Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde - Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose - Erster Teil - Zweites Kapitel
 

In der Dämmerstunde

Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose



Zweites Kapitel

Der Morgen kam und mit ihm der wichtige Tag, an welchem Rosa Trudaine und Charles Danville das Ehegelübde aussprechen sollten. Und es wurde ausgesprochen! — Rosa war nun das Weib Danville’s.

Der Tag war köstlich und Madame Danville, die Mutter, war zufrieden mit Allem, selbst die Braut hatte ihr gefallen; denn sie führte sie nach der Zeremonie in eine Ecke des Zimmers und sagte ihr: »Du bist ein gutes Mädchen, und hast meinem Sohn Ehre gemacht, ja, Du hast mir gefallen! Jetzt gehe aber und kleide Dich für die Reise um, und rechne so lange auf meine Zuneigung für Dich, wie Du Dich bemühst, meinen Sohn glücklich zu machen.«

Es war nämlich beschlossen, dass das junge Paar zunächst nach der Bretagne reisen, dort einige Wochen bleiben und dann auf dem Landsitz Danville’s, bei Lyon, Wohnung nehmen sollte. Das Abschiednehmen ging auch vorüber und nachdem der Wagen fort war und Trudaine ihm noch lange nachgeblickt hatte, ging er schnell seinem kleinen Hause zu.

Der Staub des Reisewagens war lange fortgewirbelt, als Herr Lomaque noch immer an dem Gitter vor dem Hause stand und dem Paar nachzusehen schien; Dann nickte er mit dem Kopfe, rieb eine Handfläche mit der andern und sagte traurig: »Armes Mädchen, armes Mädchen!« Aber er kehrte sich bei diesen Worten um, denn es kam Jemand aus dem Hause. Es war der Postbote mit einem Briefe in der Hand und dem Postbeutel unter dem Arm.

»Keine Neuigkeiten von Paris, Freund?« fragte Lomaque.

»Seht schlechte, Herr,« lautete die Antwort. »Desmoulins hat in dem Palais Royal zu dem Volke gesprochen. Man fürchtet einen Aufstand.«

»Nur einen Aufstand,« wiederholte Lomaque sarkastisch »Wie gutmütig die Regierung ist, dass sie nichts Schlimmeres fürchtet! Haben Sie Briefe?«

»Nein,« antwortete der Postbote, »keine für das Haus nur einen, den ich abzugeben habe, erhielt ich eben hier.«

Lomaque sah nach dem Briefe, den der Bote in der Hand hielt und las die Adresse, die an die Akademie der Wissenschaften zu Paris gerichtet war. —

»Ich bin neugierig ob er die Stelle annimmt, oder ablehnt?« sagte der Gutsverwalter, nickte dem Postboten zu und ging ins Haus.

An der Tür begegnete ihm Trudaine, welcher ihn fragte, ob er mit Madame Danville nach Lyon zurückzukehren gedachte

»Ja,« entgegnete Lomaque, »noch heute.«

»Würden Sie mir vielleicht in oder bei Lyon eine sogenannte Junggesellen-Wohnung mieten, Herr Lomaque?« fragte Trudaine.

Bevor der alte Mann Etwas entgegnen konnte, war Trudaine schnell in das Haus zurückgegangen.

»Ah, Herr Trudaine, jetzt weiß ich, woran ich bin, die Professur ist nicht angenommen! Er will in der Nähe seiner Schwester bleiben,« sagte Lomaque zu sich selbst, dann machte er eine Pause, biss sich in die Lippen und fuhr fort: »Der Himmel ist zwar heute am Hochzeitstage klar und heiter gewesen, aber die Wolken an dem Ehestandshimmel werden nicht ausbleiben; kann ich, so werde ich sorgfältig das Wetter beobachten.«


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