Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde - Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose - Zweiter Teil - Drittes Kapitel
 

In der Dämmerstunde

Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose



Drittes Kapitel

Zwei Tage nachdem Trudaine und seine Schwester verhaftet worden waren, stand der Hauptkerkermeister von Sankt Lazarus vor seiner Tür und rauchte sein Morgenpfeifchen, als er sah, dass Lomaque, der Chef der zweiten Sektion der geheimen Polizei, durch das Gitter in den Hof trat.

»Guten Morgen, Herr Lomaque,« rief der Hauptkerkermeister, »was führt Sie denn schon so früh zu mir? Vergnügen oder Geschäfte?«

»Heute fand ich gerade eine unbeschäftigte Stunde,« entgegnete Lomaque, »da ging ich denn ein Wenig aus, und da mich der Zufall bis vor das Gefängnis von Sankt Lazarus führte, so wollte ich gleich mal hören, wie Sie sich befinden, mein Freund?«

»Ach, wie glücklich sind Sie, doch noch einige müßige Stunden zu finden,« entgegnete der Hauptkerkermeister, »ich bin leider überladen mit Arbeit, denn die Guillotine arbeitet für uns noch zu langsam.«

»Müsst Ihr Euch auch schon mit den Gefangenen bei dem Frühstück beschäftigen?« fragte Lomaque sehr unbefangen.

»Ja doch, ja! Von früh bis spät! Kommen Sie, Freund Lomaque, besehen Sie sich doch einmal die Gesellschaft,« sagte der Kerkermeister, der von seinen Gefangenen wie von einer Gemälde-Sammlung sprach.

Lomaque nickte zustimmend und sah dabei ungemein gleichgültig aus. Der Kerkermeister führte ihn in das Innere einer Halle und zeigte mit seiner Pfeifenspitze auf die Gefangen. »Seht, das ist unser Morgenimbiss, Bürger, gerade bereit zum Einnehmen!«

In einer Ecke der Halle standen und saßen mehr denn dreißig Personen von verschiedenem Geschlecht und Alter. Die einen starrten stumm vor sich hin, andere lachten und plauderten. Nahe bei ihnen befanden sich die beaufsichtigenden Bürger-Wachen; zwischen der Wache und den Gefangenen saß der zweite Kerkermeister eben mit seinem Frühstück beschäftigt. — Lomaque’s scharfes Auge fand bald das, was er heimlich suchte; Trudaine und seine Schwester. — Beide standen außerhalb der eigentlichen Gruppe und sprachen mit einander.

»Nun, Apollo,« redete der Hauptkerkermeister den zweiten Kerkermeister mit seinem Spitznamen an, »ermüdet Dich dieses furchtbare Geschwätz hier nicht?«

»Ich bitte Dich, tue mir den Gefallen und lies heute Nachmittag während meiner Abwesenheit die Liste der Guillotine und bezeichne die Türen der Gefangenen, die morgen sterben werden, mit Kreide, bevor der Karren kommt, der sie abholen wird.«

»Doch trinke heute nicht so viel, Apollo, hörst Du, dass keine Verwechselung mit der Totenliste geschieht.«

»Na, nu,« sagte Lomaque, wir haben jetzt den heißen Juli, da ist man durstig,« mit diesen Worten klopfte er seinem Freunde auf die Schultern und setzte hinzu: »Warum haben Sie sich denn so mit dem Frühstück beeilt? Ich habe heute Zeit, kann ich Ihnen vielleicht helfen, jene Leute dort in den Gang zu setzen?«

»Ja, helfen Sie nur, Freund Lomaque,« sagte der Hauptkerkermeister, und der Chef der geheimen Polizei fing nun auch an, die Gefangenen in Reihe und Glied zu bringen.

Er suchte sich Trudaine zu nahen und machte ihm ein Zeichen des Einverständnisses, dann nahm er ihn ziemlich unsanft bei den Schultern und sagte: »so, Sie werden hier mit Ihrer jungen Frau den Schluss decken!«

Trudaine fühlte ein Stück Papier zwischen Nacken und Halstuch. — »Mut!« flüsterte er seiner Schwester zu, die bei Lomaque’s Scherzen heftig zitterte.

So setzte sich nun der Zug zu dem Verhör nach dem Tribunal-Gericht in Bewegung. Die Wache und der bucklige zweite Kerkermeister begleiteten die Gefangenen. Lomaque wollte sie auch begleiten, aber der gastfreundliche Hauptkerkermeister sagte: »Ach, lassen Sie nur den Kollegen allein bei den Gefangenen und kommen Sie zu einem Glas Wein herein!«

»Ich danke,« entgegnete Lomaque, »ich ziehe es vor dieses Geschwätz noch weiter mit anzuhören. Vielleicht komme ich am Nachmittag. Wann gehen Sie denn zu Ihrer Sitzung? Um zwei Uhr? Gut, ich werde gleich nach ein Uhr hier sein.« Mit diesen Worten nickte er seinem Freunde zu und entfernte sich.

Als Lomaque zu dem Tribunal kam, sollte eben das Verhör beginnen. Das vorzüglichste Meublement des Gerichtssaales war ein großer, mit grünem Stoffe bedeckter Tisch. An diesem saßen der Präsident und andere Herren des Tribunals mit bedeckten Häuptern. Dem Tische gegenüber befanden sich Bänke für das Publikum, die meist von Frauen besetzt waren, die sich hier mit ihren verschiedenen Beschäftigungen niedergelassen hatten. Einige strickten, andere nähten, kurz, sie schienen ganz heimisch zu sein an der Gerichtsstätte. Zwischen Tisch und Publikum war ein von einem Gitter eingefasster Raum für die Angeklagten und ihre Wächter.

Die Sonne schien hell und freundlich durch ein hohes Fenster und ein heiteres Sprechen hallte durch den Raum, als Lomaque eintrat.

Er war hier als Polizist eine begünstigte Persönlichkeit, darum trat er auch durch eine besondere Tür in den Saal, umschritt erst den Raum, wo die Gefangenen standen, und dann erst begab er sich auf einen Sitz hinter dem Stuhle des Präsidenten. Trudaine stand mit seiner Schwester wieder außerhalb der Andern, und er machte Lomaque ein Zeichen; denn er hatte schon Gelegenheit gefunden, den zugesteckten Zettel zu lesen. Sein Inhalt hieß: .

»Ich habe eben entdeckt, wo Bürger und Bürgerin Dubois sich aufhalten. Gestehen Sie nichts. So nur werden Sie Ihr eigenes Leben und das Ihrer Schwester retten können!«

Danville. Magloire und Picard waren auch in dem Saale anwesend.

Danville konnte man die Angst von dem Gesicht ablesen.

Von Zeit zu Zeit nahm er sein Taschentuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ruhe!« rief jetzt der Thürsicherer mit heiserer Stimme. »Ruhe!« Mit diesen Worten schlug er mit einem dicken Knüttel auf den Tisch. »Ruhe! der Präsident wird sprechen!«

Der Präsident erklärte nur, dass die Sitzung nun eröffnet sei. Aber man hörte in diesem Augenblick einen dumpfen Fall unter den Gefangenen und man bemerkte eine lebhafte Bewegung. Zwei ihrer Wächter geboten Ruhe; dann folgte tiefes Schweigen, welches aber durch das Hinzutreten eines Mannes abermals unterbrochen wurde. Er hielt ein mit Blut gefärbtes Messer in der Hand, das er auf den Tisch niederlegte und sagte: »Bürger, ich habe zu berichten, dass sich soeben der eine der Gefangenen selbst gemordet hat!t« — Ein Murmeln lief durch den weiten Saal. — »Ist das Alles? Wie ist sein Name?« fragte der Präsident.

»Martigné,« antwortete der bucklige Kerkermeister und ging zu dem Tisch, um weitere Notizen aufschreiben zu lassen.

»Nähere Beschreibung?«

»Hoflieferant und Wagenfabrikant des Tyrannen Capet.«

»Angeklagt?«

»Der Verschwörung im Gefängnis«

Der Präsident schrieb das Alles auf und schloss seine Notizen mit den Worten: »Griff dem Gesetze vor und tötete sich selbst; eine Handlung, die dazu berechtigt, seine Güter und sein Vermögen einzuziehen. 1. Termidor, zweites Jahr der Republik.«

»Ruhe!« gebot der Mann mit dem Knüttel von Neuem, als der Präsident seine Notizen mit Sand bestreute. »Bringen Sie den Toten fort,« sagte er und schlug sein Buch mit den Notizen zu.

»Ist noch etwas Besonderes für heute?« fragte der Präsident und blickte nach den Leuten hinter sich.

»Ja, Etwas,« sagte Lomaque und ging zu dem Stuhle des Präsidenten. »Wollen Sie, so verhören Sie Louis Trudaine und Rosa Danville zuerst. Zwei von meinen Leuten sind hier in diesem Falle als Zeugen vorgeladen, und da die Republik ihrer Dienste bedarf, so möchte ich, dass sie bald verhört werden.«

Der Präsident überflog die vor ihm liegende Liste und beauftragte den Aufrufer die Namen zu verlesen und die Angeklagten vor die Schranken zu bringen.

Wie Lomaque zurückging, näherte sich ihm Danville und flüsterte ihm zu: »Es geht ein Gerücht, dass Sie wissen sollen, wo sich Bürger und Bürgerin Dubois aufhalten, ist es so?«

»Ja,« antwortete Lomaque, »aber ich habe den Befehl, das Geheimnis für mich zu behalten.«

Danville ärgerte sich über den Ton, in welchem sein Unterbeamter ihm diese Frage beantwortet hatte.

»Louis Trudaine! Rosa Danville« rief die Stimme des Beamten.

Beide Gerufenen erschienen vor dem Tisch. Der erste Blick auf ihre Richter, der andere aus die hier versammelte Menge schienen Rosa niederschmettern zu wollen. Sie wurde bleich und rot Dann lehnte sie sich an die Schulter ihres Bruders, dessen Herz sie schlagen fühlte, und weinte leise.

»Nun!« sagte der Präsident und schrieb ihre Namen auf. »Angeklagt durch wen?«

Magloire und Picard traten zu dem Tisch, und der erstere antwortete: »Durch den Bürger Danville.«

Diese Antwort erregte großes Aufsehen unter Gefangenen und Publikum.

»Wessen angeklagt?« fragte der Präsident weiter.

»Der männliche Gefangene der Verrätherei gegen die Republik; der weibliche der Mitwissenschaft dieser Verrätherei.«

»Die Beweise?« fuhr der Präsident ordnungsmäßig fort.

Picard und Magloire legten ihre Entwürfe vor, die sie an jenem Abende in dem Dienstzimmer vorgelesen hatten.

»Gut!« sagte der Präsident, nachdem dieselben laut verlesen waren. »Haben Sie Ihre Anklage vernommen?« fragte er zu den beiden Gefangenen gewendet. »Haben Sie noch Etwas hinzuzufügen? Ist dies der Fall, so fassen Sie sich sehr kurz, denn unsere Zeit ist kostbar!«

»Ich wünsche für meine Schwester und für mich zu sprechen,« antwortete Trudaine, »so werde ich die Zeit des Tribunals am wenigsten beanspruchen; denn ich werde sogleich ein Geständnis ablegen.

Eine außerordentliche Stille herrschte im Saale als Trudaine das Folgende aussagte:

»Ich gestehe, dass ich mich heimlich nach dem Hause in der Rue Cléry begab. Ich gebe zu, dass die Person, welche ich dort sprach, die in der Anklage erwähnte ist. Und ich bekenne, dass wir die Wege besprachen, auf welchen wir Frankreich verlassen könnten. Aber wir haben nie daran gedacht, die gegenwärtige politische Regierung mit in unser Gespräch zu ziehen; folglich bin ich auch nicht eines Vergehens gegen die Republik schuldig. Die Person, mit welcher ich dort sprach, hat keinen Einfluss auf die Politik, noch hat sie Bekanntschaft mit Personen, die in der Politik eine Rolle spielen, deshalb bin ich nun auch kein Verräter des Vaterlandes.«

»Sind Sie bereit, dem Gerichtshofe hier mitzuteilen, wo sich das Ehepaar Dubois jetzt aufhält?« fragte der Präsident.

»Ja, ich bin dazu bereit,« antwortete Trudaine, »doch zunächst erlauben Sie mir ein Wort über meine Schwester zu sagen, die mit mir hier vor Ihnen steht.« Seine Stimme zitterte, als er bemerkte, wie Rosa ihre Augen zu ihm erhob. »Ich bitte das Tribunal meine Schwester von Allem frei zu sprechen, woraus mir ein Verbrechen gemacht wird. Sie konnte mir in nichts beistehen, noch stand sie mir bei. Ist Jemand zu tadeln, so kann ich es nur allein sein.«

Er wurde plötzlich verwirrt und hielt ein, denn Rosa wisperte ihm zu: »Nein, mein Louis, kein Opfer!« Dann machte sie sich von ihm los und richtete sich auf, kräftig, kühn, das Auge auf die Richter geheftet.

»Still! stillt« tönte es durch den Saal, »sie will sprechen!«

Und sie sprach mit ihrer schönen silberhellen Stimme: »Mein Herr Präsident.« Ein verwirrtes Murmeln lief durch die Versammlung:

»Sie ist eine Aristokratin! Eine Aristokratin!« hörte man die Weiber murren.

»Bürger-Präsident,« rief ihr Bruder. »Meine Schwester ist verwirrt, sie kann nicht sprechen. Ich flehe das Tribunal an, kein Gewicht auf das zu legen, was meine Schwester aussagen wird. Die Angst dieser Tage hat ihren Geist verwirrt gemacht. Sie ist nicht verantwortlich für ihre Worte. Ich erkläre dies feierlich vor den Anwesenden.«

»Sie soll sprechen! Sie muss sprechen!« riefen die Weiber auf der Tribüne.

»Ruhig, Ihr Weiber hier!« rief der Mann mit dem Knüttel. »Der Herr Präsident hat das Wort.«

»Der Angeklagte hat das Wort,« erklärte der Präsident; »wünscht die weibliche Angeklagte zu sprechen, so wird ihr später das Wort erteilt werden. Nun fahren Sie fort mit Ihrem Bekenntnis, Gefangener Trudaine,« sagte der Präsident, »aber sprechen Sie nur von sich, nicht mehr von Ihrer Schwester. Sprechen Sie zunächst über Dubois, doch fassen Sie sich kurz!«

»Ich bin bereit,« entgegnete Trudaine.

»Der Bürger Dubois ist ein Diener. Die Bürgerin Dubois ist die Mutter von dem Manne, der mich hier anklagte, die Mutter des Oberaufsehers der Geheimen Polizei, die Mutter Danville’s!«

Ein lautes Murmeln von mehr als hundert Stimmen ließ sich hören. Dass Trudaine die Wahrheit gesagt, ließ sich nicht einen Augenblick bezweifeln, denn der Mann, der so teilnahmslos und sorglos hinter dem Sessel des Präsidenten gesessen hatte, war plötzlich ohnmächtig geworden und man rief: »Macht Platz! Der Ober-Aufseher Danville ist krank geworden!«

Die unbeschreibliche Szene, welche sich vor dem Tribunale abspielte, veranlasste den Präsidenten, die Aussagen Trudaine’s so lange aufzuheben, bis Bürger Danville durch die frische Luft gestärkt, in die man ihn hinaus begleitet hatte, zurückgekehrt sei. Dann befahl er, dass Rosa jetzt sprechen möge.

»Der Hof wünscht Ihre Aussagen zu hören, Rosa Danville,« hob der Präsident wieder an.

Obgleich bleich wie der Tod und mit zitternder Stimme begann die junge Frau:

»Ich werde dem Beispiele meines Bruders folgen und mein Geständnis so offen ablegen, wie er das seinige ablegte. Ich wünsche keine Rettung, wenn für ihn keine zu erwarten ist. Wohin er geht, wenn er diese Stelle hinterlässt, dahin werde ich ihm folgen; was er leidet, will ich erleiden; stirbt er, so wird Gott mir verzeihen, wenn ich mutig mit ihm sterbe.« Sie hielt einen Augenblick im Sprechen ein und wandte sich halb zu ihrem Bruder, dann fuhr sie fort: »Er teilte mir eines Tages mit, dass er die Mutter meines Mannes als arme Frau verkleidet, in Paris gesehen habe. Wir glaubten, sie habe Paris lange verlassen und zwar schon früher, bevor wir hierher kamen. Sie erzählte jedoch meinem Gatten, dass sie mit der, Hilfe eines treuen Dieners nur bis Marseille gekommen sei; als sich ihr dann Hindernisse in den Weg gestellt hätten, sei sie hierher zurückgekehrt, dieses Hindernis als eine Warnung des Himmels betrachtend, dass sie ihren Sohn nicht verlassen möge und so nahm sie den Namen ihres Dieners an, und lebte hier in strengster Zurückgezogenheit, ohne dass ihr Sohn von ihrem Aufenthalte Kenntnis hatte. Mein Bruder warnte sie, aber sie hörte nicht auf ihn. Ich bat, dass mein Bruder sie noch einmal auf das Gefährliche ihrer Lage aufmerksam machen möchte. Ich hoffte mir dadurch meines Mannes Liebe wieder zu erobern, und gleichzeitig meinen Mann und meinen Bruder zu versöhnen, wenn letzterer die Mutter aus Paris zu gehen bereden könnte.

»Mein Bruder hat Alles für mich und mein Interesse gewagt, gönnen Sie mir nun auch, dass ich wenigstens seine Strafe teilen darf,« schloss die junge Frau mit tränenden Augen.

Das Publikum hatte Rosa schweigend zugehört und schwieg auch noch still als sie geendigt hatte.

Der Präsident sah seine Kollegen an und schüttelte dann sein Haupt nachdenklich.

Die Aussage der weiblichen Gefangenen vervollständigt die Angelegenheit sehr ernst, sagte der Präsident.

»Ist Jemand hier anwesend, der zusagen weiß, wo die Mutter des Ober-Aufsehers Danville und ihr Diener jetzt verweilen?« fragte er.

Lomaque trat zu dem Präsidententisch und sagte: »Ich habe einen Bericht erhalten, wo die Mutter des Ober-Aufsehers Danville und ihr Diener jetzt verweilen.«

»Wo sind sie?« fragte der Präsident.

»Sie und ihr Diener sind bei Köln gesehen worden, aber seitdem sie in Deutschland sind, ist es unmöglich ihnen weiter nachzuforschen.«

»Wissen Sie etwas Näheres über die Ausführung des alten Dieners während seiner Anwesenheit hier?« fragte der Präsident.

»Ja, er war kein Mensch, der verdächtig erschien. Er scheint seine Anhänglichkeit und Arbeit nur der einen Person, der er diente, zu widmen.«

»Haben Sie Grund anzunehmen, dass Bürger Danville Mitwisser der Abreise seiner Mutter von Paris ist?«

»Das weiß ich nicht! Aber es kann ermittelt werden, wenn ich Zeit erhalte, mich mit Persönlichkeiten in Lyon und Marseille darüber zu verständigen.«

In diesem Augenblick kam Danville ins Zimmer zurück und schritt auf den Tisch zu. Chef und Ober-Aufseher blickten sich einen Moment fest einander an.

»Er hat seine Geistesgegenwart wieder gefunden, die bei der Aussage Trudaine’s von ihm gewichen war,« sagte Lomaque zu sich selbst.

»Bürger-Präsident,« fragte Danville, »ich erlaube mir die Frage, ob Jemand während meiner Abwesenheit meine Ehre anzugreifen wagte?«

Er sprach vollkommen ruhig, wagte aber Niemand anzusehen, sondern blickte auf die grüne Tischdecke vor sich hin.

»Die weibliche Gefangene hat Geständnisse gemacht, die sich hauptsächlich auf ihren Bruder und sie selbst beziehen,« antwortete der Präsident, »hat aber auch zufällig erwähnt, dass Ihre Mutter, gegen das Gesetz der Republik, aus Frankreich ausgewandert ist. Dieser Teil der Aussage dürfte Sie nun auch wohl ernst verdächtigen.«

»Sie sollen mich nicht länger verdächtigem und auf meine eigene Gefahr bekenne ich, dass ich es gewusst habe, als meine Mutter Paris zum ersten Male verließ.« Diese Worte begleitete Danville mit theatralischen Gebärden seiner Arme.

Zischen und Geschrei aus der Menge folgte diesem Geständnis Erst blickte er verwirrt um sich, dann aber sagte er: »Bürger, Ihr habt das Geständnis meines Fehlers vernommen, jetzt hört aber auch von dem Opfer, welches ich dafür auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt habe.«

Er wartete mit der weiteren Aussage bis der Secretair des Tribunals seine Worte niedergeschrieben hatte.

»Schreiben Sie sorgfältig jedes meiner Worte auf, Bürger,« fuhr er fort; »denn Leben und Tod hängt an meiner Aussage.«

Der Secretair nickte, dass er zum Schreiben bereit sei, tauchte seine Feder ein und wartete.

»In dieser Zeit des Ruhmes und der Prüfungen für Frankreich,« hob Danville feierlich an, »hat fast jeder gute Bürger sein Privatwohl und seine Familieninteressen, denen des Vaterlandes untergeordnet.

»Bei dem ersten Versuche den meine Mutter, Frankreich zu verlassen, machte, brachte ich dem Vaterland das herrische Opfer, welches der wahre Patriotismus erfordert. Meine Lage war noch fürchterlichen als die des Brutus, der seinen eigenen Sohn aus Vaterlandsliebe verurteilte — Ich hatte nicht die Kraft und den Mut des alten Römers, um ein Gleiches zu tun Ich fehlte, Bürger, fehlte wie Coriolan, als dessen erhabene Mutter ihn um die Errettung Rom’s anflehte. Dafür hätte ich verdient, dass die Commune mich von sich ausgestoßen hätte, aber ich entschlüpfte dieser Strafe, und, um zu sühnen, worin ich gefehlt, bot ich dem Vaterland meine Dienste an. So verging einige Zeit, und meine Mutter machte zum zweiten Male einen Versuch, sich aus Frankreich zu entfernen, und zum zweiten Male kam meine Bürgertugend in Versuchung. Aber wie befreite ich mich von meiner Schwäche? — Bürger, seht, dort steht der Verräter! Der Vaterlandsfeind, den ich selbst dem Tribunal anzeigte, weil er es war, der meiner Mutter zur Flucht verhelfen wollte!« Mit diesen Worten zeigte er auf Trudaine, »so wusch ich mich rein von, allen Sünden gegen Frankreich! Hier stehe ich nun, der patriotische Sohn, der die Mutter aufgab um des Vaterlandes willen.« Mit diesen Worten schlug sich Danville vor die Brust und blickte sich nach Beifall um. —

Der Präsident warf die Frage auf: »Wussten Sie zu der Zeit als Sie Trudaine anzeigten, dass er sich mit der Flucht Ihrer Mutter beschäftige?«

»Ja!« entgegnete Danville.

Die Feder des Präsidenten fiel aus seiner Hand; die andern Beamten blickten düster schweigend vor sich nieder.

Man hörte die Worte: »Ungeheuer! Ungeheuer!« sich von Mund zu Mund verbreiten. Die Mütter, welche sich im Auditorium befanden, schienen am meisten durch den kecken Sprecher vor den Schranken verletzt. —

Lomaque’s Antlitz war bei Danville’s Aussagen totenbleich geworden und der alte Mann murmelte still vor sich hin: »Jetzt sind sie verloren!«

Rosa’s Gesicht lehnte sich wieder gegen die Schulter ihres Bruders und an den Arm, den er, um sie zu stützen, um sie gelegt hatte. Eine der weiblichen Gefangenen versuchte Rosa ebenfalls zu ermutigen; die Aussagen ihres Mannes schienen ihr Herz brechen zu wollen. Endlich flüsterte sie ihrem Bruder zu: »Louis, ich bin zum Sterben bereit, denn ich kann nicht länger mit dem Gefühle leben, dass ich jenen Mann einst heiß geliebt habe!«

Dann schloss sie ihre Augen, als wollte sie sich der Gegenwart entziehen; sie sprach nicht weiter.

»Noch eine andere Frage,« sagte der Präsident, »wussten Sie, dass Ihre Frau von der Verrätherei ihres Bruders Kenntnis hatte?«

Danville überlegte einige Augenblicke, dann sagte er: »Ich wusste nichts davon; denn ich war nicht in Paris anwesend, als meine Frau denunziert wurde.«

Selbstsüchtig und klug sprach er nun so leise, dass das gespannt lauschende Publikum, welches seine früheren Aussagen so unfreundlich aufgenommen hatte, nichts verstehen konnte. Er beugte sich über den grünen Tisch und drehte dem Publikum den Rücken. Der Präsident richtete sich mit der Frage an die Gefangenen: »Haben Sie Etwas zu den Aussagen des Bürger Danville zu sagen?«

»Er hat sich durch seine Falschheit selbst schon gerichtet,« sagte Trudaine, »wenn seine Mutter hier erscheinen könnte, so würde sie dies sogleich beweisen können.«

»Können Sie keine andern Beweise bringen?« fragte der Präsident.

»Ich kann es nicht!« antwortete Trudaine.

»Bürger und Oberaufseher Danville,« ließ sich der Präsident vernehmen, »Sie können sich zurückziehen, Sie haben hier nichts mehr zu tun! Ihrer Römertugend gebührt die Bürgerkrone. — Gehen Sie jetzt, wenn Sie wollen!«

Danville verließ das Haus durch die öffentliche Tür Die Weiber murrten ihm laut nach; schwiegen aber, als der Präsident zu seinen Kollegen gewendet sprach: »Das Urteil!«

»Das Urteil!« rannte sich die Menge zu, »still, das Urteil!«

Nach einer Beratung von wenigen Minuten erhob sich der Präsident und sprach die verhängnisvollen Worte:

»Louis Trudaine und Rosa Danville! Nachdem das Tribunal die Anklage wider Euch gehört und Eure eigenen Aussagen erwogen hat, findet es Euch des Verrats gegen das Vaterland und somit des Todes schuldig!«

Nachdem er dieses Urteil gesprochen, setzte er sich wieder nieder, bezeichnete die Namen der Verurteilten in der Liste, und ließ einen andern Gefangenen aufrufen, dem das Publikum auch sogleich seine Aufmerksamkeit schenkte.


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