu können. Ich begriff ihre Ungeneigtheit, das zuzugeben, ich fühlte, wie eine solche Verlegenheit mich in ihrer Lage irritirt haben würde. Sie wartete ungeduldig auf eine Erwiderung von mir. Ich bin, wie der Leser bereits weiß, eine indiscrete Person. Ohne jede böse Absicht that ich eine meiner unvorsichtigen Aeußerungen.

»Ich glaube Alles, was sie mir sagen, liebes Kind«, antwortete ich. »Ich zweifle nicht, daß Sie eine Verschiedenheit zwischen den beiden Brüdern herausgefunden haben. Aber doch möchte ich gern einen Beweis dafür sehen.«

Sie erröthete. »Wie?« fragte sie kurz.

»Versuchen Sie es doch einmal«, schlug ich vor, »die Gesichter beider abwechselnd zu betasten und zwar in der Art, daß Sie diese Versuche dreimal wiederholen und es den Brüdern überlassen, zwischen jedem Male ihre Plätze nach Belieben zu wechseln. Wenn Sie es dreimal hintereinander richtig treffen, haben Sie bewiesen, daß Sie wirklich eine Verschiedenheit zwischen beiden Brüdern herausgefunden haben.«

Lucilla schreckte vor der Annahme dieser Herausforderung zurück und schüttelte schweigend den Kopf. Nugent, der meine Worte gehört hatte, wandte sich plötzlich vom Fenster herum und unterstützte meinen Vorschlag.

»Eine famose Idee!« platzte er heraus. »Laßt uns das doch einmal versuchen. Du hast doch nichts dagegen, Oscar wie?«

»Ich sollte etwas dagegen haben?« rief Oscar, den der bloße Gedanke, daß er seinem Bruder gegenüber einen eigenen Willen haben könnte, entsetzte. »Wenn Lucilla bereit ist, sage ich mit dem größten Vergnügen ja.«

Die beiden Brüder traten Arm in Arm auf uns zu. Mit großem Widerstreben ließ sich Lucilla überreden, das Experiment zu versuchen. Zwei ganz gleiche Stuhle wurden vor sie hingestellt. Auf einen Wink von Nugent nahm Oscar schweigend den Platz zu ihrer Rechten ein. In Folge dieses Arrangements mußte sie jetzt mit derselben Hand, deren sie sich vorhin bei der Betastung von Nugent’s Gesicht bedient hatte, Oscars Gesicht betasten. Als sie sich beide gesetzt hatten, meldete ich ihr daß wir bereit seien. Lucilla legte ihre Hände auf die Gesichter der beiden Brüder, ohne die entfernteste Idee davon zu haben, welchen Platz jeder von ihnen eingenommen hatte.

Nachdem sie zuerst beide mit beiden Händen zugleich betastet hatte, versuchte sie es demnächst mit jedem einzeln und machte den Anfang mit Oscar indem sie sich dabei nur ihrer rechten Hand bediente. Dann ging sie zu Nugent, indem sie sich wieder ihrer rechten Hand bediente, kehrte dann zu Oscar zurück, dann wieder zu Nugent, zauderte, schien mit sich ins Reine zu kommen, klopfte Nugent leicht auf den Kopf und rief: »Oscar!«

Nugent lachte laut auf. Das Lachen sagte ihr, noch bevor einer von uns reden konnte, daß sie bei dem ersten Versuch sich geirrt habe.

»Versuche es noch einmal, Lucilla«, sagte Oscar freundlich.

»Nein!« antwortete sie, indem sie mit erzürnter Miene zurücktrat. »An einer Mystification ist es genug.«

Jetzt versuchte es Nugent, sie zu überreden, das Experiment noch einmal zu machen. Aber sie unterbrach ihn sofort mit den Worten:

»Denken Sie, ich würde für Sie thun, was ich für Oscar zu thun mich geweigert habe? Sie haben über mich gelacht. Was war denn da zu lachen? Sie und Ihr Bruder haben ganz gleiche Gesichtszüge, ganz gleiches Haar und ganz gleiche Größe. Was ist denn nun so lächerlich daran, wenn ein armes, blindes Mädchen Sie bei einer solchen Aehnlichkeit miteinander verwechselt? Ich möchte gern um Oscar’s willen eine gute Meinung von Ihnen behalten; wenn Sie sich aber wieder lustig über mich machen, werde ich glauben müssen, daß Sie nicht das gute Herz Ihres Bruders haben!«

Nugent und Oscar sahen einander wie versteinert von diesem plötzlichen Zornesausbruch an, Nugent noch bestürzter als sein Bruder.

Ich versuchte mich in’s Mittel zu legen und die Sache wieder ins Gleiche zu bringen. Bei meiner leichten Lebensphilosophie und meiner beweglichen französischen Natur war es mir unmöglich, einen hinreichenden Grund für diesen heftigen Anspruch der Uebellaune Lucilla’s zu erkennen. Vermuthlich lag etwas in meinem Ton, daß meine Worte sie nur noch aufgebrachter machten. Auch mich unterbrach sie sofort zornig mit den Worten: »Sie haben es vorgeschlagen. Sie trifft der stärkste Tadel.«

Ich entschuldigte mich. Nugent seinerseits folgte meinem Beispiel und Oscar unterstützte uns mit seinem größeren Einfluß. Er ergriff Lucilla’s Hand, küßte dieselbe und flüsterte ihr etwas in’s Ohr. Der Kuß und dass Flüstern wirkten wie ein Zauber. Sie reichte Nugent die Hand, schlang ihren Arm um meinen Nacken und umarmte mich mit der ihr eigenen Anmuth und Grazie. »Verzeiht mir«, sagte sie sanft. »Ich wollte, ich könnte Geduld lernen. Aber ach, Herr Nugent; es ist bisweilen so hart, blind zu sein.«

Ich kann wohl ihre Worte hier wiederholen, aber ich kann dem Leser keinen Begriff von der rührenden Einfachheit, mit welcher sie dieselben sprach und von ihrem kindlich angelegentlichen Bemühen geben, sich Verzeihung zu erwirken. Nugent war so gerührt, daß auch er, nachdem er Oscar einen Blick zugeworfen hatte, in welchem die Frage lag: »dars ich? die Hand, die sie ihm reichte, küßte. Als seine Lippen die Hand berührten, fuhr sie zusammen. Das zarte Roth, welches bei ihr immer das plötzliche Auftauchen eines Gedankens begleitete, überflog ihr Gesicht. Wie bewußtlos behielt sie Nugent’s Hand in der ihrigen, ganz hingenommen von dem Bemühen, sich ihren neuen Gedanken klar zu machen. Einen Augenblick stand sie regungslos brütend da wie eine Statue. Im nächsten Augenblick aber ließ sie Nugent‘s Hand fahren und wandte sich mit heiterer Miene zu mir.

»Werden Sie mich für sehr eigensinnig halten?« fragte sie.

»Warum, liebes Kind?«

»Ich bin noch nicht befriedigt. Ich möchte es noch einmal versuchen.«

»Nein, nein! Wenigstens heute nicht mehr.«

»Ich möchte es noch einmal versuchen«, wiederholte sie. »Nicht auf Ihre Weise, sondern auf meine eigene Art, die ich mir eben ausgedacht habe.« Sie wandte sich nach Oscar um. »Willst Du mir darin zu Willen sein?«

Ich brauche wohl Oscar’s Antwort nicht ausdrücklich anzugeben. Daran wandte sie sich zu Nugent: »Wollen Sie?«

»Sagen Sie nur, was Sie von mir wünschen?« antwortete er.

»Gehen Sie mit Ihrem Bruder an das andere Ende des Zimmers. Hier weiß ich zu genau, wo jeder von Ihnen steht. Madame Pratolungo wird mich hinführen und mich so hinstellen, daß ich Ihrer beider Hände ergreifen kann. Ich möchte, daß dann Jeder von Euch — wer anfangen soll, könnt Ihr durch ein Zeichen miteinander verabreden — meine Hand ergreife, sie einen Augenblick festhalte und dann wieder loslasse. Ich bilde mir ein, daß ich Euch auf diese Weise von einander unterscheiden könnte und ich möchte es sehr gern einmal damit versuchen.«

Die Brüder gingen schweigend an die andere Seite des Zimmers. Ich führte Lucilla ihnen nach bis an die Stelle, wo sie standen. Auf ein Zeichen von mir ergriff Nugent zuerst, wie sie es verlangt hatte, ihre Hand, hielt dieselbe einen Augenblick fest und ließ sie dann wieder fahren.

»Nugent«, rief sie, ohne sich einen Augenblick zu besinnen.

»Ganz richtig«, sagte ich.

Sie lachte vergnügt, nur weiter! Macht mich irre, wenn ihr könnt.«

Die Brüder wechselten geräuschlos ihre Plätze. Oscar, der jetzt genau an derselben Stelle stand, an welcher eben vorher Nugent gestanden hatte, ergriff ihre Hand.

Alsbald rief sie »Oscar!«

»Wieder richtig«, sagte ich.

Auf ein Zeichen Nugent’s ergriff Oscar ihre Hand zum zweiten Male. Sie wiederholte seinen Namen. Auf ein Zeichen von mir stellten sich die Brüder geräuschlos neben sie, Oscar an ihrer rechten, Nugent an ihrer linken Seite. Auf ein von mir gegebenes Signal ergriffen sie ein jeder in demselben Augenblick eine ihrer Hände. Dieses Mal besann sie sich einige Augenblicke, bevor sie sprach, dann aber bezeichnete sie die beiden Brüder wieder richtig. Lächelnd wandte sie sich zur Rechten und sagte, auf den an dieser Seite Stehenden deutend: »Oscar.«

Wir waren alle drei gleich überrascht. Ich untersuchte abwechselnd Oscar’s und Nugent’s Hand. Bis auf die jammervolle Verschiedenheit der Farbe waren die Hände in jeder Beziehung einander völlig gleich, von derselben Größe, derselben Form, derselben Textur der Haut auf keiner der beiden Hände eine Narbe oder ein Zeichen, durch welche man sie von der andern hätte unterscheiden können. Durch welchen geheimnißvollen Divinationsproceß war es ihr also gelungen, jedes Mal richtig herauszufinden, wessen Hand sie berührte?

Sie wollte oder konnte keine deutliche Antwort auf die Frage geben.

»Es regt sich etwas in mir bei der Berührung des Einen, was ich bei der Berührung des Andern nicht empfinde.«

»Und was ist das?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht aber es regt sich in mir bei der Berührung Oscar’s und nicht bei der Berührung Nugent’s.« Sie machte allen weiteren Fragen dadurch ein Ende, daß sie vorschlug, wir möchten den Abend mit etwas Musik in ihrem Wohnzimmer beschließen.

Als wir zusammen am Clavier saßen, während die Zwillingsbrüder sich an die andere Seite des Zimmers gesetzt hatten, um uns zuzuhören, flüsterte sie mir in’s Ohr:

»Ihnen will ich es sagen!«

»Was?« fragte ich.

»Woher ich weiß, wer Jeder von ihnen ist wenn sie beide meine Hände berühren. Wenn Oscar sie berührt ergießt sich eine entzückende Empfindung von seiner Hand in die meinige und durchrieselt mich ganz. Ich vermag es nicht deutlicher auszudrücken.«

»Ich verstehe. Und was empfinden Sie, wenn Nugent Ihre Hand berührt?«

»Nichts.«

»Und auf diesem Wege haben Sie die Verschiedenheit zwischen beiden herausgefunden?«

»Auf diesem Wege werde ich die Verschiedenheit zwischen beiden immer wieder herausfinden können. Wenn Oscar’s Bruder es jemals versuchen sollte, sich meine Blindheit zu Nutze zu machen — und er ist dazu im Stande, er lachte über meine Blindheit — so werde ich ihn auf diesem Wege erkennen. Ich habe Ihnen gesagt ehe ich ihn noch kannte, daß ich ihn hasse. — Und ich hasse ihn noch jetzt.«

»Meine liebe Lucilla!«

»Ich hasse ihn noch jetzt.«

Sie schlug die ersten Accorde auf dem Clavier mit einer eigensinnigen Falte auf ihrer niedlichen Stirn an. Unser kleines Abendconcert begann.



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel - Nugent bringt Madame Pratolungo in Verlegenheit

Ich war weit entfernt Lucilla’s Ansichten von Nugent Dubourg zu theilen. Sein ungeheures Selbstvertrauen war nach meiner Ansicht viel zu ergötzlich, als daß es im mindestens verletzend hätte sein können. Mir gefiel die Lebhaftigkeit und Munterkeit des jungen Menschen. Er kam meinem Ideal des Feuers und der Entschlossenheit wie sie einem Manne vor dem dreißigsten Jahre anstehen, viel näher als sein Bruder. Soweit ich beide kennen gelernt hatte, war Nugent was man einen guten Gesellschafter nennt und Oscar war das nicht. Meine Nationalität läßt mich großen Wert auf gesellige Eigenschaften legen. Die höheren Tugenden eines Mannes zeigen sich nur gelegentlich unter zwingenden Verhältnissen. Von seinen geselligen Vorzügen werden wir täglich berührt. Ich bin gern munter; ich lobe mir gesellige Vorzüge.

Nur etwas wollte in jenen ersten Tagen bei mir keine rechte Sympathie für Nugent aufkommen lassen. Ich vermochte mir den Eindruck, welchen Lucilla auf ihn hervorgebracht durchaus nicht zu erklären. Die zwingende Gewalt welche sie in so auffallender Weise bei ihrer ersten Begegnung auf ihn geübt hatte, hielt ihn auch, nachdem sie besser miteinander bekannt geworden waren, immer gefesselt. Nie war er in ihrer Gegenwart in heiterer Laune. Herr Finch konnte ihn mit Leichtigkeit in Grund und Boden reden, wenn Lucilla zugegen war. Selbst wenn er uns von den wunderbaren Dingen vorprahlte, die er zu malen gedenke, brauchte Lucilla nur in’s Zimmer zu treten, um ihn zum Schweigen zu bringen. Als er mir zum ersten Male seine amerikanischen Skizzen zeigte, die ich, wenn man mich im Vertrauen um meine Meinung fragt als die der wahren Kunst wenig entsprechenden Versuche eines kühnen Dilettanten bezeichnen möchte, strömte er von Herzensergießungen über; er schlug sich vor die Stirn und bezeichnete sich ganz ernsthaft als den »Mann der Zukunft« in der Landschaftsmalerei.

»Meine Mission, Madame Pratolungo, besteht darin, die Menschheit und die Natur wieder in Einklang zu bringen. Ich gedenke im großartigsten Maßstabe nachzuweisen, wie die Natur in ihren größten Scenen sich den geistigen Bedürfnissen der Menschheit anpassen kann. In unserer Freude wie in unserem Kummer können wir aus feine sympathetische Beziehungen der Natur zu uns rechnen, wenn wir nur wissen, wo wir sie zu suchen haben. Meine Bilder, nein, meine Gedichte in Farben werden das zeigen. Wenn meine Werke, wie es ohne Zweifel der Fall sein wird, durch Lithographieen und Stiche vervielfältigt werden, so wird die Kunst in meinen Händen zum Priesterthum. Und wie stehe ich dann dem Publicum gegenüber? Nur als Landschaftsmaler? Nein! sondern als Großtröster der Menschheit!«

Inmitten dieses Redestroms, — in seiner Aufregung beim Reden glich er Oscar ganz wunderbar — dieses Ergusses von Prophezeihungen seiner eigenen künftigen Größe, trat Lucilla ruhig in’s Zimmer. Der »Großtröster« klappte sofort seine Skizzenmappe zu, ließ das Gespräch über Malerei fallen, bat um etwas Musik und setzte sich wie ein Musterbild conventioneller Schicklichkeit in eine Ecke des Zimmers. Ich fragte ihn später, warum er sich unterbrochen habe, als Lucilla in’s Zimmer getreten sei.

»Habe ich das gethan?« fragte er; »ich weiß nicht warum.«

Die Sache war wirklich unerklärlich, er bewunderte sie aufrichtig, man brauchte ihn nur zu beobachten, wenn er sie ansah, um sich davon zu überzeugen. Er hatte keine Ahnung von ihrer Abneigung gegen ihn; sie verbarg dieselbe sorgfältig um Oscar’s willen. Er empfand die echteste Sympathie für ihr Leiden; seine unsinnige Idee, daß ihre Sehkraft noch wieder hergestellt werden könne, war das natürliche Ergebniß seiner innigen Theilnahme an ihrem Loose. Er war der Heirath seines Bruders nicht zuwider, im Gegentheil, er beleidigte die Würde des Pfarrers, bei welchem er überhaupt fortwährend Anstoß erregte, durch den Vorschlag, die Heirath zu beschleunigen. Ich war selbst zugegen, als er sagte: »Die Kirche ist ja hier dicht beim Hause. Warum können Sie nicht morgen nach dem Frühstück Ihren Ornat anlegen und Oscar glücklich machen?«

Ja noch mehr, er äußerte das lebhafteste, mehr weibliche als männliche Verlangen, zu erfahren, wie die Liebe zwischen Oscar und Lucilla entstanden sei. Ich verwies ihn, soweit Oscar dabei in Betracht kam, auf seinen Bruder als die beste Quelle. Er lehnte es nicht ab, seinen Bruder darüber zu befragen und gestand mir auch nicht, daß das für ihn irgend eine Schwierigkeit habe; er ließ das Gespräch über Oscar einfach fallen und befragte mich in Betreff Lucilla’s. Wie war die Sache bei ihr entstanden? Ich erinnerte ihn an die romantische Einsiedelei Oscar’s in Browndown und forderte ihn auf, sich selbst den Eindruck zu vergegenwärtigen, den diese einsame Existenz auf die erregbare Phantasie eines jungen Mädchens habe hervorrufen müssen. Er wollte aber davon nichts hören, sondern bestand darauf, daß ich ihm das Nähere mittheilten möge. Als ich ihm daran die kleine Liebesgeschichte der beiden jungen Leute erzählte, schien ein Moment derselben einen besonders starken Eindruck auf ihn zu machen. Der erste Eindruck der Stimme seines Bruders auf Lucilla schien ihn merkwürdig zu frappiren. Er konnte die Sache nicht begreifen; er machte sich darüber lustig; er wollte es nicht glauben. Ich mußte ihn daran erinnern, daß Lucilla blind sei und daß die Liebe, welche sich sonst ihren Weg zum Herzen zuerst durch die Augen zu bahnen pflegt, in ihrem Falle den Weg nur durch das Gehör habe finden können. Diese Erklärung verfehlte ihre Wirkung nicht; sie machte ihn nachdenklich.

»Der Klang seiner Stimme«, sagte er zu sich selbst, indem er fortwährend über dem Problem zu brüten schien. »Die Leute sagen, meine Stimme gleiche genau der Oscar’s«, fügte er hinzu, indem er sich plötzlich an mich wandte: »Finden Sie das auch?«

Ich antwortete, daß darüber gar kein Zweifel bestehen könne. Er stand leicht zusammenschauernd, wie Jemand, den es fröstelt, von seinem Stuhle aus und brachte das Gespräch auf einen andern Gegenstand. Das nächste Mal, wo er mit Lucilla zusammentraf, hatte sein Benehmen, weit entfernt, vertraulicher zu sein, etwas noch Gezwungeneres als zuvor. Das Verhältniß beider zu einander schien so bleiben zu sollen, wie es sich gleich anfänglich gestaltete. In meiner Gesellschaft war er immer ganz à son aise. In Lucilla’s Gegenwart niemals!

.

Welchen Schluß hätte eine Frau von meinen Erfahrungen aus alle dem ziehen müssen?

Jetzt sehe ich das klar genug ein; ich schwöre aber als rechtschaffene Frau, daß ich zur Zeit die Sache nicht begriff. Wir sind nicht immer consequent in unserm Wesen. Die gescheidesten Menschen lassen sich gelegentlich Dummheiten zu Schulden kommen, gerade wie dumme Menschen bisweilen lichte Augenblicke von Klugheit haben. Es kann Einer seine Angelegenheiten mit gewohnter Klugheit am Montag, Dienstag und Mittwoch wahrgenommen haben; daraus folgt noch keineswegs, daß er sich nicht am Donnerstag wie ein Narr benehmen wird. Man mag es sich erklären wie man will, Thatsache ist, daß ich während einer viel längeren Zeit, als einzugestehen meiner Selbstachtung schmeichelt, nichts argwöhnte und nichts entdeckte. Mir fiel sein Benehmen in Lucillas Gegenwart als sonderbar und unerklärlich auf; das war aber auch Alles.

Während der ersten vierzehn Tage von Nugent’s Anwesenheit kam der Londoner Doctor, um Oscar zu besuchen und fand den Zustand desselben vollkommen befriedigend. Die schrecklichen epileptischen Zufälle würden, erklärte er, den Patienten fortan nicht mehr seinigen und seine Freunde nicht mehr in Angst und Sorge versetzen, die Heirath könne ruhig zur festgesetzten Zeit geschlossen werden; Oscar sei geheilt.

Durch den Besuch des Doctors wurden wir sehr natürlich veranlaßt, nicht nur mit erneuertem Interesse die Wirkungen der Medicin auf Oscar zu beobachten, sondern auch unsere Aufmerksamkeit wieder seiner falschen Stellung Lucilla gegenüber zuzuwenden. Nugent und ich hatten darüber eine Discussion. Ich eröffnete die Unterhaltung mit dem Vorschlage, mit vereinten Kräften dahin zu wirken, daß sein Bruder sich zu einem männlich offenen Verfahren entschließe. Nugent sagte zu diesem Vorschläge anfänglich weder Ja noch Nein. Er, der sonst bei jeder Gelegenheit sofort mit sich im Reinen war, brauchte in diesem Falle Zeit.

»Ich muß«, sagte er, »zuvor noch etwas fragen. Ich möchte diese sonderbare Antipathie Lucilla’s, vor der mein Bruder sich so sehr fürchtet, gern verstehen. Können Sie mir dieselbe erklären?«

»Hat Oscar versucht, sie Ihnen zu erklären?« fragte ich meinerseits.

»Er hatte derselben in einem Briefe an mich Erwähnung gethan und versucht, sie mir zu erklären, als ich ihn bei meiner Ankunft in Browndown fragte, ob Lucilla die Veränderung seiner Hautfarbe entdeckt habe. Es gelang ihm aber durchaus nicht, mir die Sache begreiflich zu machen.«

»Was finden Sie denn so schwer begreiflich?«

»Folgendes: Soweit ich sehen kann, hat sie kein Gefühl für die Gegenwart dunkler Menschen in einem Zimmer, oder für das Vorhandensein dunkler Farben in der Decoration eines Zimmers. Nur wenn man ihr sagt, daß solche Personen oder solche Dinge da sind, macht sich ihr Vorurtheil geltend. Aus welcher Geistesverfassung soll man sich eine so sonderbare Idiosynkrasie erwachsen denken? Es ist undenkbar, daß sie irgendeine bewußte Erinnerung von heiteren oder trüben Farben haben könne, wenn es wahr ist, daß sie schon ein Jahr nach ihrer Geburt erblindet ist. Wie erklären Sie sich das? Kann es eine rein instinctive Antipathie geben, die schlummert, bis sie durch äußere Einflüsse geweckt wird und die sich auf keine praktische Erfahrung irgendwelcher Art stützt?«

»Ich kann mir denken, daß es so etwas giebt«, erwiderte ich. »Wie erklären Sie es, daß ich als Kind, das eben laufen konnte, vor dem ersten Hunde, der mir zu Gesicht kam und mich anbellte, zurückschreckte? Ich konnte doch in diesem Alter weder durch Erfahrung noch durch Mittheilung Anderer wissen, daß das Bellen eines Hundes bisweilen der Vorläufer eines Bisses ist. Mein Schreck bei jener Gelegenheit war doch wohl auch rein instinctiver Natur, nicht wahr?«

»Ihr Vergleich ist ganz scharfsinnig«, sagte er, »aber ich bin doch noch nicht befriedigt.«

»Sie müssen auch in Betracht ziehen,« fuhr ich fort, »daß sie eine positiv unangenehme Vorstellung mit dunklen Farben verbindet. Dieselben bringen bisweilen vermittelst ihres Tastsinnes einen unangenehmen Eindruck auf ihre Nerven hervor. Sie fand aus diese Weise am ersten Tage meiner Ankunft hier heraus, daß ich ein dunkles Kleid trug.«

»Und doch berührt sie das Gesicht meines Bruders, ohne eine Veränderung daran zu entdecken.«

Ich begegnete auch diesem Einwande befriedigend für mich, aber nicht für ihn.

»Ich halte es für sehr möglich«, sagte ich, »daß sie auch diese Entdeckung gemacht haben würde, wenn sie ihn nach der Entstellung seines Gesichts zum ersten Male berührt hätte. Aber sie untersucht ihn jetzt mit einer vorgefaßten Vorstellung, die von ihren früheren Eindrücken bei Berührung seiner Haut herrührt. Wenn man dem modificirenden Einflusse dieses Eindruckes auf ihren Tastsinn gebührende Rechnung trägt, wenn man ferner bedenkt, daß es sich hier um eine Veränderung der Farbe und nicht der Textur der Haut handelt, so muß, wie mir scheint, die Nichtentdeckung der dunkeln Hautfarbe Ihres Bruders von Seiten Lucilla’s erklärlich erscheinen.«

Er schüttelte den Kopf; er gab zu, daß er die Richtigkeit meiner Ansicht nicht bestreiten könne; aber er war doch nicht befriedigt.

»Haben Sie über die Periode ihrer Kindheit, bevor sie erblindete, nähere Erkundigungen eingezogen?« fragte er. »Vielleicht daß sie doch unbewußt die Nachwirkung einer in der Zeit, wo sie noch sehen konnte, erlittenen Erschütterung des Nervensystems empfindet.«

»Ich habe nie daran gedacht, mich darnach noch näher zu erkundigen.«

Giebt es eine für uns erreichbare Person, welche sie während ihres ersten Lebensjahres fortwährend genau zu beobachten Gelegenheit hatte? Ich fürchte, darauf ist nach einer so langen Zeit nicht zu hoffen.«

»Es ist eine solche Person hier im Hause«, sagte ich. »Ihre alte Amme lebt noch.«

»Schicken Sie doch gleich nach ihr.«

Zillah erschien. Nachdem er ihr erklärt hatte, was er von ihr zu wissen wünsche, begann Nugent sofort sein Verhör.

»Ist Ihr Fräulein als kleines Kind jemals durch eine plötzlich vor ihr auftauchende dunkle Gestalt oder einen dunkeln Gegenstand erschreckt worden?«

»Niemals, Herr! Ich habe immer gut aufgepaßt, daß nichts in ihre Nähe kam, was sie hätte erschrecken können, so lange das arme Kind noch sehen konnte.«

»Können Sie sich ganz fest auf Ihr Gedächtniß verlassen?«

»Ganz fest, Herr, wenn von alten Zeiten die Rede ist.«

Zillah wurde wieder fortgeschickt.

Nugent, der bis dahin ungewöhnlich ernst und präoccupirt gewesen war, wandte sich zu mir mit dem Ausdruck der Befreiung.

»Als Sie mir vorschlugen, sagte er, »mich mit Ihnen zu vereinigen, um Oscar zu einer offenen Erklärung gegen Lucilla zu bewegen, fühlte ich mich wegen der möglichen Folgen dieses Schrittes etwas unruhig. Nach dem, was ich eben gehört habe, ist diese Besorgniß beseitigt.«

»Welche Besorgniß?« fragte ich.

»Die Besorgniß, daß Oscar’s Bekenntniß eine Entfremdung zwischen ihnen bewirken und einen Anfschub der Heirath zur Folge haben könnte. Ich bin gegen jeden Aufschub. Es liegt mir besonders daran, daß Oscar’s Heirath nicht aufgeschoben werde. Ich bekenne Ihnen, daß ich beim Beginn unserer Unterhaltung Oscar’s Ansicht war, daß er Recht thun würde, sich ihrer dauernden Neigung durch eine Heirat versichern, bevor er es wage, ihr die Wahrheit zu gestehen. Jetzt, nach dem was die Amme uns mitgetheilt hat, sehe ich in einem sofortigen Geständniß keine denkbare Gefahr.«

»Kurz«, erwiderte ich, »Sie erklären sich mit mir einverstanden?«

»Ich erkläre mich mit Ihnen einverstanden, obgleich ich der eigensinnigste Mensch von der Welt bin. Die Chancen scheinen jetzt Oscar durchaus günstig zu sein. Lucillais Antipathie ist nicht, wie ich fürchtete, eine in einem krankhaften Zustande des Organismus wurzelnde. Sie ist nichts weiter, sagte Nugent mit der Miene eines Gelehrten, der eine physiologische Frage ein für alle Mal zum Abschluß bringt, »sie ist nichts weiter, als ein grillenhafter Ausfluß, eine krankhafte Beigabe ihrer Blindheit. Eine solche Antipathie kann sie noch überwinden, sie würde sie, glaube ich, sicher überwinden, wenn sie sehen könnte. Um es kurz zu sagen, nach dem, was ich soeben erfahren habe, sage ich mit Ihnen: Oscar macht aus einer Mücke einen Elephanten. Er hätte sich längst mit Lucilla verständigen sollen. Ich habe einen unbegrenzten Einfluß auf ihn und will damit Ihren Einfluß unterstützen Oscar soll sein Bekenntniß abgelegt haben, ehe die Woche zu Ende geht.«

Wir bekräftigten dieses Abkommen durch einen Händedruck. Als ich ihn so heiter, kühn und entschlossen vor mir sah, ganz Oscar, wie ich mir diesen immer gewünscht hatte, da, ich gestehe es zu meiner Schande, bedauerte ich es in meinem Herzen, daß wir nicht an jenem Abend in der Dämmerstunde, welche Lucilla die Pforten eines neuen Lebens eröffnet hatte, Nugent begegnet waren.

Nachdem wir uns so gegen einander ausgesprochen hatten, während unser Liebespärchen einen Spaziergang über die Hügel machte, trennten wir uns, um uns, wie ich glaubte, an diesem Tage nicht wieder zu sehen.

Nugent ging nach dem Gasthof, um sich einen Stall anzusehen, welchen er zu einem Atelier umzuwandeln gedachte, da kein Zimmer in Browndown halb groß genug war, um das erste riesige Bild, mit welchem der »Großtröster« der Kunst die Welt in Erstaunen setzen wollte, darin zu malen. Ich versuchte es, da ich nichts Besonderes zu thun hatte, Oscar und Lucilla entgegenzugehen. Da ich sie aber verfehlte, schlenderte ich über Browndown zurück. Nugent saß, eine Cigarre rauchend, allein auf der niedrigen Gartenmauer an der Vorderseite des Hauses. Er stand auf und trat, indem er den Finger geheimnißvoll auf den Mund legte, auf mich zu.

»Sie dürfen nicht in’s Haus gehen«, sagte er, »und nicht so laut reden, daß man Sie hören kann.« Er deutete um die Ecke des Hauses nach dem kleinen, an der Seite desselben gelegenen, dem Leser bereits bekannten Zimmer. »Oscar und Lucilla sind da zusammen eingeschlossen und er macht ihr in diesem Augenblicke sein Geständniß.«

Ich gab durch Blick und Geberden mein Erstaunen zu erkennen und Nugent fuhr fort:

»Ich sehe, Sie möchten wissen, wie das gekommen ist. Sie sollen Alles erfahren. Während ich mir den Stall ansah, der beiläufig nicht halb groß genug für ein Atelier wie ich es gebrauche ist, brachte mir Oscar’s Diener ein kleines mit Bleistift geschriebenes Billet, in welchem mich Oscar dringend bat, sofort zu ihm nach Browndown zu kommen. Ich fand ihn hier draußen in furchtbarer Aufregung auf mich wartend. Er warnte mich, gerade wie ich Sie eben gewarnt habe, nicht laut zu reden und zwar aus demselben Grunde: Lucilla war im Hause.«

»Ich dachte, sie wären spazieren gegangen» unterbrach ich ihn.

»Sie waren auch spazieren gegangen. Aber Lucilla klagte über Ermüdung und Oscar brachte sie hierher, damit sie sich ausruhe. Ich erkundigte mich nun, was es denn gegeben habe und erfuhr von Oscar, daß das Geheimniß seiner Hautfarbe Lucilla zum zweiten Male zu Ohren gekommen sei.

»Gewiß wieder Jicks!« rief ich aus.

»Nein« dieses Mal nicht Jicks, sondern Oscar’s eigener Diener.«

»Und wie das?«

»Die Veranlassung gab ein kleiner Junge im Dorfe. Oscar und Lucilla fanden den kleinen Knirps vor dem Hause heulend. Sie fragten ihn nach der Ursache. Der Knirps erzählte ihnen, der Diener in Browndown habe ihn geschlagen. Lucilla war empört; sie bestand darauf, daß die Sache näher untersucht werde. Oscar ließ sie im Wohnzimmer, unglücklicherweise, wie sich nachher ergab, ohne die Thür hinter sich zu schließen, rief den Diener nach dem Vorplatz und fragte ihn, warum er den Jungen geschlagen habe. Der Diener antwortete: »Ich habe dem Jungen ein paar Ohrfeigen gegeben, um ein Exempel für alle Uebrigen zu statuiren.« »Und was hat er verbrochen?« »Er hat mit einem Stock an die Thür geklopft, Herr, und er war nicht der erste, der das während Ihrer Abwesenheit gethan, und hat gefragt, ob der blaue Mann zu Hause sei.« Lucilla hatte durch die offene Thür jedes Wort mit angehört. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, was nun erfolgte.«

In der That brauchte er mir diesen Theil des Vorgangs nicht zu erzählen. Ich erinnerte mich nur zu gut, wie es das erste Mal bei der ähnlichen Veranlassung in unserem Garten zugegangen war und ich begriff, daß Lucilla in ihren Gedanken diesen und den eben erwähnten früheren Vorfall combiniren und ihr stets wacher Argwohn hier auf eine bündige Erklärung dringen und Oscar zu raschem Handeln zwingen mußte.

»Ich verstehe«, sagte ich. »Natürlich bestand sie auf eine Erklärung; natürlich stellte er sich durch eine plumpe Entschuldigung blos und rief Sie dann zur Hilfe. Was haben Sie gethan?«

»Was ich thun zu wollen Ihnen diesen Morgen erklärt habe. Er hatte zuversichtlich darauf gerechnet, daß ich ihm beistehen werde, es war ein Jammer, den armen Menschen anzusehen. Aber um seiner selbst willen weigerte ich mich, ihm nachzugehen. Ich ließ ihn die Wahl, ihr selbst die Wahrheit zu gestehen oder mir zu überlassen, es zu thun. Da war kein Augenblick zu verlieren; sie war in einer Laune, mit der nicht zu spaßen war, das kann ich Ihnen versichern. Oscar benahm sich sehr gut, wie er es immer thut, wenn ich ihn in die Enge treibe. Mit einem Wort, er war Mann genug, zu fühlen, daß es an ihm selbst sei, die Wahrheit zu enthüllen und nicht an mir. Ich umarmte den armen, alten Jungen nur um ihn zu ermuthigen, schob ihn in’s Zimmer, schloß die Thür hinter ihm und ging hierher. Er muß jetzt damit fertig sein. Und er ist damit fertig! Da kommt er her!«

Oscar kam mit entblößtem Kopfe aus dem Hause gelaufen. Seine Erscheinung trug die Spuren einer Aufregung, die mir sagten, daß etwas Unerwartetes ihn Verhindert haben müsse, sich gegen Lucilla auszusprechen.

Nugent redete ihn an.

»Nun, was giebt’s«, fragte er. »Hast Du ihr die Wahrheit gesagt?«

»Ich habe es Versucht.«

»Versucht? Was willst Du damit sagen?«

Oscar schlang seinen Arm um den Hals seines Bruders und lehnte seinen Kopf an seine Schulter, ohne ein Wort zu antworten.

Jetzt richtete ich meinerseits eine Frage an ihn.

»Hm Lucilla sich geweigert Sie anzuhören?« fragte ich.

»Nein.«

»Hat sie irgendetwas gesagt oder gethan —«.

Er hob den Kopf von der Schulter seines Bruders und unterbrach mich, noch ehe ich meine Frage beenden konnte, mit den Worten:

»Sie brauchen sich wegen Lucilla’s keine Sorge zu machen; ihre Neugierde ist befriedigt.«

»Ist sie auch in Bezug aus Sie befriedigt?« Er ließ seinen Kopf wieder auf seines Bruders Schulter sinken und antwortete mit schwacher Stimme: »Vollkommen befriedigt.«

Nugent und ich sahen einander fassungslos an. Lucilla hätte alles gehört, ohne daß ihr Verhältniß zu ihm dadurch im Mindesten gelitten hätte? Dieses unglaublich glückliche Resultat hätte er uns mitzutheilen und er thäte es mit der Miene eines Gedemüthigten, in einem verzweifelten Ton? Nugent riß die Geduld.

»Mache ein Ende mit dieser Mystification«, sagte er, indem er Oscar unsanft von sich stieß. »Ich Verlange eine klare Antwort auf eine klare Frage. Sie weiß, daß der Junge an die Thür geklopft und gefragt hat, ob der blaue Mann zu Hause sei. Weiß sie, was der unverschämte Bengel damit gemeint hat? Ja oder Nein?«

»Ja.«

»Weiß sie, daß Du der »blaue Mann« bist?«

»Nein.«

»Nein!!! Wer meint sie denn, daß es sei?«

In dem Augenblick, wo er diese Frage that, erschien Lucilla an der Hausthür. Mit einem suchenden Ausdruck ließ sie ihre blinden Augen umherschweifen und rief laut: »Oscar! Warum hast Du mich allein gelassen? Wo bist Du?«

Oscar wandte sich zitternd nach seinem Bruder um.

»Um Gotteswillen! Verzeih’ mir, Nugent!« sagte er, »sie meint, Du seiest es.«



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel - Er zeigt sich den Verhältnissen gewachsen.

Bei diesem überraschendem so plötzlich in wenigen Worten enthüllten Bekenntniß verlor selbst der entschlossene Nugent alle Selbstbeherrschung; er stieß einen Schrei aus, den Lucilla hörte. Sie wandte sich in dem Glauben, daß Oscar den Schrei ausgestoßen habe, sofort nach uns um.

»Ah, da bist Du!« rief sie aus. »Oscar, Oscar, was hast Du nur heute?«

Oscar war unfähig zu antworten. Er konnte nur seinem Bruder einen flehenden Blick zuwerfen, als Lucilla sich uns näherte. Der stumme Vorwurf, mit welchem Nugents Blick sein Bekenntniß beantworten, hatte den letzten Rest seiner Widerstandskraft gebrochen, er weinte still wie ein Weib an Nugent’s Brust.

Einer mußte das allgemeine Schweigen brechen; ich entschloß mich dazu.

»Es ist nichts, liebes Kind«, sagte ich, indem ich zu Lucilla trat. »Wir gingen eben am Hause vorüber und Oscar kam herausgelaufen, um uns hinein zu holen.«

Meine Begütigungen machten sie nur noch unruhiger.

»Uns?« wiederholte sie. »Wer ist denn bei Ihnen?«

»Nugent.«

Auf der Stelle zeigte sich die Wirkung des unglücklichen Mißverständnisses, zu welchem Oscar sie verleitet hatte. Sie wurde todtenbleich bei dem für sie entsetzlichen Gedanken, daß sich der Mann mit dem blauen Gesicht in ihrer unmittelbaren Nähe befinde.

»Bringen Sie mich so nahe an ihn heran, daß ich mit ihm reden kann, aber ohne ihn berühren zu müssen«, flüsterte sie mir zu. »Ich habe gehört, wie er aussieht. O, wenn sie ihn sähen, wie ich ihn in dem mich umgebenden Dunkel sehe! Aber ich muß um Oscar’s willen mit seinem Bruder reden.«

Sie ergriff meinen Arm und zog mich dicht an sich heran. Was hätte ich sagen, was hätte ich thun sollen? Ich wußte mir weder in dem Einen, noch in dem Anderen zu rathen.

Ich richtete meine Blicke von Lucilla auf die beiden Brüder. Da stand der schwache Oscar, überwältigt von der demüthigenden Lage, in welche er sich selbst dem Weibe gegenüber, das er heirathen sollte, und dem Bruder gegenüber, den er liebte, gebracht hatte. Und neben ihm stand der starke Nugent, seiner selbst vollkommen Herr, seinen Bruder mit dem Arm umschlingend, mit erhobenem Haupt und mit erhobener Hand, die mir ein Zeichen gab, zu schweigen. Er hatte Recht. Ich brauchte nur Lucilla’s Gesicht anzusehen, um mich zu überzeugen, daß die delikate und verhängnißvolle Enthüllung der Wahrheit nicht auf der Stelle und im Augenblick geschehen könne.

»Sie sind heute ungewöhnlich nervös, Lucilla«, sagte ich, »lassen Sie uns nach Hause gehen.«

»Nein«, antwortete sie, »ich muß mich daran gewöhnen, mit ihm zu reden. Ich will gleich heute damit den Anfang machen. Bringen Sie mich zu ihm, aber lassen Sie ihn mich nicht berühren.«

Nugent machte sich, als er uns auf sich zukommen sah, aus der Umarmung Oscar’s los, dessen Unfähigkeit, uns aus unserer Verlegenheit zu helfen, zu offenbar war, als daß man sich einen Augenblick darüber hätte täuschen können. Er deutete auf die niedrige Gartenmauer und bedeutete seinen Bruder, sich, ehe Lucilla wieder mit ihm reden könne, dahin zu begeben. Wie recht er daran that, sollte sich bald genug zeigen. Kaum hatte Oscar uns verlassen, als Lucilla nach ihm fragte. Nugent antwortete, Oscar sei wieder in’s Haus gegangen, um seinen Hut zu holen.

Der Klang von Nugent’s Stimme half ihr, die Entfernung, in der sie sich von ihm befand, ohne meinen Beistand zu berechnen. Noch immer meinen Arm fest haltend stand sie still und redete ihn an.

»Nugent«, sagte sie. »ich habe Oscar veranlaßt, mir mitzutheilem was er mir längst hätte mittheilen sollen. »Er hat«, fuhr sie fort, indem sie bei jedem Satz nach Selbstbeherrschung rang und schwer athmete, »eine thörichte Antipathie bei mir entdeckt; ich weiß nicht, wie er sie herausgefunden hat; ich hatte versucht sie vor ihm zu verbergen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wogegen diese Antipathie gerichtet ist.«

Nach diesen Worten machte sie eine längere Pause, zog mich fester an sich und kämpfte einen immer schwereren Kampf gegen die unwiderstehliche Antipathie, die wie ein Fluch aus ihr lastete. In Nugent’s Wesen aber äußerte sich, während er ihr zuhörte, der Zwang, dem er in ihrer Gegenwart immer unterlag, in noch frappanterer Weise als zuvor.

Die Augen auf den Boden heftend, schien es ihm zu widerstreben, sie auch nur anzusehen.

»Ich glaube ich verstehe«, fuhr sie fort, »warum Oscar mir nicht gern sagen wollte« — hier hielt sie wieder inne, offenbar weil sie nicht wußte, wie sie sich ausdrücken sollte, ohne Gefahr zu laufen, ihn zu verletzen — »mir nicht gern sagen wollte«, nahm sie wieder auf, »was Sie an sich haben, was Sie von anderen Leuten unterscheidet. Er fürchtete, meine alberne Schwäche möchte mich ein Vorurtheil gegen Sie fassen lassen. Ich komme aber, um Ihnen zu sagen, daß ich diese Schwäche nicht über mich Herr werden lassen will. Ich habe mich ihrer nie mehr geschämt als jetzt. Auch ich bin ja unglücklich und sollte Sympathie für Sie fühlen, anstatt —«.

Ihre Stimme war bei den letzten Worten immer schwächer geworden. Sie lehnte sich mit schwerem Kopfe an mich. Ich sah auf den ersten Blick, daß sie, wenn ich sie noch einen Augenblick fortfahren ließe, ohnmächtig werden würde.

»Sagen Sie Ihrem Bruder, daß wir nach dem Pfarrhause zurück gegangen sind—, sagte ich zu Nugent. Jetzt zum ersten Male blickte er zu Lucilla auf.

»Sie haben Recht—, antwortete er. »Bringen Sie sie nach Hause.«

Er wiederholte das Zeichen, mit dem er mich schon einmal bedeutet hatte, zu schweigen und ging zu Oscar nach der Gartenmauer an der Vorderseite des Hauses.

»Ist er fort?« fragte sie.

»Ja.«

Dicke Schweißtropfen standen ihr auf der Stirn. Ich fuhr ihr mit meinem Schnupftuch über das Gesicht und ließ ihr Gesicht vom Winde bestreichen.

»Geht es Ihnen jetzt besser?«

»Ja.«

»Können Sie nach Hause gehen?«

»Sehr gut.«

Ich legte ihren Arm in den meinigen. Nachdem wir einige Schritte gethan hatten, stand sie plötzlich still, wie es schien, in einer nervösen Angst vor einem ihren Weg hemmenden Gegenstande. Sie schwang ihren kleinen Spazierstock langsam vor- und rückwärts in der Luft, wie Jemand, der einen dichten Wald passirt und die niedrigen Zweige und Aeste, die ihn am Vorschreiten hindern, bei Seite schiebt.

»Was machen Sie da?« fragte ich.

»Ich reinige die Luft«, antwortete sie, »die Luft ist voll von ihm. Ich bin in einem Wald voll schwebender Gestalten mit blauen Gesichtern. Geben Sie mir Ihren Arm, daß wir rasch hindurchkommen!«

»Lucilla!«

»Seien Sie mir nicht böse. Ich komme schon wieder zu mir; Kein Mensch weiß besser als ich, welche Thorheit, welche Verrücktheit es ist. Ich habe einen festen Willen und ich bin entschlossen, es koste was es wolle, mich dieses Mal von meiner Schwäche frei zu machen. Ich kann und will Oscar’s Bruder nicht merken lassen, daß er ein Gegenstand des Entsetzens für mich ist.«

Sie stand abermals still und gab mir einen Versöhnungskuß. »Schelten Sie meine Blindheit, liebe Freundin, aber schelten Sie mich nicht. Wenn ich nur sehen könnte —! O, wie kann ich mich Ihnen verständlich machen, die Sie nicht im Dunkel der Nacht ihr Leben verbringen müssen.« Schweigend und nachdenklich ging sie einige Schritte weiter und sagte dann wieder: »Wollen Sie nicht über mich lachen, wenn ich Ihnen etwas sage?«

»Brauche· ich Sie das zu versichern?«

»Stellen Sie sich vor, Sie lägen Nachts im Bette.«

»Nun?«

»Ich habe mir von Leuten erzählen lassen, daß sie bisweilen mitten in der Nacht, ohne daß irgend ein Geräusch sie gestört hätte, aufgewacht sind und daß sie ohne irgend einen Grund sich eingebildet haben, es sei Jemand in ihrem dunklen Zimmer. Ist Ihnen je etwas Aehnliches begegnet?«

»Gewiß, liebes Kind; es begegnet vielen Menschen, sich einmal so etwas einzubilden, wenn ihre Nerven ein wenig aufgeregt sind.«

»Nun gut. Das bilde ich mir in meiner nervösen Aufregung ein. Und was haben Sie gethan, als Ihnen das begegnete?«

»Ich zündete ein Licht an, überzeugte mich, daß meine Vorstellung falsch sei.«

»Nun denken Sie sich, Sie wären in einer endlosen Nacht, ohne sie erhellen zu können, allein mit Ihrer Phantasie im Dunkeln. Das ist meine Lage. In einer so hilflosen Lage aber würden Sie sich nicht leicht von der Verkehrtheit Ihrer Vorstellung überzeugen können, nicht wahr? Sie würden vielleicht sehr mit Unrecht, aber doch entsetzlich unter dieser Vorstellung leiden. »Vielleicht«, schloß sie, indem sie ihren kleinen Spazierstock mit einem traurigen Lächeln in die Höhe hielt, »vielleicht wären Sie dann eine ebenso große Thörin wie die kleine Lucilla und würden die Luft um sich her mit einem solchen Spazierstock zu reinigen suchen.«

Der Zauber ihrer Stimme und ihres Wesens erhöhte noch den Eindruck der rührenden Einfachheit; der tiefen Wahrheit dieser Worte. Sie ließ mich besser erkennen, wie ich es zuvor erkannt hatte, was es heiße, zugleich des Segens einer lebhaften Einbildungskraft theilhaftig und mit dem Fluch der Blindheit beladen zu sein. Einen Augenblick lang war ich in tiefe Bewunderung und Liebe für sie versunken, vergaß ich die schreckliche Lage, in der wir uns alle befanden. Unbewußt erinnerte sie mich wieder daran, als sie meinen Arm ergriff, mit mir weiter ging und zu mir sagte:

»Vielleicht war es Unrecht von mir, Oscar die Wahrheit abzunöthigen. Vielleicht hätte ich mich mit seinem Bruder ausgesöhnt, wenn ich nie erfahren hätte, wie derselbe aussieht. Und doch habe ich von Anfang an gefühlt, daß er etwas Sonderbares an sich habe, ohne daß man mir gesagt und ohne daß ich gewußt hätte, was es sei. Diese Antipathie muß also ihren Grund in meiner Disposition gehabt haben.«

Diese Worte schienen mir beruhigend für den Gemüthszustand, der Lucilla zu ihrem beklagenswerthen Irrthum verleitet hatte. Ich that ihr vorsichtig einige Fragen, um die Richtigkeit meiner Ansicht zu erproben.

.

»Sie sprachen eben davon, daß Sie Oscar die Wahrheit abgenöthigt hätten,« sagte ich »Was hatte Sie argwöhnen lassen, daß; er Ihnen die Wahrheit verberge?«

»Er war so eigenthümlich verlegen und verwirrt«, antwortete sie; »jeder andere an meiner Stelle würde auch Verdacht geschöpft haben, daß Oscar mir die Wahrheit vorenthalte.«

Die Antwort war bündig.

»Und wie haben Sie die Wahrheit herausgefunden?« fragte ich weiter.

»Ich errieth sie durch etwas erwiderte sie, »was er in Bezug auf seinen Bruder sagte. Erinnern Sie sich, daß ich eine grillenhafte Abneigung gegen Nugent Dubourg faßte, noch ehe er nach Dimchurch kam?«

»Allerdings.«

»Und erinnern Sie sich ferner, daß ich in meinem Vorurtheil gegen ihn noch bestärkt wurde, als ich ihm am ersten Tage mit der Hand über das Gesicht fuhr, um dasselbe mit Oscar’s Gesicht zu vergleichen?«

»Ich erinnere mich dessen sehr gut.«

»Nun, während Oscar hin- und her redete und sich widersprach, sagte er etwas, etwas ganz Nebensächliches, was mich auf den Gedanken brachte, daß die Person mit dem blauschwarzen Gesicht sein Bruder sein müsse. Das war die von mir bisher vergeblich gesuchte Erklärung meiner beharrlichen Abneigung gegen Nugent! Sein schreckliches dunkles Gesicht muß bei seiner ersten Berührung auf mich eine ähnliche Wirkung geübt haben wie die, welche Ihr schrecklich dunkelviolettes Kleid auf mich geübt hatte.«

Ich begriff nur zu deutlich. Oscar verdankte es lediglich der Mißdeutung, die seine Worte von Seiten Lucilla’s erfahren hatten, daß sein Geheimniß gewahrt blieb. Und Lucilla’s Mißdeutung offenbarte sich jetzt als das natürliche Ergebniß ihres ängstlichen Verlangens, sich ihr Vorurtheil gegen Nugent Dubourg zu erklären. Obgleich das Unheil einmal angestiftet war, machte ich doch zur Beruhigung meines eigenen Gewissens noch einen Versuch, Lucilla’s Glauben an die Richtigkeit ihres falschen Schlusses zu erschüttern.

»Nur eines verstehe ich noch nicht recht«, sagte ich; »ich begreife Oscar’s Verlegenheit Ihnen gegenüber nicht. Nach Ihrer Auffassung hatte er ja nichts zu fürchten und konnte nicht vermuthen, daß Sie das, was er Ihnen sagte, so aufnehmen würden. Wozu brauchte er verlegen zu sein?«

Ein sarkastisches Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Wo haben Sie Ihr Gedächtniß, liebe Freundin?« rief sie. »Sie vergessen, daß Oscar als er mit mir von seinem Bruder sprach, sich in einem argen Dilemma befand. Auf der einen Seite mahnte ihn meine Abneigung gegen dunkle Farben und dunkle Menschen zu schweigen. Auf der anderen Seite trieb ihn mein ihm bekannter Widerwille, dagegen daß man sich meine Blindheit zu Nutze mache, um Dinge vor mir geheim zu halten, dazu, mir die Wahrheit zu sagen. Ist das, wenn man die Schüchternheit des armen Jungen hinzunimmt, nicht Grund genug, seine Verlegenheit zu erklären? Ueberdies«, fügte sie ernsthafter hinzu, »hatte er’s vielleicht an meinem Benehmen gemerkt, daß er mir Verdruß und Kummer bereitet hatte.«

»Wie das?« fragte ich.

»Erinnern Sie sich nicht, daß er einmal im Garten zugestand, er habe sich das Gesicht blau angemalt, um Blaubart vorzustellen und die Kinder damit zu amüsiren? Das war nicht delikat, nicht zartfühlend von ihm; es sah ihm gar nicht ähnlich, eine solche Unempfindlichkeit gegen die schreckliche Entstellung seines Bruders zur Schau zu tragen. Er hätte daran denken und nicht darüber Scherz treiben sollen. Nun, wir wollen nicht weiter davon reden. Wir wollen hineingehen und etwas musiciren, vielleicht daß wir dann die Sache vergessen.«

Selbst Oscar’s plumpe Entschuldigung bei jenem Auftritt im Garten hatte, anstatt sie in ihrem Argwohn zu bestärken, nur dazu gedient, das bei ihr festgewurzeltel Vorurtheil noch fester zu begründen. In jenem kritischen Augenblick war es für mich unmöglich, mehr zu sagen, ehe ich mich mit den Zwillingsbrüdern berathen hatte, was zunächst zu geschehen habe. Der Gedanke an die Zukunft beunruhigte mich lebhaft. Wie, fragte ich mich, würde sie es aufnehmen, was würden die Folgen für Oscar sein, wenn sie erfährt, was sie doch erfahren mußte, wie schrecklich sie betrogen sei. Ich gestehe offen, daß ich vor der Beantwortung dieser Frage zurückschreckte.

Als wir an den Punkt gelangten, wo das Thal eine Biegung macht, sah ich mich noch einmal nach Browndown um. Die Zwillingsbrüder standen noch an derselben Stelle, an der wir sie verlassen hatten. Obgleich ihre Gesichter nicht mehr zu erkennen waren, konnte ich doch ihre Gestalten noch deutlich unterscheiden. Oscar saß lauernd auf der Gartenmauer; Nugent stand aufrecht neben ihm, die eine Hand auf seine Schulter gelegt. Selbst in dieser Entfernung sprachen sich die Charaktere beider Männer in ihrer Haltung aus.

Als wir in die Wendung des Thales einbogen, welche uns ihren Anblick abschnitt, fühlte ich, so leicht ist es, ein Weib zu trösten, daß die gebietende Stellung Nugent‘s einen ermuthigenden Eindruck auf mein Gemüth gemacht hatte. »Er wird schon einen Ausweg finden’, sagte er mir, »Nugent wird uns hindurch helfen!«



Kapiteltrenner

Achtes Kapitel - Nugent findet einen Ausweg.

Wir setzten uns ans Klavier, wie Lucilla es vorgeschlagen hatte; sie bat mich zuerst, etwas allein zu spielen. Ich lehrte sie damals gerade eine Sonate von Mozart und versuchte es nun, diese Lection fortzusetzen; aber ich spielte an diesem Tage so schlecht wie nie zuvor. Die göttliche Heiterkeit und Vollkommenheit, welche Mozart’s Musik nach meinem Urtheil vor aller übrigen Musik auszeichnet, kann nur von einem Spieler würdig wiedergegeben werden, der sich mit ganzem Gemüthe ungetheilt dem Werke hingibt. In meiner verzehrenden Angst konnte ich jene himmlischen Ideen nur profaniren, konnte ich sie nicht wiedergeben. Lucilla ließ es gelten, als ich mich entschuldigte, und setzte sich statt meiner ans Klavier.

Eine halbe Stunde herging ohne Nachricht von Browndown.

An und für sich ist eine halbe Stunde gewiß ein sehr kurzer Zeitraum; wenn man aber mit angstvoller Spannung einer Nachricht harrt, so ist sie eine Ewigkeit. Jede Minute, die verfloß, ohne daß Lucilla aus ihrer Täuschung gerissen wurde, empfand ich wie einen Gewissensbiß. Je länger wir sie in ihrer Täuschung verharren ließen, desto peinlicher mußte die Erfüllung der harten Pflicht, sie aufzuklären, werden. Ich wurde immer unruhiger; Lucilla ihrerseits fing an, über Ermüdung zu klagen; nach der Aufregung, die sie durchgemacht hatte, kam jetzt die unvermeidliche Reaction. Ich rieth ihr, auf ihr Zimmer zu gehen und sich auszuruhen. Sie befolgte meinen Rath. In dem Gemüthszustande, in welchem ich mich befand, gewährte mir es unaussprechliche Erleichterung, allein zu sein.

Nachdem ich eine Weile im Zimmer auf- und abgegangen war und vergebens versucht hatte, einen Ausweg aus den Schwierigkeiten zu finden, die uns jetzt bedrängten, entschloß ich mich, nicht länger auf die Nachrichten, die nicht kommen wollten, zu warten. Die Brüder waren noch immer in Browndown und ich beschloß daher, dorthin zurückzukehren.

Ich öffnete leise die Thür von Lucilla’s Zimmer und blickte hinein; sie schlief. Nachdem ich Zillah ans Herz gelegt hatte, gut für ihre junge Herrin zu sorgen, schlüpfte ich zum Hause hinaus.

Als ich über den Rasen ging, hörte ich die Gartenthür sich öffnen. Einen Augenblick später stand der Mann, den zu sehen mich so sehnlich verlangt hatte, stand Nugent Dubourg vor mir. Er hatte sich von Oscar den Schlüssel geliehen und war allein nach dem Pfarrhause gekommen, um mir zu sagen, was zwischen ihm und seinem Bruder vorgefallen sei.

»Das ist das erste Angenehme, das mir heute begegnet«, sagte er. »Ich hatte mir gerade überlegt, wie ich es wohl möglich machen könnte, Sie allein zu sprechen. Und da kommen Sie mir allein entgegen. Wo ist Lucilla? Können wir darauf rechnen, hier im Garten ungestört zu bleiben?«

Ich beruhigte ihn in Betreff dieser beiden Punkte. Er sah entsetzlich bleich und verstört aus. Noch ehe er die Lippen öffnete, sah ich, daß auch er, seit ich ihn verlassen, einen schweren Kampf gekämpft habe.

Am Ende des Gartens befand sich ein Pavillon mit der Aussicht über die einsam daliegenden Hügel Hier setzten wir uns nieder und hier eröffnete ich in meiner ungestümen Weise die Unterhaltung mit der furchtbaren Frage: »Wer soll sie über ihren Irrthum aufklären?«

»Niemand.«

Diese Antwort machte mich sofort stutzig. Voll Verwunderung und schweigend sah ich Nugent an.

»Da ist nichts zu verwundern, lassen Sie mich Ihnen in zwei Worten meine Auffassung der Sache darlegen. Ich habe ein ernstes Gespräch mit Oscar gehabt.«

Die Unfähigkeit der Frauen, ohne zu unterbrechen zuzuhören, ist sprichwörtlich und ich bin nicht besser als meine Mitschwestern. Ich unterbrach ihn, ehe er fortfahren konnte, mit der Frage:

»Hat Oscar Ihnen gesagt, wie Lucilla zu dem Mißverständniß gekommen ist.«

»Das weiß er so wenig, wie Sie es wissen können. Er bekennt, daß er, als er ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand, seine Geistesgegenwart völlig verlor; er wußte in jenem Augenblick selbst nicht, was er sagte. Er verlor den Kopf und sie die Geduld in dem Conflict .Stellen Sie sich seine nervöse Verwirrung und ihre nervöse Reizbarkeit vor und Sie werden sehen, das nichts anderes daraus entstehen konnte, als Mißverständniß und Täuschung. Seit Sie uns verlassen, habe ich mir die Sache reiflich überlegt und es als das einzig Richtige erkannt, mich in die mir bereitete Lage zu finden. Einmal zu diesem Entschlusse gelangt, habe ich der Sache, wie ich es in der Regel bei Schwierigkeiten thue, dadurch ein Ende gemacht, daß ich den gordischen Knoten zerschnitt. Ich sagte zu Oscar: »Würde es Dich erleichtern, wenn man sie bei ihrer jetzigen Meinung verharren ließe, bis Du verheirathet bist?« Sie kennen ihn und ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, was er mir antwortete »Gut«, sagte ich, »trockene Deine Thränen und beruhigte Dich. Ich habe mich einmal zum »Blaugesicht« machen lassen und ich will bis auf Weiteres »Blaugesicht« bleiben. Ich will Sie mit der Schilderung von Oscar’s Dankbarkeit verschonen. Er nahm meinen Vorschlag an. Das ist mein Ausweg aus der Schwierigkeit.«

»Es ist unwürdig und verktehrt« antwortete ich.

»Ich protestire dagegen, daß Lucilla’s Blindheit auf diese grausame Weise gemißbraucht werde. Ich erkläre, daß ich nichts damit zu thun haben will.«

Er zog seine Cigarrentasche hervor und nahm sich eine Cigarre.

»Thun Sir, was sie wollen«, sagte erz, »Sie haben gesehen, in welchem jammervollen Zustande sie sich befand, als sie sich bei der Unterredung mit mir Gewalt anthat. Sie haben gesehen, wie sie dabei schließlich von Widerwillen und Entsetzen Überwältigt wurde. Nun übertragen Sie diesen Widerwillen und dieses Entsetzen auf Oscar, fügen in seinem Fall noch ihre Entrüstung und Verachtung hinzu und setzen Sie ihn, wenn Sie den Muth dazu haben, den Folgen der Erregung solcher Gefühle bei Lucilla aus, bevor er sich den Einfluß eines Gatten auf ihr Gemüth und den Platz eines Gatten in ihrem Herzen gesichert hat. Ich liebe den armen Jungen und ich habe nicht den Muth dazu. Darf ich mir eine Cigarre anzünden?«

Ich nickte zustimmend. Bevor ich aber etwas weiteres sagte, fühlte ich das Bedürfniß, diesen unergründlichen Menschen womöglich zu verstehen. Es machte mir keine Schwierigkeit mir seine Bereitwilligkeit, sich für Oscar’s Ruhe zu opfern, zu erklären. Er that nie etwas halb, er liebte es, Schwierigkeiten zu trotzen, vor welchen andere Männer zurückgeschreckt sein würden. Derselbe Eifer, seinem Bruder zu dienen, mit dem er Oscar in seinem Proceß das Leben gerettet hatte, mochte ihn auch jetzt beseelen. Was mir unerklärlich schien, war nicht das von ihm eingeschlagene Verfahren, sondern die Sprache, in welcher er sich vor mir zu rechtfertigen suchte und noch mehr sein Benehmen, seine Art mit mir zu reden. Der wohlerzogene begabte junge Mann, als welchen ich ihn früher kennen gelernt, hatte sich jetzt in den trotzigsten und unliebenswürdigsten Menschen verwandelt. Er erwartete, was ich ihm aus seine Aeußerungen zu erwidern haben werde, mit einer herausfordernden und verzweifelten Miene, welche durch die Umstände durchaus nicht motivirt erschien und in keinem Einklange mit seinem Charakter, so weit ich denselben zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte, stand. Daß dahinter etwas stecke, daß eine geheime Triebfeder in ihm arbeite, die er vor seinem Bruder und vor mir verbarg, lag mir so klar vor Augen, wie der Sonnenschein und der Schatten in der Aussicht, die ich vom Pavillon aus hatte. Aber worin dieses Etwas bestand oder was diese geheime Triebfeder war, das zu errathen war mir, trotz des Aufgebots meines ganzen Scharfsinns, nicht möglich. Nicht der entfernteste Gedanke an die schreckliche Wahrheit, die er vor mir verbarg, kam mir in den Sinn. Ich saß ihm gegenüber, die unbewußte Zeugin des Conflicts, in welchem dieser unglückliche Mensch mit dem Wunsche, seinem Bruder treu zu bleiben und mit der verzehrenden Leidenschaft, die sich seiner bemächtigt hatte, rang. So lange Lucilla ihn fälschlich durch die Medicin entstellt glaubte, mußte Jeder es als eine selbstverständliche Rücksicht auf ihre Ruhe betrachten, daß er sich von ihr fern hielt. In dieser Trennung war für ihn die letzte Möglichkeit gegeben, eine unübersteigliche Grenze zwischen sich und Lucilla zu erheben. Er hatte bereits vergebens versucht, sich selbst ein anderes Hinderniß in den Weg zu stellen; er hatte umsonst versucht, die Heirath, welche Lucilla als das Weib seines Bruders für ihn geheiligt haben würde, zu beschleunigen. Nachdem ihm dieser Versuch mißlungen war, blieb ihm nur noch ein einziges ehrenvolles Mittel, ihr bis zu ihrer Verheirathung mit Oscar fern zu bleiben. Er hatte die Lage, in welche Oscar ihn versetzt hatte, als das einzige Mittel, seinen Zweck zu erreichen, ohne Verdacht zu erregen, acceptirt und als Lohn für dieses Opfer war ich ihm in meiner Unwissenheit mit verstockter Opposition entgegengetreten! Das waren die Motive, die reinen, edlen Motive, die ihn, wie ich jetzt weiß, damals beseelten. Die Aufklärung der trotzigen Sprache, die mich irre machte, das herausfordernde Wesen, das mich unangenehm berührte, sollten die der Zukunft vorbehaltenen Ereignisse bringen.

»Nun?« fragte er. »Sind wir Verbündete oder nicht? Sind Sie für mich oder gegen mich?«

Ich gab den Versuch auf, ihn zu versichert und beantwortete seine deutliche Frage ebenso deutlich:

»Ich leugne nicht, daß ihre Kenntniß der wahren Sachlage ernste Folgen nach sich ziehen kann. Aber trotz alledem will ich an der Grausamkeit ihrer Täuschung keinen Theil haben.«

Nugent erhob warnend seinen Zeigefinger:

»Halten Sie inne und denken Sie nach, Madame Pratolungo. Das Unglück, das Sie anrichten können, ist, wie die Dinge stehen, unermeßlich. Es wäre unnütz, Sie zu bitten, Ihren Sinn zu ändern. Ich will Sie nur bitten, ein wenig zu warten. Wir haben noch reichlich Zeit bis zum Hochzeitstage. Es kann sich etwas ereignen, das Ihnen die Nothwendigkeit, Lucilla selbst aufzuklären, ersparen würde.«

»Was kann sich ereignen?« fragte ich.

»Lucilla kann ihn vielleicht noch sehen, wie wir«, antwortete Nugent. »Lucilla kann vielleicht mit ihren eigenen Augen die Wahrheit entdecken?«

»Wie? Haben Sie Ihre tolle Idee, ihre Blindheit zu heilen noch immer nicht aufgegeben?«

»Ich werde diese Idee nicht eher ausgeben, als bis der deutsche Arzt sie für toll erklärt.«

»Haben Sie Oscar etwas davon gesagt?

»Kein Wort. Ich werde Niemandem außer Ihnen ein Wort davon sagen, bis der deutsche Arzt den englischen Boden betreten hat.«

»Erwarten Sie ihn noch vor der Hochzeit?«

»Gewiß; er würde zugleich mit mir von Newport abgereist sein, wenn er nicht eines Patienten wegen hätte dort bleiben müssen. Er wird sich aber durch keine neuen Patienten länger in Amerika halten lassen. Er hat sich durch seine außerordentlichen Erfolge ein Vermögen erworben, sein sehnlichstes Verlangen ist es, England zu sehen, und seine Mittel erlauben es ihm, diesen Wunsch zu befriedigen. Er kann schon mit dem nächsten Dampfboot in Liverpool eintreffen«

»Und dann wollen Sie ihn nach Dimchurch bringen?«

»Ja, wenn Lucilla nichts dagegen hat.«

»Und wenn nun Oscar etwas dagegen hat? Sie hat sich mit Resignation in den Gedanken, bis an ihr Ende blind zu sein, gefunden. Wenn Sie sie aus dieser Resignation nutzlos aufstören, so können Sie sie für ihre Lebenszeit unglücklich machen. An Ihres Bruders Stelle würde ich mich weigern, eine solche Gefahr zu laufen.«

»Mein Bruder hat ein zwiefaches Interesse, diese Gefahr zu laufen. Ich wiederhole, was ich Ihnen bereits gesagt habe. Das physische Resultat wird, wenn ihre Sehkraft wieder hergestellt werden kann, nicht das einzige sein. Sie wird dadurch nicht nur einen neuen Sinn, sondern auch einen neuen Geist erhalten. Oscar hat, so lange sie blind ist, von ihrer krankhaften Einbildung alles zu fürchten. Lassen Sie nur erst ihre Augen ihre Phantasie berichtigen, lassen Sie sie ihn nur erst sehen, wie wir ihn sehen und sich an seinen Anblick gewöhnen, wie wir uns an denselben gewöhnt haben, und Oscar’s Zukunft ist gesichert. Wollen Sie also auf die Chance hin, daß der deutsche Arzt hier vor dem Hochzeitstage eintreffen kann, die Dinge für den Augenblick lassen wie sie sind?«

Dazu erklärte ich mich bereit, unbewußt beeinflußt von dem merkwürdigen Zusammentreffen dessen, was Nugent eben über Lucilla gesagt hatte, mit dem, was Lucilla selbst einige Stunden früher zu mir gesagt hatte. Unleugbar fanden Nugent’s Aufstellungen, gewagt wie sie schienen, eine gewisse Bestätigung in Lucilla’s Auffassung ihres eigenen Falles.

Nachdem wir uns so über die zwischen uns obwaltende Differenz geeinigt hatten, brachte ich das Gespräch demnächst auf die schwierige Frage, wie sich Nugent’s Beziehungen zu Lucilla gestalten sollten.

»Wie wollen Sie ihr, nach dem Eindruck, den Sie heute auf sie hervorgebracht, wieder entgegentreten?« fragte ich.

Ueber diese Seite der Frage drückte er sich viel weniger schroff aus. Seine Sprache und sein Wesen waren wieder viel angenehmer.

»Wenn es mir nachgegangen wäre«, sagte er, »so wäre Lucilla in diesem Augenblick von jeder Furcht, mir wieder zu begegnen, befreit. Sie würde durch Sie oder Oskar erfahren, daß Geschäfte mich genöthigt haben, Dimchurch zu verlassen.«

»Will Oscar Sie nicht fortlassen?«

»Er wollte nichts von meinem Fortgehen hören. Ich that mein Bestes, ihn zu überreden, ich versprach ihm, zur Hochzeit wieder herzukommen. Alles vergebens. »Wenn Du mich hier über das Unglück, das ich angerichtet habe und die Opfer, die ich Dir abgezwungen habe, brüten lässest«, sagte er, »so wirst Du mir das Herz brechen. Du weißt nicht, wie ermuthigend Deine Gegenwart auf mich wirkt; Du weißt nicht, welche Lücke Du in mein Leben reißest, wenn Du fortgehst!« Ich bin gerade so schwach wie Oscar, wenn er so mit mir redet. Gegen meine bessere Ueberzeugung und gegen meinen Wunsch gab ich nach. Es wäre besser, viel, viel besser gewesen, ich wäre fortgegangen!«

Er sprach diese letzten Worte in einem Ton der Verzweiflung, der mich erschreckte. Wie wenig verstand ich ihn damals und wie gut verstehe ich ihn jetzt! Aus diesen melancholischen Worten sprach der letzte Rest seiner Ehre, seiner Treue. Unglückliche unschuldige Lucilla! Unglücklicher, schuldiger Nugent!

»Und nun bleiben Sie in Dimchurch?« nahm ich wieder auf, »was werden Sie beginnen?«

»Ich muß Alles aufbieten, ihr die nervösen Qualen zu ersparen, welche ich ihr heute so sehr gegen meinen Willen bereitet habe. Ueber den krankhaften Widerwillen, den sie in meiner Gegenwart empfindet, vermag sie nichts, — das sehe ich deutlich. Ich werde mich von ihr fern zu halten suchen, werde mich langsam von ihr zurückziehen, so daß ihr meine Abwesenheit nicht auffällt. Ich werde meine Besuche im Pfarrhause immer seltener werden lassen und immer länger in Browndown bleiben. Wenn sie erst verheirathet sind ——«, plötzlich hielt er inne; die Worte schienen ihm in der Kehle stecken zu bleiben; er machte sich mit dem Wiederanzünden seiner Cigarre zu schaffen und brauchte sehr viel Zeit dazu.

»Wenn sie erst verheirathet sind?« wiederholte ich, »nun, was dann?«

»Wenn Oscar erst verheirathet ist, wird er meine Gegenwart nicht mehr unerläßlich zu seinem Glücke finden und dann werde ich Dimchurch verlassen.«

»Dann werden Sie aber doch einen Grund angeben müssen.«

»Ich werde den wahren Grund angeben; ich kann hier, wie ich Ihnen bereits gesagt habe, kein Atelter finden, das groß genug wäre. Und selbst wenn ich ein Atelier finden könnte, so würde ich doch in Dimchnrch nichts Ordentliches schaffen können. Mein Geist würde an diesem entlegenen Orte einrosten. Mag Oscar hier als verheiratheter Mann ein ruhiges Leben führen. Ich muß eine für mich passendere Atmosphäre, die Atmosphäre von London oder Paris aufsuchen.«

Er seufzte und heftete seine Blicke wie abwesend auf die vor uns liegende Hügellandschaft.

»Es macht mir einen sonderbaren Eindruck, Sie niedergeschlagen zu sehen«, sagte ich. »Ihre gute Laune schien ganz unerschöpflich an jenem ersten Abend, als Sie Herrn Finch beim Vorlesen des Hamlet unterbrachen.«

Er warf das Ende seiner Cigarre fort und lachte bitter.

»Wir Künstler bewegen uns immer in Extremen«, sagte er. »Was glauben Sie wohl, was ich gerade eben als Sie mich anredeten wünschte?«

»Wie kann ich das rathen?«

»Ich wünschte, ich wäre nie nach Dimchurch gekommen.«

Noch ehe ich ein Wort antworten konnte, drang die Stimme Lucilla’s, die vom Garten aus nach mir rief, an unser Ohr. Nugent erhob sich rasch.

»Haben wir uns Alles gesagt, was wir zu sagen hatten?« fragte er.

»Ja — für heute gewiß.«

»Für heute, leben Sie also wohl!«

Er sprang aus, faßte den hölzernen Querbalken über dem Eingang des Pavillons, schwang sich von hier auf die darunter liegende Gartenmauer und verschwand in den jenseits derselben liegenden Feldern.

Ich beantwortete Lucilla’s Ruf und beeilte mich ihr entgegen zu gehen. Ich traf sie aus dem Rasen; sie sah verstört und bleich aus, als ob sie etwas erschreckt hätte.

»Ist im Pfarrhause Jemandem etwas zugestoßen?« fragte ich.

»Niemandem außer mir. Wenn ich einmal wieder über Ermüdung klage, rathen Sie mir nicht, mich aus mein Bett zu legen.«

»Warum nicht? Ich habe nach Ihnen gesehen, bevor ich hierher ging. Sie waren fest eingeschlafen, ein Bild sanfter Ruhe.«

»Ruhe? Da sind Sie völlig im Irrthum. Ich träumte einen fürchterlichen Traum.«

»Sie waren vollkommen ruhig, als ich nach Ihnen sah.«

»Dann muß es gewesen sein, nachdem Sie nach mir gesehen haben. Lassen Sie mich heute Nacht bei Ihnen schlafen. Ich möchte um keinen Preis allein sein, wenn ich diesen Traum wieder träumen sollte.«

»Und was war dieser Traum?«

»Mir träumte, daß ich in meinem Hochzeitskleide vor dem Altar einer sonderbaren Kirche stehe und daß ein Geistlicher, dessen Stimme ich nie gehört hatte, mich traue.«

Plötzlich hielt sie inne und fuhr mit der Hand ungeduldig durch die Luft.

»Trotz meiner Blindheit«, sagte sie, »sehe ich ihn jetzt wieder.«

»Den Bräutigam?«

»Ja.«

»Oscar?«

»Nein.«

»Weil denn?«

»Oscar’s Bruder, Nugent Dubourg!«

Ich weiß nicht, welche thörichte Anwandlung mich überkam, aber ich lachte laut auf.

»Was ist da zu lachen?« fragte sie zornig. »Ich sah sein scheußliches, entstelltes Gesicht, in meinen Träumen bin ich nie blind. Ich fühlte, wie er mir mit seiner blauen Hand den Ring auf den Finger steckte. Warten Sie! das Schlimmste kommt noch. Ich heirathete mit vollem Bewußtsein Nugent Dubourg, heirathete ihn, ohne nur einen Augenblick an meine Verheirathung mit Oscar zu denken. Ja, ja, ich weiß, es ist nur ein Traum. Aber doch ist mir der Gedanke daran unerträglich. Es ist mir schrecklich, selbst im Traume falsch gegen Oscar zu sein. Lassen Sie uns zu ihm gehen. Ich möchte von ihm hören, daß er mich noch liebt. Kommen Sie mit mir nach Browndown. Ich bin so nervös, ich mag nicht allein gehen. Kommen Sie mit mir!«

Ich versuchte es, mich von ihrer Begleitung nach Browndown los zu machen.

Wenn ich Nugent’s Entschluß mißbilligte, so betrachtete ich doch Oscar’s selbstsüchtige Schwäche, welche ihn das Opfer seines Bruders ruhig hatte annehmen lassen, mit noch viel ungünstigerem Auge.

Lucilla’s Verlobter war in meiner Achtung tief gesunken. Ich fühlte, daß wenn ich ihn in diesem Augenblick sehen müßte, ich leicht in die Gefahr kommen könnte, ihm zu sagen, was ich von ihm denke.«

»Glauben Sie, liebes Kind«, sagte ich zu Lucilla, »daß Sie mich zu dem, was Sie in Browndown wollen, nöthig haben?«

»Halte ich Ihnen das nicht schon gesagt«, erwiderte sie ungeduldig. »Ich bin so nervös, ich fühle mich so entsetzlich angegriffen, daß ich es nicht unternehmen darf, allein auszugehen. Fühlern Sie kein Mitleid mit mir? Denken Sie sich, Sie hätten geträumt, daß Sie Nugent anstatt Oscar heiratheten?«

»Und wenn nun? Dann würde ich nur geträumt haben, daß ich den liebenswürdigeren der beiden Männer geheirathet hätte.«

»Den liebenswürdigeren der beiden Männer? Das sieht Ihnen wieder recht ähnlich, immer ungerecht gegen Oscar.«

»Liebes Kind, wenn Sie sehen könnten, würden Sie selbst Nugents gute Eigenschaften würdigen.«

»Ich ziehe es vor, Oscars gute Eigenschaften zu würdigen.«

»Sie lassen sich von Vorurtheilen leiten, Lucilla.«

»Sie auch.«

»Sie haben Oscar zufällig zuerst kennen gelernt.«

»Das hat nichts damit zu thun.«

»Ja, ja. Wenn Nugent damals statt Oscar auf uns zugekommen wäre, wenn von den beiden bezaubernden Stimmen, die einander so ganz gleich sind, die eine statt der anderen sich hätte vernehmen lassen . . .«

»Ich mag nichts mehr davon hören.«

»Hoho! es war zufällig Oscar. Denken Sie sich die Sache umgekehrt und Nugent wäre der Rechte gewesen.«

»Madame Pratolungo. Ich bin nicht gewöhnt, mich insultiren zu lassen. Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen.«

Mit dieser würdevollen Antwort und mit dem anmuthigsten Erröthen, das je ein Mädchen geziert hat, kehrte mir Lucilla den Rücken und machte sich allein auf den Weg nach Browndown.

O, über meine rasche Zunge. O, über mein leicht erregbares südliches Temperament. Warum ließ ich mich von ihr zu einer gereizten Antwort verleiten. Warum ging ich, die Aeltere, ihr nicht mit dem guten Beispiele der Selbstbeherrschung voran? Wer kann das sagen? Wann hat je ein Weib gewußt, warum sie etwas that? Hat etwa Eva, als ihr die Schlange den Apfel anbot, gewußt, warum sie ihn aß? Keineswegs!«

Was sollte ich jetzt thun? Ich hatte mich beim Reden erhitzt, ich mußte mich also abkühlen und wollte dann Lucilla nachgehem um sie zu umarmen und mich wieder mit ihr zu versöhnen.

Aber entweder brauchte ich zu viel Zeit zum Abkühlen oder Lucilla ging in ihrer augenblicklichen Aufregung rascher als gewöhnlich. Kurz, sie hatte Browndown erreicht, ehe ich sie einholen konnte. Als ich die Hausthür öffnete, hörte ich sie und Oscar mit einander reden. Ich durfte sie nicht stören, besonders jetzt nicht, wo ich in Ungnade war. Während ich noch schwankte und überlegte, was ich jetzt thun solle, fiel mein Blick auf einen auf dem Tische in der Vorhalle liegenden Brief. Man ist nie neugieriger, als in solchen mäßigen Augenblicken, wo man nichts mit sich anzufangen weiß, ich sah mir die Adresse näher an. Der Brief war laut der Adresse an Nugent gerichtet und trug den Poststempel: Liverpool.

Ich schloß, wie ich unter den obwaltenden Umständen nicht anders konnte, richtig, daß der deutsche Augenarzt in England angekommen sei!



Kapiteltrenner

Neuntes Kapitel - Er überschreitet den Rubikon

Ich schwankte noch, ob ich in das Zimmer gehen oder draußen warten solle, bis sie wieder herauskommen werde, um nach dem Pfarrhause zurückzukehren, als Lucilla’s scharfes Gehör mein Bedenken beseitigte. Die Thür des Zimmers öffnete sich und Oscar trat auf den Vorplatz hinaus.

»Lucilla behauptet bestimmt, draußen Jemand zu hören«, sagte er. »Wer hätte denken können, daß Sie das seien? Warum stehen Sie hier auf dem Vorplatz? Treten Sie doch näher!«

Er öffnete die Thür, ich trat ein und er sagte zu Lucilla, daß ich es gewesen sei, die sie draußen gehört habe. Sie nahm keine Notiz von mir. In ihrem Schoße lagen Blumen aus Oscar’s Garten. Mit ihren geschickten Fingern sortirte sie dieselben, um ein Bouquet daraus zu machen, so rasch und so geschmackvoll, wie wenn sie sehen könne. Ihr reizendes Gesicht aber hatte, so lange ich sie kannte, keinen so harten Ausdruck gehabt wie jetzt. Niemand würde sie in diesem Augenblicke der sixtinischen Madonna ähnlich gefunden haben. Sie fühlte sich von mir beleidigt, tödtlich beleidigt, das sah ich mit einem Blick.

»Ich hoffe, Sie werden mein Eindringen hier vergeben, Lucilla, wenn Sie meinen Grund erfahren«, sagte ich. »Ich bin Ihnen hierher gefolgt, um mich bei Ihnen zu entschuldigen.

»O, es bedarf keiner Entschuldigung«, warf sie hin, ohne von ihren Blumen aufzublicken. »Es ist schade, daß Sie sich hierher bemüht haben. Ich bin ganz mit dem einverstanden, was Sie mir in unserm Garten sagten. In Betracht des Zweckes, den ich in Browndown hatte, durfte ich unmöglich erwarten, daß Sie mich begleiten würden. Das ist wahr, sehr wahr!«

Ich behielt meinen Gleichmuth. Nicht als ob ich, von Natur geduldig wäre, als ob ich ein sanftes Temperament besäße, weit entfernt, wie ich zu meinem Bedauern gestehen muß. Aber doch behielt ich noch meinen Gleichmuth.

»Ich wollte mich wegen dessen, was ich im Garten zu Ihnen gesagt habe, entschuldigen«, nahm ich wieder auf. »Ich habe in den Tag hineingesprochen, Lucilla. Aber Sie unmöglich glauben, daß ich Sie absichtlich habe beleidigen wollen.«

Aber ich hätte ebenso gut einen Stuhl anreden können. Ihre ganze Aufmerksamkeit war durch das gespannte Interesse, mit welchem sie an ihrem Bouquet arbeitete, absorbirt.

»War ich denn beleidigt?« fragte sie, fortwährend auf ihre Blumen blickend. »Wenn ich es war, so war es außerordentlich thöricht von mir.« Plötzlich schien sie sich meiner Gegenwart bewußt zu werden. »Sie hatten ja das vollkommenste Recht, Ihre Meinung zu äußern«, sagte Sie im Tone vornehmer Herablassung. »Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, wenn es den Anschein gehabt, als wolle ich Ihnen dieses Recht bestreiten.«

Dabei warf sie ihr niedliches Köpfchen in den Nacken, erröthete tief und stampfte mit ihren zierlichen Füßchen ungestüm auf den Boden. O, Lucilla! Lucilla! Ich blieb noch immer. Dieses Mal, wie ich bekennen muß, mehr um Oscar’s als um LucillaIs willen. Der arme Mensch sah so unglücklich aus, so ängstlich beflissen, sich ins Mittel zu legen, ohne recht zu wissen warum.

»Liebe Lucilla«, fing er an, »Du könntest doch wohl Madame Pratolungo eine Antwort geben.«

Ungestüm unterbrach sie ihn, indem sie den Kopf noch heftiger in den Nacken warf als vorher.

»Ich unternehme es gar nicht, Madame Pratolungo zu antworten. Ich ziehe es vor, zuzugeben, daß Madame Pratolungo vielleicht ganz Recht gehabt hat. Es ist gewiß wahr, daß ich mich in den ersten besten Mann, der meines Weges kommt, verliebe. Ich glaube auch, daß wenn ich Deinem Bruder eher als Dir begegnet wäre, ich mich in ihn verliebt haben würde — sehr wahrscheinlich.«

»Sehr wahrscheinlich, wie Du richtig sagst«, erwiderte der arme Oscar ganz demüthig. »Ich betrachte es als ein großes Glück für mich, daß Du nicht Nugent früher als mir begegnet bist.«

Sie warf ihren Schoß voll Blumen auf den Tisch, vor welchem sie saß. Sie war ganz wüthend auf ihn, weil er meine Parthie nahm. Ich gestattete mir ein harmloses Lächeln, das ja das arme Kind nicht sehen konnte.

»Du bist also Madame Pratolungo’s Meinung sagte sie grimmig. »Madame Pratolungo findet Deinen Bruder viel liebenswürdiger als Dich.

Der demüthige Oscar nickte melancholisch mit dem Kopfe zum Zeichen der Anerkennung dieser selbstverständlichen Thatsache. »Darüber kann es ja gar keine zwei Meinungen geben«, sagte er resignirt.

Sie stampfte mit dem Fuße so heftig auf den Teppich, daß der Staub wie in einer kleinen Wolke aufwirbelte. Meine Lungen sind bisweilen delicat. Ich gestattete mir dieses Mal ebenso harmlos ein leichtes Husten. Das Husten entging ihr natürlich nicht und sie nahm sich plötzlich zusammen. Ich fürchte, sie nahm mein Husten für einen Commentar zu dem, was vorging.

»Komm’ her, Oscar«, sagte sie mit völlig verändertem Tone und Wesen. »Komme her und setze Dich zu mir.«

Oscar gehorchte.

»Schlinge Deinen Arm um mich.«

Oscar sah mich an. Da er sehen konnte, war er sich bewußt, wie albern die von ihm verlangte Zärtlichkeitsbezeugung in Gegenwart einer dritten Person sich ausnehmen müsse. Das arme Kind aber war in seiner Blindheit ganz unempfindlich gegen alle nur dem Auge zugänglichen Eindrücke des Lächerlichsten und machte sich nichts aus der Gegenwart einer dritten Person. Este wiederholte ihre Befehle in einem Ton, der deutlich sagte: »Umarme mich, ich lasse nicht mit mir spaßen!«

Oscar schlang schüchtern seinen Arm um sie, während er mir einen bittenden Blick zuwarf. Sofort erließ sie einen zweiten Befehl .

»Sage, daß Du mich liebst.« Oscar zauderte.

»Sprich doch, sage, daß Du mich liebst.«

Oscar flüsterte die verlangten Worte.

»Heraus damit, laut!«

Die Geduld hat ihre Grenzen; ich fing an die meinige zu verlieren. Sie hätte nicht rücksichtsloser ihre Gleichgültigkeit gegen die Gegenwart eines dritten Geschöpfes an den Tag legen können, wenn statt meiner eine Katze im Zimmer gewesen wäre.

»Erlauben Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen«, sagte ich, »daß ich das Zimmer nicht, wie Sie anzunehmen scheinen, verlassen habe.«

Sie nahm auch von dieser Aeußerung keine Notiz. Sie fuhr mit ihren Erlassen fort und schien dabei von einem unwiderstehlichen Drang zu immer gesteigerten Ansprüchen an Oscar’s Zärtlichkeit getrieben zu werden.«

»Küsse mich.«

Der unglückliche Oscar, der sich zwischen zwei Feuer gestellt fand, erröthete, wie ich trotz seiner Gesichtsfarbe deutlich zu erkennen vermochte.

Ich hielt es für nöthig, Lucilla noch einmal auf meine Gegenwart aufmerksam zu machen.

»Mich hält nur Eines hier im Zimmer zurück, Fräulein Finch, ich möchte nur wissen, ob Sie sich weigern, meine Entschuldigungen anzunehmen.«

»Oscar küsse mich.«

Er zauderte noch immer. Sie umschlang ihn mit ihrem Arm. Jetzt konnte ich über das, was ich mir selbst schuldig war, nicht länger zweifelhaft sein; ich mußte hinausgehen.

»Adieu, Herr Dubourg«, sagte ich und ging nach der Thür. Sie hörte mich durchs Zimmer gehen und rief mich zurück. Ich stand still. An der Wand mir gegenüber hing ein Spiegel, der mir sagte, daß ich beim Stillstehen eine sehr passende Stellung angenommen hatte. In meiner Haltung lag durch Würde erhöhte Grazie und durch Grazie erhöhte Würde.

»Madame Pratolungo.

»Fräulein Finch?«

»Hier sehen Sie den Mann, der nicht halb so liebenswürdig ist wie sein Bruder.«

Sie drückte ihn noch enger an sich und gab ihm mit Ostentation den Kuß, den ihr zu geben er sich geschämt hatte. Mit dem Ausdruck der Verachtung ging ich schweigend weiter der Thür zu. Jetzt drückte meine Haltung eine Mischung von Verachtung und Betrübniß aus.

»Madame Pratolungo!«

Ich gab keine Antwort.

»Sehen Sie doch, hier ist der Mann, den ich nie geliebt haben würde, wenn ich zufällig seinem Bruder zuerst begegnet wäre!«

Dabei umschlang sie ihn mit beiden Armen und überschüttete ihn mit Küssen. Die Thür, die schon bei meinem Eintritt nicht fest geschlossen gewesen war, stand auch jetzt nur angelehnt Ich stieß sie auf, ging auf den Vorplatz hinaus und fand mich Nugent Dubourg gegenüber, der, seinen Brief aus Liverpool in der Hand haltend, am Tische stand. Er mußte, wenn nicht mehr, doch mindestens die letzten Worte Lucilla’s, mit welchen sie meine eigenen, früher gesprochenen Worte verhöhnte, gehört haben. Ich blieb stehen und sah ihn überrascht und schweigend an. Er lächelte und hielt mir den geöffneten Brief hin. Bevor noch, einer von uns ein Wort hatte sagen können, hörten wir, wie Oscar die Thür im Hinausgehen geschlossen hatte und mir gefolgt war, um Lucilla’s Benehmen bei mir zu entschuldigen. Er erklärte seinem Bruder, was vorgefallen sei. Nugent lächelte und klopfte mit schlauem Blick auf seinen geöffneten Brief. »Laß mich nur machen. Ich werde Euch etwas Besseres zu thun geben, als Euch mit einander zu zanken. Was es ist, sollt Ihr gleich hören. Inzwischen möchte ich etwas an unsern Freund im Gasthof ausgerichtet haben. Gootheridge wird gleich herkommen, um mit mir über eine Veränderung seines Stalles zu reden. Bitte, sage ihm sogleich Bescheid, daß ich etwas anderes zu thun habe und ihn heute nicht sprechen könne. Halt! Gieb ihm doch auch dies und bitte ihn, es im Pfarrhause abzugeben.«

Er nahm eine Visitenkarte aus seinem Etui, schrieb mit einem Bleistift ein paar Zeilen auf dieselbe und gab sie seinem Bruder Oscar, der immer bereit, Besorgungen für seinen Bruder zu machen, unverzüglich dem Gasthaus entgegenging; Nugent aber wandte sich zu mir und sagte:

»Der Deutsche ist in England angekommen, jetzt darf ich reden.«

»Mit einem Mal?« rief ich aus.

»Ja! Ich habe, wie Sie gehört haben, meine eigenen Angelegenheiten dieser Sache wegen hintenangesetzt. Mein Freund trifft morgen in London ein. Ich denke mir noch heute Ermächtigung, ihn zu consultiren, auszuwirken und morgen nach London abzureisen. Machen Sie sich darauf gefaßt, eine der sonderbarsten Persönlichkeiten kennen zu lernen, die Ihnen je vorgekommen ist. Sie haben ja gesehen, daß ich etwas auf meine Visitenkarte geschrieben habe. Es war eine Botschaft an Herrn Finch, den ich gebeten habe, sich sofort wegen einer wichtigen Familienangelegenheit zu uns nach Browndown zu bemühen. Als Lucilla’s Vater hat er eine Stimme bei dieser Angelegenheit. Wenn Oscar zurückkommt und wenn der Pfarrer sich einstellt. wird unser häuslicher Familienrath beisammen sein.

Er sprach und bewegte sich wieder mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit und war wieder ganz derselbe geworden .

»Ich war in Gefahr, hier einzurosten,«, fuhr er fort, als er sah, daß mir die mit ihm vorgegangene Veränderung auffiel. »Jetzt macht mich die Aussicht, etwas zu thun zu haben, wieder lebendig. Ich bin nicht wie Oscar, ich muß eine Thätigkeit haben, die mein Blut aufregt, die mich vor dem Brüten über meine Sorgen bewahrt. Was meinen Sie, wie ich bei dem Proceß meines Bruders die Zeugen gefunden, welche seine Unschuld bewiesen? Ich will es Ihnen sagen. Ich sagte mir, ich werde wahnsinnig, wenn ich nicht etwas zu thun habe; ich machte mir etwas zu thun und rettete Oscar das Leben. Jetzt werde ich mir wieder etwas zu thun machen. Merken Sie wohl, was ich sage! Jetzt, wo ich mich der Sache annehme, wird Lucilla ihre Sehkraft wieder erlangen.«

»Es handelt sich da um eine ernste Angelegenheit«, sagte ich, »bitte, lassen Sie ihr eine reifliche Erwägung angedeihen.«

»Reifliche Erwägung?« wiederholte er, »das Wort hasse ich. Ich entscheide mich immer im Augenblick Wenn ich Lucilla’s Fall falsch beurtheile, so kann doch Erwägung da zu nichts helfen. Wenn ich aber in meiner Auffassung recht habe, so ist jeder Tag Aufschub ein Tag verlängerter Blindheit für unsere arme Freundin. Ich erwarte nur noch Oscar und Herrn Finch, um die Verhandlung über diese Angelegenheit zu eröffnen. Aber warum stehen wir hier auf dem Vorplatz? Treten Sie doch näher.

Er ging voran in«s Wohnzimmer.

Ich hatte jetzt nur noch mehr Grund zurückzubleiben. Lucilla’s Benehmen präoccupirte mich noch immer. Wie, wenn sie mich mit erneueter Kälte und noch ausgesprochenerer Geringschätzung behandeln? Ich blieb an dem Tische auf dem Vorplatz stehen. Nugent sah sich über seine Schulter hinweg nach mir um.

»Unsinn, ich will die Sache schon wieder in’s Gleiche bringen. Es ist unter der Würde einer Frau wie Sie, Notiz von dem zu nehmen, was ein Mädchen in ihrer üblen Laune sagt. Kommen Sie herein!«

Ich zweifle, ob ich irgend einem anderen Menschen zu Gefallen nachgegeben haben würde; aber einige Menschen üben unleugbar eine magnetische Herrschaft über andere aus. So war es mit Nugent und mir. Gegen meinen Willen, denn ich fühlte mich wirklich durch Lucilla’s Benehmen gegen mich verletzt und beleidigt, kehrte ich mit ihm wieder in das Zimmer zurück.

Lucilla saß noch an derselben Stelle, wo sie gesessen hatte, als ich hinausgegangen war. Als sie die Thür sich öffnen und die Fußtritte eines Mannes erschallen hörte, nahm sie natürlich an, der Mann sei Oscar. Sie hatte, als er das Zimmer verließ, um mir zu folgen, seine Absicht errathen und das hatte ihre Laune nicht verbessert.

»O«, sagte sie, »bist Du endlich wieder da? Ich dachte, Du hättest Dich Madame Pratolungo als Begleiter nach dem Pfarrhause angeboten.« Plötzlich runzelte sie die Stirn und hielt inne. Mit ihrem feinen Ohr hatte sie auch mein Wiedereintreten ins Zimmer gehört. »Oscar«, rief sie aus, »was hat das zu bedeuten? Madame Pratolungo und ich haben uns einander nichts mehr zu sagen. Warum ist sie wieder hergekommen? Warum antwortest Du mir nicht? Das ist ja abscheulich. Ich werde das Zimmer verlassen!«

Sie brachte diese Drohung so rasch zur Ausführung daß; noch ehe Nugent, der zwischen ihr und der Thür stand, ihr aus dem Wege gehen konnte, sie heftig gegen ihn anlief.

Sie ergriff sofort seinen Arm und schüttelte ihn zornig. »Was hat Dein Schweigen zu bedeuten? Insultirst Du mich auf Madame Pratolungo’s Antrieb?«

Ich hatte eben den Mund geöffnet, um mit einigen beruhigenden Worten noch einen Versuch zur Versöhnung zu machen — als sie mir den letzten Stich versetzte.

Mein französisches Blut vermochte nicht mehr zu ertragen. Wüthend kehrte ich ihr den Rücken.

In demselben Augenblick erglänzten Nugent’s Augen, als ob ihm auf einmal eine neue Idee aufgegangen wäre. Er warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu und antwortete ihr in der Person seines Bruders. Ob ihn in jenem Augenblick ein böser Dämon besaß, oder ob er die Absicht hatte, für Oscar, bevor er zurückkäme, Verzeihung zu erwirken — das vermag ich nicht zu sagen. Ich hatte dem Einhalt thun sollen, ich weiß es wohl. Aber ich war leidenschaftlich erregt; ich war boshaft wie eine Katze und grimmig wie ein Bär. Ich dachte bei mir, sie muß geduckt werden. Ganz recht, Herr Nugent, ducken Sie sie nur. Das war abscheulich, schmachvoll von mir! Keine Worte sind stark genug, mein Betragen zu richten, schone mich nicht, lieber Leser. O Himmel! Was ist ein wüthender Mensch? Nichts als eine Bestie. Das nächste Mal, wo es Dir, lieber Leser, begegnet, in Wuth zu gerathen, sieh Dich im Spiegel und Du wirst finden, daß der Ausdruck Deiner menschlichen Seele von Deinem Gesichte gewichen und nichts übrig geblieben ist, als ein Thier und zwar ein bösartiges nichtswürdiges Thier!

»Du fragst, was mein Schweigen zu bedeuten hat?« sagte Nugent.

Er brauchte nur seine Articulation ein wenig nach der langsameren Weise seines Bruders umzuwandeln, um ganz wie dieser zu reden. Er that das schon bei ihren ersten Worten so geschickt, daß ich, wenn ich ihn nicht vor mir stehen gesehen hätte, geschworen hätte, daß Oscar im Zimmer sei.

»Ja«, sagte sie, »das frage ich.

»Ich schweige«, antwortete er, »weil ich warte.«

»Und worauf wartest Du?«

»Darauf, daß Du Dich bei Madame Pratolungo entschuldigst.

Sie fuhr einen Schritt zurück. Zum ersten Mal in seinem Leben nahm der so demüthig ergebene Oscar einen gebietenden Ton gegen sie an. Und der ergebene Oscar fuhr, anstatt ihr Zeit zum Reden zu lassen, rücksichtslos fort.

»Madame Pratolungo hat sich bei Dir entschuldigt. Du solltest ihre Entschuldigung annehmen und dieselbe erwidern. Es ist betrübend, Dich zu sehen und zu hören. Du benimmst Dich undankbar gegen Deine beste Freundin.«

Sie richtete sich hoch auf und schien starr vor Staunen, sie sah aus, als ob sie ihren eigenen Ohren nicht traue.

»Oscar!« rief sie aus.

»Da bin ich«, sagte in demselben Augenblick der in die Thür tretende Oscar.

Wie ein Blitz flog sie nach der Stelle hin, von wo er gesprochen hatte. Durch einen geltenden Schrei der Entrüstung gab sie zu erkennen, daß sie den Betrug, den Nugent sich mit ihr erlaubt hattet entdeckt habe. Oscar eilte bestürzt auf sie zu. Heftig stieß sie ihn von sich.

»Ein schlechter Streich«, rief sie. »Ein gemeiner, niederträchtiger, feiger, meiner Blindheit gespielter Streich! Oscar! Dein Bruder hat Dich nachgeahmt; Dein Bruder hat mit Deiner Stimme zu mir gesprochen. Und diese Frau, die sich meine Freundin nennt, stand dabei und sagte mir nichts. Sie ermuthigte ihn dazu, sie freute sich darüber. Die Nichtswürdigen! Führe mich fort von ihnen. Sie sind jedes Betruges fähig. Sie hat Dich, lieber Oscar von Anfang an gehaßt, von dem Augenblick an, wo Dein Bruder herkam, hat sie es mit ihm gehalten, wir wollen uns auch nicht in Dimchurch, wir wollen uns an einem Orte trauen lassen, von dem sie nichts wissen. Sie haben sich mit einander gegen Dich und gegen mich verschworen. Hüte Dich, hüte Dich vor ihnen! Sie hat gesagt, ich würde mich in Deinen Bruder verliebt haben, wenn ich ihm zuerst begegnet wäre. Dahinter steckt, daß sie uns veruneinigen wollen, wenn sie können. Ha! Ich höre Jemand sich bewegen! Hat er sich an Deinen Platz gestellt? Rede ich jetzt mit Dir? O, meine Blindheit, meine Blindheit O Gott, von allen Deinen Geschöpfen sind die hilflosesten, die elendesten, die nicht sehen können!«

Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich etwas so Klägliches und Schreckliches gehört, wie die Aeußerungen wahnsinnigen Argwohns und Jammers, welche sich ihrem Innern in jenen Worten entrungen. Ihre Klagetöne zerschnitten mir das Herz. Ich war voreilig in meinen Worten gewesen, ich hatte mich schlecht benommen, aber das hatte ich nicht verdient. Ich warf mich in einen Sessel und brach in Thränen aus. Meine Thränen brannten wie Feuer; mein Schluchzen drohte mich zu ersticken. Hätte ich Gift bei der Hand gehabt, ich hätte es genommen, so außer mir und so namenlos unglücklich, so tief gekränkt in meiner Ehre und so bis in das innerste Herz verwundet fühlte ich mich.

Der Einzige, der ihr zu antworten wagte, war Nugent. Ohne im Mindesten an die Folgen zu denken, richtete er von dem anderen Ende des Zimmers aus mit seiner unverstellten Stimme die inhaltsschwere Frage an sie, welche noch nie ein menschliches Wesen gethan hatte.

»Wissen Sie so gewiß, Lucilla, daß Sie dazu verurtheilt sind, Ihr Lebelang blind zu sein?«

Tiefes Schweigen folgte diesen Worten.

Ich wischte mir die Thränen aus den Augen und blickte auf.

Oscar hatte sie in seinen Armen gehalten und sie schweigend zu beschwichtigen gesucht, während sein Bruder sprach.

In dem Augenblick, wo ich meine Blicke wieder auf sie richtete, hatte sie sich gerade von ihm losgemacht. Sie that einen Schritt vorwärts, nach der Stelle zu, wo Nugent stand und blieb dann wieder, das Gesicht ihm zugekehrt, stehen. Ihr ganzes Wesen schien durch den Gedanken, den er in ihr wachgerufen hatte, wie in der Schwebe gehalten. Noch nie seit ihrer frühesten Kindheit, während all’ der Jahre ihres jungfräulichen Lebens, hatte ihr bis zu diesem Augenblick weder wachend noch träumend die Aussicht einer Wiederherstellung ihrer Sehkraft als möglich vorgeschwebt. Keine Spur von dem Ausdruck der Entrüstung, welchen Nugent noch einen Augenblick vorher in ihr hervorgerufen hatte, war in ihrem Gesichte mehr zu lesen. Kein Anzeichen einer Wiederkehr des qualvollen nervösen Unbehagens, welches ihr das Bewußtsein seiner Gegenwart einige Stunden früher bereitet hatte, war jetzt an ihr wahrzunehmen. Die einzige Empfindung, die sich ihrer ganz bemächtigt hatte, war Erstaunen, stummes Erstaunen, das, athemlos aufhorchend, mehr zu hören verlangte.

Mein nächster Blick galt Oscar. Seine Augen waren auf Lucilla geheftet, ganz in ihre Betrachtung versunken. Ohne Nugent anzusehen, sagte er, getrieben wie es schien von einer vagen Furcht für Lucilla, welche sich langsam zu einer vagen Furcht für ihn selbst entwickelte:

»Bedenke wohl, was Du thust, Nugent! Sieh sie an, sieh sie an.«

Nugent näherte sich seinem Bruder auf einem Umwege, so daß Oscar zwischen ihm und Lucilla zu stehen kam.

»Habe ich Dich beleidigt?« fragte er.

Oscar sah ihn erstaunt an. »Mich beleidigt?« erwiderte er, »nach Allem, was Du mir vergeben und für mich gelitten hast?«

»Aber doch«, beharrte Nugent, »ist Dir etwas nicht recht.«

»Ich bin erschrocken, Nugent!«

»Erschrocken — wodurch?«

»Durch die Frage, die Du eben an Lucilla gerichtet hast.«

»Ihr werdet mich beide gleich verstehen.«

Während die Brüder diese Worte wechselten, beobachtete ich Lucilla mit gespannter Aufmerksamkeit. Sie hatte ihren Kopf langsam der Stelle zugekehrt, von der aus Nugent eben mit Oscar gesprochen hatte. Das war das einzige, was ihr nicht entgangen war. Von dem, was die beiden Männer miteinander gesprochen hatten, schien sie keine Ahnung zu haben. Allem Anscheine nach hatte sie seit dem Augenblicke, wo Nugent den ersten Zweifel, ob sie ihr Lebelang in Blindheit verharren müsse, in ihr geweckt hatte, nichts mehr gehört.

»Sprecht mit ihr«, sagte ich. »Um Gottes willen, laßt sie jetzt nicht länger in Ungewißheit!«.

Nugent redete sie an.

»Sie haben Ursache gehabt, böse auf mich zu sein, Lucilla. Lassen Sie mich Ihnen jetzt wo möglich Ursache geben, mir dankbar zu sein. Während meines Aufenthalts in Newport wurde ich mit einem deutschen Arzte bekannt, der sich durch seine Geschicklichkeit in der Behandlung von Augenkrankheiten einen großen Ruf erworben hatte. Seine glänzendsten Erfolge hat er durch die Heilung von solchen Erblindungen errungen, welche von anderen Aerzten für hoffnungslos erklärt worden waren. Ich sprach mit ihm von Ihrem Falle. » Er konnte selbstverständlich, ehe er Ihre Augen untersucht hatte, nichts Positives sagen. Alles was er thun konnte war, daß er mir für die Zeit seines Aufenthaltes in England seine Dienste zur Verfügung stellte. Ich meinesteils kann mich nicht entschließen, Sie als zu lebenslänglicher Blindheit verurtheilt zu betrachten, Lucilla, bis dieser ausgezeichnete Mann Ihren Fall für ebenso hoffnungslos erklärte, wie es die englischen Aerzte gethan haben. Wenn noch die entfernteste Möglichkeit vorhanden ist, Ihre Sehkraft wieder herzustellen, so ist seine Hand, davon bin ich fest überzeugt, die einzige, die dazu im Stande ist. Er ist augenblicklich in England. Sprechen Sie das Wort aus und ich bringe ihn zu Ihnen nach Dinrchurch.«

Langsam erhob sie die Hände und legte sie an ihren Kopf, wie wenn sie sich ihres Verstandes versichern wollte. Noch einmal wurde sie abwechselnd blaß und roth. Dann that sie einen langen schweren Athemzug, schien sich von ihrer Bestürzung zu erholen und ließ die Hände wieder sinken. Und nun ging eine Veränderung mit ihr vor, die wir Alle in athemloser Spannung mit ansahen. Es war ein schöner, ein furchtbarer Anblick. Eine stumme Ekstase der Hoffnung verklärte ihr Antlitz, ein himmlisch heiteres Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie stand unter uns und schien doch fern von uns zu sein. In dem ruhigen Licht der Abendsonne, welches durch das Fenster auf sie fiel, stand sie da, wie verzückt, als sähe sie sich im Geiste in ferne, schöne Sphären entrückt. Einen Augenblick erfüllte sie mich mit Bewunderung, im nächsten mit Furcht. Beide Männer hatten denselben Eindruck, Beide gaben mir ein Zeichen, sie zuerst anzureden.

Ich trat einige Schritte vor, während ich mir zu überlegen versuchte, was ich sagen solle. Umsonst; ich konnte weder denken noch sprechen. Ich konnte sie nur ansehen; ich konnte nichts thun, als in nervöser Erregung »Lucilla« rufen.

Sie fuhr leicht zusammen, erröthete abermals und war wieder auf der Erde, war wieder bei uns. Sie wandte sich der Stelle zu, von der aus ich sie angeredet hatte und flüsterte:

»Kommen Sie her.«

Im nächsten Augenblick hatte ich sie mit meinen Armen umschlungen, und ließ ihren Kopf an meinen Busen sinken. Ohne ein Wort gesprochen zu haben, hatten wir uns versöhnt. In einem Augenblick waren wir wieder Freundinnen, Schwestern.

»War ich ohnmächtig? habe ich geschlafen?« fragte sie mich mit schwacher Stimme. »Bin ich eben aufgewacht? Ist dies Browndown?« Plötzlich richtete sie sich auf: »Nugent! sind Sie da?«

»Ja.«

Sanft entwand sie sich meiner Umarmung und näherte sich Nugent.

»Haben Sie eben mit mir gesprochen? Waren Sie es, der den Zweifel in mir wachrief, ob ich wirklich zu lebenslänglicher Blindheit verurtheilt sei? Ich habe mir das doch nicht eingebildet? Sie haben doch wirklich gesagt, der Mann werde herkommen und die Zeit werde kommen?« Plötzlich wurde ihre Stimme lauter: »Der Mann, der mich vielleicht heilen wird! Die Zeit, wo ich vielleicht wieder sehen werde!«

»Das habe ich gesagt, Lucilla! und das habe ich gemeint!«

»Oscar! Oscar!« Ich trat auf sie zu, um sie zu ihm zu führen. Nugent berührte mich leicht und deutete auf Oscar, als ich ihre Hand ergriff. Er stand mit einem Ausdruck der Verzweiflung, den ich noch deutlich vor mir sehe, während ich diese Zeilen schreibe, dicht vor dem Spiegel und betrachtete schweigend das widerwärtige Abbild seines Gesicht’s. Von Mitleid überwältigt, zauderte ich, sie zu ihm zu führen. Aber sie trat vor, streckte die Hand aus und berührte seine Schulter. Das Bild ihres reizendes Gesichts erschien über dem seinigen im Spiegel. Fröhlich neigte sie sich, beide Hände auf seine Schultern legend, über ihn hin und, sagte: »Die Zeit wird kommen, mein Liebsten wo ich Dich sehen werdet!«

Mit einem Freudenschrei zog sie sein Gesicht an sich heran und küßte ihn auf die Stirn. Kaum aber hatte sie seinen Kopf wieder losgelassen, als er denselben auf die Brust sinken ließ, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, und für den Augenblick jeden äußeren Ausdruck seines Kummers gewaltsam niederdrückte. Ich zog sie rasch von ihm weg, bevor ihr feines Gefühl Zeit haben möchte, sie merken zu lassen, daß hier etwas nicht in Ordnung sei. Aber schon jetzt widersetzte sie sich mir, schon jetzt fragte sie argwöhnisch: »Warum ziehen Sie mich von ihm fort?«

Was sollte ich zu meiner Entschuldigung sagen? Ich wußte mir nicht zu helfen. Sie wiederholte die Frage; aber dieses eine Mal war uns das Glück günstig. Ein rechtzeitiges Klopfen an die Thür that ihr gerade in dem Augenblick, wo sie sich von mir loszumachen versuchte, Einhalt.

»Es klopft Jemand«, sagte ich. In demselben Augenblick trat der Diener mit einem Brief aus dem Pfarrhaufe ein.



Kapiteltrenner

Zehntes Kapitel - Resumé der Parlaments-Verhandlungen.

O, der willkommenen Unterbrechung Nach der Aufregung, die wir durchgemacht hatten, waren wir Alle einer Erholung, wie sie sich uns hier darbot, gleich bedürftig. Es war unter diesen Umständen ein wahrer Hochgenuß, in den gewöhnlichen Schlendrian des täglichen Lebens wieder hineingezwängt zu werden. Ich fragte, an wen der Brief gerichtet sei? Nugent antwortete: »Der Brief ist an mich und von Herrn Finch.« Nachdem er den Brief gelesen hatte, wandte er sich zu Lucilla.

»Ich habe Ihren Vater bitten lassen, sich hierher zu uns zu bemühen«, sagte er. »Herr Finch erwidert mir darauf, daß seine Pflichten ihn im Hause zurückhalten und daß er dafür halte, das Pfarrhaus sei ein geeigneterer Ort für die Discussion von Familienangelegenheiten. Haben Sie etwas dagegen, nach Hause zurückzukehren und wäre es Ihnen recht, mit Madame Pratolungo voranzugehen?«

Lucilla’s leicht erregbarer Argwohn wurde augenblicklich wach.

»Warum nicht mit Oscar?« fragte sie.

»Ihr Vater«, erwiderte Nugent, »giebt mir in seinem Schreiben zu verstehen, daß er über die kurze Notiz, die ich ihm von unserer hier zu pflegenden Berathung gegeben habe, ein wenig verletzt ist. Ich dachte, Sie könnten, bevor Oscar und ich erscheinen, Ihren Vater mit uns aussöhnen, indem Sie ihm versichern, daß wir keine Mißachtung seiner beabsichtigt haben. Glauben Sie nicht selbst, daß Sie uns die Sache leichter machen würden, wenn Sie das thäten?«

Nachdem er es auf diese geschickte Weise möglich gemacht hatte, Oscar und Lucilla zu trennen und Zeit zu gewinnen, seinen Bruder zu beruhigen und wieder aufzurichten, bevor er sie wiedersehe, öffnete Nugent die Thür, um mich und Lucilla hinauszulassen.

Wir ließen die Zwillingsbrüder allein in dem bescheidenen kleinen Zimmer, welches Zeuge einer Scene gewesen war, die uns Allen unvergeßlich blieb, nicht nur wegen des Interesses, das sie im Augenblick für uns hatte, sondern auch wegen der Folgen, die sich in Zukunft daran knüpfen sollten.

Eine halbe Stunde später waren wir Alle im Pfarrhause versammelt.

Unsere bis zu diesem Augenblick vertagte Berathung führte, abgesehen von einem einzigen kleinen, von mir ausgegangenen Vorschlag, zu nichts. In Wahrheit reducirte sich dieselbe auf eine von Herrn Finch gehaltene Rede. Der Gegenstand derselben war die Geltendmachnng der Würde des Herrn Finch.

Ich erlaube mir hier, da mir wichtigere Dinge obliegen, die Rede des Ehrwürdigen Finch nach dem Maße seiner Gestalt zu behandeln..

Der Ehrwürdige Finch erhob sich und sagte, er protestire dagegen, daß man ihm eine Bestellung auf einer Karte, anstatt in einem angemessenen Billet habe zugehen lassen, daß man ihm zugemuthet habe, sich sofort in Browndown einzustellen, daß er anstatt der Erste der Letzte gewesen sei, den man von der exaltirten und absurden Auffassung des Falles seines armen Kindes durch Herrn Nugent Dubourg unterrichtet habe. Er sei nicht damit einverstanden, daß man sich an einen deutschen Arzt, also jedenfalls einen unbekannten Ausländer und möglicherweise einen Ouacksalber wende, und damit den britischen Aerzten einen Makel anhefte, ganz abgesehen von den großen Kosten, die man sich dadurch aufbürde, er sei endlich gegen den ganzen Vorschlag des Herrn Nugent, der einer Auflehnung gegen die Fügungen einer allweisen Vorsehung entsprungen, eine Verwirrung des Gemüths seiner Tochter zur Folge habe, »eines Gemüths, das sich unter meinem Einfluß in einem Zustande christlicher Ergebung befand, das aber unter Ihrem Einfluß, Herr Dubourg, in einen Zustand ungläubiger Empörung versetzt worden ist.« Nach diesen Schlußbemerkungen setzte sich der Ehrwürdige Finch in Erwartung einer Antwort schweigend nieder.

Es folgte aber merkwürdiger Weise, was sich zur Nachahmung in einigen Parlamenten empfehlen möchte, keine Antwort.

Herr Nugent erhob sich, — nein, er blieb sitzen und erklärte, jede Betheiligung an den Verhandlungen ablehnen zu müssen. Er sei gern bereit zu warten, bis der Ausgang die Mittel, welche er anzuwenden vorgeschlagen habe, gerechtfertigt haben werde. Uebrigens fühle er sich in seinem Gewissen vollständig beruhigt und werde sich Fräulein Finch’s Entscheidung unbedingt fügen. Herr Finch würde sich wohl nicht so leichten Kaufes haben abfinden lassen, wenn nicht ein besonderer Umstand obgewaltet hätte. Ich habe es bereits als einen Ausfluß des eigenthümlichen Zwanges, welchen Lucilla auf Nugent übte, erwähnt, daß ihr Vater denselben in ihrer Gegenwart immer ohne Mühe zum Schweigen bringen konnte. Sie war auch dieses Mal anwesend und Herr Finch profitirte von diesem Umstande.

Oscar, der sich hinter seinem Bruder versteckt hielt, befolgte Nugent’s Beispiel. Die Entscheidung der zu berathenden Angelegenheit bleibe Lucilla allein überlassen. Er habe keine eigene Meinung über die Sache.

Lucilla selbst, welche demnächst zu einer Aeußerung veranlaßt wurde, hatte nur eine Antwort zu geben. Wenn ihr ganzes Vermögen bei dem Versuch, ihre Sehkraft wieder zu erlangen, aufgewendet werden müßte, werde sie mit Freuden dieses Opfer bringen. Bei allem gebührenden Respect vor ihrem Vater wagte sie doch zu glauben, daß er so wenig wie sonst Jemand, der sich im Besitz seiner Sehkraft befinde, ihre Gefühle bei der gegenwärtigen Sachlage ganz verstehen könne. Sie bitte Herrn Nugent Dubourg inständigst, ohne Verzug den deutschen Arzt nach Dimchurch zu bringen.

Frau Finch, an welche nun die Reihe kam, sprach, nachdem sie ein paar Minuten nach ihrem Schnupftuch gesucht hatte. Sie erklärte, sich nicht anmaßen zu wollen, anderer Ansicht zu sein als ihr Gatte, der nach ihrer Erfahrung noch immer bei allen Gelegenheiten Rechts gehabt habe. Sollte aber der deutsche Arzt kommen, so möchte sie denselben, wenn Herr Finch nichts dagegen halte, sehr gern (womöglich umsonst) über Baby’s Augen consultiren. Frau Finch war eben dabei, näher auseinanderzusetzen, daß in diesem Augenblick, soviel sie sehen könne, Baby’s Augen glücklicherweise ganz in Ordnung seien und daß sie nur wünsche, die Meinung eines kundigen Arztes für den möglichen Fall eines künftigen Augenleidens des Kindes zu vernehmen, als sie von Herrn Finch zur Ordnung gerufen wurde. Der ehrwürdige Herr forderte gleichzeitig Madame Pratolungo auf, die Debatte durch den offenen Ausdruck ihrer eigenen Ansicht zu schließen.

Madame Pratolungo bemerkte demgemäß schließlich, daß die Frage der Consultation des deutschen Arztes nach der Aeußerung von Fräulein Finch sich jedem Meinungsausspruch von Seiten einer anderen Person entziehe. Daß sie daher proponire, über die Consultation hinaus die Ergebnisse, welche dieselbe zur Folge haben möchte, ins Auge zu fassen, daß sie in Bezug auf diese möglichen Folgen eine sehr entschiedene Ansicht habe, welche sie offen auszusprechen sich erlauben wolle. Nach ihrer Ansicht könnte die proponirte Untersuchung in Betreff der etwa vorhandenen Aussichten, die Sehkraft Fräulein Finch’s wieder herzustellen, viel zu ernste Folgen nach sich ziehen, als daß man dieselbe der Entscheidung eines einzelnen Mannes, und wäre derselbe noch so geschickt und noch so berühmt, anvertrauen dürfe. Dieser Ansicht gemäß erlaube sie sich vorzuschlagen: Erstens, daß ein ausgezeichneter englischer Augenarzt zu der Consultation des deutschen Augenarztes hinzugezogen werde, zweitens, daß eine genaue Darlegung der Ansicht, über welche sie sich etwa einigen möchten, den hier Versammelten vorgelegt und von diesen discutirt werden möge, bevor irgend eine entscheidende Maßregel getroffen werde, ls und endlich drittens, daß dieser Vorschlag der Versammlung in Form einer Resolution vorgelegt und sofort, falls es erforderlich sein sollte, zur Abstimmung gebracht werden möge.

Die vorstehende Resolution wurde alsbald zur Abstimmung gebracht und mit der Majorität der von vier gegen zwei Stimmen angenommen:

Mit »Ja« stimmten:

Fräulein Finch,
Herr Nugent Dubourg,
Herr Oscar Dubourg,
Madame Pratolungo.

Mit »Nein« stimmten:

Herr Finch (auf Grund der bedeutenden Kosten),
und Frau Finch (weil Herr Finch »Nein« gesagt habe).

Die Debatte wurde bis zu einem später anzuberaumenden Tage vertagt.

Am nächsten Morgen reiste Nugent Dubourg mit dem ersten Zuge nach London. Als wir beim zweiten Frühstück saßen, traf das folgende Telegramm von ihm ein: »Ich habe meinen Freund gesehen, er stellt sich uns zur Verfügung; er ist auch bereit, mit jedem englischen Augenarzte, den wir wählen werden, zu consultiren. Ich will mich eben aufmachen, den Mann zu finden. Weiteres melde ich noch heute telegraphisch.«

Das zweite Telegramm traf Abends ein und lautete wie folgt:

»Alle in Ordnung. Der deutsche und der englische Augenarzt verlassen London mit mir, mit dem um zwölf Uhr vierzig Minuten von hier abgehenden Zuge.«

Nachdem ich dieses Telegramm Lucilla vorgelesen hatte, schickte ich es Oscar nach Browndowm. Ich brauche dem Leser wohl nicht zu sagen, wie er und wie wir die folgende Nacht zubrachten.



Kapiteltrenner

Elftes Kapitel - Herr Grosse

Es sind noch verschiedene Umstände zu erwähnen, die am Morgen des Tages, an welchem wir den Besuch der beiden Augenärzte erwarteten, eintrafen. Ich habe auch den besten Willen, diese Umstände zu berichten, an der Fähigkeit dazu gebricht es mir aber leider durchaus.

Wenn ich an jenen ereignißreichen Morgen zurückdenke, blicke ich auf eine Scene angstvoller Spannung und Verwirrung, deren bloße Erinnerung mich noch jetzt nach so langer Zeit völlig außer Fassung bringt. Dinge und Personen vermengen sich unterschiedslos mit einander. Ich sehe die reizende Gestalt meiner blinden, in Rosa und Weiß gekleideten Lucilla, wie sie hin und her flattert, bald in das Haus eilt, bald wieder zum Hause hinaus, wie sie bald ungeduldig der Ankunft der Aerzte entgegensteht, bald aus Furcht vor dem bestehenden Gottesgericht und der vielleicht bevorstehenden Enttäuschung zusammenschaudert.

Im nächsten Augenblick zerfließt für mich die liebliche Gestalt und verwandelt sich in die jammervolle Erscheinung Oscars, wie er zwischen Browndown und dem Pfarrhause ruhelos hin und her wandert, in der schmerzlichen Voraussicht neuer Complicationen in seinem Verhältniß zu Lucilla, wobei er sich dennoch auch jetzt nicht zu dem männlichen Entschluß aufzuraffen vermag, die Gelegenheit zu ergreifen, um mit Lucilla in’s Reine zu kommen. Und wieder einen Augenblick später drängt sich eine kleine stolzirende, von ihrer Bedeutung erfüllte Gestalt in den Vordergrund meiner Erinnerungen. Ich höre eine gewaltige Stimme mit entsprechender Ausdrucksweise mir in’s Ohr brüllen.

»Nein, Madame Pratolungo, nichts soll mich vermögen, diese unsinnige ärztliche Consultatiom diesen unheiligen und lächerlichen Versuch, die Fügungen einer allweisen Vorsehung durch rein menschliche Mittel umzustoßen, durch meine Gegenwart zu sanctioniren. Ich bestehe auf meinem Stück — bemerken Sie wohl, daß ich mich eines vulgären Ausdrucks bediene, um es Ihnen desto nachdrücklicher einzuprägen — ich bestehe auf meinem Stück.«

Und wieder einen Augenblick später ist Herr Finch aus dem Bereich der vor mir auftauchenden Erinnerungen geschwunden; die feuchte Frau Finch und das Baby, dessen Tagewerk sich unabänderlich zwischen Saugen und Schlafen theilt, nehmen den leergewordenen Raum ein. Frau Finch vertraut mir mit wässeriger Feierlichkeit unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit das Geheimniß an, daß sie womöglich hinter dem Rücken ihres Gatten die englische und deutsche Arzneikunde ihrem Baby gratis zu statten kommen lassen wolle. Nun stelle man sich vor, wie sich alle diese Personen durch mein armes Gehirn mit ihren Reden und Handlungen verwirrend kreuzen und nehme dazu meine eigenen kleinen Sorgen, die Leitung des Frühstücks für die Aerzte und so weiter und man wird sich nicht wundern, wenn ich über etwa sechs Stunden kostbarer Zeit wie ein Lämmchen hinwegspringe und mich meinen verehrten Lesern präsentire, wie ich im Wohnzimmer einsam auf meinem Posten sitze, um das ärztliche Concil bei seiner Ankunft im Hause zu empfangen.

Ich hatte nur zwei Dinge, die mich trösten und aufrecht erhalten konnten. Erstens eine von mir selbst bereitete Küken-Mayonnaise auf dem Frühstückstisch, von der ich weiter nichts sage, als daß sie ein vollendetes Kunstwerk war — und zweitens mein grünes seidenes, mit den herrlichen Spitzen meiner Mutter besetztes Kleid, ein in seiner Art ebenso vollendetes Kunstwerk. Ob ich den Frühstückstisch ansah, oder ob ich mich im — Spiegel sah, immer fühlte ich, daß ich meine Nationalität würdig zur Geltung kommen ließ. Ich konnte mir sagen, daß selbst in diesem entfernten Winkel der Erde der Wanderer, der nach Civilisation und nach Luxus des Lebens strebt, die Superiorität Frankreichs anerkennen müsse.

Die Uhr schlug ein Viertel nach drei. Lucilla, die zum hundertsten Male des Wartens in ihrem Wohnzimmer überdrüssig geworden war, steckte ihren Kopf durch die Thür und wiederholte die stehende Frage:

»Ist noch nichts von ihnen zu sehen?«

»Nichts, mein Schatz.«

»Ach, wie lange wollen sie uns noch warten lassen!«

»Geduld, Lucilla, Geduld!«

Mit einem müden Seufzer verschwand sie wieder. Wieder vergingen fünf Minuten, als die alte Zillah in’s Zimmer guckte.

»Sie sind da, Madame, sie halten in einem Wagen vor der Pforte!«

Ich zapfte noch einmal an meinem grünseidenen Kleide, warf einen letzten Blick auf die Mayonnaise, um mir Muth zu machen. Die muntere Stimme Nugent’s, der die Fremden führte, drang vom Garten aus zu mir herein.

»Hierher, meine Herren, folgen Sie mir gefälligst.« Dann wurde es wieder still. Daran hörte ich Schritte, die Thür öffnete sich und Nugent führte die Herren zu mir herein.

»Herr Grosse ans Amerika. Herr Sebright aus London.«

Der Deutsche fuhr ein wenig zusammen,« als mein Name genannt wurde; der Engländer schien völlig unberührt davon zu bleiben. Herr Grosse hatte den Namen meines berühmten Gatten schon nennen gehört; Herr Sebright war ein Barbar, der von der Existenz Pratolungo’s nichts wußte. Ich will zuerst Herrn Grosse schildern und mir dabei die größte Mühe geben.

Ein untersetzter, breiter, stämmiger Körper, der auf zwei kurzen krummen Beinen hin und her wackelte, in unordentlichem, schäbigem, schlecht gebürstetem Anzuge; ein großes, viereckiges, gelbes Gesicht, von einem Wisch dicker stahlgrauer Haare überragt, dunkle, buschigte Augenbrauen, ein Paar; stiere wildblickende Glotzaugen, vor denen zwei riesige runde Brenngläser wie Bollwerke standen, ein grauschwarzer Backen- und Schnurrbart; ein Paar dicht behaarter Hände, deren eine auf dem Zeigefinger einen colossalen Siegelring trug, während die andere fortwährend mit einer silbernen Schnupftabaksdose von der Größe eines Theekastens beschäftigt war; eine rauhe raspelnde Stimme; ein teuflisch satyrisches Lächeln; eine kurz ungebundene selbstgewisse Art zu reden; eine seiner ganzen Erscheinung aufgeprägte Entschlossenheit, Unabhängigkeit und Entschiedenheit des Wesens — das ist das Bild des Mannes, der, wenn man Nugent glauben dürfte, die Wiederherstellung der Sehkraft Lucilla’s in seiner Hand hattet!

Der englische Augenarzt war seinem deutschen Collegen so unähnlich wie es nur ein menschliches Wesen dem andern sein kann.

Herr Sebright war schlank und mager und in seiner Erscheinung peinlich sauber und zierlich. Sein glattes blondes Haar war sorgfältig gescheitelt, auf seinem wohlrasirten Gesicht prangten zwei kleine gekräuselte, ungefähr zwei Zoll lange Stückchen Backenbart und sonst weiter kein Haar. Sein feiner schwarzer Anzug war von vollendetem Schnitt; er trug keinerlei Schmuck, nicht einmal eine Uhrkette; seine Bewegungen waren gemessen, seine Redeweise ruhig und feierlich; eine wohldisciplinirte Aufmerksamkeit blickte Einem aus seinen hellgrauen Augen kalt entgegen und jede Regung seiner dünnen, fein geschnittenen Lippen sagte: »Hier bin ich, wenn Ihr mich braucht.« Ohne allen Zweifel ein sehr tüchtiger Mann, aber Gott behüte mich davor, zufällig neben ihm bei Tische zu sitzen, oder ihn auf einer langen Reise zum einzigen Gefährten zu haben.

Ich empfing die beiden Herren mit bester Grazie. Herr Grosse erwiderte meine Begrüßung mit einem Compliment über meinen berühmten Namen und reichte mir die Hand. Herr Sebright verneigte sich und sagte, es sei heute schönes Wetter. Sobald der Deutsche sich umsehen konnte, richtete er seinen Blick auf den Frühstückstisch. Der Engländer sah zum Fenster hinaus.

»Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten, meine Herren?«

Herr Grosse nickte zum Zeichen seiner freudigen Zustimmung mit seinem Krauskopf. Seine wilden Augen stierten durch die riesigen Brillengläser hindurch gierig nach der Mayonnaise.

»O, davon bin ich ein großer Freund«, sagte der berühmte Arzt, mit dem beringten Zeigefinger auf die Schüssel deutend. »Sie verstehen das zu bereiten; Sie bereiten es mit Sahne. Ist es Hühner — oder Hummer-Mayonnaise? Ich ziehe Hammer vor, aber Hühner sind auch gut. Die Schüssel ist reizend garnirt — Anchovis, Oliven, Rothebeet; braun, grün und roth auf der fetten weißen Sauce. Das nenne ich eine Himmelsspeise. Herrlich, fühlend für das Auge und für die Zunge. So, wir wollen einen Angriff darauf machen. Madame Pratolungo, Sie sollen den Anfang machen.«

, Aber feine Aufmerksamkeit wurde durch seinen höflichen englischen Collegen von der Mayonnaise ab, und der Patientin wieder zugelenkt.

»Ich bitte um Vergebung, Herr College«, sagte Herr Sebright. »Sollte es nicht angezeigt sein, die junge Dame zu sehen, bevor wir etwas Anderes thun? Ich muß mit dem nächsten Zuge nach London zurück.« Herr Grosse, der sich bereits eine Serviette um den Hals gebunden hatte, starrte, in der einen Hand eine Gabel und in der anderen einen Löffel, seinen Collegen mit kläglicher Miene an, schüttelte seinen Krauskopf und trennte sich mit schwerem Herzen von der Mayonnaise.

»Gut, wir wollen erst unsere Arbeit thun und dann unser Frühstück verzehren. Wo ist die Patientin? Kommen Sie, lassen Sie uns anfangen, rasch ans Werk!« Er nahm seine Serviette wieder ab, blies — es läßt sich nicht anders ausdrücken — einen Seufzer und tauchte seinen Daumen und Zeigefinger in seine Theekasten-Schnupftabaksdose. »Wo ist die Patientin?« wiederholte er ungeduldig »Warum ist sie nicht hier?«

»Sie wartet im Nebenzimmer«, sagte ich. »Ich will sie gleich herbringen. Sie werden gewiß Nachsicht mit ihr haben, meine Herren, wenn Sie sie ein wenig nervös aufgeregt finden sollten«, fügte ich mit einem Blick auf die beiden Augenärzte hinzu. Der schweigsame Herr Sebright verneigte sich; Herr Grosse grinste teuflisch und sagte: »Beruhigen Sie sich, mein gutes Kind. Ich bin keine so rohe Bestie wie ich aussehe.«

»Wo ist Oscar«, fragte mich Nugent, als ich auf dem Wege nach Lucilla’s Zimmer an ihm Vorüber ging.

»Nachdem er lange hin- und hergeschwankt hat«, erwiderte ich, »hat er endlich beschlossen, bei der Untersuchung nicht gegenwärtig zu sein.«

Kaum hatte ich das gesagt, als sich die Thür öffnete und Oscar eintrat. Er hatte sich also wieder anders besonnen und kam in Folge dessen zu uns.

Bei dem Anblick von Oscar’s Gesicht brach Grosse in den Ausruf aus: »Ach Gott, der hat Höllenstein im Leibe, davon ist seine Hautfarbe so verdorben. Der arme Junge! Der arme Junge!« Er schüttelte seinen zottigen Kopf, drehte sich um und spie mitleidig in eine Ecke des Zimmers. Oscar schien gekränkt, Herr Sebright degoutirt, nur Nugent sah aus, als ob ihn die Sache höchlich ergötze. Ich ging hinaus und schloß die Thür hinter mir.

Aber kaum war ich auf den Vorplatz hinausgetreten, als sich die Thür schon wieder hinter mir öffnete. Als ich mich sofort umblickte, sah ich zu meinem Erstaunen Herrn Grosse vor mir stehen, der mich durch seine Brillengläser hindurch wild anstarrte und mir seinen Arm bot.

»Still!« flüsterte der berühmte Augenarzt, »sagen Sie Niemand etwas davon, ich komme Ihnen zu helfen.«

»Mir zu helfen?« wiederholte ich.

Herr Grosse nickte heftig, so heftig, daß seine ungeheuren Brillengläser auf seiner Nase hin und her hüpften.

»Sie haben mir gesagt, die Patientin sei nervös. Nun gut. Ich komme, um mit Ihnen zu der Patientin zu gehen und Ihnen zu helfen, sie zu holen. Sehen Sie wohl, ich bin nicht so roh wie ich aussehe. Kommen Sie rasch! Wo ist sie?«

Ich zauderte einen Augenblick, diesen merkwürdigen Abgesandten in Lucilla’s Schlafzimmer zu führen. Ader ein Blick auf ihn machte meinem Zaudern ein Ende. Am Ende war er doch ein Arzt und noch dazu ein so häßlicher! Ich nahm seinen Arm.

Wir gingen zusammen nach Lucilla’s Zimmer. Sie fuhr vom Sopha, auf welchem sie gesessen hatte, auf, sobald sie die fremden Fußtritte zugleich mit den meinigen im Zimmer vernahm.

»Wer ist da?« rief sie.

»Ich bin es, liebes Kind!« sagte Herr Grosse. »Ach, Gott« welch ein hübsches Mädchen! Sie hat gerade den Teint, den ich liebe, hübsch blond, hübsch blond! Ich komme, um zu sehen, was ich für Ihre Augen thun kann, mein hübsches Fräulein. Wenn ich Ihnen Ihr Augenlicht wiedergeben kann — wie? da werden Sie mich lieb haben, nicht wahr? Dann werden Sie selbst einen so häßlichen Deutschen, wie ich einer bin, küssen. Kommen Sie einmal her und nehmen Sie meinen Arm; wir wollen wieder in das andere Zimmer gehen. Da ist noch Einer, der Ihnen das Augenlicht wiedergeben will, Herr Sebright. Zwei Augenärzte für ein hübsches Fräulein, ein englischer und ein deutschen was? Wir beide wollen das hübsche Mädchen schon kuriren. Madame Pratolungo, nehmen Sie meinen anderen Arm. Wie — was? Sie sehen meinen Rockärmel an? Der ist schäbig und fettig; ich muß mich schämen. Aber einerlei. Sie können sich ja Herrn; Sebright’s Aermel in dem andern Zimmer ansehen; der ist funkelnagelneu. Kommen Sie, vorwärts, Marsch!«

Nugent, der uns auf dem Corridor erwartet hatte, riß jetzt die Thür weit auf und flüsterte mir, als wir ins Zimmer traten, zu, indem er auf seinen Freund deutete:

»Ist er nicht köstlich? Unser deutscher Doctor hat Lucilla schon gut gethan.«

Die Untersuchung ging von Anfang an ohne Verlegenheit und Angst vor sich; Herr Grosse hatte sie zum Lachen gebracht, hatte sie vollkommen behaglich gemacht.

Als wir inis Zimmer traten, unterhielten sich Herr Sebright und Oscar in höchst freundschaftlicher Weise. Der reservirte Engländer schien etwas Anziehendes für den blöden Oscar zu haben. Selbst Herr Sebright war von dem Anblick Lucilla’s betroffen, sein kaltes Gesicht leuchtete, als er ihr vorgestellt wurde. Er rückte einen Stuhl für sie an das Fenster und bat sie mit einer Wärme des Tones, die mir überraschend war, sich zu setzen. Sie that es. Darauf trat Herr Sebright wieder zurück und verneigte sich gegen Herrn Grosse mit einer höflichen Handbewegung, welche bedeutete: »Sie zuerst.«

Herr Grosse erwiderte diese Höflichkeit auch seinerseits mit einer Handbewegung und einem heftigen Schütteln seines Krauskopfes, welches bedeutete: »Das fällt mir gar nicht ein.«

»Um. Vergebung«, bat Herr Sebright, »Sie sind der Aeltere der Fremde und Meister in unserer Kunst.«

Herr Grosse regalirte sich mit drei rasch hintereinander genommenen Prisen und sagte dabei: »Ach was, soviel für den Aelteren, soviel für den Fremden und soviel für den Meister der Kunst.« Eine lange Pause folgte. Keiner der beiden Aerzte wollte den Anfang machen. Da legte sich Nugent ins Mittel.

»Fräulein Finch wartet«, sagte er, »kommen Sie, Grosse, Sie sind ihr zuerst vorgestellt worden; untersuchen Sie sie zuerst.«

Herr Grosse kniff Nugent ins Ohr. »Sie sind ein gescheidter Junge«, sagte er, »Sie haben das rechte Wort immer bei der Hand.« Er watschelte nach Lucilla’s Stuhl hin, blieb aber hier plötzlich wie betroffen stehen. Oscar stand über Lucilla gebeugt, ihre Hand in der seinen haltend und flüsterte ihr etwas zu. »He, was ist das«, rief Herr Grosse. »Ist das ein dritter Augenarzt? Wie, mein werther Herr, besteht Ihre Behandlung der Augen junger Damen darin, daß Sie ihnen die Hand drücken? Sie sind ein Quacksalber, scheeren Sie sich fort!« Oscar zog sich mit wenig guter Grazie zurück. Herr Grosse setzte sich auf einen Stuhl, Lucilla gegenüber und nahm seine Brille ab.

Wie die meisten kurzsichtigen Leute hatte er vortreffliche Augen für Alles, was er in hinreichender Nähe betrachten konnte. Er beugte sich vornüber, brachte sein Gesicht ganz nahe an das Lucilla’s heran, öffnete ihr mit Daumen und Zeigefinger abwechselnd die Augenlider beider Augen und blickte aufmerksam zuerst in das eine und dann in das andere Auge.

Es war ein Moment der höchsten Spannung für uns Alle. Wer konnte sagen, welchen Einfluß auf ihr künftiges Leben dieser ungeschliffene, wunderliche, freundliche, kleine Fremde üben werde.

Wie ängstlich beobachteten wir diese buschigen Augenbrauen, diese durchbohrenden Glotzaugen! Und, Himmel, wie enttäuscht waren wir über das erste Ergebniß dieser Untersuchung! Plötzlich gab Lucilla ihrem Widerwillen durch ein unfreiwilliges Zusammenschaudern Ausdruck. Herr Grosse trat einige Schritte zurück und lugte sie mit seinem himmlischen Lächeln wohlwollend an.

»Aha«, sagte er, »ich weiß schon was es ist. Ich schnupfe und rauche; ich rieche nach Tabak. Das hübsche Fräulein riecht das. Sie denkt in ihrem innersten Herzen: »Ach Gott, wie der stinkt.«

Lucilla brach in lautes Lachen aus. Herr Grosse, den die Sache ebenfalls höchlichst ergötzte, grinste vor Vergnügen und riß ihr das Schnupftuch aus ihrer Schürzentasche. »Geben Sie mir etwas Parfum«, sagte der vortreffliche Deutsche. »Ich will ihr die Nase mit ihrem Schnupftuch verstopfen. Dann wird sie mein Tabaksgeruch nicht mehr belästigen, Alles wird wieder in schönster Ordnung sein und wir werden fortfahren.« Ich gab ihm etwas Lavendelwasser auf einem auf dem Tische stehenden Riechfläschchen, Mit ernsthafter Miene tränkte er das Schnupftuch damit und stopfte es Lucilla in die Nase. »Halten Sie fest, Fräulein, jetzt können Sie nichts von Grosse riechen. Gut! Jetzt können wir fortfahren.«

Er zog eine Vergrößerungslinse aus der Westentasche und wartete, bis Lucilla sich wieder ganz von ihrem Lachanfall erholt hatte. Und dann nahm die Untersuchung, die so grausam possirlich anzusehen und doch so furchtbar ernsthaft war, ihren Fortgang, Herr Grosse seine Patientin durch seine Vergrößerungslinse betrachtend und Lucilla in ihrem Stuhl zurückgelehnt, sich das Schnupftuch vor die Nase haltend.

Es verging mehr als eine Minute, bis das Gottesgericht der Untersuchung zu Ende war.

Herr Grosse steckte sein Vergrößerungsglas wieder in die Tasche und gab dabei einen grunzenden Ton von sich, der wie ein Ausdruck der Erleichterung klang, und riß Lucilla das Schnupftuch wieder weg.

»Pfui, was für ein widerwärtiger Geruch!« sagte er, indem er das Schnupftuch mit einer Grimasse des Widerwillens an die Nase hielt. »Tabak riecht doch viel besser.« Er entschädigte seinen Riech-Apparat für die Kränkung des Lavendelwassers durch eine ungeheure Prise. »Jetzt will ich mit Ihnen reden«, fuhr er fort. »Sehen Sie ich halte mich in gehöriger Entfernung. Sie brauchen Ihr Schnupftuch jetzt nicht mehr, Sie können mich so nicht riechen.«

»Werde ich mein lebelang blind bleiben?« fragte Lucilla. »Bitte, bitte, sagen Sie es mir, Herr Grosse. Werde ich lebenslänglich blind bleiben?«

»Wollen Sie mir einen Kuß geben, wenn ich es Ihnen sage?«

»Denken Sie doch wie begierig ich auf Ihre Antwort sein muß. Bitte, bitte, sagen Sie es mir.«

Sie wollte sich vor ihm auf die Kniee werfen, aber fest und freundlich hielt er sie auf ihrem Stuhle zurück.

»Nun, nun, seien Sie hübsch artig und antworten Sie mir zuerst. Wenn Sie an einem hellen, sonnigen Tage im Garten spazieren gehen, empfinden Ihre Augen da ganz ebenso, wie wenn Sie Nachts im Bett liegen?«

»Nein.«

»So, Sie wissen, daß es das eine Mal schön hell und das andere Mal stockdunkel ist?«

»Warum fragen Sie mich denn, ob Sie Ihr lebelang blind bleiben müssen? Wenn Sie soviel sehen können, sind Sie überhaupt nicht eigentlich blind.«

Sie faltete mit einem gedämpften Freudenschrei die Hände »O, wo ist Oscar?« fragte sie leise, »wo ist Oscar?«

Ich fah mich nach ihm um; er war fortgegangen. Er mußte sich, während sein Bruder und ich wie durch einen Zauber gebannt an den Lippen des Arztes und Lucilla’s gehangen hatten, aus dem Zimmer geschlichen haben. Herr Grosse stand auf, um Herrn Sebright seinen Platz einzuräumen.

In der Ektase ihrer neuen Hoffnung schien Lucilla die Gegenwart des englischen Arztes, als er den Platz seines Collegen einnahm, gar nicht zu bemerken. Sein ernstes Gesicht sah noch ernster als gewöhnlich aus, als auch er jetzt eine Vergrößerungslinse aus der Tasche zog und, indem er die Augenlider Lucilla’s sanft öffnete, seinerseits an die Untersuchung ihrer Augen ging.

Die Untersuchung des Herrn Sebright dauerte aber viel länger als die des Herrn Grosse. Er verhielt sich dabei völlig schweigend. Als er fertig war, stand er auf, ohne ein Wort zu sagen und ließ Lucilla, wie er sie gefunden hatte, ganz versenkt in die Vorstellung ihres Glücks, in den Gedanken an die Zeit, wo sie an dem neuen Morgen erwachen und sehen würde.

»Nuu?« sagte Nugent ungeduldig zu Herrn Sebright gewendet. »Was sagen Sie?«

»Ich sage noch Nichts.«

Nach dieser, einen Vorwurf für Nugent enthaltenden Antwort wendete er sich zu mir.

»Habe ich recht verstanden, daß Fräulein Finch ein Jahr alt war, als man entdeckte, daß sie blind oder doch nahezu blind sei?«

»So hat man mir immer gesagt«, erwiderte ich.

»Ist irgend eine Person im Hause von der Familie oder der Dienerschaft, welche über den Zustand ihrer Augen im ersten Lebensjahre berichten kann?«

Ich klingelte nach Zillah. »Ihre Mutter ist todt«, sagte ich, »und ihr Vater sieht sich durch besondere Gründe verhindert, hier anwesend zu sein. Aber ihre alte Amme wird im Stande sein, Ihnen die gewünschte Auskunft zu geben.« .

Zillah erschien und Herr Sebright fragte sie:

»Waren Sie im Hause, als Fräulein Finch geboren wurde?«

»Ja, Herr.«

»War etwas an ihren Augen bei ihrer Geburt oder gleich nachher nicht in Ordnung?«

»Durchaus nicht, Herr.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich weiß es, weil ich gesehen habe, daß sie die Dinge um sich her bemerkte. Sie pflegte ins Licht zu starren und, wie andere Kinder, nach Dingen, die man ihr vorhielt, zu greifen.«

»Wie entdeckten Sie denn, daß sie anfing, blind zu werden?«

»Auf dieselbe Weise, Herr. Es kam eine Zeit, wo die Augen des armen Kindes wie verglas’t aussahen, und wo sie, wir mochten es Morgens oder Abends versuchen, wie wir wollten, nichts mehr sah.«

»Entwickelte sich die Blindheit allmählig?«

»Ja Herr, ganz bei Kleinem Woche für Woche wurde es allmählig immer schlimmer. Sie war etwas über ein Jahr alt, als wir uns überzeugten, daß sie völlig blind sei.«

»Waren die Augen ihres Vaters oder ihrer Mutter je irgendwie leidend.«

»Soviel ich weiß, Herr, nie.«

Herr Sebright wandte sich an Herrn Grosse, der am Frühstückstisch fest und mit resignirten Blicken die Mayonnaise betrachtete. »Wollen Sie vielleicht der Amme noch Fragen vorlegen«, sagte er.

Herr Grosse zuckte mit den Achseln und deutete mit dem Daumen hinter sich auf die Stelle, wo Lucilla saß.

»Ihr Fall ist für mich so klar, wie daß zweimal zwei vier sind. Ach Gott, wozu brauche ich die Amme?« Er heftete wieder seine verlangenden Blicke aus die Mayonnaise. »Mein schöner Appetit geht mir fort, sollen wir nicht frühstücken?«

Herr Sebright entließ Zillah mit einem kalten Kopfnicken. Seine entmuthigende Art fing an, mich etwas unbehaglich zu stimmen. Ich wagte es, zu fragen, oh er bereits zu einem Schluß gelangt sei. »Erlauben Sie mir, mit meinem Collegen zu consultiren, bevor ich Ihnen antworte«, erwiderte der undurchdringliche Mann. Ich riß Lucilla ans ihren Träumen. Ihre erste Frage galt wieder Oscar. Ich sagte, ich vermuthe, wir würden ihn im Garten finden und nahm sie mit mir fort. Nugent folgte uns. Ich hörte Herrn Grosse, als wir den Frühstückstisch passirten, Nugent im kläglichen Tone zuflüstern, »Um Himmelswillen, kommen Sie bald wieder und lassen Sie uns frühstücken!« Wir überließen die beiden so verschieden gearteten Herren ihrer Consultation im Wohnzimmer.



Kapiteltrenner

Zwölftes Kapitel - »Wer soll entscheiden, wenn die Aerzte verschiedener Meinung sind.«

Wir waren gewiß noch keine zehn Minuten im Garten gewesen, als wir durch ein von dem Fenster des Wohnzimmers zu uns dringendes merkwürdiges Geschrei unterbrochen wurden. »He, he, hi, hi, ho, ho!« Wir blickten auf und sahen Herrn Grosse der am Fenster stand und ein großes rothseidenes Schnupftuch wie wahnsinnig schwenkte.

»Frühstück, Frühstück!« schrie der deutsche Arzt. »Die Consultation ist zu Ende, kommen Sie rasch, lassen sie uns anfangen!« .

Diesem peremtorischen Geheiß gehorchend kehrten Nugent, Lucilla und ich in’s Wohnzimmer zurück. Wir hatten, wie ich vorausgesehen, Oscar allein im Garten auf- und abgehend gefunden. Er hatte mich mit einer Geberde gebeten, Lucilla von seiner Anwesenheit nichts zu sagen, und war fortgeeilt, um sich in, einem der Seitengange zu verbergen. Es war jammervoll, seine Aufregung zu sehen. Es war unmöglich, ihm in jenem angstvollen Augenblick in Lucilla’s Gegenwart zu trauen.

Als wir die beiden Augenärzte verlassen hatten, hatte ich Zillah mit einer geschriebenen Botschaft an den Ehrwürdigen Finch geschickt, in welcher ich ihn bat, sich die Sache noch einmal zu Überlegen und, wenn auch nur der Form wegen, in dem für seine Tochter so hochwichtigen Augenblick des Ausspruches der Aerzte über ihren Fall zugegen zu sein. Bei unserem Wiedereintritt in’s Haus erhielt ich am Fuße der Treppe die auf einem Streifen Predigtpapier geschriebene Antwort

»Herr Finch erklärt, es entschieden ablehnen zu müssen, eine Prinzipienfrage irgend welchen nur von der Zweckmäßigkeit dictirten Erwägungen zu unterwerfen. Er erlaubt sich, Madame Pratolungo ernstlich an das zu erinnern, was er ihr bereits gesagt habe, mit andern Worten, er bittet sie wiederholt, nicht zu vergessen, daß er auf seinem Stück besteht.

Als wir wieder ins Zimmer traten, fanden wir die die beiden berühmten Augenärzte so weit wie irgend möglich von einander entfernt sitzen. Beide Herren lasen. Herr Sebright las in einem Buch. Herr Grosse las — in der Mayonaise.

Ich stellte mich dicht neben Lucilla und ergriff ihre Haud. Sie war kalt wie Eis. Mein armes liebes Kind zitterte zum Erbarmen. Es waren Augenblicke unaussprechlicher Qual für sie, diese Augenblicke der Ungewißheit, bevor die Aerzte ihren Ausspruch thaten. Ich drückte ihre kleine Hand in der meinigen und flüsterte »Muth!«

Ich gehöre wahrhaftig nicht zu den sentimentalen Naturen, aber ich kann in Wahrheit sagen, mein Herz blutete für sie.

»Nun, meine Herren«, sagte Nugent, »was ist das Resultat Ihrer Consultation?« Haben Sie sich geeinigt?«

.

»Nein«, sagte Herr Sebright, indem er das Buch bei Seite legte.

»Nein«, sagte Herr Grosse, indem er mit der Mayonnaise liebäugelte.

Lucilla, die fortwährend die Farbe wechselte und deren Busen immer gewaltiger wogte, wandte ihr Gesicht zu mir. Ich flüsterte ihr zu, sie möge sich beruhigen.

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»Einer von ihnen«, sagte ich, »ist jedenfalls der Ansicht, daß Sie geheilt werden können.« Sie verstand mich und wurde sofort ruhiger. Nugent fuhr fort die beiden Aerzte zu befragen.

»Worin weichen Sie voneinander ab«, fragte er, »wollen Sie uns Ihre Ansichten nicht mittheilen?«

Nun gab es wieder einen langweiligen Etiquettenstreit zwischen unseren beiden ärztlichen Berathern. Herr Sebright verneigte sich gegen Herrn Grosse mit einer Miene, die da sagte: »Sie zuerst.« Herr Grosse verneigte sich wieder gegen Herrn Sebright, was so viel sagen wollte: »Nein, Sie zuerst!« Bei dieser lächerlichen, professionellen Zurückhaltung riß mir die Geduld.

· .

»Reden Sie doch beide zugleich, meine Herren, wenn Ihnen das lieber ist«, sagte ich in scharfem Tone. »Um’s Himmelswillen, thun Sie, was Sie wollen, aber lassen Sie uns nicht in dieser Ungewißheit. Ist es möglich, oder ist es nicht möglich, unserer Lucilla ihre Sehkraft wiederzugeben?«

»Ja«, sagte Herr Grosse.

Mit einem Freudenschrei sprang Lucilla auf.

»Nein«, sagte Herr Sebright.

Lucilla sank wieder in ihren Stuhl zurück und lehnte ihren Kopf schweigend an meine Schulter.

»Sind Sie einer Meinung in Betreff der Ursache ihrer Blindheit?« fragte Nugent.

»Es ist der graue Staar.« antwortete Herr Grosse.

»Das ist auch meine Meinung«, sagte Herr Sebright. »Es ist der graue Staar.«

»Der graue Staar ist heilbar«, fuhr der Deutsche fort.

»Auch das halte ich für richtig«, bemerkte der Engländer, »aber mit dem Vorbehalt, der graue Staar ist bisweilen heilbar.«

»Dieser Staat ist heilbar!« rief Herr Grosse.

»Mit aller schuldigen Achtung«, fügte Herr Sebright, »muß ich doch dieser Meinung widersprechen. Der Staar bei Fräulein Finch ist nicht heilbar.«

»Können Sie uns Ihre Gründe für diese Ansicht sagen?« fragte ich.

»Meine Ansicht «, sagte Herr Sebright, stützt sich auf Erwägungen, zu deren Verständniß Fachkenntnisse erforderlich sind. Ich kann nur so viel sagen, daß ich nach der genauesten und gewissenhaftesten Untersuchung zu der Ueberzeugung gelangt bin, daß Fräulein Finch ihre Sehkraft für immer verloren hat. Und der Versuch, dieselbe durch eine Operation wieder herzustellen, würde nach meiner Ansicht nicht zu rechtfertigen sein. Die junge Dame würde sich nicht nur der Operation unterziehen, sondern sich auch gefallen lassen müssen, sich noch sechs bis acht Wochen — nach der Operation in einem dunklen Zimmer aufzuhalten. Ich brauche Sie wohl kaum darauf aufmerksam zu machen, daß sie während dieser Zeit unbedingt die zuversichtlichste Hoffnung auf ihre Wiederherstellung nähren würde. Ueberzeugt, wie ich es bin, daß das von ihr verlangte Opfer vergeblich sein würde, kann ich es aber nur für äußerst unwünschenswerth halten, unsere Patientin den moralischen Folgen einer Enttäuschung auszusetzen, welche sie sich natürlich sehr zu Herzen nehmen wird. Sie hat sich von ihrer frühesten Jugend an daran gewöhnt, ihre Blindheit mit Ergebung zu tragen. Als ein rechtschaffener Mann, der sich verpflichtet fühlt, seine Meinung ganz und entschieden auszusprechen, kann ich Ihnen nur rathen diese Ergebung nicht weiter auf die Probe zu stellen Ich erkläre, daß es nach meiner Ueberzeugung mindestens nutzlos und möglicherweise gefährlich wäre, eine Operation zum Zweck der Wiederherstellung ihrer Sehkraft an ihr vorzunehmen.«

In dieser klaren und entschiedenen Weise sprach sich der Engländer aus.

Lucilla’s Hand umklammerte die meinige krampfhaft. »Grausam, grausam,« murmelte sie zornig vor sich hin. Ich ermahnte sie durch einen kleinen Druck meiner Hand zur Geduld und blickte in schweigender Erwartung nach Herrn Grosse, auf den auch Nugent eben seine Blicke gerichtet hatte. Der Deutsche stand bedächtig auf und wackelte nach der Stelle hin, wo Lucilla und ich zusammen saßen.

»Ist der gute Herr Sebright fertig?« fragte er.

Herr Sebright antwortete nur mit seiner ewig gleichen Verneigung .

Gut! So will ich jetzt meine Meinung sagen«, sagte Herr Grosse. »Ich will mich ganz kurz fassen. Mit aller Achtung vor Herrn Sebright muß ich doch gegen das, was er nur meint, das in die Wagschale werfen, was ich, Grosse mit diesen meinen Händen gethan habe. Einen Staar, wie ihn das Fräulein da hat, habe ich schon öfter gestochen, schon öfter geheilt. Sehen Sie einmal her!« Mit diesen Worten drehete er sich plötzlich nach Lucilla um, schlug seine Manschette zurück, legte die Zeigefinger seiner beiden Hände auf die beiden Seiten ihrer Stirn und schob mit seinen beiden dicken Daumen ihre Augenlider sanft zurück. »Ich verpfände Ihnen mein Wort als Augenarzt«, sagte er, »daß mein Messer das Licht hier hineindringen lassen soll. Dieses liebenswürdige und charmante Mädchen soll noch liebenswürdiger und charmanter werden als zuvor. Aber zuvor muß meine hübsche Lucilla so wohl sein wie möglich; sie muß sich zunächst ganz meiner Leitung anvertrauen und dann — eins, zwei, drei! Und meine hübsche Lucilla kann wieder sehen.«

Mit diesen Worten schob er Lucilla’s Augenlider abermals zurück, heftete seine Glotzaugen durch seine Brillengläser hindurch fest auf sie, applicirte ihr auf die Stirn den lautesten Kuß, den ich je in meinem Leben gehört habe, lachte, daß die Stube zitterte und kehrte dann auf seinen Posten als Wache vor der Mayonnaise zurück. »Nun«, rief er heiter aus, »sind wir mit dem Reden fertig. Jetzt kann, Gott sei Dank, das Essen anfangen.«

Lucilla stand wieder auf und fragte: »Wo sind Sie Herr Grosse?«

»Hier, liebes Kind.«

Sie ging durchs Zimmer nach dem Tisch, an welchem er bereits damit beschäftigt, sich sein Lieblingsgericht vorzuschneiden, saß.

»Haben Sie gesagt, daß Sie ein Messer gebrauchen müssen, mir meine Sehkraft wieder zu geben?« fragte sie ganz ruhig.

»Ja, ja, fürchten Sie sich nicht davor. Es thut nicht sehr weh — nicht sehr weh.«

Sie gab ihm einen kleinen Schlag aus die Schulter.

»Kommen Sie. Herr Grosse, wenn Sie Ihr Messer bei sich haben — hier bin ich, thun Sie es gleich.«

Nugent und Herr Sebright fuhren zusammen; ihre Kühnheit setzte sie beide in Erstaunen. Ich bin der größte Poltron in Betreff aller wundärztlichen Operationen, das heißt, wenn sie an mir oder Andern vorgenommen werden. Lucilla erschreckte mich; ich stürzte auf sie zu und war närrisch genug, laut aufzuschreien.

Aber schon ehe ich sie erreichen konnte, war Herr Grosse ihrem Befehl gehorsam, mit einem leckeren Bissen aus der Spitze seiner Gabel aufgestanden. »Sie allerliebste kleine Närrin«, sagte er, »so rasch steche ich keinen Staar. Für heute will ich eine andere Operation mit Ihnen vornehmen«, und dabei steckte er ihr das Stück Huhn ohne Umstände in den Mund. »Aha, beißen Sie gut zu, es ist gut. Nun setzen Sie sich Alle herkommen Sie, lassen Sie uns frühstücken.«

Er war unwiderstehlich; wir setzten uns Alle zu Tisch.

Wir Uebrigen aßen, Herr Grosse schlang Alles gierig hinunter, von der Mayonnaise bis zur Fruchttorte und wieder von der Fruchttorte bis zur Mayonnaise und dann wieder von der Mayonnaise zu Schinkenbutterbröten und Pudding und schließlich, so wahr ich eine rechtschaffene Frau bin, noch einmal zur Mayonnaise zurück. Sein Trinken hielt Schritt mit seinem Essen. Bier, Wein, Branntwein — er verschmähte nichts und mischte alles unter einander. Die leichteren Beigaben des Mahles, Mandeln und Rosinen, eingemachten Ingber und überzuckerte Früchte, aß er zu allem. Ein Gericht Oliven hatte sich seiner besonderen Gunst zu erfreuen. Mit beiden Händen griff er hinein und stopfte sich die Hosentaschen damit voll. »So«, erklärte er, »brauche ich Niemand zu bitten, mir die Schüssel zu reichen. Ich werde so viel Oliven, wie ich zu essen Lust habe, immer bei mir haben. Als er nicht mehr essen und trinken konnte, ballte er seine Serviette zu einer Kugel zusammen und gab sich einer andächtig dankbaren Stimmung hin. »Wie gütig von Gott«, bemerkte er, »daß er, als er die Welt schuf, auch Essen und Trinken mit schuf! O«, seufzte Herr Grosse, indem er sich beide Hände mit ausgespreizten Fingern sanft aus den Bauch legte, »wie viel Glückseligkeit wohnt doch hier für den Menschen.«

Herr Sebright sah nach seiner Uhr.

»Wenn die Frage der Operation noch weiter besprochen werden soll, so muß es gleich geschehen«, sagte Herr Sebright. »Wir haben kaum noch fünf Minuten, Sie haben meine Ansicht gehört und ich bleibe dabei.«

Herr Grosse nahm eine Prise und sagte: »Und ich bleibe bei meiner Meinung.«

Lucilla wandte sich der Stelle zu, von welcher aus Herr Sebright gesprochen hatte.

»Ich· danke Ihnen für das Aussprechen Ihrer Ansicht, Herr Sebright«, sagte sie in einem sehr ruhigen und festen Ton. »Ich bin entschlossen, es mit der Operation zu versuchen. Wenn sie mißlingt, so werde ich bleiben, was ich jetzt bin. Wenn sie gelingt, so giebt sie mir ein neues Leben. Für die Möglichkeit meine Sehkraft wieder zu gewinnen, will ich aber Alles ertragen und Alles wagen.«

Mit diesen denkwürdigen Worten bahnte sie den Weg für das bedeutsamste Ereigniß in ihrem und in unserem späteren Leben, das zu schildern die Aufgabe dieser Erzählung ist.

Herr Sebright antwortete in seiner reservirten Weise:

»Ich kann nicht behaupten, daß Ihr Entschluß mich überrascht. Wie aufrichtig ich denselben auch bedaure, so muß ich doch zugeben, daß er in Ihrem Falle ganz natürlich ist.«

Lucilla wandte sich nun an Herrn Grosse.

»Bestimmen Sie selbst den Tag. Je eher, desto lieber, morgen, wenn Sie wollen.«

»Sagen Sie mir eines, mein Kind«, erwiderte der Deutsche mit einer Feierlichkeit des Tones und des Ausdrucks, die uns ganz neu an ihm war, »meinen Sie wirklich, was Sie sagen?«

Sie antwortete ihm ebenso feierlich: »Ich meine, was ich sage.«

»Gut, Alles hat seine Zeit, der Spaß und der Ernst. Jetzt ist es Zeit, ernst zu sein. Ich habe Ihnen, bevor ich gehe, mein letztes Wort zu sagen.«

Mit seinen wilden schwarzen Augen starrte er Lucilla durch seine Eulenbrillengläser an und stellte ihr in seinem gebrochenen Englisch, aber in einem höchst eindringlichen Ton die Nothwendigkeit vor, es mit der Operation, die er an ihr zu vollziehen unternommen habe, sehr ernst zu nehmen und sich gehörig auf dieselbe vorzubereiten. Sein Ton erleichterte mich sehr. Er sprach in dem Gefühl einer Autorität, die sie zu gespannter Aufmerksamkeit zwang. Vor allen Dingen ermahnte er Lucilla, es sich wohl gesagt sein zu lassen, daß wenn die Operation mißlänge, es nicht möglich sein würde, dieselbe ein zweites Mal vorzunehmen. Wenn sie einmal vorgenommen sei, das Resultat möge sein welches es wolle, so sei es damit zu Ende. Dann müsse er, bevor er sich zur Operation entschließen würde, darauf bestehen, daß gewisse für den Erfolg wesentliche Bedingungen sowohl von der Patientin selbst als von ihren Verwandten strenge erfüllt würden. Herr Sebright habe die Dauer der nach der Operation in einem dunklen Zimmer zu verbringen den Prüfungszeit keineswegs übertrieben. Unter keinen Umständen dürfe sie hoffen, ihre Augen nur einen Augenblick früher, als nach Verlauf von mindestens sechs Wochen, von ihrer Binde befreit zu sehen. Während dieser ganzen Zeit und wahrscheinlich während noch fernerer sechs Wochen sei es absolut nothwendig, sie in einem Gesundheitszustande zu erhalten, vermöge dessen der ganze Organismus den allmähligen Fortschritt bis zur völligen Wiederherstellung der Sehkraft unterstützen würde. Wenn nicht Körper und Geist beide in ihrer normalsten und bestmöglichen Verfassung erhalten würden, so könne Alles, was seine Geschicklichkeit zu leisten im Stande sei, vergeblich sein. Nichts was sie reizen oder aufregen könnte, dürfe das ruhige Einerlei ihres Lebens unterbrechen, bis er, Grosse, sich, überzeugt haben werde, daß ihre Sehkraft gesichert sei. Er verdanke seine Erfolge und seinen Ruf zum großen Theil seiner strengen Beobachtung dieser Regeln, welche sich auf seine eigene Erfahrung von dem Einfluß stützten, den der allgemeine, sowohl moralische als physische Gesundheitszustand eines Patienten auf die Wahrscheinlichkeit des Erfolges einer an diesen Patienten vorgenommenen Operation immer — und wieviel mehr noch, wenn es sich um die Operation an einem so zarten Organ wie das Auge handle, übe.

Nachdem er sich so ausgesprochen hatten appellirte er an Lucilla’s eigenes Urtheil und forderte sie auf, anzuerkennen, wie nothwendig es für sie sei, sich mit ihrem Entschluß noch Zeit zu lassen und zunächst mit Verwandten und Freunden zu Rathe zu gehen. Mit kurzen Worten: für die Dauer von wenigstens drei Monaten müßte alles so eingerichtet werden, daß der sie behandelnde Arzt die unbedingte Befugniß habe, ihre Lebensweise zu regeln und über jede mit derselben vorzunehmende Veränderung zu bestimmen. Sobald sie und die Mitglieder ihrer Familie sich überzeugt haben würden, daß sie im Stande seien, diese Bedingungen zu erfüllen, brauche ihm Lucilla nur nach seinem Hotel in London zu schreiben und er verpflichte sich dann, am nächsten Tage in Dimchurch zu sein und auf der Stelle, wenn er ihren augenblicklichen Gesundheitszustand befriedigend finde, die Operation vorzunehmen.

Nachdem er so sein Wort gegeben hatte, hauchte Herr Grosse seinen noch übrigen Athem in ein einziges aus der Tiefe ausgestoßenes »Ha« aus und setzte seine kleinen Beine flink in Bewegung.

In demselben Augenblick klopfte Zillah an die Thür und meldete, daß der Wagen der beiden Herren an der Pforte des Pfarrhauses halte.

Herr Sebright stand auf, offenbar noch zweifelhaft, ob sein College mit seiner Rede zu Ende sei. »Ich will Sie nicht eilen«, sagte er, »ich habe in London zu thun und muß nothwendig mit dem nächsten Zuge fort.«

»O, ich habe auch in London zu thun«, antwortete sein deutscher College; »ich muß mich amüsiren.« Herr Sebright schien betroffen von der Offenheit dieses anstößigen Bekenntnisses eines Berufsgenossen. »Ich bin ein so leidenschaftlicher Freund der Musik«, fuhr Herr Grosse fort, »ich muß zur rechten Zeit in der Oper sein. Ach Gott, die Musik ist so theuer in England; ich klettere nach der Gallerie hinauf und muß auch da noch meine fünf Schillinge bezahlen. In meinem Vaterlande kann ich dasselbe für fünf Kupferpfennige haben, nur besser. Aus der Tiefe meines Herzens«, fuhr dieser sonderbare Mann fort, indem er mir herzlich Lebewohl sagte, »danke ich Ihnen, meine Verehrte« für die Mayonnaise. Wenn ich wiederkomme« lassen Sie mich, bitte, wieder diese Himmelsspeise haben.« Dann wandte er sich zu Lucilla und legte ihr zum letzten Male vor seiner Abreise die Daumen auf die Augenlider.

»Mein liebes Kind, bedenken Sie wohl, was ich Ihnen gesagt habe. Ich werde Ihnen Ihr Augenlicht wiedergeben — aber auf die Art und zu der Zeit, die mir gut scheint. Das hübsche Kind! O, wie unendlich viel hübscher wird sie noch sein, wenn sie erst sehen kann!« Er ergriff Lucilla’s Hand, drückte sie mit einer sentimentalen Geberde unter seine Weste an sein Hezz und legte seine andere Hand darauf, als ob er dieselbe warm halten wolle. In dieser zärtlichen Attitude stieß er einen gewaltigen Seufzer aus, faßte sich wieder, in dem er seinen Krauskopf schüttelte, nickte mir durch seine Brillengläser zu und wackelte zur Thür hinaus, Herrn Sebright nach, der schon am Fuß der Treppe stand. Wer hätte denken sollen, daß dieser Mann die Schlüssel in Händen hielt, welche die Thore eines neuen Lebens für meine blinde Lucilla öffnen sollten.



Kapiteltrenner

Dreizehntes Kapitel - Leider ein Aufschub der Heirath.

Wir blieben allein zurück, da Nugent die beiden Aerzte an die Garteupforte geleitete. Natürlich mußte jetzt Oscar’s Abwesenheit Lucilla’s Aufmerksamkeit erregen. Als sie eben in Ausdrücken von ihm sprach, die es mir nicht leicht gemacht haben würden, sie zu beruhigen, wurden wir durch das Geschrei des Baby unterbrochen, welches aus dem Garten zu uns hinauf drang. Ich eilte ans Fenster und blickte hinaus.

Frau Finch hatte wirklich ihren verzweifelten Entschluß zur Ausführung gebracht, den beiden Aerzten aufzulauern, um sie über Baby’s Augen zu consultiren. Da sah ich sie in ihrem Unterrock und mit ihrem Shawl« während ihr Roman und ihr Schnupftuch auf dem Rasen lagen, die Augenärzte auf dem Wege nach dem Wagen verfolgend Ohne sich um das Unpassende eines solchen Gebahrens zu kümmern, nahm Herr Grosse Reißaus. Er stopfte sich vor dem Gekreisch des Kindes die Ohren mit den Fingern zu und lief so rasch seine kurzen Beine ihn tragen konnten. Nugent lief ihm Voraus, um so rasch als möglich die Gartenpforte zu öffnen. Der respectable Herr Sebright, dem seine — Standeswürde nicht zu laufen gestattete, bildete die Arrièregarde. So oft Frau Fiuch ihn erreichte, hielt sie ihm das Baby entgegen; aber eben so oft protestirte Herr Sebright mit einer höflich abwehrenden Handbewegung. Nugent schlug mit schallendem Gelächter die Gartentür weit auf. Herr Grosse stürzte durch die offene Pforte und verschwand; Herr Sebright folgte Herrn Grosse und Frau Finch versuchte es, Herrn Sebright zu folgen, als plötzlich der Pfarrer erschien. Durch den Lärm, der in das Heiligthum seines Arbeitszimmers drang, aufgescheucht und erschreckt, war er in den Garten hinabgestiegen und brachte seine Frau auf einmal zur Ruhe durch die im tiefsten Baß an sie gerichtete Frage:

»Was hat dieser unpassende, störende Austritt zu bedeute?«

Der Wagen fuhr davon und Nugent schloß die Gartenpforte wieder.

Nugent wechselte mit dem Pfarrer einige für mich unverständliche Worte, die sich vermuthlich auf den Besuch der beiden abgereisten Aerzte bezogen.

Nach einer Weile wandte Herr Fluch, allem Anschein nach durch etwas, was Nugent ihm gesagt hatte, beleidigt, diesem den Rücken und wandte sich an Oscar, der offenbar nur auf die Abfahrt der Aerzte gewartet hatte, um sich wieder zu zeigen und jetzt eben wieder auf dem Rasen erschien. Der Pfarrer gab ihm vertraulich den Arm, winkte seiner Frau mit der Hand und gab ihr seinen anderen Arm. Majestätisch zwischen den beiden dem Hause zuschreitend, machte der Ehrwürdige Finch seine Autorität bald gegen Oscar, bald gegen seine Frau geltend. Seine gewaltiges Baßstimme drang, unharmonisch von dem Gewimmer des müden Kindes begleitet, deutlich an mein Ohr.

Der Papst von Dimchurch hub an mit folgenden furchtbaren Worten:

»Oscar! ich bitte Sie, wohl zu merken, daß ich meinen Protest gegen diesen gottlosen Versuch, mit den Augen meiner unglücklichen Tochter zu experimentiren, aufrecht erhalte. Liebe Frau, laß es Dir, bitte, gesagt sein, daß ich Deine unpassende Verfolgung zweier fremder Augenärzte nur in Rücksicht auf Deinen gegenwärtigen Zustand entschuldige. Nach Deinem achtvorletztem Wochenbett, warst Du, wie ich mich erinnere, in einem so hysterischen Zustande, daß Du ganz unzurechnungsfähig wurdest. Schweig! Du bist jetzt wieder in einem Zustande hysterischer Unzurechnungsfähigkeit. Oscar! ich muß es um meiner selbstwillen ablehnen, irgendeiner Berathung, welche etwa dem Besuch dieser beiden Aerzte folgen möchte, beizuwohnen. Ich bin aber nicht abgeneigt, Ihnen zu Ihrem eigenen Besten zu rathen. Ich stehe fest auf meinen Füßen, stellen Sie sich auch fest auf die Füße. Frau, seit wann hast Du nichts gegessen? Seit zwei Stunden? Bist Du sicher, daß es zwei Stunden her ist? Gut. Du mußt ein Beruhigungsmittel nehmen. Ich verordne Dir, ein warmes Bad zu nehmen und darin zu bleiben, bis ich zu Dir komme. — Oscar! mein guter Junge, es fehlt Ihnen an moralischem Gewicht. Versuchen Sie es, sich jedem Plan meiner unglücklichen Tochter, oder ihrer Rathgeber, welcher noch fernere Ausgaben von ärztlichem Honorar und fernere Besuche von Aerzten nach sich ziehen würde, entschlossen zu widersetzen. Frau, Du badest bei achtundzwanzig Grad Wärme; und nimmst eine halbliegende Stellung ein. — Oscar, ich autorisire Sie, wenn Sie der Sache auf keine andere Weise Einhalt thun können, mein moralisches Gewicht in die Wagschale zu werfen. Sie dürfen gern sagen: Ich widersetze mich dieser Sache mit Genehmigung des Herrn Finch. Herr Finch scundirt mir so zu sagen. Liebe Frau, versteh’ mich recht, was ich mit dem Dir verordneten Bade bezwecke. Schweiß ist eine milde Wirkung auf Deine Haut. Eines der Mädchen soll dabei Deine Stirn beobachten. Sobald sie feuchten Schweiß auf derselben bemerkt, soll sie mich holen. — Oscar, Sie werden mich wissen lassen, zu welchem Entschluß sie da oben in dem Zimmer meiner Tochter gelangen, nachdem man nicht nur gehört haben wird, was Sie zu sagen haben, sondern nachdem Sie mein moralisches Gewicht in die Wagschale geworfen haben werden. — Frau, nach dem Bade wirst Du Dich nur leicht kleiden. Ich verbiete Dir mit Rücksicht auf Deinen Kopf alles Enge, sei es nun eine Schnürbrust oder sei es Bänder um die Taille. Aus demselben Grunde verbiete ich Dir, Gamaschen anzuziehen. Du wirst weder Thee trinken, noch reden, sondern lose gekleidet auf dem Rücken liegen. Du wirst —«.

Was die unglückliche Frau noch weiter thun sollte, konnte ich nicht mehr hören, da Herr Finch mit ihr um die Ecke des Hauses bog.

Oscar wartete an der Thür unseres Flügels bis Nugent wiederkam, um mit ihm in das Wohnzimmer zu gehen, wo wir ihrer Rückkehr harrten.

Nach einigen Minuten erschienen die Brüder.

Während der ganzen Zeit, wo die Aerzte im Hause gewesen waren, hatte ich bemerkt, daß Nugent sich ängstlich zurückhielt. Nachdem er einmal die Verantwortlichkeit übernommen hatte, ein ärztliches Urtheil über Lucilla’s Augenleiden herbeizuführen, schien er entschlossen, sich darauf zu beschränken und sich nach diesem ersten Stadium der Angelegenheit nicht weiter in dieselbe zu mischen. Und jetzt wieder, als wir uns zusammengefunden hatten, um Lucilla’s Entschluß, zum Aeußersten zu schreiten, zu discutiren und vielleicht zu bekämpfen, weigerte sich Nugent abermals, sich mit der Angelegenheit zu befassen.

»Ich habe Oscar mitgebracht«", sagte er zu Lucilla, »und ich habe ihm gesagt, wie weit die beiden Augenärzte in ihren Ansichten über Ihren Fall auseinandergehen. Er weiß auch, daß Sie entschlossen sind, sich von der günstigeren Auffassung des Herrn Grosse leiten zu lassen — weiter weiß er nichts.«

Hier brach er plötzlich ab und setzte sich abseits von uns an einen Platz am andern Ende des Zimmers. Lucilla forderte Oscar sofort auf, sich über sein Benehmen zu erklären.

»Warum hast Du Dich von uns fern gehalten?« fragte sie. »Warum bist Du in dem wichtigsten Augenblick meines Lebens nicht bei mir geblieben?«

»Weil ich das Peinliche meiner Lage zu schmerzlich empfand«, antwortete Oscar. »Halte mich nicht« für rücksichtslos gegen Dich, Lucilla. Wenn ich mich nicht fern gehalten hätte, würde ich mich vielleicht nicht haben beherrschen können.«

Mir schien diese Antwort viel zu geschickt, als daß sie Oscar im Augenblick hätte eingefallen sein können. Ueberdies sah er bei den letzten Worten seinen Bruder an. Es schien trotz der kurzen Zeit, die zwischen unserer Rückkehr in’s Haus und ihrem Eintritt in’s Zimmer verflossen war, mehr als wahrscheinlich daß Nugent Oscar seinen Rath gegeben und ihm gesagt hatte, wie er sich verhalten solle.

Lucilla nahm seine Entschuldigung mit der graciösesten Freundlichkeit an.

»Herr Sebright erklärt«, sagte sie zu Oscar, »daß mein Augenlicht für immer verloren ist; Herr Grosse dagegen will dafür einstehen, daß eine Operation mir das Augenlicht wiedergeben wird. Brauche ich Dir zu sagen, welchem von beiden ich glaube? Wenn es mir nachgegangen wäre, so hätte Herr Grosse mich operiren müssen, ehe er nach London zurückkehrte.«

»Hat er sich geweigert das zu thun?«

»Ja.«

»Warum?«

Lucilla theilte ihm die Grunde mit, auf welche bin der deutsche Augenarzt den Aufschub als unerläßlich bezeichnet hatte. Oscar hörte aufmerksam zu und sah seinen Bruder wieder an, bevor er antwortete:

»Wie ich höre, würde Dein Entschluß, die Operation sofort zu wagen, die Folge haben, daß Du sechs Wochen lang in einem dunklen Zimmer eingesperrt sitzen und dann noch sechs fernere Wochen ganz nach der Anweisung des Arztes leben müßtest. Hast Du Dir überlegt, Lucilla, das das einen abermaligen Aufschub unserer Heirath um mindestens drei Monate bedeuten würde?«

»Wenn Du an meiner Stelle wärest, Oscar, so würdest Du die Wiederherstellung Deiner Augen durch nichts, selbst nicht durch Deine Heirath verzögern lassen. Bitte mich nicht zu überlegen, mein Liebster. Ich kann nichts überlegen, als daß sich mir die Aussicht eröffnete, Dich zu sehen.«

Diese furchtlos offene Geständniß brachte ihn zum Schweigen. Er saß zufällig gerade dem Spiegel gegenüber, so daß er sein eigenes Gesicht sehen konnte. Der arme Junge schob plötzlich seinen Stuhl so, daß er dem Spiegel den Rücken zukehrte.

Ich sah Nugent an und überraschte ihn dabei, wie er es versuchte, dem Blick seines Bruders zu begegnen. Seine Eingebung war es, wie ich mich jetzt fest überzeugt hielt, der Oscar gefolgt war, als er eine Schwierigkeit erhob, die mich von dem Augenblick an, wo die Frage der Operation zuerst an uns herangetreten war, präoccupirt hatte.

Ich muß hier einschalten, daß Oscar’s und Lucilla’s Heirath in Folge einer gefährlichen Erkrankung der Tante Lucilla’s noch auf ein anderes Hinderniß gestoßen war und bereits einen neuen Aufschub hatte erleiden müssen. Fräulein Batchford, die selbstverständlich zur Hochzeit eingeladen war, hatte in ihrer Antwort sehr rücksichtsvoll darum gebeten, es möge doch um ihretwillen die Heirath nicht verschoben werden. Lucilla hatte sich jedoch entschieden geweigert, ihre Hochzeit zu feiern, während die Frau, die ihr eine zweite Mutter gewesen, im Sterben liege. Der Pfarrer hatte Lucilla im Hinblick auf das Geld des reichen Fräulein Batchford in ihrem Entschluß bestärkt, und Oscar war genöthigt gewesen, sich zu fügen. So hatten die Dinge vor etwa drei Wochen gestanden. Die letzten Nachrichten aber meldeten, daß die alte Dame nicht nur wiederhergestellt, sondern daß sie auch in vierzehn Tugend wohl genug sein werde, die Hochzeit mitzumachen. Das Hochzeitskleid lag bereit, der Vater der Braut war bereit, die Trauung zu vollziehen, als plötzlich wie ein Verhängniß die Frage der Operation auftauchte und mit einem neuen, mindestens dreimonatlichen Aufschub drohte. Dazu nehme man die neue Verlegenheit, die sich daraus ergeben mußte, wenn einerseits Lucilla auf ihrem Entschluß und andererseits Oscar darauf beharrte, die in Folge der ärztlichen Behandlung seiner epileptischen Zufälle mit ihm vorgegangene Veränderung seiner Hautfarbe vor ihr zu verbergen. Die Folge davon mußte sein, daß Lucilla, wenn die Operation gelänge, vor, anstatt nach der Hochzeit, die Täuschung die man sich gegen sie erlaubt hatte herausfand. Wie sie aber diese so entdeckte Täuschung aufnehmen würde, das vorauszusehen, vermochte der Scharfsinn keines Einzigen unter uns.

Das war unsere Situation, als wir nach der Abreise der Aerzte in unserm häuslichen Parlamente versammelt saßen.

Als Nugent sah, daß es unmöglich war, seinem Bruder ein Zeichen zu geben, blieb ihm nichts anderes übrig, als zum ersten Mal thätig einzugreifen.

»Erlauben Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, Lucilla«, sagte er, »daß es Ihre Pflicht ist, auch die andere Seite ins Auge zu fassen, bevor Sie sich entschließen. Erstens ist es doch gewiß hart für Oscar, seinen Hochzeitstag wieder aufschieben zu müssen. Zweitens aber ist Herr Grosse bei all’ seiner Geschicklichkeit doch nicht unfehlbar. Es ist immer möglich, daß die Operation mißlingt und daß Sie schließlich zu der traurigen Einsicht gelangen, Ihre Hochzeit ganz unnützer Weise um drei Monate verschoben zu haben. Bedenken Sie es wohl! Wenn Sie die Operation bis nach Ihrer Heirath verschieben, werden Sie allen Interessen gerecht und rücken die Zeit, wo Sie werden sehen können, nur um etwa einen Monat hinaus.«

Lucilla schüttelte ungeduldig den Kopf. »Wenn Sie blind wären«, antwortete sie, »würden Sie den Zeitpunkt, wo Ihnen Ihr Augenlicht wiedergegeben werden soll, aus freien Stücken nicht um einen Augenblick verschieben wollen. Sie bitten mich, mir die Sache zu überlegen? Ich bitte Sie, daran zu denken, wie viele Jahre ich verloren habe. Ich bitte Sie, sich die Glückseligkeit vorzustellen, die ich in dem Augenblick, wo Oscar mit mir am Altar stehen wird, empfinden werde, wenn ich den Gatten, dem ich mich für’s Leben antrauen lasse, sehen kann. Die Sache auf einen Monat verschieben? Sie könnten mich ebenso gut bitten, auf einen Monat zu sterben. Ist es nicht der Tod, hier blind zu sitzen und zu wissen, daß wenige Stunden von mir entfernt ein Mann weilt, der mir mein Augenlicht wiedergeben kann? Ich sage es Euch Allen gerade heraus, wenn Ihr fortfahrt, Euch mir in dieser Angelegenheit zu widersetzen, so stehe ich für nichts. Wenn Herr Grosse nicht vor Ende der Woche wieder nach Dimchurch berufen wird, so weiß ich, daß ich meinen freien Willen habe und werde ich zu ihm nach London gehen!«

Beide Brüder sahen mich an.

»Haben Sie nichts zu sagen, Madame Pratolungo?« fragte Nugent.

Oscar war zu schmerzlich aufgeregt, um zu reden. Leise kam er zu mir herangeschlichen, knieete bei mir nieder und küßte mir mit flehenden Blicken die Hand.

Mag mich für herzlos halten, wer will. Ich blieb auch von diesem Appell an mein Herz völlig ungerührt. Man bemerke wohl, daß Lucilla’s Interesse jetzt mit dem meinigen durchaus Hand in Hand ging. Ich war von Anfang an entschlossen, sie nicht heirathen zu lassen, ohne daß sie von der Entstellung ihres Verlobten Kunde erlangt habe. Wenn sie das that, was sie in den Stand setzen würde, diese Entdeckung selbst zu rechter Zeit zu machen, so würde sie mir damit die Erfüllung einer sehr peinlichen und undankbaren Pflicht ersparen und würde, wie ich es wollte, in vollkommner Kenntniß der Wahrheit heirathen. Bei dieser Sachlage konnte ich mich nicht für berufen halten, die Bemühungen der Zwillingsbrüder, sie zu einer Aenderung des Entschlusses zu bewegen, zu unterstützen.

Im Gegentheil mußte ich mich für berufen halten, sie in ihrem Entschluß zu bestärken.

»Ich finde nicht«, sagte ich, »daß ich hier irgend ein Recht habe, mich einzumischen. An Lucilla’s Stelle, nach einundzwanzigjähriger Blindheit, würde auch ich der Rücksicht auf die Wiederherstellung meiner Sehkraft jede andere Rücksicht opfern.«

Oscar stand sofort auf und trat, ersichtlich sehr aufgebracht gegen mich, an’s Fenster, Lucilla’s Gesicht strahlte von Dankbarkeit. »Ah«, sagte sie, »Sie verstehen mich.«

Auch Nugent stand auf. Er hatte in Oscar’s Interesse zuversichtlich darauf gerechnet, daß Lucilla’s Heirath der Wiederherstellung ihres Gesichts vorangehen werde. Diese Berechnung war jetzt völlig vereitelt. Die Heirath hing lediglich davon ab, wie Lucilla gesonnen sein würde, nachdem sie die Wahrheit erfahren habe. Ich sah Nugent’s Gesicht sich verfinstern, als er nach der Thür ging.

»Madame Pratolungo«, sagte er, »vielleicht werden Sie noch einmal das Verfahren, das Sie eben eingeschlagen haben, bereuen. Thun Sie, was Sie wollen, Lucilla, ich habe nichts mehr zu sagen.«

Er verließ das Zimmer mit einer Miene ruhiger Unterwerfung unter die Macht der Umstände, die ihm vortrefflich zu Gesicht stand. Jetzt wie immer war es unmöglich, ihn bei einem Vergleich mit seinem Bruder anders als im Vortheil zu finden. Oscar trat offenbar in der Absicht, Nugent zu folgen, vom Fenster zurück. Aber schon nach dem ersten Schritt stand er wieder still. Es blieb ihm noch ein letzter Versuch zu machen übrig. Das moralische Gewicht des Ehrwürdigen Finch war noch nicht in die Wagschale geworfen.

»Noch eines mußt Du wissen, Lucilla«, sagte er, »bevor Du Deinen Entschluß fassest. Ich habe Deinen Vater gesprochen und er hat mich gebeten, Dir mitzutheilen, daß er entschieden gegen das Experiment sei, welches Du mit Dir anstellen lassen willst.«

Lucilla seufzte ungeduldig. »Es ist nicht das erste Mal«, seufzte sie, »daß ich mich nicht der Sympathie meines Vaters erfreue. Der Widerspruch meines Vaters thut mir leid, aber er überrascht mich nicht, — überrascht bin ich von Deinem Benehmen!« fügte sie hinzu, indem sie plötzlich die Stimme erhob. »Du, der Du mich liebst, bist in dem Augenblick, wo ich an der Schwelle eines neuen Lebens stehe, nicht mit mir einverstanden. Guter Gott! Sind unsere Interessen bei dieser Angelegenheit denn nicht dieselben? Ist es Dir nicht der Mühe werth, zu warten, bis ich Dich bei dem feierlichen Gelübde, Dich zu lieben, Dir zu gehorchen und zu ehren, ansehen kann? Können Sie das begreifen?« appellirte sie plötzlich an mich. »Warum versucht er es, Schwierigkeiten zu erheben? Warum erfaßt er nicht die Sache mit demselben Eifer wie ich?«

Ich wandte mich nach Oscar um. Jetzt war der Augenblick für ihn gekommen, wo er sich ihr zu Füßen werfen und sein Bekenntniß ablegen mußte. Hier bot sich ihm eine Gelegenheit, wie sie Vielleicht nie wiederkehren würde. Ich bedeutete ihm ungeduldig durch Zeichen, diese Gelegenheit zu ergreifen. Er versuchte es — ich will ihm die Gerechtigkeit, die ich ihm seiner Zeit versagte, nachträglich widerfahren lassen — er versuchte es. Er trat auf sie zu, kämpfte mit sich, sagte: »Mein Benehmen hat einen bestimmten Grund, Lucilla« und hielt inne. Der Athem versagte ihm; er kämpfte wiederum sich; er brachte noch mühsam einige Worte hervor. »Einen Grund«, fuhr er fort, »den ich Dir zu gestehen mich bis jetzt gefürchtet habe —« und hielt dann Weder inne, während ihm die Schweißtropfen von der fahlen Stirn rannen.

Lucilla wurde ungeduldig, »Was ist denn das für ein Grund«, fragte sie in scharfem Ton.

Dieser Ton raubte ihm den letzten Rest von Entschlossenheit. Plötzlich wandte der unglückliche Mensch sein Gesicht von ihr ab und ergriff im letzten Moment wieder eine Ausflucht.

»Ich kann Deinen zuversichtlichen Glauben an Herrn Grosse nicht theilen«, sagte er mit schwacher Stimme.

Lucilla stand bitter enttäuscht auf und öffnete die die: Thür, die zu ihrem Zimmer führte. »Wenn Du blind wärest, würde ich Deinen Glauben und Deine Hoffnung getheilt haben. Es scheint, ich habe zu viel von Dir erwartet. Ich will Dir Zeit lassen, zu lernen!«

Sie ging in ihr Zimmer und schloß die Thür hinter sich. Ich vermochte es nicht länger auszuhalten. Ich stand auf, fest entschlossen, ihr zu folgen und ihr zu sagen, was er ihr zu sagen unterlassen hatte. Schon hatte ich die Hand aus den Thürgriff gelegt, als ich plötzlich von Oscar zurückgehalten wurde. Ich kehrte mich und und sah ihn schweigend an.

»Nein!« sagte er, den Blick fest auf mich geheftet und mit seiner Hand meinen Arm festhaltend: »Wenn ich es ihr nicht selbst sage, soll es ihr Niemand sagen.«

»Sie soll nicht länger getäuscht werden«, antwortete ich, »Sie muß und soll es erfahren. Lassen Sie mich.«

»Sie haben mir versprochen, nicht ohne meine Erlaubniß zu reden. Ich verbiete Ihnen zu reden!«

Ich schlug ihm mit den Fingern der Hand, die ich frei hatte, ein Schnippchen ins Gesicht und sagte: »Soviel liegt an meinem Versprechen. Ihre verächtliche Schwäche gefährdet Ihr eigenes Glück nicht minder als Lucilla’s.« Ich wandte mich wieder nach der Thür um und rief »Lucilla!«

Krampfhaft packte er meinen Arm. Ein lauernder Teufel, dem ich noch nie in die Augen gesehen « grinste mich plötzlich aus denselben an.

»Wenn Sie es ihr sagen«, flüsterte er wüthend durch die Zähne, »so werde ich Sie gerade in’s Gesicht Lügen strafen! Wenn Sie desperat sind, kann ich es auch sein.« Einerlei, ob ich mich einer niedrigen Handlung schuldig mache; ich werde auf meine Ehre beschwören, daß es nicht wahr ist. Sie haben ja gehört, was sie von Ihnen in Browndown gesagt hat; sie wird mir mehr glauben als Ihnen!«

Lucilla trat aus ihrem Zimmer und blieb erwartungsvoll auf der Schwelle stehen.

»Was giebt’s?« fragte sie ruhig.

Ein Blick auf Oscar genügte, um mich zu überzeugen, daß er, wenn ich auf meinem Entschluß beharrte, seine Drohung ausführen werde. Es giebt kein gewissenloseres und schwerer zu behandelndes Wesen, als einen charakterschwachen Menschen, den man zur Verzweiflung gebracht hat. Trotz meines Zornes schreckte ich vor dem Gedanken zurück, ihm Schande zu bereiten, wie ich es jetzt hätte thun muss, wenn ich seinem Trotz mit gleichem Trotz begegnet wäre. Aus Erbarmen für beide gab ich nach.

»Ich muß vielleicht noch, ehe es dunkel wird, ausgehen, liebes Kind«, sagte ich zu Lucilla. »Kann ich irgendetwas im Dorf für Sie ausrichten?«

»Ja«, sagte sie, »wenn Sie ein wenig warten wollen, können Sie einen Brief auf die Post mitnehmen.«

Sie trat wieder in ihr Zimmer zurück und schloß die Thür hinter sich.

Als wir allein waren, vermochte ich Oscar weder anzusehen, noch mit ihm zu reden; aber er brach das Schweigen.

»Sie haben sich Ihres mir gegebenen Versprechens erinnert«, sagte er, »und daran haben Sie gut gethan.«

»Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen«, antwortete ich, »ich werde auf mein Zimmer gehen.«

Mit unbehaglichen Blicken sah er mir nach.

»Ich werde schon mit ihr reden«, murmelte er trotzig vor sich hin, »wenn mir der rechte Moment gekommen scheint.«

Eine kluge Frau würde sich dadurch nicht haben hinreißen lassen, noch ein Wort weiter zu sagen. Aber acht ich bin leider keine kluge Frau, das heißt, nicht immer.

»Wenn mir der rechte Moment gekommen scheint«,, wiederholte ich mit dem Ausdruck meiner ganzen Verachtung. »Wenn Sie ihr nicht die Wahrheit gestehen, bevor der deutsche Augenarzt wieder herkommt, so haben Sie den rechten Moment für immer verpaßt. Er hat uns auf das Entschiedenste erklärt, daß sobald die Operation einmal gemacht sei, monatelang nachher nichts gesprochen werden dürfe, was Lucilla aufregen könnte. Die vollständigste äußere und innere Ruhe ist die unerläßliche Bedingung zur Wiederherstellung ihres Gesichts. Sie werden bald genug eine triftige Entschuldigung für Ihr Schweigen finden, Herr Oscar Dubourg!«

Der Ton, in dem ich diese letzten Worte sprach, reizte ihn.

»Sparen Sie Ihre höhnenden Worte, Madame!« brach er zornig aus. »Es ist mir einerlei, wie Sie über mich denken. Lucilla liebt mich und Nugent fühlt mit mir.«

Mein leidenschaftliches Temperament ließ mich ihm sofort die erbarmungsloseste Antwort geben, die sich denken ließ.

»O, die arme Lucilla «, sagte ich, »wie viel glücklicher hätte sie werden können. Wie schade, wie ewig schade ist es, daß sie nicht Ihren Bruder statt Ihrer heirathet.«

Er wand sich unter dieser Antwort, als wenn ich ihm einen Messerstich versetzt hätte. Er ließ den Kopf auf die Brust sinken, fuhr von mir zurück wie ein geschlagener Hund und verließ schweigend das Zimmer.

Kaum war ich allein, als mein Zorn sich abkühlte. So sehr ich mich auch bemühte, diesen Zorn durch die Erinnerung an seine schnöden Worte wach zu halten, es ging nicht, ich mußte widerwillig bereuen, was ich gesagt hatte.

Im nächsten Augenblick war ich draußen auf der Treppe, um ihn womöglich einzuholen.

Es war zu spät. Ich hörte die Gartenpforte zuschlagen, noch ehe ich aus dem Hause war. Zweimal trat ich an das Gitter, um ihm zu folgen und zweimal trat ich wieder zurück, aus Furcht, die Sache noch schlimmer zu machen.

Endlich kehrte ich sehr unzufrieden mit mir selbst in’s Wohnzimmer zurück.

Die erste willkommene Unterbrechung meiner Einsamkeit ward mir nicht durch Lucilla, sondern durch die alte Amme zu Theil. Zillah erschien mit einem eben für mich aus Browndown angelangten Brief, bessert Adresse von Oscar’s Hand geschrieben war. Ich öffnete den Brief und las was folgt:

»Madame Pratolungo! Sie haben mich tiefer betrübt, als ich es sagen kann. Ich weiß, daß mich sehr ernste Vorwürfe treffen und bitte Sie von Herzen um Verzeihung, wenn ich Sie durch meine Worte oder Handlungen beleidigt habe; aber ich kann Ihr hartes Urtheil über mich nicht als gerecht anerkennen. Wenn Sie wüßten, wie ich Lucilla anbete, würden Sie Nachsicht mit mir haben, würden Sie mich besser verstehen. Ihre letzten grausamen Worte klingen mir noch immer fort in den Ohren. Ich kann Sie nicht wiedersehen, ehe Sie sich über diese Worte näher gegen mich erklärt haben. Sie haben mich in’s tiefstem Herzen getroffen, als Sie diesen Abend sagten, Lucilla würde einer glücklicheren Zukunft entgegengehen, wenn sie meinen Bruder anstatt meiner heirathete. Ich hoffe, daß das nicht Ihr Ernst war und bitte Sie, mir in einer Zeile zu sagen, ob ich zu dieser Annahme berechtigt bin oder nicht.«

Ihm in einer Zeile sagen? War es nicht absurd, daß er, der mich in einigen Minuten erreichen konnte, den kalten formellen Weg einer schriftlichen Mittheilung einer ungezwungenen mündlichen Unterhaltung vorzog? Warum kam er nicht und sprach mit mir? Wir würden auf viel angenehmere Weise und viel rascher mit einander in’s Reine gekommen sein. Wie dem auch sein mochte, ich beschloß nach Browndown zu gehen und mich mündlich mit dem armen, schwachen, gutmeinenden und schlechtberathenen Jungen auszusöhnen. War es nicht lächerlich, Oscar’s Worte, die er in einem Zustande krankhafter, nervöser Aufregung gesprochen hatte, ernst zu nehmen? Der Ton, in dem sein Schreiben abgefaßt war, schmerzte mich tief. Es war einer jener kühlen Abende, wie sie in England im Juni nicht selten sind. Im Kamin brannte ein kleines Feuer. Ich ballte das Briefchen zusammen und warf es, wie ich meinte, in’s Feuer. Im Laufe dieser Erzählung wird es sich zeigen, daß ich den Brief in der That nicht in das Kamin, sondern in den Fender warf. Dann setzte ich meinen Hut auf und eilte, ohne auch nur einen Augenblick an Lucilla oder den Brief, den ich für sie auf die Post mitnehmen sollte, zu denken, nach Browndown.

Was glaubt man wohl, wo ich ihn traf? In seinem Zimmer eingeschlossen. Seine krankhafte Blödigkeit, es war in der That nichts anderes, ließ ihn gerade vor der persönlichen Erklärung, welche mit einer Person von meinem Temperament die einzige mögliche Art der Auseinandersetzung war, zurückschrecken. Ich mußte ihm drohen, gewaltsam in sein Zimmer eindringen, bevor ich ihn dazu bringen konnte, sich mir zu zeigen und mir die Hand zu reichen.

Sobald ich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand, brachte ich rasch genug alles wieder in Ordnung. Ich glaube wirklich, er war in Folge seiner selbstquälerischen Vorstellungen halb von Sinnen, als er mir an der Thür von Lucilla’s Zimmer gedroht hatte, mich Lügen zu strafen.

Ich brauche mich bei der Schilderung dessen, was zwischen uns vorging, nicht aufzuhalten. Hier will ich nur so viel sagen, daß ich, wie der Leser bald sehen wird, später sehr dringende Veranlassung hatte, es zu bedauern, daß ich Oscar’s Wunsch, ich möge mich schriftlich und nicht mündlich wieder mit ihm versöhnen, nicht gewillfahrt hatte. Wenn ich das, was ich jetzt zu ihm sagte, um meine kränkenden Aeußerungen wieder gut zu machen, geschrieben hätte, so hätte ich mir und Anderen vielleicht viel Schmerzliches ersparen können. Jetzt bestand der einzige Beweis, daß ich ihn wieder versöhnt hatte, für mich darin, daß er mir, als ich ihn verließ, an der Thür herzlich die Hand reichte.

»Haben Sie Nugent getroffen?« fragte er mich, als er mit mir durch den Vordergarten des Hauses ging.

Ich war auf einem Nichtwege durch den Hintergarten anstatt durch das Dorf nach Browndown gegangen.

Nachdem ich ihm das gesagt, fragte ich ihn, ob Nugent nach dem Pfarrhause zurückgekehrt sei.

»Er ist wieder hingegangen, um Sie zu sehen«, antwortete Oscar.

»Warum?«

»Nur aus gewohnter Freundlichkeit. Er theilt Ihre Ansichten. Er lachte, als er hörte, daß ich Ihnen einen Brief geschrieben habe, und eilte sofort in seiner Herzensgüte zu Ihnen, um meinetwegen mit Ihnen zu reden. Wenn Sie durch’s Dorf gegangen wären, würden Sie ihn getroffen haben.

Als ich im Pfarrhaus wieder anlangte, fragte ich Zillah. Nugent war, als er mich nicht zu Hause getroffen hatte, nach dem Wohnzimmer hinan gelaufen, hatte dort einige Minuten auf mich gewartet, war dann des Wartens überdrüssig geworden und wieder fortgegangen. Ich fragte dann nach Lucilla. Wenige Minuten nachdem Nugent fortgegangen, war sie aus ihrem Zimmer getreten und hatte gleichfalls nach mir gefragt. Als sie hörte, daß ich nicht zu Hause sei, hatte sie Zillah einen Brief auf die Post zu bringen gegeben und war dann wieder in das Schlafzimmer gegangen. Ich stand, während ich mit der Amme sprach, zufällig am Kamin und blickte in die verglimmende Asche. Da war, wie ich mich jetzt deutlich erinnere, keine Spur mehr von Oscar’s Brief zu sehen. Ich schloß also einfach, daß ich das, was ich gethan zu haben glaubte, wirklich gethan, daß ich den Brief in’s Feuer geworfen habe.

Als ich bald nachher zu Lucilla ging, um mich bei ihr dafür zu entschuldigen, daß ich vergessen habe, ihren Brief mit auf die Post zu nehmen, fand ich sie, von den Ereignissen des Tages ermüdet, im Begriff zu Bett zu gehen.

»Es wundert mich nicht, daß Sie keine Lust hatten, länger auf mich zu warten«, sagte sie. »Das Schreiben dauert immer lange bei mir. Aber diesen Brief hielt ich mich für verpflichtet, wenn irgend möglich, selbst zu schreiben. Können Sie rathen, mit wem ich correspondire? Ich habe es fertig gebracht, liebe Freundin, »ich habe an Herrn Grosse geschrieben.«

»Schon?«

»Worauf sollte ich noch warten? Was war da noch zu überlegen? Ich habe Herrn Grosse geschrieben, daß unsere Familienberathung zu Ende sei und daß ich ich ihm auf so lange, wie er es für nöthig hielte, gänzlich zur Verfügung stelle. Und ich habe ihn daran aufmerksam gemacht, daß er mich, wenn er es versuchen sollte, die Sache hinauszuschieben, nur zu der Unannehmlichkeit treiben würde, zu ihm nach London zu kommen. Ich habe ihm das nachdrücklichst an’s Herz gelegt, das kann ich Sie versichern. Morgen Nachmittag bekommt er meinen Brief und übermorgen wird er, wenn er ein Mann von Wort ist, hier sein.«

»O, Lucilla, doch nicht, um die Operation an Ihren Augen vorzunehmen?«

»Ja wohl, um die Operation vorzunehmen.«



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