Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Blinde
 

Die Blinde



Erstes Kapitel - Der Zwischentag

Am Tage vor dem zweiten Erscheinen des Herrn Grosse und der Operation an Lucilla’s Augen ereigneten sich zwei Vorfälle, deren ich hier gedenken muß. Der erste dieser Verfälle war das Eintreffen eines zweiten Briefes Von Oscar an mich am frühen Morgen. Wie viele blöde Menschen hatte er eine wahre Manie, sobald ihn eine Sache in Verlegenheit setzte, sich lieber mühsam schriftlich, als in bequemer mündlicher Unterhaltung auszusprechen·

Oscar’s diesmaliger Brief benachrichtigte mich, daß er mit dem ersten Morgenzuge nach London gegangen sei, und dass der Zweck dieser plötzlichen Abreise der sei, sich über seine gegenwärtige Lage Lucilla’s gegenüber gegen einen Herrn auszusprechen, der mit den Eigenheiten der Blinden sehr vertraut sei. Mit andern Worten, er hatte sich entschlossen, Herrn Sebright’s Rath zu erbitten.

»Ich habe Herrn Sebright«, schrieb Oscar, »so gern, wie ich Herrn Grosse verabscheue. Die kurze Unterhaltung, die ich mit ihm hatte, hat mir durch seine darin offenbarte Güte und Delicatesse den angenehmsten Eindruck hinterlassen. Wenn ich diesem geschickten Arzt die peinliche Lage, in der ich mich befinde, offen mittheile, so wird er, glaube ich, vermöge seiner Erfahrungen im Stande sein, ein ganz neues Licht auf Lucilla’s gegenwärtigen Gemüthszustand und auf die Veränderungen zu werfen, auf die wir uns bei ihr gefaßt machen müssen, wenn sie wirklich ihr Augenlicht wieder erhält. Das Ergebniß dieser Aufklärung kann von unberechenbarem Nutzen werden, indem es mich belehrt, wie ich mit der geringsten Beeinträchtigung meiner und ihrer Interessen ihr die Wahrheit mittheilen kann. Bitte, glauben Sie nicht, daß ich Ihren Rath unterschätze. Ich möchte mich nur, bevor ich mein Bekenntniß wage, durch den Rath einer wissenschaftlichen Autorität doppelt gewaffnet haben.«

Ich las aus alledem nur heraus, daß der charakterschwache Oscar sein Gewissen durch einen neuen Aufschub beruhigen wollte und daß sein absurder Einfall, Herrn Sebright um Rath zu fragen, nichts anderes sei, als eine neue und scheinbar plausible Entschuldigung für die abermalige Vertagung des von ihm so gefürchteten Moments. Sein Brief endigte damit, daß er mir die strengste Verschwiegenheit auferlegte und mich bat, es möglich zu machen, daß er mich bei seiner Rückkehr nach Dimchurch mit dem Abendzuge allein sprechen könne.

Ich bekenne, daß ich auf das Ergebniß der beabsichtigten Consultation zwischen dem rathlosen Oscar und dem so entschiedenen Herrn Sebright neugierig war und richtete es daher so ein, daß ich gegen acht Uhr Abends auf dem Wege nach der entfernten Eisenbahnstation allein spazieren ging.

Der zweite Vorfall des Tages war eine vertrauliche Unterhaltung zwischen Lucilla und mir über den Gegenstand, der uns jetzt beide ausschließlich präoccupirte — über die unendlich wichtige Frage der Wiederherstellung ihrer Sehkraft.Das arme Mädchen theilte mir beim Frühstück ihr neu erwecktes Mißtrauen gegen Oscar mit. Er hatte sich wegen seiner Reise nach London bei ihr mit der üblichen Redensart, daß er »Geschäfte« habe, entschuldigt. Sie argwöhnte, da sie wußte, wie er über die Sache dachte, sofort, daß er im Geheimen darauf bedacht sei, Herrn Grosse an der von ihm vorzunehmenden Operation zu verhindern. Es gelang mir, sie über diese Besorgniß dadurch zu beruhigen, daß ich ihr mittheilte, Oscar könne, wie er es mir geschrieben hatte, den deutschen Augenarzt nicht leiden und mißtraue ihm.

»Was er auch in London thun möge«, sagte ich, »darüber können Sie sich beruhigen, liebe Lucilla, ich stehe Ihnen dafür, daß er siec nicht in Herrn Grosses Nähe wagen wird.«

Nach einer langen Pause, die diesen Worten folgte, richtete sich Lucilla plötzlich wieder auf und that abermals eine Aeußerung in Betreff Oscar’s, welche mir eine neue Eigenthümlichkeit der Empfindungsweise, wie sie nur Blinden eigen ist, offenbarte.

»Wissen Sie was?« sagte sie, »wenn ich nicht Oscar heirathen wollte, so zweifle ich, ob ich daran gedacht haben würde, einen Augenarzt nach Dimchurch kommen zu lassen.«

»Ich verstehe Sie nicht recht«, antwortete ich, »Sie können doch unmöglich sagen wollen, daß Sie sich unter irgend welchen Umständen nicht gefreut haben würden, Ihr Augenlicht wieder zu erlangen?«

»Allerdings will ich das sagen«, erwiderte sie.

»Was, Sie, die Sie von Ihrer frühesten Jugend an blind gewesen sind« legen keinen Werth darauf, wieder zu sehen?«

»Ich lege nur Werth darauf, Oscar zu sehen. Und was mehr ist, ich lege nur Werth darauf, ihn zu sehen, weil ich ihn liebe. Ich glaube wirklich nicht, daß es mir, wenn das nicht wäre, irgend ein besonderes Vergnügen gewähren würde, mich meiner Augen zu bedienen. Ich bin so lange blind gewesen! Ich habe es gelernt, mich ohne meine Augen zu behelfen.«

»Unmöglich! ich kann unmöglich glauben, liebe Lucilla, daß Sie das im Ernste meinen!«

Sie lachte und trank ruhig ihren Thee.

»Ihr Leute« die Ihr sehen könnt, legt einen so albernen Werth auf Eure Augen. Ich setze meinen Tastsinn gegen Ihre Augen als den bei Weitem zuverlässigeren und intelligenteren von beiden Sinnen ein. Wenn die Liebe zu Oscar nicht meine Gefühle so ausschließlich erfüllte, wissen Sie, was ich, wenn es möglich wäre, der Wiederherstellung meiner Sehkraft bei Weitem vorgezogen hätte? Aber«, fügte sie im Tone komischer Resignation hinzu, »es ist leider nicht möglich.«

»Was ist unmöglich?«

Sie erhob plötzlich ihre beiden Arme über den Frühstückstisch und sagte:

»Was ich gewünscht hätte, wäre eine ganz unerhörte Verlängerung dieser beiden Arme gewesen. Dann könnte ich mit meinen Händen besser erkennen, was in der Ferne vorgeht, als Ihr mit Euren Augen und Euren Ferngläsern. Welche Zweifel würde ich nicht zum Beispiel in Betreff des Planetensystems für die Sehenden beseitigen können, wenn ich nur weit genug reichen könnte, um die Sterne zu berühren.«

»Wie können Sie nur solchen Unsinn reden, Lucilla?«

»Rede ich denn Unsinn? Sagen Sie mir doch, wer sich im Dunkeln besser zurechtfinden kann, ich mit meinem Tastsinn, oder Sie mit Ihren Augen? Wer von uns Beiden, Sie oder ich, hat einen Sinn, auf den man sich alle Zeit, bei Tage wie bei Nacht, verlassen kann? Wenn Oscar nicht wäre, und ich rede jetzt vollkommen wahrhaft, würde ich viel lieber den Sinn, den ich bereits besitze, vervollkommnen, als mir einen neuen Sinn aneignen. Bevor ich Oscar kannte, habe ich, das kann ich aufrichtig versichern, niemals Jemanden um seine Augen beneidet.«

»Sie setzen mich in Erstaunen« Lucilla.«

Sie klapperte ungeduldig mit ihrem Theelöffel in der leeren Tasse hin und her.

»Können Sie sich selbst bei hellem Tageslicht immer auf Ihre Augen verlassen?« brach sie aus. »Wie oft täuschen dieselben Sie über die einfachsten Dinge? Was war es doch, worüber Ihr Alle neulich im Garten disputirtet, als Ihr nach einem entfernten Punkt sahet?«

»Ja richtig, wir betrachteten die Aussicht jenseits der Baumallee an der anderen Seite der Kirchhofsmauer.«

»Ein Gegenstand in der Allee hatte Eure Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, nicht wahr?«

»Jawohl, ein Gegenstand am unteren Ende derselben.«

»Ich hörte Euch hier oben disputiren. Trotz Eurer wundervollen Augen waret Ihr Alle verschiedener Ansicht. Mein Vater sagte, es bewege sich; Sie sagten, es stehe still; Oscar behauptete, es sei ein Mensch; meine Stiefmutter erklärte es für ein Kalb; Nugent lief hin, um den merkwürdigen Gegenstand in der Nähe zu untersuchen. Und was fand er? Den Stumpf eines alten Baumes, den der Wind in der Nacht zerschmettert und quer über den Weg geworfen hatte. Warum soll ich Leute um einen Sinn beneiden, der ihnen solche Streiche spielt? Nein, nein, Herr Grosse soll mir den Staar stechen, wie er es nennt, weil ich einen Mann heirathen will, den ich liebe und weil ich närrisch genug bin, mir einzubilden, daß ich ihn noch mehr lieben werde, wenn ich ihn sehen kann. Vielleicht habe ich ganz Unrecht«, fügte sie schelmisch hinzu, »vielleicht werde ich ihn schließlich nicht halb so lieb haben wie jetzt.«

Ich dachte an Oscar’s Gesicht, und mich überkam eine wahre Angst, daß ihre Worte vielleicht einen viel ernsteren Sinn haben möchten, als sie selbst ahne. Ich versuchte es, einen anderen Gegenstand aufs Tapet zu bringen. Aber nein! Ihre reiche Einbildungskraft hatte sich schon wieder in eine andere Region verstiegen, bevor ich ein Wort sagen konnte.

»Ich stelle mir«, sagte sie nachdenklich, »unter »hell« alles Schöne und Himmlische, und unter »dunkel« alles Gemeine, Schreckliche und Teuflische vor. Ich bin begierig, wie »heil« und »dunkel« mir erscheinen werden, wenn ich werde sehen können.«

»Ich glaube«, antwortete ich, »die Wirklichkeit wird Ihrer Vorstellung durchaus nicht entsprechen und Sie in das höchste Erstaunen versetzen.«

Sie fuhr zusammen. Ich hatte sie unabsichtlich beunruhigt.

»Ist denn Oscar’s Gesicht ganz anders, als ich es mir jetzt vorstelle?« fragte sie in plötzlich verändertem Ton. »Meinen Sie, daß ich bisher keine richtige Vorstellung von ihm gehabt habe?«

Ich versuchte es abermals, das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken. Was konnte ich Angesichts der am nächsten Tage vorzunehmenden Operation und der Warnung des deutschen Arztes, sie nicht aufzuregen, anders thun?

Aber es war ganz vergebens.

Sie fuhr, ohne sich durch mich stören zu lassen, fort: »Habe ich kein Mittel, mir ein richtiges Bild von Oscar zu machen? Ich kann mein eigenes Gesicht ja auch nur berühren und doch weiß ich, wie lang und wie breit es ist, ich weiß, wie groß die Gesichtszüge sind und wo sie liegen. Und ebenso ist es mit Oscar’s Gesicht; ich vergleiche dasselbe mit dem meinigen. Kein noch so feines Detail entgeht mir. Ich sehe ihn in meinem Geist so deutlich, wie Sie mich jetzt vor sich sehen. Meinen Sie, daß, wenn ich ihn mit meinen Augen sehe, ich etwas für mich ganz Neues entdecken werde? Ich glaube es nicht!« Sie fuhr ungeduldig von ihrem Sitze auf und ging im Zimmer auf und ab.

»O!« rief sie, mit dem Fuß stampfend, »warum kann ich nicht eine hinreichende Portion Opium oder Chloroform nehmen, um sechs Wochen lang zu schlafen und erst wieder zum Leben erwachen, wenn der deutsche Arzt kommt, mir die Binde von den Augen zu nehmen!« Sie setzte sich nieder und warf ganz plötzlich eine rein sittliche Frage auf. »Beantworten Sie mir folgende Frage«, sagte sie, »ist nicht die größte Tugend die, welche am schwersten zu üben ist?«

»Ich glaube ja«, erwiderte ich.

Ungestüm und boshaft trommelte sie, so stark sie konnte, mit beiden Händen auf den Tisch.

»Dann, Madame Pratolungo«, sagte sie, »ist die größte Tugend die Geduld. O, liebe Freundin, wie ich die größte aller Tugenden diesen Augenblick hasse!«

Damit hatte dieses Gespräch ein Ende und die Unterhaltung nahm endlich eine andere Wendung.

Als ich später über die sonderbaren Dinge nachdachte, welche Lucilla zu mir gesagt hatte, fand ich in dem am Frühstückstisch Vorgefallenen einen Trost. Wenn Herrn Sebrigth Aussichten sich als die richtigen erweisen, und die Operation schließlich doch fehlschlagen sollte, so hatte ich Lucilla’s Wort dafür, daß Blindheit an und für sich dem Blinden nicht als das schreckliche Unglück erscheint, als welches wir Uebrigen uns dieselbe vorstellen — weil wir sehen können.

Gegen halb sieben Uhr Abends ging ich, meiner Absicht gemäß, allein aus, um Oscar bei seiner Rückkehr von London zu begegnen.

Aus weiter Entfernung sah ich ihn mir entgegen kommen. Er ging rascher als gewöhnlich und sang dabei. Trotz seiner fahlen Gesichtsfarbe strahlte das Gesicht des armen Menschen von Glück, als er sich mir näherte. In ausgelassener Lustigkeit schwang er seinen Spazierstock in der Luft. »Gute Nachrichten«, rief er mir so laut er konnte entgegen. »Herr Sebright hat mich wieder zu einem glücklichen Menschen gemacht.« Nie war Oscar, mir in seinem Wesen Nugent so ähnlich erschienen wie jetzt, als wir aufeinander zutraten und er mir die Hand reichte.

»Erzählen Sie mir Alles«, sagte ich.

Er gab mir seinen Arm und so gingen wir, die ganze Zeit im lebhaften Gespräch begriffen, langsam nach Dimchurch zurück.

»Für’s Erste«, fing er an, »ist Herr Sebright fester als je von der Richtigkeit seiner Ansicht überzeugt. Er hält es für unzweifelhaft, daß die Operation fehlschlagen wird.«

»Sind das Ihre guten Nachrichten?« fragte ich im vorwurfsvollen Ton.

»Nein«, antwortete er, »wiewohl es, zu meiner Schande sei’s gesagt, eine Zeit gab, wo ich beinahe hoffte, die Operation werde mißlingen. Herr Sebright hat mich in eine bessere Stimmung versetzt. Ich habe wenig oder nichts von einem Gelingen der Operation zu fürchten, wenn dieselbe merkwürdigerweise doch gelingen sollte. Ich erinnere Sie an Sebright’s Ansicht nur deshalb, um Ihnen eine richtige Vorstellung von dem Ton zu geben, welchen er im Beginn unserer Unterhaltung annahm. Nur unter Protest ließ er sich auf eine nähere Erörterung der Eventualität ein, deren Eintritt Lucilla und Herr Grosse als sicher betrachten. Wenn die Mittheilung Ihrer Lage dadurch bedingt ist, sagte er, so räume ich ein, daß es kaum möglich ist, daß sie innerhalb der beiden nächsten Monate im Stande sein wird, Sie zu sehen. Jetzt fangen Sie an. Ich fing damit an, ihm meine Verlobung mitzutheilen.«

»Soll ich Ihnen vorher sagen, wie Herr Sebright diese Mittheilung aufnahm?« sagte ich, »er schwieg und verneigte sich gegen Sie.«

Oscar lachte, »ganz richtig!« sagte er. »Dann erzählte ich ihm von Lucilla’s merkwürdiger Antipathie gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe und gegen dunkle Farben überhaupt. Können Sie auch errathen, was er nach dieser Mittheilung sagte?«

Ich gestand, daß meine Beobachtung von Herrn Sebrights Charakter nicht hinreiche, das zu errathen.

»Er sagte, diese Antipathie sei nach seiner Erfahrung bei den Blinden sehr verbreitet. Es sei das eine der vielen sonderbaren Wirkungen der Blindheit auf das Gemüth »Das körperliche Leiden«, sagte er, »übt seine geheimnißvollen moralischen Wirkungen. Wir können das beobachten, aber nicht erklären. Die besondere von Ihnen erwähnte Antipathie ist unheilbar, außer wenn der mit derselben behaftete Blinde seine Sehkraft wieder erlangt. Bei diesen Worten hielt er inne; ich bat ihn dringend, fortzufahren. Aber nein! er weigerte sich, fortzufahren, bis ich ihm Alles, was ich zu sagen habe, mitgetheilt haben würde. Ich hatte ihm noch mein Bekenntniß abzulegen, und das that ich jetzt.«

»Haben Sie ihm nichts verheimlicht?«

»Nichts, ich bekannte ihm offen meine Schwachheit. Ich sagte ihm, daß Lucilla noch fest überzeugt sei, daß Nugent’s Gesicht und nicht das meinige entstellt sei. Und dann fragte ich ihn: »Was soll ich thun?«

»Und was antwortete er Ihnen darauf?«

»Folgendes: Wenn Sie mich fragen, was sie thun sollen, im Falle sie blind bleibt — und ich wiederhole Ihnen, daß dieser Fall eintreten wird — so muß ich es ablehnen, Ihnen einen Rath zu ertheilen. In diesem Falle müssen Ihr eigenes Gewissen und ihr eigenes Ehrgefühl die Frage entscheiden. Wenn Sie mich dagegen fragen, was Sie thun sollen, wenn sie ihre Sehkraft wieder erlangen sollte, so kann ich Ihnen rückhaltslos die entschiedenste Antwort geben. Thun Sie jetzt nichts »und warten Sie ruhig, bis sie wieder sehen kann. Das waren seine eigenen Worte. O, welche Last mir damit vom Herzen genommen war! Ich bat ihn, die Worte zu wiederholen, ich gestehe, ich wagte es kaum, meinen Ohren zu trauen.«

Ich begriff Oscar’s gehobene Stimmung besser, als Herrn Sebrights Rath.

»Begründete er seinen Rath« fragte ich.

»Sie sollen seine Gründe gleich hören. Er bestand zunächst darauf, daß ich meine Stellung, wie sie in diesem Augenblick sei, ganz begreife. Die erste Bedingung des Gelingens der Operation, sagte er, ist, wie Herr Grosse Ihnen gesagt hat, die vollständigste Ruhe der Patientin. Wenn Sie bei Ihrer Rückkehr nach Dimchurch heute Abend der jungen Dame Ihr Bekenntniß ablegen wollten, so würden Sie sie in einen Zustand der Aufregung versetzen, welcher es meinem deutschen Collegen unmöglich machen würde, sie morgen zu operieren. Wenn sie dagegen Ihr Geständniß verschieben, so sind Sie durch die Bedingungen der Kur genöthigt, zu schweigen, bis die ärztliche Behandlung ihr Ende erreicht hat. So liegen die Dinge für Sie. Ich rathe Ihnen, das Letztere zu thun. Warten Sie und lassen Eie die übrigen in Ihr Geheimniß eingeweihten Personen warten, bis das Ergebniß der Operation feststeht. Hier unterbrach ich ihn. Sind Sie der Meinung, daß ich in dem Moment, wo sie zum ersten Male ihre Augen wird gebrauchen können, gegenwärtig sein soll? fragte ich. Soll ich mich vor ihr blicken lassen, ohne daß sie vorher auf meine Gesichtsfarbe vorbereitet worden ist?«

Jetzt waren wir bei dem interessantesten Punkt der ganzen Frage angelangt. Die Engländer stehen, wenn sie sich auf einem Spaziergange mit einem Freunde unterhalten, auch wenn das Gespräch die interessanteste Wendung nimmt, niemals still. Wir Ausländer dagegen bleiben bei solchen Gelegenheiten einen Augenblick stehen. Oscar schien ganz überrascht, als ich ihn plötzlich mitten auf der Landstraße zum Stillstehen zwang.

»Was gibt’s?« fragte er.

»Gehen Sie weiter«, sagte ich ungeduldig. »Ich kann nicht weiter«, erwiderte er, »Sie halten mich ja fest.« Ich hielt ihn noch fester und hieß ihn noch energischer weitergehen. Oscar mußte sich darin ergeben, nach ausländischer Sitte auf der Landstraße stillzustehen.

»Herr Sebright erwiderte meine Frage mit einer andern Frage«, nahm er wieder auf. »Er fragte mich, wie ich Lucilla auf meine Gesichtsfarbe vorbereiten wolle.« »Und was antworteten Sie?« »Ich sagte ihm, ich habe die Absicht gehabt, mich wegen meiner Entfernung von Dimchurch zu entschuldigen, und dann, wenn ich einmal fort sei, Lucilla schriftlich auf das vorzubereiten, was sie bei meiner Rückkehr an mir sehen werde.«

»Und was meinte er dazu?« »Er wollte nichts davon hören. Er sagte: Ich kann Ihnen nur dringend anempfehlen, im ersten Moment, wo sie, wenn dieser Moment überall eintreten wird, zu sehen im Stande sein wird, anwesend zu sein. Ich lege den größten Werth darauf, daß sie in den Stand gesetzt werde, die abscheuliche und abgeschmackte Vorstellung, die ihr jetzt von einem Gesichte wie dem Ihrigen vorschwebt, sobald wie möglich durch Ihren Anblick zu berichtigen.«

Wir hatten uns eben wieder in Bewegung gesetzt, als gewisse Worte in diesem letzten Satz mich erschreckten. Ich blieb wieder stehen.

»Abscheuliche und abgeschmackte Vorstellung«, wiederholte ich, indem mir sofort meine diesen Morgen mit Lucilla geführte Unterhaltung einfiel. »Was dachte sich Herr Sebright dabei, als er sich solcher Ausdrücke bediente?«

»Gerade das fragte ich ihn auch. Seine Antwort wird Sie interessieren; sie führte ihn auf eine nähere Angabe seiner Gründe, nach denen Sie vorhin fragten. Wollen wir weiter gehen?«

Meine noch eben wie festgebannten ausländischen Füße setzten sich wieder in Bewegung und wir gingen weiter.

»Als ich«, fuhr Oscar fort, »mit Herrn Sebright von Lucilla’s eingewurzeltem Vorurtheil gesprochen, hatte er mich durch die Bemerkung überrascht, daß ein solches Vorurtheil nach seiner Erfahrung bei Blinden sehr gewöhnlich und nur durch die Wiederherstellung von Lucilla’s Sehkraft heilbar sei. Zur Unterstützung dieser Behauptungen erzählte er mir jetzt zwei interessante Fälle aus seiner Praxis. Der erste Fall war der der kleinen Tochter eines indischen Offiziers, welche wie Lucilla seit ihrer Kindheit blind war. Nachdem er sie mit Erfolg operirt, trat endlich der Augenblick ein, wo er seiner Patientin erlauben konnte, ihre Augenkraft zu versuchen — das heißt zu versuchen, ob sie anfänglich hinlänglich gut sehen könne, um dunkle von hellen Gegenständen zu unterscheiden. Unter den Mitgliedern der Familie und der Dienerschaft, die sich versammelt hatten, um im Augenblick der Abnahme der Binde von den Augen des operierten Mädchens zugegen zu sein, befand sich eine indische Amme, welche mit der Familie nach England gekommen war. Die erste Person, welche das Kind sah, war seine Mutter, eine schöne Frau. Sie faltete ihre kleinen Hände voll Erstaunen, das war Alles. Im nächsten Augenblick aber sah sie die dunkelfarbige indische Amme und — stieß sofort einen Schrei des Entsetzens aus. Herr Sebright gestand mir, daß er sich das nicht habe erklären können. Das Kind konnte unmöglich mit Farben bestimmte Begriffe verbinden. Und doch trat hier bei einem zehnjährigen Kinde der Haß und Widerwille gegen dunkle Gegenstände — dieser den Blinden eigenthümliche Haß und Widerwille — unzweideutig zu Tage. Mein erster Gedanke bei dieser Erzählung war der an mich selbst und an meine Aussichten bei Lucilla. Meine erste Frage war: Gewöhnte sich das Kind an den Anblick der Amme? Seine Antwort lautete wörtlich: Nach Verlauf einer Woche fand ich das Kind so ruhig auf dem Schooß der Amme sitzen, wie ich hier auf diesem Stuhl sitze. Das ist ermuthigend nicht wahr?«

»Gewiß, höchst ermuthigend — das kann Niemand bestreiten.

»Das zweite Beispiel war noch merkwürdiger. Hier handelte es sich um den Fall eines erwachsenen Mannes und der Zweck der Mittheilung war, mir zu zeigen, welche sonderbar phantastische Vorstellungen sich die Blinden von den sie umgebenden Menschen machen. Der Patient war verheirathet und sollte, wie Lucilla mich, seine Frau zum ersten Male sehen. Man hatte ihn vor seiner Verheirathung mitgetheilt, daß ihr Ge sicht durch eine Narbe auf einer Backe entstellt sei. Die arme Frau, ach wie gut kann ich mich an ihre Stelle versetzen, zitterte bei dem Gedanken an den Verhängnißvollen Augenblick. Der Mann, der sie zärtlich geliebt hatte, so lange er blind war, würde sie vielleicht hassen, wenn er ihr durch eine Narbe entstelltes Gesicht sähe. Ihr Gatte selbst suchte sie zu trösten, sobald die Operation beschlossen war. Er erklärte, sein Tastsinn und die Schilderungen Anderer hätten ihn in den Stand gesetzt, sich ein vollständiges und getreues Bild von dem Gesicht seiner Frau zu machen. Vergebens bemühte sich Sebright, ihm vorzustellen, wie es physisch unmöglich sei, daß er sich eine wirklich correcte Vorstellung von irgend einem belebten oder unbelebten Gegenstands den er nie gesehen hatte, mache. Er wollte nichts davon hören. Er hielt sich des Erfolges für so sicher, daß er die Hände seiner Frau, um sie zu ermuthigen, in den seinigen hielt, als ihm die Binde abgenommen wurde. Bei dem ersten Blick auf seine Frau aber er stieß einen Schrei des Entsetzens aus und sank ohnmächtig in seinen Stuhl zurück. Die arme Frau war in Verzweiflung. Herr Sebright that sein Bestes, sie zu beruhigen und wartete, bis ihr Gatte wieder im Stande sein würde, die an ihn gerichteten Fragen zu beantworten. Da stellte es sich denn heraus, daß er sich in seiner Blindheit eine der Wirklichkeit so wenig entsprechende, so possierliche und schreckliche Vorstellung von seiner Frau gemacht hatte, daß man nicht recht wußte, ob man darüber lachen oder sich darüber entsetzen mußte. Im Vergleich mit dieser ihm vertraut gewordenen Vorstellung war sie schön wie ein Engel — und doch wurde er, eben weil er sich einmal an diese Vorstellung gewöhnt hatte, von ihrem ersten Anblick angewidert und erschreckt. Nach Verlauf weniger Wochen war er im Stande, seine Frau mit anderen Frauen zu vergleichen, Gemälde zu betrachten und Schönheit von Häßlichkeit zu unterscheiden und von jener Zeit an haben die Leute so glücklich mit einander gelebt, wie je ein Ehepaar in der Welt.« Ich war nicht ganz sicher, worauf dieses letzte Beispiel abzielte. Es beunruhigte mich, wenn ich an Lucilla dachte. Ich stand wieder still.

»Welche Anwendungen machte Herr Sebright von diesem zweiten Fall auf Sie und Lucilla?« fragte ich.

»Das sollen Sie gleich hören«, erwiderte Oscar. »Er berief sich zunächst auf den Fall, um durch denselben seine Behauptung zu unterstützen, daß Lucilla’s Vorstellung von mir meiner wirklichen Erscheinung völlig unähnlich sein müsse. Er fragte mich, ob ich jetzt überzeugt sei, daß sie keinen richtigen Begriff von Gesichtern und Farben haben könne, und ob ich nicht mit ihm der Ansicht sei, daß ihre Vorstellung von dem Mann mit dem blauen Gesicht höchst wahrscheinlich in ihrer phantastischen Häßlichkeit der Wirklichkeit durchaus nicht entspräche? Natürlich stimmte ich ihm darin, nach dem was er mir mitgetheilt hatte, völlig bei. »Nun gut«, sagte Herr Sebright, »jetzt lassen Sie uns nicht vergessen, daß ein wichtiger Unterschied zwischen Fräulein Finch und dem Ihnen eben erzählten Fall besteht. Die Vorstellung des blinden Gatten von seiner Frau war ihm lieb geworden, sein Entsetzen bei ihrem ersten Anblick nur dadurch zu erklären. Dagegen ist die Vorstellung, die Fräulein Finch sich in ihrer Blindheit von dem blauen Gesicht macht, ihr verhaßt, sie verwünscht sie. Darf man daraus nicht mit Fug schließen, daß der erste Anblick Ihrer wirklichen Erscheinung sie nicht entsetzen, sondern wohlthätig berühren wird? Meine Erfahrungen berechtigen mich zu diesem Schluß und ich rathe Ihnen in Ihrem eigenen Interesse, in dem Augenblick, wo Fräulein Finch die Binde von den Augen genommen werden wird, zugegen zu sein. Selbst wenn ich mich darin irren sollte, selbst wenn sie sich nicht sofort mit Ihrem Anblick sollte aussöhnen können, so können Sie doch aus dem anderen Beispiel, von dem Kinde und der indischen Amme die Ueberzeugung schöpfen, daß es sich hier nur um eine Frage der Zeit handelt. Früher oder später wird sie die Entdeckung aufnehmen, wie es jedes andere junge Mädchen thäte. Zuerst wird sie entrüstet über Ihre Täuschung sein und schließlich wird sie Ihnen, wenn Sie ihrer Neigung gewiß sind, verzeihen. Das ist meine Ansicht von Ihrer Lage und das sind die Gründe, auf welche ich dieselbe stütze. Inzwischen beharre ich bei meiner ursprünglichen Ansicht. Ich bin fest überzeugt, daß Sie nie in den Fall kommen werden, meinen Rath zu befolgen. Die Chancen sind hundert gegen eins, daß sie, wenn ihr die Binde von den Augen genommen wird, so wenig im Stande sein wird, Sie zu sehen, wie sie es jetzt ist.« Das waren seine letzten Worte und darauf verließ ich ihn.«

Oscar und ich gingen nun eine kleine Strecke schweigend neben einander her.

Ich konnte nichts gegen Herrn Sebrights Gründe sagen; es war unmöglich, die Erfahrungen, denen diese Gründe entnommen waren, in Zweifel zu ziehen. Ich war überzeugt, daß sein Rath sich bei den meisten Blinden als gut erwiesen haben würde und daß seine Schlüsse eine vollkommene Berechtigung hatten. Aber Lucilla war kein gewöhnlicher Charakter. Ich kannte sie besser, als Herr Sebright, und je mehr ich an die Zukunft dachte, desto weniger vermochte ich Oscar’s hoffnungsvolle Anschauungen zu theilen. Sie war gerade die Person, im kritischen Augenblick etwas zu sagen oder zu thun, was die klügste Voraussicht Lügen strafen würde. Niemals waren mir Oscar’s Aussichten trüber erschienen, als eben in jenem Augenblick.

Es wäre unnütz und grausam gewesen, ihm zu sagen, was ich eben hier ausgesprochen habe. Ich suchte ein möglichst vergnügtes Gesicht zu machen und fragte, ob er Herrn Sebright’s Rath zu befolgen gedenke. »Ja«, sagte er, »das heißt mit seinem gewissen Vorbehalt, der mir erst einfiel, nachdem ich sein Haus verlassen hatte.«

»Darf ich fragen, worin dieser Vorbehalt besteht?«

»Gewiß. Ich denke Nugent zu bitten, Dimchurch zu verlassen, bevor Lucilla zum ersten Male nach der Operation ihre Sehkraft erprobt. Das wird er mir zu Gefallen thun, das weiß ich gewiß.»

»Und wenn er es gethan haben wird, was dann?«

»Dann denke ich, wie mir Herr Sebright gerathen hat, bei der Abnahme der Binde zugegen zu sein.«

»Nachdem Sie», schaltete ich ein, »Lucilla vorhergesagt haben, daß Sie im Zimmer sind?« »Nein, dann werde ich die Vorsicht gebrauchen, aus die ich eben anspielte. Ich beabsichtige Lucilla unter dem Eindruck zu lassen, daß ich Dimchurch verlassen habe und daß es Nugent’s Gesicht ist, das sie zuerst sehen wird. Wenn es sich dann zeigt, daß Herr Sebright Recht gehabt hat und ihre erste Empfindung die der Befreiung von einer Furcht ist, werde ich ihr noch an demselben Tage die Wahrheit gestehen. Wenn nicht, so werde ich mit meinem Geständniß warten, bis sie sich mit meinem Anblick ausgesöhnt hat. Auf diese Weise bin ich auf jede mögliche Wendung der Sache vorbereitet. Das ist einer der wenigen guten Gedanken, auf die mein dummer Kopf verfallen ist, seit ich in Dimchurch bin.« Er sprach diese letzten Worte mit einer so harmlos triumphirenden Miene, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, ihm zu sagen, was ich von seinem Plan halte. Alles, was ich sagte, war: »Vergessen Sie nicht, Oscar daß das Gelingen eines noch so fein ersonnenen Planes immer von Umständen abhängt. Im letzten Augenblick kann sich etwas ereignen, was Sie zwingen würde, die Wahrheit zu sagen.«

Als ich diese letzte Warnung an ihn ergehen ließ, hatten wir das Pfarrhaus in Sicht bekommen. Nugent schlenderte, um nach uns auszusehen, die Landstraße auf und ab. Ich verließ Oscar, damit er seinem Bruder seinen Bericht abstatten könne und ging in’s Haus.

Lucilla saß, als ich in’s Wohnzimmer trat, am Clavier. Sie spielte und, was sie selten that, sang dazu. Was sie sang war von ihr gedichtet und componirt. »Ich werde ihn sehen! Ich werde ihn sehen!« so lauteten die Anfangs- und Endworte der Composition. Sie sang diese Worte auf alle ihr erinnerlichen frohen Melodien. Auch ihre Hände schienen freudig aufgeregt und schienen jeden Augenblick die Saiten zersprengen zu wollen. Noch nie, so lange ich im Pfarrhause war, hatte ich so laute Musik in unserm Wohnzimmer gehört. Sie war in einem Freudenfieber, das mich in meinem Böses ahnenden Gemüthe höchst peinlich berührte. Ich zog sie gewaltsam von dem Clavier fort und schloß dasselbe.«

»Um’s Himmelswillen, beruhigen Sie sich«, sagte ich. »Wollen Sie sich denn so aufregen, daß Sie ganz erschöpft sein werden, wenn Herr Grosse morgen kommt?«

Diese Ermahnung brachte sie sofort zur Besinnung. Mit der Plötzlichkeit, die wir sonst nur bei Kindern beobachten, wurde sie auf einmal ganz ruhig.

»Ich hatte das vergessen«, sagte sie, indem sie sich mit einem traurigen Gesicht in eine Ecke setzte. »Er wäre im Stande sich zu weigern, die Operation vorzunehmen. O, liebe Freundin, bringen Sie mich auf irgend eine Weise zur Ruhe. Nehmen Sie ein Buch und lesen Sie mir etwas vor.«

Ich nahm ein Buch zur Hand. O, der arme Autor! Weder sie noch ich nahmen die mindeste Notiz von ihm. Noch schlimmer, wir schalten ihn, weil er uns nicht interessierte, klappten ihn dann heftig zu und stellten ihn rücksichtslos auf den Kopf an seinen Platz auf dem Bücherbrett und gingen zu Bett.

Als ich in ihr Schlafzimmer trat, um ihr gute Nacht zu sagen, stand sie am Fenster.Das milde Mondlicht ergoß sich zärtlich über ihr liebliches Gesicht. »Du Mond, den ich nie gesehen habe«, murmelte sie leise vor sich hin, »ich fühle, daß Du mich ansiehst. Wird die Zeit kommen, wo ich Dich wieder ansehen werde?« Sie trat vom Fenster zurück und legte meine Finger eifrig an ihren Puls. »Bin ich jetzt wieder ganz ruhig?« fragte sie. »Wird er mich morgen wohl ruhig genug finden? Fühlen Sie, fühlen Sie, er geht jetzt ganz ruhig?« Ich fühlte ihn, er ging rascher und rascher. »Der Schlaf wird ihn beruhigen«, sagte ich und küßte sie.

Sie schlief gut. Ich aber brachte eine so elende Nacht zu und stand so völlig erschöpft auf, daß ich genöthigt war, mich nach dem Frühstück wieder zu legen. Lucilla redete mir zu, es zu thun.

»Herr Grosse wird erst Nachmittags eintreffen«, sagte sie, »ruhen Sie sich aus bis er kommt.«

Wir hatten aber unsere Rechnung ohne Rücksicht auf den excentrischen Charakter unseres deutschen Arztes gemacht. Mit Ausnahme seiner Berufsgeschäfte that Herr Grosse alles nach Impulsen und nichts nach einer vorgeschriebenen Regel.

Ich war noch nicht lange in einen unruhigen, unerquickenden Schlaf versunken, als ich Zillah’s Hand auf meiner Schulter fühlte und ihre Stimme vernahm.

»Bitte, stehen Sie auf, Madame; er ist da, er ist mit dem Morgenzug von London gekommen.«

Ich eilte in’s Wohnzimmer.

Da saß Herr Grosse am Tisch, vor sich ein offenes chirurgisches Besteck und liebäugelte mit seinen wilden Augen mit einer gräulichen Schaar von Scheeren, Sonden und Messern, während sein danebenstehender schäbiger Hut mit einem unordentlichen Packen von Charpie und Binden vollgestopft war. Und bei ihm stand Lucilla über ihn gebeugt, die eine Hand vertraulich auf seine Schulter gelegt und mit der andern eines seiner schrecklichen Instrumente geschickt betastend, um sich einen Begriff von der Gestalt desselben zu machen.



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel - Nugent verräth sein Spiel

Ich habe den ersten Theil meiner Erzählung am Tage der Operation, den fünfundzwanzigsten Juni, geschlossen.

Ich beginne den zweiten Theil sechs oder sieben Wochen später, am neunten August.

Wie verfloß die Zeit während dieser Wochen in Dimchurch? Indem ich meine Erinnerungen auffrische, steigen die Vorgänge in der Familie während jener sechs Wochen wieder lebendig vor mir auf. Bei diesem Rückblick erscheinen sie trostlos, langweilig und ereignißlos. Ich begreife jetzt kaum mehr, wie wir es in jenen langweiligen Wochen aushielten, wie wir die gezwungene Unthätigkeit, die schwere Last der Ungewißheit ertrugen.

Lucilla ertrug den einförmigen Wechsel zwischen dunklem Schlaf- und dunklem Wohnzimmer, das fortwährende Tragen einer Binde, außer wenn der Arzt ihre Augen untersuchte, sie ertrug dieses Gefängnißleben und was schlimmer war, die Ungewißheit während ihrer Prüfungszeit, mit dem Muth der Hoffnung, der Alles ertragen lehrt. Mit Hilfe von Büchern, von Musik, von Geplauder und vor Allem mit Hilfe der Liebe überwand sie die träge Langeweile der aufeinander folgenden Stunden, bis der Augenblick gekommen sein würde, wo dies zwischen den Augenärzten streitige Frage, die schreckliche Frage, wer von den bei den, Herr Sebright oder Herr Grosse, Recht habe, sich entscheiden würde.

Ich war bei der Untersuchung, die schließlich allen Zweifeln ein Ende machte, nicht zugegen. Ich traf Oscar im Garten, jeder, auch der kleinsten Selbstbeherrschuug ganz so unfähig, wie ich ihn kannte. Wir gingen schweigend nebeneinander auf dem Rasen auf und ab, wie zwei Thiere in einem Käfig. Zillah war die einzige Zeugin der Untersuchung der Augen unserer armen Lucilla durch den deutschen Arzt. Nugent hatte versprochen, im anstoßenden Zimmer zu warten und uns vom Zimmer aus das Ergebniß zu melden. Aber Herr Grosse kam ihm noch zuvor. Wieder hörten wir ihn in seiner eigenthümlichen Redeweise rufen »Halloh! he, ho! Halloh! he, ho!« wieder sahen wir sein riesiges seidenes Schnupftuch zum Fenster hinauswehen.

Mich machte die Aufregung des Augenblicks — die Verzückung krank; denn in eine solche versetzten mich die drei elektrisirenden Worte: »Sie kann sehen.« Herr des Himmels! wie wir auf Herrn Sebright schalten, als wir uns in Lucillais Wohnzimmer Alle wieder vereinigt hatten.

Nachdem die erste Aufregung vorüber war, galt es neuen Schwierigkeiten zu begegnen.

Von dem Augenblick an, wo sie bestimmt wußte, daß die Operation gelungen sei, war unsere bisher so geduldige Lucilla wie umgewandelt. Sie lehnte sich jetzt unablässig gegen die Vorsichtsmaßregeln auf, welche den Tag, wo sie zuerst ihre Sehkraft würde erproben können, hinausschob. Es bedurfte meines ganzen Einflusses, der Bitten Oscar’s und des wüthenden Protestes unseres vortrefflichen deutschen Arztes, — mit Herrn Grosse war nicht zu spaßen, das kann ich versichern, — um sie in der ärztlichen Zucht, welche sie in ihren Klauen hielt, zu halten. Wenn sie ganz unlenksam wurde und sich die heftigsten Ausfälle gegen ihn in seiner Gegenwart erlaubte, so pflegte unser guter Grosse sie in einer Sprache, die er sich selbst zurecht gemacht hatte, fluchend zu schelten, wodurch er sie regelmäßig zum Lachen reizte und allmählig zum Gehorsam zurückbrachte. Ich sehe ihn noch, während ich dieses schreibe, wie er bei solchen Gelegenheiten mit funkelnden Augen und seinen schäbigen Hut schief auf dem Kopfe das Zimmer verließ. »So! Sie kleiner Feuerkopf! Wenn Sie die Binde, die ich Ihnen angelegt habe, anrühren, so soll Sie dieser und Jener — weiter sage ich nichts! Adieu!«

Und nun will ich von den Zwillingsbrüdern reden.

Durch feinen Besuch bei Herrn Sebright über die Zukunft beruhigt, zeigte sich Oscar während der Zeit, von der ich jetzt rede, von seiner besten Seite.

Lucilla’s Haupttrost während der Tage, die sie im dunkeln Zimmer zubringen mußte, bestand in dem, was ihr Geliebter thun konnte, um ihr Erleichterung zu verschaffen und sie zu ermuthigen. Und er ließ es nicht an sich fehlen; seine Geduld war unerschöpflich; seine Ergebenheit grenzenlos. Ich spreche es im Hinblick auf spätere Ereignisse mit betrübtem Herzen aus; aber ich sage nur die Wahrheit, wenn ich erkläre, daß er in jenen letzten Tagen ihrer Blindheit, wo seine Gesellschaft ihr so unschätzbar war, sich ihrem Herzen noch theurer machte. In wie feurigen Ausrücken pflegte sie von ihm zu reden, wenn sie und ich Nachts miteinander allein waren. Man verzeihe mir, wenn ich diesen Theil der Geschichte von Oscar’s Werbung unerzählt lasse. Ich mag nicht davon schreiben — nicht daran denken. Gehen wir zu etwas Anderem über.

Wir müssen uns jetzt mit Nugent beschäftigen. Arm wie ich bin, würde ich doch viel darum geben, wenn ich seiner nicht mehr zu gedenken brauchte. Aber es geht nicht. Ich muß von dem Elenden erzählen und Ihr müßt es lesen, ob wir mögen oder nicht.

In jenen Tagen der Gefangenschaft Lucilla’s geschah es zum ersten Mal, daß ich mich in meinem Liebling getäuscht fand. Er und sein Bruder schienen die Rollen getauscht zu haben. Jetzt fiel der Vergleich der beiden Brüder zu Nugent’s Ungunsten aus. Er überraschte und betrübte seinen Bruder dadurch, daß er Browndown verließ. »Alles was ich für Dich thun kann, habe ich gethan«, sagte er. »Für jetzt kann ich Niemandem hier mehr was nützen, laßt mich gehen. Ich roste in diesem elenden Nest ein; ich muß und will Abwechselung haben.« Vergebens versuchte es Oscar, durch Bitten bei Nugent eine Sinnesänderung hervorzubringen.

Eines Morgens war er, ohne irgendjemandem Lebewohl gesagt zu haben, verschwunden. Er hatte davon gesprochen, er werde eine Woche fortbleiben; er blieb einen ganzen Monat fort. Wie wir hörten, führte er während der Zeit ein wildes Leben mit wüsten Gesellen. Man berichtete uns, daß sich eine wahnsinnige Ruhelosigkeit, die Niemand erklären konnte, seiner bemächtigt habe. Eines Tages war er ebenso plötzlich, wie er verschwunden war, wieder da. Seine wankelmüthige Natur hatte ihn inzwischen in das entgegengesetzte Extrem seines bisherigen Verhaltens verfallen lassen. Er bereuete jetzt bitter sein unbedachtes Benehmen; er war in einem Zustand der Niedergeschlagenheit, aus dem man ihn vergeblich zu reißen suchte; er verzweifelte an sich selbst und an seiner Zukunft. Bisweilen sprach er davon, nach Amerika zurückzukehren und dann wieder wollte er sich als Freiwilliger anwerben lassen. Ich zweifle, daß irgend Jemand, der wie ich Tag und Nacht von der Sorge für Lucilla hingenommen gewesen wäre, an meiner Stelle jene Anzeichen richtig gedeutet hätte. Selbst wenn ich von Natur argwöhnisch gewesen wäre, was ich Gott sei Dank nicht bin, so hätte doch mein Argwohn in der Alles verschlingenden Atmosphäre angstvoller Ungewißheit die Morgens, Mittags und Abends in dem dunklen Zimmer auf mir lastete, nicht aufkommen können.

An diesen kurzen Notizen über das, was die Hauptpersonen dieser Erzählung während der sechs Wochen, welche den ersten Theil vom zweiten trennen, sprachen und thaten, mag es genug sein.

Ich nehme meine Erzählung am neunten August wieder auf.

Das war der denkwürdige Tag, an welchem Herr Grosse beschlossen hatte, das Experiment zu wagen, Lucilla die Binde abzunehmen und ihr zu gestatten, zum ersten Mal ihre Sehkraft zu versuchen. Der Leser erlasse mir, zu schildern, was er sich selbst besser vorstellen können wird, die rasende Aufregung die jetzt, wo wir an der Schwelle des für unser Alter Leben so verhängnißvollen Ereignisses, welches ich im Beginn dieser Blätter zu erzählen versprochen habe, standen, in unserem kleinen Kreise herrschte.

Ich war an jenem Morgen zuerst von allen Bewohnern des Pfarrhauses auf den Beinen. Mein leicht erregbares französisches Blut wallte wie im Fieber. Unwillkürlich drängte sich mir die Erinnerung an mein eigenes Schicksal in längst vergangenen Tagen auf in jenen Tagen, wo mein ruhmwürdiger Pratolungo und ich, nachdem wir dem Schicksal und den Tyrannen unterlegen waren, als Märtyrer jener undankbaren Republik (hoch lebe die Republik!), für welche ich mein Geld und mein Gatte sein Leben opferte, in England eine Zuflucht suchen mußten.

Ich öffnete mein Fenster und begrüßte die an einem klaren Himmel aufgehende Sonne als ein gutes Vorzeichen. Als ich eben wieder von dem Fenster zurücktreten wollte, sah ich, wie eine Gestalt aus dem Gebüsch geschlichen kam und auf den Rasen trat.

Die Gestalt kam näher und ich erkannte Oscar.

»Was in aller Welt machen Sie da zu dieser frühen Stunde«, rief ich ihm zu.

Er legte die Finger an die Lippen, trat dicht an mein Fenster heran und flüsterte mir zu:

»Still. Lassen Sie Lucilla nichts hören. Kommen Sie zu mir herunter, sobald Sie können. Ich muß Sie sprechen.«

Als ich zu ihm in den Garten hinunter kam, sah ich sofort, daß etwas nicht in Ordnung sei.

»Bringen Sie schlimme Nachrichten von Browndown?« fragte ich.

»Ich habe mich in Nugent getäuscht«, antwortete er.

»Erinnern Sie sich jenes Abends, wo Sie mir nach meiner Consultation bei Sebright entgegen kamen?«

»Gewiß.«

»Ich sagte Ihnen damals, daß ich Nugent bitten wolle, an dem Tage, wo Lucilla zum ersten Mal zu sehen versuchen würde, Dimchurch zu verlassen.«

»Nun?«

»Nun, jetzt weigert er sich, Dimchurch zu verlassen.«

»Haben Sie ihm denn Ihre Gründe angegeben?«

»Ganz genau. Ich sagte ihm, wie unmöglich es sei, vorauszusagen, was sich ereignen könne. Ich erinnerte ihn daran, daß so vielleicht von der größten Wichtigkeit für mich sein würde, die Vorstellungen, die Lucilla jetzt habe, eine Zeitlang aufrecht zu erhalten. Ich versprach ihm, ihn sobald Lucilla sich mit meinem Anblick ausgesöhnt haben würde, zurückzurufen und ihr in seiner Gegenwart die Wahrheit zu sagen. Alles das sagte ich ihm, und was glauben Sie, antwortete er mir.«

»Hm er es Ihnen positiv verweigert?«

»Nein. Er trat an’s Fenster und dachte eine Weile nach. Dann drehte er sich plötzlich um und sagte: »Was hast Du mir als Herrn Sebrigth Ansicht mitgetheilt? Herr Sebright war der Meinung, Lucilla würde sich bei Deinem Anblick, statt entsetzt zu sein, erleichtert fühlen. Wenn aber dem so ist, wozu brauche ich denn fortzugehen? Du kannst ihr ja auf der Stelle sagen, daß es Dein und nicht mein Gesicht ist, welches sie zuerst gesehen hat?« Bei diesen Worten steckte er die Hände in die Taschen — Sie kennen ja Nugent’s Manier — und trat wieder an’s Fenster, als ob er nun jede Schwierigkeit beseitigt habe.«

»Und was erwiderten Sie ihm?«

»Ich sagte: »Wenn aber Herr Sebright sich geirrt haben sollte?« Er antwortete mir nur: »Wenn aber Herr Sebright sich nicht geirrt haben solltet?« Ich folgte ihm ans Fenster; ich hatte ihn noch nie so unfreundlich gegen mich gesehen, wie in jenem Augenblick. »Was hast Du denn dagegen, Dich auf ein paar Tage zu entfernen«, fragte ich. »Das will ich Dir sagen«, erwiderte er. »Ich bin dieser ewigen — Verwickelungen überdrüssig. Es ist unnöthig und grausam, die Täuschung noch länger fortbestehen zu lassen. Herrn Sebrigth Rath ist gut. Laß sie Dich sehen, wie Du wirklich bist.« Mit diesen Worten ging er zur Thür hinaus. Etwas, ich weiß nicht, was es ist, hat ihn ganz aus der Fassung gebracht. Bitte, sehen Sie doch zu, was Sie mit ihm anfangen können. Sie sind jetzt meine einzige Hoffnung!«

Ich muß gestehen, daß es mir widerstrebte, mich in die Sache zu mischen. So plötzlich und auffallend Nugent auch seine Meinung geäußert hatte, so schien er mir doch unleugbar Recht zu haben. Andererseits aber sah Oscar so unglücklich und verzweifelt aus, daß es mir unmöglich schien, ihm gerade an diesem Tage noch einen neuen Kummer zu bereiten und ihm seine Bitte rundweg abzuschlagen. Ich versprach ihm, zu thun was ich könne — und schmeichelte mir im Geheimen mit der Hoffnung, daß die Umstände mich der Nothwendigkeit überheben würden, überhaupt irgend etwas zu thun.

Aber die Umstände sollten mein Vertrauen auf sie nicht rechtfertigen.

Nach dem Frühstück war ich in’s Dorf gegangen, um einige Einkäufe von Lebensmitteln zu dem würdigen Empfange des Herrn Grosse zu machen, als ich meinen Namen hinter mir aussprechen hörte und, als ich mich umdrehte, Nugent mir gegenüber stehen sah.

»Hat mein Bruder Sie diesen Morgen, noch ehe ich aufgestanden war, geplagt?« fragte er.

Die Art, wie er diese Worte sprach, ließ mich erkennen, daß er wieder in dieselbe verstockte unangenehme Manier verfallen sei, die mir schon bei meiner letzten Unterredung mit ihm im Pfarrhausgarten ebenso unerklärlich gewesen war, wie sie mir mißfallen hatte.

»Oscar hat diesen Morgen mit mir gesprochen«, erwiderte ich.

»Ueber mich?«

»Allerdings, Sie haben ihn sehr unglücklich gemacht.«

»Ich weiß! Ich weiß! Oscar ist schlimmer ins ein Kind. Ich fange an, alle Geduld mit ihm zu verlieren.«

»Es thut mir leid, Sie das sagen zu hören, Nugent. Sie haben seine Schwäche bisher so geduldig ertragen, nun werden Sie doch wohl heute Nachsicht gegen ihn üben können? Seine ganze Zukunft steht bei dem, was sich in einigen Stunden in Lucilla’s Wohnzimmer vielleicht ereignen wird, auf dem Spiel.«

»Er macht aus einer Mücke einen Elephanten und das thun Sie auch.«

Er sagte das in einem bitterem fast rohen Tone. Ich antwortete gleichfalls ziemlich scharf:

»Sie sind der letzte Mensch, der ein Recht hätte, das zusagen. Oscar befindet sich Lucilla gegenüber mit Ihrem Wissen und Ihrer Zustimmung in einer falschen Position. Im Interesse Ihres Bruders erklärten Sie sich mit der Täuschung, die gegen sie verübt worden ist, einverstanden. Jetzt bittet man Sie, wieder im Interesse Ihres Bruders, Dimchurch zu verlassen. Warum weigern Sie sich, das zu thun?«

»Ich weigere mich, weil ich mich zu Ihrer Auffassung bekehrt habe. Erinnern Sie sich, was sie mir damals im Gartenpavillon in Betreff Oscar’s und in Betreff meiner sagten? Sie sagten, wir machten uns Lucilla’s Blindheit in grausamer Weise zu Nutze. Sie hatten Recht. Es war wirklich grausam von uns, ihr nicht die Wahrheit zu sagen und ich möchte mich nicht länger des Vergehens mitschuldig machen, ihr diese Wahrheit zu verbergen. Ich weigere mich, die gegen sie bis jetzt geübte unwürdige Täuschung auch noch an dem Tage, wo sie ihre Sehkraft wieder erlangt, fortbestehen zu lassen!«

Ich bin völlig außer Stande, den Ton, in welchem er mir diese Antwort gab, näher zu bezeichnen. Ich kann nur sagen, daß mich dieser Ton für den Augenblick verstummen machte. Ich trat ihm einen Schritt näher und sah ihm mit einer unbestimmten bösen Ahnung scharf in’s Gesicht. Er sah mich, ohne betroffen zu sein, wieder an.

»Nun?« fragte er mit einem unangenehmen Lächeln, das die Herausforderung zu enthalten schien, ihm sein Unrecht nachzuweisen.

Sein Gesicht gab mir keinen Aufschluß; ich mußte mich ganz von meinem weiblichen Instinkte leiten lassen und dieser Instinkt warnte mich, seine Erklärung zu acceptieren.

»Sie haben also, wenn ich Sie recht verstehe, beschlossen, hier zu bleiben?« sagte ich.

»Allerdings.«

»Und was beabsichtigen Sie zu thun, wenn Herr Grosse ankommt und wir uns in Lucilla’s Zimmer versammeln.«

»Ich beabsichtige, in dem wichtigsten Augenblick in Lucilla’s Leben mit Ihnen Allen zugegen zu sein.«

»Nein, das kann nicht Ihr Ernst sein.«

»Ganz gewiß.«

»Sie vergessen etwas, Herr Nugent Dubourg.«

»Und das wäre, Madame Pratolungo?«

»Sie vergessen, daß Lucilla glaubt, der Bruder mit dem einstellten Gesicht seien Sie, und der Bruder mit der natürlichen Hautfarbe sei Oscar. Sie vergessen; daß der Arzt uns ausdrücklich verboten hat, bevor er ihr erlaubt haben wird, ihre Augen zu versuchen, sie durch irgend welche Erklärung aufzuregen; Sie vergessen, daß die Täuschung, welche fortbestehen zu lassen Sie sich eben positiv geweigert haben, nichtsdestoweniger, wenn Lucilla Sie in dem Augenblick, wo sie zum ersten Male ihre Sehkraft anwenden fortbestehen wird. Ihre bessere Ueberzeugung legt Ihnen die Verpflichtung auf, das Pfarrhaus nicht eher zu betreten, als bis Lucilla, die Wahrheit weiß.«

Mit diesen Worten hatte ich ihn gefangen. Er wurde todtenblaß; zum ersten Mal konnte er meinen Blick nicht ertragen und senkte die Augen zu Boden.

»Ich danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnert haben. Ich hatte das wirklich vergessen.«

Er sprach diese demüthigen Worte leise vor sich hin. In seinem Ton oder in dem Senken seiner Augen lag etwas, was mein Herz schneller klopfen machte und eine unbestimmte Ahnung in mir erweckte, über die ich mir selbst nicht klar zu werden vermochte.

»Sie sind also einverstanden«, sagte ich »daß Sie nicht mit uns Uebrigen im Pfarrhause zugegen sein dürfen? Was denken Sie nun zu thun?«

»Ich werde in Browndown bleiben«, antwortete er.

Ich war überzeugt, daß er die Unwahrheit sagte; man frage mich nicht nach meinen Gründen; ich weiß, nicht warum, aber als er sagte: »Ich werde in Browndown bleiben«, war ich überzeugt, daß er die Unwahrheit sage.

»Warum wollen Sie nicht thun, was Oscar Sie gebeten hat?« fuhr ich fort. »Wenn Sie doch nicht zugegen sein können, warum nicht lieber fortgehen, als hier bleiben? Sie haben noch reichlich Zeit, Dimchurch zu verlassen.« .

Ebenso plötzlich, wie er vorhin die Augen gesenkt hatte, blickte er jetzt wieder auf.

»Halten Sie und Oscar mich für einen Stock oder einen Stein?« brach er zornig aus.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Wem verdanken Sie das, was sich heute hier ereignen wird?« fuhr er in immer leidenschaftlicher werdendem Tone fort. »Mir verdanken Sie das. Wer war es, der ganz allein ihnen Allen gegenüber die Ueberzeugung vertrat, daß sie nicht zu lebenslänglicher Blindheit verurtheilt sei? Ich war es! Wer hat den Mann hierher gebracht, der ihr ihre Sehkraft wiedergegeben hat. Ich! — und ich allein soll jetzt nichts erfahren, welchen Ausgang die Sache nimmt? Alle sollen zugegen sein und ich allein soll fortgeschickt werden; Alle sollen sehen, ich aber soll — wenn Einer von Ihnen daran denkt — auf brieflichem Wege erfahren, wie sie in dem ersten himmlischen Augenblicke, wo sie die Welt zum ersten Male vor sich aufgeschlossen sieht, aussieht, was sie in diesem Augenblick thut und sagt?« Er machte eine heftige Bewegung mit der Hand und brach dann mit einem bitteren Lachen in die wilden Worte aus: »Ich setze Sie in Erstaunen, nicht wahr? Ich mache Anspruch auf eine Stellung, die ich einzunehmen kein Recht habe. Was kann mich die Sache interessieren? O, du lieber Gott, was geht mich das Mädchen an, dem ich zu einem neuen Leben verholfen habe?« Bei diesen letzten, mit wildem Hohn ausgestoßenen Worten versagte ihm die Stimme und er schluchzte. Er griff sich en die Brust, wie wenn er ersticken müßte, drehte sich um und ging fort.

Ich stand wie festgewurzelt. Plötzlich ging mir die Wahrheit auf wie eine Offenbarung. Endlich hatte sich mir das schreckliche Geheimniß enthüllt: Nugent liebte Lucilla.

Das Erste, was ich mich zu thun getrieben fühlte, als ich wieder zu mir kam, war, so rasch wie möglich wieder nach dem Pfarrhause zu eilen. Einen Augenblick war ich, glaube ich, wirklich von Sinnen. Ein wahnsinniger Argwohn hatte sich meiner bemächtigt, daß er nach dem Pfarrhause gegangen sei und eben jetzt bei Lucilla eindringe. Als ich aber zu Hause Alles ruhig fand, als Zillah mir versichert — hatte, daß kein Fremder in den von uns bewohnten Theil des Pfarrhauses gekommen sei, legte sich meine Aufregung ein wenig und ich ging in den Garten, um meine Fassung ganz wieder zu gewinnen, bevor ich es wagte, zu Lucilla zu gehen.

Nach einer Weile, als ich mich gefaßt hatte, machte ich mir meine Stellung klar. Es gab keinen Menschen in Dimchurch, dem ich hätte vertrauen können. Mochte daraus entstehen, was da wollte, ich mußte mich bei dieser schrecklichen Complication von Umständen ganz auf mich selbst verlassen.

Eben hatte sich mir dieser schreckliche Schluß aufgedrängt, hatte ich mich unter bitteren Thränen erinnert, wie hart ich den armen Oscar bei mehr als einer Gelegenheit beurtheilt habe, eben war ich zu der — Erkenntniß gelangt, daß mein Liebling Nugent ein so verächtlicher Schurke sei, und hatte ich den Entschluß gefaßt, nichts unversucht zu lassen, was weibliche List vermöchte, um ihn von hier fortzutreiben, als mich die — Stimme Zillahs die vom Hause her nach mir rief, nöthigte, mich wieder ganz den Forderungen des nächsten Augenblicks zuzuwenden. Ich ging unverzüglich zu ihr.

Die Amme hatte einen Auftrag an mich von ihrer jungen Herrin. Meine arme Lucilla fühlte sich einsam und geängstigt; sie konnte nicht begreifen, daß ich sie verlassen habe, und bestand darauf, daß ich sofort zu ihr kommen müsse. Bei dem Betreten des Hauses wandte ich meine erste Vorsichtsmaßregel gegen etn unerwartetes Eindringen Nugent’s an.

»Unser armes Kind«, sagte ich zu Zillah, »darf heute nicht durch Besuche gestört werden. Wenn Herr Nugent Dubourg kommen und nach ihr fragen sollte, so melden sie es nicht Lucilla, sondern mir.«

Mit diesen Worten ging ich zu meiner lieben Lucilla, deren Zimmer halbdunkel gemacht war.



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel - Lucilla versucht ihre Augen

Sie saß allein in der trüben Dunkelheit, mit verbundenen Augen, ihre niedlichen Hände geduldig im Schoße gefaltet. Das Herz schwoll mir bei ihrem Anblick; die schreckliche Entdeckung, die ich kurz zuvor gemacht hatte, drängte sich mir wieder mit ganzer Gewalt auf. »Verzeihen Sie mir, daß ich Sie verlassen habe, sagte ich mit so fester Stimme, wie es mir irgend möglich war, und küßte sie.

Auf der Stelle entdeckte sie meine Aufregung, so sorgfältig ich dieselbe auch zu verbergen bemüht war.

»Sie ängstigen sich auch!« rief sie, indem sie meine Hände ergriff.

»Aengstigen, liebes Kind«, wiederholte ich ganz verdutzt, ohne recht zu wissen, was ich sagen sollte.

»Ja, jetzt, wo die Zeit so nahe rückt, sinkt mir der Muth. Böse Ahnungen aller Art bedrängen mich. O, wann wird es vorüber sein? Wie wird mir Oscar erscheinen, wenn ich ihn sehe?«

Ich beantwortete die erste Frage Wer konnte die zweite beantworten?

»Herr Grosse kommt mit dem Morgenzug«, antwortete ich. »Es wird bald vorüber sein.«

»Wo ist Oscar?«

»Ohne Zweifel auf dem Wege hierher.«

»Beschreiben Sie ihn mir noch einmal«, sagte sie eifrig, »zum letzten Mal, bevor ich selbst sehe — seine Augen, seine Haare, seine Haarfarbe, Alles.

Wie ich die peinliche Ausgabe, die sie mir in ihrer Unschuld gestellt hatte, gelöst haben würde, wenn ich es hätte unternehmen müssen, daran mag ich kaum denken. Eine wahre Erlösung war es daher für mich, als sich, da ich eben das erste Wort gesprochen hatte, die Thür öffnete und eine Familien-Deputation eintrat.

Voran schritt langsam und feierlich, die eine Hand pathetisch auf seine geistliche Weste gelegt, der Ehrwürdige Finch; ihm zunächst folgte seine Frau, ohne alles ihr eigenthümliche Zubehör, mit Ausnahme des Baby, ohne ihren Roman, ihre Jacke, ihren Unterrock, ihren Shawl, ja selbst ohne ihre Schnupftuch, das sie immer zu verlieren pflegte. Zum ersten Mal, so lange ich sie kannte, war sie angethan in ein vollständiges Kleid; die feuchte Frau Finch war wie umgewandelt. Hätte sie nicht das Baby getragen, ich glaube, ich hätte sie in dem trüben Dämmerlicht für eine Fremde gehalten. Sie blieb, offenbar unsicher, welchen Empfang sie zu erwarten habe, zaudernd an der Schwelle stehen und verdeckte so ein drittes Mitglied der Deputation, welches die allgemeine Aufmerksamkeit durch eine klägliche kleine Stimme, die mir wohl bekannt war, und durch eine Ausdrucksweise, die ich auch schon früher kennen gelernt hatte, auf sich zu lenken suchte.

»Jicks will herein kommen.«

Der Pfarrer erhob seine Hand zu einem schwachen Protest gegen das Eindringen des dritten Mitgliedes. Frau Finch rückte mechanisch in’s Zimmer vor.

Jicks hielt ihre sehr disreputirlich aussehende Puppe fest in die Arme geschlossen und trug die Spuren einer kürzlichen Wanderung durch weißen Sand, der von ihrem Kittel und ihren Schuhen auf den Teppich herabfiel, an sich und ging auf die Stelle zu, wo ich saß. Als sie dicht an mich herangetreten war, blickte sie mit einem verschmitzten Ausdruck durch das im Zimmer herrschende Dunkel zu mir auf, ergriff ihre Puppe bei den Beinen, versetzte mir mit dem Kopf derselben einen derben Schlag aufs Knie und sagte:

»Jicks will, da sitzen.«

Ich rieb mir das Knie und hob Jicks, wie mir geheißen war, auf den Thron. Gleichzeitig stolzirte Herr Finch feierlich auf seine Tochter zu, legte ihr die Hände aufs Haupt, erhob die Augen zur Zimmerdecke und sagte mit tiefen Baßtönen, welche von väterlicher Aufregung ertönten:

»Der Herr segne Dich, mein Kind!«

Bei dem Klang der prächtigen Stimme ihres Gatten wurde Frau Finch wieder ganz sie selbst. Im bescheiden demüthigem Tone sagte sie:

»Wie geht es Dir, Lucilla?« setzte sich in eine Ecke und gab ihrem Baby die Brust.«

Herr Finch setzte zu einer seiner Reden an.

»Man hat meinen Rath in den Wind geschlagen, Lucilla, meinen väterlichen Einfluß nicht zur Geltung kommen lassen. Mein moralisches Gewicht ist so zu sagen bei Seite gesetzt worden. Ich beklage mich nicht. Verstehe mich wohl, ich constatire nur traurige Thatsachen.« (Bei diesen Worten wurde er mich gewahr.) »Guten Morgen, Madame Pratolungo, ich hoffe, Sie befinden sich wohl. Es hat eine Meinungsverschiedenheit zwischen uns bestanden, Lucilla. Ich komme, mein Kind und bringe Heilung auf meinen Flügeln (Heilung sollte hier so viel heißen wie Versöhnung), ich komme und bringe meine Frau mit — rede nicht Frau! — um meine innigsten Wünsche, meine heißen Gebete an diesem wichtigsten Tage im Leben meiner Tochter darzubringen. Nicht gemeine Neugierde hat meine Schritts hierher gelenkt. Keine Andeutung einer bösen Ahnung, welche ich vielleicht noch dieser rein weltlichen Einmischung in die Wege einer unerforschlichen Vorsehung gegenüber hege, soll über meine Lippen kommen. Ich bin hier als Vater und Friedensstifter. Meine Frau begleitet mich, — rede nicht, Frau! — als Stiefmutter und Friedensstifterin. Sie verstehen meine Distinktion, Madame Pratolungo. Danke, gute Frau. Sollte ich wohl von der Kanzel herab Verzeihung empfangenen. Unrechtspredigen und diese Verzeihung nicht in meinem Hause üben? Kann ich bei dieser wichtigen Gelegenheit mit meinem Kinde uneinig sein? Lucilla! Ich verzeihe Dir, aus vollem Herzen und mit thränenvollen Blicken verzeihe ich Dir. Sie haben, glaube ich, nie Kinder gehabt, Madame Pratolungo? Dann können Sie diesen Moment unmöglich begreifen, gute Frau, das ist aber nicht Ihre Schuld. Laß Dir den Friedenskuß geben, mein Kind, den Friedenskuß.« Feierlich beugte er sein borstiges Haupt über Lucilla hin und drückte ihr den Friedensfuß auf die Stirn. Er seufzte majestätisch und reichte dann in überströmender Großherzigkeit mir die Hand. »Hier haben Sie meine Hand, Madame Pratolungo. Beruhigen Sie sich, weinen Sie nicht, Gott segne Sie.« Frau Finch war von dem edlen Benehmen ihres Gatten so tief erregt, daß sie von einem Weinkrampf befallen wurde. Das Baby, das sich durch die Aufregung seiner Mutter in seinen Funktionen gestört fand, hub ein sympathetisches Geschrei an, Herr Finch ging mitten durch das Zimmer auf sie zu, um ihnen auf seinen Flügeln häusliche Heilung zu bringen. »Das macht Dir Ehre, Frau; aber unter den obwaltenden Umständen mußt Du der Sache ein Ende machen. Denk’ an das Kind und nimm Dich zusammen. Geheimnißvoller Mechanismus der Natur!« rief der Pfarrer, indem er mit seiner Stentorstimme das immer lauter werdende Geschrei des Baby übertönte. »Wunderbare und schöne Sympathie, welche die mütterliche Nahrung gewissermaßen zum leitenden Medium der Störung zwischen Mutter und Kind macht! Welche Probleme stehen uns gegenüber, welche Kräfte umgeben uns selbst in diesem irdischen Leben! Natur! Maternität! Unerforschliche Vorsehung.«

»Unerforschliche Vorsehung« war für den Pfarrer eine verhängnißvolle Phrase, sie zog für ihn immer eine Unterbrechung nach sich; so war es auch dieses Mal. Noch ehe Herr Finch seiner Ueberfülle pathetischer Apostrophen durch weitere Exclamationen Luft machen konnte, öffnete sich die Thür und Oscar trat ein.

Lucilla erkannte sofort seine Tritte. »Ist noch nichts von Herrn Grosse zu sehen, Oscar?« fragte sie.

»Ja, man hat seinen Wagen schon auf der Landstraße gesehen; er wird gleich hier sein.«

Während er diese Antwort gab und an meinem Stuhl vorüberging, um sich an Lucilla’s andere Seite zu setzen, warf mir Oscar einen flehenden Blick zu, einen Blick, der deutlich sagte: »Verlassen Sie mich nicht im entscheidenden Augenblick.«

Ich nickte mit dem Kopfe, um ihm zu zeigen, daß ich ihn verstehe und mit ihm sympathisire. Er setzte sich auf den leeren Stuhl und ergriff schweigend ihre Hand. Es wäre schwer zu sagen gewesen, wem von Beiden in jenem verhängnißvollen Augenblick seine Situation peinlicher erschien. Nie, glaube ich, hatte mich etwas so unwiderstehlich gerührt, wie der Anblick dieser beiden armen jungen Leute, wie sie Hand in Hand dasaßen und des Ereignisses harrten, welches das Glück oder Unglück ihres künftigen Lebens ausmachen sollte.

»Haben Sie etwas von Ihrem Bruder gesehen?« fragte ich, indem ich die Frage in einem so sorglosen Tone hinwarf, wie es die angstvolle Sorge, die mich verzehrte, nur irgend gestatten wollte.

»Nugent ist Herrn Grosse entgegen gegangen.«

Während er mir diese Antwort gab, sah mich Oscar wieder mit einem flehenden Blicke an. Es war ihm so klar wie mir, daß Nugent dem deutschen Arzte entgegen gegangen sei, nur um sich desselben als des unschuldigen Mittels zu bedienem in das Haus zu gelangen.

Noch ehe ich wieder reden konnte, ersah Herr Finch, der sich von der Unterbrechung, die ihn zum Schweigen gebracht, wieder erholt hatte, seine Gelegenheit, um zu einer zweiten Rede anzusetzen. Frau Finch hatte aufgehört, zu schluchzen, das Baby hatte aufgehört, zu schreien und wir Uebrigen waren nervös aufgeregt und schwiegen. Mit einem Wort, die häusliche Gemeinde des Herrn Finch war ganz in seiner Hand. Er stolzirte auf Oscar zu. Wollte er ihm eine Vorlesung des Hamlet proportiren? Nein! Er wollte nur den Segen des Himmels auf Oscar’s Haupt herabrufen.

»Ist diesem wichtigen Moment«, fing der Pfarrer in seinem Kanzelton an, »jetzt, wo wir uns Alle in demselben Raume vereinigt finden, wo wir Alle von derselben Hoffnung beseelt sind, erscheint wohl mein Wunsch als Seelsorger und Vater (Gott segne Dich, Oscar; ich betrachte Dich als einen Sohn), einige fromme und tröstende Worte zu sagen, gerechtfertigt —«

Die Thür, die freundliche, bewundernswürdig gescheidte Thür öffnete sich wieder und that damit der drohenden Predigt noch eben zur rechten Zeit Einhalt. Die gedrungene Gestalt und die Eulenaugen des Herrn Grosse erschienen auf der Schwelle. Und hinter ihm stand, gerade wie ich es erwartet hatte, Herr Nugent Dubourg.

Lucilla wurde todtenbleich; sie hatte die Thür sich öffnen gehört, ihr Instinkt sagte ihr, daß der Arzt gekommen sei. Oscar stand auf, schlich sich hinter meinen Stuhl und flüsterte mir zu: »Ums Himmelswillen, schaffen Sie Nugent zum Zimmer hinaus!« · .

Ich beruhigte ihn durch einen ausdrucksvollen Händedruck, setzte dann Jicks auf den Boden und stand auf, um unsern guten Grosse zu bewillkommnen.

Aber das Kind sollte mir noch zuvor kommen. Sie und unser berühmter Augenarzt waren sich bei Gelegenheit eines der vielen ärztlichen Besuche, welche Grosse Lucilla machte, im Garten begegnet und hatten einen ungemeinen Geschmack an einander gefunden. Seitdem erschien Herr Grosse nie im Pfarrhause, ohne irgend eine ungesunde Nascherei in der Tasche für Jicks mitzubringen, die ihm zum Dank dafür so viele Küsse gab, wie er nur irgend verlangte und ihm ferner die Auszeichnung zu Theil werden ließ, daß sie ihm allein von allen Menschen gestattete, die disreputirliche Puppe zu liebkosen. Jetzt packte Jicks die Puppe mit beiden Händen, bediente sich derselben, mit dem Kopfe voraus, als eineArt von Sturmbock, stürzte an mir vorüber und stieß sie Herrn Grosse mit aller Macht in seine schiefen Beine, indem sie auf diese Weise ein Monopol auf seine erste Begrüßung geltend machte. Während er sie in die Höhe hob und in seiner eigenthümlichen Redeweise mit ihr sprach und während der Pfarrer und seine Frau die nothwendigen Entschuldigungen für das Benehmen des Kindes machten, kam Nugent hinter Herrn Grösse hervor auf mich zu und zog mich geheimnißvoll in eine Ecke des Zimmers. Während ich ihm folgte, beobachtete ich den Ausdruck stummer Qual auf dem Gesichte Oscar’s, der noch immer neben Lucilla’s Stuhl stand. Das that mir gut; es gab mir die ganze Spannkraft des Entschlusses und gab mir das Gefühl, Nugent Dubourg mehr als gewachsen zu sein.

»Ich fürchte, ich habe mich sehr sonderbar benommen, als wir uns vorhin im Dorfe trafen?« sagte er, »ich befinde mich gar nicht wohl. Ich leide seit Kurzem an einem sonderbaren, fieberhaft aufgeregten Zustand. Ich glaube, die Luft hier bekommt mir nicht.« Hier hielt er, die Augen fest auf die meinigen geheftet, inne, als ob er meine Gedanken in meinem Gesichte lesen wolle.

»Das überrascht mich nicht«, antwortete ich, »ich habe bemerkt, daß Sie seit einiger Zeit nicht wohl aussehen.«

Mein Ton und mein Wesen, die übrigens vollkommen ruhig waren, gaben meiner höflichen Theilnahme Ausdruck, aber weiter auch nichts. Ich sah, daß meine Art und Weise ihn betroffen machte. Er versuchte es noch ein Mal.

»Ich hoffe nichts Unartiges gethan oder gesagt zu haben«, fuhr er fort.

»O, nein!«

»Ich war aufgeregt, schmerzlich aufgeregt. Es ist gütig von Ihnen, das nicht zugeben zu wollen, aber ich muß mich bei Ihnen entschuldigen.«

»Nein, wirklich nicht! Gewiß waren Sie aufgeregt, wie Sie sagen, aber das sind wir Alle heute. Der Moment ist eine genügende Entschuldigung für Sie, Herr Nugent.«

Sein fortwährend forschend auf mich gerichtetes Auge vermochte auch nicht die leiseste Spur eines Argwohns in dem Ausdruck meines Gesichts zu entdecken. Sein verblüffter Ausdruck bot mir die sicherste Gewähr dafür, daß es mir gelungen war, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Er machte eine letzte Anstrengung, mich dahin zu bringen, ihm zu zeigen, daß ich sein Geheimniß argwöhne, er versuchte es, mich zu reizen und mir dadurch eine unvorsichtige Aeußerung zu entlocken.

»Sie sind ohne Zweifel erstaunt, mich hier zu sehen«, nahm er wieder auf. »Ich habe nicht vergessen, daß ich versprochen hatte, in Browndown zu bleiben, anstatt hierher zu kommen. Zürnen Sie mir deßhalb nicht; ich bin durch die Ausführung ärztlicher Verordnungen verhindert, mein Versprechen zu halten.«

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte ich in unverändertem, kühlen Tone.

»Ich will mich näher erklären«, erwiderte er. »Erinnern Sie sich, daß wir schon vor längerer Zeit Grosse in Betreff Oscar’s Stellung Lucilla gegenüber in’s Vertrauen zogen?«

»Wie sollte ich das wohl vergessen haben«, antwortete ich, »da ja ich es war, die Ihren Bruder zuerst darauf aufmerksam machte, daß Herr Grosse durch ein unschuldiges Verrathen der Wahrheit entsetzliches Unheil anrichten könne.«

»Erinnern Sie sich, wie Grosse diese Warnung aufnahm?« .

»Sehr gut. Er versprach, sich in Acht zu nehmen» verbat es sich aber gleichzeitig sehr verdrießlich, noch irgend weiter mit unseren Familienangelegenheiten behelligt zu werden. Er erklärte, er sei entschlossen, sich seine berufsmäßige Freiheit des Handelns zu bewahren, ohne sich durch häusliche Schwierigkeiten behindert zu sehen, die uns und nicht ihn angingen. Habe ich den Sachverhalt nicht treu in meinem Gedächiniß verwahrt?«

»Ich bewundere die Treue Ihres Gedächtnisses. Sie werden mich jetzt verstehen, wenn ich Ihnen sage, daß Grosse seine berufsmäßige Freiheit des Handelns bei dieser Gelegenheit geltend macht. Er hat mir das auf dem Wege hierher erklärt. Er hält es für sehr wichtig, daß Lucilla in dem Augenblick, wo sie zuerst wieder sieht, durch nichts erschreckt werde. Oscar’s Gesicht würde sie sicher erschrecken, wenn es das erste wäre, dessen sie ansichtig würde. Grosse hat mich daher gebeten als der einzige andere junge Mann im Zimmer zugegen zu sein und mich so zu postieren, das; ich die erste Person sein muß, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht. Fragen Sie ihn selbst, Madame Pratolungo, wenn Sie mir nicht glauben wollen.«

»Natürlich glaube ich Ihnen«» antwortete ich, »es wäre unnütz, die Vorschriften des Arztes in einem solchen Augenblick, wie es der gegenwärtige ist, anfechten zu wollen.«

Mit diesen Worten verließ ich ihn mit den Anzeichen eines Verdrusses, wie ihn eine nichts argwöhnende Frau in meiner Stellung geäußert haben möchte. Da ich wußte, was hier zu Grunde lag, begriff ich nur zu gut, was vorgefallen war. Nugent hatte die sich ihm darbietende Gelegenheit benutzt, den Arzt als ein unschuldiges Mittel zu gebrauchen, um Lucilla im ersten Augenblick irre zu leiten und möglicherweise später diesen Irrthums zu schlechten Zwecken auszubeuten. Ich zitterte innerlich vor Wuth und Furcht, als ich ihm den Rücken kehrte. Unsere einzige Chance war noch, etwas ausfindig zu machen, wie er im kritischen Moment sicher aus dem Zimmer zu bringen wäre! aber ich mochte mein Gehirn zermartern wie ich wollte, dieses Etwas ausfindig zu machen, wollte mir nicht gelingen.

Als ich mich wieder zu den Uebrigen wandte, nahmen Oscar und Lucilla noch immer dieselbe Stellung ein. Herr Finch hatte sich selbst Herrn Grosse vorgestellt. Und Jicks hatte sich auf einem Schemel in einer Ecke des Zimmers niedergelassen und war damit beschäftigt, ein aus deutschem Pfefferkuchen geknetetes Pferd mit gefräßigem Behagen zu verzehren.

»O, meine verehrte Madame Pratolungo!« sagte Herr Grosse, der eben zu Lucilla gehen wollte, mir aber zuvor noch die Hand reichte. »Haben Sie wieder eine so köstliche Mayonnaise bereitet? Ich komme absichtlich mit einem leeren Magen und einem wahren Wolfshunger. Sehen Sie doch einmal den kleinen Gnom da an!« fuhr er fort, indem er aus Jicks deutete. »Ach, Gott! Ich glaube wahrhaftig, ich bin in das Kind verliebt. Ich habe nach allen Orten in Deutschland geschickt, um Pfefferkuchen für Jicks kommen zu lassen. Nun, Jicks, ist Dir etwas davon in die Zähne gekommen? Ist es hübsch süß und klebrig?« Dabei glotzte er das Kind mit wohlwollenden Blicken durch seine Brillengläser an und drückte meine Hand ganz sentimental an seine Brust. »Versprechen Sie mir ein Kind wie diese anbetungswürdige Jicks«, sagte er feierlich, »und ich will die erste beste Frau, die Sie mir verschaffen, heirathen — hübsch oder häßlich, mir ganz gleich. So, da haben Sie ein offenes Bekenntniß meiner Seele. Genug davon. Nun zu meiner allerliebsten Lucilla! Kommen Sie, lassen Sie uns anfangen.«

Er ging quer durchis Zimmer auf Lucilla zu und hieß Nugent ihm folgen.

»Oeffnen Sie die Läden«, sagte er, »Licht, Licht, Licht, eine Fülle von Licht für mein liebliches Kind Lucilla!«

Nugent öffnete die Laden, indem er mit den Fenstern am unteren Ende des Zimmers anfing und zuletzt an das Fenster gelangte, an welchem Lucilla saß. Auf diese Weise brauchte er nur zu bleiben, wo er jetzt war und sich dicht neben Lucilla zu stellen, um der erste Gegenstand zu sein, den sie sehen würde. Und das that er, das that der Schurke. Ich legte mich fest entschlossen in’s Mittel, that einige Schritte vorwärts, blieb aber plötzlich wieder stehen, weil ich nicht wußte, was ich thun oder sagen sollte. Ich hätte mein stumpfes Hirn gegen die Wand schleudern mögen. Da stand Nugent gerade vor ihr, während Grosse sie dem Fenster zukehrte, und auch nicht die leiseste Spur eines Einfalls wollte mir kommen!

Grosse streckte seine haarigen Hände aus und ergriff den Knoten der Binde, um ihn zu lösen.

Lucilla zitterte am ganzen Leibe.

Grosse zauderte, sah sie an, ließ die Binde wieder los und ergriff ihre Hand und legte seinen Finger lauf ihren Puls.

Im nächsten Augenblicke hatte ich eine meiner Eingebungen. Endlich stieg der so heiß ersehnte Einfall in meinem Gehirn auf.

»So«, rief Herr Grosse, indem er ihre Hand mit einem plötzlichen Ausdruck von Verdruß und Erstaunen wieder losließ. »Was hat meine allerliebste Lucilla erschreckt? Warum zittert sie so und ist so kalt? Warum ist ihr Puls so schwach? Sage mir doch einer von Ihnen, was das zu bedeuten hat?«

Das kam mir gelegen! Sofort erprobte ich nun meinen Einfall.

»Es hat zu bedeuten«, sagte ich »daß zu viele Menschen im Zimmer sind. Wir machen sie verwirrt und erschrecken sie. Führen Sie sie in ihr Schlafzimmer, Herr Grosse und lassen Sie uns Uebrige einen nach dem andern erst hinein, wenn Sie es recht finden.«

Unser vortrefflicher Grosse ergriff sofort diese Idee und eignete sie sich an.

»Sie sind ein Phönix unter den Frauen«, sagte er, indem er mir väterlich auf die Schulter klopfte. »Ich weiß wahrhaftig nicht, was perfekter ist, Ihr Rath oder Ihre Mayonnaise.« Er wandte sich zu Lucilla und nöthigte sie sanft, von ihrem Stuhle aufzustehen.

»Kommen Sie mit mir in Ihr Schlafzimmer, meine arme kleine Lucilla. Da will ich sehen, ob ich Ihnen noch heute die Binde abnehmen kann.«

Lucilla faltete die Hände mit einer flehenden Geberde.

»Sie haben mir versprochen, o, Herr Grosse, Sie haben mir versprochen, daß ich noch heute sehen solle.«

»Antworten Sie mir«, erwiderte Grosse, »habe ich gewußt, als ich das Ihnen versprach, daß ich Sie Alle todtenbleich und weiß wie ein frisch gewaschenes Hemd finden würde?«

»Ich habe meine Fassung völlig wiedergewonnen«, bat sie in schwachem Ton, »Sie können mir die Binde getrost abnehmen.«

»Was? verstehen Sie es besser als ich? Wer von uns Beiden ist der Augenarzt, Sie oder ich? Nichts mehr davon. Kommen Sie, geben Sie mir Ihren Arm und gehen Sie mit mir auf Ihr Zimmer!«

Er gab ihr den Arm und ging mit ihr nach der Thür. Hier wechselte plötzlich wieder ihre wankelmüthige Laune. Sie erholte sich augenblicklich. Ein dunkles Roth überflog ihr Gesicht; sie hatte wieder Muth gefaßt. Zu meinem Entsetzen riß sie sich von Grosse los und weigerte sich, das Zimmer zu verlassen.

»Nein«, sagte sie, »ich bin wieder ganz ruhig; ich dringe auf die Erfüllung Ihres Versprechens, Untersuchen Sie mich hier. Ich muß und will Oscar zuerst in diesem Zimmer sehen.«

Ich fürchtete mich, fürchtete mich buchstäblich Oscar anzusehen. Ich warf statt dessen einen Blick auf Nugent. Seine Lippen umspielte ein teuflisches Lächeln, das mich fast toll machte.

»Sie müssen und wollen?« wiederholte Herr Grosse. »Merken Sie wohl auf.« Er zog seine Uhr aus der Tasche und sagte: »Ich gebe Ihnen eine kleine Minute zum Ueberlegen. Wenn Sie sich nach Verlauf dieser Minute nicht entschließen, mit mir zu kommen, so werden Sie finden, daß ich es bin, der muß und will. Also!«

»Warum weigern Sie sich, auf Ihr Zimmer zu gehen, Lucilla?« fragte ich.

»Weil ich will, daß Ihr mich Alle sehen sollt«, antwortete sie. »Wie viele seid Ihr Eurer ’hier?«

»Wir sind unser fünf. Herr und Frau Finch, Herr Nugent Dubourg, Oscar und ich.«

»Ich wollte, Ihr währet Eurer fünfhundert, anstatt fünf.« brach sie aus.

»Und warum das?«

»Weil Ihr sehen würdet, wie ich in dem Augenblick, wo mir die Binde von den Augen genommen wird, Oscar unter Euch Allen herausfinden würde«, sagte sie, indem sie noch immer an ihrer verhängnißvollen Ueberzeugung festhielt, daß das Bild, welches sie von Oscar in der Seele trage, das richtige sei! Abermals drängte es mich, Oscar anzusehen und abermals konnte ich mich nicht dazu entschließen.

Grosse steckte seine Uhr wieder in die Tasche.

»Die Minute ist vorüber«, sagte er. »Wollen Sie mit mir in’s andere Zimmer gehen? Wollen Sie begreifen, daß ich Sie vor allen diesen Leuten nicht ordentlich untersuchen kann? Reden Sie, meine liebe Lucilla, ja oder nein?«

»Nein!« rief sie eigensinnig und stampfte dabei kindisch mit dem Fuß auf den Boden. »Ich bestehe darauf, Allen zu zeigen, daß ich in dem Augenblick, wo ich meine Augen öffnen darf, Oscar unter Allen herausfinden kann.»

Grosse knöpfte sich den Rock zu, rückte feine Eulenbrillengläser auf seiner Nase zurecht, setzte seinen Hut auf und sagte:»Guten Morgen. Ich habe nichts mehr mit Ihnen oder Ihren Augen zu thun. Curiren Sie sich selbst, Sie kleiner Feuerkopf; ich gehe wieder nach London.«

Mit diesen Worten öffnete er die Thür. Selbst Lucilla mußte wohl nachgeben wenn der sie behandelnde Arzt ihr drohte, seine Hand von ihr abzuziehen.

»Sie Ungeheuer!« rief sie entrüstet und nahm wieder seinen Arm.

Grosse grinste vergnügt: »Wenn Sie erst sehen können, mein liebes Kind, so werden Sie finden, daß ich kein solches Ungeheuer bin, wie ich erscheine.« Mit diesen Worten ging er mit ihr hinaus.

Wir Anderen mußten im Wohnzimmer die Entscheidung Grosse’s abwarten, ob er Lucilla heute ihre Sehkraft versuchen lassen wolle oder nicht.

Während die Uebrigen, jeder in seiner Weise, aber alle in ängstlich gespannter Erwartung dasaßen fühlte ich mich so ruhig wie das Baby, das jetzt in den Armen seiner Mutter ruhte. Dank Grosse’s Entschluß, meinem Wink gemäß zu handeln, hatte ich Nugent unmöglich gemacht, selbst wenn die Binde noch heute abgenommen wurde, die ersten Blicke Lucilla’s, wenn sie die Augen öffnete, auf sich zu ziehen. Gewiß konnte dem Verlobten bei einer so besonderen Gelegenheit, wie dieser, in meiner oder des Vaters Begleitung der Zutritt zu dem Schlafzimmer seiner Braut gestattet werden. Aber die einfachste Schicklichkeit mußte Nugent das Betreten dieses Zimmers verwehren. Im Wohnzimmer mußte er, wenn er darauf beharrte, im Pfarrhause zu bleiben, abwarten, bis es ihr erlaubt werden würde, ihn dort wieder aufzusuchen.

Ich nahm mir fest vor, jetzt, wo es in meiner Hand lag, dafür zu sorgen, daß Lucilla das Wohnzimmer nicht wieder betreten solle, bis sie wissen würde, welcher von den Zwillingsbrüdern Nugent und welcher Oscar sei. Das Gefühl des Triumphes durchdrang mich mit einer entzückenden inneren Wärme. Ich widerstand der starken Versuchung, mich davon zu überzeugen, wie Nugent seine Niederlage ertrage. Wenn ich dieser Versuchung nachgegeben hätte, würde er es mir angesehen haben, wie stolz ich darauf war, ihn überlistet zu haben. Ich setzte mich wie ein Bild der Unschuld auf den nächsten Stuhl und faltete die Hände in den Schooß, gefaßt und würdevoll, wie es einer Dame aus der Gesellschaft wohl ansteht, ein wahrhaft erbaulicher Anblick.

Träge Verfloß eine Minute nach der anderen, und noch immer harrten wir schweigend des entscheidenden Augenblicks. Selbst die sonst so beredte Zunge des Herrn Finch vermochte bei dieser feierlichen Gelegenheit kein Wort hervorzubringen. Er saß neben seiner Frau in einer Ecke des Zimmers. Oscar und ich saßen in der entgegengesetzten Ecke und Nugent stand allein an einem der Fenster, in den Gedanken vertieft und darüber brütend, wie er sich an mir rächen könne.

Oscar war der Erste, der das allgemeine Schweigen brach. Nachdem er seine Blicke über das ganze Zimmer hatte schweifen lassen, wandte er sich an mich.

»Madame Pratolungo!« rief er, »wo ist Jicks geblieben?«

Ich hatte dae Kind ganz vergessen. Jetzt sah ich mich auch im Zimmer um und überzeugte mich, daß es wirklich verschwunden sei. Frau Finch, die unser Staunen bemerkte, klärte uns schüchtern auf, das mütterliche Auge hatte das Kind hinter Herrn Grosse heraus aus dem Zimmer schlüpfen sehen. Was es gewollt war klar genug. So lange noch eine Wahrscheinlichkeit vorhanden war, noch mehr Pfefferkuchen in Grosse’s Tasche zu finden, wich das wandernde Zigeunerkind der Familie, schlau und behende wie eine Katze, nicht von ihrem Freunde. Wer sie kannte, konnte keinen Augenblick zweifeln, daß sie unter dem Schutz von Grosses großen Rockschößen mit in Lucilla’s Schlafzimmer geschlüpft sei.

Eben hatten wir uns auf diese Weise die Abwesenheit von Jicks erklärt, als wir die Thür des Schlafzimmers sich öffnen und Grosse nach Zillah rufen hörten.

Gleich darauf erschien die Amme mit einer Bestellung aus dem anstoßenden Zimmer.

Wir bestürmten sie Alle mit derselben Frage. Wofür hatte Herr Grosse sich entschieden? Die Antwort lautete, daß er sich dahin entschieden habe, Lucilla für heute noch den Gebrauch ihrer Augen zu verbieten.

»Ist Lucilla sehr unglücklich darüber?« fragte Oscar ängstlich.

»Das wüßte ich kaum zu sagen, Herr Dubourg Sie ist ganz anders wie sonst. Ich habe Fräulein Lucilla noch nie so ruhig gesehen, wenn etwas nicht nach ihrem Wunsch ging.« Als der Doktor mich hineinrief, sagte sie: »Geh’ ins andere Zimmer, Zillah, und sage ihnen Bescheid.« Das war Alles, was sie sagte, Herr Dubourg.«

»Hat sie nicht den Wunsch ausgesprochen mich zu sehen?« fragte ich.

»Nein, Madame, ich nahm mir die Freiheit, sie zu fragen, ob sie Sie zu sehen wünsche, aber Fräulein Lucilla schüttelte den Kopf, setzte sich aust Sopha und forderte den Doctor auf, sich zu ihr zu setzen. »Laß uns allein.« Das waren die letzten Worte, die sie zu mir sagte, ehe ich hier herein kam.«

Die nächste Frage that der ehrwürdige Finch. Der Papst von Dimchurch war wieder ganz er selbst; der Mann der schönen Reden ersah wieder seine Gelegenheit, eine Rede zu halten.

»Gute Frau«, sagte der Pfarrer mit gewichtiger Höflichkeit; »kommen Sie hierher. Ich möchte eine Frage an Sie richten. Hat Fräulein Finch in Ihrer Gegenwart eine Bemerkung gemacht, aus welcher sich ihr Wunsch schließen ließe, sich des Trostes meines Zuspruchs in meiner doppelten Eigenschaft als Geistlicher und Vater zu erfreuen?«

»Ich habe Fräulein Lucilla nichts derart sagen gehört? Herr.«

Herr Finch machte eine verächtliche Handbewegung mit der er zu verstehen gab, daß Zillah entlassen sei. Daraus trat Nugent vor und hielt die Amme, als sie im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, zurück.

»Haben Sie uns weiter nichts mitzutheilen?« fragte er.

»Nein, Herr.«

»Warum kommen sie nicht wieder hier herein? Was thun sie da im Nebenzimmer?«

»Sie thaten, was ich eben schon berichtet habe, Herr, sie saßen nebeneinander auf dem Sopha. Fräulein Lucilla sprach und der Doctor hörte ihr zu. Und Jicks«, fügte Zillah hinzu, indem sie sich vertraulich an mich wandte, »stand hinter ihnen und plünderte die Taschen des Doctors.«

Hier schaltete Oscar in einer keineswegs graciösen Weise ein Wort ein.

»Was sagte Fräulein Lucilla zu dem Arzt?«

»Das weiß ich nicht, Herr.«

»Das wissen Sie nicht?«

»Das konnte ich nicht hören, Herr, Fräulein Lucilla sprach leise mit ihm.«

Damit war alles erschöpft Zillah, die sich in ihren häuslichen Beschäftigungen gestört gesehen hatte und ein lebhaftes Verlangen empfand, nach ihrer Küche zurückzukehren, ergriff die erste Gelegenheit, das Zimmer zn verlassen und machte sich so rasch aus dem Staube, daß sie vergaß, die Thür hinter sich zu schließen. Wir sahen Alle einander an. Welchen Schluß sollten wir aus der sonderbaren Antwort der Amme ziehen? Es war offenbar unmöglich für Oscar, bei all’ seiner Reizbarkeit, eifersüchtig auf einen Mann von Grosse’s Alter und persönlicher Erscheinung zu sein. Und doch hatte das fortdauernde Zusammensein der Patientin mit ihrem Arzt, nachdem die Entscheidung einmal getroffen und die Sehr rohe definitiv auf einen späteren Tag verschoben worden war, gelinde gesagt, etwas Auffallendes.

Nugent kehrte betroffen, argwöhnisch und in Gedanken vertieft auf seinen Platz am Fenster zurück. Der Ehrwürdige Finch stand, übervoll von ungehaltenen Reden, majestätisch von seinem Sitz an der Seite seiner Frau auf. Hatte er ein Mittel gefunden, uns mit seiner Beredtsamkeit zu strafen? Es war leider nur zu offenbar, daß das der Fall war. Er sah uns an mit seinem ominösen Lächeln und redete uns dann mit seiner gewaltigen Stimme an.

»Meine Freunde in Christo« — Nugent, dem mit Beredtsamkeit nicht beizukommen war, beharrte dabei, zum Fenster hinaus zu sehen. Oscar, der in diesem Augenblicke für alles, was nicht Lucilla direct betraf, unempfänglich war, nahm mich ohne alle Umstände und so, daß uns der Pfarrer nicht hören konnte, bei Seite. Herr Finch nahm wieder auf:

»Meine Freunde in Christo, ich wünschte einige passende Worte an Euch zu richten!«

»Gehen Sie zu Lucilla!« flüsterte mir Oscar zu, indem er mit flehender Geberde meine beiden Hände ergriff, »Sie brauchen keine Umstände mit ihr zu machen. Bitte, thun Sie es, sehen Sie zu, was im Nebenzimmer vorgeht.«

Herr Finch nahm wieder auf. »Die Umstände legen es einem Manne in meiner Stellung nahe, einige aufrichtend berathende Worte über christliche Pflichten, ich meine über die Pflicht, zu sagen, bei Enttäuschungen heiter zu bleiben.«

Osrar beharrte. »Sie thun mir den größten Gefallen, bitte finden Sie heraus, was Lucilla da drinnen mit dem fremden Manne zurückhält!«

Herr Finch räusperte sich und erhob die rechte Hand zu einer Geberde der Ueberredung wie um damit seinen nächsten Satz einzuleiten.

Ich antwortete Oscar flüsternd: »Ich möchte nicht gerne zudringlich erscheinen, Lucilla hat der Amme gesagt, man solle sie allein lassen.«

Gerade als ich das sagte, fühlte ich einen mir von rückwärts her versetzten Stoß. Ich drehte mich um und sah, wie Jicks mit ihrer Puppe zu einem zweiten, Angriff auf mich ausholte. Sie hielt inne, als sie sah, daß es ihr gelungen war, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ergriff mein Kleid Und versuchte es, mich an demselben zum Zimmer hinaus zu ziehen.

»Bringen Sie das Kind fort«, rief der Pfarrer, durch diese neue Unterbrechung erbittert.

Das Kind zog immer fester und fester an meinem Kleide. Offenbar hatte sich außerhalb des Zimmers etwas zugetragen, was einen starken Eindruck auf sie gemacht hatte. Ihr kleines rundes Gesicht war hochroth, ihre hellen blauen Augen waren weit geöffnet und blickten starr.

»Jicks muß Dich sprechen«, sagte sie und zog ungeduldig und heftiger an meinem Kleide.

Ich bückte mich zu dem Zweck, den Befehlen des Herrn Finch zu gehorchen und dem Einfall des Kindes zu willfahren, indem ich Jicks zum Zimmer hinaustrug, als ich durch einen Ton aus dem Schlafzimmer, den lauten und peremptortschen Ton von Lucilla’s Stimme erschreckt wurde. »Lassen Sie mich los!« rief sie. »Ich hin ein erwachsenes Mädchen, ich will mich nicht behandeln lassen wie ein Kind.«

Dann entstand eine Pause und dann ließ sich das Rauschen ihres Kleides vom Corridor her vernehmen.

In demselben Augenblick erschallte Grosse’s offenbar zornige und aufgeregte Stimme. »Nein, kommen Sie wieder! kommen Sie wieder!«

Das Rauschen des Kleides kam näher.

Nugent und Herr Finch gingen zusammen an die Thür. Oscar ergriff mich am Arm. Er und ich standen an der linken, Nugent und der Pfarrer an der rechten Seite der Thür. Das Alles ging rasch wie der Blitz vor sich. Mein Herz stockte. Ich konnte nicht reden, mich nicht rühren.

Die halbgeschlossene Thür des Wohnzimmers wurde weit aufgestoßen, heftig, gewaltsam, wie wenn ein Mann, nicht ein Mädchen vor derselben gestanden hätte. Der Pfarrer trat zurück, Nugent blieb stehen. Mit ausgestreckten Armen, ungestüm tappend, wie ich sie während der Zeit ihrer Blindheit nie hatte tappen sehen, stolperte Lucilla ins Zimmer hinein. Gnädiger Gott! Die Binde war fort. In ihren Augen war Leben, neues Leben. Es verklärte ihr Gesicht, es ließ ihre Schönheit wie in einem wunderbaren unirdischen Lichte erstrahlen — sie sah! sie sah!

Einen Augenblick blieb sie an der Schwelle stehen, hin und her schwankend, von dem gewaltigen Eindringen des Tageslichts schwindlich gemacht.

Sie sah zuerst den Pfarrer und dann Frau Finch an, die sich neben ihren Gatten gestellt hatte. Sie its stand fassungslos da und hielt sich die Hände vor die Augen. Sie veränderte ihre Stellung ein wenig, gab ihrem Kopfe eine Wendung als wollte sie mich ansehen, wandte denselben dann wieder scharf nach der rechten Seite der Thür und hob die Arme mit einem Ausbruch von hysterischem Lachen empor. Das Lachen endete mit einem Triumphgeschrei, von dem das Haus erdröhnte. Sie stürzte sich auf Nugent Dubourg, war aber noch so unfähig, sich eine richtige Vorstellung von Entfernungen zu machen, daß sie heftig gegen ihn anprallte und ihn beinahe zu Boden geworfen hätte. »Ich kenne ihn, ich kenne ihn!« rief sie und schlang ihre Arme um seinen Hals. »O, Oscar, Oscar!« Bei diesem Ausruf seines Namens drückte sie Nugent mit aller Kraft an sich und ließ in ihrem freudigen Entzücken ihren Kopf an seine Brust sinken.

Es war geschehen, bevor noch irgend einer von uns wieder zur Besinnung gekommen war. Die ganze schreckliche Scene war das Werk eines Augenblicks. Grosse, der ihr mit leeren Händen nachgelaufen war, kehrte plötzlich wieder um, um gleich darauf mit der im Schlafzimmer vergessenen Binde zurückzukehren. Grosse war der Erste, der seine Fassung wieder gewann. Schweigend trat er auf sie zu. Aber sie hörte ihn kommen, bevor er sie überraschen und ihr die Binde um die Augen legen konnte. In demselben Augenblick, wo ich mich starr vor Schrecken nach Oscar umsah, hob auch Lucilla ihren Kopf wieder von Nugent’s Brust, um sich nach Grosse umzusehen. Ihre Augen folgten der Richtung der meinigen. Sie begegneten Oscar’s Gesicht. Sie sah die schwarzblaue Hautfarbe desselben in voller Beleuchtung.

Ein Schrei des Entsetzens entrang sich ihrer Brust, schaudernd fuhr sie zurück und ergriff Nugent’s Arm. Grosse gab ihm mit entschiedener Miene ein Zeichen, ihr Gesicht vom Fenster abzukehren und hielt die Binde hoch. Aber mit fieberhafter Heftigkeit packte sie dieselbe.

»Legen Sie mir sie wieder um«, sagte sie, indem sie sich mit der einen Hand an Nugent festhielt und die andere erhob, um mit einer Geberde des Widerwillens auf Oscar zu deuten.

»Legen Sie mir die Binde wieder um, ich habe bereits zu viel gesehen.«

Grosse band ihr die Binde fest um die Augen und wartete ein wenig. Sie hielt noch immer Nugent’s Arm fest. Meine Entrüstung bei diesem Anblick trieb mich, etwas zu thun. Ich trat vor, um sie zu trennen. Grosse hielt mich zurück.

»Nein!« sagte er, »machen Sie die Sache nicht zisch schlimmer.«

Ich sah Oscar zum zweiten Male an; da stand er noch, wie er von dem Augenblick an gestanden hatte, wo sie an der Thür erschienen war, mit wild vor sich hinstarrenden Augen und am ganzen Leibe erstarrt. Ich ging auf ihn zu und berührte ihn. Er schien es nicht zu fühlen. Ich redete ihn an, aber eben so gut hätte man eine steinerne Figur anreden können.

Einen Augenblick lenkte Grosses Stimme meine Aufmerksamkeit ab.

,»Kommen Sie«, sagte er, indem er es versuchte, Lucilla in ihr Schlafzimmer zurückzubringen.«

Sie schüttelte den Kopf, und klammerte sich nur, noch fester an Nugent’s Arm.

.»Bringe Du mich bis an die Thür«, flüsterte sie..

Ich versuchte es abermals, der Sache Einhalt zu thun, aber wieder hielt mich Grosse zurück.

»Heute nicht«, sagte er tm strengen Ton, gab dann Nugent ein Zeichen und stellte sich an die andere Seite neben Lucilla. Schweigend führten die beiden Männer sie zum Zimmer hinaus. Die Thür schloß sich hinter ihnen. Es war vorbei.



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel - Die Brüder treffen sich

Ein schwacher Schrei drang vom anderen Ende des Zimmers an mein Ohr und erinnerte mich, daß der Pfarrer und seine Frau noch immer zugegen waren. Die schwache Frau Finch lag in ihren Stuhl zurückgelehnt und weinte und winselte über das Vorgefallene. Ihr Gatte hatte das Baby auf dem Arm und war bemüht, sie zu beruhigen. Ich hätte vielleicht meine Hilfe anbieten sollen, aber ich gestehe, daß der Zustand der armen Frau Finch nur einen sehr vorübergehenden Eindruck auf mich machte. Mein ganzes Herz war von Theilnahme für Oscar erfüllt. Ich vergaß den Pfarrer und seine Frau und kehrte zu Oscar zurück.

Dieses Mal rührte er sich, er erhob den Kopf, als er meiner ansichtig wurde. Nie werde ich das stumme Elend dieses Gesichts, das dumpfe schreckliche Starken dieser thränenlosen Augen vergessen.

Ich ergriff seine Hand, ich empfand für den armen entstellten, verstoßenen Menschen, wie nur seine Mutter für ihn hätte empfinden können, ich gab ihm einen mütterlichen Kuß. »Trösten Sie sich, Oscar«, sagte ich, »verlassen Sie sich auf mich, daß ich die Sache wieder in Ordnung bringe. «

Zitternd athmete er schwer auf und dankte mir mit einem Händedruck. Ich versuchte es wieder, mit ihm zu reden, er hielt mich zurück, indem er plötzlich wieder nach der Thür blickte.

»Ist Nugent draußen?« fragte er flüsternd.

Ich ging auf den Corridor hinaus, er war leer. Ich sah in Lucilla‘s Zimmer nach. Da waren nur Lucilla, Herr Grosse und Zillah. Ich winkte Zillah, herauszukommen, um mit ihr zu reden. Ich fragte nach Nugent. Er hatte Lucilla plötzlich an der Thür ihres Schlafzimmers verlassen und war fortgegangen. Ich fragte, ob sie wisse, wohin er gegangen sei. Zillah hatte ihn auf dem Felde am Ende des Gartens rasch nach der Richtung der Hügel zugehen sehen.

»Nugent ist fort!« sagte ich zu Oscar, als ich wieder zu ihm zurückgekehrt.

»Machen Sie das Maß Ihrer Güte für mich voll«, antwortete er. »Lassen Sie mich auch fortgehen.«

Mich durchfuhr die Besorgniß, daß er seinem Bruder möchte folgen wollen.

»Warten Sie ein wenig«, sagte ich, »und beruhigen Sie sich erst.«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich muß allein sein«, sagte er und fragte dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte: »Ist Nugent nach Browndown gegangen?«

»Nein, Nugent ist nach den Hügeln zugegangen.«

Er ergriff wieder meine Hand. »Haben Sie Erbarmen mit mir«, sagte er, »lassen Sie mich gehen.«

»Nach Hause? Nach Browndown?«

»Ja.«

»Lassen Sie mich mit Ihnen gehen.

Er schüttelte den Kopf. »Verzeihen Sie mir; Sie sollen noch heute wieder von mir hören.«

Er vergoß keine Thräne; da war nichts von jener leidenschaftlichen Aufwallung, die ich so gut an ihm kannte. In seinem Gesicht, in seiner Stimme, in seinem Wesen drückte sich nichts aus, als eine jammervoll anzusehende Fassung, die Fassung der Verzweiflung.

»Lassen Sie mich Sie wenigstens bis an die Pforte begleiten«, sagte ich.

»Gott segne Sie und vergelte Ihnen Ihre Güte«, antwortete er, »aber — lassen Sie mich geben.«

So trennte er sich von mir mit sanften Worten und doch mit einer Festigkeit, die mich im höchsten Grade überraschte — und ging fort. Ich vermochte mich nicht länger aufrecht zu erhalten, zitternd sank ich in einen Stuhl. Ich konnte mich der Ueberzeugung nicht erwehren, daß noch schlimmere Verwickelungen, noch furchtbareres Unheil in Aussicht stehe. Ich war ganz außer mir und brach leidenschaftlich in wilde französische Verwünschungen aus. Frau Finch brachte mich wieder zur Besinnung. Sie erschien mir wie in einem Traum, wie sie ihre Thränen trocknete und mich besorgt ansah. Der Pfarrer näherte sich mir mit einer Fülle von Betheuerungen der Sympathie und Beistandsanerbietungen. Ich bedurfte keines Trostes, ich hatte eine harte Schule des Lebens durchgemacht, hatte mich zeitig zum Ertragen von Ungemach geschickt gemacht.

»Ich danke Ihnen, Herr Finch«, sagte ich, »sorgen Sie nur für Frau Finch.«

Auf dem Corridor war die Luft frischer. Ich ging wieder hinaus, um mich draußen zu er holen.

Ein kleiner, auf einer der Fensterbänke liegender Gegenstand zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war Jicks, die da kauerte.

Das Kind mußte instinktmäßig gefühlt haben, daß etwas nicht in Ordnung sei. Sie blickte hinter ihrer Puppe hervor verstohlen nach mir auf; sie war offenbar gegen meine Absichten in Betreff ihrer sehr mißtrauisch.

»Willst Du Jicks schlagen?« fragte das sonderbare kleine Geschöpf, indem es sich noch weiter in die Ecke drängte. Ich setzte mich zu ihr und hatte bald ihr Vertrauen wieder gewonnen. Sie fing wieder an so rasch wie gewöhnlich zu schwatzen. Ich hörte ihr zu, wie ich keiner erwachsenen Person in jenem Augenblicke zugehört haben würde. Die Gesellschaft des Kindes gewährte mir in einer mir selbst unerklärlichem geheimnisvollen Weise Trost. Allmählig erfuhr ich, was sie von mir gewollt hatte, als sie es versuchte, mich zum Zimmer hinauszuziehen. Sie hatte Alles, was im Schlafzimmer vorgegangen war, mit angesehen, und war zu mir gelaufen, um mich zu holen und mir den wunderbaren Anblick Lucilla‘s mit ihren von der Binde befreiten Augen zu zeigen. Wenn ich klug genug gewesen wäre, auf Jicks zu hören, so hätte ich vielleicht der Katastrophe vorbeugen können. Ich wäre vielleicht Lucilla auf dem Corridor begegnet und hätte sie in ihr Zimmer zurückbringen und sie dort einschließen können.

Jetzt war es zu spät, das Geschehene zu beklagen.

»Jick‘s ist gut gewesen«, sagte ich, indem ich meiner kleinen Freundin mit schwerem Herzen den Kopf streichelte. Das Kind horchte auf, versank einen Augenblick in tiefes Nachdenken, stieg dann von der Fensterbank hinunter und verlangte ihren Lohn für ihr gutes Betragen mit der ihr eigenen merkwürdigen Kürze des Ausdrucks. »Jicks will ausgehen.«

Mit diesen Worten nahm sie ihre Puppe über die Schulter und ging von dannen. Ich sah nach, wie sie die Treppe wie ein von der Leiter herabsteigender Arbeiter hinunterstieg, um in den Garten zu gehen und dann vom Garten aus, bei der ersten Gelegenheit, wo die Pforte geöffnet wurde, nach den Hügeln zu lief. Wenn ich mit so leichtem Herzen wie Jicks hätte ausgehen können, ich würde mich ihr angeschlossen haben.

Kaum hatte ich das Kind aus dem Gesicht verloren, als sich die Thür von Lucilla’s Zimmer öffnete und Herr Grosse auf dem Corridor erschien.

»So«, murmelte er mit einer Geberde, die seine Befriedigung auszudrücken schien.

»Sie suche ich gerade; eine schöne Suppe haben wir uns eingebrockt! Ich muß bei der kleinen Person bleiben, ich werde sie am Ende noch wahrhaft hassen! — Können Sie mir für diese Nacht ein Bett geben?«

Ich versicherte ihm, daß wir ihn bequem für die Nacht wurden beherbergen können. Auf meine Frage nach Lucill‘is Zustand, gestand er mir, daß er ihretwegen in ernster Sorge sei. Die verschiedenen heftigen Aufregungen, die sie eben durchgemacht, könnten so erschütternd auf ihr Nervensystem wirken, daß eine Gefährdung ihres wiedergewonnenen Augenlichts davon zu befürchten sei. Absolute Ruhe sei jetzt unerläßlich, darauf beruhe die einzige Hoffnung für sie. Während der nächsten vierundzwanzig Stunden müsse er ihre Augen genau beobachten. Nach Verlauf dieser Zeit, aber nicht eher, werde er vielleicht zu sagen im Stande sein, ob das geschehene Unheil für ihre Augen verhängnißvoll sein werde oder nicht. Ich fragte ihn, wie sie es angefangen habe, sich die Binde abzunehmen und auf so verhängnißvolle Weise in das Wohnzimmer einzudringen.

Er zuckte die Achseln. »Jedes Weib ist gelegentlich unwiderstehlich«, sagte er cynisch, »und dann werden wir, die Männer, zu Narren. So war es eben bei Lucilla.«

Aus seinen weiteren Mittheilungen ergab sich, daß meine arme Lucilla, nachdem die Amme das Zimmer verlassen hatte, Grosse so dringend gebeten hatte, ihr zu gestatten, ihre Augen zu versuchen, und so fassungslos unglücklich war, als er ihr diese Erlaubniß beharrlich verweigerte, daß er endlich nachgegeben hatte, nicht so sehr ihren Bitten, als der Ueberzeugung, daß es weniger gefährlich sei, ihr zu willfahren, als sich ihr zu widersetzen. Anfänglich hatte er es jedoch zur Bedingung gemacht, daß sie im Schlafzimmer bleiben und sich einstweilen damit begnügen solle, ihre Augen an den im Zimmer befindlichen Gegenständen zu versuchen. Sie hatte Alles versprochen und er war thöricht genug gewesen, ihrem Versprechen zu trauen. Kaum aber hatte er ihr die Binde abgenommen, als sie, taub gegen alles vernünftige Zureden, sich seinen Händen wie eine Wahnsinnige entrang, und noch ehe er sie zurückhalten konnte, in das Wohnzimmer stürzte. Das Weitere ergab sich dann ganz von selbst. So schwach sich auch ihre Sehkraft noch bei dem ersten Versuch zeigte, so war dieselbe doch bereits hinlänglich wieder hergestellt, um sie in den Stand zu setzen Gegenstände, wenn auch unklar, voneinander zu unterscheiden. Von den drei Personen die sich ihr bei ihrem Eintritt in die Thür an der rechten Seite derselben präsentirten war die eine Frau Finch, eine Frau, die zweite Herr Finch, ein kleiner ältlicher Mann mit grauem Haar, die dritte endlich Nugent, in seiner Größe, welche sie erkennen konnte, und mit seiner Hautfarbe, welche sie gleichfalls erkennen konnte, der einzige von den Dreien der möglicherweise Oscar sein konnte. Die darauf folgende Katastrophe war nach Lage der Sache unvermeidlich. Jetzt wo das Unheil einmal angerichtet war, blieb nichts übrig, als einem weiteren Umsichgreifen dieses Unheils womöglich vorzubeugen. Nicht die leiseste Andeutung ihres schrecklichen Mißverständnissen erklärte Grosse, dürfe ihr zu Ohren kommen. Wenn einer von uns ihr ein Wort davon sage, bevor er uns dazu autorisirt habe, so würde er seine Verantwortung für die Folgen ablehnen, und die Behandlung des Falles auf der Stelle aufgeben.

In dieser Weise erklärte mir Herr Grosse das Vorgefallene und gab s eine Ordres für unser künftiges Benehmen.

Niemand darf zu ihr hinein«, schloß er, »als Sie und die gute Zillah Sie müssen abwechselnd bei ihr Wache halten. Sie wird jetzt ein wenig schlafen; ich gehe in den Garten meine Pfeife zu rauchen. Glauben Sie mir, Madame Pratolungo, als Gott die Weiber erschaffen hatte, that es ihm nachher Leid für die armen Männer, und er ließ den Tabak wachsen, um sie zu trösten.«

Nachdem er mir noch diese eigenthümliche Ansicht von dem Plan der Schöpfung mitgetheilt hatte, schüttelte Herr Grosse seinen Krauskopf und wackelte in den Garten.

Leise öffnete ich die Thür des Schlafzimmers und ging hinein, gerade zur rechten Zeit, um dem Pfarrer und seiner Frau, die sich nach dem von ihnen bewohnten Theil des Hauses zurück begaben zu entgehen.

Lucilla lag auf dem Sopha. Mit einer schläfrigen Stimme fragte sie, wer da sei; sie war glücklicherweise eben im Begriff, zu entschlummern. Zillah saß auf einem Stuhl neben ihr. Für den Augenblick war ich nicht nöthig, und zum ersten Mal, seit ich in Dimchurch lebte, war ich froh, wieder zum Zimmer hinaus zu kommen. Ein mir selbst unerklärlicher, sonderbarer Widerspruch in meinem Charakter bewirkte, daß meine Sympathie für Oscar mich gewissermaßen feindselig gegen Lucilla stimmte und mich ihr für den Augenblick entfremdete. Es war nicht ihre Schuld, und doch, ich schäme mich, es zu gestehen war ich fast böse auf sie, daß sie so behaglich ruhen konnte, wenn ich an den armen Menschen dachte, der nun allein in Browndown war, und keinen Menschen hatte, der ihm mit einem freundlichen Worte zusprach.

Als ich wieder auf den Corridor hinaustrat, fragte ich mich, was ich thun solle.

Meine Einsamkeit im Hause war mir unerträglich, meine ängstliche Besorgniß um Oscar bedrückte mich, bis ich es nicht mehr aushalten konnte. Ich setzte meinem Hut auf und ging aus.

Da ich kein Verlangen darnach trug, Herrn Grosse in seinem Genuß des Tabakrauchens zu stören, ging ich so rasch wie möglich durch den Garten und war alsbald wieder im Dorfe. Hand in Hand mit meiner ängstlichen Besorgniß für Oscar ging mein erbostes Verlangen zu erfahren was Nugent thun würde. Die Frage war, ob er jetzt, nachdem er gerade das Unheil angerichtet, welches sein Bruder als möglich vorausgesehen hatte, das Unheil, das abzuwenden Oscar ihn gebeten hatte, Dimchurch verlassen — ob er, sage ich, jetzt abreisen und uns ein- für allemal von seinem Anblick befreien würde. Der bloße Gedanke an die Möglichkeit des Gegentheils, ich meine an die Möglichkeit, daß er bei uns bleiben könnte erfüllte mich mit einer so unaussprechlichen Angst vor dem was daraus entstehen könnte, daß meine Füße mir den Dienst versagten. Ich mußte mich gerade am Ende des Dorfes am Wege niedersetzen und warten, bis mein schwindelnder Kopf sich wieder beruhigt hatte, bevor ich es wagen durfte, weiter zu gehen.

Nach einer Weile hörte ich Fußtritte auf dem Wege herankommen. Mein Herz pochte gewaltig, ich glaubte es sei Nugent.

Im nächsten Augenblick konnte ich die Person erkennen. Es war nur Herr Gootheridge, der Besitzer des Wirthshauses im Dorf, der nach Hause zurückkehrte. Er stand still und zog seinen Hut.

»Sind Sie müde, Madame?« fragte er.

So elend ich mich fühlte, war ich doch so erfüllt von dem einen Gedanken daß ich demselben auch sofort dem Wirth gegenüber in der Frage Ausdruck geben mußte:

»Haben Sie vielleicht etwas von Herrn Nugent Dubourg gesehen?«

»Es sind noch keine fünf Minuten her, daß ich ihn gesehen habe, Madame.«

»Wo das?«

»Auf dem Wege nach Browndown.«

Ich fuhr zusammen, als hatte mich ein Schlag getroffen. Der würdige Herr Gootheridge sah mich verwundert an. Ich sagte ihm Adieu und ging so rasch mich meine Fuße tragen konnten geradenwegs nach Browndown. Hatten sich die Brüder im Hause getroffen? Bei dem bloßen Gedanken Überrieselte mich eiskalt, aber ich ging weiter. Der feste Entschluß, sie zu trennen, ersetzte bei mir den Muth; so sonderbar es klingen mag, ich war gleichzeitig kühn und furchtsam. In einem Augenblick war ich thöricht genug, zu denken: »Sie werden mich umbringen.« Im nächsten Augenblick tröstete ich mich ebenso thöricht damit, daß ich mir sagte: »Bah! sie sind ja Gentlemen, sie werden einer Frau nichts zu Leide thun!«

Der Diener stand müssig vor der Thür, als ich mich dem Hause näherte. Das war schon an und für sich etwas Ungewöhnliches. Er war ein sehr ordentlicher, an fleißige Arbeit gewöhnter Mensch. Sonst sah man ihn nie müssig vor der Thür stehen. Er kam mir einige Schritte entgegen. Ich sah ihm scharf ins Gesicht. Aber nicht das leiseste Anzeichen von Aufregung war in seinem Gesichte wahrzunehmen.

»Ist Herr Oscar zu Hause?« fragte ich.

»Bitte um Vergebung, gnädige Frau, Herr Osscar ist zu Hause, aber Sie können ihn nicht sprechen.

Herr Nugent ist bei ihm.«

Ich stützte meine Hand auf die niedrige Gartenmauer und machte einen verzweifelten Versuch, ruhig auszusehen.

»Herr Oscar wird mich gewiß sprechen wollen«, sagte ich.

»Ich habe die strengste Ordre von Herrn Oscar, gnädige Frau, mich hier vor der Thür aufzuhalten und Allen, die ihn sprechen wollen, ohne Ausnahme zu erklären, er sei beschäftigt.«

Die Hausthür war halb geöffnet. Ich horchte scharf auf, während der Diener mit mir sprach. Wenn sie in einem lauten Wortwechsel begriffen gewesen wären, so hätte ich es bei der tiefen rund umher herrschenden Stille hören müssen. Ich hörte aber Nichts.

Es war sonderbar, unbegreiflich, beruhigte mich aber doch. Da waren sie bei einander, ohne daß es bis jetzt zu etwas Schlimmen geführt hätte.

Ich gab dem Diener meine Karte und ging eine kleine Strecke um die Ecke der Gartenmauer. Sobald der Diener mich nicht mehr sehen konnte, kehrte ich wieder an die Seite des Hauses zurück und wagte mich soweit ich konnte an das Fenster des Wohnzimmers vor. Ich hörte ihre Stimmen, aber nicht was sie sagten. Beide sprachen leise und in vertraulichem Ton.Ich mochte horchen so scharf ich wollte, kein zorniger Laut war zu hören. Ich ging, außer mir vor Erstaunen und, so rasch wechseln bei uns Frauen die Emotionen, vor Neugierde brennend, wieder von dannen.

Nachdem ich eine halbe Stunde zwecklos im Thal umher gewandert war, kehrte ich nach dem Pfarrhause zurück.

Lucilla schlief noch. Ich nahm ZilIah’s Platz ein und schickte sie in die Küche.

Hier war die Wirthin aus dem Gasthof, um uns bei der Bereitung des Mittagessens zu helfen. Aber allein war sie kaum im Stande, die Bereitung der Gerichte zu bewältigen, die wir Herrn Grosse vorsetzen mußten. Es war hohe Zeit, daß ich Zillah ablöste, wenn wir das Gottesgericht der Kritik unseres Grosse über alle Saucen glücklich bestehen wollten.

Es verging noch eine Stunde, bevor Lucilla aufwachte. Ich schickte einen Boten an Grosse ab; er erschien in eine Tabakswolke gehüllt, untersuchte die Augen Lucilla‘s, fühlte ihr den Puls, beorderte Wein und Gelee für sie, stopfte eine ungeheure Pfeife und kehrte verdrießlich zu seiner Gartenpromenade zurück.

Eine Stunde nach der anderen verging Herr Finch erschien, um sich nach LucilIa’s Befinden zu erkundigen und kehrte dann wieder zn seiner Frau zurück, die sich, wie er sagte, in einem Zustand, »hysterischer Unverantwortlichkeit« befinde und eines zweiten warmen Bades dringend bedürfe. Er lehnte es in seiner pathetischsten Weise ab, mit dem deutschen Arzte zu Mittag zu essen.

»Nachdem was ich gelitten, nach dem was ich gesehen habe, sind diese Gelage, ich möchte sagen, diese Veranstaltungen zum Kitzeln des Gaumens, nicht nach meinem Geschmack. Sie meinen es gut, Madame Pratolungo; Sie, gute Seele! Aber ich bin nicht zu festlichen Schmaußereien aufgelegt. Was mir zugesagt, ist ein einfaches Mahl am Lager meiner Frau, wo ich in meiner Eigenschaft als Selenhirt und Gatte einige Worte des Trostes spende, wenn das Kind ruhig ist. So werde ich meinen Tag zubringen. Leben Sie wohl. Ich habe nichts gegen Ihr kleines Diner. Leben Sie wohl, leben Sie wohl!«

Nach einer zweiten Untersuchung von Lucilla’s Augen war die Stunde des Mittagessens gekommen.«

Beim Anblick des gedeckten Tisches fand Grosse seine gute Laune wieder. Wir Beiden aßen allein zu Mittag; Grosse schickte nach eigener Auswahl Verschiedenes von den Gerichten auf Lucilla‘s Zimmer. Bis jetzt, meinte er, habe sie an ihren Augen noch keinen ernsten Schaden genommen, aber er bestand noch immer darauf, daß sie sich völlig ruhig halte und erklärte, für nichts einstehen zu können, bis die Nacht vorüber sei. Auf meiner Stimmung lastete Oscar’s anhaltendes Schweigen immer drückender. Die Stunden banger Ungewißheit, die ich mit Lucilla im dunkeln Zimmer verbracht hatte, erschienen mir leicht im Vergleich mit der angstvollen Sorge, die ich jetzt empfand. Ich sah, wie Grosses Augen mich durch seine Brillengläser hindurch unzufrieden anglotzten. Er hatte alle Ursache, mich so anzusehen, noch nie in meinem Leben war ich so dumm und so langweilig gewesen.

Gegen Ende des Mittagessens kamen endlich Nachrichten von Browndown.

Der Diener ließ mich durch Zillah bitten, einen Augenblick hinauszukommen. Ich entschuldigte mich bei meinem Gast und eilte hinaus.

Bei dem Anblick des Dieners sank mir das Herz. Oscar’s Güte hatte bei diesem Diener eine wahre Anhänglichkeit an seinen Herrn bewirkt. Seine Lippen zitterten und er wechselte die Farbe, als ich ihn ansah.

»Ich bringe Ihnen einen Brief, gnädige Frau.« Mit diesen Worten übergab er mir einen von Oscar‘s Hand an mich adressierten Brief.

»Wie geht es Ihrem Herrn?«

»Es ging ihm nicht zum Besten, gnädige Frau, als ich ihn zuletzt sah.«

»Als sie ihn zuletzt sahen?«

»Ich bringe schlimme Nachrichten, gnädige Frau Browndowu wird geschlossen.«

»Was wollen Sie damit sagen? Wo ist Herr Oscar?«

»Herr Oscar hat Dimchurch verlassen.«



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel - Die Brüder vertauschen ihre Rollen

Ich hatte mir eingebildet, ich sei ans jedes Unglück, das uns treffen könne, vorbereitet Die letzten Worte des Dieners überzeugten mich, wie thöricht diese Einbildung gewesen war. Meine trübsten Ahnungen hätten mich doch nie ein solches Unglück befürchten lassen, wie es jetzt eingetreten war. Ich war wie versteinert, dachte an Lucilla und sah den Diener hilflos an. So sehr ich mich auch anstrengen mochte, ich war unfähig, mit ihm zu reden.

Er schien anders zu fühlen. Für die unteren Volksclassen ist das feierliche Behagen charakteristisch, mit welchem sie von ihrem eigenen Unglück zu reden pflegen. Das Bewußtsein, von irgend einer Calamität betroffen zu sein, scheint sie in ihrer eigenen Achtung zu heben. Mit einer traurigen Freude an dem betrübenden Gegenstande unserer Unterhaltung erging sich der Diener in Klagen über den Verlust einer Stellung bei dem besten aller Herren, wie er sie nie wieder finden würde und die traurige Nothwendigkeit in die er jetzt versetzt sei, sich einen andern Dienst zu suchen. Seine Reden wirkten so peinlich auf meine Nerven, daß ich es zuletzt nicht mehr aushalten konnte und wieder mit ihm sprach.

»Ist Herr Oscar allein fortgegangen?« sagte ich.

»Ja, gnädige Frau, ganz allein.«

Mein Interesse für Oscar beherrschte mich zu ausschließlich, als daß ich auch nur die Frage hätte thun sollen, was aus Nugent geworden sei.

»Wann ist Ihr Herr fortgegangen?« fuhr ich fort.

»Vor mehr als zwei Stunden.«

»Warum habe ich das nicht eher erfahren?«

»Herr Oscar hatte mir die ausdrückliche Ordre gegeben, Ihnen nicht eher etwas davon zu sagen.«

So unglücklich ich schon war, fühlte ich mich doch noch muthloser, als ich das hörte. Die dem Diener gegebene Ordre sah ganz darnach aus, als habe Oscar die Absicht gehabt, nicht nur Dimchurch zu verlassen, sondern auch uns über seine späteren Bewegungen völlig im Dunkel zu lassen.

»Ist Herr Oscar nach London gegangen?« fragte ich.

»Er hat Gootheridge‘s Wagen gemiethet, um damit nach Brighton zu fahren. Und er hat mir selbst gesagt, daß er Browndown verlasse, um nie wieder zurückzukehren. Mehr weiß ich nicht.«

Er hatte Browndown verlassen, um nie wieder zu kommen? Um Lucilla’s willen konnte ich das nicht glauben. Der Diener hatte übertrieben oder er hatte mißverstanden, was Oscar ihm gesagt hatte. Da erinnerte ich mich des Briefes, den ich in der Hand hielt. Vielleicht hatte ich den Diener ganz unnöthigerweise über Dinge befragt, welche sein Herr nur mir selbst hatte anvertrauen wollen. Ehe ich aber den Diener wieder fort ließ, befragte ich ihn noch nach Nugent.

»Er ist in Browndown.«

»Um da zu bleiben?«

»Das weiß ich nicht gewiß, gnädige Frau. Ich habe ihn keine Anstalten zur Abreise wachen gesehen und er hat auch nichts gesagt, was aus eine solche Absicht schließen ließe.«

Ich mußte mich sehr zusammennehmen, um nicht vor dem Diener meiner Entrüstung, die mich zu ersticken drohte, Ausdruck zu geben. Das beste Mittel, mich dieser Schwierigkeit zu überheben, war, den Diener fortzuschicken. Ich that das, nachdem ich ihm aus Vorsicht noch ein letztes Wort gesagt hatte.

»Haben Sie irgend Jemanden hier im Pfarrhause etwas von Herrn Oscar‘s Abreise gesagt?« fragte ich.

»Nein, gnädige Frau.« .

»Sagen Sie auch nichts davon, wenn Sie fortgehen. Ich danke Ihnen, daß Sie mir den Brief gebracht haben. Guten Abend.«

Nachdem ich so dafür gesorgt hatte, daß keine Kunde von dem Vorgefallenen Lucilla zu Ohren kommen könne, ging ich wieder zu Herrn Grosse, um mich bei ihm zu entschuldigen und ihn um Erlaubniß zu bitten, mich auf mein Zimmer zurückziehen zu dürfen. Ich fand unsern berühmten Gast eben in zärtlichster Besorgniß für mich damit beschäftigt, das letzte Gericht mit einem Teller zu bedecken, um dasselbe für mich warm zu halten.

»Hier haben wir eine reizende Käse-Omelette«, sagte Grosse. »Zwei Dritttheile davon habe ich aufgegessen, das andere Drittheil wollte ich um alles gern für Sie warm halten. Setzen Sie sich! setzen Sie sich! Hier ist keine Zeit zu verlieren, sonst wird die Omeis lette ganz kalt.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Grosse, aber ich habe eben eine sehr traurige Nachricht erhalten.«

»Ach Gott, erzählen Sie sie mir nicht«, platzte der Gourmand mit bestürzter Miene heraus. »Ich bitte Sie, nur keine traurige Nachricht nach einem so vortrefflichen Diner, wie ich es eben eingenommen habe. Stören Sie mich nicht in meiner Verdauung!, Meine gute, liebe Frau, wenn Sie etwas auf mich halten, stören Sie mich nicht in meiner Verdauung.

»Wollen Sie mich entschuldigen, wenn ich Sie ganz ungestört Ihrer Verdauung überlasse und mich auf mein Zimmer zurückziehe?«

Eiligst erhob er sich und öffnete die Thür für mich.

»Ja wohl! Von ganzem Herzen entschuldige ich Sie, meine gute Madame Pratolungo. Gehen Sie gern auf Ihr Zimmer.«

Ich hatte kaum die Schwelle überschritten, als sich auch schon die Thür hinter mir schloß. Ich hörte noch, wie der alte Grobian sich vergnügt die Hände rieb und in sich hinein lachte, weil es ihm so gut gelang, mich und meinen Kummer hinaus zu complimentiren.

In dem Augenblick, wo ich mein Zimmer betrat, fiel es mir ein, daß ich gut thun würde, mich dagegen zu sichern, bei der Lectüre von Oscar‘s Brief überrascht zu werden. In Wahrheit fürchtete ich mich davor, denselben zu lesen. So gern ich mir einreden wollte, daß die Aussage des Dieners falsch gewesen sei, konnte ich mich doch jetzt der dringenden Besorgniß nicht erwehren, daß der Brief seine Aussage in Betreff der Abreise Oscar’s und seines Entschlusses, nicht zurückzukehren, nur bestätigen würde. Ich kehrte wieder um und ging zu Lucilla auf ihr Zimmer.

Ich konnte sie eben erkennen bei dem trüben Schein des Nachtlichts, welches in einer Ecke brannte, um es dem Arzt oder der Wärterin möglich zu machen, zu ihr zu gelangen. Sie war allein und saß auf ihrem Lieblingssitze, einem kleinen Strohstuhl, mit der traurigen weißen Binde um die Augen, aber fleißig strickend und allem Anschein nach ganz zufrieden.

»Fühlen Sie sich nicht einsam, Lucilla?«

Sie wandte sich nach mir um und antwortete mir in ihrem vergnügtesten Ton:

»Durchaus nicht. Ich fühle mich so ganz glücklich.«

»Warum ist Zillah nicht bei Ihnen?«

»Ich habe sie fortgeschickt.«

»Fortgeschickt?«

»Ja! Ich fühlte, daß ich meines Lebens diesen Abend nicht froh werden könnte, wenn ich nicht ganz allein wäre. Ich habe ihn gesehen, liebe Freundin; ich habe ihn gesehen! Wie konnten Sie nur denken, daß ich mich einsam fühlen konnte? Ich fühle mich so unaussprechlich glücklich, daß ich stricken muß, um nur ruhig zu sitzen Wenn Sie noch lange mit mir reden, so springe ich auf und tanze, ganz gewiß, das thue ich! Wo ist Oscar? Der abscheuliche Grosse! Nein, es ist doch zu undankbar, von dem lieben Alten, der mir mein Augenlicht wiedergegeben hat, so zu reden. Aber es ist doch gar zu grausam von ihm, zu sagen, ich sei unnatürlich aufgeregt und Oscar zu verbieten, mich heute Abend zu besuchen. Ist Oscar bei Ihnen im Nebenzimmer? Ist er sehr unglücklich darüber, so von mir getrennt zu sein? Sagen Sie ihm doch, ich dachte an ihn, seit ich ihn gesehen habe, mit so neuen Gedanken!«

»Oscar ist heute Abend nicht hier, liebes Kind.«

»Nein? Dann ist er natürlich in Browndown mit seinem armen unglücklichem entstellten Bruder. Aber jetzt habe ich meinen Abscheu gegen Nugent‘s widerliches Gesicht überwunden. Ich fange an, obgleich ich, wie Sie wissen, ihn von Anfang an nicht leiden konnte — Mitleid mit ihm zu empfinden wegen seiner unglücklichen Hautfarbe. Lassen Sie uns nicht weiter davon reden! Lassen Sie uns überhaupt nicht reden! Ich möchte gern weiter an Oscar denken.«

Sie nahm ihre Strickarbeit wieder zur Hand und versenkte sich in ihre glückliche Gedankenwelt. Mir brach es das Herz, sie zu sehen und zu hören. Ich getrauete mich nicht noch ein Wort weiter zu reden, sondern ging leise zum Zimmer hinaus und trug Zillah auf, sobald Lucilla nach ihr klingeln würde, ihr zu sagen, daß ich, von den Ereignissen des Tages erschöpft, mich zur Ruhe begeben habe.

Endlich war ich allein. Endlich waren alle Manöver, die ich machte, um der traurigen Nothwendigkeit, Oscar‘s Brief zu lesen, zu entgehen, erschöpft; ich Verschloß meine Thür, erbrach den Brief und las was folgt: .

»Liebe gütige Freundin!

Verzeihen Sie mir; ich muß Ihnen eine traurige Ueberraschung bereiten. Dieser Brief soll Ihnen meinen innigsten Dank bringen, und Ihnen ein letztes Lebewohl zurufen.

Halten Sie alle Ihre Nachsicht für mich bereit. Lesen Sie diese Zeilen bis zu Ende; sie werden Ihnen erzählen, was sich zugetragen hat, seit ich das Pfarrhaus verlassen habe.

Von Nugent hatte Niemand etwas gesehen, als ich nach Hause kam. Erst eine Viertelstunde nachher hörte ich an der Thür seine Stimme, wie er nach mir rief und fragte, ob ich nach Hause gekommen sei. Ich antwortete ihm und er kam zu mir in’s Wohnzimmer. Seine ersten Worte waren: »Oscar, ich habe Dich um Verzeihung zu bitten und Dir Lebewohl zu sagen.« Ich vermag den Ton, mit welchem er diese Worte sprach, nicht zu schildern; er würde Ihnen bis in’s innerste Herz gedrungen sein, wie er mir bis in’s innerste Herz drang. Ich vermochte ihm im ersten Augenblick nicht zu antworten. Ich konnte ihm nur meine Hand reichen. Er seufzte schwer und wollte meine Hand nicht fassen.

»Ich habe Dir noch etwas zu sagen«, fing er wieder an, »warte, bis Du das gehört hast, und gieb mir nachher Deine Hand, wenn Du kanns.t« Nicht einmal hinsetzen wollte er sich. Es war mir peinlich, ihn vor mir stehen zn sehen, als wäre er mein Untergebener. Ach, es bedarf meines ganzen Muthes, meiner ganzen Ruhe, um zu wiederholen, was er zu mir sagte. Ich hatte mich mit der Absicht hingesetzt, Ihnen Alles zwischen uns Vorgefallene zu erzählen; aber da kommt mir wieder meine Schwäche in die Quere! Ich kann nicht! Die Thränen kommen mir in die Augen, sobald ich mir die Einzelheiten in’s Gedächtniß zurückrufe. Ich kann Ihnen nur das Resultat mittheilen. Das Bekenntniß meines Bruders laßt sich in drei Worte zusammenfassen. Machen Sie sich auf eine schreckliche, betrübende Enthüllung gefaßt; Nugent liebt sie. Stellen Sie sich meine Empfindungen bei dieser Entdeckung vor, nachdem ich gesehen hatte, wie meine unschuldige Lucilla ihn mit ihren Armen umschlang, nachdem ich mit meinen eigenen Augen gesehen hatte, wie sie sich bei seinem Anblick gefreut, wie sie bei meinem Anblick geschaudert hat! Brauche ich Ihnen zu sagen, was ich dabei litt? Nein.

Nugent reichte mir die Hand, als er geendigt hatte, wie ich ihm vorher die meinige gereicht hatte.

»Die einzige Art, sagte er, »wir ich die Sache gegen Dich und gegen sie wieder gut machen kann, ist, daß ich mich vor keinem von Euch je wieder blicken lasse. Reiche mir die Hand Oscar und laß’ mich ziehen.«

Wenn ich so gewollt hatte, würde die Sache damit geendet haben. Ich wollte es anders und es hat anders geendet. Können Sie rathen wie?«

Ich legte den Brief einen Augenblick bei Seite. Der Inhalt machte mich so unglücklich und versetzte mich in eine so leidenschaftliche Aufregung, daß ich nahe daran war, den Brief, ohne sein Ende zu kennen, zu zerreißen und mit Füßen zu treten. Ich ging im Zimmer auf und ab, ich tauchte mein Schnupftuch in kaltes Wasser und band es mir um den Kopf. Bald hatte ich meine Fassung wiedergewonnen; ich konnte meine Gedanken wieder für einen Augenblick von meiner armen Lucilla abwenden und zu dem Brief zurückkehren. Er lautete weiter so:

»Was ich Ihnen jetzt zu sagen habe, kann ich ruhig niederschreiben. Sie sollen hören, was ich beschlossen und was ich gethan habe. Ich bat Nugent, mich einen Augenblick zu entschuldigen, ich wolle hinausgehen, um ungestört zu überdenken, was er mir gesagt habe. Er versuchte mich daran zu verhindern; aber ich bestand darauf. Zum ersten Mal in unserm Leben vertauschten wir die Rollen. Ich war der Bestimmende und er folgte mir. Ich ließ ihn allein und ging in’s Thal hinaus.

Die himmlische Ruhe, die beruhigende Einsamkeit halfen mir. Jetzt wurde mir unser Beider Position ganz klar. Ehe ich wieder nach Hause zurückkehrte, war ich entschlossen, es koste was es wolle, selbst das Opfer zu bringen, zu welchem mein Bruder sich bereit, erklärt hatte. Ich hatte mich überzeugt, daß es um Lucilla‘s und meines Bruders willen, mir und nicht ihm obliege, fortzugehen.

Tadeln Sie mich nicht und grämen Sie sich nicht um meinetwegen, lesen Sie weiter. Ich möchte, daß Sie die Sache mit meinen Augen ansähen, daß Sie empfänden, wie ich in diesem Augenblick empfinde.

Wenn ich erwäge, was Nugent mir gestanden hat und was ich mit meinen, eigenen Augen gesehen habe — habe ich da ein Recht, Lucilla zu binden? Ich bin fest überzeugt, daß ich dazu kein Recht habe. Wie kann ich, nachdem ich ihr in dem Augenblick, wo ihre Augen zuerst mich erblickten, nachdem ich ihr Widerwillen und Entsetzen eingeflößt, nachdem ich sie in Nugent‘s Armen ahnungslos glücklich gesehen habe, wie kann ich da noch ein Recht auf sie als die Meinige geltend machen? Unsere Heirath ist unmöglich geworden. Um ihretwillen kann und darf ich sie nicht an ihr Wort für gebunden erachten. Die Vernichtung meines Glücks ist nichts, die Vernichtung ihres Glücks würde ein Verbrechen sein. Ich binde sie ihres Wortes, sie ist frei.

Das betrachte ich als meine Pflicht gegen Lucilla.

Nun zu Nugent. Ich verdanke es lediglich meinem Bruder, daß in jenem Criminalprozesse die Ehre unserer Familie gerettet wurde und daß ich einem schmachvollen Tode aus dem Schaffot entgangen bin. Giebt es eine Grenze für die Verbindlichkeit, die er mir durch die Leistungen eines solchen Dienstes auferlegt hat? Nein, keine. Der Mann, der Lucilla liebt und der Bruder, der mir das Leben gerettet hat, sind eine und dieselbe Person. Ich fühle mich verpflichtet, ihm die Freiheit zu gewähren, und ich gewähre sie ihm, Lucilla durch offene und loyale Mittel, wenn er kann, zu gewinnen. Sobald Herr Grosse sie für stark genug erklärt, eine solche Enthüllung zu ertragen, mag sie den Irrthum, in den sie durch meine Schuld verfallen ist, erfahren, mag sie diese Zeilen lesen, die in der Absicht geschrieben sind, so gut von ihr wie von Ihnen gesehen zu werden, und mag mein Bruder ihr nachher erzählen, was heute Abend in diesem Hause zwischen ihm und mir vorgefallen ist. Sie liebt ihn jetzt in dem Glauben, daß er Oscar sei. Wird sie ihn noch lieben, wenn sie seinen wirklichen Namen erfahren haben wird? Die Antwort auf diese Frage bleibt der Zukunft vorbehalten. Für den Fall, daß die Antwort für Nugent günstig lautet, habe ich bereits Anstalt getroffen, von meinem Einkommen eine Summe festzusetzen, welche meinen Bruder in den Stand setzen wird, sich zu verheirathen. Sein Genius soll sich, ungehemmt durch materielle Sorgen, frei entfalten können. Da ich viel mehr besitze, als ich zur Befriedigung meiner einfachen Bedürfnisse brauche, kann ich meine Ersparnisse für keinen besseren und edleren Zweck als diesen verwenden.

Das betrachte ich als meine Pflicht gegen Nugent.

Jetzt wissen Sie, was ich beschlossen habe.

Was ich gethan habe, läßt sich in zwei Worten sagen. Ich habe Browndown für immer verlassen. Ich bin fortgegangen, unter dem Schlage, der mich getroffen hat, fern von Ihnen allen zu leben oder zu sterben, wie es Gott gefällt.

Vielleicht daß ich nach Jahren, wenn ihre Kinder heranwachsen, Lucilla einmal wiedersehe, und die Hand des geliebten Weibes, die meine Frau hätte werden können, wie eine Schwesterhand drücke. Das geschieht vielleicht, wenn ich leben bleibe. Wenn ich sterbe, wird keiner von Ihnen etwas davon erfahren. Mein Tod soll keinen traurigen Schatten auf ihr Leben werfen. Verzeihen Sie mir und vergessen Sie mich, und bewahren Sie sich, wie ich es thue, die einzige und schönste Hoffnung, die uns Sterblichen bleibt, die Hoffnung auf Jenseits.

Ich lege für den Fall, daß Sie deren bedürfen sollten, die Adresse meines Banquiers in London ein. Ich werde demselben meine Instructionen geben. Wenn Sie mich lieben, wenn Sie Mitleid mit mir haben, so versuchen Sie es nicht, mich in meinem Entschlusse wankend zu machen. Sie würden mich nur traurig machen, aber nie von meinem Entschlusse abbringen. Schreiben Sie mir nicht eher, als bis Nugent Gelegenheit gehabt hat, seine eigene Sache zu verfechten und Lucilla eine Entscheidung über ihre Zukunft getroffen hat.

Noch einmal« ich danke Ihnen für die Güte, mit der Sie meine Schwäche und meine Thorheiten getragen haben. Gott fegne Sie — Leben Sie wohl.

Oscar.«

Ueber die Wirkung, welche dieser Brief beim ersten Lesen auf mich übte, sage ich nichts. Noch jetzt, nach so langer Zeit, kann ich mich nicht entschließen, die Erinnerung an das, was ich an jenem traurigen Abend, als ich allein auf meinem Zimmer saß, litt, wieder anfzufrischen. Ich will mich darauf beschränken, kurz zu erzählen, zu welchem Entschlusse ich gelangte.

Ich beschloß zuerst, mit dem Frühzug am nächsten Morgen nach London zu gehen und Oscar mit Hilfe seines Banquiers aufzusuchen, und sodann Maßregeln zu ergreifen, um den Schurken, der das Opfer des Lebensglücks seines Bruders angenommen hatte, zu verhindern, in meiner Abwesenheit das Pfarrhaus zu betreten.

Mein einziger Trost an jenem Abend war das Bewußtsein, einen festen Entschluß gefaßt zu haben. Dieses Bewußtsein gab mir die Kraft, mich bei Lucilla zu entschuldigen, ohne meinen Kummer zu verrathen, als ich sie wieder sah.

Bevor ich zu Bett ging, hatte ich sie ruhig und glücklich verlassen; ich hatte mit Grosse verabredet, daß er noch den ganzen nächsten Tag über seine reizbare Patientin von allen Besuchern fern halten solle; ich hatte mir als Verbündeten bei meinen Anstalten, um Nugent am Betreten des Hauses zu verhindern, keinen Geringeren gesichert, als den Ehrwürdigen Finch selbst. Ich sprach ihn während des Abends in seinem Studierzimmer und erzählte ihm alles Vorgefallene bis auf den einen Umstand, daß Oscar den unseligen Entschluß gefaßt habe, sein Vermögen mit seinem nichtswürdigen Bruder zu theilen. Ich ließ den Pfarrer absichtlich in dem Glauben, daß Oscar es Lucilla frei gestellt habe, die Werbungen eines Mannes anzunehmen, der sein Vermögen bis auf den letzten Heller durchgebracht habe. Die Rede des Ehrwiirdigen Finch, nachdem ich ihm diese Aussicht eröffnet hatte, war merkwürdig, soll aber, aus Ehrfurcht vor seinem geistlichen Stande, hier nicht näher berichtet werden.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Frühzuge nach London.

Noch an demselben Abend fuhr ich allein wieder nach Dimchurch zurück, ohne den Zweck, der mich nach der Hauptstadt geführt hatte, im Mindesten erreicht zu haben.

Oscar war Morgens gleich nach Eröffnung der Bank dort erschienen, hatte einige hundert Pfund aufgenommen, hatte den Banquiers gesagt, daß er ihnen demnächst eine Adresse aufgeben werde, unter welcher sie ihm schreiben könnten, und war dann ohne Weiteres nach dem Continent abgereist.

Ich brachte den Tag damit zu, Anstalten zu seiner Entdeckung auf den in solchen Fällen gebräuchlichen Wegen zu machen, und kehrte am Abend in einer aus Verzweiflung und Zorn gemischten Stimmung nach Hause zurück. In der ersten Bitterkeit meiner Enttäuschung war ich ganz ebenso entrüstet über Oscar, wie über Nugent. Aus tiefstem Herzen verwünschte ich den Tag, welcher den Einen und den Anderen nach Dimchurch gebracht hatte.

Als wir uns bereits in einiger Entfernung von London befanden und durch die ruhigen Wälder und Wiesen rasch dahin fuhren, fing mein Gemüth an, sich wieder zu beruhigen. Allmählig fing die unerwartete Entfaltung von Festigkeit und Entschlossenheit in Oscars Benehmen, so innig ich auch dieses Benehmen, noch immer beklagte, eine neue Wirkung auf mein Gemüth zu üben an. Ich dachte jetzt mit mißbilligender Bewunderung an meine eigene oberflächliche Beurtheilung der Charaktere der beiden Zwillingsbrüder zurück.

Als ich mir die Sache ungestört im Eisenbahnwagen, in welchem ich ganz allein saß, überlegen konnte, gelangte ich zu einem Schluß, welcher meinem Verfahren bei der Leitung Lucilla‘s durch die Wirren und Gefahren, die ihr noch bevorstanden, zur Richtschnur wurde.

Unsere physische Constitution hat, wie mir scheint, mehr Einfluß auf unsere Handlungsweise, nach welcher selbstverständlich unsere Mitmenschen uns beurtheilen, mehr überhaupt mit unserem ganzen Leben zu thun, als wir gewöhnlich glauben. Ein Mensch mit zarten Nerven sagt und thut Dinge, welche uns oft geringer von ihm denken lassen, als er es verdient. Ein solcher Mensch ist in der unglücklichen Lage, sich beständig von seiner schlechtesten Seite zu zeigen. Menschen mit starken Nerven dagegen erfreuen sich auch regelmäßig einer gesunden Zuversichtlichkeit des Auftretens, welches uns leicht zu der irrthümlichen Auffassung verleitet, daß ihr Wesen wirklich dem entspricht, was es bei oberflächlicher Betrachtung zu sein scheint. Vermöge ihres guten Humors sind sie gute Gesellschafter und machen sich bei den Leuten, mit denen sie in Berührung kommen, beliebt, — während sie doch unter einer äußeren physisch gesunden Hülle vielleicht ein sittlich faules inneres Wesen verbergen. Dieser letztere Typus des physischen Menschen, erschien mir als das Abbild Nugent Dubousrg’s, jener erstere als das Oscar’s. Alles Schwächliche und Kümmerliche in Oscar‘s Natur war früher in seinem Auftreten so vorherrschend zur Geltung gekommen, daß die stärkeren und edleren Seiten desselben dadurch ganz in den Hintergrund gedrängt waren. Im tiefsten Innern dieses krankhaft reizbaren Menschen, welcher sich keiner der kleinen Prüfungen seines Lebens in unserem Dorfe gewachsen gezeigt hatte, war doch etwas verborgen gewesen, was ihm, als der entscheidende Augenblick kam, die Festigkeit verlieh, das schreckliche Unglück, das ihn betroffen hatte, würdig zu tragen. Je mehr meine Reise sich ihrem Ende näherte, desto mehr überzeugte ich mich, daß ich erst jetzt, so bitter er mich auch getäuscht hatte, Oscar’s Charakter nach seinem wahren Werthe schätzen lernte. Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, fing ich bereits an, unserer hoffnungslos scheinenden Zukunft mit kühner Zuversicht entgegen zu blicken. Ich gelobte, daß Lucilla, so lange ich Kraft behielte, ihr zu helfen, den Mann nicht verlieren solle, dessen beste Eigenschaften ich verkannt hatte, bis er sich entschlossen hatte, ihr für immer den Rücken zu kehren.

Als ich im Pfarrhause eintraf, sagte man mir, daß Herr Finch mich zu sprechen wünsche. Mein lebhaftes Verlangen, Lucilla zu sehen, ließ mich keinen Aufschub ertragen. Ich ließ dem Pfarrer sagen, daß ich in wenigen Minuten bei ihm sein würde und eilte nach Lucilla’s Zimmer hinauf.

»Ist Ihnen der Tag sehr lang geworden, liebes Kind?« fragte ich, nachdem wir uns herzlich begrüßt hatten. »Es war ein köstlicher Tag«, antwortete sie vergnügt. »Grosse hat mich spazieren geführt, ehe er nach London zurückkehrte. Können Sie rathen, wohin wir gegangen sind?«

Eine böse Ahnung durchfuhr mich; ich trat einige Schritte zurück. Ich betrachtete ihr liebliches, glückliches Gesicht, ohne alle Bewunderung, ja noch schlimmer, mit dem größten Mißtrauen.

»Wohin sind Sie denn gegangen?« fragte ich.

»Natürlich nach Browndown. «

Ein Ausruf entfuhr mir: »Der infame Grosse«, murmelte ich auf französisch für mich hin. Ich konnte nicht anders, ich wäre daran gestorben, wenn ich die Worte hätte zurückdrängen müssen, so außer mir war ich.

Lucilla lachte. »O, o, es war meine Schuld, ich bestand darauf, Oscar zu sprechen. Sobald mir mein Wille geschah, benahm ich mich vortrefflich. Ich verlangte keinen Augenblick daß mir die Binde abgenommen werde, ich war zufrieden, wenn ich nur mit ihm sprechen durfte. Der liebe alte Grosse, der nicht halb so hart gegen mich ist, wie Sie und mein Vater, blieb während des ganzen Gespräches bei uns. Es hat mir so gut gethan. Brummen Sie nur nicht, rneine liebe, kleine Madame Pratolungo! Mein Arzt hat meine Unvorsichtigkeit sanctionirt. Ich brauche Sie nicht zu bitten, morgen mit mir nach Browndown zu gehen; Oscar kommt her; meinen Besuch zu erwidern.«.

Diese letzten Worte waren für mich entscheidend. Ich hatte einen ermüdenden Tag gehabt; aber er follte für mich noch nicht zu Ende sein. Ich dachte bei mir: »Ich will mit Herrn Nugent in’s Reine kommen, bevor ich mich diesen Abend zur Ruhe lege. «

.

»Können Sie mich für eine kurze Zeit entbehren?« fragte ich; »ich muß hinüber, Ihr Vater wünscht mich zu sprechen.«

Lucilla fuhr zusammen. »Was will er von Ihnen?« fragte sie eifrig.

»Er will mich wegen geschäftlicher Angelegenheiten in London sprechen« — und damit verließ ich sie, bevor ihre Neugierde mich durch weitere Fragen bei meinem augenblicklichen Gemüthszustande rasend machte.

Ich fand den Pfarrer bereit, mich mit seinem gewöhnlichen Strom der Beredtsamkeit zu überschütten. Aber fünfzig Ehrwürdige Finche hätten bei der Stimmung, in der ich mich in jenem Augenblick befand, meine Aufmerksamkeit nicht fesseln können. Zum Erstaunen des Ehrwürdigen Herrn ließ ich ihn nicht gleich zu Worte kommen, sondern fing selbst an.

»Ich komme eben von Lucilla, Herr Finch, ich weiß, was vorgefallen ist.«

»Warten Sie einen Augenblick, Madame Pratolungo. Eines ist gleich von vornherein von der größten Wichtigkeit. Ist es Ihnen völlig klar, daß, ich in keinem Sinne des Wortes zu tadeln bin? «

»Völlig«, unterbrach ich ihn. »Natürlich würden sie nicht nach Browndown gegangen sein, wenn Sie darein gewilligt hätten, Nugent Dubourg in’s Haus zu lassen.«

»Halt!« rief Herr Finch, indem er seine rechte Hand erhob. »Beste Frau, Sie sind in einem Zustand hysterischer Ueberstürzung. Sie sollen mich hören! Ich habe mehr gethan, als nur meine Einwilligung verweigern. Als der Mann, Grosse — ich bestehe darauf, daß Sie sich beruhigen — als der Grosse zu mir kam, und mit mir über die Sache sprach, that ich mehr, ich sage unendlich viel mehr, als meine Einwilligung verweigern. Sie kennen die Kraft meiner Sprache. Beunruhigen Sie sich nicht. Ich sagte: »Herr, als Geistlicher und Vater bin ich fest entschlossen. «

»Ich verstehe Sie, Herr Finch. Was Sie auch zu Herrn Grosse gesagt haben mögen, es war ganz nutzlos. Er ließ Ihre persönliche Ansicht der Sache völlig unberücksichtigt.«

»Madame Pratolungo —!«

»Er fand Lucilla durch ihre Trennung von Oscar bedenklich aufgeregt und machte seine, wie er es nennt, berufsmäßige Freiheit des Handelns geltend«

»Madame Pratolungo!«

»Sie beharrten dabei, Nugent Dubourg Ihr Haus zu verschließen. Er beharrte ebenso fest auf seinem Willen und brachte Lucilla nach Browndown.«

Herr Finch stand auf und suchte mir mit dem ganzen Gewicht seiner ungeheuren Stimme zu imponiren.

»Still!« schrie er, indem er mit der flachen Hand auf den neben ihm stehenden Tisch schlug.

Ich ließ mich nicht einschüchtern; ich schrie auch meinerseits und schlug mit meiner flachen Hand auf den Tisch.

»Erlauben Sie mir eine Frage, Herr Finch, ehe ich fortgehe«, sagte ich. »Seit Ihre Tochter nach Browndown gegangen ist, sind bereits viele Stunden verflossen. Haben Sie Herrn Nugent Dubourg gesehen?«

Der Papst von Dimchurch zog plötzlich mitten im Schleudern seiner häuslichen Bullen andere Saiten auf.

»Verzeihen Sie mir«, sagte er in seinem ausgesucht höflichsten Ton. »Dieser Punkt bedarf einer eingehenden Erklärung. «

Ich lehnte es ab, diese eingehende Erklärung abzuwarten. »Sie haben ihn nicht gesehen?« fragte ich.

»Ich habe ihn nicht gesehen«, wiederholte Herr Finch. »Meine Stellung Nugent Dubourg gegenüber ist sehr merkwürdig, Madame Pratolungo. Als Vater möchte ich ihm gern den Hals umdrehen. Als Geistlicher halte ich es für meine Pflicht, meinem Unwillen Einhalt zu thun und ihm zu schreiben. Können Sie sich meine Verantwortlichkeit vergegenwärtigen? Können Sie die Unterscheidung, die ich mache, verstehen?«

Ich verstand, daß er sich fürchtete. Statt aller Antwort verneigte ich mich leicht mit dem Kopfe gegen ihn, ich hasse feige Menschen, und ging schweigend nach der Thür.

Herr Finch erwiderte meine Verneigung mit einem Blick, in welchem sich fassungslose Bewunderung aussprach. »Wollen Sie mich verlassen?« fragte er in freundlich schmeichelndem Ton.

»Ich will nach Browndown.«

Wenn ich gesagt hätte, ich gehe an einen Ort, dessen der Pfarrer in den nachdrücklichsten Stellen seiner Predigten zu gedenken oft Gelegenheit hatte, sein Gesicht hätte kaum mehr Erstaunen und Unruhe verrathen können, als bei meiner Antwort. erhob seine gewaltige Rechte, er öffnete seine beredten Lippen; aber noch bevor der nahende Strom der Beredtsamkeit sich über mich ergießen konnte, war ich zum Zimmer hinaus auf dem Wege nach Browndown.



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel - Giebt es keine Entschuldigung für ihn?

Oscar‘s Diener, der nach seiner Kündigung noch einen Monat lang das Haus zu hüten hatte, öffnete mir die Hausthür. Obgleich es eine für die primitiven Dimchurcher Verhältnisse späte Stunde war, schien der Mann doch bei meinem Anblick durchaus nicht überrascht zu sein.

»Ist Herr Nugent Dubourg zu Hause?«

»Ja, Madame«, antwortete er und fügte dann mit leiserer Stimme hinzu, »ich glaube, Herr Nugent hat darauf gerechnet, Sie heute Abend zu sehen.«

Gleichviel ob absichtlich oder nicht, hatte der Diener mir einen guten Dienst geleistet, er hatte mich dahin gebracht, auf meiner Hut zu sein. Nugent Dubourg kannte meinen Charakter besser, als ich den seinigen gekannt hatte. Er hatte vorausgesehen, was erfolgen werde, wenn ich bei meiner Rückkehr nach dem Pfarrhause von Lucilla’s Besuch hörte, und er hatte sich ohne Zweifel demgemäß vorbereitet. Ich bekenne, daß ich mich einer gewissen nervösen Aufregung nicht erwehren konnte, als ich dem Diener in das Wohnzimmer folgte. In dem Augenblick jedoch, da er die Thür öffnete, verließ mich diese ängstliche Befangenheit ebenso plötzlich wie sie gekommen war. Ich fühlte mich wieder ganz als die Wittwe Pratolungo’s, als ich das Zimmer betrat.

Eine Leselampe mit dunklem Schirm war das einzige auf dem Tisch befindliche Licht. Neben dieser Lampe saß mit einem Buch in der Hand und einer Cigarre im Munde, behaglich ausgestreckt in einem Lehnstuhl, Nugent Dubourg. Bei meinem Eintritt legte er das Buch auf den Tisch und stand auf, mich zu empfangen. Jetzt, wo ich wußte, mit was für einem Menschen ich zu thun hatte, war ich entschlossen, mir auch die geringfügigsten Umstände nicht entgehen zu lassen. Es konnte mir vielleicht zum Verständniß seines Wesens förderlich sein, wenn ich wußte, womit er sich, während er mich erwartete, beschäftigt hatte.

Ich sah mir das Buch an, es waren Rousseauts »Confessions«. Er trat mir mit einem freundlichen Lächeln entgegen und reichte mir die Hand, als ob nichts vorgefallen wäre, was unsere gewöhnlichen Beziehungen zu einander hätte stören können. Ich trat einen Schritt zurück und sah ihn an.

»Wollen Sie mir nicht die Hand geben?« fragte er.

»Ich will Ihnen gleich darauf antworten« sagte ich, »wo ist Ihr Bruder?«

»Das weiß ich nicht«

»Sobald Sie es wissen und Ihren Bruder in dieses Haus zurückgeführt haben werden, Herr Nugent Dubourg, will ich Ihnen die Hand geben, nicht eher.«

Er verneigte sich mit einem satyrischen Achselzucken und fragte mich, ob er mir einen Stuhl anbieten dürfe. Ich nahm mir selbst einen Stuhl und stellte denselben so hin, daß ich ihm gegenüber sitzen mußte, sobald er seinen Sitz wieder einnahm. Im Begriff, sich niederzusetzen, blieb er stehen und sah nach dem offenen Fenster.

»Soll ich meine Cigarre wegwerfen? « fragte er.

»Meinetwegen nicht, mir macht das Rauchen nichts« .

»Ich danke Ihnen.« Er setzte sich wieder und zwar so, daß der von der Lampe geworfene Schatten auch auf sein Gesicht fiel. Nachdem er einige Züge geraucht hatte, sprach er wieder, ohne mich anzusehen. »Darf ich fragen, was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft?«

»Zweierlei. Erstens die Absicht, Sie zu bestimmen, Dimchurch morgen früh zu verlassen. Zweitens der Entschluß, Ihren Bruder wieder mit seiner Verlobten, zu vereinigen.«

Er sah erstaunt zu mir auf. Die Reizbarkeit meines Temperaments, wie er sie kannte, machte, daß er nicht auf die vollkommene Ruhe in Ton und Wesen gefaßt war, mit welcher ich seine Frage beantwortet hatte. Dann heftete er seinen Blick auf seine Cigarre, stieß die Asche ab und dachte einen Augenblick nach, bevor er wieder sprach.

»Ich komme gleich auf die Frage meiner Abreise von Dimchurch«, sagte er. »Haben Sie einen Brief von Oscar erhalten?«

»Ja.«

»Haben Sie ihn gelesen?«

»Ja.«

»Dann wissen Sie, daß wir uns verständigt haben?«

»Ich weiß, daß Ihr Bruder sich für Sie geopfert hat und daß Sie sich dieses Opfer in niedriger Weise zu Nutze gemacht haben.«.

Er fuhr zusammen und sah wieder erstaunt zu mir auf. Ich sah, daß etwas in meiner Ausdrucksweise oder in meinem Ton ihn empfindlich getroffen hatte.

»Sie haben ein Privilegium als Dame.«, sagte er, »aber mißbrauchen Sie dasselbe nicht. Was Oscar gethan hat, hat er aus eigenem Antriebe gethan.«

»Was Oscar gethan hat«, erwiderte ich« »ist bejammernswerth thöricht und höchst verkehrt; aber bei aller Verkehrtheit liegt doch in dem Motiv, das ihn dabei geleitet hat, etwas Großmüthiges, etwas Edles. Was dagegen Ihr Benehmen bei dieser Gelegenheit betrifft, so kann ich keine anderen als niedrige und feige Motive für Ihre Handlungsweise erkennen.«

Er sprang auf und warf seine Cigarre in das leere Kamim.

»Madame Pratolungo» sagte er, »ich habe nicht die Ehre, irgend etwas von Ihrer Familie zu wissen. Ich kann eine Frau für eine mir von derselben angethane Insulte nicht zur Rechenschaft ziehen. Haben Sie vielleicht in oder außerhalb Englands einen männlichen Verwandten?«

»Ich habe zufällig etwas, was bei dieser Gelegenheit dieselben Dienste leisten wird, erwiderte ich. »Ich habe eine herzliche Verachtung für Drohungen aller Art und eine nicht zu erschütternde Entschlossenheit, zu sagen, was ich denke«

Er ging nach der Thür und öffnete dieselbe mit den Worten:

»Ich muß Ihnen die Gelegenheit nehmen, noch weiter etwas zu sagen. Ich bitte um die Erlaubniß, Sie hier allein lassen und Ihnen einen guten Abend wünschen zu dürfen.«

Er öffnete die Thür. Als ich das Haus betrat, hatte ich mich für den äußersten Fall mit einem verzweifelten Entschluß gewaffnet, den ich nur im äußersten Nothfall ihm oder sonst Jemand mittheilen wollte. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo ich das sagen mußte, was ich von ganzem Herzen gehofft hatte, ungesagt lassen zu können.

Ich stand gleichfalls auf und hielt ihn, als er im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, zurück.

»Setzen Sie sich ruhig wieder hin und lesen Sie weiter, sagte ich. »Unsere Zusammenkunft ist zu Ende. Bevor ich dieses Haus verlasse, habe ich Ihnen nur noch ein letztes Wort zu sagen. Sie vergeuden nur Ihre Zeit, wenn Sie noch länger in Dimchurch bleiben.«

»Das muß ich selbst am besten beurtheilen können»,antwortete er, indem er mir Platz machte, um mich hinaus zu lassen.

»Verzeihen Sie mir, aber Sie sind durchaus nicht in der Lage, das beurtheilen zu können. Sie wissen nicht, was ich zu thun entschlossen bin, sobald ich nach dem Pfarrhause zurückkomme.«

Sofort änderte er seine Stellung und postirte sich vor die offene Thür, um mich so zu verhindern, das Zimmer zu verlassen.

»Und was sind Sie entschlossen, zu thuu?« fragte er, indem er seine Augen fest auf die meinigen geheftet hielt.

»Ich bin entschlossen, Sie zu zwingen, Dimchurch zu verlassen.«

Er lachte frech. Ich aber fuhr ebenso ruhig wie bisher fort. »Sie haben sich diesen Morgen gegen Lucilla für Ihren Bruder ausgegeben«, sagte ich. »Sie haben das zum letzten Mal gethan, Herr Nugent Dubourg.«

»So? Wer will mich verhindern, es noch einmal zu thun?«

»Ich.«

Diesmal nahm er die Sache ernst.

»So? « fragte er.

»Wie wollen Sie mich denn controlieren. Wenn ich fragen darf?«

»Ich kann Sie durch Lucilla controliren. Wenn ich in’s Pfarrhaus zurückkomme, kann und will ich Lucilla die Wahrheit sagen.«

Er fuhr zusammen, faßte sich aber sofort wieder.

»Sie vergessen etwas« Madame Pratolungo. Sie vergessen, was der behandelnde Arzt uns gesagt hat.«

»Das ist mir vollkommen gegenwärtig. Er erklärte, wenn wir irgend etwas sagten oder thäten, was seine Patientin in Ihrem gegenwärtigen Zustande aufregen könne, nicht für die Folgen einstehen zu können.«

»Nun?«

»Nun, bei der Alternative, die mir gestellt ist, entweder Sie gewähren und Beiden das Herz brechen zu lassen oder der Warnung des Arztes zu trotzen, habe ich, so furchtbar auch diese Wahl ist, meine Wahl getroffen.

Ich sage Ihnen gerade in’s Gesicht. lieber will ich, daß Lucilla wieder erblindet, als daß sie Ihre Frau wird.«

Die Stärke seiner Position hatte sich in seiner Vorstellung auf die Ueberzeugung gegründet, daß Grosse’s ärztliche Autorität mir die Zunge binden werde.

Jetzt hatte ich seine Berechnung zu Schanden gemacht.

Er wurde todtenbleich, wie ich trotz der matten Beleuchtung sehr wohl erkennen konnte.

»Ich glaube Ihnen nicht!« sagte er.

»Kommen Sie morgen nach dem Pfarrhause«, antwortete ich, »und Sie werden sehen. »Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen. Lassen Sie mich hinaus.«

Vielleicht glaubt der Leser, ich habe ihn nur erschrecken wollen. Das wäre aber durchaus irrig. Man mag mich tadeln oder mir zustimmen — aber ich kann versichern, daß es mir mit dem Entschluß, den ich aussprach, vollkommener Ernst war. Ob mein Muth während des Ganges von Browndown vorgehalten haben und ob ich nicht schließlich Lucilla gegenüber vor der Ausführung zurückgeschreckt sein würde, das ist mehr; als ich selbst zu sagen vermag. Alles was ich sagen kann, ist, daß ich in meiner Verzweiflung fest entschlossen war, meine Drohung auszuführen und daß Nugent Dubourg aus meiner Stimme etwas heraushörte, was ihm sagte, daß es mir mit meinen Worten Ernst sei.«

»Sie Teufel!« schrie er, indem er mit wüthenden Blicken auf mich zutrat. Die leidenschaftliche Gluth der Liebe, welche der Elende für sie fühlte, machte ihn am ganzen Leibe zittern, als sich sein Abscheu vor mir in jenen beiden Worten Luft machte.

»Verschonen Sie mich mit Ihrer Ansicht über meinen Charakter«, sagte ich. »Ich kann von Ihnen kein Verständniß für die Motive einer rechtschaffenen Frau erwarten. Zum letzten Mal, lassen Sie mich hinaus.«

Aber statt mich hinauszulassen, verschloß er die Thür und steckte den Schlüssel in die Tasche. Dann wies er aus den Stuhl, auf welchem ich gesessen hatte.

»Setzen Sie sich«, sagte er, indem er plötzlich die Stimme sinken ließ und dadurch einen plötzlichen Wechsel seiner Stimmung zu erkennen gab. »Lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken.«

Ich setzte mich wieder. Er rückte seinen Stuhl an die andere Seite des Tisches und bedeckte das Gesicht mit seinen Händen. So saßen wir eine Weile schweigend einander gegenüber. Von Zeit zu Zeit sah ich nach ihm auf, Zwischen seinen Fingern glitzerte etwas. Ich stand leise auf und beugte mich über den Tisch hin, um zu erkennen, was es sei; Thränen, wahrhaftig Thränen, die sich durch seine Finger, die er vors Gesicht hielt, hindurchdrängten. Ich hatte ihn eben anreden wollen. Jetzt setzte ich mich wieder schweigend nieder.

»Sagen Sie mir, was Sie von mir verlangen, was Sie wünschen, das ich thun soll.«

Das waren die ersten Worte, die er wieder sprach. Er sagte sie, ohne die Hände zu bewegen, so ruhig, so traurig, in einem so hoffnungslos kummervollen, so klaglos resignierten Ton, daß ich, die ich das Zimmer von Haß gegen ihn erfüllt betreten hatte, wieder aufstand und an seinen Stuhl herantrat. Ich, die ich ihn noch vor einer Minute, wenn ich die Kraft besessen, gern zu Boden gestreckt hätte, legte ihm, indem ich ihn von ganzem Herzen bemitleidete, die Hand auf die Schulter. So sind die Frauen! Das ist ein Beispiel ihres Urtheils, ihrer Festigkeit und ihrer Selbstbeherrschung.

»Seien Sie gerecht, Nugent«, sagte ich, »seien Sie ehrenhaft, seien Sie Alles, wofür ich Sie ehemals gehalten habe. Mehr verlange ich nicht von Ihnen.«

Er ließ die Arme auf den Tisch fallen und den Kopf auf die Arme sinken und brach in einen Strom von Thränen aus. Das sah seinem Bruder so ähnlich, daß ich beinahe hätte glauben können, auch ich hatte Einen mit dem Andern verwechseln können.

»Ganz wie Oscar«, dachte ich bei mir, »an jenem Tage, wo ich ihn zuerst in eben diesem Zimmer sprach!«

»Kommen Sie«, sagte ich, als er ruhiger geworden war, »wir werden schließlich noch dahin gelangen, uns einander zu verstehen, uns zu achten.

Ungeduldig schüttelte er meine Hand wieder von seiner Schulter ab und wandte sein Gesicht vom Lichte weg.

»Reden Sie nicht davon, daß Sie mich verstehen könnten«, sagte er. »Ihre Sympathien sind für ihn. Er ist das Opfer, er ist der Märtyrer, er erfreut sich Ihrer ganzen Achtung, Ihres ganzen Mitleids. Ich bin ein Feigling, ein Nichtswürdiger; ich habe keine Ehre und kein Herz. Mich darf man wie einen Wurm zertreten. Mein Unglück habe ich verdient! An einem solchen Schurken wie ich, wäre das Mitleid nur vergeudet, nicht wahr?«

Ich war in schmerzlicher Verlegenheit, wie ich ihm antworten sollte. Alles, was er gegen sich vorgebracht, hatte ich wirklich von ihm gedacht. Und warum sollte ich nicht? Hatte er sich doch wirklich nichtswürdig benommen, erschien doch wirklich die tiefste Entrüstung gegen ihn gerechtfertigt. Und doch, und doch; es ist bisweilen gar zu schwer für ein Frauenherz, einem Manne, wie schlecht er sich auch benommen haben möge, nicht zu verzeihen, wenn es weiß, daß die Liebe zu einem Weibe dieses Benehmen veranlaßt hat!

»Was ich auch immer von Ihnen gedacht haben mag«, sagte ich, »es steht noch immer bei Ihnen, Nugent, meine Achtung wiederzugewinnen.«

»So?« fragte er höhnisch. »Ich weiß es besser. Sie haben nicht Oscar vor sich. Sie reden mit einem Manne, der die Frauen kennt. Ich weiß, wie Ihr Alle an Euren Ansichten festhaltet, nur weil es Eure Ansichten sind, ohne Euch zu fragen, ob Sie richtig oder falsch sind. Männer könnten mich verstehen und bemitleiden — Frauen nicht. Die besten und gescheidtesten unter Euch haben keinen Begriff von der Liebe eines Mannes. Die Liebe macht Euch nicht so rasend wie uns. Bei Frauen begegnet sie noch gewissen Schranken, bei Männern durchbricht sie jede Schranke. Sie raubt Ihnen Verstand, Ehrgefühl und Selbstachtung, sie stellt sie auf eine Stufe mit dem Thiere, sie treibt dieselben zum Wahnsinn. Ich sage Ihnen, ich bin für meine eigenen Handlungen nicht verantwortlich. Das Beste, was Sie für mich thun könnten, wäre, mich in ein Irrenhaus zu sperren. Das Beste, was ich selbst für mich thun könnte, wäre, mir die Kehle abzuschneiden O ja, es ist entsetzlich, so zu reden, nicht wahr? Ich sollte dagegen ankämpfen, wie Sie es nennen. Ich sollte mich zusammennehmen und mich zu beherrschen suchen. Ha! ha! hat Sie sind eine gescheidte, eine erfahrene Frau. Und doch haben Sie, obgleich Sie mich hunderte von Malen in Lucilla’s Gesellschaft gesehen haben, nie eine Spur des Kampfes bei mir entdeckt. Von dem ersten Augenblicke an, wo ich dieses himmlische Geschöpf zuerst gesehen habe, habe ich« einen einzigen langen Kampf mit mir selbst gekämpft, habe ich unablässig Höllenqualen der Scham und der Gewissensbisse erduldet, und Sie, meine kluge Freundin, haben so wenig beobachtet und wissen so wenig, daß Sie in meinem Benehmen nichts anderes zu sehen vermögen, als das Benehmen eines Feiglings und eines Schurken!«

Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Ich war begreiflicherweise durch seine Aeußerungen etwas aufgeregt. Ein Mann, der sich anmaßte, sich auf die Liebe besser zu verstehen, als eine Frau! Hat man je von einer so ungeheuerlichen Verkehrung der Begriffe gehört? Ich appellire an die Frauen!

»Sie sind der Letzte, der ein Recht hätte, mich zu tadeln«, sagte ich. »Ich hatte eine zu hohe Meinung von Ihnen, um zu argwöhnen, was in Ihnen vorging. Ich verspreche Ihnen aber, nie wieder in diesen Fehler zu verfallen.«

Er trat wieder auf mich zu und sah mir scharf ins Gesicht.

»Wollen Sie wirklich behaupten, daß Sie an jenem Tage, wo ich sie zuerst sah, nichts bemerkt haben, was Ihnen zu denken gegeben hätte?« fragte er. »Sie waren ja im Zimmer; ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß ich in ihrer Gegenwart verstummte? Und haben Sie auch später nichts Verdächtiges bemerkt? War mir denn, während ich Folterqualen erlitt, sobald ich sie nur anblickte, nichts anzusehen, was für sich selbst gesprochen hätte?«

»Ich sah wohl, daß Sie sich nie in ihrer Gegenwart behaglich fühlten«, erwiderte ich, »aber ich hatte Sie gern, traute Ihnen und verstand Sie nicht.«

»Verstanden Sie auch von dem, was weiter geschah, nichts? Habe ich nicht mit ihrem Vater gesprochen? Habe ich nicht versucht, ihre Heirath zu beschleunigen? Habe ich wirklich auf keine Weise zu erkennen gegeben, was ich empfand, als Sie mir mittheilten, daß das Erste, was sie an Oscar angezogen habe, seine Stimme gewesen sei, und als ich Sie darauf aufmerksam machte, daß meine Stimme der seinigen vollkommen gleiche? Habe ich Ihnen nicht, als wir zuerst davon sprachen, ob er nicht Lucilla die Entstellung seines Gesichts bekennen solle, darin zugestimmt, daß er ihr in seinem eigenen Interesse die Wahrheit sagen müsse? Als sie nahe daran war, die Sache selbst zu entdecken, wessen Einfluß wurde da aufgeboten, um ihn zu einem Geständniß zu bewegen? Der meinige! Und was that ich, als er es versuchte, die Sache zu bekennen, sie ihn aber nicht verstand? Was that ich, als sie zum ersten Mal in den Irrthum verfiel, mich für den Entstellten zu halten?«

Die Kühnheit dieser letzten Frage benahm mir fast den Athem: »Sie waren grausam behilflich dazu, sie zu betrügen«, antwortete ich entrüstet. »Sie ermuthigten Ihren Bruder schmählicherweise bei seiner Politik des Schweigens.«

Er sah mich mit einem Ausdruck zornigen Erstaunens an, der meinem zornigen Erstaunen mehr als die Spitze bot.

»Das ist also die feine Auffassungsgabe der Frauen!« rief er aus, »das ist also der wunderbare Takt, der dem weiblichen Geschlechte eigen ist! Sie vermögen kein anderes, als ein niedriges Motiv meiner Aufopferung für Oscar zu erkennen!«

Ich fing an zu ahnen, daß seinem Benehmen doch wohl noch ein anderes, als das von mir vermuthete schlechte Motiv zu Grunde gelegen haben könne. Nun, es mochte sein, daß ich Unrecht gehabt hatte, aber mich kränkte der Ton, den er gegen mich annahm. Jedem andern Menschen gegenüber würde ich bereit gewesen sein, meinen Irrthum einzugestehen; ihm gegenüber wollte ich ihn nicht eingestehen.

»Blicken Sie einen Augenblick zurück«, nahm er in ruhigerem und sanfterem Tone wieder auf. »Und sehen Sie, wie hart Sie mich beurtheilen. Ich ergriff die Gelegenheit, ich schwöre es Ihnen, ich ergriff die Gelegenheit, mich in dem Augenblick, wo ich von ihrem Mißverständniß hörte, zu einem Gegenstand des Entsetzens für sie zu machen. Da ich fühlte, daß es mir immer weniger möglich wurde, sie zu meiden, ergriff, ich begierig die Gelegenheit, sie mich meiden zu machen. Ich that das und ich that mehr! Ich bat Oscar, mich von Dimchurch fortgehen zu lassen. Er beschwor mich aber im Namen unserer brüderlichen Liebe, zu bleiben. Ich konnte ihm nicht widerstehen. Wo finden Sie in dem Allen die Spuren des Benehmens eines Schurken? Würde ein Schurke sich Ihnen gegenüber wohl zehnmal verrathen haben, wie ich es bei jenem Gespräch that, das wir im Pavillon führten? Ich erinnere mich, damals die Worte gesprochen zu haben: ich wollte, ich wäre nie nach Dimchurch gekommen. Konnte es noch einen Grund geben, mich zu einer solchen Aeußerung zu veranlassen? Wie kommt es, daß Sie mich niemals auch nur fragten, was ich damit meine?«

»Sie vergessen«, schaltete ich ein, »daß ich keine Gelegenheit hatte, Sie darnach zu fragen. Lucilla unterbrach uns damals und lenkte meine Aufmerksamkeit auf andere Dinge. Warum aber versuchen Sie es, mich in dieser Weise zu beschuldigen?« fuhr ich, durch den Ton, den er gegen mich annahm, mehr und mehr gereizt, fort. »Welches Recht haben Sie, sich ein Urtheil über mein Benehmen zu erlauben?«

Er sah mich mit einem Ausdruck fassungslosen Staunens an.

»Habe ich mir ein Urtheil über Ihr Benehmen erlaubt?« fragte er.

»Ja.«

»Vielleicht habe ich gedacht, daß Sie, wenn Sie bei Zeiten meine Verblendung erkannt hätten, derselben auch bei Zeiten hätten Einhalt thun können. Aber nein«, rief er, noch ehe ich ihm antworten konnte, »nichts hätte derselben Einhalt thun können — nichts wird sie heilen als mein Tod. Lassen Sie uns versuchen, uns zu verständigen. Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Sie beleidigt habe. Ich bin bereit, Ihr Benehmen billig zu beurtheilen. Wollen Sie auch das meinige billig beurtheilen?«

Ich bemühte mich endlich, ihm zu willfahren. Obgleich mich seine Art, mit mir zu reden, verletzte, fühlte ich im Geheimen für ihn, wie ich es vorhin bekannt habe. Aber ich konnte ihm nicht verzeihen, daß er an jenem Tage, wo Lucilla zum ersten Mal ihre Sehkraft versuchte, ihre ersten Blicke auf sich zu lenken gewagt, daß er noch an diesem Morgen sich gegen Lucilla für seinen Bruder ausgegeben, daß er es geduldet hatte, daß sein Bruder mit gebrochenem Herzen fortgegangen und von Allem, Was ihm theuer war, sich losgerissen und freiwillig in die Verbannung begeben hatte. Nein, ich konnte wohl für ihn fühlen, aber ich konnte ihn nicht milde beurtheilen. Ich setzte mich schweigend nieder.

Er aber kam alsbald, nunmehr mit der größten Höflichkeit, auf die zwischen uns streitige Frage zurück. Trotz alledem beunruhigte er mich durch das, was er jetzt sagte, mehr, als durch irgend etwas, was er bis dahin ausgesprochen hatte.

»Ich wiederhole, was ich Ihnen bereits gesagt habe«, fuhr er fort. »Ich bin nicht mehr verantwortlich für das, was ich thue. Wenn ich mich nicht völlig über mich selbst täusche, so kann man mir, glaube ich, künftig nicht mehr trauen. Lassen Sie mich Ihnen, so lange ich noch dazu im Stande bin, die Wahrheit sagen. Was auch später geschehen möge vergessen Sie es nicht; ich habe mich heute Abend offen darüber gegen Sie ausgesprochen.«

»Halt!« rief ich, »ich verstehe Sie nicht. Jeder Mensch ist Verantwortlich für seine Handlungen.«

Er unterbrach mich mit einer ungeduldigen Handbewegung.

»Bleiben Sie bei Ihrer Meinung, ich bestreite sie nicht. Sie werden sehen, Sie werden sehen, Madame Pratolungo, der Tag, an welchem wir jenes Gespräch im Pavillon des Pfarrgartens führten, bildet ein denkwürdiges Datum in meinem Kalender. Mein letzter redlicher Kampf, meinem armen Oscar treu zu bleiben, endete an jenem Tage. Die Anstrengungen, die ich seitdem gemacht habe, waren nicht viel mehr als Ausbrüche der Verzweiflung. Sie haben nichts vermocht gegen die Gewalt der Leidenschaft, die mich ganz beherrscht und die der Fluch meines Lebens geworden ist. Reden Sie nicht von Widerstand. Aller Widerstand hält bei einem gewissen Punkte nicht mehr vor. Seit jener Zeit hat mein Widerstand seine Grenzen gefunden. Sie haben gehört, wie ich gegen die Versuchung gekämpft habe, so lange ich ihr Widerstand zu leisten vermochte. Ich kann Ihnen jetzt nur noch sagen, wie ich ihr erlegen bin.«

Die rücksichtslose, schamlose Ruhe, mit der er das sagte, fing an, mich wieder gegen ihn aufzubringen. Die beständigen Schwankungen und Widersprüche in seinen Worten reizten mich und brachten mich außer Fassung. Wie Quecksilber konnte man ihn auf keine Weise fassen.

»Erinnern Sie sich jenes Tages?« fragte er, »wo Lucilla die Geduld verlor und Sie bei ihrem Besuch in Browndown so unfreundlich empfing?»

Ich nickte bejahend mit dem Kopfe.

»Sie sprachen vorhin davon, daß ich mich ihr gegenüber für Oscar ausgegeben habe. Bei der eben erwähnten Gelegenheit gab ich mich zum ersten Mal für ihn aus. Sie waren zugegen und hörten mich. Hielten Sie es damals der Mühe werth, über die Motive nachzudenken, welche mich dazu bestimmten, mich ihr gegenüber für meinen Bruder auszugeben?«

»Soweit ich mich erinnere«, antwortete ich, »beruhigte ich mich bei der ersten Erklärung, die mir einfiel. Ich dachte, Sie gaben einer augenblicklichen neckischen Laune auf Kosten Lucilla’s nach.«

»Ich gab der Leidenschaft nach, die mich verzehrte. Ich sehnte mich darnach, die Wollust ihrer Berührung zu empfinden und so vertraulich von ihr behandelt zu werden wie Oscar. Noch schlimmer als das, ich wollte versuchen, wie vollständig ich sie täuschen könne, wie leicht ich sie würde heirathen können, wenn ich Euch nur Alle betrügen und sie allein irgendwo hinbringen könnte. Der Teufel besaß mich. Ich weiß nicht, wie die Sache geendet haben würde, wenn Oscar nicht eingetreten und Lucilla nicht in Zorn ausgebrochen wäre, wie sie es that. Sie betrübte mich, sie erschreckte mich, sie gab mich meinem besseren Selbst zurück. Ich stürzte mich, ohne sie vorzubereiten, auf die Frage der Wiederherstellung ihrer Sehkraft, weil ich darin das einzige Mittel sah, ihre Aufmerksamkeit von der unwürdigen Art, wie ich mir ihre Blindheit zu Nutze gemacht hatte abzulenken. An jenem Abend litt ich Aengste der Selbstverurtheilung und der Gewissensqual, die selbst Ihnen, Madame Pratolungo, genügt haben würden. Bei einer nächsten Gelegenheit, die sich mir darbot, machte ich die Sache gegen Oscar wieder gut. Ich förderte seine Interessen; ich legte ihm sogar die Worte, die er zu Lucilla sagen sollte, in den Mund«

»Wann?« unterbrach ich ihn. Wo? Wie?«

»Als die beiden Aerzte uns verlassen hatten, in Lucilla’s Wohnzimmer, in der Hitze der Discussion, ob sie sich der Operation sofort unterwerfen, oder ob sie Oscar erst heirathen, und Grosse die Operation an ihren Augen später vornehmen lassen solle. Wenn Sie sich unserer Unterhaltung erinnern, werden Sie wissen, daß ich Alles aufbot, um Lucilla zu überreden, meinen Bruder zu heirathen, bevor Grosse die Operation an ihren Augen vornähme. Vergebens! Sie warfen das ganze Gewicht Ihres Einflusses in die andere Wagschale. Meine Bemühungen waren umsonst. Es änderte sich nichts. Was ich gethan hatte, war aus reiner Verzweiflung geschehen. Es war lediglich der Impuls des Augenblicks gewesen, es hielt nicht vor. Als die nächste Versuchung an mich herantrat, benahm ich mich wie ein Schurke, wie Sie sagen.»

»Ich habe nichts gesagt«, antwortete ich kurz.

»Nun gut — wie Sie denken also. Schöpften Sie endlich Verdacht gegen mich, als Sie mich gestern im Dorfe trafen? Selbst Ihre Augen müssen mich bei dieser Gelegenheit durchschaut haben!« .

Ich antwortete mit einem Kopfnicken. Ich hatte keine Lust, abermals in Streit mit ihm zu gerathen. Auf eine wie schwere Probe er auch meine Geduld stellte, so wollte ich es doch in Lucilla’s Interesse versuchen, auf freundlichem Fuße mit ihm zu bleiben.

»Sie wußten es merkwürdig gut zu verbergen, fuhr er fort« »als ich dahinter zu kommen suchte, ob Sie mich ausgefunden hätten oder nicht. Ihr tugendhaften Leute versteht es meisterhaft, zu täuschen, wenn es Euren Interessen dient. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, worin die Versuchung, der ich gestern ausgesetzt war, bestand. Den ersten Blick ihrer Augen, wenn sie sich der Welt öffneten, das erste Licht der Liebe und Freude, das von ihrem himmlischen Antlitz ausstrahlen würde welche Tollheit, zu glauben, ich würde dulden, daß dieser Blick auf einen andern Mann falle, daß dieses Licht von anderen Augen gesehen werde! Kein Mensch, der sie anbetet, wie ich sie anbete, würde anders gehandelt haben, als ich es that. Ich hätte aus die Kniee fallen und Grosse anbeten mögen, als er mir ahnungsloser Weise proponirte, gerade den Platz im Zimmer einzunehmem den ich einzunehmen entschlossen war. Sie sehen, was ich vorhatte. Sie thaten Ihr Bestes und thaten es meisterlich, meinen Plan zu vereiteln. O, Ihr Mustermenschen, Ihr versieht es, wenn es sich darum handelt, einen schlauen Streich zu spielen, die ausgesuchtesten Mittel zur Anwendung zu bringen! Sie haben gesehen, wie es endete. Das Glück war mir in der elften Stunde hold, das Glück scheint wie die Sonne über Gerechte und Ungerechte. Der erste Blick ihrer Augen fiel auf mich; ich war es, den das erste Licht der Liebe und Freude auf ihrem Antlitz bestrahlte. Ihre Arme umschlangen mich und Ihr Busen ruhte an meiner Brust!«

Ich konnte es nicht länger ertragen.

»Oeffnen Sie die Thür«, sagte ich, »ich schäme mich in demselben Zimmer mit Ihnen zu sitzen.»

»Das wundert mich nicht«, antwortete er, »Sie mögen sich wohl meiner schämen« ich schäme mich selbst.«

Es lag etwas Cynisches in seinem Ton, nichts Insolentes in seinem Wesen. Derselbe Mann, der sich noch eben so schmählich seines Sieges über Unschuld und Unglück gerühmt hatte, sprach und benahm sich jetzt wie ein Mensch, der aufrichtige Scham empfindet. Wenn ich mich nur hätte überzeugen können, ob er sich über mich lustig mache oder vor mir heuchle, so würde ich gewußt haben, was ich zu thun habe. Aber ich wiederhole, er bereuete, so unmöglich es auch scheinen mag, doch unzweifelhaft das, was er eben gesagt hatte, einen Augenblick nachher aufrichtig. Trotz all’ meiner Welterfahrung und meiner langjährigen Uebung, mit ungewöhnlichen Charakteren zu verkehren, machten mich Nugent’s Worte doch wieder so irre, daß ich inmitten des Weges zwischen ihm und der verschlossenen Thür wieder stehen blieb.

»Glauben Sie mir?« fragte er.

»Ich verstehe Sie nicht» antwortete ich.

Er zog den Schlüssel zur Thür aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch, nahe dem Stuhl, von dem ich eben ausgestanden war.

»Ich verliere die Besinnung, wenn ich von ihr rede oder an sie denke«, fuhr er fort. »Ich würde Alles, was ich besitze, darum geben, wenn ich das, was ich eben gesagt habe, ungesagt machen könnte. Sie können es nicht in zu starken Ausdrücken verdammen. Die Worte entfuhren mir — ich hätte sie nicht zurückhalten können und wenn Lucilla selbst zugegen gewesen wäre. Gehen Sie, wenn Sie wollen. Ich habe kein Recht, Sie noch länger hier zu halten, nachdem ich mich so benommen habe. Da liegt der Schlüssel, bedienen Sie sich seiner. Nur denken Sie erst nach, bevor Sie mich verlassen. Sie wollten mir etwas vorschlagen, als Sie eintraten. Vielleicht könnten Sie Einfluß auf mich üben, könnten meine Scham erregen und mich vermögen, mich zu benehmen wie ein ehrenhafter Mensch. Thun Sie, was Sie wollen, es steht ganz bei Ihnen.«

Ich weiß nicht, handelte ich wie eine gute Christin? oder wie eine verächtliche Närrin? Aber ich setzte mich wieder nieder und beschloß, ihm eine letzte Chance zu geben.

»Das ist gütig von Ihnen«, sagte er, »Sie ermuthigen mich; Sie zeigen mir, daß es der Mühe werth ist, es noch einmal mit mir zu versuchen. Ich hatte gestern in diesem Zimmer eine edle Regung und es hätte mehr als eine Regung werden können, wenn mir nicht eine andere Versuchung gerade in den Weg getreten wäre.«

»Welche Versuchung?« fragte ich.

»Oscar’s Brief hat es Ihnen mitgetheilt, Oscar selbst hat mir die Versuchung in den Weg gestellt.«

»Ich habe nichts der Art in dem Brief gelesen.«

»Hm er Ihnen nicht geschrieben, daß ich ihm angeboten habe, Dimchurch für immer zu verlassen? Ich meinte es aufrichtig; ich hatte den Jammer auf dem Gesicht des armen Jungen gesehen, als Grosse und ich Lucilla aus dem Zimmer führten. Mein Vorschlag war von ganzem Herzen aufrichtig gemeint. Wenn er meine Hand ergriffen und mir Lebewohl gesagt hätte, so wäre ich fortgegangen. Er bestand aber darauf, sich die Sache allein zu überlegen und kehrte damit zu dem Opfer entschlossen —«

»Warum haben Sie dieses Opfer angenommen?«

»Weil er mich in Versuchung führte.«

»Sie in Versuchung führte?«

»Ja« wie anders wollen Sie es nennen« daß er es mir überließ, Lucilla, wenn ich könne, zu gewinnen. Wie anders wollen Sie es nennen — wenn er mir ein Leben mit Lucilla in Aussicht stellte. Der arme liebe großmüthige Junge; er führte mich in Versuchung, zu bleiben, wo er mich hätte ermuntern sollen« zu gehen. Wie konnte ich da widerstehen? Tadeln Sie die Leidenschaft, die sich meiner bemächtigt hat, aber tadeln Sie mich nicht!«

Ich sah nach dem auf dem Tisch liegenden Buch, in welchem er gelesen hatte, als ich das Zimmer betrat. Seine sopbistischen Ergüsse waren nichts gewesen,als Rousseau’s Confessions aus zweiter Hand. Nun wohl! Wenn seine Aeußerungen ein verfälschter Rousseau waren, so blieb mir nur übrig, als erster Pratolungo zu sprechen. Ich ließ mich gehen, ich war gerade in der rechten Stimmung dazu.

»Wie kann ein gescheiter Mensch wie Sie, sich selbst so betrügen!« sagte ich. »Ihre Zukunft mit Lucilla? Es giebt für Sie keine Zukunft mit Lucilla, an die man ohne Grausen denken könnte. Angenommen — so lange ich lebe wird es zwar nie geschehen — aber angenommen, Sie heiratheten sie. Guter Himmel! welch’ ein elendes Leben würden Sie Beide führen. Sie lieben Ihren Bruder. Glauben Sie, daß Sie jemals einen ruhigen Augenblick haben würden, wo Sie der Gedanke verlassen würde: »Ich habe Oscar um das Weib, das er liebte, betrogen, ich habe sein Leben verwüstet, ich habe sein Herz gebrochen.« Sie würden sie nicht ansehen, nicht mit ihr reden, sie nicht berühren können ohne das bittere Gefühl dieses schrecklichen Vorwurfs. Und sie? Was glauben Sie wohl, was sie Ihnen als Frau sein würde, wenn sie erführe, wie Sie sie erlangt haben; ich weiß nicht wen sie mehr hassen würde, Sie oder sich selbst. Sie würde keinem Mann auf der Straße begegnen können, ohne daß sich ihr die Frage aufdrängte: »ob der wohl je etwas so Schmähliches verübt hat, wie das, was mein Mann an mir gethan hat?« Der Anblick jeder verheiratheten Frau ihrer Bekanntschaft würde sie mit Neid und Zorn erfüllen. »Was Dein Mann auch für Fehler haben mag, würde sie denken müssen, »er hat Dich doch nicht gewonnen, wie der meintge mich.« Sie wollten glücklich werden oder auch nur ein erträgliches Leben in der Ehe führen? Gehen Sie! Ich habe mir ein paar Pfund erspart, seit ich bei Lucilla bin. Ich wette jeden Heller, den ich besitze, daß Sie beide sich vor Ablauf von sechs Monaten nach Ihrer Verheirathung mit gegenseitiger Zustimmung wieder trennen würden. Nun, was wollen Sie thun? Wollen Sie abreisen oder hier bleiben? Wollen Sie, wie ein ehrenhafter Mann, Oscar zurückbringen oder wollen Sie ihn gehen lassen und sich für immer mit Unehre bedecken?«

Seine Augen funkelten. Sein Gesicht überflog eine tiefe Röthe. Er sprang aus und schloß die Thür auf. Was wollte er thun? Forteilen, um nach dem Continent zu reisen, oder mich zum Hause hinauswerfen? Er rief nach dem Diener.

»James.«

»Ja, Herr!«

»Verschließen Sie das Haus, sobald Madame Pratolungo und ich dasselbe verlassen haben. Ich komme nicht wieder.«

»Herr!«

»Packen Sie meinen Koffer und schicken Sie ihn mir morgen unter der Adresse von Nagels Hotel in London nach.«

Er schloß die Thür wieder und trat wieder auf mich zu.

»Sie weigerten sich, mir die Hand zu geben, als Sie eintraten», sagte er, »wollen Sie mir sie nun geben? Ich verlasse Browndown zugleich mit Ihnen und komme nicht wieder, ohne Oscar mitzubringen.«

»Meine beiden Hände sollen Sie haben!« rief ich aus und erfaßte sie. Ich konnte nichts weiter sagen. Ich konnte mich nur fragen, ob ich wache oder träume, ob ich fürs Tollhaus reif sei, oder ungehindert fortgehen dürfe.

»Kommen Sie, sagte er, »ich will Sie bis an das Gitter des Pfarrhauses begleiten.«

»Sie können heute Abend nicht mehr fort«, sagte ich, »der letzte Zug ist schon lange abgegangen.«

»O, ich kann doch! Ich kann zu Fuß nach 155 Brigthon gehen, dort schlafen und morgen früh von dort nach London fahren. Nichts soll mich vermögen, noch eine Nacht in Browndown zu bleiben. Halt! Noch eine Frage, ehe ich die Lampe auslösche.«

»Und die wäre?«

»Haben Sie heute in London irgend etwas dazu gethan, um Oscar’s Spur zu verfolgen?«

»Ich bin zu einem Advocaten gegangen und habe mit demselben die möglichen Verabredungen getroffen.«

»Hier ist mein Taschenbuch. Schreiben Sie mir doch Namen und Adresse des Advocaten hinein.«

Ich that das. Darauf löschte er die Lampe und ließ mich auf den Corridor hinaus.

Der Diener stand ganz außer sich vor Erstaunen dabei. »Gute Nacht, James. Ich bringe Ihnen Ihren Herrn nach Browndown zurück.« Mit diesen Worten nahm er Hut und Stock und gab mir seinen Arm. Im nächsten Augenblick waren wir draußen im dunkeln Thal auf dem Wege nach dem Dorfe.

Auf dem Rückwege nach dem Pfarrhause sprach er mit einer von fieberhafter Aufregung zeugenden Volubilität. Er vermied jede noch so entfernte Anspielung auf den bei unserer sonderbaren und stürmischen Zusammenkunft behandelten Gegenstand, erging sich aber mit einem noch unendlich gesteigerten Ausdruck des Selbstvertrauens in einer Wiederholung seiner früheren ruhmredigen Versicherungen der großen Dinge, die er als Maler ausführen wolle. Die Mission, welche er habe, die Menschheit mit der Natur auszusöhnen, der großartige Maßstab, in welchem er das Auge und das Herz erquickende Landschaften zum Wohl der leidenden Menschheit wiederzugeben beabsichtige, die Nothwendigkeit, ihn nicht als einen großen Maler, sondern als einen Parakleten der Kunst zu betrachten — das Alles mußte ich zu meiner Beruhigung in Betreff seiner Aussichten und Beschäftigungen für die Zukunft noch einmal anhören. Erst als wir bei dem Gitter des Pfarrhauses stille standen, kam er auf das zwischen uns Vorgefallene zurück, aber auch jetzt berührte er den Gegenstand in der denkbar kürzesten Weise.

»Nun!« sagte er.

»Habe ich Ihre alte Achtung wiedergewonnen? Glauben Sie jetzt an eine gute Seite in Nugent Dubourgs Natur? Der Mensch ist ein aus seltsamen Widersprüchen bestehendes Thier. Sie sind eine Frau, wie man sie unter zehntausend Ihres Geschlechts nur einmal findet. Geben Sie mir einen Kuß.

Er küßte mich nach ausländischer Sitte auf beide Wangen.

»Und jetzt zu Oscar!« rief er heiter; schwang seinen Hut und verschwand in der Dunkelheit. Ich blieb am Gitter stehen, bis der letzte Klang seiner raschen Fußtritte in der dunkeln Nacht verhallt war.

Eine unbeschreibliche Niedergeschlagenheit bemächtigte sich meines Gemüths. In dem Augenblick, wo er mich verlassen hatte, fing ich wieder an, an ihm zu zweifeln.

»Wird eine Zeit kommen«, fragte ich mich, »wo Alles, was ich diesen Abend gethan habe, noch einmal gethan werden muß?«

Ich öffnete das Gitter. Noch ehe ich nach unserm Theil des Pfarrhauses gelangen konnte, trat mir Herr Finch in den Weg. Mit einer feierlich triumphirenden Miene hielt er mir ein viele Seiten umfassendes Schriftstück entgegen.

»Mein Brief«, sagte er; »ein Brief voll christlicher Vorstellungen und Ermahnungen an Nugent Dubourg.«

»Nugent Dubourg hat Dimchurch verlassen.«

In dieser Antwort theilte ich dem Pfarrer so kurz wie möglich mit, wie mein Besuch in Browndown geendet hatte.

Herr Finch sah seinen Brief an.

So viel Beredtsamkeit sollte verschwendet sein? Nein! Das war unmöglich. »Sie haben sehr richtig gehandelt, Madame Pratolungo«, bemerkte er in seinem patronisirendsten Ton, »in Erwägung aller Umstände sehr richtig gehandelt. Silber ich glaube nicht, daß ich klug daran thun würde, dieses Schriftstück zu vernichten.«

Er verschloß sein Manuscript sorgfältig und schloß dann wieder mit einem geheimnißvollen Lächeln: »Ich wage zu glauben«, sagte er mit affectirter Bescheidenheit, »daß man meinen Brief noch brauchen wird. Ich will Sie in Betreff Nugent Dubourgs nicht entmuthigen. Aber ich kann nicht umhin zu fragen: kann man ihm trauen?«

Das sprach ein Narr, der es auch nicht gesagt haben würde, wenn er nicht seinen herrlichen Brief geschrieben haben würde, aber doch klangen mir seine Worte wie das schmerzliche Echo der bösen Ahnung, — die mein Gemüth in jenem Augenblicke beunruhigte, und noch mehr, sie waren das Echo von Nugent’s eigener böser Ahnung, von seinen Zweifeln an sich selbst, die er mit eigenem Munde so unzweideutig gegen mich ausgesprochen hatte. Ich wünschte dem Pfarrer gute Nacht und ging hinauf.

Lucilla lag im Bett und schlief, als ich leise ihre Thür öffnete.

Nachdem ich eine Weile ihr liebliches friedliches Antlitz betrachtet hatte, mußte ich mich wegwenden, denn ihr Anblick stimmte mich gar zu traurig. Als ich zum letzten Mal den Blick auf sie richtete, bevor ich die Thür schloß, drängte sich mir die verhängnisvolle Frage des Ehrwürdigen Finch wieder auf. Unwillkürlich mußte ich mich fragen: »Kann man ihm trauen?«



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel - Sie lernt sehen

Der neue Morgen brachte für mich Reflectionen mit sich, die nicht der angenehmsten Art waren. In meiner Stellung Lucilla gegenüber war ein ernstes Element der Verlegenheit mir, als Nugent und ich uns an der Pforte des Pfarrhauses trennten, noch nicht ausgegangen.

Browndown war jetzt, nach der Abreise beider Brüder, leer. Was sollte ich Lucilla sagen, wenn der falsche Oscar ihr heute nicht seinen versprochenen Besuch machte.

In welches Labyrinth von Lügen hatte das erste Verschweigen der Wahrheit uns Alle verwickelt! Eine Täuschung nach der anderen war uns aufgezwungen worden, ein Unglück nach dem andern war unser Lohn dafür gewesen, und jetzt, wo ich allein mich mit den harten Nothwendigkeiten unserer Lage abzufinden hatte, schien mir keine andere Wahl übrig zu bleiben, als fortzufahren, Lucilla zu betrügen. Ich war der Täuschungen überdrüssig und schämte mich derselben.

Beim Frühstück ging ich, nachdem ich mich vergewissert hatte, daß Lucilla ihren Besuch nicht vor dem Nachmittag erwarte, jeder weiteren Erörterung über den Gegenstand aus dem Wege. Nach dem Frühstück wußte ich sie eine Zeit lang am Clavier zu fesseln. Als sie der Musik überdrüssig war und wieder von Oscar zu sprechen anfing, setzte ich meinen Hut auf und unternahm eine häusliche Besorgung, welche gewöhnlich Zillah oblag, nur zu dem Zweck, um mich zu entfernen und die widerwärtige Nothwendigkeit, wieder Unwahrheiten zu sagen, bis zum letzten Augenblick zu verschieben. Das Wetter unterstützte mich. Es drohte zu regnen und Lucilla fand sich deshalb nicht veranlaßt, mich zu begleiten.

Meine Besorgung führte mich nach einem Pachthof auf dem nach Brighton führenden Wege. Nachdem mein Geschäft erledigt war, ging ich noch eine Strecke weiter, obgleich es bereits zu regnen anfing. An meinen Kleidern war mir nichts gelegen und in meiner Gemüthsverfassung wollte ich lieber naß werden als nach dem Pfarrhause zurückkehren. Nachdem ich etwa eine Weile weiter gegangen war, wurde die Einsamkeit des Weges plötzlich durch das Erscheinen eines offenen Wagens unterbrochen, der mir in der Richtung von Brighton her entgegen kam. Das Verdeck des Wagens war aufgeschlagen, um die im Wagen sitzende Person gegen den Regen zu schützen. Der Fahrgast sah, als ich vorüber ging, nach mir aus und rief dem Kutscher zu, anzuhalten, mit einer Stimme, die ich sofort als Grosse’s Stimme erkannte. Unser galanter Augenarzt bestand darauf, daß ich bei diesem Wetter sofort an seiner Seite Platz nehme und mit ihm nach Hause zurückfahre.

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen«, sagte ich, »ich glaubte, Sie hätten mit Lucilla verabredet, sie nicht vor Ende der Woche wieder zu besuchen.«

Grosse’s Augen glotzten mich durch seine Brillengläser mit einer Würde und einem Ernst an, deren sich der Ehrwürdige Finch selbst nicht zu schämen gehabt hätte.

»Soll ich Ihnen etwas sagen?« fragte er, »Sie sehen neben sich einen verlorenen Mann. Ich werde bald sterben. Lassen Sie doch, bitte, auf mein Grab die Worte setzen: die Krankheit, welche diesen deutschen Mann tödtete, war die liebliche Lucilla. Wenn ich von ihr getrennt bin, haben Sie Mitleid mit mir, ich bedarf desselben so sehr, bricht mir der Angstschweiß in dem Gedanken an das süße Kind aus. Ihre verwünschte Geschichte mit den beiden Brüdern ist eine Art von beständiger Spanischer Fliege für mein Gemüth. Anstatt wie sonst die ganze Nacht in meinem schönen großen englischen Bett ruhig zu schnarchen, wälze ich mich wachend in beständiger Aufregung wegen Lucilla auf meinem Kissen. Ich komme heute, früher als ich’s versprochen hatte, warum glauben Sie wohl? Etwa um nach ihren Augen zu sehen? — weit gefehlt, beste Frau! Nicht ihre Augen machen mir Sorge, mit denen wird es schon gehen. Sie und die Anderen in Ihrem Pfarrhause machen mir Sorge. Sie machen mich nervös und ängstlich für meine Patientin. Ich bin immer bange, daß einer von Ihnen ihr einmal die verfluchte Geschichte mit den beiden Zwillingsbrüdern hinterbringt und Sie in die schrecklichste Aufregung versetzt, wenn ich nicht in der Nähe bin, um bei Zeiten aufzupassen. Wollen Sie sie noch zwei Monate lang ganz in Ruhe lassen? Ach Gott! wenn ich dessen nur, ganz sicher sein könnte, so könnte ich die Heilung ihrer schwachen Augen getrost der Zeit überlassen und ruhig wieder nach London gehen.«

Ich hatte mir vorgenommen, ihn gehörig dafür zur Rede zu stellen, daß er Lucilla nach Browndown gebracht habe. Nach dem, was er eben gesagt hatte, erschien es nutzlos, etwas der Art zu versuchen und doppelt unnütz, zu hoffen, daß er mir gestatten würde, mir aus meiner verwickelten Lage dadurch herauszuhelfen, daß ich ihr die Wahrheit sage.

»Das müssen Sie natürlich am besten beurtheilen können», sagte ich; »Sie haben gar keine Ahnung davon, was es uns unglückliche Menschen kostet, Ihre Vorsichtsmaßregeln zur Ausführung zu bringen.«

Bei diesen Worten fuhr er heftig auf.

»Ihr sollt selbst sagen«, erwiderte er, »ob es Ihnen die Kosten nicht werth ist. Wenn ich mit Lucilla’s Augen zufrieden bin, so soll sie noch heute lernen damit zu sehen. Ihr sollt dabei stehen, Ihr eigensinnigen Weiber und selbst urtheilen, ob es gut ist, noch Schreck und Aufregung zu der Erschöpfung, Reizbarkeit und aller Art Teufeleien hinzuzufügen, wie sie unser armes Kind erdulden muß, wenn sie nach lebenslänglicher Blindheit sehen lernt. Jetzt nichts mehr davon, bis wir nach dem Pfarrhause kommen.« Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, that er mir eine Frage, die ich mit einiger Vorsicht zu beantworten für nöthig hielt. »Wie geht es meinem netten Jungen? — meinem munteren gescheidten Nugent?« fragte er.

»Sehr gut.«

Mehr sagte ich nicht, da ich mich des Bodens unter meinen Füßen durchaus nicht sicher fühlte.

»Merken Sie wohl!« fuhr Grosse fort, »mein munterer Junge Nugent versteht es, sie in einer behaglichen Stimmung zu halten. Mein munterer Junge Nugent ist mehr werth, als Ihr Uebrigen alle zusammen. Ich bestehe darauf, daß er unsere kleine Lucilla im Pfarrhause besucht, trotz des windigen, geschwätzigen Patrons, ihres Vaters. Ich sage positiv: Nugent, soll in’s Haus kommen.«

Da half nun nichts mehr. Ich mußte ihm sagen, daß Nugent Browndown verlassen habe und daß ich es gewesen sei, die ihn fortgeschickt habe.

Einen Augenblick war es mir wirklich zweifelhaft, ob der große Augenarzt seine geschickte Hand nicht dazu mißbrauchen werde, mir eine Ohrfeige zu geben. Es wäre ein vergebliches Bemühen, das fabelhafte Deutsch-Englisch wiederzugeben, in welchem seine Wuth sich auf mein demüthiges Haupt ergoß. Es genüge, zu sagen, daß er erklärte, Nugent’s abscheuliche Verstellung, sich für seinen Bruder auszugeben, sei, so lange Oscar abwesend, von der höchsten Wichtigkeit für eine erfolgreiche Behandlung der reizbaren und fein organisirten Patientin, die wir unter seine Obhut gestellt hätten. Vergebens versicherte ich ihm, daß Nugent’s Zweck bei seiner Entfernung von Dimchurch sei, seinen Bruder zurückzuführen und so Alles wieder in Ordnung zu bringen. Grosse lehnte es rund ab, sich durch irgend welche Rücksichten dieser Art beeinflussen zu lassen. Er sagte, und fluchte dabei, daß meine Einmischung ihm ein schweres Hindernis, in den Weg gelegt habe und daß nur seine zärtliche Sorge für Lucilla ihn davon abhalten könne, den Kutscher auf der Stelle umkehren und uns von nun an für uns selbst sorgen zu lassen.

Als wir vor der Pforte des Pfarrhauses anlangten, hatte er sich ein wenig abgekühlt. Als wir durch den Garten gingen, erinnerte er mich, daß ich versprochen habe, zugegen zu sein, wenn Lucilla die Binde abgenommen werde.

»Nun merken Sie wohl auf!« sagte er, »Sie werden sehen, ob es gut oder schlimm ist, ihr zu sagen, daß sie mit ihren schönen weißen Armen den falschen Bruder umschlungen gehalten hat. Sie sollen mir nachher selbst sagen, ob Sie finden, daß Sie ihr in deutlichen Worten sagen dürfen: »Blau-Gesicht ist der Rechte.«

Wir fanden Lucilla in ihrem Wohnzimmer.

Grosse theilte ihr kurz mit, daß er nichts Besonderes in London zu thun und daß er deshalb seinen Besuch früher gemacht habe, als er es ursprünglich beabsichtigt habe. »Sie wollen an diesem trübseligen, regnichten Tage gern etwas unternehmen, liebes Kind; zeigen Sie doch Papa Grosse einmal, was Sie jetzt, wo Sie Ihre Augen wieder haben. damit anfangen können. Mit diesen Worten band er die Binde los, faßte sie dann ans Kinn und untersuchte ihre Augen, zuerst ohne seine Vergrößerungslinse und dann mit derselben.

»Sind Sie zufrieden mit meinen Augen?« fragte sie ängstlich.

»Ganz famos geht es mit Ihren Augen! Per Dampfwagen erster Classe, wie meine Freunde in Amerika sagen. Jetzt gebrauchen Sie einmal Ihre Augen. Zuerst erfreuen Sie Grosse durch einen Liebesblick. »Und dann sehen Sie mit Ihren Augen.«

Es war unmöglich, seinen Ton zu mißdeuten.

Er war nicht nur mit Ihren Augen zufrieden, er triumphirte. »So«, brummte er zu mir gewandt, »warum ist Herr Sebright nicht hier, um das zu sehen?«

Ich näherte mich begierig Lucilla, um ihre Augen genauer anzusehen. Sie sahen noch etwas trübe aus; auch bemerkte ich, daß sie sich unruhig und manchmal wild hin und her bewegten. Aber wie belebend und verschönernd wirkte doch schon das neue Augenlicht auf ihre ganze Erscheinung .Ihr immer reizendes Lächeln schien jetzt durch das Augenlicht wie verklärt und verbreitete einen Zauber über ihr sanftes Gesicht. Es war unmöglich, nicht nach einem Kuß von ihr zu verlangen. Ich trat auf Lucilla zu, um sie zu beglückwünschen, sie zu umarmen. Aber Grosse trat dazwischen und hielt mich zurück.

»Nein«, sagte er, »gehen Sie an das andere Ende des Zimmers und lassen Sie uns sehen, ob sie zu Ihnen kommen kann.«

Wie Alle, die nicht mehr von der Sache wissen, als ich, hatte ich keine Ahnung, wie jammervoll hilflos Menschen, die ihr Leben lang blind gewesen sind, sich, wenn sie das Augenlicht wieder erlangt haben, zuerst benehmen. In solchen Fällen ist die Anstrengung der Augen, die erst sehen lernen sollen, der Anstrengung der Glieder eines Kindes vergleichbar, das gehen lernt. Wenn Grosse der Sache nicht eine komische Seite abzugewinnen gewußt hätte, so würde die Scene, deren Zeuge ich jetzt sein sollte, höchst peinlich für mich gewesen sein. Meine arme Lucilla würde mich, anstatt mir, wie ich gehofft hatte, die größte Freude zu bereiten, wahrhaftig, glaube ich, das Herz gebrochen und mich in Thränen ausbrechen gemacht haben«

»Also jetzt«, sagte Grosse, indem er eine Hand auf Lucilla’s Arm legte, während er mit der anderen auf mich deutete. »Da steht sie. Können Sie zu ihr hingehen.«

»Natürlich kann ich das!«

»Ich wette mit Ihnen, daß Sie es nicht können. Zehntausend Pfund gegen sechs Pence. Abgemacht. Jetzt versuchen Sie einmal!«

Sie antwortete mit einer kleinen herausfordernden Geberde und that drei hastige Schritte vorwärts. Fassungslos und erschrocken blieb sie nach dem dritten Schritt, noch ehe sie den halben Weg von einem Ende des Zimmers bis zum anderen zurückgelegt hatte, plötzlich stehen.

»Ich habe sie hier stehen gesehen« sagte sie, indem sie auf die Stelle deutete, wo sie stand, und Grosse mit einem kläglichen Blick ansah. »Ich sehe sie auch jetzt noch — aber ich weiß nicht, wo sie ist! Ich fühle sie mir so nahe, als wenn sie meine Augen berührte, und doch —«, bei diesen Worten trat sie wieder einen Schritt vor und griff mit ihren Händen nun sicher nach der leeren Luft — »und doch kann ich ihr nicht nahe genug kommen, um sie zu fassen. O, was bedeutet das! was bedeutet das!«

»Es bedeutet, daß Sie mir meine sechs Pence bezahlen müssen«, sagte Grosse, »ich habe die Wette gewonnen!«

Sie gab ihren Unwillen darüber, daß er sie auslachte, durch ein eigensinniges Kopfschütteln und ein zorniges Zusammenziehen ihrer hübschen Augenbrauen zu erkennen.

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte sie, »so leicht sollen Sie Ihre Wette nicht gewinnen; ich will wohl noch zu ihr kommen!« Und damit kam sie in einem Augenblick so leicht, wie ich nur zu ihr hätte gehen können, gerade auf mich zu.

»Ich wette noch einmal«, rief Grosse, der noch hinter ihr stand, mir zu. »Dieses Mal wette ich zwanzigtausend Pfund gegen lumpige vier Pence. — Sie hat ihre Augen geschlossen, um zu Ihnen zu gelangen. Wie?«

Es war wirklich so —sie hatte sich absichtlich wieder blind gemacht. Mit geschlossenen Augen konnte sie auf ein Haar die Entfernung ermessen, die sie mit offenen Augen zu berechnen völlig außer Stande war. Als sie fand, daß wir Beide sie ausgefunden hatten, setzte sich das arme Kind mit einem Seufzer der Verzweiflung nieder. »War das der Mühe werth«, sagte sie traurig zu mir, »mich der Operation zu unterziehen.«

Grosse trat zu uns an unserm Ende des Zimmers.

»Alles zu rechter Zeit«, sagte er, »nur Geduld, und Ihre hilflosen Augen werden schon sehen lernen. So! Jetzt wollen wir einmal mit dem Lernen anfangen. Sie haben eigene Vorstellungen — was — von dieser und jener Farbe? Dachten Sie sich, als sie blind waren, was Ihre Lieblingsfarbe sein würde, wenn Sie sehen könnten? Sie dachten es sich? Und welche Farbe war das? Kommen Sie, sagen Sie es mir.«

»Vorallem Weiß«, antwortete sie, »und dann Scharlachroth.«

Grosse hielt inne und dachte nach.

»Weiß begreife ich«, sagte er. »Weiß ist die Lieblingsfarbe junger Mädchen. Aber warum Scharlachroth? Konnten Sie Scharlachroth sehen, als Sie blind waren?«

»Beinahe«, antwortete sie, »wenn es hell genug war. Ich pflegte zu fühlen, daß etwas an meinen Augen vorüberziehe, wenn mir Scharlachroth gezeigt wurde.«

»Die Staarblinden sehen fast immer Scharlachroth«, murmelte Grosse vor sich hin. »Es muß seinen Grund haben und ich muß ihn herausfinden.« Er fuhr fort, Lucilla zu befragen.

»Und welche Farbe ist Ihnen am verhaßtesten?«

»Schwarz.«

Grosse nickte zustimmend mit dem Kopf. »Das dachte ich mir wohl«, sagte er. »Schwarz hassen sie immer. Das muß auch seinen Grund haben und den muß ich auch herausfinden.«

Darauf trat er an den Schreibtisch, und nahm ein Stück Papier aus dem Schreibkasten und einen runden Federwischer von scharlachrothem Tuch vom Rande des Tintenfasses. Dann sah er sich um, wackelte nach dem anderen Ende des Zimmers zurück und holte sich den schwarzen Filzhut, den er auf der Reise von London her getragen hatte. Er stellte den Hut, das Papier und den Federwischer in einer Reihe neben einander auf. Noch ehe er die nächste Frage thun konnte, deutete sie auf den Hut mit einer Geberde des Widerwillens.

»Nehmen Sie das weg«, sagte sie, »das mag ich nicht sehen.«

Grosse hielt mich zurück, noch ehe ich etwas sagen konnte.

»Warten Sie ein wenig«, flüsterte er mir zu, »es ist nicht ganz so merkwürdig wie Sie denken. Diese Blinden haben Alle, wenn sie zum ersten Mal wieder sehen können, denselben Haß gegen Alles, was dunkel ist.« Er wandte sich zu Lucilla.

»Sagen Sie mir«, fragte er, »ob eine von diesen Sachen Ihre Lieblingsfarbe hat?«

Sie ging mit verächtlicher Miene an dem Hut vorüber, sah sich den Federwischer an und setzte ihn wieder hin, sah sich das Blatt Papier an und legte es wieder hin, zauderte und schloß wieder ihre Augen.

»Nein«, rief Grosse, »das leide ich nicht, wie können Sie sich in meiner Gegenwart wieder blind machen? Was, ich gebe Ihnen Ihr Gesicht wieder und Sie schließen Ihre Augen. Gleich machen Sie sie wieder auf, oder ich stelle sie in die Ecke wie ein unartiges Kind. Ihre Lieblingsfarbe, jetzt heraus damit.

Sie öffnete ihre Augen sehr widerwillig und sah sich abermals den Federwischer und das Papier an.

»Ich sehe nichts, was so hell wäre, wie meine Lieblingsfarbe«, sagte sie.

Grosse hielt das Blatt Papier in die Höhe und fuhr mit seinen Fragen erbarmungslos fort.

»Was! ist Weiß weißer als das?«

»Tausendmal weißer als das.«

»Gut. Jetzt merken Sie auf. Dieses Papier ist weiß, — dieses Schnupftuch (und dabei riß er ihr das Schnupftuch aus der Schürzentasche) ist auch weiß, beides vom weißesten Weiß! Da haben Sie die erste Lection, liebes Kind. Hier in der Hand halte ich Gegenstände von der Farbe, die, als Sie blind waren, Ihre Lieblingsfarbe war.«

»Diese beiden Sachen?« rief sie, auf das Papier und das Schnupftuch deutend, als er sie wieder auf den Tisch warf, mit dem Ausdruck der bittersten Enttäuschung. Sie drehte den Federwischer und den Hut hin und her und blickte zu mir hinüber. Grosse, der es eben mit einem andern Experimente versuchen wollte, überließ es mir, ihr zu antworten. Das Resultat war in beiden Fallen dasselbe, wie bei dem Papier und dem Schnupftuch. Scharlachroth war nicht halb so roth, schwarz nicht den hundertsten Theil so schwarz, wie ihre Einbildungskraft es ihr in den Tagen ihrer Blindheit vorgespiegelt hatte. Und doch konnte sie sich in Betreff dieser letzteren Farbe, in Betreff des Schwarz ein wenig ermuthigt fühlen. Es hatte sie unangenehm berührt, gerade wie das Gesicht des armen Oscar sie berührt hatte, obgleich sie damals nicht gewußt hatte, daß es die ihr verhaßte Farbe trage. Das arme Kind machte einen verzweifelten Versuch, sich gegen ihren erbarmungslosen ärztlichen Lehrer zu behaupten. »Ich wußte nicht, das es Schwarz sei«, sagte sie, »aber der Anblick war mir trotzdem verhaßt.«

Sie versuchte es, während sie sprach, den Hut gegen einen dicht neben ihr stehenden Stuhl zu schleudern und warf ihn statt dessen hoch über der Stuhllehne gegen die Mauer, wenigstens sechs Fuß von dem Gegenstande, nach welchem sie gezielt hatte, entfernt. »Ich bin eine hilflose Närrin«, rief sie leidenschaftlich aus und wurde dabei feuerroth vor Verdruß. »Lassen Sie Oscar mich nicht sehen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, mich vor ihm lächerlich zu machen. Er wird herkommen«, fügte sie hinzu, indem sie sich mit einem flehenden Blick zu mir wandte. »Suchen Sie doch mich bei ihm zu entschuldigen, wenn er mich erst später am Tage zu sehen bekommt.«

Ich versprach ihr um so bereitwilligen eine Entschuldigung zu finden, als ich jetzt eine unerwartete Chance sah, sie, so lange sie Sehen lernte, bis zu einem gewissen Punkte mit der durch Oscar’s Abwesenheit in ihrem Leben bewirkten Lücke auszusöhnen.

Sie wandte sich wieder an Grosse.

»Fahren Sie fort«, sagte sie ungeduldig.

»Lehren Sie mich, mich nicht wie eine Blödsinnige geberden, oder legen Sie mir die Binde wieder um und machen mich wieder blind. Meine Augen nützen mir nichts. Hören Sie?« rief sie wiithend, indem sie ihn bei seinen breiten Schultern faßte und mit dem ganzen Aufgebot ihrer Kraft schüttelte, »meine Augen nützen mir nichts.«

»Gemach, gemacht!« rief Grosse »Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, Sie kleiner Feuerkopf, so werde ich Sie gar nichts lehren. Er nahm das Blatt Papier und den Federwischer und legte ihr beide Gegenstände, nachdem er sie gezwungen hatte, sich zu setzen, auf den Schooß.

»Wissen Sie«, fuhr er fort, »was man unter einem viereckigen und was man unter einem runden Gegenstand versteht?«

Statt ihm zu antworten, appellierte sie entrüstet an mich.

»Ist es nicht ungeheuerlich«, fragte sie mich, »daß er mir solche Fragen thut? O, wie grausam demüthigend! Lassen Sie nur Oscar das nicht hören.«

»Wenn Sie es wissen«, beharrte Grosse, »so können Sie es mir ja sagen. Sehen Sie sich die beiden Gegenstände auf Ihrem Schooß an. Sie sind beide rund oder beide viereckig? Oder ist der eine rund und der andere viereckig? Sehen Sie sie sich an und antworten Sie mir«

Sie sah ihn an und sagte nichts.

»Nun?« fuhr Grosse fort.

»Sie bringen mich außer Fassung, wenn Sie so dastehen und mich durch Ihre schrecklichen Brillengläser ansehen«, sagte sie gereizt.

»Sehen Sie mich nicht an und ich werde Ihnen gleich antworten.«

Grosse drehte sich mit seinem teuflischen Grinsen nach mir um und gab mir ein Zeichen, sie statt seiner genau zu beobachten. Kaum hatte er ihr den Rücken gekehrt, als sie die Augen schloß und mit den Fingerspitzen über das Papier und den Federwischer hinfuhr.

»Der eine Gegenstand ist rund, der andere viereckig«, antwortete sie, indem sie schlau die Augen gerade zu rechter Zeit wieder öffnete, um eine kritische Inspection bestehen zu können, als Grosse sich wieder nach ihr umwandte.

Er nahm ihr das Papier und den Federwischer aus den Händen und vertauschte diese Gegenstände, da er den Streich, den sie ihm gespielt, sehr wohl gemerkt hatte, mit einer kleinen Schale von Bronze und einem Buch.

»Welcher von diesen Gegenständen ist rund und welcher viereckig?« fragte er, indem er dieselben vor ihr in die Höhe hielt.

Sie sah erst das eine und dann das andere an, offenbar unfähig, die Frage nur mit Hilfe ihrer Augen zu beantworten. »Ich bringe Sie außer Fassung, nicht wahr?« sagte Grosse. »Sie können Ihre Augen« nicht schließen wenn ich Sie ansehe, meine kleine Lucilla, nicht wahr?«

Sie wurde abwechselnd roth und blaß. Ich fing an zu fürchten sie würde in Thränen ausbrechen. Grosse verstand es meisterlich, mit ihr umzugehen Dieser rauhe, häßliche, excentrische, alte Mann hatte den feinsten Takt, der mir je vorgekommen war.

»Schließen Sie nur Ihre Augen«, sagte er beschwichtigend, »das ist der erste Weg zum Lernen. Schließen Sie Ihre Augen, nehmen Sie die Gegenstände in die Hand und sagen mir erst einmal so, welcher rund und welcher viereckig ist.«

Sie sagte es ihm sofort.

»Gut. Nun öffnen Sie Ihre Augen und sehen Sie selbst, in der rechten Hand halten Sie die Schaale und in der linken das Buch. Sehen Sie es? Auch gut. Jetzt legen Sie die Sachen wieder auf den Tisch. Was wollen wir nun thun?«

»Darf ich einmal versuchen, ob ich schreiben kann«, fragte sie eifrig. »Ich bin so begierig, zu sehen, ob ich mit meinen Augen statt mit meinen Fingern schreiben kann.«

»Nein tausendmal nein! Ich verbiete Ihnen jetzt noch das Lesen und das Schreiben. Kommen Sie an’s Fenster. Wie verhalten sich Ihre Augen beim Sehen in die Ferne?«

Während wir unsere Experimente mit Lucilla gemacht hatten, hatte sich das Wetter wieder aufgeklärt. Die Wolken zerrissen die Sonne brach durch, die hellen blauen Stellen am Himmel erweiterten sich jeden Augenblick, riesige Schatten fuhren über die lustigen Abhänge der Hügel dahin. Lucilla erhob die Hände in sprachloser Verwunderung, als Grosse das Fenster öffnete und sie dieser Aussicht gegenüber stellte.

»Ob« rief sie aus. Reden Sie nicht mit mir! Berühren Sie mich nichts — Lassen Sie mich genießen! Hier erfahre ich keine Enttäuschung. Etwas so Schönes habe ich mir nie gedacht, nie geträumt!«

Grosse sah mich an und deutete schweigend auf sie. Sie war blaß geworden sie zitterte am ganzen Leibe, überwältigt von ihrer eigenen Ekstase über die Herrlichkeit des Himmels und die Schönheit der Erde, wie sie sich jetzt zum ersten Male ihren Blicken darbot. Ich erriet, warum Grosse meine Aufmerksamkeit auf sie lenkte. »Seheu Sie«, wollte er sagen »mit einem wie zart organisierten Wesen wir es zu thun haben. Kann man wohl zu behutsam sein bei der Behandlung eines so sensitiven Temperaments?« Ich verstand ihn nur zu gut und zitterte auch bei dem Gedanken an die Zukunft. Alles hing jetzt von Nugent ab. Und Nugent hatte mir selbst gesagt, daß er sich selbst nicht aus sich verlassen könne!

Ich fühlte mich erleichtert, als Grosse sie unterbrach. Sie bat ihn dringend, sie noch eine Weile am Fenster stehen zu lassen Aber er schlug es ihr ab. Gleich verfiel sie wieder in das entgegengesetzte Extrem.

»Ich bin in meinem eigenen Zimmer und bin meine eigene Herrin«, sagte sie zornig. »Ich will thun, was ich Lust habe.« Grosse war um eine Antwort nicht verlegen.«

»Thun Sie, was Sie Lust haben; strengen Sie Ihre schwachen Augen an und Sie werden morgen wenn Sie es versuchen zum Fenster hinauszuschauen gar nichts sehen.«

Diese Antwort erschreckte sie so, daß sie sich auf der Stelle wieder fügte. Sie bestand darauf, sich die Binde selbst wieder umzulegen.

»Darf ich jetzt nach meiner Schlafstube gehen?« fragte sie in einem einfach kindlichen Ton. »Ich habe so schone Dinge gesehen und mochte so gern quasi darüber nachdenken.«

Grosse gewährte sofort ihre Bitte, Alles was zu ihrer Beruhigung beitragen konnte, war ihm Recht.

»Wenn Oscar kommt«, flüsterte sie mir zu, als sie im Hinausgehen an mir vorüberkam »lassen Sie mich es ja wissen und sagen Sie ihm nichts von meinen Ungeschicklichkeiten.« Sie hielt einen Augenblick nachdenklich inne. »Ich verstehe mich selbst nicht«, sagte sie. »Ich habe mich noch nie so glücklich gefühlt. Und doch möchte ich beinahe weinen!« Sie wandte sich zu Grosse. »Kommen Sie her, Papa. Sie sind heute sehr gütig gegen mich gewesen, ich will Ihnen einen Kuß geben.« Sie legte ihre Hände leicht auf seine Schulter; gab ihm einen Kuß auf seine runzlige Wange, schlang ihren Arm um mich und ging hinaus. Grosse trat rasch ans Fenster und bediente sich seines riesigen seidenen Schnupftuchs zu einem Zweck, zu dem er es wohl seit Jahren nicht gebraucht hatte.



Kapiteltrenner

Achtes Kapitel - Spuren von Nugent

»Madame Pratolungo!«

»Herr Grosse?«

Er steckte sein Schnupftuch wieder in die Tasche und wandte sich mit wieder ruhig gewordenem Gesicht und seine Theekasten-Schnupftabaksdose in der Hand haltend, nach mir um.

»Wollen Sie es jetzt«, sagte er, indem er emphatisch auf seine Dose klopfte, »nachden Sie sich mit eigenen Augen von Lucilla’s Zustand überzeugt haben, wagem dem lieblichen Mädchen zu sagen, welcher von Beiden fortgegangen ist und sie für immer verlassen hat?«

Es ist schwer zu sagen, wie weit weiblicher Eigensinn es zu treiben im Stande ist, wenn Männer ihnen das Bekenntniß zumuthen, daß sie Unrecht gehabt haben. Nach dem, was ich gesehen, hatte ich so wenig wie er den Muth, ihr die Wahrheit zu sagen. Ich war nur zu eigensinnig, um das schon jetzt einzugestehen.

»Lassen Sie es sich gesagt sein«,fuhr er fort, »daß, gleichviel ob Sie ihre Furcht erwecken oder ihren Zorn erregen oder ihr Kummer bereiten, alle solche Gemüthsbewegungen sich geradewegs aus ihre zarten, schwachen Augen werfen. Diese Augen sind so zart und so schwach, daß ich Sie abermals um ein Nachtquartier bitten muß, um morgen sehen zu können,« ob ich ihnen nicht bereits zu viel zugemutet habe. Ich frage Sie jetzt zum letzten Mal, haben Sie noch den abscheulichen Muth, ihr die Wahrheit zu sagen?«

Endlich war es ihm gelungen, meinen Eigensinn zu beugen. Ich mußte, so ungern ich es auch that, bekennen, daß für jetzt nichts übrig blieb, als ihr erbarmungvoll die Wahrheit zu verbergen. Nachdem ich soweit gegangen war, versuchte ich es demnächst, ihn darüber um Rath zu fragen, wie ich wohl Lucilla Oscar’s Abwesenheit am Besten erklären könne. Er fand es völlig überflüssig mir als einem Weibe über eire Frage der Ausflüchte und Entschuldigungen Rath zu ertheilen.

»Ich habe nicht so lange in der Welt gelebt«, sagte er, »ohne etwas zu lernen. Wo es sich darum handelt, auf Eierschalen zu gehen und zu flunkern, haben die Frauen nichts von den Männern zu lernen.

— Wollen Sie einen kleinen Gang mit mir durch den Garten machen? Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen und mich hungert und dürstet nach Diesem da.«

Und dabei zog er seine Pfeife aus der Tasche. Wir gingen in den Garten. Nachdem er sich an den ersten Zügen aus seiner Pfeife erlabt hatte, erschreckte er ·mich durch die Mittheilung, daß er die Absicht habe, Lucilla ohne Verzug von Dimchurch an die See zu schicken. Dabei leiteten ihn zwei Beweggründe: der medicinische Grund, ihren Organismus zu stärken, und der persönliche, sie vor schmerzlichen Entdeckungen dadurch zu bewahren, daß er sie aus dem Bereich des Geschwätzes im Pfarrhause und im Dorfe entferne. Grosse hatte die schlechteste Meinung von Herrn Finch und seinem Hause. Namentlich kannten seine Abneigung und sein Mißtrauen gegen den Pfarrer keine Grenzen; er charakterissirte den Papst von Dimchurch als einen Affen mit einer langen Zunge und einer affenmenschlichen Fähigkeit, Unheil anzurichten. Der Badeort, für den er sich entschieden hatte, war Ramsgate. Es lag hinreichend entfernt von Dimchurch und nahe genug an London, um es ihm möglich zu machen, Lucilla oft zu besuchen. Nothwendig brauchte er aber meine Mitwirkung zur Ausführung dieses neuen Plans. Wenn ich bereit sei, Lucilla unter meine Obhut zu nehmen, so wolle er mit dem langzüngigen Affen reden und wir könnten dann noch vor Ende der Woche nach Ramsgate abreisen.

Es gab nichts, was mich hätte hindern können, bei der Ausführung dieses Planes behilflich zu sein. Meine einzige Sorge außer Lucilla, meine Sorge für den lieben Papa, war glücklicherweise für einige Zeit beruhigt. Jeder Brief meiner Schwestern aus Frankreich brachte mir dieselben erfreulichen Nachrichten Mein ewig junger Vater war doch endlich dahinter gekommen, daß er nicht mehr in der Blüthe der ersten Jugend stehe. Er hatte sich unter pathetischen Ausdrücken des Bedauerns resigniert, jüngeren Leuten das Verlieben und das Duelliren zu überlassen. Durch Leidenschaften verwüstet, hatte der liebe Unschuldsengel sich jetzt vor Schwertern, Pistolen und Weibern, zum Sammeln von Schmetterlingen und Guitarrespielen geflüchtet. Ich hatte Zeit, mich ganz Lucilla zu widmen und freute mich aufrichtig auf die mir eröffnete Aussicht. Wenn ich mit ihr allein und von dem Pfarrhause, wo immer Gefahr war, daß ihr geschwätziger Klatsch zu Ohren komme, entfernt war, so durfte ich zuversichtlich hoffen, sie gegenwärtig vor Schaden zu hüten und sie Oscar für die Zukunft zu erhalten. Von ganzem Herzen erklärte ich mich Grosses Vorschlag zustimmig.

Nachdem wir uns im Garten getrennt hatten, ging er nach der vom Pfarrer bewohnten Seite des Hauses, um demselben in seiner ärztlichen Eigenschaft den von ihm gesellten Entschluß mitzutheilen, während ich meinerseits wieder zu Lucilla ging, um Oscar so gut wie möglich bei ihr zu entschuldigen und sie auf unsere nahe bevorstehende Entfernung von Dimchurch vorzubereiten.

»Fort, ohne mir Lebewohl gesagt! Fort, ohne mir auch nur geschrieben zu haben?«

Das war der erste Eindruck, den ich bei ihr hervorrief, als ich mein Bestes gethan hatte, Oscar’s Abwesenheit als etwas ganz Unschuldiges zu erklären. Ich glaubte den kürzesten und einfachsten Ausweg aus den: Schwierigkeit gewählt zu haben, indem ich den Sachverhalt nur umkehrte. Mit andern Worten, indem ich ihr erzählte, Nugent sei im Ausland in eine ernste Verlegenheit gerathen und Oscar sei plötzlich abberufen worden, ihm nachzureisen und ihm aus der Verlegenheit zu helfen. Vergebens erinnerte ich sie an Oscar’s ihr wohlbekannten Abscheu vor jeder Art von Abschiednehmen; vergebens stellte ich ihr vor, daß die Dringlichkeit der Sache ihm keine andere Wahl gelassen habe, als mir seine Entschuldigung und sein Lebewohl anzuvertrauen; vergebens versprach ich ihr, er, werde ihr bei erster Gelegenheit schreiben. Sie hörte mir zu, ohne überzeugt zu sein. Je beharrlicher ich die Sache zu erklären versuchte, desto beharrlicher betonte sie Oscar’s unerklärliche Rücksichtslosigkeit gegen sie. Was unsere Reise nach Ramsgate anlangte, so war es unmöglich, sie für die Sache zu interessiren. Ich gab es verzweifelt auf.

»Gewiß hat doch Oscar eine Adresse hinterlassen, unter der ich ihm schreiben kann!« sagte sie.

Ich konnte nur antworten, daß er zu unsicher über seine eigenen Bewegungen gewesen sei, um im Stande zu sein, das vor seiner Abreise zu thun.

»Die Sache ist schlimmer, als Sie denken«, fuhr sie fort, »ich glaube, Oscar fürchtet sich, seinen unglücklichen Bruder hierher zurückzubringen. Ich weiß, ich habe mich bei dem Anblick des Blaugesichts entsetzt. Aber ich habe das jetzt völlig überwunden. Ich empfinde nichts mehr von dem albernen Entsetzen vor dem armen Menschen, das mich erfüllte, so lange ich blind war. Jetzt, wo ich selbst gesehen habe, wie er wirklich aussieht, kann ich für ihn empfinden. Das wollte ich Oscar sagen. ich wollte ihm sagen, daß er seinen Bruder, wenn er wolle, zu uns zurückbringen könne, ich wollte gerade das, was jetzt geschehen ist, verhindern, verhindern, daß er glaube mich verlassen zu müssen, wenn er seinen Bruder sehen wolle. Ihr seid sehr hart gegen mich und ich habe wohl Grund, mich darüber zu beklagen.«

Trotz dieser kränkenden Aeußerungen empfand ich doch bei dem, was sie sagte, einigen Trost. Oscar’s Entstellung würde also nicht das schreckliche Hinderniß seiner Rehabilitierung bei Lucilla sein, für das ich es gehalten hatte. Ich bedurfte des Trostes, den diese Erwägung mir gewähren konnte, gar sehr. Lucilla zeigte zwar keine offene Feindseligkeit gegen mich, aber eine Kühle welche ich schmerzlicher empfand, als wirkliche Feindseligkeit.

Am nächsten Morgen frühstückte ich im Bett und stand erst gegen Mittag auf, gerade noch zeitig genug, um Grosse vor seiner Rückkehr nach London noch Lebewohl zu sagen.

Er war in der besten Laune. Lucilla’s Augen waren trotz der Anstrengung, die er ihnen Tags zuvor zugemuthet hatte, nicht nur nicht schlimmer, sondern besser geworden. Es bedurfte nur noch der stärkenden Luft von Ramsgate, um den Erfolg der Operation zu sichern. Herr Finch hatte Einwendungen erhoben, die sich alle um den Geldpunkt drehten; aber bei einer Tochter, die ihre eigene Herrin war und die ihr eigenes Vermögen hatte, waren seine Einwendungen von keinem Belang. Am nächsten oder spätestens am nächstfolgenden Tage sollten wir nach Ramsgate abreisen. Ich versprach unserm guten Doctor, ihm zu schreiben, sobald wir installiert sein würden und er verpflichtete sich seinerseits, — uns unmittelbar nachher zu besuchen.

»Lassen Sie sie ihre Augen täglich zwei gute Stunden gebrauchen,« sagte Grosse beim Abschied, »sie kann damit thun, was sie will, nur nicht lesen und schreiben, bis ich nach Ramsgate zu Ihnen komme. Es ist höchst wunderbar, zu sehen, wie ihre Augen sich machen. Das nächste Mal, daß ich den guten Herrn Sebright wiedersehe — hei! wie will ich da über diesen funkelnagelneuen respectabeln Mann herfahren!«

Ich konnte mich eines ängstlichen Gefühls, wie der Tag vergehen würde, nicht erwehren, als Grosse mich mit Lucilla allein ließ.

Zu meinem unaussprechlichen Erstaunen kam sie mir nicht nur mit den nöthigen Entschuldigungen für ihr Benehmen am vorhergehenden Tage entgegen, sondern zeigte sich vollkommen resigniert über den zeitweiligen Verlust von Oscar’s Gesellschaft. Nicht ich, sondern sie selbst bemerkte, er habe keine bessere Zeit für seine Abwesenheit wählen,könne, als diese für sie demüthigende Zeit, wo sie rund von viereckig unterscheiden lernen müsse. Nicht ich, sondern sie hieß die kleine Reise nach Ramsgate als eine angenehme Abwechselung in ihrem einförmigen Leben, welche ihr über Oscar’s Abwesenheit hinweghelfen würde, willkommen. Kurz, wenn sie einen Brief von Oscar gehabt hätte und durch denselben jeder Sorge für ihn überhoben gewesen wäre, so hätten ihre Worte und Blicke keinen schärferen Contrast zu ihren gestrigen Worten und Blicken bilden können, als sie es jetzt thaten.

Wenn ich keine andere Veränderung an ihr bemerkt hätte, als diesen willkommenen Wechsel ihrer Stimmung, so würde ich mich jenes Tages nur als eines ungetrübt glücklichen zu erinnern haben.

Aber leider habe ich noch etwas Unerfreuliches hinzuzufügen. Während sie sich bei mir entschuldigte und sich in so verständigen und so befriedigenden Ausdrücken, wie ich sie eben wiederholt habe, aussprach, bemerkte ich in ihrem Wesen eine sonderbare geheime Verlegenheit, wie ich sie ähnlich mir gegenüber noch nie an ihr beobachtet hatte. Und, was noch ausfallender war, als Zillah in’s Zimmer trat, bemerkte ich, daß Lucilla’s Verlegenheit sich in Gesicht und Wesen ihrer alten Amme, als diese mit mir sprach, wiederspiegelte.

Ich konnte aus dem, was ich beobachtete, nur einen Schluß ziehen; Beide verbargen etwas vor mir und Beide schämten sich dessen mehr oder weniger.

An einer früheren Stelle in dieser Erzählung habe ich von mir gesagt, ich sei von Natur nicht argwöhnisch. Ebendeshalb verfalle ich auch, wenn sich mir ein Argwohn unabweislich aufdrängt, wie es eben jetzt der Fall war, leicht in das entgegengesetzte Extrem. Im vorliegenden Fall richtete sich mein Argwohn um so entschiedener gegen eine bestimmte Person, als ich früher keinen Argwohn gegen dieselbe in mir hatte aufkommen lassen wollen. »Auf eine oder die andere Art«, sagte ich mir, »steckt Nugent Dubourg dahinter.«

Stand er im Geheimen unter dem Vorgeben, Oscar zu sein, mit ihr in Verbindung?

Der bloße Gedanke trieb mich, sie sofort wissen zu lassen, daß mir die Veränderung in ihrem Wesen nicht entgangen sei.

»Lucilla«, sagte ich, »ist etwas vorgefallen?«

»Was meinen Sie damit?« fragte sie kalt.

»Es kommt mir vor, als seien Sie etwas verändert«, fing ich an.«

»Ich verstehe Sie nicht«, antwortete sie und entfernte sich dabei von mir.

Ich sagte nichts mehr. Wenn unser Verhältnis weniger vertraulich und innig gewesen wäre, so hätte ich ihr vielleicht offen gestanden, was in mir vorging. Aber wie konnte ich zu Lucilla sagen: »Sie betrügen miich!« Das wäre das Ende unseres schwesterlichen Verhältnisses unserer Freundschaft gewesen. Wenn iu dem Verhältniß zweier Menschen, die sich lieben, das Vertrauen verloren geht, so ist Alles verloren. Von dem Augenblick an stehen sie sich wie Fremde gegenüber und müssen sich gegenseitig mit äußeren Höflichkeitsbezeugungen begnügen. Feinfühlende Gemüther werden es verstehen, warum ich mir die von ihr aufgedrängte Entfremduug gefallen ließ und nichts weiter sagte.

Ich ging allein in’s Dorf. Ich wußte es so gut zu machen, daß die Sache nichts Auffälliges hatte, als ich mich erst mit Gootheridge im Gasthof und dann mit dem Diener in Browndown ein wenig über Nugent unterhielt. Wenn Nugent im Geheimen nach Dimchurch zurückgekehrt war, so war es in dem kleinen Dorf fast unzweifelhaft sicher, daß einer von den beiden Männern ihn gesehen haben mußte. Aber keiner von Beiden hatte ihn gesehen.

Ich schloß daraus, daß er es nicht versucht habe, sich persönlich mit ihr in Verbindung zu setzen. Sollte er es noch schlauer und noch sicherer, brieflich versucht haben?

Ich kehrte nach dem Pfarrhause zurück. Es war dicht vor der Stunde wo Lucilla mit meiner mir von Grosse übertragenen Genehmigung ihre Augen gebrauchen sollte. Als ich ihr die Binde abnahm, bemerkte ich einen Umstand, welcher mich in dem Schluß, zu welchem ich gelangt war, bestärkte. Ihre Augen vermieden es geflissentlich, den meinigen zu begegnen. Ich unterdrückte den Schmerz, den mir diese neue Entdeckung verursachte, so gut ich konnte, und wiederholte ihr Grosse’s Verbot jedes Versuchs zu lesen oder zu schreiben, bis er sie wieder gesehen haben werde.

»Er braucht mir das nicht zu verbieten«, sagte sie.

»Haben Sie es schon versucht?« fragte ich.

»Ich habe ein kleines Buch mit Kupferstichen besehen«, antwortete sie, »aber ich konnte nichts unterscheiden. Die Linien verschoben sich alle in einander und schwammen mir vor den Augen.«

»Haben In Sie schon versucht zu schreiben?« fragte ich weiter. Ich schämte mich meiner, daß ich ihr diese Falle stellte, wiewohl die dringende Nothwendigkeit, herauszufinden, ob sie in geheimer Correspondenz mit Nugent stehe, mein Verfahren gewiß entschuldbar erscheinen ließ.

»Nein«, erwiderte sie, »zu schreiben habe ich nicht versucht.«

Bei diesen Worten wechselt sie die Farbe.

Ich muß hier bekennen, daß ich, als ich meine Frage that, zu aufgeregt war, um an etwas zu denken, dessen ich mich in einem ruhigeren Zustand erinnert haben wurde. Selbst wenn sie wirklich eine Correspondenz führte, welche sie vor mir geheim zu halten wünschte, hatte sie nicht nöthig, sich ihrer Augen zu bedienen. ZilIah pflegte ihr die für sie anlangenden Briefe vorzulesen, ehe ich in’s Pfarrhaus kam und sie konnte, wie ich bereits erzählt habe, kurze Billete schreiben, wobei sie sich mit den Fingern auf dem Papier zurecht fand. Ueberdies wurde, da sie unter Anwendung erhabener Lettern gelernt hatte, mit dem Gefühl zu lesen, gerade wie sie schreiben gelernt hatte, selbst wenn ihre Augen schon hinlänglich wieder hergestellt gewesen wären, um sie in den Stand zu setzen, kleine Gegenstände zu unterscheiden, doch nur Uebung sie befähigt haben, sich derselben zu Correspondenzzwecken zu bedienen.

Diese Erwägungen, welche mir im ersten Augenblick nicht eingefallen waren, drängten sich mir später im Laufe des Tages auf und ließen mich bis zu einem gewissen Punkt meine Ansicht ändern. Jetzt erklärte ich mir den Wechsel der Farbe, den ich an ihr beobachtet hatte, als das äußere Anzeichen eines ihr aufsteigenden Argwohns — des Verdachts, daß ich einen besonderen Beweggrund habe, sie zu befragen. Mein Argwohn gegen Nugent blieb übrigens dadurch unberührt. Ich mochte es Versuchen, wie ich wollte, ich konnte den Gedanken nicht los werden, daß er ein falsches Spiel mit mir spiele und daß er es auf die eine oder die andere Art möglich gemacht habe, nicht nur sich mit Lucilla in Verbindung zu setzen, sondern sie zu überreden, das, was er gethan hatte, vor mir geheim zu halten.

Ich verschob jeden Versuch, weitere Entdeckungen zu machen, auf den nächsten Tag.

Unmittelbar vor dem Schlafengehen fiel mir plötzlich ein, Zillah zu befragen. Aber bei einiger Ueberlegung kam ich davon zurück. Wie ich die Alte kannte, würde sie einfach geleugnet — und dann ihrer Herrin das Vorgefallene mitgetheilt haben. Und ich kannte Lucilla gut genug, um zu wissen, daß nach dem, was bereits zwischen uns vorgefallen war, daraus ein Streit mit mir entstanden sein würde. Die Dinge standen schon so schlimm genug, ich hätte sie um keinen Preis schlimmer noch machen mögen. Am nächsten Morgen beschloß ich, ein wachsames Auge auf das Dorf-Postamt und auf die Bewegungen der Amme zu haben.

Der Morgen brachte mir einen Brief aus dem Ausland.

Die Adresse war von der Hand einer meiner Schwestern. Wir pflegten einander regelmäßig alle vierzehn Tage oder drei Wochen zu schreiben Dieser Brief aber folgte seinem Vorgänger nach Verlauf von weniger als einer Woche. Was hatte das zu bedeuten? Gute oder schlimme Nachrichten?

Ich öffnete den Brief.

Er enthielt ein Telegram mit der Meldung, daß mein armer theurer Vater gefährlich verwundet in Marseille liege. Meine Schwestern waren bereits zu ihm geeilt und beschworen mich, ihnen ohne Verzug zu folgen. Brauche ich die Geschichte dieses jammervollen Unglücksfalles noch näher zu erzählen? Natürlich fängt sie mit einem Weibe und einer Entführung an, und endigt mit einem jungen Mann und einem Duell. Papa war so ritterlich, wie er leicht entflammt war. Es war die alte Geschichte!



Kapiteltrenner

Neuntes Kapitel - Eine schwere Zeit für Madame Pratolungo

Hätte ich nicht auf das Unglück, welches jetzt meine Schwestern und mich betroffen hatte, vorbereitet sein müssen? Hätte es mir nicht, wenn ich meine eigene Erfahrung von meinem armen Vater deutlich vor Augen gehalten hätte, klar sein müssen, daß die Gewohnheiten eines Lebens sich schwerlich am Ende dieses Lebens ändern? Wenn ich ordentlich nachgedacht hätte, würde ich gewiß vorausgesehen haben, daß je länger seine Besserung dauerte, desto näher ein Rückfall im Anzuge sein müsse und es nur um so wahrscheinlicher sei, daß er den hoffnungsvollen Erwartungen nicht entsprechen werde, welche ich von seinem Betragen für die Zukunft gehegt hatte. Ich gebe das Alles zu. Aber wo sind die Mustermenschen, die ordentlich nachdenken können, wenn ihr Nachdenken sie zu einem andern Schlusse führen würde, als es ihrem Interesse zusagt? O, meine verehrten Damen und Herren, dem Wesen der meisten Menschen liegt ein gewaltiger Unterbau von Thorheit zu Grunde!

Sobald ich wieder zu mir gekommen war, konnte ich über das, was mir zu thun oblag, nicht einen Augenblick zweifelhaft sein. Meine Pflicht gebot mir, so rasch von Dimchurch abzureisen, daß ich noch den von London nach dem Coutinent abgehenden Schnellzug am Abend um acht Uhr erreichen könnte.

Durfte ich aber Lucilla verlassen? Ohne Zweifel! Selbst ihre Interessen waren, so zärtlich ich sie auch liebte und so ängstlich besorgt ich für sie war, mir doch nicht so heilig, wie die Interessen, welche mich an das Krankenbett meines Vaters riefen.

Ich hatte noch einige Stunden vor mir, bevor ich Lucilla würde verlassen müssen. Alles was ich thun konnte, war, diese Stunden dazu zu verwenden, die denkbar besten Vorkehrungen zu ihrem Schutze in meiner Abwesenheit zu treffen.

Lange konnte unsere Trennung nicht dauern. Bei dem hohen Alter meines Vaters mußte sich der quälende Zweifel, ob er sterben oder am Leben bleiben werde, bald lösen.

Ich ließ sie bitten, auf mein Zimmer zu kommen und zeigte ihr meinen Brief.

Der Inhalt desselben betrübte sie aufrichtig.

Einen Augenblick, während sie mir in wenigen Worten ihre Theilnahme ausdrückte, machte sich der peinliche Zwang in ihrem Benehmen gegen mich nicht bemerklich. Er kam aber alsbald wieder zum Vorschein, als ich ihr meine Absicht, noch an demselben Tage nach Frankreich zu reisen, mittheilte und ihr mein Bedauern darüber ausdrückte, daß unsere Reise nach Ramsgate für jetzt aufgeschoben werden müsse. Sie gab mir nicht nur eine gezwungene Antwort, bei der es mir vorkam, als fasse sie eben im Augenblicke einen Plan, sondern sie verließ mich auch alsbald wieder unter einer ganz gewöhnlichen Entschuldigung. »Sie haben bei dieser traurigen Veranlassung gewiß viel zu denken; ich will Ihnen nicht länger lästig fallen. Wenn Sie meiner bedürfen, so wissen Sie, wo ich zu finden bin.«

Mit diesen Worten ging sie zum Zimmer hinaus. Als sie die Thüre hinter sich geschlossen hatte, überkam mich ein Gefühl der Hilflosigkeit und Verwirrung, wie ich es nie empfunden hatte.

Ich fühlte, daß ich irgend etwas vornehmen müsse, um nicht ganz zusammen zu brechen, und machte mich daran, die wenigen Gegenstände, deren ich zur Reise bedurfte, zusammenzupacken. Ich, die ich gewohnt war, mich bei allen Vorkommnissen meines Lebens rasch zu entschließen, war jetzt nicht einmal klar genug, um die Thatsachen zu sehen, wie sie wirklich waren. Einen Entschluß zu fassen, war ich in jenem Augenblick so fähig, wie Frau Finch’s Baby.

Die Anstrengung des Packens half mir, mich ein wenig zu erholen, brachte mich aber meiner gewohnten Fassung in Gemüth und Geist um nichts näher.

Als ich fertig war, setzte ich mich rathtos nieder; ich fühlte das dringende Bedürfniß, vor meiner Abreise über mein Verhältniß zu Lucilla in’s Klare zu kommen und wußte doch noch immer nicht, wie ich es anfangen sollte. Mit unbeschreiblichem Widerwillen fühlte ich plötzlich Thränen in meinen Augen. Ich hatte gerade noch genug von der Wittwe Pratolungo’s in mir übrig, um mich meiner von ganzem Herzen zu schämen. Frühere Wechselfälle und Gefahren in den Tagen meines republikanischen Lebens mit meinem Gatten, hatten mich zu einer tüchtigen Fußgängerin gemacht und mir eine zigeunerhafte Liebhaberei für das Wandern im Freien, ähnlich der meiner kleinen Jicks eingepflanzt. Ich setzte mir meinen Hut auf und ging hinaus, zu sehen, was körperliche Bewegung für mich zu thun vermöge.

Ich versuchte es mit dem Garten. Nein! Der Garten war mir, ich kann nicht sagen warum, nicht groß genug. Ich hatte noch einige Stunden übrig. Ich versuchte es mit den Hügeln. Als ich mich links wandte und an der Kirche vorüberging, hörte ich durch die offenen Fenster das Bum, Bum der Stimme des Ehrwürdigen Finch, der die Dorfkinder katechisirte. Dem Himmel sei Dank! er konnte mir auf keine Weise in den Weg kommen. So rasch ich konnte, stieg ich die Hügel hinauf. Die frische Luft und die Bewegung klärten meinen Geist. Nachdem ich länger als eine Stande scharf marschirt war, kehrte ich nach dem Pfarrhause zurück und hatte mich wiedergefunden. Vielleicht waren noch einige Reste von Unentschlossenheit in mir, oder übte mein Schmerz eine entnervende Wirkung auf mich, welche mich die Veränderung in meinem Verhältniß zu Lucilla noch peinlicher als bisher empfinden ließ. Ich war jetzt entschlossen, es zu einer offenen Erklärung mit Lucilla zu bringen, bevor ich sie unbeschützt im Pfarrhause ließe; aber auch jetzt noch schreckte ich davor zurück, mich einer directen Abweisung in einem Gespräch mit ihr auszusetzen. Ich nahm ein Blatt aus dem Buch des armen Oscar und schrieb darauf, was ich ihr zu sagen hatte.

Ich klingelte einmal, noch einmal, Niemand erschien. Ich ging nach der Küche; Zillah war nicht da. Ich klopfte an die Thür ihres Schlafzimmers, keine Antwort; ich machte die Thür auf, das Schlafzimmer war leer. Ich war also genöthigt, entweder, so ungeschickt es auch herauskommen würde, Lucilla selbst mein Billet zu geben, oder mich zu entschließen, doch mit ihr zu reden.

Ich konnte es nicht über mich gewinnen, mit ihr zu reden; ich ging daher mit meinem Billet in der Hand nach ihrem Zimmer und klopfte.

Aber auch hier erhielt ich keine Antwort. Ich klopfte noch einmal, wieder keine Antwort. Ich öffnete die Thür; das Zimmer war leer. Auf dem kleinen Tisch am Fuße des Bettes lag ein an mich adressirter Brief. Die Adresse war von Zillahs Hand. Aber in der Ecke stand Lucilla’s in ihrer gewöhnlichen Weise geschriebener Name, zum Zeichen, daß sie den Brief ihrer Amme dictirt habe. Mir fiel ein Stein vom Herzen als ich den Brief in die Hand nahm. Derselbe Gedanke, schloß ich, auf den ich verfallen war, war auch ihr gekommen. Auch sie war von der Verlegenheit einer persönlichen Erklärung zurückgeschreckt; auch sie hatte geschrieben und wich mir aus, bis ihr Brief für sie gesprochen und uns vor meiner Abreise wieder ausgesöhnt habe.

In dieser angenehmen Erwartung öffnete ich den Brief. Man urtheile, was ich empfinden mußte, als ich sah, was er wirklich enthielt.

»Liebe Madame Pratolungo, — Sie werden mir beistimmen, daß es nach Herrn Grosse’s Erklärung in Betreff der Wiederherstellung meiner Augen sehr wichtig für mich ist, meine Reise nach Ramsgate nicht zu verschieben. Da Sie durch Umstände, die ich aufrichtig bedaure, mich an die See zu begleiten verhindert sind, habe ich beschlossen, nach London zu meiner Taute, Fräulein Batchford, zu gehen und dieselbe zu bitten, mich statt Ihrer zu begleiten. Ich habe so viele Beweise ihrer aufrichtigen Zuneigung zu mir, daß ich fest überzeugt sein kann, sie werde Ihnen gern die Obhut über mich abnehmen. Da ich keine Zeit verlieren darf, so reise ich ab, ohne Ihre Rückkehr von Ihrem Spaziergang abzuwarten. Sie wissen zu genau, wie wichtig unter Umständen ein förmliches Lebewohl sein kann, als daß ich befürchten müßte, Sie würden es mir übel nehmen, daß ich mich auf diese Weise von Ihnen verabschiede. Mit den besten Wünschen für die Wiederherstellung Ihres Herrn Vaters, verbleibe ich

Ihre treu ergebene Lucilla.

P.s. Sie brauchen sich keine Sorge meinetwegen zu machen. Zillah bringt mich nach London und sobald ich im Hause meiner Tante angelangt bin, werde ich mich mit Herrn Grosse in Verbindung setzen.«

Hätte nicht ein Satz in dem Brief gestanden, so würde ich sicherlich dieses grausame Schreiben mit dem sofortigen Aufgeben meiner Stellung als Lucilla’s Gesellschafterin beantwortet haben.

Dieser Satz war der, in welchem Lucilla mir die Entschuldigung, die ich für Oscar’s Abwesenheit vorgebracht hatte, so höhnisch zurückgab. Die sarkastische Anspielung meiner genauen Bekanntschaft mit einem Vorfall, der es unmöglich gemacht habe, sich mit einem förmlichen Lebewohl aufzuhalten, beseitigte meinen letzten leisen Zweifel daran, daß Nugent hier sein verrätherisches Spiel getrieben habe. Ich hegte jetzt nicht mehr nur den Argwohn, sondern die feste Ueberzeugung, daß er sich unter dem Namen seines Bruders mit ihr in Verbindung gesetzt und daß er es auf eine mir unerklärliche Weise verstanden habe, so auf Lucilla’s Gemüth zu wirken, das innewohnende Mißtrauem welches ihre Blindheit ihrem Wesen eingepflanzt hatte, so aufzuregen, daß es ihm gelungen war, ihr für den Augenblick alles Vertrauen zu mir zu rauben.

Auch mit dieser Ueberzeugung hatte ich noch mitleidige und großmüthige Empfindungen für Lucilla. Weit entfernt, meine arme, betrogene schwesterliche Freundin wegen ihrer grausamen Abreise und ihres noch grausameren Briefes zu tadeln, maß ich Nugent die ganze Schuld bei. So sehr ich auch durch meine eigenen Sorgen in Anspruch genommen war, so mußte ich doch an die Gefahr, in der sich Lucilla befand und an das Unrecht denken, das Oscar widerfahren war. Mein früherer Entschluß, die beiden wieder mit einander zu vereinigen, stand noch unerschütterlich fest und was ich Nugent schuldig war, war mir auch in diesem Augenblicke so gegenwärtig, daß ich meine Schuld voll abzutragen beschloß.

Was konnte ich aber, bei der Wendung, welche die Dinge genommen hatten und bei der Kürze der Zeit,·die mir noch übrig blieb, jetzt thun? Wie konnte ich, wenn Fräulein Batchford, wie ich es als wahrscheinlich annehmen mußte, ihre Nichte nach Ramsgate begleitete, Nugent daran verhindern, sich in meiner Abwesenheit mit Lucilla während ihres Aufenthaltes an der See in Verbindung zu setzen? Um darüber mit mir ins Reine zu kommen, mußte ich zuvor in Erfahrung bringen, ob Fräulein Batchford als ein Mitglied der Familie in Betreff des traurigen Verhältnisses, in welchem Oscar und Lucilla jetzt standen, ins Vertrauen gezogen werden solle.

Die einzige Person, die ich in dieser Schwierigkeit zu Rathe ziehen konnte, war der Pfarrer. In meiner Abwesenheit ruhte ersichtlich die ganze Verantwortlichkeit auf dem Ehrwürdigen Finch als Haupt der Familie. Ich ging sofort nach der anderen Seite des Hauses. Wenn Herr Finch von seiner Katechisirung noch nicht wieder nach Hause zurückgekehrt war, so mußte ich mich im Dorfe nach ihm erkundigen und ihn in den Hütten seiner Gemeindemitglieder aufsuchen. Der Klang seiner gewaltigen Stimme überhob mich alsbald jedes Zweifels in dieser Beziehung. Das Bum-Bum, das ich zuletzt aus der Kirche hatte ertönen hören, schallte mir jetzt wieder aus dem Studierzimmer entgegen.

Als ich das Zimmer betrat, fand ich Herrn Finch stehend und in höchster Aufregung, Frau Finch und ihr Baby, welche sich, wie gewöhnlich in eine Ecke verschanzt hatten, haranguirend. Mein Erscheinen auf der Scene gab dem Strom seiner Beredtsamkeit augenblicklich eine andere Richtung, indem sich derselbe sofort über meine arme Person ergoß. Der Leser wird sich aus dem Anfang dieser Erzählung erinnern, daß der Pfarrer und Lucilla’s Tante seit undenklichen Zeiten auf dem schlechtesten Fuße gestanden hatten und dadurch auf den folgenden Austritt genügend vorbereitet sein.

»Da sind Sie ja! Eben wollte ich nach Ihnen schicken«, rief mir der Papst von Dimchurch entgegen. »Regen Sie meine Frau nicht auf. Sprechen Sie nicht Mit ihr! Sie sollen gleich hören, warum. Reden Sie nur mit mir. Seien Sie ruhig, Madame Pratolungo. Sie wissen nicht, was vorgefallen ist; ich will es Ihnen sagen.« .

Ich wagte es, ihn zu unterbrechen und ihm zu sagen, daß ich durch Lucilla’s Brief von der plötzlichen Abreise seiner Tochter nach dem Hause ihrer Tante unterrichtet sei. Herr Finch machte eine ungeduldig abwehrende Handbewegung, als wolle er damit ausdrücken, daß meine Antwort zu unwichtig sei, um auch nur die geringste Notiz davon zu nehmen.

, »Ja! ja! ja! Ich weiß, Sie sind oberflächlich von den Thatsachen unterrichtet. Aber Sie sind weit entfernt, zu wissen, was die plötzliche Entfernung meiner Tochter aus meinem Hause wirklich bedeutet. Aengstigen Sie sich nicht, Madame Pratolungo, und regen Sie meine Frau nicht auf. Wie geht es Dir, liebes Kind? Was macht das Kind? Gut? Dank der allmächtigen Vorsehung, geht es Euch Beiden gut. — Nun hören Sie mich an, Madame Pratolnugo. Die Flucht meiner Tochter, ich sage absichtlich Flucht, denn es ist nichts Geringeres — die Flucht meiner Tochter aus meinem Hause — ich flehe Sie an, seien Sie ruhig — bedeutet einen zweiten Schlag, den die Familie meiner ersten Frau mir versetzt. Mir versetzt«, wiederholte Herr Finch, indem er sich bei der Erinnerung an seine alte Feindschaft mit den Batchfords ereiferte — »den mir Fräulein Batchford, Lucilla’s Tante, in der Person meiner zweiten Frau und meines unschuldigen Kindes versetzt — Bist Du auch wirklich wohl, liebes Kind? Ist das Kind auch wirklich wohl? Dem Himmel sei Dank, ja! — Concentriren Sie Ihre Aufmerksamkeit, Madame Pratolungo, Sie sind zerstreut. Von Fräulein Batchford angestiftet, hat meine Tochter mein Haus verlassen. Die Reise nach Ramsgate ist eine reine Ausflucht. Und wie hat sie mein Haus verlassen? Nicht nur, ohne mir vorher Lebewohl zu sagen — ich bin ja Niemand! — sondern ohne die geringste Rücksicht auf die Lage meiner Frau zu nehmen. In ihren Reisekleidern trat meine Tochter übereilig, oder mich des drastischen Ausdrucks meiner Frau zu bedienen, »stürzte sie« in die Kinderstube, wo meine Frau eben damit beschäftigt war, dem Säugling mütterliche Nahrung zu verabreichen. Unter Umständen, welche das Herz eines Banditen oder Wilden gerührt haben würden, kündigte meine unnatürliche Tochter — erinnere mich, Frau, daß ich heute Abend Shakespeare’s König Lear vorlese — ohne Vorbereitung an, daß Sie durch heimische Umstände sie nicht nach Ramsgate bgleiten könnten. Ich bin betrübt, davon zu hören, Madame Pratolungo. Geben Sie der Vorsehung die Schuld. Durchhalten, Mrs. Finch; durchhalten, nachdem sie meine Frau heute morgen mit dieser erschütternden Nachricht erschreckt hatte, erklärte meine Tochter als nächstes, dass sie vorhatte, das Dach ihres Vaters zu verlassen, ohne darauf zu warten, ihrem Vater Lebwohl zu sagen. Das Erreichen eines Zuges, werden Sie sehen, war (kein Zweifel auf Betreiben Miss Batchfords) von höherer Wichtigkeit als die elterliche Umarmung oder der väterliche Segen. Nachdem sie eine Nachricht der Entschuldigung für mich hinterlassen hatte, stieß mein herzloses Kind (Ich gebrauche Mrs. Finch bildliche Sprache ein weiteres Mal - Du hast sehr, sehr mächtige Ausdrücke, Mrs. Finch) - stieß mein herzloses Kind heraus aus der Kinderstube, um den Zug zu kriegen; nachdem sie, soweit sie wusste oder sie darum besorgt war, es geschafft hatte, meiner Frau einen Schock zu versetzen, der die Quelle des mütterlichen Unterhalts an ihrem Grund versauert haben könnte. Das ist ein Schicksalsschlag, Madame Pratolungo! Wie kann ich wissen, dass nicht in diesem Moment eine saure Störung durchgeführt wurde, anstatt einer gesunden Annäherung zwischen Mutter und Kinde? Ich werde Ihnen einen alkalischen Schluck vorbereiten, Mrs. Finch, der nach den Mahlzeiten genommen werden muss. Nicht sprechen; nicht bewegen! Lass mich deinen Puls fühlen. Ich halte Miss Batchford für all das verantwortlich, Madame Pratolungo, für was auch immer passiert - meine Tochter ist ein bloßes Werkzeug in den Händen der Familie meiner ersten Frau. Lass mich deinen Puls fühlen, Mrs. Finch. Mir gefällt dein Puls nicht. Eine liegende Stellung und ein weiteres warmes Bad - unter der Vorsehung, Madame Pratolungo - mag den Schlag abwehren. Könnten Sie freundlicherweise die Tür öffnen und Mrs. Finchs Taschentuch holen? Lassen Sie den Roman stehen - das Taschentuch.«

Ich ergriff die erste Gelegenheit, wieder zu sprechen, als Mr. Finch seine Frau (mit seinem Arm um ihre Hüfte) zur Tür führte - indem ich die Frage, die ich stellen wollte, in dieser vorsichtigen Art stellte:

»Schlagen Sie vor, Sir, entweder mit Ihrer Tochter oder mit Miss Batchford zu sprechen, während Lucilla vom Pfarrhaus entfernt ist? Meine Absicht, diese Frage zu wagen -«

Bevor ich meine Absicht darlegen konnte, drehte sich Herr Finch herum (wobei er auch Mrs. Finch mit sich drehte) und beäugte mich von Kopf bis Fuß mit einem Blick von entrüstetem Erstaunen.

»Ist es möglich, dass sie diesen doppelten Schiffsbruch sehen können« sagte Mr. Finch, und meinte damit seine Frau und sein Kind, »und annehmen, dass ich selbst Kontakt aufnehmen oder Kontakt jeglicher Art gutheißen würde mit den Personen, die dafür verantwrotlich sind? Meine Güte! Kannst Du Madame Pratolungos außergewöhnliche Frage erklären? Muss ich das so verstehen (oder verstehst du das so), dass Madame Pratolungo mich beleidigen will?«

Es war nutzlos, mich zu erklären. Es war nutzlos für Mrs. Finch (die einige nutzlose Anstrengungen machte, ein oder zwei Worte dazu in ihrem eigenen Interesse zu sagen), ihren Ehemann zu besänftigen. All das, was die arme kränkliche Dame tun konnte, war mich darum zu bitten, ihr aus dem Ausland zu schreiben. »Es tut mir leid, dass Sie Unannehmlichkeiten haben; und ich wäre froh, von Ihnen zu hören.« Mrs. Finch hatte kaum Zeit diese freundlichen Worte auszusprechen, bevor der Pfarrer mit einer donnernden Stimme von mir verlangte, mir das »doppelte Schiffswrack« und es zu respektieren, wenn ich keinen Respekt vor ihm hatte - und damit ging er, seine Frau und sein Baby aus dem Zimmer.

Nachdem ich die Absicht, die mich in das Studierzimmer gebracht hatte, erreicht hatte, machte ich keinen Versuch ihn aufzuhalten. Das wenige Gefühl, das der Mann in seinen besten Zeiten besaß, war vollständig aufgebracht durch den Schlag, welchen Lucillas abrupte Abreise auf seine Wichtigkeit seiner Meinung nach gehabt hatte. Dass es in einer Aussöhung zwischen ihm und seiner Tochter vor der Fälligkeit der nächsten Zeichnung der Haushaltsausgaben kommen würde, war ein Angelegenheit von absoluter Sicherheit. Aber bis diese Zeit kam, fühlte ich, dass es gleichsam sicher war, dass er seine verletzte Würde damit verteidigen würde, irgendeinen Kontakt persönlich oder schriftlich mit Ramsgate aufzunehmen. Während der kurzen Zeit meiner Abwesenheit von England würde Miss Batchford als unkenntlich von der gefährlichen Stellung ihrer Nichte zwischen den Zwillingsbrüdern zurückgelassen werden, so wie auch Lucilla selbst. Dies zu wissen, war die Information, wegen der ich hergekommen war. Nichts war mehr nötig, um mein Gehirn wieder einmal zum Arbeiten zu bringen und darauf zu reagieren.

Wie sollte ich darauf reagieren?

In diesem Augenblick sah ich nur einen Weg. Für den Fall, daß Grosse vor meiner Rückkehr Lucilla für völlig wiederhergestellt erklären sollte, konnte ich nichts Besseres thun, als Fräulein Batchford in die Lage versetzen, an meiner Stelle die Wahrheit zu verkünden. Ich mußte aber die Gefahr einer vorzeitigen Enthüllung verhüten, mit andern Worten, ich mußte Vorkehrungen treffen, daß die alte Dame das Geheimniß nicht eher erführe, als die Zeit gekommen wäre, wo dasselbe ohne Gefahr würde offenbart werden können.

Diese anscheinend so verwickelte Schwierigkeit war leicht zu heben, wenn ich vor meiner Abreise statt eines Briefes zwei Briefe schrieb.

Den ersten Brief adressirte ich an Lucilla. Ohne ihres Benehmens gegen mich irgend welche Erwähnung zu thun, legte ich ihr mit aller erforderlichen Deliecatesse, aber unter Angabe aller Einzelheiten ihre Stellung zwischen Oscar und Nugent dar und verwies sie für die Beweise der Wahrheit meiner Behauptungen auf ihre Verwandten im Pfarrhause. »Ich überlasse es Ihnen ganz fügte ich hinzu, »ob Sie mir antworten wollen oder nicht. Prüfen Sie die Wahrheit meiner Mittheilung und wenn Sie sich wundern sollten, daß dieselbe so spät kommt, so wenden Sie sich an Herrn Grosse, den die ganze Verantwortlichkeit dafür trifft.« Damit endete ich, entschlossen, wie ich war, meine Rechtfertigung nach dem Unrecht, das mir Lucilla angethan hatte, den Thatsachen zu überlassen. Ich gestehe, ihr Benehmen hatte mich, wenn ich auch Nugent die ganze Schuld beimaß, doch zu tief gekränkt, als daß ich es der Mühe werth hätte halten sollen, ein Wort zu meiner Vertheidigung zu sagen.

Nachdem ich diesen Brief versiegelt hatte, schrieb ich an Lucilla’s Tante.

Es war keine leichte Sache für mich, mich an Fräulein Batchford zu wenden. Die Verachtung, welche sie für Herrn Finch’s politische und religiöse Ansichten hegt, wurde mehr als aufgewogen durch ihre entschiedene Ueberzeugung gegen meine republikanischen Ansichten. Ich habe schon früher erzählt, wie ein politischer Disput zwischen der torystischen alten Dame und mir in einen Zank zwischen uns ausartete, in Folge dessen mir seit jener Zeit die Thür der alten Dame verschlossen war. Trotzdem wagte ich es, ihr zu schreiben, weil ich wußte, daß Fräulein Batchford, abgesehen von ihren leidenschaftlichen Vorurtheilen, eine vornehme Dame im besten Sinne des Wortes, daß sie ihrer Nichte zärtlich ergeben und ebenso bereit sei, mir, abgesehen von meinen leidenschaftlichen Vorurtheilen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wie ich bereit war, gerecht gegen sie zu sein. Ich schrieb in einem Ton wahrer echter Hochachtung, appellirte an ihre Nachsicht, um mich zu einem gleichen Verfahren zu ermuthigen, und bat sie, Lucilla meinen Brief an dem Tage zu geben, wo Grosse jede weitere ärztliche Behandlung für überflüssig erklären würde. Bis dahin bat ich Fräulein Batchford im Interesse ihrer Nichte, meinen Brief als eine streng vertrauliche Mittheilung zu betrachten, indem ich hinzufügte, daß die Gründe, welche mich zu dieser Bitte veranlaßten, sich in meinem Briefe an Lucilla finden würden, welchen ich Fräulein Batchford zn lesen ermächtigte, sobald die Zeit, ihn zu öffnen, gekommen sein werde.

Auf diese Weise hatte ich, wie ich sicher glaubte, die einzige mögliche Maßregel ergriffen, um Nugent Dubourg zu verhindern, in meiner Abwesenheit ernstes Unheil einzurichten.

Was ihm auch seine unbezähmbare Leidenschaft für Lucilla zu unternehmen verleiten mochte, keinesfalls konnte er irgend einen entscheidenden Schritt thun, ehe Grosse Lucilla für völlig wiederhergestellt erklärt haben würde. An dem Tage, wo Grosse diese Erklärung abgäbe, würde sie meinen Brief erhalten und aus demselben die abscheuliche Täuschung, die man gegen sie geübt hatte, erfahren.

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Der Gedanke an einen Versuch, Nugent aufzufinden, kam mir gar nicht in den Sinn. Wo er sich auch aufhalten mochte, in England oder im Auslande, es würde vergeblich gewesen sein, noch einmal an seine Ehre zu appelliren. Ich würde mich nur selbst herabgesetzt haben, wenn ich nochmals mit ihm gesprochen und ihm vertraut hätte. Das Einzige, was geschehen konnte, war, ihn, sobald es möglich war, vor Lucilla bloßzustellen.

Ich hatte eben meine Briefe vollendet und den einen in den andern eingeschlossen, als der gute Herr Gootheridge, mit dem ich vorher die nöthige Verabredung getroffen hatte, mich abrief, um mich in seinem leichten Wägelchen nach Brighton abzuholen. Die Chaise, die er zu vermiethen pflegte, war bereits zu derselben Reise von Lucilla und ihrer Amme in Anspruch genommen und war noch nicht wieder von Brighton zurückgekommen.

Ich erreichte den Zug noch rechtzeitig und kam in London so früh an, daß ich noch Zeit übrig behielt. Entschlossen, mich selbst zu überzeugen, daß mein Brief an seine richtige Adresse gelangte, fuhr ich vor dem Hause von Fräulein Batchford vor und sah, wie der Kutscher meinen Brief dem Diener übergab.

Es war ein bitterer Augenblick, als ich aus Furcht, Lucilla möchte am Fenster sein und mich sehen, meinen Schleier über’s Gesicht zog. Außer dem Diener, der die Thür öffnete, war Niemand sichtbar. Wenn ich in dem Augenblick Tinte, Feder und Papier zu meiner Disposition gehabt hätte, so würde ich, glaube ich, doch noch schließlich an Lucilla geschrieben haben. Wie die Dinge standen, konnte ich nichts thun, als ihr das Unrecht, welches sie mir angethan hatte, vergeben. Ich vergab ihr vom Grund meines Herzens und sehnte mich nach der gesegneten Stunde, die uns wieder vereinigen würde.

Inzwischen konnte ich jetzt, nachdem ich Alles, was in meiner Macht stand, gethan hatte, sie zu schützen und ihr zu helfen, alle meine Gedanken, soweit sie nicht von meinem armen mißleiteten Vater in Anspruch genommen waren, Oscar zuwenden.

Genöthigt, nach dem Continent abzureisen, beschloß ich, wiewohl die Chancen äußerst ungünstig fürs mich standen, Alles, was ich in meiner peinlichen Lage vermochte, aufzubieten, um den Ort, wohin sich Oscar geflüchtet hatte, zu entdecken. Die traurigen Stunden banger Erwartung am Krankenlager meines Vaters würden mir leichter vergehen, wenn ich überzeugt sein könnte, daß die Nachsuchungen nach dem Verlorenen auf meinen Antrieb ihren Fortgang nähmen und wenn ich mir von Tag zu Tag würde sagen können. daß, wenn nicht mehr, doch die Möglichkeit für mich vorhanden sei, ihn wiederzusehen.

Das Bureau des Advocaten den ich während meines früheren Besuchs in London zu Rathe gezogen hatte, lag auf meinem Wege nach dem Bahnhof. Ich fuhr vor und war glücklich genug, ihn noch zu treffen.

Von Oscar hatte er noch nichts gehört. Der Advocat erwies sich mir jedoch nützlich durch einen Empfehlungsbrief, den er mir an einen Mann in Marseille gab, dessen Geschäft darin bestand, schwierige vertrauliche Nachforschungen anzustellen und der Agenten in allen großen Städten Europa’s hatte. Die Spur eines Mannes von Oscar’s traurig auffallendem Aeußeren mußte natürlich leicht zu verfolgen sein, wenn nur die richtige Maschinerie zu diesem Zweck ins Werk gesetzt werden konnte. Meine Ersparnisse würden hinreichen, diesen Zweck zu erreichen und ich war entschlossen sie, soweit sie reichten, nach der Ankunft an meinem Bestimmungsorte zu diesem Zwecke zu verwenden.

Die See war bei der Ueberfahrt über den Canal an jenem Abend sehr unruhig. Ich blieb auf dem Deck und ließ mir lieber jede Unbequemlichkeit gefallen um nur nicht in die Atmosphäre der Cajüte hinabsteigen zu müssen. Als ich den Blick auf die See richtete, erschienen mir die dunklen Wassermassen wie ein trauriges aber treues Bild meiner dunklen Aussichten in die Zukunft. Auf den angebahnten Weg, den wir dahinfuhren schienen die matten Strahlen eines trüben umwölkten Mondes, wie die schwachen Strahlen der Hoffnung, die mein Gemüth matt beleuchteten, wenn ich an die Zukunft dachte.



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